Filmpodium Programmheft Februar März 2016 // Filmpodium programme issue february march 2016

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16. Februar – 31. März 2016

Menschen im Hotel Atom Egoyan


www.trigon-film.org

Frühere Meisterstücke von Hirokazu Kore-eda gibt’s auf DVD das neuste ab 3. März im Kino

our little sister «Nicht verpassen!» Le MoNde «Un pur chef d’oeuvre!» Freddy BUache «Kore-eda feiert das Leben, indem er den augenblick betont … und man sieht: Glück ist, die Schönheit im Vergänglichen zu erkennen.» die Zeit


01 Editorial

Sonnenbrand Des einen Freud, des andern Leid: Der endlose Sommer 2015 hat Zürichs ­Badeanstalten ein Rekordjahr beschert, aber die Kinos hatten es schwer, vor allem jene, die ihre kargen Schönwettereinspielergebnisse nicht zum Jahres­ ende mit Blockbustern wie Spectre, Schellen-Ursli, Heidi oder The Force Awakens kompensieren konnten. Fürs Filmpodium war das letzte Jahr anspruchsvoll, auch weil es neben der Programmarbeit die hauseigene Datenbank und vor allem die Website von Grund auf umzubauen und neu zu lancieren galt. Im Kino wurden 307 Filme/Programme gezeigt. Filmschaffende wie Gene Kelly, Koji Yakusho, Fritz Kortner, Frederick Wiseman, John Hurt, Ritwik Ghatak, Joan Crawford, Bette Davis, Hayao Miyazaki, John Waters, Sam Peckinpah und Andrej Tar­ kowskij wurden mit umfangreichen Retrospektiven geehrt. Weitere Schwer­ punkte galten den Filmländern Tschechien und Slowakei sowie dem Stumm­ film der Jahrgänge 1915 und 1925. Kooperationen mit anderen kulturellen Institutionen und Veranstaltungen der Stadt Zürich wie dem Museum Riet­ berg, den Festspielen Zürich, dem Kunsthaus, dem Literaturhaus und dem Strauhof ergänzten das Programm ebenso wie die «Woche der Nominierten» zum Schweizer Filmpreis. Im Dezember ging erstmals das Human Rights Film Festival Zurich im Filmpodium und im Riffraff über die Bühne: mit grossem Anklang. 2015 beehrten uns Patricia Ward Kelly, Koji Yakusho, Frederick Wiseman, Christian Schocher, Xiaolu Guo und Fredi M. Murer. Letztere Be­ suche, die Musiker der Stummfilmfestivals sowie das Filmbuff-Quiz und ein Vortrag von Elli Mosayebi zur einzigartigen Architektur unseres Kinos wur­ den mehrheitlich vom Filmpodium-Förderverein Lumière finanziert, der un­ ser Rahmenprogramm nach wie vor dankenswerterweise vergoldet. Unterschiedlichen Zuspruch fanden die 15 Premieren und drei Reediti­ onen des letzten Jahres, das Erfolge wie At Home – Sto spiti und Reisender Krieger sowie Enttäuschungen wie Métamorphoses und The Visit verzeich­ nete. Die absolute Eintrittszahl ist um 3689, also 10 % gesunken, die Eintritte pro Vorstellung von 43 auf 39; die 925 öffentlichen Vorstellungen verzeich­ neten 35 958 Eintritte. Damit liegt das Filmpodium im Trend der Schweizer Arthouse-Kinos, die 2015 alle Federn lassen mussten. Es mag kleinlich anmuten, für 2016 auf Kino- statt Kaiserwetter zu hof­ fen, aber wir sind freilich froh, wenn wieder mehr Gäste sich im Glanz der Filmkunst sonnen, statt in der Badi zu braten. Michel Bodmer Titelbild: Delphine Seyrig und Giorgio Albertazzi in Alain Resnais’ L’année dernière à Marienbad


02 INHALT

Atom Egoyan

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Der Kanada-Armenier Atom Egoyan hat bis heute 16 Langfilme geschaf­ fen, darunter preisgekrönte Meister­ werke wie The Sweet Hereafter, pro­ vokative Psychodramen wie The Ad­juster und kontroverse Auseinander­ setzungen mit der Zeitgeschichte wie Ararat. Im Zentrum seiner raffinier­ ten, oft doppelbödigen Werke stehen stets Fragen der Wahrnehmung, der medialen Entfremdung und der Iden­ tität. In unserer Hommage an das Werk dieses vielseitigen Künstlers sind mehrere Werke als Premiere zu sehen, darunter der hintergründige Dokumentarfilm Citadel, die BeckettAdaptation Krapp’s Last Tape, das Dokudrama Devil’s Knot und der Entführungsthriller The Captive. Bild: The Sweet Hereafter

Menschen im Hotel

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In Hotels treffen Menschen verschie­ dener sozialer und nationaler Her­ kunft aufeinander; es kommt zu Be­ gegnungen und Konfrontationen, die ausserhalb des Gasthauses nie statt­ finden würden. Hotels sind Schau­ platz grosser Auftritte und kleiner Dramen; als Mikrokosmos und Meta­ pher zugleich bieten sie idealen Film­ stoff. Unsere Auswahl aus dem Ham­ burger cinefest von 2015 bringt aus der Stummfilmzeit den Klassiker Der letzte Mann und die Wiederentde­ ckung Grand Hotel ...! und geht von Robert Siodmaks erstem Tonfilm Abschied (1930) über die Schweizer Klassiker Palace Hotel (1952) und Hors saison (1992) bis zu Wes Ander­ sons versponnenem The Grand Budapest Hotel. Bild: Der letzte Mann


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Das erste Jahrhundert des Films: 1936

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Luis Trenker erobert statt Berges­ höhen als Kaiser von Kalifornien die Weite in Übersee, Gary Cooper geht mit Capras Mr. Deeds Goes to Town stadtwärts, Chaplin lässt sich in Modern Times von denselben ver­ schlingen, Ozu dreht mit Der einzige Sohn seinen ersten Tonfilm und Re­ noir arbeitet mit Les bas-fonds erst­ mals mit Jean Gabin. Bild: Mr. Deeds Goes to Town

Zum 80. Geburtstag von Rolf Lyssy

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Rolf Lyssy, der Schöpfer von Die Schweizermacher (1978), wird am 25. Februar 80 Jahre alt. Aus diesem Anlass und zum Erscheinen des Bu­ ches «Die Schweizermacher – Und was die Schweiz ausmacht» ehrt das Filmpodium den Regisseur mit der Wiederaufführung zwei seiner Filme.

Premiere: Erbarme Dich: Matthäus Passion Stories

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In einer verlassenen Kirche versam­ melt sich ein Chor von Obdachlosen für Proben zur «Matthäus-Passion» von Johann Sebastian Bach. In diesem eigenwilligen Rahmen erkundet der Filmemacher Ramón Gieling die zeit­ lose Faszination dieses Werks.

Filmpodium für Kinder: Mein Name ist Eugen

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Michael Steiner hat den Kinderbuch­ klassiker entstaubt und mit viel Witz und Tempo einen der erfolgreichsten Schweizer Filme realisiert. Bild: Mein Name ist Eugen

Einzelvorstellungen IOIC-Soireen: Faust – eine deutsche Volkssage und Nathan der Weise 36 Sélection Lumière: Foreign Correspondent 40


Š Ego Film Arts


05 Atom Egoyan

Das Medium ist die Massage Der Zeitgeist hat es vielen Filmemachern angetan. Aber während die meisten nur modebewusst auf ihm surfen, ist Atom Egoyan ihm auf den Grund gegangen. Der kanadisch-armenische Cineast hat schon lange vor dem Internetzeitalter und der heutigen Bilderflut begonnen, sich mit der entfremdenden Mediatisierung unseres Lebens und unserer Gefühlswelt zu beschäftigen. Ein Versicherungsangestellter kümmert sich bei Schadenfällen so liebevoll um seine Kunden, dass sie ihm wichtiger werden als seine auseinanderbröckelnde Familie. Ein Fotograf erkennt erst beim Sichten seines Filmmaterials, dass seine Frau vor seiner Kamera mit dem Reiseführer angebändelt hat. Ein ­Vater, der seine Tochter verloren hat, sucht Trost in einem Strip-Club, wo ein ­Mädchen in Schuluniform für ihn tanzt. Ein Pädophiler, der seit Jahren ein Mädchen gefangen hält, weidet sich via Video an der Trauer der ahnungs­ losen Mutter. Was ist hier falsch? Oder besser: Was ist hier genau richtig ge­ troffen? Atom Egoyan hat seit 1977 sechzehn Kinofilme sowie mehrere Kurz­ filme und Fernsehproduktionen gedreht, die sich alle auf gewitzte und hinter­ sinnige Weise mit unserer Wirklichkeit und ihren gesellschaftlichen Auswüch­ sen auseinandersetzen. Wie kaum ein Zweiter findet er eigenwillige und prägnante Symbole und Chiffren für eine Zeit, in der Fetische, Perversionen und Ersatzhandlungen an die Stelle normal-menschlicher Beziehungen und Vorgänge treten. Er weiss, dass es in unserer medienübersättigten Welt un­ möglich ist, sich «kein Bild zu machen», aber er weiss auch, was auf dem Spiel steht, wenn man sich der medialen Massage hingibt: Projektionen, im filmi­ schen wie im psychologischen Sinne, verschleiern Realitäten, die sich unver­ sehens rächen können, wenn sie missachtet werden. Egoyans Bewusstsein für das Nebeneinander verschiedener Realitäten und sein Verständnis für alle Aspekte der Entfremdung und der Verfremdung gründen auch in seiner Biografie: 1960 wurde er in Kairo als Spross armeni­ scher Flüchtlinge geboren. Als «typische Sixties-Eltern» gaben die Egoyans zu Beginn des Kernkraft-Zeitalters ihrem Sohn den Namen Atom. Diese eigen­

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Arsinée Khanjian, Egoyans Ehefrau und Protagonistin seiner frühen Filme, in Calendar (1993)

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Zwischen Begehren, Fantasie und Eifersucht: Julianne Moore und Amanda Seyfried in Chloe (2009)


06 willige Familie floh ihrerseits vor dem Nationalismus der Nasser-Ära ins westliche Kanada. Atom wollte zunächst Diplomat werden, fand dann aber über das Theater zum Film und zu einer eigenen cineastischen Stimme. Egoyan bewegte sich in der aufstrebenden neuen Filmszene Torontos: Der Kanadaschweizer Peter Mettler wurde sein Kameramann, der spätere Kult­filmer Bruce McDonald (Roadkill) besorgte den Schnitt; jeder half jedem. ­Bereits 1984 entstand Egoyans Erstling Next of Kin, in dem ein junger Mann sein reiches, aber hohles protestantisch-angelsächsisches Elternhaus gegen eine einfache, aber lebensfrohe armenische Familie eintauscht. Das Debüt erntete gute Kritiken, doch richtig aufmerksam wurde die Filmpresse 1987 wegen einer Geste von Wim Wenders: Am Festival international du cinéma nouveau in Montreal schenkte Wenders, der für Der Himmel über Berlin ausgezeichnet wurde, den Geldpreis spontan seinem Nachwuchskollegen ­ Egoyan, dessen Zweitling Family Viewing eine Besondere Erwähnung ergat­ tert hatte. Sex, Lügen und Video Family Viewing und zwei Jahre später Speaking Parts schilderten die Wech­ selwirkungen von «sex, lies, and videotape» noch konsequenter und unbe­ quemer als Steven Soderberghs gleichnamiger Palme-d’Or-Gewinner von 1989. Bei The Adjuster (1991) verwob Egoyan zusätzlich Handlungsstränge über das zweideutige Verhältnis des Zensors zu Pornografie und die Brüchig­ keit von Fertighaus-Idyllen. In allen frühen Filmen spielte Egoyans Frau Arsinée Khanjian mit. Mehr noch als andere Mitglieder seines Stamm-Ensembles wirkte sie stilisiert und ikonenhaft. Erst in Calendar (1993), in dem Egoyan selbst umständehalber die Hauptfigur spielte, wirkte sie locker und natürlich. Vielleicht deshalb wurde diese kunstvoll verschachtelte, teilweise dokumentarisch anmutende Geschichte des Fotografen, dessen Frau ihn verlässt, von vielen Kritikern für bare Münze genommen, was Egoyan verblüffte. Anders als manche Regis­ seure, die ihre Geliebte vor die Kamera stellen, ist er sich der inhärenten Ge­ fahren für das Privatleben bewusst: «Ich habe mich stets gehütet, Arsinée zu idealisiert darzustellen. Sonst liebe ich am Ende das Bild und bin mit der Re­ alität unzufrieden.» In ebendiese Falle tappen viele von Egoyans Protagonisten. So spielt Exotica (1994) zu weiten Teilen in einem gediegenen Strip-Club, wo Männer sich von schönen Frauen betören lassen, die sie nur ansehen, aber nicht be­ rühren dürfen. Viele Zuschauer, die Exotica für einen Sexfilm hielten, stellten irritiert fest, dass der Regisseur stattdessen ihren Voyeurismus und dessen Ri­ siken zum Thema machte: Wer schauen will, muss im Auge behalten, wie er sieht, um sich im Gesehenen nicht zu täuschen.


07 Fremde Stoffe, eigene Ideen Mit The Sweet Hereafter (1997), seiner ersten Romanverfilmung, begann eine neue Phase in Egoyans Schaffen. Nicht dass er sich dem Diktat des Main­ streams gebeugt hätte, im Gegenteil. Er versuchte weiterhin raffiniertes Kino zu machen wie seine Idole Resnais, Antonioni, Bergman und Fellini. «Aber ich habe festgestellt, dass mir das Gestalten von Figuren, mit denen sich der Zuschauer identifiziert, erlaubt, in der Erzählform noch kühner zu werden. Denn wenn man die Figuren kennt, weiss man viel schneller, wie die neue Si­ tuation zu verstehen ist.» So ist die Verschachtelung der Zeitebenen in The Sweet Hereafter oder The Captive (2014) noch komplexer als in früheren Fil­ men, aber dank der starken Darstellerinnen und Darsteller bleibt man auch emotionell dabei. Seit 1997 hat Egoyan zwischen eigenen Geschichten wie Ararat (2002), Citadel (2006) oder Adoration (2008) und Adaptationen fremder Stoffe ab­ gewechselt, wobei letztere sich gut in sein Œuvre einfügen: In Becketts Mono­ drama Krapp’s Last Tape (2000) lässt der Protagonist anhand von Tonband­ aufnahmen seines jüngeren Ichs ein verpfuschtes Leben Revue passieren. Felicia’s Journey (1999), nach dem Roman von William Trevor, handelt von den fatalen Folgen einer verkorksten Kindheit für das Erwachsenendasein. Where the Truth Lies (2005), die kühl-schicke Verfilmung des witzigen Show­ biz-Thrillers von Rupert Holmes, thematisiert das Klaffen zwischen Schein und Sein, Selbstbild und Aussensicht, öffentlichem Auftreten und privaten Geheimnissen. Anne Fontaines erotisches Frauendrama Nathalie... (2003) mutiert in Egoyans Abwandlung unter dem Titel Chloe (2009) zum Kräfte­ messen zwischen Begehren, Fantasie und Eifersucht im Dreieck. Verwirrspiele und Rätsel haben Egoyans Werk immer schon in die Nähe des Krimis gerückt. Mit dem Tatsachendrama Devil’s Knot (2013) und mit The Captive ist er noch tiefer in diese Gattung eingetaucht und lotet die Subjektivität von Wahrnehmung und Wahrheitsfindung auch im Bereich des Verbrechens aus. Manche Kritiker mäkeln, diese jüngsten Genre-Filme seien nicht auf der Höhe von Egoyans Meisterwerken der neunziger Jahre. Man kann die Perspektive auch umkehren und feststellen, dass diese Thriller durch die Komplexität von Egoyans Ideen bereichert werden; das Glas wäre dann nicht halb leer, sondern halb voll. Michel Bodmer


Courtesy of Johnnie Eisen Š Ego Film Arts

> The Adjuster.

> Speaking Parts.

> Family Viewing.

> Next of Kin.


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Atom Egoyan.

