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DIE BESTE ZEIT Das Magazin für Lebensart

Ausgabe 26, 2014 - 3,50 Euro

Ausstellung Karl Kunz Im Von der Heydt-Museum Wuppertal

Eugen Egner Der Universums-Stulp

Höhepunkte in Serie Klangart 2014 im Skulpturenpark

Als die Fotografie farbig wurde 1914 – Welt in Farbe

Hanna Jordan

Ein Nachruf von Anne Linsel

Paul Cassirer und Tilla Durieux Der Kunsthändler und die Schauspielerin

Wuppertaler Bühnen „JR“ in einer Bühnenfassung

Seine Augen trinken alles Das Frühwerk von Max Ernst

Unterwegs nach Europa Die 2. Wuppertaler Literatur Biennale

ISSN 18695205

Wuppertal und Bergisches Land

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Editorial Liebe Leserinnen und Leser, „Endlich Frühling!“ Die Menschen im Tal atmen auf. Sie tauschen ihre dicken Mäntel gegen leichtere Jacken, dunkle Hosen und Röcke gegen helle und farbenfrohe und ihr blasses, müdes Wintergesicht gegen ein freundliches und aufgeschlossenes Lächeln. Restaurant-, Café- und Kneipenbesitzer stellen Tische und Stühle nach draußen, man trifft sich auf ein Bier, ein Glas Wein oder einen Milchkaffee. Aber würden wir uns auch genauso über die ersten warmen Sonnenstrahlen, über blühende Krokusse und Narzissen freuen können, wenn nicht vorher der graue und kalte Winter gewesen wäre? Und fanden wir den Winter nicht wenigstens manchmal einfach nur gemütlich und behaglich? Draußen Nässe und Nebel, drinnen Kerzenschein, ein gutes Buch und/oder gute Musik? Alles hat (eben) seine Zeit. Eine vielen von uns bekannte Überschrift aus den Lehrbüchern des Alten Testaments, Prediger Kapitel 3. So einfach und auch so richtig. Mein Beruf zeigt mir täglich, wie vergänglich und begrenzt unser irdisches Dasein ist. Ich erlebe hautnah, wie schnell sich ein gerade noch glückliches, schönes Leben durch den Verlust eines nahestehenden Menschen dramatisch verändern kann. Vielleicht liegt gerade deshalb mein Augenmerk auf den bewusst erlebten, schönen Erinnerungen und Erlebnissen. Erinnerungen und Erlebnisse, die nachhaltig sind und die mir niemand nehmen kann. Am liebsten teile ich sie mit meiner Familie, meinen Freunden, manchmal behalte ich sie aber auch ganz für mich allein. Das kann bei einem Theater-, Konzert,- oder Kinobesuch sein, bei einem Spaziergang über die Wuppertaler Höhen, dem Besuch einer Kunstausstellung oder einer Sportveranstaltung. Von all dem hat Wuppertal jede Menge zu bieten. Also: Nehmen wir uns Zeit! Und nutzen wir unsere Zeit, denn wir alle haben nur EINE Zeit. Sie ist unwiederholbar. Machen wir unsere Zeit zur Besten Zeit! Mit der vorliegenden Ausgabe sollten wir farbenfroh und bestens gestimmt ins Frühjahr 2014 starten! Viel Freude beim Lesen und Schauen! Ihre Barbara Neusel-Munkenbeck

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Impressum Die Beste Zeit erscheint in Wuppertal und im Bergischen Land Erscheinungsweise: alle zwei Monate Verlag HP Nacke Wuppertal - Die Beste Zeit Friedrich-Engels-Allee 122, 42285 Wuppertal Telefon 02 02 - 28 10 40, E-Mail: verlag@hpnackekg.de V. i. S. d. P.: HansPeter Nacke Ständige redaktionelle Mitarbeit: Frank Becker, Thomas Hirsch, Matthias Dohmen, Susanne Schäfer Darüber hinaus immer wieder Beiträge von: Marlene Baum, Heiner Bontrup, Antonia Dinnebier, Beate Eickhoff, Fritz Gerwinn, Klaus Göntzsche, Johannes Vesper und weiteren Autoren Erfüllungsort und Gerichtsstand Wuppertal

The art of tool making

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Nachdruck - auch auszugsweise - von Beiträgen innerhalb der gesetzl. Schutzfrist nur mit der ausdrücklichen Genehmigung des Verlages. Gastbeiträge durch Autoren spiegeln nicht immer die Meinung des Verlages und der Herausgeber wider. Für den Inhalt dieser Beiträge zeichnen die jeweiligen Autoren verantwortlich. Kürzungen bzw. Textänderungen, sofern nicht sinnentstellend, liegen im Ermessen der Redaktion. Für unverlangt eingesandte Beiträge kann keine Gewähr übernommen werden. Trotz journalistischer Sorgfalt wird für Verzögerung, Irrtümer oder Unterlassungen keine Haftung übernommen. Bildnachweise/Textquellen sind unter den Beiträgen vermerkt. Titel: Stéphane Passet, Paris, Familie in der rue du Pot de fer, 24.6.1914, Foto: aus dem Katalog 1914 – Welt in Farbe (Ausschnitt)


Inhalt Ausgabe 26, 6. Jahrgang, April 2014 Ausstellung Karl Kunz

Seine Augen trinken alles

im Von der Heydt-Museum

Das Frühwerk Max Ernsts von Rainer K. Wick

von Marion Meyer

Seite 6

Arm in Arm mit dir zur Hölle...

Westfälisches Landestheater Wieviel Tränen hat ein Mensch? von Frank Becker

Seite 12

Seite 14

Seite 18

Jörg Lange - Ein Nachruf von Peter Klassen

Seite 24

Oder: Europa am Abgrund Ein Stück von Heiner Bontrup

Radius Gedicht von Gringo Lahr Fotografie Olaf Joachimsmeier G. Drössler, W. Schmitz Verschwiegener Gruß von Michael Zeller

Seite 28

Seite 63

von Anne Fitsch

Seite 65

Paul Cassirer und Tilla Durieux Seite 30

von Angelika Zöllner

Seite 66

Paragraphenreiter Seite 35

Interessantes zum Thema Steuern und Recht Seite 71

Der Turm der Blauen Pferde Seite 38

von Erika Flüshöh-Niemann Seite 72 Kabale und Liebe

Seite 42

im TiC Theater von Frank Becker

Seite 74

Unterwegs nach Europa

Seite 44

Aus der Ferne betrachtet Vom Reichtum von Georg Westerholz

Seite 61

Steckrübenwinter

von Susanne Schäfer Hanna Jordan Ein Nachruf von Anne Linsel

Seite 59

Der Blaue Reiter ist gefallen

Eugen Egner Der Universums-Stulp von Fritz Gerwinn

Christine Flunkert von Matthias Dohmen

von Friederike Zelesko

Ausstellung Jaume Plensa im Skulpturenpark Waldfrieden

Seite 57

Seite 20

Bilder eines Lebens Pina Bausch von Maya Künzler

Klangart 2014 von Ruth Eising

Lapenta

Ausstellung Oscar Zügel Ihre Bilder werden verbrannt! im Kunstmuseum Solingen

Seite 55

Hausmusik inklusive

Wuppertaler Bühnen "JR" in einer Bühnenfassung von Daniel Diekhans

Drama von Friedrich Schiller von Frank Becker Höhepunkte in Serie

Als die Fotografie farbig wurde 1914 - Welt in Farbe von Rainer K. Wick

Seite 51

Seite 49

Die zweite Wuppertaler Literatur Biennale von Heiner Bontrup

Seite 76

Schwerer Start für Kamioka und Arnold Seite 79 von Klaus Göntzsche Bücher / Kulturnotizen Kulturveranstaltungen in der Region Seite 80

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Karl Kunz im Von der Heydt-Museum 1. April bis 8. Juni 2014 Mit der Ausstellung von Karl Kunz (1905 Augsburg - 1971 Frankfurt a. M.) lädt das Von der Heydt-Museum zur Wiederentdeckung eines herausragenden Einzelgängers der Moderne des 20. Jahrhunderts ein, dessen Name zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist.

Warten, 1963, Öl und Collage auf Hartfaser, 132 x 200 cm, © Familie Kunz

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Nachdem Karl Kunz 1933 von den Nazis als „entarteter“ Künstler verfemt und von der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle entlassen wurde, malte er heimlich in der inneren Emigration weiter. Das Bild Die Schwebenden, 1934 nach der Rückkehr des Künstlers in seine Geburtsstadt Augsburg entstanden, zeigt amorphe Gebilde, aus denen sich Figürliches herauslöst. Hier klingt schon die surreale Mehrdeutigkeit an, die kennzeichnend für sein Schaffen wird. Mit der Darstellung des schwebenden Paares mag er nicht nur seine Sehnsucht nach Glück, sondern auch ein Gefühl von Bedrohung und eine Vorahnung von Unheil zum Ausdruck gebracht haben. In der Folgezeit entwickelte Karl Kunz komplexere Figurenszenen, die in kulissenhafte Raumsituationen eingebettet sind. Verschiedene an Holzfurniere, Bretter und gedrechselte Formen erinnernde Bildelemente tauchen auf. Sie sind angeregt durch die Werk- und Materialwelt des elterlichen Furnierhandels. Das harte Licht im Bild Jongleure (1938) lässt deren Bewegungen wie eingefroren

wirken und erzeugt eine unwirkliche Stimmung, die Assoziationen an die italienische Pittura metafisica weckt. Der Titel des im Kriegsjahr 1942 entstandenen Gemäldes Deutschland erwache! parodiert in zynischer Absicht ein bekanntes Nazi-Zitat. Die aus verschiedenen Zusammenhängen isolierten Bildelemente fügte Karl Kunz zu einer die Realität verfremdenden, surrealistischen Bildkomposition zusammen. Den zur absurden Realität gewordenen Schrecken des Krieges übertrug Karl Kunz in surreal verschlüsselte Bildkompositionen, in denen sich Realität und Imagination, Figürliches und Abstraktes durchdringen. Die männliche Figur in seinem Gemälde Der Schiffbrüchige (1942/1950) geht auf das Foto in einer Zeitschrift zurück, welches eine an den Strand gespülte hölzerne Galionsfigur von einem gesunkenen Schiff des 19. Jahrhunderts zeigt. Bei Karl Kunz symbolisiert sie den durch den Krieg herbeigeführten Verlust menschlicher und kultureller Werte, den Untergang der abendländischen Zivilisation, und


wird damit auch zur Identifikationsfigur für sein eigenes tragisches Schicksal. Die Gestalt begegnet als Schlüsselmotiv seines Schaffens später u. a. in seinem Medea-Triptychon wieder. Häufiger nimmt Karl Kunz Bezug auf die Kunst Picassos, vor allem auf dessen

Bild Guernica; das Vorbild Picassos steht im Hintergrund einzelner Motive und Figurengruppen bei den Gemälden Krieg (1942), Stürzende (1944) und Augsburger Bombennacht (Im Keller) (1945). Die im Januar 1943 gemalte Pomona ist das letzte erhaltene Werk von Karl Kunz

Badende, 1969, Öl auf Hartfaser, 140 x 120 cm, © Familie Kunz

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aus der Zeit vor dem Bombenangriff in der Nacht vom 25./26. Februar 1944 auf Augsburg, bei dem der allergrößte Teil seines Frühwerks zerstört wurde. Stürzende malte er als erstes Bild im Juli 1944, in einer Ruine, in der er sich ein provisorisches Atelier eingerichtet hatte. Das 1946 entstandene Bild Ganymed mag mit der Anspielung auf den antiken Götterliebling Ganymed, der von Zeus auf den Olymp entführt wurde, nicht nur die Hoffnung auf einen Wiederanfang zum Ausdruck bringen, sondern gleichzeitig einen Hinweis auf das Kriegstrauma und die Last der unbewältigten Trauer geben. Aus dem Inferno auferstanden: Karl Kunz als Zeichner Von 1951 bis 1956 arbeitete Karl Kunz an den Zeichnungen für seinen Zyklus Einundsechzig Illustrationen zum Inferno der Göttlichen Komödie des Dante Alighieri, in dem er Dantes Schilderung seiner visionären, von Vergil geleiteten Wanderung durch die Reiche des Jenseits in fantastisch-imaginäre Bildwelten übertrug. Bei den Aktzeichnungen, die er in den 1950er und 1960er Jahren anfertigte, kam es ihm auf das schnelle Zeichnen an, mit dem er seiner Handschrift einen kalligraphischen Schwung gab. Im Mittelpunkt seines zeichnerischen Werkes steht der weibliche Akt, die Auseinandersetzung mit dem Körper, dem Fleisch. Oft bilden die Zeichnungen Vorlagen für seine Gemälde, in denen der Eros immer mehr Bedeutung erhält, verbunden mit der Verkörperung von Freude und Leid, Tod und Vergänglichkeit. Das Fleischliche beschäftigte ihn auch, als er bei seiner Reise nach Paris 1961 Fleisch in den Hallen, Tierkadaver in Form von Rinder- und Schweinehälften zeichnete. Auf dem Friedhof von Montmartre fertigte er Zeichnungen von Grabmälern an, die ebenfalls auf eine intensive Beschäftigung mit der Todesthematik hindeuten. Außerdem zeichnete er im Pariser Quartier Marais Abbruchhäuser, Kreuzigung, 1959, Öl auf Hartfaser, 1 64 x 123,5 cm, © Von der Heydt-Museum

deren Anblick in ihm wohl auch Erinnerungen an die Ruinenlandschaften nach dem Krieg weckte. Die Bauten, die er bei seinen Reisen nach Venedig, Rom und Barcelona zeichnete, repräsentierten für ihn die mit ihrer Architektur verknüpfte Historie, die zwar der Vergangenheit angehört, doch bis in die Gegenwart weiterwirkt. In den Jahren nach 1945 entschied Karl Kunz sich für ein Leben als freischaffender Künstler. Auf der Suche nach neuen künstlerischen Wegen setzte er sich 1946 zum Ziel, das „Mysterium des Lebens“ darzustellen. Sein Gemälde Liebespaar (1948) berührt durch eine an Chagall erinnernde, surreal-poetische Stimmung. Figürliches und Abstraktes vermischen sich, so dass sich verschiedene Realitätsebenen im Bild überlagern und atmosphärisch durchdringen. Die florale Ornamentik im Kleid der Frau erinnert an den farbintensiven und zugleich dekorativen Fauvismus von Matisse. Das Liebespaar gehört zu den Gemälden, mit denen Karl Kunz 1954 an der Biennale in Venedig teilnahm. Die Komposition des Bildes Karneval (1949) spielt mit den neu erfundenen Gestaltungsformen der Moderne, die er in den folgenden Jahren weiter ausprägte. Sie ist auch Resultat seiner vorhergehenden Lehrtätigkeit an der Saarbrücker Kunstschule, auf der er neben den Meisterklassen für Malerei auch Grundlehre unterrichtete und wo er den Schülern die vielfältige Formensprache der modernen Kunst beibrachte. Zu dieser spielerischen Auseinandersetzung zählen u. a. von Picasso übernommene Elemente, wie z. B. das farbige Rautenmuster des Harlekin-Kostüms. Die Maskierung der Commedia-dell‘arteFiguren wirft in ihrer surrealen Rätselhaftigkeit die Frage auf, was sich hinter der menschlichen Maske verbirgt. 1950er Jahre: Entwicklung zu neuer Expressivität Harpyien, 1951 zeitgleich mit der Arbeit an den Inferno-Zeichnungen entstanden, zeigt eine heftig bewegte Szene mit monströsen Figuren. Die Harpyien werden in der griechischen Mythologie als geflügelte weibliche Wesen charakte-

risiert, die die Seelen der Verstorbenen holen und den Menschen Qual und Unheil bringen. Mehr und mehr steigerte sich Karl Kunz nun in eine komplexe, surreal geprägte Bildwelt hinein, in der seine Themen eine archetypische Bedeutung erhalten und Farben und Gegenstände metaphorische Qualität annehmen. Mit subtilen Anspielungen und Bildzitaten (wie u. a. der Bezugnahme auf Arnold Böcklins Toteninsel) fasste er seine Ideen in evokative Formen und Bilder, die ihn als einen Vertreter des modernen Neo-Manierismus ausweisen. So ist seine Expressivität weniger Ausdruck spontaner Gefühle, sondern gedanklich gefiltert durch Reflexion und Meditation über wichtige Fragen und Inhalte des menschlichen Daseins. Zwar bediente er sich auch der Mittel der abstrakten Kunst, grenzte sich jedoch geistig von der Abstraktion ab. Im Mittelpunkt stand für ihn die Auseinandersetzung mit der Realität, für ihn der „Ort des Vollzugs, der Tatort“ des Lebens. Dabei ging es ihm um das innere Leben, unter Berufung auf C. G. Jung um die „dämmrigen und dunklen Räume“ des Unterbewusstseins, die zu durchwandern sind und die er mit seinen Bildern in die „hell erleuchtete Dachkammer“ des Bewusstseins bringen wollte. Diese – schon mit den Inferno-Zeichnungen begonnene – Wanderung ins Reich des Unbewussten, in die Welt der Träume und des Todes, in eine archaische Unterwelt, setzte Karl Kunz in Bildern wie Maschinenstadt (1953), Wolfgangs Schmetterlinge (1954) und Toteninsel (1957) fort. Im Medea-Triptychon (1954) griff Karl Kunz einen der bekanntesten Stoffe der griechischen Mythologie auf: Die mit magischen Fähigkeiten begabte Königstochter Medea verliebt sich in Iason, den Anführer der Argonauten, der mit seiner Heldenschar nach Kolchis an der Ostküste des Schwarzen Meeres gekommen ist, und hilft ihm bei der Erringung des goldenen Vlieses, das er in seine Heimat, nach Iolkos in Thessalien, bringt. Medea und Iason heiraten und bekommen Kinder. Iason zuliebe ersinnt Medea eine List, um seinen Onkel Pelias zu töten,

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worauf sie Iolkos verlassen und nach Korinth ziehen. Dort verstößt Iason Medea, um Kreusa (oder Glauke), die Tochter des Königs Kreon von Korinth, zu heiraten. Aus Rache ermordet Medea Kreon und seine Tochter, der sie ein vergiftetes Gewand zur Hochzeit schenkt, sowie ihre eigenen Kinder. Durch die vom kirchlichen Altar übernommene Bildform des Triptychons betonte Karl Kunz nicht nur die epische Qualität des Mythos, sondern verlieh dem Dargestellten auch einen geradezu sakralen Bedeutungsgehalt. In eine weite Meereslandschaft eingebettet, tritt umso mehr die Dramatik, aber auch die orakelhafte Rätselhaftigkeit und Mehrdeutigkeit des Geschehens hervor. Hinter dem Boot, in dem man sicher die Argo, das Schiff Iasons, erkennen

darf, erhebt sich schemenhaft die schon bekannte Figur des Tragischen bzw. Schiffbrüchigen. Karl Kunz hat die schicksalhaften Aspekte des Medea-Epos auf metaphysischer Ebene verdichtet. Vergleichbar Max Beckmann, der sich in einer Reihe von Bildern und Triptychen ebenfalls mit antiken Mythen bzw. Themen von mythischem Gehalt befasst hat, macht Karl Kunz durch seine Interpretation des Medea-Stoffs die Macht archaischer Gefühle sichtbar. Im Laufe der 1950er Jahre steigert Karl Kunz seine Ausdrucksformen ins Expressive, während in seinem Schaffen gleichzeitig religiöse Themen häufiger auftauchen. Beispielhaft für diese Entwicklung sind seine Bilder

Hure Babylon (1958) und die Kreuzigung (1959). Sein eigentliches Thema ist hierbei das „Fleisch“, die Macht des Eros, die in apokalyptischen Szenen hervortritt und aggressive Züge annimmt. Haus des Schlächters (1960) ist wohl vor dem Hintergrund der Eindrücke von Karl Kunz in den Pariser Hallen entstanden, wo er zu den Zeichnungen der dort aufgehängten Tierkadaver angeregt wurde. Mit dem menschlichen Körper assoziierte Karl Kunz auch leidvolle Vorstellungen von Martyrium, Vergänglichkeit und Tod, die die Sehnsucht nach Erlösung wecken. Die Erotik der weiblichen Akte in der Malerei von Karl Kunz hat dementsprechend stets einen ambivalenten Charakter, wozu auch das Chimä-

Karl Kunz in seinem Atelier in Frankfurt am Main, 1961, fotografiert von Dominique Dumoulin © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

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renhafte (Chimäre: Ungeheuer der griechischen Sage, dort Löwe, Ziege und Schlange in einem) beiträgt. In der Ausgestaltung der erotischen Themen entwickelte er eine ausschweifende Fantasie. Seine Bilder zeigen ein Panoptikum aus barock anmutenden, verschlungenen, gedrechselten und stilisierten Formen; menschliche Körper sind oft nur auf Gliedmaßen oder Torsi reduziert, was ihre fetischhafte Bedeutung unterstreicht. Auch schnecken-, larven- und faunhafte Mischwesen treten in diesem fantastischen Bildkosmos auf. Auffällig bei Tanz der Chimären II (1966) ist der weiße Grund, dem die Figuren einbeschrieben sind. In der Farbsymbolik von Karl Kunz kommt dem Weiß eine besondere Bedeutung zu: Es repräsentiert für ihn das „Nichts“ und ist „der helle, bewusste Tod“: „auf diesem Grund des Todes stehen meine Farben, das Leben…“ Frühe 1960er Jahre: Surrealismus und konstruktive Tendenzen Die Bilder von Karl Kunz sind, auch wenn sie sehr expressiv wirken, nicht in einem spontanen Malakt hervorgebracht. Das Expressive seiner Malerei geht in erster Linie darauf zurück, dass sie oftmals bis zum Rand mit Gegenständen, Formen, Kalligraphien und Strukturen gefüllt sind. Diese Gestaltung verlangte von Karl Kunz Formdisziplin durch „eine ausgeklügelte Ökonomie und ein eisernes Gerüst“. Konstruktive Gliederungen finden sich zwar andeutungsweise schon in seinen früheren Bildern; noch deutlicher tritt das Gliederungsprinzip aber in seinen Bildern ab Anfang der 1960er Jahre hervor. Hierbei spielen architektonische Bildelemente, die zugleich als Bedeutungsträger fungieren, eine Rolle. Orte der Wirklichkeit und Orte der Vorstellung können, wie in Haus des Schlächters (1960), metaphorisch verknüpft sein. Eine solche Bildmetapher stellt wohl auch der Palast in dem Gemälde Apoll im Palast (1960) dar. Eine weibliche Gestalt mit sphinxhaftem Ausdruck erwartet den eintretenden Apoll, der in der antiken Mythologie als der Gott des Lichtes

erscheint; eine geheimnisvolle Situation ist angedeutet, deren Ausgang offen bleibt. Der Palast mag die äußere Fassade kennzeichnen, hinter der sich Unbekanntes oder Abgründiges verbirgt. Die bröckelnde Palastfassade in Warten (Mai 1963) suggeriert den Glanz und Luxus vergangener Zeiten und eine Atmosphäre von Sehnsucht und Morbidität. Beide Werke zeichnen sich durch eine beruhigtere Gliederung, eine zum Monochromen tendierende Farbigkeit sowie eine gestische Malweise und eine daraus resultierende sensitive Ästhetik aus. Man darf diese Bilder wohl in Zusammenhang mit Reflexionen des Künstlers über sein bewegtes Leben betrachten, sah er sich selbst doch als einen „Mann, der wie ein Spürhund durch dieses Leben streift, durch die Prachtstraßen der Großstädte und durch die dunkelsten Gassen, immer bereit zum Abenteuer und immer bereit, sich vom Schönen und Reinen zu Tränen rühren zu lassen.“ Das Leben – ein Irrenhaus: Annäherungen an die Pop-Art Im Laufe der 1960er Jahre halten Ironie und eine gewisse Aggressivität, wohl auch als Reaktion auf seine Vereinsamung und die Leiden des Alters, Einzug in das Schaffen von Karl Kunz. Zwar war Karl Kunz mit der kombinatorischen Bildtechnik, wie die Pop-Art sie verwandte, schon durch den Surrealismus vertraut, doch übernahm er nun ihre von den Medien geprägte Bildsprache, was sich in seinem ironischen Umgang mit bestimmten Aspekten der Konsumwelt zeigt. So kombinierte er in dem Bild Dem Wahren Schönen Guten (1963) mittels der Collage-Technik Motive mit hoher Bedeutung, u. a. Fotografien von der Ruine der Alten Oper in Frankfurt am Main, mit banalen Motiven, Magazinfotos von nackten Frauen und Athleten.

Seine Bilder kommentierte er 1965: „Kurz am explodieren. Insofern sind sie immer noch gesund, wenn auch die Themen immer scheußlicher werden. Aber das Leben führt mir keine Idyllen zu, sondern ein Irrenhaus – in dem auch ich meine Rolle zu spielen habe – und versuche diesem Irrenhaus, dieser Unwirklichkeit ein Bild zu geben.“ Auffällig bei seinen letzten Werken, dem Bild der Badenden (1969), dessen Motiv sich von einem Titelbild der satirischen Wochenzeitschrift Simplicissimus (erschienen 1896-1944) ableitet, und dem stilistisch der Pop-Art nahestehenden Stillleben (1970), ist die plakative Farbigkeit des Rot-BlauKontrastes; sie verleiht der betonten, sogar fetischhaft inszenierten Erotik dieser Darstellungen zwar eine extreme Signalwirkung, verkehrt sie dadurch aber auch ins Absurde.

Von der Heydt-Museum Turmhof 8, 42103 Wuppertal Telefon 0202-563-6231 Öffnungszeiten: Di – So 11 – 18 Uhr Do von 11 bis 20 Uhr geöffnet. www.von-der-heydt-museum.de

Seine Werke Der bedrohte Harlekin und Rasende Chimäre (beide 1964) zeigen Figuren, die Angst und Schrecken ausdrücken. Mit erbarmungsloser Härte und bissigem Spott sind geistige und körperliche Verfallszustände seziert.

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Wieviel Tränen hat ein Mensch? Wieviel Angst kann man ertragen? Jussi Adler-Olsens Thriller „Erbarmen“ in einer Bearbeitung für das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel Inszenierung: Lothar Maninger Buch: Sabrina Ullrich Ausstattung: Anna Kirschstein Dramaturgie: Christian Scholze Besetzung: Guido Thurk (Vize-Kommissar Carl Mørck) Bülent Özdil (Hafez el-Assad) Julia Gutjar (Merete Lynggaard) Thomas Zimmer (Lasse Jensen / Jonas Hess) Vesna Buljevic (Ulla Jensen) Burghard Braun (Marcus Jacobsen / Heimleiter Rasmussen) Sophie Schmidt (Lis / Sos Norup) Thomas Tiberius Meikl (Pelle Hyttested / Lars Björn) Felix Sommer (Tage Baggesen)

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Eine Begegnung mit der dunklen Seite Keine Lektüre für ungeduldige Leser mit schwachen Nerven, kein flotter Krimi mit smarten Detektiven, die alles locker im Griff haben, keine seichte NachmittagsLektüre für „nebenher“ ist die Vorlage zu diesem packenden Theaterstück: Jussi Adler-Olsens Thriller „Erbarmen“, ein Roman, dessen Sog den Leser unaufhaltsam in die mehrschichtige Handlung hineinzieht, fesselt, mit dem Grauen in Gestalt menschlicher Erbarmungslosigkeit konfrontiert und nicht losläßt, bis man das Buch nach Seite 417 atemlos aus der Hand legt. Brillante Unterhaltung zum einen, durch die Wahl des Sujets aber auch die Begegnung mit der dunklen Seite. Wäre es ein Film, würde man sich vermutlich an die Sessellehnen klammern, bis die Fingerknöchel weiß werden. Nun wurde das Buch in der Bearbeitung von Sabrina Ullrich zum Bühnenstück. „Geht nicht!“ ist der spontane Gedanke zu diesem gewagten Unterfangen. Dann Neugier: ob es wohl doch geht? Schließlich nach dem Abend im Velberter Forum

Niederberg ein „Chapeau“ für Lothar Maninger und sein Ensemble des Westfälischen Landestheaters, die es tatsächlich geschafft haben, in ihrer Uraufführung die Spannung auf die Bühne zu übertragen und ein Kompliment an Anna Kirschstein, die dazu die beeindruckend funktionale Bühne gebaut hat. Beachtliche Bühnenfassung Karl Mørck, Mordermittler der Kripo Kopenhagen, ist durch das traumatische Erlebnis einer Schießerei, das einen Kollegen das Leben kostete und einen anderen gelähmt ans Bett fesselt, ein unbequemer, schwer zu führender Kollege geworden. Seiner Verdienste wegen wollen und können ihn seine Vorgesetzten (sympathisch: Burghard Braun als Marcus Jacobsen) nicht entlassen oder maßregeln, also wird er „befördert“ - zum Leiter des neu ins Leben gerufenen Dezernats Q, das alte ungelöste Fälle von öffentlichem Interesse wieder aufnehmen soll. Mit Guido Thurk, auf den ersten Blick vom Typ her falsch besetzt, hat Maninger dennoch


einen passenden wortkargen Mørck gefunden. Das „Dezernat“ im Keller des Polizeigebäudes allerdings besteht nur aus Mørck selbst und einem Bürohelfer, dem libanesischen Immigranten Hafez el-Assad. Der entwickelt sich schnell zum unverzichtbaren alter ego des eigenwilligen und sturen Vize-Kommissars Mørck. Bülent Özdil erweist sich als schlitzohrige hocheffektive Idealbesetzung und wird neben Julia Gutjahr (großartig und tief bewegend als Merete Lyngaard) die zweite tragende Säule der Inszenierung. Gemeinsam mit der Bürokraft Lis, die nicht im Geringsten der Figur der Romanvorlage entspricht (auch personell und akustisch eine glatte Fehlbesetzung: Sophie Schmidt) öffnen sie die abgelegten Akten zum Fall der Folketing-Abgeordneten Merete Lyngaard, die fünf Jahre zuvor spurlos von der Fähre Rødby/Puttgarden verschwunden war. Die Spuren führen in den Norden Sjællands, wo sich zwischen Kopenhagen und Tisvildeleje ein nervenzehrendes Drama abspielt - und die Zeit läuft unerbittlich ab.

