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kunst, kultur & politik

sucht Nr. 27 Juni/Juli 2013


EDITORIAL Meine Sucht



HINTERGRUND Das Duell - Sucht Politkolumne von Cédric Wermuth

  SUCHT

ILLUSTRATOR DES MONATS Namen: Samuel Kaufmann Seiten: 2 | 11 | 12 | 22 | 25 | 27 | 34 Vielen Dank an Samuel für die Illustrationen zu denTexten. Möchtest auch du das Titelbild gestalten und die Texte grafisch unterlegen? Melde dich auf info@dieperspektive.ch THEMA DER NÄCHSTEN AUSGABE: LONELY PLANET Artikel einsenden an artikel@dieperspektive.ch

           

Me, myself and I Fisch im Wasserglas Aufhören! Einmal. Ist Vertrauen Kontrolle? Unstillbarer APPetit Über die Sucht dazu zu gehören Sucht nach Sommer (Poster) Schau mich an und sprich mit mir Sehnsucht nach Leben Wiedergeburt Linda & Amadeus bebildern die Sucht

KREATIVES    

Zwanzig Minuten Buchbesprechung: Niklaus Meienberg Illustrationen zur Sucht der tipp - Vorschau und Tipps der Redaktion

IMPRESSUM REDAKTION verein dieperspektive, zentralstrasse 167, 8003 zürich, simon jacoby, conradin zellweger, manuel perriard COVER isabella furler LAYOUT isabella furler LEKTORAT konstantin furrer WEBDESIGN conradin zellweger REDAKTIONSMITARBEITER selina howald & konstantin furrer & marius wenger DRUCK zds zeitungsdruck schaffhausen ag AUFLAGE 4000 ARTIKEL EINSENDEN artikel@dieperspektive.ch WERBUNG simon@dieperspektive.ch ABO abo@dieperspektive.ch LESERBRIEFE leserbriefe@dieperspektive.ch THEMA DER NÄCHSTEN AUSGABE LONELY PLANET GÖNNERKONTO pc 87-85011-6, vermerk: gern geschehen

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REDAKTIONSSCHLUSS montag, 8. juli 2013, 23.55 uhr


F端r die Redaktion, Simon Jacoby EDITORIAL

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Das Duell Nr. 17

SUC H T {Text} * Conradin Zellweger und Peter Werder Peter Werder: Ein schönes Thema haben Sie da wiedermal ausgesucht, Herr Zellweger. Sucht. Da können Sie sich ja in Ihrem Gleichheitsund Gerechtigkeitswahn üben. Conradin Zellweger: Ich wage eine Behauptung. Sie sind süchtig nach dem Wort «Eigenverantwortung». Sie werden dieses Wort in der nächsten halben Stunde wie ein Besessener benutzen. Nicht wahr? PW: Ich versuche, darum herumzukommen. Aber nur, wenn Sie «Gleichheit» und «Gerechtigkeit» vermeiden. CZ: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Find ich gut. Gerechtigkeit nehme ich auch gerade noch. Oh. Schon reingelaufen. 1:0 für Sie. PW: Ist ok. Ich bin ja gegen Verbote. Lassen Sie nur. Redefreiheit ist mir wichtiger. CZ: Also ein Teilrevoluzzer hä? PW: Die Revoluzzer sind auf Ihrer Seite spärlich geworden. Alles Konformisten. NichtraucherBünzlis, Gesundheitsfanatiker, Verbotsfetischisten. Schlimmer ist, dass Sie den Menschen mittlerweile sogar das Recht auf Sucht absprechen. CZ: Recht auf Sucht Das ist ja gut und Recht. Alkohol ab 0 Jahren? Nein. Das nicht. Aber eine Legalisierung der Drogen ab 18. Das wär was. Nur wollen Sie gleichzeitig noch sämtliche Sozialwerke abschaffen. PW: Das will ich nicht. Aber es darf keinen Anreiz geben, das Sozialwerk zu nutzen. Wir müssen unsere Kinder erziehen, mit Gefahren umgehen zu können, und nicht sich von ihnen künstlich fernzuhalten. Schauen Sie mal, wie armselig Ihre linken Spiesser Gesetze erfinden. Jetzt soll es sogar ein Alkoholverkaufsverbot geben - ab 22 Uhr. Was soll das?Ich trinke übrigens grad einen hervorragenden Elsässer Pinot Gris. CZ: Alkoholverbot ab 22 Uhr ist natürlich Schwachsinn. Bezweifle jedoch, dass Sie uns linke Spiesser dafür verantwortlich machen können. Es

gibt auch in ihrem Lager Leute, die bei einem Botellón schreiend den Handstand machen! Finden Sie Botellóns auch so lässig? Oder hört es da mit Selbstverantwortung und ihrem Alles-soll-erlaubtsein-Drang auf? PW: Schauen Sie - es gibt genug Gesetze, die einen Botellón einschränken. Wenn Sie auf Ihrem privatem Grundstück einen solchen veranstalten, ohne den Lärmschutz zu verletzen, finde ich das super. Dann nutzen Sie Ihre Freiheit. Abgesehen davon sehe ich nicht ein, wieso Alkohol erlaubt und andere Drogen verboten sein sollen. Beim Rauchverbot tun Sie sich ja sehr demonstrativ hervor. Wenn die Menschen die Kosten Ihrer eigenen Fehltritte selber berappen müssten, wäre alles kein Problem. CZ: Das finde ich einen absolut gerechtfer-

zu werden, dann übernehme ich auch die Pflicht, die Folgen meiner Fehlentscheide selber zu berappen. Das ist der Punkt! Wir müssen das Recht haben, Fehler zu machen - und die Fähigkeit, die Folgen unserer Fehler zu tragen. Das ist MEIN Staatsverständnis! CZ: Ja das ist gut und recht. Aber ihr Staatsverständnis ist alles andere als gerecht. Gerade im Bezug auf die Folgen von Sucht. Wer wird wohl eher süchtig? Ein Sozialhilfeempfänger, welcher seit drei Jahren keinen Job findet oder ein Goldküsten-Kiddie, welches nach einer Magnumflasche Champagner im Kaufleuten nie mehr einen Tropfen Alkohol sehen mag? In einer perfekten, langweiligen, einheitlichen, und gleich verteilten Welt würde ich wohl auch FDP wählen. Dann funktioniert ihr Vorbild, der Homo oeconomicus, mit all seinen eigenverantwortlichen Entscheidungen. PW: Die langweilige FDPWelt? Ich sage nur: Plastiksackverbot, Alkoholverbot, 1:12 Initiative (Verbot!)...Es gibt nur ein Thema, bei dem Sie grosszügig mit Regulierung umgehen: Beim Eigentum. Sobald eine Liegenschaft besetzt ist und Kultur gemacht wird, ist in Ihrer heilen Baum-Umarmerund metrosexuellen Gerechtigkeits-Welt alles in Ordnung. Wer wird eher süchtig? Ein Sozialhilfeempfänger, der sich das teure Kokain nicht leisten kann - oder ein Goldküsten-Botoxoider, der seine InvestmentWanker-Kollegen wöchentlich im Digi beobachtet, während sie ihre Nase zu tief im Mehl haben? Hören Sie doch auf mit diesen Clichées. Sucht ist keine Frage des Sozialstatus. CZ: Doch. Apropos. Woher kennen Sie nur alle diese Begriffe? Sie haben da aber nicht etwa aus persönlichen Erfahrungen erzählt? PW: Ja, ich war schon im Digi. Und Sie? CZ: Ich weiss nicht mal, was das ist. Erinnert mich an ein Fluchwort von 50 Cent.

«Wer wird eher süchtig? Ein Sozialhilfeempfänger oder ein Goldküsten-Botoxoider?»

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tigten Einwand. Warum ist Alkohol legal und Hanf illegal. Aber das mit dem selber berappen ist so eine Sache ... Sie würden in dem Fall allen ein Recht auf Sucht gewähren. Alle sollen alles in sich reinspritzen, saugen, sniffen. Jederzeit und überall. Wenn es dann mal jemandem schlecht geht, na dann hat er hoffentlich auch genug Geld, um den Entzug und das Spital selber zu bezahlen. Die anderen sollten dann ihrer Meinung nach ganz still ihr Schicksal akzeptieren (und ja nicht den Lärmschutz verletzen!!). So funktioniert unser Staatsverständnis nun mal nicht. Gott sei Dank sind wir da weiter. Die Schwachen werden nicht zurückgelassen wie früher. PW: Wenn ich mich entscheide, süchtig

HINTERGRUND DAS DUELL


PW: Ui. Sie kennen 50 Cent? Ist der noch nicht verboten? Das wär doch der idealer Soundtrack in den für die Verrichtungsboxen in Altstetten. CZ: Binz. Ja da war ich schon und habe gesehen, was dort geschieht. Und ich verrate es Ihnen. Es liegen nicht jene Junkies, welche in den 80ern am Platzspitz waren, dort herum und kotzen sich voll. Es sieht ziemlich ordentlich aus. Nur merkt man nicht mehr, dass man in der gleichen Stadt ist, wo die UBS, CS ihren Hauptsitz haben. Denn es ist eine lockere Stimmung. Es hat Farbe und Kunst an den Wänden. PW: Kotzen ist ein Menschrecht. Es kommt darauf an, wo Sie es tun. Und wenn Sie es in meiner Wohnung oder auf meinem Grundstück tun, stört mich das. Egal, wie toll Ihre Kultur ist. Wieso machen Sie diese ach-so-tolle Kultur nicht auf Ihrem eigenen Grund und Boden? Ich sage es Ihnen: Weil diese Leute unfähig sind, es auf eigenem Grund und Boden zu tun. Darum nutzen Sie denjenigen der anderen. Die CS und die UBS zahlen mit ihrer Steuer bzw. die Mitarbeiter dieser Unternehmen zahlen mit ihren Steuern Ihr Studium. Das war bei mir nicht anders. Nur hat es mich gefreut, nicht gestört. CZ: Wenn Sie Leute wirklich von Ihrem Grundstück haben wollen, nichts leichter als das.

