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16. Februar – 31. März 2018

Carl Theodor Dreyer Neue Dokumentarfilme


01 Editorial

Kurve gekriegt Das Jahresabo für alle in Ausbildung.

RUND 60 FILME FÜR FR. 50.–. «Das erste Jahrhundert des Films» im Filmpodium.

PRIX DU CINEMA SUISSE 2018

WOCHE DER NOMINIERTEN SEMAINE DES NOMINÉS 19.—25.3.2018 FILMPODIUM ZÜRICH LES CINÉMAS DU GRÜTLI GENÈVE EIN ANGEBOT VON PROPOSÉE PAR

IN ZUSAMMENARBEIT MIT EN COLLABORATION AVEC

Für 2016 mussten wir einen markanten Rückgang der Eintritte vermelden (von durchschnittlich 39 auf 34 Gäste pro Vorstellung); dagegen präsentiert sich das Jahr 2017 erfreulicherweise als praktisch stabil: Insgesamt 31 887 Personen besuchten das Filmpodium, das sind nur 285 weniger als im Vorjahr und damit weiterhin 34 pro Vorstellung. Natürlich würden wir uns über (wieder) höhere Eintrittszahlen freuen; dennoch ist «stabil» inzwischen keine Selbstverständlichkeit. Von ein paar Publikumsrennern abgesehen, laufen nämlich in den gewerblichen ArthouseKinos viele Filme oft mit deutlich weniger als 20 Gästen pro Vorstellung. Das hat diverse Gründe: Der individuelle Filmkonsum hat weiter zugenommen, ebenso das Angebot; manche Filme werden nur noch online gezeigt und auch Serien ziehen Filmfans in ihren Bann. Trotzdem kommen immer mehr Filme neu ins Kino (2016: 499; 2017: 531). In Zürich ist die Zahl der Leinwände nochmals angestiegen und immer neue Filmfestivals buhlen um Aufmerksamkeit. Das alles verstärkt die Aufsplitterung des Publikums und macht es für uns noch anspruchsvoller, Interessierte für unser Programm zu gewinnen. Das Filmpodium hat deshalb seine Anstrengungen verstärkt, den Publikumskreis auszuweiten und insbesondere auch Jüngere anzusprechen. Dazu haben wir diverse Anlässe veranstaltet und zusätzliche Abonnementsformen angeboten. Mit dem Sommer-Abo etwa ist es uns gelungen, ein neues Publikumssegment anzusprechen und zum Teil als Stammgäste zu gewinnen. Ein Sonder-Abonnement für die Filmgeschichtsreihe «Das erste Jahrhundert des Films», das sich an alle in Ausbildung richtet, ist seit Januar 2018 erhältlich. Sicher können wir die Veränderungen im Publikumsverhalten, die der Digitalisierung geschuldet sind, nicht rückgängig machen, aber unsere Ambition ist es, den Kinobesuch beim cinephilen jungen Publikum weiterhin als die ideale Rezeptionsform von Film gegenwärtig zu halten. Unseren älteren Stammgästen brauchen wir dies selbstverständlich nicht zu beweisen, wie etwa der Erfolg der Reihen zu Federico Fellini oder Cary Grant mit über 69 bzw. 62 Eintritten pro Vorstellung zeigt. Schliesslich können wir noch stolz vermelden, dass eines der drei Plakate, die wir pro Jahr gestalten lassen können, in die aktuelle Liste der 100 besten Plakate aus Deutschland, Österreich und der Schweiz aufgenommen wurde. Es handelt sich um das Ida-Lupino-Plakat der ZHdK-Studierenden Rebecca Wey und Elena Gabriel vom Juni 2016 – was beweist, dass junge ­kreative Menschen in unserem Programm Inspiration finden. Corinne Siegrist-Oboussier Titelbild: Lisbeth Movin als Anne in Tag des Zorns, ©The Danish Film Institute


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03 INHALT

Carl Theodor Dreyer

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Carl Theodor Dreyer (1889–1968) gilt als der bedeutendste Cineast des dänischen Kinos. Er arbeitete zunächst als Journalist und Drehbuchautor und begann 1919 mit Præsidenten selbst zu inszenieren. In Komö­dien, Dramen und Kammerspielen um Macht und Missbrauch, gesellschaftliche Konventionen und religiöse Zwänge übt Dreyer Kritik an den herrschenden Verhältnissen. Im Zentrum steht bei ihm stets der Mensch, und ein besonderes Anliegen ist ihm die Emanzipation der Frau. Die Meisterwerke La passion de Jeanne d’Arc (1928), Ordet (1955) und Gertrud (1964) bilden das Herzstück dieser ersten Retrospektive, die das Filmpodium Dreyer widmet. Seine frühen Stummfilme sind in Zürich mehrheitlich erstmals zu entdecken und werden mit Live-Musik vorgeführt. Bild: Die Braut von Glomdal, ©The Danish Film Institute

Neue Dokumentarfilme

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Das Filmpodium zeigt starke und schillernde Auseinandersetzungen mit der Wirklichkeit, die nicht ins kommer­ zielle Kino gelangt sind. China’s Van Goghs etwa führt in ein chinesisches Malerdorf, wo einer von vielen VanGogh-Kopisten beschliesst, ernsthaft seinem Idol nachzueifern. Der erschütternde Under the Sun wirft einen Blick hinter die Kulissen eines «gewöhnlichen» Familienlebens in Nordkorea. Die flirrenden Traum/Alptraum-Landschaften von El mar la mar veranschaulichen die Zustände im mexikanischamerikanischen Grenzgebiet. Kate Plays Christine arbeitet eine historische Medientragödie auf und somniloquies dokumentiert die Schlafgespräche eines Dichters. Romans d’adultes wiederum ist die Fortsetzung der Westschweizer Doku-Serie Romans d’ados. Bild: Under the Sun

Das erste Jahrhundert des Films: 1938

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Als Ergänzung zu den Olympischen Spielen in Südkorea zeigen wir Leni Riefenstahls Olympia und als propagandistisches Gegengift dazu Eisensteins Heldenepos Alexander Newski. Hitchcock unterhält mit The Lady Vanishes und Capra amüsiert mit You Can’t Take It with You, während ­Michael Curtiz in Angels with Dirty Faces und Marcel Carné in Hôtel du Nord auch die Schattenseiten der Gesellschaft ins Auge fassen.

Reedition: 36 Creature from the Black Lagoon Ein amphibischer Amazonasbewohner verguckt sich in das weibliche Mitglied einer Expedition. Dieser Gruselklassiker stand Pate für Guillermo del Toros The Shape of Water. Bild: Creature from the Black Lagoon

Filmpodium für Kinder: Ernest & Célestine

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Mäuse und Bären können keine Freunde sein. Das weiss doch jeder! Denn schliesslich haben Mäuse Angst vor Bären – und Bären haben Mäuse höchstens zum Fressen gern. Nur die Maus Célestine würde gerne einmal einen Bären kennenlernen. Zauberhafter Animationsfilm. Bild: Ernest & Célestine

Einzelvorstellungen IOIC-Soiree:38 Orphans of the Storm Sélection Lumière: 40 Zabriskie Point


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Carl Theodor Dreyer: Intimität der Leere Zum 50. Todestag des dänischen Cineasten Carl Theodor Dreyer am 20. März 2018 widmet das Filmpodium diesem grossen Erneuerer des europäischen Kinos erstmals eine umfassende Retrospektive. Diese macht deutlich, dass Dreyers legendäre Konzentration auf Kammerspiele und Leidensgeschichten von Frauen der tatsächlichen Bandbreite seines Talents und der Vielfalt seiner Themen nicht gerecht wird. Wie wohl für keine andere Weltgegend gilt für die nordischen Länder, dass ihre grossen Filmregisseure in besonderem Masse als Schöpfer grosser Frauengestalten hervorgetreten sind. Lars von Trier mag der jüngste sein in einer Genealogie, die über Ingmar Bergman zurückreicht bis zu Carl Theodor Dreyer, der 1889 in Kopenhagen geboren und 1968 daselbst gestorben ist. Seine schwedische Mutter, geschwängert von einem dänischen Landbesitzer, hat ihren Karl getauften Sohn nie kennengelernt. Nach Stationen in Pflegeheimen kam dieser im Alter von zwei Jahren in die Familie des Schriftsetzers Dreyer, dessen Namen er fortan trug und dessen Obhut er so bald wie möglich zu entkommen suchte, um sich früh schon als Pianist, Ballonfahrer und Journalist zu betätigen. 1913 begann er für Nordisk Film zu arbeiten und erwarb sich in der Folge gründliche Kenntnisse als Cutter und als Autor von Drehbüchern, von denen er rund zwei Dutzend fertigte, meist Kriminal- und Abenteuergeschichten. 1918 wurde Carl Theodor Dreyer mit seiner ersten Regie betraut. Obwohl Præsidenten mit seinem Diskurs zum Ehrbegriff tief im 19. Jahrhundert wurzelt, wird seine Aktualität und seine – zumal für Dreyer – schlagende Dringlichkeit spätestens in dem Moment evident, da die wegen Kindsmords zum Tod verurteilte ledige Mutter sich vor Gericht eine Beschimpfung ihrer Mutter als liederlich anhören muss, wogegen sie vehement protestiert. Das Kolportageelement – der Gerichtspräsident, der auch das Urteil fällen soll, ist zugleich ihr Vater – wird gekonnt neutralisiert durch Dreyers Regie, die grossen Wert auf Details legt wie das wiederholt ins Bild gerückte Quartett vom Kätzchen und den drei Hündchen, die zuletzt gar noch als possierliche «Trauzeugen» fungieren.

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Frauenopfer: Renée Falconetti in La passion de Jeanne d’Arc (1928) Frauenliebe: Nina Pens Rode in Gertrud (1964), ©The Danish Film Institute


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07 In der Komödie Prästänkan (Die Pastorenwitwe, 1921) begegnen wir erstmals den für Dreyers Schaffen so zentralen Motiven der Hexe und des Wiedergängers. Zunächst erscheint die alte Dame, deren Ringfinger bereits drei Eheringe zieren, als Drachen, der dem jungen Hallodri, der da glaubte, sich ins gemachte Bett legen zu können, handgreiflich klarmacht, wer Herr im Haus ist. Seine laufend vereitelten Versuche, zu seiner als Schwester ausgegebenen Verlobten zu gelangen, und sein bizarres Unterfangen, in der Verkleidung als Teufel Frau Margarete einen Herzinfarkt zu bescheren, sind von auch heute noch funktionierender Komik; gleichermassen versteht es Dreyer, die Tragik der alten Frau zu vergegenwärtigen, die «nun schon zum vierten Mal wie ein Möbelstück weitergereicht» worden ist. Geläutert erfährt das junge Paar, dass es in stark abgemilderter Form das Schicksal der Vorgängerin wiederholt, die ihm zuletzt sogar Instruktionen mitgibt, wie ihre Wiederkehr als nicht sterben könnende Pastorenwitwe zu verhindern sei ... Hammershøi oder das Malerische Auch Du skal ære din hustru (Du sollst deine Frau ehren bzw. Master of the House, 1925) zeigt humoristische Einsprengsel: bei der endlich an die Hand genommenen Umerziehung eines Haustyrannen, der Angst und Schrecken sät in einem Haushalt, dessen weibliche Mitglieder nur ein Ziel kennen – ihm zu Gefallen zu sein. Bemerkenswert ist, wie dieser John, dem die von der resoluten alten Kinderfrau in die Kur geschickte Ehefrau Ida zugutehält, dass sie doch auch gute Jahre gehabt hätten, nie zur Karikatur verkommt. Auch dann nicht, als er am Schluss in die Ecke stehen muss, worauf eine wunderschöne Ida ins Zimmer und zu ihm zurückkehrt. Dreyer inszeniert nicht nur mit Bildwitz, etwa wenn die Alte abwechselnd nach links und nach rechts schaut, den Wäschestücken hinterher, die durch die Gegend fliegen, sondern – bevor zuletzt das Wort Ende über dem als Herz geformten Uhrpendel erscheint – mit geradezu malerischem Blick. Der dänische Kunsthistoriker Poul Vad hat darauf aufmerksam gemacht, wie stark Dreyers Bildfindungen von der Malerei seines Landsmanns Vilhelm Hammershøi beeinflusst sind. Johns von hinten gesehene Schulter und sein Kopf, um den sich im Gegenlicht zwei weisse Frauenhände legen, sind als dunkle Kontur das nachgerade klassische Muster Hammershøischer Figurendarstellung. Bereits in Præsidenten waren sie da: das Prinzip des leeren Vordergrunds, die strenge Mittelachse, die Gliederung von Vertikalen und Horizontalen in präzis gefugten Quadern sowie, dies vor allem, der virtuos variierte Blick durch die geöffnete Tür in einen nächsten und übernächsten Raum. Wir werden ihnen bis zum Schluss wieder begegnen, auch in Gertrud, der die Raumgliederungen durch den Einsatz von Spiegeln erweitern wird (wobei die Spiegelung, zumal die im Wasser, Dreyers ganz eigene, von Anfang an geübte Praxis der Verfremdung von Nähe bezeichnet).

> Die Pastorenwitwe.

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Eine befremdliche Sache ist allerdings der Film Michael (1924) geworden, der sich, wo nicht mit Malerei, so doch mit der überlebensgrossen Figur eines Malers befasst. Von Klaus Mann begeistert, von Thomas Mann verschämt ­gefeiert, hat der Roman «Mikaël» (1904) von Herman Bang unter Homo­ sexuellen weite Verbreitung gefunden; die Liebe zwischen Männern schildert er freilich nur als einseitiges, unerfülltes Sehnen des Älteren, während er in der Schilderung weiblicher Schönheit an Erotik nicht geizt. Zweifellos aber ist er ein Schlüsselwerk zur Pariser Kunstszene der Belle Époque – ein Aspekt, den die deutsche Produktion (Erich Pommer) und Mitarbeit am Drehbuch (Thea von Harbou) dem Film zur Gänze ausgetrieben haben. Mit der Rolle des «Meisters» hat Dreyer Benjamin Christensen betraut, den Regisseur des ­erstaunlichen Häxan (1922), während der junge Walter Slezak die Rolle des Titelhelden und Liebhabers der bankrotten russischen Fürstin versieht. ­Robert Garrison macht den Kunstkritiker Switt zur interessantesten Figur. Karl Freund, hier nicht nur hinter der Kamera, gibt in einem Cameo als Kunsthändler ein Kabinettstück der stereotyp händereibenden jüdischen Servilität zum Besten. Film und Wunder Von den grossen Filmen, die Dreyers Weltruhm begründeten, kann hier nur summarisch die Rede sein: Vampyr (1932), in dem das Fragmentarische, Halbverstandene, Unerklärte dem Horror den Boden erst bereitet, ist eine fantastische Meditation über das verweigerte Sterben, in der der Sensenmann


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> Der Präsident.

> Blätter aus dem Buche Satans.

> Die Waffen nieder!.

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> Das Geheimnis des Pavillons.

