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16. Mai – 30. Juni 2014

Japan im Spiegel seiner Filmklassiker Schauplatz San Francisco


im Juni im Kino

ILO ILO von Anthony Chen, SingApuR «Anthony Chens Erstling begeistert mit Liebe, Humor und Herzlichkeit.» vA R i e t y

«Nicht zufällig zählt Chen den Taiwanesen Edward Yang (Yi Yi) und den Japaner Hirokazu Kore-eda (Like Father, Like Son) zu seinen Vorbildern. Sein Film nähert sich ihrer diskreten Poesie an.» Le tempS


01 Editorial

Von Pflicht und Kür Das Filmpodium ist als Kulturangebot der Stadt Zürich kein kommerzielles Kino und orientiert sich nur sehr bedingt am aktuellen Filmmarkt. Komplementär zum übrigen Kinoangebot programmiert es zeitlose Werke der Filmkunst und bringt neue, für eine reguläre Auswertung vielleicht noch zu ungewohnte oder zu sperrige Produktionen auf die Leinwand. Doch es erfüllt auch in anderer Hinsicht einen öffentlichen Auftrag. Die Impulse zu den Filmreihen, die das Programm prägen, entspringen nicht nur der Lust und Laune des Programmteams. Mitunter gibt es auch äussere Anlässe oder gar kulturpolitische Aufträge, die gewürdigt werden wollen. Nicht jedes Thema freilich, das von aussen (oder oben) an uns herangetragen wird, ist filmhistorisch von Belang oder vermag formal und inhaltlich zu überzeugen. In solchen Fällen müssen wir den Antragstellenden freundlich absagen. In den kommenden Wochen jedoch gehen gleich beide Reihen von politischen Jubiläen aus, die sehr wohl spannende Filmprogramme ergeben. Japan pflegt seit 150 Jahren diplomatische Beziehungen zur Schweiz, und San Francisco ist seit zehn Jahren mit Zürich verschwistert. Das nehmen wir gerne zum Anlass für eine Reihe, die die japanische Gesellschaft im Spiegel ihrer Filme zeigt, und für eine zweite Tour d’Horizon von Werken des amerikanischen Kinos, die Geschichten aus und über San Francisco erzählen. Das japanische Kino ist seit jeher ein wesentlicher Bestandteil der kulturellen Reflexion über die eigene Identität, früher in eher leisen Tönen und verschlüsselten Geschichten, um der Zensur zu entgehen, seit der japanischen Nouvelle Vague der sechziger Jahre auch mit schrilleren und brachialeren Mitteln. San Francisco wiederum ist nicht nur pittoresk, sondern auch das soziokulturelle Versuchslabor der USA und indirekt der ganzen Welt. Das Kino hat die vielen Gegenwelten und Lebensentwürfe, die im Laufe des letzten Jahrhunderts in dieser toleranten Stadt nach- und nebeneinander gewachsen sind, stets abgebildet, mal kritisch, mal wohlwollend, aber immer fasziniert und faszinierend. Japan und San Francisco sind faktisch Nachbarn; topografisch trennt sie (nur) der Pazifik, und doch liegen Welten zwischen ihnen. In filmischer Hinsicht allerdings sind beide gleichermassen fruchtbar und abwechslungsreich, und so erfüllen unsere aktuellen Reihen nicht einfach eine politische Pflicht, sondern versprechen Vergnügen als kinematografische Kür. Michel Bodmer Titelbild: Der Junge von Nagisa Oshima


02 INHALT

Japan im Spiegel seiner Filmklassiker

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Das japanische Kino hat im Programm des Filmpodiums traditionell einen hohen Stellenwert, doch die Reihe, die wir in Zusammenarbeit mit der Japan Foundation zum Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen Japan und der Schweiz zeigen, ist in mehrfacher Hinsicht einzigartig. So können wir dank unseren Veranstaltungspartnern auf seltene Kopien zugreifen und etwa das Liebesdrama Eine Erzählung nach Chikamatsu nachholen, das unlängst für die Mizoguchi-Reihe nicht greifbar war, sowie zwei ganz verschiedene Filme des jung verstorbenen Ozu-Zeitgenossen Sadao Yamanaka (1909 –1938) zeigen, dessen Werk bei uns noch nie zu sehen war – Klassiker und Ent­ deckungen also! Ein Highlight wird ­sicher auch der Stummfilmabend mit Benshi (Live-Filmkommentator) am 30. Mai. Bild: Twenty-Four Eyes

Schauplatz San Francisco

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Neben New York ist keine Stadt der USA so oft besungen worden wie San Francisco, das seit zehn Jahren mit Zürich verschwistert ist. Auch das Kino hat die «City by the Bay» immer wieder in den Blickpunkt gerückt und die unverwechselbaren Bilder der hügeligen Halbinsel mit den markanten Brücken zum Festland als stimmungsvolle Kulisse eingesetzt. Das Schwergewicht der aktuellen Filmreihe gilt dementsprechend dem Schauplatz San Francisco und seiner Wechselwirkung mit den Geschichten und Figuren, die das amerikanische Filmschaffen dort gefunden oder angesiedelt hat. Neben unumgänglichen Werken wie Vertigo und Bullitt gibt es auch selten gespielte Klassiker wie San Francisco zu sehen und fünf Premieren neuerer Produk­ tionen zu entdecken. Bild: The Laughing Policeman


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Das erste Jh. des Films: 1954

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Filmpodium für Kinder: The Liverpool Goalie

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Wunderbare Paare bringt das Jahr 1954: Judy Garland und James M ­ ason (A Star Is Born), Giulietta Masina und Anthony Quinn (La strada), James Stewart und Grace Kelly (Rear Window), Hannes Schmidhauser und Liselotte Pulver (Uli der Knecht) und Marlon Brando und Rod Steiger als ungleiche Brüder in On the Waterfront. Allein bleibt nur das Monster in Godzilla.

Der 13-jährige Jo ist Fussballfan – solange es nur ums Sammeln von Fussballbildchen geht; den Sport selber findet er mörderisch. Auch sonst lebt er lieber in seiner Fantasiewelt, bis er die hübsche Mari kennenlernt und zum Angriff übergehen muss, um sie zu erobern. Ein frecher, mitreis­sender Familienfilm, gespickt mit schwarzem Humor.

Bild: A Star Is Born

Bild: The Liverpool Goalie

Der Grosse Krieg auf  Schweizer Leinwänden

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Der Erste Weltkrieg war der erste Krieg, der filmisch dokumentiert und vermittelt wurde. Die vier thematischen Programme greifen auf damalige, zum Teil neu restaurierte Aufnahmen zurück. Ob Dokumentation, Propaganda oder Spielfilm: Sie geben einen Eindruck des medialen Kriegs von 1914 bis 1918.

Einzelvorstellungen Audiovisuelles Konzert: Elements 39 von Ramon Ziegler Tagung: Film im digitalen  40 Zeitalter Sélection Lumière: Ran von  44 Akira Kurosawa


05 Japan im Spiegel seiner Filmklassiker

Vom Feudalstaat zur modernen Nation Das japanische Kino hat gleich mehrere Hochblüten erlebt. Dies zeigt eindrücklich die Retrospektive mit Klassikern des japanischen Films seit den 1930er Jahren, die das Filmpodium Zürich in Zusammenarbeit mit der Japan Foundation und der Schweizerisch-Japanischen Gesellschaft aus Anlass von 150 Jahren diplomatischer Beziehungen zwischen Japan und der Schweiz zeigt. Über die filmischen Aspekte hinaus ist die Filmreihe auch ein faszinierender Spiegel japanischer Zeit- und Kulturgeschichte. Japan hat in den letzten 150 Jahren verschiedene Phasen kultureller und gesellschaftlicher Veränderungen dramatischen Ausmasses durchlaufen. Seit der Öffnung des Landes 1868 erlebte es eine rapide, alle Lebensbereiche umfassende erste Modernisierung und entwickelte sich binnen weniger Jahrzehnte von einem isolierten Feudalstaat zu einer industrialisierten, urbanisierten und «verwestlichten» Kolonialmacht. Der Zweite Weltkrieg liess traditionelle nationalistische Werte und andere Ideologien lebendig werden. Der Krieg endete abrupt mit der Niederlage und einer Deklaration des Kaisers, dass er kein Gott, sondern ein normales menschliches Wesen sei. Die amerikanische Besatzung förderte Demokratie, Individualität und Emanzipation. Es war eine Zeit, geprägt von enormer Härte, Armut und Aufopferung, in der das Land wieder auf ein selbständiges, lebensfähiges Niveau gebracht werden sollte. Die Okkupation endete 1952. In den sechziger Jahren erlebte Japan ein phänomenales wirtschaftliches Wachstum und fand sich seit den achtziger Jahren in der globalen Vernetzung mit politischen Skandalen, Finanz- und Bankenkrisen konfrontiert. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich der japanische Film, erlebte in den wilden zwanziger und dreissiger Jahren eine aufregende und äusserst innovative Zeit, die als erste Hochblüte in die japanische Filmgeschichte einging. Junge Regisseure absorbierten mit Begeisterung Filme aus dem Westen

>

 Die Geschichte einer Schulklasse vor, während und nach dem Krieg: Twenty-Four Eyes von Keisuke Kinoshita

<

 Die Reise nach Tokio: Ozus Meisterwerk über die Zerstörung traditioneller Familien strukturen durch die Modernisierung der Gesellschaft


06 und experimentierten mit neuen Techniken, um ihren persönlichen Stil zu finden. Die Zeit des Zweiten Weltkriegs war fatal. 1939 erliess das Militär­ regime ein Gesetz, um die gesamte Filmindustrie unter seine Kontrolle zu bringen und sie für propagandistische Zwecke zu nutzen. Linke Tendenzfilme wurden ebenso verboten wie Filme, die westliche Ideale von Demokratie oder Individualismus vertraten. Historiendramen entkamen der Zensur etwas leichter, enthielten mitunter sogar sozialkritische Botschaften. Letztlich blieb den Regisseuren keine andere Wahl, als zu schweigen oder Filme mit patriotischen Untertönen zu realisieren. Nach der Kapitulation erholte sich die japanische Filmindustrie rasch. Allerdings mussten ihre Filme nun von der Zensurbehörde der alliierten Besatzungsmacht genehmigt werden. In den fünfziger bis Mitte der sechziger Jahre erlebte der japanische Film seine zweite Hochblüte. Ausserdem zeichnete sich eine neue Generation von Filmemachern ab, die sich gegen das «cinéma de papa» auflehnte und unter dem Namen «Nuberu Bagu» (Nouvelle Vague) unabhängige Produktionen realisierte. Die Filmreihe im Filmpodium wirft am Beispiel einiger Klassiker von Sadao Yamanaka, Yasujiro Ozu und Kenji Mizoguchi aus der turbulenten Vor- und Nachkriegsphase Schlaglichter auf das japanische Kino. Sadao Yamanaka Als Sadao Yamanaka 1937 Ninjo kami fusen – Humanity and Paper Balloons drehte, befand sich Japan in einer tiefen Depression. Das Militärregime hatte die Macht übernommen und der Krieg mit China begann. Wie alle Filme von Yamanaka ist Humanity and Paper Balloons ein «jidaigeki» (Historiendrama), unterscheidet sich aber von den damals gängigen Historienfilmen. Die Stoffe wurden vorwiegend der feudalistischen Edo-Zeit (1603–1868) entnommen, mit Helden als willensstarke, kampferprobte Samurai, die ihre Gegner in flamboyanten Schwertduellen bezwangen. Auch Yamanaka drehte anfänglich leichte Unterhaltungsfilme wie die irrwitzige Komödie Sazen Tange and the Pot Worth a Million Ryo (1935). Humanity and Paper Balloons fehlt diese Leichtigkeit – er ist dunkel und pessimistisch. Der 1909 geborene Regisseur und Drehbuchautor porträtiert aus humanistischer Sichtweise äusserst realistisch das Leben von Händlern, Gangstern, Glücksspielern und herrenlosen Samurai in den engen Gässchen eines armen Wohnviertels in der Edozeit. Yamanaka zeigt den Kollaps eines rigiden, hierarchischen Klassensystems und verzichtet dabei auf übliche Klischees des damaligen Historienfilms. Das letzte Bild des treibenden Papierballons, der in der Wasserrinne landet, deutet auf die fragile Existenz der Menschen hin, die, von rauen Winden gebeutelt, letztlich in der Gosse landen. Eine Allegorie auf das militaristische Vorkriegsjapan? Yamanaka wurde am Tag der Premiere seines Films eingezogen. Kurze Zeit später starb er an der Front in China. Er war 29 Jahre alt. Ninjo (Menschlichkeit) ist so fragil wie luftig leichte Papierballons.


07 Yasujiro Ozu Nach einer kreativen Experimentierphase während der Stummfilmzeit fand Yasujiro Ozu bereits vor dem Krieg seine eigene, unverkennbare Filmsprache: ungewöhnlich tief positionierte starre Kamera, Ellipsen, feingliedrige Découpage (die wir auch bei Naruse, Shimizu und anderen Regisseuren des Sho­ chiku-Studios finden). Sein Stil ist asketisch, reduziert. Als Kenner und Liebhaber des Hollywoodfilms war Ozu bestens vertraut mit den Regeln des konventionellen Hollywoodkinos. Doch diese Regeln waren dazu da, sie zu übertreten. In Banshun – Später Frühling (1949) hat er anhand der Beziehung zwischen Vater und Tochter mit dieser Grammatik und der Wahrnehmung des Zuschauers gespielt und die konventionelle Erzähltechnik aufgebrochen. Sein Film nimmt in Bezug auf Ehe und Familie eine liberale Haltung ein, was mit den sich ändernden Familienstrukturen jener Zeit zusammenhängt, möglicherweise auch mit dem Klima der Okkupationszeit (neues Ehegesetz). Das Thema über eine traditionell arrangierte Heirat wäre von der amerikanischen Zensurbehörde, die sich manchmal geradezu paranoid verhielt, zweifelsohne abgelehnt worden. Später Frühling besteht zwar aus einer zentralen Handlung, die jedoch in den Hintergrund tritt, weil sich der Zuschauer in einem Labyrinth zahlreicher Episoden aus dem Alltag verliert. Ozu empfand die Welt als chaotisch und es widerstrebte ihm, Bildfragmente in eine zusammenhängende Geschichte zu pressen, wodurch die Bedeutungsvielfalt verloren gegangen wäre. Kenji Mizoguchi Kenji Mizoguchi hat sich zeitlebens für aktuelle Themen wie das Leiden und die Emanzipation der Frauen interessiert. Er liebte aber auch tragische Schicksale aus Romanen der Feudalzeit. Chikamatsu monogatari – Eine Erzählung nach Chikamatsu (1954) zelebriert eine solche Liebe und zeichnet sich durch Mizoguchis extrem langen Einstellungen aus, durch bravouröse Inszenierung der psychologischen Tiefe seiner Figuren und Rückgriffe auf traditionelle japanische Ästhetik. Für seine Historienfilme setzte Mizoguchi das System des «emakimono» (Erzählungen in Rollbildern) filmisch um. Den Effekt des «Entrollens» erzielte er durch einen Linksschwenk der Kamera und Bildkompositionen, die über den Rahmen hinauslaufen. Auch die Vogelperspektive, typisches Merkmal für jene Malerei, wandte Mizoguchi in manchen Historiendramen an. Der Blick von oben vermittelt dabei ein Gefühl von Vergänglichkeit menschlichen Daseins. Diese Perspektive verwendet Mizoguchi manchmal auch, indem er das Dach eines Hauses wie im «emakimono» abhebt, um das Geschehen im Inneren des Hauses zu filmen. Die Beschaffenheit japanischer Häuser ermöglicht es, sich mit der Kamera frei zwischen Innenund Aussenraum zu bewegen und die Figuren bis in die Tiefe hinein zu inszenieren. Die Verantwortung für diese grandiose Umsetzung, die Verbindung von Realismus und traditioneller Ästhetik, liegt jedoch nicht allein bei Mizo-


08 guchi. Massgeblich war sein Kameramann Kazuo Miyagawa daran beteiligt, der nicht nur mit Mizoguchi häufig zusammengearbeitet hat, sondern auch mit Akira Kurosawa (Rashomon) und vielen anderen. «If the American film is strongest in action, and if the European is strongest in character, then the Japanese film is richest in mood or atmo­ sphere, in presenting people in their own context, characters in their own surroundings», schrieb der amerikanische Journalist, Autor und grosse JapanKenner Donald Richie. Sein Diktum mag zu pauschal sein, auf die in dieser Reihe präsentierten Filme trifft es aber zweifellos zu. Regula König Regula König ist Dozentin für japanische Filmgeschichte an der Universität Zürich.

GRUSSWORT DER SCHWEIZERISCH-JAPANISCHEN GESELLSCHAFT Dieses Jahr feiern die Schweiz und Japan ihre 150-jährigen diplomatischen Beziehungen. Um zwischen diesen beiden Nationen das gegenseitige Verständnis weiter zu vertiefen, finden in diesem Jubiläumsjahr in beiden Ländern zahlreiche Anlässe statt. Die Schweizerisch-Japanische Gesellschaft bemüht sich seit ihrer Gründung im Jahr 1955 kulturelle Brücken zwischen der Schweiz und Japan zu bauen. Zu diesem Zweck bieten wir verschiedene Veranstaltungen an, die den Schweizerinnen und Schweizern die japanische Kultur näherbringen. So führen wir seit mehr als 15 Jahren im Filmpodium Filmmatinéen durch. Filme sind ein Spiegel der Gesellschaft. Durch Filme kann man die Denkweise und die Lebensweise von Menschen anderer Kulturen gut kennen, verstehen und erspüren lernen. Dieses besondere Jahr bietet uns eine gute Gelegenheit, dem Schweizer Publikum in einem grösseren Rahmen viele interessante japanische Filme vorzustellen. Es ist uns eine spezielle Freude, zusammen mit der Association Suisse-Japon, section Suisse romande und The Japan Foundation ein japanisches Filmfestival veranstalten zu dürfen. Zahlreiche japanische Filme werden von April bis Juni in sieben Städten der deutschen, französischen und italienischen Schweiz gezeigt. Hier in Zürich bedanken wir uns ganz herzlich beim Filmpodium für die Zusammenarbeit. Wir wünschen Ihnen vergnügliche Filmmonate! Kyoko Ginsig, Vizepräsidentin Schweizerisch-Japanische Gesellschaft www.schweiz-japan.ch

Da letztes Jahr drei Filme von Akira Kurosawa als Reeditionen im Filmpodium zu sehen waren und wir in diesem Programm seinen Film Ran als Sélection Lumière und im Juli Das Schloss im Spinnwebwald in einer neuen Kopie zeigen, verzichten wir im Rahmen dieser Klassiker-Reihe zugunsten seltener gespielter Werke auf Filme von Akira Kurosawa. Für die Beratung der Programmauswahl bedanken wir uns herzlich bei Kyoko Ginsig, Vize-Präsidentin der SchweizerischJapanischen Gesellschaft.


Japan im Spiegel seiner Filmklassiker.