NEXT OF KIN Kanada 1984 Der junge Peter tut sich schwer mit seinen zerstrittenen Eltern und geht nur widerwillig zur Familienberatung. Als er dort eines Tages aber auf die Deryans stösst, armenische Einwanderer, die vor Jahren ihren Sohn zur Adoption freigeben mussten und ihn seither vermissen, tut sich Peter eine neue Welt auf. «Atom Egoyans Erstling Next of Kin ist eine ­visuell souveräne, klare und nachdenkliche Exposition zu Entfremdung, Verdrängung und den amorphen Konzepten Zuhause und Familie. Egoyan verwendet innovative Erzähltechniken wie zirkuläre Strukturen und Videobilder, um die zwiespältige Rolle der Technik als praktisches Kommunikationswerkzeug einerseits und unpersönliche Barriere für echte menschliche Bande anderseits zu erkunden. (...) Ausserdem führt Egoyan durch die Illustration des Traumas, das der ‹verlorene› Sohn der Deryans hinterlassen hat, sein wiederkehrendes Thema des abwesenden Kindes ein – einen nie verheilten emotionalen Bruch, der als Antrieb für die psychologischen (und emotionalen) Entwicklungen seiner bahnbrechenden Filme Exotica und The Sweet Here­ after dienen wird. Indem er die dynamische – und oft notwendige – Funktion von Rollenspielen und Täuschungen aus Mitgefühl in sozialen und familiären Beziehungen auslotet, gestaltet Egoyan eine eindringliche und zärtliche humanistische Fabel über Identität, Verkörperung und Verbundenheit.» (Acquarello, Strictly Film School, 2004) 70 Min / Farbe / Digital HD / E // REGIE, DREHBUCH UND SCHNITT Atom Egoyan // KAMERA Peter Mettler // MUSIK The National Song and Dance Ensemble, Atom Egoyan // MIT Patrick Tierney (Peter), Berge Fazlian (George Deryan), Sirvart Fazlian (Sonya Deryan), Arsinée Khanjian (Azah ­Deryan), Margaret Loveyes (Mrs. Foster).

FAMILY VIEWING Kanada 1987 «Papa wirkt wie ein Normalbürger, doch seine Neigungen zu mildem Sadomasochismus und ­Telefonsex haben seine Frau das Weite suchen lassen. Er steckt seine senile Schwiegermutter in ein billiges Altenheim und installiert bei sich eine charmante, Sitcom-würdige Tusse, die seine häuslichen und sexuellen Bedürfnisse befriedigt. Sein Sohn hingegen verbringt seine ganze Freizeit bei Oma im Heim, wo er sich mit einer jungen Frau anfreundet, die zufällig für das Telefonsexunternehmen arbeitet, dessen Kunde sein Vater ist.

Egoyans Film bietet eine seltene – 1987 einzig­ artige – Mischung aus schwarzer Komödie, Pa­ rodie, formalen Spielereien und gefühlvollem Drama und beweist am Ende eine erstaunliche Bandbreite und Reife, indem er allem gleich viel ­Gewicht einräumt, von den Implikationen der Videoüberwachung bis zur Not der betagten Einwanderer aus fremden Ethnien. Bald lacht man, bald ringt man nach Luft, um Augenblicke später zum Taschentuch zu greifen.» (Tony Rayns, Time Out Film Guide) 86 Min / Farbe / 35 mm / E/f // REGIE UND DREHBUCH Atom Egoyan // KAMERA Peter Mettler, Robert MacDonald // ­MUSIK Mychael Danna // SCHNITT Atom Egoyan, Bruce ­McDonald // MIT David Hemblen (Stan), Aidan Tierney (Van), Gabrielle Rose (Sandra), Arsinée Khanjian (Aline), Selma ­Keklikian (Armen), Jeanne Sabourin (Alines Mutter).

SPEAKING PARTS Kanada 1989 «Egoyan verfolgt seine Obsession mit Sex, Tod und Video, die sich in Family Viewing zeigte, weiter und spricht hier von den Gefahren, die davon herrühren, ‹in einer Situation zu leben, in der alles davon abhängt, wie sehr man an bestimmten Bildern hängt oder diese ablehnt›. Für Clara besteht die Gefahr in ihrem Bestreben, das Leben ihres toten Bruders in einen Fernsehfilm zu verwandeln, ein Projekt, aus dem sie zusehends entfernt wird. Für das schüchterne Hotelzimmermädchen Lisa, das sich Videos von seinem Angebeteten ansieht, der in Filmen als Statist auftritt, liegt die Gefahr im naiven Unwissen um das manipulative Potenzial des Mediums. Der schöne Gigolo Lance spielt in beider Leben eine Rolle: als Objekt von Lisas unerfüllter, seltsam ritualisierter Liebe und als Claras Liebhaber und Darsteller ihres Bruders im Film. In einem auffälligen Gegensatz zu den flachen, schlecht aufgelösten Videobildern in Family Viewing wirkt dieser Film visuell üppig und wunderschön gestaltet; trotzdem bleibt ein Eindruck von Unwirklichkeit. Maschinen wie die Videotelefonverbindung, die Lance und Clara als sexuelles Hilfsmittel verwenden, scheinen die Kommunikation eher zu behindern als sie zu fördern. Egoyan verdammt die aufzeichnenden Medien aber keineswegs in Bausch und Bogen, sondern untersucht unser zweideutiges Verhältnis mit ihnen; und dieweil die Figuren nach weniger entfremdeten (Selbst-)Bildern suchen, gelingt dem Film eine bemerkenswerte Synthese von intellektueller Analyse und tief empfundenen Gefühlen.» (Nigel Floyd, Time Out Film Guide) 93 Min / Farbe / 35 mm / E/f // REGIE UND DREHBUCH Atom Egoyan // KAMERA Paul Sarossy // MUSIK Mychael Danna //


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Atom Egoyan. SCHNITT Bruce McDonald // MIT Michael McManus (Lance), Arsinée Khanjian (Lisa), Gabrielle Rose (Clara), Tony Nardi (Eddy), David Hemblen (Produzent), Patricia Collins (Haushälterin), Gerard Parkes (Vater).

THE ADJUSTER Kanada 1991 Noah regelt Schadensfälle für eine Versicherung. Seine Frau Hera ist Filmzensorin. Beide schätzen und berichtigen von Berufes wegen, aber beide missbrauchen ihr Amt: Noah bringt nicht nur die Existenz von Geschädigten ins Lot, er schläft auch mit seinen dankbaren Kundinnen; Hera zeichnet heimlich die Pornos, die sie zensiert, auf und teilt sie mit ihrer Schwester, die der gemeinsamen Kindheit im nunmehr verwüsteten Beirut nachtrauert. Doch dann treten Bubba und Mimi in ihr Leben und machen sie zu Figuren in ihren Fantasiespielen. «The Adjuster ist einer jener Filme, bei denen man rückwärts in die Geschichte gerät. Er beginnt mit Menschen, die rätselhafte Dinge tun, und dann entdeckt man allmählich, was sie machen und warum. Dann ergibt alles einen Sinn – bis auf, in diesem Fall, die Figuren, die obskure Beweggründe und bizarre Geheimnisse haben, obschon sie ihr Leben in höchst anständigen Berufen zubringen. (...) Interessant ist, wie Egoyan dieses äusserst persönliche Universum erschafft und gleichzeitig einen Film macht, der lustig und anspruchsvoll ist. Er ist nicht einer jener Filmemacher, die sich an Verwirrung und Frustration ergötzen. Wenn er uns etwas zeigt, das wir nicht begreifen, und dann zurückzoomt, um es zu erklären, geniesst er diese Enthüllung ebenso sehr wie ein Zauberkünstler – oder ein Stummfilmkomiker wie Buster Keaton. Deshalb ist sein Film auch durchwegs unterhaltsam.» (Roger Ebert, Chicago SunTimes, 24.7.1992) 102 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE UND DREHBUCH Atom Egoyan // KAMERA Paul Sarossy // MUSIK Mychael Danna // SCHNITT Susan Shipton // MIT Elias Koteas (Noah), Arsinée Khanjian (Hera), Maury Chaykin (Bubba), Gabrielle Rose (Mimi), Jennifer Dale (Arianne), David Hemblen (Bert), Rose Sarkisyan (Seta), Jacqueline Samuda (Louise).

CALENDAR Armenien/Kanada/Deutschland 1993 «In diesem Film, der wie ein kompliziertes Puzzle zusammengesetzt werden muss, porträtiert Egoyan einen Fotografen mit dem Auftrag, alte armenische Kirchen für einen schicken Kalender aufzunehmen. Auf seiner Reise, die in Rückblenden

gezeigt wird, begleiten ihn seine Frau, die als seine Dolmetscherin fungiert, und ein Fahrer, der sich als wandelndes Lexikon der abzubildenden Architektur entpuppt. Erst allmählich wird klar, dass sich irgendwann auf dieser Reise ein Liebesdreieck gebildet hat, das schliesslich dazu führt, dass die Frau des Fotografen in Armenien bleiben wird, nachdem er nach Kanada heimgekehrt ist. (...) Calendar ist ein so elegant konstruierter und schön gespielter Film, dass dieses Detektivspiel sehr verlockend wirkt. Nahtlos geschnitten, hält der Film einen visuellen Rhythmus aufrecht, der ebenso souverän wie kühn anmutet. Und die Gegenüberstellung von alter nahöstlicher Musik mit modernem Blues unterstreicht geschickt das psychologische Tauziehen der Geschichte. Wiederkehrende Bilder – Videoaufnahmen der Reisenden, die durch eine Schafherde fahren, der fertige Kalender neben dem Telefon des Fotografen – klingen subtil, aber stark nach. Die schauspielerischen Darbietungen, insbesondere von Arsinée Khanjian in der Rolle der leidenschaftlichen, freigeistigen Ehefrau, wirken so fliessend und natürlich wie Momentaufnahmen aus dem wirklichen Leben, die für die Kamera gestohlen worden sind.» (Stephen Holden, The New York Times, 16.10.1993) 74 Min / Farbe / Digital HD / E // REGIE UND DREHBUCH Atom Egoyan // KAMERA Norayr Kasper // MUSIK Eve Egoyan // SCHNITT Atom Egoyan // MIT Arsinée Khanjian (Dolmetscherin), Ashot Adamyan (Fahrer), Atom Egoyan (Fotograf), Michelle Bellerose (Gast), Natalia Jasen (Gast), Susan Hamann (Gast).

EXOTICA Kanada 1994 Ein Steuerinspektor ist fasziniert von einer Stripperin im Nachtklub Exotica, was deren Exfreund nicht passt. Ein Tierhändler wird in dieses seltsame Dreieck hineingezogen. Ein junger Mann wird am Zoll als mutmasslicher Schmuggler angehalten. Diese Schicksale verstricken sich auf überraschende Weise. «Im Vergleich zu der ritualisierten Kälte und Zwanghaftigkeit seiner ersten vertrackten Filmfiktionen ist Exotica eine geradezu offene und romantisch ausschweifende Fantasie. Die voyeuristische Pirsch durch Einwegspiegel (auch im Nachtlokal Exotica) erlaubt geradezu zärtliche Annäherungen, Prügel werden handfest ausgeteilt, und im hintersten Hinterzimmer rumort als bizarre, hochschwangere Puffmutter Arsinée Khanjian und erlaubt, dass Besucher ihren Bauch berühren.» (Urs Jenny, Der Spiegel, 2.1.1995) «Exotica ist ein eindringliches, beunruhigendes Erlebnis. Egoyan betritt ein unheimliches, irgendwie exzentrisches Universum, das einer eher


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Atom Egoyan. instinktiven als realistischen Dimension angehört. Es wirkt ebenso lebendig – und zugleich einzigartig – wie etwas, das man von David Lynch erwarten würde.» (Leonard Klady, Variety, 16.5.1994) 103 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE UND DREHBUCH Atom Egoyan // KAMERA Paul Sarossy // MUSIK Mychael Danna // SCHNITT Susan Shipton // MIT David Hemblen (Inspektor), Calvin Green (Zollbeamter), Don McKellar (Thomas), Mia Kirshner (Christina), Arsinée Khanjian (Zoe), Elias Koteas (Eric), Bruce Greenwood (Francis), Sarah Polley (Tracey), ­Victor Garber (Harold).

THE SWEET HEREAFTER Kanada 1997 Als im kanadischen Provinznest Sam Dent ein Schulbus verunglückt, finden vierzehn Kinder den Tod. Der aus der Stadt angereiste Anwalt Stephens will die trauernden Hinterbliebenen zu einer Sammelklage bewegen, denn jemand soll die Schuld an dieser Katastrophe übernehmen. In seiner vermeintlichen Kronzeugin, der halbwüchsigen Nicole, die das Unglück überlebt hat, findet Stephens eine erbitterte Widersacherin. Mit dem Roman «The Sweet Hereafter» von Russell Banks hat Egoyan erstmals einen fremden Stoff verfilmt. «Das ist einer der besten Filme des Jahres, ein ungeschöntes Klagelied über die Condition humaine. Ja, er wird nicht linear erzählt, aber das ist keine Spielerei: In gewisser Weise hat Egoyan ­seinen Film so einfach wie möglich konstruiert. Es geht ja nicht um Anfang und Ende der Handlung, sondern um Anfang und Ende der Gefühle.» ­(Roger Ebert, Chicago Sun-Times, 23.12.1997) «Atom Egoyan ist erwachsen geworden und mit ihm seine Filme. Sie haben jetzt mehr als Stil. Sie haben eine Seele.» (Susanne Weingarten, Der Spiegel, 2.3.1998) 112 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Atom Egoyan // DREHBUCH Atom Egoyan, nach dem Roman von Russell Banks // KAMERA Paul Sarossy // MUSIK Mychael Danna // SCHNITT Susan Shipton // MIT Sarah Polley (Nicole Burnell), Ian Holm (Mitchell Stephens), Caerthan Banks (Zoe Stephens), Tom McCamus (Sam Burnell), Gabrielle Rose (Dolores Driscoll), Maury Chaykin (Wendell Walker), Peter Donaldson (Schwartz), Bruce Greenwood (Billy Ansell), David Hemblen (Abbott), Brooke Johnson (Mary Burnell), Arsinée Khanjian (Wanda Otto), Stéphanie Morgenstern (Allison).

FELICIA’S JOURNEY Kanada/GB 1999 Die halbwüchsige Felicia verlässt ihre Eltern in Irland, um in England ihren Freund Johnny zu su-

chen, der sie verlassen hat. Der freundliche Kantinenwirt Hilditch, der seine eigene Jugend nie richtig überwunden hat, nimmt das schwangere, hilflose Mädchen unter seine Fittiche – aber nicht mit lauteren Absichten. «Egoyan ist ein höchst hinterhältiger Regisseur und erzielt seine Wirkung unter der Oberfläche. Er zeigt Menschen, die in einem Muster aus ihrer Vergangenheit und ihren Bedürfnissen gefangen sind. Zufälle und seltsame Sprünge in der Handlung begrüsst er, weil er nicht will, dass wir uns in Sicherheit wiegen, was den Ausgang der Geschichte angeht. Kaum je bietet er eine zu Tränen rührende Szene, einen emotionalen Höhepunkt, eine Katharsis. Es ist, als injizierten seine Filme Stoffe in unser Unterbewusstsein, und Stunden später, wie eine langsame Reaktion in einer Retorte, erhitzen sie sich und kochen über. Wenn man aus Felicia’s Journey herauskommt, schätzt man ihn. Eine Woche später ist man von ihm überwältigt.» (Roger Ebert, Chicago SunTimes, 19.11.1999) 116 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Atom Egoyan // DREHBUCH Atom Egoyan, nach dem Roman von William Trevor // KAMERA Paul Sarossy // MUSIK Mychael Danna // SCHNITT Susan Shipton // MIT Bob Hoskins (Joe Hilditch), Arsinée Khanjian (Gala), Elaine Cassidy (Felicia), Sheila Reid (Iris), Nizwar Karanj (Sidney), Ali Yassine (Zollbeamter), Peter McDonald (Johnny Lysaght), Gerard McSorley (Felicias Vater).