Nichts für schwache Nerven Der Theaterzuschauer hat dem Leser gegenüber sogar den Vorteil, zeitlich verdichtet alle Handlungsebenen bis in die Vergangenheit hinein nebeneinander mit dem Hier und Jetzt auf der nahezu leeren, dennoch alles erzählenden Bühne von Anna Kirschstein zu erleben. Merete Lyngaard, die keineswegs tot ist, sondern seit ihrem Verschwinden, das eine Entführung war, in der Gewalt von Leuten, die sie unter grausamsten und erniedrigendsten Umständen in einem völlig isolierten Raum gefangen halten. Das Motiv dafür ist Rache, doch wird Merete das erst nach fünf Jahren Angst, Tränen, Verzweiflung, Entwürdigung erfahren. Und damit scheint auch ihr Ende gekommen. Man erlebt sowohl ihren Kampf gegen die erbarmungslose seelische Vernichtung mit, wie parallel dazu die zähen Ermittlungen Mørcks und Assads, die gegen Widerstände einen Vorgang aufdecken, der die Kälte menschlicher Niedrigkeit bis ins Mark dringen läßt. Die ungeheure Spannung, die Jussi Adler-Olsen aufge-

baut hat, wurde auf hohem Niveau und mit menschlichem Mit-Leiden kongenial auf die Bühne übertragen. Spannung auf hohem Niveau Bis zur wörtlich letzten Seite kann AdlerOlsen die Spannung halten. Es wäre ein Sakrileg, hier mehr dazu zu sagen. Mit den Figuren Mørcks und Assads hat Adler-Olsen ein Gespann geschaffen, das noch für viele neue Fälle gut ist (einige weitere hat der Autor bereits geschrieben). Bei aller Härte des Stoffes läßt AdlerOlsen auch grimmigen Humor durchschimmern und zeichnet die Charaktere seiner Figuren und ihr persönliches Umfeld nachvollziehbar. Ein Thriller der Güteklasse A! Frank Becker Fotos: Volker Beushausen Weitere Informationen: http://westfaelisches-landestheater.de

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Als die Fotografie farbig wurde „1914 – Welt in Farbe“ von Rainer K. Wick

Stéphane Passet, Paris, Familie in der rue du Pot de fer, 24.6.1914

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Schon seit geraumer Zeit haben der Medienhype und die musealen Aktivitäten anläßlich des Gedenkens an den Ausbruch des 1. Weltkriegs im August vor hundert Jahren den Charakter einer ungebremsten Flutwelle angenommen. Von allen Seiten glaubt man, den Donner der Geschütze zu hören und das tödliche Gas einzuatmen – das Grauen scheint allgegenwärtig. Wie die Künstler auf die

Kriegsereignisse reagierten, sofern sie nicht früh gefallen waren, war das Thema der breit angelegten Ausstellung „1914. Die Avantgarden im Kampf“ in der Bundeskunsthalle in Bonn. Von alldem noch unberührt präsentierte sich eine andere, im Bonner LVR-Landesmuseum gerade zu Ende gegangene Ausstellung, die ebenfalls mit dem Datum 1914 operiert, sich aber auf die Zeit davor bezieht. Ihr Titel:


„1914 – Welt in Farbe. Farbfotografie vor dem Krieg“, die demnächst im MartinGropius-Bau in Berlin zu sehen sein wird (1. 8. bis 2. 11. 2014) Überraschendes aus der Frühzeit der Farbfotografie Wer bisher glaubte, das fotografische Bild der Welt vor dem ersten großen

Stéphane Passet, Istanbul, Armenische Frauen und Mädchen, September 1912

Auguste Leon, Krusevac, Serbien, Geflügelverkäuferinnen auf dem Markt, 29. 4. 1913 Krieg sei ein rein Schwarz-Weißes gewesen, wird hier eines Besseren belehrt. Tatsächlich stand das Bemühen um fotografische Bilder in Farbe schon früh auf der Agenda der Fotopioniere. Kurz nach 1900 gelang dem auch als Erfinder des Blitzlichtpulvers bekannten Fotografen Adolf Miethe die sog. panchromatische Sensibilisierung, die die tonwertrichtige Darstellung der Farben ermöglichte. Wenig später entwickelten in Frankreich die Brüder Lumière ein eigenes Verfahren zur Herstellung von Autochromdiapositiven, doch bis pro-

duktreife und für den Massengebrauch taugliche Farbfilme verfügbar waren, vergingen noch drei Jahrzehnte. Agfa brachte in den 1930er Jahren unter dem Namen „Agfacolor“ die ersten Roll- und Kleinbildfilme für die Farbfotografie auf den Markt und warb schon 1932 mit dem Slogan „Jeder kann sofort farbig photographieren!“, Kodak führte 1935 Farbdiafilme der Kodachrome-Serie ein und lieferte sich mit Agfa einen harten Konkurrenzkampf. Seither ist die Farbfotografie eine kulturelle Selbstverständlichkeit, vor 1914 war sie jedoch ein

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Stéphane Passet, Bombay, Mann mit rotem Turban, 16.12.1913 absolutes Ausnahmephänomen. Überraschendes Material aus der Frühzeit der Farbfotografie haben nun der Kunstwissenschaftler und Museumsmann Thomas Schleper und der Fotohistoriker und -theoretiker Rolf Sachsse und deren Co-Kuratoren zusammengetragen – Bildmaterial, das Einblicke in eine Welt gewährt, die uns fern und nah zugleich ist. Fern, wo uns längst verstorbene Menschen aus fremden Ländern in Kleidern anschauen, die heute nur noch bei Folkloreabenden getragen werden, nah, wo Orte abgelichtet wurden, die dem Betrachter seinerzeit zwar als fremdartig erscheinen mußten, die mittlerweile aber zum Standardprogramm des modernen Massentourismus gehören – von der Cheopspyramide im ägyptischen Gizeh über die Sülemaniye-Moschee in Istanbul bis zum Taj Mahal im indischen Agra. Interessanter als die Aufnahmen dieser bedeutenden Monumente der Menschheitsgeschichte ist zum Beispiel ein Farbfoto der Place de la Bourse in Paris vom 5. Juni 1914. Denn es zeigt

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Aguste Léon, Korfu, Drei Frauen in traditioneller Kleidung, 1913

den menschenleeren Platz so, wie wir ihn nie mehr sehen werden, nämlich zeittypisch mit großflächiger Fassadenreklame und grellbunter Plakatwerbung, die das Konsumangebot der Franzosen vor hundert Jahren dokumentiert. Von der nahenden „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts ist auf diesem nicht einmal zwei Monate vor Kriegsbeginn aufgenommenen Foto nichts zu erahnen. Faszinierend sind vor allem jene farbigen Fotos, die die damaligen Menschen in ihren Lebenszusammenhängen zeigen und als Bausteine zu einer visuellen Soziologie und Ethnologie der Zeit vor mehr als hundert Jahren gelesen werden können. Diese Bilder zeigen Frauen, Männer und Kinder meist in Frontalansicht und, bedingt durch die langen Belichtungszeiten, oft wie für die Ewigkeit eingefroren. Die Friedensmission des Albert Kahn Dieses fotografische Material ist auf ausgedehnten Reisen durch Europa, Asi-

en und Afrika entstanden und stammt aus unterschiedlichen Kontexten. So verdankt sich ein Teil der Farbfotos dem Auftrag von Zar Nikolaus II., der in dokumentarischer Absicht Bilder des riesigen Russischen Reiches anfertigen ließ. Das Gros der Fotos resultiert aber aus einem überaus ambitionierten Großprojekt des aus dem Elsaß stammenden jüdischen Bankiers Albert Kahn (18601940). In den Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs beauftragte er mehrere Berufsfotografen, ein enzyklopädisches, Länder und Kontinente überspannendes fotografisches „Weltbildarchiv“ (Sachsse) zu erstellen, das sich in der Rückschau nicht als Bildgeschichte der „großen Persönlichkeiten“ und der herausragenden Ereignisse darstellt, sondern als „Geschichte von unten“. So wurden im Laufe von zwei Jahrzehnten ca. 70.000 Farbbilder – übrigens meist von erstaunlicher technischer Qualität – zusammengetragen, in deren Mittelpunkt das anonyme Individuum in seiner alltäglichen Umgebung stand. Man würde


diese gigantische Sammlung gründlich mißverstehen, wenn man sie als Ausdruck einer kulturimperialistischen Weltaneignungsstrategie deuten würde. Auch war das Motiv für die Gründung und den Ausbau dieser privaten Archives de la planète, dieses globalen Bildarchivs, nicht in erster Linie Neugier oder Wissensdurst seines Initiators, auch nicht die romantische Faszination des Exotischen. Zentral war vielmehr Kahns Überzeugung, daß die Kenntnis aller Völker und die Einsicht in deren kulturelle Vielfalt die maßgebliche Voraussetzung für ein tolerantes und friedliches Miteinander aller Menschen sei. Dass dieses philanthropische Anliegen, diese humanistische Utopie, diese Friedensmission schon bald, 1914, an der grauenvollen Realität des Krieges zerschellen sollte, hielt Kahn nicht davon ab, dieses – wenn man so will pädagogische – Projekt nach 1918 fortzuführen. Noch 1932 schrieb er nicht ohne optimistischen Unterton: „Les Archives de la planète ermöglichen es uns, die Vergangenheit

und die Gegenwart ganz nach Belieben abzurufen und auf diese Weise Orte und Ereignisse in unterschiedlicher Hinsicht zu befragen. So mögen die inzwischen zwar verschwundenen, jedoch im Archiv erhalten gebliebenen Zeugen auch weiterhin überall die Lehren verbreiten, die aus diesen lebendigen Bildern der sich weiter entwickelnden Geschichte gezogen werden können.“ Wer sich intensiver mit der farbigen Bildwelt der Zeit vor hundert Jahren beschäftigen möchte, dem sei nachdrücklich das im Hatje Cantz-Verlag erschienene Katalogbuch mit zahlreichen ganzseitigen Farbabbildungen und Textbeiträgen der Kuratoren empfohlen. Alle Fotos: Katalog

1914 – Welt in Farbe. Farbfotografie vor dem Krieg 1. 8. bis 2. 11. 2014 im Martin-GropiusBau in Berlin Katalogbuch an der Museumskasse 19,80 E Buchhandelspreis 24,80 E

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Hauptsache, das Geld ist da ! „JR“ Nach dem Roman von William Gaddis. Aus dem amerikanischen Englisch von Marcus Ingendaay und Klaus Modick in einer Fassung von Tom Peuckert Inszenierung: Marcus Lobbes Bühne und Kostüme: Pia Maria Mackert Video: Michael Deeg Licht: Fredy Deisenroth Fotos: Tom Buber Besetzung: JR Vansant (Andreas Helgi Schmid) Emily Joubert (Hanna Werth) Edward Bast (Thomas Braus) Jack Gibbs (Markus Haase) Rhoda (Julia Wolff) – Smokey Bear (Christoph Schüchner) – David Davidoff, Geschäftsmann, JRs Manager, JRs Anwalt (Heisam Abbas) – Geschäftsmänner, USMarshalls, Beobachter (Jacob Walser und Marco Wohlwend)

v.l.n.r. Andreas Helgi Schmid, Christoph Schüchner

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Der Blick hinter Business-Kulissen: Romanadaption „JR“ im Wuppertaler Opernhaus JR kann einem leid tun. Wer nimmt ihn schon ernst? Als Geschäftsmann. Und überhaupt. Einen elfjährigen Rotzlöffel mit Strubbelhaaren und klobiger Brille. Einen Jungen mit unmöglichen Klamotten und ebensolchem Benehmen. JR weiß selbst am besten, dass er sich nirgendwo blicken lassen kann. Deshalb braucht er ein Telefon. „Da kennt dich keiner. Da sieht dich keiner. Du kannst auf dem Klo wohnen. Interessiert keinen.“ Vom Telefon aus startet er sein Business. Schritt für Schritt baut er ein international agierendes Wirtschaftsimperium auf. Das geht lange gut. Bis schließlich das Gewirr aus Ramschpapieren und Schrottfirmen nicht nur den Urheber JR, sondern das gesamte Wirtschaftssystem in den Abgrund zu reißen droht. William Gaddis’ „JR“, 1975 erschienen, ist ein Schlüsselroman der amerikanischen Literatur. Auf über tausend Seiten zieht der Text zu Felde gegen die Auswüchse von freiem Unternehmertum

und Finanzkapitalismus. Eine Satire, die spätestens mit der Bankenkrise 2008 erschreckende Aktualität gewonnen hat. Der Leipziger Autor Tom Peuckert ging das Wagnis ein, Gaddis’ Wälzer für das deutschsprachige Theater zu bearbeiten. In dieser Spielfassung brachte Marcus Lobbes „JR“ auf die Bühne des Wuppertaler Opernhauses. Dort feierte das Stück am vergangenen Freitag Premiere. Eine besondere Perspektive Schon Bearbeiter Peuckert konzentrierte das polyphone Stimmengeflecht des Romans auf ein gutes Dutzend Figuren, die sich um die Hauptfigur JR gruppieren. Regisseur Lobbes arbeitet mit einem neunköpfigen Ensemble, das sich zu Beginn in Siebziger-Jahre-Klamotten vor Bildern der New Yorker Skyline produziert. Eine ungewöhnliche Perspektive muß dabei das Publikum einnehmen. Bei „JR“ nämlich sitzt man nicht wie gewohnt im samtroten Parkett, sondern blickt von der Hinterbühne aus auf die Handlung, die in kurzweiligen hundert Minuten abläuft. Das Opernhaus bildet die natürliche Kulisse. Aktienkurse laufen über die Panorma-


leinwand, wenn die eigentliche Handlung einsetzt. Bei einem Klassenausflug an die New Yorker Wall Street trifft Rotzlöffel JR den gewieften Broker David Davidoff, der ihm die ersten Börsen-Lektionen erteilt. Zwei verwandte Seelen begegnen sich. Von da an gibt es für den Businessman in spe kein Halten mehr. Der junge Andreas Helgi Schmid spielt die Titelfigur mit einer fast manischen Energie. Sein JR ist immer auf dem Sprung. Von einem Kinderschreibtisch aus bringt er eine Geschäftsidee nach der anderen unter die Leute, hämmert auf eine Schreibmaschine ein, greift zum Mobiltelefon. Das Spotlight ist von Anfang an auf ihn gerichtet. Die übrigen Figuren agieren lange als Schattenbilder, üben sich in eitlen Posen oder bedeutungsvollen Gesten. Ins Licht treten sie erst, wenn sie Teil von JRs unheimlicher Erfolgsstory werden. Jeder bekommt seinen großen Monolog. Alle tragen ihren Teil zum Gelingen des Ganzen bei. So etwa Hanna Werth als JRs Lehrerin Emily Joubert, die als erste JRs tiefen Fall vorausahnt. So auch die Künstlerfiguren – der Komponist Edward Bast (Thomas Braus) und der Schriftsteller

Jack Gibbs (Markus Haase). Den einen degradiert er zu seinem Strohmann, den anderen zu seinem Biographen. Auf der verzweifelten Suche nach Liebe oszilliert das abgehalfterte Model Rhoda (Julia Wolff) zwischen beiden Männern hin und her. Da ist das namenlose Fußvolk der Geschäftsmänner, verkörpert von Heisam Abbas, Jakob Walser und Marco Wohlwend. Und da ist Christoph Schüchner – der zweite Ensemblegast neben Schmid – als „American Native“ Smokey Bear. „Wann werdet ihr endlich verstehen, dass man Geld nicht essen kann?“ Seine mahnenden Worte verhallen ungehört. Und dann ist nicht einmal mehr Geld da. Von New York nach Wuppertal In einer Schlüsselszene der Inszenierung schmeißen die Broker, beflügelt von JRs Erfolgen, mit Geldscheinen nur so um sich. Der ganze Bühnenboden ist schließlich damit übersät. Der Niedergang von JRs Imperium beginnt. „Hauptsache, Geld ist da!“ lautete sein Wahlspruch. Jetzt soll er 30 Millionen Dollar zurückzahlen. Was er nicht kann. „Wir schieben nur Aktien hin und her!“ beteuern die Broker. In aller

Ruhe nehmen Bühnenarbeiter die Bühne auseinander und tragen sie Stück für Stück davon. New York scheint sich immer mehr in Wuppertal zu verwandeln. Die Schwebebahn fährt durch amerikanische Vorstädte. Verrottende Fabriken erscheinen auf der Leinwand. Die Bayer-Werke. Das geschlossene Schauspielhaus. Die Leinwand selbst wird eingerollt. Jetzt ist der Blick aufs Opernhaus gänzlich frei. Die Schauspieler, die ihren Part gespielt haben, setzen sich ins Parkett. Aufmerksam beobachten sie das Finale. Für JR ist noch längst nicht Schluß. Da ist noch einmal dieses irre Flackern in den Augen von Andreas Helgi Schmid. Man ahnt: JR brütet wieder eine neue Idee aus. Langsam senkt sich der Vorhang über Marcus Lobbes’ denkwürdiger Inszenierung. Dieser JR kann einem wirklich leid tun Daniel Diekhans www.wuppertaler-buehnen.de

vorne: Heisam Abbas / hinten: v.l.n.r. Marco Wohlwend, Markus Haase, Jakob Walser

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Ihre Bilder werden verbrannt ! Oscar Zügel und sein Werk Ausstellung noch bis 18. 5. 2014 im Kunstmuseum Solingen

Oscar Zügel studierte bei Bernard Pankok, dann Christian Ladenberger, Adolf Hölzel und Heinrich Altherr an der Stuttgarter Kunstakademie. Altherr war Gründer der Stuttgarter Sezession, ermöglichte Zügel dort erste Ausstellungen. Freundschaften pflegte er mit Josef und Anni Albers, Willi und Margret Baumeister, Paul und Felix Klee und Oscar Schlemmer. Man traf sich in Stuttgarts Café im Stadtgarten oder verbrachte gemeinsame Urlaube. Die sachliche Analyse der menschlichen Figur, auch mittels Fotografie, führte Oscar Zügel über die Neue Sachlichkeit konsequenterweise zu kubistischen Ansätzen. Die geometrischen Versatzstücke ermöglichen ihm dabei auch, kritische Bemerkungen in Form reduzierter Zeichen und Symbole einzufügen. So versieht er in einem Porträt die Umgebung der Gattin eines Brauereibesitzers, in dessen Räumen auch Hitler und Göbbels redeten, mit einem Schachbrett für den Größenwahn der Schicksalslenkung, mit einem stilisierten Bierkrug als Kopf – für die Borniertheit und einem Bild mit Klistierspritze im Hintergrund – als empfohlene Heilungsmethode für die Dargestellte. Damit ist Zügel einer der ganz wenigen Künstler, die auch in der zunehmenden Abstraktion zeitkritisch sein können. Oscar Zügels nächster künstlerischer Schritt führt unter anderem mit Hilfe futuristischer Elemente von der Statuarik zur Integration der Bewegung ins Bild. Ein solches nennt er „Mouvement“, das Bild ist Teil der Serie „Genotzüchtigte Kunst“. Zügels Abstraktion schreitet weiter voran, indem er zunehmen auf Umrisslinien reduziert. Ähnliche Entwicklungen gibt es bei Willi Baumeister, Pablo Picasso, Hans Arp und Max Ernst. Ein Besuch 1931 bei Fernand Léger bestärkt ihn darin und lässt ihn vermehrt mit SchwarzWeiß-Kontrasten und wenigen größeren homogenen Farbflächen arbeiten.

Frau Direktor, zwischen 1929 und 1931, Öl auf Leinwand, Oscar Zügel-Archiv Balingen

Das Schachbrett erhält auch der „Propagandaminister“ als Attribut, zudem zwei Geschlechtsteile – galt er doch als „Bock von Babelsberg“, der die Schauspielerinnen der UFA nötigte. Das Bild „Propagandaminister“ entstand 1933, in jenem Jahr, in dem auch der Propagandafeldzug gegen „entartete“ Kunst begann.

Diesem Bild und vielen anderen in dieser Ausstellung des Kunstmuseums Solingen widerfuhr eine unvergleichliche Geschichte: Die Gemälde wurden 1934 anlässlich einer Razzia im Atelier Zügels in Stuttgart als „degeneriert“ beschlagnahmt. Man sagte ihm, sie würden auf dem Hof der Stuttgarter Staatsgalerie verbrannt. Oscar Zügel war nicht nur aufgrund seiner Kunst ins Visier der neuen Machthaber geraten. Er war z.B. an der Ausstellung „Zeichen und Bilder“ im Essener Folkwang Museum beteiligt, die bereits am 5. März 1933 wegen des Vorwurfs geschlossen wurde, degenerierte Kunst zu zeigen. Darüber hinaus war Zügel für die Nazis ein unliebsamer Zeitgenosse, da er zum Kreis der kritischen Intelligenz Stuttgarts zählte, zu dem auch Juden gehörten. Als er im Stuttgarter Polizeipräsidium einen toten jüdischen Freund identifizieren soll, dessen Körper übel zugerichtet war, eröffnet man ihm dort, dass der Tote auf einer Schwarzen Liste stand, verkündet ihm: „Und Sie stehen auch darauf, Herr Zügel, unter Z“! Zügel fasst sofort den Entschluss zur Flucht. Zuvor malt er noch 1934 ein Vermächtnis: Das Bild hat die Titel „Schicksalsbild“, „Sieg der Gerechtigkeit“, „Untergang des Unsterns Hitler“ und „Zerstörung Stuttgarts“. Damit hätte es 2008 gut in die Berliner Ausstellung „Kassandra“ gepasst. Zügel nimmt das Bild zusammengerollt mit ins Exil nach Spanien. Aus den Kreisen um Henri Matisse erfährt er, dass es im spanischen Tossa de Mar eine Künstlerkolonie gibt, zu der Henri Bataille, Marc Chagall, Georges Duthuis, Rudolf Levy, André Masson, Jean Metzinger gehören. 1934 wählt Oscar Zügel dieses Exil. Sein Freund Fred Uhlmann, der später den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, der Berliner Sezessionist Eugen Spiro und einige andere Bedrängte folgen ihm. Zügel findet wider Erwarten dort gute Arbeitsbedingungen vor und verkauft zu seinem Erstaunen sogar Bilder.

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Marathonläufer, 1934, Öl auf Leinwand, Oscar Zügel-Archiv Balingen,

Als die Faschisten, unterstützt durch die Franco-Hitler-Allianz, im spanischen Bürgerkrieg siegen, geht Zügel 1937 nach Argentinien. Sein „Schicksalsbild“ von 1934 nimmt er zusammengerollt mit. Am 27.10. 1937 schreibt er: „Ich wollte, Spanien wäre bald für mich wieder offen, ich wollte, wünschte mir nichts sehnlicher, als dass ich zu meinem Haus, meinem Garten und zu meinen Arbeiten zurückkehren könnte. Aus Tossa kommen immer noch tröstliche Nachrichten. Die gute Nancy hat einen Tossa – Roman geschrieben, in dem ich so eine Art Heldenrolle spielen soll.“ (Nancy Johnstone: Hotel in Flight, London 1939) In Argentinien bleibt der Künstler mit seiner Familie bis 1950. Im Mittelamerika trifft er Hanni und Josef Albers, die einige seiner Bilder ins Exil in die USA gerettet hatten und ihm diese Bilder nun zurückgeben. Auch diese sind in der Ausstellung zu sehen. Zügel entwickelt zunehmend expressive Bilder, deren zeitgenössische Thematik er mit Elementen der griechischen Mythologie verbindet. Zunehmend drangsaliert durch die zur Herrschaft gekommenen Peronisten sieht Zügel sich gezwungen, nach Europa zurückzukehren. 1951 sieht man Bilder von Oscar Zügel in Florenz im Palazzo Strozzi . Zusammen mit Werken von Marc Chagall, Max Ernst, Fernand Leger, Henri Matisse und Pablo Picasso, von Kurt Schwitters und Willi Baumeister. Im gleichen Jahr ereignet sich etwas gänzlich Unerwartetes: Nach einem Besuch beim Direktor der Stuttgarter Staatsgalerie begegnet Zügel dort einem Hausmeister, der ihm sagt, dass im Heizungskeller drei Kisten mit seinen Bildern lagern, die man bei der Verbrennungsaktion übersehen hätte. In Wahrheit hatte eine Museumsmitarbeiterin die Kisten verstecken lassen. Zum Vorschein kam ein erheblicher Teil jener Bilder, die 1934 in seinem Atelier konfisziert wurden und die jetzt nur im Kunstmuseum Solingen zu sehen sind. Rolf Jessewitsch

Ein Katalog wird im Museumsshop angeboten, Audioguides führen durch die Ausstellung.

Der Propagandaminister, 1933, Öl/Leinwand, Bürgerstiftung für verfemte Künste mit der Sammlung Gerhard Schneider, Solingen

Kunstmuseum Solingen Wuppertaler Straße 160, 42653 Solingen, Telefon 0212 258140, www.kunstmuseum-solingen.de

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Bilder eines Lebens Wie aus einer zappeligen Wirtstochter eine große Choreografin wurde: Ein prächtiges Buch würdigt die vor fünf Jahren verstorbene Pina Bausch.

Farbfotos: Andreas Fischer

Pina Bausch genießt Weltruf. Sie ist eine der bedeutendsten Choreografinnen überhaupt und hat eine ganze Generation von Tanz- und Theaterschaffenden geprägt. Ihr Name ist aufs engste mit dem Tanztheater Wuppertal verbunden, dessen Leitung sie vor genau vierzig Jahren übernommen hat. Damals lag ihr das Publikum noch nicht zu Füssen, ganz im Gegenteil. 1978 kam es bei einer Premiere zu massiven Pöbeleien, und ein Kritiker empfahl den Zuschauern damals: «Die Musik ist sehr schön. Sie können ja die Augen schliessen.» Dies und vieles andere ist in Anne Linsels Buch «Pina Bausch – Bilder eines Lebens» nachzulesen. Die in Wuppertal geborene Autorin hat als Journalistin die Arbeit der Choreografin und des Tanztheaters über Dezennien nah mitverfolgt. Fürs Fernsehen realisierte sie mehrere Filme und führte auch Regie im Dokumentarfilm «Tanzträume. Jugendliche tanzen ‚Kontakthof‘ von Pina Bausch». In zehn Kapiteln spannt Linsel den Bogen von der Kindheit der charismatischen Künstlerin bis zu deren Tod 2009. Sie schildert die schwierigen Anfangszeiten bis hin zum grossen Durchbruch und Erfolg; hin und wieder erfährt man auch Persönliches. Den Studienjahren bei «Papa» Kurt Jooss und in New York gibt die Autorin grösseres Gewicht. Dem langjährigen Bühnenbildner Peter Pabst und der Kostümbildnerin Marion Cito werden als wichtige Wegbegleiter je ein eigenes Kapitel gewidmet. Es ist ein erster und ein gelungener Versuch post mortem, dieses ungewöhnliche, arbeitsreiche Künstlerleben in der Totale zu fassen. Die einge-

streuten Originalzitate machen das Lesen zusätzlich lebendig. Schade nur, dass die Autorin deren Quelle nicht nennt. Zwischen den Seiten finden sich zahllose Fotos in Farbe und in Schwarz-Weiss. Immer wieder Pina Bausch, als junge ausdrucksstarke Tänzerin oder als gereifte, preisgekrönte Choreografin, in Porträts und Proben – mit ihrem unvergleichlichen geheimnisvollen Lächeln und nie ohne den unverzichtbaren Glimmstängel zwischen den Fingern. Wenige Fotos zeigen Bausch auch abgekämpft und übermüdet – sie pflegte bis zur Selbstaufgabe zu arbeiten. Als junge Frau in New York brachte sie sich in die Nähe der

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Magersucht, ohne es selbst zu merken. Da sie sparen musste, ernährte sie sich nur von Eis, vermischt mit Buttermilch und Zitrone, und befand: «Eine wunderbare Hauptmahlzeit».