Die besetzten Häuser sind ja nicht jene, wo sie grade Ihren Rausch vom Digi ausschlafen. Da nehmen die Besetzer schon Rücksicht und wählen ein leer stehendes Haus. PW: Ein leer stehendes Haus, dann ist es ok? Hallo? Wenn ich ein Haus kaufe, bin ich doch nicht verpflichtet, es zu bewohnen. Eigentlich ist das schon wieder ein Verbot! Es ist gemäss Ihrem Kulturverständnis verboten, Häuser zu besitzen, ohne sie zu bewohnen. Mein Gott sind Sie einfallslos! Wenn ich ein Verbot erlauben würde, dann wäre es das Verbot, Ihre Verbotssucht zu verbieten. CZ: Ich mache einen Entzug, wenn Sie mit mir ins Studio kommen und einen Hip-Hop Track mit dem Titel «Digi» aufnehmen! Deal? PW: Deal! Das Duell: Beim Duell stehen sich jeden Monat Peter Werder und ein Mitglied der Redaktion zum aktuellen Thema der Ausgabe gegenüber. * Dr. Peter Werder ist bürgerlicher Politiker, Dozent an der Universität Zürich und leitet die Kommunikation eines Konzerns im Gesundheitswesen * Conradin Zellweger, 25, CoChefredaktor von dieperspektive, Student der Politologie und Publizistik& Kommunikationswissenschaft, aktiver Politiker aus Zürich

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{Text} * Cédric Wermuth

eit Jahren verabschiedet das Parlament eine Verschärfung der Asylgesetzgebung um die andere. Gebracht hat es bisher noch nichts. Im Gegenteil, die bürgerliche Asylpolitik ist grandios gescheitert. Sie hat das soziale Klima aufgeheizt, die Situation für die Betroffenen verschlimmert und zu einem spürbaren Ressourcenengpass in der Betreuung von Flüchtlingen geführt. Wer sich das globale Umfeld anschaut, den überrascht das wenig: Geschätzte 850 Millionen (andere Zahlen sprechen von 1 Milliarde) Menschen leiden chronisch an Hunger, 1.5 Milliarden arbeiten unter prekären Bedingungen, eine weitere Milliarde hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, 2.5 Milliarden lebt ohne sanitäre Einrichtungen. Hunderttausende leiden unter den weltweit über 165 gewalttätigen Konflikten. Wer unter solchen Bedingungen leben muss der oder die lässt sich durch kein Asylgesetz vom Traum vom reichen Europa abhalten. Mindestens 43 Millionen Menschen sind heute laut Angaben der UNO auf der Flucht. Wer behauptet, mit Verschärfungen in der nationalen Gesetzgebung das „Asylproblem“ lösen zu können, der oder die streut den Menschen Sand in die Augen. Genau diese Politik ist entweder naiv oder im schlimmeren Fall zutiefst zynischer und billiger Populismus.

und Schlepper: Ihr Geschäft wird noch besser florieren als bisher. Im Inland sollen so genannte „renitente“ Asylsuchende in speziellen Zentren interniert werden können. Die Flüchtlinge werden dadurch weiter kriminalisiert und dem Missbrauch wird Tür und Tor geöffnet. Dahinter steckt die Vorstellung, Asylsuchende sollten gefälligst dankbar sein, wenn sie nicht gleich wieder zurück geschickt werden – ihre Rechte und Würde als Menschen spielen keine Rolle. Die Linke muss diesen Abstimmungskampf nutzen, um den Irrsinn der aktuellen Asylpolitik aufzuzeigen. Das wird angesichts der beängstigenden Fremdenfeindlichkeit nicht einfach sein. Aber gerade deshalb ist das Engagement von uns allen in diesem Abstimmungskampf umso wichtiger: Nichts tun bedeutet die Logik der Fremdenfeinde zu akzeptieren. Nichts tun bedeutet Zustimmung zu einer Politik, die sich völlig aus der Verantwortung für die globalen Probleme ziehen will. Herzlichen Dank jetzt schon an alle, die sich bisher engagierten und weiter engagieren werden – und jetzt heisst es raus auf die Strasse!

Die Spirale dreht weiter nur in eine Richtung: Nach unten Am 9. Juni stimmen wir über eine weitere Verschärfung ab. Ihre Wirkung wird genauso kontraproduktiv sein, wie die letzten Revisionen. Insbesondere die Abschaffung des Botschaftsasyl trifft die Schwächsten: Jene, die aus welchem Grund auch immer keine grossen Fluchtwege riskieren können, z.B. Frauen mit Kleinkindern. Das Menschenhändler

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HINTERGRUND POLITKOLUMNE

* Cédric Wermuth ist sozialdemokratischer Nationalrat aus dem Kanton Aargau, er schreibt monatlich zum Thema Politik. Antworte Cédric Wermuth auf leserbriefe@dieperspektive.ch.


ME,

myself

 {Text} * Nina Kunz

Süchtig sein kann man nicht nur nach Zigaretten und Schokolade. Der Sucht nach Selbstinszenierung verfallen viele. So auch die Burlesque-Tänzerin Zoe Scarlett, Luca Hänni der Superstar und der Boulevard-Liebling namens Xenia Tchoumitcheva.

Jeder kann berühmt sein, gaukelt uns das kapitalistische Märchen vor. So sind wir alle Aufmerksamkeitsjunkies, die in den sozialen Medien und im Massenkonsum unsere Sucht stillen. Das Paradox an dieser Selbstinszenierung ist jedoch, dass wir das Spektakel nicht primär zur eigenen Befriedigung aufführen. «Wir wollen damit andere beeindrucken», sagt Verena Brandstätter, Professorin für Motivationspsychologie an der Universität Zürich. Glitzer und rote Unterwäsche Die Pailletten funkeln, das Wasser spritzt. Auf der Bühne steht ein überdimensioniertes CynarGlas. In der Dunkelheit des Klubs Plaza sitzt das Publikum und schaut gebannt zu, wie das schweizer Pin-up-Girl Zoe Scarlett sich neckisch badet. Nur ein Hauch von Glitzer und roter Unterwäsche bedecken ihren Körper, während sie zum Rhythmus der Musik immer wieder ins Nass abtaucht und lasziv wieder auftaucht. Mal ist der Striptease angedeutet, mal explizit. Dieses verführerische Spiel ist im Volksmund

SUCHT ME MYSELF AND I

als Burlesque bekannt. Zoe Scarlett ist aber nicht nur Tänzerin, sondern auch Fotomodell. Stilecht kopiert sie die Mode und Posen der originalen Mannequins. Sie sieht aus, als könnte sie einem Werbeplakat des Jahres 1953 entstiegen sein. Ihr Lidstrich sitzt so perfekt wie ihre platinblonde Marilyn Monroe Tolle. Eigentlich hatte sie nie vor, als Pin-up-Girl berühmt zu werden. Nur zufällig wurde sie nach dem KV-Abschluss an einem Motorsport-Anlass von einem Fotografen «ölverschmiert und mit Werkzeug in der Hand» abgelichtet. Diese Bilder verhalfen ihr zum Durchbruch. Verführung als Beruf Zoe Scarlett inszeniert auf der Bühne weniger sich selbst als ihre Marke. So schlüpft sie in ihren Shows abwechselnd in die Rollen der bübischen Dietrich oder der femininen Monroe. Burlesque ist eine unverblümte Form der Darstellung, da durch den Striptease der Körper beinahe zum Anfassen nahe zur Schau gestellt wird. Die Inszenierung ist unmittelbar, ohne Fernsehscheibe zwischen Unterhalter und Unterhaltenen und ohne Kleidung am Körper. Anders als in den sozialen Medien, verkriecht sich die Selbstdarstellung bei Burlesque nicht durch das Hintertürchen des es-machen-es-jaalle Arguments, sondern feiert die Weiblichkeit im erotischen Tanz. Während Zoe Scarlett auf der Bühne steht, schaltet sie ihren Kopf total ab. «Ich geniesse einfach den Moment und die Reaktion des Publi-

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SUCHT ME MYSELF AND I

{Illustration} Ludmilla Bartscht


kums.» Sie weist den Einwand des Exhibitionismus zurück, denn sie fühle sich nicht «beobachtet», sie erhalte lediglich die «volle Aufmerksamkeit» der Zuschauer. Zudem lege sie auf der Bühne nur einzelne Kostümteile ab, «ohne am Schluss nackt zu sein oder Intimes preiszugeben.» Das Rampenlicht sei ein Genuss, mache aber nicht süchtig. Wenn sie es schafft, ein Publikum zu begeistern, erfüllt sie dies mit einem Glücksgefühl. Für Professorin Brandstätter ist hier das Machtmotiv am Werk. Denn in der Motivationspsychologie gibt es drei Basisbedürfnisse, die erfüllt sein müssen, damit ein Mensch zufrieden ist. Das Leistungsmotiv erfüllt den Wunsch, sich tüchtig zu fühlen. Das soziale Motiv steht für das Verlangen nach Freundschaften und intimen Partnerschaften und das Machtmotiv beinhaltet das Bestreben, sich stark zu fühlen. Dieses Bedürfnis sei der Motor für Selbstinszenierung. Die Erfahrung von Macht gründe darin, bei anderen Menschen etwas auszulösen. «Das kann ein Popstar sein, dessen Fans während einem Konzert ausrasten oder eine schöne Frau, welche die bewundernden Blicke der Männer geniesst. Dadurch, dass man auf das Befinden anderer Einfluss nimmt, fühlt man sich mächtig.»

wieder direkt auf Platz eins der Charts eingestiegen sei. «Wahnsinn!» Sind gecastete Popstars überhaupt mehr als Medienprodukte und Marionetten der Vermarktungsindustrie? Den Kandidaten wird die Selbstpräsentation aufgedrückt. Dieses Image ist ausschliesslich eine Orientierungshilfe für die Konsumenten. Zudem müssen die Kandidaten im Dschungel der Massenmedien immer mehr preisgeben, um die Faszination um ihre Person aufrechtzuerhalten. Zazou Mall berichtet über den Umgang mit den Medien, sie habe sich ein dickeres Fell zule-

der Medien zu bleiben. Aber sie sei glücklich, dass die Leute Interesse an ihr haben. «So sind die Medien auch zufrieden, denn wenn sie über mich schreiben, haben sie mehr Leser.» Dies sei eine Win-WinSituation für alle Beteiligten: Für sie, ihre Fans und die Presse. Xenia ist der Meinung, Selbstinszenierung sei nicht immer gesund. Darum versuche sie ihre Privatsphäre privat zu halten. «Keine Zeitung weiss, wen ich küsse.» Aber seit sie ihren Luxusblog betreibt, müsse sie halt doch jeden Tag ein kleines Stück auch ihrem Leben preisgeben. «Es stoppt nie – wie ein Fahrrad!», sagt sie. Auf chicoverdose teilt sie Fotos auf denen sie sich auf einer Yacht bräunt oder sich über ein teures Steak beugt. Im trendiest upscale restaurant in London natürlich. Auf Instagram ist sie unter dem Namen queenxenia: a bold and bright wold citizen Nutzerin. Xenia Tchoumitcheva meint, es mache «ehrlich gesagt» schon süchtig, die ungeteilte Aufmerksamkeit aller zu geniessen, denn «es ist ein Ego-Boost.» Menschen, welche viel Zeit auf sich selbst verwenden haben oftmals egozentrische Züge, sagt Professorin Brandstätter. «Dies kann dazu führen, dass diese Personen weniger Interesse an anderen zeigen.» Aber sie fügt hinzu, dass Inszenierungsfreude nicht automatisch zu Empathie-Unfähigkeit führen muss.

«Was, wenn der Rausch vorübergeht und man nicht mehr weiss, wer man ist?»