JIROKICHI, THE RAT KID (O-atsurae Jirokichi goshi) Japan 1931

«Als einziger fast vollständig erhaltener Stummfilm von Daisuke Ito, dem ersten grossen Film­ regisseur Japans, hat Jirokichi, the Rat Kid einen festen Platz in der Filmgeschichte. Doch der Film ist weit mehr als eine historische Kuriosität. Im Verbund mit dem Aussenseiter-Kameramann ­Hiromitsu Karasawa und dem Star Denjiro Okochi – auf dem Höhepunkt seiner Karriere – schafft es Ito, eine aussergewöhnliche Geschichte über die Schwierigkeit zu gestalten, Unrecht wiedergutzumachen. Jirokichi kehrt die bekannte Geschichte des ritterlichen Diebs à la Robin Hood um, indem er seinen Antihelden zwischen zwei Frauen setzt (gespielt von zwei Schwestern: die eine ein Vamp – Naoe Fushimi, die andere eine Naive – Nobuko Fushimi), die seine gar nicht ritterlichen Seiten aufdecken. Ito gibt so nicht nur seinen Figuren und ihren Widersprüchen mehr Schärfe und Tiefe (…), sondern erweitert auch die Palette des ‹chanbara›(Schwertkampf-Film-)Genres, indem er ein wildes, politisch aufgeladenes Spektakel mit etwas gleichzeitig Nuancierterem und Dringlicherem verwebt.» (filmstudiescenter.uchicago.edu) 61 Min / sw / Digital SD / Stummfilm mit Benshi-Erklärer, ­Japanisch, engl. untertitelt // REGIE Daisuke Ito // DREH-

zu suchen. (…) Ogura schafft es, seinen Herrn Jedermann höchst liebenswert zu machen, auch wenn er zu immer verzweifelteren Mitteln greifen muss, um die Hebamme zu bezahlen.» (John Berra, vcinemashow.com, 21.7.2011) 34 Min / sw / Digital SD / Stummfilm mit Benshi-Erklärer, ­Japanisch, engl. untertitelt // REGIE Torajiro Saito // DREHBUCH Tadao Ikeda // KAMERA Yoshio Taketomi // MIT ­Shigeru Ogura (Fukuda), Yaeko Izumo (seine Frau), Shotaro Fujimatsu, Akio Nomura.

Benshi-Abend FR, 30. MAI | 18.15 UHR Die Benshi waren Künstler, die bei Stummfilmen neben der Leinwand live den Film erzählten und den Figuren ihre Stimme verliehen. Diese spezifisch japanische Kunstform, die sich vom Kabukiund Noh-Theater herleitet und oft auch von traditioneller Musik begleitet war, bildete einen festen Bestandteil des japanischen Stummfilmerlebnisses. Die Benshi übersetzten auch westliche Filme für das japanische Publikum. Dank der Japan Foundation können wir Jirokichi, the Rat Kid und Kid Commotion mit einem LiveBenshi in japanischer Sprache (engl. untertitelt) präsentieren. Raiko Sakamoto (geb. 1979) tritt seit 2000 als Benshi auf; sein Repertoire umfasst rund 50 Filme – darunter auch Das Cabinet des Dr. Caligari.

BUCH Daisuke Ito, nach einem Roman von Eiji Yoshikawa // KAMERA Hiromitsu Karasawa // MIT Denjiro Okochi (Jirokichi), Naoe Fushimi (Osen), Nobuko Fushimi (Okino), Minoru Kosei (Nikichi), Reizaburo Yamamoto (Sajibei), Sakio Yamaguchi (Ya-choro Ushi).

KID COMMOTION (Kodakara sodo) Japan 1935 Shigeru Ogura, der wegen seiner Ähnlichkeit mit dem «Tramp» ursprünglich als Chaplin-Imitator angesehen wurde, war einer der beliebtesten Komiker des japanischen Stummfilms. «Weil nur wenige der Shochiku-Nonsense-Filme überlebt haben, hat er keinen Platz im filmischen Pantheon gefunden. (…) Kid Commotion ist eine Satire über die Geburtenkontrolle, besonders über die Sex-Erzieherin Margaret Sanger, die 1922 Japan besuchte, um ihre Ansichten zu verbreiten, etwa auch, dass arme Familien keine Kinder haben sollten. (…) Herr Fukada (Ogura) ist das arbeitslose Oberhaupt einer verarmten Familie mit dem Ruf, seine Rechnungen nicht zu bezahlen; seine Frau und er haben schon sechs Kinder, das siebte ist unterwegs, aber Herr Fukuda möchte lieber mit seinen Sprösslingen spielen, als eine Arbeit

SAZEN TANGE AND THE POT WORTH A MILLION RYO

(Tange Sazen yowa: Hyakuman ryo no tsubo) Japan 1935 Der älteste Sohn der Yagyu-Familie schenkt seinem nichtsnutzigen Bruder einen alten Topf, nicht wissend, dass in diesem eine Schatzkarte steckt, die zu einer Million Ryo führt. Über Umwege gelangt der Topf in die Hände des Knaben Yasu. Unwissentlich wird der Ronin Sazen Tange, der das Waisenkind aufnimmt, zum Wächter des Topfs ... «Diese überaus vergnügliche, komische Variante des stereotypisch düsteren Samurai-Genres stammt von Sadao Yamanaka, Filmemacher und Leiter der Narutaki-Cineasten-Gruppe von Kyoto (die unter einem kollektiven Pseudonym schrieb). (...) Der Film endet mit einer humanistischen Botschaft über die unerbittliche Rolle des Zufalls in menschlichen Angelegenheiten und zeichnet sich nicht zuletzt durch die fantastische Leistung des Kult-Schauspielers Denjiro Okochi aus.» (New York Film Festival) 92 Min / sw / 35 mm / Jap/e // REGIE Sadao Yamanaka // ­KAMERA Jun Yasumoto // MUSIK Goro Nishi // MIT Denjiro

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> Kid Commotion.

> Eine Erz채hlung nach Chikamatsu.

> Sazen Tange and the Pot Worth a Million Ryo .

> The Mistress.


Japan im Spiegel seiner Filmklassiker. Okochi (Sazen Tange), Kiyozo (Ofuji), Kunitaro Sawamura (Genzaburo Yagyu), Reisaburo Yamamoto (Yokichi), Minoru Takase (Shigeju), Soji Kiyokawa (Shichibei).

HUMANITY AND PAPER BALLOONS

(Ninjo kami fusen; Ballad of the Paper Moon) Japan 1937 «In einem Tokioter Armenviertel des 18. Jahrhunderts leben die Menschen eng beieinander. Der mächtige Samurai Mori ist hier der unumschränkte Herrscher. (...) Der letzte Film des jung verstorbenen Regisseurs Sadao Yamanaka (1909–1938) [führt] immer wieder in die schmalen Gassen des Viertels, wobei der Schauplatz durch die Staffelung heller und dunkler Flächen eine enorme räumliche Tiefe gewinnt. Vom Low-key amerikanischer Gangsterfilme inspiriert, taucht der Kameramann Akira ‹Harry› Mimura die hier versammelten Kleinbürgerexistenzen immer wieder in Dunkelheit. So betont er die Schattenseiten eines Lebens, das von natürlichen Lichtquellen wie einer Papierlampe, zuweilen aber auch von der mitfühlenden Menschlichkeit eines leutseligen Vermieters nur spärlich aufgehellt wird.» (berlinale.de, Februar 2014) «Ein Film, der den Niedergang der Feudalkultur und das Aufstreben des Kapitalismus in Japan schildert und dabei wichtige Motive des klassischen Samurai-Films der 1960er Jahre vorwegnimmt. Zutiefst pessimistisch und von grausamer Komik, aber doch zurückhaltend in den Ausdrucksmitteln.» (Lexikon des int. Films) 86 Min / sw / 35 mm / Jap/e // REGIE Sadao Yamanaka // DREHBUCH Shintaro Mimura // KAMERA Akira Mimura // MUSIK Tadashi Ota // SCHNITT Kiochi Iwashita // MIT Chojuro Kawarazaki (Matajuro Unno), Sukezo Sukedakaya (Hausbesitzer Chobei), Kanemon Nakamura (Friseur Shinza), Shizue Yamagishi (Otaki, Matajuros Frau), Daisuke Kato (Isuke).

SPÄTER FRÜHLING (Banshun) Japan 1949

«Ein verwitweter Professor, der seit dem frühen Tod seiner Frau von seiner Tochter versorgt wird, erreicht nur durch die Behauptung, dass er wieder zu heiraten gedenke, dass seine Tochter heiratet und ihn verlässt. Mit grosser Sensibilität gestaltetes Werk, das sich mit Konfliktsituationen innerhalb der japanischen Familie befasst.» (Lexikon des int. Films) «Vollendete Harmonie in der Konstruktion des Films: Aussparung dessen, was gemeinhin für Melodrama sorgt, stattdessen eine unauffällig virtuose Handhabung minimalster Mittel. Kontem­

platives An- und Abschwellen der Szenenfolgen, gefüllt mit Schmerz und Schönheit des Lebens. Ein grenzenloses Meisterwerk.» (Österreich. Filmmuseum Wien) Später Frühling gilt als Auftakt zu Ozus gewaltiger letzter Schaffensphase: Dieser Film verbindet eine «neue Einfachheit in Story, Aufbau und Tempo» (Donald Richie) bereits mit einer präzisen Charakterisierung der Figuren. 108 Min / sw / 35 mm / Jap/d/f // REGIE Yasujiro Ozu // DREHBUCH Kogo Noda, Yasujiro Ozu, nach dem Roman «Chichi to musume» von Kazuo Hirotsu // KAMERA Yuharu Atsuta // MUSIK Senji Ito // SCHNITT Yoshiyasu Hamamura // MIT Chishu Ryu (Shukichi Somiya), Setsuko Hara (Noriko Somiya, seine Tochter), Yumeji Tsukioka (Aya Kitagawa, ihre Freundin), Haruko Sugimura (Masa Taguchi, Norikos Tante), Hohi Aoki (Katsuyoshi), Jun Usami (Shoichi Hattori), Kuniko ­Miyake (Akiko Miwa), Masao Mishima (Jo Onodera), Yoshiko Tsubouchi (Kiku), Yoko Katsuragi (Misako).

Wechsel in der Redaktion des Filmbulletins MI, 11. JUNI | 18.15 UHR Anfang April hat Walt R. Vian die Leitung des Filmbulletins, der einzigen unabhängigen Filmzeitschrift der Deutschschweiz, an die Filmwissenschaftlerin und Publizistin Tereza FischerSmid abgegeben; auf diesen Zeitpunkt hin wurde auch die Trägerschaft der renommierten Publikation von der neu gegründeten Stiftung Film­ bulletin übernommen. Um das über 45-jährige Engagement von Walt R. Vian zu würdigen, versammelt die Stiftung Autorinnen, Autoren und andere Filmbulletin-Mitwirkende am 11. Juni im Filmpodium und lädt nach der 18.15-Uhr-Vorstellung von Später Frühling die Freunde des Filmbulletins und das Publikum im Kinofoyer zum Abschieds- und Dankes­ apéro ein.

DIE REISE NACH TOKIO (Tokyo monogatari) Japan 1953

Ein altes Ehepaar besucht seine verheirateten Kinder im weit entfernten Tokio, doch ihre Erwartungen werden enttäuscht. Kurz nach ihrer Rückreise stirbt die Mutter. Die Familie versammelt sich zur Totenfeier im Heimatdorf, danach bleibt der Vater allein in seinem Haus zurück. «Die Reise nach Tokio ist ein Meisterwerk, in dem Ozu seine gesamte Filmkunst voll entfaltet und eine eigene ästhetische Welt geschaffen hat. (…) In diesem Film illustriert Ozu sehr gut die traditionellen japanischen Familienstrukturen, die durch die zunehmende Modernisierung der Ge-

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Japan im Spiegel seiner Filmklassiker. sellschaft zerstört werden. In dem Masse, wie die jüngere Generation sich zu Kleinfamilien verselbständigt, verliert der Sippenverband immer mehr an Bedeutung. ‹So etwas kommt fast in jeder Familie vor, vielleicht weil sie gerade durch die Blutsverwandtschaft zu sehr an die Liebe untereinander gewöhnt sind. In dieser Geschichte sind die Eltern von ihren eigenen Kindern enttäuscht und fühlen sich verlassen. Das Eltern-Kind-Verhältnis nüchtern darzustellen war mein einziges Anliegen›, so Ozu.» (Keiko Yamane, Das japanische Kino, C. J. Bucher, 1985) 136 Min / sw / DCP / Jap/d/f // REGIE Yasujiro Ozu // DREHBUCH Kogo Noda, Yasujiro Ozu // KAMERA Yuharu Atsuta // MUSIK Takanobu Saito // SCHNITT Yoshiyasu Hamamura // MIT Chishu Ryu (Shukichi Hirayama), Chieko Higashiyama (Tomi, seine Frau), Setsuko Hara (Noriko, die Schwiegertochter), Haruko Sugimura (Shige Kaneko, die älteste Tochter), Nobuo Nakamura (Kurazo, ihr Mann), Kyoko Kagawa (Kyoko, die jüngste Tochter), So Yamamura (Koichi Hirayama, der ältere Sohn), Kuniko Miyake (Fumiko, seine Frau), Eijiro Tono (Sanpei Numata).

THE MISTRESS (Gan) Japan 1953 «Die junge Otama (...) möchte ihren alternden Vater unterstützen und steckt in finanziellen Nöten. Aufgrund einer früheren Indiskretion wird sie nicht mehr als heiratsfähige Frau angesehen. Als sie das Angebot bekommt, die Geliebte eines wohlhabenden Mannes zu werden, akzeptiert sie deshalb, nachdem man ihr zugesichert hat, dass ihre Rolle als Geliebte nur vorübergehend sei, bis eine Ehe arrangiert werden könne. Im Laufe der Zeit findet Otama heraus, dass sie betrogen wurde.» (mrqe.com) «Toyoda blickt auf die Geschichte von feministischer Seite. In einer Zeit der grossen Veränderungen, den 1880er Jahren, wird Otama Zeugin jeglicher Art männlicher Bestechlichkeit und weiblichen Leidens unter dem Deckmantel des Wandels. (...) The Mistress ist eine Lektion in rein visueller Charakterzeichnung. Otamas zufällige Begegnung mit der Ehefrau ihres Herrn zum ­Beispiel; von oben gefilmt sind nur zwei identische Sonnenschirme zu sehen. Oder der Schatten des Regens, der eine Wand hinunterfliesst und Otama in einem hoffnungslosen Moment zu verschlingen scheint.» (Berkeley Art Museum & Pacific Film Archive) 104 Min / sw / 35 mm / Jap/e // REGIE Shiro Toyoda // DREHBUCH Masashige Narusawa, nach dem Roman von Ogai Mori

Freund), Eijiro Tono (Suezo), Choko Iida (Osan), Eizo Tanaka (Zenkichi, Otamas Vater), Kumeko Urabe (Otsune, Suezos Frau), Miki Odagiri (Oume), Kuniko Miyake (Osada).

EINE ERZÄHLUNG NACH CHIKAMATSU

(Chikamatsu monogatari) Japan 1954 «Angesiedelt im Kyoto des Jahres 1684 (...) erzählt Kenji Mizoguchi hier die dramatische Liebesgeschichte zwischen einem Schriftenmaler und der Frau seines Meisters. Um dieser bei ­einem finanziellen Problem zu helfen, will der junge Mohei das Siegel des Chefs benutzen und muss fliehen, weil er erwischt wird. Auf der Flucht treffen die beiden einander und gestehen sich erst jetzt ihre grosse Liebe. Obwohl die Frau die Möglichkeit hätte, zu ihrem Mann zurückzukehren, geht sie mit dem Geliebten in den Tod.» (artfilm.ch) In Eine Erzählung nach Chikamatsu «bedeutet die verbotene Beziehung der Liebenden eine Attacke gegen die Ordnung der Feudalwelt, eine Rebellion, die das System mit mitleidloser Härte beantwortet (...). Alles Wesentliche bei Mizoguchi geschieht indirekt, ist an Gesten, veränderten Bewegungen, am Verhältnis der Menschen zum Dekor erahnbar. Der Unterschied im Status, der Herrin und Diener mehr trennt, als sprächen sie fremde Sprachen, wird im Unterschied der sozialen Gebärden beschrieben, die Befreiung von den künstlichen Schranken vollzieht sich im mild leuchtenden Licht der Natur. Erst die Einsamkeit der Flucht lässt Höflichkeit und Starre wie unnütze Kleidungsstücke abfallen und wäscht das Paar rein von Zwängen der Hierarchie.» (Harry Tomicek, Österreich. Filmmuseum Wien) 102 Min / sw / 35 mm / Jap/e // REGIE Kenji Mizoguchi // DREHBUCH Yoshikata Yoda, Matsutaro Kawaguchi, nach dem Bunraku-Stück

«Daikyoji

sekireki»

von

Monzaemon

Chikamatsu // KAMERA Kazuo Miyagawa // MUSIK Fumio Hayasaka, Tamezo Mochizuki // SCHNITT Kanji Sugawara // MIT Kazuo Hasegawa (Mohei, der Gehilfe), Kyoko Kagawa (Osan, die Frau), Eitaro Shindo (Ishun, ihr Mann), Sakae Ozawa (Sukeemon), Yoko Minamida (Otama, Osans Dienerin), Haruo Tanaka (Gifuya Doki), Chieko Naniwa (Oko), Ichiro Sugai (Gembei), Tatsuya Ishiguro (Isan), Hiroshi Mizuno ­ ­(Kuroki), Hisao Toake (Morinokoji).

TWENTY-FOUR EYES (Nijushi no hitomi) Japan 1954

// KAMERA Mitsuo Miura // MUSIK Ikuma Dan // SCHNITT Masanori Tsujii // MIT Hideko Takamine (Otama), Hiroshi Akutagawa (Mr. Okada), Jukichi Uno (Mr. Kimura, Okadas

Die Lehrerin Hisako Oishi ist auf eine «abgelegene Insel versetzt worden, die noch in einem an-


Japan im Spiegel seiner Filmklassiker. deren Jahrhundert zu schlummern scheint. Die moderne Kleidung und die Art, wie sie unterrichtet, verstören die Inselbewohner. Doch Hisakos Engagement und ihre mitreissende Art nehmen bald auch die Skeptiker für die junge Lehrerin ein. Dann tritt Japan in den Zweiten Weltkrieg ein und die Heranwachsenden werden voneinander getrennt. (...) Der Film folgt ihren Lebensläufen und erzählt von der schweren Zeit, die jeder von ihnen durchlebte. Am Ende planen die Überlebenden ein Klassentreffen, zu dem sie auch die von ihnen verehrte Lehrerin Hisako einladen wollen.» (Berlinale 2005) «Sehr konkret ist der Film ein Stück japanischer Trauerarbeit nach dem Krieg. Nicht dass man ihn verloren hat, wird hier beweint, sondern dass er stattgefunden hat. Twenty-Four Eyes klagt die Sinnlosigkeit des japanischen Nationalismus an und trauert um die Toten des Krieges. Er tut dies im intimen Rahmen des ‹shomingeki›, also der unspektakulären Alltagsgeschichte, aber gerade aus dieser Beschränkung bezieht er Kraft. (...) Der Film wurde bei einer Kritikerumfrage in Japan vor wenigen Jahren unter die zehn wichtigsten Werke der japanischen Filmgeschichte gewählt.» (Ekkehard Knörer, taz, 9.3.2006) 156 Min / sw / 35 mm / Jap/e // REGIE Keisuke Kinoshita // DREHBUCH Keisuke Kinoshita, nach dem Roman von Sakae Tsuboi // KAMERA Hiroshi Kusuda // MUSIK Chuji Kinoshita // SCHNITT Yoshi Sugiwara // MIT Hideko Takamine (Hisako), Shizue Natsukawa (Hisakos Mutter), Chishu Ryu (Lehrer), Kumeko Urabe (seine Frau), Hideyo Amamoto (Hisakos Mann).