KRAPP’S LAST TAPE Irland 2000 «John Hurt ist verblüffend in einer mehrheitlich reaktiven Rolle, da Krapp zu einer grausigen existenziellen Epiphanie gelangt, indem er sich die mal trivialen, mal schmerzlich idealistischen Träumereien seiner jüngeren Ichs anhört. Dieser Schauspieler hat wohl auf der Leinwand nie mehr so tief in der Seele einer Figur gewühlt, seit er vor 16 Jahren in 1984 einen ebenso ergreifenden Jedermann verkörperte. Glaubhaft ein gutes Stück über seine tatsächlichen Jahre (60) hinaus gealtert, vereint er typische Zerbrechlichkeit, emotionale Durchsichtigkeit und sarkastische Selbstbewusstheit in einer umwerfenden, makellosen Darbietung. Die trostlose Universalität von Becketts Kernaussage – kurz und unfein gesagt: Das Leben ist Scheisse und dann stirbt man – ist kaum je kraftvoller in Szene gesetzt worden. Der Schauspieler vernachlässigt dabei auch nicht die üppige (wenn auch gequälte) Komik seiner Rolle; selbst mit kleinsten Gesten, Modulationen der Stimme oder Augenbewegungen kann er ein Lachen erzeugen. Egoyan liefert einen perfekten Rahmen für den unaufdringlichen, aber meisterhaften Ein-


> Adoration.

> Krapp’s Last Tape.

> Devil’s Knot.

> Exotica.

Courtesy of Johnnie Eisen © Ego Film Arts

> The Sweet Hereafter.


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Atom Egoyan. satz des filmischen Vokabular: Schnitte, Travellings und Cadragen verstärken stets die Bedeutung des Texts und die Intensität der Darstellung, mit sparsamer Anmut.» (Dennis Harvey, Variety, 26.9.2000)

Englisch und Armenisch die Herkunft seines ­Vornamens und was es mit seinem berühmten Namensvetter, dem armenischen Maler Arshile Gorky, auf sich hat. Was als kleines Home Movie daherkommt, wird zur prägnanten Reflexion über Geschichte, Kultur und Identität.

58 Min / Farbe / Digital SD / E // REGIE Atom Egoyan // DREHBUCH Atom Egoyan, nach dem Theaterstück von Samuel

4 Min / Farbe / Digital SD / E, Armenisch // REGIE, DREHBUCH

­Beckett // KAMERA Peter Mettler, Paul Sarossy // SCHNITT

UND KAMERA Atom Egoyan // MUSIK Eve Egoyan.

Atom Egoyan // MIT John Hurt (Krapp).

ARARAT Kanada/Frankreich 2002 «Die wimmelnden Ideen in Ararat, Atom Egoyans tiefschürfender Reflexion über historisches Gedächtnis, purzeln in einer so verwegenen Fülle von der Leinwand, dass man beim Zuschauen Angst bekommen mag, etwas zu verpassen, wenn man auch nur mal blinzelt. Das katalytische Ereignis, um das der Film seine Ideen spinnt, sind die Massaker und Zwangsmärsche, mit denen die Türkei 1915 über eine Million ihrer armenischen Bürger auslöschte (zwei Drittel der armenischen Bevölkerung im Lande), eine Katastrophe, die immer noch überwiegend unter den Teppich der Weltgeschichte gekehrt wird. (...) Wie alle Filme von Egoyan ist auch Ararat ein vielschichtiges Werk, das sich zusehends tiefer in sein Thema hineingräbt. Dieser Regisseur war schon immer davon fasziniert, wie Film und Video die Wirklichkeit verzerren, die sie zu enthüllen vorgeben. Eine der forschenden Fragen, die in der Struktur des Films selbst liegt, ist, wie ein historisches Trauma wie die armenische Katastrophe in Kino und Fernsehen darzustellen wäre. Indem Ararat verfolgt, wie ein Film über die Katastrophe gemacht wird, der selbst Ararat heisst, deutet er an, wie Filme unvorstellbare Schrecken zu edelgesinnter, aber manipulativer Unterhaltung verarbeiten. (...) Ohne Frage der Film, der in diesem Jahr am meisten zum Denken anregt.» (Stephen Holden, The New York Times, 15.11.2002) 115 Min / Farbe / 35 mm / OV/f/d // REGIE UND DREHBUCH

CITADEL Kanada 2006 «Arsinée Khanjian kehrt an die Orte ihrer Kindheit in Beirut zurück, wo sie bis zum Alter von 17 Jahren gelebt hatte, bevor sie sich in Toronto niederliess. Atom Egoyan begleitet sie mit einer kleinen Digitalkamera. Im Wesentlichen beherrscht die Schauspielerin das Bild, ob in der Unterhaltung mit anderen oder beim Dialog mit dem Regisseur. Dieser kommentiert die Reise, seine Off-Stimme richtet sich an seinen Sohn. Der von Musikstücken und Gesängen untermalte Film ist eine Lektion in Politik- und Sozialgeschichte, in der der Bürgerkrieg und die Übergriffe von Sabra und Chatyla angesprochen werden; zugleich reflektiert Atom Egoyan darin über sich und Arsinée Khanjian als Paar, dessen Komplizenschaft auf einem filmischen Pakt beruht. Citadel ist von dem Willen beherrscht, mit den Augen dieser Frau zu sehen, in denen sich ihre persönlichen Erinnerungen ebenso wie die kollektiven des Libanons spiegeln. In Tripoli, in der Schlossruine von Saint-Gilles, geschieht dann etwas Seltsames. Egoyan fängt mit der Kamera ein verstörend intimes Ereignis ein. (...) Hier überführt der Film die Reise in eine Reflexion, die den Zuschauer in ein gesundes Missbehagen entlässt.» (Jean Perret, Katalog Visions du Réel 2006) 93 Min / Farbe / Digital SD / E/f // REGIE, DREHBUCH, KAMERA UND SCHNITT Atom Egoyan.

Atom Egoyan // KAMERA Paul Sarossy // MUSIK Mychael

ADORATION

Danna // SCHNITT Susan Shipton // MIT David Alpay (Raffi),

Kanada 2008

Arsinée Khanjian (Ani), Christopher Plummer (David), Charles Aznavour (Edward Saroyan), Marie-Josée Croze ­(Celia), Eric Bogosian (Rouben), Brent Carver (Philip).

VORFILM: A PORTRAIT OF ARSHILE Kanada/GB 1995 Atom Egoyan und seine Partnerin Arsinée Khanjian erklären ihrem kleinen Sohn Arshile auf

«Ein junger Mann palästinensischer Herkunft, so wird erzählt, habe in einer westlichen Stadt seine schwangere Braut auf eine Flugreise zu seiner Familie nach Israel geschickt: mit einer tickenden Zeitbombe im Handgepäck – und der Anschlag sei nur dank der Sicherheitskontrolleure gescheitert. Die Geschichte dieses besonders zynischen oder fanatischen Terroristen beruhe auf einem verbürgten Vorfall, der ungefähr 20 Jahre zurückliege, sagt der kanadische Autor und Regisseur


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Atom Egoyan. Atom Egoyan. In seinem Film Adoration erzählt er sie in einer faszinierenden Vielfalt von Aspekten, Beleuchtungen, Spielarten. Am einen Ende seines Spektrums erscheint die Story, wertfrei und kalt, als Übersetzungsaufgabe im Französischunterricht einer Highschool-Klasse; am anderen Ende, hochemotional, gibt es den Auftritt eines alten, traumatisierten Juden, der damals in der bedrohten Maschine sass. (...) Adoration ist ein ehrgeizig ausgeklügelter Psychothriller, der jeder Figur die Chance gibt, ihre Trümpfe mit grösstem Effekt auszuspielen. Das Reiseziel, welches die schwangere Braut am Flughafen nennt, ist Bethlehem. So rundet sich das Trugbild einer unheiligen Familie. Egoyans vielteiliges Erzählpuzzle fügt sich zu einem geradezu altväterlich engen, strengen Drama zusammen, das sich in einem schicksalsschweren Unwetter an der weihnachtlichen Familientafel entlädt.» (Urs Jenny, Der Spiegel, 18.5.2009)

die passende, stimmungsvolle Untermalung. In den feinen Verästelungen aus (homo-)erotischer Suspense und bewährten Thriller-Elementen bewegen sich die Schauspieler jederzeit souverän.» (Markus Wessel, programmkino.de)

101 Min / Farbe / 35 mm / E/d // REGIE UND DREHBUCH Atom

Als 1993 in Arkansas drei Jungen ermordet werden, fällt der Verdacht auf drei Halbwüchsige. Der Prozess wirft jedoch Fragen auf. Drama nach Tatsachen. «Egoyans Held ist (...) nicht der klassische Aufdecker, sondern ein überzeugter Zweifler. Privatdetektiv Ron Lax gerät an den Fall nicht, weil er uneingeschränkt an die Unschuld der Teenager glaubt, sondern weil er ihre Bestrafung verhindern will. Er weiss nicht die Wahrheit, er zweifelt bloss eine Wahrheit an. Und mehr noch als Plädoyer gegen Todesstrafe und US-Justizsystem ist Devil’s Knot Plädoyer für diese Art von Skepsis. So enttäuschend der Film als Dramatisierung einer wahren Begebenheit also ist, so konsequent ist er in dem, was er versucht. Dass dieser Versuch scheitert, scheitern muss, liegt am spannungsreichen Verhältnis zur Authentizität des Materials. Egoyan dekonstruiert so wild, legt so viele neue Spuren, spielt gar mit dem Gedanken einer willentlichen Verschwörung, dass wir immer wieder auf die wahre Begebenheit zurückgeworfen werden, den Film abgleichen wollen mit der Realität, gar nicht anders können, als genau die Frage zu stellen, deren vorschnelle Beantwortung fast zum Tod eines 18-Jährigen geführt hätte. Mit der Konstruktion eines klassischen Whodunit und der Verweigerung seiner Auflösung zwingt uns Egoyan die Suche nach Wahrheit auf, die er selbst problematisiert.» (Till Kadritzke, critic.de, 3.10.2013)

Egoyan // KAMERA Paul Sarossy // MUSIK Mychael Danna // SCHNITT Susan Shipton // MIT Devon Bostick (Simon), ­Arsinée Khanjian (Sabine), Scott Speedman (Tom), Rachel Blanchard (Rachel), Noam Jenkins (Sami), Kenneth Welsh (Morris, der Grossvater).

CHLOE USA/Kanada/Frankreich 2009 Catherine verdächtigt ihren Mann David der Untreue. Um ihn auf die Probe zu stellen, setzt sie das Callgirl Chloe auf ihn an – mit ungeahnten Folgen. «Mit der Neuverfilmung der französischen Dreiecksgeschichte Nathalie… betritt (...) Atom Egoyan nur auf den ersten Blick für ihn ungewohntes Terrain. Es stimmt, dass Chloe an der Oberfläche wesentlich konventioneller als die meisten seiner früheren Arbeiten anmutet (...), gleichwohl verstecken sich in der geradlinigen Erzählung viele Gedanken und Ideen, die Egoyan schon immer beschäftigten. Vor allem spielt das von Secretary-Autorin Erin Cressida Wilson verfasste Drehbuch mit der nicht immer klar erkennbaren Grenze zwischen dem, was wahr ist, und dem, was lediglich unserer subjektiven Perspektive und Wahrnehmung entspringt. (...) Egoyan transportiert den Taumel zwischen obsessivem Verlangen, Ekel, Abscheu und Hingabe vornehmlich über eine kühl-elegante Bildsprache (...) und eine Betonung der Details. Die erste Berührung zwischen Catherine und Chloe ist beispielhaft für diese Inszenierung, bei der jeder Blick, jede Geste wie ein Rad in das andere greift. Dazu liefert Filmkomponist Mychael Danna

96 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Atom Egoyan // DREHBUCH Erin Cressida Wilson // KAMERA Paul Sarossy // ­MUSIK Mychael Danna // SCHNITT Susan Shipton // MIT ­Julianne Moore (Catherine Stewart), Liam Neeson (David Stewart), Amanda Seyfried (Chloe Sweeney), Nina Dobrev (Anna), Max Thieriot (Michael Stewart), Meghan Heffern (Miranda), Natalie Lisinska (Eliza), Tiffany Knight (Trina), ­ Mishu Vellani (Rezeptionistin Julie), Julie Khaner (Bimsy), Laura DeCarteret (Alicia).

DEVIL’S KNOT USA 2013

114 Min / Farbe / Digital HD / E/d // REGIE Atom Egoyan // DREHBUCH Paul Harris Boardman, Scott Derrickson, nach der Buchvorlage von Mara Leveritt // KAMERA Paul Sarossy // MUSIK Mychael Danna // SCHNITT Susan Shipton // MIT Reese Witherspoon (Pam Hobbs), Stephen Moyer (John Fogelman), Colin Firth (Ron Lax), Mireille Enos (Vicki ­


Atom Egoyan. ­Hutcherson), Kevin Durand (John Mark Byers), Elias Koteas (Jerry Driver), Amy Ryan (Margaret Lax), Bruce Greenwood (Richter David Burnett), Alessandro Nivola (Terry Hobbs), Matt Letscher (Paul Ford), Kristoffer Polaha (Val Price), ­Wilbur Fitzgerald (Tom), Martin Henderson (Brent Davis).

THE CAPTIVE Kanada 2014 Als die 10-jährige Cassandra gekidnappt wird, zerbricht die Ehe ihrer Eltern an dieser Tragödie. Acht Jahre später gibt es Anzeichen, dass Cassandra noch lebt und ihr Entführer mit Eltern und Ermittlern ein Katz-und-Maus-Spiel treibt. «Egoyans Filme waren immer auch Reflexionen über die Macht des Erzählens. Unterdessen gehört die mediale Spiegelung so selbstverständlich zum Alltag, dass Egoyans jüngster Thriller The Captive wie eine Rekapitulation seiner einstigen Obsessionen wirkt. (...) Es geht um Beobachtung und Manipulation, um Wahrnehmung und ­Interpretation und es geht um (...) die Gewalt, wel-

> The Captive.

che derjenige ausübt, der den Verlauf einer Geschichte bestimmt – mithin um die Macht und die Verantwortung des Regisseurs. (...) Nun kombiniert Atom Egoyan eine Natascha-KampuschLangzeit-Entführungsgeschichte mit den Beobachtungs- und Selbst-Darstellungsobsessionen des Internetzeitalters. (...) Und so gesehen ist The Captive ein echter, spannender Egoyan, vielleicht gerade weil er die Distanz zwischen Zuschauern und Figuren nie aufhebt, weil er mich im Kino nicht zu einem Familienmitglied macht, sondern mir immer wieder vor Augen führt, dass ich Zuschauer bin.» (sennhausersfilmblog.ch, 13.1.2015) 112 Min / Farbe / Digital HD / E/d // REGIE Atom Egoyan // DREHBUCH Atom Egoyan, David Fraser // KAMERA Paul ­Sarossy // MUSIK Mychael Danna // SCHNITT Susan Shipton // MIT Ryan Reynolds (Matthew Lane), Scott Speedman (Jeffrey Cornwall), Rosario Dawson (Nicole Dunlop), Mireille Enos (Tina Lane), Kevin Durand (Mika), Alexia Fast (Cassandra Lane), Peyton Kennedy (Cassandra als Kind), Bruce Greenwood (Vince), Brendan Gall (Teddy), Aaron Poole (Mike), Jason Blicker (Sam), Christine Horne (Vicky), Ella ­Ballentine (Jennifer), Aidan Shipley (Albert).

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17 Menschen im Hotel

Grosse Auftritte, kleine Dramen Hotels sind faszinierende Orte: Hier treffen Menschen verschiedener sozialer und nationaler Herkunft aufeinander; es kommt zu Begegnungen und Konfrontationen, die ausserhalb des Gasthauses nie stattfin­den würden. Grosse Auftritte, kleine Dramen, unerwartete Partnerschaften und unverhoffte Lösungen: Hotels sind Mikrokosmos und Metapher zugleich und bieten damit idealen Filmstoff. Wir präsentieren eine Auswahl aus dem Hamburger cinefest von 2015. Die Grundsituation: Die Menschen sind unterwegs und befinden sich in der Regel nicht in ihrer gewohnten Umgebung. Dabei können sie sich verstellen, täuschen und betrügen. Die Reisenden, die im Hotel haltmachen, sind oft nicht, wer sie zu sein scheinen. Womöglich zeigt sich aber auch in dieser Situ­ ation erst ihr wahres Ich. Die Möglichkeiten für dramatische Konflikte sind vielfältig. Für den Film ist dieser Handlungsort geradezu prädestiniert, denn ein Besuch im Hotel ähnelt den anderthalb Stunden, die wir im Kino verbringen: Für kurze Zeit kommen wir in einen begrenzten Raum, und für die Dauer un­ seres Aufenthalts ist dieser kleine Raum wie das ganze Leben. Alles spielt sich hier ab: Geburt und Tod, Begegnungen und Trennungen, Liebe, Hass und Freundschaft, Versteckspiel und Offenbarung, Edelmut und Verbrechen, Le­ benskrisen und deren Bewältigung. Am Ende, wenn wir aus dem Hotel oder dem Kino kommen, kehren wir zurück in unseren Alltag, wo diese Begegnun­ gen noch nicht stattgefunden haben, die Verbrechen noch nicht gewagt sind, die Liebe noch nicht gefunden wurde. Doch vielleicht ist unser normales Le­ ben durch das, was wir in jener kurzen Zeit auf begrenztem Raum erlebt ha­ ben, ein kleines bisschen anders geworden. So ist das Hotel (oder das Kino), ein Spiegel des Lebens und Traum einer besseren Welt. Das zeigt etwa Robert Siodmaks erster Tonfilm Abschied (1930), in dem die Umstände des Zusam­ menlebens am Ende der Weimarer Republik dazu führen, dass ein junges Paar auseinandergeht.