Gecasteter Ruhm In der Zukunft werden alle ihre 15 Minuten Ruhm haben, prophezeite der Künstler Andy Warhol im Jahre 1968. Im Prinzip sollte er Recht behalten, auch wenn er besser von Sekunden gesprochen hätte. Mit Youtube, Facebook und Casting-Shows wurden Plattformen geschaffen, die Privatpersonen im Nu ins Rampenlicht hieven, um sie danach gleich rasch in die Vergessenheit zu versenken. Casting-Formate produzieren auf inflationäre Weise Berühmtheiten und haben die Idee etabliert, dass jeder ein Star sein kann. Der Schweizer Luca Hänni ersang sich 2012, achtzehnjährig den Sieg in der x-ten Staffel von Deutschland sucht den Superstar. Seine Debut-Single belegte im gesamten deutsprachigen Raum den ersten Platz der Charts. Damit war er seit 52 Jahren der erste Schweizer, der dies in Deutschland schaffte. Hierzulande war er zudem der meistgesuchte Schweizer bei Google. Er sagt, er habe am Wettbewerb teilgenommen, um «auf der Bühne zu stehen». Von Leuten bejubelt zu werden, sei das schönste Gefühl, dass der Berner Strahlemann kenne. Auf das Suchtpotenzial des Rampenlichts angesprochen, gibt auch die ehemalige DSDS-Kandidatin Zazou Mall zu: «Ja, es macht süchtig auf der grossen Bühne zu stehen und Menschen zu unterhalten.» Sabine Trepte, Professorin für Medienpsychologie hat sich mit den Teilnehmern von Casting-Shows auseinander gesetzt und ist zum Schluss gekommen, dass viele auf der Suche nach Annerkennung sind oder die eigene Person an ihre Wunschvorstellung annähern möchten. Alles eine Frage des Images Luca Hänni fürchtet die Vergänglichkeit des Ruhmes schon ein wenig. Geschickt fügt er jedoch hinzu, dass sein zweites Album «Living the Dream»

gen müssen. «Ich sehe viele Dinge mittlerweile mit anderen Augen», sagt die Zürcherin mit amerikanischen Wurzeln. Peter Ludes, Professor für Medienkommunikation fasst die Problematik der Vermarktung wie folgt zusammen. «Jeder will ein Star sein, jeder ist ein Star. Diese Demokratisierung und Trivialisierung, das Herunterholen der Stars auf die Erde, ist Kennzeichen modernen Marketingstrategien.» Anonyme Offenbarung Casting-Shows machen sich zum einen den Drang der Menschen nach Selbstpräsentation zu Nutze, zum anderen nutzen sie diesen auch aus. Professorin Brandstätter findet, dass bei Offenbarungen am Fernsehen oftmals eine Grenze überschritten wird. Sie spekuliert, dass die sozialen Medien für die Senkung der Schwelle, Persönliches öffentlich zu machen, verantwortlich sind. Bei Casting-Shows sei zudem das «Spannungsverhältnis zwischen Anonymität und Intimität» interessant. Der Kandidat blamiert sich ja oftmals nicht vor konkreten Menschen, sondern vor einem diffusen Fernsehpublikum. Dadurch entsteht das Gefühl, geschützt zu sein. Somit bieten Casting-Shows exhibitionistisch veranlagten Personen eine ideale Plattform, da die richtige Selbstinszenierung zu einem grossen Teil über Erfolg und Misserfolg entscheidet. Ich bin auch ein Unternehmen 2006 belegte sie als Maturandin den zweiten Platz der Miss Schweiz Wahl. Mittlerweile ist Xenia Tchoumitcheva, der schönste Schmollmund der Schweiz, ein erfolgreiches Unternehmen der Selbstvermarktung. Die zierliche Blondine zieht einen Werbeauftrag nach dem andren an Land, singt, moderiert, absolviert Praktika bei Londons exklusivsten Banken und betreibt seit kurzem einen LuxusBlog. 70‘000 likes hat dieser bereits. Sie hat «keine Ahnung» wie sie es schafft in der Aufmerksamkeit

SUCHT ME MYSELF AND I

Der letzte Schuss Die Selbstinszenierung birgt nicht nur ein Sucht- sondern auch ein Gefahrenpotenzial. Das menschliche Verhalten verkümmert zu einem Schauspiel, in dem versucht wird, sich möglichst gut zu verkaufen. Dabei werden die Attribute, die dem angestrebten Selbstbild entsprechen überbetont, anderes vertuscht. In diesem Sinne ist Zoe Scarlett sexy, Luca Hänni der perfekte europäische Justin Bieber und Xenia Tchoumitcheva ein Erfolgsmodell, das Schönheit und Reichtum vereint. Ihre Inszenierung schmälert ihren Charakter – sie werden auf ein konsumentenfreundliches Image reduziert. Nur im Backstage-Bereich, nicht auf der Bühne, dürfen sie noch sich selber sein. Dies trifft auch auf die Selbstdarstellung jenseits der Boulevard-Presse zu. Die eigene Inszenierung ist eine Projektionsfläche für das, was man sein will. Die Sucht beginnt dort, wo der Realitätsverlust einsetzt. Was, wenn die eigene Darstellung eine Geschichte erzählt, die nichts mehr mit einem zu tun hat, nichts als Fiktion ist? Was, wenn der Rausch vorübergeht und man nicht mehr weiss, wer man ist?

* Nina Kunz, 20, studiert Geschichte und beginnt bereits nach einem Bier herumzuproleten.

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SS

WA

IM ERGLAS {Text} Manuel Kaufmann

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SUCHT FISCH IM WASSERGLAS


sucht gleicht einem interpunktionslosen text über übrigens ein text der auch ohne rehctshraibung auskommt über das wesen über das gesprochen selbst und man denkt anfangs es ist aufregend wie alles in einem fluss der doch irgendwie nicht richtig fliessen will er hinterlässt ein gefühl der unvollkommenheit wie ein satz der nicht zu ende doch man realisiert es nicht und man lässt sich fangen im wirren irrsinn und denkt er gibt einem halt wenn offensichtlich das gegenteil der fall ist doch wie ein fisch im wasserglas der sich durch die durchsichtigen runden begrenzungen nicht orientieren kann und doch denkt er sei frei oder wie eine bescheuerte metapher aus der tierwelt die einem belanglosen text einen aufregenden anstrich verpasst ja sucht was ist sucht ich kann sie nicht erklären ohne abgedroschenen bilder und plötzlich kommen so auch die selbstzweifel und man ist wütend und verloren und man will nach kontrolle greifen doch man greift zur substanz hätte ich bloss weniger genommen mein text hätte von gelegentlicher bewusstseinserweiterung vielleicht gar profitieren können plötzlich ist alles nur noch über mich ich ich egoismus war doch das thema der letzten ausgabe aber ich fühle mich gut ich brauche diesen erzwungenen rausch der regelmässigkeiten aufbricht ich schreibe wie ein wasserfall ohne die begrenzungen von grammatik und stil und inhalt und kausalität und zusammenhang aber jäh wie ein blitz der in eine 500 jährige eiche einschlägt schon wieder so eine bescheuerte naturmetapher wird mir klar die brillianz ist blosse einbildung bestimmt schmerzt dem leser der kopf bereits schon so wie meiner falls überhaupt er bis zu dieser zeile gekommen ist und ebenso unangemeldet wie dieser gedankengang ist alles auch schon wieder vo SUCHT FISCH IM WASSERGLAS

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! mit dem ganzen Scheiss Gebloggt, getwittert, gefacebooked, geiphoned, geblablat. Nichts prägt unser Leben heute so sehr wie die ständige Erreichbarkeit, Onlinepräsenz, Ablenkung, der Teilnahmezwang oder das Nonsense-Lesen und -schreiben von Nonsense-Tweets-Nachrichten. Ein Plädoyer für ein Leben jenseits des Medienwahns.

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{Text} * Myriam Stucki

aum steigt die Meute in den Zug von Bern nach Zürich, zückt sie ihre Handys. «Ja, Schatz, i bi grad ufem Zug, chume am siebni hei.» hört man von links, der Typ nebenan checkt Mails und Facebook, die vis-à-vis schaut sich Youtube-Videos an. Zwei Teenies lesen den Blick am Abend. Diese Zugfahrt widerspiegelt die heutige Lebensart: ständig online, erreichbar und informiert sein. Warum schaut niemand aus dem Zugfenster und lässt die Gedanken schweifen? Warum nicht das Gegenüber mustern oder über seinen Partner nachdenken, über die vergangenen Ferien oder darüber, dass der Himmel mal wieder unglaublich blau ist? Den meisten Menschen fehlen heute die wichtigen Momente des «Bei-sich-Seins». Des «Nichtstuns». Ulrich Schnabel, ZEIT-Journalist, betrachtet diese Zeit, die sogenannte Musse-Zeit, als notwendige Voraussetzung für Gesundheit und Leistungskraft. Und als einen Moment, für den es sich zu leben lohnt (vgl. Schnabel Ulrich, Musse). Wir verfügen im Gegensatz zu früher über effiziente Kommunikationstechniken, welche Alltägliches vereinfachen sollen. Was sie aber bewirken, ist eine Beschleunigung der Aktivitäten, des Alltages, des Menschseins. Und sie lenken ab. Viele Menschen können und wollen sich heute nicht mehr auf eine Sache konzentrieren, sind verzettelt und zerstreut. Das zeigt sich sowohl im Alltag wie auch bei der Arbeit. Da konzentriert sich die Mehrheit heute nicht mehr als etwa acht Minuten auf eine Sache, weil sie ständig abgelenkt ist, die Ablenkung regelrecht sucht und im schlimmsten Fall süchtig nach Ablenkung ist. Klar mangelt es dadurch an produktiver Arbeit. Nehmen wir als Beispiel Susanne W.: Sie wird ständig unterbrochen vom Piepton eintreffender Emails, was wiederum unterbrochen wird von Kontaktanfragen auf Facebook. Diese wiederum sind weniger dringlich als eine SMS vom Liebsten oder ein Retweet. Dies wird natürlich ignoriert, wenn das Handy klingelt und die Schwiegermutter in den Hö-

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SUCHT AUFHÖREN!

rer brüllt. Oder sonst irgendetwas auf dem iPhone passiert. Dieses Verhalten kann in der Freizeit nicht einfach «abgestellt» werden. Und so verbringt der oder die Süchtige auch die Zeit auf dem Klo, beim Zähneputzen, beim Aufs-Tram-Warten und natürlich auch beim Essen und im Restaurant, während der Partner die Toilette aufsucht, mit dem Handy. Auf diesem Kasten spielt sich das Leben ab, hier wird sozial kommuniziert, gespielt, gekontaktet, geinformiert, gelesen.. Und dabei isoliert sich der/ die Süchtige, wird beziehungsunfähig im realen Leben, lebt unkonzentriert, abgelenkt, unkoordiniert, nervös, abhängig. Das Ganze kann sich in grösseren und späten Folgen durch Depression, Panikattacken und Burnout entpuppen. Seien Sie ehrlich, sind Sie nicht auch ein klein bisschen abhängig von Handy und Computer? Oder sind Sie sogar sehr gefährdet und bereits total dem Medien-Tingel-Tangel ausgeliefert? Können Sie nicht mehr ohne iPhone leben?! Ist es ihr bester Freund? LIEBEN SIE IHR HANDY MEHR ALS ALLES ANDERE? Wir sollten uns alle bewusst FreiZeiten von Handy und Computer nehmen. Und diese Off-Zeiten, diese Nur-Ich-und-Ich-Zeit, diese Musse geniessen. Ganz ohne den elektronischen Teufelskasten. Wie dies am besten erreicht wird, muss Jeder und Jede für sich entscheiden. Der Eine findet die FREI-Zeit wenn er Fussball spielt, der Andere lüftet den Kopf wenn er das Aquarium seiner Fische putzt, der Dritte beginnt über sich selbst zu sinnieren, wenn er im Wald sitzt und den Vögeln lauscht. Was immer die Menschen aus der ungesunden medialen Abhängigkeit bringt, die eigene Wahrnehmung des Selbst und die Auseinandersetzung mit sich selbst kann sich dadurch nur verbessern und intensivieren. Und damit die Lebensqualität steigern. * Myriam Stucki Texterin, 31 Jahre, riesiges Interesse für Kunst-, Musik- und Gesellschaftsthemen. Mutter von 2 Kindern.


einmal. niewieder. wirklich! {Text} * Tamara Hofer

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ah Badewanne! Endlich! Das warme Wasser war das einzige, wovon ich mir Linderung versprach. Ein wenig hilft es. Trotzdem fühle ich mich immer noch mindestens wie 90. Alle meine Gelenke sind steif und tun weh, der Rücken und die Knie besonders, auch der Bauch - Ja der Bauch tut eigentlich am meisten weh, und habe ich schon meinen Nacken erwähnt? Der ist hart wie die Badewannenwand. Ich kann mich nur in Zeitlupentempo bewegen, aber meine Wahrnehmung wäre eh auch nicht schneller. Mir ist seltsam wattig im Kopf und meine trübe Sicht kommt nicht vom Dampf im Badezimmer. Nun, egal eigentlich, ich kriege die Augen ja doch nur halb auf. Gedanken kann ich auch kaum fassen - alles viel zu anstrengend. Da hocke ich also apathisch im warmen Wasser und das Einzige, was ich noch hinkriege, ist mir zu schwören es nie wieder zu tun. Nie wieder so viel zu nehmen. Nie wieder. Nein, nie wieder! Wirklich. Das

ist es einfach nicht wert. So zu leiden für diesen blöden, kurzen Kick. Nie wieder, bitte, nie wieder. Aus mutigem Schwören wird elendes Flehen. Wie immer. Ach was mach ich mir vor. Mit «nie wieder» versuch ich's immer wieder. Ist ja nicht das erste Mal, dass ich es eben trotzdem wieder getan habe. Und ich weiss auch dass es nicht das letzte Mal war. Bald einmal werde ich wieder schwach sein, einmal, wenn ich mich von irgendwas Unangenehmen ablenken will, und sei es nur für drei Sekunden, einmal werde ich mir wieder sagen «ach komm, nur ein Mal». * Tamara Hofer, Lebenskünstlerin, 32. Die beschriebenen Symptome bekomme ich dank diverser Lebensmittelintoleranzen von Schokolade oder anderen Süssigkeiten. Daraus gelernt hab ich: Verbiet dir etwas und du kriegst die Sucht gratis dazu.