DER HERBST DER FAMILIE KOHAYAGAWA (Kohayagawa-ke no aki) Japan 1961

Ein alter Sakebrenner will seine drei erwachsenen Töchter, von denen die erste bereits verwitwet, die zweite pflichtschuldig mit dem Firmennachfolger verheiratet und die dritte noch ledig ist, nach wie vor in Liebesdingen bevormunden. Doch die Verhältnisse verkehren sich rabiat ins Gegenteil, als der Alte eine Liaison erneuert und gesellschaftsfähig machen will, aus der einst eine vierte Tochter hervorgegangen ist. Erzählt wird dies zunächst «im leichtest denkbaren Tonfall. Man erwartet eine brillante Komödie. (...) Doch dann sehen wir uns so humorvoll und zärtlich auf eine Konfrontation mit dem Tod hingeführt, dass wir es gern geschehen lassen.» (Guide des films) «Aus diesem Grund ist Ozus zweitletzter Film für die einen sein heiterster, für die andern sein dunkelster und auf alle Fälle einer, der bis heute

in hinreissender Vieldeutigkeit schillert.» (Andreas Furler, Programm Filmpodium, Juli/Aug. 2011) 103 Min / Farbe / 35 mm / Jap/e // REGIE Yasujiro Ozu // DREHBUCH Yasujiro Ozu, Kogo Noda // KAMERA Asakazu Nakai // MUSIK Toshiro Mayuzumi // SCHNITT Koichi ­Iwashita // MIT Ganjiro Nakamura (Manbei Kohayagawa), Setsuko Hara (Akiko), Yoko Tsukasa (Noriko), Michiyo ­Aratama (Fumiko), Keiju Kobayashi (Hisao, Fumikos Mann), Masahiko Shimazu (Masao), Hisaya Morishige (Isomura ­Eiichirou), Chieko Naniwa (Sasaki Tsune), Reiko Dan (Yuriko), Haruko Sugimura (Katou Shige).

A FUGITIVE FROM THE PAST (Kiga kaikyo) Japan 1965

«Japan 1947: Ein Taifun (...) verwüstet weite Landstriche der Küstenregion. Als sich das Unwetter gelegt hat, finden Rettungskräfte unter den Trümmern nicht nur Opfer des Sturms, sondern auch drei Menschen, welche von skrupel­ losen Tätern um ihren Besitz und ihr Leben ­gebracht worden waren. Unter Leitung des Polizeibeamten Yumisaka können schon bald zwei Ex-Sträflinge und der Kriminelle Takichi Inukai als Täter ausfindig gemacht werden (...). Inukai gelingt es schliesslich, bei der Prostituierten Yae Sugito unterzukommen, welche er aus Dankbarkeit nach seiner Abreise mit einer grossen Geldsumme entlohnt. Während Yae das Geld nutzt, um ihre Schulden abzubezahlen und nach Tokio zu reisen, um dort eine anständigere Arbeit zu finden, wird Inukai im Nachkriegsjapan unter neuer Identität ein reicher Grossindustrieller. Doch die Polizei sucht weiterhin intensiv nach den Mördern von damals und bringt Inukais neue Identität mit ihren Ermittlungen gefährlich ins Wanken. In A Fugitive from the Past schafft es Uchida, einen messerscharfen Blick auf die Nachkriegsgesellschaft Japans zu werfen. (...) Ein gehaltvoll und technisch perfekt inszenierter Film, der seine zahlreichen Themen mit bemerkenswerter Präzision, intelligenter Symbolik und eindrucksvollem Humanismus verdeutlicht.» (Pablo Knote, zelluloid.de) 183 Min / sw / 35 mm / Jap/e // REGIE Tomu Uchida // DREHBUCH Naoyuki Suzuki, nach dem Roman von Tsumotu Minakami // MUSIK Isao Tomita // SCHNITT Yoshiki Nagasawa // MIT Rentaro Mikuni (Takishi Inukai), Sachiko Hidari (Yae ­Sugito), Junzaburo Ban (Yumisaka), Ken Takakura (Ajimura), Koji Mitsui (Motojima), Sadako Sawamura (Motojimas Frau), Yoshi Kato (Yaes Vater), Susumu Fujita (Polizeichef), Akiko Kazami (Toshiko).

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> Black Rain .

> Pulse.

> Der Herbst der Familie Kohayagawa.

> The Emperor and a General.


Japan im Spiegel seiner Filmklassiker.

THE EMPEROR AND A GENERAL (Nihon no ichiban nagai hi; Japan’s Longest Day) Japan 1967

«Der Film basiert auf der Chronologie jenes Tages, der mit der Anerkennung des Potsdamer Abkommens durch die japanische Regierung zu einer Radioansprache des Kaisers an das Volk führte. Okamotos Verfilmung konzentriert sich auf die letzten 24 Stunden vor Kriegsende und beschreibt minutiös das Wanken der höchsten Regierungsbeamten sowie die Vorbereitungen zu einem Staatsstreich durch eine Gruppe junger Offiziere. Spannungsreich und realistisch legt der Film die Ängste der zeitgeschichtlichen ­Akteure dar, und der Zuschauer erhält Einblick in die ­Geschehnisse, die zur Beendigung des Krieges führten. Dieses unkonventionell inszenierte Meisterwerk bemüht sich um eine Rekonstruktion historischer Fakten; das grosse Staraufgebot wird angeführt von Chishu Ryu und Toshiro Mifune, deren hervorragende Darstellerleistungen zu der Intensität des Werkes beitragen.» (Morimune Atsuko, Katalog Tokyo Filmex 2006, zit. nach Berlinale 2007) 157 Min / sw / 35 mm / Jap/e // REGIE Kihachi Okamoto // DREHBUCH Shinobu Hashimoto, nach einem Roman von Soichi Oya // KAMERA Hiroshi Murai // MUSIK Masaru Sato // SCHNITT Yoshitami Kuroiwa // MIT Toshiro Mifune (Kriegsminister General Korechika Anami), So Yamamura (Admiral Mitsumasa Yonai), Chishu Ryu (Premierminister Baron Kantaro Suzuki), Rokko Toura (Vize-Aussenminister Matsumoto), Seiji Miyaguchi (Aussenminister Shigenori Togo), Takashi Shimura (Hiroshi Shimomura, Chef des Nachrichtendiensts), Etsushi Takahashi (Oberstleutenant Masutaka Ida), Takao Inoue (Oberstleutenant Masahiko Takeshita), Tadao Nakamura (Oberstleutenant Jiro Shiizaki).

DER JUNGE (Shonen) Japan 1969

«Damit seine Familie überleben kann, schmeisst sich der Junge, grad mal zehn Jahre alt, wieder und wieder vor fahrende Autos. Danach erpressen seine Eltern den jeweiligen Lenker. Man nennt diese Form von Trickbetrug: ataria. Der Vater, vorbestraft und verkrüppelt, war im Krieg, dort hat er seine Befähigung zum Mitleid verloren. Die Mutter beugt sich der patriarchalen Gewalt, und widersetzt sie sich doch einmal, bereut sie es bitterlich, mit Blut. Dann leiden auch schnell die Kinder, der Junge und sein kleiner Bruder, dem er Geschichten erzählt von einem Freund der Gerechtigkeit, der vom Planeten An­

dromeda kommen wird. Der Junge glaubt, dass es seiner Opfer bedarf, um die Familie zusammenzuhalten. Eine Familie wie ihr Land: Japan. Eines der bewegendsten wie zartesten Werke Oshimas, streng-distanziert inszeniert, jede nur mögliche diensteifrige Anteilnahme vermeidend. Oshima nannte diese atonale Komposition: ein Gebet.» (Rui Hortênsio da Silva e Costa, Österreich. Filmmuseum Wien, Nov. 2009) 105 Min / Farbe + sw / 35 mm / Jap/e // REGIE Nagisa Oshima // DREHBUCH Masato Hara, Nagisa Oshima, Mamoru Sasaki, Tsutomu Tamura // KAMERA Yasuhiro Yoshioka, Seizo ­Sengen // MUSIK Hikaru Hayashi // SCHNITT Sueko Shiraishi, Keiichi Uraoka // MIT Tetsuo Abe (der Junge), Fumio ­Watanabe (sein Vater), Akiko Koyama (seine Stiefmutter), Tsuyoshi ­Kinoshita (Chibi, der kleine Bruder).

I AM A CAT

(Wagahai wa neko de aru) Japan 1975 Im ausgehenden 19. Jahrhundert beobachtet die Katze eines armen Lehrers das chaotische häusliche Treiben ihres Herrn und seiner Nachbarn, mit denen er gemeinsam die Nachmittage in trägen Debatten und Tratsch vergeudet. Basierend auf dem satirischen Roman von ­Soseki Natsume aus den Jahren 1905/6, nimmt der Film die Veränderungen der japanischen Gesellschaft in der Meiji-Zeit aufs Korn. Den glücklosen Lehrer Kushami spielt Tatsuya Nakadai, der u. a. in den Kurosawa-Filmen Yojimbo, Sanjuro, Kagemusha und Ran brillierte; hier «parodiert er sich quasi selbst (...), mit der Katze als einziger Vertrauten. (...) Nakadais ständige Ungläubigkeit, mit der er seiner Umwelt begegnet, ist schlicht brillant. Ein Baseball kommt von der Schule über den Zaun geflogen. Nicht einfach ein einzelner verirrter Ball, sondern Ball um Ball. Nakadai gerät ausser sich – und wird schliesslich gedemütigt. Plötzlich verleiht der Schauspieler dem mürrischen Mann Pathos. Das Komödiantische ist noch immer da, aber es steckt jetzt ein Hauch Trauer drin.» (worldcinema.org) «Sie sehen sorglos aus, reden Unsinn», sagt die Katze über ihre menschlichen Mitbewohner. «Aber wenn Du an ihre Herzen klopfst, tönen sie traurig.» 88 Min / Farbe / 35 mm / Jap/e // REGIE Kon Ichikawa // DREHBUCH Toshio Yasumi, nach dem Roman von Soseki ­Natsume // KAMERA Kozo Okazaki // MIT Tasuya Nakadai (Kushami), Mariko Okada (Hanako), Juzo Itami (Meitei), ­Kuriko Namino (Mrs. Kaneda), Nobuto Okamoto (Kangetsu), Eiji Okada (Bunmei), Yoko Shimada (Yukie), Tonpei Hidari (Sampei Tatara), Shigeru Koyama (Tojuro Suzuki), Hiroko Shino (Tomiko), Saburo Shinoda (Tofu).

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Japan im Spiegel seiner Filmklassiker.

BLACK RAIN (Kuroi ame) Japan 1989 «Ein japanisches Dorf in der Nähe Hiroshimas 1950: Der Schock des Atombombenabwurfs sitzt tief, die Strahlenkrankheit fordert ihre Opfer. Verbissen versucht ein alter Mann, seine Nichte zu verheiraten, und tritt allen Gerüchten, dass die 25-Jährige verstrahlt sei, entschlossen entgegen. Doch seine Hoffnung erweist sich als trügerisch. Ein betroffen machender, bewusst nüchterner, dokumentarisch anmutender Film, der durch exzellente Kameraarbeit und Ausstattung das Grauen der Katastrophe von Hiroshima heraufbeschwört und einen rigorosen Pazifismus propagiert. Indem er verdeutlicht, wie die Personen ihr Leben als Todgeweihte in gegenseitiger Hilfsbereitschaft bewältigen, öffnet er das Auge für die geistigen Haltepunkte aus Tradition, Kultur und Religion auf diesem langen Sterbeweg.» (Lexikon des int. Films) 123 Min / sw / 35 mm / Jap/e // REGIE Shohei Imamura // DREHBUCH Toshiro Ishido, Shohei Imamura, nach einem ­Roman von Masuji Ibuse // KAMERA Takashi Kawamata // ­MUSIK Toru Takemitsu // SCHNITT Hajime Okayasu // MIT Yoshiko Tanaka (Yasuko), Kazuo Kitamura (Shigematsu ­Shizuma), Etsuko Ichihara (Shigeko Shizuma), Shoichi Ozawa (Shokichi), Norihei Miki (Kotaro), Keisuke Ishida (Yuichi), ­Hisako Hara (Kin), Masato Yamada (Tatsu).

KIDS RETURN (Kizzu ritan) Japan 1996 «Masaru und Shinji sind nicht gerade das, was man unter Musterschülern versteht. Sie trinken, rauchen, erpressen Geld von ihren Mitschülern (...). Beide beginnen sich fürs Boxen zu interessieren. Für Masaru, den Härteren der beiden, ist es wahrscheinlich die erste Entscheidung, die er in seinem Leben wirklich getroffen hat. Ironischerweise ist es aber Shinji, der nur auf Druck Masarus dem Boxclub beigetreten ist, der mehr Talent zeigt und sogar eine Chance hat, Profi­ boxer zu werden. Nachdem dieser Traum zerplatzt ist, sucht Masaru eine neue Herausforderung: Er will Gangster werden.» (Viennale 2014) «Die für Kitano-Filme typisch starren Kamera­ einstellungen und die mit Bedacht gewählten Schnitte verleihen Kids Return viel Ruhe. Gerade darin liegt die Stärke des Films. (...) Die kühle Atmosphäre und die zum Teil malerisch komponierte, fast poetische Bildsprache von Kids Return (...) unterstreichen eine der Geschichte anhaftende, nostalgische Melancholie. Diese bricht Kitano, wie bereits in anderen seiner Werke, immer wieder mit kindlichen, teils absurden humoristi-

schen Einlagen. So wirkt der Film insgesamt wie die Verfilmung eines ‹alten› Tagebuchs, dass die Diskrepanz zwischen Jugendträumen und Realitätsanforderungen (...) beschreibt.» (asianfilmweb.de) 107 Min / Farbe / 35 mm / Jap/e // DREHBUCH UND REGIE Takeshi Kitano // KAMERA Katsumi Yanagijima // MUSIK Joe Hisaishi // SCHNITT Takeshi Kitano // MIT Ken Kaneko (Masaru Miyawaki), Masanobu Ando (Shinji), Leo Morimoto (Lehrer), Hatsuo Yamaya (Chef der Boxschule), Yuko Daike (Sachiko), Mitsuko Oka (Sachikos Mutter), Ryo Ishibashi (Yakuza-Chef), Moro Morooka (Hayashi), Atsuki Ueda (Reiko).

PULSE (Kairo) Japan 2001 «Über zwei Handlungsstränge bringt Pulse zwei Personengruppen in Kontakt mit einer seltsamen Internetseite, die sich ohne eigenes Zutun öffnet und eine Geistererfahrung verspricht. Doch das merkwürdige Angebot hat einen Pferdefuss. Menschen, die mit ihm in Kontakt gekommen sind, verschwinden (...). Kiyoshi Kurosawas Pulse ist der grosse Wurf des Horrorfilmgenres (...). Dabei braucht Kurosawa keine ekeligen Effekte von dahingerafften Menschen oder ein wildes Untergangsszenario, ihm reicht das Verschwinden der Menschen. Alles, was von ihnen übrig bleibt, ist ein dunkler Fleck an einer Wand oder auf dem Boden sowie ein Hilferuf an Angehörige oder Freunde.» (Stefan Dabrock, dvdheimat.de) «Der subtile Horrorfilm (...) geht unter die Haut, weil er Einsamkeit und Todessehnsucht in der Gesellschaft zu zentralen Themen des Horrors macht. Die nahezu bewegungslose Kamera und der nervenaufreibende Soundtrack (...) verstärken die Wirkung.» (filmdienst.de) 118 Min / Farbe / 35 mm / Jap/e // DREHBUCH UND REGIE Kiyoshi Kurosawa // KAMERA Junichiro Hayashi // MUSIK Takefumi Haketa // SCHNITT Junichi Kikuchi // MIT Kumiko Aso (Michi Kudo), Kenji Mizuhashi (Taguchi), Kurume Arisaka (Junko Sasano), Masatoshi Matsuo (Toshio Yabe), Haruhiko Kato (Ryosuke Kawashima), Koyuki (Harue Karasawa), Shinji Takeda (Yoshizaki), Jun Fubuki (Michis Mutter).

Dank der Zusammenarbeit mit der Japan Foundation, der wir einen Grossteil der seltenen 35-mm-Kopien zu verdanken haben, können wir einige Filmvorführungen zu vergünstigten Preisen anbieten. Wir danken herzlich! Einen Teil der Kurztexte konnten wir von den Kollegen des Stadtkino Basel und des Kino Kunstmuseum Bern übernehmen. Auch ihnen herzlichen Dank!


