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19. Ausgabe Juni 2012

LOL.LSD.PS.FYI.

07 12 14 10

Das Brot Wie man eine Woche lang mit nur einem Brotlaib überlebt.

FYI: Sprache ist eine Abkürzung Wo wären wir ohne Abkürzungen?

Das Scheitern der Schmetterlinge Die grausame Schönheit des Todes.

TITELGESCHICHTE :

Not sure if art... Smileys sind out - Nerds erobern das Internet mit Memes.


INHALT

19. Ausgabe, Juni 2012

EDITORIAL

IMPRESSUM

seite 03: welches ist die nervenste abkürzung von zürich

REDAKTION verein dieperspektive, zentralstrasse 167, simon jacoby, conradin zellweger, manuel perriard, 8003 zürich TEXT

HINTERGRUND

p.w. | s.a.j. | c.w. | m.b. | m.&m. | o.b. | l.h. | k.s. | s.m. | c.s. | a.h.b. ILLUSTRATION / BILD

seite 04: das duell #9 - managed care seite 05: schafft endlich das bankgeheimnis ab seite 06: der kritik eine stimme

s.k. COVER lynn egger LAYOUT per rjard

KULTUR

LEKTORAT cornelia reinhard & noemi heule

seite 07: das brot seite 08: kunst, stars und ein labyrinth aus flaschen seite 09: leider nichtraucher

WEBDESIGN timo beeler | timobeeler.ch REDAKTIONSMITARBEITER jonas ritscher & konstantin furrer DRUCK

LOL.LSD.PS.FYI.

zds zeitungsdruck schaffhausen ag AUFLAGE

seite 10: titelgeschichte: not sure if art... seite 12: fyi: sprache ist eine abkürzung seite 14: sie haben gestern wiedermal einige abkürzungen zu sich genommen

4000 ARTIKEL EINSENDEN artikel@dieperspektive.ch WERBUNG conradin@dieperspektive.ch

KREATIVES

ABO abo@dieperspektive.ch

seite 14: das scheitern der schmetterlinge seite 15: lol vs. nazi

LESERBRIEFE leserbriefe@dieperspektive.ch THEMA DER NÄCHSTEN AUSGABE 2050 GÖNNERKONTO pc 87-85011-6, vermerk: gern geschehen REDAKTIONSSCHLUSS freitag 15. juni 2012, 23.55 uhr

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EDITORIAL 19. Ausgabe, Juni 2012

Welches ist die nervenste Abkürzung von Zürich? Welches ist die nervigste Abkürzung von ganz Zürich? Wer die letzten 2 Jahre in Zürich gewohnt hat, dem wird der folgende Vorschlag sicherlich einleuchten: Ü30. Das Unglück hat im Januar 2011 seinen Lauf genommen. Der deutsche Partyveranstalter Burgenparty veranstaltet im Volkshaus die erste Ü30. Als Marketingstrategie hat sich Burgenparty dem Wildplakatieren verschrieben. Bis hierhin gut und recht. Auch wenn die Stadt Zürich im 2002 Massnahmen wegen ansteigender Wildplakatierung getroffen hat,1 war die bisherige Wildplakatszene kaum auffällig. Mit Ü30 sollte sich dies schlagartig ändern. Sozusagen über Nacht wurde jede Hausecke mit Ü30 Plakaten beklebt und bekleistert. Es gab Plakate an Wänden, da wusste man vorher nicht einmal, dass da eine Wand ist. Wie das normalerweise läuft, waren die Plakate nach wenigen Tagen von verärgerten Hausund Ladenbesitzer heruntergerissen worden. Burgenparty liess jedoch nicht locker und klebte in einer unglaublichen Kadenz weiter. Es ist jedoch nicht nur die unglaubliche Quantität, auch optisch bieten diese Plakate viel. Grelle Neonfarben mit dem immer gleichbleibenden Ü30 und einem Datum, welches den Zürchern eingeimpft werden soll. Wenn man in Erfahrung bringen will, wer hinter dieser Ü30 Party steckt, wird man nur sehr schwer fündig. Die Webseite des Partyanbieters leitet einem auf eine nicht funktionierende Webseite weiter. Sackgasse. Die Tickets zur Ü30 können über eine hotmail.com-Adresse bestellt werden. Auf Antworten auf diverse Fragen wartet man darauf jedoch vergeblich. Es scheint fast so, als fürchten sich die Veranstalter vor dem Gesetz. Dies tun sie auch zu Recht. Auf Anfrage bei der Stadtpolizei Zürich lässt man verlauten: «Ü30 Plakate bzw. Veranstalter werden gleich behandelt wie alle anderen Veranstalter. Personen, welche die Polizei in flagranti beim Wildplakatieren antrifft, werden rigoros zur Anzeige gebracht.» Es seien sogar Detektive eingesetzt, um die stark plakatierten Orte in

Zürich zu beobachten. Der Party Veranstalter Burgenparty war für eine Stellungsnahme nicht zu erreichen. Wildplakate sind toll, wenn sie einem Kleintheater ein paar Besucher verschaffen, oder ein Künstler für seine kleine Ausstellung wirbt. Aber die ganze Stadt über eineinhalb Jahre mit Neonplakaten einzudecken, das geht sogar mir zu weit. Ü30, du nervst! Und was macht die Stadt dagegen? Detektive auf die Plakate ansetzen, ganz so als wüsste man nicht, wer für die Plakate verantwortlich ist. Welche Gedanken anderen Leuten zu LOL.LSD.PS.FYI. in den Kopf geraten, findest du auf der Themenseite (Seite 12) heraus. An dieser Stelle bedanken wir uns ganz herzlich bei Mara Bieler und Daniela Bär. Sie haben in den letzten siebzehn resp. dreizehn Ausgaben dafür gesorgt, dass die Texte frei von Rechtschreibfehlern sind. Herzlichen Dank. Neu im Team begrüssen wir Noemi Heule und Cornelia Reinhard. PS: Die längste Abkürzung gemäss Guinnessbuch der Rekorde ist NIIOMTPLABOPARMBETZHELBETRABSBOMONIM ONKONOTDTEKHSTROMONT. Was das heisst, weiss ich nicht, denn nach ca. zehn Buchstaben dachte ich mir WTF.