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dem Fährmann zu Beginn zwölfmal die Stunde schlägt. Vredens dag (Tag des Zorns, 1943), in dem die Kinderstimmen den Schauder des «Dies irae» vervielfachen, während das tiefe Schwarz, das hier das harte Weiss verschlingt, nicht nur als Gegenstück protestantischen Hexenwahns aus dem frühen 17. Jahrhundert zum spätmittelalterlichen Furor der Inquisition bei Jeanne d’Arc erscheint, sondern ebenso als Gleichnis der Nacht, die sich mit der Nazi-Besetzung über Dänemark gesenkt hat. Exemplarisch dafür ist das Schicksal Annes, die von ihrem religiös verblendeten Ehemann wie von ihrem Stiefsohn und Geliebten verraten wird. In Ordet (Das Wort, 1954), diesem von allem Äusserlichen radikal entkleideten Diskurs über das Wunder, glaubt Johannes, durch zu viel Kierkegaard-Studium wahnsinnig geworden, Jesus zu sein und bringt es durch «das Wort» fertig, die unter fast nicht auszuhaltendem Stöhnen im Kindbett verstorbene Inger vom Tod zu auferwecken. Waren hier die inneren Entwicklungen und Verwandlungen durch beinah endlos lange Momente des «Verharrens» in bezwingende Form gebracht, so versuchte Gertrud (1964) die unbedingte Einforderung von Liebe einer Frau umzusetzen, die sich gegen den platten «Glauben an Fleischeslust und die unheilbare Einsamkeit der Seele» auflehnt: in betont deklamatorisch gesprochenen Dialogen, die mitunter zu eigentlichen Monologen geraten. Zugleich schaffen die erlesen fotografierten Interieurs eine Intimität der Leere, die unverkennbar in Hammershøis Bildwelten gründet. Schliesslich das fast unbegreifliche Wunder La passion de Jeanne d’Arc (1928), ein Meisterwerk der Film­ geschichte, das den Betrachter zutiefst erschüttert, gleichviel wie oft er es schon gesehen haben mag. Wie Dreyer hier Inszenatorisches – entfesselte ­Kamera (Rudolph Maté, wie danach im «antithetischen» Vampyr), schauspielerische Extremsituation und aufs rein Funktionelle reduziertes Dekor – und geistigen Gehalt zusammenführt, erbarmungslose Kritik an infamer religiöser Ultraorthodoxie und innigstes Glaubensbekenntnis, wurde nicht von ungefähr als Apotheose des Stummfilms empfunden, über die hinaus keine weitere Entwicklung mehr denkbar schien. Unauslöschlich das mediterranschöne Gesicht Renée («Maria») Falconettis, in dessen Zügen sich schlichte Heilsgewissheit, ein kluger Geist und schreckliche Todesangst zu einem Bild weiblichen Leidens fügen, das noch und noch über die Verschwörung der alten Männer triumphiert. Christoph Egger

Christoph Egger war lange Jahre verantwortlicher Redaktor für Film der NZZ. Seit seiner Pensionierung schreibt er weiterhin auch über Filmisches und mit besonderem ­Interesse über Skandinavisches. > Die Gezeichneten.

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> Es war einmal.

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Carl Theodor Dreyer man von Viggo Cavling // KAMERA Louis Larsen // MIT Karl

DAS GEHEIMNIS DES PAVILLONS (Pavillonens hemmelighed) Dänemark 1916 Der Kriminalbeamte Karl Frank lernt auf einer Reise Graf Kuno von Kral und dessen charmante Schwester Margit kennen. Als Frank Zeuge eines frechen Raubüberfalls auf einen Juwelier wird und daraufhin ermittelt, führt die Spur zu Graf Kuno. Dieser hält einige Überraschungen bereit. Von den 22 Filmen, die zwischen 1912 und 1918 entstanden und zu denen Dreyer die Drehbücher geschrieben hatte, kennt man heute nur noch zwei, wobei Pavillonens hemmelighed im Vergleich zu Ned med Vaabnene! weniger bekannt ist. «Er wurde 1914 als einer von mehreren Filmen über Meisterverbrecher gedreht und (...) im Programmheft etwas hochtrabend als ‹psychologischer Krimi› bezeichnet. Fast die Hälfte aller Drehbücher, die Dreyer schrieb, waren auf die eine oder andere Art Krimis, und alle beruhten auf bereits existierenden Vorlagen. Pavillonens hemmelighed ist wohl typisch für seine Arbeit. Regie führte Karl Mantzius, einer der höchstangesehenen Schauspieler jener Zeit.» (Casper Tybjer, Katalog Il Cinema Ritrovato 2004)

DIE WAFFEN NIEDER! (Ned med Vaabnene!) Dänemark 1915 Dreyer schrieb das Drehbuch zu diesem dänischen Anti-Kriegsfilm, den Holger-Madsen nach Bertha von Suttners Romanvorlage «Die Waffen nieder!» inszenierte und der 1914 am Weltfriedenskongress in Wien hätte uraufgeführt werden sollen; bis dann aber war Bertha von Suttner verstorben, der Weltkrieg ausgebrochen und der Kongress abgesagt. Der Film «porträtiert die Familie eines Offiziers und das wachsende pazifistische Bewusstsein der Protagonistin, Martha von Althaus, (wobei er auch) beeindruckende Kriegsszenen und Tableaus von verwundeten Soldaten darstellt. Wie Bertha von Suttner vorhergesagt hatte, wurde der Film in mehreren Ländern verboten, (und auch in Deutschland wurde er nur) während der Novemberrevolution von 1918 –1919 veröffentlicht, als einige Verleihe für zwei kurze Monate mit den starken Antikriegsgefühlen der Revolution sympathisierten und solche Themen unter dem Motto ‹neue Filme für neue Zeiten› vorstellten.» (Madeleine Bernstorff, Katalog Il Cinema Ritrovato 2014)

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Carl Theodor Dreyer

Mantzius (Graf Kuno von Kral), Vita Blichfeldt (Gräfin Margit), Svend Aggerholm (Karl Frank, Kriminalbeamter).

DIE WAFFEN NIEDER! 73 Min / sw / DCP / Stummfilm, dän + d Zw’titel // REGIE Holger-Madsen // DREHBUCH Carl Theodor Dreyer, nach dem Roman von Bertha von Suttner // KAMERA Marius Clausen // MIT Augusta Blad (Martha), Olaf Fønss (Frederik von Tilling, Marthas zweiter Mann), Johanne Fritz-Pedersen (Rosa, Marthas Schwester), Philip Bech (Graf von Althaus, Marthas Vater), Birger von Cotta-Schønberg (Konrad, Marthas und ­Rosas Cousin), Alf Blütecher (Arno von Dotzky, Marthas erster Mann), Frederik Jacobsen (Dr. Bresser, Arzt). SA, 3. MÄRZ | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: NEIL BRAND, LONDON (PIANO)

DER PRÄSIDENT (Præsidenten) Dänemark 1920 Wie in vielen von Dreyers Werken geht es auch in seinem Regieerstling um Liebe, Ungerechtigkeit und das Leiden seiner weiblichen Hauptfiguren. In Der Präsident steht im Mittelpunkt «ein Richter, der sich entscheiden muss zwischen seiner Ehre, seiner sozialen Position und seiner unehelichen Tochter, die angeklagt ist, ihr ebenfalls uneheliches Kind getötet zu haben. (Der Film ist autobiografisch gefärbt, denn) Dreyer war das uneheliche Kind einer schwedischen Dienstmagd, die zwei Jahre nach seiner Geburt an einer versuchten Abtreibung starb.» (Hans-Joachim Fetzer, Kino Arsenal Berlin, März 2010) Obwohl der Stoff zum Melodram tendiert, zeichnet sich Dreyers Inszenierung aus durch «lebensnahes, aber intensives Schauspiel, elegante, aber nüchterne Gestaltung und einen Scharfblick für grausame Ironie und moralische Nuancen. Sehr sehenswert und oft wunderschön.» (Geoff Andrew, Time Out Film Guide) 85 Min / tinted / Digital SD / Stummfilm, dän + d Zw’titel // REGIE Carl Theodor Dreyer // DREHBUCH Carl Theodor Dreyer, basierend auf dem Roman von Karl Emil Franzos // KAMERA Hans Vaagø // MIT Halvard Hoff (Karl Victor von Sendlingen), Elith Pio (Franz Victor von Sendlingen, Karls Vater), Carl Meyer (Karls Grossvater), Jacoba Jessen (Maika), Hallander Helleman (Franz, Bediensteter), Fanny Petersen (Brigitta, Bedienstete), Olga Raphael-Linden (Victorine Lippert, Karls Tochter), Betty Kirkeby (Hermine Lippert, Victorines Mutter). SO, 18. FEB. | 14.00 UHR LIVE-BEGLEITUNG: ANDRÉ DESPONDS, ZÜRICH (PIANO)

DAS GEHEIMNIS DES PAVILLONS 47 Min / sw / DCP / Stummfilm, dän + d Zw’titel // REGIE Karl

MI, 28. FEB. | 18.15 UHR

Mantzius // DREHBUCH Carl Theodor Dreyer, nach dem Ro-

Musikfassung von Ronen Thalmay (2005)

DIE PASTORENWITWE (Prästänkan) Schweden 1920 Als der junge Söfren das Pfarramt in einem norwegischen Dorf übernimmt, muss er die viel ältere Witwe seines Amtsvorgängers heiraten, dabei ist er heimlich mit der jungen Mari verlobt. Er schickt sich in sein Los, in der Hoffnung, die greise Frau Margarete werde bald sterben, und gibt Mari als seine Schwester aus, um sie in der Nähe behalten zu können. Die Gefühle und Sehnsüchte der Individuen prallen auch hier gegen absurd anmutende ländliche Sitten und Gebote. Söfrens Versuche, seine unerwünschte alte Gattin loszuwerden, führen zu hochkomischen Fehlleistungen, ehe der Film nach einer tragischen Wende zu einem bewegenden, zutiefst menschlichen Schluss findet. «Der Film atmet eine Art Natürlichkeit (...) und weist voraus auf jene ‹realistische› Freiheit, die erst der Tonfilm vollends gestatten wird, und auf die langen Einstellungen und Aufnahmen, die in Dreyers späteren Werken dominieren werden.» (Miguel Marias, sensesofcinema.com) 88 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, schwed + d Zw’titel // RE-

werk raffiniert-stetiger Temposteigerung von Episode zu Episode – bis zu den furiosen SzenenSplittern der Schlusserzählung, die das Premierenpublikum verstörten.» (Franz Everschor/ Klaus Lakschéwitz, edition-filmmuseum.com) 167 Min / sw / DCP / Stummfilm, dän + e Zw’titel // REGIE Carl Theodor Dreyer // DREHBUCH Edgar Høyer, Carl Theodor Dreyer, nach dem Roman von Marie Corelli // KAMERA George Schnéevoigt // MUSIK Ronen Thalmay // MIT Helge Nissen (Satan/der Grossinquisitor/Erneste/Ivan); erste Sequenz: Halvard Hoff (Jesus), Jacob Texiere (Judas); zweite Sequenz: Hallander Helleman (Don Gomez de Castro), ­ Ebon Strandin (Isabel, Castros Tochter), Johannes Meyer (Don Fernandez), Nalle Halden (Haushofmeister); dritte Sequenz: Tenna Kraft (Marie Antoinette), Viggo Wiehe ( Graf von Chambord), Emma Wiehe (Gräfin von Chambord), Jeanne Tramcourt (Geneviève von Chambord); vierte Sequenz: Clara Pontoppidan (Siri), Carlo Wieth (Paavo), Karina Bell (Naimi), Carl Hillebrandt (Rautamiemi), Christian Nielsen (Matti). DI, 27. FEB. | 20.00 UHR LIVE-BEGLEITUNG: GÜNTER A. BUCHWALD, FREIBURG (PIANO UND VIOLINE) SO, 11. MÄRZ | 15.00 UHR Musikfassung von Ronen Thalmay (2007)

GIE Carl Theodor Dreyer // DREHBUCH Carl Theodor Dreyer, nach einer Erzählung von Kristofer Janson // KAMERA George Schnéevoigt // MIT Hildur Carlberg (Frau Margarete), Einar Röd (Söfren Ivarson), Greta Almroth (Mari, seine Geliebte), Olav Aukrust (erster Kandidat), Kurt Welin (zweiter Kandidat), Mathilde Nielsen (Gunvor), Emil Helsengreen (Steinar), Lorentz Thyholdt (Glöckner). FR, 2. MÄRZ | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: NEIL BRAND, LONDON (PIANO)

BLÄTTER AUS DEM BUCHE SATANS (Blade af Satans bog) Dänemark 1921 Beeinflusst von D.W. Griffiths Intolerance beschäftigt sich Dreyer in diesem Episodenfilm mit der Verführung des Menschen zum Bösen durch Satan. Die vier Episoden spielen in vier verschiedenen Epochen, nämlich «zur Zeit Christi, im Spanien des 16. Jahrhunderts, während der Französischen Revolution und im finnischen Bürgerkrieg von 1918. (…) Obwohl sie novellistisch kurz sind, ist jeder historische Dekor mit so viel massiven Bauten ausgemalt wie in jedem anderen, langen Dreyer-Film. Die Überzeugung, dass sich die Abstraktion der Personen, die Spiritualität einer Handlung nur auf dem Fundament einer möglichst konkreten Realität erreichen lässt, wird nachdrücklich demonstriert. (…) Blätter aus dem Buche Satans ist nicht zuletzt auch ein Meister-

DIE GEZEICHNETEN (Elsker hverandre) Deutschland 1922 Russland 1905: Das jüdische Mädchen HanneLiebe wächst inmitten revolutionärer Unruhen in einer Kleinstadt auf. Als der Nachbarsjunge Fedja sie in der Schule denunziert, flieht sie nach St. Petersburg zu ihrem zum Christentum konvertierten Bruder Jakow, einem angesehenen Anwalt. In der Stadt trifft sie auf den Studenten Sascha, der in revolutionären Kreisen verkehrt und bald von einem verkappten Regierungsagenten verraten wird. Als Hanne-Liebe und Jakow zu ihrer im Sterben liegenden Mutter heimkehren, wird ihr Dorf gerade vom selben Agenten zum Pogrom gegen die «Ungläubigen» aufgehetzt. «Dreyer hat 1921 mit russischen Flüchtlingen in Berlin gedreht, dabei auch viele Gespräche mit ihnen geführt, dazu Fotografien und Bücher studiert. So atmen die Landschaftsaufnahmen, die Genre- und Massenszenen eine ungewöhnliche Authentizität. Zugleich entfaltet sich ein beklemmendes Szenario von Aufgeregtheit, Fanatismus und Rassenhass, das schon auf kommende ­Exzesse vorausweist.» (Andreas Hauff, nmz.de, 3.7.2011) 95 Min / sw / DCP / Stummfilm, dän + d Zw’titel // REGIE Carl Theodor Dreyer // DREHBUCH Carl Theodor Dreyer, nach dem Roman von Aage Madelung // KAMERA Friedrich Wein-


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Carl Theodor Dreyer mann // MIT Polina Piechowska (Hanne-Liebe Segal), ­Wladimir Gaidarow (Jakow Segal), Adele Reuter-Eichberg (Frau Segal), Johannes Meyer (Rylowitsch), Thorleif Reiss (Alexander «Sascha» Krasnow), Richard Boleslawski (Gawrik «Fedja» Suchowerski), J. N. Duwan-Torzow (Vater Sucho­ werski, russischer Kaufmann), Sylvia Torf (Zipe), Hugo Döblin (Abraham, ihr Mann), Iwan Bulatoff (alter Bauer). DI, 6. MÄRZ | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: ALEXANDER SCHIWOW, ZÜRICH (PIANO)

> Master of the House.