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Ist Vertrauen Kontrolle? {Text & Illustration} * Amelie Schüle

Der Tag an dem ich begriffen habe, wie ich funktioniere, war der Tag an dem ich erkannt habe, dass ich süchtig bin - süchtig nach Kontrolle. Auf den ersten Blick scheint dies eine sehr lapidare Aussage über sich selbst zu sein. Es klingt ein bisschen nach jemandem, der sich wichtigmachen möchte, jemandem der den Unterschied zwischen Drogen- und Verhaltenssucht nicht kennt. Aber ich glaube die Sucht nach Kontrolle ist schwerwiegend. Nicht schwerwiegender als dieSucht nach Crystal Meth, aber fast.Verhaltenssucht bezeichnet eine Impulskontrollstörung, wobei hier ironisch ist, dass Kontrolle selbst die Sucht ist. Der gestörte Impuls ist der Wunsch danach. Der entstehende psychologische Zustand bei einem Verlust von Kontrolle ist laut Martin Seligmann Hilflosigkeit. Dieser wird hervorgerufen, wenn Ereignisse unkontrollierbar sind. Er definiert Kontrolle als Gegenteil von erlernter Hilflosigkeit, die Einstellung etwas nicht beeinflussen oder kontrollieren zu können. Man erfährt einen Kontrollverlust, indem das eigene Handeln unabhängig von der daraus resultierenden Konsequenz gesehen wird. Dieser Begriff wurde später weiter differenziert als eine universelle, allgemeine und chronische Hilflosigkeit. Manche Dinge kann man nicht aufhalten, bei manchen fehlt einem eine nötige Eigenschaft und wer depressiv ist, bekommt nichts auf die Reihe. Das bedeutet - Wir alle sind einem gewissen Mass an Hilflosigkeit ausgeliefert. Wer zu Depressionen neigt, fühlt sich dauerhaft in diesem Zustand gefangen. Meine leicht chronische Hilflosigkeit, aufgrund depressiver Neigungen, könnte also zu dieser Kontrollsucht geführt haben. Die Beziehung zwischen meiner Sucht und mir ist ambivalent. In gewissen Bereichen schüre ich sie regelrecht, ich lasse sie alles vereinnahmen, wie wild um sich schlagen. Zum besseren Verständnis ein praktisches Beispiel: Wenn ich Sport treibe, dann ziehe ich beim Laufen den Bauch beim Ausatmen nach innen, atme seitlich in die Rippen ein, erst am Ende des Trainings lasse ich los. Es gab eine Zeit, in der ich den Bauch permanent eingezogen haben, auch im Alltag. Weniger als drei Mal die Woche Sport macht mich gereizt, ein Training unter einer Stunde fühlt sich an wie versagen. Ich esse täglich nur eine Portion jeder Lebensmittelgruppe, vor Kohlehydraten habe ich Angst, trinke drei Liter Wasser, esse zwei Löffel Leinsamen und keine Süssigkeiten, um möglichst gesund zu leben. Wenn ich mich nicht daran erinnern kann was ich gegessen habe, bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Ich suche die volle Kontrolle über mein Handeln und somit über meinen Körper. Ich spreche hier von Kontrolle, da ich die Dinge ganz bewusst beeinflussen möchte, anders als bei Zwängen welche meine Entscheidungs- und Handlungsfreiheit beinträchtigen. Rainer Oesterreich unterscheidet bei der Definition von Kontrol-

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le zwischen der Zielgerichtetheit des Handelns einer Person und die Kenntnisse, die Kontrollkompetenz. In diesem Konzept wird das Verhältnis zwischen einem zielgerichtet Handelnden und Ereignissen in einer objektiven Situation, einer Person betrachtet. Kontrolle bezieht sich darauf, in welchem Maß das vom Handelnden zielgerichtet angestrebten Ereignis von dessen Handlungen abhängig ist. Der Handelnde verfügt über eine Kontrollkompetenz, die bestimmt ist durch seine Kenntnisse über die Abhängigkeit der angestrebten Ereignisse von den eigenen Handlungen. Das repräsentativste Beispiel aus mein Leben das sich hier eignet ist die Trennung von meinem langjährigen Freund vor etwa einem Jahr. Als ich diese kommen sah konnte ich noch versuchen zu reden, etwas zu retten, aber es war schon entschieden, ich hatte keinerlei Möglichkeit irgendetwas abzuwenden. Ich möchte mein Leben hier nicht mit einem Flugzeugabsturz vergleichen, aber es war wie wenn ein Pilot während eines Flugs über dem Ozean feststellt, dass er nach einem Orientierungsverlust nicht mehr genug Treibstoff hat um sein Flugzeug auf Festland zu landen. Er hat zwar Kontrolle über das Flugzeug wird aber unweigerlich abstürzen und Wasser ist aus der Höhe hart wie Beton. Anders wenn es um meine Sportlichkeit oder Gesundheit geht, hier bin ich voll handlungsfähig, besitze also die geforderte Kontrollkompetenz, übersteigen die Umstände meine Fähigkeiten verliere ich sie und das Flugzeug zerschellt im Meer. Das erklärt wieso meine Kontrollsucht genau in den Bereichen besonders ausgeprägt ist die mich allein betreffen, in denen ich die volle Kontrollkompetenz besitze, wie meinen Körper, mein Auftreten oder mein Wochenende. Aus Angst vor Enttäuschung oder Zurückweisung versuche ich mit Kontrolle vermeintliche Sicherheit zu schaffen. Im Bereich der zwischenmenschlicher Beziehungen ist diese Kompetenz wohl am wenigsten vorhanden wie auch in der Arbeitwelt oder der Uni. Erleide ich hier Rückschlage wird mein ganzes Selbstvertrauen erschüttert. Ich werde unsicher, hilfslos und falle zurück in alte Muster. Dann gibt es nur zwei Optionen: Verzweifeln oder reflektieren. Mit meiner Sucht beschäftige ich mich viel mit Dingen die nur mit mir zu tun haben, keinen andern betreffen, wenn ich egozentrisch bin. Weil ich aber nicht als übergesunder, topfitter Kontrollfreak ohne Freunde enden möchte und Angriff die beste Verteidigung ist, habe ich vor mich herauszufordern, zu trainieren. Da alles Zwischenmenschliche unter die unkontrollierbaren Umstände fällt, bringe ich mich bewusst in mal mehr Mal weniger unangenehme Situationen, in denen ich gefühlt keine Kontrollkompetenz besitze. Um das Gefühl der Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins zu üben beziehungsweise besser kennen zu lernen. Manchmal ist es gut in der Luft

SUCHT IST VERTRAUEN KONTROLLE?

zu hängen und nicht zu wissen wohin etwas führt. Ein Gespräch mit meiner nicht ganz einfachen Chefin, die Konfrontation mit einer mir deutlich überlegenen oder abgeneigten Person, der Versuch die engste Freundin auf neue Art wahrzunehmen, diskutieren mit Marcel der offensichtlich alles dumm findet was ich sage oder einfach fremden Menschen einen Heiratsantrag machen. Ich glaube es muss nicht immer eine negative oder unbekannte Begegnung sein, auch positive, gute Gepräche mit Menschen die ich gern habe bringen mich weiter. Ich hatte Konfrontationen mit meiner besten Freundin, sie ist ehrlich manchmal auch wütend und weiss gar nicht wie sie mir durch ihre herausfordernde Aufrichtigkeit hilft weiter zu kommenund über mich selbst hinauszuwachsen. Damit ich die beste Person werde die ich sein kann. Danke. Alkohol und anderes hilft dabei einen Kontrollverlust herbeizuführen. Wenn ich trinke werde ich locker, verliere die Übersicht, den Druck und das Interesse daran alles sehen zu müssen, ich haste von Moment zu Moment, tanke Energie in der Sorglosigkeit. Hier wird weniger mein Empfinden für die Hilflosigkeit gedämpft, ich merke gar nicht das ich keine Kompetenz mehr besitze, es ist mir nicht mehr wichtig. Nur heute kein morgen. Liebe ist die stärkste Droge darum ist dieser Zustand wenn ich verliebt bin am stärksten. Einerseits gebe ich dann viel Kontrolle ab, bzw. suche sie nicht, andererseits gibt es viel Reibungsfläche mit dem andern, nicht alles liegt in der eigenen Hand. Nicht ohne Grund bezeichnet Dr. David Schnarch Beziehungen als Menschenwachstumsmaschinen. Was nach meiner Beobachtung alle Beziehungen Austausch ist Lernen, er bringt uns weiter, manchmal mehr manchmal weniger, aber es geht sicher immer weiter. Unendliches Wachstum gibt es nur hier. Ein Dozent hat mal zu uns gesagt ' Schaut euch genau um, die Leute die hier um euch herum sitzen, das sind die von denen ihr am meisten lernen werdet'. Heute verstehe ich darunter soviel mehr als damals, es ist mein neues Mantra geworden, ich lerne von den Menschen in meiner Umwelt, ob diese Begegnung nun positiv oder negativ ist ich wachse daran. Ich bin motivierter denn je, dass ich meine Sucht bis ich erwachsen bin unter Kontrolle haben, auch wenn ich dabei sicherlich noch einige Male auf die Nase fallen werde. * Amelie Schüle studiert Geschichte, Publizistik und Islamische Welt