17 Schauplatz San Francisco

Die schöne Schwester Im November 2003 wurde ein «Sister City Agreement» zwischen Zürich und San Francisco geschlossen. Zum 10-jährigen Jubiläum zeigte die San Francisco Film Society im letzten Herbst eine kleine Reihe von Filmen aus der eigenen Stadt und aus Zürich; nun widmet das Film­ podium der Schwesterstadt eine Reihe von Filmen mit Schauplatz San Francisco. Das Spektrum reicht von der kleinen Romanze über den harten Krimi und das subtile Schwulenporträt bis zum Gruselstreifen. Mehr noch als der materialistische Moloch Los Angeles ist San Francisco zusammen mit der benachbarten Universitätsstadt Berkeley der Inbegriff dessen, was man sich in kultureller Hinsicht unter Kalifornien vorstellt. 1776 von spanischen Missionaren gegründet, fiel die Siedlung nach dem MexikanischAmerikanischen Krieg an die USA. Kurz darauf setzte der Goldrausch ein, der die Bevölkerungszahl von 900 auf 20 000 hochschnellen liess und San Francisco reich und legendär machte. Doch der Status als Wirtschaftszentrum Kaliforniens währte nicht lange. San Francisco ist zwar nicht auf Sand gebaut, aber auf einer geologischen Verwerfung: 1906 forderte ein heftiges Erdbeben mit anschliessenden Feuersbrünsten gegen 3000 Todesopfer und machte der Stadt beinahe den Garaus; die Katastrophe (bzw. deren Nachspiel) zählt zu den ersten Ereignissen, die von Zeitgenossen filmisch dokumentiert wurden. Die Stadt wurde wieder aufgebaut, und seit über hundert Jahren nun warten die Bewohner San Franciscos darauf, dass «the Big One» wieder zuschlägt – vielleicht sind sie deshalb so sehr damit beschäftigt, das Beste aus ihrem Leben zu machen. Spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg gilt die Bay Area als Hort oder gar Brutstätte aller möglichen Gegenkulturen und alternativer Lebensentwürfe. Die Beatniks siedelten sich hier ebenso an wie die Hippie-Kultur und die LSD-Szene; San Francisco wurde zum Mekka für Schwule, und die linksliberale Stadt initiierte im Laufe der Jahrzehnte zahlreiche politische Reformen, die auf die übrigen USA und die ganze Welt ausstrahlten. Kulisse für Krimis und Katastrophen Als eine der schönsten Städte der USA ist San Francisco auch einer der pittoresksten Schauplätze für Geschichten aller Art: Über 900 Filme und Fernsehserien sind dort gedreht worden. Den Auftakt zur Filmpodium-Reihe macht W. S. Van Dykes San Francisco mit Clark Gable, der als charmant-schuftiger Saloon-Betreiber eine unschuldige Sängerin (Jeanette MacDonald) umwirbt; Spencer Tracy als schlagkräftiger Priester und das Erdbeben von 1906 als Wink Gottes bringen die beiden auf den rechten Weg. Die Spezialeffekte wa-


19 ren bahnbrechend und verewigten das historische Trauma der Stadt auf Zelluloid. Ob diese Vorgeschichte dazu führte, dass in San Francisco knapp vier Jahrzehnte später mit The Towering Inferno ein weiterer wegweisender Katastrophenfilm entstand, darf man sich fragen. Dieses starbestückte Spektakel wirkt heute in den eindrucksvollen Trickaufnahmen des «turmhohen Infernos» wie eine filmische Vorwegnahme von 9/11. Noch apokalyptischer allerdings mutet das Szenario von Philip Kaufmans Invasion of the Body Snatchers an: Die Kapitale der Selbstfindung wird ironischerweise zum Ausgangspunkt für die Ersetzung der Menschen durch ausserirdische Doppelgänger. Auch das Krimi-Genre kam in San Francisco immer wieder zu Ehren. Im Film noir Out of the Past gönnt Jacques Tourneur dem flüchtigen Paar Jane Greer und Robert Mitchum in der Stadt eine Auszeit, bevor die beiden wieder von der Vergangenheit eingeholt werden. Erinnerung, Einbildung und Wirklichkeit verschwimmen in Hitchcocks Vertigo für den armen James Stewart, dem Kim Novak gleich zweimal den Kopf verdreht. Schon eher auf dem Boden der Realität steht Steve McQueen als Titelheld von Peter Yates’ Bullitt, zumindest, bis er auf der Jagd nach Verbrechern im Ford Mustang von den terrassierten Strassen von San Francisco abhebt. Nicht, dass es den USA an eigenen Krimiautoren mangelte, aber Stuart Rosenberg schuf einen der besten amerikanischen Polizeifilme auf der Grundlage eines «Kommissar Beck»-Romans von Maj Sjöwall und Per Wahlöö: In The Laughing Policeman verkörpert Walter Matthau den grummeligen älteren Ermittler, während Bruce Dern als sein schnauzbärtiger, zynischer Kollege sämtliche gesellschaftlichen Randgruppen von San Francisco gegen sich aufbringt. Schräge Vögel, Beatniks und Stadtheilige Sonderlinge sind in der «City», wie sie von ihren Bewohnern gerne genannt wird, fast eher die Regel als die Ausnahme. So kurios wie die Figuren in Peter Bogdanovichs Neo-Screwball-Comedy What’s Up, Doc? sind allerdings nur wenige: Ryan O’Neal als zerstreuter Wissenschaftler in der typischen CaryGrant-Rolle prallt auf Barbra Streisand als obdachlose Ulknudel und stolpert gemeinsam mit ihr in eine absurde Spionagegeschichte. Auch die Bewohner der Pension an der Barbary Lane in Armistead Maupins ab 1978 erschienenen Romanserie «Tales of the City» sind schräge Vögel, die sich sowohl in abgedrehte Affären als auch in eine Kriminalgeschichte verstricken. In der kongenialen TV-Adaptation brilliert Olympia Dukakis als sexuell ambivalente >

Der schräge Vogel und das Landei: Marcus D’Amico und Laura Linney in Tales of the City < Der Beat-Mythos hat schon an Glanz verloren: Jean-Marc Barr als Jack Kerouac in Big Sur von Michael Polish

<

Vertigo: Hitchcocks vielschichtiges Suspense- und Seelendrama


20 Schlummermutter und Laura Linney gibt das Landei, das stellvertretend für den Zuschauer die Gegenwelt von San Francisco kennen und lieben lernt. Selbst Maupin hätte jedoch Mühe gehabt, eine so schrille Figur zu erfinden wie den Protagonisten des Dokumentarfilms That Man: Peter Berlin: Der deutschstämmige Jüngling, der in den siebziger Jahren in hautengen weissen Hosen mit wuchtigen Wölbungen die Schwulenszene von San Francisco aufheizte, entpuppt sich in Jim Tushinskis Altersporträt als feinfühliger und schüchterner Mensch. Robert Crumb, dem Terry Zwigoff in der Dokumentation Crumb ein ambivalentes Denkmal setzt, hat von den Sixties an mit seinen Underground-Comics die Bürger erschreckt, doch die Welt der verkorksten Familie, aus der er stammt, läuft selbst den Abenteuern von Fritz the Cat den Rang ab. Ebenfalls real ist die Hauptfigur von Gus Van Sants Milk: ­Harvey Milk setzte sich in den siebziger Jahren als Stadtrat von San Francisco für Reformen ein und gewann die Herzen der Bürger – mit einer fatalen Ausnahme; sein gewaltsamer Tod machte ihn zur Legende. Kultstatus hatten schon in den fünfziger Jahren die Exponenten der Beat-Bewegung erlangt. In Howl erweisen Rob Epstein und Jeffrey Friedman Allen Ginsberg und seinem revolutionären titelgebenden Gedicht die Ehre und machen einfühlbar, welche Wirkung dieser unzensierte poetische Aufschrei auf die damalige Gesellschaft hatte. Wie ein Gegenbild dazu mutet ­Michael Polishs Verfilmung von Jack Kerouacs Spätwerk Big Sur an: Des Ruhmes überdrüssig, pendeln der Autor und seine Entourage desorientiert zwischen der Naturidylle der kalifornischen Küste und dem Elend der Säuferund Drogenszene von San Francisco. 1963 spielt Nancy Savocas Dogfight, in dem River Phoenix als Marineinfanterist auf dem Weg nach Vietnam in San Francisco Station macht und die unscheinbare Rose (Lili Taylor) zu einem chauvinistischen Spiel verleiten will. Wie sehr sich die Geschlechterrollen seither gewandelt haben, zeigt J­ ason Moores ebenfalls in einer einzigen Nacht angelegte Anti-Romanze I Think It’s Raining, deren kratzbürstige Protagonistin Renata die Gefühle ihrer Mitmenschen mit Füssen tritt. Bei aller Weltoffenheit und Toleranz ist auch die Bay Area nicht gegen Rassismus gefeit, wie der Protagonist von Ryan Cooglers Dokudrama Fruitvale Station erfahren muss: Auf dem Heimweg aus San Francisco läuft der junge Schwarze Oscar Grant in Oakland übel gesinnten Polizisten in den Hammer. Jede Stadt hat ihre Heiligen. Zürich hat die Märtyrer Felix und Regula. Dass San Francisco einst nach Franz von Assisi benannt wurde, kümmert kaum noch jemanden; die City verehrt heute weltlichere Heilige. Zu ihnen zählen Allen Ginsberg, Jack Kerouac, Harvey Milk, Robert Crumb, Armistead Maupin und – in kleineren Nischen – Peter Berlin und Oscar Grant. Michel Bodmer


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San Francisco.

SAN FRANCISCO USA 1936 San Francisco, 1905. Blackie Norton betreibt im Vergnügungsviertel Barbary Coast den verrufenen Saloon Paradise Café und will politisch Karriere machen. Als er die blonde Sängerin Mary kennenlernt, ist er von ihr bezaubert und heuert sie an. Blackies politischer Rivale Burley jedoch ermutigt Mary zu einer respektablen Karriere an der Oper. Der Priester Mullin ist zwar Blackies Freund, bangt aber auch um Marys Wohl, wenn sie ganz in den Bann der Barbary Coast gerät. «Dieses alte Schlachtross der MGM wurstelt sich erst mal mit reiner Starpower durch – Gable als zynischer Saloon-Betreiber, MacDonald als Showgirl und Tracy als irischer Priester ringen miteinander ums Seelenheil –, bis San Francisco vom Erdbeben von 1906 plattgemacht wird. Dann wird daraus etwas ganz anderes, denn das ist eine der grössten Actionsequenzen der Filmgeschichte, die es mit den Wagenrennen in beiden Ben-Hurs und der Treppe von Odessa in Panzerkreuzer Potemkin aufnehmen kann.» (Adrian Turner, Time Out Film Guide) 115 Min / sw / Digital SD / E/e // REGIE W. S. Van Dyke // DREHBUCH Anita Loos, nach einer Geschichte von Robert Hopkins // KAMERA Oliver T. Marsh // MUSIK Edward Ward // SCHNITT Tom Held // MIT Clark Gable (Blackie Norton), ­Jeanette MacDonald (Mary Blake), Spencer Tracy (Pater Tim Mullin), Jack Holt (Jack Burley), Jessie Ralph (Maisie Burley), Ted Healy (Matt), Margaret Irving (Della Bailey).

OUT OF THE PAST USA 1947 «Der brave Garagist Jeff Bailey hat eine bewegte Vergangenheit: Als Privatdetektiv Markham sollte er einst für den Gangster Whit Sterling dessen durchgebrannte Geliebte Kathie aufspüren. Doch Markham verliebte sich in Kathie und zog mit ihr heimlich nach San Francisco, bis eines Tages ihr Spiel aufflog und Kathie verschwand. Nun taucht Whit wieder auf, und Bailey muss seiner neuen Freundin Ann beichten, was damals geschah. Als Wiedergutmachung für seine einstige Treulosigkeit soll Bailey für Whit einen heiklen Auftrag erledigen. Zu seiner Verblüffung ist Kathie wieder bei Whit, sagt Bailey aber, dass sie nach wie vor ihn liebe. Bis der Ex-Schnüffler erkennt, welches Spiel Whit und Kathie mit ihm treiben, sind mehrere Menschen über die Klinge gesprungen. Robert Mitchum als der zum Scheitern verurteilte Held und Jane Greer als seine Femme fatale geben ein schönes Gespann ab, und Jacques Tourneur zeigt in seinem zum Klassiker gewor-

denen Film noir die gleiche bedrohliche Grundstimmung wie in seinen berühmten Horrorfilmen der frühen vierziger Jahre.» (Programm Filmpodium, April 1996) 97 Min / sw / 35 mm / E/f // REGIE Jacques Tourneur // DREHBUCH Geoffrey Homes (= Daniel Mainwaring), James M. Cain, Frank Fenton, nach dem Roman «Build My Gallows High» von Geoffrey Homes // KAMERA Nicholas Musuraca // MUSIK Roy Webb // SCHNITT Samuel E. Beetley // MIT Robert Mitchum (Jeff Bailey), Jane Greer (Kathie Moffett), Kirk Douglas (Whit Sterling), Rhonda Fleming (Meta Carson), ­ ­Richard Webb (Jim), Steve Brodie (Fisher), Virginia Huston (Ann), Paul Valentine (Joe), Dickie Moore (der Junge).

VERTIGO USA 1958 «Ein Polizeidetektiv, der an Höhenangst leidet und sich für den Tod eines Kollegen verantwortlich fühlt, quittiert den Dienst in San Francisco und übernimmt die Beschattung einer suizidgefährdeten Frau. Die geheimnisvolle Schöne zieht ihn in ihren Bann, doch kann er sie wegen seiner Höhenangst nicht am Sprung von einem Kirchturm hindern. Von Selbstvorwürfen zermürbt, trifft der Detektiv wenig später auf eine Frau, die der Toten gleicht und die er ihr immer ähnlicher zu machen sucht. Hitchcocks vielschichtigstes Suspense- und Seelendrama kann nicht zuletzt als eine (Angst-) Fantasie des erzkatholisch erzogenen Regisseurs gelesen werden, der seinen Protagonisten geradezu sadistisch mit Schuldgefühlen für das Ausleben einer erotischen Obsession piesackt. Dieser Lesart wiederum stehen der betörende sinnliche Schmelz und maliziöse Witz entgegen, mit welcher Hitchcock Kim Novak von der ersten Einstellung an als Männerfantasie in Szene setzt: marionettenhaft formbar, vermeintlich unwissend um ihre Erotik und zugleich undurchdringlich, sich eigensinnig allen Annäherungs- und Manipulationsversuchen entziehend. Die in übernatürliches Licht getauchte, sich vollendende Rückverwandlung der Fremden in die Geliebte ist, gerade in ihrer erotischen Unterschwelligkeit, einer der magischen Momente der Filmgeschichte.» (Andreas Furler, Programm Film­ podium, Aug./Sept. 2008) 128 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Alfred Hitchcock // DREHBUCH Alec Coppel, Samuel A. Taylor, nach dem Roman «D’entre les morts» von Pierre Boileau, Thomas Narcejac // KAMERA Robert Burks // MUSIK Bernard Herrmann // SCHNITT George Tomasini // MIT James Stewart (John «Scottie» Ferguson), Kim Novak (Madeleine Elster/Judy ­Barton), Barbara Bel Geddes (Marjorie «Midge» Wood), Tom Helmore (Gavin Elster), Henry Jones (Leichenbeschauer),


> San Francisco.

> Bullitt.

> Out of the Past.

> The Towering Inferno.

> Invasion of the Body Snatchers.

> Whatâ&#x20AC;&#x2122;s Up, Doc?.


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San Francisco. Raymond Bailey (Scotties Arzt), Konstantin Shayne (Pop ­Leibel), Alfred Hitchcock (Mann, der Strasse überquert).

BULLITT USA 1968 «Bullitt ist ein toller Film, genau richtig für Steve McQueen – schnell, gut gespielt und so geschrieben, wie die Leute tatsächlich reden. Die Handlung strotzt von Details darüber, wie alles funktio­ niert: Krankenhäuser, die Polizei, junge Politiker mit Zukunft, Gangster, Flughäfen, Affären, muffige Hotels. Der Schauplatz San Francisco wird solide in Szene gesetzt, und der Schluss befriedigt vermutlich Fans von Krimiserien wie von Camus. Es gibt tolle Verfolgungsjagden, eine neben und unter einem Düsenflugzeug, das nachts abheben will, und eine andere mit Autos über die Hügel von San Francisco. Insbesondere die Autojagd ist komisch und ernst zugleich. McQueen, der leise eine Zeitung klaut, weil er keine Münze hat, oder einem schwarzen Chirurgen genau den richtigen Blick zuwirft, den dieser begreift, oder auch einen einzelnen Satz sagt, der seine Freundin (Jacqueline Bisset) tröstet und ihre Situation auf den Punkt bringt, verkörpert seine spezielle, bewusste, existenzielle Form von Coolness.» (Renata Adler, New York Times, 18.10.1968) 114 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Peter Yates // DREHBUCH Alan R. Trustman, Harry Kleiner, nach einem Roman von Robert L. Pike // KAMERA William A. Fraker // MUSIK Lalo Schifrin // SCHNITT Frank P. Keller // MIT Steve ­McQueen (Frank Bullitt), Jacqueline Bisset (Cathy), Robert Vaughn (Chalmers), Don Gordon (Delgetti), Robert Duvall (Weissberg), Simon Oakland (Bennet), Norman Fell (Baker).

WHAT’S UP, DOC? USA 1972 «Peter Bogdanovichs What’s Up, Doc? dreht sich um vier Gäste, die am selben Tag ins selbe Hotel ziehen, mit identischen rot karierten Köfferchen. Das erste Köfferchen enthält Diamanten, das zweite Unterwäsche, das dritte prähistorische Steinbrocken und das vierte hochgeheime Akten. Alles soweit vertraut? Das Unterwäsche-Köfferchen gehört Barbra Streisand, einer Schnorrerin ohne einen Cent, die sich im Hotel versteckt und dem Zimmerservice Roastbeef-Brötchen abluchst. Sie verliebt sich sofort in Ryan O’Neal, der die prähistorischen Steine dabeihat, um an einer Musikologen-Tagung eine Theorie zu beweisen. Die Juwelen gehören einer Margaret-Dumontmässigen Dame. Und die Staatsgeheimnisse jagt ein internationaler Spion, der meint, man be-

merke ihn nicht, solange er stets seine Golfschläger bei sich trage. Bogdanovich, ein ehemaliger Kritiker, der die letzten 10, 15 Jahre lang die Filme der grossen Hollywood-Meister der 1930er Jahre in sich aufgesogen hat, erweist sich selbst als Meister der Screwball Comedy – eines Genres, das bis jetzt alle für tot hielten. What’s Up, Doc? ist eine Art Hommage an Howard Hawks, aber Bogdanovich ist weniger ein Nachahmer denn ein Bewunderer mit eigenen Ideen.» (Roger Ebert, Chicago SunTimes, 1.1.1972) 94 Min / Farbe / Digital HD / E/d // REGIE Peter Bogdanovich // DREHBUCH Buck Henry, David Newman, Robert Benton, nach einer Vorlage von Peter Bogdanovich // KAMERA László Kovács // MUSIK Artie Butler // SCHNITT Verna Fields // MIT Barbra Streisand (Judy Maxwell), Ryan O’Neal (Prof. Howard Bannister), Kenneth Mars (Hugh Simon), Madeline Kahn (Eunice Burns), Austin Pendleton (Frederick Larrabee), ­ ­Sorrell Booke (Harry), John Hillerman (Mr. Kaltenborn).

THE LAUGHING POLICEMAN USA 1973 «Die verschlungene Handlung beginnt mit einer Einstiegssequenz, in welcher alle Fahrgäste ­eines Busses, darunter ein Polizeibeamter, von einem Unbekannten mit einer Maschinenpistole niedergemetzelt werden. Weitere Leichen und eine blutige Schiesserei machen die Ermittlungen noch undurchsichtiger. Doch Walter Matthau als angejahrter Kriminalbeamter, dessen Partner erschossen wurde, Bruce Dern als sein neuer Partner sowie ihre Kollegen legen bei der Jagd nach dem Mörder nicht nur sorgfältiges Fachwissen an den Tag, sondern enthüllen dabei auch sich selbst und ihre Einschätzungen ihres harten Jobs. Einen Grossteil der Stimmung und der Einsichten verdankt dieser Film Thomas Rickmans Adaptation des Krimis des schwedischen Autoren-Ehepaars Per Wahlöö und Maj Sjöwall. Das Drehbuch ist geprägt vom Charakter und dem derben, treffenden, teils mit Kraftausdrücken gespickten Umgangston der Polizisten, der Obdachlosen, Schwarzen, Prostituierten und Zuhälter von San Francisco, das hier an die Stelle von Stockholm im Roman tritt.» (A. H. Weiler, New York Times, 21.12.1973) 112 Min / Farbe / Digital HD / E // REGIE Stuart Rosenberg // DREHBUCH Thomas Rickman, nach einem Roman von Maj Sjöwall, Per Wahlöö // KAMERA David M. Walsh // MUSIK Charles Fox // SCHNITT Robert Wyman // MIT Walter ­Matthau (Sgt. Jake Martin), Bruce Dern (Insp. Leo Larsen), Albert Paulsen (Henry Camerero), Louis Gossett jr. (Insp. James Larrimore), Cathy Lee Crosby (Kay Butler).