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Bewunderung und Distanz Geboren ist Pina Bausch als Philippine 1940 in Solingen während des Krieges. Ein Rucksack mit weissen Pünktchen, aus dem eine Puppe herausguckte, stand immer griffbereit für den Fall, dass sie im Bunker Schutz vor Bombenangriffen suchen musste. Die Eltern führten ein Gasthaus samt kleinem Hotel. Als Kind liebte es Pina, anstatt ins Bett zu gehen, unter einem der Wirtshaustische unbemerkt den Gesprä-

chen der Erwachsenen zu lauschen oder im verfallenen Garten-Treibhaus Theater zu spielen. Sie war fantasievoll und ein Zappelphilipp; die Gäste rieten den Eltern, sie doch ins Kinderballett zu schicken. Mit zwölf hatte sie bereits Schuhgrösse 42, und Pina fürchtete, ihre Füsse könnten weiter wachsen und das geliebte Tanzen fände ein Ende. Doch es blieb bei 42, und zwei Jahre später ging sie nach Essen an die Folkwangschule, um modernen Tanz


zu studieren. Eine spartenübergreifende Ausbildung, über die Bausch einmal sagte: «Wahrscheinlich ist hier der Grundstein für meine Arbeit gelegt worden.» Damit bezog sie sich auf ihre spezifische Bühnenästhetik, in der je länger desto weniger getanzt wurde. Schauspieler tanzten und Tänzerinnen sangen – die Frauen mit langer Haarmähne, auf Stöckelschuhen und in sinnlich wallenden Kleidern. In assoziativen Bildern und Szenen handelte Bausch komisch wie tragisch ihre große Themen ab: die Liebe und die ewige Sehnsucht danach, die konfliktreiche Beziehung zwischen Mann und Frau. «Ihre Stücke quollen über vor Körperlichkeit, Empfindung und einer ungezähmten Sensibilität, zart und originell.» Das schrieb der Filmregisseur Pedro Almodóvar, ein Freund Bauschs, in seinem Nachruf – bei Linsel als Vorwort an den Anfang gestellt. Auch bei der Biografin ist die grosse Bewunderung für diese einzigartige Frau und Künstlerin spürbar; die notwendige Distanz verliert sie dabei glücklicherweise nicht. Maya Künzler (Baseler Zeitung)

Anne Linsel Pina Bausch – Bilder eines Lebens Ca. 256 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag Im Verlag Edel:Books, 2013 Ca. 50 Abbildungen Format 17 x 23,8 cm 29,95 Euro (D) / 30,80 Euro (A) ISBN 978-3-8419-0182-8

Die Beziehung zwischen Frau und Mann war auch ihr Thema. Bild: Verlag Edel

Anne Linsel lebt und arbeitet als Kulturjournalistin und Publizistin in Wuppertal. Von 1984-1989 moderierte sie das ZDFKulturmagazin „Aspekte“, nach 1989 führte sie die „Sonntagsgespräche“ im ZDF Von 1989 -2004 war sie Gastgeberin der ZDF-Reihe „Zeugen des Jahrhunderts“, für Arte moderierte und konzipierte sie Themenabende u. a. über Joseph Beuys, Pina Bausch und Max Ernst. Sie arbeitet regelmäßig für den Hörfunk (WDR, NDR, DLF) und schreibt Literatur-, Theater-, und Kunstkritik für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften u. a. für die Süddeutsche Zeitung. Zahlreiche Filme entstanden unter ihrer Regie, u. a. über Peter Kowald, Barbara Nüsse, Hanna Jordan, Pina Bausch, Hanna Marron, Pablo Picasso, Tony Cragg. Sie schrieb Bücher, z. B. Hilde Spiel: „Die Grande Dame“ (1992), „Weltentwürfe- die Bühnenbildnerin Hanna Jordan“ (2006) - und gab zusammen mit Peter von Matt einen Sammelband über Else Lasker-Schüler („Deine Sehnsucht war die Schlange“- ein Else-Lasker-Schüler Almanach) heraus. 2009 entstand der Film „Tanzträume“ -Jugendliche tanzen „Kontakthof“ von Pina Bausch. Anne Linsel ist Gründungsmitglied der Kulturpolitischen Gesellschaft, Mitglied der AICA - Internationaler Kunstkritikerverband, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland und erhielt 2012 den Von der Heydt-Kulturpreis der Stadt Wuppertal. Foto: Karl-Heinz Krauskopf

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Ausstellung Jaume Plensa Jaume Plensa im Skulpturenpark Waldfrieden 12. April bis 22. Juni 2014 Jaume Plensa, geboren 1955 in Barcelona, ist einer der einflussreichsten spanischen Bildhauer seiner Generation. Sein Werk, das in einer Traditionslinie mit dem Schaffen großer katalanischer Künstler wie Antoni Tàpies und Joan Miró steht, ist von beeindruckender spiritueller Tiefe und poetischer Ausdruckskraft. Internationale Bekanntheit erlangte Plensa insbesondere durch seine monumentalen Arbeiten für den öffentlichen Raum. Er lehrte u. a. an der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts in Paris und an der School of the Art Institute of Chicago und lebt und arbeitet in Barcelona sowie Paris.

Jaume Plensa, SOUL XVI, 2013 (Stainless steel and stone, 293 x 200 x 200 cm 4.416 kg) © Jaume Plensa

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Im Skulpturenpark Waldfrieden wird der Künstler einen Korpus aktueller Werke präsentieren: hockende menschliche Gestalten, die durch ein metallenes Netzwerk aus Buchstaben geformt werden. Jaume Plensa dazu: „Eine Letter in einem Alphabet ist etwas sehr Präzises, das über Generationen hinweg entwickelt wird. Sie ist der beste Ausdruck einer Kultur. Eine Zelle allein ist biologisch betrachtet gar nichts, aber zusammen mit anderen bildet sie ein Organ oder einen Körper, und so ist es auch mit Buchstaben. Jeder Buchstabe bewahrt sein Gedächtnis und seine Persönlichkeit, auch wenn er dem komplexeren Körper, dem bedeutungsvollen Text dient. Darin liegt in meinen Augen eine schöne Metapher für Vielfalt. Mit Text lässt sich Kultur machen, und mit einer Kultur lässt sich alles machen.“

Skulpturenpark Waldfrieden Hirschstraße 12, 42285 Wuppertal Telefon 02 02 - 47 89 81 20 www.skulpturenpark-waldfrieden.de Öffnungszeiten: März bis Oktober Dienstag bis Sonntag: 10 - 19 Uhr November bis Februar Freitag bis Sonntag: 10 - 17 Uhr An Feiertagen geöffnet.

Jaume Plensa, TALE TELLER V, 2013 (Stainless steel and stone, 226 x 107 x 166 cm 2.338 kg) © Jaume Plensa

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Der Universums-Stulp Uraufführung in Wuppertal Eine musikalische Bildgeschichte in drei Heften nach dem gleichnamigen Roman von Eugen Egner Musik: Stephan Winkler Libretto: Eugen Egner, Stephan Winkler, Thierry Bruehl Fotos: Uwe Stratmann

Premiere am 7. Februar 2014 Weitere Aufführungen: 13., 15. Februar, 7., 30. März

linke Seite: v.l.n.r. Joslyn Rechter, Uta Christina Georg, Martin Js. Ohu unten: v.l.n.r. Hendrik Vogt, Joslyn Rechter, Andreas Jankowitsch, Uta Christina Georg

Wenn man sich noch nicht näher mit Eugen Egners Universum beschäftigt hat, hat man es zuerst schwer. Wie soll man einer recht komplizierten Handlung mit unerwarteten Volten, Gedankensprüngen, absurden Nebenwegen nur folgen? Wenn man dann aber beginnt, auf die Bildung von herkömmlichen Sinnzusammenhängen zu verzichten und einfach zusieht und zuhört, dabei Transdimensionales (was das auch immer sein mag) zulässt und sich damit auf den Egner-Kosmos einlässt, wird aus Anstrengung Vergnügen. Das muss auch nicht an der Oberfläche bleiben, Tiefgang ist an vielen Stellen möglich. Bei der Uraufführung war deutlich zu sehen, dass der Wuppertaler Eugen Egner eine ziemlich große Fangemeinde hat, und dass dieser große erweiterte Freundeskreis unbedingt die Vertonung seines Romans im Wuppertaler Opernhaus erleben wollte. Viele Besucher waren da, die sonst wohl eher nicht in die Oper, geschweige denn in Premieren gehen, wodurch der Alterdurchschnitt kräftig nach unten gedrückt wurde. Wie der Beifall am Schluss zeigte, für den Komponisten besonders stark, waren offen-

bar alle zufrieden bis begeistert mit seiner Art der musikalischen Umsetzung der Vorlage. „Das musste so sein, genau so hab ich´s erwartet!“, so ein Egner-Fan in der Pause. Dass so eine Uraufführung überhaupt und dann auch noch in Wuppertal stattfinden konnte, ist keineswegs selbstverständlich. Die Oper Wuppertal mit ihren vergleichweise minimalen Mitteln hätte dies auch nicht allein stemmen können. Aber Johannes Weigand als Intendant und Enno Schaarwächter als Geschäftsführer haben ganz schnell zugegriffen, als mit Unterstützung der Kunststiftung NRW sich die Möglichkeit dieses Opernprojektes ergab, immerhin das erste in einer Reihe von weiteren experimentellen Initiativprojekten. Sie waren bereit, dieses künstlerische Wagnis einzugehen, und haben damit der letzten Saison des jetzigen Ensembles ein weiteres Highlight hinzugefügt. Im Programmheft ist dargelegt, wie eine solche Produktion funktioniert: „Hier verbinden sich Komponist, Autor und Regisseur als künstlerisches Leitungsteam mit einem international führenden Ensemble für zeitgenössische Musik, und ein kommunales Haus bringt sich mit seinen Künstlern

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v.l.n.r. Olaf Haye / mitte: Joslyn Rechter / rechts: Martin Js. Ohu, hinten: Ensemble musikFabrik und Künstlerinnen ein.“ Mit erheblicher finanzieller Unterstützung der Kunststiftung haben also der Komponist Stephan Winkler, der Autor Eugen Egner und der Regisseur Thierry Brühl als Leitungsteam und das renommierte Spezialistenensemble musikFabrik unter Leitung von Peter Rundel mit dem Opernhaus Wuppertal erfolgreich kooperiert. Oper sollte es aber nach den Vorstellungen des Komponisten nicht sein. Stephan Winkler dazu (nach Eugen Egners Urteil übrigens „der beste Kenner meines Romans“): „Anstelle der Ausbreitung und psychologischen Ausleuchtung einer mehr oder weniger tragischen Figurenkonstellation wird das Publikum in einen Strudel sich überstürzender Ereignisse gezogen – eine immer abenteuerlicher und albtraumhafter werdende Folge überraschender Wendungen, die über den Zuschauer auf ähnlich kafkaeske Weise hereinbricht wie über den Protagonisten Traugott Neimann selbst.“ Im Untertitel heißt es deshalb auch „Eine musikalische Bildgeschichte in drei Heften“.

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Hefte lassen sich notfalls ja noch mit den herkömmlichen Akten in Verbindung bringen (die Pause wurde dabei in die Mitte des zweiten Heftes platziert), aber die musikalische Bildgeschichte verlangt schon Neues, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Zuerst einmal: Wie bringt man einen Comic in Musik? Am Anfang standen Sprachaufnahmen des Librettos durch Wuppertaler Schauspieler, die dann (so hat das Janacek auch schon gemacht) in Noten transkribiert und dann weiter verändert und individualisiert wurden. Die Figuren deklamieren also auf unterschiedliche Art und werden z. T. verfremdet. Eine Figur (Papst Probstenloch) singt also nur Vokale, während die Konsonanten zugespielt werden, eine andere, Thalia Fresluder, singt nur mehrstimmig, eine auf der Bühne, die anderen kommen per Zuspiel von der Seite. Da alle Figuren jede Menge Text haben, der möglichst verstanden werden soll, tragen alle Mikroports, sprechen oder singen entweder selbst oder mimen zu ihren aus dem Off kommenden Stimmen. In diesem Zusammenhang hat noch nicht

alles geklappt, denn nicht alles war verständlich, besonders auffallend dabei im Vorspiel beim Fenstersturz die „höheren Mächte“. Auch waren die unterschiedlichen Verfremdungen und deren Sinn nicht unmittelbar deutlich. Ist die Mehrstimmigkeit (wenn man sie denn hört) bei Thalia Fresluder als sich ständig wandelnde Gestalt noch einsichtig, so ist doch nicht ganz klar, warum Valerian nur die Lippen bewegt, während seine Stimme von außen kommt, und aus welchem Grund Probstenloch nur Vokale singt, so dass seine Worte letztlich unverständlich bleiben. Wenn man dann später aber doch erfährt, dass der Komponist sich schon lange mit der „Verwischung der Grenzen zwischen „natürlich“ und „synthetisch“ und den dadurch entstehenden Verwirrungen in der Wahrnehmung“ beschäftigt, wird im Nachhinein doch einiges klar. Was die Instrumentalschicht angeht, befand sich der Komponist in der komfortablen Situation, für ein bestehendes auf neue Musik spezialisiertes Solistenensemble arbeiten zu können, das seine Ideen genau umsetzt. Mir schien so, dass der Komponist im 1. Teil


v.l.n.r. Olaf Haye, Andreas Jankowitsch, hinten: Ensemble musikFabrik den „wilden Strudel der Ereignisse“ im Sinn hatte, weil sich die Musik ständig hektisch vorandrängte, kaum Ruhepunkte hatte, wobei oft in sich bewegte Klangflächen eine Rolle spielen, aber auch Mickey-MousingTechnik (z.B. beim Fenstersturz) vorkommt. Während sie bis dahin eher begleitet, bietet sie im 2. Teil deutlich mehr Unterschiede auf, charakterisiert und interpretiert mehr, nähert sich an manchen Stellen sogar heraushörbaren Motiven. Der Dirigent Peter Rundel sah seine Musiker nur aus der Ferne, stand er doch allein vorn am Dirigentenpult, weil er ja auch noch das singende Personal betreuen musste. Die Musiker, die nicht nur ihre Instrumente, sondern auch ihre Stimmen einsetzten, saßen auf einem Podium hinter den Sängern, in ungewöhnlicher Aufstellung: Der Kontrabassist vorn genau in der Mitte, daneben die Holzbläser; auffällig der Tubist mit seinen riesigen Dämpfern. Immerhin kamen sie dem Dirigenten gegen Schluss näher, denn das Podest mit den Musikern wurde nach vorne gerollt, wobei diese, in der Mode der 60er Jahre, die

Damen mit hochtoupierten Frisuren, sogar aktiv in das Bühnengeschehen eingriffen. Der Schlussakkord war ein Geräusch: Ein „Plopp“ auf den Punkt, mit Zeigefinger und Lippen produziert. Wie gehen nun Regisseur (Thierry Bruehl), Bühnenbildner (Bart Wigger, Tal Shacham) und Kostümbildnerin (Wiebke Schlüter) mit der Forderung um, comicnah zu arbeiten? Dazu haben sich die vier etliches einfallen lassen. Viele kurze Szenen folgen direkt aufeinander, wechseln sich nur gelegentlich mit längeren ab. Entweder wird mit Lichtwechseln gearbeitet, oder das Bühnenbild hilft, das aus zwei panels besteht, also Zimmerwänden, die einzeln oder zusammen hochgezogen oder abgesenkt werden können. Auch vor den panels ist noch Platz.. Dieses Mittel garantiert das Gelingen der schnellen Wechsel. Jede auch noch so kurze Szene, gewinnt eigenen Charakter durch angemessenes Agieren, charakteristische Gegenstände und Kostüme. Ein schönes Beispiel dafür ist das Zusammensein von Neimann und Mona Zwanzig in Valerians Wohnzimmer, mit Haschpflanzen

im Hintergrund, einer geblümten Couch und andersfarbig geblümten Bademänteln (wird hier Willy Deckers Salzburger Traviata-Inszenierung zitiert?). Eine weitere Ebene bilden die Videosequenzen (Philippe Bruehl), die mit Comic und Zeichentrick arbeiten. Mit einem solchen Film (der Fenstersturz!) beginnt auch das Stück. So ergänzen sich farben- und ideenreiche Inszenierung, die einmal sogar Stroboskoplicht einsetzt, mit ständig wechselnden Bildern und fantasiereichen Kostümen, man sieht u.a. auf dem Rücken fliegende Schmetterlinge und einen halbnackten Weihnachtsmann. Besonders gelungen war das Kostüm des Papstes Probstenloch mit Glatze und hervorblitzender goldener Unterhose. Bewundernswert war schon die Gedächtnisleistung der Sänger, die jede Menge Text (die Partitur ist fast 700 Seiten lang!) verständlich über die Rampe bringen und dazu noch das Charakteristische ihrer Personen darstellen mussten. Das gelang ausnehmend gut. Olaf Haye und Andreas Jankowitsch als doppelter Neimann glichen sich nicht nur in Figur und Kostüm, sondern sogar

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im Timbre ihrer Stimmen. Während Uta Christina Georg, Michaela Mehring und Dorathea Brandt im wesentlichen nur jeweils eine Person verkörperten, hatten Annika Boos, Joslyn Rechter, Christian Sturm (u.a. die Paraderolle als Papst), Martin Ohu (wahrscheinlich der schwärzeste Bass des bergischen Landes) und Katharina Greiß mehrere Rollen auszufüllen. Und die Handlung? Unmöglich, diese hier auch nur anzudeuten. Die Handlung im Programmheft kann zwar als grobe Stütze dienen, im Opernhaus entfaltet sich die musikalische Bildgeschichte aber auf eigene, eigenwillige und originelle Art. Der sollte man so entspannt wie möglich folgen. Es gibt einiges zu sehen: Neimann, die Hauptperson, kommt doppelt vor, erst abwechselnd, dann sogar gleichzeitig; Bademäntel, Zwangsjacken, Frauen mit Bart und Männerstimme, einen Apparat namens Ganghofer (ein Apparat zur zeitweisen Materialisierung von Wunschwesen, der aber selten funktioniert), die Identität vieler Personen wechselt (gegen Ende des Stücks will Neimann mit den Worten „Neterer heiß ich, und Neterer bin ich“ Neterer werden und verfremdet dabei Wagners Walküre, in der Siegmund singt „Siegmund heiß ich, und Siegmund bin ich“), Peking-Enten treten auf, Ratten werden in Badewannen gelegt, in die dann Menschen steigen, Neimann fährt vom „Hugo-BallDampfraketen-Bahnhof“ ab, und telefoniert wird mit Revolvern. Genial die Idee, durch Umwandlung in einen Brotaufstrich die chinesische Mauer zu überwinden. Also: Wer eben kann, sollte hingehen, in eine der wenigen Aufführungen. Es gibt viel zum Hören, Sehen, Genießen, Nachdenken, Diskutieren. Ein neues Musiktheaterstück ist immer ein Risiko. Der begeisterte Beifall nach der Premiere zeigte aber, dass das Experiment gelungen ist. Das ist gut für Wuppertal und sein Opernhaus, denn eine gelungene Uraufführung findet nicht nur in Deutschland Beachtung, sondern europaweit. Man kann gespannt sein, ob und wie der neue Opernchef, der ja bekanntlich möchte, dass sogar weltweit vom Wuppertaler Opernhaus gesprochen wird, sich zu seinen Plänen bisher noch nicht öffentlich geäußert hat, dies fortführen oder gar toppen will. Fritz Gerwinn

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v.l.n.r. Michaela Mehring, Katharina Greiß, Olaf Haye, hinten: Ensemble musikFabrik

v.l.n.r. Hendrik Vogt, Joslyn Rechter, Andreas Jankowitsch, Uta Christina Georg hinten: Ensemble musikFabrik

Michaela Mehring, Martin Js. Ohu


Jörg Lange - Ein Nachruf 1957–2013

Foto: Peter Klassen

Der Nachruf Jörg Lange ist dem Katalog zur Ausstellung im Haus Fahrenkamp „Kaufhaus Michel“ entnommen, einer gemeinsamen Installation von fünf Künstlern im Januar 2014: Georg Janthur, Jörg Lange, Peter Klassen, Bodo Berheide, Christian Ischebeck Auch wenn Jörg Lange im Dezember 2013, nach einer langen und tapfer ertragenen Krankheit, einer heimtückischen Leukämie, verstorben ist, waren seine Arbeiten zu sehen, so wie er es mit uns gemeinsam geplant hatte. Wirklich gestorben ist man erst, wenn man vergessen sein wird. Und Jörg wollte immer, dass man seine Bilder sehen kann. Malerei, Fotografie, Skulpturen, Klang. Das Ganze vermischt auf den rund 1000 m2 Leerstand, mitten in der Elberfelder City, neben dem „aus allen Nähten platzenden“ Von der Heydt-Museum und gegenüber dem „gerade schließenden“ Schuhhaus Salamander. Unweit der Großbaustelle Döppersberg und dem verrottenden Schauspielhaus. Aber: der HASE lebt! Die Kunst ist nicht totzukriegen. Jörg war nicht nur ein großartiger Mensch, er war auch ein großartiger Künstler. Mit klarem Blick für das, was er fotografiert hat, unkorrumpierbar durch die einen, die er fotografiert hat, solidarisch mit den anderen. Er war konsequent in seiner Bildersprache, aber auch pragmatisch und vielleicht untypisch für einen Künstler – bescheiden und kein bisschen egozentrisch. Jörg hat sein Studium der Visuellen Kommunikation in Dortmund im Jahr 1989 beendet. Für

seine Diplomarbeit hat er eine RomaSippe fotografiert, die auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg campiert. Ein Platz mit unrühmlicher Geschichte in einer fast romantisch anmutenden Szenerie: Roma-Frauen bereiten am offenen Feuer ein Essen zu. Ein wenig erinnert es an das Gemälde von Edouard Manet, „ein Frühstück im Grünen“. Jörg hat diese Fotoserie ausgesucht für die Ausstellung im Haus Fahrenkamp, dem ehemaligen Kaufhaus Michel. Als wenn sich

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Jörg Lange, Fotografie, 1989, ROMA auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnbergs, auf dem von 1933 bis 1938, die Reichsparteitage der NSDAP stattfanden. für ihn mit dieser Arbeit auch ein Kreis schließen würde. Bis zuletzt wollte er, trotz seiner Krankheit, an diesem Projekt mitarbeiten, auch wenn ihm zunehmend die Kraft fehlte. Gemeinsam haben wir diese besondere Installation für diesen

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besonderen Ort entwickelt, wohlwissend, dass Jörg sich nicht mehr wie gewohnt einbringen konnte. Jörg war Künstler, ohne Auftrag, und freiberuflicher Fotograf. Er hat jahrzehntelang das kulturelle Geschehen dieser Stadt begleitet. Er hat

für die Wuppertaler Rundschau gearbeitet, in einem Team, in dem er sich wohlfühlte. Ein Team, das seine Arbeit sehr schätzte und in dem ihm viele seiner Kollegen freundschaftlich verbunden waren. Hendrik Walder hat das liebevoll


in seinem Nachruf formuliert und ihn auch sehr treffend beschrieben: „Er war ein außergewöhnlicher Fotojournalist, mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn und sozialkritischem Anspruch.“ Jörg war ständig unterwegs und fotografierte. Alles Mögliche – und alle Möglichen. Er beobachtete sehr genau und einfühlsam, und immer wohlwollend. Allerdings konnte er sich bei manch einem der porträtierten Politiker den fotografischen Kommentar nicht verkneifen. Manchmal wollte er auch mit ein paar kleinen Handgriffen die Realität zurechtrücken. Bei aller genauen Beobachtung und dem Anspruch auf einen dokumentarischen Blick mussten immer Harmonie und Komposition gewahrt bleiben. Es gibt eben Probleme in der Fotografie und Probleme auf der Welt. Jörg konnte beides gut auseinanderhalten. Ein Höhepunkt seiner Kunst ohne Auftrag war die Reihe der 5-Minutenporträts. Freunde und Künstler saßen fünf Minuten lang still, während er belichtete. Eine völlig unübliche Technik in einer Zeit der immer beiläufiger und unwirklicher an uns vorbeirauschenden Bilder. Zusammen, ich als Grafik-Designer (auch mit Caro) und Jörg als Fotograf, haben wir viele Projekte realisiert. Wunderbare Wandkalender, „schön bis zum Umfallen“, kleine Bücher und viel zu dünne Kunstkataloge. Wenn wir zur Besprechung eines Fotoauftrags mit dem Förster durch das Arboretum gingen, wenn wir uns in privaten Gärten umschauen durften, wenn wir uns zu allen Jahreszeiten im Skulpturenpark trafen, dann wollte er nicht über Belichtungszeiten oder andere fotografische Techniken reden, dann redete er gerne über die Bäume, über die Gartenkunst, über Tony Craggs Skulpturen. Und über die Kunst redeten wir sowieso immer. Da war er ein scharfsinniger und genauer Beobachter. Jörg interessierte sich auch immer für das Werk anderer Künstler. Wir sprachen einmal über den Kreuzweg in der Kirche Christ König, den Krysztof Juretko drei Jahre lang erarbeitet hatte. Jörg sagte nur, „Ich glaube, der Krysztof weiß gar nicht, was für eine großartige Arbeit er gemacht hat.“ Wir lernten uns richtig kennen und schätzen Ende der 90er Jahre, als Peter Kowald uns beide in seine Ausstellung „Über Grenzen gehen“ aufnahm. Eine von Jörgs dama-

Selbstportrait ligen Fotografien zeigt Erich Honecker, eingerahmt von Dunkelmännern auf dem Flughafen Santiago de Chile im Jahr 1993, dreieinhalb Jahre nach dem Fall der Mauer. Eine, so meine ich, legendäre Fotografie. Aus dieser Ausstellung heraus formierte sich auch die Künstlergruppe 6PACK. Jörg war Mitbegründer und bis zuletzt Mitglied. Zusammen mit Nanny de Ruig, Renate Löbbecke, Regina Friedrich-Körner und Bodo haben wir unzählige, auch hitzige Diskussionen geführt, über die Erweiterung des Kunstbegriffes und die Aufhebung der Grenzen, auch die der Kunst. Wir haben Reisen, Austausch und Ausstellungen organisiert und durchgeführt, haben einen Kubikmeter Kunst auf Reisen geschickt und im Laufe der Jahre sicher über 100 Künstler nach Wuppertal eingeladen. Ein typisches Projekt für ihn, nicht aus dem Elfenbeinturm heraus sondern mitten aus dem Leben. Ein chinesisches Märchen erzählt von einem alten Maler, der lange, lange an einem Bild saß. Als

er es schließlich vollendet hatte, bat er seine Freunde zu sich. Sie kamen, sahen, standen um das geheimnisvolle Gemälde herum und begutachteten es. Es zeigte einen Park – zwischen Wiesen führte ein schmaler Weg zu einem Haus auf einer Anhöhe. Als die Eingeladenen sich ein Urteil gebildet hatten und es dem Künstler eröffnen wollten, war er verschwunden. Sie entdeckten ihn schließlich auf seinem eigenen Bild, wie er den Weg die Anhöhe hinauf zum Haus ging, die Tür öffnete und sich noch einmal umwandte. Winkend nahm er Abschied von seinen Freunden und schloss die kleine Pforte fest hinter sich zu. So könnte ich mir vorstellen, hätte es Jörg am liebsten auch gemacht. Und ich wünsche mir, dass wir ihn dann irgenwann in einem seiner Bilder entdecken werden. Wir danken ihm für seine Freundschaft, seine Geduld und sein großes Herz. Denken wir an ihn mit Liebe und Respekt. Peter Klassen

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Hanna Jordan - Ein Nachruf Die Bühnenbildnerin Hanna Jordan

Nein, sagte Hanna Jordan, die Dinge, die Menschen Menschen antun, seien so gigantisch, so furchtbar, so unerklärlich, dass Hass nicht mehr reiche. Und sie fuhr fort: Hass sei immer der falsche Weg , löse keine Probleme, schaffe neue Gewalt. Für sie persönlich galt: „Ich will nicht als Verfolgte durchs Leben gehen, sondern als Versöhnerin“.