DI, 27. MÄRZ | 20.45 UHR

©The Danish Film Institute

Musikfassung von Ronen Thalmay (2011)

ES WAR EINMAL (Der var engang) Dänemark 1922

> Michael.

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> They Caught the Ferry.

©The Danish Film Institute

«‹Sag dem Kammerherrn, dass er hängen wird, wenn er nicht sofort meinen Papagei findet!›, tobt die verwöhnte Heldin in Dreyers bezauberndem Märchen über Prinzen und Prinzessinnen, angenommene Identitäten und magische Teekessel. Im Königreich Illyrien wohnt eine gelangweilte, wunderschöne Prinzessin mit spektakulär frisiertem Haar (…), die die meisten ihrer Freier stracks zum Henker schickt. Der Prinz von Dänemark lässt sich aber nicht so leicht abweisen und heckt einen verrückten Plan aus, um ihr Herz zu erobern.» (Jason Sanders, artpractical.com) Als einer von Dreyers unterhaltsamsten Filmen greift Es war einmal «Elemente von Hans Christian Andersens Der Schweinehirt und Shakespeares Der Widerspenstigen Zähmung auf. (…) Bemerkenswert ist (dieser Film) vor allem wegen der an Lubitsch erinnernden eleganten Ironie der Szenen am Königshof sowie der lichtdurchfluteten Landschaftsbilder.» (Hans-Joachim Fetzer, Kino Arsenal Berlin, März 2010)

75 Min / sw / DCP / Stummfilm, dän + d Zw’titel // REGIE Carl

MICHAEL (Mikaël) Deutschland 1924 Der alternde Maler Claude Zoret findet im jungen Eugène Michael einen Schüler, eine Muse – und die unerwiderte grosse Liebe, denn sein Schützling amüsiert sich lieber mit einer Gräfin. «Dreyers Grundthema – das christliche Erlösungsversprechen – wird in dieser Studie über ­einen um Anerkennung und Liebe kämpfenden Künstler um ein weiteres Thema erweitert: das Verhältnis des Bewussten zum Unbewussten. Kameramann Karl Freund kreierte den kunstvollen Lichteinsatz (…) und malte förmlich auf der Leinwand extreme Physiognomien, wie das engelsgleiche Antlitz des jungen Malerschülers im Kontrast zu den bleichen Fratzen alter Männer. Eine weitere Besonderheit sind die aufwendig gestalteten Innenräume, die mit extravaganten Kunst­ gegenständen ausgestattet sind.» (cinema.arte.tv) 90 Min / sw / DCP / Stummfilm, d Zw’titel // REGIE Carl Theodor Dreyer // DREHBUCH Thea von Harbou, Carl Theodor Dreyer, nach dem Roman von Herman Bang // KAMERA Karl Freund, Rudolph Maté // MUSIK Pierre Oser // MIT Walter Slezak (Michael), Benjamin Christensen (Claude Zoret), Nora Gregor (Prinzessin Lucia Zamikoff), Robert Garrisson (Charles Switt, Journalist), Max Auzinger (Majordomus), ­Didier Aslan (Herzog von Monthieu), Alexander Murski (Herr Adelsskjold), Grete Mosheim (Frau Alice Adelsskjold). MI, 14. MÄRZ | 21.00 UHR LIVE-BEGLEITUNG: GÜNTER A. BUCHWALD, FREIBURG (PIANO UND VIOLINE) FR, 16. FEB. | 15.00 UHR Musikfassung von Pierre Oser (1994)

MASTER OF THE HOUSE (Du skal ære din hustru) Dänemark 1925

Theodor Dreyer // DREHBUCH Carl Theodor Dreyer, Palle

> Vampyr.

­Rosenkrantz, nach einem Theaterstück von Holger Drachmann // KAMERA George Schnéevoigt // SCHNITT Carl Theodor Dreyer, Edla Hansen // MIT Clara Pontoppidan (Prinzessin von Illyrien), Svend Methling (Prinz von Dänemark), Peter Jerndorff (König), Hakon Ahnfelt-Rønne (Kasper Røghat), ­Bodil Faber (Hofdame), Wilhelmine Henriksen (Doktor Dorthe), Lili Lani (Hofdame), Karen Poulsen (Bolette). DI, 20. FEB. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: MARTIN CHRIST, LIGERZ (PIANO) FR, 2. MÄRZ | 15.00 UHR Musikfassung von Ronen Thalmay (2011)

> Ordet.

©The Danish Film Institute

> Zwei Menschen.

©The Swedish Film Institute

In dieser Stummfilm-Satire zeigt Dreyer, wie man aus einem Haustyrannen einen Musterehemann macht. Das alte Kindermädchen des Hauses Frandsen schickt die überarbeitete Ehefrau und Mutter zur Erholung weg und «organisiert den Haushalt neu. Die Umerziehung (des Gatten ­Viktor) dauert einen guten Monat, und bald lernt er seine Frau zu schätzen. Der wohl organisierte Alltag der Familie wird behutsam, mit Konzentration aufs Wesentliche und sensibilisiertem Blick auf die zentralen Figuren der Geschichte in Szene gesetzt. (...) Viele Halbnah- und Nah-Einstellungen erlauben den Darstellern ein zurückhaltendes Spiel, das wie durch eine Lochkamera, gesoftet mit Irisblenden, aufgenommen ist. (…) Das


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Carl Theodor Dreyer

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Carl Theodor Dreyer

Interieur der kleinbürgerlichen Wohnung ist mit zahlreichen symbolträchtigen Details ausgestattet, die die Probleme und Eigenarten der Familie gegenständlich reflektieren. (…) Der enorme Erfolg des hoffnungsvollen Alltagsdramas konnte vor allem in Frankreich verzeichnet werden und ebnete für Dreyer den Weg zur Realisierung der Verfilmung von La passion de Jeanne d’Arc (1928).» (cinema.arte.tv)

Dreyer, nach zwei Erzählungen von Jacob Breda Bull // KA-

(Jean Lemaître), Louis Ravet (Jean Beaupère), Paul Delauzac

Fanu // KAMERA Rudolph Maté // MUSIK Wolfgang Zeller //

MERA Einar Olsen // MIT Einar Sissener (Tore Braaten), Tove

(Martin Ladvenu), Jean d’Yd (Nicolas de Houppeville).

SCHNITT Tonka Taldy // MIT Julian West (Allan Gray), Maurice

112 Min / sw / DCP / Stummfilm, dän + e Zw’titel // REGIE UND

SO, 18. MÄRZ | 15.00 UHR

SCHNITT Carl Theodor Dreyer // DREHBUCH Svend Rindom,

Tellback (Berit Glomgaarden), Stub Wiberg (Ola GlomgaarSA, 10. MÄRZ | 18.15 UHR

Schmitz (Léone), Henriette Gérard (die alte Frau vom Fried-

(Kari Braaten), Oscar Larsen (Berger Haugsett), Einar Tveito

LIVE-BEGLEITUNG: ORLANDO CONSORT, ENGLAND

hof), Jan Hieronimko (der Arzt), Albert Bras (der alte Diener).

(Gjermund Haugsett).

(A-CAPPELLA-ENSEMBLE)

DO, 8. MÄRZ | 20.45 UHR

DO, 1. MÄRZ | 15.00 UHR / FR, 30. MÄRZ | 20.45 UHR

LIVE-BEGLEITUNG: ANDRÉ DESPONDS, ZÜRICH (PIANO)

Musikfassung von Karol Mossakowski (2016)

Musikfassung von Ronen Thalmay (2011)

Meyer (Viktor Frandsen), Astrid Holm (Ida, seine Frau), Karin Nellemose (Karen, ihre Tochter), Mathilde Nielsen (Mads, Viktors frühere Amme), Clara Schønfeld (Alvilda Kryger, Idas Mutter), Johannes Nielsen (Arzt), Petrine Sonne (Frau Hansen, Waschfrau). MO, 19. FEB. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: MARTIN CHRIST, LIGERZ (PIANO) MO, 26. MÄRZ | 20.45 UHR Musikfassung von Lars Fjeldmose (2010)

DIE BRAUT VON GLOMDAL (Glomdalsbruden) Norwegen/Schweden 1926 Dieser Romanze von Dreyer liegen zwei Erzählungen des norwegischen Autors Jacob Breda Bull zugrunde. Tore kehrt nach Jahren wieder in sein Dorf zurück, um den Bauernhof seiner Eltern zu übernehmen. Er ist in die Bauerntochter Berit verliebt, die am anderen Flussufer auf einem viel stattlicheren Hof wohnt. Berits Vater, der sich zuerst hartnäckig gegen die Heirat sträubt, lenkt schliesslich ein, was Berits ehemaligen Verlobten Gjermund rasend vor Eifersucht macht und Tore in Gefahr bringt. Dreyer siedelt diese amourösen Wirrungen in einem von der Moderne unverdorbenen, idyllischpastoralen Ambiente an. Auch die Stimmung des Films «ist hauptsächlich leicht, bis sie ins Abenteuerliche kippt und in einen Höhepunkt mündet, bei dem der Bräutigam durch Stromschnellen gerissen wird. Ein kleinerer Film, aber doch ­ sehr unterhaltsam.» (Tom Charity, Time Out Film Guide) «Jedes Bild des Films ist durchdrungen von Dreyers Engagement für die romantische und sexuelle Liebe zwischen zwei Menschen als lebendige Verkörperung Gottes auf Erden.» (Dan Callahan, slantmagazine.com, 31.3.2009)

VAMPYR Deutschland/Frankreich 1932

Carl Theodor Dreyer, nach einem Theaterstück von Svend Rindom // KAMERA George Schnéevoigt // MIT Johannes

Schutz (der Schlossherr), Rena Mandel (Gisèle), Sybille

den), Harald Stormoen (Jakob Braaten), Alfhild Stormoen

LA PASSION DE JEANNE D’ARC Frankreich 1928 Dreyers letzter Stummfilm wird bis heute zu den besten Werken der Filmgeschichte gezählt. Jeanne d’Arcs Leiden und ihre Hinrichtung werden aufgrund der historischen Prozessprotokolle geschildert, als ergreifendes Beispiel für den Konflikt zwischen individuellem Glauben und weiblicher Selbstbestimmung einerseits und der missbräuchlichen Macht der organisierten Religion und des Patriarchats andererseits. «Immer wieder zeigen Dreyers Filme, wie der weibliche Körper verstümmelt, zerstückelt und eingeäschert wird, um die männliche Sicht der Dinge durchzusetzen. In La passion de Jeanne d’Arc fand er dafür zum ersten Mal auch eine überzeugende ästhetische Entsprechung.» (Hans Schmid, in: Carl Th. Dreyers Jeanne d’Arc, CICIM 1996) «In stark zurückgenommenen Dekors konzentrierte sich Dreyer auf die Seelenlandschaften der ungeschminkten Gesichter, die durch die expressionistischen Kamerawinkel und im Kontext des dargestellten Geschehens eine enorme Ausdruckskraft gewinnen.» (Hans-Joachim Fetzer, kino arsenal, März 2010) Der Film besteht hauptsächlich aus Grossaufnahmen. Das «Gesicht, das wir am meisten sehen, ist natürlich dasjenige Maria Falconettis, und man kann sich nur mit Mühe eine andere Darstellerin vorstellen, die körperliche Qual und spirituelle Erhöhung spürbarer vermitteln könnte. (…) Der gesamte Film wirkt weniger aus Licht gebildet denn in Stein gemeisselt; das ist meisterhaftes Kino und fast unerträglich bewegend.» (Tony Rayns, Time Out Film Guide) 97 Min / sw / Digital HD / Stummfilm, f + d Zw’titel // REGIE Carl Theodor Dreyer // DREHBUCH Carl Theodor Dreyer, ­Joseph Delteil // KAMERA Rudolph Maté // SCHNITT Carl

Vampyr ist Dreyers erster Tonfilm, die je in einer englischen, deutschen und französischen Version an realen Schauplätzen realisierte Verfilmung von Sheridan Le Fanus «In a Glass Darkly». Der Film setzt aber Geräusche und die gesprochene Sprache sehr sparsam ein und ist auch durch seine Bildsprache und Zwischentitel noch deutlich dem stummen Kino verpflichtet. Finanziert wurde Vampyr vom holländischen Baron Nicolas de Gunzburg, einem Amateurschauspieler, der unter Pseudonym die Hauptrolle spielte: einen Studenten, der sich mit Aberglauben und alten Sagen beschäftigt und auf der Durchreise in einem Dorf seltsame Vorgänge beobachtet, bis er schliesslich einem Vampir das Handwerk legt. «Einer der ersten psychologischen Horrorfilme. Mit traumartiger Logik entführt der Film seinen Protagonisten auf eine Reise durch Licht und Dunkel, bis dieser seine eigene Beerdigung imaginiert (…). Dank Rudolf Matés lichtdurchfluteter Kameraarbeit erschafft Dreyer einen Film von grosser Schönheit.» (Chris Petit, Time Out Film Guide) «Der Horror findet nicht auf der Leinwand statt, sondern in den Köpfen der Zuschauer: Dreyer spielt auf der Wahrnehmungsklaviatur des Kinopublikums. ‹Dann erinnere ich mich an das Weiss von Vampyr, begleitet von Tönen, Schreien und vor allem dem fürchterlichen Stöhnen des Doktors …› (François Truffaut). Dreyers Meisterwerk, als Antwort auf Tod Brownings Dracula entstanden, vermeidet die Klischees des Genres. (…) Dreyer produziert subtil Verunsicherung (…), der Zuschauer wird mit Geschehnissen konfrontiert, deren Ursachen und Folgen nicht immer expliziert werden. Die zum Teil ausserordentliche filmische Umsetzung (…) verstärkt den Eindruck, dass die dargestellte ­Realität unmerkliche Risse aufweist.» (Barbara Rumpf, Metzler Filmlexikon)

Theodore Dreyer, Marguerite Beaugé // MIT Maria Falconetti (Jeanne d’Arc), Eugène Silvain (Bischof Pierre Cauchon),

75 Min / sw / DCP / D // REGIE Carl Theodor Dreyer // DREH-

75 Min / sw / DCP / Stummfilm, dän + d Zw’titel // REGIE UND

Maurice Schutz (Nicolas Loyseleur), André Berley (Jean

BUCH Christen Jul, Carl Theodor Dreyer, nach einem Kapitel

SCHNITT Carl Theodor Dreyer // DREHBUCH Carl Theodor

d’Estivet), Antonin Artaud (Jean Massieu), Gilbert Dalleu

aus dem Roman «In a Glass Darkly» von Joseph Sheridan Le

TAG DES ZORNS (Vredens dag) Dänemark 1943 1623: Nach langer Zeit kehrt Martin, der Sohn des Dorfpfarrers Absalon, heim und verliebt sich prompt in dessen zweite Ehefrau Anne, deren Mutter einst der Hexerei bezichtigt wurde. Martin beginnt ein leidenschaftliches Verhältnis mit seiner jungen Stiefmutter, doch als bald darauf der Pfarrer stirbt, drängt sich die Frage auf, ob auch Anne eine Hexe ist. «Dreyer bleibt diesbezüglich klugerweise ­ambivalent und konzentriert sich lieber auf die starken, irdischen Emotionen Angst und Liebe: die grimmigen, grauen Verhörräume (…) verkörpern ersteres, plätschernde Bäche und sonnengesprenkelte Wiesen letzteres. Auf fast schon ­paradoxe Weise evoziert Dreyer die Seele durch die physische Welt; das Ergebnis ist ein Meisterwerk: Das langsame, bedächtige Tempo und die nüchternen Bilder erzeugen eine fast unerträg­ liche emotionale Intensität.» (Geoff Andrew, Time Out Film Guide) 98 Min / sw / DCP / Dän/d // REGIE Carl Theodor Dreyer // DREHBUCH Carl Theodor Dreyer, Poul Knudsen, Mogens Skot-Hansen, nach dem Theaterstück «Anne Pedersdotter» von Hans Wiers-Jenssen // KAMERA Karl Andersson // MUSIK Poul Schierbeck // SCHNITT Anne Marie Petersen, Edith Schlüssel // MIT Thorkild Roose (Absalon Pederssøn, Priester), Lisbeth Movin (Anne Pedersdotter, Absalons Frau), ­Sigrid Neiiendam (Merete, Absalons Mutter), Preben Lerdorff Rye (Martin, Absalons Sohn aus erster Ehe), Anna Svierkier (Herlofs Marte), Albert Høeberg (Bischof).