> I Think Itâ&#x20AC;&#x2122;s Raining.

> That Man: Peter Berlin.

> Crumb.

> Dogfight.

> Fruitvale Station.

> Milk.


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San Francisco.

THE TOWERING INFERNO USA 1974 «The Towering Inferno ist bei Weitem der beste der Welle von Katastrophenfilmen der 1970er Jahre. Die Geschichte dreht sich um einen fiktiven Wolkenkratzer in San Francisco, der dank einer Kombination von minutiös gebauten Modellen und überzeugenden Spezialeffekt-Aufnahmen realistisch wirkt, auch wenn wir es besser wissen. Das Gebäude entworfen hat der Architekt Paul Newman, gebaut hat es der Unternehmer William Holden und sabotiert hat es dessen kostendrückender Schwiegersohn Richard Chamberlain. Von Anfang an häufen sich die Omen. Alle Hauptfiguren treffen sich im Gebäude zu einer Einweihungsfeier im Restaurant im obersten Stockwerk, doch ein Kurzschluss in einem Generator erzeugt in einem Geräteraum einen kleinen Brand, der bald um sich greift. Steve McQueen ist der Feuerwehrkommandant, bedächtig, besonnen und beherzt, selbst als seine Männer und er über den Flammen eingeschlossen sind. Die Details des Brandes überzeugen; die Explosionen, die Trümmer, die weggesprengten inneren Feuertreppen sehen alle echt aus. The Towering Inferno ist tatsächlich ein Meisterwerk in Sachen Stunt-Koordination und Spezialeffekte.» (Roger Ebert, Chicago Sun-Times, 1.1.1974)

und Don Siegel die Ehre erwiesen wird), ist die Aktualisierung und Verlagerung des Romans von Jack Finney nach San Francisco durch Philip Kaufman und Drehbuchautor W. D. Richter alles andere als ein überflüssiges Remake. Die ausserirdischen Schotenmenschen platzen nun in eine Welt, wo sich scheinbar eh schon jeder dafür begeistert, sein Leben oder seinen Lebensstil zu verändern, und in eine Kinolandschaft, die eh schon mit einer endlosen Folge von Verschwörungen überwuchert ist, während der Film ebenso viel Spass daran hat, mit modernen Denkmustern (Psychologie, Ökologie) herumzuspielen wie mit ausgeklügelten Variationen seines Vorgängers.» (Janet Maslin, New York Times, 22.12.1978) 115 Min / Farbe / Digital HD / E/d // REGIE Philip Kaufman // DREHBUCH W. D. Richter, nach dem Roman «The Body Snatchers» von Jack Finney // KAMERA Michael Chapman // MUSIK Denny Zeitlin // SCHNITT Douglas Stewart // MIT Donald Sutherland (Matthew Bennell), Brooke Adams (Elizabeth Driscoll), Jeff Goldblum (Jack Bellicec), Leonard Nimoy (Dr. David Kibner), Veronica Cartwright (Nancy Bellicec), Art Hindle (Geoffrey), Lelia Goldoni (Katherine), Kevin McCarthy (rennender Mann), Don Siegel (Taxifahrer).

DOGFIGHT USA 1991

1963 kommen vier Marineinfanteristen nach San Francisco und wollen einen draufmachen, bevor sie am nächsten Tag nach Vietnam verlegt wer­Irwin Allen // DREHBUCH Stirling Silliphant, nach Romanen den. Ihr Ziel ist ein «Dogfight», eine Party, zu der von Richard Martin Stern, Thomas N. Scortia, Frank M. jeder ein möglichst hässliches Mädchen (eng­Robinson // KAMERA Fred J. Koenekamp, Joseph Biroc // lisch auch «dog» genannt) bringen soll; für das MUSIK John Williams // SCHNITT Harold F. Kress, Carl Kress hässlichste gewinnt man einen Preis. Birdlace // MIT Steve McQueen (Feuerwehrchef O’Hallorhan), Paul liest Rose auf, eine unansehnliche Kellnerin in eiNewman (Doug Roberts), William Holden (Jim Duncan), Faye nem Diner, die Folksängerin werden möchte. Er Dunaway (Susan Franklin), Fred Astaire (Harlee Claiborne), findet das ahnungslose Mädchen zusehends nett Richard Chamberlain (Roger Simmons), Jennifer Jones und will Rose die Beschämung des Dogfight er­(Liselotte Mueller), O.J. Simpson (Sicherheitschef), Robert sparen. Schliesslich gehen sie dann doch zur Vaughn (Senator Gary Parker), Robert Wagner (Dan Bigelow). Party, und Rose durchschaut das böse Spiel. Entsetzt wäscht sie Birdlace die Kappe, aber damit INVASION OF THE BODY SNATCHERS ist die Nacht noch lange nicht zu Ende. River Phoenix wurde mit Stand by Me, Indiana USA 1978 Jones and the Last Crusade und My Own Private Sporen aus dem All rieseln auf San Francisco. Idaho zu einem Kultstar der achtziger Jahre. 1993 starb er mit 23 Jahren an einem Drogencocktail Bald spriessen riesige Schoten, in denen Doppelvor der Bar von Johnny Depp. In Dogfight spielte gänger realer Menschen heranwachsen, um diese zu ersetzen. Donald Sutherland, Brooke Phoenix eine seiner schönsten Rollen. (mb) «River Phoenix und Lili Taylor sind hier die Adams und Jeff Goldblum kommen dem teuflirichtige Besetzung. Taylor hat ein feierliches Geschen Geschehen auf die Spur; für (dubiosen) sicht, ein ernstes Lächeln und eine Ruhe an sich, psychologischen Beistand sorgt Leonard Nimoy. die als Mitgefühl wahrgenommen wird. Phoenix, «Obschon ihr die umwerfende allegorische Mehrdeutigkeit des Klassikers der Science-­ der manchmal Rebellen und Querschläger spielt, Fiction-/Polit-Paranoia von 1956 abgeht (welcher gibt hier einen Jungen, der sich nur anpassen will und zu seiner Überraschung feststellt, dass er hier mittels Kurzauftritten von Kevin McCarthy 165 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE John Guillermin,


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San Francisco. dafür ein kleines bisschen zu gut ist.» (Roger Ebert, Chicago Sun-Times, 4.10.1991) 94 Min / Farbe / Digital SD / E // REGIE Nancy Savoca // DREHBUCH Bob Comfort // KAMERA Bobby Bukowski // MUSIK Mason Daring // SCHNITT John Tintori // MIT River Phoenix (Eddie Birdlace), Lili Taylor (Rose), Richard Panebianco (Berzin), Anthony Clark (Oakie).

TALES OF THE CITY

(Armistead Maupin’s Tales of the City) USA 1993 «Autor Armistead Maupin begann seine Saga als Fortsetzungsroman in einer Zeitung, und die TVAdaptation hat noch einiges von der episodischen Form seiner Kolumnen an sich. Maupin durchwandert seine Version von San Francisco anno 1976 und schildert diese zuerst durch die Augen von Laura Linney, die als naives Mädchen aus Ohio in die einladende Grossstadt zieht, um ihrer unglaublich provinziellen Familie zu entrinnen. Entsetzt über den sexuell befreiten Lebensstil ihrer Highschool-Freundin Parker Posey zieht sie bei dieser bald aus und stattdessen in die idyllische Pension von Olympia Dukakis, einer freundlichen Matriarchin, welche seltsame Sprüche von sich gibt und unverhohlen Marihuana anbaut und vertreibt. Zu Linneys Pensionsnachbarn gehören die selbsternannte Schwulenmutti Chloe Webb, ihr lieber schwuler Freund Marcus D’Amico und der sorglose Frauenheld Paul Gross. Als Webb Linney einen Job als Sekretärin beim todkranken Werbemanager Donald Moffat vermittelt, löst sich allmählich Linneys moralische Verklemmtheit, und sie stürzt sich in eine unkluge Affäre mit Moffats schleimigem Schwiegersohn, zum halbresignierten Verdruss von dessen Frau.» (Tasha Robinson, Onion A.V. Club, 26.3.2003) Tales of the City, koproduziert von Channel 4 und PBS, sorgte 1993 als erste TV-Serie mit positiven LGBT-Figuren für Furore, auch wenn sie für heutige Begriffe eher zahm wirkt. Unvergänglich bleiben der Charme, der Witz und die Menschlichkeit von Maupins Fresko, das mit augenzwinkernden Anspielungen auf Vertigo und andere Geschichten aus San Francisco gespickt ist. Das Filmpodium zeigt Tales of the City in zwei Teilen zu je ca. 150 Minuten. 2x ca. 150 Min / Farbe / Digital SD / E/d // REGIE Alastair Reid // DREHBUCH Richard Kramer, nach dem Roman von Armistead Maupin // KAMERA Walt Lloyd // MUSIK John E. Keane // SCHNITT David Gamble // MIT Olympia Dukakis (Anna Madrigal), Donald Moffat ­(Edgar Halcyon), Chloe Webb (Mona Ramsey), Laura Linney (Mary Ann Singleton), Marcus D’Amico (Michael Tolliver), Paul Gross (Brian Hawkins), Billy Campbell (Jon Fielding), Thomas Gibson (Beauchamp Day),

Barbara Garrick (DeDe Halcyon Day), Parker Posey (Connie Bradshaw).

CRUMB USA 1994 «Crumb ist eine brillante Chronik des Lebens und der verkorksten Zeiten eines höchst unerwarteten schlimmen Fingers, eines mageren, bebrillten, sexbesessenen Menschenhassers, der einer Gesellschaft, die ihn abgelehnt hat, keine Waffen entgegenzusetzen hat, bis auf eine: Der Nerd kann zeichnen. Regisseur Terry Zwigoff drehte sechs Jahre lang an diesem absolut überwältigenden Dokumentarfilm über Robert Crumb, den 51-jährigen Underground-Künstler, der seit den Sixties, als er in San Franciscos LSD-Szene lebte, mit Comics gegen die Scheinheiligkeit schiesst. Mit Hilfe von unverblümten Interviews mit Crumb, seinen Freunden, Geliebten, Ehefrauen, Kindern, Kollegen, Kritikern und der dysfunktionalen katholischen Familie, die ihn hervorgebracht hat, erschafft Zwigoff einen Film von rauem Humor und erschütterndem Ernst. Oft lacht man, um nicht weinen zu müssen.» (Peter Travers, Rolling Stone, 28.4.1995) «Unvergesslich ist, wie Zwigoff uns mit Crumbs bizarrer, zutiefst unglücklicher Familie bekannt macht: Sein älterer Bruder Charles, ein sedierter, weltabgewandter Fünfziger, der nur selten badet, hat nie mit jemandem geschlafen und lebt immer noch zu Hause; Mutter Beatrice, eine durchgeknallte alte Schrapnelle, hat mit ihrer Amphetaminsucht die ganze Familie in den Wahnsinn getrieben; der jüngere Bruder Maxon, ein jämmerlicher Aussenseiter, wohnt in einem Hotel in San Franciscos Vergnügungsviertel Tenderloin, meditiert auf einem Nagelbrett und bettelt auf den Strassen.» (Edward Guthmann, San Francisco Chronicle, 26.5.1995) 119 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // DREHBUCH UND REGIE Terry Zwigoff // KAMERA Maryse Alberti // MUSIK David ­Boeddinghaus // SCHNITT Victor Livingston // MIT Robert Crumb, Aline Kominsky, Charles Crumb, Maxon Crumb.

THAT MAN: PETER BERLIN USA 2005 «Man hat ihn ‹die Greta Garbo des schwulen Pornofilms› genannt: Peter Berlin, einen legendären kalifornischen Fotografen, Filmemacher und Selbstdarsteller, der in Fan-Kreisen als männliche Sex-Ikone gilt. Berühmt – und berüchtigt – wurde er in den frühen siebziger Jahren, als er mit zwei wilden 16-mm-Filmen auf sich aufmerksam machte, Nights in Black Leather und That Boy,


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San Francisco. mit denen er die Herzen und Hirngespinste schwuler Männer überall auf der Welt quasi über Nacht für sich einnahm. Hinter der öffentlichen Person mit dem offensichtlichen Pseudonym verbirgt sich auch eine faszinierende Biografie. Aus Interviews, Fotos und Filmausschnitten rekonstruiert der Film den Lebenslauf Armins, der als Sohn einer verarmten deutschen Adelsfamilie aufwächst, sich früh der Macht seines blendenden Aussehens bewusst wird und als Mittzwanziger ein Leben als Globetrotter beginnt. Es führt ihn zu Bekanntschaften mit Andy Warhol, Robert Mapplethorpe. Anfang der siebziger Jahre gelangt er nach San Francisco, wo er als Peter Berlin aktiv wird: als Filmer, Fotograf und Model. Inzwischen längst aus dem Rampenlicht verschwunden, hat er die meisten seiner alten Freunde überlebt. Aber er ist keineswegs vergessen. Noch immer hat Peter Berlin treue Fans. Zu ihnen gehören John Waters, Armistead Maupin und viele andere mehr.» (Katalog Panorama, Berlin 2005) 81 Min / Farbe / Digital SD / E/d // DREHBUCH UND REGIE Jim Tushinski // KAMERA Jim Tushinski // MUSIK Jack Curtis Dubowsky // SCHNITT Jim Tushinski, Clarence Reinhart // MIT Peter Berlin, Armistead Maupin, John Waters, Jack Wrangler, Daniel Nicoletta, Wakefield Poole.

MILK USA 2008 Gus Van Sants Biopic über Harvey Milk, der im San Francisco der siebziger Jahre mit Chuzpe, Tatkraft und Witz für die Rechte der Homosexuellen eintrat und es zum ersten schwulen Stadtrat brachte, bevor ihn ein geistig verwirrter Amtskollege niederschoss. «Milk erzählt Harvey Milks Geschichte als die eines verwandelten Lebens, als einen Triumph der individuellen Freiheit über staatliche Verfolgung, als politische und soziale Fallstudie. (…) Sean Penn verblüfft mich immer wieder. Er schafft, mit unendlicher Aufmerksamkeit fürs Detail, Figuren aus dem Herzen heraus, in diesem Fall eine, die vielen Mainstream-Amerikanern als schräger Vogel erscheinen dürfte und mit der sich doch alle identifizieren können. (…) Er zeigt Milk nie als Helden, sondern als ganz gewöhnlichen Menschen, liebenswert, lustig, voller Schwächen und schlau, idealistisch und voller Sehnsucht nach einer besseren Welt. Er zeigt, was so ein gewöhnlicher Mensch alles erreichen kann.» (Roger Ebert, Chicago-Sun Times, 24.11.2008) 128 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Gus Van Sant // DREHBUCH Dustin Lance Black // KAMERA Harris Savides //

MUSIK Danny Elfman // SCHNITT Ellio Graham // MIT Sean Penn (Harvey Milk), Emile Hirsch (Cleve Jones), Josh Brolin (Dan White), Diego Luna (Jack Lira), James Franco (Scott Smith), Alison Pill (Anne Kronenberg).

HOWL USA 2010 «Aus vier verschiedenen Perspektiven beleuchtet der Film das Gedicht ‹Howl›, dessen Rezeption und den Schriftsteller Allen Ginsberg: In schwarzweisser 50er-Jahre-Optik wird Ginsbergs erste öffentliche Lesung des langen Gedichts 1955 nachgestellt – abwechselnd mit animierten, illustrativen Szenen zum Gedicht, gestaltet vom Zeichner und früheren Ginsberg-Mitarbeiter Eric Drooker und musikalisch illustriert von Carter Burwell. Verschiedene Interviews mit Ginsberg sind zu einer einzigen Interviewsituation zusammengesetzt und setzen den zwei Jahre älteren Ginsberg und seine homosexuelle Biografie in den Fokus (Ginsberg wird übrigens gespielt von James Franco) – und schliesslich wird die Gerichtsverhandlung nachgespielt, in der das ­ ­Gedicht ‹Howl› als obszön und literarisch nicht relevant auf der Anklagebank liegt. Das über­ raschende Urteil des Richters machte 1957 Werk und Dichter gleichermassen weltberühmt – und gilt als die Geburtsstunde der sogenannten Gegenkultur oder Beat-Generation.» (Brigitte Häring, sennhausersfilmblog.ch, 12.2.2010) «Die Szenen vor dem Richter sind der fesselndste Teil des Films. Im symbolischen Raum der Justiz legt hier eine Gesellschaft vor sich Rechenschaft ab, was sie der Literatur erlauben will und was nicht. Da steht ein Gedicht vor Gericht, und der Staatsanwalt und seine Fachleute im Zeugenstand bemühen sich nach allen Regeln des Rechtswesens, die Kunst dingfest zu machen.» (Florian Keller, Tages-Anzeiger, 22.6.2011) 84 Min / Farbe / 35 mm / E/d // DREHBUCH UND REGIE Rob Epstein, Jeffrey Friedman // KAMERA Edward Lachman // MUSIK Carter Burwell // SCHNITT Jake Pushinsky // MIT James Franco (Allen Ginsberg), Todd Rotondi (Jack Kerouac), David Strathairn (Ralph McIntosh), Jon Hamm (Jake Ehrlich), John Prescott (Neal Cassady), Aaron Tveit (Peter Orlovsky), Bob Balaban (Richter Clayton Horn).

I THINK IT’S RAINING USA 2011 «Die etwas über zwanzig Jahre alte, nassforsche Sängerin Renata, eine kapitale Lügnerin und Gelegenheitsdiebin, streift durch die Strassen ihrer ehemaligen Heimatstadt San Francisco und schleppt dabei mehr emotionale Bürden als ei-


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San Francisco.

gentliches Gepäck mit sich herum. Wie sie selbst sagt, ist sie ‹mehr als ein bisschen im Arsch›. Sie taucht auf in einem Lokal, wo sie früher spielte, und brüskiert die Sängerin, die sie zu einem Duett einlädt. Später belästigt sie ein Paar in einem chinesischen Restaurant und wird aus einem Jazzclub geworfen. Als sie mit einem netten jüdischen Burschen nach Hause geht, rastet sie aus, weil er mehr über sie erfahren möchte. Besonders attraktiv sind die starken Musiknummern im Film. Im Rahmen dieser vor allem auf den Ton ausgerichteten Low-Budget-Produktion sind die Super-8-Sequenzen von verträumter Schönheit.» (Alissa Simon, Variety, 20.7.2011) Regiedebütant Joshua Moore beruft sich auf die Nouvelle Vague ebenso wie auf die Filme von John Cassavetes. Seine widersprüchliche Protagonistin Renata ist mal nervig, mal witzig, aber immer faszinierend, dank der starken darstellerischen Leistung von Alexandra Clayton, die auch als Sängerin überzeugt. (mb) 92 Min / Farbe / Digital HD / E // DREHBUCH UND REGIE ­Joshua Moore // KAMERA Sinisa Kukic // SCHNITT Staci ­DeGagne // MIT Alexandra Clayton (Renata), Andy Dulman (Val), Carla Judson (Sam), Claire McConnell (Emily), Elias Escobedo (Jace), Ia Hernandez (Miranda).