Hanna Jordan als junge Bühnenbildnerin Es war in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Hanna Jordan saß in einer Klasse 10 eines Wuppertaler Gymnasiums. Sie erzählte als erste Zeitzeugin in einer Wuppertaler Schule den Jungen und Mädchen aus ihrem Leben, vor allem aus der Zeit der Verfolgung. Zum Beispiel die Geschichte ihres Untertauchens und Versteckens. Wie sie sich - 23Jährig - als alte Frau verkleidet hat. Ein Kapotthütchen aufgesetzt, ein schwarzes Knöpfchen-Kleid angezogen, passende Handschuhe, um die jungen Hände unsichtbar zu machen. Wie sie so als Alte, ganz in Schwarz gekleidet, perfekt schauspielernd, den Rücken gebeugt und mit den Händen zitternd, sich in die Bahn Richtung Bergisch Gladbach gesetzt hat. Wie sie über die Felder gestolpert ist, um schließlich bei den Freunden anzuklopfen. Erstaunen bei denen, zunächst nicht erkennen - wer ist denn diese alte Frau ? - , dann die Freude, das erlösende Lachen. Hanna Jordan konnte wunderbar lebendig erzählen. So hat sie auch diese Geschichte nicht mit Tränen in den Augen, sondern mit jener Komik berichtet, die in jeder Tragödie steckt, so wie jede Komödie ja auch tragisch ist. Auch die Schüler mussten lachen. Da aber meinte ein Schüler, das sei ihm alles irgendwie zu positiv. Ob denn nicht in ihr ein kleiner Hass stecke?

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Hanna Jordan wurde am 3. April 1921 in Wuppertal in ein »offenes Haus« hineingeboren: Die jüdische Mutter Henriette Jordan und der »arische« Vater Franz Jordan versammelten dort Freunde und Verwandte aus unterschiedlichen sozialen Klassen, Menschen mit verschiedenen religiösen und politischen Überzeugungen sowie Künstler aller Sparten. Es herrschte eine höchst kreative Atmosphäre, Kunst, Hausmusik, Theater, Literatur gehörten zum täglichen Brot. Hanna genoss eine Erziehung zur Freiheit, Selbständigkeit und Unabhängigkeit des Denkens, Glaubens und Handelns, zu Disziplin ohne Drill, liebevoll und ideologiefrei – »keineswegs antiautoritär«, sagte Hanna Jordan im Rückblick, »da wurde nicht auf den Teppich gespuckt.« In dieser Umgebung entwickelte sich schon früh die außergewöhnliche künstlerische Begabung Hanna Jordans. Sie malte, zeichnete, modellierte oder komponierte kleine mehrstimmige Stücke der »lieben Mutter zum Muttertag«. Mit zwölf Jahren hatte sie ihre erste Ausstellung in einer Bücherstube. Die Atmosphäre des Elternhauses setzte sich nach der Grundschulzeit in einem Internat in Holland fort. Die hellsichtigen Eltern hatten die politischen Zeichen richtig gedeutet. So brachten sie 1935 ihre Tochter nach Ommen in das Internationale Quäker-Internat »Schloss Eerde.« Hier fanden viele jüdische Kinder aus Deutschland einen Unterschlupf. Zusammen mit Kindern aus Diplomatenfamilien und von englischen Quäkern erlebte Hanna Jordan die »vielleicht schönsten Jahre meines Lebens«, von 1935 bis zum Abitur 1939.

Die Quäker-Pädagogik war musisch ausgerichtet. Neben den theoretischen Lernfächern wurde gleichberechtigt Kunst und Musik unterrichtet. Für Hanna Jordan ein Glücksfall. Hier entwarf und fertigte sie ihre ersten Kulissenbilder für die Schulaufführungen, hier sammelte sie die ersten Erfahrungen auf dem künstlerischen Feld, das zu ihrer Berufung werden sollte. Denn für sie stand bald fest: Ich will Bühnenbildnerin werden. Über ihre Schulzeit in Eerde sagte Hanna Jordan später, dort seien Maßstäbe für ihr Leben gesetzt worden durch Literatur, Philosophie, Musik und bildende Kunst. Darüber hinaus habe sich jüdischer Witz mit englischem Humor gemischt, wie sie es später nie wieder erlebt habe. Zusammen mit ihrem Elternhaus sei diese Zeit »Basis für alles Weitere« gewesen: »Wenn man das erleben durfte, dann kann man sehr viel aushalten.« Als Hanna Jordan 1939 zurück kam nach Wuppertal, konnte sie nicht ahnen, was sie und ihre Familie alles würden aushalten müssen. Die geplante Auswanderung nach England misslang, weil der Zweite Weltkrieg ausbrach. Hanna begann ein Studium für ihren Traumberuf. Die Aufnahmeprüfung an der Düsseldorfer Kunstakademie bestand sie mit Glanz. Nach drei Monaten allerdings wurde sie als »Mischling ersten Grades« von der Akademie entfernt. Die Reichskulturkammer hatte ein Hochschulverbot für alle jüdischen Studenten erlassen. Nach einem kurzen Gastspiel in der Bühnenbildklasse der Folkwangschule in Essen wurde Hanna Jordan zum »Kriegseinsatz« in eine Wuppertaler Rüstungsfabrik bestellt. Eingesetzt als technische Zeichnerin, musste sie Gaskessel zeichnen, Teile von Unterseebooten. Es waren Jahre der Vorsicht, Angst, Entbehrung, des Hungers. Noch war die Familie nicht unmittelbar bedroht. Aber fast täglich wurden die Jordans konfrontiert mit Bitten von Menschen, die in Not und Lebensgefahr waren, die versteckt werden mussten. In dieser dunklen Zeit lernte die Familie in Wuppertal Menschen kennen, die ganz selbstverständlich, oft unter Einsatz ihres Lebens, halfen, die ein ganzes Netz im Untergrund spannten, um Verfolgte und Hilfsbedürftige aufzu-


fangen. Vielfach waren es Quäker, die im Widerstand tätig waren. Deshalb war es für sie nach dem Krieg bis heute wichtiger, von diesen mutigen Menschen zu erzählen, ihnen ein Denkmal zu setzen, als von den eigenen Leiden zu reden. Quäker waren es auch, die im letzten Kriegsjahr Hanna Jordan und ihre Mutter rechtzeitig versteckt haben. Zuerst in Wuppertal, dann im Bergischen Land. Der Vater kam in einem süddeutschen Kloster unter. Denn vom Herbst 1944 an wurde jeder jüdische Bürger von den Nazis erfasst und abgeholt. Viele Freunde und Verwandte der Jordans sind ermordet worden. Kriegsende in Wuppertal: Ehrenamtliches Engagement war selbstverständlich für Familie Jordan. Zuerst räumte Hanna Jordan zusammen mit ihrer Mutter Henriette in Wuppertal Trümmer weg und gründete mit Hilfe von internationalen Quäkern ein »neighbourhood-center« nach amerikanischem (Quäker)-Vorbild. Dieses Nachbarschaftsheim arbeitet bis heute als Treffpunkt »der Begegnung und Selbsthilfe« für Kinder, Jugendliche, Senioren, Ausländer. Viele Jahre lang war Hanna Jordan im Vorstand des Nachbarschaftsheims. 1968 gründete sie zusammen mit

Szenenbild zu „Alcina“ von Georg Friedrich Händel, Regie: Friedrich Meyer Oertel, Premiere 1981 Gleichgesinnten die Wuppertaler Amnesty-International-Gruppe. Sie war ebenso Gründungsmitglied der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft (aus der sie später wieder austrat). Im Literaturhaus Wuppertal e.V., das sie mitgegründet hat, ist Hanna Jordan Ehrenmitglied. 1946 ging Hanna Jordans größter BerufsWunsch in Erfüllung: Sie wurde als Bühnenbildnerin am Wuppertaler Theater engagiert. Zuerst auf einer provisorischen Spielstätte in der „Union“, einem Saal in der Friedrich-Engels-Allee, dann am Theater an der Bergstraße entwarf sie Bühnenbilder und Kostüme »am laufenden Band«. Manchmal folgten die Premieren im Abstand von drei bis vier Wochen. Ibsen, Hebbel, Shakespeare, Goethe, Kleist, Büchner, Schiller, Camus, Brecht, Shaw – große Namen und große Stücke, daneben kleine Komödien. »Die

Zeichnung zu „Alcina“ von Georg Friedrich Händel, Regie: Friedrich Meyer Oertel, Premiere am 3. 10. 1981

Menschen hungerten nicht nur nach Brot, sondern auch nach Kunst«, wusste Hanna Jordan und konnte stundenlang Geschichten erzählen aus der Anfangsund Aufbruchzeit nach dem Krieg. Wie sie improvisiert hat, weil es kein Material gab, wie sie Tage und Nächte gearbeitet haben, wie sie stundenlang zu Fuß durch die Stadt gelaufen ist, weil keine Straßenbahn fuhr. Zum Beispiel bei der Arbeit an der berühmten Inszenierung, der westdeutschen Erstaufführung von „Caligula“ von Albert Camus. Hans Caninenberg spielte den römischen Kaiser Caligula, dessen Willkür und Schreckensherrschaft zu seiner eigenen Ermordung führte. Wieder waren es lange Proben-und Arbeitstage in der „Union“. Noch in der Nacht vor der Premiere wurde am Bühnenbild gearbeitete. Alle waren müde und hungrig. Da machte sich Hanna Jordan von Unterbarmen auf nach Elberfeld, nach Hause in die Platzhoffstraße. Zusammen mit ihrer Mutter braute sie eine Suppe aus Ersatzmilch und Ersatzeiern mit Pfannkuchen aus dem gleichen Ersatz-Material. Zwischen zwei und drei Uhr ging sie mit dem Topf Suppe zurück in die „Union“ zur Speisung der Mitarbeiter, zu Fuß durch die Nacht. Im Gehen war man geübt, gejammert habe niemand, so Hanna Jordan später. Auch nicht über lange Arbeitszeiten. Auch später war Hanna Jordan der

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Verleihung des Ehrenrings 1994 im Rathaus Wuppertal durch Oberbürgermeisterin Ursula Kraus festen Überzeugung: „Wer künstlerisch arbeiten will, kann nicht mit sozialen Maßstäben antreten. Dann soll er zuhause bleiben. Er wird nicht vermisst. Kunst ist nur so und nicht anders zu machen.“ Hanna Jordans Arbeitspensum war auch später immens: Bühnenbilder und Kostüme in Wuppertal, im Schauspiel, in der Oper. Gastspiele an den großen Theatern der Republik. Zusammenarbeit mit namhaften Regisseuren: Helmut Henrichs, Günther Lüders, Hans Bauer, Peter Palitzsch, Arno Assmann, Wolfgang Liebeneiner. Mit Rudolf Noelte hat sie in den 60er Jahren Theatergeschichte geschrieben: die Noelte Inszenierungen im Bühnenbild von Hanna Jordan von Tschechows »Drei Schwestern« und »Kirschgarten« wurden mehrfach ausgezeichnet. Mit Imo Moszkowicz hat sie Theaterstücke inszeniert, vor allem aber mit ihm das neue Medium Fernsehen – vorrangig das Fernsehspiel – gestalterisch

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erfunden. Anfang der 70er Jahre zog sie sich vom Schauspiel zurück, weil ihr »das Gemähre, das Palaver« der Mitbestimmung an den Theatern gegen den Strich und auf die Nerven ging. Sie, als überzeugte Linke, sah »mit Entsetzen«, wie »sämtliche Bande im Theater aufgelöst« wurden. »Das nannten sie dann Demokratie und Freiheit«. Sie wusste schon damals: Mitbestimmung in der Kunst geht nicht. So arbeitete Hanna Jordan in den nächsten Jahrzehnten (bis 1995) vor allem mit den Opernregisseuren Kurt Horres und Friedrich Meyer-Oertel höchst erfolgreich zusammen. Waren ihre ersten Bühnenbilder „eher konventionell realistisch“, so fand sie schon früh zu einfachen, abstrakten Formen. So zum Beispiel 1952 Schillers „Wilhelm Tell“: aus geometrischen Flächen der Raum, veränderbar mit Blick auf die hohle Gasse oder die Schweizer Berge. Sie schöpfte damals aus ihrer

Erfahrung mit dem Expressionismus und Kubismus. Wichtig war Zeit ihres Lebens, den Zuschauern etwas anzubieten, „was Aufschluss gibt über die inneren Zusammenhänge des Stückes.“ Da hat sich kein auf den ersten Blick erkennbarer Stil entwickelt, aber dennoch eine persönliche Handschrift. Die „Kunstausübung Bühnenbild“ hat Hanna Jordan immer als „dienend“ verstanden: „tief in das Werk einsteigen und dann die eigene Persönlichkeit einbringen.“ So gab sie „Cosi fan tutte“ den flirrenden Zauber südlicher Landschaft und Stimmung, die das heitere Spiel unterstütze, am Ende aber fast weh tat, dem „Don Giovanni“ einen eher abstrakten düsteren Raum. Mozart liebte sie, Wagner respektierte sie hoch, ging aber nicht selten ironisch mit ihm um. In Erinnerung werden aber auch die zeitgenössischen Opern bleiben: für Volker David Kirchners „Die Trauung“, der Geschichte von Soldaten, die im Krieg umgekommen sind und sich an ihr Leben


NEU Die dritte Ausgabe Karussell wird am Samstag, den 24.5.2014, um 19.30 h, in der Buchhandlung Köndgen mit Lesungen und Musik präsentiert. Der Eintritt ist frei. Die neue Ausgabe ist ab Mitte Mai im Buchhandel erhältlich.

Gemeinsamer Geburtstag Hanna Jordan (75 Jahre) und Friedrich Meyer-Oertel (60 Jahre) erinnern, baute sie eine Schräge mit einem Boden , der aus alten Uniformen zusammengesetzt war – ein Totenfeld, das sich später zu einem Kirchenraum fügte. Für die ( geträumte) Trauung schwebte ein riesiger Kardinalshut von der Decke mit zwei Scheinwerfern als Augen. Ein grandioses Bild. Oder Aribert Reimanns „König Lear“. Das Schloss des Königs verwandelt sich auf offener Szene in Wildnis, Wüste, die Heide. Für Sturm und Gewitter hatte Hanna Jordan einen Himmel mit schwarzen Plastikbahnen gemacht, die sich bewegten und mit Lichteffekten das Unwetter verstärkten. Szenenapplaus bei jeder Vorstellung. Regisseure und Kritiker lobten stets ihre konstruktive Begabung, ihr architektonisches Empfinden, das »Aufspüren eines umfassenden Raumes, der ein Stück für seinen Atem, seine Aktionen benötigt« (Hellmuth Karasek in seiner Laudatio zum Von der Heydt-Kulturpreis der Stadt Wuppertal an Hanna Jordan 1965).

Probleme der Stadt ein. Hanna Jordan war längst eine Institution in Wuppertal geworden. 1994 hatte sie den Ehrenring der Stadt Wuppertal erhalten. Fast täglich, das war ihr wichtig, empfing sie in ihrem offenen Haus Gruppen und einzelne Freunde, junge und ältere Menschen zum lebendigen Gespräch. Das sonntägliche Treffen mit ihren Quäker-Freunden aus Wuppertal und Umgebung in einem besonderen Raum ihrer Wohnung ließ sie bis zum Schluss kein einziges Mal ausfallen. Hanna Jordan gehörte, wie ihre Eltern, zur „Religiösen Gesellschaft der Freunde“, den Quäkern. Gefragt nach ihrer Sicht auf den Menschen antwortete Hanna Jordan: „Ich habe den Glauben an den Menschen und an menschliche Beziehungen nie verloren und verliere ihn auch nicht.“ Hanna Jordan starb am 26. Januar mit fast 93 Jahren.

Ihren persönlichen Raum, ihre Wohnung im zweiten Stock ihres Elternhauses, verließ Hanna Jordan in den letzten Jahren kaum noch. Aber noch im neuen Jahrtausend schrieb sie Artikel und zeichnete Bildgeschichten mit der von ihr erfundenen Quäker-Maus für die Quäker-Zeitschrift, übersetzte Texte aus dem Englischen und mischt sich am Telefon in aktuelle, vor allem kulturpolitische

Anne Linsel ist Autorin des WDR-Films über Hanna Jordan „Bis hierher und noch weiter“ (1992) und des Buches „Weltentwürfe“ – die Bühnenbildnerin Hanna Jordan (2006)

Anne Linsel

Das bergische Ringelspiel dreht sich bei der 2. Wuppertaler Literatur Biennale vom 21. 5. - 30. 5. 2014 mit dem Thema: Unterwegs nach Europa. Der über 120 Seiten Band mit Erzählungen, Lyrik, einer Erinnerung an Robert Wolfgang Schnell und einem Interview mit der neuen Intendantin des Wuppertaler Schauspielhauses, Susanne Abbrederis, bietet auch Neues von Autoren wie Karl Otto Mühl, Hermann Schulz, Karla Schneider, Michael Zeller u.v.a., aber auch die besten Geschichten von Autoren bis 35 Jahren aus den deutschsprachigen Ländern (1. Literatur-Biennale Wettbewerb) haben darin Platz. Karussell lädt ein zu einer literarischen Reise durch Zeit und Raum Europas mit Geschichten, die auch den ersten Weltkrieg heraufbeschwören. Herausgeber: Verband Deutscher Schriftsteller (VS), Region Bergisch Land und die Autorengemeinschaft Literatur im Tal mit freundlicher Unterstützung durch Kulturbüro der Stadt Wuppertal Verlag HP Nacke Wuppertal

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RADIUS

bedeutender als Holz vielleicht (Element) ist Phantasie wer dient wem? als Absicht zählt Wohlwollen es Liebe nennen? Farbe auf Material Scharniere am Material das Material von der Decke hängen sodaß Köpfe daran Anstoß finden die Philosophin führt einen Mann aus dem Rollstuhl auf seinen Beinen hinaus in die Sonne Schönheit innen universell Der Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters läßt Musik vom Cassettenrecorder rückwärts laufen damit die hohen Gema-Gebühren zurück fließen (herzhaft lachendes Publikum) Balance Schlüssel zur Weisheit? Gringo Lahr

Unland 1, Foto: Olaf Joachimsmeier www.bildnagel.de

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Graziella Drößler Zwischen den Stühlen, Acryl/Tempera auf Karton, 2013, 120 x 80 cm

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Verschwiegener Gruss Michael Zeller – Bilder … Worte Worte über Bilder Das Künstlerpaar Graziella Drößler und Wolfgang Schmitz

Wenn ich in die Farben Graziella Drößlers eintauche oder mich in einem Zeichengeflecht von Wolfgang Schmitz verstricke, dann ist es vorbei mit meinen Worten, die mir sonst einigermaßen brav zu Diensten stehen. Sie weigern sich aufzutauchen, woher auch immer. Es bleibt stumm in mir. Nicht mal ein Raunen. Da steht etwas still, das mich sonst immer unterwandert, auch wenn ich’s nicht merke, und da stellt mich etwas still. Es kommt Ruhe über mich, Ruhe vor Worten. In einem Rot bin ich versunken, in ein paar Striche verfangen. Fragen berühren mich keine, Antworten haben frei. Ich schaue, und damit bin ich höchst beschäftigt. Ein Zustand, den ich liebe und immer wieder suche. Zeit drängt nicht voran, nichts fordert mir eine Rechenschaft ab. Doch da ich hier rede, muss ich es sagen. Am liebsten verschwiege ich es. Dieses Rot eines Stuhls zum Beispiel, satt von Wärme. Ein festes Gerüst, Lob der Geometrie. Mitten im Bild sechs Streben quer, zwei in die Höh. Ein leerer Stuhl. Kein Gedanke daran, dass jemand darauf sitzen könnte. Er hält lediglich das Rot, lässt es erscheinen auf dem Malgrund.

Hingestellt vor ein pastiges Schwarz, tief (oder flach) wie das Ende der Welt. Hier geht es nicht weiter, nie mehr. Aus dem Grün unten dagegen, streifig aufgetragen, keimt ein Wachsen, das uns alle überlebt, und sei’s nur als Hoffnung. Drei Farben. Der erste spontane SehEindruck vor Graziella Drößlers Bild ZWISCHEN DEN STÜHLEN. Er taucht mich in Wortlosigkeit. Das geschieht viel zu selten. Und ist deshalb so kostbar. Ein Gedanke ist noch nicht geschehen, kein Wort bisher gefallen, dem es um Ordnung geht, eine Idee. Allenfalls verantwortungsfreie Sprünge im Kopf, wie der Hase, der in langgestrecktem Sprung ZWISCHEN DEN STÜHLEN quer über die Bildfläche setzt. Hase und Igel zugleich, kann ich dieses Spiel nicht verlieren. Ein Wettlauf zwischen Sinn und Sehen findet hier nicht statt. Wo ich gerade bin, brauche ich mir kein Ziel zu setzen. Ein anderer Zustand von Da-Sein füllt mich aus. Es kommt mir vor, als sei ich wacher geworden, ganz Auge, und sehe mich, gesättigt vom Rot des Stuhls, so in die weiteren Regionen des Gemäldes hinein und finde ein weiteres Ding und entdecke noch eine Farbe und freue mich

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Wolfgang Schmitz Blitz, Federzeichnung auf Papier, 2000, 84 x 63 cm, Trockendock, Lithokreide auf Papier, 2005, 65 x 55 cm

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und kann immer noch nicht sagen woran. Und will es doch auch gar nicht. Wozu? Die Sorge eher, das durchfließende Gefühl könne sich verlieren, wenn es sich in Worten staut. Das ist die stumme Freude, das wortlose Bewundern, das mir vor den Bildern von Graziella Drößler geschenkt wird, den frühen, den späteren, den heutigen, ob Stuhl oder Porträt: „blau machen eine stunde lang / in diesen farben / du kehrst zurück mit aufgeklärtem blick hervorzumalen die idee der farbe / schicht über schicht / zu sich die farben durch den herbst gezogen / auch durch den rauch / ihn unsichtbar zu machen laubbräune fällt und wärmt das braun der erde / die letzte zehrung eines jahrs“ (1)

Wolfgang Schmitz, „Kleine gelbe Mauerecke“, Lithokreide auf Papier, 2004, 30 x 40 cm

Farben … Worte Zwei Welten für sich, wie Hase und Igel Auch bei den Zeichnungen von Wolfgang Schmitz sperren sich mir die Worte, aber anders. Sie sind dem Wort zunächst einmal näher als Graziella Drößlers Sprache der Farben. Die Wahrnehmung, die dem Alltag genügt, reicht hier noch eine knappe Weile. Denn der Zeichner Schmitz steht mitten darin, in diesem Alltag, er flieht die Trockenluft des Ateliers, ihn zieht es nach draußen. Mit kleinem Besteck weiß er sich zu helfen, oft genug auf dem Knie. Am liebsten natürlich in einem Café, zwischen Tasse und Zuckerspender. „Kunst lebt aus dem, was nicht Kunst ist“, hat Wolfgang Schmitz einmal gesagt, „dem Draußen“. Hier, im Draußen, findet sein Sehen statt, das Schweifenlassen des Blicks. Die Augen wandern, bleiben hängen, sehen sich fest. Über Jahrzehnte trainiert, findet er schon das Futter, das er braucht. Wie auf dem Blatt OOSTENDE. Die Szenarien zweier Straßen. In der oberen Hälfte reihen sich alte Häuser aneinander, mit blinden Fenstern, das vordere spiegelt sich in einem Kanal. Erinnerungen an Holland tauchen auf, an die Region des Feuchten. Doch Vorsicht, Betrachter! Darunter auf dem Blatt wölben sich,

Graziella Drößler, Zeltdach, Mischtechnik auf Papier, 2013, 30 x 40 cm,

dunkel verdichtet, zwei Bögen der Schwebebahn. Sie wird gerade repariert. Das Durcheinander einer Baustelle. Arbeiter sind unterwegs, Maschinen. Traglasten schweben in der Luft. Der Werktag feiert sein anstrengendes Fest, vor dem hübschen Fenstergiebel aus vergangenen Tagen. Und alles in genauester Abbildlichkeit gegeben.

„Kunst lebt aus dem, was nicht Kunst ist, dem Draußen.“ Das kann in Holland sein, in Deutschland oder anderswo. Ostende und Vohwinkel, Bremen oder Münster - in größter Engführung auf ein Blatt gebannt, Küste und Land und Stadt im Spiel des Zufalls in eins, aufeinander geschichtet diesmal und nicht, wie so oft bei Wolfgang Schmitz, durch Falten und

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Knicken des Papiers. Derart entzieht er dem Erfassbaren den Grund, stellt die Dinge ins Schräge. Oben und unten, links oder rechts geraten in den Wirbel der Wahrnehmung, und jeder der Teile mag sehen, wo er bleibt – und der Betrachter mit ihm. Das Detail ist für sich erkennbar, dafür setzt der Zeichner präzise Pinsel und Feder und Stift ein, oft alle drei auf einem Blatt, doch das Einzelne verliert jeden Bezug zu einem Draußen. Dem, was der Zeichner so kunstvoll untergräbt, müssen wir als Betrachter einen Boden einziehen, wenn wir’s denn wollen. Oder wir lassen es bleiben und springen mit auf das Karussell des Sehens, wie Wolfgang Schmitz es betreibt. Je reicher unsere Phantasie, desto länger wird es sich drehen. Bilder … Worte Zwei Welten, die kein Übersetzen erreicht Der erste Eindruck vor einem Bild von Graziella Drößler und Wolfgang Schmitz ist geschehen, das erste visuelle Wahrnehmen von Farbe und Strich. Dieser Moment ist das Entscheidende, was vor einem Bild passiert, und er bleibt es. Doch vom Erfühlen bis zum Entziffern der Kräfte, die in diesen beiden konkreten Bildern wirken, ist nur ein winziger Schritt. Ist er getan, setzt das Denken wieder ein, drängen sich die Worte aus dem Schweigen nach vorn, die ungeduldigen, vorlauten, formulieren Fragen, Mutmaßungen, Vergleiche. Das Feld, das das Bild mir geöffnet hat in Unbekanntes, will bestellt sein. Wenn ich ein Kritiker wäre, ein Kunsthistoriker, könnte ich jetzt loslegen vor Ihnen mit meinen Einfällen, die das Bild ZWISCHEN DEN STÜHLEN und die Zeichnung OOSTENDE in mir ausgelöst haben. Doch da ich hier als Schriftsteller rede, darf ich das gerade nicht tun. Ich würde das grenzenlose Freisein, in das Sie eintreten werden, wenn Sie gleich vor jedem einzelnen Bild stehen, verengen, würde das Geschenk ästhetischer Autonomie beschädigen, das die Künstler uns verehren mit ihren Farben und Formen. Der Interpret, sei er Kritiker oder Kunsthistoriker, tritt, wie das Wort „interpres“ sagt, zwischen Werk und Publikum, als ein Vermittler, als ein Geburtshelfer, der

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dem Betrachter, Ihnen, seine eigenen Vermutungen und Seh-Erfahrungen nahe bringt. Das öffnet einerseits die Augen, unbestritten. Aber es legt, andererseits, auch Ihre Blickrichtung fest und schlägt Ihre eigene Phantasie in Fesseln. Ich trete hier nicht dazwischen, zwischen Sie und das Werk. Ich bleibe stehen vor dem einzelnen Bild, still schauend, staunend, freue und wundere mich. Mit jedem ausdeutenden Wort wäre die Freiheit verscherzt, das Kostbarste, was ein Künstler zu geben hat. Wenn es so weit ist, hoffe ich, wird das warme Rot aufklingen als ein Vers, wird die Häuserzeile von Ostende mir beispringen, wenn ich in einer Erzählung eine Örtlichkeit brauche. Deshalb darf ich es jetzt nicht zerreden, in kleiner Münze. Das, was wirklich zu sagen ist, tu ich in ästhetischer Form, als Gedicht oder Erzählung. Diese Art, durch die Blume zu sprechen, entzieht sich der Festlegung ebenso wie Farbe und Strich. Nur im Machen liegt die Kraft die sich weiter gibt an andere konzentriertes Eigenleben aufgelöste Energie nicht im Grübeln nicht im Reden und nur Machen macht - verschwiegen (2) Ich weiß nicht, ob es etwas zur Sache beiträgt. Aber wenn ich meine schöne Not mit dem Wort jetzt schon öffentlich mache vor Graziella Drößlers Farben und vor den Strichgittern von Wolfgang Schmitz, will ich auch das noch sagen: Die beiden sind zwei Künstler, die es mir wert machen, in Wuppertal zu leben. Sie als Freunde in erreichbarer Nähe zu wissen, hilft mir bei der eigenen Arbeit, gerade in Phasen, wenn alles nur zu misslingen scheint. Dann spüre ich, dass am anderen Ende des langen Tals zwischen Malen und Schreiben zwei Menschen die ganze Misere künstlerischen Schaffens durchleben – und sein von nichts zu überbietendes Glück. Bilder … Worte … Schweigen (1) aus „farb-laute“ in meinem Gedichtband LUST AUF BLAU & BEINE (2) aus „wie es anfängt : wie es endet“. Das letzte Wort ist abgeändert

Michael Zeller lebt als Freier Schriftsteller in Wuppertal. Für sein literarisches Werk wurde er mehrfach ausgezeichnet (u.a. Von der Heydt-Preis 2008, Gryphius-Preis 2011). Aktuell erscheint im Internet wieder SEH-REISE, seine wöchentliche BildText-Kolumne zur bildenden Kunst. www.michael-zeller.de

Die 129. Ausstellung der Stadtsparkasse Wuppertal in ihrer Reihe Kunst in der Sparkasse. Richting Hazegras Graziella Drößler, Wolfgang Schmitz Ausstellung 26. März bis 30. Mai 2014. Es erscheint ein Katalog.