1

http://www.stadt-zuerich.ch/internet/mm/home/0_mm_str/home/mm_02/nov_02/tag_05/

mm_02.html

Conradin Zellweger Für die Redaktion

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ICH FÜHLE MICH NACKT OHNE MEINE BRILLE! Brille:

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HINTERGRUND 19. Ausgabe, Juni 2012

Das Duell #9 - Managed Care {Text} * Peter Werder und Simon A. Jacoby

Peter Werder: Bei der Managed Care-Vorlage ist ziemlich unklar, wer auf welcher Seite steht. Ich nehme einmal an, Sie sind dafür, wenn es eine Chance auf tiefere Prämien gibt. Wir wären uns also einig, womit der Chat hier schon fertig wäre. Adeee. Simon Jacoby: Moment, lieber Herr Werder. Ich bin für Managed Care, aber gegen diese Vorlage. Da profitieren nur Ihre Kollegen aus der Versicherung. PW: Weil wir besonders gesund sind? SJ: Nein, weil Sie die Freiheit der Patienten beschneiden. Dass Sie mal gegen Freiheit sind, da müssen sie aufpassen, dass das Liberale in der FDP nicht verloren geht. PW: Ich bin für die Freiheit, wenn Sie sie selber bezahlen. Vorschlag: Sie verzichten auf die Prämienverbilligung. Oder Sie beklagen sich nie mehr, wenn die Kosten steigen. Deal?

es doch letztlich. Oder wollen Sie mir angeben, dass die Versicherer nur das Wohl der Nation im Sinn haben? PW: Also hören Sie mal: Erstens sind Utopien auch schöne Orte (Eu-Topos). Zweitens: Die Versicherungen sind die einzigen, die Geld verdienen, wenn Sie gesund sind. Sie können ja problemlos zum Arzt. Das ist doch gar nicht der Punkt. Sie bezahlen einfach mehr, wenn Sie die volle Wahlfreiheit - Vollkasko - wollen. Wieso soll ich in der Gruppe des Mittelstandes Ihre Prämienverbilligung bezahlen und dann auch noch Ihre Wahlfreiheit, wenn Sie, bzw. Ihre Partei immer mehr Steuern und Abgaben für mich fordern? SJ: Also schaffen wir doch die Armee ab, sparen Milliarden und finanzieren damit die Einheitskasse und machen Steuergeschenke nicht an die Reichen, sondern an den Mittelstand. Was schlagen Sie vor, wenn ein Netzwerk aus tollen Ärzten zufällig viele Schwerkranke behandelt? Dann steigen die Preise und die Versicherungen kündigen die Verträge. Sollen wir die Schwerkranken ausschaffen?

SJ: Die Kosten sinken mit diesem Managed Care nicht. Im Gegenteil, wenn ich meinen Arzt weiterhin selber aussuchen will, kostet mich das mehr. Ich hab ein bitzeli recherchiert: 15 statt 10% Selbstbehalt und das bis zu 1000 Franken pro Jahr! Ich jammere jetzt schon, weil die Kosten steigen.

PW: Ich denke, die SP kostet uns mehr als all das zusammen. Spass beiseite: Nein, natürlich nicht, aber das ist ja auch nicht das Problem.

PW: Das ist ja genau der Punkt: Wenn Sie selber wählen wollen, dann zahlen SIE mehr - nicht wir alle. Zudem können Sie Ihren Arzt bzw. das Netzwerk auch frei wählen. Sie entscheiden sich für ein Netzwerk, wenn Sie gesund sind und daran müssen Sie sich dann halten, wenn Sie krank sind. Nachfrage: Sind Sie bei der Krankenversicherung auch für Wahlfreiheit? Stichwort Einheitskasse. Aber Sie werden mir jetzt sicher erklären, dass das etwas völlig anderes ist.

PW: Lustig finde ich, dass Sie zusammen mit der SVP die Vorlage bekämpfen. Da hab ich zum Schluss noch eine Anekdote: Geben Sie mal www.sp-adliswil.ch ein. Was schlägt Ihnen Google vor? Sehen Sie. Die SVP lehnt die Vorlage ab, weil sie das Obligatorium irgendwann abschaffen will. Und Sie lehnen sie ab, weil Sie die Einheitskasse wollen. Das sind die wahren Gründe. Nur die FDP ist ehrlich.

SJ: Ich bin für Wahlfreiheit beim Arzt. Die Kasse ist nur Mittel zum Zweck. Nicht Mittel zum Geld-Aus-Dem-Sack-Ziehen. Ich will meinen Arzt und meine Physiotherapeutin wechseln, wenn sie nicht meinen Ansprüchen genügen. Das ist doch Angebot und Nachfrage!? Was Sie wollen, ist eigentlich stark sozialistisch. Sie fordern, dass man, gehauen oder gestochen, immer zum gleichen Arzt muss. Zudem: Mit diesem Vorschlag diktieren die Krankenkassen die Preise. Nur diejenigen Ärztenetzwerke, die billig sind, kriegen einen Vertrag mit der Kasse. Das drückt auf die Qualität. Nach dem Motto: Arzt zum Discountpreis.

SJ: Nur die FDP strebt konsequent nach dem grossen Geld. Nur Ihre Partei, Herr Werder, tut so, als stehe sie ein für die Gesellschaft. Doch ehrlich ist die FDP nur, wenn sie sagt: Ja, wir sind die Partei der grossen Konzerne. Ja, wir sind die Partei, die will, dass alle, ausser uns, bezahlen. Ja, wir sind die Partei, die den Reichen das Füdli mit Babypuder persönlich einreibt. •

PW: Wenige Menschen verursachen viele Kosten. Und ich rede jetzt nicht einmal von den chronisch Kranken. Die können ja nichts dafür. Ich rede von den Doc-Hoppers. Das kostet Unsummen. Es kostet auch Unsummen, wenn wir direkt zum Spezialisten rennen. Mit der Vorlage will man erreichen, dass die Behandlung besser geführt wird. Sie wählen das Netzwerk selber. Zudem will man erreichen, dass die Netzwerke gut sind. Das heisst: Hohe Qualität UND tiefer Preis. Wenn der Discount-Arzt gut ist, was ist daran schlecht? SJ: Nichts, das ist ja klar, da wollen wir alle hin. Sie kennen sich doch aus mit Utopien (P.W. hat ein Buch über Utopien geschrieben, Anm. d. Red.)? Das ist eine solche. Wenn die, die uns Patienten das Geld aus dem Portemonnaie nehmen, bestimmen, welche Ärzte ich besuchen darf ohne bestraft zu werden, kann das ja nur zu meinem Nachteil sein. So läuft das nun mal, wenn die Versicherer Gewinn machen wollen. Und darum geht

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SJ: Lieber Geld weg, als Solidarität und Gerechtigkeit weg. Aber lassen wir das.

