Kunst & Nachhaltigkeit Vol. 13 - Die Ausstellung «Matrix»

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MATRIX – Beat Streuli



















































Kunst & Nachhaltigkeit Vol. 13: Beat Streuli «MATRIX» von Dorothea Strauss Seit bald sieben Jahren beschäftigt sich die Mobiliar aktiv mit dem Verhältnis zwischen Kunst und Gesellschaftsthemen. Im weitläufigen, für die Öffentlichkeit zugänglichen Entrée des Direktionsgebäudes in Bern realisiert die Mobiliar zweimal im Jahr Ausstellungen, die neue Perspektiven auf unsere Welt eröffnen. Diesmal steht der urbane Mensch im Zentrum: In der 13. Auflage der Ausstellungsreihe «Kunst & Nachhaltigkeit» zeigt der international renommierte Schweizer Künstler Beat Streuli (*1957 in Altdorf, lebt in Brüssel und Zürich) neben Fotografien von Momenten des städtischen Lebens auch erstmals in der Schweiz eine breite Übersicht seiner Videoarbeiten.

Beat Streulis Werke rücken die Alltäglichkeit ins Rampenlicht Strassenszenen aus der ganzen Welt ziehen die Betrachter in ihren Bann: Wir sehen gedankenvolle und neugierige Gesichter, Menschen im Gespräch oder wartend an einer Ampel, Menschen in Eile oder flanierend. Die Ausstellung zeigt eine ganze Bandbreite an flüchtigen und doch vielsagenden Augenblicken, die eine Stadtsituation hergeben. Die Wände der für die Ausstellung genutzten Räume sind vollständig mit Streulis Fotografien in Form von Wallpapern bespielt. In die raumgreifende Installation, geschaffen für diesen Ort, sind zwei Dutzend seiner Videoarbeiten integriert. Die Besucherinnen und Besucher tauchen so gleichsam in die Stadtszenen ein und sehen sich unbekannten Menschen aus aller Welt unmittelbar gegenüber. Die Aufnahmen entstanden während der letzten Jahre in Birmingham, Brüssel, Chiasso, Dubai, Hong Kong, Istanbul, Moskau, New York City, Singapur, Taipei und Zürich.

In Zeiten von Covid-19 schafft Streulis Ausstellung einen besonderen Denkraum Wie sehr wir diesmal den Nerv der Zeit mit unserer Ausstellung treffen würden, konnten wir nicht ahnen: Kurz nachdem Streulis Ausstellung in Bern eingerichtet war, begann der durch die Covid-19Pandemie ausgelöste dreimonatige Schweizer Lockdown. Alle rund 1500 Mitarbeitenden an der Bundesgasse wurden ins Homeoffice geschickt und das Gebäude wurde für Besucher komplett geschlossen. Die für Mitte März geplante Vernissage musste kurzfristig abgesagt werden. In den folgenden Monaten ergab sich daraus eine geradezu bizarre Situation: Während Pressebilder von menschenleeren öffentlichen Plätzen um die ganze Welt gingen, hätte man in unserer Ausstellung genau das sehen können, was seit März 2020 vermieden werden soll: nämlich ganz nah zusammen an einer Ampel zu warten oder während der Rushhour auf einem Bahnhof Schulter an Schulter in den Zug zu drängen. Nun haben wir unser Gebäude wieder für die Allgemeinheit geöffnet und die Ausstellung bis 26. März 2021 verlängert.


Das Unbekannte denken, das Bekannte neu denken Die gesellschaftlichen, kulturellen, ökologischen und wirtschaftlichen Diskussionen, die Covid-19 ausgelöst hat, lenken die Aufmerksamkeit auf ein Thema, das in Streulis Arbeiten schon immer eine Rolle spielte, nun jedoch eine noch viel offensichtlichere Dimension bekommt: Es geht um die Frage, wie sich Individualität und Kollektivität, persönliche Freiheit und Gemeinschaftlichkeit miteinander vereinen lassen. Wie wir die Entwicklungsfähigkeit unserer Gesellschaft erhöhen und neue Deutungsmuster, neue Denkräume öffnen können, damit wir alle gemeinsam die Herausforderungen der Zukunft meistern. Allgemeingültige Deutungsmuster entwickeln in einer Gesellschaft durchschlagende Interpretationen, auf deren Basis ganze Lebensentwürfe entstehen. Um aber Deutungsmuster zu ändern, zu durchbrechen und neue Muster zu entwickeln, braucht es Mut, Entscheidungswille und Neugierde. Wir alle sind mehr denn je aufgefordert, für unsere Zukunft Verantwortung zu übernehmen. Dafür lohnt es sich, zunächst zu hinterfragen, was genau für uns ein gutes Leben bedeutet. Selten waren in den Zeitungen so starke Headlines zu finden wie in den vergangenen Monaten. Wichtige Tages- und Wochenzeitungen titelten Fragen und Aussagen, die unmittelbar zum Nachdenken einluden: «Geht Wohlstand auch mit weniger Konsum?», «Was jetzt Hoffnung gibt», «Die Krise hält uns den Spiegel vor», «Können wir noch vertrauen?» oder auch «Wird schon gut gehen, oder?». Sie alle kreisten um die Frage nach dem richtigen Weg. Jeder und jede Einzelne steht vor derselben Frage und vor der Herausforderung, sich durch einen Dschungel an disparaten News, Szenarien, Optionen und Bedürfnissen zu navigieren. Unsere Welt verstehen und die Zukunft positiv gestalten zu wollen heisst, genau hinzusehen, neugierig zu bleiben, gängige Deutungsmuster infrage zu stellen. Es erfordert eine hohe Bereitschaft zu Veränderung – also Mut.