>

Anne-Marie Blanc und Emil Hegetschweiler, nur zwei der vielen Schweizer Stars in Palace Hotel (1952) < Kindheitserinnerungen im poetischen Rückblick: Hors saison von Daniel Schmid (1992)

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Kapriziöser Gast: Greta Garbo in Edmund Gouldings Grand Hotel (1932) nach dem Roman von Vicki Baum


18 Bühne für Täuschungen und Verwechslungen Da die verschiedenen Gäste eines Hotels einander in der Regel nicht kennen, öffnet sich die Bühne für Täuschungen und Verwechslungen. So bietet das Mo­ tiv des Hotels den Stoff sowohl für Dramen als auch Komödien – oder Misch­ formen aus beiden. Das Spiel mit Identitäten bezieht auch die sexuelle Identi­ tät mit ein, so in Victor Jansons Der Page vom Dalmasse-Hotel (1933), in dem Dolly Haas eine junge Frau spielt, die sich, um einen Job im Hotel zu bekom­ men, als Knabe verkleiden muss. Da verliebt sie sich natürlich in einen Hotel­ gast, der ein gestandener Mann ist. Dieser kann diese Liebe allerdings erst er­ widern, als sie das Hotel verlassen und das Versteckspiel aufgehoben wird. Es liegt nahe, das Hotel als filmische Metapher zu verstehen. Die Vor­ gänge während des Hotelaufenthalts, verdichtet auf eine kurze Zeit und einen begrenzten Raum, stehen symbolisch für Vorgänge der ganzen Gesellschaft, die Erkundung des inneren Erlebens und der eigenen Identität. So weisen sur­ reale und hochgradig stilisierte Filme wie Alain Resnais’ L’année dernière à Marienbad (1961), der an Werke Kafkas erinnert, auf inneres statt äusseres Erleben. In Berthold Viertels The Passing of the Third Floor Back (1935) ge­ rät in einem Londoner Boarding House die Konfrontation zwischen einem sanftmütigen Neuankömmling (Conrad Veidt) und einem alteingesessenen reichen Geschäftsmann gar zum Kampf zwischen Gut und Böse. Einige Ho­ telfilme konzentrieren sich auf die Erlebnisse der Gäste, oft gut situiert, doch mit Problemen, wie in Edmund Gouldings Grand Hotel (1932). Portiers und Pagen Andere Hotelfilme werfen den Blick auf die Bediensteten, deren Arbeitsplatz und somit nicht nur vorübergehender Aufenthaltsort das Hotel ist, und die meist unauffällig im Hintergrund für das Wohl der Gäste sorgen, etwa im Schweizer Klassiker Palace Hotel. Die Portiers, Pagen, Kellner, Zimmermäd­ chen und Direktoren wissen oft mehr über die Vorgänge im Leben ihrer Gäste als diese offenbaren wollen. Doch finden sie Erfüllung in ihrer Aufgabe als Diener und heimliche Beobachter, oder eröffnet der Blick durchs Schlüssel­ loch – eines der frühesten Filmmotive – den Wunsch nach einem anderen Le­ ben? Einer der berühmtesten Hotelfilme, F. W. Murnaus auf dem Höhepunkt der Stummfilmzeit entstandener Der letzte Mann (1924), erzählt die Ge­ schichte vom Fall und seltsamen Wiederaufstieg eines Hotelportiers (Emil Jannings), für den diese Stellung alles bedeutet. Die prunkvolle Portiersuni­ form mit ihren goldenen Knöpfen verleiht ihm Respekt und Würde. Als er sie verliert, ist er ein gebrochener Mann. Das von der Produktionsfirma aufge­ zwungene Happy End macht den «letzten Mann» dann doch noch zum rei­ chen Erben, der nun nicht mehr Diener, sondern umsorgter Gast ist. Etabliert ist der Schauplatz Hotel in Literatur und Film spätestens seit Vicki Baums Weltbestseller «Menschen im Hotel» (1929), der die Begegnun­


19 gen zwischen Todessüchtigen, Glücksrittern und Melancholikern in den letz­ ten Jahren der Weimarer Republik schildert. Verfilmt unter anderem als Grand Hotel (1932) und Menschen im Hotel (1959, Regie: Gottfried Rein­ hardt) mit Starensembles der jeweiligen Zeit, wurde Baums Roman nicht nur zum Muster des «group novel», in dem eigentlich voneinander unabhängige, aber in einer bestimmten Situation (Hotel, Kaufhaus, Schiff, Flugzeug) schick­ salhaft aufeinandertreffende Lebensgeschichten erzählt werden. Baums Buch zeigt auch beispielhaft, wie Literatur als Film adaptiert wird: Statt wie bisher entweder Star-Vehikel mit ein oder zwei herausragenden Star-Schauspielern zu produzieren oder dann Ensemblefilme mit einer Gruppe gleichberechtigter Schauspieler, von denen keiner besonders hervorgehoben wird, schuf Holly­ wood für die Verfilmung von «Menschen im Hotel» den Star-Ensemblefilm, und Joan Crawford musste sich erst einmal daran gewöhnen, nur eine von vielen Rollen an der Seite einer Greta Garbo zu spielen. Nicht nur in den Vicki-Baum-Adaptationen bietet der Schmuck der Schönen und Reichen eine verlockende Verführung. Das Hotel ist auch wie­ derholt Tatort diverser Verbrechen. Raub, aber auch Mord, Betrug, Spionage und Verschwörung scheinen dort an der Tagesordnung zu sein. In Johannes Guters Grand Hotel …! (1927), einer Mischform aus Komödie und Drama, löst der Diebstahl eines wertvollen Schmuckstücks eine Kette absurder Ver­ wicklungen aus. Da die meisten Gäste etwas zu verbergen haben, möchten sie den Diebstahl lieber vertuschen statt von der Polizei aufklären lassen. Als die Polizei dann tatsächlich kommt, ist das Ergebnis Chaos, Selbstmord, aber auch eine neue Liebe. «Menschen kommen, Menschen gehen. Nie passiert etwas», sagt der la­ konische Hotel-Dauergast Dr. Otternschlag in Grand Hotel. In Wirklichkeit kann er alles, was passiert, in diesem Mikrokosmos seines Hotels beobachten. «Keiner verlässt die Drehtür so, wie er hereinkam» (Vicki Baum), und dazwi­ schen spielt sich das ganze Leben ab. Olaf Brill, Swenja Schiemann, Erika Wottrich

Die Autorinnen und der Autor gehören zum Team von cinefest, Internationales Festival des deutschsprachigen Film-Erbes, mit dem das Filmpodium bereits mehrfach zusammen­ gearbeitet hat (u. a. «Deutsch-tschechische Filmbeziehungen», 2008 und «Euro-Western», 2012). Der Text (hier leicht gekürzt) ist im reich illustrierten Katalogbuch zum Hamburger Festival erschienen, das zahlreiche Hintergrundgrundartikel und Analysen enthält und an der Kasse des Filmpodiums zum Preis von Fr. 25.– erhältlich ist.


> Hors saison.

> Der Page vom Dalmasse-Hotel.

> Grand Hotel ...!.

> Abschied.

> Drei Männer im Schnee.

> The Passing of the Third Floor Back.


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Menschen im Hotel.

DER LETZTE MANN Deutschland 1924 «Die Geschichte vom sozialen Abstieg des stolzen Portiers vor dem Hotel Atlantic zum Toiletten­ wärter, der mit seiner Uniform auch die Achtung seiner Familie und Umwelt verliert. (…) Weder die Tatsache, dass Der letzte Mann fast ohne erklärende Zwischentitel auskommt, noch die ­ ‹ent­fesselte Kamera› Karl Freunds sind neu in diesem Film. Aber wie Murnau die drehende, schwebende oder schwingende Kamera einsetzt, ist einzigartig.» (Joachim Paech, in: Metzler Film Lexikon) «Zu Jannings’ Lob lässt sich nichts Höheres sagen als: Man denkt niemals an den Schauspieler. Hier, wo er alles an sich reissen, eine erstaunliche Virtuosenleistung hinlegen könnte, bleibt er ganz schlicht und sachlich. (...) Alle Nebenfiguren treffend besetzt. Ohne Mätzchen, ohne Aufdringlichkeit. Entwicklungsgeschichtlich ein grosser Wurf. Wie im Vorjahr die Nibelungen, wird auch dieser Film manchen bisher Filmfremden bekehren, bezaubern und überzeugen, dass der Film wirklich eine Kunst ist.» (Roland Schacht, B.Z. am Mittag, 24.12.1924) 90 Min / sw / DCP / Stummfilm, dt.+engl. Zw’titel // REGIE Friedrich Wilhelm Murnau // DREHBUCH Carl Mayer // KAMERA Karl Freund // MIT Emil Jannings (Hotelportier), Maly Delschaft (seine Nichte), Max Hiller (ihr Bräutigam), Emilie Kurz (seine Tante), Hans Unterkircher (Geschäftsführer des Hotels), Hermann Vallentin (Gast im Hotel), Georg John (Nachtwächter), Emmy Wyda (dünne Nachbarin).

GRAND HOTEL ...! Deutschland 1927 «Im Grand Hotel Boulevard trifft man auf die unterschiedlichsten Menschen und Charaktere. Da ist z. B. ein junger Professor der Medizin, der ein Heilmittel entdeckt hat, aber zur Produktion fehlt das Geld. So stiehlt er aus Verzweiflung den Schmuck einer spanischen Dame. Diese wiederum ist Anarchistin, die einen Anschlag auf einen spanischen Politiker plant. Das Zimmermädchen Anni, nebenbei auch Studentin der Medizin und heftig in den Professor verliebt, kriegt den Diebstahl mit und versucht, es wiedergutzumachen, indem sie den Schmuck versteckt. Der wandert nun von Gast zu Gast, denn keiner will ihn haben. Jeder scheint etwas zu verbergen und Angst vor der Polizei zu haben. Als diese dann während eines Maskenballs eine Razzia im Hotel macht, ist das Chaos gross.» (Katalog cinefest 2015)

«Das Hotel wird zum Symbol, Allegorie des eitlen, gottlosen und doch so süssen und berauschenden Taumels unserer Tage! Bilder und Szenenausschnitte sind nicht mehr spielerische Illustrationen eines konstruierten, gleichgültigen Einzelschicksals, sondern ins Typische gesteigertes, expressionistisch vertieftes, von der Lupe überraschtes Leben!» (F. Dammann, Lichtbild-Bühne, Nr. 213, 6.9.1927) ca. 80 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, dt. Zw’titel // REGIE Johannes Guter // DREHBUCH Béla Balázs // KAMERA Günther Krampf // MUSIK Gustav Gold // MIT Mady Christians (Fräulein Anni), Elisabeth Neumann-Viertel (Mizzi), Dagny ­Servaes (spanische Sängerin Señorita Lamorra), Paul Otto (spanischer Diplomat), Günther Hadank (Professor Pretorius), Erna Morena (Gräfin), Werner Fuetterer (Privatsekretär der Gräfin), Frida Richard (Generalin), Karl Platen (netter alter Herr), Otto Wallburg (Hoteldetektiv), Harry Hardt (Ober Oskar), Heinrich Gotho (Herr vom Vergnügungs-Komitee), John Mylong (Hotelgast).

ABSCHIED. SO SIND DIE MENSCHEN Deutschland 1930 «Ernstes und Heiteres aus einer Familienpension» lautet der Untertitel von Robert Siodmaks zweiter Regiearbeit, die in ihrem Realismus und in der Natürlichkeit ihrer Figuren gelegentlich an das Kollektivwerk Menschen am Sonntag (1930) erinnert, bei dem Siodmak Co-Regisseur war. Die Kamera führte hier wie dort Eugen Schüfftan. «In der Berliner Pension ‹Splendide› kreuzen sich die Schicksale der vom Leben Enttäuschten: Nur Peter und Hella haben Hoffnungen inmitten gescheiterter Existenzen – die ersehnte Hochzeit rückt in Griffweite, als Peter eine bessere Stelle in Dresden angeboten wird. Er will Hella überraschen, erzählt aber anderen Pensionsgästen davon: So erfährt sie es doch und verschweigt nun ihrerseits Geldprobleme, was eine unglückselige Reihe von Missverständnissen auslöst.» (film.at) «Robert Siodmak wird weitergehen zur Sti­ lisierung von Klang und Bild; man spürt es bereits in diesem Film. Was ihn schon heute zum grossen Filmschaffen prädestiniert, ist die Un­ bedenklichkeit des Zupackens, der Mut zum Weitergehen, über Unvollkommenheiten, mo­ mentane Unlösbarkeiten hinweg. So macht man Filmgeschichten und – Filmgeschichte.» (Hans Feld, Film-Kurier Nr. 201, 26.8.1930) 77 Min / sw / DCP / D // REGIE Robert Siodmak // DREHBUCH Emeric Pressburger, Irma von Cube // KAMERA Eugen Schüfftan // MUSIK Erwin Bootz, Herbert Lichtenstein // MIT Brigitte Horney (Hella, Verkäuferin), Aribert Mog (Peter Winkler, Vertreter), Emilia Unda (Frau Weber, Pensionsbe-


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Menschen im Hotel. sitzerin), Konstantin Mic (Bogdanoff), Frank Günther (Neumann, Conférencier), Erwin Bootz (Bootz, Musiker), Martha Ziegler (Lina, Dienstmädchen), Vladimir Sokoloff (Baron).

GRAND HOTEL USA 1932 Ein Panoptikum der exklusiven Klientel, des ­betriebsamen Lebens und der Schicksale, die in einem Berliner Luxushotel zusammenkommen. «Dies war eines der Lieblingsprojekte von Irving Thalberg und der MGM-Kassenschlager, der das Prinzip des Star-Vehikels etablierte. Noch heute knistert der Film vor Witz, Temperament und Vitalität, was sich alles mit dem Umstand erklärt, dass das Studio hier die Creme seiner Talente versammelte. Vor allem aber verdankt sich der Erfolg dem Regisseur, Edmund Goulding, der ein kleines Wunder vollbrachte, indem er die überbordenden Egos der versammelten Stars daran hinderte, sich gegenseitig und damit den Film zu zerstören. Er wurde nicht zufällig ‹der Löwenbändiger› genannt.» (The Motion Picture Guide)

von Wassermann (Drehbuch) die verschiedenen Spannungsmomente ausgenutzt, eine amüsante Kriminalgeschichte mit einer attraktiven Dosis ‹Liebeslust und -leid› aufgerollt. Ja, man kann sogar nicht leugnen, dass einiges direkt ‹zeit­nah› ist.» (Lichtbild-Bühne, Nr. 277, 24.11.1933) 84 Min / sw / 35 mm / D // REGIE Victor Janson // DREHBUCH Walter Wassermann, nach dem Roman von Maria Peteani // KAMERA Hugo von Kaweczynski // MUSIK Eduard Künneke // SCHNITT Roger von Norman // MIT Dolly Haas (Friedel Bornemann/Friedrich Petersen), Harry Liedtke (Baron Dirk von Dahlen), Maria Reisenhofer (Baronin von Dahlen, Dirks Mutter), Hans Junkermann (Baron von Potten), Trude Hesterberg (Mrs. Wellington), Gina Falckenberg (Mabel ­ ­Wellington), Vera Witt (Frau Petersen), Luise Stösel (Käthe Petersen), Walter Steinbeck (Dr. Köppnitz), Ida Krill (die Leuteköchin), Hans Richter (Page Ottokar Lenze), Otto Grüneberg (Page Paul), Tommy Thomas (Liftchef), Hans Adalbert Schlettow (Graf Tarvagna), Erich Fiedler (Sekretär Spöhn), Maria Reisenhofer (Baronin von Dahlen), Albert Hörrmann (Kriminalkommissar).