Das Duell: Beim Duell stehen sich jeden Monat Peter Werder und ein Mitglied der Redaktion zum aktuellen Thema der Ausgabe gegenüber.

* Dr. Peter Werder ist bürgerlicher Politiker, Dozent an der Universität Zürich und leitet die Kommunikation eines Konzerns im Gesundheitswesen * Simon A. Jacoby, 22, Co-Chefredaktor von dieperspektive, Student der Politologie und Publizistik- & Kommunikationswissenschaft und aktiver Politiker, aus Zürich

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POLITKOLUMNE 19. Ausgabe, Juni 2012

Schafft endlich das Bankgeheimnis ab! {Text} * Cédric Wermuth

Und wieder einmal steht die Schweiz im internationalen Kreuzfeuer. Kaum ein Nachbarstaat mit dem wir uns nicht im Streit befinden: Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien. Und (fast) immer geht es dabei um das Gleiche: Das Schweizer Bankgeheimnis. Wie ein nationaler Mythos wird diese Institution hierzulande verteidigt. Die politische Elite versucht, die Banken und ihr Geheimnis als Unschuldslämmer, ja gar als Opfer gieriger ausländischer Staaten darzustellen. Die wollen uns alle ans Portemonnaie, weil sie's selber nicht auf die Reihe kriegen. In dieser Argumentation gibt es aber leider ein kleines Problem: Sie ist Mist. Grosser sogar. Das Bankgeheimnis ist nämlich nur eines: Beihilfe zu internationaler Kriminalität. Das Bankgeheimnis greift die Souveränität ausländischer Staaten quasi im Kernbusiness einer jeden demokratischen Staatlichkeit an: In ihrer Steuerhoheit. Es ermöglicht es einer kleinen, stinkreichen Minderheit, sich der Verantwortung gegenüber den Gesellschaften in

denen diese Leute leben und von deren Dienstleistungen sie profitieren (Schulen, Infrastruktur, Sicherheit, Gesundheit, Verkehr, etc.) zu entziehen. Im Falle von Deutschland gehen die Schätzungen von 200 Milliarden unversteuertem Vermögen aus. Dem deutschen Staat entgehen so mehrere Milliarden an Einnahmen. Bezahlen dürfen die Zeche dann all jene, die kein Konto im Alpenland haben: RentnerInnen, StudentInnen, Familien und ArbeitnehmerInnen. Mit dem Schutz der Privatsphäre hat das wenig bis nichts zu tun. Für Normalsterbliche gibt es im In- und Ausland keinen Schutz der Privatsphäre in Steuersachen - sofern man darunter die Dateneinsicht durch die Steuerbehörden versteht. Wir kriegen einen Lohnausweis und auf jedem Zinsgewinn auf dem Sparkonto bezahlen wir 35% Verrechnungssteuer (mit einem kleinen Freibetrag). Der Aufschrei in Deutschland, dass die beiden rechten Parlamentsmehrheiten nun diese Jahrzehnte dauernde praktizierte Steuerkri-

minalität mit einer so genannten «Abgeltungssteuer» im Nachhinein legalisieren wollen, ist absolut verständlich. Es wäre Zeit für die Schweiz, die Verantwortung vielleicht nicht immer bei den anderen, sondern bei sich selbst zu suchen. Und das würde bedeuten, diesen alten Zopf Bankgeheimnis endlich abzuschneiden.

* Cédric Wermuth ist sozialdemokratischer Nationalrat aus dem Kanton Aargau, er schreibt monatlich zum Thema Politik. Antworte Cédric Wermuth auf leserbriefe@dieperspektive.ch.

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HINTERGRUND 19. Ausgabe, Juni 2012

Der Kritik eine Stimme {Text} * Marco Büsch

Am 7. Mai vor zwei Jahren fand das «Forum Uni21» statt, das von der linksgerichteten Gruppe «Uni von unten» organisiert wurde. Es wurden Workshops veranstaltet, Professoren referierten und Diskussionen wurden geführt. Und das alles in den Räumlichkeiten der Universität Zürich. Blockierte jemand die Eingänge oder hinderte die Teilnehmenden an ihrer Teilnahme an diesem Forum? Nein! Ganz anders sah es am 7. Mai dieses Jahres aus, als die Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, ein Referat halten sollte: Schon Wochen zuvor drohte die «Uni von unten» gegen dieses Event zu demonstrieren. Das ist meiner Meinung nach ihr gutes Recht, aber an besagtem Tag wollte ich mir dieses Referat anhören. Weil die «Uni von unten» den Weg in den Haupthörsaal blockierte und die aufgestellten Metalldetektoren mehrmals umwarf, musste ich jedoch auf die Übertragungssäle ausweichen. Ich bin froh, dass es Frau Lagarde trotzdem gelang ihren Vortrag zu halten, denn eine ähnliche Veranstaltung mit dem damaligen Novartis-CEO Daniel Vasella musste im Frühjahr 2009 aus Sicherheitsgründen abgesagt werden. Grund für die Angst um die Sicherheit Vasellas war damals auch die «Uni von unten», die per Flugblatt zu einem «gebührenden Empfang» aufrief. Man soll mich bitte nicht falsch verstehen: Ich teile einen Grossteil der Kritik der «Uni von unten» am IWF. Auch ich prangere die «undemokratische Geschichte des IWF» an, wie es in einem «Uni von unten»-Flyer geschrieben steht. Auch ich bin klar dagegen, dass Kredite an Länder vergeben werden mit den Auflagen, öffentliche Güter wie das Gesund-