ZWEI MENSCHEN (Två människor) Schweden 1945 Der Wissenschaftler Arne Lundell wird in den Medien beschuldigt, ein Plagiat der Dissertation seines älteren Kollegen Sander geschrieben zu haben. Arnes Frau Marianne tröstet ihn in seiner Ratlosigkeit und Verzweiflung. Allmählich bekennt sie ihm, dass sie mit Sander liiert war und dass dieser sie zwang, ihm Arnes Arbeit zugänglich zu machen. Auch über Sanders angeblichen Selbstmord weiss Marianne Genaueres ... Nach Dreyers Flucht aus Dänemark drehte er in Schweden zwischen 1944 und 1945 dieses Kammerspiel, das die Einheiten von Zeit, Ort und Handlung konsequenter denn je einhält.


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Carl Theodor Dreyer Nach einem kurzen Prolog konzentriert sich der Film ganz auf die Beziehung der zwei Hauptfiguren in ihrer Wohnung, wobei die Aussenwelt in Form von Radio, Telefon, Zeitung und Strassenlärm immer wieder in dieses Nest eindringt. Produzent Victor Sjöström zwang Dreyer, zwei Vertragsschauspieler zu besetzen, die nicht dem Profil der Figuren entsprachen, griff in den Endschnitt ein und setzte Musik ein, wo der Regisseur keine wollte. Obschon der Film sowohl darstellerisch als auch hinsichtlich der Bildgestaltung des späteren Bergman-Kameramanns Gunnar Fischer überzeugte, hat ihn Dreyer stets von sich gewiesen und dafür gesorgt, dass Zwei Menschen zu seinen Lebzeiten nicht mehr aufgeführt wurde. «Aufgedeckte Geheimnisse, unerwartete Wen­ dungen, weibliches Martyrium (...) und vor allem Liebe, viel Liebe, erreichen ihren Höhepunkt in einer der tragischsten und wunderschönsten ­ Schlussszenen der ganzen Dreyer-Filmografie.» (Ricardo Pérez Quiñones, johannes-esculpiendoeltiempo.blogspot.ch, 2.2012) 74 Min / sw / 35 mm / Schwed/e // REGIE Carl Theodor Dreyer // DREHBUCH Carl Theodor Dreyer, nach dem Theaterstück «Attentat» von W. O. Somin // KAMERA Gunnar Fischer // MUSIK Lars-Erik Larsson // SCHNITT Carl Theodor Dreyer, Edvin Hammarberg // MIT Georg Rydeberg (Arne Lundell), Wanda Rothgardt (Marianne Lundell), Gabriel Alw (Professor Sander), Stig Olin (Svenning).

ORDET (Das Wort) Dänemark 1955 Morten Borgen teilt sich mit seinen zwei Söhnen Mikkel und Anders die Arbeit auf dem Bauernhof der Familie. Sein dritter Sohn, Johannes, hat ­einen emotionalen Zusammenbruch erlitten und wähnt nun Jesus Christus zu sein. Als Mikkels Ehefrau Inger stirbt, fleht deren Tochter Johannes an, die Mutter von den Toten zurückzuholen. Dieser Film ist eine «herzzerreissende Studie über spirituelle Verwahrlosung und komplexe emotionale Beziehungen in einem ländlichen Haushalt. (…) Dreyers Einsatz von Licht und Schatten beschwört fantastisch die zwei Welten des Films herauf – die Dunkelheit als Zeichen für den Mangel an Glauben der Borgens, Johannes’ Wahnsinn, und Ingers Tod; und das Licht in Gestalt von Ingers Strahlen, Güte und Sexualität, die die Sterblichkeit transzendieren.» (Gary Morris, Bright Lights Film, 1.7.2001) Dreyers Film ist kompromisslos und die «Intensität der Beziehung zwischen Zuschauer und Film machen die Schlussszene (ein Wunder) zu einer der aussergewöhnlichsten der Kinogeschichte.» (Tony Rayns, Time Out Film Guide)

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Carl Theodor Dreyer

126 Min / sw / Digital HD / Dän/d // REGIE Carl Theodor Dreyer // DREHBUCH Carl Theodor Dreyer, nach einem Theaterstück von Kaj Munk // KAMERA Henning Bendtsen // MUSIK Poul Schierbeck // MIT Henrik Malberg (Morten Borgen), Emil

KURZFILME VON CARL THEODOR DREYER

Hass Christensen (Mikkel Borgen), Birgitte Federspiel

GOOD MOTHERS (Mødrehjælpen)

­(Mikkels Frau Inger), Preben Lerdorff Rye (Johannes Borgen),

Dänemark 1942

Cay Kristiansen (Anders Borgen). Im Museum Strauhof findet vom 8. Februar bis 27. Mai eine Ausstellung unter dem Titel «Das Wort» statt, die sich Zwingli und der Bedeutung des Wortes für die Reformation widmet. www.strauhof.ch

Dreyer nimmt sich in dokumentarischer Form eines seiner Hauptthemen an: Eine ungewollt ­ schwangere Frau, die den Vater ihres unehelichen Kindes ablehnt, erhält Beistand von einer staatlichen Mütterhilfe-Organisation.

THE VILLAGE CHURCH (Landsbykirken) Dänemark 1947

GERTRUD Dänemark 1964 Jahre nach ihrer Heirat klammert sich Gertrud immer noch an ihre klare Vorstellung von der romantischen, wahren Liebe und tut alles, um diese zu finden. Sie sucht sie nicht nur in ihrer Ehe, sondern auch bei ihrem ehemaligen Liebhaber Gabriel, in den Armen des Musikers und jetzigen Geliebten Erland und in den tröstenden Worten des Psychologen Axel. Gezeichnet wird hier «das Porträt einer liebenden Frau. Dreyer arbeitet mit vielen Nahaufnahmen und fokussiert sich auf das ausdrucksstarke Gesicht seiner Hauptdarstellerin Nina Pens Rode. Die Blicke der Protagonisten weichen sich meist selbst im Gespräch aus. Der Regisseur setzt dieses Mittel auffällig oft ein, um die emo­ tionale Distanz seiner Figuren explizit zu demonstrieren. Trotz der kargen Handlung baut sich Spannung auf. Die Zeitsprünge in die Vergangenheit ähneln durch das Stilmittel der Überbelichtung Traumsequenzen. Die meisterhafte Bild­ gestaltung, die komplexe Problematik und Nina Pens Rodes überragende Leistung machten ­Gertrud zu einem Klassiker der Filmgeschichte.» (Tzveta Bozadjieva, filmreporter.de) 116 Min / sw / 35 mm / Dän/d // REGIE Carl Theodor Dreyer // DREHBUCH Carl Theodor Dreyer, nach einem Bühnenstück von Hjalmar Söderberg // KAMERA Henning Bendtsen, Arne Abrahamsen // MUSIK Jorgen Jersild // SCHNITT Edith Schüssel // MIT Nina Pens Rode (Gertrud Kanning), Bendt Rothe (Gustav Kanning), Axel Ströbye (Axel Nygren), Ebbe Rode (Gabriel Lidman), Baard Owe (Erland Jannson), Vera Gebuhr (Hausmädchen), Lars Knutzon (Student).

Ein Überblick über die Geschichte des Dorf­ kirchenbaus in Dänemark.

THE FIGHT AGAINST CANCER (Kampen mod kræften) Dänemark 1947

STORSTRØM BRIDGE (Storstrømsbroen) Dänemark 1950 Ganz ohne Kommentar, nur mit Musikuntermalung, porträtiert Dreyer das imposante Bauwerk der Storstrøm-Brücke, damals die längste Brücke Dänemarks.

A CASTLE WITHIN A CASTLE (Et slot i et slot: Krogen og Kronborg) Dänemark 1954 Das Schloss Kronborg auf Seeland aus dem späten 16. Jahrhundert birgt in seinen Mauern die Überreste eines älteren Schlosses, Krogen, das Erich von Pommern 1420 errichten liess. Dreyers Film zeigt, wie im Zuge einer Restauration der Kronborg in den 1930er-Jahren die Spuren des älteren Schlosses freigelegt und integriert wurden. GOOD MOTHERS 12 Min / sw / Digital HD / Dän/e // DREHBUCH UND REGIE Carl Theodor Dreyer // KAMERA Poul Gram, Verner Jensen //

Ein Aufklärungsfilm über die Notwendigkeit, bei Krebsverdacht schnell zu handeln. Die damals recht neue Radiumtherapie wird dabei als Chance propagiert.

THEY CAUGHT THE FERRY (De nåede færgen ) Dänemark 1948 Ein junges Paar rast auf dem Motorrad quer über eine Insel, um es auf die zweite Fähre zu schaffen. Schliesslich erreichen sie ihre Fähre auch, aber nicht so wie geplant … «De nåede færgen muss wohl der aussergewöhnlichste Verkehrssicherheitsfilm sein, der je gedreht wurde!» (James Leahy, Senses of Cinema, Oktober 2003) Der Film «ist ein Beispiel purer visueller Erzählung. Diejenigen, die Dreyer mit sich langsam bewegenden Kameras (oder Stillstand) assoziieren, dürften vom Stil dieses kleinen Films überrascht sein (…), der sich nur um Tempo dreht und jeden Kniff aus der Trickkiste der Filmemacher einsetzt (…). Dabei widerspiegelt das Ganze Dreyers persönliche und tiefe spirituelle Ansichten. Für ihn war Stillstand gleichbedeutend mit Ewigkeit. Tempo brachte den Tod.» (C. Jerry Kutner, Bright Lights Film, 3.11.2009)

THORVALDSEN Dänemark 1949

MUSIK Poul Schierbeck // MIT Ebbe Neergard (Erzähler).

THE VILLAGE CHURCH 14 Min / sw / Digital HD / Dän/e // REGIE Carl Theodor Dreyer // DREHBUCH Carl Theodor Dreyer, Bernhard Jensen // KAMERA Preben Frank // MUSIK Svend Erik Tarp // MIT Ib Koch-Olsen (Erzähler).

THE FIGHT AGAINST CANCER 11 Min / sw / Digital HD / Dän/e // REGIE Carl Theodor Dreyer // DREHBUCH Carl Theodor Dreyer, Carl Krebs // KAMERA Preben Frank // MUSIK Peter Deutsch // MIT Albert Luther (Off-Kommentar).

THEY CAUGHT THE FERRY 11 Min / sw / Digital HD / Dän/e // REGIE Carl Theodor Dreyer // DREHBUCH Carl Theodor Dreyer, nach einer Erzählung von Johannes V. Jensen // KAMERA Jørgen Roos // SCHNITT ­Jørgen Roos // MIT Joseph Koch (er selbst).

THORVALDSEN 10 Min / sw / Digital HD / Dän/e // DREHBUCH UND REGIE Carl Theodor Dreyer // KAMERA Preben Frank // MUSIK Svend Erik Tarp, Erik Tuxen // SCHNITT Preben Frank // MIT I­b Koch-Olsen (Erzähler).

STORSTRØM BRIDGE 7 Min / sw / Digital HD / ohne Dialog // DREHBUCH UND REGIE Carl Theodor Dreyer // KAMERA Preben Frank // MUSIK Svend S. Schultz, Svend Erik Tarp, Erik Tuxen.

A CASTLE WITHIN A CASTLE 9 Min / sw / Digital HD / Dän/e // REGIE Carl Theodor Dreyer,

Eine Annäherung an den grossen klassizis­ tischen dänischen Bildhauer Bertel Thorvaldsen (1770 –1844).

Jørgen Roos // DREHBUCH Carl Theodor Dreyer, Knud Klem // KAMERA Jørgen Roos, Paul Solbjerghøj // SCHNITT Jørgen Roos // MIT Sven Ludvigsen (Erzähler).