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unstillbarer APPetit

{Text} * Miriam Knecht

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SUCHT UNSTILLBARER APPETIT


F

rau Bitter und Frau Bös sitzen in ihrem Lieblingscafé in der Stadt Zürich. Mittlerer Preis, immer gut besucht, bester Latte Macchiato. Die beiden konnten ihren Lieblingsplatz am Fenster ergattern, mit Blick auf eine belebte Einkaufsmeile. Aber Frau Bitter starrt schon seit einer Viertelstunde ununterbrochen auf ihr Smartphone. Ihr Daumen streicht wie automatisiert über den Bildschirm und hämmert Buchstaben ein. Frau Bös hat sie bis jetzt wortlos beobachtet, gedankenverloren in ihrer Kaffeetasse rührend. Doch jetzt plötzlich lässt sie den Löffel mit einem lauten Scheppern auf die Untertasse knallen. "Marianne, es reicht jetzt langsam!!", ihre heisere Stimme beendet das Schweigen abrupt und hallt im gesamten Café nach. An den anderen Tischen drehen sich verblüffte Gesichter zu den beiden Frauen. "Ich wollte mit dir unseren Wochenendausflug besprechen! Aber du hast nur Augen für das scheiss Ding da!". Bei 'Ding' schmeisst Frau Bös gewandt ihr ungeöffnetes Zuckersäckli nach dem verhassten Objekt und trifft es zielsicher. Frau Bitter zieht ihr Smartphone an ihre Brust und blickt ihre Freundin tadelnd an. Ein "Hey, pass doch auf!" entfährt ihr, und sie sieht irgendwie aus wie eine Affenmutter, die ihr Kleines vor einem wildgewordenen Silberrükken beschützen will. Dann nimmt sie eine Serviette und reibt das Smartphone sauber (obwohl das Zuckersäckli völlig unbeschädigt auf dem Boden neben ihrem Stuhl gelandet ist). "Ich bin ja gleich fertig, jetzt wart doch mal." Frau Bitter dreht sich von ihrem Gegenüber ab (der Rest des Cafés übrigens auch) und konzentriert sich wieder auf die Sprechblasen auf dem kleinen Bildschirm vor ihr. Frau Bös schnaubt verächtlich. Ihr stechender Blick bleibt auf ihrer tippenden Freundin haften. Ihr rechter Fuss wippt nervös auf und ab, und sie pustet sich in regelmässigen Abständen den dunklen Pony aus dem Gesicht, so wie sie es immer tut, wenn sie kurz vor dem Explodieren ist. "Weisst du, Marianne", setzt sie schliesslich an, "ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass ich dieses Wochenende doch nicht kann." "Hmm-mmm", klingt es ihr gedankenverloren entgegen. "Ich bin nämlich schon anderweitig verabredet. Mit deinem Freund." "Okeeee", Frau Bitter schaut keine Sekunde auf. "Ja", Frau Bös lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück, "wir ficken nämlich. Nicht zum ersten Mal." "Hmm-mmm". "Er sagt, ich sei viel besser im Bett als du." Frau Bitter kippt ihr Smartphone. Irgendein Bild braucht offenbar Grossformat. "Kein Wunder. Du bist in letzter Zeit auch echt fett geworden. Hast du dir mal deine Schenkel angesehen?" Frau Bös verschränkt herausfordernd die Arme und zieht eine Augenbraue hoch. Ohne Erfolg. "Ähäää", Frau Bitter rückt keinen Millimeter von ihrem Gadget ab. "Solltest du mal. Einfach so als Tipp. Und ich bin übrigens schwanger von ihm." "Ja." "Mit Zwillingen." "…" "Dazu habe ich AIDS im Endstadium." "Ja?" "Ich sterbe." "Hmm-mmm." "Bald." "Okeee." "Ich sterbe, hörst du? Bald bin ich tot, mausetot." "..." "Ich STERBE, verdammt nochmal!!" Frau Bös' Stimme überschlägt sich, und plötzlich verstummen im Café sämtliche Gespräche und Kaffeelöffel. Selbst Frau Bitter schaut jetzt auf und ihrer Freundin verdutzt in die Augen. "Was hast du gesagt? Jetzt kuck mich doch nicht so an, Monika. Ist ja gut. Da, schau, ich leg es weg, ok?", sie schiebt ihr Smartphone demonstrativ in die Seitentasche ihrer Jeansjacke und streckt Frau Bös dann ihre leeren Handflächen entgegen - wie ein Zauberer, der seine Zuschauer davon überzeugen

«Ich sterbe.» «Hmm-mmm.» «Bald.» «Okeee.»

will, dass er wirklich nicht trickst. Dann fallen ihr die zahlreichen Augenpaare auf, die auf ihr haften. Peinlich berührt streicht sie sich ein paar Haarsträhnen hinter die Ohren und rutscht etwas tiefer in ihren Stuhl. "Warum glotzen denn alle so?", flüstert sie Frau Bös zu. "Weil du Handy-süchtig bist", antwortet diese cool wie ein Eisberg. Frau Bitter legt ihre Stirn in Falten und schüttelt den Kopf. "So ein Quatsch. Bin ich gar nicht! Ich kann doch nix dafür, wenn die Simone mir so einen Link in mein Facebook-Profil postet. Diese elende Social-Media-Tusse, muss dauernd irgendwelche neuen Apps kommentieren und meine Wall als ihren Blog missbrauchen! Da musste ich doch gleich reagieren und das twittern! Und ja, noch ein paar Whatsapps beantworten, sorry. Also, wann holst du mich jetzt ab am Samstag?". "Um 10." Frau Bös nimmt einen Schluck von ihrem Matte Lacchiato, der mittlerweile kalt geworden ist. Um sie herum hat das Gemurmel der anderen Gäste und das Geschepper von Kaffeetassen und -löffeln wieder angefangen. Sie blickt aus dem Fenster in das Gewimmel der Leute im Shoppingfieber. Dabei bemüht sie sich, ganz entspannt und gleichgültig auszusehen. Aber sie verspürt ein unangenehmes Jucken in ihren Fingern und ein Kribbeln in der Magengegend. Ihr Fuss fängt wieder an zu wippen, und irgendwas scheint ihr die Kehle zuzuschnüren - was umso unangenehmer ist, da sich immer mehr Speichel in ihrem Mund sammelt, wie bei einem Hungerast. Frau Bös Hände beginnen zu schwitzen und sie pustet sich noch öfters den Pony zurecht als sonst. Sie hofft, dass Frau Bitter bald einmal aufs WC oder nach Hause muss. Denn irgendwo in den unendlichen Tiefen ihrer Handtasche liegt ihr eigenes Handy begraben, und Frau Bös kann es kaum erwarten, es hervorzuwühlen. Denn was um Himmel Willen, WAS hat diese doofe Simone bloss auf diesem verdammten Facebook geschrieben??

SUCHT UNSTILLBARER APPETIT

* Miriam Knecht, 1978. Journalistin und ausgebildete Schauspielerin. Lebt in der Stadt Zürich. bitter-boes.blogspot.ch

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Elegante Nichtigkeit Ein musikalischer Abend im Garten der Villa Wesendonck

Ein Projekt von BARBARA WEBER und KNUT JENSEN

„It must be so!“ Richard Wagner Premiere am 16. Juni Vorstellungen am 17., 18., 20., 21., 22., 23. Juni www.theaterneumarkt.ch

Tickets: 044 264 64 64


Über die Sucht dazuzugehören {Text} Andrea Schweizer Kennst du das Gefühl, wenn du dich das erste Mal einer Gruppe zugehörig fühlst? Den inneren Freudengump, wenn sie dich das erste Mal wahrnehmen. Das Strahlen, welches deinen ganzen Körper erfüllt, wenn sie dich das erste Mal als einen von ihnen betrachten. Das wohlige Schauern, das über deinen Rücken kriecht, wenn sie dich das erste Mal in eine Gruppenzärtlichkeit einschliessen. Ich kann es mir vorstellen, du schüttelst jetzt den Kopf und sagst: «Ich fühl mich auch ohne die Zugehörigkeit zu einer Gruppe gut». Jaja, sag du das nur. Aber sind wir mal ehrlich: Der Mensch fühlt sich am wohlsten in der Herde. Und der Wunsch nach Zugehörigkeit ist wie eine Sucht. Es beginnt mit einer langsamen Annäherung deinerseits. Denn die Gruppe hat es nicht nötig. Du musst dich bemühen und dich als würdig

erweisen. Die Nervosität vor diesem Schritt, dich zu ihnen zu setzen, ist wie das Ausprobieren einer neuen Substanz. Du bist dir nicht ganz sicher wie sie wirkt. Wird sie einen guten Einfluss auf dein Leben haben? Oder wird sie dich auf die falsche Spur bringen? Du wagst es. Und setzt dich zu ihnen. Als erstes gibt es wohl eine kleine Enttäuschung. Sie schauen dich komisch an, oder noch schlimmer, bemerken dich gar nicht erst. Doch die Situation normalisiert sich schnell wieder, sie wenden sich wieder ihrem Gespräch zu. Jetzt heisst es gut aufpassen, am richtigen Ort die richtige Bemerkung zu machen ist Gold wert. Und wenn du es schaffst, klopft plötzlich ER auf deine Schulter und findet: «Du bisch ja no e kuuli.» Dein Puls rast, deine Hormone schwirren und dein Ziel ist nur noch mehr von diesem tollen Gefühl zu bekommen. Also gibst du dir richtig viel

Mühe, das Richtige zu sagen, auch wenn es dir widerspricht. Hauptsache du bekommst mehr von diesem Gefühl. Ein paar Hochs und Tiefs später wirst du zu einem Gruppenevent eingeladen, du kannst nicht mehr aufhören zu grinsen. Man denkt, die Sonne scheint in dir. Die Leute fragen dich: «Bist du verliebt?» Du denkst dir: «Nein, ich gehöre dazu»! Aber du musst jetzt auch optisch dazugehöre, also her mit der neuen Garderobe, egal wie wohl du dich fühlst! Das Dazugehören wird zu einer Besessenheit, es dürstet dich nach jeder Anerkennung, nach jedem Hoch, das sie auslöst. Ohne sie fühlst du dich leer und unvollkommen. Was brauchst du, die Herde oder die Anerkennung? Wie weit bist du bereit zu gehen für das ultimative Hoch?

{Illustration} Ludmilla Bartscht

Ludmilla Bartscht, 1981. Studierte Visuelle Kommunikation an der Universität der Künste Berlin, Illustration und Kommunikationsdesign an der Hochschule für Kunst und Medien in Luzern und an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Ausstellungen in Deutschland, Italien, Japan, Schweiz, Spanien und Österreich. Sie lebt und arbeitet in Freiburg und Basel. SUCHT ÜBER DIE SUCHT DAZU ZU GEHÖREN

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{Illustration} Isabella Furler


Schau mich an und sprich mit mir {Text} * Marco Fritschi

Die Sucht, von der Meinung anderer abhängig zu sein und der Verlust der Werte einer Unterhaltung. Ein grosser Teil des Lebens findet heute besonders für junge Leute - über digitale Kommunikation statt. Man ist immer und überall erreichbar. So ist es für viele Menschen völlig normal, mitmehreren SMS etwas zu planen, anstatt dies persönlich miteinander zu besprechen. Kaum jemand der jungen Generation bemerkt diesen Wechsel, bei dem wichtige Aspekte der Kommunikation verloren gehen. Dazu gehört das vertraute Gefühl die Stimme des anderen zu hören. Auch das Vertreten einer eigenen Meinung nimmt durch die neue Form der Kommunikation ab. In der virtuellen Welt entsteht eine Art Sucht. Sie nährt sich von Reaktionen und «Likes» der (un)bekannten Freund_ innen, welche den scheinbar eigenen Beliebtheitsgrad anzeigen. Was mir deine Stimme verrät Die Stimme ist ein wichtiger Bestandteil der mündlichen Kommunikation zwischen zwei Menschen. In ihr kann beispielsweise die Stimmung des anderen wahrgenommen werden. Je länger man sich kennt, umso besser verstehen Freunde einander und wachsen gemeinsam in ihrer Beziehung. Einer Kommunikation, die überwiegend über Textnachrichten einhergeht, fehlt dieses bedeutende Element. Eine Beziehung aus der digitalen Welt kann sich nur schwer entwickeln und wird immer sehr zerbrechlich bleiben. Doch gera-

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de die junge Generation lebt von der Meinungsbildung aus den Weiten des Internets. Besonders im Internet entsteht eine Art Instant-Leben, dem trotz stundenlanger Onlinezeiten eine authentische Realität fehlt. Vornehmlich zeigt sich jeder Einzelne im besonders guten Licht und achtet explizit auf das Verhalten anderer. Der Verhaltenskodex im Internet und sein Verhältnis zur Realität Im Alltag sieht man sich seinem Gesprächspartner gegenüber. Wie konstruktiv entwickelt sich ein Gespräch? Vertritt der Einzelne seine Meinung innerhalb einer sachlichen Diskussion oder ist auch hier wiederum jeder bemüht, gemocht zu werden? Für die ältere Generation mag dieser Austausch kein Problem darstellen. Sie haben in jüngeren Jahren gelernt, sich auszutauschen und haben hier ihre Erfahrungen gemacht, die jeder Mensch im Leben benötigt. Ein bedeutender Teil des Selbstbewusstseins der heutigen jungen Generation wird im Internet durch das künstliche Ja-Sager-Verhalten aufgebaut. Der emotionale Anteil, der normalerweise in einem Gespräch entsteht, fehlt und kann sich nicht entwickeln. Stattdessen wächst verhältnismässig mühelos ein befriedigendes Gefühl heran. Die Chance, Fehler zu machen, ist im Internet weitaus geringer als im realen Leben und somit sinkt auch die Möglichkeit, aus seinen Fehlern zu lernen. Während sich in zwischenmenschlichen Beziehungen die Prioritäten verschieben, gehen kostbare Werte verloren.