heits- und Bildungswesen oder gar die Wasserversorgung zu privatisieren. Auch ich halte dieses Vorgehen teilweise für eine moderne Art des Neokolonialismus. Aber ich will den Leuten zuhören, die ein solches Vorgehen gutheissen. Ich will ihre Argumente hören und ich will versuchen, sie zu verstehen. Ich will mit ihnen in einen Dialog treten. Und ja, ich will hören, wenn Personen wie Daniel Vasella oder Christine Lagarde ihre «Geschäfte ins rechte Licht rücken», wie es im Flyer steht. Ich will hören, wie sie «die Welt aus der Sicht der Reichen und Mächtigen» erklären. Und ich glaube im Ernst daran, dass es mir möglich ist, der Verbreitung der «neoliberalen Ideologien» durch Lagarde und Co. zu widerstehen! Nennt mich naiv, aber ich schätze es, in einem funktionieren Rechtsstaat zu leben, in dem jede Person gemäss BV Art. 16 Abs. 2 «das Recht [hat], ihre Meinung frei zu bilden und sie ungehindert zu äussern und zu verbreiten». Ich wurde noch nie daran gehindert, eine so genannt «linke» Veranstaltung zu besuchen. Vielleicht sehen die Reichen und Mächtigen dieser Welt darin eine zu geringe Gefahr, als dass sie intervenieren müssten, wer weiss? Vielleicht wird aber auch einfach nur der Meinungsfreiheit Rechnung getragen. Ich verstehe nicht, wie die so genannt linke «Uni von unten» sich nur gegen dieses urdemokratische Prinzip der Meinungsfreiheit entscheiden konnte! Die Unterdrückung anders gerichteter Meinungen ist meines Erachtens kein Akt von Stärke und im höchsten Masse verwerflich. Denn, ob es der «Uni von unten» passt oder nicht: Es wird immer Menschen geben, die eine andere Meinung vertreten und das sollte immer und zu

jeder Zeit seine Berechtigung haben! Und will man das System ändern, so muss man es von innen ändern und nicht von aussen. Und mit den Mitteln, die einem das System zur Verfügung stellt und zu denen gehören gewiss auch die Meinungs- und Informationsfreiheit. Dass es auch anders möglich wäre, hat die «Uni von unten» doch bereits mehrere Male bewiesen, unter anderem als sie im Mai 2009 friedlich gegen einen Event mit Nestlé-Chef Peter Brabeck demonstrierten. Und als dort im Hörsaal Fragen aus dem Publikum erlaubt wurden, stand jemand auf und beschimpfte Brabeck zwar als «Mörder mit Krawatte», was zu lauten Pfiffen und Buhrufen aus dem Publikum führte, er fragte aber auch nach der Problematik um die Privatisierung des Wassers. Es war vielleicht nur eine kritische Stimme, aber es war dennoch eine Stimme, die von jedem gehört wurde. Es war eine anwesende, kritische Stimme, die partizipierte. Bei Lagardes Vortrag hatten sich keine Kritiker im Saal eingefunden und so blieben die kritischen Fragen ungefragt, die wichtigsten Antworten ungegeben. Gewonnen haben dabei nur Frau Lagarde und der IWF. Die «Uni von unten» hat sich leider nur ein weiteres mal selbst disqualifiziert. Dabei wären ihre Anliegen gar nicht so falsch und eine vermehrt kritische Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus durchaus angebracht.

* Marco Büsch, 21, Politologiestudent aus Zürich, Filmfan und Hobbyrapper marcob@cubic.ch

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KULTUR 19. Ausgabe, Juni 2012

Das Brot {Rezept} * Max&Mahani

In unserer ersten Kochstunde bringen wir euch das richtige Brotbacken bei. Beim Brot handelt es sich um eines der ältesten von Menschenhand geschaffenen Lebensmittel und es wird heute in verschiedensten Formen und Geschmacksrichtungen und mit leckeren Beilagen serviert und verzehrt. Wir heissen euch hiermit in unserer Brat & Backstube herzlichst willkommen. Zutaten Mehl (weiss / mittel / dunkel) Hefe Wasser Salz Olivenöl Rezept Messe 1kg Mehl ab und schütte es in eine grosse Schüssel die ca. dreimal so gross ist wie Mehl darin Platz hat und salze (2-3 Prisen: Kann je nach Grösse der Hände variieren) es. Löse die Hefe (30-38g) im lauwarmen Wasser auf, füge bestes Olivenöl (7cl) hinzu und giesse nun das Olivenölhefewasser unter ständigem rühren unter das Mehl. Wichtig ist zu beachten, dass dies in einer kreisrunden Bewegung erfolgt, damit sich das Olivenölhefewasser gleichmässig mit dem gesalzenen Mehlhaufen vermischt. Ob du nun im Uhrzeigersinn oder eben gegen diesen rührst, spielt keine Rolle. Nun hast du einen sogenannten Grundteig. Knete diesen Grundteig mit beiden Händen in der Schüssel gut durch und füge bei Bedarf Mehl oder Flüssigkeit nach, damit er am Schluss nur noch wenig klebrig ist. Bedecke den Teig mit einem feuchten Küchentuch und stelle ihn zum Beispiel auf den vorgeheizten Ofen oder auf einen warmen Heizkörper. Lasse den Teig nun ein Stunde aufgehen. Falls du beim Warten eingeschlafen bist oder das Nachmittagsshopping länger dauert, kein Problem, den Teig kannst du auch zwei bis drei Stunden aufgehen lassen. Heize nun den Ofen bitte auf 200° vor. Dein Teig sollte nun an Größe gewonnen haben. Damit dein Brot so richtig schön luftig wird, bedarf es einer sorgfältigen Weiterbearbeitung des Teiges. Lege den Teig auf den vorgängig mit Mehl bestäubten Küchentisch und massiere ihn mit deinen Fingerspitzen zu einem Ovalrund. Lege nun die untere und obere Hälfte des Teiges in der Mitte zusammen, drehe ihn auf den Rücken und massiere von Neuem. Wiederhole dieses Prozedere so lange, bis du die göttliche Eingebung erfährst. – Ruhe dich kurz aus. Streiche nun das Ofenblech (am besten eignet sich eine Cackeform) an den Rändern und dem Boden mit Olivenöl aus und lege den Teig vorsichtig hinein. Schiebe das Ofenblech für 20 Minuten in den vorgeheizten (200°) Ofen. Ob das Brot nun gut ist, erkennst du am hohlen Ton, wenn du auf den Brotboden klopfst. - Et voilà!