Balance zwischen Alltäglichkeit und Unerklärlichkeit Was hat das alles mit Beat Streulis Arbeit zu tun? Seit Jahrzehnten bewegt sich der Künstler durch Metropolen, Kleinstädte oder Agglomerationen und hält mit der Kamera Momente des städtischen Lebens fest. Manchmal erkennt man, wo er sich gerade befindet – aufgrund von Leuchtschriften an Häuserfassaden oder


Autokennzeichen, anhand von Strassenschildern oder einfach, weil man selbst schon an diesen Orten war. Doch dieses Erkennen ist ein eher zufälliges, von Streuli nicht explizit inszeniertes. Sein fotografischer Blick bewertet nie. Es ist nicht auszumachen, ob Beat Streuli mehr Frauen oder mehr Männer beobachtet, ob er mehr dunkelhäutige oder mehr weisse Menschen fotografiert, ob ihn eher lachende oder melancholische Personen interessieren. Vielmehr führt er uns ohne Naivität oder Sentimentalität eine Welt vor Augen, in der rassistische Vorurteile, Genderdebatten, der Klimawandel, soziale Ungerechtigkeit für einmal nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Streulis Blick erscheint wie eine modellhafte Vision für eine Gesellschaft, die die Individualität jedes Einzelnen zu wahren und sich dennoch gemeinsam fortzubewegen weiss. Seine Fotografien erscheinen uns vertraut, die Szenen, die sie festhalten, sind wie Bilder unseres kollektiven Gedächtnisses, weil sie das urbane Leben an sich wiedergeben – so, wie es sich an vielen Orten der Welt abspielt. Kein Ort ist wichtiger als der andere, auch zwischen Zentrum und Peripherie wird nicht unterschieden. Gemeinsamkeiten sind genauso essenziell. Und noch etwas zeichnet Streulis Fotografien und Videos aus: Wir kennen nie die Geschichte dahinter. Wir wissen nicht, woher die Menschen kommen und wohin sie gehen. Deshalb bleiben die Szenen auch immer in einer eigentümlichen Balance zwischen Alltäglichkeit und Unerklärlichkeit, zwischen etwas, das uns bekannt und gleichzeitig fremd erscheint.

Streuli zeigt eine Welt, die uns vorurteilsfrei begegnet Streulis Ausstellung in Bern schafft einen idealen, weil vorurteilsfreien Rahmen für ein bewusstes Nachdenken darüber, wie unser «neues Normal» in Zukunft aussehen soll. Welche Konsequenzen sind wir bereit zu ziehen? Zu welchen Veränderungen sind wir bereit? Wer wollen wir in Zukunft gerne sein? Der Titel der Ausstellung, «MATRIX», (der auch als Anspielung auf den gleichnamigen Film verstanden werden kann) präzisiert diesen Rahmen noch. Denn in Beat Streulis Arbeiten geht es eben nicht nur um die Individualität der äusseren Erscheinung, sondern vielmehr um die Lebens-, Gesellschafts- und Zukunftsmodelle, die dahinterstecken. Wir haben die Wahl, als Individuen zu Vielfalt und Ideenreichtum beizutragen, unsere gemeinsame Zukunft aktiv mitzugestalten, neue Perspektiven aufzuzeigen und Konzepte für ein positives Zusammenleben zu entwickeln. Die Ausstellung kann daher als Hommage an die Vielfalt, die Offenheit und Neugier verstanden werden – an Werte also, die für eine zukunftsfähige Gesellschaft unerlässlich sind.