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Neue Dokumentarfilme

Neue Dokumentarfilme Acht Filme aus verschiedenen Gegenden der Welt, von der «klassischen» Dokumentation bis zum experimentellen Werk. Eins haben sie gemeinsam: Sie verdienen es, im Kino erlebt zu werden. Dazu erwarten wir einige Gäste, die ihre Filme persönlich präsentieren. Zusammen mit seiner Tochter Kiki Yu Tianqi porträtiert Yu Haibo chinesische Maler, die im Akkord berühmte Ölgemälde kopieren. China's Van Goghs geht aber weiter und stellt letztendlich Fragen nach Kunst und Authentizität. Das Nordkorea in Under the Sun präsentiert sich zunächst wie ein ­inszeniertes Theater über den Alltag einer Vorzeige-Familie. Doch der Russe Vitaly Mansky lässt sich nicht instrumentalisieren. Seine Kamera läuft (heimlich) auch dann, wenn scheinbar nicht gedreht wird. Mitten in aktuelle ­Debatten zum Datenschutz versetzt uns David Bernet mit Democracy – Im Rausch der Daten. Wir sind quasi live dabei bei der Erarbeitung eines neuen Gesetzesentwurfs im EU-Parlament. Aus flirrenden 16-mm-Bildern aus der Wüste zwischen Mexiko und den USA und aus Interviews gestalten Joshua Bonnetta und J. P. Sniadecki in El mar la mar eine stimmungsvolle Bild- und Toncollage. Sniadecki ist einer der Vertreter des Harvard Sensory Ethnography Lab, das einige der gewagtesten und faszinierendsten Dokumentarfilme des letzten Jahrzehnts hervorgebracht hat. Das wohl bekannteste Duo aus diesem Filmlabor sind Véréna Paravel und Lucien Castaing-Taylor. In somniloquies lassen sie uns eintauchen in die nächtlichen Tonaufnahmen des Songwriters Dion McGregor, der im Schlaf detailreich seine absurd-komischen Träume erzählt. Der Österreicher Nikolaus Geyrhalter führt seine visuell-poetischen Landschafts-Erkundungen fort: Homo sapiens zeigt – entgegen dem Titel – menschenleere Bauruinen aus aller Welt. Ein umwerfendes Filmgedicht. Wie lässt sich das Leben eines Menschen verfilmen? Auf der Suche nach einer Form realisiert Robert Greene Kate Plays Christine. Darin gibt die Schauspielerin Kate Lyn Sheil eine Schauspielerin namens Kate, die Christine, eine verstorbene TV-Journalistin spielen soll. Ist das noch ein Dokumentarfilm? Oder vielleicht doch nicht? Ein anderer Weg könnte sein, das Leben zu filmen, während man es lebt. Vor sieben Jahren machten die Schweizer Béatrice und Nasser Bakhti Furore mit ihrer Langzeitstudie Romans d’ados über Jugendliche aus der Romandie. Jetzt legen sie mit den Romans d’adultes nach; der Film des Lebens geht weiter. Primo Mazzoni

CHINA’S VAN GOGHS China/Niederlande 2016 «Im chinesischen Dorf Dafen leben alle Einwohner von der Malerei. In kleinen, vor Schmutz strotzenden, aber vor Leben nur so brummenden Fa­ milien-Ateliers werden den ganzen Tag und ­einen Grossteil der Nacht lang Meisterwerke kopiert. Jeder hat sein Spezialgebiet. Xiaoyong Zhao hat sich auf die gesammelten Werke Vincent van Goghs spezialisiert und verkauft über einen Auftraggeber in Amsterdam ‹Sonnenblumen›, ‹Sternennacht› oder das ‹Selbstbildnis mit verbun­ denem Ohr› in hundertfacher Ausfertigung. Bei jedem neuen Auftrag ist die gesamte Familie daran beteiligt, den idealen Pinselstrich zur Wiedergabe des Lichthofs der Sterne im Himmel über Arles oder der Emotion des starren Blicks des Künstlers zu finden. Pinselstriche, die Xiaoyong, so sein Traum, gerne einmal im Original sehen würde ...» (Madeline Robert, Visions du Réel, 2017)

«Dieses intime und eindrucksvolle Porträt bietet viele verblüffende Informationen über den boomenden Handel mit Kopien und das chinesische Arbeitskraftwerk, das diesen antreibt, (...) und es thematisiert die widersprüchlichen Werte von Kreativität und Authentizität.» (New Zealand International Film Festival, 2017) 83 Min / Farbe / DCP / OV/d // DREHBUCH UND REGIE Yu Haibo, Kiki Yu Tianqi // KAMERA Yu Haibo // SCHNITT Sören Ebbe, Tom Lin Hsinming, Axel Skovdal Roelofs.

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Neue Dokumentarfilme

DEMOCRACY – IM RAUSCH DER ­DATEN Deutschland 2015 «Im Herbst 2013 verabschiedete das Europäische Parlament einen Entwurf für ein Datenschutz­ gesetz, das im Widerstreit zwischen dem Schutz der Privatsphäre, ökonomischen Zukunftsoptionen, Lobbyismus und Zivilgesellschaft für die Rechte des Individuums plädiert. Dem Beschluss ging ein langes Ringen voraus, das der packende, formal ambitionierte Dokumentarfilm mit bewundernswerter Klarheit und grosser innerer Spannung nachzeichnet. (...) Als die Dreharbeiten begannen, war Datenschutz kein gesellschaftspolitisch brisantes Thema. Doch das änderte sich im Verlauf der Dreharbeiten entscheidend, Stichwort: Edward Snowden. Ein Glücksfall für den Film. Ein weiterer Glücksfall für den Film wie für die Politik war die Wahl des jungen Grünen-Politikers Jan Philipp Albrecht zum parlamentarischen Verhandlungsführer. Von seinem ganzen Habitus ist Albrecht klar erkennbar der Schrecken des Lobbyismus.

Im Cinemascope-Format und mit prägnant mono­ chromen Bildern wird das zähe Ringen um j­edes Wort des Gesetzesentwurfs, um Restriktionen und Freiheiten dokumentiert. (...) Aktueller kann ein Dokumentarfilm kaum sein, spannender auch nicht.» (Ulrich Kriest, Filmdienst 23/2015) 104 Min / sw / DCP / OV/d // DREHBUCH UND REGIE David ­Bernet // KAMERA François Roland, Dieter Stürmer, Ines Thomsen, Marcus Winterbauer // MUSIK Von Spahr // SCHNITT Catrin Vogt.

FREITAG, 9. MÄRZ 2018, 18.15 UHR Im Anschluss an die Vorstellung diskutieren der Filmemacher David Bernet und der Datenschutzbeauftragte des Kantons Zürich, Bruno Baeriswyl. Die Veranstaltung findet statt in Zusammenarbeit mit der Stiftung Weiterbildung Film und Audiovision FOCAL.

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EL MAR LA MAR USA 2017 «Gnadenlos brennt die Sonne auf alle nieder, die die Sonora-Wüste zwischen Mexiko und den USA durchqueren. Neben den wenigen Menschen, die hier leben, sind es offizielle und selbsternannte Grenzschützer und die ärmsten der undokumentierten Einwanderinnen und Einwanderer, denen kein anderer als dieser lebensgefährliche Weg bleibt. Der Horizont scheint in unendlicher Weite, tödliche Gefahren lauern überall. Am besten ­bewegt es sich im Dunkel der Nacht; tagsüber lassen Hitze und Sonneneinstrahlung Tiere und Menschen verenden. Ihre Spuren und Hinter­ lassenschaften lagern sich ab, verblassen, ­verwittern und schreiben sich in die Topografie der Landschaft ein; so ist das Abwesende an­ wesend in ständiger Gleichzeitigkeit von Leben und Tod, Schönheit und Grauen, feindlichem Licht und sternfunkelnder, verheissungsvoller Nacht.» (Katalog Berlinale, Forum 2017) «Die erste Zusammenarbeit zwischen dem Film- und Tonkünstler Bonnetta und dem Filmemacher/Anthropologen Sniadecki ist ein lyrischer

und hochaktueller Film. (...) Die eindringlichen 16-mm-Bilder der unnachgiebigen Landschaft und der menschlichen Spuren in ihr werden ergänzt von einem filigranen Soundtrack aus verwobenen Klängen und mündlichen Zeugnissen. Dringlich, aber nie didaktisch lässt El mar la mar dieses symbolisch belastete Terrain in lebendigen sinnlichen Details Gestalt annehmen und eröffnet damit neue Möglichkeiten für den politischen Dokumentarfilm.» (New York Film Festival, 2017) 94 Min / Farbe / DCP / OV/d // DREHBUCH, REGIE, KAMERA UND SCHNITT Joshua Bonnetta, J. P. Sniadecki.

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HOMO SAPIENS Österreich 2016 «Fast höhnisch klingt der Titel dieses Films angesichts der hier wirkenden Bildgewalt. (...) Nikolaus Geyrhalters jüngste Kinoarbeit bietet keine Worte, keine Körper, keine Gesichter, zeigt nichts als menschenleere Schauplätze, eine Serie ­vergessener, verwunschener Orte, in denen die Natur inzwischen freies Spiel hat, sich zurück­ erobert, was einmal ihr gehörte. (...) Vier Jahre hat Geyrhalter an Homo sapiens gearbeitet, in Europa, Japan, Argentinien, den USA gedreht. (...) Es gibt viel zu sehen, zu hören, zu verarbeiten. Geisterstädte und Supermärkte mit herumliegenden Waren, die niemand mehr braucht; Katakomben und Tempel, eine Kirche in Trümmern, verblichene Shoppingmalls. Der Wind fährt ins hohe Gras und den verstreuten Abfall, anderswo dringt Regen und Schnee in die verödeten Räume. So ist in diesen Bildern, obwohl die Kamera grundsätzlich immobil bleibt, unaufhörlich Bewegung. (...) Er habe ‹einen kritischen Blick zurück auf die Menschheit› werfen wollen, erklärt der Regisseur, und die Bäume, die Gebäude, den Wind als seine Schauspieler betrachtet. Tatsächlich haben er und sein Team nicht klassisch dokumentarisch gearbeitet, sondern vieles inszeniert, haben Wind erzeugt und Licht gesetzt, irrelevante Details di-

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gital ausgefiltert – und vor allem im SoundDesign (Peter Kutin) gespenstische Stimmungen komponiert. Es hallt, knarrt, plätschert, dröhnt in Dolby Atmos, die Insekten summen und die Tauben gurren.» (Stefan Grissemann, Profil, 15.2.2016) 94 Min / Farbe / DCP / ohne Dialoge // DREHBUCH, REGIE UND KAMERA Nikolaus Geyrhalter // MUSIK Peter Kutin, ­Florian Kindlinger // SCHNITT Michael Palm.

Alle drei Vorstellungen von Homo sapiens ­finden im Kino Kosmos statt, um den grossen ­Bildern und der in Dolby Atmos gestalteten Tonmischung gerecht zu werden. Tickets für Homo sapiens müssen im Kino Kosmos oder online über dessen Website (kosmos.ch) erworben werden. Im Filmpodium können ausschliesslich reduzierte Tickets mit dem Filmpodium-Halbtax- und Filmpodium-GA gelöst werden. An der Kosmos-Kinokasse können keine FilmpodiumAbo-Reduktionen gewährt werden. Wir bitten Sie um Verständnis.

SONNTAG, 4. MÄRZ 2018, 11.00 UHR IM KINO KOSMOS Zur Premiere erwarten wir den Filmemacher Nikolaus Geyrhalter zu einem Gespräch im Anschluss an die Vorstellung.

KATE PLAYS CHRISTINE USA 2016 Die Schauspielerin Kate Lyn Sheil, bekannt aus der Serie House of Cards, soll in einem Film die Rolle von Christine Chubbuck spielen, einer Fernsehjournalistin, die 1974 vor laufender Kamera Selbstmord beging. Sheils Erarbeitung der Figur und ihre Recherchen werden in diesem Film dokumentiert. Dabei verschwimmen allmählich in jeder Beziehung die Grenzen zwischen der Figur und der Darstellerin. Identifiziert sich Sheil zu sehr mit der realen Christine? Oder ist dies auch nur eine Rolle? Das scheinbare Making-of ist der eigentliche Film, ein richtiger Spielfilm war nie die Absicht des Filmemachers. (pm) «Sheils Interviews mit Kollegen und Freunden von Chubbuck verraten etwas von deren Persönlichkeit und Mentalität, aber die realen Aufnahmen ihres Todes werden zu ihrer Erleichterung nie ausgegraben. Der Film wird zunehmend faszinierender, sobald wir erkennen, dass er nicht ganz das ist, was er zu sein scheint. Dieses verwickelte, rätselhafte Mysterium ist ein Übungsstück in Sachen Ethik der filmischen Darstellung eines realen Lebens. Es ist beunruhigend, zweideutig,

manchmal auch unangenehm verstörend, und eine Erfahrung, die schwer abzuschütteln ist.» (Wendy Ide, The Guardian, 16.10.2016) 113 Min / Farbe / DCP / E/d // DREHBUCH, REGIE UND SCHNITT Robert Greene KAMERA Sean Price Williams // MUSIK Kegan DeWitt.

Zufällig wurde dieselbe Geschichte im selben Jahr von Antonio Campos als Spielfilm unter dem Titel Christine mit einer überzeugenden Rebecca Hall in der Hauptrolle verfilmt. Beide Filme sind, wenn auch unabhängig voneinander, z. T. auf denselben Recherchen basierend entstanden, und beide feierten am Sundance Film Festival 2016 ihre Premiere. Christine ist auf DVD erhältlich und kann auch in der Videothek Les Videos in Zürich ausgeliehen werden.

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Neue Dokumentarfilme

Neue Dokumentarfilme

UNDER THE SUN Russland/Deutschland/Tschechien/Lettland/ Nordkorea 2015 Der russisch-ukrainische Filmemacher Vitaly Mansky will den Alltag einer gewöhnlichen Familie in Nordkorea dokumentieren. Tatsächlich bekommt er die Drehgenehmigung. Aber er muss sich strikte an ein von Funktionären vorgefertigtes Drehbuch halten, und er und sein Team werden rund um die Uhr «betreut». Im Zentrum stehen die achtjährige Zin-mi und ihre (namenlosen) Eltern, die extra für diesen Film eine neue Wohnung und neue Jobs bekommen. Wir erleben mit, wie Zin-mi in die Kinderunion aufgenommen und auf ihr neues Leben als selbstverantwortliche Genossin unter dem «Obersten Führer» Kim Jong-un vorbereitet wird. Die Umsetzung des Films wird von den Genossen Drehbuchautoren überwacht, jede Szene eingeübt und inszeniert. Mansky pokert hoch und lässt heimlich die Kamera auch in diesen Momenten rund um die einstudierten «Alltagsszenen» laufen. Das vorgesehene Vorzeige-Porträt einer Familie Nordkoreas wird somit laufend durch sein mitgeliefertes ­Making-of demontiert. (pm)

ROMANS D’ADULTES – SUR LE CHEMIN DE L’INDÉPENDANCE, VOL. 1 & 2 Schweiz 2017 Vor sieben Jahren waren sie das Phänomen des Schweizer Dokumentarfilms, die Romans d’ados. Die zwischen 2002 und 2009 realisierte vierteilige Langzeitbeobachtung sieben Jugendlicher aus Yverdon-les-Bains lief erfolgreich im Fernsehen und den Kinosälen, auch im Filmpodium war sie zu sehen. Jetzt folgt die Fortsetzung. Damals waren wir dabei, als aus den 12-jährigen «Ados», den Adoleszenten, wie die Teenager in der Romandie genannt werden, langsam, aber sicher und durchaus nicht unerwartet turbulent junge Erwachsene wurden, wie sie ihre Kindheit hinter sich liessen. Jetzt, in Romans d’adultes, sind sie Mitte zwanzig, das Leben ist etwas ruhiger, aber dafür auch ernster geworden. Die jungen Menschen haben zum Teil ihre ersten Jahre in der Unabhängigkeit von ihren Eltern erlebt oder sind gerade daran, sich endgültig zu lösen. Von den damaligen Protagonisten Xavier, Thys, Rachel, Jordann, Aurélie, Mélanie und Virginie sind die beiden Letztgenannten auf eigenen Wunsch nicht mehr dabei. Nicht zuletzt dieser Umstand bietet dem neuen Film willkommenen Anlass, über die blosse Momentaufnahme einer Generation in der Romandie hinaus auch über

das Gefilmt- und Öffentlich-Bekanntwerden zu reflektieren – nicht allen Familien ist es mit ihrem unerwarteten «Filmruhm» nur gut ergangen. Trotzdem sind die meisten aus verschiedenen Gründen dem Experiment treu geblieben. (pm) 170 Min / Farbe / DCP / F/d // DREHBUCH, REGIE UND SCHNITT Béatrice Bakhti, Nasser Bakhti // KAMERA Loïc Oswald, Nicolas Defferrard // MUSIK Nasser Bakhti.