Geeignete Zutaten: Kürbiskerne, Oliven, getrocknete Tomaten, gekochtes Gemüse vom Vortag, Nüsse, Kräuter, etc. Was ich mit meinem Brot sonst noch so anstellen kann. Eine Sieben-Tage-Anleitung Tag 1: Genussfertiges Brot mit oder ohne diversen Beilagen verzehren oder dem Grosmutti schenken. Tag 2: Zum Frühstück oder Abendbrot ist es noch immer geniessbar. Tag 3: Toaste das Brot oder brate (auf niedriger Stufe) es in Olivenöl und Butter knusprig. Dazu eignet sich jegliche Art von Ragout (Gemüse- oder Fleischragout) TIPP: gebratene Pilze an einer dicken Rahmsauce. Tag 4: Fotzelschnitte oder im Ofen mit Käse überbacken. Tag 5: Serviettenknödel - Rezept findest du im Internet. Tag 6: Paniermehl Tag 7: Ruh dich ein wenig aus, geh Enten füttern.

Facts Das Brot zählt zu den beliebtesten Grundnahrungsmitteln und ist, dank dem stärke- und in geringem Umfang auch eiweisshaltigen Mehlkörper, auch eines der wichtigsten. Man unterscheidet heute zwischen zwei Brotarten: 1. Das gesäuertes Brot. Es wird mit Hilfe eines Triebmittels (Hefe) hergestellt und erhält so eine lockere Konsistenz. 2. Das ungesäuerte Brot. Dieses wird noch bevor die Sauerteiggärung einsetzt gebacken. Zudem werden die Brote nach dem verwendeten Getreide (Weizen, Dinkel, Kamut), der Mehlart (Auszugsmehl oder Vollkornmehl, fein oder grob) und den Zutaten (siehe oben) eingeteilt. Die Geschichte des «Urbrotes» begann, wie Funde nördlich der Alpen (Russland, Tschechien, Italien) zeigen, vor rund 30 000 Jahren. Dieses unterschied sich vom heutigen Brot wesentlich. Das gemahlene Getreide wurde mit Wasser vermengt und als Brei gegessen oder auf einem heissem Stein bzw. in der Asche als Fladenbrot gebacken. Die Erfindung des Backofens und die Entdeckung der Hefe vor über 5 000 Jahren revolutionierte das Brotbacken. Die alten Ägypter, die übrigens mindestens 16 verschiedene Brotsorten kannten, waren es, die als erste Hefe kultivierten und die Backöfen immer weiter entwickelten. Heute sind es die Deutschen die, dank der überaus grossen Getreidevielfalt und der günstigen Anbaubedingungen, beim Brotbacken die Nase vorn haben. In Hunger- und Notzeiten lässt sich Brot mit Getreidesurrogaten (Das Surrogat bezeichnet einen Ersatz für ein hochwertiges Produkt) strecken. Wobei durch die Streckung mit Bohnen- oder Erbsenmehl der Teig schlecht aufgeht, während er schnell feucht und schimmelig wird, wenn man Kartoffelmehl beimischt. Max&Mahani

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KUNST- & KULTURKOLUMNE 19. Ausgabe, Juni 2012

Kunst, Stars und ein Labyrinth aus Flaschen {Text} * Dr. oec. HSG Olivia Bosshard

Alle Jahre wieder kommt – richtig – die Art Basel. Und mit ihr viele Kunstschaffende, Kunstliebhaber, Kunstkäufer, Kunstsammler und Kunstinteressierte. Auch immer mehr Stars (und Sternchen), Celebrities und sogenannte «Promis» finden sich ein und darum herum entsteht ein ganzer Jahrmarkt der Eitelkeiten. In VIP-Kreisen mit Einladungskarten für eine der nunmehr zwei Previews unterhält man sich schon Wochen im Voraus darüber, von wem man seine Einladung erhalten hat, an welchen der Preview-Tage man geladen ist und vor allem, zu welcher Uhrzeit man Einlass erhält. Denn die Pforten öffnen sich bekanntermassen auch für die Previewkarten-Besitzer nochmals gestaffelt nach Bedeutung und möglicher Kaufkraft: Um 11:00 Uhr für einen sehr elitären Kreis und erst um 16:00 für den schon nicht mehr ganz so elitären Kreis. Das ist aber noch deutlich vor dem (immer noch persönlich geladenen) normalen Vernissage-Publikum. Und am nächsten Tag kann sich dann jeder auch eine Karte kaufen und die Kunst sehen. Inzwischen hat man auch aus der Presse erfahren, ob und mit wem und ganz besonders bei wem Brad Pitt oder andere Stars schon waren. Aber die Art Basel bietet, gemeinsam

mit unzähligen Trabanten und Ablegern von der Scope über die Unlimited bis zur Liste 17 – the young Art Fair, auch einer jüngeren, noch weniger etablierten und bekannten Schar von Künstlern, Kunstschaffenden und Galeristen die Möglichkeit sich zu präsentieren. Auch dem neugierigen, entdeckungsfreudigen und an StarKult weniger interessierten Publikum wird die Chance gegeben, auf eine spannende Entdekkungsreise zu gehen. Selbst neben den vielfältigen offiziellen Angeboten der Art Basel gibt es Dinge zu entdecken und sogar Aktionen, an denen man sich beteiligen kann. Andrew Rogers, der auf der ganzen Welt agierende LandArt-Künstler und selbst ein Star seiner Sparte, wünscht ganz konkret die aktive Mithilfe an einem vor Ort entstehenden Kunstwerk. Am 12. Juni zwischen 10:00 und 13:00 Uhr soll unter der Anweisung des engagierten und auch in

Umweltfragen aktiven australischen Künstlers mit Hilfe möglichst vieler Beteiligter ein Labyrinth aus Flaschen entstehen. Jeder, der kann, mag und Zeit hat, ist zur Mithilfe aufgerufen, das begehbare Labyrinth auf dem Erlenmatt Areal zu erstellen (detaillierte Informationen zum Treffpunkt und Ablauf unter www.kion. ch). Das Land-Art-Kunstwerk wird während der Dauer der Art Basel bestehen bleiben und jeder Messebesucher oder zufällig Vorbeikommende kann darin spazieren und sich seine Gedanken machen über Kunst, Konsum und Kultur.