BIG SUR USA 2013 Nach seinem Romanerfolg mit «On the Road» verfällt Jack Kerouac zunehmend seinen zerstörerischen Selbstzweifeln und dem Alkohol. Depressionen und Drogen bestimmen sein Leben. Er flüchtet vor seinen eigenen Dämonen und verkriecht sich in Lawrence Ferlinghettis Hütte im Wald bei Big Sur an der Küste Kaliforniens. Doch bald zieht es ihn zurück nach San Francisco, zu Alkohol und Drogen – und einer Affäre. «Big Sur knackt das Rätsel, wie man Jack Kerouac fürs Kino adaptiert. Das Geheimnis ist täuschend einfach: Geh zurück zur Quelle und bleib dort. Die überdrehte Spontaneität und Energie des Beat-Mythos sind in einer Schreibe eingebettet, welche seine fiebrige Essenz besser destilliert als irgendwelche aufgemotzte Action. Das Schwierige dabei ist, Lesungen mit der Filmhandlung zu verschmelzen, aber Big Sur lässt das so einfach aussehen, dass man die Übergänge kaum bemerkt. Der Film, geschrieben und inszeniert von Michael Polish, beruht auf Kerouacs Roman von 1962. Wunderschön gefilmt an der mittelkalifornischen Küste, mit nachklingenden Bildern der krachenden Brandung und der Sonnenstrahlen, die durch die Redwoods dringen, bietet er eine Vision

vom Paradies, die seine rastlosen, getriebenen Figuren nur dunkel wahrzunehmen vermögen.» (Stephen Holden, New York Times, 31.10.2013) 81 Min / Farbe / DCP / E // REGIE Michael Polish // DREHBUCH Michael Polish, nach dem Roman von Jack Kerouac // KAMERA M. David Mullen // MUSIK Aaron Dessner, Bryce Dessner, Kubilay Uner // SCHNITT Geraud Brisson, Robert Frazen // MIT Jean-Marc Barr (Jack Kerouac), Kate B ­ osworth (Billie), Josh Lucas (Neal Cassady), Radha Mitchell (Carolyn Cassady), Anthony Edwards (Lawrence Ferlinghetti), Balthazar Getty (Michael McClure), Patrick Fischler (Lew Welch), Stana Katic (Lenora).

FRUITVALE STATION USA 2013 Der 22-jährige Oscar Grant hat schon einigen Mist gebaut und eine Haftstrafe verbüsst, aber nun will er sein Leben auf die Reihe kriegen. Er kümmert sich um Mutter, Freundin und Tochter, bemüht sich um einen Job und meidet die Drogenszene. An Silvester 2008 fährt er aus der Vorstadt mit der U-Bahn nach San Francisco, um zu feiern. Als er auf dem Heimweg an der Station Fruitvale in Oak­ land aussteigt, kommt es zu einer Auseinandersetzung mit Polizisten, die dem jungen Schwarzen zum Verhängnis wird. «Ryan Coogler inszeniert das Chaos mit einer atemberaubenden Kombination von Hektik und Ambivalenz, wobei letztere genügend legalen Spielraum bietet, dass der Polizist mit einer milden Strafe davonkommt, was den Eindruck von Ungerechtigkeit verschärft. Es ist eine furchtbare Geschichte, beladen mit politischem, gesellschaftlichem und moralischem Gewicht, das für eine ganze Anzahl zeitgenössischer Übel steht, und dabei klammert sie das hässliche Nachspiel der gewalttätigen Proteste aus, das Oaklands Ruf noch zusätzlich schädigte. In der Art und Weise, wie er Sanftheit und Härte vereint, hat Michael B. Jordan als Oscar bisweilen die Ausstrahlung eines jungen Denzel Washington; mühelos gewinnt er das Publikum für sich. Melonie Diaz sprüht in der Rolle seiner geduldigen und treuen Freundin, während Octavia Spencer als seine unerschütterliche Mutter das Ganze mit ihrer Gravität bereichert.» (Todd McCarthy, The Hollywood Reporter, 20.1.2013) 85 Min / Farbe / DCP / E/d/f // VORPREMIERE // DREHBUCH UND REGIE Ryan Coogler // KAMERA Rachel Morrison // ­MUSIK Ludwig Göransson // SCHNITT Claudia Castello, ­Michael P. Shawver // MIT Michael B. Jordan (Oscar Grant), Melonie Diaz (Sophina), Octavia Spencer (Wanda), Kevin ­Durand (Caruso), Chad Michael Murray (Ingram).


29 Das erste Jahrhundert des Films

1954: Film-Ikonen Einer gegen das System – 1954 träumte einmal mehr jemand den grossen Traum des amerikanischen Kinos. Diesmal hiess der Träumer Elia Kazan: Er platzte mit On the Waterfront in die von antikommunistischer Paranoia erschütterten USA. George Cukors A Star Is Born mit Judy Garland und James Mason faszinierte derweil sein Publikum, wie Alfred Hitchcocks Rear Window, mit perfektem Drehbuch, perfekter Kulisse und – mit Grace Kelly und James Stewart – perfekter Besetzung. In Italien schrieben sich Anthony Quinn und Giulietta Masina mit Federico Fellinis La strada in die Filmgeschichte ein, während in der Schweiz Liselotte Pulver und Hannes Schmidhauser mit Franz Schnyders Uli der Knecht zu nationalen Leinwandstars wurden. Und in Japan tauchte erstmals Godzilla auf, der zu einer Ikone der Popkultur wurde – und bis heute nichts von seiner Strahlkraft verloren hat. Tanja Hanhart

> On the Waterfront. Das erste Jahrhundert des Films In dieser Dauerreihe zeigen wir im Lauf von zehn Jahren rund 500 wegweisende Werke der Filmgeschichte. Die ­Auswahl jedes Programmblocks ist gruppiert nach Jahrgängen, woraus sich schliesslich 100 Momentaufnahmen des Weltkinos von 1900 bis 1999 ergeben. Referenzzahl ist jeweils der aktuelle Jahrgang, d. h. im Jahr 2014 sind Filme von 1914, 1924, 1934 usw. zu sehen. Begleitend zur Reihe zeigen wir vor vereinzelten Filmen Schweizer Filmwochenschauen. Bitte beachten Sie den Leporello. Weitere wichtige Filme von 1954 Animal Farm Joy Batchelor, John Halas, GB Carmen Jones Otto Preminger, USA Creature from the Black Lagoon Jack Arnold, USA Dial M for Murder Alfred Hitchcock, USA Die sieben Samurai Akira Kurosawa, J Eine Erzählung nach Chikamatsu Kenji Mizoguchi, J (s. S. 12) French Cancan Jean Renoir, F Johnny Guitar Nicholas Ray, USA Le rouge et le noir Claude Autant-Lara, F/I

Magnificent Obsession Douglas Sirk, USA Ordet Carl Theodor Dreyer, F Salt of the Earth Herbert J. Biberman, USA Sansho der Landvogt Kenji Mizoguchi, J Senso Luchino Visconti, I The Wild One Laszlo Benedek, USA Touchez pas au grisbi Jacques Becker, F Twenty-Four Eyes Keisuke Kinoshita, J (s. S. 12) Viaggio in Italia Roberto Rossellini, I


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Das erste Jahrhundert des Films: 1954.

REAR WINDOW USA 1954 Fotoreporter L. B. Jefferies ist durch einen Beinbruch zu Hause an den Rollstuhl gefesselt und beobachtet gelangweilt die Nachbarn in den gegenüberliegenden Wohnungen. Aufgrund seiner Beobachtungen verdächtigt er einen von ihnen, seine Frau ermordet zu haben. Zunächst steckt er mit seiner Mordtheorie nur seine Verlobte Lisa an, seinen Freund Detektive Doyle kann er nicht davon überzeugen. Als Lisa jedoch Indizien findet, die den Verdacht bestätigen, entdeckt der Mörder, dass er beobachtet wird. «Hitch am Olymp. Avantgarde als Entertainment. Ein Film über nichts anderes als das Sehen. 112 Minuten lang Bilder über einen Mann, der schaut. Er schaut durchs Fenster hinaus, in den Hof, hinein in andere Fenster, die Rahmen für verschiedene Leben sind. Die Fenster gleichen Leinwänden, in denen er verschiedene Filme sieht: Lustspiele, Dramen, Melodramen. Um besser und mehr sehen zu können, bewaffnet er sein Auge mit Fernglas und Teleobjektiv. Er wechselt die Bildgrössen, er fügt Bilder von hier und Bilder von dort zur Montage. Er wird immer besessener, wählt, gestaltet. Er ist zum Filmemacher geworden. Rear Window ist ein Film (...) über den Blick, über das Bild, über die Einbildungskraft, das

Sich-Bilder-Machen, das Filmsehen, das Filmmachen, über das Wünschen, über den Film und über das Kino von Sir Alfred Hitchcock.» (Harry Tomicek, Österreich. Filmmuseum Wien, 3/2014) «‹Suspense› gibt es hier natürlich mehr als genug, aber das Wichtigste ist die Art, wie sie gefilmt wird: Die Kamera bleibt konsequent innerhalb von Jefferies’ Wohnung, jede Einstellung ist an seiner Perspektive ausgerichtet. Was dieser unerbittliche Monomane sieht, ist die schmutzige Wäsche all seiner Nachbarn. Abgesehen von der Verletzung der Privatsphäre, die schockierend genug ist, hat uns Hitchcock niemals zuvor eine so verstörende Definition gegeben von dem, was es heisst, einen ‹Stummfilm› anderer Leben zu sehen, ob über den Hof oder auf der Leinwand. Kein Wunder, bestraft der ‹sinnliche Puritaner› in ihm James Stewart mit einem zweiten Beinbruch.» (Chris Peachment, Time Out Film Guide) 112 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Alfred Hitchcock // DREHBUCH John Michael Hayes, nach der Erzählung von Cornell Woolrich // KAMERA Robert Burks // MUSIK Franz Waxman // SCHNITT George Tomasini // MIT James Stewart (L. B. «Jeff» Jefferies), Grace Kelly (Lisa Fremont), Wendell Corey (Det. Thomas J. Doyle), Thelma Ritter (Stella), ­Raymond Burr (Lars Thorwald), Judith Evelyn (Miss Lonely Hearts), Ross Bagdasarian (Komponist), Georgine Darcy (Miss Torso, die Tänzerin), Alfred Hitchcock (Mann in der Wohnung des Komponisten).


Das erste Jahrhundert des Films: 1954.

LA STRADA Italien 1954 Die junge Gelsomina wird von ihrer Mutter an den Artisten Zampanò verkauft. Zwar tingelt sie gemeinsam mit dem Kraftprotz durchs Land, doch sie bleibt einsam. Dann trifft sie den Seiltänzer Il Matto: Bald kommt es zwischen ihm und Zampanò zu einem brutalen Streit ... «Wer auch könnte Giulietta Masinas Gelsomina je vergessen? Diese struppigen, blonden Haare unter der verfilzten Melone. Diese grossen, offen staunenden Augen im runden Gesicht und den dicken Punkt mitten auf der Nase, der so rot leuchtete, auch wenn alles in Schwarzweiss war? (…) Gelsomina, dieses so sanfte wie störrische, so lebhafte wie launische Wesen, ist der melancholische Clown par excellence: der tölpelhafte August, stets ‹umso verlumpter, unbeholfener, staubbedeckter, je autoritärer das Gegenteil verlangt wird› (Fellini). Die Masina und ihre Gelsomina, das ist und bleibt eines der grossen Wunder der europäischen Kinematografie. Im Nachhinein wissen wir, wie schwer sich die italienischen Produzenten Carlo Ponti und Dino de Laurentiis damals taten, die Masina für diese Rolle zu akzeptieren. Als sie sich dann während der Dreharbeiten verletzte, wollte de Laurentiis dies sofort als Vorwand nutzen, um sie loszuwerden. Glücklicher-

weise hatten die amerikanischen Koproduzenten den besseren Riecher: Sie entdeckten sofort das Besondere ihrer Ausstrahlung.» (Norbert Grob, Die Zeit, 1.4.1994) «Ein Film wie ein tiefer Traum, aus dem man erwachen will und dann auch wieder nicht. Er zieht einen auf den Meeresgrund und danach sieht das normale Leben für immer anders aus. Welch anderer Film schafft das?» (Doris Dörrie, ZEITmagazin, 7/2014) «La strada ist ein absolut perfekter, unvergesslicher Film. (…) Fellinis Aufnahmen und seine Erzählkunst sind so ungezwungen wie elegant, als ob sie durch eine Kamera in seinem Kopf direkt auf die Leinwand projiziert würden.» (Jane Campion’s Top Ten, criterion.com) 102 Min / sw / 35 mm / I/d/f // REGIE Federico Fellini // DREHBUCH Tullio Pinelli, Federico Fellini // KAMERA Otello ­Martelli // MUSIK Nino Rota // SCHNITT Leo Catozzo // MIT Giulietta Masina (Gelsomina), Anthony Quinn (Zampanò), Richard Basehart (Il Matto), Aldo Silvani (Colombiani), ­ ­Marcella Rovere (Witwe), Livia Venturini (Nonne).

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Das erste Jahrhundert des Films: 1954.

GODZILLA (Gojira) Japan 1954 Durch Atombombentests vor der japanischen Küste wird ein prähistorisches Monster aufgescheucht, das darauf Tokio in Angst und Schrecken versetzt. Der Wissenschaftler Professor Yamane erledigt schliesslich nach langem Zögern mit seiner Erfindung, dem ‹Oxygen-Zerstörer›, das Ungeheuer. Godzilla wurde am 3. November 1954 in Japan uraufgeführt und begründete eine der ältesten Filmserien – bis heute folgten gegen 30 Sequels – und in Japan gleich ein ganzes Genre, «kaigu eiga», den Monsterfilm. Ishiro Honda, der lange Jahre bei den Toho-Filmstudios als Regieassistent u. a. auch für Akira Kurosawa arbeitete, realisier­te eine durchaus ernst gemeinte Auseinandersetzung mit den Folgen des Atom­­waf­­fen­­einsatzes – wenn auch mit den naiven Mitteln des Pulp und mit nach heutigen Standards kruder Tricktechnik. Reale Ereignisse wie diejenige des japanischen Fischerbootes, das bei einem amerikanischen ­ H-Bombentest verstrahlt wurde, fanden Eingang in die Geschichte. Der grossartige Schauspieler

Takashi Shimura (Ikiru) als pazifistischer Wissenschaftler verleiht dem Film die nötige Würde. J. Hoberman beschreibt in seinem Essay «Poetry After the A-Bomb» (criterion.com) Godzilla als eine Art B-Movie-Zwilling zu Kurosawas I Live in Fear (1955). Beide wurden von Toho mit zum Teil gleichem Cast produziert und beide gingen das Thema von einer neuen Seite an, derjenigen der kollektiven Auslöschung. Im Westen war der Film 50 Jahre lang fast ausschliesslich in der amerikanischen Fassung unter dem Titel Godzilla, King of Monsters zu sehen, bei der viele Szenen geschnitten und zum «besseren Verständnis» mit einem Reporter ergänzt wurden – gespielt übrigens von Raymond Burr, direkt nach seinem Einsatz in Rear Window. (pm) 96 Min / sw / Digital HD / Jap/d // REGIE Ishiro Honda, Terry Morse // DREHBUCH Takeo Murata, Ishiro Honda, nach ­einem Roman von Shigeru Kayama // KAMERA Masao Tamai // ­MUSIK Akira Ifukube // SCHNITT Terry Morse // MIT M ­ omoko Kochi (Emiko Yamane), Akihiko Hirata (Dr. Serizawa), Takashi Shimura (Prof. Yamane), Fujuki Murakami (Dr. Tabata), Akira Takarada (Ogata), Sachio Sakai (Hagiwara), Ren Yamamoto (Sieji), Tadashi Okabe (Dr. Tabatas Assistent).


Das erste Jahrhundert des Films: 1954.

ULI DER KNECHT Schweiz 1954 Uli, der Knecht, ist ein Säufer und Frauenheld. Als ihm sein Meister ins Gewissen redet, schafft er es, sein Leben zu ändern, und wird Meisterknecht auf dem heruntergewirtschafteten Hof des Glunggenbauern. Dort trifft er auf eine weitgehend feindselige Umgebung, macht sich aber für den Bauern schnell unentbehrlich. Uli interessiert sich sehr für das hübsche Vreneli, doch die Tochter des Bauern verdreht ihm den Kopf. Deren Bruder fürchtet im Fall einer Heirat um sein Erbe – und so kommt es zum Zerwürfnis. «Franz Schnyder kannte das Emmental, und Jeremias Gotthelf war ihm geistesverwandt – so lag es nahe, dass die Gloriafilm sich an ihn wandte, als im Vorfeld von Gotthelfs 100. Todestag daran gedacht wurde, ‹Wie Uli der Knecht glücklich wird› auf die Leinwand zu bringen. Zusammen mit Richard Schweizer und dem jungen Werner Düggelin schrieb Schnyder ein Drehbuch, das sich eng an die Vorlage hielt. Gotthelfs Denkweise blieb erhalten, die Dialoge wurden zum grossen Teil der Romanvorlage entnommen. Weil das knappe Budget teure Studiobauten kaum zuliess, wurde vor allem auf zwei alten Bauernhöfen im Emmental gedreht. Emil Berna sorgte für kernige Bilder mit poetischem Touch. Und die popu-

läre Besetzung wurde aufgefrischt mit zwei jungen Hauptdarstellern: Die Bernerin Liselotte Pulver, im deutschen Film bereits bekannt und gefragt, verkörperte das Vreneli, Hannes Schmidhauser war Uli. Für beide wurde Uli der Knecht zum nationalen Meilenstein.» (SRF Kultur) Kommerziell waren Schnyders Gotthelf-Filme höchst erfolgreich, von Feuilletons und Jungfilmern aber wurde ihnen vorgeworfen, zu unpolitisch und reaktionär zu sein. Heute allerdings ist ihr Stellenwert unbestritten: «Schnyder konnte grossartig gut inszenieren. Er hatte ein Gespür für filmisches Timing, für filmische Stimmungen, für filmische Atmosphären.» (Bernhard Giger, SRF, 25.2.2014) 115 Min / sw / DCP / Dialekt // REGIE Franz Schnyder // DREHBUCH Richard Schweizer, Werner Düggelin, Franz Schnyder, nach dem Roman «Wie Uli der Knecht glücklich wird» von Jeremias Gotthelf // KAMERA Emil Berna // MUSIK Robert Blum // SCHNITT Hans-Heinrich Egger, Hermann Haller // MIT Hannes Schmidhauser (Uli), Liselotte Pulver (Vreneli), Heinrich Gretler (Johannes, Bodenbauer), Gertrud Jauch (Bodenbäuerin), Emil Hegetschweiler (Joggeli, Glunggenbauer), Hedda Koppé (Glunggenbäuerin), Marianne Matti (Elisi, ihre Tochter), Erwin Kohlund (Johannes, ihr Sohn), Stephanie Glaser (Trinette, dessen Frau), Alfred Rasser ­ (Baumwollhändler), Elisabeth Schnell (Annelise), Max Haufler (Karrer).