Aus der Ferne betrachtet Vom Reichtum Die ganze Welt beneidet Deutschland um diesen einzigartigen Reichtum... Aber wissen die Deutschen überhaupt, was sie für einen Reichtum vor der Haustür haben? Die Musikbühnen, Theater und Orchester haben im 20. Jahrhundert zwei Diktaturen, Revolutionen und Inflationen überlebt und zwei Weltkriege obendrein. Und sie sind aus den Ruinen wieder auferstanden, weil sie im Bewusstsein als unverzichtbar galten. Der das schreibt, ist der äthiopische Prinz Asfa-Wossen Asserate. Ein Großneffe des letzten Kaisers seines Heimatlandes, Haile Selassi. Nachzulesen in seinem Buch „Deutsche Tugenden“, Kapitel Musikalität. Georg Westerholz Wie euphorisch das klingt und wie wahr es ist. Die Politikerin Antje Vollmer hatte vor ein paar Jahren sogar vorgeschlagen, die deutschen Bühnen zum UNESCOWeltkulturerbe zu erklären. Und ich denke, das ist keine Utopie. Wie banal und nüchtern klingt daneben ein Leser-Kommentar aus einer Wuppertaler Tageszeitung vor wenigen Wochen: „Wenn die Sinfoniker mehr Geld haben wollen, dann sollen sie sehen, woher sie es bekommen. Sie können ja gern ihrem Hobby nachgehen. Aber nicht auf meine Steuerkosten.“ Wie kommt es, dass ein äthiopischer Prinz in so hohen Tönen vom kulturellen Leben in Deutschland spricht, ein Wuppertaler jedoch so lapidar und öffentlich eine ganz andere Meinung kundtut? Was mir bei solchen Gegensätzen durch den Kopf geht ist die Frage, wie Kultur jeglicher Art an manchen Menschen derartig vorbeigeht. Wie Kultur Ablehnung bis hin zur Aggression auslösen kann. Ich will mich gar nicht erst an eine Deutung wagen. Es wird gern behauptet, Kultur sei nur für „die da oben“ gemacht. Die Eintrittskarten für Veranstaltungen seien für den „Normalverbraucher“ unerschwinglich. Das verwirrt mich. Für Musicals und viele Events geben die Deutschen Unsummen aus. Ohne mit der Wimper zu zucken, zahlen sie hohe Eintrittspreise. Was ist uns Kultur wert und wie viel darf sie denn kosten?

Warum ist mir Kunst und Kultur so wichtig? Natürlich weiß ich das heute. Doch wie kommt man dazu? Das weiß ich nicht. Ich bin in einem sehr einfachen Umfeld aufgewachsen. Nach heutigen Maßstäben nicht einmal das der „Normalverbraucher“. Und doch wurde bei uns klassische Musik gehört. Es wurde auf allen möglichen Instrumenten musiziert, gesungen und auch witziges Familien-Theater gespielt. Meine Eltern hatten später, als es finanziell etwas besser ging, sogar ein Opernabonnement. Sie haben dafür auf anderes verzichtet. In unserer Volksschule gab es einen Knabenchor, in dem ich Mitglied war. Vier Lehrer bildeten ein Gesangsquartett und führten kleine Konzerte auf. Es gab einen sehr freien und interessanten Malunterricht, einen freiwilligen Fotokurs, inkl. eigener Bildentwicklung. Es wurde Theater gespielt. In der Pfarrgemeinde gab es einen Kirchenchor, der immer wieder recht anspruchsvolle Konzerte in der Kirche gab. Und der Mütterverein spielte ebenfalls Theater. Als Kind durfte ich einmal eine kurze Rolle dabei geben. Als 14 jähriger ging ich mit der Gemeindejugend zu einer Führung ins Von der Heydt-Museum, wo uns ein engagierter, frisch gestarteter Kustos Dr. Wachtmann fuer zeitgenössische Kunst begeisterte. Anschließend gab es bei uns daheim heftige Diskussionen über Picasso und andere Maler. Und das, obwohl kein Bild an unseren wenigen Wänden hingen. Von den üblichen Schutzengelbildern in den Schlafzimmern abgesehen. Als 16 jähriger nahm mich meine ältere Kusine mit ins Konzert in der Stadthalle. Das „Quartetto Italiano“ gab nach der Pause Stücke von Anton Webern. Die Entdeckung neuer Musik! Mit 17 war ich zum ersten Mal im legendären Theater an der Bergstrasse. Dürrenmatts Physiker, mit der ebenso legendären Ursula von Reibnitz. Wieder eine Entdeckung. In der Zwischenzeit lebe ich in Kanada. Hier gibt es weder feste Opernbühnen, noch überall Orchester. Keine vergleichbaren Theater. Die Menschen, mit denen ich hier zu tun habe, sind kaum mit all diesem musischen Reichtum aufgewachsen. In den Kulturhäusern, z.B. in meiner Nachbarstadt Ottawa, werden zumeist Gastspiele angeboten. Opern, Theater, Konzerte jeglicher Art. Nicht vergleichbar mit dem reichen

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Neue Postkartenserie zu Wuppertal jetzt im Buchhandel 12 Szenenfotos vom Tanztheater Wuppertal – Pina Bausch Fotografiert von Jochen Viehoff

Ensem

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Eddie Martinez, Kyomi Ichida, „Ahnen“ (Uraufführung 1987)

Fotos aus Auführungen von: „... como el musguito en la piedra, ay, si, si, si...“ „Sweet Mambo“ • „Nur Du“ „Ahnen“ • „Rough Cut“

Julie Anne Stanzak, „Sweet Mambo“ (Uraufführung 2008)

„Komm tanz mit mir“ „Nelken“ • „Nefés“ „Wiesenland“ Text von Susanne Buckesfeld „Schönheit und Schmerz“ Julie Anne Stanzak, Andrey Berezin, „Nelken“ (Uraufführung 1982)

Ensemble, „Wiesenland“

(Uraufführung 2000) rung 1996)

Ensemble, „Nur Du“ (Urauffüh

Julie Anne Stan

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Mambo“ (Urau

fführung 2008

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Tanztheater Wuppertal Pina Bausch

12 Karten im Schuber: Verlag HP Nacke ISBN 978-3-942043-99-1 Preis 9,90 Euro

Angebot allein in Wuppertal. Mit Freunden oder Bekannten kann ich mich nur sehr begrenzt über Kultur austauschen, wie ich es von meiner alten Heimat gewohnt bin. Man weiß einfach viel zu wenig über Künstler jeglicher Art. Und doch gibt es immer eine Welle der Begeisterung, wie bei der Van Gogh Ausstellung 2013 oder wenn, wie in 2011, das Tanztheater Pina Bausch in Ottawa ein Gastspiel gibt. Das schlägt sich im Zuschauerandrang nieder, wie auch in begeisterten öffentlichen Kommentaren, vor und nach dem Gastspiel. Und die Tickets hier, die sind tatsächlich nur für Menschen erschwinglich, die über ein leicht gehobenes Einkommen verfügen. Und doch gibt es niemanden, der das öffentlich beklagt. Oder Künstler beschimpft, wie das in Wuppertaler Kommentaren durchaus nachzulesen ist. Ganz im Gegenteil spüre ich hier bei den meisten Menschen einen großen Drang nach Kultur. Nach Musik. Nach dem Besonderen. Dem Außergewöhnlichen. Das ist ihnen zumindest in ihrer Schul- und Studienzeit vorenthalten worden. (Inzwischen hat sich das deutlich verändert, wenn auch nach wie vor nicht nationsweit.) Und hier ergeben sich dann wieder sehr interessante Gespräche über dieses Thema. Und auch und nicht zuletzt über den Reichtum der Kultur vor allem in Deutschland. In Wuppertal und der nähern und weiteren Umgebung ist dieses Außergewöhnlich trotz aller Kürzungen und Einschreibungen immer noch in dem reichen Maße erlebbar. Gerade so, wie es Prinz Asfa-Wossen Asserate beschreibt. „Die beste Zeit“ beschreibt das ebenfalls sehr eindrucksvoll! Und ganz sicher ist dieser Reichtum nicht nur für die oberen Zehntausend gedacht und erschwinglich. Da habe ich dann Aesop's Fabel vom Fuchs und den Trauben vor Augen. Der Schriftsteller Arno Schmidt sagt: „Die Welt der Kunst und Fantasie ist die wahre. The rest is a nightmare.“ Ich denke, die Welt der Kunst und Fantasie stellt sich dem Albtraum entgegen! Das ist das Wahre und damit Schöne an aller Kultur.

12 Szenenfotos von Jochen Viehoff Verlag HP Nacke

Georg Westerholz

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Seine Augen trinken alles Das Frühwerk Max Ernsts im Brühler Max Ernst Museum

Max Ernst hier ist noch alles in der schwebe, 1920

Anlässlich des Gedenkjahres, mit dem an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erinnert wird, hat Thomas Schleper vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) ein umfangreiches Ausstellungsprojekt konzipiert, mit dem im Laufe des Jahres an mehreren Orten des Landes die unterschiedlichsten Facetten der Zeit um 1914 aufgefächert werden. Eröffnet wurde dieser Ausstellungszyklus schon im letzten Jahr im Bonner LVR-Landesmuseum mit „1914 – Welt in Farbe“, einer Präsentation früher Farbfotografien aus aller Welt, die erklärtermaßen eine „Friedensmission“ erfüllen und der Verständigung der Völker dieser Erde dienen sollten. Die zweite Ausstellung dieses Zyklus zeigt nun im Brühler Max Ernst Museum das Frühwerk eines Künstlers, der in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts als

einer der herausragenden Vertreter des Surrealismus figuriert, dessen Arbeiten aus der Vorkriegszeit den späteren Surrealisten allerdings noch kaum erahnen lassen. Präsentiert wird Max Ernst als Suchender, der begierig die unterschiedlichsten Anregungen aufnahm und der rückblickend in der dritten Person über sich selbst folgenden treffenden Satz formuliert hat: „Seine Augen trinken alles was in den Sehkreis kommt.“ Prägende Eindrücke vor 1914 1891 in Brühl bei Köln als Sohn eines Taubstummenlehrers und passionierten Laienmalers geboren, studierte er ab 1909 an der Universität Bonn Philosophie und Psychologie. 1913 las er Sigmund Freuds „Traumdeutung“, ein Schlüsselwerk der

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Psychoanalyse, eine Lektüre, die im späteren surrealistischen Œuvre des Künstlers ohne Zweifel ihren Niederschlag gefunden hat. Kein Zufall ist auch, dass er sich als Student mit der Bildnerei der Geisteskranken befasste. Er schrieb: „Ich versuche, Spuren des Genies in ihnen zu erkennen und entschließe mich, diese unbestimmten und gefährlichen Gebiete, die der Wahnsinn begrenzt, zu erforschen.“ Neben seinen philosophischen und psychologischen Studien galt das besondere Interesse des jungen Max Ernst der Kunst. Er studierte u.a. bei Paul Clemen in Bonn Kunstgeschichte, wo er in der Abguss-Sammlung des kunsthistorischen Instituts figürliche romanische Kapitelle mit Tiergestalten, Fabel- und Mischwesen sah, die aus heutiger Sicht fast als Surrealismus avant la lettre gelesen werden können. Die Brühler Kuratoren haben als Auftakt der Ausstellung ein Kabinett eingerichtet, an dessen Rückwand ein Großfoto einen Eindruck der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Skulpturenhalle gibt und in dem einige der fraglichen Gipse zu sehen sind.

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Anregend waren für den noch suchenden Max Ernst auch die „expressionistische“ Formensprache gotischer Bildwerke, in Brühl belegt durch die „Pietà Roettgen“ aus dem frühen 14. Jahrhundert, und die künstlerischen Hervorbringungen der Naturvölker. Angezogen zeigte sich Max Ernst in jungen Jahren ferner sowohl von den „protosurrealistischen“ Bildern eines Hieronymus Bosch als auch von der Tiefgründigkeit des Romantikers Caspar David Friedrich. Unter den modernen Künstlern waren es Maler wie Gauguin, van Gogh, Matisse und Picasso, deren Bilder ihn 1912 in der legendären Sonderbund-Ausstellung am Aachener Tor in Köln beeindruckten, ferner Delaunay und Kandinsky sowie die Rheinischen Expressionisten um den Bonner Maler August Macke, dessen Stil ihn nachhaltig beeinflusste. Die Brühler Ausstellung dokumentiert diese Einflüsse nicht nur mit exemplarischen frühen Arbeiten des Künstlers, sondern auch mit hochkarätigen Referenzwerken etwa von Macke, Campendonk, Mense, Matisse und Picasso (von letzterem ein überaus markanter früh-

August Macke Reiter und Spaziergänger in der Allee, 1914 kubistischer „Frauenkopf“ von 1909 aus dem Nationalmuseum in Belgrad). „Meine Bilder sollten aufheulen machen“ Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges bedeutete eine scharfe Zäsur. Macke, der sich freiwillig gemeldet hatte, fiel schon 1914 – nur 27 Jahre alt – in Frankreich. Ernst, der bei der Feldartillerie diente, bemerkt in beißender Schärfe: „Die Maschinenmenschen gehen aufeinander los, um zu entdecken, dass sie zwar keinen Geist besitzen,


Henri Matisse Hetre pourpres (Rotbuchen), 1909

Pablo Picasso Frauenkopf, 1909

aber sterbend den Geist aufgeben können.“ Während der Kriegsjahre kam Max Ernsts künstlerische Produktion nahezu vollständig zum Erliegen. Gleichwohl entstanden einige kleinere starkfarbige Aquarelle, so „Von der Liebe in den Dingen“ von 1914 und das verrätselte Blatt „Mondfische/ Kampf der Fische“ von 1917.

Im Unterschied zu Künstlerkollegen wie Otto Dix oder George Grosz, die zeichnend und malend gegen den Wahnsinn des Krieges protestierten, hatte sich Ernst während der Jahre 1914 bis 1918 mit künstlerischen Kommentaren zum Kriegsgeschehen, zur Sinnlosigkeit des industrialisierten Massenmordens, auffallend

zurückgehalten. Erst nach Kriegsende begann er, bildnerisch auf den Krieg zu reagieren. 1918 rief er zusammen mit Johannes Baargeld den Kölner Dadaismus ins Leben. Dada verstand sich als eine revolutionäre Bewegung, künstlerisch wie auch gesellschaftlich. Mehr noch als auf die Entweihung der geheiligten Tempel der Kunst kam es den Dadaisten auf die Demaskierung einer korrumpierten Gesellschaft an, die moralisch und materiell für den Weltkrieg verantwortlich gemacht wurde. Der Dadaismus bedeutete „eine spezielle Form des Widerspruchs von Künstlern, Dichtern, Malern, Bildhauern, Musikern gegen die Kulturschöpfungen einer Gesellschaft, die aus selbstsüchtigen Beweggründen imstande war, ... Millionen von Menschen abzuschlachten. Dada war der hektische Aufschrei des gequälten Geschöpfes im Künstler, der Aufschrei eines ahnenden, mahnenden, verzweifelten Gewissens. Im großartigen Unsinn, der den Bürger schockieren sollte, fanden diese Künstler zur Ursprünglichkeit und Natürlichkeit des Ausdrucks zurück“ – so der antifaschistische österreichische Publizist Willy Verkauf in seiner DadaMonographie von 1957. Vorbei war die strahlende Farbigkeit einer von Macke inspirierten Bildwelt. Max Ernst war klar, dass es unter den gegebenen politischen und sozialen Umständen nicht mehr möglich war, an die Kunst vor dem Krieg anzuknüpfen. Er schrieb: „Meine Bilder in jener Zeit sollten nicht gefallen, sondern aufheulen machen.“ Bildstrategien um 1920 Inspiriert von der „pittura metafisica“ Giorgio de Chiricos schuf er nun Fotocollagen, die auf dem Prinzip der Kombination des Heterogenen, des eigentlich Unvereinbaren, des logisch Unzusammenhängenden beruhten. Durch Zerschneiden, Isolieren, Drehen und Neuordnen verfremdete er vorgefundenes Bildmaterial, funktionierte es gleichsam um und gelangte zu neuen Sinngebungen. So geht es z. B. in der berühmten Collage „Die mörderische Max Ernst, Portrait, 1913 linke Seite: Max Ernst, Mondfische/Kampf der Fische, 1917

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Flugmaschine“ von 1920 (Menil Collection; Houston) – die in Brühl leider fehlt – nicht primär um Formales wie bei den „papiers collés“ der Kubisten, sondern um Inhaltliches. Über einer geradezu beängstigend leeren Ebene schwebt ein seltsames Mischwesen – halb Mensch, halb Kriegsflugzeug, ein Maschinenmensch –, während am unteren rechten Bildrand ein offenbar durch Kriegsverletzungen gehunfähig gewordener Mann von zwei Helfern abtransportiert wird: in der scheinbaren Sinnlosigkeit der Bildkombinatorik ein Hinweis auf den zerstörerischen Irrsinn des großen Krieges. Eine andere, ebenso prominente Fotocollage mit dem Titel „hier ist noch alles in der schwebe“ (1920), die in Brühl zu sehen ist, zeigt vor der Himmelsfolie einen schwebenden „Darmdampfer“ und einen „Skelettfisch“ (Max Ernst). Insgesamt erweckt diese Montage den Eindruck von Schwerelosigkeit, und die Leugnung physikalischer Gesetzlichkeiten, hier der Schwerkraft, ist ein typisches Kennzeichen des späteren Surrealismus. Es ist das Verdienst der Brühler Ausstellung, detailliert nachzuweisen, woher der Künstler sein Bildmaterial bezog und welche bildnerischen Strategien er angewendet hat. So machen die in Vitrinen ausliegenden Kriegsbücher aus der Zeit des Ersten Weltkriegs wie „Flugzeuge“ oder „Deutsches Kriegsflugwesen“ von Georg Paul Neumann nachvollziehbar, aus welchen Quellen sich Ernst noch vor Nutzung des berühmten Lehrmittelkatalogs bedient hat, und der

Max Ernst Jünglingsakt, um 1912 griffs um 180 Grad gedreht und die Giftwolke so angeordnet, dass sie anscheinend aus dem „Schornstein“ des „Darmdampfers“ ausgestoßen wird. Nach einer längeren „Inkubationszeit“ vor dem Ersten Weltkrieg, in der sich Max Ernst Orientierung suchend mit der avantgardistischen Kunst seiner Zeit auseinandergesetzt hatte, kommt er um 1920 als Künstler ganz offensichtlich zu sich selbst, und die Weichenstellung in Richtung der späteren surrealistischen Collagen ist bereits hier deutlich erkennbar. Doch das ist ein anderes Kapitel, das nicht in dieser sehenswerten Sonderausstellung, sondern in der permanenten Schausammlung des Brühler Max Ernst Museums aufgeschlagen wird. Rainer K. Wick

Vergleich mit den von ihm geschaffenen Fotomontagen lässt seine schöpferische, innovative Leistung unmittelbar deutlich werden. In der Montage „hier ist noch alles in der schwebe“ hat er einen Ausschnitt aus dem Foto eines britischen Gasbombenan-

Seine Augen trinken alles Max Ernst und die Zeit um den Ersten Weltkrieg Max Ernst Museum Comesstraße 42 50321 Brühl bis 29. Juni 2014 Zur Ausstellung ist ein lesenswerter Katalog mit 272 Seiten erschienen. Preis an der Museumskasse: 39,90 Euro Alle Fotos © Rainer K. Wick

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Arm in Arm mit dir zur Hölle… Kabale und Liebe Drama von Friedrich Schiller

Ehret die Frauen! Sie flechten und weben Himmlische Rosen ins irdische Leben… (Friedrich Schiller, „Die Würde der Frauen“, 1796) Regie: Jens Kalkhorst Kostüme: AMD Schule für Mode und Design Besetzung: Michael Hans Herrmann (Präsident von Walter) – Patrick Schiefer (Ferdinand) Maurice Kaeber (Hofmarschall von Kalb) Angela del Vecchio (Lady Milford) David Meister (Sekretär Wurm) Jens Kalkhorst (Miller) – Doris Hartmann (Millers Frau) – Tabea Fresemann (Luise) Stephanie Spichala (Zofe Sophie) Thomas Stratmann (Kammerdiener)

Wie nahezu jedes Theater hierzulande hat auch das Wuppertaler TalTonTheater Friedrich Schillers Drama „Kabale und Liebe“ aus dem Jahr 1784 um Dünkel, Intrigen und echte Leidenschaft in einer Wiederaufnahme von 2010 auf den Spielplan genommen, ist es doch zentrales Abiturthema. Auf karger Bühne, doch mit den vorzüglichen historischen Kostümen der AMD Schule für Mode und Design Düsseldorf gibt Jens Kalkhorsts Inszenierung von Schillers bürgerlichem Trauerspiel um eine unmögliche Liaison schon mal optisch Authentizität. Kalkhorst, der eingangs mit einem stummen Aufmarsch wirkungsvoll die dramatis personae vorstellt, hat seine Inszenierung als musikgewaltiges Drama mit starken, teils fast karikierenden Charakterzeichnungen angelegt, die Schiller vermutlich zusagen würden. Stellt er doch Autoritäten in Zweifel, macht Seelenkonflikte deutlich und Hofschranzen lächerlich, gibt den Kabalen auf allen Ebenen den passenden Ton. Die musikalischen Übergänge unterstreichen die Dramaturgie mit passenden Akzenten.

Ferdinand, Major und Sohn des Präsidenten von Walter liebt Luise, die Tochter des Musikers Miller. Sowohl Ferdinands Vater als auch Miller lehnen eine Verbindung ihrer Kinder aus Dünkel ab. Präsident von Walter will Ferdinand mit der Mätresse des Herzogs, Lady Milford, verheiraten, um seinen Einfluß bei Hof zu vergrößern. Ferdinand kündigt ihm den Gehorsam auf und will Luise zur Flucht überreden. Er gesteht Lady Milford seine Liebe zu Luise, doch erst als die mit Luise selber spricht und mit deren reinem Wesen konfrontiert wird, gibt sie ihre Heiratsabsichten auf und verlässt das Land. Um zu verhindern, dass Ferdinand seine Drohung wahrmacht, nämlich den Hof über die korrupten Machenschaften seines Vaters aufzuklären und zu verraten, „wie man Präsident wird“, werden Luises Eltern grundlos verhaftet. Vor dem sicheren Tod, so erklärt der intrigante Secretarius Wurm Luise, könne sie ihre Eltern nur durch einen an den Hofmarschall von Kalb gerichteten Liebesbrief retten. Der erzwungene Brief wird Ferdinand zugespielt, dessen Eifersucht und Rachegelüste ihn als wenig charakterfest decouvriert. Der Beginn vom tödlichen Ende.

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Wie so oft bei Schillers Kabale richtet sich die Aufmerksamkeit schnell auf die ergiebigen „Außenseiter“ wie den Sekretär Wurm, den David Meister mit brutal-leisen Tönen als einen hundsgemein durchtriebenen, notgeilen, Handgreiflichkeiten nicht scheuenden Smigel anlegt. Augenblicklich in die Herzen der Zuschauer spielt sich Maurice Kaeber als Hofmarschall von Kalb, eine falsettierende schwuchtelige Plaudertasche mit gelegentlichem Bariton – köstlich! Doris Hartmanns leicht bodenständigironische Frau Miller weckt Sympathien, beachtlich aber auch, wie sich Kalkhorst selbst als Vertretung für den erkrankten Darsteller in die Rolle des Hofmusikus Miller hineinschafft und dem sich selbst überhöhenden Präsidenten (Michael Hans Hermann) Paroli bietet. Angela Del Vecchio gibt Sympathie weckend die Lady Milford, eine aufs Abstellgleis geschobene alternde Hof-Mätresse. Im Aufeinanderprallen mit ihrer Gegenspielerin Luise (Tabea Fresemann) illustriert sie den zerrissenen Charakter dieser zerstörten und nicht minder manipulierten Frau ergreifend. Darstellerisch verläßt sie als Siegerin die Walstatt. Die schwärmerische Liebe zwischen Ferdinand (Patrick Schiefer) und Luise hätte durchaus etwas weniger süßlichen Romeo/Julia-Sirup und mehr Jugend vertragen, doch reichte weder das Feuer in beiden noch bei Schiefer die erforderliche Jugend dazu und für zarte Zwischentöne aus. Dennoch, eine sehenswerte Aufführung, die in Schillers Sinn vom Missbrauch der Macht, von Hoffart, Intrigen, falsch verstandenem Stolz und – ja, auch von der Liebe erzählt. Dass hier keiner der Männer moralisch unlädiert bleibt und allein die Frauen im Licht stehen, zeigt auch Schillers Verehrung, ja Hochachtung für das weibliche Geschlecht. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. (1. Korinther, 13) Frank Becker Weitere Informationen: http://taltontheater.de/programm/spielplan-st%C3%BCcke/kabale-liebe/

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Höhepunkte in Serie KLANGART 2014 von Ruth Eising Nun ist es wieder soweit. Das Frühjahr beginnt und im sechsten Jahr kündigt der Skulpturenpark Waldfrieden sein KLANGART Programm an. Unter Federführung von Dieter Fränzel, dem Initiator und künstlerischen Leiter, ist die Konzertreihe KLANGART zu einem kulturellen Ereignis geworden, das weit über die Bergische Region hinaus strahlt. Nicht nur bei weltoffenen Musikfreunden aller Generationen, sondern insbesondere auch bei den Musikern selbst hat sie mittlerweile einen klangvollen Namen: Denn der Skulpturenpark Waldfrieden ist ein Ort, an dem sich Kunst und Natur auf magische Weise begegnen. Der Zauber des Ortes springt auf die Musiker über und von diesen auf das Publikum.