* Dr. oec. HSG Olivia Bosshard ist Leiterin der Zürcher Veranstaltungsplattform KION, sie schreibt monatlich zu den Themen Kunst & Kultur Antworte Olivia Bosshard auf leserbriefe@dieperspektive.ch

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KULTUR 19. Ausgabe, Juni 2012

Leider Nichtraucher {Text} L.H.

gendwie involviert. Der genaue Tatvorgang ist nicht rekonstruierbar. Rauchen verbindet. Es ist im tiefen Kern ein äusserst romantischer Akt zusammen, Zug um Zug, langsam in den Tod zu schreiten. Man hilft sich, gibt Feuer oder sogar das Corpus Delicti selbst wird höflich offeriert. Jedes «häsch mer Füür?», so plump es auch klingen mag, bietet die Möglichkeit zur sozialen Vernetzung (Freundschaft, Liebe, Feindschaft, alles!) Natürlich kann ich mich befreundeten Rauchern anschliessen, vor dem Restaurant so tun als gehöre ich dazu. Doch ich fühle mich unwohl, wie ein gesunder Spatz im abgestandenen Hühnerkäfig. So wird mir diese Emotion der kollektiven Selbstzerstörung wohl für immer verwehrt bleiben. Mein Leid ist mein Glück, die Zigarette Lebenselixier und Todbringer zugleich. Ich wollt` ich möchte sie.

wir verstehen uns gut (wobei verstehen relativ ist – NZNZNZ). «Ich gah mal eis go rauchä, chunsch mit?», fragt sie. Unerfahren lehne ich ab, es sei mir draussen zu kalt. Ich würde dann hier auf sie warten – ein Fehler! Nach gefühlten drei Stunden und wohl mehr als einer Zigarette kehrt sie in mein Blickfeld (und das ist auch alles) zurück. Im Arm ein ebenfalls spendierfreudiger und zugegebenermassen gutaussehender Typ. Einziger Trost, ihre Lebenserwartung ist wohl um eine gute halbe Stunde gesunken. Argentinien, Buenos Aires, Hostelzimmer. Ferien mit drei Kollegen (zwei davon Raucher). Nachmittag, Siesta-Zeit bei 35 Grad. «Na schnäll usä und den chli entspanne?», Raucher ab. Diesmal tatsächlich drei Stunden später: Die Nikotinjunkies kehren angetrunken zurück, erzählen was sie gerade alles erlebt haben. Eine Hawaianerin, Vodka und Sombreros waren ir-

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Die gesunde Landluft noch in den Lungen, verlasse ich jeden Morgen am Goldbrunnenplatz im Zürcher Kreis 3 nach halbstündiger Fahrt den Bus 235. Schon beginnt das grosse, gaumenzerstörende Glimmstengelgelage rund um mich herum. Ich habe lange probiert mit dem Rauchen anzufangen, kam aber nie über die kindische, «gespielte Lust» am Inhalieren der Teerdämpfe hinaus. Die ersehnte Sucht blieb aus. Heute verachte ich Raucher, allerdings mit einem gewissen Neid. Mich stören weder der Rauch noch weggeworfene Zigarettenstummel, mich stört es von dieser Bohème der Raucher wohl für immer ausgeschlossen zu sein! Freitagabend, irgendein Klub kurz nach 3 Uhr. Dank dem gängigen sozialen Katalysator sehr redefreudig, spreche ich schon eine Weile mit einer netten jungen Frau an der Bar. Ich bestelle ihr ein paar exotische Drinks,

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TITELGESCHICHTE 19. Ausgabe, Juni 2012

Not sure if art... {Text & Illustration} Katharina S.

Intellektueller Bodensatz oder ernstzunehmende Kunst? Das Internetphänomen "Memes" erobert unsere Social-Media-Pinnwände. Früher galten sie als "Inside Jokes" auf einschlägigen Internetseiten, heute werden sie von jedermann benutzt. Jeder Mensch der sich Internet herumtreibt wird in den letzten Monaten auf eines gestossen sein. Vielleicht tauchte es eines Tages einfach so an der Social Media-Pinnwand eines Freundes auf. «Es”, das Bild einer niedlichen Katze, die Probleme mit der Grammatik hat, oder ein Comic mit krakelig gezeichneten Strichmännchen, die an den Hürden des realen Lebens scheitern. Es könnte aber auch sein, dass man den ein oder anderen Ratschlag von einem Wolf, einem Pinguin oder einem Welpen erteilt bekommt.

Das Meme LOLCats: Katze mit Grammatikproblem

Es gibt sie zu hunderten und von jedem existieren unzählige Variationen. Die Rede ist von "Memes". Ein Internetphänomen das in den letzten Jahren massiv an Popularität gewonnen hat. Eine treffende Beschreibung des Phänomens findet sich auf der Encyclopedia Dramatica. Laut dieser handelt es sich bei Memes um: «(...) a term coined by Richard Dawkins in his book The Selfish Gene. Originally used to describe packets of cultural information, it was