Das Gesellschaftsengagement der Mobiliar Verantwortung ist eine grosse Aufgabe. Sie zu übernehmen, liegt seit jeher in der DNA der Mobiliar. Seit seiner Gründung vor fast 200 Jahren fühlt sich das genossenschaftliche Unternehmen dem Gemeinwohl verpflichtet. 2013 wurde dafür ein eigener Bereich gegründet, Corporate Social Responsibility. Ende 2020 sind daraus nun zwei Bereiche entstanden, «Public Affairs + Nachhaltigkeit» und «Gesellschaftsengagement». Unser Ziel: die Themen Nachhaltigkeit und Verantwortung weiterzudenken und zu stärken. Was vor sieben Jahren mit einem dreiköpfigen Team begann, ist inzwischen in beiden Bereichen zu einer interdisziplinären Crew von mehr als 20 engagierten Persönlichkeiten gewachsen. Jedes Teammitglied hat ein eigenes Fachgebiet, und alle haben eine gemeinsame Absicht: nachhaltig an morgen zu denken. Gesellschaftsengagement bedeutet für uns, die Zukunft positiv zu gestalten – und zwar in möglichst vielen verschiedenen Bereichen des Lebens. Eine der grundlegenden Fragen dabei lautet: Wie kann ein Individuum oder ein Unternehmen überhaupt die Fähigkeit entwickeln, so komplexe Themen wie Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit zu durchdringen? Wie kann jede Einzelne, jeder Einzelne von uns kreativ und konstruktiv Probleme angehen und die richtigen (Lebens-)Entscheidungen treffen? Lässt sich das bessere Leben erlernen oder üben? Um das zu erfahren, arbeiten wir eng mit Kulturschaffenden, Forscherinnen, Forschern, Innovationsspezialistinnen und -spezialisten sowie Praktikern zusammen. Denn erst wenn Disziplinen aufeinandertreffen und Menschen mit verschiedenen Kompetenzen in den Dialog treten, kann Neues entstehen. Nur wer vernetzt denkt, eignet sich Wissen an, das der ganzen Gesellschaft zugutekommt.

Kunst schafft Bewusstsein Ein einzelner Gedanke kann den Anstoss zu Veränderung geben. Echte Wirkungskraft entfalten neue Ideen aber erst, wenn sie geäussert, diskutiert und auf die Probe gestellt werden dürfen. Daher suchen wir stets den Dialog und fördern die Diskussion. Nicht nur in unserem Unternehmen, sondern in der ganzen Schweizer Gesellschaft. Wir schaffen Räume und Plattformen für Begegnung und setzen dabei oft auf Kunst – als Katalysator und Dolmetscherin. Denn Kunst hat die wunderbare Eigenschaft, alle Menschen anzusprechen und jeden anders zu inspirieren. Künstlerinnen und Künstler gehen neue Wege und fordern uns heraus, Dinge in anderem Licht zu sehen. Sie konfrontieren uns mit dem Ungewohnten, und ihre Arbeit schärft wie nebenbei unsere Beobachtungsgabe. Wenn wir uns mit Kunst auseinandersetzen, lernen wir auch immer etwas über uns selbst. All diese Eigenschaften helfen dabei, Zusammenhänge zu verstehen und Konsequenzen zu ziehen. Kunst kann Denkprozesse mit spielerischer Leichtigkeit fördern. Mehr Informationen finden Sie hier: mobiliar.ch/engagement Kunst & Nachhaltigkeit Vol. 13: Beat Streuli «MATRIX» Bundesgasse 35, 3001 Bern, bis zum 26. März 2021, Mo – Fr 7 bis 17 Uhr, Sa + So geschlossen (bitte coronabedingt unsere Webpage checken, ob tatsächlich geöffnet) Führungen & Kunstvermittlung: Anna Vetsch, anna.vetsch@mobiliar.ch Mobiliar Direktion Bern, Bundesgasse 35, 3001 Bern

















































Kunst & Nachhaltigkeit Vol. 13 Beat Streuli «MATRIX» Frühjahr 2020 bis Frühjahr 2021, die Mobiliar, Direktion Bern, Bundesgasse 35, 3001 Bern, Schweiz Gesamtverantwortung für Ausstellung und Publikation: Dorothea Strauss, die Mobiliar, Gesellschaftsengagement, Direktion Bern Gestaltung Publikation: Studio Achermann, Zürich Lektorat: Dr. Britta Schröder, Frankfurt am Main Übersetzungen: Françoise Fourault-Sicars, Paris (Fr.) Simon Thomas, Berlin (Engl.) Fotos Ausstellung: Stefan Altenburger Photography Zürich Druck: Druckerei Odermatt AG, Dallenwil Auflage: 1600 Exemplare (1200 dt., 200 fr., 200 engl.) © 2020, für die Abbildungen: Beat Streuli & die Mobiliar; für die Texte: Dorothea Strauss Besuchen Sie uns auf unserer Website und erfahren Sie mehr über unsere Haltung und unsere Projekte: mobiliar.ch/engagement