Open Air-Konzert im Pavillon Foto: Dennis Scharlau

So bietet KLANGART in diesem Jahr wieder eine spannende und hochklassige Mischung aus Jazz, Weltmusik und freier improvisierter Musik. Neben namhaften deutschen Protagonisten sind in diesem Jahr Musiker und Musikerinnen aus England, den Niederlanden und den USA, aus Bulgarien, Polen und Spanien, aus Mali, dem Libanon und Indien zu Gast. Ein Highlight ist sicher das Konzert von Dave Hollands Quartett „Prism“ (19.07.), in dem der einstige MilesDavis-Bassist und Jazz-Fusion-Pionier die Musiker Kevin Eubanks, Craig Taborn und Eric Harland als gleichberechtigte Partner an seiner Seite hat. Erstmals im KLANGART-Rahmen zu erleben ist der unermüdliche, sich stets neu herausfordernde Wuppertaler Free-JazzWegbereiter Peter Brötzmann, in der intimen Duo-Konversation mit dem ebenso umtriebigen britischen Drummer Steve Noble (26.04.). Weltmusikfreunde werden sich wohl besonders auf den unter anderem aus der Zusammenarbeit mit Taj Mahal und Ali Farka Toure bekannten Bassekou Kouyate (09.08.) freuen – einen Musiker, der ein traditionelles Instrument aus Mali, die Langhals-Spießlaute

19. 7. Dave Holland-PRISM-GROUP Foto Laurence Laba Ngoni, auf neuartige Weise einsetzt und mit seiner Band Ngoni Ba eine überaus lebhafte, zum Tanzen animierende Musik auf die Bühne bringt. Programm mit einzigartiger Mischung Die Reihe startet im April mit dem Konzert des Eva Quartet (04.04.) im Ausstellungspavillon. Die vier Solosängerinnen des legendären Frauenchores „Le Mystère des Voix Bulgares“ werden das Publikum mit ihren magischen Stimmen verzaubern. Ihr Repertoire reicht von Kirchengesängen über traditionelle Volkslieder bis zu Experimenten mit westlichem Pop. Das letzte April-Wochenende ist ganz Peter Brötzmann, dem Wuppertaler Free-JazzWegbereiter, gewidmet, der nun endlich einmal Gast von KLANGART sein wird:

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26.04. PeterBrötzmann - Steve Noble Foto Petra Cvelbar.jpg

Bassekou – Foto Jens Schwarz

Auf der Bühne wird er mit Drummer Steve Noble zu erleben sein (26.04.). Am darauffolgenden Tag befasst sich das intensive Filmporträt „Soldier of the road“ (27.4.) zentral mit der Frage, wie Peter Brötzmann über einen Zeitraum von mehr als 50 Jahren mit seiner Musik so viel Energie freisetzen kann.

ten Vorverkaufsstellen. Die Tickets der Open-Air-Konzerte berechtigen zur kostenlosen Hin- und Rückfahrt am Tag der Veranstaltung mit allen VRR-Verkehrsmitteln im Verbundgebiet Rhein-Ruhr (VRR). Gültig in der 2. Klasse. Informationen und Reservierungen zum Dinner in der Villa Waldfrieden über Birthe Benz, Tel. (0202) 2501630 oder event@skulpturenpark-waldfrieden.de.

Drei Open-Air-Konzertwochenenden Das Auftaktwochenende der Open-AirSaison bietet ein spannendes Kontrastprogramm: In seiner Workshop-Band widmet sich der schon zu DDR-Zeiten international geschätzte Pianist, Organist und Komponist Ulrich Gumpert (30.05.) gemeinsam mit herausragenden Vertretern der aktuellen Berliner Jazzszene der Musik des legendären Bassisten und Komponisten Charles Mingus. Zwei Tage später bereichern die vier Musikerinnen von Las Migas (01.06.) ihren Flamenco gekonnt. Das Musizieren ist Männersache, und die Frauen tanzen mit verführerischen Bewegungen dazu – so sah lange Zeit dasFlamenco-Klischee aus. Bei Las Migas (01.06.) aus Barcelona ist das anders – und so ziemlich alles Übrige auch. Die vier jungen Frauen sind virtuose Musikerinnen und Sängerinnen, deren Flamenco gekonnt klingt ungewöhnlich frisch und mit Klangfarben aus Klassik, Tango, Fado, Jazz und Habaneras sowie westindischen und mediterranen Einflüssen zuweilen avangardistisch. Nicht minder spannend dürfte der Auftritt von Adam Bałdych (20.07.) und seines Quartetts werden. Bałdych gehört

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zur eher seltenen Spezies der Jazzgeiger; sein geradezu „teuflisches“, von Kaffeehausklischees gänzlich freies Spiel hat ihm den anerkennenden Spitznamen „Evil“ eingebracht. Die letzte „Open Air“-Station der KLANGART-Reise durch Kontinente und Kulturen ist eine besonders faszinierende. Markus Stockhausen, der schon einmal 2009 Gast war, mit seinem multinationalen Projekt Eternal Voyage (10.08.). Dies trägt in sich den gleichen Ideenkeim wie das Festival als übergreifender Rahmen: Grenzen überwinden, Kulturen zusammenführen und dadurch besondere Momente hervorbringen. Eine KLANGART-Zugabe gibt es im November mit einem Konzert im Pavillon: Der deutsch-indische Pianist und Komponist Jarry Singla bringt mit seiner Formation Eastern Flowers (19.11.), der deutsche und indische Musiker angehören, wahrhaft kosmopolitische Musik zum Erklingen. Kulinarischer Genuss nach dem Konzert Ein besonderes Erlebnis sind die Dinner nach den KLANGART-Konzerten in der Villa Waldfrieden. Dort kann man gemeinsam mit den Künstlern im Anschluss an die Konzerte ein mehrgängiges Menü geniessen. Ausgerichtet wird dieses immer von der Galerie Palette, die seit einigen Jahren das Café Podest im Skulpturenpark Waldfrieden betreibt. Praktische Informationen Eintrittskarten sind erhältlich über www. adticket.de und direkt an der Kasse des Skulpturenparks sowie an allen bekann-

Die Konzerte im Überblick Freitag, 4. April, 19 Uhr im Pavillon: Eva Quartet „Magic Voices“ Samstag, 26. April, 19 Uhr im Pavillon: Peter Brötzmann & Steve Noble, „Conversation“ Sonntag, 27. April, 20 Uhr, Café Podest: (Film) „Soldier Of The Road – A Portrait Of Peter Brötzmann “ Freitag, 30. Mai, 19 Uhr, Open Air: Ulrich Gumpert Workshop Band „Plays Charles Mingus“ Sonntag, 1. Juni, 18 Uhr, Open Air: Las Migas „Flamenco Nuevo“ Samstag, 19. Juli, 19 Uhr, Open Air: Dave Holland Quartett „Prism“ Sonntag, 20. Juli, 18 Uhr, Open Air: Dam Baldych Quartett „Imaginary“ Samstag, 9. August, 19 Uhr, Open Air: Bassekou Kouyate & Ngoni Ba „Jama Ko“ Sonntag, 10. August, 18 Uhr, Open Air: Markus Stockhausen Sextett, „Eternal Voyage“ Mittwoch, 19. Nov., 19 Uhr, Pavillon: Jarry Singla & Eastern Flowers, „The Mumbai Project“


Hausmusik inklusive „Bessere Hälften“ stellt unser Autor vor. Komplementär in diesem Fall: Hans-Uwe Flunkert, Leiter des Gebäudemanagements der Stadt Wuppertal

Sie stammt aus einer kinderreichen und musikalischen Familie (zehn Geschwister, von denen eines früh stirbt), hat entscheidende Monate ihres Lebens in Australien verbracht, und auf die Frage, ob sie sich als „bessere Hälfte“ ihres Mannes sehe, sagt sie: „Er hat eine Seite, ich habe eine Seite, zusammen haben wir mehr.“ Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Mit acht Jahren hat sie schon Akkordeon gelernt, später Saxophon und Klavier – die Instrumente erwarb sie mit dem ersten eigenen Geld -, wieder später Keyboard und Orgel. Und da sie nun einmal musikalisch ist, hat sie in der Phase, als sie als Erzieherin gearbeitet hat, Ausflüge in die Musiktherapie unternommen. Aber der Reihe nach. Der erste Beruf, in dem sie sich ausbilden lässt, hat mit Kuchen und Gebäck zu tun. Zwei Jahre arbeitet die als Christine Schneider im April 1966 geborene Konditorin im Café Klöppel. Dann weist ihr Lebenslauf eine einjährige Phase als selbständige Künstlerin beziehungsweise Musikerin aus.

„Musik bringt Menschen zusammen“, lautet ihr Credo, und diese Erfahrung hat sie auch auf zwei mehrmonatigen Touren durch den fünften Kontinent gemacht, als sie sich 2001/2002 und 2003/2004 dort als Straßenmusikerin durchschlug, einer Band anschloss und vor rund zehn Jahren eine Musikschule eröffnen wollte, sich aber dann darüber klar wurde, dass sie „der Liebe wegen“ ins Tal zurückkehren müsse. Wir greifen schon wieder vor. Nach der Grundschule (Bornscheuerstraße) und Hauptschule (Hügelsstraße), die sie mit Sekundarstufe I/Typ A verlässt, geht sie zur Pflegevorschule in Velbert, einer Berufsfachschule für Ernährung und Hauswirtschaft, die sie mit der Fachoberschulreife abschließt. Als Pflegehelferin sammelt sie Erfahrungen in der „Stiftung Tannenhof“, einer Nervenklinik in Remscheid, bevor sie – Erzieherin ist ihr zweiter erlernter Beruf – beim Elberfelder Erziehungsverein (EEV), dann in den Kinder- und Jugend-

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Die "andere Hälfte", Hans-Uwe Flunkert gruppen der Stadt Wuppertal (Kiju) und in weiteren Tageseinrichtungen für Kinder andockt und verschiedene „Jobs“ macht, beispielsweise bei der „verlässlichen Grundschule“ am Opphof. Derzeit arbeitet sie am Oberen Grifflenberg in der „Bärengruppe“. In diesem Rahmen entsteht momentan eine CD mit Liedern von Kindern für Kinder. Auf Reisen in Deutschland, durch Europa oder in fremden Kontinenten lernt man, ist sie überzeugt, die eigenen Bedürfnisse, Stärken, aber auch Schwächen besser kennen, als wenn man nur zu Hause hockt. Sich selbst schreibt sie einen starken Durchsetzungswillen zu, ferner ein „Helfersyndrom“ und eine gehörige Portion Neugier. Dabei kommen ihr die verschiedenen Ausbildungen und beruf- und ehrenamtlichen Engagements zugute. So hat sie in australischen Familien, die überhaupt keinen Quark kennen, Käsekuchen und – weiteres unerforschtes Gebiet – deutsches Brot gebacken. Die Musik wurde ja bereits erwähnt. Bei den „Wupperspatzen“, dem Akkordeonorchester, das jüngst 60 geworden ist, hat sie von ihrem 13. bis zum 16. Lebensjahr mitgemacht und ist seit einem Jahr wieder dabei. Daneben war oder ist sie in der Tanzband „Stop and go“, einer Soulband oder einer Bigband zu hören. Soloauftritte hatte sie im Rahmen von „24 Stunden

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Wuppertal live“ und bei Vernissagen. Gern denkt sie an eine Performance, gemeinsam mit einem Cellisten und einer Percussionistin, im Von-der-Heydt-Museum zurück. Fünf Jahre hat sie beim Ferienprojekt der Stadt Wuppertal und des „Circus Casselly“ die Kinderband betreut. Ihren Mann Hans-Uwe Flunkert, den Betriebsleiter des Gebäudemanagements der Stadt Wuppertal, hat sie vor gut zehn Jahren auf einer Haloweenparty und – kurz zuvor – an einem mit Freunden gemeinsam betriebenen Flohmarktstand kennengelernt. Liebe auf den ersten Ton. Auch der bekennende Fortuna-Düsseldorf-Fan hört gern Musik, kennt sich sogar in vielen Sparten aus, hat „aber selbst, so komisch sich das anhört, keinerlei Rhythmus in den Beinen“. Jedenfalls deutlich weniger als Christine. Bei Flunkerts gibt es regelmäßig Hausmusik, zu der vielleicht 70 Leute das Wohnzimmer und – im Sommer – die Terrasse bevölkern. Zuletzt stand lateinamerikanische Musik auf dem Programm. Einmal im Jahr schaut Michael Fix herein, ein australischer Musiker mit deutschen Wurzeln, der den Besuch im Uellendahl mit einem Auftritt in der Börse verbindet. Australien ist nicht der einzige Kontinent, den sie – seit der Heirat mit ihrem Mann gemeinsam – bereist hat. Gleich nebenan liegen die Fidschiinseln. „Wir sind immer unterwegs und waren schon in

Afrika (Malawi, Ägypten, Marokko), in Südeuropa (Spanien, Malta, Frankreich), aber auch weiter nördlich im benachbarten Holland oder Irland, in Deutschland selbst München oder Berlin. Oft geht es nicht um Sightseeing, sondern Wandern oder Skifahren.“ Oder per Fahrrad von Wuppertal bis Ulm, also rund tausend Kilometer. Auch die Strecke von Berlin bis Kopenhagen haben Flunkerts schon mit dem Drahtesel bewältigt. Nicht zu vergessen, dass beide Motorrad fahren – im Bergischen, in Frankreich oder auf der berühmten „Route 66“ in den USA. In ihrer Heimatstadt liebt sie das Luisenviertel und ausgedehnte Waldspaziergänge im „grünen Wuppertal“. Jeder Mensch, glaubt sie, hat es in einem gewissen Sinen selbst in der Hand, was er macht und was aus ihm wird. Wenn sie einen Wunsch frei hätte, wäre es, „über ein paar Stunden mehr am Tag verfügen zu können“. Und das nicht nur zur besinnlichen Zeit. Winterlicher Höhepunkt im Hause Flunkert ist die Weihnachtsbäckerei, die drei Tage andauert und bei der zahlreiche Freunde, Verwandte und Nachbarn mitmachen. Letztes Jahr wurden Knusperhäuschen für Kinder gebacken und auf Weihnachts- und Adventsmärkten verkauft: Der Erlös ging an krebskranke Kinder. Matthias Dohmen Fotos: Pedro Lucas-Thurau


Lapenta

Friederike Zelesko - Foto: Axel Wyen Geboren in Böheimkirchen, Niederösterreich. Sprachstudium in London, Übersetzerin. Arbeitete als Regierungsangestellte an der Bergischen Universität Wuppertal im Fachbereich Physik. Schreibt Lyrik und Prosa und ist Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller und der Künstlerinnengemeinschaft GEDOK. Beiträge in Literaturzeitschriften, Anthologien, im Funk und in einer Kolumne der Frankfurter Rundschau. Letzte Veröffentlichungen: Im Dezember 2011 erschien der Lyrikband „Von den Tafelfreuden“ im Wuppertaler NordPark-Verlag, im September 2012 die Erzählung „Überfahrt“ in der Anthologie „Wohin das Herz dich trägt: Meer“, hrsg. von Liane Dirks im Herder Verlag, Freiburg. Redakteurin der Bergischen Literaturzeitschrift KARUSSELL.

Das bekannte knallrote Logo, ein großes T in einem feinen Pinselschwung und einem vollkommenen Punkt am Ende des Schwungs, sprang ihr sofort ins Gesicht. Sie buchte in Gedanken einen Flug nach Andalusien und betrat das Eiscafé Wundertüte, das vis-a-vis des Reisebüros lag. Sie setzte sich so, dass sie zum Reisebüro hinüberschauen konnte und war voller Erwartung. Sie bestellte zwei Kugeln Malaga Eis, das in ihrem Mund zu einem süßen, sonnigen Meergeschmack zerschmolz. Sie zerbiss eine im Eis versteckte Tafelrosine, die einmal am Stiel einer Malagatraube hing. Hinter der Chromtheke des Cafés standen in polierten Edelstahlbehältern farbige Eisberge. Im Wandregal klirrten Eisbecher mit dekorativ gewundenen Stielen. Ihre blauen und grünen Schatten schwammen in Reih und Glied in den Spiegelseen. Eiskreationen, wie Amarena Becher oder Dolce Vita Becher, in denen geöffnete Papierschirmchen oder zitternde Lamettastäbchen als Dekorationen steckten, schwebten in den Händen der Kellner zu den Marmortischen. Die Kellner lächelten auf Italienisch. Auf dem Rücken ihrer gelben T-Shirts las sie den Schriftzug LAPENTA in einem Blau, das einem italienischen oder andalusischen Himmel Konkurrenz gemacht hätte und sie fragte sich, ob dieses LAPENTA ein Ort sein könnte, zu dem es sich lohnen würde zu reisen. Nach dem letzten Löffel Meergeschmack hatte sie sich entschieden, nach dem südlichen LAPENTA zu reisen. Das verheißungsvolle Lächeln der Kellner war überzeugend. Die Ruine der maurischen Burg Alcazaba müsse warten. Ebenso die Bucht von Malaga mit ihrem warmen, horizontweiten Meerwasserschoß. Sie wollte einfach sofort verreisen. In dieser Minute. In dieser Sekunde. Die eintönige Stadt mit ihren unzähligen nicht eingelösten Schönwettervorhersagen hinter sich lassen, und ebenso diese Routine des Alltags. Sie wählte den Zug als Transportmittel, liebte das rhythmische Rattern der Räder, den Hüftschwung der Waggons wenn sie über die Weichen fuhren. Seit ihrer Kindheit lag das Geräusch fahrender Züge in ihrem Ohr. Damals war es fast ein Schmerz, der näher kam, ganz nah war und sich wieder erlösend entfernte. Sie stieg ein und betrat ein leeres Abteil, setzte sich an den Fensterplatz in

Fahrtrichtung, überließ sich der kaum zu spürenden Höchstgeschwindigkeit eines Intercitys. Der Himmel war blau und der Wind trieb kleine, weiße Wolkenhaufen vor sich her. Sie türmten sich abwechselnd über Städte und freie Felder. Es war eine satte Landschaft, die sich vor ihren Augen ausbreitete und der sie sich furchtlos überlassen konnte, südlich des Rheins, südlich der Donau. Sie glaubte fest daran, dass sie zwei Ströme überqueren, noch heute ankommen und in einem Straßenlokal sitzen werde, sich von Jemandem die Stadt zeigen lassen werde, ihre barocken oder gotischen Kirchen, einen Platz mit vielen Tauben, die versteckten Hinterhöfe mit den Blumentöpfen, die artesischen Brunnen, die Rundbögen der reich verzierten Bürgerhäuser. Sie fuhr über die sichere Konstruktion einer modernen Eisenbahnbrücke. Das eiserne Streben-Muster erinnerte sie an ein Fadenspiel, das sie früher als Kind spielte. Die Fadenbrücke zwischen ihren Händen bekam eine andere Form sobald sie die Fäden losließ, der Schwester übergab. Natürlich hatte sie immer wieder als Kind die Hilfe eines Mitspielers, dessen Finger das alte Muster aufnahm und ihr verändert zurückgab. Aber es machte ihr auch Freude, eigene Muster auszuprobieren, sie zu erfinden, wieder zu zerstören. Sie versuchte sich zu erinnern, wann es anfing, dass sie sich stattdessen Worte und Sätze ausdachte, sie zwanghaft niederschrieb, sie immer wieder veränderte oder zerstörte, so wie das Fadenspiel. Sie schrieb eifrig Sätze in ein schwarzes Buch, von dem es hieß, dass dieses kleine, sogar in die Jackentasche passende Buch, schon von Van Gogh, Matisse, Chatwin und Hemingway benutzt wurde und dass es seitdem unzählige Schreibbesessene gab, die in ein solches notierten. Seit hundert Jahren wird es immer wieder hergestellt. Der Einband fühlt sich an wie weiches Maulwurfsfell. Das Verlassen der Brücke gab dem Süden einen ganz deutlichen Wink näher zu kommen. Sein Kommen bemerkte sie zuerst am Licht. Je südlicher sie fuhr, desto heller wurde es. Das Grau wurde plötzlich Farbe. Der Umriss von Landschaften, Flüssen, Straßen und Häusern hob sich scharf ab. Bald dämmerte es und in der hereinbrechenden Dunkelheit betrachtete sie ihr Gesicht

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im Abteilfenster des Zuges, sah plötzlich feine Risse in ihrer Haut so wie auf einem Rubensportrait. Die Risse sprachen zu ihr. Sie war alt geworden. Draußen war es Nacht und sie ahnte, dass sie an der Donau entlangfuhr. Sie brauchte die Donau nicht zu sehen um zu wissen, dass sie da war. Sie war nahe der Donau aufgewachsen, kannte ihren Geruch. Immer war sie ihr und ihren Ufern verbunden. Den Donauufern mit ihren Weingärten, den Wiesen und Obstbäumen, den unzähligen kleinen in die Donau mündenden Flüssen. Langsam lehnte sie sich in die Sitzpolster des Abteils zurück, zog ihr Tuch enger um die Schultern. Das Tuch war ein Geschenk ihrer Mutter. Ihre Mutter besaß an Kleidung immer nur das Allernötigste: Im Sommer zwei mit Blumenmustern bedruckte, dreistufige Röcke, drei helle Leinenblusen mit Halbarm, die ihre große Oberweite verdeckten und zwei Paar Sandalen mit unverwüstlichen Kreppsohlen. Ein Paar war dunkelbraun, das andere Paar weinrot, und immer waren sie eine halbe Nummer zu groß, sodass für die Zehen genügend Platz blieb. Wenn die Hitze des Sommers überhand nahm, legte sich der Staub der Straße zwischen die Zehen, färbte das Leder der Sandalen weiß. Die Röcke hatten Gummizug. Sie waren bequem zum Bücken, Heben oder Strecken. Ihre Mutter war im heißen Erntesommer von früh bis spät außer Haus, band sich auf dem Feld den Rock hoch. An solchen Tagen war man ohne Kopfschutz einem Hitzschlag ausgeliefert und so legte sich die Mutter ein Tuch über das Haar, knotete es im Nacken. Um die Mittagzeit lagerten sich alle Erntehelfer in den Schatten der aufgestellten Garbenzelte, aßen Selchfleisch und tranken sauren Most. Das in dicke Scheiben geschnittene Selchfleisch

Neu im Buchhandel: Anton Schlösser

Ich könnte die Berge hoch enden am Meer Gedichte

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war neben Brot die einzige Nahrung des Tages. Wie alle anderen, schnitt ihre Mutter schnell und geschickt in Richtung Daumen kleine Stücke ab und führte, das scharfe Messer noch immer zwischen den Fingern, den Fleischbissen zusammen mit dem Brot zum Mund. Die Erinnerung des Bildes aus ihrer frühesten Kindheit floss langsam in die Dunkelheit des Abteilfensters und zog sie immer tiefer in einen unerschütterlichen Wachschlaf. Sie ging den Weg zum Friedhof. Ein Weg, der die Toten von den Lebenden trennte. Die Toten lagen in Reih und Glied unter der Erde, im Morgenschatten und in der Abendsonne der alten Barockkirche in der sie getauft wurde, die Heilige Erstkommunion empfing; sie lagen unter dem steinernen Gedächtnis, auf dem sich die Zahl der gelebten Jahre eingeprägt hatte. Sie stand am Grab von Mutter und Vater – der Vater ging zuerst, die Mutter folgte ihm ein Jahr später. Beide entfernten sich aus einem arbeitsreichen Leben ohne Aufhebens, ohne Klage, ohne ihren Kindern etwas abzuverlangen. Sie entzündete erneut das Wachslicht in der Grablaterne, das ein Luftzug seit dem letzten Besucher des Grabes gelöscht hatte. Früher wohnte sie in einem Haus mit einem Obstgarten, wo das Spalierobst in Reih und Glied stand. Spalierobst ist edles Obst, sagte der Vater damals und veredelte die Bäume im Garten immer wieder. Doch der Frost machte auch vor dem Edlen nicht halt. Er tötete das Blühen. Der Obstgarten hatte sich wie Vaters Haar gelichtet. Die Kirche hob wie eh und je ihren Zeigefinger. Der Glockenton der Kirchturmuhr hing zit-

ternd in der Luft und wartete bis die Stunde schlug. Die Sonne war ein roter Lampion. Ein Raubvogel zog einen Kreis am Himmel und fiel in die rote Mitte. Die Zeit war nicht stehen geblieben. Ein Mähdrescher verletzte die heilige Sonntagsruhe. Er drehte sich ums reife Feld, das schnell geerntet werden musste bevor der Regen kam. Aus dem Maschinenleib fielen schwere Kornsäcke. Die Strohballen sprangen leichtfüßig hinterher. Aus dem Stoppelfeld wehte plötzlich kühlere Luft. Sie fröstelte. Das Frösteln weckte sofort das Verlangen nach Wärme. Das Abteilfenster hatte sich mit ihrem Atem beschlagen und sie wischte mit der Hand ein Guckloch hinein. Draußen war im Vorbeiflug der Straße bereits das Anzeichen eines südlichen Erwachens spürbar. Es waren viele Fahrzeuge unterwegs. Eine Motorradkolonne fuhr in Richtung AUSFAHRT und gleichzeitig konnte sie das Schild EINFAHRT vor dem Supermarkt MiniMal entziffern. Kleine Teiche spiegelten die Morgensonne wider. Am Ufer der Teiche waren Sandsäcke gestapelt, so als erwarte man mitten in einem Land Ebbe und Flut. Auf den Wiesen daneben waren frische Maulwurfshügel zu erkennen. Das Vorbeieilende war jung und noch mit einem grünen Frühlingsflaum überzogen. Dazwischen stieg eine Anzahl von Reihenhäusern einen Hügel hoch. Aus einigen Schornsteinen stieg Rauch auf und oben, auf einem bewaldeten großen Hügel, ragte die Ruine eines Burgfrieds hervor. Sie roch deutlich das Meer. Dann sah sie wie ein Signal, den knallrot lackierten Traktoranhänger auf einem Feld. Ihre Erwartung, endlich in LAPENTA anzukommen, steigerte sich. Friederike Zelesko F

116 Seiten, gebundene Ausgabe, Format 13,5 x 21 cm, ISBN 978-3-942043-98-4 VK 17,90 Euro Verlag HP Nacke Wuppertal Friedrich-Engels-Allee 122 42285 Wuppertal Telefon 02 02/28 10 40 verlag@hpnackekg.de


Der Blaue Reiter ist gefallen oder: Europa am Abgrund – ein Stück von Heiner Bontrup Mitwirkende Tanz und Schauspiel: Regina Advento (Tanztheater Pina Bausch) Gregor Henze (Wuppertaler Bühnen) Sprecherin: Claudia Gahrke Musik: Jan Marc Reichow , Charles Petersohn Video-Bühnenbild/Visuals: FrankN Idee, Konzeption, Regie: Heiner Bontrup Uraufführung: Sonntag, 4. Mai, 11.00 Uhr Kunstmuseum Solingen

Regina Advento Foto Karl-Heinz Krauskopf

Ein Multimedia-Stück über die Freundschaft zwischen Else Lasker-Schüler und Franz Marc, ihre gemeinsamen Träume und Hoffnungen. Und über den bis heute unversöhnlichen Gegensatz von Macht und Kultur, Krieg und Kunst, Materialismus und Geist. Europa zwischen 1900 und 1914: eine Welt im Umbruch. Ein Kontinent im Kampf zwischen der Alten Welt und den Kräften, die unaufhaltsam in das drängen, was später die Moderne genannt werden wird. Eine Zeit, in der Wissenschaft und Kunst die Bruchstellen zwischen dem Alten und dem Neuen sichtbar machen. Sigmund Freud deutet die Träume und blickt hinter die Fassaden des großbürgerlichen Lebens tief in die Seele der Menschen. Pablo Picasso und George Braque entdecken den Kubismus, Madame Curie die Radioaktivität. Albert Einstein revolutioniert mit seiner Relativitätstheorie die Vorstellung von Raum und Zeit, während Marcel Duchamp einen Akt in stroboskopisch zerlegten Bildern eine Treppe herabsteigen lässt. Kubismus und

Futurismus in einem Bild vereint. Mitten in diesen Umbruchsbewegungen, in der die Menschen sich neu erfinden müssen, finden sich zwei Menschen: beide mit einer Doppelbegabung: Prinz Yussuf von Theben, alias Else LaskerSchüler, die expressionistische Dichterin und Zeichnerin, und der Blaue Reiter Franz Marc. Sie schreiben einander Postkarten voller Poesie des Worts und der Zeichenfeder. Als Franz Marc 1916 an der Westfront fällt, schreibt Else LaskerSchüler in ihrem Nachruf auf den großen Maler und Freund: „Der Blaue Reiter ist gefallen.“ Ihre Worte sind eine Hommage an einen der wichtigsten Protagonisten der expressionistischen Bewegung und zugleich ein Menetekel für den „Wildkrieg“, wie sie diesen ersten großen Zivilisationsbruch des noch so jungen Jahrhunderts genannt hat. Das Stück nimmt die Zuschauer in diesem ungewöhnlichen Dialog aus Wort und Bild, Film und Tanz, mit auf eine Reise in eine Zeit, die mit rasender Geschwindigkeit dem Abgrund der Urkatas-

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trophe des 20. Jahrhunderts entgegentaumelt: den I. Weltkrieg. Zugleich werden die inneren Widersprüche dieser Zeit sowohl auf politisch-zeitgeschichtlichen als auch kulturellen Ebenen reflektiert. In dem Stück schlüpfen mit Gregor Henze (Wuppertaler Bühnen) und der Pina Bausch-Tänzerin Regina Advento zwei herausragende Künstler in die Rollen von Franz Marc und Else Lasker-Schüler. Tagebucheinträge, politische Reden und Bilder der Künstler der expressionistischen Generation fügen sich zu einem beklemmenden Gesamtkunstwerk, in dem jene Schicksalsjahre Europas wieder lebendig werden. Das Videobühnenbild des Filmemachers Frank Niermann zeigt die rasanten Veränderungen - Zeppeline, Flugzeuge, Ozeanriesen -, aber auch die grausame Realität des ersten modernen Kriegs sowie deren Verarbeitung im Prozess der Kunst. In einem eigens für die Eingangssequenz geschaffenen Stummfilm wird die Stadt Theben zum Sinnbild für ein Reich des Friedens und einer blühenden Kultur. Der Pianist Jan Marc Reichow sowie der Musiker und DJ Charles Peterssohn präsentieren dazu eine Livebühnenmusik, zu der die Bilder und Regina Advento tanzen.