adopted by the internet to describe viral lulz or frunz. Its original meaning is no longer used except by sociology majors. In short, memes are a way for even friendless losers to have unfunny inside jokes.»1 Memes als Output unsere Gesellschaft Was man als den intellektuellen Bodensatz des Internets ansehen könnte, ist jedoch eine vielschichtige Auseinandersetzung mit dem Output unserer (digitalen) Gesellschaft. Vom Grundgedanken her basieren alle Memes auf dem Prinzip des Remix. Bereits existierende Inhalte werden neu zusammengesetzt, so dass Neues entsteht, welches wiederum Bezug nehmen kann auf andere Kulturphänomene. Das Meme ist vor allem eines: Ein lebendiger, hybrider Organismus der durch die Art seiner Nutzung ständig neu mutiert. Diese Mutation kann fruchtbar sein und sich weiterentwickeln. Jedoch birgt jede Mutation die Gefahr, den Tod des Memes bedeuten zu können. Diese Entwicklung wird durch das Auftauchen von Seiten wie memegenerator.net, ragemaker. net oder knowyourmeme.com verstärkt, da sie die ursprünglich benötigten Fähigkeiten zum Erstellung eines Memes überflüssig machen. Diese Seiten machen Memes zu einfach konsumierbaren, demokratischen Erscheinungen. Und genau darin liegt die Tragik ihrer Existenz. Früher waren die Bildchen die «Inside Jokes” weniger Eingeweihten. Heute kann sich jeder die Bildchen auf entsprechenden Seiten (welche nur für diesen Zweck geschaffen wurden) erklären lassen, ohne jegliches Hinterwissen über den Ursprung derselben. In Folge dessen ist die Zahl der Motive explosionsartig angestiegen und wurde immer selbstreferenzieller, ohne sich tatsächlich zu erweitern (Bsp. «Scumbag Steve» wurde zu «Scumbag x meme»). Was sind nun aber Memes wirklich und vor allem: Was verraten sie uns über uns selbst? Sind sie Kunst oder nur ein einfaches, humoristisches Outlet für gelangweilte Internetnutzer?

Balkonszenen

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Das Meme "Socially Awkward Penguin"

es dem Internet «auszusetzen”? Das Wunderbare an Memes ist die Tatsache, dass sie völlig frei von einem wirklichen Künstler existieren. Es handelt sich quasi um ein global geteiltes und freies Kunstwerk, das immer wieder verändert und ergänzt werden kann und doch in seiner Ursprünglichkeit weiter existiert. Bei dieser Betrachtungsweise entwickelt auch die stärkere Verbreitung und zugängliche Erklärbarkeit der Memes eine bestimmte Schönheit, die schon fast exemplarisch für das Internet ist: Die ungefilterte Kollaboration von Menschen aus den unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen, die zusammen über das Gleiche lachen.

Anm.: 1 http://encyclopediadramatica.se/Meme

Eine laue Juninacht. Drinnen im Haus feiert man eine rauschende Party. Hin und wieder fliehen die Gäste hinaus auf den Balkon, schöpfen Atem von den Verpflichtungen des gesellschaftlichen Lebens. Smalltalk, Lästereien über Abwesende, Liebesgeflüster in fliessenden Übergängen und einander überlagernd.

14., 15. & 16. Juni 2012 Regie: Utz Bodamer

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Wenn ein User seinem Frust über eine Begegnung im realen Leben Luft macht, handelt es sich dann um einen kathartischen Akt? Ist schon allein der Wunsch, Fremde durch Bilder und Text an seinem persönlicher Erlebniswelt teilhaben zu lassen, genug um ein Meme wie "Socially Awkward Penguin" zu Kunst werden zu lassen? Ist es ein künstlerischer Akt, zwei Zeilen Text über ein Bild zu schreiben und

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LOL.LSD.PS.FYI. 19. Ausgabe, Juni 2012

FYI: Sprache ist eine Abkürzung {Text} * Simon Milkovski

ist, je mehr Propositionen in ihren Gehalt einfliessen, desto länger dauert es, sie sinnvoll auszudrücken. Wenn ein Primat vor Jahrtausenden versucht hätte, das Entstehen des Feuers zu erklären (nicht anzuwenden), sässe er heute noch hier. Stützen wir uns auf folgende Beobachtung: Sprache ist ein hervorragendes Mittel zur Abkürzung von Botschaften, welche ohne Sprache Unmengen an Zeit zur Sendung benötigt hätten. Abkürzungen sind natürlich; man kann sich einen Steinzeitstamm denken, bei dem das rasche Hin- und Herbewegen des linken Zeigefingers für eine Aufforderung zur Nahrungssuche stehen soll. Weniger abgekürzt wäre eine Abfolge solcher Gesten (das Bewegen des linken Zeigefingers in Kombination mit Lippenstülpen und Augenrollen vielleicht?). Doch die Abkürzung schafft Zeit. Zeit, die zur Nahrungssuche benötigt wird und die umso weniger zur Verfügung steht, je mehr Zeit die Mitteilung zur Übermittlung benötigt. Ein radikaler Sprung, Kubrick-mässig, Jahrtausende vorwärts: Millennium, Endzeitwahn, globale Erwärmung, Einwegprodukte in Plastik eingeschweisst, Ungleichheit, das Internet, Neoliberalismus, Gottlosigkeit, Borderline, Billigflüge, Abkehr vom Christentum. (Was mache ich hier? Ich spucke Schlagworte aus, die dem Leser ein Gefühl für die heutige Zeit vermitteln sollen. Ich kürze den Vorgang ab.) Die Menschen werden in eine Welt hinein geboren, die ihre sprachlichen Abkürzungen längst institutionalisiert hat. Werber sind Spezialisten darin, den momentan etablierten Sprachgebrauch so zu dehnen, oder besser zu

Es ist eine natürliche Folge der eingehenden Beschäftigung mit einem Thema, sagen wir, auf akademischem Niveau, dass sich am Ende einer Untersuchung nicht unbedingt mehr Klarheit einstellt, sondern im Gegenteil nur deutlicher vor uns steht, wovon wir keine Ahnung haben. Wohl am deutlichsten tritt dieses paradoxe Phänomen bei modernen Sprachphilosophen zu Tage. "Gib mir dein Geld" ist dann nicht mehr einfach ein Befehl, sondern etwas ganz anderes. Je nach Schule, gewöhnlich unterteilt in Pro- und Anti-Wittgensteinianer, könnte eine Interpretation so lauten: Meine Äusserung soll bezwecken, meinen geistigen Zustand so zu übersetzen, dass er in deinem Geist unter eine Interpretation fällt, die dich dazu veranlasst, die Herausgabe deines Geldes als rationale Handlung einzuschätzen. So "oh je" das jetzt für Nichtphilosophen klingen mag; es hat was. Auch wenn das Phänomen, das wir beschreiben wollen, nun auf einer künstlichen Ebene stattfindet, die wir durch zu viel Nachdenken erzeugt haben. Das Entscheidende liegt darin: Sprache soll ein Mittel der Übersetzung sein. Oder besser: Ein Mittel der Abkürzung. Denke dir Menschen, Homines sapientes sapientes, ohne jede Möglichkeit sich sprachlich zu äussern. Wie würden sie miteinander kommunizieren? Der Blick ins Tierreich scheint hilfreich: Zeichensprache, Gesten, beobachtbare Verhaltensmuster würden den Platz einnehmen, den die gesprochene Rede heutzutage innehat. Nur würden wir dann immer noch in Höhlen wohnen und rohes Fleisch fressen. Je komplexer eine Mitteilung nämlich