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Das erste Jahrhundert des Films: 1954.

ON THE WATERFRONT

A STAR IS BORN

USA 1954

USA 1954

Terry Malloy, einen erfolglosen Ex-Boxer, Hafenarbeiter und Laufburschen für den korrupten Gewerkschaftsboss Johnny Friendly, plagen Schuldgefühle, nachdem er einen aufbegehrenden Arbeiter unwissentlich in eine tödliche Falle gelockt hat. Doch erst die Liebe zu Edie, der Schwester des Getöteten, lässt Terry erkennen, wie tief er gesunken ist. Als sein zwielichtiger Bruder Charley brutal ermordet wird, weil er Terry nicht umbringt, setzt Terry alles daran, Friendlys dunkle Machenschaften zu untergraben. «Dies war Elia Kazans Film, nachdem er dem Kongressausschuss für unamerikanische Umtriebe (HUAC) zugesagt hatte, Gesinnungsgenossen aus seiner Zeit in der kommunistischen Partei zu nennen, und zum Outcast der Linken geworden war. On the Waterfront war unter anderem Kazans Rechtfertigung für seine Entscheidung, vor dem HUAC auszusagen. (…) Regisseure machen Filme aus allen möglichen verborgenen Gründen, und wenigstens stand Kazan zu seinen. Und er machte einen kraftvollen und einfluss­ reichen Film, einen, der Brandos unschätzbaren Einfluss auf den Wechsel des Tonfalls in der ­amerikanischen Filmschauspielerei der fünfziger Jahre weiter erhöhte.» (Roger Ebert, Chicago Sun-Times, 21.3.1999) «Hollywoodkino vom Besten, erzählt in physischen Termini. Wundersames Melodram und Gangstermovie. Und ein US-Gegenstück zum französischen Kino des Poetischen Realismus, gefilmt von Dziga Wertows Bruder Boris Kaufman an den Docks von Hoboken und in den winterlich unwirtlichen Strassen New Yorks – in schwarzgrauweisser Nuancen-Notation und stilisierten Tiefenschärfe-Bildern. Und das Paradestück eines Schauspieler-Regisseurs, ein Aushängeschild des ‹method acting›. Rod Steiger und Lee J. Cobb. Karl Malden und Eva Marie Saint. Und jener Akteur, von dem Kazan behauptet ‹he was as close to a genius as I’ve ever met among actors›: Marlon Brando.» (Harry Tomicek, Österreich. Filmmuseum Wien, 3/2008)

Der trinkfreudige Leinwandstar Norman Maine entdeckt das Talent der Sängerin Esther Blodgett und heiratet sie. Doch während sie zum Star aufsteigt, geht es mit ihm bergab. Die Geschichte, die den Glamour der Filmwelt zelebriert und zugleich zeigt, wie er die Menschen zerstören kann, hatte George Cukor bereits in What Price Hollywood? (1932) erzählt, doch in A Star Is Born, seinem ersten Film in Farbe und ­Cinemascope, stilisiert er die Künstlichkeit ins Extreme. «Hollywood über Hollywood: Die Faszination dieser Filme beruht auf dem Blick hinter die Kulissen der Traumfabrik – den bietet A Star Is Born satirisch pointiert (…). Judy Garland, der 1950 wegen Unzuverlässigkeit von MGM gekündigt ­ wurde, versuchte mit A Star Is Born (den ihr ­Ehemann und Agent produzierte) ein Comeback – wobei die Rolle ihren Fähigkeiten als Entertainerin und Sängerin angepasst wurde. Ihre privaten Probleme waren seinerzeit für die Öffentlichkeit kein Geheimnis, so erscheint Norman Maine als Spiegelbild der Garland.» (Reclams Filmklassiker) «Von allen Rührstücken Hollywoods muss dieses hier das erschütterndste sein. Die Geschichte vom Aufstieg eines Gesangsstars schien den empfindlichen Nerv seiner Darsteller so genau zu treffen, dass man ihnen mit gebanntem Unbehagen zusieht. (…) Auch James Mason ist grossartig, ob er nun müssig die Tanzsäle von L. A. nach Frauen absucht, dem Alkohol verfällt oder an der Oscar-Zeremonie einen Skandal verursacht: Er zeigt eine unvergleichliche Leistung.» (Chris Peachment, Time Out Film Guide) Von Warner Bros. bei der Veröffentlichung ­radikal beschnitten, wurden 1983 fast alle feh­ lenden Szenen wieder eingefügt oder mit Standbildern ergänzt: A Star Is Born ist ein bestechendes filmarchäologisches Meisterwerk.

108 Min / sw / DCP / E/d // REEDITION MIT NEU RESTAURIERTER DIGITALER KOPIE // REGIE Elia Kazan // DREHBUCH Budd Schulberg, nach einer Artikelserie von Malcolm Johnson und der Erzählung von Budd Schulberg // KAMERA Boris Kaufman // MUSIK Leonard Bernstein // SCHNITT Gene Milford // MIT Marlon Brando (Terry Malloy), Karl Malden

181 Min / Farbe / Digital HD / E/e // REGIE George Cukor // DREHBUCH Moss Hart, basierend auf dem Drehbuch von ­Dorothy Parker, Alan Campbell, Robert Carson, nach einer Story von William A. Wellman, Robert Carson, basierend auf «What Price Hollywood?» von George Cukor // KAMERA Sam Leavitt // MUSIK Harold Arlen, Ray Heindorf // SCHNITT ­Folmar Blangsted // MIT Judy Garland (Esther Blodgett/Vicki Lester), James Mason (Norman Maine), Jack Carson (Matt Libby), Charles Bickford (Oliver Niles), Tommy Noonan

(Pater Barry), Eva Marie Saint (Edie Doyle), Lee J. Cobb

(Danny McGuire), Lucy Marlow (Lola Lavery), Amanda Blake

(Johnny Friendly), Rod Steiger (Charley «the Gent» Malloy),

(Susan Ettinger), Irving Bacon (Graves), Hazel Shermet

Pat Henning (Timothy J. «Kayo» Dugan), Leif Erickson (Glo-

­(Libbys Sekretärin), James Brown (Glenn Williams), Lotus

ver, Kriminalinspektor), James Westerfield (Big Mac), Tony

Robb (Miss Markham).

Galento (Truck), Tami Mauriello (Tullio).


35 Der Grosse Krieg auf Schweizer Leinwänden

Von Propaganda bis Pazifismus Im Sommer 2014 jährt sich der Beginn des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal. Aus diesem Anlass zeigt das Filmpodium vier Filmprogramme mit Raritäten und Restaurierungen zu unterschiedlichen kriegsbe­ zogenen Themen. Fast alle Filme der Reihe – ein gutes Dutzend internationale Produktionen der Kriegszeit – waren damals auch in Schweizer Kinos zu sehen. Kulturgeschichtlich fallen der Beginn des Ersten Weltkriegs und die endgültige Etablierung des Kinos als bestimmendes visuelles Massenmedium des 20. Jahrhunderts zeitlich zusammen. 1913 war das Jahr gewesen, in dem sich der Langspielfilm als dominierendes Filmformat durchsetzte, das Starsystem zur vollen Entfaltung kam, riesige Kinopaläste wie Pilze aus dem Boden schossen und Menschen aller gesellschaftlicher Schichten in die Kinos strömten. Schon in den Jahren zuvor – seit den Anfängen des Films 1895 – waren Kriege ein beliebtes Sujet gewesen, sowohl des fiktionalen als auch des nichtfiktionalen Films. Doch erst jetzt, mit Ausbruch eines Kriegs von bislang unbekanntem Ausmass und mit einer weit entwickelten Filmindustrie, verbanden sich Kino und Krieg zu einer wirkmächtigen Einheit. Regelmässig und überall auf der Welt berichteten Aktualitätenfilme und Wochenschauen über Kriegsereig-

> Shoulder Arms.


36 nisse; praktisch ohne Unterlass wurden Spielfilme mit gegenwartsbezogenen Kriegssujets gedreht und in die Kinos gebracht. Zudem setzte man den Film erstmals in grossem Umfang auch zu Propagandazwecken ein. Die Krieg führenden Länder nutzten das neuartige Medium dazu, den kriegerischen Konflikt bei ihren eigenen Bevölkerungen und in den neutralen Staaten aus der jeweiligen Eigenperspektive zu rechtfertigen. Der «Grosse Krieg», wie man ihn damals bezeichnete, wurde zum ersten «Medienkrieg», d. h. zu einem Krieg, der sich im kollektiven Gedächtnis stark über die Bildwelten des neuen Mediums Film festsetzte. Die Schweiz war dabei weltweit eines der wenigen Länder, auf deren Leinwänden die Propagandaproduktionen aller verfeindeten Parteien aufeinandertrafen. Heute, hundert Jahre später, sind nur noch wenige der damaligen Filmaufnahmen erhalten. Einige von ihnen konnten von den Filmarchiven neu restauriert und so wieder einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Sie vermitteln uns einen lebendigen Eindruck davon, welchen medial vermittelten Kriegsbildern die Menschen zwischen 1914 und 1918 ausgesetzt waren. Natürlich sprechen uns die Filme heute anders an als das damalige Publikum. Für uns sind sie nicht mehr Überbrückung einer primär räumlichen, sondern einer zeitlichen Distanz – eine Überbrückung, die so nur im Kino funktioniert, denn nur hier können die teils spektakulären, berührenden oder auch entsetzlichen Bilder eine Wirkung entfalten, die den historischen Aufführungsbedingungen nahekommt. Adrian Gerber und Daniel Wiegand

> Wenn Völker streiten.

> The Despoiler.

Adrian Gerber und Daniel Wiegand sind Filmhistoriker am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Sie haben die vier Programme kuratiert und führen im Kino in die Filme ein. Für die Unterstützung dieser Reihe danken wir dem Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich und


Der Grosse Krieg auf Schweizer Leinwänden.

AN VORDERSTER FRONT? PROPAGANDISTISCHE AUFNAHMEN VOM KRIEGSSCHAUPLATZ

«VERFLUCHT SEI DER KRIEG!» PAZIFISTISCHE SPIELFILME

MESSTER WOCHE 1915, NO. 9 D 1915 / 9 Min / Farbe

Bekanntermassen waren die Jahre vor und während dem Ersten Weltkrieg durch eine allgemeine Kriegseuphorie geprägt. Dennoch gab es in ganz Europa und den USA auch zahlreiche pazifistische Bewegungen, deren Forderungen und Grundgedanken sich nicht zuletzt im Filmschaffen niederschlugen. Das Programm zeigt zwei der schönsten dieser Spielfilme, die nicht nur über ihre melodramatischen Erzählungen und wirkungsvollen Schlachtenbilder dem Schrecken und der Sinnlosigkeit des Kriegs Ausdruck verleihen, sondern zugleich auf angenehm unpathetische Weise eine Vision der Völkerverständigung entwerfen. Die belgische Produktion Maudite soit la guerre wurde noch vor Ausbruch des Kriegs gedreht und zeigt einen fiktiven «Zukunftskrieg», der schon sehr bald Wirklichkeit werden sollte. Wenn Völker streiten hingegen entstand in den ersten Kriegsmonaten und ist insbesondere deshalb bemerkenswert, weil er die Geschichte einer ­ Freundschaft zwischen Angehörigen der beiden traditionellerweise miteinander verfeindeten Staaten Frankreich und Deutschland erzählt. Beide Filme sind auch in visueller Hinsicht kinematografische Leckerbissen: Wenn Völker streiten ist den Konventionen der Zeit entsprechend mehrfarbig viragiert, während Maudite soit la guerre mit ungewohnter Schablonenkolorierung und anderen spektakulären Farbeffekten überrascht.

DIE SCHLACHT ZWISCHEN AISNE UND MARNE D 1918 / 10 Min / Farbe

WENN VÖLKER STREITEN D 1915 / 37 Min / Farbe // REGIE Cäsar [Rino] Lupow

DESTRUCTION OF A FOKKER: OUR MOBILE ANTI-AIRCRAFT GUNS IN ACTION GB 1916 / 6 Min

MAUDITE SOIT LA GUERRE B 1914 / 42 Min / Farbe // REGIE Alfred Machin // MIT Suzanne Berni, Fernand Crommelynck

DIE 10. ISONZOSCHLACHT Ö-U 1917 / 23 Min (Fragment) / Farbe

Di, 20. Mai, 18.15 Uhr Einführung: Daniel Wiegand Am Flügel: André Desponds

Angeblich «authentische» Filmaufnahmen von den Kriegsschauplätzen wurden meist mit propagandistischer Absicht und in ganz unterschiedlichen Formen in die Kinos gebracht: als Wochenschauen, bestehend aus kurzen Einzelbeiträgen; als eigenständige, etwas längere Aktualitätenfilme oder als aufwendig realisierte Grossproduktionen. Einzig die letztgenannte Form fand in der Schweiz (unterstützt von massiven Werbeanstrengungen) auch in den letzten Kriegsjahren noch regen Publikumszuspruch. Bei den hier ausgewählten Beispielen handelt es sich um bislang weitgehend unbekanntes Material, das die ästhetische und thematische Bandbreite von nichtfiktionalen Kriegsfilmen, wie sie in der Schweiz damals zu sehen waren, darlegen soll. Das kürzlich entdeckte Originalfragment des Films Die 10. Isonzoschlacht (Ö-U 1917) galt bisher als verschollen und überzeugt mit eindrücklichen (wenn auch gestellten) Kampfaufnahmen in spektakulärer Farbgestaltung. Als ­humoristischer Abschluss des Programms bezeugt Rigadin aux Balkans (F 1912), dass sowohl der Krieg als auch die entsprechenden Filme nicht erst ab 1914 die europäische Öffentlichkeit prägten. Medienreflexive Gags legen die Inszenierungsstrategien des nichtfiktionalen Kriegsfilms offen.

RIGADIN AUX BALKANS F 1912 / 10 Min / sw // REGIE Georges Monca // MIT Charles Prince, Yvonne Maëlec

Stummfilme, Gesamtlänge ca. 90 Min

Fr, 16. Mai, 18.15 Uhr Einführung: Adrian Gerber und Daniel Wiegand Am Flügel: Martin Christ Stummfilme, Gesamtlänge ca. 80 Min

> Die 10. Isonzoschlacht.

> Maudite soit la guerre.

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Der Grosse Krieg auf Schweizer Leinwänden.

GEFANGENE, FLÜCHTLINGE, INTERNIERTE: WIEDERENTDECKTE BILDER DER HUMANITÄREN SCHWEIZ Bildliche Darstellungen feindlicher Kriegsgefangener waren international ein weitverbreitetes und wirkungsvolles Propagandamittel, um die eigene Stärke sowie die Verluste des Gegners zu illustrieren. Gleichzeitig befriedigten solche Aufnahmen die Schaulust und Neugier des auch Unterhaltung suchenden Kinopublikums. Gerade im Bereich des Gefangenen- und Flüchtlingswesens war die neutrale Schweiz mit ihrem humanitären Engagement, das etwa die Internierung verletzter Kriegsgefangener oder den Austausch von Kriegsvertriebenen umfasste, vielleicht am direktesten und stärksten in die kriegerische Auseinandersetzung involviert. Diese Realität spiegelte sich im nationalen und internationalen Filmschaffen wieder: Die Durchreise der französischen Evakuierten durch die Schweiz (CH 1918) entstand im Umfeld des Basler Heimschaffungs-Komitees, das mit der filmischen Darstellung des Flüchtlingselends und der Schweizer Wohltätigkeit seine eigenen Zwecke verfolgte. Asile de guerre (F 1917) wandte sich mit einer süsslichen Geschichte vom kurzen Wiedersehen eines französischen Paars auf Schweizer Boden an die hart geprüften Frauen Frankreichs. Dieser weitgehend unbekannte Spielfilm über das Internierungswesen in der Schweiz ist in neuer Restaurierung zu sehen. Das ebenfalls an Schweizer Originalschauplätzen gedrehte Erbschleicher-Drama Le vieux sergent/Das Kind von Chamonix (F 1914) nutzte die Internierung der französischen Bourbaki-Armee in der Westschweiz 1871 als historisches Setting. DIE ERSTEN AUFNAHMEN AUS DER SCHLACHT IM WESTEN D 1918 / 12 Min DIE DURCHREISE DER FRANZÖSISCHEN EVAKUIERTEN DURCH DIE SCHWEIZ CH 1918 / 11 Min ASILE DE GUERRE F 1917 / 30 Min // MIT Louise Colliney

«HATE THE HUN!» ANTIDEUTSCHE SPIELFILME In fiktionalen Werken unterschiedlicher Genres war die Vermischung von propagandistischer Intention und (profitorientiertem) Unterhaltungszweck besonders spannungsgeladen. Während des Kriegs und in der unmittelbaren Nachkriegszeit wurden vor allem in den USA eine ganze Reihe sogenannter «Hunnenfilme» oder «Hate-theHun films» hergestellt. Diese Streifen zeichneten ein ausgesprochen negatives Bild der deutschen Armee und ihrer Angehörigen: In schier obsessiver Weise setzten die Filme eine saufende, mordende und schändende Soldateska ins Bild. Es liegt auf der Hand, dass solche Werke mit ihren für damalige Verhältnisse recht hohen «production values» und gewagten Darstellungsformen von (sexueller) Gewalt auf Teile des Publikums eine grosse Anziehungskraft ausübten. Die Armee Puritaniens (die Soldaten tragen Schnurrbart und sind dem Bier zugeneigt) beschiesst in The Battle Cry of Peace (USA 1915) Manhattan und begeht schwere Kriegsverbrechen. Der Film ist lediglich als Fragment überliefert und nur selten zu sehen. Im überdrehten Drama The Despoiler/Châtiment (USA 1915), das erst kürzlich restauriert worden ist, toleriert ein deutschstämmiger Offizier die Besetzung eines christlichen Klosters im osmanischen Reich. Damit liefert er seine eigene Tochter, ohne es zu wissen, einem Scheusal aus. Deutsche funktionieren auch als Witzfiguren im Slapstick: In Shoulder Arms (USA 1918) prügelt Charlie Chaplin einen lüsternen deutschen Offizier sowie den Kaiser höchstpersönlich. Solches und die generell ­autoritätsfeindlichen Zwischentöne sollten dem Schweizer Publikum offenbar nicht zugemutet werden; in den 1920er Jahren gelangte das Werk hierzulande meist in verstümmelter Form zur Aufführung. Wir zeigen den Film in voller Länge. THE BATTLE CRY OF PEACE USA 1915 / 26 Min (Fragment) / sw // REGIE J. Stuart Blackton, Wilfrid North // MIT Charles Richman, Norma Talmadge

LE VIEUX SERGENT/DAS KIND VON CHAMONIX F 1914 / 36 Min // REGIE Paul Landrin // MIT Paul Landrin

THE DESPOILER / CHÂTIMENT USA 1915 / 61 Min / Farbe // REGIE Reginald Barker // MIT Frank Keenan, Enid Markey

Di, 27. Mai, 18.15 Uhr Einführung: Adrian Gerber Am Flügel: Alexander Schiwow

SHOULDER ARMS USA 1918/1959 / 38 Min / sw // REGIE Charles Chaplin // MIT Charles Chaplin, Edna Purviance

Stummfilme, Gesamtlänge ca. 100 Min

Di, 3. Juni, 18.15 Uhr Einführung: Adrian Gerber Am Flügel: Martin Christ Stummfilme, Gesamtlänge ca. 135 Min


39 SO, 18. MAI | 20 UHR

AUDIOVISUELLES KONZERT

ELEMENTS

«Elements» ist ein audiovisuelles Konzert,

Konzert. Im Wechselspiel aus Improvisa-

bei dem der Zürcher Pianist und Komponist

tion und Komposition führt Ramon Ziegler

Ramon Ziegler mit seinem Ensemble dem

durch die vier Elemente und arbeitet ihre

Wesen der vier Elemente nachgeht. Die Vi-

charakteristischen Eigenschaften heraus.

suals dazu liefert live Nuél Schoch.