DREHBUCH William A. Drake, nach dem Roman «Menschen

THE PASSING OF THE THIRD FLOOR BACK

im Hotel» von Vicki Baum // KAMERA William Daniels //

GB 1935

112 Min / sw / 35 mm / E/d // REGIE Edmund Goulding //

­MUSIK Herbert Stothart // SCHNITT Blanche Sewell // MIT Greta Garbo (Grusinskaya), John Barrymore (Baron Felix von Gaigern), Joan Crawford (Flämmchen), Wallace Beery (Generaldirektor Preysing), Lionel Barrymore (Otto Kringelein), Jean Hersholt (Senf), Lewis Stone (Dr. Otternschlag), Robert McWade (Meierheim), Ferdinand Gottschalk (Pimenov), Tully Marshall (Gerstenkorn).

DER PAGE VOM DALMASSE-HOTEL Deutschland 1933 Die arbeitslose Friedel hat Mietschulden und sucht schon länger vergeblich eine Stelle. Als im Dalmasse-Hotel ein Page gesucht wird, leiht sie sich kurzerhand Anzug und Papiere und bewirbt sich mit Erfolg um den Posten. Als vermeintlicher Page Friedrich verliebt sie sich bald in den Baron von Dalen, einen vornehmen Hotelgast, an den sich ihrerseits eine amerikanische Hochstaplerin samt Tochter heranmacht. Nach zahlreichen Verwicklungen «rettet» Friedel ihren Helden; allerdings wird es dadurch immer schwieriger, ihre Maskerade aufrechtzuerhalten. Bezaubernd ist Dolly Haas, die am Anfang ihrer Karriere mehrfach Hosenrollen spielte, sowohl als arbeitslose Waise wie auch als schnittiger junger Mann. Sie verliess 1936 Deutschland und arbeitete ab 1938 in den USA (u. a. in Alfred Hitchcocks I Confess, 1953). «Diese Übertragung des Buches auf den Film ist gelungen (…). In geschickter Weise wurden

«In einem Londoner Boarding House wohnen recht unterschiedliche Menschen zusammen, die sich täglich zu einem Ritual gegenseitiger Verletzungen und Hänseleien treffen. Eines Tages taucht ein Fremder auf, der im Hinterzimmer im dritten Stock Quartier findet. Seine sanfte, gutmütige Art lässt die anderen Bewohner nicht unberührt.» (Katalog cinefest 2015) «Jerome K. Jeromes berühmte Erzählung – ein modernes Allegoriespiel, angesiedelt in einer heruntergekommenen Pension, bevölkert von ­Figuren, die weniger Charaktere als Typen sind (…) – muss eine für die filmische Umsetzung sehr schwierige Thematik gewesen sein. Berthold Viertel hat es dennoch geschafft. Ein Regisseur mit ‹direkterem› Zugriff (…) hätte den Stoff realistisch umgesetzt und dabei eine billige, sentimentale Erfolgskomödie geschaffen, aber der Künstler, oder genauer, der Poet in Viertel hat die Geschichte auf der erforderlichen symbolischen Ebene gehalten.» (C. A. Lejeune, The Observer, 20.10.1935) 91 Min / sw / 35 mm / E // REGIE Berthold Viertel // DREHBUCH Michael Hogan, Alma Reville, nach dem Theaterstück von Jerome K. Jerome // KAMERA Curt Courant // MUSIK Hubert Bath // SCHNITT Derek N. Twist // MIT Conrad Veidt (Fremder), Anna Lee (Vivian Tomkin), René Ray (Stasia), Frank Cellier (Mr. Wright), John Turnbull (Major Tomkin), Cathleen Nesbitt (Mrs. Tomkin), Ronald Ward (Chris Penny),


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Menschen im Hotel. Beatrix Lehmann (Ms. Kite ), Jack Livesey (Mr. Larkcom),

102 Min / sw / DCP / D+Dial // REGIE Leonard Steckel, Emil

Sara Allgood (Mrs. de Hooley), Mary Clare (Mrs. Sharpe), Bar-

Berna // DREHBUCH Richard Schweizer, Wilhelm Michael

bara Everest (Köchin), James Knight (Kommissar).

Treichlinger // KAMERA Konstantin Tschet // MUSIK Walter Baumgartner // SCHNITT Hermann Haller // MIT Paul Hub-

PALACE HOTEL Schweiz 1951

schmid (Fredy), Käthe Gold (Emilie, Zimmermädchen), Claude Farell (Madame Perrat), Gustav Knuth (Kellermeister Loosli), Zarli Carigiet (Giachem, Konditor), Anne-Marie Blanc (Hotelinhaberin), Liliana Tellini (Speranza, Zimmermäd-

«In einem international bekannten Hotel durchlebt das mit Saison-Vorbereitungen beschäftigte Personal persönliche Dramen und Intrigen. Das schwere Los des Zimmermädchens Emilie, das Streben nach Erfolg des Kellners Fredy und die feucht-fröhlichen Abenteuer des Kellermeisters Loosli werden durch eine spannende Kriminalhandlung miteinander verflochten und runden sich zum humorvollen Bild vom Leben der dienstbaren Geister im Palace Hotel.» (Lichtspiel Bern, März 2015) «Ein gut angelegter, künstlerischer Unter­ haltungsfilm mit grossartigen schauspielerischen Leistungen und einer von den Regisseuren Leonhard Steckel und Emil Bernhard liebevoll herausgearbeiteten, schönen Menschlichkeit. Echte Gestalten des Lebens werden auf die Leinwand geworfen.» (Rudolf Brendemühl, Telegraf, 29.10.1952)

chen), Emil Hegetschweiler (Zimmerkellner Staub), Max Haufler (Oberheizer Hunziker), Alfred Rasser (Küchenchef Leblanc), Helen Vita (Fräulein Lüthi, Telefonistin), Lys Assia (Schlagersängerin), Otto Zehnder (Emilies Sohn Walter), Walo Lüönd (Hotelpage, ungenannt).

DREI MÄNNER IM SCHNEE Österreich 1955 Der Millionär Schlüter nimmt unter falschem Namen an einem Preisausschreiben seines eigenen Konzerns teil und gewinnt den zweiten Platz. Für den Aufenthalt in einem noblen Berghotel besorgt er sich alte Kleidung und gibt sich als armer Mann aus; er will soziologische Studien betreiben. Die Hotelführung hält daher den Gewinner des ersten Preises – den arbeitslosen Hagedorn – für den Millionär und umsorgt ihn fürstlich, wäh-


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Menschen im Hotel. rend der eigentliche Millionär Schlüter in einer kalten Kammer untergebracht wird. Als Schlüters Tochter davon erfährt, reist sie ebenfalls an und verliebt sich in Hagedorn, ohne um dessen Geheimnis zu wissen. «Die Neuauflage (auf DVD; Anm. d. Red.) belegt, dass Kurt Hoffmanns Verfilmung des alten ErichKästner-Romans (das Drehbuch schrieb ebenfalls Kästner) ihrem tollen Ruf tatsächlich gerecht wird. Die in Schwarzweiss gefilmte Verwechslungs­ komödie (...) hat auch in diesem Jahrtausend nichts von ihrem unbefangenen Charme verloren.» (Christoph Dallach, spiegel.de, 6.1.2011) 93 Min / sw / Digital HD / D // REGIE Kurt Hoffmann // DREHBUCH Erich Kästner, nach seinem Roman // KAMERA ­Richard Angst // MUSIK Sándor Szlatinay // SCHNITT Paula Dvorak // MIT Paul Dahlke (Geheimrat Eduard Schlüter), Günther Lüders (Johann Kesselhut), Claus Biederstaedt (Dr. Fritz Hagedorn), Nicole Heesters (Hildegard Schlüter), Margarete Haagen (Hausdame Kunkel), Alma Seidler (Mutter Hagedorn), Eva Maria Meineke (Frau Thea Casparius), Franz Muxeneder (Graswander Toni, Ski-Lehrer), Hans Olden (Direktor Kühne), Fritz Imhoff (Portier Polter), Richard ­ ­Eybner (Herr Heltai), Elfie Pertramer (Frau von Mallebré), Stefan Kayser (Olaf von Mallebré), Ulrich Bettac (Generaldirektor Tiedemann), Elly Naschold (Isolde), Erich Kästner (Kommentar).

L’ANNÉE DERNIÈRE À MARIENBAD Frankreich/Italien 1961 «In einem Luxushotel vertreiben sich die reichen Gäste die Zeit mit Theater, Glücksspiel und Nichtstun. Wie erstarrt erscheint diese Welt und die Menschen darin wie Statuen. Dazwischen ein Mann (X), der eine Frau (A) begehrt und sie an die gemeinsame Zeit im gleichen Hotel vor einem Jahr erinnert – oder war es doch ein anderes? Sie hätten sich geliebt und wollten zusammen fortgehen, doch sie erbat sich ein Jahr Bedenkzeit. Die Frau kann oder will sich nicht erinnern. (…) Dabei bleibt unklar, ob sie sich wirklich jemals zuvor getroffen haben oder er es ihr nur suggeriert. Schliesslich erliegt sie seiner Überredungskunst und folgt ihm – in die Liebe, in die Freiheit, in den Tod?» (Katalog cinefest 2015) «Das völlig zu Unrecht als schwierig verschriene Werk (…) entführt den Zuschauer in Innenwelten von magischer Faszination: Gegenwart wird flüchtig, Zeit erscheint als relative, subjektive Grösse.» (Bruno Jaeggi, Basler Zeitung, 1984) 95 Min / sw / 35 mm / F/d // REGIE Alain Resnais // DREHBUCH Alain Robbe-Grillet // KAMERA Sacha Vierny // MUSIK Francis Seyrig // SCHNITT Jasmine Chasney, Henri Colpi // MIT Delphine Seyrig (A), Giorgio Albertazzi (X), Sacha Pitoëff

(M), Françoise Bertin, Luce Garcia-Ville, Françoise Spira, Pierre Barbaud, Héléna Kornel, Karin Toche-Mittler, Wilhelm von Deek, Jean Lanier.

THE SHINING USA 1980 «In einem eingeschneiten Berghotel in Colorado verfällt ein Schriftsteller, der dort als Hauswart allein mit seiner Familie überwintert, langsam dem Wahnsinn. Das labyrinthische Haus ruft zuerst bei seinem übersinnlich begabten Sohn, dann auch bei ihm selbst Bilder hervor, die mit einer Jahre zurückliegenden Bluttat zusammenhängen. Unter Wiederholungszwang läuft der Schriftsteller Amok. Eine filmische Tour de Force, welche die formalen Klischees des Horrorgenres bisweilen unerhört umstülpt: Statt im Dunkeln lauert das Böse im Hellen, anstatt die Helden aus dem Hinterhalt zu überfallen, kommt es ihnen aus der Tiefe des Raumes entgegen, statt in eine beruhigend rationale Auflösung mündet es in ein abschliessendes Rätsel. Wer den Film einmal gesehen hat, vergisst nie mehr Einzelheiten wie die aus Kindersicht gefilmten Fahrten durch beängstigend einsame Korridore, wer ihn wiedersieht, staunt über die Vielzahl der Lesarten, die er anbietet: (Klein-)Familien- und (Pseudo)Künstlerdrama, Mysterienspiel des verwunschenen Ortes und der versiegelten Zeit.» (Andreas Furler, Programmheft Filmpodium, April/Mai 2008) 128 Min / Farbe / DCP / E/d // REGIE Stanley Kubrick // DREHBUCH Stanley Kubrick, Diane Johnson, nach einem Roman von Stephen King // KAMERA John Alcott // MUSIK Wendy Carlos, Rachel Elkind, Béla Bartók, Krzysztof Penderecki, György Ligeti // SCHNITT Ray Lovejoy // MIT Jack Nicholson (Jack Torrance), Shelley Duvall (Wendy Torrance), Danny Lloyd (Danny Torrance), Barry Nelson (Stuart Ullman), Scatman Crothers (Dick Hallorann), Philip Stone (Delbert Grady), Joe Turkel (Lloyd), Anne Jackson (die Ärztin), Tony Burton (Larry Durkin).

HORS SAISON Schweiz/Frankreich/Deutschland 1992 Nach langer Zeit kehrt ein Mann in das Hotel in den Schweizer Bergen zurück, in dem er als Kind gelebt hat. Der Gang durch das leer stehende Gebäude lässt die lange verschüttete Vergangenheit in einer Folge von Erinnerungen wach werden. «Es war einmal, in einem Hotel in den Schweizer Bergen. Und es war die Kindheit von Daniel Schmid, der in einem solchen Hotel bei den Grosseltern aufwuchs. (…) ‹Nicht das Erlebte ist das


Menschen im Hotel. Entscheidende, sondern die Vorstellung, die man sich davon macht›, sagte Daniel Schmid. (…) Ein leeres Haus ist wie eine leere Bühne oder eine weisse Leinwand. Ein verwunschener Ort, an dem Wunder geschehen, sobald ihn jemand mit seiner Erinnerung illuminiert. (…) Hors saison ist auch ein Traum vom europäischen Kino, wie ihn heute nur noch Fantasten in einem kleinen Land, an einem vergessenen Ort am Waldrand träumen können. Man möchte gar nicht mehr aufwachen.» (Christiane Peitz, Die Zeit, 26.11.1993) 93 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Daniel Schmid // DREHBUCH Daniel Schmid, Martin Suter // KAMERA Renato Berta // MUSIK Peer Raben // SCHNITT Daniela Roderer // MIT Sami Frey (der Erzähler), Carlos Devesa (Valentin), Ingrid ­Caven (Lilo), Dieter Meier (Max), Ulli Lommel (Prof. Malini),

blättert mittlerweile ab, in den 1930er Jahren erstrahlte es jedoch in vollem Glanz und beherbergte manch illustren Gast. So auch die wohlhabende Madame D., die dem ihr treu ergebenen Chefconcierge Monsieur Gustave ein äusserst wertvolles Gemälde vermacht. «Es zeugt von Andersons Fähigkeiten, dass er einen Film über das Thema Verlust machen kann, der so unbeschwert und lustvoll daherkommt. In manchen seiner früheren Filme drohte die Schrulligkeit ins Ärgerliche zu kippen. Hier hingegen ist der Effekt magisch. Mit Gustave H. (von Ralph Fiennes brillant dargestellt) hat er eine Figur geschaffen, die Humor mit Pathos und altehrwürdiger Eleganz auf ausgesprochen gewinnende Art kombiniert.» (Geoffrey Macnab, independent.co. uk, Feb. 2015)

Andréa Ferréol (Fräulein Gabriel), Arielle Dombasle (Frau Studer), Maddalena Fellini (Grossmutter), Maurice Garrel

99 Min / Farbe / DCP / E/d/f // REGIE Wes Anderson // DREH-

(Grossvater), Luisa Barbosa (Mona), Geraldine Chaplin (die

BUCH Wes Anderson, Hugo Guinness, inspiriert durch die

Anarchistin), Vittorio Mezzogiorno (Onkel Paul).

Schriften von Stefan Zweig // KAMERA Robert D. Yeoman // MUSIK Alexandre Desplat // SCHNITT Barney Pilling // MIT

THE GRAND BUDAPEST HOTEL USA/Deutschland/GB 2014

Ralph Fiennes (Monsieur Gustave), Tony Revolori (Zero), ­Adrien Brody (Dmitri), Tilda Swinton (Madame D.), Saoirse Ronan (Agatha), F. Murray Abraham (Mr. Moustafa), Mathieu Amalric (Serge X.), Willem Dafoe (Jopling), Jeff Goldblum

Durch eine Rahmenerzählung auf vier Zeitebenen wird die Geschichte des «Grand Budapest Hotel» erzählt, das sich in den Bergen der fiktiven Republik Zubrowka befindet. Sein Habsburger Prunk

> The Grand Budapest Hotel.

(Rechtsanwalt Kovacs), Harvey Keitel (Ludwig), Jude Law (junger Schriftsteller), Bill Murray (M. Ivan), Edward Norton (Henckels), Jason Schwartzman (M. Jean ), Léa Seydoux ­(Clotilde), Owen Wilson (M. Chuck).