Alle vier Teile der Romans d’ados sind als Video-on-Demand mit deutschen Untertiteln zur Ausleihe oder zum Kauf erhältlich: https://vimeo.com/ondemand/teenstories. DVDs können in der Videothek Les Videos in Zürich ausgeliehen werden.

SONNTAG, 18. FEBRUAR 2018, 16.00 UHR Im Anschluss an die Premiere erwarten wir die beiden Filmemacher Béatrice und Nasser Bakhti zu einem Gespräch.

«Was Manskys Kamera einfängt, könnte als Komödie durchgehen, würde es nicht auf subtile Weise eine Realität entlarven, in der sich die Menschen wie ferngesteuert bewegen und Emotionen auf Befehl abgerufen werden. Tragischkomische Making-of-Momente dekonstruieren eine bis ins Detail ausgeklügelte Propaganda­ maschinerie, die der Dystopie ‹1984› von George Orwell in nichts nachsteht.» (Sascha Lara Bleuler, Human Rights Film Festival Zurich, 2016) «Die Fragen über Menschen und ihre Sozialisierung in einer Diktatur und über die unscharfe Grenze zwischen Inszenierung und Authentizität machen Under the Sun zu einer faszinierenden Dokumentation über Nordkorea. Beeindruckend ist, wie ästhetisch reizvoll Manskys Film dieses Land mit seinen Menschen einfängt, das wir sonst nur in Form von offiziellen Propaganda-­ Videos oder verwackelten Undercover-Kameramitschnitten kennen.» (Anselm Huppenbauer, ­cinemaforever.net) 106 Min / Farbe / DCP / OV/d // DREHBUCH UND REGIE Vitaly Mansky // KAMERA Alexandra Ivanova, Mikhail Gorobchuk // MUSIK Karlis Auzans // SCHNITT Andrej Paperny.

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27 Filmstill: Romeo Is Bleeding, 1993

Neue Dokumentarfilme

S EWI L TE LIET

O JU T E BUT I R AT

SOMNILOQUIES Frankreich/GB/USA 2017 In somniloquies «tauchen wir ein in die verrückten Träume eines gewissen Dion McGregor – eines New Yorker Songwriters aus den 1960er- und 70er-Jahren, der als ‹der produktivste Schlafredner der Welt› bekannt war und dessen nächtliches Gerede von seinem Zimmergenossen aufgenommen wurde. Paravel und Castaing-Taylor nutzen McGregors Traumgespräch als eine Art irrwitzigen Soundtrack, um verzerrte Bilder von Menschen im Schlaf zu begleiten. Wir können kaum erkennen, was wir sehen, als wäre alles in einem in warmes Licht getauchten Spiegelkabinett gefilmt worden, das Körper in pure Abstraktion verwandelt . (...) Für den Grossteil des Films gleiten wir in eine Unterwelt, wo in den verzerrten Bildern die Verwirrung von McGregors Verstand anklingt. So unheimlich das auch klingt, die Träume sind so amüsant surreal, dass aus somniloquies eine Art Avantgarde-Komödie wird. McGregors Tiraden sind wie eine Kreuzung zwischen den schlafwandlerischen Gedichten von Robert Desnos und einem Stand-up von Lenny Bruce,

und man versteht, warum sein Zimmergenosse sie aufnehmen wollte: In einem Traum beschreibt er eine ‹Zwergenstadt› mit urkomischer Detailgenauigkeit. In einem anderen führt er einen chirurgischen Eingriff an sich selbst durch, indem er seine eigene Milz entfernt. (...) Es hat vage etwas Lynchianisches an sich, dergestalt in den Kopf einer Person zu geraten, und die Vielzahl abstrakter Bilder erinnert an späte Lynch-Filme wie Inland Empire, aber auch an die Filme von Philippe Grandrieux und die Bilder von Francis Bacon. (...) Es herrscht genug Dissonanz, dass die Traumwelt und die reale Welt von somniloquies für immer getrennte Bereiche bleiben, obwohl der Film letztlich sehr weit geht – vielleicht weiter als die meisten Filme – in seinem Bemühen, die Kluft zwischen den beiden zu überbrücken.» (Jordan Mintzer, The Hollywood Reporter, 14.2.2017) 73 Min / Farbe / DCP / E/e // DREHBUCH, REGIE, KAMERA UND SCHNITT Véréna Paravel, Lucien Castaing-Taylor. Eine Auswahl der Schlafreden von Dion McGregor wurde in den 1960er-Jahren mit wenig Erfolg auf Schallplatte herausgegeben. Sie sind inzwischen in digitaler Form erhältlich: dionmcgregor.bandcamp.com

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29 Das erste Jahrhundert des Films

1938

Als Auftakt zur Programmreihe «Das erste Jahrhundert des Films» und zur Einführung des dazugehörenden Abonnements für alle in Ausbildung zeigt das Filmpodium gemeinsam mit Maximum Cinema am 24. Februar um 20.45 Uhr Joel und Ethan Coens Jahrhundertfilm The Big ­Lebowski. Weitere Informationen zum Event unter www.filmpodium.ch. Präsentiert in Zusammenarbeit mit

THE BIG LEBOWSKI USA/GB 1998 Der arbeitslose Hippieveteran Jeffrey «The Dude» Lebowski schiebt im wahrsten Sinne des Wortes eine ruhige Kugel – bis er in einen Entführungsfall verwickelt und mit «The Big Lebowski», einem stadtbekannten Unternehmer, verwechselt wird. «Der ‹Dude› ist eine jener Coen-Figuren, die nicht erwachsen werden wollen, die mit dem ­Realitätsprinzip im ständigen Clinch liegen. (…) Jeff Bridges stattet seinen Lebowski dabei mit der erforderlichen Lethargie aus, er trägt sein ewiges Freizeitoutfit mit schlampiger Grandezza zur Schau, ohne je zu überziehen: ein gealterter ­Naiver, für den die Welt erst wieder in Ordnung kommt, wenn das Eis im ‹White Russian› klingelt. (…) ‹Dude› ist ein Prachtexemplar in der verbor­ genen Anthropologie, die Coen County regiert.» (Peter Körte: Joel & Ethan Coen, Bertz 2000) «So sind ausgerechnet jene Filme, in denen das Scheitern des Erzählens selbst zum Thema ge-

macht wird, die schönsten, ja perfektesten Filme der beiden Coen-Brüder. In The Big Lebowski bleibt am Ende nichts übrig als ihr versiffter Protagonist. Die Entführungsgeschichte aber, mit der man dem Publikum diesen Verlierer als Hauptfigur untergejubelt hatte, verpufft am Ende restlos und alle Handlungsfäden führen ins Nichts. Der Film funktioniert wie die Joints, welche sich die Hauptfigur regelmässig ansteckt: alles nur Dunst – aber ein verflucht guter.» (Johannes Binotto, Programmheft Filmpodium, 7/2009) 117 Min / Farbe / 35mm / E/d/f // REGIE Joel Coen, Ethan Coen (ungenannt) // DREHBUCH Ethan Coen, Joel Coen // KAMERA Roger Deakins // MUSIK Carter Burwell // SCHNITT Roderick Jaynes [=Joel u. Ethan Coen], Tricia Cooke // MIT Jeff Bridges (Jeffrey Lebowski, «The Dude»), John Goodman (Walter ­Sobchak), Steve Buscemi (Donny Kerabatsos), Julianne Moore (Maude Lebowski), David Huddleston (Jeffrey Lebowski, «The Big Lebowski»), Philip Seymour Hoffman (Brandt), John Turturro (Jesus Quintana).

Passend zu den XXIII. Olympischen Spielen in Südkorea blenden wir 80 Jahre zurück: Am 20. April 1938, an Hitlers Geburtstag, wird in Berlin Leni Riefenstahls Olympia uraufgeführt, der wohl umstrittenste Film, der je in Deutschland entstanden ist. So sehr Riefenstahls Dokumentation zunächst gefeiert wird, auch international, so sehr gerät der Film 1945 in Misskredit, obwohl er überraschend fair ist zu ausländischen Athleten, unparteiischer jedenfalls als viele Sportreporter heutzutage. Diese «Hymne an den Körper» setzt nicht nur den Massstab für den Dokumentarfilm, sondern genauso für die Sport-­ fotografie sowie die moderne Werbeästhetik. Angesichts der Bedrohung durch das erstarkende Nazi-Deutschland wird Sergej Eisenstein beauftragt, einen historischen Propagandafilm zur Stärkung von Patriotismus und Solidarität zu drehen. Mit seinem Epos über den russischen Nationalhelden Alexander Newski gelingt dem Regisseur ein überwältigender Erfolg im In- und Ausland. Die poetische Logik des Alptraums mit dem Witz einer intelligenten Komödie zu kreuzen – das schafft Alfred Hitchcock in seinen besten Werken, und dazu zählt auch The Lady Vanishes. Der Film entwickelt sich in den USA zum Kassenschlager und ebnet Hitchcock den Weg nach Hollywood. Ebendort gelingt Frank Capra mit You Can’t Take It with You eine der berühmtesten amerikanischen Komödien überhaupt, während Michael Curtiz mit Angels with Dirty Faces eines der überzeugendsten Werke des amerikanischen Gangsterfilms herausbringt, das den gesellschaftlichen Hintergrund des Verbrechertums deutlich herausarbeitet. In Frankreich inszeniert Marcel Carné derweil in Hôtel du Nord einen Mikrokosmos von Paris – seine hervorragenden Schauspieler machen dieses bedeutende Werk des poetischen Realismus unvergesslich. Tanja Hanhart

Das erste Jahrhundert des Films In der Dauerreihe «Das erste Jahrhundert des Films» zeigen wir im Lauf von zehn Jahren rund 500 ­wegweisende Werke der Filmgeschichte. Die Auswahl jedes Programmblocks ist gruppiert nach Jahrgängen, woraus sich schliesslich 100 Momentaufnahmen des Weltkinos von 1900 bis 1999 ergeben. ­Referenzzahl ist jeweils der aktuelle Jahrgang, d. h. im Jahr 2018 sind Filme von 1918, 1928, 1938 usw. zu sehen. Weitere wichtige Filme von 1938 A Christmas Carol Edwin L. Marin, GB Bluebeard’s Eighth Wife Ernst Lubitsch, USA Bringing Up Baby Howard Hawks, USA Füsilier Wipf Leopold Lindtberg, CH Holiday George Cukor, USA Jezebel William Wyler, USA La bête humaine Jean Renoir, F La femme du boulanger Marcel Pagnol, F

La Marseillaise Jean Renoir, F Le quai des brumes Marcel Carné, F Pygmalion Anthony Asquith, GB Tanz auf dem Vulkan Hans Steinhoff, D The Adventures of Robin Hood Michael Curtiz, USA The Dawn Patrol Edmund Goulding, USA La femme du boulanger läuft im kommenden Programm im Rahmen der Sélection Lumière.


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Das erste Jahrhundert des Films: 1938

OLYMPIA 1. TEIL – FEST DER VÖLKER 2. TEIL – FEST DER SCHÖNHEIT Deutschland 1938

Die Olympischen Spiele 1936 in Berlin werden als ästhetisches Schauspiel von mythischen Dimensionen dargestellt. Nach Triumph des Willens (1935) ist dies der zweite gross angelegte Dokumentarfilm Leni Riefenstahls im Auftrag und zum Ruhme des nationalsozialistischen Regimes. «Die Nazis wollten keine gewöhnliche Dokumentation, sondern ein cineastisches Monument. Dazu boten sie der Regisseurin traumhafte Arbeitsbedingungen. (…) Riefenstahl sprengte mit ihrem Olympiafilm das Genre des Dokumentarfilms. Ihre Schnittfolge reicht bis in die Videoclips der Gegenwart. (…) Die totale Verherrlichung des Körpers war ihr Programm. Und in diesem Punkt trafen sich die Herrenmenschen und die Schönheitsfaschistin. Der Faszination, die von ihren Bildern ausging, tat dies keinen Abbruch – ganz im Gegenteil. Die Liste der Verehrer wurde länger und länger: ‹Sie war die beste Regisseurin, die jemals lebte. Um das zu erkennen, muss man nur ihre Olympia-Filme ansehen.› Zu diesem Super­ lativ griff Quentin Tarantino. (…) ‹Riefenstahls Werk ist nicht durchgängig faschistisch und wohl

auch nicht durchgängig grossartig. In seinen ­besten wie seinen schlechtesten Seiten allerdings wirkt es fort wie wenig andere›, so RiefenstahlExperte Rainer Rother. (…) In den USA hatte Susan Sontag schon früher der Regisseurin den Weg zur Salonfähigkeit geebnet: ‹Leni Riefenstahls Filmgenie bewirkte, dass der ‹Inhalt› – wenn auch vielleicht gegen ihre eigene Absicht – eine rein formale Rolle spielt.›» (Stefan Osterhaus, deutschlandfunk.de) 1. Teil: 121 Min, 2. Teil: 96 Min / sw / DCP / OV // REGIE Leni ­Riefenstahl // DREHBUCH Leni Riefenstahl, Willy Zielke (Prolog) // KAMERA Walter Frentz, Guzzi Lantschner, Kurt Neubert (u. v. a.) // MUSIK Herbert Windt // SCHNITT Leni Riefenstahl, Willy Zielke (Prolog), Max Michel, Guzzi Lantschner, Johannes Lüdke, Arnfried Heyne.

Im Kalenderjahr 2018 führen Mitarbeitende, Studierende und Gäste des Seminars für Filmwissenschaft der Universität Zürich einzelne Filme der Reihe «Das erste Jahrhundert des Films» ein. Neben dem filmhistorischen Kontext werden in den Einführungen formale und thematische Aspekte der Jahrhundertfilme genauer betrachtet.