verkürzen, dass ihre Konsumweisungen möglichst ohne Umweg ins Grosshirn injiziert werden. Wer entscheidet, wann die Ellipse aufhört Ellipse zu sein? Niemand, aber je mehr und schneller wir abkürzen, desto schneller stehen die Ellipsen von heute im Duden von morgen. Entschleuniger raufen sich die Haare. Am Ende dieses Vorgangs finden wir – Gott sei Dank - ein Ende! Die Klasse der Akronyme. Während bei einem Wortsplitter wie OK nicht mal mehr klar ist, was abgekürzt werden soll (und durch K nochmals abgekürzt wurde), stehen die Dinge bei LSD oder FYI anders: Es ist einfach schneller als «Lysergsäurediethylamid» oder «For Your Information». Das Akronym ist eine Abkürzung. Es vermittelt die relevanten Informationen schneller. Der Unterschied ist nicht so auffällig wie der zwischen Geste und Sprache, aber es sind doch ein paar weniger Neuronen an seiner, zudem kürzeren, Verarbeitung beteiligt. Auch frisst es nicht soviel der hundertsechzig verfügbaren Zeichen weg. Somit bleibt mehr Platz für andere Abkürzungen! Short-Messaging als Anti-Entschleunigung, unter seiner eigenen Abkürzung besser bekannt. Ich freue mich auf den Tag, wo Ausführungen wie diese in einem einzigen Buchstaben zusammengefasst werden können. "X" würde mir noch gefallen, oder "S".

* Simon Milkovski, Philosophiestudent und Nachtportier

Wir laden zum Kanti Küsnachter Sommerfest. Kommt und bringt eure Freunde. Wir bieten ein Openair mit diversen Bands, viel gutes Essen und Trinken.

Sommerfest / Openair Kanti Küsnacht 29. Juni 2012 Areal der Kanti Küsnacht Dorfstrasse 30 8700 Küsnacht FREIER EINTRITT

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Ruf Lanz

Da isst jeder gern vegetarisch.


KREATIVES 19. Ausgabe, Juni 2012

Das Scheitern der Schmetterlinge {Text} * Carlo Spiller

Die Idee wächst auf der Müllkippe, sie reift dort heran, bis sie vom Abfall und dem Tod und dem Verwesungsgeruch und der Verwesung selbst genug gezehrt hat, um sich in sich selbst eingekerkert in einem Kokon zu brüten, dort, in dieser Gefangenschaft noch weiter an ihrem tödlichen Gift zu arbeiten, um dann, in einem erlösenden Ausbruch die Flügel zu erheben und…Und in ihrer tödlichen Schönheit aufzusteigen. Die Flügel sind von solch anmutiger Schönheit, dass jeder, der sie sieht, ihr sofort verfallen muss, von solch bizarrer Schönheit sind die Flügel der Schmetterlinge, die noch duften süss von Verwesung und dem Tod, in dem sie brüteten und den sie herbeiführen werden und sie verführen die schwachen Betrachter in ihrer Einfachheit und weil sie schön sind

und bizarr. Was gibt es wunderlicheres als eine Idee und als einen Gedanken? Und dieser Falter des Todes, dessen Made auf dem Abfall gebrütet hat und brütet, auf all dem angesammelten Müll und in dem eingetrockneten Blut und dem verwesenden Fleisch, von da aus unternimmt der Falter wieder seine Reise und verführt die Betrachter und bereitet den Nistplatz für seine eigenen Nachkommen vor. Und bereitwillig stürzen sie sich und streiten und schlachten sich und sind überzeugt und sehen vor sich den Schmetterling fliegen und straucheln ihm nach und versuchen hastig ihn einzufangen und den sie doch nie erreichen. Und dieser Umstand muss sie so sehr betrüben, dass sie alle, alle, die genauso hilflos dem Schmetterling nachstolpern, neidisch werden und sehen, dass bloss durch deren Ungeschicklichkeit sie

den Schmetterling nicht fangen können und so metzeln sie sich gegenseitig nieder, ungeachtet der Tatsache, und das übersehen sie, dass der Schmetterling sie einzig und allein dazu benutzt hat, um jetzt seine eigenen Eier in ihre Leichen einzulegen und zu zehren vom Geruch des Todes, der sich über alles gelegt hat. Und so brüten die Maden in diesen Leichen und nisten sich ein zwischen den Muskelfasern und in den Gehirnen der Vergammelnden, recken ihre roten Köpflein in die Höhe, in die nicht frische Luft und warten auf den Moment, in dem sie von neuem sich einkerkern können und schlüpfen können und anrichten können die Schlacht.

* Carlo Spiller, studiert Germanistik und Philosophie an der Uni Zürich im vierten Semester

Sie haben gestern wiedermal einige Abkürzungen zu sich genommen.

* Samuel Kaufmann, lebt in Zürich, arbeitet als Industrial Designer und Illustrator

{Illustration} * Samuel Kaufmann

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STADTKOLUMNE 19. Ausgabe, Juni 2012

LOL vs. NAZI {Idee & Umsetzung} * Apachenkönig Huntin’Beer

* Apachenkönig Huntin’Beer ist aus Zürich, deshalb schreibt oder inszeniert er auch die Stadtkolumne. Antworte dem König auf leserbriefe@dieperspektive.ch

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