Mit tiefer Melancholie, brodelnder Energie und zuversichtlicher Leichtigkeit verbinden

Ramon Ziegler (*1984 in Baden) hat in Zü-

die sieben jungen Musikerinnen und Musi-

rich die Jazzschule absolviert und tourte

ker Klassik und lyrischen Jazz. Ein Mix aus

2010 mit seinem Bachelorprojekt Ziegler-

Streichquartett, Jazz-Trio und den Live-Vi-

Jeger-Till durch die ganze Schweiz. Seine

suals von Nuél Schoch – ein einzigartiges

musikalische Flexibilität bewährte sich bei

Kinoerlebnis!

Grossformationen über Duo-Gigs bis zu Soloauftritten und führte ihn vom Jazzfestival Montreux bis München, vom Gurtenfestival bis nach Israel. In letzter Zeit ist er vermehrt als Sideman in verschiedenen Bands, als Komponist und Studiomusiker unterwegs. Mit «Elements», das 2012 im Moods

ELEMENTS Ramon Ziegler, Piano Raphael Walser, Bass Jannik Till, Schlagzeug Julia Schwob, Violine Benj Hartwig, Violine David Schnee, Viola Ambrosius Huber, Cello

uraufgeführt wurde und jetzt auf Tournee

Nuél Schoch, Visuals

ist, geht er seiner eigenen musikalischen

Dauer ca. 60 Min

Sprache auf den Grund.

Weitere Informationen, Bilder und Trailer:

«Elements» ist die Metamorphose der vier Elemente zu einem audiovisuellen

www.ramonziegler.com/elements


40 DIASTOR-TAGUNG

FILM IM DIGITALEN ZEITALTER

Filmproduzentinnen, Filmschaffende, Ver-

Das

leiher und Archivarinnen stehen vor der

projekt DIASTOR (diastor.ch) ent­ wickelt

Herausforderung, analog gedrehte Filme

Standards und Workflows für die Digitali-

zu digitalisieren, nachhaltig zu sichern und

sierung und Langzeitsicherung von Filmen.

zu bewirtschaften. An der Tagung «Film im

Franziska Heller und Barbara Flückiger Seminar für Filmwissenschaft, Universität Zürich

digitalen Zeitalter» informieren internationale Experten und diskutieren mit dem Publikum; Filmschaffende befassen sich mit der Situation in der Schweiz und erörtern Strategien mit institutionellen Entscheidungsträgern.

anwendungsorientierte

Forschungs­

Die Tagung wird von DIASTOR in Koproduktion mit der Stiftung FOCAL durchgeführt, unterstützt von SRF Schweizer Radio und Fernsehen, vom Kulturfonds Suissimage, von der Hochschulstiftung der Universität Zürich, von Memoriav, dem Schweizerischen Nationalfonds und dem Dr. Wilhelm Jerg-Legat. Informationen zur Tagung und Anmeldung unter:

Ziel der Tagung ist es, einem breiten Publi-

diastor.ch/conference/

kum von Vertreterinnen und Vertretern der Filmbranche, der Politik, des Archivwesens und der Wissenschaft sowie der interessierten Öffentlichkeit einen Überblick über das komplexe Gebiet zu geben. Dazu gehören Aspekte der Selektion, technische Verfahren, archivarische Fragestellungen und kommerzielle Chancen sowie Anforderungen an nachhaltige Lösungen.

PODIUMSDISKUSSION: SCHWEIZER SICHT, PRAKTISCHE ASPEKTE DO, 5. JUNI | 15.30 UHR

Mit Clemens Klopfenstein, Regisseur und Produzent; Werner «Swiss» Schweizer, Regisseur und Produzent; Caroline Fournier, Responsable secteur conservation et restauration, Cinémathèque suisse; Heinz Schweizer, Redaktionsleiter Einkauf Film und Serien, SRF Schweizer Radio und Fernsehen.


41 stik und Mimik der Schauspieler ergänzen das ungewöhn-

DAS CABINET DES DR. CALIGARI / Deutschland 1920

liche Design, das von irritierenden schrägen Linien, schiefen

75 Min / sw; tinted & toned / DCP / stumm, d. Zw’titel // REGIE ­Robert Wiene // DREHBUCH Hans Janowitz, Carl Mayer // KAMERA Willy Hameister // MIT Conrad Veidt (Cesare), Werner Krauss (Dr. Caligari), Lil Dagover (Jane Olsen), Friedrich Feher (Francis), Rudolf Lettinger (Dr. Olsen), Hans Heinrich von Twardowski (Alan), Elsa Wagner, Ludwig Rex.

Wänden, geneigten Ebenen und aufgemalten Schatten geprägt ist. Umso wichtiger ist es, die besondere Atmosphäre dieses Meilensteins der Filmgeschichte für das heutige Publikum wieder erlebbar zu machen. Die Filmvorführung im Rahmen der DIASTOR-Tagung ist nun eine einzigartige Gelegenheit, das Meisterwerk mit musikalischer Live-Begleitung von Günter A. Buchwald (Flügel und Violine) auf der grossen Kinoleinwand zu erleben.

DO, 5. JUNI | 19 UHR Der Hypnotiseur und Schausteller Caligari lässt durch sein somnambules Medium Cesare mehrere Menschen töten. Nachdem ein Student ihn entlarvt hat, erweist sich Cesare als Insasse der Irrenanstalt, deren Direktor Caligari ist. Der berühmteste deutsche Stummfilm, ein Meisterwerk der provokativen Bildsprache des Expressionismus, ist einer der wichtigsten Psychiatriefilme. Seine Thematik der erzählerischen Vermischung von Normalität und Wahnsinn und der Folgeerscheinungen von Autorität, Macht, Tyrannei, Despotismus und Massenbeeinflussung durch Hypnose sowie

DO, 5. JUNI | 18.30 UHR Einführung von Anke Wilkening Die digitale Restaurierung unter Aufsicht der Restauratorin Anke Wilkening von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung führte dazu erstmals alle verfügbaren filmischen Quellen zusammen, zeitgenössische farbige Kopien aus zwei südamerikanischen und vier europäischen Archiven. Das Schweizer Forschungsprojekt DIASTOR war für die Farbanalyse des Films zuständig.

seine stilistische Verbindung von moderner Kunst mit Formen des Wahnsinns lassen ihn auch heute noch aktuell und brisant erscheinen. Caligari ist wegen des expressionistischen Dekors und des ausdrucksstarken Schauspielstils als einer der grössten deutschen Klassiker in die Filmgeschichte eingegangen: Ge-

«In starken Bildern wird an das Leben der Poetin Alfonsina Storni erinnert.» Neue Luzerner Zeitung

Alfonsina ein Film von Christoph Kühn

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42 Filmpodium für Kinder

The Liverpool Goalie

oder: Wie man die Schulzeit überlebt! Dreizehnjähriger Bleichschnabel, Fussballniete, aber süchtig nach Fussballbildchen: Ein frecher Familienfilm aus Norwegen über die Alltagsnöte eines etwas schüchternen Jungen – gespickt mit schwarzem Humor, mitreissend erzählt. «Fussball ist nicht gerade die sicherste Sportart – es sterben Menschen auf Fussballfeldern – Jahr für Jahr»: Für den 13-jährigen Jo ist Fussball ein mörderischer Sport und nur ein weiteres Beispiel für all die Gefahren, die im Alltag lauern. Wie alle Jungs in seiner Klasse ist er vom Fussballbildchen-Sammelfieber angesteckt, doch vor dem Fussballspielen selbst drückt er sich. Auch sonst ist er kein Draufgänger, sondern lebt lieber in seiner Fantasiewelt, vertieft sich in mathematische Gleichungen und erledigt die Hausaufgaben des Klassentyrannen, um keine Prügel zu kassieren … Bis eines Tages eine neue

THE LIVERPOOL GOALIE – ODER: WIE MAN DIE SCHULZEIT ÜBERLEBT! (Keeper’n til Liverpool) / Norwegen 2010 90 Min / Farbe / DCP / D / 12 J // REGIE Arild Andresen // DREHBUCH Lars Gudmestad // KAMERA Gaute Gunnari // MUSIK Aslak Hartberg // SCHNITT Jon Endre Mørk // MIT Ask van der Hagen (Jo), Susanne Boucher (Mari), Andrine Sæther (Else, Jos Mutter), Jostein Sranes Brox (Tom Erik), Mattis Asker (Einar), Stian Aspelund (Per Øystein), Ane Kirkeng Jørgensen (Nina), Kyrre Hellum (Steinar), Michael Vermes (Anders), Tore Sagen (Lehrer), Raymond Vårvik (Tobias).


43 Mitschülerin in seiner Klasse auftaucht: die hübsche, selbstbewusste Mari, die nicht nur mathe-, sondern auch noch fussballbegeistert ist. Um ihr Herz zu erobern, muss Jo seine Ängste überwinden und aus der Defensive zum Angriff übergehen. Der Norweger Arild Andresen, ursprünglich Werbefilmer, konzentriert sich in seinem vielfach prämierten Spielfilmdebüt The Liverpool Goalie ganz auf den introvertierten Jo, der – von Ask van der Hagen grossartig gespielt – ein überaus sympathischer Held und eine ideale Identifikationsfigur für junge Zuschauer ist. Jo malt sich in seiner lebhaften Fantasie die verrücktesten Dinge aus, was Andresen in schwarzhumorige Bilder umsetzt: Wir sehen, zu welch absurden Katastrophen kleinste Fehler führen könnten oder wie der etwas schüchterne Junge zum umjubelten Fussballstar wird; diese witzig-überzeichneten Szenen werden von Jo trocken kommentiert. Und so fiebern wir mit dem Jungen mit, lachen zugleich aber auch herzhaft über die vertrackten Situationen, in die er sich bringt. The Liverpool Goalie ist ein starker, unterhaltsamer Kinderfilm für die ganze Familie, in dem Themen wie ­Mobbing, Familienstress, Selbstbehauptung und erste Liebe mit spielerisch-frechem ­ Charme verpackt sind. Tanja Hanhart

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44 SÉLECTION LUMIÈRE

RAN VON AKIRA KUROSAWA In Japan gilt Akira Kurosawa oft als «west-

Verantwortungsbewusstsein und die Rela-

licher» Regisseur, während er sich bei uns

tivität der Wahrheit.» (Lexikon des int.

vor allem wegen seiner Samurai-Filme

Films)

noch immer grosser Popularität erfreut. In

«Die einzige optimistische Note liegt in

Ran verbindet er beides: Als Inspiration

der Nobilität des Films selbst: einer gewal-

diente Shakespeares «King Lear», aber die

tigen gemarterten Leinwand, auf der es Ku-

Welt, die er beschreibt, ist fest in japani-

rosawa schafft, dass sich selbst die Natur-

schen Werten und Traditionen verankert.

kräfte seiner Vision unterordnen. Ein ‹Lear› für unsere Tage und für alle Zeiten.» (Chris

«Japan im 16. Jahrhundert: Ein alternder

Peachment, Time Out Film Guide)

Fürst überträgt sein Reich dem ältesten seiner drei Söhne. Blind gegenüber der auf-

H am Do, 12. Juni, 17.45 Uhr: Einführung

richtigen Liebe seines jüngsten Sohnes und

von Martin Girod

unfähig, die Verschlagenheit der beiden anderen zu sehen, kommt seine Einsicht zu

RAN / Japan/Frankreich 1985 162 Min / Farbe / 35 mm / Jap/d/f // REGIE Akira Kurosawa

spät: Ausgestossen und geistig umnachtet,

// DREHBUCH Akira Kurosawa, Hideo Oguni, Masato Ide,

wandert er ziellos umher und muss erle-

nach «King Lear» von William Shakespeare // KAMERA

ben, wie die Söhne Reich und Erbe ins Chaos und Verderben apokalyptischer Schlachten stürzen. Kurosawas Alterswerk ist inspi-

­Takao Saito, Masaharu Ueda // MUSIK Toru Takemitsu // SCHNITT Akira Kurosawa // MIT Tatsuya Nakadai (Hidetora Ichimonji), Akira Terao (Taro, der älteste Sohn), Jinpachi Nezu (Jiro, der zweite Sohn), Daisuke Ryu (Saburo, der jüngste Sohn), Mieko Harada (Kaede, Taros Frau), Yoshiko

riert von Shakespeares ‹King Lear›, den

Miyazaki (Sue, Jiros Frau), Kazuo Kato (Kageyu Ikoma), ­Peter

Traditionen Japans und aktuellen Endzeit-

[=Shinnosuke Ikehata] (Kyoami, der Narr).

visionen. Von gewaltiger Bildkraft und vir-

Kurosawas erste grosse Shakespeare-Adaptation – Das

tuoser Montage, ist der Film eine Parabel über das Verhängnis der Macht, ethisches

Schloss im Spinnwebwald (Kumonosu-jo) nach «Macbeth» – steht im Sommer als Reedition mit neuer Kopie auf dem Programm.


45 IMPRESSUM

DAS FILMPODIUM IST EIN ANGEBOT DES PRÄSIDIALDEPARTEMENTS

in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse, Lausanne/Zürich LEITUNG Corinne Siegrist-Oboussier (cs), STV. LEITUNG Michel Bodmer (mb) WISSENSCHAFTLICHE MITARBEIT Tanja Hanhart (th), Primo Mazzoni (pm) // SEKRETARIAT Claudia Brändle BÜRO Postfach, 8022 Zürich, Telefon 044 412 31 28, Fax 044 212 13 77 WWW.FILMPODIUM.CH // E-MAIL info@filmpodium.ch // KINO Nüschelerstr. 11, 8001 Zürich, Tel. 044 211 66 66 UNSER DANK FÜR DAS ZUSTANDEKOMMEN DIESES PROGRAMMS GILT: Ascot Elite Entertainment Group, Zürich; Association Chaplin, Paris; British Film Institute, London; Bundesarchiv-Filmarchiv, Berlin; La Cinémathèque française – Musée du cinéma, Paris; Deutsches Filminstitut – DIF, Wiesbaden; DRG, London; EYE Film Institute Netherlands, Amsterdam; Filmarchiv Austria, Wien; Österreichisches Filmmuseum, Wien; Films Transit International, Montreal; Gaumont Pathé Archives, Saint-Ouen; Hollywood Classics, London; Imamura Productions, Tokio; Imperial War Museum, London; Kadokawa Herald Pictures Inc., Tokio; Kinostar, Stuttgart; Kitano Productions, Tokio; Peter Langs/Universal ­Studios Film Archive, Los Angeles; MK2, Paris; Joshua Moore, San Francisco; Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden; Nikkatsu, Tokio; ­Oshima Productions, Tokio; Park Circus, Glasgow; Praesens Film, Zürich; Pro-Fun Media Filmverleih, Berlin; Rialto Film, Zürich; Schweizer Jesuitenprovinz, Zürich; Shochiku International, ­Tokio; Splendid Film, Köln; SRF Schweizer Radio und Fernsehen, Zürich; Stamm Film, Zürich; Studiocanal, Berlin; Svenska Filminstitutet, Stockholm; The Japan Foundation, Tokio; Toei, Tokio; Toho International Co. Ltd., Tokio; Trigon-Film, Ennetbaden; Universal Pictures International, Zürich; Visit Films,Brooklyn; Warner Bros. (Transatlantic) Inc., Zürich.

DATABASE PUBLISHING BitBee Solutions GmbH, Zürich // KONZEPTIONELLE BERATUNG Esther Schmid, Zürich GESTALTUNG TBS & Partner, Zürich // KORREKTORAT N. Haueter, D. Däuber // DRUCK Ropress, Zürich // AUFLAGE 7000 ABONNEMENTE Filmpodium-Generalabonnement : CHF 400.– (freier Eintritt zu allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Filmpodium-Halbtaxabonnement: CHF 80.– / U25: CHF 40.– (halber Eintrittspreis bei allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Abonnement Programmheft: CHF 20.– // Anmeldung an der Kinokasse, über www.filmpodium.ch oder Tel. 044 412 31 28

VORSCHAU Pre-Code Hollywood: Let’s Misbehave

Inselfilme

Die Jahre 1930–1934 stellen in der Ge-

Ab Juni widmet das Literaturmuseum Strau-

schichte Hollywoods eine Epoche einer un-

hof dem Thema «Inseln – Paradies und

gewöhnlichen Freiheit und Offenheit dar, die

Hölle» eine Ausstellung. Auch im Kino sind

mit der Durchsetzung des Production oder

Inseln seit jeher als Horte des Glücks oder

Hays Code ab Juli 1934 jäh unterbrochen

des Grauens, als Projektionsfläche für Uto-

wurde, einer freiwilligen Selbstbeschrän-

pien und Ängste ein höchst beliebter und

kung der Studios, um drohenden Boykotten

auch künstlerisch ergiebiger Topos. All jene,

und staatlicher Zensur zu entgehen. Die Pre-

die es diesen Sommer nicht auf die Balearen

Code-Filme erzählen ungeschönt vom Alltag

oder die Malediven verschlägt, lädt das Film-

in einem von Depression, Hoffnungslosigkeit

podium ein, die Inseln der cineastischen

und Kriminalität geprägten Amerika, von Al-

Imagination zu besuchen, zum Schwelgen,

koholkonsum, emanzipierten Frauen und

zum Träumen – oder auch zum wohligen

Überlebenskünstlern. Den Rhythmus der

Gruseln.

Grossstadt nehmen sie in rasanten Schnitt-

Hinweis: Das Filmpodium macht diesen

folgen, schnoddrigen Dialogen und ellipti-

Sommer keine Spielpause; das Kino bleibt

schen Erzählweisen in sich auf.

nur vom 22. bis 25. September geschlossen.


„Hinreissend friedfertig und liebenswürdig.“ TAGES-ANZEIGER

„Es ist als schaute man das Leben selbst. Dieses Meisterwerk schreibt Filmgeschichte.“ NZZ

„There has simply never been anything like this film.“ ROLLING STONE

A film by Richard Linklater

JUNE 5

Profile for Tanja Hanhart

Filmpodium 16. Mai – 30. Juni 2014 / Programme issue May 16 – June 30, 2014  

Japan Filmklassiker / San Francisco / Das erste Jahrhundert des Films: 1954 / Der Grosse Krieg auf Schweizer Leinwänden / Filmpodium für Kin...

Filmpodium 16. Mai – 30. Juni 2014 / Programme issue May 16 – June 30, 2014  

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