✶ am Montag, 5. März, 18.15 Uhr: Einführung von Prof. Dr. Ursula von Keitz (Leiterin des Filmmuseums Potsdam)

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Das erste Jahrhundert des Films: 1938

ALEXANDER NEWSKI UdSSR 1938 Russland im 13. Jahrhundert: Mongolen haben grosse Teile Russlands besetzt, aus dem Westen rücken deutsche Ordensritter vor und verwüsten das Land. Nowgorod wird zum nächsten Ziel der Invasoren – da übernimmt Fürst Alexander N ­ ewski die Führung des russischen Heeres. Auf Wunsch von Stalin wurde Sergej Eisenstein mit der Regie von Alexander Newski be­ auftragt. Das patriotische Historienepos rettete Eisensteins Karriere, denn er war wegen seines Aufenthalts in Amerika und seiner künstlerischen Abweichung vom stalinistischen Ideal des Realismus in Ungnade gefallen. Einen zentralen Bestandteil des Films bildet die Musik von Sergej Prokofjew, der in den Entstehungsprozess ungewöhnlich eng eingebunden war. «Dieser Film, als nahezu kosmischer Kampf zwischen Gut und Böse inszeniert, betont die deutschen Gräueltaten gegen die russische Bevölkerung, wobei die Eindringlinge durch ihre unheimlichen, gehörnten Helme zusätzlich entmenschlicht wurden. Das Herz bildet die über 30-minütige ‹Schlacht auf dem Eis›. Zwischen grausam und karnevalesk alternierend, war dieser genial geschnittene Mix ein Triumph für Newski wie für Eisenstein und diente als Prototyp für Schlachtfeldszenen in Laurence Olivers Henry V,

Akira Kurosawas Die sieben Samurai und Stanley Kubricks Spartacus.» (J. Hoberman, criterion.com) «Unser heutiges Bild der berühmten ‹Schlacht auf dem Eis› ist ganz geformt von diesem Film. Alexander Newski war pure Propaganda, eine Warnung an Deutschland, gefördert von der Sowjetregierung. Wer ihn gesehen hat, meint etwas zu wissen über diese Schlacht. Aber die mittelalterlichen Manuskripte sagen, die Ritter seien tot ‹ins Gras› gesunken. Da war kein Eis, nicht mal Winter. (…) Nach dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 durfte der Film in keinem sowjetischen Kino mehr gezeigt werden. Doch als im Juni 1941 die Nazis einmarschierten, kehrte der Film auf die Leinwand zurück und wurde der populärste Film der Kriegszeit.» (Richard Overy, Tages-Anzeiger, 29.8.2015) 111 Min / sw / 35 mm / Russ/d // REGIE Sergej M. Eisenstein, Dmitri Wassiljew // DREHBUCH Sergej M. Eisenstein, Pjotr Pawlenko // KAMERA Eduard Tissé // MUSIK Sergej Prokofjew // SCHNITT Sergej M. Eisenstein, Esfir Tobak // MIT Nikolai Tscherkassow

(Alexander

Newski),

Nikolai

Ochlopkow

­(Wassili Buslai), Andrej Abrikossow (Gawrilo Olexitsch), Dmitri Orlow (Ignat, Waffenschmied), Warwara Massalitinowa (Amelfa Timofejewna, Buslais Mutter), Vera Iwaschowa (Olga Danilowna), Anna Danilowa (Wassilissa).


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Das erste Jahrhundert des Films: 1938

THE LADY VANISHES GB 1938 Wegen einer Lawine wird der Balkanexpress aufgehalten, die Reisenden müssen in einem überfüllten Gasthof eines abgelegenen Städtchens übernachten. Dort lernt die junge Iris die nette ältere Dame Miss Froy kennen und besteigt mit ihr am nächsten Morgen gemeinsam den Zug. Iris nickt kurz ein, danach ist die alte Dame verschwunden – als Iris nach ihr sucht, halten die übrigen Fahrgäste ihre Geschichte für ein Hirngespinst. Laut Alfred Hitchcock entstand dieser Film in einem kleinen Studio von dreissig Metern Länge, mit einem einzigen Eisenbahnwagen, alles andere wurde mit Rückprojektionen und Modellen gemacht. «Hitchcocks besten Filmen gelingt es, die poetische Logik des Alptraums mit dem Witz einer intelligenten Komödie zu kreuzen. Die Zugreise taucht immer wieder in Hitchcocks Filmen auf, aber hier ist sie der rote Faden, an dem sich die Perlenkette humoresker und halluzinatorischer Details reiht, der Spannungsbogen, der die Galerie komischer, skurriler Typen zusammenhält. Die Weise, wie sich Situation aus Situation ergibt, hat etwas von einem mathematischen Zaubertrick an

sich, unwiderlegbar, aber fantastisch.» (Harry ­Tomicek, Österreichisches Filmmuseum, 12/2007) «Hitchcocks Kriminalfilm über eine umständliche, aber vergnügte alte Dame (…) ist mit so viel Kunstfertigkeit und Tempo inszeniert, dass er unterdessen zum Inbegriff für ‹Suspense› auf der Leinwand geworden ist. The Lady Vanishes hält einige der besten Beispiele für den ‹Hitchcock touch› bereit – kleine Schocks und Perversitäten im Schnitt und im Detail.» (Pauline Kael: 5001 Nights at the Movies, Marion Boyars 1993) 97 Min / sw / DCP / E/d // REGIE Alfred Hitchcock // DREHBUCH Sidney Gilliat, Alma Reville, Frank Launder, nach dem Roman von Ethel Lina White // KAMERA Jack E. Cox // MUSIK Louis Levy, Charles Williams // SCHNITT R. E. Dearing // MIT Margaret Lockwood (Iris Henderson), Michael Redgrave (Gilbert Redman), Dame May Whitty (Miss Froy), Paul Lukas (Dr. Hartz), Cecil Parker (Eric Todhunter), Linden Travers (Margaret Todhunter), Naunton Wayne (Mr. Caldicott), Basil Radford (Mr. Charters), Mary Clare (Baronin), Emile Boreo (Hoteldirektor), Catherine Lacey (Nonne), Alfred Hitchcock (Mann mit Zigarette an der Victoria Station).

✶ am Montag, 26. Februar, 18.15 Uhr: Einführung von Dr. Franziska Heller (Seminar für Filmwissenschaft, Universität Zürich)

Das erste Jahrhundert des Films: 1938

HÔTEL DU NORD Frankreich 1938 Gebeutelt von den Depressionsjahren, wollen Pierre und Renée gemeinsam aus dem Leben scheiden. Nachdem Pierre im Hôtel du Nord auf seine Geliebte geschossen hat, verliert er den Mut zum Selbstmord, flieht und stellt sich der Polizei. Ein Zuhälter rettet die Verletzte und erliegt ihrem Charme. Renée wartet jedoch nur auf den Tag, an dem Pierre aus dem Gefängnis kommt … Ein Liebesdrama mit melodramatischem Einschlag, das durch hervorragende Schauspieler besticht – ein bedeutendes Werk des poetischen Realismus, das als unmittelbarer Vorläufer des französischen Film noir gesehen wird. «Im Filmkanon von Marcel Carné steht Hôtel du Nord oft hinter Le quai des brumes, Le jour se lève und Les enfants du paradis, vor allem weil es ein Werk ohne Jacques Prévert ist. Die Dialoge von Henri Jeanson sind in der Tat kerniger, der Film ist heiterer. Diesbezüglich ist Hôtel du Nord eher dem theatralischen als dem poetischen Realismus zuzuordnen. Aber im Zusammenspiel von Kulissen, Kameraführung und Maurice Jauberts zurückhaltender, stimmungsvoller Musik ist dieser Film typisch für den poetischen Realismus. Die Poesie des Films wurde direkt den gran-

diosen Kulissen einverleibt, einer Nachbildung des Canal Saint-Martin. Diese ist zwar betont künstlich, aber trotzdem ein Mikrokosmos von Paris. (…) Carné wagte einiges in Bezug auf Geschlechterfragen: Seine Figuren mögen als Prostituierte und Zuhälter klischiert wirken, doch sind sie frei von jeder konventionellen Moral.» (Ginette Vincendeau, Sight & Sound, 3/1999) 95 Min / sw / 35 mm / F/d // REGIE Marcel Carné // DREHBUCH Henri Jeanson, Jean Aurenche, nach dem Roman von Eugène Dabit // KAMERA Louis Née, Armand Thirard // MUSIK Maurice Jaubert // SCHNITT Marthe Gottié, René Le Hénaff // MIT Annabella (Renée), Jean-Pierre Aumont (Pierre), Arletty (Raymonde), Louis Jouvet (M. Edmond), Paulette Dubost (Ginette), Andrex (Kenel), André Brunot (Emile Lecouvreur), Jane Marken (Louise Lecouvreur), Bernard Blier (Prosper), Marcel André (Chirurg), Jacques Louvigny (Munar), Henri Bos (Nazarède).

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Das erste Jahrhundert des Films: 1938

YOU CAN’T TAKE IT WITH YOU USA 1938 Anthony P. Kirby, ein skrupelloser Grossbankier, muss für die Expansion seiner Rüstungsfabrik nur noch ein letztes Wohnhaus aufkaufen. Dieses gehört allerdings Martin Vanderhof, dem Oberhaupt einer anarchischen und exzentrischen Familie, der sein Haus für kein Geld der Welt verkaufen will. Kompliziert wird es, als sich Kirbys Sohn Tony in Vanderhofs Enkelin Alice verliebt und ihr einen Heiratsantrag macht. Alice besteht darauf, dass sich die beiden grundverschiedenen Familien erst kennenlernen. Eine Gesellschaftskomödie voller Verwicklungen, Wortwitz und Charme. Mit You Can’t Take It with You hat Frank Capra dem «kleinen» Mann von der Strasse eines der schönsten Denkmäler der Filmgeschichte gesetzt. «Der Film ist eine Hohelied auf den gegenwärtigen Augenblick und die Kostbarkeit des Lebens und preist die Verspieltheit, den Nonkonformismus und die Freiheit, das zu tun, wonach einem der Sinn steht, fern von Rentabilitätsdenken und

Arbeitszwängen. Das erste ‹Hippie Movie› nannte Frank Capra rückblickend You Can’t Take It with You, das in einer selten leichten Art Kritik an einem kapitalistischen System artikuliert, in dem die Menschen meist nicht mehr sind als ein ­Rädchen im Getriebe, und in einer einzigartigen Mischung aus Warmherzigkeit, Witz und Engagement eine Utopie aufscheinen lässt.» (arsenal-berlin.de) 126 Min / sw / Digital HD / E/d // REGIE Frank Capra // DREHBUCH Robert Riskin, nach dem Theaterstück von George ­Simon Kaufman, Moss Hart // KAMERA Joseph Walker // ­MUSIK Dimitri Tiomkin // SCHNITT Gene Havlick // MIT James Stewart (Tony Kirby), Jean Arthur (Alice Sycamore), Lionel ­Barrymore (Martin Vanderhof), Edward Arnold (Anthony P. Kirby), Spring Byington (Penny Sycamore), Mischa Auer (Boris Kolenkhov), Ann Miller (Essie Carmichael), Samuel S. Hinds (Paul Sycamore), Donald Meek (Mr. Poppins).

Das erste Jahrhundert des Films: 1938

ANGELS WITH DIRTY FACES USA 1938 Rocky, ein charismatischer Gangster, kehrt nach der Verbüssung einer Haftstrafe in das Chicagoer Armenviertel zurück, in dem er einst seine kriminelle Karriere begann. Dort trifft er auf Jerry, seinen Jugendfreund, der mittlerweile ein geläuterter Priester ist und sich bemüht, Strassenkinder auf den rechten Weg zu bringen. Da Rocky für diese Kinder zum Idol wird, geraten die beiden ehemaligen Freunde miteinander in Konflikt – als Rocky blutige Rache an einem betrügerischen Anwalt nimmt, beschliesst Jerry, dem kriminellen Treiben ein Ende zu bereiten. Angels with Dirty Faces war einer der ersten grossen Erfolge von Humphrey Bogart, der darin den Anwalt spielte. «Die Besetzung des blonden James Cagney als Rocky, der Böse mit Herz, der durch die Umstände auf die schiefe Bahn geraten war, und des dunkelhaarigen Humphrey Bogart als herzloser, böser Gangster war ein Besetzungsmodell für mehrere weitere Gangsterfilme.» (Lexikon des int. Films)

«Eine mutige, furiose Mischung aus GangsterThriller und Sozialkritik. (...) Ausnahmslos grossartige Schauspieler, ordentliches Tempo und scharfzüngige Dialoge machen diesen flotten Film von Michael Curtiz zu einem der unvergesslichsten Dramen der dreissiger Jahre von Warner Bros.» (Geoff Andrew, Time Out Film Guide) 97 Min / sw / DCP / E/d // REGIE Michael Curtiz // DREHBUCH John Wexley, Warren Duff, Ben Hecht, Charles ­MacArthur, nach der Story von Rowland Brown // KAMERA Sol Polito // MUSIK Max Steiner // SCHNITT Owen Marks // MIT James Cagney (Rocky Sullivan), Pat O’Brien (Jerry C ­onnolly), Humphrey Bogart (James Frazier), Ann Sheridan (Laury ­ ­Martin), George Bancroft (Mac Keefer), Billy Halop (Soapy), Bobby ­Jordan (Swing), Leo Gorcey (Bim), Gabriel Dell (Pasty), Huntz Hall (Crab), Bernard Punsly (Hunky), Joseph Downing (Steve).

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37 Reedition

Creature from the Black Lagoon In Jack Arnolds Creature from the Black Lagoon (1954) verguckt sich ein einsamer amphibischer Amazonasbewohner in das weibliche Mitglied einer Expedition. Dieser Gruselklassiker stand Pate für Guillermo del Toros aktuellen Kinohit The Shape of Water, der das alte «Beauty and the Beast»-Muster gekonnt variiert. 1954 erschuf Jack Arnold, Spezialist für billige Science-Fiction- und Horrorfilme, ein Geschöpf, das ins Pantheon der Filmmonster von Universal Pictures eingehen sollte: Der Titelheld von Creature from the Black Lagoon, ein apokryphes amphibisches Bindeglied zwischen Fisch und Mensch, das eine Amazonaslagune bewohnt, vermochte das Kinopublikum zur Zeit des Kalten Kriegs zu erschrecken, aber auch ein Stück weit zu rühren. Immerhin gönnte man der Kreatur noch zwei Sequels, und die Maske, die von der im Abspann ungenannten Animatorin, Grafikerin und Schauspielerin Milicent Patrick gestaltet wurde, ist in die Populärkultur eingegangen. «Die routinemässige Story – Mitglieder einer wissenschaftlichen Expedition zur Erforschung des Amazonas entdecken einen amphibischen Kiemenmenschen, der sie bedroht – wird gewaltig aufgebessert durch Arnolds sicheren Sinn für atmosphärische Drehorte und seine oft mitfühlende Darstellung des Monsters. Interessanterweise wird die Bedrohung hier streckenweise als sexuell angesehen (besonders in der Szene, in der das Geschöpf fasziniert unter der Heldin in ihrem engen Badeanzug dahinschwimmt), und so kann der Film auch als Vorläufer von Jaws gelten.» (Geoff Andrew, Time Out Film Guide) «An Land wurde das Geschöpf von Ben Chapman gespielt und im Wasser von Ricou Browning, der bis zu fünf Minuten lang den Atem anhalten musste, da das eng anliegende Kostüm keinen Platz für ein Tauchergerät bot. Stark in Sachen Atmosphäre (in 3D gedreht) und Handlung, wenn auch mit kleinem Budget ausgestattet, ist dies ein Musterbeispiel eines guten Monsterfilms. Im Gespräch über Creature from the Black Lagoon sagte Arnold: ‹Er spielt mit den Urängsten der Menschen vor dem, was unter der Oberfläche jedes Gewässers lauern mag. Sie wissen schon, das Gefühl, wenn man schwimmt und irgendetwas streift einem da unten gegen die Beine – das jagt einem einen Höllenschrecken ein, weil man nicht weiss, was es ist. Das ist die Angst vor dem Unbekannten. Ich nahm mir vor, beim Drehen von Creature from the Black Lagoon aus dieser Angst möglichst viel Kapital zu schlagen, aber ich wollte auch Mitgefühl mit dem Geschöpf erzeugen.›» (Phil Hardy, The Encyclopedia of Science Fiction Movies, Octopus Books 1984)

CREATURE FROM THE BLACK LAGOON / USA 1954 79 Min / sw / DCP 3D / E/d // REGIE Jack Arnold // DREHBUCH Harry Essex, Arthur Ross, Jack Arnold, nach der Geschichte von Maurice Zimm // KAMERA William E. Snyder // MUSIK Joseph Gershenson, Henry Mancini (ungenannt), Hans J. Salter ­(ungenannt) // SCHNITT Ted J. Kent // MIT Richard Carlson (David Reed), Julie Adams (Kay Lawrence), Richard Denning (Mark Williams), Ben Chapman/Ricou Browning (Kiemenmensch), Antonio Moreno (Carl Maia).