SUCHT SCHAU MICH AN UND SPRICH MIT MIR

Die künstliche Bewertung macht Lust auf mehr Anerkennung und Respekt, welches zentrale Elemente im Leben eines Menschen sind. Bisher erarbeiteten sich Menschen diese Werte durch den Erfolg ihrer Arbeit oder durch ein Engagement oder einfach nur mit einem sehr freundlichen Charakter und stetiger Hilfsbereitschaft. Heute wird ein Teil dieser Anerkennung durch die künstliche Aufwertung ersetzt. Da dieser Wertschätzung die Basis durch eine tatsächlich stattgefundene Leistung fehlt, muss diese immer wieder aufgefüllt werden. Ähnlich wie bei einem Raucher, der den Nikotinspiegel mit jeder Zigarette aufrechterhält, suchen junge Menschen die Bestätigung ihrer Person in den Beziehungen im Internet. Erst wenn sie erkennen, welches lohnende und anspruchsvolle Ziel es ist, nach Anerkennung im realen Leben zu streben, können junge Leute mit den Reizen der digitalen Kommunikation richtig umgehen und sich von dieser Sucht befreien. * Marco Fritschti, 19, Informatiker aus Winterthur


11.– 16. JUNI 2013 rn Lände aus 22 n e i r e 66 Ganl der LISTE *neu a sco Franci el, San, London g e i S n n Altmant & Moder n, Ancietian Anderse Chris enhagen Kop kyo uro, To a / Mengg, Paris m a y o *A e Hertli ondon Balic Bartlett, L h LauraLang, Züric Bolte is el, Par Cargnrk & a d Buga u, New Yo , London Bureas / Ishikawarlin m *CarloNielsen, Be, Amsterda Croy de Bruijne Ellen el , Brüss dance n e p é D Berlin Exile, Neapel der, Berlin , i t en n Fo Friedla York Cinzia Fritz, New Leslie o City i Mexic Gaga,Noise, Duba, New Yorkm Grey Lieberman, Amsterda Harrisne Hofland ns, London Jeani ush Garde Hollyb

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{Illustration} Vincenzo Iorio


Sehnsucht nach Leben Kreisende Gedanken zur Sucht

{Text} Beat Ospel Sucht ist Abwesenheit dessen, was man für sich haben will, was man begehrt. Erst wenn man nicht mehr ohne etwas auskommt, merkt man, dass man süchtig danach geworden ist, sofern man seine Sucht dann überhaupt noch erkennen kann. Sucht bedeutet der Mangel von Ersehntem, Gewünschtem: Sehnsucht. Wir sehnen uns nach dem, was wir nicht haben. Und darin genügt sich die Sehnsucht. Die Unerfülltheit ist die Bedingung ihrer selbst. Wenn wir haben, was wir wollen, löst sich ihr schmerzhaft schöner Zauber in Nichts auf. Sehnsucht braucht die Distanz vom Ersehnten. Sonst fehlt ihr die Leidenschaft die ihre Schönheit letztlich ausmacht. Sucht bedeutet nicht ohne etwas auskommen zu können. Ihr fernes Gegenteil wäre demnach vielleicht der Verzicht, also ohne etwas auskommen zu können oder vielleicht nur zu wollen. Ob das Verzichten nun eine Fähigkeit oder die Äusserung eines Willens ist, mag eine andere Frage sein. Die Sucht hat etwas Auffressendes, Nagendes an sich. Sie zerfrisst uns. Wir wollen immer mehr von Etwas. Wir sind süchtig danach. Wir wollen „Mehr davon“, wie die Toten Hosen so schön singen.

Die Parole ist alt und vielleicht auch schon etwas aufgebraucht: Wir wollen immer mehr und mehr. Mehr Geld, mehr Macht, mehr Zeit... doch mehr leben? Ich glaube wir sollten uns unserer ‚Sucht’ bewusst werden und aufhören vor uns selbst zu fliehen. Wir laufen vor uns selbst und unserem Leben davon. Wir sind süchtig nach dem Leben, süchtig nach Sinn. Na und? Das ist an sich doch nichts Schlechtes (sofern wir das Leben als positiven Wert bejahen). Die Menschen suchen Sinn im Sinnlosen; mag sein, dass dies genauer betrachtet schon ein bisschen komisch, eigentlich vielleicht sogar doof ist. Aber das grenzenlos Schöne liegt doch darin, dass wir dem Leben durch unser alltägliches Handeln einen Sinn geben können. Wir wollen letztlich alle nur gut leben. Doch was ist das, ein gutes Leben? Was wollen wir wirklich von unserem Leben? Ich glaube, wir sollten uns diese Fragen im Alltag öfters stellen. Wir müssen aufpassen, ob wir unsere SehnSucht nach Sinn als solche wahren oder als „remote controlled monkeys“, wie mein Vater zu sagen pflegt, jedem Scheiss nachrennen.

«Sucht bedeutet Verlust von Freiheit, Unterordnung gegenüber einem Wunsch, einem Verlangen.»

Die Sucht lässt einem sich selbst fremd werden. Sie bedeutet eine Entfernung von sich selbst. Selbstentfernung: Distanz zum Ich. Zuletzt ist man völlig von ihr vereinnahmt. Sie instrumentalisiert den Menschen, macht ihn zum bloss ausführenden Material, zum Sklave seiner selbst. Er dient seiner Sucht, anstatt sich selbst. Somit hat Sucht doch auch etwas Entmündigendes an sich. Sucht bedeutet Verlust von Freiheit, Unterordnung gegenüber einem Wunsch, einem Verlangen; einem verführerischen Ruf aus der Ferne. Das Rufen wird, einmal hingehört, immer stärker und lauter. Sucht hat etwas Prozesshaftes. Sie entwickelt sich, wie ein Drama mit seinen fünf Akten, mit Höhepunkt hin zum tragischem Ende des Selbstverlusts. Das Problem ist nun, dass wir süchtig nach dem Leben sind, sofern wir es bejahen. Ich lebe und hänge an meinem Leben, während ich diese Zeilen mit digitaler Tinte vor mich hin kritzle und so hoffe ich, dass auch du, während du dies liest und somit zugleich vollendest an deinem bescheidenen Leben hängst. Wir leben jetzt. Doch was bedeutet das eigentlich, Leben?

SUCHT SEHNSUCHT NACH LEBEN

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Wieder-Geburt Der Vater? Weg – wer er war, ist ohnehin unklar. Die Mutter? Sie war geblieben, was hätte sie auch anderes tun sollen? Sie brachte das Kind zur Welt – mutterseelenallein. Sie durchschnit die Nabelschnur selbst. Ob das mit der Geburt vor oder eher nach ihrem Ableben gewesen war? Vielleicht wurde das Kind zweimal geboren – das eine Mal kam es auf die Welt und das andere Mal erblickte es deren Licht.

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{Text} * Fabian Schwitter

enn Moira die Augen schliesst, wird es ganz hell um sie. – Und manchmal funkeln tausend Lichter, wie das so ist, wenn man die Augen schliesst, und der helle Strahl trifft sie mitten aus diesen Lichtern heraus. Er kommt aus einem hellen Punkt heraus und fällt gerade auf Moira herab. Die Welt um sie herum leuchtet und lacht in vier echten und zwei unechten Farben, die Welt schäumt über, die Welt kreischt fast und tanzt zu irrem Gitarrensound, alles dreht sich – bald blüht eine blaue Blume – gelbe Girlanden glühen – ein grüner Gecko kriecht, Krähen krächzen – und rote Riesen rasen durch schwarze Schwäne, weisse Wolken wirbeln wohlig-weich und irgendwo glänzt eine goldene Gasse – in der Ferne der Lichtstrahl. Luft – Moira schnappt nach Luft. Sie keucht hastig. Sie saugt Luft ein – so tief es geht. Es zischt bei jedem Atemzug und ihre Haut ist feucht, obwohl es eigentlich kühl wäre. Aber wo sie ist, ist es stickig und die Luft ist schlecht, fast zu schlecht zum Atmen. Sie zittert und wimmert leise. Staub dringt in ihre Nase und Moira niesst – einmal, zweimal, dreimal. Jedes Mal drückt sie sich die Hand fest vor den Mund. Moira hat Angst, dass sie jemand hört. Moira kennt die Farben kaum, denn Farben brauchen Licht. Was sie sieht ist eine Ausgeburt ihrer geschundenen Phantasie. Moira lässt die Augen geschlossen. Sie weiss, sobald sie die Augen wieder öffnet, verschwindet das Licht durch ein kleines Loch. Dann wird es ganz dunkel und Moira fürchtet sich im Dunkeln – alle Menschen fürchten sich im Dunkeln, aber Moira besonders. Wenn sie die Augen öffnet, kann sie nur noch tasten. Aber sie kennt alles schon. Unter ihr ist es weich und über ihr auch, hinter ihr ist hartes Holz und vor ihr auch. Moira braucht nicht zu tasten, sie kennt ihre Welt – kleiner als die des angenommenen Urgrossvaters. Aber sie weiss nie, ob aus dem Dunkeln nicht doch plötzlich etwas auftaucht – ein roter Riese, der sie würgt und ihr die Luft abschneidet. Moira kann nichts machen. Das Dunkle umschlingt sie ganz – sie kann sich kaum bewegen. Aber wenn sie die Augen schliesst, ist es hell – das ist schön.