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26 Das erste Jahrhundert des Films

1936 Anstatt die Olympischen Spiele in Berlin zu dokumentieren, wendet sich Luis Trenker 1936 in einem der ersten deutschen Western dem Gründungsmythos der USA zu: Trenker zeigt die Kehrseite amerikanischer Pionierromantik und verleiht dem «myth of the frontier» mit der Geschichte des Schweizers Johann August Sutter in Der Kaiser von Kalifornien eine düstere, blutige Färbung. In Frank Capras optimistischer Komödie Mr. Deeds Goes to Town bekommt der American Way of Life durch Gier und Egoismus einige Kratzer ab, doch nur, um am Ende in Gestalt des aufrichtigen Longfellow Deeds erstarkt aus der Geschichte hervorzugehen. Wo bei Capra die Satire nur im Dialog hinter­ gründig durchschimmert, tritt sie im beinahe stummen Modern Times im Spiel und in der Inszenierung Chaplins deutlich hervor: Der letzte Auftritt des Tramps ist zum kritischen wie auch amüsanten Kommentar über die Indust­ rialisierung geworden. Wie Chaplin wechselte auch Yasujiro Ozu erst spät zum Tonfilm, bewegte sich aber sogleich sicher auf dem neuen Terrain. Den Dialog sparsam einsetzend, zeichnet er in Der einzige Sohn ein kritisches Bild der japanischen Gesellschaft zu Beginn der 1930er Jahre. Les bas-fonds wie­ derum vereint erstmals Jean Renoir mit Jean Gabin, der in den folgenden Jah­ ren zum Gesicht des poetischen Realismus werden sollte. Im Gegensatz zur späteren Ernsthaftigkeit Gabins durchbricht hier sein mitunter humorvolles Spiel den pessimistischen Grundton von Gorkis Vorlage und gibt der zeitlo­ sen Geschichte um Geld und Armut eine eigentümliche Leichtigkeit, oder, wie es André Bazin formuliert: «Nur Jean Renoir kann es sich so ungeniert erlau­ ben, uns zur Rührung zu nötigen, indem er zugleich die Grenze der Lächer­ lichkeit berührt.» (André Bazin: Jean Renoir, 1977) Marius Kuhn Das erste Jahrhundert des Films In der Dauerreihe «Das erste Jahrhundert des Films» zeigen wir im Lauf von zehn Jahren rund 500 ­wegweisende Werke der Filmgeschichte. Die Auswahl jedes Programmblocks ist gruppiert nach Jahrgängen, woraus sich schliesslich 100 Momentaufnahmen des Weltkinos von 1900 bis 1999 ergeben. ­Referenzzahl ist jeweils der aktuelle Jahrgang, d. h. im Jahr 2016 sind Filme von 1916, 1926, 1936 usw. zu sehen. Weitere wichtige Filme von 1936 Am Ufer des blauen Meeres (U samogo sinego morya) Boris Barnet/S. Mardanin, UdSSR Camille George Cukor, USA César Marcel Pagnol, F Die Schwestern von Gion (Gion no shimai) Kenji Mizoguchi, J Dodsworth William Wyler, USA Elegie in Naniwa (Naniwa ereji) Kenji Mizoguchi, J Fury Fritz Lang, USA Glückskinder Paul Martin, D

Herr Dankeschön (Arigato-san) Hiroshi Shimizu, J Libeled Lady Jack Conway, USA Mayerling Anatole Litvak, F Partie de campagne Jean Renoir, F Sabotage Alfred Hitchcock, GB The Great Ziegfeld Robert Z. Leonard, USA Things to Come William Cameron Menzies, GB Vámonos con Pancho Villa! Fernando de Fuentes, Mex


Das erste Jahrhundert des Films: 1936.

MR. DEEDS GOES TO TOWN USA 1936 Unverhofft erbt der einfache, aber aufrichtige Longfellow Deeds ein Vermögen und möchte dieses arbeitslosen Bauern spenden. Das ist jedoch nicht im Sinne der Anwälte des Verstorbenen, die dem Erben seine Millionen streitig machen. Gleichzeitig versucht eine ehrgeizige Journalistin, aus der unglaublichen Geschichte des selbstlosen Mr. Deeds Profit zu schlagen. Ohne die Welt zu verklären – in dem Sinne, dass das Gute in jedem Menschen steckt und nur geweckt werden muss –, triumphiert in Frank Capras moralischem Universum die Menschlichkeit in Gestalt von Longfellow Deeds über Egoismus und Gier. (mk) «Das war der reizendste Film, den ich je gemacht habe. Ich mag Mr. Deeds. Was für ein Kerl. Ich wünschte, ich könnte ihm einmal begegnen.» (Gary Cooper, in: The Gary Cooper Story, 1970) «Mr. Deeds Goes to Town ist Capras bester Film (er ist auf einem ganz anderen intellektuellen Niveau als der muntere und entzückende It Happe­ ned One Night ) und damit eine Komödie, die auf der grossen Leinwand ihresgleichen sucht. Capra

hat nämlich, was Lubitsch, der witzige Playboy, nicht hat: einen Sinn für Verantwortung; und was Clair, der launige, poetische, ein wenig preziöse und modische, nicht hat, die Verwandtschaft mit seinem Publikum, einen Sinn für das Alltagsleben, eine Moral; Capra hat, was nicht einmal Chaplin besitzt, die komplette Beherrschung seines Mediums, und das ist der Tonfilm, nicht der Film mit beigefügtem Ton. Wie Lang hört er fortwährend so klar und selektiv, wie er sieht. Ich denke, niemand kann bei Mr. Deeds Goes to Town lange zusehen, ohne zu merken, dass hier ein ebenso grosser Meister der Technik wie Lang ein Thema bearbeitet, das ihn zutiefst bewegt: die Misshandlung von Güte und Schlichtheit in einer egoistischen und brutalen Welt.» (Graham Greene, The Spectator, 28.8.1936) 115 Min / sw / 35 mm / E/d/f // REGIE Frank Capra // DREHBUCH Robert Riskin, nach der Erzählung von Clarence ­Budington Kelland // KAMERA Joseph Walker // MUSIK ­Howard Jackson // SCHNITT Gene Havlick // MIT Gary Cooper (Longfellow Deeds), Jean Arthur (Babe Bennett), George Bancroft (MacWade), Lionel Stander (Cornelius Cobb), Raymond Walburn (Walter), Douglass Dumbrille (John ­ ­Cedar), H. B. Warner (Richter May), Ruth Donnelly (Mabel Dawson), Walter Catlett (Morrow), John Wray (Bauer).

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Das erste Jahrhundert des Films: 1936.

DER KAISER VON KALIFORNIEN Deutschland 1936 Nach einer Vorlage von Blaise Cendrars widmet sich Luis Trenker der bekannten Geschichte Johann August Sutters und seiner Kolonialisierung Kaliforniens. Der Kaiser von Kalifornien, einer der ersten deutschen Western, fasziniert als düstere Charakterstudie und durch seine eindrucksvollen Bilder, die Erinnerungen an Trenkers frühere Bergfilme wecken. In seiner dramatischen Schilderung der Kehrseite des amerikanischen Traums und der damit einhergehenden Glorifizierung ehrlicher Arbeit behält der Film eine Ambivalenz, dank der er sich auch für die nationalsozialistische Ideologie vereinnahmen liess. (mk) «Herrlich gemacht. (…) Ein typischer Trenker. Glänzende Massenszenen. Kampf zwischen Brot und Geld. (…) In Venedig grosser Empfang (…)Kai­ ser von Kalifornien von Trenker, ein stürmischer Erfolg. Soll den ersten Preis bekommen. Trenker ist ganz glücklich.» (Joseph Goebbels, Tagebücher, 18.6. und 30.8.1936). «Luis Trenkers Filmepos vom Segen der Erde und Fluch des Goldes ist eine schöne und starke Bildsinfonie geworden, getragen von einer grossen und reinen Idee. Es ist erklärlich, [was] einen Mann wie Trenker zur Verfilmung gereizt hat – hier fand er alle Wurzeln, aus denen seine Filme

wachsen. (…) Sutter, der seine Heimat verlassen muss und (…) in Amerika eine neue Heimat entdeckt, das Paradies Kalifornien, das durch seine und seiner Leute Arbeit aufblüht und wieder verödet, als Gold gefunden wird und Sutters grossartige kolonisatorische Ideen am Goldtaumel und Besitz-Wahnsinn einer entfesselten Menschheit zugrunde gehen.» (Filmwoche, 31/1936) «Der Kaiser von Kalifornien ist trotz der deutschen Western-Schwemme der sechziger Jahre der beste deutsche Western geblieben: Rhythmus und Realismus der Reise nach Kalifornien, der Massen-Arbeitsszenen beim Aufbau von Nova Helvetia und der Szenen auf den Goldfeldern sind allem, was vergleichbare deutsche und sogar die meisten amerikanischen Produktionen der Zeit zu bieten hatten, weit voraus.» (Joe Hembus: Das Western-Lexikon, 1995) 88 Min / sw / 35 mm / D/e // REGIE Luis Trenker // DREHBUCH Luis Trenker, nach dem Roman «Das Gold» von Blaise ­Cendrars // KAMERA Albert Benitz, Heinz von Jaworsky // MUSIK Giuseppe Becce // SCHNITT Rudolf Schaad, Willy Zeyn // MIT Luis Trenker (Johann August Sutter), Viktoria von ­Ballasko (Anna Sutter), Werner Kunig (Rudolf Sutter), Karli Zwingmann (Emil Sutter), Elise Aulinger (Mrs. Dübol), Melanie Horeschovsky (Amalie), Bernhard Minetti (der Fremde), Luis Gerold (Ermattinger), Paul Verhoeven (Barmann Billy), Hans Zesch-Ballot (Gouverneur Alverado), Marcella Albani (Mrs. Alverado), Walter Franck (Adjutant Castro).


Das erste Jahrhundert des Films: 1936.

LES BAS-FONDS Frankreich 1936 Die Spielsucht treibt einen reichen Baron in den Bankrott. Als er keinen Ausweg mehr sieht und sich umbringen will, ist seine Pistole verschwunden. Der Dieb ist jedoch noch da und aus der ungewöhnlichen Begegnung entsteht eine Freundschaft. Der Gauner Pépel greift nun dem mit­tellosen Adligen unter die Arme und verschafft ihm einen Platz im Armenhaus. (mk) «Les bas-fonds ist (…) vielleicht der interessanteste aller französischen Filme Renoirs, die kostbarste und aufschlussreichste seiner Grundtendenzen. Gedreht nach einem Theaterstück von Gorki, vermischt er auf reizvolle Weise die Tonarten und die Gattungen. Aus einer bedrückenden, realistisch und dramatisch erzählten Geschichte hat Renoir einen beinahe komischen Film gemacht. (…) Dieses unwahrscheinliche Wechselspiel zwischen Vaudeville und Tragödie, Realistik und Parodie, Gorki und Renoir ergibt (…) ein Werk, das fesselnd zu nennen wenig wäre.» (André Bazin: Jean Renoir, 1977) «Die Besetzung von Jean Renoirs Film umfasst die zwei magnetischen Pole der französischen Schauspieltradition – Louis Jouvet als der spielsüchtige Baron, der im Armenhaus landet, und Jean Gabin, der als Dieb ebenjener Armut zu

entkommen versucht. Ihre gemeinsamen Szenen sind Schätze der französischen Filmgeschichte. (…) Der Film enthält einen dieser symbolischen Momente, von denen die Zuschauer noch Jahre später reden: Jouvet, im Moment, als er alles verloren hat, geht vom Spieltisch weg und versucht vergeblich seine Zigarette anzuzünden. Diese Szene ist für die dreissiger Jahre, was Belmondos Berühren der Lippen in À bout de souffle für die sechziger Jahre war.» (Pauline Kael: 5001 Nights at the Movies, 1993) 91 Min / sw / 35 mm / F/d // REGIE Jean Renoir // DREHBUCH Eugène Zamiatine, Jacques Companeez, Charles Spaak, Jean Renoir, nach dem Theaterstück «Nachtasyl» von ­Maxim Gorki // KAMERA Fédote Bourgassoff, Jean Bachelet // MUSIK Jean Wiener // SCHNITT Marguerite Renoir // MIT Louis Jouvet (der Baron), Jean Gabin (Pépel), Junie Astor (Natascha), Suzy Prim (Wassilissa), Vladimir Sokoloff (Kostylew), Robert Le Vigan (der Schauspieler), Jany Holt (Nastja), Camille Bert (der Graf), Gabriello (Polizeiinspektor), Maurice Baquet (Alioscha, der Akkordeonist), René ­Génin (Luka).

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Das erste Jahrhundert des Films: 1936.

DER EINZIGE SOHN (Hitori musuko) Japan 1936

Eine Witwe schuftet in einer Seidenspinnerei, um die Ausbildung ihres einzigen Sohnes zu finanzieren. Jahre später reist sie zu ihm nach Tokio, wo er unterdessen mit Frau und Kind knapp von seinem Lohn als Lehrer an einer Abendschule lebt. Die (zu) hohen Erwartungen ans Leben und das zwangsläufige Scheitern lassen den Besuch für beide Seiten zur schmerzlichen Begegnung werden. (mk) «Ozu wechselte als letzter unter den grossen japanischen Regisseuren zum Tonfilm und hatte bei seinem Debüt gleich mit unzähligen Problemen mit der (nicht mehr ganz) neuen Technik zu kämpfen. Doch er wuchs über sich hinaus und kreierte ein Meisterwerk, das der bekannte Filmwissenschaftler und Ozu-Experte Noël Burch als seine ‹grösste Leistung› bezeichnet. (…) Der Film ist eine der schärfsten Kritiken des Regisseurs an der japanischen Gesellschaft und zeigt seinen rigorosen Stil mit den sorgfältigen Kompositio-

nen und der suggestiven Montage in äusserster Präzision.» (Katalog Il Cinema Ritrovato, Bologna, 2014) Der einzige Sohn ist «voller Originalität, Integrität und genauer Beobachtungen. (…) Die Unmöglichkeit zwischenmenschlicher Verständigung, der unvermeidliche Vertrauensbruch und der unbestreitbare Fakt, dass wir in dieser Welt allein sind; all dies wird mit Taktgefühl, Weisheit und trockenem Charme behandelt. Das Hinterfragen grundsätzlicher menschlicher Werte – Liebe, Freundschaft oder der Wert des eigenen Lebens –, das in späteren Filmen mehr nebenbei aufscheint, wird hier explizit angesprochen. Es ist ein düsterer, melancholischer und gleichzeitig kluger Film.» (Donald Richie: Ozu, 1974). 83 Min / sw / Digital HD / Jap/e // REGIE Yasujiro Ozu // DREHBUCH Tadao Ikeda, Masao Arata // KAMERA Shojiro Sugimoto // MUSIK Senji Ito // SCHNITT Eiichi Hasegawa, ­Hideo Mohara // MIT Choko Iida (Tsune Nonomiya), Shin’ichi Himori (Ryosuke Nonomiya), Masao Hayama (Ryosuke Nonomiya, als Kind).


Das erste Jahrhundert des Films: 1936.

MODERN TIMES USA 1936 Vergeblich versucht der Tramp, die unzähligen Schrauben anzuziehen, die auf dem Fliessband im schnellen Tempo an ihm vorbeiziehen. Wiederholt fällt er aus dem Takt und bringt damit die scheinbar perfekt funktionierende Maschinerie zum Erliegen. In der nächsten Episode dient er als Testperson: Ein neues Gerät soll die Mittagspause einsparen und schaufelt dafür in hoher Kadenz heisse Suppe und Mais in den wehrlosen Mund des Arbeiters. Der Mensch verkommt in diesem Film zum hilflosen Rädchen in einem übermächtigen Getriebe. Bei seinem letzten Auftritt als Tramp kämpft Charles Chaplin mit dem für seine Figur typischen Slapstick gegen die Tücken der modernen Zeit. Fünf Jahre Planung und Drehzeit steckte er in seine kritische Satire über die Industrialisierung und schuf gleichzeitig den (beinahe) stillen Abschied einer der populärsten Figuren der Filmgeschichte. (mk) «Der Film ist ein grosser Spass und stimmige Unterhaltung, obwohl er stumm ist. Das ist der

alte Chaplin in Bestform. (...) Modern Times ist ein Ein-Mann-Film, so weit das nur möglich ist. Chaplin als Produzent, Hauptdarsteller, Autor, Komponist und Regisseur steht und fällt mit seinem Film. Er vermeidet nicht nur den Absturz, vielmehr scheint Chaplin neue Höhen zu erklimmen, wenn es um das Erzeugen von lauten Lachsalven geht.» (Abel Green, Variety, 12.2.1936) «1936 einen Film zu produzieren, in dem es zwar Toneffekte gibt, der aber sonst noch wie ein Stummfilm funktioniert, war ein Wagnis, das sich dann aber doch als Erfolg erwies. (…) Als der Tonfilm schon längst nicht mehr bloss ‹talkie› war, da hat Chaplin noch einmal, zum letzten Mal, den Stummfilm gefeiert.» (Rainer Rother, in: Filmklassiker, Reclam 1995) 87 Min / sw / 35 mm / Stummfilm m. Musik, dt. Zw’titel // ­REGIE, DREHBUCH, MUSIK UND SCHNITT Charles Chaplin // KAMERA Roland Totheroh, Ira H. Morgan // MIT Charles Chaplin (Fabrikarbeiter), Paulette Goddard (Strassenmädchen), Henry Bergman (Cafébesitzer), Allan Garcia (Fabrikbesitzer), Chester Conklin (Mechaniker), Stanley J. Sanford (Big Bill/Arbeiter), Stanley Blystone (Sheriff Couler), Sam Stein (Vorarbeiter), Hank Mann (Einbrecher), Louis N ­ atheaux (Einbrecher).