Die Angst vor dem Unbekannten bzw. vor dem Anderen, die Arnold anspricht und die fast allen klassischen Monsterfilmen zugrunde liegt, konterkariert Guillermo del Toro in seinem neuen Film The Shape of Water, der neben zahlreichen anderen Auszeichnungen in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen hat und nun in unsere Kinos kommt. Sein Kiemenmensch, der klar dem Geschöpf aus der Schwarzen Lagune nachempfunden ist und auch in der Figur Abe Sapien in del Toros Hellboy-Filmen einen Ahnen hat, wird zum Objekt der Liebe einer stummen Putzfrau, die ihrerseits von der Gesellschaft ausgegrenzt ist. Das Filmpodium zeigt Jack Arnolds legendäres Original in restaurierter Fassung und schwarzweissem 3D als Reedition zur Einstimmung auf Guillermo del Toros Hommage und Persiflage sowie als historisches Gegenbild dazu. (mb)


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39 EINZELVORSTELLUNG FR, 16. FEB. | 20.45 UHR

IOIC-SOIREE

DIE REVOLUTION IM STUMMFILM Das IOIC – Institute of Incoherent Cinema-

Filmpodium für Kinder

Ernest & Célestine Können eine Maus und ein Bär glücklich zusammenleben? Diese Frage wird in diesem einfallsreich animierten Kinderfilm auf bezaubernde Art und Weise beantwortet.

tography – macht mit neuen und neuartigen Live-Vertonungen die frühe Stummfilmkunst nicht zuletzt auch einem jungen Publikum zugänglich. Thema dieser Saison sind die grossen politischen Revolutionen. In seiner Einleitung zu Orphans of the Storm im Rahmen seiner Fernsehserie «The Silent Years» versucht Orson Welles zu umschreiben, weshalb den Filmen D. W. Griffiths trotz aller unbestreitbaren formalen Innovation der Geschmack des Altmodischen anhaftet. Laut Welles liegt es daran, dass «der Erfinder fast der gesamten Sprache des Films, wie wir ihn kennen», ­inhaltlich von der alten romantischen Bühnentradition des 19.  Jahrhunderts zehrt. Ein weiterer Grund ist sicherlich, dass Griffith fast immer mittels epochaler historischer Ereignisse die zeitgenössische Geschichte kommentiert. Unter Griffiths Regie wird – in einer meister-

ORPHANS OF THE STORM / USA 1921 150 Min / sw / DCP / Stummfilm, e Zw’titel // REGIE D ­ avid Wark Griffith // DREHBUCH Marquis de Trolignac [= David Wark Griffith], nach einem Bühnenstück von Adolphe Philippe Dennery, Eugène Cormon // KAMERA Hendrik Sartov, Paul Allen, G. W. Bitzer // SCHNITT James Smith, Rose Smith // MIT Lillian Gish (Henriette Girard), Dorothy Gish (Louise),

haften Verschränkung der beiden grossen

­Joseph Schildkraut (Chevalier de Vaudrey), Lucille La Verne

Revolutionen der Neuzeit – die Geschichte

Frank Losee (Comte de Linières), Katherine Emmett (Com-

zweier empfindsamer Seelen zu Zeiten der Französischen Revolution zu einer Warnung vor dem Aufstieg des Bolschewismus.

(Mutter Frochard), Morgan Wallace (Marquis de Praille),

KINDERFILM-WORKSHOP

folgt Griffiths Epos den Wegen zweier Waisenmädchen:

Notre Dame ausgesetzt und von einem verarmten Mann mit

kratin und einem Bürgerlichen, wird auf den Stufen von

Schwestern auf, verlieren aber ihre Eltern und – im Falle von Louise – das Augenlicht an die Pest. Die Reise zu einem ­Pariser Arzt bringt sie in Konflikt mit einem dekadenten ­Adeligen und dem revolutionären Pöbel.

vordigitale Keyboards und diverse zu Mu­

Vertonung: Niton

sikinstrumenten umfunktionierte Objekte,

El Toxique (Objekte, Elektronik), Luca Xelius Martegnani

nössisch. (IOIC)

Im Anschluss an die beiden Vorstellungen von Ernest & Célestine bietet die Filmwissenschaftlerin Julia Breddermann (www.fifoco.ch) einen Film-Workshop an. Die Kinder erleben eine Entdeckungsreise durch die Welt der Filmsprache und werden an einzelne Szenen und Themen des Films herangeführt. Dauer des Workshops: ca. 1 Stunde. Der Workshop wird gratis angeboten. Keine Voranmeldung nötig.

einer eigenen Tochter gerettet. Die Mädchen wachsen wie

konvergieren, nämlich klassische Saiten,

klingt das Ganze durch und durch zeitge-

MIT DEN DEUTSCHEN STIMMEN VON Harmut Neugebauer (Ernest), Paulina Rümmelein (Célestine), Eva-Maria Bayerwaltes

Angesiedelt am Vorabend der Französischen Revolution,

Band Niton, deren Musik sich irgendwo zwi-

verschiedene traditionelle analoge Sounds

den Kinderbüchern «Mimi und Brumm» von Gabrielle Vincent // MUSIK Vincent Courtois // SCHNITT Fabienne Alvarez-Giro // (die Graue), Ekkehardt Belle (­ Georges), Bettina Redlich (Lucienne).

Vertont wird der Film von der Tessiner

Electronica bewegt. Auch wenn im Trio drei

77 Min / Farbe / DCP / D / ab 6 // REGIE Stéphane Aubier, Vincent Patar, Benjamin Renner // DREHBUCH Daniel Pennac, nach

tesse de Linières).

­Louise, das Ergebnis einer Liaison zwischen einer Aristo­

schen Ambient, Noise, Experiment und

ERNEST & CÉLESTINE / Frankreich/Belgien/Luxemburg 2012

(analoge Synthesizer) & Zeno Gabaglio (Cello) Weitere Informationen zum IOIC: www.ioic.ch

«Célestine ist eine kleine Maus und findet Bären gar nicht so unfreundlich, wie alle sagen. (...) Und so macht sie immer wieder Ausflüge in die Welt der Bären und trifft dort eines Tages den grummeligen Ernest, dem sie schon bald aus der Patsche helfen muss. Nach und nach tun sich die beiden Aussenseiter zusammen. (...) Bei Ernest & Célestine ist das Filmbild so angefüllt mit originell gezeichneten Details, dass er auf die grosse Leinwand gehört.» (FBW, deutsche Film- und Medienbewertung)


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41 IMPRESSUM

SÉLECTION LUMIÈRE

ZABRISKIE POINT Antonionis Hommage an die amerikanische

sprüche der Ära nachdrücklich an; das

Studentenbewegung ist wegen der Orgie im

atemberaubend apokalyptische Finale lässt

Death Valley und des spektakulären Fi­

zur Musik von Pink Floyd eine Luxusvilla in

nales legendär – doch für MGM wurde der

Zeitlupe zerbersten: Es regnet Konsumgü-

einzige US-Film des italienischen Cineas-

ter, die sich ‹zu einem verblüffenden Katalog

ten zum Produktions-Alptraum und Rezep-

der modernen Welt addieren› (Jonathan Ro-

tions-Desaster.

senbaum).» (Christoph Huber, Österreichisches Filmmuseum, 1/2003)

Amerika, in den späten sechziger Jahren,

«Zabriskie Point hat nichts von seiner

zur Zeit der Studentenunruhen: Als der Stu-

schrecklichen, destruktiven Schönheit oder

dent Mark des Mordes an einem Polizisten

ungestümen Erotik eingebüsst. (…) Antonio-

verdächtigt wird, stiehlt er ein Kleinflugzeug

nis apokalyptische Vision sagt genauso viel

und flieht in den Südwesten. Mitten in der

über die heutige Wut und Angst aus wie über

Wüstenlandschaft des Death Valley trifft er

Amerikas Generation von radikalen Studen-

auf Daria. Die beiden irren durch die Einöde,

ten und Aussteigern zur Zeit des Vietnam-

rauchen einen Joint, philosophieren und

kriegs.» (MoMA, 12/2017)

DAS FILMPODIUM IST EIN ANGEBOT DES PRÄSIDIALDEPARTEMENTS

in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse, Lausanne/Zürich LEITUNG Corinne Siegrist-Oboussier (cs), STV. LEITUNG Michel Bodmer (mb) WISSENSCHAFTLICHE MITARBEIT Tanja Hanhart (th), Marius Kuhn (mk), Primo Mazzoni (pm), Laura Walde PRAKTIKUM Alicia Schümperli // SEKRETARIAT Claudia Brändle BÜRO Postfach, 8022 Zürich, Telefon 044 412 31 28, Fax 044 212 13 77 WWW.FILMPODIUM.CH // E-MAIL info@filmpodium.ch // KINO Nüschelerstr. 11, 8001 Zürich, Tel. 044 211 66 66 UNSER DANK FÜR DAS ZUSTANDEKOMMEN DIESES PROGRAMMS GILT: Arsenal Distribution, Berlin; Ascot Elite Entertainment Group, Zürich; British Film Institute, London; Cinélibre, Bern; Danish Film Institute, Kopenhagen; Dogwoof G ­ lobal, London; Farbfilm Verleih, Berlin; La Fondation Olympique pour la Culture et le Patrimoine, Lausanne; Gaumont, Neuilly sur Seine; Kinemathek Le Bon Film, Basel; Lobster Film, Paris; MK2, Paris; Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden; Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion, Wien; Norte Productions, Paris; Park Circus, Glasgow; Svenska Filminstitutet, Stockholm; Troubadour Films, Carouge. DATABASE PUBLISHING BitBee Solutions GmbH, Zürich // KONZEPTIONELLE BERATUNG Esther Schmid, Zürich GESTALTUNG TBS & Partner, Zürich // KORREKTORAT N. Haueter, D. Kohn // DRUCK Ropress, Zürich // AUFLAGE 6000 ABONNEMENTE ABONNEMENTE Filmpodium-Generalabonnement : CHF 400.– (freier Eintritt zu allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Filmpodium-Halbtaxabonnement: CHF 80.– / U25: CHF 40.– (halber Eintrittspreis bei allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Jahrhundert-Abo: Fr. 50.– (für alle in Ausbildung; freier Eintritt zu den Filmen der Reihe «Das erste Jahrhundert des Films») // Abonnement Programmheft: CHF 20.– // Anmeldung an der Kinokasse, über www.filmpodium.ch oder Tel. 044 412 31 28

lieben sich. «‹Ich sehe zehntausend Menschen, wie sie quer über die ganze Wüste Liebe ma-

✶ am Donnerstag, 15. März, 20.45 Uhr: Einführung von Corinne Siegrist-Oboussier

chen›, soll Antonioni bei seinem ersten

VORSCHAU

Rundgang durchs Death Valley gesagt haben. Zabriskie Point, ein ‹lost cause›: Nach-

Claudia Cardinale

Christine Vachon

dem MGM Antonioni ‹carte blanche› zugesi-

Mit ihrer betörenden Mischung aus Naivität

1991 produzierte Christine Vachon mit Poi-

chert hatte, wird die Produktion des Films

und Sinnlichkeit gilt Claudia Cardinale als

son den Erstling ihres Studienkollegen Todd

aufgrund seiner unkonventionellen Metho-

einer der Superstars des italienischen Ki-

Haynes. Seither hat sie viele markante Pro-

den zum Studio-Alptraum, die öffentliche

nos. Ihren Einstand feierte sie 1958 in einer

duktionen vorgelegt. Ihre Firma Killer Films

und kritische Rezeption ein Desaster. Anto-

kleinen Rolle in der Gaunerkomödie I soliti

steht für ein kühnes Kino, das die Grenzbe-

nionis Film über Amerikas Gegenkultur wirft

ignoti, doch richtig los ging es in den 1960er-

reiche der US-Gesellschaft ausleuchtet. Zu

man ‹Schwächen› in Dialog, Schauspiel und

Jahren, als Luchino Visconti und Federico

Vachons Werken zählen die Lesbenromanze

Handlungsführung vor, die sich kaum von

Fellini sie in Schlüsselrollen besetzten.

Go Fish (1994), Larry Clarks umstrittenes

denen seiner zuvor gelobten Filme unter-

Bald wirkte sie auch in internationalen Pro-

Jugendporträt Kids (1995), das Trans-

scheiden – eher dürfte der unerhörte Blick

duktionen mit – etwa bei Blake Edwards

gender-Drama Boys Don’t Cry (1999) sowie

des Aussenseiters Anlass für den Zorn

ZABRISKIE POINT / USA 1970 110 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Michelangelo Antoni-

oder Sergio Leone – und brillierte sowohl

weitere Haynes-Filme wie die Bob-Dylan-

­gewesen sein. Trotz seiner Unebenheiten ist

oni // DREHBUCH Michelangelo Antonioni, Fred Gardner

als verwöhnte Prinzessin wie auch als

Hommage I’m Not There (2007) und die

Zabriskie Point viel besser gealtert als

// KAMERA Alfio Contini // MUSIK Jerry Garcia, Pink Floyd //

kämpferische Western-Witwe. Aus Anlass

Highsmith-Verfilmung Carol (2015). Chris­

SCHNITT Michelangelo Antonioni, Franco Arcalli // MIT Mark

des 80. Geburtstags von «CC» am 15. April

tine Vachon wird am Pink Apple Festival

zeigen wir ihre schönsten Filme, darunter

2018 preisgekrönt. Das Filmpodium widmet

zwei Alterswerke.

ihr eine Retrospektive.

­behauptet: In der prekären Mischung aus dokumentarischer Direktheit und abgehobenem Kunst-Konstrukt klingen die Wider-

(= Franco Rossetti), Sam Shepard, Tonino Guerra, Clare Peploe

Frechette (Mark), Daria Halprin (Daria), Rod Taylor (Lee Allen), G. D. Spradlin (Lee Allens Partner), Paul Fix (Café-Besitzer), Bill Garaway (Morty), Kathleen Cleaver (Kathleen).


AB 8. MÄRZ IM KINO

Eine ernsthaft humorvolle Fahrt durch Nazareth

ANNEMARIE JACIR PALÄSTINA

Filmpodium Programmheft Februar/März 2018  

Carl Theodor Dreyer / Neue Dokumentarfilme / Jahrhundertfilmreihe 1938 / Kinderfilm: Ernest & Celestine / IOIC / Séléction Lumière

Filmpodium Programmheft Februar/März 2018  

Carl Theodor Dreyer / Neue Dokumentarfilme / Jahrhundertfilmreihe 1938 / Kinderfilm: Ernest & Celestine / IOIC / Séléction Lumière

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