Moira ist gross genug, um die Augen an das kleine Loch halten zu können, in dem das Licht verschwindet. Moira tastet sich heran. Sie versucht ganz leise zu sein, damit niemand merkt, dass sie sich bewegt. Wenn man sie hörte, würde sie vielleicht wieder bemerkt und sie weiss nicht, ob das etwas Gutes ist. Manchmal geschieht es, dass sie geschlagen wird, wenn jemand sie entdeckt. Sie will nicht geschlagen werden. Moira hat Angst davor und darum ist sie leise. Draussen hängt Rauch und an der Wand gegenüber ein Riesenzombie, der wie ein Besessener Gitarre spielt. Ein kleiner Löffel kommt von der Seite heran – fast wie wenn einem Baby etwas schmackhaft gemacht werden soll. Er hängt in der Luft, wie ein kleines Flugzeug, und dann kriecht eine gelbe Flamme unter den Löffel. Sie windet sich um das Metall und leckt an ihm. Dann verschwindet der Löffel wieder und die Flamme auch. Etwas scheppert und die Kerze fällt um. Sie kullert langsam aus dem Bild, dann hört Moira einen dumpfen Ton. Ein weisser Arm liegt ausgestreckt auf dem Tisch. Moira weiss nicht, wem der Arm gehört – vielleicht der Mutter? Sie sieht nur den Arm. Kein Gesicht. Ein schmales blaues Tuch ist um den Arm gebunden. Moira kennt das. Sie hat es schon oft gesehen. Aber wem der Arm gehört, weiss sie immer noch nicht. Alle diese Arme sehen gleich aus. Abgemagert bis auf die Knochen, weisslich durchsichtig mit blauen Adern und Narben, überall Narben und kleine Wunden. Aber das Muster aus Narben und Wunden verändert sich jeden Tag, wenn Stiche dazukommen. Wie hätte sie die Arme unterscheiden sollen? Manchmal trägt ihre Mutter einen Ring am Finger, aber sie sieht keinen Ring. Die Nadel nähert sich dem Arm und tastet mit traumwandlerischer Sicherheit auf der Haut herum. Plötzlich sticht die Nadel zu. Rotes Blut strömt in sie hinein und vermischt sich mit einer durchsichtigen Flüssigkeit, dann fliesst alles aus der Nadel heraus und auch die Nadel taucht wieder aus der Haut auf. Ein dünnes Rinnsal rinnt über den knochigen Arm und rote Tropfen fallen auf den Boden. Nichts geschieht und dann hängt der knochige Arm schlaff vom Sofa. Nichts bewegt sich. Moira weiss, wie man das macht – sie hat es auch schon probiert. Und

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D AV I D T O S H G I T O N G A , K E N I A

Eine authentische Gangstergeschichte Produziert von Tom Tykwer

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SUCHT WIEDER-GEBURT

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sie sieht es jeden Tag. Es ist ganz leicht, aber manchmal wird es danach schwer. Sie erinnert sich. Einmal kroch sie als grüner Gecko durch den Raum. Sie klebte an den Wänden, huschte über die Decke und wusste, dass sie herunterfallen würde. Und dann fiel sie – in ein schwarzes Loch, das sie wie ein grosser, alter Brunnenschacht verschlang und es hörte nicht mehr auf. Sie fiel einfach immer weiter, sie spürte es, auch wenn es rund um sie nur noch schwarz war. Schwarz wie die Schwäne, diese unwahrscheinlichen Schwäne. Moira schreit in Panik, weint, hat Durst, döst weg und schläft in ihrem dunklen zu Hause endlich ein. Draussen schrien Menschen. Ein beissender Geruch lag ihr schon zwei Tage in der Nase. Moira getraute sich nicht, auch nur den leisesten Muckser zu machen. Ihr Mund war ohnehin wie zugeklebt. Die Zunge hing ihr als geschwollener Klumpen im Mund. Moira fürchtete die Schläge. Sie zitterte. Das Geschrei liess nicht nach. Alles war so laut, dass Moira die Stimmen kaum unterscheiden konnte und nicht verstand, was gesprochen wurde. Irgendjemand kreischte hysterisch. Sie krümmte sich in ihrem dunklen zu Hause zusammen, drückte ihre Hände auf die Ohren und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür. Sie wollte nichts hören. Eine leichte Erschütterung spürte sie im Rücken. Dann ging die Tür plötzlich auf und Moira fiel wie ein nasser Sack rücklings aus dem Kleiderschrank. Entsetzte Gesichter starrten sie an. Blaue Kleider und grossgewachsene, breitschultrige Menschen. Einer fluchte und schlug aus schierer Verzweiflung die Faust gegen eine Wand. Dann rief er nach jemandem. Zwei trugen einen schwarzen Sack hinaus. Moira schrie und begann zu weinen, weil sie dachte, dass die Leute wegen ihr so entsetzt schauten. Sie hatte Recht. Die Leute blickten wegen ihr so entsetzt – aber eher, weil Moira aus dem Schrank gefallen war, direkt vor ihre Füsse. Niemand tat ihr etwas, niemand schlug sie. Aber Moira fürchtete sich trotzdem. Sie wimmerte und sträubte sich, als eine Frau kam und sie zu trösten versuchte, ihr gut zuredete, damit sie mit ihr die Wohnung verliess. In der Wohnung stank es scheusslich und ein wüster Fleck war auf dem Teppich. Moira brachte ihre Augen nicht von diesem Fleck los. Sie dachte an das knochige Gesicht und den ausgemergelten Körper ihrer Mutter. Sie wusste nicht, ob sie dieses Bild verabscheute oder ob sie Angst hatte, es könnte verschwinden. Das war ihre Mutter – sonst kannte sie kaum jemanden und in ihrem Kopf mischte sich Blut mit reger Phantasie. Phantasie – alles, was sie hatte. Endlich stand sie doch vom Boden auf, aber sie ging keinen Schritt. Und dann kippte Moira weg – zurück ins Schwarz ihrer Behausung. Als sie die Augen wieder aufschlägt, ist alles weiss um sie. Die Wände, die Türen, die Decke – das Bettzeug. Das ist nicht wie der Schmutz zu Hause. Alles ist sauber. Moira besitzt kein Wort dafür: alles ist steril. Moira erinnert sich an nichts. Moira weiss kaum, welche Haarfarbe sie hat – Moira meint, am ehesten schwarz. Diese Farbe kennt sie am besten und das ist noch nicht einmal eine richtige Farbe. In Moiras Kopf ist es so weiss, wie im Zimmer. Moira kennt ihre Eltern kaum – die Mutter ein wenig und den Vater gar nicht. Den hat sie nie gesehen. Moira ist nie zur Schule gegangen. Sie hat gelernt, was sie gesehen hat. Moira weiss nicht, wo sie wohnt. Der Kleiderschrank ist nicht da und drinnen war es sowieso immer schwarz. Sie hört Krähen krächzen, die genauso schwarz sind, wie ihr zu Hause. Wenn das Fenster offen war, konnte Moira die Krähen hören – jetzt auch. Moira blickt zum Fenster hinüber und sieht zum ersten Mal einen echten Baum, der im Garten des Spitals wächst. Moira kennt sonst nur, was vom Fenster aus zu sehen war: Häuser und der blaue Himmel mit Wolken – ein von gelben Girlanden umrahmter roter Riesengitarrenzombie mit blauen Blumen auf dem Poster und der grüne Gecko, den die Mutter einmal hatte. Moira blickt auf ihre Arme, die sind genauso mager und weiss wie die

Arme ihrer Mutter. Und ein Schlauch hängt herunter, eine Nadel steckt in ihrem Arm – wie bei ihrer Mutter. Eine durchsichtige Flüssigkeit tropft aus einem Plastikbeutel. Moira schaut den Tropfen zu, wie sie in regelmässigen Abständen aus dem Beutel fallen und durch den Schlauch rinnen. Tropfen für Tropfen für Tropfen strömt Leben in sie hinein. Cocktail. Moira schwitzt und zittert. Ihre Zähen klappern, dann breitet sich weisser Nebel in ihrem Kopf aus und sie schläft wieder ein. Die Weissgekleideten sind freundlich und langsam erinnert sich Moira wieder. Die Weissgekleideten reden sie mit ihrem Namen an. Moira verwirrt das. Woher wissen die ihren Namen? Kaum jemand hat sie mit ihrem Namen angeredet. Du oder Hey oder gar nichts – und Schläge. Moira hatte gelernt die Zeichen zu lesen und den Schlägen aus dem Weg zu gehen. Sie hatte sich sogar selbst in den Schrank geflüchtet. Aber manchmal. Einer der Uniformierten muss den Weissgekleideten ihren Namen gesagt haben. Sie erinnert sich, wie sie aus der Wohnung gingen und Moira ihren Namen verriet, der für sie fast so fremd ist, wie die blauen Männer es waren. Jede halbe Stunde schauen die Weissgekleideten vorbei. Dann kommen andere Leute herein und sprechen mit Moira. Sie stellen Fragen und wollen viel wissen. Aber Moira weiss doch auch nichts. Moira blickt nur starr vor sich hin. Das Kind hatte geschrien – tage- und wochenlang. Aber davon erzählte die Mutter nichts mehr. Sie war in einem schwarzen Sack verschwunden – einem Sack der noch dunkler war als Moiras zu Hause. Ein Zeuge gab das später alles zu Protokoll. Das Kind – nun, die Mutter – und dann das Chaos. Sätze aus einem fast zahnlosen Mund. Der Kleiderschrank, die Lösung der Probleme – wenigstens einen Kick lang. Ein bisschen Ruhe, das Kind. Und dann – aber eben. Als man ein etwa zehnjähriges Mädchen fand, war es schon fast nicht mehr und den Vater gab es nicht. Die Geschichte stand in den Strafregistereinträgen ihrer Mutter. Moira blieb stumm. Der Urgrossvater muss ein braver Mann gewesen sein – vor hundert Jahren Ewigkeit, als die Welt noch klein gewesen war und das Übel in ihr auch. – Alles andere wäre auch so schwer vorstellbar. Damals hatte die Welt von den Flussauen, wo Hochstammbäume wachsen, den Hang hinauf bis unter die Felswand gereicht – weder das Erklettern der Wand war möglich gewesen, noch das Überqueren des Flusses, denn eine Brücke hatte es in der näheren Umgebung keine gegeben. Und das übernächste Dorf flussabwärts hatte bereits nicht mehr zur Welt gehört, dafür hatte niemand so zu tun gebraucht, als gehörte das übernächste Dorf zur Welt. Irgendwo weit ab muss der Mann unbehelligt gelebt haben – verschont von allen Versuchungen, denn von ihm ist kaum etwas bekannt, ausser dass er Familie gehabt hatte. Natürlich muss er eine Familie gehabt haben – wie wäre es denn sonst so weit gekommen? Wann es geschah, konnte niemand so genau sagen. Vielleicht war der Grossvater einer gewesen, der sich gern heimlich ein Gläschen genehmigt hatte. Vermutlich wegen der harten Arbeit oder des Misserfolgs – vielleicht auch der schlimmen Frau oder des bösen Rückens wegen. Möglicherweise waren die unmenschliche Fabrik und die erfolglose Selbständigkeit schuld. Vielleicht hatte er abends anstatt nach Hause zu Frau und Kind zu gehen in der rauchigen Kneipe an der Ecke gesessen. Ob er überhaupt je ein Glas angerührt hatte? Wer wusste es schon? Aktenkundig war nichts.

SUCHT WIEDER-GEBURT

* Fabian Schwitter, wohnhaft in Zürich, geb. 1984, seit sieben Jahren Philosophie- und Literaturstudent in Zürich, beteiligt an verschiedenen literarischen Wettbewerben und Projekten – z.B. NZZFolio-Wettbewerb „Was wäre, wenn…“ („Wenn die Sprache kein Wenn besässe“ – publiziert auf www.nzzfolio.ch), Lesung verschiedener Gedichte auf der Bühne S in Zürich, sowie Publikationen in der Philosophiezeitschrift PHI am Philosophischen Seminar der Universität Zürich.