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32 Zum 80. Geburtstag von Rolf Lyssy

Nachdenklicher Ironiker Am 25. Februar wird Rolf Lyssy 80 Jahre alt. Aus diesem Anlass und zum Erscheinen des Buches «Die Schweizermacher – Und was die Schweiz ausmacht» ehren das Filmpodium und der rüffer & rub Sachbuchverlag den Regisseur mit der Wiederaufführung zwei seiner Filme und einer festlichen Buchvernissage. Als Kameramann und Cutter bei Reni Mertens und Walter Marti (Ursula oder das unwerte Leben, 1966) fing der gelernte Fotograf Rolf Lyssy seine Karriere an und schon 1975 fand er – nach kecken Kurzfilmen wie Vita parcoeur (1972) – mit Konfrontation, der Geschichte des Attentates auf einen NSDAP-Gruppenleiter, als Regisseur international Beachtung. Für die meis­ ten ist und bleibt er aber der Schöpfer von Die Schweizermacher (1978), der Komödie, mit der er seinen Zeitgenossen vor bald 40 Jahren den Spiegel in Sachen Toleranz vorhielt; ein Spiegel, der heute noch so klar ist wie damals. Seine «ironisch gebrochene Sicht auf die Dinge des Lebens» hatte der Psychoanalytiker und Schriftsteller Jürg Acklin vor zehn Jahren im Pro­ grammheft des Filmpodiums als wichtiges Merkmal seines Freundes gelobt, ebenso aber dessen Nachdenklichkeit. Beides kommt in Lyssys reichhaltigem, Spiel- und Dokumentarfilme umfassenden Œuvre, für das er 2012 im Rah­ men des Schweizer Filmpreises ausgezeichnet wurde, immer wieder zum Aus­ druck, etwa in Teddy Bär (1983), wo er – in der Titelrolle! – die Folgen des Erfolgs von Die Schweizermacher thematisiert. Das Filmpodium gratuliert dem ehemaligen Präsidenten seines Förder­ vereins Lumière (2006 bis 2010) ganz herzlich zum Geburtstag! (cs)

BUCHVERNISSAGE MIT GÄSTEN

SA, 27. FEB. | 19.00 UHR

Zum 80. Geburtstag von Rolf Lyssy organisiert der rüffer & rub Sachbuchverlag eine Buchvernissage, an der «Die Schweizermacher – Und was die Schweiz ausmacht» vorgestellt wird. Stadtpräsidentin Corine Mauch eröffnet den Anlass mit einem Grusswort, Madeleine Hirsiger führt durch den Abend und wird mit Rolf Lyssy über sein Werk reden. Anschliessend stellen die Verlegerin Anne Rüffer und die Herausgeber Georg Kohler und Felix Ghezzi «Die Schweizermacher – Und was die Schweiz ausmacht» vor. Das Programm, zu dem auch Überraschungsgäste erwartet werden, dauert rund 75 Minuten; die Platzzahl ist beschränkt. Bitte reservieren Sie Ihren Platz rechtzeitig! Vor der anschliessenden Vorstellung von Konfrontation (20.45 Uhr) wird Rolf Lyssy in den Film einführen.


Rolf Lyssy.

KONFRONTATION

(Das Attentat von Davos) Schweiz 1974 Am 4. Februar 1936 wird in Davos der Landesgruppenleiter der NSDAP in der Schweiz, Wilhelm Gustloff, erschossen. Der Täter ist ein 27-jähriger Jugoslawe, der 1933 aus Deutschland in die Schweiz eingewandert ist und in Bern Medizin studiert: David Frankfurter, Sohn des Oberrabbiners Moritz Frankfurter, will mit seiner Protesttat auf die sich verschärfende Judenverfolgung in Deutschland und der Schweiz hinweisen. Nach dem Attentat wird der geständige Frankfurter vor Gericht gestellt, wo er seine Beweggründe erläutert. Die NSDAP erhebt Gustloff zum Märtyrer und nimmt Einfluss auf den Prozess. Rolf Lyssys Dokudrama schildert den Hergang des Attentats ebenso nüchtern und akribisch wie die darauffolgende Gerichtsverhandlung und zeichnet dabei ein Sittenbild der Schweiz in den Vorkriegsjahren. «Der Film wächst so künstlerisch über das rekonstruierte Dokument hinaus in eine trag­ ­ fähige historisch-psychologische Interpretation des damaligen Geschehens und hält die Perspektive von der Vergangenheit auf die Gegenwart sowohl menschlich-individuell als auch politischgesellschaftlich offen.» (Martin Schlappner, NZZ, 24.1.1975) 114 Min / sw / 35 mm / D+Dial // REGIE Rolf Lyssy // DREHBUCH Rolf Lyssy, Georg Janett // KAMERA Fritz E. Mäder // MUSIK Arthur Paul Huber // SCHNITT Georg Janett // MIT ­Peter Bollag (David Frankfurter), Gert Haucke (Wilhelm Gustloff), Marianne Kehlau (Frau Hedwig Gustloff), Hilde Ziegler (Doris Steiger), Wolfram Berger (Zvonko), Michael Rittermann (Rabbi Frankfurter), Alfred Schlageter (Rabbi Salomon), Max Knapp (Gerichtspräsident), Peter Arens (Staatsanwalt).

DIE SCHWEIZERMACHER Schweiz 1978 «Mit Die Schweizermacher traf Lyssy inhaltlich und formal perfekt den Publikumsnerv. Mit trockenem Witz und heiterer Nonchalance erzählt er Faits divers aus der ‹alltäglichen› Tätigkeit zweier Kantonspolizisten, deren offizielle Aufgabe darin besteht, einbürgerungswillige Ausländer zu überprüfen. Die eigentliche Infamie dieser Bespitzelungsaktion führt Lyssy ohne karikierende Aggressivität vor, durch seinen eher betulichen Inszenierungsstil kann er die in Episoden aufgefächerte Satire zur umfassenden Attacke gegen Bürokratie, Intoleranz, schweizerischen Kantonsgeist und Präpotenz schlechthin erweitern.» (Günter Knorr, in: Reclams deutsches Filmlexikon, Stuttgart 1984)

> Die Schweizermacher.

«Die Geschichte des bünzligen Beamten Bodmer, der samstags sein Auto wäscht und danach Wienerli und Kartoffelsalat vorgesetzt bekommt, hat heute kein bisschen von ihrer Aktualität verloren. Im Sog des Initiativenhaufens, der täglich aus der Politik über uns Bürger hereinbricht, ist Die Schweizermacher im Moment der optimale Film zum Thema. Auf der einen Seite der angesprochene Vorzeigeschweizer, der seinen Tschopen immer schön am Bügel aufhängt, nie zu spät kommt und auch am Wochenende Überstunden schiebt. Ihm gegenüber der liberale, junge und aufgeschlossene Nachwuchsbeamte, der in den Einbürgerungskandidaten nicht bloss Namen und Gesichter, sondern auch Menschen sieht. Verkörpert werden die beiden ungleichen Figuren hervorragend von Walo Lüönd und natürlich Emil Steinberger, der auch ein paar Mal seine Kunstfigur ‹Emil› durchdrücken lässt. Allerdings darf man keinen Klamauk erwarten, sondern eine zeitweise recht böse, zynische und (im speziellen für uns Schweizer) herrlich verbohrte Geschichte, die mehr als einmal zum Lauthals-Auflachen einlädt. (...) Fazit: Die Schweizermacher ist mit Recht ein Film, der in den Archiven des Schweizer Films eine spezielle Bedeutung hat. Denn sosehr man es auch kaum glauben mag, aber seit 1978 hat sich bei uns nicht so viel verändert. Die sturen Böcke mit ihrem Stumpen und dem Schnauz gibts noch heute. Und das nicht zu selten.» (Dani Maurer, outnow.ch, 22.5.2007) 107 Min / Farbe / DCP / Dial // REGIE Rolf Lyssy // DREHBUCH Rolf Lyssy, Christa Maerker, Georg Janett // KAMERA Fritz E. Maeder // MUSIK Jonas C. Haefeli // SCHNITT Georg Janett // MIT Walo Lüönd (Max Bodmer), Emil Steinberger (Moritz Fischer), Beatrice Kessler (Milena Vakulic), Wolfgang ­Stendar (Dr. Helmut Starke), Hilde Ziegler (Gertrud Starke), Claudio Caramaschi (Francesco Grimolli), Silvia Jost (Sandra Grimolli), Bettina Lindtberg (Martha Grosz).

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34 Premiere: Erbarme Dich: Matthäus Passion Stories

Passions-Geschichten von Menschen und Musikern In einer verlassenen Kirche versammelt sich ein Chor von Obdachlosen, um den Proben zu einer Aufführung der «Matthäus-Passion» von Johann Sebastian Bach beizuwohnen. Diesen eigenwilligen Rahmen verwendet der Filmemacher Ramón Gieling, um in Erbarme Dich: Mat­ thäus Passion Stories die zeitlose Faszination dieses Werks zu er­kunden. Die «Matthäus-Passion» gehört zu den wichtigsten Werken Johann Sebastian Bachs und der christlichen Kirchenmusik überhaupt. Sie hat in unserer Zeit immer wieder auch zu unkonventionellen Umsetzungen herausgefordert, etwa als Ballett oder Inszenierung. Ramón Gieling reiht sich nun in diese Reihe mit einer filmischen Reflexion ein: nicht einem Konzertfilm, sondern ei­ ner Nacherzählung von Passionen mit und für Bachs Musik. Der Film verbin­ det mehrere Ebenen – assoziative Bilder, die Aufführung der Musik in Auszü­ gen mit sparsam dramatisierenden Elementen, vor allem aber Porträts von Menschen, die über ihre intensive Beziehung zur Musik der «Matthäus-Pas­ sion» sprechen. Musiker kommen ebenso zu Wort wie andere Künstler, aber auch die Frau, die buchstäblich ihr Leben Bachs Musik verdankt, oder die Obdachlosen eines Chorprojekts. Bekannte wie der Regisseur Peter Sellars und der Chorleiter Simon Halsey stehen neben Unbekannten; der Dirigent Pieter Jan Leusink, dessen Interpretation mit dem Bach Choir & Orchestra als musikalischer roter Faden dient, verbindet biografische und künstlerische Passion besonders eng. Die «Passion Stories» sind daher nicht nur die bibli­ sche Passionsgeschichte nach Bach, nicht nur eine Geschichte über menschli­ ches Leiden und Trost, sondern auch eine Geschichte von Leidenschaften: im individuellen Leben und für Bachs Musik. Warum gerade die «Matthäus-Passion»? 1727 in Leipzig uraufgeführt, war sie zunächst eines der Werke, mit denen Bach seine Amtspflichten als Thomaskantor erfüllte: Kirchenmusik für eine anspruchsvolle Gemeinde, mit zeitgenössischen Dichtungen und in aktueller theologischer Interpretation. Trotzdem sprach sie mitnichten nur zu Leipziger Protestanten des 18. Jahr­ hunderts, sondern ging nach ihrer Wiederaufführung 1829 in den musikali­ schen Kanon ein und löste sich vom kirchlichen Kontext. Grund dafür sind nicht nur die ästhetischen Qualitäten eines herausragenden Werkes, sondern gerade jene Momente, in denen Bach – entgegen dem Bild eines «barocken» Künstlers – für den modernen Menschen direkt zugänglich erscheint.


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ERBARME DICH: MATTHÄUS PASSION STORIES / Niederlande 2014 99 Min / Farbe / Digital HD / OV/d // REGIE Ramón Gieling // DREHBUCH Ramón Gieling // KAMERA Goert Giltay // MUSIK ­Johann Sebastian Bach // SCHNITT Barbara Hin // MIT Peter Sellars, Pieter Jan Leusink, Anna Enquist, Emio Greco, Simon Halsey, Rinke Nijburg.

Die «Matthäus-Passion» verbindet den Text des Matthäus-Evangeliums mit kommentierenden Chören und Arien sowie Chorälen als Verkörperung der Gemeinde. Fast scheint sich diese Struktur – die Aussagen von Solisten und Chor kann der Hörer sich zu eigen machen – nun in der Anlage des Films zu spiegeln, da die persönlichen Perspektiven auf die Musik dazu herausfordern, sich mit menschlichen Grundfragen von Trauer, Schuld und Trost auseinan­ derzusetzen. In Bachs kunstvoller Kombination unterschiedlicher musikali­ scher Formen sind bereits subjektive Lesarten angelegt. Seine Gegenüberstel­ lung von biblischer Geschichte und Betrachtung spielt schon mit Zeitebenen, Vergegenwärtigung und Erinnerung – was sich wiederum in den heutigen Re­ aktionen spiegelt. Es lässt sich natürlich diskutieren, ob eine Bebilderung der Darstellungsweise Bachs adäquat ist (sein idealer Zuhörer hätte wahrschein­ lich innerlich reagiert) und ob das Werk eher theologisch oder psychologisch gelesen werden sollte – das Potenzial dafür bietet die «Matthäus-Passion» aber allemal, und gerade deshalb lädt Gielings Film dazu ein, ihre faszinieren­ den Dimensionen heute zu erkunden. Inga Mai Groote

Inga Mai Groote ist Inhaberin des Lehrstuhls für Musikwissenschaft an der Universität Heidelberg und arbeitet u. a. zu kulturgeschichtlichen Aspekten der Musik.