5. und 6. April 2014 Schloss Lüntenbeck

Stilblüte

Knospe, Spaten und Feines – für die kommende Gartensaison

Eintritt: 4 €, Kinder bis 12 Jahre frei | Kombiticket ÖPNV: 6 €, erhältlich über www.wuppertal-live.de Öffnungszeiten: 11 bis 18 Uhr | Schloss Lüntenbeck, 42327 Wuppertal | Anfahrt und Parken: www.schloss-luentenbeck.de

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Foto: 123rf, Lijuan Guo

Else Lasker Schüler Theben mit Jussuf


Steckrübenwinter Das Jahr 2014 hat gerade angefangen und es scheint, als hätte es uns mit den bunten Raketen der Silvesternacht, gleich auf eine Zeitreise, 100 Jahre zurück, in das Jahr 1914 geschickt.

Anne Fitsch

In den Buchhandlungen stapeln sich die Neuerscheinungen zum 1. Weltkrieg. Im Fernsehen könnte ich mir täglich und „hautnah“, wie ein Sender es ausdrückt, unzählige Dokumentationen zum Thema, ansehen. Merkwürdig, wenn ich an den Geschichtsunterricht in der Schule denke, habe ich den Eindruck, dass es vor dem 2. Weltkrieg keine nennenswerte deutsche Geschichte gab. Alles was vor 1930 geschehen ist, hüllt sich, in meinem Gedächtnis, in einen feinen Nebel aus schwacher Erinnerung und blassen Vermutungen. Ich verbinde nur sehr wenige Stichworte mit diesem ersten Weltkrieg, in dem 9 Millionen Menschen starben. Ich weiß, dass die Soldaten in ganz Europa jubelnd in den Krieg zogen. Dass es unzählige Freiwillige gab und die Mobilmachung eher einem Volksfest glich, bei dem man dabei sein wollte, dass man sich nicht entgehen lassen konnte. Hier kam zum ersten Mal, in einem Krieg, das fürchterliche Giftgas zum Einsatz, an dem unzählige Soldaten elendich starben. Und aus der eigenen Familiengeschichte? Mein Großvater hat Tagebuch über seine Zeit als Soldat geführt. Als Wuppertal im 2. Weltkrieg, bombardiert wurde, brannte auch das Haus der Großeltern und nichts konnte gerettet werden. Nicht die Lieblingspuppe meiner Mutter, die immer im Fenster des Kinderzimmers stand und nicht die Tagebücher, die ihr Vater geschrieben hatte. Die Spur verliert sich und setzt auch hier erst mit dem 2. Weltkrieg wieder ein. Die Neugier ist jedoch geweckt und ich suche nach Texten über den 1. Weltkrieg im Bergischen Land. Im Internet stoße ich auf einen Bericht über Langerfeld. Dort lese ich von den Lebensmittelrationen und dem Steckrübenwinter 1916/17. Es gab kein Brot mehr. Die Kartoffelernte war dürftig ausgefallen. In Barmen pro-

testierten die Bürger und es kam es zum Steckrübenskandal. Schüler sammelten Geld für die Soldaten an der Front. Man schickte, wie überall im Land, Pakete mit warmen Socken und Mützen in die Schützengräben und in den Bandfabriken wurde das österreich-deutsche Nationalband gewebt. Eine Woche nach dem Attentat in Sarajewo feierte mein Großvater seinen 20. Geburtstag und weitere drei Wochen später erklärte Österreich, Serbien, den Krieg. In Gedanken sehe ich einen jungen Mann im Kreise seiner Eltern und Geschwister. Es gibt Kuchen und Kaffee und man redet über die neuesten politischen Ereignisse. Wie mag die Stimmung gewesen sein? War man besorgt oder doch zuversichtlich, dass sich Alles klären wird? Ist Er auch mit dieser vaterländisch suizidalen „Liebe“, in den Krieg gezogen? Wo war Er stationiert? Wie hat Er überlebt? Kannte Er da meine Großmutter schon? Ich telefoniere mit meinem Onkel. Etwas überrascht, über meine Fragen, entschuldigt Er sich, nicht genug zu wissen. Ja, sein Vater sei ebenso begeistert in den Krieg gezogen wie alle anderen auch. Er war in Frankreich, in der Schlacht von Verdun. Als am 1. August 1914 in Berlin die Mobilmachung verkündet wurde, sangen tausende wartende Bürger vor dem Berliner Schloss den Choral „Nun danket alle Gott“. Es ist schwer, sich diesen Patriotismus heute noch in unserem Land vorzustellen. Hätten sie nicht besser „Nun suchet alle Gott“, singen sollen? Der 1. Weltkrieg… Mir scheint, es wird ein mühsames Puzzle werden. Wie viele Teile werde ich noch finden? Wie viel werde ich über meine Familie aus dieser Zeit noch erfahren können? Ich bleibe dran! Anne Fitsch

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Paul Cassirer und Tilla Durieux Der Kunsthändler Paul Cassirer *21. Februar 1871 in Breslau; †7. Januar 1926 in Berlin und die Schauspielerin Tilla Durieux *18. August 1880 in Wien; †21. Februar 1971 in Berlin

Porträt Paul Cassirers von Leopold von Kalckreuth, 1912

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Berlin um 1900. Die Stadt ist geprägt von fieberhafter Aufbruchsstimmung. Der Zuzug von Fremden nach Berlin wächst von Woche zu Woche. Seit 20 Jahren (1880) ist Berlin eigenständige Stadt und aus der Provinz Brandenburg ausgetreten. 20 Jahre weiter (1920) wird Berlin zur Großstadt durch Eingemeindung von Randbezirken (Charlottenburg, Schöneberg, Neukölln, Spandau…). Der Brockhaus Leipzig zählt 1923: 2.071.257 Einwohner, davon 24. 020 Katholiken, 90. 013 Israeliten und 21 900 Militärpersonen. Die Kaiserzeit ist von Fortschritten geprägt. Wachsende Industrie, verstärkte Einführung von Elektrizität und Zentralheizung, gedeihende Architektur und Kunst – nicht alles allerdings, wie Wilhelm II. es sich gewünscht hat.

Paul Cassirer, bis heute legendärer Kunsthändler, Visionär und Verleger, wurde 1871, im Gründerjahr des Kaiserreichs (Wilhelm I.), in Breslau geboren. Er schuf mit seiner untrüglichen Witterung für Neues, das um die Jahrhundertwende überall in der Luft lag, freie Bahn für die Moderne, für noch wenig bekannte Künstler. Im September 1898 eröffnet er in Berlin, zusammen mit dem Cousin, die ‚Bruno & Paul Cassirer·Kunst- und Verlagsanstalt‘ in der Victoriastraße 35. Im angesehenen Tiergartenviertel präsentieren sie in einer ersten Ausstellung drei Künstler unterschiedlicher Nationalität, den Deutschen Liebermann, den Franzosen Degas und den Belgier Meunier. Rilke schildert am 15.12. 1898 in der Wiener Rundschau den neuen Salon der Drei:“Bruno und Paul Cassirer


laden…je einen Meister zu Gast und die drei Fremden, die von einander nichts wissen, erhalten Raum und Recht, sich auszubreiten“. Im kleinsten Raum, künstlerisch ausgestattet von van de Velde, auch gern benutzt als Lesesalon „empfindet man, wunschlos, das Wohltun dieses...Ortes.“ Im Mai des Jahres war die Berliner Secession gegründet worden (Liebermann, Corinth, Kollwitz, Zille…). Sie verstand sich als Abspaltungsgruppe mit Neuausrichtung gegenüber der ‚Akademie der Künste‘ und des ‚Berliner Künstlervereins‘, da sich massive Meinungsverschiedenheiten, besonders betreff einer Ausstellung von Edvard Munch, entzündet hatten. Die Cassirer-Vettern berief man zu ‚Sekretären‘. Schnell entwickelten sie sich als vielseitige Geschäftsführer.

Paul Cassirer war erst kürzlich nach Berlin zurückgekehrt. Seine Familie stammte aus Breslau und zog 1872 nach Görlitz. Oft wird der falsche Geburtsort angegeben (u.a. Wikipedia) und behauptet, Cassirer habe in München Kunstgeschichte studiert. Tatsächlich soll er (vgl. Thomas Raff in ‚Paul Cassirer, ein Fest der Künste‘, C.H. Beck 2006) sich beim Meldeamt als Jurastudent eingetragen haben. Im nächsten Semester bezeichnete er sich als Schriftsteller. Betreff Kunstgeschichte oder Jura findet man zumindest keine Eintragung an der Münchner Ludwig Maximilian-Universität. Paul besaß weitreichende Talente. Anfang Zwanzig war er wohl nicht sicher, welche er vorrangig entwickeln würde. Von Haus aus vermögend, konnte er sich Zeit lassen, zeichnete

gut und betätigte sich zunächst literarisch. 1894 publizierte er das Drama Fritz Reiner, der Maler und 1895 den Roman Josef Geiger, zwei Studien des Berliner bzw. Münchner Bohemienlebens. Stefan George nahm 1894 ein Cassirer-Gedicht in seinen ‚Blättern der Kunst‘ auf. Bald arbeitete Paul mit in der Redaktion der 1896 begründeten satirischen Zeitschrift ‚Simplicissimus‘. Seine Hochzeitsreise aber, zusammen mit Lucie Oberwarth (Heirat 1895), führte nach Paris. Dort begeisterte er sich für die so neuartige Kunstszenerie, für die genialen Impressionisten. Er beendete seine Münchner Zeit und verlegte sein Domizil wieder ins aufblühende Berlin. Auch seine betuchte, jüdische Verwandtschaft hatte sich in Berlin niedergelassen.

Tilla Durieux (Porträt von Pierre-Auguste Renoir, 1914)

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Der neue Salon in der Victoriastraße gedeiht. Bruno und Paul Cassirer stellen kühn Manet, Monet, Slevogt, Segantini, Corinth und Cezanne aus. Ihr Konzept imponiert bereits, auch wenn sie sich 1901, nach erst drei Jahren Gemeinsamkeit, trennen. Paul präsentiert 1902 mit seinem untrüglichen Instinkt van Gogh (der erst zum zweiten Mal in Deutschland gezeigt wird). Werke der ‚Neuen‘ sind auch in seiner Wohnung zu bestaunen, lange zum Unmut diverser Besucher. Denn Cassirer ist nicht nur Kunsthändler. Er ist leidenschaftlicher Sammler zu einer Zeit, als Impressionisten erst wenigen Sammlern in Frankreich, England oder Amerika etwas bedeuten. Nach der Trennung von Bruno führt Paul die Ausstellungen und den Kunsthandel alleine weiter. Bruno übernimmt den Verlag, bricht aber die meisten Kontakte zur Secession ab (Paul hingegen wird 1912 Präsident). Erst 1908, das ist schriftlich vereinbart, kann Paul einen eigenen Verlag begründen. Um sich den

Mut der Vettern damals vorzustellen, ist es anregend, in kaiserlichen Reden nachzulesen (vgl. Möhrmann: Tilla Durieux und Paul Cassirer, Rowohlt 1997). 1901 donnert Wilhelm II., anlässlich der Enthüllung einer Denkmalgruppe der brandenburgisch-preußischen Herrscher in der Siegesallee: ,Kunst soll mithelfen, erzieherisch auf das Volk einzuwirken… eine Kunst, die sich über die von MIR bezeichneten Grenzen und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst‘. Damit sind die Grenzen klar gesetzt. In einer anderen Kaiserrede heißt es: ,Dieser Cassirer, der die französische Dreckkunst zu uns bringen möchte‘. 1894 bereits hat Wilhelm II. aus Protest gegen Hauptmanns Stück ,Die Weber‘ seine Loge im Deutschen Theater gekündigt und der ‚Rinnsteinkunst‘ den Kampf angesagt. Er mischt sich weiter ein, setzt Stücke ab oder lässt vor Gericht antreten (Cassirers Publikation von Wedekinds ‚Büchse der Pandora‘). Cassirer gelingt es immer findig, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Ankäufe von Bildern

und Hängungen in der Berliner Nationalgalerie hat der Kaiser zu gestatten. Deshalb werden verbotene oder mühsam geduldete Gemälde von den CassirerVettern ‚nicht öffentlich‘ in Privathäusern oder ihrer hauseigenen Galerie ausgestellt. Der Durchbruch neuer Kunstformen ist nicht mehr zu stoppen. 1905, Paul Cassirer hat einen guten Bekanntheitsgrad erreicht, begegnet er der Reinhardt-Schauspielerin Tilla Durieux, seiner zweiten Frau. Tilla, 1880 geboren als Ottilie Godeffroy, den Namen Durieux nimmt sie von der Großmutter an, erlebte in Wien eine einsame Kindheit. Die älteren Geschwister zogen bald aus. Der Vater, Chemieprofessor, war zuhause ein Schweiger. Die Ehe besaß unlösbare Schwierigkeiten. Tilla bewunderte ihren Vater. Sie verbrachte Stunden neben ihm, ohne eine Verbindung zu bekommen. Als sie ein Alter erreichte, in dem es wohl einfacher geworden wäre, war sie 14, ihr Vater erst 46 und starb an Krebs. Die Mutter fand schwer Zugang zur Tochter. Mit der

Jury für die Ausstellung der Berliner Secession, 1908: Paul Cassirer (fünfter von links), außerdem von links nach rechts: Fritz Klimsch, August Gaul, Walter Leistikow, Hans Baluschek, Max Slevogt (sitzend), George Mosson (stehend), Max Kruse (stehend), Max Liebermann (sitzend), Emil Rudolf Weiß (stehend), Lovis Corinth (stehend)

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bräunlichen Hautfarbe und dem strähnigen Dunkelhaar galt Tilla damals nicht als hübsch. Sie besaß keinen herzigen Mund, sondern breite Lippen und seltsame Funkelaugen. Die Mutter ging davon aus, dieser ‚Kobold‘ würde kaum einen Mann bekommen. Sie beschloss, das Mädchen müsse einen Beruf erlernen. Ab dem 6. Lebensjahr wird Tilla zur Pianistin ausgebildet und muss Stunden täglich üben. Dabei liebt sie Musik, tanzt und schwingt sich gern zu Klavierklängen, wenn Mutter spielt. Vor der Ehe soll sie selbst Pianistin gewesen sein. Tänzerin wäre Tilla viel lieber geworden. Ein hinreißender Ballettabend fasziniert sie früh. Das ausdauernde Üben macht ihr das Piano verhasst. Oft besucht die Familie glücklicherweise das Theater. Die glitzernde Welt der Bühne entzückt Tilla. Bald träumt sie, nicht nur Tänzerin, sondern auch Schauspielerin zu werden. Der Zufall hilft. Einmal trällert Tilla ein Lied vor sich hin. Eine Gesangslehrerin hört es und schlägt ihr vor, beim Burgtheater vorzusprechen. Tilla schleicht sich hin, gefällt - und stürmt begeistert nach Hause. Die Mutter schlägt sie entsetzt ins Gesicht. Tilla schreibt in ihrer Biographie(„Meine ersten 90 Jahre“, Her-

big 1971) :“Mein bleiches Erstarren aber musste ihr Mitleid und Angst eingeflösst haben... wenn einen Beruf auszuüben an sich schon… für ein Mädchen eine Degradierung bedeutete, wieviel mehr stellte sich eine werdende Schauspielerin abseits von allem Erlaubten‘‘. Schauspielerinnen galten kaum als ernsthafte Darstellerinnen. Hübsch hatten sie zu sein, Muse, gern erotische Beikost für Männer. Manche zogen eine Bühnen-Liaison den Bordellen vor oder wollten sich nicht wegen einer verheirateten Frau duellieren. An einigen Theatern (vgl. R. Möhrmann, s.o.) war es üblich, dass heiratenden Schauspielerinnen gekündigt wurde (Schnitzler machte mit seinem Stück Freiwild , 1896 uraufgeführt am Deutschen Theater Berlin unter Otto Brahm, auf solche Missstände aufmerksam). Tilla genießt nun Unterricht in der ‚Theater-Vorbereitungsschule‘ ihres Prüfers, des Hof-Schauspielers Arnau. 1899 tritt sie, 19-jährig, erstmals als Elevin auf, auch mit Gesang. Ins Institut kamen gern Agenten, um Talente zu entdecken. Tilla erhält zügig ein Angebot nach Olmütz. Die Mutter braucht gutes Zureden des Hofschauspielers Arnau, um einzuwilligen.

Dann löst sie den Wiener Haushalt auf, um Tilla 1901 an die erste Stelle zu folgen. Die Begrüßung des Direktors Lesser aber überrascht Tilla: „Mit dem ‚Ponem‘ (jüdisch: Gesicht) wollen Sie zur Bühne? Lernen Sie lieber kochen!“ Doch lässt sie sich nicht erschüttern. In ihrer Biographie schreibt sie:“Heute weiß ich, dass nur ein Narr oder ein Talent solche Worte hören kann und doch überzeugt bleiben.“ Kurz darauf wird Tilla schon zur Probe nach Breslau engagiert. Sie gewinnt knapp eine tragende Rolle und überzeugt. Direktor Loewe schließt mit ihr einen 5-Jahresvertrag. Das Verhältnis zur Mutter wird trotz Beruf nicht besser, obwohl diese bei der Schneiderung von Kostümen hilft. Schauspieler hatten für ihre Kleidung selbst zu sorgen. Eines Tages kommt ein Telegramm vom Berliner Max ReinhardtTheater und bringt ein Angebot. Tilla reist hin, unterschreibt, geblendet von Reinhardts Ausstrahlung und der Theaterszene Berlin. Ein befreundeter Anwalt erkennt schließlich die Lücke im Breslauer Vertrag. Tilla ist noch nicht volljährig, die Mutter hatte nicht unterschrieben. Endlich erhält sie Rollen, die auf sie zugeschnitten sind. Sie glänzt u. a. als Salome (Oscar Wilde) vor ausverkauftem Haus, als Lady Milford in Kabale und Liebe (Schiller), später als beeindruckende Judith (Hebbel). Dann entschließt sie sich zur Heirat mit dem Maler Spiro. Ist er der erste, der, wie seine Mutter, gut und freundlich zu ihr ist? Tilla hofft, endlich von den bedrückenden Launen der Mutter freizukommen. Aber schon 9 Monate nach der Hochzeit begegnet sie dem Mann ihres Lebens, Paul Cassirer. Als sie sich beim Kunsthistoriker Meyer-Graefe erstmals begegnen (1905), sind beide schon bekannte Berliner Persönlichkeiten, jeder auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen der Ästhetik. Paul, noch verheiratet, entdeckt Tilla auf Anhieb ‚als Kunstwerk‘. Dem Maler Spiro bleibt keine Chance. Zwar lockt er Tilla noch in ein Sanatorium, damit sie sich in Ruhe ihren Entschluss überlegt, doch entpuppt sich die Einrichtung als Psychiatrie. Tilla gelingt es zu fliehen - mit Handtasche, ohne Gepäck. Aus einem Hotel ruft

Tilla Durieux als Circe (Porträt von Franz von Stuck, 1913)

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Beisetzung von Paul Cassirer, am Grab die Witwe Tilla Durieux.

sie Paul an. Nun beginnt eine freie Liebe, die erst nach beiden Scheidungen legalisiert werden kann. Paul entpuppt sich als ein Mr. Higgins, nicht nur, weil Tilla wohl die erste Elisa in ‚Pygmalion‘ gespielt hat. Trotz ihrer Erfolge übt er streng an der Verminderung des Wiener Dialekts, studiert mit ihr Goethe und andere Autoren, um sie zu bilden. Tilla gilt als erstaunlich begabt, neuerdings als attraktiv-exotisch, scheint manchem aber ‚wenig gefühlvoll‘. Öffentliche Tränen mag sie nicht darstellen (dazu versteht sie sich gut mit dem sie später malenden Renoir). Negative Kritiken ändern nicht den Zustrom des Publikums. Wenn Tilla nicht spielt oder vorliest, genießt sie das Künstlerleben mit allen Facetten. Im Alltag entwickeln Paul und sie viele Gemeinsamkeiten. Die Begeisterung für die Impressionisten, die Ablehnung kaiserlicher Erziehungsansichten hinsichtlich der Moderne verbinden sie. Eines Tages sieht Tilla ein russisches Ballett. Es ist schlecht besucht, sie aber wittert gleich das Besondere und berichtet es Paul. Der wiederum hat die ‚rechte Nase‘, lässt das Stück absetzen und nach einigen Wochen mit großer Werbekampagne neu aufführen. Nun gelingt der Durchbruch, und fortan kann die russische Pawlowa öfter Berlins Bühne zieren. Mit Pauls begüterter Familie allerdings hat Tilla Schwierigkeiten. Auf sie, die arme Schauspielerin und Nicht-Jüdin, wird herabgesehen. Paul selbst hat oft schwer zu ertragende Launen. Seitensprünge sind keine Seltenheit. Ein Bruder ist Nerven-

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arzt, doch keine Hilfe. Tilla entschließt sich zum Durchhalten. 1908, nach der Sperrfrist, wird der Paul Cassirer Verlag gegründet. Schnell sind Namen vertreten, die bis heute Klang haben. Liebermann, Slevogt, Barlach, Chagall, Kokoschka… sind mit Originalgraphiken und wichtigen Texten dabei. Pauls Panpresse, eine Handpresse, stellt ab 1910 Luxusdrucke her (der frühere ‚Pan‘ erschien 1895-1900 unter Herausgabe von O. J. Bierbaum und J. Meier-Gräfe). Heinrich Mann, Toller, Wedekind, Sternheim und später Bloch werden Autoren Cassirers. Lassalle, Barlach und Lasker-Schüler sind mit ihrem Gesamtwerk vertreten. Paul sponsert einige über Jahre mit Geld (Heinrich Mann, Lasker-Schüler, Barlach, Kokoschka..) und gibt drei Bände Briefe van Goghs an Bruder Theo heraus. Dann aber kommen Schwierigkeiten. Zu Kriegsbeginn 1914 meldet sich Paul als Freiwilliger. Zurück kehrt er als Kriegsgegner. Zeitweilig gerät er in Haft, bekommt Verfahren angehängt, da er zu Unrecht einige französische Gemälde verkauft habe. 1917 flüchtet er in die Schweiz. Nur so kann er einem neuen Ruf zum Militär entkommen mit seinem angeschlagenen Gesundheitszustand, meist psychischer Natur. Tilla kann nicht gleich folgen, hat laufende Verträge und Gastspiele. Hier gründet Paul mit den Raschers die Max Rascher Verlags AG und bringt pazifistische Schriften von deutschen und französischen Autoren heraus. 1922 wird der Verlag eingestellt; Cassirer hat durch die Inflation in Deutschland

viel Geld verloren. Sein Berliner Kunsthandel wird während des Exils von W. Feilchenfeldt weitergeführt. Tilla lebt mit Paul in der Schweiz, unterbrochen von Gastspielen. Es gibt Krisen. Die Beziehung funktioniert unterschiedlich, auch nach der Rückkehr 1919 nach Deutschland. Als sie die psychische Belastung mit Paul nicht mehr aushält und 1926 die Scheidung einreicht, erschießt er sich im Nebenzimmer. Die Urkunde will er nicht unterschreiben (vgl. Tilla Durieuxs Biographie:„Nun bleibst du aber bei mir!“). Tilla schließt eine dritte Ehe mit ihrem jüdischen Beschützer, Ludwig Katzenellenbogen, Generaldirektor der SchultheißPatzenhofer-Brauerei in Berlin. Nach der Machtübernahme der Nazis flüchten sie in die Schweiz, später nach Jugoslawien, wo sie ein Hotel betreiben. Während Tilla sich um Ausreise-Visa für die USA bemüht, wird ihr Mann 1941 verhaftet und ins KZ Sachsenhausen gebracht. Er stirbt 1944. Tilla hält sich lang in Jugoslawien auf. Sie gerät, fast mittellos, unter die Partisanen. Diese Zeit wäre eine Extrabetrachtung wert. Erst 1955 kehrt sie über die Schweiz nach Berlin zurück. Mit 72 Jahren hat die Durieux begonnen, wieder Rollen zu spielen – in einer neuen Welt. Sie erhält zahlreiche Auszeichnungen und stirbt schließlich, 90-jährig, noch im Tod mit Paul verbunden, an seinem hundertsten Geburtstag. Angelika Zöllner Fotos: Wikipedia


Paragraphenreiter Kann ich mit Kunst auch Steuern bezahlen?

Manchmal schon – und zwar nicht erst, wenn ich sie auf dem Markt, im Kunsthandel oder bei einer Auktion in Geld umgetauscht habe. Tatsächlich gibt es in der Abgabenordnung den § 224a AO, der die „Hingabe von Kunstgegenständen an Zahlungs Statt“ regelt. Im üblichen Amtsdeutsch bestimmt Absatz 1 dieser Vorschrift: „Schuldet ein Steuerpflichtiger Erbschaft- oder Vermögensteuer, kann durch öffentlich-rechtlichen Vertrag zugelassen werden, dass an Zahlungs statt das Eigentum an Kunstgegenständen, Kunstsammlungen, wissenschaftlichen Sammlungen, Bibliotheken, Handschriften und Archiven dem Land, dem das Steueraufkommen zusteht, übertragen wird (…).“

Susanne Schäfer, Steuerberaterin Geschäftsführerin der Rinke Treuhand GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft/ Steuerberatungsgesellschaft

Das klingt erstmal ziemlich trocken, kann aber wie jede steuerliche Vorschrift bei Berücksichtigung des geregelten Lebenssachverhalts weitaus interessanter gestaltet werden. Die Geschichte beginnt bei der Nummer des Paragraphen, die mit einem kleinen a endet. Das deutet darauf hin, dass der Gesetzgeber sich erst nach dem erstmaligen Inkrafttreten des Gesetzes überlegt hat, die Vorschrift einzufügen, und da an der Stelle, an der die Vorschrift sachlogisch am besten aufgehoben war, nämlich zwischen den §§ 224 und 225 AO, keine Ziffer mehr frei war, hat er sich mit dem Anhängen eines Buchstaben beholfen.

„Am liebsten auf der Bühne, und wer weiß wo sonst noch, sind mir Sätze, die man auch tanzen könnte.“

Zugela

KARL O

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Neu Karl Otto Mühl Zugelaufene Sprüche 2013 Verlag HP Nacke Wuppertal 80 Seiten, 9.00 Euro ISBN: 978-3-942043-90-8

Kurzes Nachforschen ergibt, dass die Ergänzung im Jahr 1990 erfolgte, um genau zu sein mit dem KultStiftFG (Kultur- und Stiftungsförderungsgesetz), das mit Veröffentlichung im Bundesgesetzblatt am 13. 12. 1990 in Kraft trat. Weiteres Nachforschen in den einschlägigen Kommentierungen führt zu der Erkenntnis, dass die Vorschrift ähnlich exotisch ist wie sie klingt. Prof. Dr. Otto-Gert Lippross, einer der bekanntesten Kommentatoren der Abgabenordnung, lässt sich gar zu der Aussage hinreißen: „Die praktische Bedeutung der Vorschrift dürfte gegen Null tendieren.“ Abschließende Recherchen (eingentlich nur noch der Neugier halber) kommen schließlich zu dem Ergebnis, dass in der Öffentlichkeit nur ein einziger Anwendungsfall bekannt ist: die Begleichung der Erbschaftsteuer nach dem Tod von Fürst Johannes von Thurn und Taxis. Todestag: 14. 12. 1990. Da kam das Gesetz aber gerade noch rechtzeitig!

„Das Leben ist sportlich: Der, den du überholst, sitzt dir danach im Nacken.“ „Mit guten Absichten überschminkt die Seele ihre Pickel“ „Das wäre ein wunderbares Leben gewesen, sagte der Neunzigjährige, wenn man vorher gewusst hätte, dass alles gut geht.“

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Der Turm der Blauen Pferde Nach Karin R. Hasslingers Buch „Der Briefwechsel von Else Lasker-Schüler und Franz Marc, ein poetischer Dialog“ „Turm der Blauen Pferde“, ein Foto des kleinen Aquarells in Postkartenformat, sendet Franz Marc als Neujahrsgruß 1913/14 an Else Lasker- Schüler. Nur noch als Kopie ist es erhalten, nach 1945 blieb es verschwunden.