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Zwanzig Minuten

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{Text} * Pascal Woodtli

ie auf den Knien bettelnde Frau in der Unterführung konnte Robin nur sehr mühsam ignorieren. Abschaum, wollte er ihr zurufen, Hure! Robin hasste Armut. Abend nach elf Stunden. Da stand er kerzengerade mit seinen gerade mal zwanzig Jahren. Gross, stark, blond. Regeln und Ordnung. Der Bahnhof war blitzblank und frisch gestrichen, Anzeigen jeglicher Art flimmerten und leuchteten. Die Menschen waren alle perfekt. Perfekt geformt, perfekt gekleidet, standen in berechneten Abständen zu einander. Wofür lebten sie? Die Sonne war schon lange versunken. Ein kalter und trockener Wind wehte leise, aber beständig. Robin fror nicht. Eigentlich fühlte er allgemein nicht sehr viel – abgesehen von Hass. Alles war irgendwie dumpf und er konnte sich kaum noch an eine Zeit vor dieser Dumpfheit erinnern. Langeweile und Sinnlosigkeit. Immerhin vernahm er einen leichten, beschwingenden Schmerz, als er den Knopf auf der glänzend roten Zugtür drückte und mit der Masse im Gleichschritt einstieg. Schrecklich hatte er ausgesehen, der andere – aber auch lustig. Am letzten Samstagabend war Robin vor einem Nachtclub verbal angegriffen worden. Er hatte ausgeholt und dem Typen aufs Auge geschlagen. Als dieser nicht wieder aufgestanden war, hatte Robin ihn mit beiden Händen am blutüberströmten Kopf gepackt und mit voller Kraft angebrüllt. Schwuchtel, verdammte! Einen Moment lang hatte er ihm in den Hals beissen und ein Stück Fleisch rausreissen wollen, aber dann hatte jemand ihn weggezogen. Pünktlich auf die Sekunde fuhr der Zug los. Drinnen war alles grell und steril, die Sitze leuchteten blau. Robin nahm Platz. Erregt von der brutalen Schlagzeile griff er nach einer vor ihm liegenden Zeitung. Tod und Skandale. Eine Mutter hatte ihre Kinder im Schlaf erstickt und angeblich war eine nordamerikanische Bienengattung einfach so ausgestorben. Robin war kerngesund. Das Einzige was ihn an ihm selber störte, war seine Stauballergie. Dagegen konnte er nichts tun. Sein sonst makelloser

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Körper hatte diese Intoleranz vor einigen Jahren entwickelt. Grundlos, wie er fand. Der Zug fuhr schnell und ruhig auf seinen Schienen. Niemand sprach. Sex, dachte Robin und betrachtete die Zeitungsseite, auf der gross eine fast nackte Frau abgebildet war. Mit Beziehungen hatte er noch nie was anfangen können. Er liebte Pornographie und konsumierte ausgiebig. Rasierte Genitalien, kreisförmige Titten, Orgien. Bald würde er sich wieder ein Mädchen zulegen, dachte Robin, und gebührend ficken. Er war auf dem besten Weg, reich zu werden. Er arbeitet in einem Hochhaus, das am Tag belüftet und in der Nacht beleuchtet wurde. Ganz oben. Er konnte von seinem Bürostuhl aus die ganze Stadt durch die UV-schützenden Scheiben betrachten. Die Autos, wie sie fuhren in den tausend Strassen, nicht zu schnell, nicht zu langsam, wie sie vor Kreuzungen hielten. Die Häuser, wie sie sich aufreihten, wie sie alle so verschieden sein wollten und trotzdem irgendwie gleich aussahen. Konkurrenz und Macht. Am Mittag hatte er den Witz von Adolf, dem Neger und dem Juden erzählt und alle hatten gelacht – bis auf Mark. Er hasste Mark. Dieser besass auch schönere Visitenkarten als Robin, mit goldigen Rändchen. Warte nur. Vor den Fenstern des Zuges fuhren strahlende Reklamen vorbei. Schöne Gesichter, Bio-Produkte, elektronische Geräte, alles auf riesigen Mauern. Der Zug näherte sich dem Ziel und Robin zerknüllte die Zeitung. Der ältere Herr, der ihm gegenübersass, schaute ihn plötzlich an. Robin kannte das und sah dem Mann tief und lange in die Augen, leer und starr. Er spürte nichts und wollte auch nichts spüren. Der Mann wurde unruhig und senkte schliesslich seinen Blick. Robin freute sich, dass Wochenende war. Drogen und Exzess. Der Zug hielt pünktlich auf die Sekunde und entliess seine Kundschaft. Robin ging noch für zwei Stunden trainieren, danach konnte er sich endlich der Zerstörung widmen. * Pascal Woodtli, studierender Wirtschaftschemiker aus Winterthur, ist 24 und schreibt nur zur Erleichterung

KREATIVES ZWANZIG MINUTEN


Ernst S. wird erschossen

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{Text} Pascal Michel

r galt als «enfant terrible» des Schweizer Journalismus und erfand nebenbei die Reportage neu: Niklaus Meienberg. Seine kritischen Beobachtungen und hartnäckigen Recherchen gebündelt in der Reportage «Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.» eröffnen einen erstaunlichen und erschütternden Blick auf die Schweiz im zweiten Weltkrieg. Eine Buchbesprechung. «Diese Armee hat im ganzen Krieg keinen einzigen Schuss auf den äusseren Feind abgegeben, wohl aber je 20 Schuss auf 17 Landesverräter, und S. war der erste davon.» So beginnt Niklaus Meienbergs Chronologie der Exekution eines Mannes, der nicht in die gesellschaftlichen Normen passen wollte. Die Akkumulation verschiedenster unglücklicher Umstände führte dazu, dass Ernst S. in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1942, in einem Wäldchen unweit von Jonschwil SG, erschossen wurde. Salopp könnte man sagen: Ernst S. lebte zur falschen Zeit am falschen Ort. Die Antipersönlichkeit Im St.Galler Sittertobel wird Ernst S. als jüngstes von acht Kindern geboren. Dass ein unsteter Lebensstil, das «Vagabundieren», ihn das Leben kosten konnte, ist heute kaum mehr vorstellbar, in seinem Fall passiert jedoch genau dies. Die ärmlichen Verhältnisse machen sich bei der Familie bemerkbar, nur durch Heimarbeit kommt man knapp über die Runden. Meienberg verwendet dazu gern die Bezeichnung «Lumpenproletarier». Der frühe Tod der Mutter und der Alkoholismus des Vaters prägen die Kindheit des Ernst S. Als Jugendlicher eckt er bereits als überall an, in der Klosterschule, bei den Sittenwächtern und in der Rekrutenschule. Er will partout nicht ins Schema der damaligen bürgerlich-konservativen Gesellschaft passen. Meienberg stellt fest: «Er ist das Gegenteil einer «Persönlichkeit» im bürgerlichen Sinn.» Ein Taugenichts sei er gewesen, trotzdem will man eine Lehrstelle für ihn finden, die Heimatgemeinde verwehrt ihm aber diese. Die Begrün-

dung: «Es ist schade für jeden Rappen, den wir für einen solch miserablen Kerl ausgeben müssten.» S. schlägt sich als Saisonarbeiter durch, es zieht ihn ins «Schlaraffenland Tessin». Doch durch das Herumschlendern in der ganzen Schweiz wird er von der Polizei aufgegriffen und verbringt erstmals einige Tage im Gefängnis, wegen Velodiebstahl. Hinzu kommen «sittliche Verstösse» mit einer Minderjährigen und Arbeitsverweigerung. Ernst. S, der Rebell Ernst S. sieht sich als «Sklave» der Gesellschaft und seiner ständig wechselnden Vormünder. Meienbergs Fazit: «Da lehnt sich einer behutsam auf, verhält sich ein wenig anders als seine Klassengenossen, und schon schlägt die Gesellschaft mit voller Wucht zu. Mit Onanieren fängt es an, mit Landesverrat hört es auf.» Es musste dann kommen, wie es kommen musste, eines führte zum anderen. Warum es ausgerechnet ihn traf? Die Bedrohung der Nationalsozialisten war real, auch in der Schweiz fanden sich viele Sympathisanten, gegen welche man aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Verstrickungen jedoch machtlos war. «Man musste die Wut nach unten ableiten, musste gesellschaftlich ohnmächtige Individuen finden, die sich als Sündenböcke eigneten.» Nicht zufällig kamen vierzehn von den siebzehn erschossenen Landesverrätern aus sogenannten «sehr einfachen Verhältnissen», folgert Meienberg. Ernst S. war wohl eher verzweifelt und enttäuscht über eine Gesellschaft, die ihn bei jeder Gelegenheit drangsalierte, als ein Anhänger der Nazis. Als Angehöriger der Schweizer Armee entwendet er, für einen miserablen Lohn, einige Panzergranaten und fertigt ungenaue Skizzen über Schweizer Bunkerstellungen an, welche er an Deutsche Agenten übergibt. Der Landesverrat ist perfekt. Ernst S. wird am 10. November 1942, im Alter von 23 Jahren, an einem abgeästeten Tännlein angebunden und von 20 Kugeln durchsiebt. Wie es das Militärgesetz vorsieht, richten ihn seine eigenen Regimentskameraden. «Es hat halt gestimmt, was er geschrieben hat.»

KREATIVES BUCHBESPRECHUNG

Meienberg der Beobachter, der Kritiker, der Kämpfer. Minutiös schildert er die Geschichte des Ernst S, und stellt sie in den damaligen gesellschaftlichen Kontext. Die umfassenden Recherchen leuchten jeden Aspekt der Gesellschaft und ihrer Institutionen aus und zeigen auf, wie es zur Hinrichtung des Ernst S. kommen konnte. «S. ist vielmehr das Beispiel für das, was einem Lumpenproletarier oder einem Proletarier passiert, wenn er sich auflehnt.» Mit solch bissigen Kommentaren nimmt er immer klar Partei als einer, der sich mit den grossen und Mächtigen anlegt, notabene zu einem Thema, das lange von den Eliten totgeschwiegen wurde. Seine Texte wirken nach, vor allem weil, wie Max Frisch schön sagte, es halt gestimmt habe, was er geschrieben hat. «Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.» und weitere lesenswerte Reportagen aus der Schweiz in: Niklaus Meienberg, Reportagen aus der Schweiz, 1974, Hermann Luchterhand Verlag. Zum Autor Niklaus Meienberg, geboren am 11. Mai 1940 in St. Gallen, prägte den politischen Journalismus in der Schweiz der Nachkriegszeit wie kein Zweiter. Seine Reportagen und Texte zur Zeitgeschichte trugen massgeblich zur Meinungsbildung im 20. Jahrhundert bei. Nach seiner Tätigkeit als Korrespondent bei der Weltwoche arbeitete er ebenfalls beim Schweizer Fernsehen und Radio DRS. Die meisten seiner Reportagen erschienen im damaligen Tages-Anzeiger-Magazin. Gezeichnet von einer manisch-depressiven Phase und weiteren Schicksalsschlägen nahm er sich 1993 das Leben

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Ludmilla Bartscht (unten), Heike Gering (oben)

Illustrationen zur Sucht

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Reto Lienhard (2, unten), Carla Maria Cavazzutti (2, oben)


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Am 15. Juli diskutieren FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger, Prof. Dr. Kurt Imhof und Luzia Tschirky über die Zukunft der Schweizer Presseföderung. Zeit: 15. Juli, 18 Uhr mit anschliessendem Apéro Ort: Zürich, Heinrichstrasse 215, 8005 Zürich Anmeldung empfohlen.

Damit dieperspektive immer besser wird: Nimm an unserer Leserbefragung teil: http://www.surveymonkey.com/s/dieperspektive2013


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Sucht - Juni 13