36 IOIC-SOIREEN

DAS MITTELALTER IM STUMMFILM Das Institut für incohärente Cinematographie (IOIC) widmet sich in der aktuellen Saison dem Mittelalter im Stummfilm. Zahlreich sind im frühen Kino die Filme, die ihre Zuschauer durch Zeit und Geschichte streifen lassen, um sie dann um die Erfahrung ihrer eigenen Vergangenheit bereichert wieder in die Gegenwart zu entlassen. Diese Geschichtsbilder von damals werden, ganz im Sinne des IOIC, durch aussergewöhnliche zeitgenössische Live-Vertonungen mit der heutigen Gegenwart in Beziehung gesetzt. Nach den edlen Helden, den Hexen und germanischen Mythen im letzten Jahr

DO, 25. FEB. | 20.45 UHR DO, 10. MÄRZ | 20.45 UHR

als neuere Inszenierungen im Theater hält die Verfilmung dem Geist des Stückes die Treue und der eigenen, also christlich-abendländischen Kultur in kritischer Absicht den Spiegel vor. Hier sind die Juden und Muslime aufgeklärt und tolerant – und damit das positive Gegenbild zur eigenen Kultur. Der Film ist allerdings genauso wenig wie Lessings Drama ein zwar tiefgründiges, aber formal langweiliges Traktat. Ganz im Gegenteil besticht das Werk durch eine kunstvolle Dramaturgie, rasante Schnitte und schnelle Schauplatzwechsel. Vertont wird der Film von einer Band, die das ferne Mittelalter unmittelbar in die Gegenwart holt: The Pussywarmers and Réka. Ursprünglich aus dem Tessin sowie aus Ungarn stammend, befinden sich die fünf modernen Troubadoure seit mehreren Jahren auf einem internationalen Kreuzzug der anderen Art: nämlich die Ungläubi-

geht es im aktuellen Programm um Religion und um den Ausgang des Mittelalters. Am Donnerstag, 25. Feb. 2016, 20.45 Uhr

NATHAN DER WEISE In einer Zeit sich verhärtender Fronten lohnt es, sich den humanistischen Toleranzbegriff Lessings vor Augen zu führen. Da an die absolute Wahrheit für den Menschen lediglich eine Annäherung möglich ist, kommt es darauf an, sich fortwährend um eine tiefergehende Erkenntnis zu bemühen. Wer sich bereits im Besitz der Wahrheit wähnt, bringt sich selbst um die Möglichkeit einer weiteren Annäherung. Nicht das blosse Zulassen anderer Religionen und Kulturen ist gefordert, sondern ein ernsthaftes und konstruktives Sich-Einlassen auf andere Überzeugungen. Mit der Vorstellung, dass neben dem Judentum auch eine vertiefte Beschäftigung mit dem Islam eine Bereicherung bedeutet, stand Lessing allerdings schon in der Aufklärung isoliert da. Manfred Noas Verfilmung von Lessings berühmtem, zur Zeit der Kreuzzüge spielenden Ideendrama ist einer der zu Unrecht vergessenen Klassiker des deutschen Stummfilms. Von den Nationalsozialisten bereits 1923 aufs Heftigste attackiert und später verboten, ist der Film erst seit 20 Jahren wieder im Umlauf. Und er hat nichts von seiner Aktualität eingebüsst. Anders

NATHAN DER WEISE / Deutschland 1923 123 Min / tinted / Digital HD / Stummfilm, dt. Zw’titel // REGIE Manfred Noa // DREHBUCH Hans Kyser, nach dem Schauspiel von Gotthold Ephraim Lessing // KAMERA Hans Karl Gottschalk // MIT Werner Krauss (Nathan), Carl de Vogt (der Tempelherr), Bella Muzsnay (Recha), Margarete Kupfer (Daja), Ferdinand Martini, Fritz Greiner, Lia Eibenschütz, Max Schreck, Rudolf Lettinger, Ernst Schrumpf.


37 gen mit ihrem postkolonialen Rock’n’Roll, bei dem es einfach jedem Menschen warm ums Herz werden muss, zu bekehren. (IOIC) Vertonung: The Pussywarmers and Réka Réka Csiszér (Stimme, Keys), Fabio Pozzorini (Stimme, ­Gitarre), Simone Bernardoni (Gitarre), Pietro Dionisio (Trompete), Raoul Roth (Kontrabass), Damiano Merzari (Schlagzeug) www.thepussywarmers.com

Am Donnerstag, 10. März 2016, 20.45 Uhr

FAUST – EINE DEUTSCHE VOLKSSAGE Von der Korrumpierbarkeit der menschlichen Seele überzeugt, schliesst der böse Geist Mephisto mit dem Erzengel Gabriel eine Wette ab, dass er Gott die Seele des alten Gelehrten Faust abringen werde. Ohnmächtig und verzweifelt muss Faust dem Sterben seiner von der Pest bedrohten Mit­ bürger zusehen und verschreibt sich dem Verführer Mephisto, der ihm zu Jugend, Reichtum und Macht verhilft. Im Gegenzug entsagt Faust Gott und seinen himmlischen Heerscharen, worauf er immer übermütiger wird und eine erst im Tod endende Abwärtsspirale ihren Lauf nimmt.

In seiner Bearbeitung des Faust-Stoffes übernimmt Friedrich Wilhelm Murnau Elemente aus der Historia von Doktor Johann Fausten sowie aus Marlowes und Goethes Dramen und gibt der Geschichte eine neue, durchaus eigenwillige Wendung. Verstrickt in den metaphysischen Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Schatten gibt es nur ein Mittel für den Ausgang des Menschen aus dem religiösen Mittelalter in die helle Moderne: die Liebe. Gezeigt wird dieser Klassiker des deutschen Stummfilms mit einer neuen Live-Vertonung der Zürcher Band mit dem klingenden Namen Ikarus. Das Jazz-Quintett um den Komponisten Ramón Oliveras mit zwei Stimmen, Piano, Kontrabass und Schlagzeug bürgt auch mit seinem Namen für eine Vertonung, die abheben wird. Der mythische Ikarus steht schliesslich für die Gefahren, Risiken und Nebenwirkungen des übermütigen Greifens nach der Sonne. (IOIC) Vertonung: Ikarus Ramón Oliveras (Komposition, Schlagzeug), Stefanie Suhner (Stimme), Andreas Lareida (Stimme), Lucca Fries (Piano), Mo Meyer (Kontrabass) http://ikarus.band/

Weitere Informationen zum IOIC: http://ioic.ch

FAUST – EINE DEUTSCHE VOLKSSAGE / Deutschland 1926 107 Min / sw / Digital HD / Stummfilm, dt. Zw’titel // REGIE Friedrich Wilhelm Murnau // DREHBUCH Hans ­Kyser, nach Motiven aus der Historia von Doktor Johann Fausten sowie aus den Dramen von J. W. von Goethe und Christopher M ­ arlowe // KAMERA Carl Hoffmann // MUSIK Werner R. Heymann // MIT Gösta Ekman (Faust), Emil Jannings (Mephisto), Camilla Horn (Gretchen), Frida Richard (Gretchens Mutter), Wilhelm Dieterle (Valentin), Yvette Guilbert (Marthe Schwerdtlein), Eric Barclay (Herzog von Parma), Hanna Ralph (Herzogin von Parma), Werner Fuetterer (Erzengel Gabriel), Hans Brausewetter (Bauernbursche).


38 Filmpodium für Kinder

mein name ist eugen

Michael Steiner und sein Drehbuchautor Michael Sauter haben aus dem Kinderbuchklassiker des Berner Pfarrers Klaus Schädelin ein rasantes Roadmovie gemacht, das von Bern übers Tessin bis nach Zürich führt. Der Film wurde 2006 mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet.

MEIN NAME IST EUGEN / Schweiz 2005 102 Min / Farbe / DCP / Dialekt // REGIE Michael Steiner // DREHBUCH Michael Sauter, nach dem Roman von Klaus Schädelin // KAMERA Pascal Walder // MUSIK Adrian Frutiger, Diego Baldenweg // SCHNITT Tobias Fueter // MIT Manuel Häberli ­(Eugen), Janic Halioua (Wrigley), Dominic Hänni (Bäschteli), Alex Niederhäuser (Eduard), Beat Schlatter (Fritzli Bühler), Mike Müller (Vater Eugen), Monika Niggeler (Mutter Eugen), Patrick Frey (Vater Wrigley), Sabina Schneebeli (Mutter Wrigley), Jürg Löw (Vater Bäschteli), Stephanie Japp (Mutter Bäschteli), Christoph Gaugler (Vater Eduard), Sabrina Aebischer (Gritli), Daniela Ganz (Kathrin), Laura Weibel (Lucia), Stephanie Glaser (Tante Melanie), Ulrich Blum (Pfadiführer Gummi), Stefan Gubser (Polizist Bühler), Thomas U. Hostettler (Chef Cobra), Viktor Giacobbo (Polizeibeamter), Max Rüdlinger (Herr Hauser), Nella Martinetti (Frau Bianchi), César Keiser (Professor Gantenbein), Ruth Bannwart (Museumsaufseherin), Hans Leutenegger (Feuerwehrhauptmann), Werner Biermeier (Kondukteur), Pablo Aguilar (Polizist Tessin), Norbert Schwientek (Lehrer Klameth).

«Die Lausbuben Eugen, Wrigley, Bäschteli und Eduard leben in den sechzi­ ger Jahren in Bern und hecken einen Streich nach dem anderen aus. Nach­ dem ein Helm und ein leckes Faltboot das Fass zum Überlaufen bringen, droht Eugen und Wrigley eine harte Strafe: Pfadilagerverbot und Internat!


39 Die beiden Helden reissen aus und machen sich auf die Suche nach Fritzli Bühler, dem König der Lausbuben, dessen sagenhafte Streiche noch immer durch die Gassen von Bern geistern. Ihre abenteuerliche Flucht führt ins Tes­ sin, wo sich ihnen ­Bäschteli und Eduard anschliessen, und mit dem Velo über den Gotthard bis nach Zürich. Verfolgt von besorgten Eltern, wütenden Bau­ ern und jeder Menge Polizisten führt sie ihre Reise quer durch die ganze Schweiz. Und während Eltern und Polizei eine gross angelegte Suchaktion starten, verfestigt sich ihre Freundschaft und sie schliessen einen Bund.» (So­ lothurner Filmtage, 2006) «Filme mit Kindern in der Hauptrolle sind oft eine heikle Sache, Eugen kann man diesbezüglich nur Komplimente machen: Die vier Hauptdarsteller sind ganz hervorragend, (…) das übrige Ensemble liest sich ohnehin wie ein Who is Who des Schweizer Films: Mike Müller, Patrick Frey, Sabina Schnee­ beli und – in kleinen und Kleinstrollen – Stephanie Glaser, Victor Giacobbo, Nella Martinetti und César Keiser. Viele bekannte Gesichter, die im Füdlibür­ germilieu des Films gut aufgehoben sind.» (Simon Spiegel, cineman.ch, 2005)

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40 SÉLECTION LUMIÈRE

FOREIGN CORRESPONDENT Alfred Hitchcock hatte schon in seiner Hei-

nenden Auslandsgeschichte einen deut-

mat Grossbritannien, nach einigen stim-

schen Spionagering. Nach etlichen gefähr-

mungsvollen Stummfilmen, erste beklem-

lichen Abenteuern kann er sich in Sicherheit

mende Thriller gedreht. 1940, nach seiner

bringen; sein neu erwachtes Bewusstsein

Emigration in die USA, schuf er mit Foreign

der politischen Verhältnisse schlägt sich in

Correspondent einen packenden Blockbus-

einer engagierten Rundfunkansprache nie-

ter, der an die inszenatorischen Qualitäten

der.» (Lexikon des int. Films)

seiner Frühwerke anknüpfte und sich

«Trotz der heute eher peinlichen propa-

gleichzeitig in die damaligen Anti-Nazi-

gandistischen Schlussszene, in der Joel

Propagandafilme einreihte.

McCrea zu verstärkten Kriegsanstrengungen gegen die Nazis aufruft, ist Hitchcocks Spionagethriller eine äusserst vergnügliche Sache und bietet einige seiner unvergesslichsten Kabinettstücke. McCrea und Laraine Day sind ein Liebespaar, das in London und Holland nach Nazi-Spionen sucht, nachdem ein friedensstiftender Diplomat verschwunden ist, wobei George Sanders, Edmund Gwenn und der normalerweise

hölzerne

Herbert

Marshall

sie

vorzüglich unterstützen. Eine Art Vorläufer von pikaresken Verfolgungsthrillern wie Saboteur und North by Northwest, der seine Spannung überwiegend daraus gewinnt, FOREIGN CORRESPONDENT / USA 1940 120 Min / sw / Digital HD / E/d // REGIE Alfred Hitchcock //

dass kaum etwas ist, was es zu sein scheint: Eine Kamera verbirgt die Pistole eines At-

DREHBUCH Charles Bennett, Joan Harrison, // KAMERA

tentäters, die Flügel einer Windmühle ver-

­Rudolph Maté // MUSIK Alfred Newman // SCHNITT Otho

bergen ein düsteres Geheimnis, und die

Lovering, Dorothy Spencer // MIT Joel McCrea (Johnny ­ Jones/«Huntley Haverstock»), Laraine Day (Carol Fisher),

heilige Zufluchtsstätte Westminster Cathe-

Herbert Marshall (Stephen Fisher), Albert Bassermann

dral bietet sich an für einen Mord.» (Geoff

(Van Meer), George Sanders (Scott Folliott), Robert Benchley (Stebbins), Edmund Gwenn (Rowley), Eduardo Ciannelli

Andrew, Time Out Film Guide)

(Mr. Krug), Harry Davenport (Mr. Powers), Frances Carson (Mrs. Sprague), Alfred Hitchcock (Mann mit Zeitung).

✶ am Mittwoch, 17. Februar,18.15 Uhr: Einführung von Julia Marx

«Ein amerikanischer Sensationsreporter kommt 1939 nach Europa und entdeckt, ohne die politischen Konflikte so recht zu begreifen, auf der Jagd nach einer span-


41 IMPRESSUM

DAS FILMPODIUM IST EIN ANGEBOT DES PRÄSIDIALDEPARTEMENTS

in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse, Lausanne/Zürich LEITUNG Corinne Siegrist-Oboussier (cs), STV. LEITUNG Michel Bodmer (mb) WISSENSCHAFTLICHE MITARBEIT Tanja Hanhart (th), Marius Kuhn (mk), Primo Mazzoni (pm) SEKRETARIAT Claudia Brändle // BÜRO Postfach, 8022 Zürich, Telefon 044 412 31 28, Fax 044 212 13 77 WWW.FILMPODIUM.CH // E-MAIL info@filmpodium.ch // KINO Nüschelerstr. 11, 8001 Zürich, Tel. 044 211 66 66 UNSER DANK FÜR DAS ZUSTANDEKOMMEN DIESES PROGRAMMS GILT: Ascot Elite Entertainment Group, Zürich; Beta Film, Oberhaching; British Film Institute, London; Bundesarchiv-Filmarchiv, Berlin; Cinélibre, Bern; Columbus Film, Zürich; ­Deutsches Filminstitut – DIF, Wiesbaden; Ego Film Arts, Toronto; EuropaCorp, Saint Denis; Filmcoopi, Zürich; Filmmuseum München; Frenetic Films, Zürich; Hollywood Classics, London; Kinemathek Le Bon Film, Basel; Kontraproduktion AG, Zürich; MFA+ Filmdistribution, Regensburg ; MK2, Paris; Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden; Parallel Films, Dublin/ London; Park Circus, Glasgow; Pathé Films, Zürich; Praesens Film, Zürich; Roy Export, Paris; Shochiku International, Tokio; Studiocanal, Berlin; Warner Bros. Entertainment Switzerland GmbH, Zürich. DATABASE PUBLISHING BitBee Solutions GmbH, Zürich // KONZEPTIONELLE BERATUNG Esther Schmid, Zürich GESTALTUNG TBS & Partner, Zürich // KORREKTORAT N. Haueter, D. Kohn // DRUCK Ropress, Zürich // AUFLAGE 7000 ABONNEMENTE Filmpodium-Generalabonnement : CHF 400.– (freier Eintritt zu allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Filmpodium-Halbtaxabonnement: CHF 80.– / U25: CHF 40.– (halber Eintrittspreis bei allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Abonnement Programmheft: CHF 20.– // Anmeldung an der Kinokasse, über www.filmpodium.ch oder Tel. 044 412 31 28

VORSCHAU Paolo Sorrentino

Léa Pool

Mit Il divo, seiner bissigen Politsatire auf den

Die diesjährige Ausgabe des schwullesbi-

ehemaligen italienischen Ministerpräsiden-

schen Filmfestivals Pink Apple begrüsst als

ten Giulio Andreotti, wurde Paolo Sorrentino

Stargast die Kanada-Schweizerin Léa Pool.

2008 international bekannt. Dabei zählt er

Das Filmpodium nimmt dies zum Anlass, die

schon seit seinem Spielfilmdebüt L’uomo in

Cineastin, deren jüngstes Werk La passion

più (2001) zu den Ausnahmetalenten des jun-

d’Augustine unlängst im Kino war, mit einer

gen italienischen Kinos – und wird spätes-

Retrospektive zu würdigen. Frauenbilder

tens seit La grande bellezza (2013), seiner

und Frauenliebe zählen seit Pools Anfängen

Hommage auf Fellinis La dolce vita, als einer

in den achtziger Jahren zu den Hauptthe-

der legitimen Nachfolger des grossen Meis-

men der gebürtigen Genferin, die sich mit

ters gehandelt. Wir würdigen den so eigen-

feinfühligen Filmen wie Anne Trister, À corps

willigen wie stilbewussten Regisseur mit ei-

perdu und Lost and Delirious international ei-

ner Hommage und präsentieren neben den

nen Namen gemacht hat. Mit Emporte-moi

sieben Spielfilmen auch eine Auswahl seiner

errang sie weltweit zahlreiche Auszeich-

Kurzfilme aus den letzten zwanzig Jahren.

nungen, darunter den Schweizer Filmpreis.


FEBRUARY 18