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Dieses zarte Gemälde ging aus der Korrespondenz zwischen den beiden freundschaftlich verbundenen Künstlern in den Jahren 1912 – 1916 hervor. In einem poetischen Dialog zwischen Else und Franz Marc lädt sie ihren Freund zu einer Art Rollenspiel in ihre imaginäre Stadt Theben ein. Er, der ‚Blaue Reiter’ und sie als Jussuf sind geboren, der Realität entzogene liebende Gefährten. Als das kleine Gemälde entsteht, hat Franz Marc noch drei Jahre zu leben! In den Materialschlachten und Giftgasangriffen des 1. Weltkrieges fällt er im zynischen Widerspruch zu seinen Idealen der Seinsverbundenheit. Vier blaue Pferde stehen im Zentrum der Bildkarte. Ihre Köpfe wenden sich alle in die gleiche Richtung, die Blicke schweifen ins Nirgendwo. Das „geistige, männliche Blau“, die Himmelsfarbe in allen Abstufungen, symbolisiert nach Franc Marcs Farbtheorie, die Loslösung von irdischer Schwere und materieller Verbundenheit. Das versöhnende Gelb, das weibliche Prinzip im Sinne des Malers, zaubert hier und da Lichtflecken auf die seitlich geneigten Tierschädel. Dieses heitere Gelb manifestiert sich am gesamten oberen Bildrand. Nur blass angedeutet umspannt die Tiergruppe ein Regenbogen, der wie ein leichter Schutzmantel, Gott und Schöpfung verbindend, sie umhüllt. Das erdfarbene Braun in der linken Bildhälfte, schwarze Konturen und die dunklen Mähnen der Tiere können im Sinne des Malers auf eine noch nicht überwundene Realitätsbezogenheit hinweisen. Erhellend dagegen erscheinen die tätowierten Sterne, Kometen und die Mondsichel. Else reagiert mit einem kurzen Text, hoffend, dass ihr Freund sie in den Himmel führt: „Der Blaue Reiter ist da – ein schöner Satz – fünf Wörter, lauter Sterne. Ich denke nun wie der Mond, wohne in den Wolken.“ Der zarte Neujahrsgruß berührt durch seine Schwerelosigkeit. Die blauen Pferde schweben in einem abstrakten Raum, als ob die Bodenhaftung aufgelöst wäre. Es scheint, als ob die Tiergruppe einen Körper bildet, eng miteinander verbunden. Wie aufgetürmt schieben sie sich hintereinander und ineinander. Eins, oder doch viele, vielleicht hinausgehend über die reale Zahl?

Die stufenweise Anordnung der Tiere könnte an Jakobs Himmelsleiter aus dem Alten Testament (1. Moses, Kap. 28,12). erinnern. Auf seinem Weg nach Mesopotamien erträumt er sie sich, Engel steigen an ihr auf und ab, Sinnbild nach dem damaligen Verständnis für die Verbindung von Himmel und Erde. Malend drückt Franz Marc darin seine spirituelle Sehnsucht aus. Beide Künstlerpersönlichkeiten, verbunden in einer hochsensiblen Freundschaft, weisen in ihren jeweiligen Ausdrucksformen, auf mögliche, über uns existierende Welten hin, die die Vollkommenheit des Universums durchscheinen lassen. 1914! Am 1. August erklärt das Deutsche Reich Russland den Krieg. In der realen Einschätzung dieses Geschehens gehen die beiden Künstler getrennte Wege. Franz Marc meldet sich sofort freiwillig an die Front. Im Hinblick auf den drohenden Krieg aus heutiger Sicht betrachtet, erfährt die Bildpostkarte ‚Der Turm der ,Blauen Pferde’ eine andere Bedeutung. Die beschriebene Schwerelosigkeit wirkt jetzt trügerisch. Folgt der Maler mit seinem Bildgruß zum neuen Jahr 1914 an Else einer Vision des sendungsbewussten, idealistischen deutschen Zeitgeistes in der irrtümlichen Hoffnung, dass ein Krieg das Morsche, Materialistische, den geistig verarmten Menschen hinwegfegen wird? „Im Zeitraum der intensivsten Korrespondenz mit Else Lasker-Schüler ist Marc noch ganz erfüllt von der Vision eines Krieges, der eine reinigende Kraft entfalten soll“, so beschreibt Haslinger in ihrem Buch die Einstellung des Malers zur bevorstehenden militärischen Auseinandersetzung. Obwohl auch Else in ihrem Jussuf Gewalt bejaht, wendet sie sich jedoch vehement gegen die vorauszusehende Katastrophe. In dem Gedicht an Franz Marc, der blaue Reiter vom Ried’ äußert sie ihre Befürchtungen: „ _ _ _ Durch die Straßen von München hebt er sein biblisches Haupt im hellen Rahmen des Himmels - - - Donner sein Herz, hinter ihm zur Seite viele, viele Soldaten.“ Gedicht und Aquarell scheinen aus heutiger Sicht zu einem apokalyptischen Vernichtungsszenario zusammen zu wachsen. Auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkrieges werden die angeblich reinigenden, künstlerischen Traumwelten durch die technisch hoch aufgerüstetesten


rigen Bestehens reicher. Es ist fürchterlich daran zu denken; und das alles um nichts, um eines Mißverständnisses willen, aus Mangel sich dem Nächsten verständlich machen zu können!“ Es ist das Todesjahr des Künstlers. Heutige Zeitgenossen könnten aus diesem Phänomen der ideologischen Irrtümer und Manipulationen die Erkenntnis ziehen, wie schwer es dem menschlichen Geist fällt, über den Tellerrand seiner jeweiligen Epoche hinauszuschauen. Bis ins 21. Jahrhundert kann danach Elses Trauergebet „Ich suche allerlanden eine Stadt“, das sie ihrem toten Freund widmete, auch für unsere Zeit gelten. An den Pforten unserer Städte weltweit würden wir sicher auch nach Engeln suchen müssen, an deren gebrochenen Flügeln wir schwer zu tragen haben. Vielleicht fühlen sich deshalb viele Leser vom Gebet der Lyrikerin so angerührt. Vielleicht mit einer leisen Hoffnung, nicht der Rest im Kugelglas zu sein, auch vielleicht zu verstehen als Auftrag, für ein friedliches, menschliches Denken und Handeln im Hier und Heute. Es fällt sicher nicht schwer über Zeiten und Räume hinweg, sich mit den beiden Künstlern zu verbinden, und Elses Gedicht mitfühlend zu folgen: O Gott schließ um mich deinen Mantel fest, Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest, Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt, du mich nicht wieder aus der Allmacht lässt und sich ein neuer Erdball um mich schließt. Foto: Elisabeth Niemann Waffensysteme aller Zeiten vernichtet. Der Widerspruch zwischen Heilserwartungen und kriegerischer Auseinandersetzung unter den europäischen Nationen, ergab sich nach den Aussagen des Historikers Christoph Nübel, im Spiegel Nr.1, 2014, Serie 1, „Der 1. Weltkrieg“ nachzulesen, aus dem damaligen militarisierten Zeitgeist im Gegensatz zum heutigen Europa. Trotz dieser gegenwärtigen historischen Sichtweise bleibt das ,Warum’! Warum diese Kriegsbegeisterung bei dem Maler-Künstler Franz Marc? Er, der im ‚Blauen Reiter‘ die Utopie einer interna-

Erika Flüshöh-Niemann tional agierenden Künstlergemeinschaft mit Kandinsky, Alexej Jawlensky und dem Franzosen Robert Delaunay und vielen anderen anstrebte. Man sollte meinen, eine freundschaftliche, übernationale, künstlerische Stimmigkeit, schließt eine unkritische Haltung gegenüber einem sinnlosen, aggressiven Patriotismus aus. „Erst ganz langsam beginnt er seine Position zu hinterfragen. Anfang des Jahres 1916 schreibt er an seine Frau“, so dokumentiert es die obengenannte Autorin aus Marcs Briefen aus dem Feld, „Die Welt ist um das blutigste Jahr ihres vieltausenjäh-

Grundlagen des Textes sind: • Karin R. Hasslinger: Der Briefwechsel von Else Lasker-Schüler und Franz Marc, ein poetischer Dialog. Würzburg 2009 • Franz Marc ‚Tieraquarelle’, München 1990/201 • Hajo Düchting: Der Blaue Reiter, Taschen 2008 • Else Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte, München 1991 • Stuttgarter Erklärungsbibel (1. Mose, Kapitel 28,12) • Klaus Wiegrefe: Der nahe ferne Krieg, Serie 1, Der 1. Weltkrieg, Spiegel Nr. 1

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Kabale und Liebe im TiC Bereits in Ingeborg Wolffs „Romeo und Julia“ im TiC als tragisches Liebespaar bewährt, rühren Robert Flanze und Lara Sienczak in Ingeborg Wolffs Inszenierung des Schiller-Dramas „Kabale und Liebe“ erneut an Herz und Gemüt. In dem noch Schillers Jugendfeuer spiegelnden „Bürgerlichen Trauerspiel“ können sie mit vollen Händen aus dem KönigskinderMotiv schöpfen - und das endet nun mal fatal. Der damals 24-jährige, noch bürgerliche Friedrich Schiller (geadelt wurde er erst 1802) beruft sich in dem vor 230 Jahren uraufgeführten Stück auf gleich zwei große Kollegen und ihre thematischen Parallelen: William Shakespeares „Romeo und Julia“ und Gotthold Ephraim Lessings „Emilia Galotti“. Mit der Tragik unerfüllter adoleszenter Liebe ist auf dem Theater immer das Publikum zu erreichen und zu bewegen, deshalb lassen sich gesellschaftskritische Ansätze auch so wunderbar darin verpacken. Hier ist es die deftige Abrechnung mit Standesdünkeln gleich von zwei Seiten, gegen die der mit den Idealen der bevorstehenden Französischen Revolution von 1789 schon seinerzeit sympathisierende Schiller wie Lessing die Waffe des Wortes einsetzte. Zwischen der bürgerlichen Luise Miller (angemessen schwärmerisch, schließlich doch angepaßt: Lara Sienczak), Tochter eines Musikers und Major Ferdinand von Walter, adliger Offizier und Sohn eines fürstlichen Präsidenten (eher existenzialistisch als idealistisch: Robert

Flanze) entbrennt eine heftige Liebe. Sie, knapp 16 und er, gerade mal 20, begehren damit gegen die Ordnung auf. Eine Ordnung, die zumal von den Eltern beider verteidigt wird. Weder möchte Präsident von Walter (wuchtig präsent, brillant fies: André Klem), der dynastische Heiratspläne für seinen Sohn verfolgt, eine Liaison mit dieser bürgerlichen „Nutte“, noch will Luises Vater (etwas zu hölzern: Joachim Rettig), bürgerlich standesbewußt, dass seine Tochter die „gottgegebene“ Ordnung der Stände verletzt. Das kann nicht gut gehen, wenigstens nicht bei Hitzkopf Schiller. Um die Liebe der beiden jungen Leute zu hintertreiben spinnt des Präsidenten Sekretär Wurm (gemein, aber nicht teuflisch genug inszeniert: Alexander Bangen), zumal selber an dem jungen Blut interessiert, eine böse Kabale. Luise soll Ferdinand verdächtig gemacht werden, damit der Weg für eine Ehe mit Lady Milford, der abgelegten Mätresse des Fürsten (berührend: Mirca Szigat) frei wird. Die Intrige wirkt, der rasend eifersüchtige Ferdinand, dessen Liebe keiner Belastung standhält, sieht in Luise die Hure, zu der sein Vater sie machen will – und bringt sie und sich um. Als Werkzeug für diese Intrige dient der schwatzhafte Hofmarschall von Kalb – leider vergibt Björn Tappert zu aufgesetzt für nur vordergründige Lacher die Chance, diese köstliche Paraderolle zum angemessenen Kabinettstück zu machen, ebenso wie Martina Wortmann ihre Mög-

lichkeit, Schillers deftigen Witz in der Figur von Millers Frau umzusetzen. Von leisem Humor Wolffs Streiflicht zu den „prächtigen Büchern, die der Herr Major ins Haus bringt“, die allesamt Reader´s Digest Auswahlbände, literarischer Ramsch sind. Eine Ohrfeige fürs tumbe Bürgertum. Aber dann gibt es ja noch Mirca Szigat, die den Ton der an politischem Mißbrauch, Verrat und Lebenslügen leidenden Lady Milford trifft, eine schöne, stolze Frau, die sich dennoch unter verzweifeltem Einsatz eines exquisiten Negligés vor dem unreifen Sproß des Präsidenten erniedrigt, um das Letzte zu retten. Das bewegt, hinterläßt Eindruck. Die Milford gehört damit zu den stärksten Charakteren der Inszenierung, zeigt sie doch auch bei Schiller die edelste Haltung der dramatis personae. Und es gibt den Präsidenten von Walter, durch Lüge, Fälschung und Bestechung ins Amt gelangt (wie aktuell!) von André Klem in Sprache, Gestus und Haltung hinreißend verkörpert. Er beherrscht die Bühne, ein Genuß, ihm zu folgen, wenn immer er seinen Auftritt hat. Mit ihm, Mirca Szigat und Torsten Kress als Moralinstanz in der nicht unwichtigen Nebenrolle als Milfords Kammerdiener, sowie dem begabten Alexander Bangen punktet Ingeborg Wolffs Inszenierung. Frank Becker Fotos: Martin Mazur Weitere Informationen: www.tic-theater.de

Alexander Bangen und André Klem linke Seite: Mica Szigat

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Unterwegs nach Europa Die zweite Wuppertaler Literatur Biennale vom 21. bis 31. Mai 2014

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„Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“ lässt Goethe den geschäftstüchtigen Schauspieldirektor im „Faust“ sagen. Goethe, der zeitweise das Theater in Weimar geleitet hatte, wusste, wovon er spricht. Ein Erfolgsrezept, das auch in der ersten Literatur-Biennale in Wuppertal aufgegangen war. Zugleich hatte die erste Biennale 2012 gezeigt, dass Vielfalt nicht wie so häufig in der Festivallandschaft Beliebigkeit bedeuten muss. „Freiheit“ lautete das Themen-Motto dieser ersten Wuppertaler Literatur-Biennale und die Macher hatten hinter dieses Nomen ein Ausrufezeichen gesetzt. Freiheit als Appell in einer Zeit, in der sich die arabischen Staaten in revolutionären Bewegungen befreien wollten. Schon damals standen manche Biennale-Macher und Autoren aus der arabischen Welt der in Europa grassierenden Euphorie skeptisch gegenüber. Zu ungewiss schien die politischgesellschaftliche Zukunft von Staaten wie Tunesien und Ägypten. Dass die Revolution ihre Kinder frisst, war schon eine kollektive historische Erfahrung geworden. Deutlich aber wurde, dass in Wuppertal die Literatur aus dem Elfenbeinturm geholt werden sollte. Denn Literatur reagiert auf gesellschaftlichen Wandel oder kann diesen sogar vorbereiten, erahnt mit seismographischer Sensibilität Veränderungen, kann warnen und zeigen, wie Menschen auf Umschwünge reagieren oder diese gestalten. Literatur blickt tiefer, als es der bloße tagesjournalistische Blick auf die Ereignisse vermag, unter die äußere Wirklichkeit und macht sichtbar, was subkutan geschieht. Literatur klärt auf, weckt Empathie, irritiert und ermöglicht in überraschenden Sprachbildern einen

verstörend-anderen Blick auf die Wirklichkeit. Die Orientierung an einem Rahmenthema, der Anspruch auf Qualität und Originalität waren Schlüssel zum Erfolg der ersten Literatur Biennale. Zu einem ähnlichen Eindruck kam denn auch die Rheinische Post: „Literatur Biennale? Ein zu pompöser Name, denkt man – aber nur bis zum ersten Blick ins Programm. 42 Seiten ist es dick und listet unter anderem Namen wie Herta Müller und Christoph Ransmayr, wie Felicitas Hoppe und John von Düffel, wie Margriet de Moor und Michael Kleeberg so selbstverständlich auf, als habe die Lit.Cologne neuerdings einen bergischen Ableger. Die Literatur-Biennale ist aber anders als das kölsche Spektakulum: Sie ist das unglaubliche Produkt einer Zusammenarbeit von 23 Wuppertaler Kulturinstitutionen.“

Martin Walser © Philippe Matsas Opale

Anthony Mc Carten © privat

Vor 100 Jahren: Beginn des I. Weltkrieges Wie kaum anders möglich in einem Jahr, in dem die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts - der I. Weltkrieg - ein Jahrhundert zurückliegt, blickt auch die Wuppertaler Literatur Biennale auf dieses Thema: Mit „Weltenbrand“ (29. 5.) hat der Wuppertaler Dramaturg und Autor Gerold Theobalt eine szenische Lesung mit Studierenden der Folkwang Hochschule Essen konzipiert und einstudiert, in der jene Schicksalsjahre Europas in einem literarischen Kaleidoskop multiperspektivisch reflektiert werden. Dort kommen Autoren zu Wort, die lange verschollen waren und die einen authentischen Blick auf das Erleben des I. Weltkrieges ermöglichen. In der Veranstaltung „Mitten


im Leben sind wir vom Tod umfangen“ (27.5. um 10 Uhr in der Gesamtschule Else Lasker-Schüler und um 17 Uhr in der Citykirche) wird die Journalistin Alexandra Rak von ihrem Projekt berichten, Autoren von heute Geschichten zum Thema abzufordern; ein spannendes Unternehmen, veröffentlicht im Buch des S. Fischer Verlages unter dem gleichen Titel. Nataly Elisabeth Savina und Hermann Schulz werden ihre Geschichten lesen und Dokumente zeigen. Dabei wird es auch immer um die Frage gehen, nach welcher teuflischen Logik dieser Krieg, den führende Militärs auch in Deutschland schon 1914 als verloren ansahen, vier blutige Jahre dauern konnte. Dennoch wird diese Biennale keine bloße I. Weltkriegs-Biennale sein. Sinnlos wäre der Versuch der medialen Erinnerungswelle ausschließlich weitere Erinnerungspartikel hinzuzufügen. „Der plötzlichen Flut des Gedenkens werden wir Literatur gegenüber stellen“, schreibt daher auch Hermann Schulz, Mitglied im Beirat der Wuppertaler Literatur Biennale. Und den Blick vom Gestern auf das Heute öffnen. Denn mit der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts wurde auch die Frage nach der Identität dieses Kontinents aufgeworfen. Dichter und Maler wie etwa Franz Marc träumten davon, dass nach diesem reinigenden Krieg wie Phoenix aus der Asche ein neues Europa, ein Europa des geistigen Adels entstehen würde. Daher zog er wie viele andere Künstler und Intellektuelle mit Begeisterung in den Krieg, in dem viele Exponenten der expressionistischen Generation zu Tode kamen wie der Malerfreund August Macke (nur wenige Tage nach Kriegsbeginn) oder

Festung Europa? Bis ins siebte Glied wirken traumatische Ereignisse in Familienbiographien nach, lautet eine Weisheit der Bibel, und auch der antike Mythos, etwa in der Gestalt des Tantalidenfluchs, weiß um diese längst von der Psychoanalyse erforschten Zusammenhänge. So geht es neben der Erinnerungsarbeit, dem Erinnern und Aufspüren von vergessenen Lebensgeschichten in dieser Biennale vor allem um die Frage nach der Identität und Zukunft Europas im Zeitalter der Globalisierung. Dr. M. Moustapha Diallo erinnert in seinem Beitrag zur Biennale daran, dass an den Außengrenzen Europas sich ständig humanitäre Katastrophen abspielen: „Ceuta, Melilla und vor allem Lampedusa sind zu Sinnbildern der verzweifelten Flucht vor der Hoffnungslosigkeit in krisengeschüttelten Gebieten der Welt geworden.“ Er erinnert daran, dass zwar mit dem Fall der Berliner Mauer die Mauern zwischen West und Ost eingerissen wurden, doch eine unsichtbare Mauer trenne nun arm von reich. Hinzufügen möchte ich, dass diese unsichtbare Mauer, die Grenze zwischen dem armen Afrika und den reichen europäischen Ländern von Frontex „geschützt“ mit militärischen Mitteln wird. Ein Projekt, das sich die EU viele Millionen Euro kosten lässt, die besser in Hilfe zur Selbsthilfe investiert werden sollten. „Frontex“ ist die

Terézia Mora © Peter von Felbert

Feridun Zaimoglu © Klaus Haag

der Dichter August Stramm. Andere wie Georg Trakl verfielen dem Wahnsinn und brachten sich um. Die Idee des „reinigenden Krieges“ sollte sich als ein fataler Irrtum herausstellen; vielmehr war der I. Weltkrieg die Urkatastrophe, die im II. Weltkrieg münden sollte.

Abkürzung für „Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen“, ein zynischer, inhumaner Euphemismus. Zu Recht weist Beiratsmitglied Dr. Katja Schettler darauf hin, dass eine Grenze zwischen arm und reich nicht nur zwischen den Kontinenten, sondern mitten durch Europa selbst verläuft. Hier die reichen nord- und westeuropäischen Nationen, dort das Armenhaus SüdostEuropas. Wie mit diesen Widersprüchen umgehen – auch diesen Fragen widmet sich die Wuppertaler Literatur Biennale im Spiegel der Literatur. Preis der Wuppertaler Literatur Biennale Erstmals wird der „Preis der Wuppertaler Literatur Biennale“ an einen Nachwuchsautoren verliehen, der durch die Kunststiftung NRW ermöglicht wird (18. Mai). Insgesamt haben sich 85 junge Autorinnen und Autoren aus dem gesamten deutschsprachigen Raum beworben. Die BiennaleMacher freuen sich über die gute Resonanz auf den mit 3.000 Euro dotierten Preis. Konnten 2012 mit Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller, Christoph Ransmayr und Margriet de Moor hochkarätige Autoren gewonnen werden, so hält auch die diesjährige Biennale großartige LiteraturEreignisse bereit. So die Lesung mit Martin Walser, moderiert von Denis Scheck am 21. Mai im Barmer Bahnhof, mit der die Biennale offiziell eröffnet wird. Sigrid Löffler präsentiert Klaus Michael Bogdal und sein preisgekröntes Buch „Europa erfindet die Zigeuner“ (22.Mai). Der österreichische Autor Robert Menasse, bekannt durch sein vielbesprochenes Buch „Der Europäische Landbote“ stellt sich gemeinsam mit dem

Robert Menasse © Wolfgang Schmidt

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Historiker Jörn Rüsen dem Diskurs „Die Rolle der Literatur in den europäischen Gesellschaften“ (24. Mai). Der britische Bestsellerautor Anthony Mc Carten stellt gemeinsam mit dem Schauspieler Rufus Beck seinen Roman „Funny Girl“ vor (25. Mai). Prominent besetzt ist auch der Abschluss der Biennale, wenn der wohl bedeutendste schwedische Schriftsteller Lars Gustafsson seine Haltung zu Europa im eigenen Werk reflektiert; seine Texte liest Mechthild Grossmann (31. Mai). Die regionale Literaturszene präsentiert sich ebenfalls mit einer Reihe von Veranstaltungen. Die Literaturzeitschrift Karussell stellt eine neue Ausgabe zum Biennale-Thema „unterwegs nach Europa“ (24. Mai) vor. Im Skulpturenpark Waldfrieden findet eine „Spaziergangslesung“ mit acht Autoren statt (25. Mai). Die GEDOK entführt in den „Salon Europa“ (am 26. und 28. Mai). Unter dem Titel „Dead or Alive“ findet am 28. Mai ein Poetry Slam besonderer Art statt: Neue Slammer-Texte gegen „tote Dichter“. Am 29. Mai entführen Jörg Degenkolb, Hank Zerbolesch, André Wiesler, Christiane Gibiec, Hermann Schulz und Karl Otto Mühl auf eine literarischer Reise mit dem nächsten Halt: Europa! Heiner Bontrup

Eine Auswahl aus insges. 30 Veranstaltungen der Wuppertaler Literatur Biennale 2014 Das gesamte Programm wird ab 2. April 2014 über www. wuppertaler-literatur-biennale.de veröffentlicht. 18. Mai Verleihung „Preis der Wuppertaler Literatur Biennale 2014“ 21. Mai Martin Walser, Moderation Denis Scheck 22. Mai Klaus Michael Bogdal, Moderation Sigrid Löffler 22. Mai Terézia Mora, Moderation Hubert Spiegel 23. Mai Feridun Zaimoglu, Moderation Diana Zulfoghari 24. Mai KARUSSELL - Lesung zur neuen Ausgabe mit Falk Andreas Funke, Karl Otto Mühl, Stefan Seitz, Ingrid Schaarwächter, Karla Schneider und Ingrid Stracke 25. Mai Spaziergangslesung im Skulpturenpark Waldfrieden mit Ulrich Land, Mitch Heinrich, Dieter Jandt, Hans Werner Otto, André Poloczek, Lisa Schöyen, Hermann Schulz, Wolf Christian von Wedel Parlow 26. Mai Salon Europa: Wanderung und Migration (GEDOK) 28. Mai Salon Europa: Erinnerung und Aufbruch (GEDOK) 29. Mai „An Europas Grenzen“ mit Caroline Keufen, Olaf Reitz und Ute Völker 30. Mai Pauline de Bok, Moderation Torsten Krug 30. Mai „An die freien Europäer“ zu Helene Stöcker und Armin T. Wegner mit Ingeborg Wolff und Thomas Braus 31. Mai Lars Gustafsson, Sprecherin: Mechthild Grossmann

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Schwerer Start für Kamioka und Arnold Eröffnung mit sinnlicher saftiger Tosca Keine Elena Fink keine mehr. Auch Kay Stiefermann und Thomas Laske sind Geschichte. Dafür aber Mirjam Tola, Josef Wagner oder Mikhail Agafonov und Xavier Moreno. Die Liste der bewährten und der neuen Namen ist problemlos verlängerbar. In der großen und keineswegs nur ruhmreichen Geschichte der Wuppertaler Oper stehen zur Spielzeit 2014/2015 Veränderungen an, die es in Friedenszeiten derart drastisch noch nie gab. Der neue Intendant Toshyuki Kamioka und sein im Gegensatz zu ihm wortgewandter Stellvertreter Joachim Arnold haben sich (nach einigen kuriosen Kommunikationspannen) doch vom kompletten, 10köpfigen Sänger-Ensemble und von vielen anderen Mitarbeiterin getrennt. Es werden etliche Abfindungen zu zahlen sein für die größtenteils langjährig hier tätigen Künstler. Wuppertal wird jetzt bundesweit mit einem für die ständigen Besucher des Hauses extrem gewöhnungsbedürftigen Konzept die Intendanz des gefeierten Dirigenten Kamioka und seines aus Saarbrücken durchreisenden, weltweit vernetzten Musikmangers Arnold erleben. Der in seiner Struktur einer Pizza-Service –Speisekarte ähnelnde Faltblatt-Spielplan erinnerte mit dem Programm an ein Quiz: „Kennen Sie drei bekannte Opern?“ und der Rundschau-Berichterstatter Stefan Schmöe bezeichnete eben diesen Spielplan mit Aufführungen von Tosca, Don Giovanni, Der Barbier von Sevilla, Hänsel und Gretel, Parsifal und Salomé in der kopfstark besuchten Pressekonferenz als „mutlos“. Intendant Kamioka bestritt das nicht einmal und gestand, in seiner ersten Spielzeit „auf sicher zu gehen“, kein Risiko wagen zu wollen, um mit solchen Klassikern das 750 Personen fassende Haus so oft wie möglich zu füllen. Auch mit 8-Euro-Angeboten für weniger betuchte Besucher in einigen Reihen, dafür kostet die besonders beinfreie Reihe 4 nun 45 Euro. Das sind immer noch Kurse, für die man andernorts keine Karten auf ähnlichen Plätzen kaufen kann.

Joachim Arnold war für seinen Teilzeitarbeitgeber Wuppertal europaweit einkaufen. Das hat er auf der Pressekonferenz bei der Spielplanvorstellung virtuos vorgetragen und die von ihm engagierten Fachkräfte waren, wie er berichtete, von seinen Angeboten „alle begeistert.“ In der Praxis sieht das so aus: vier Wochen Proben, dann die unterschiedliche Zahl der Vorstellungen (bei der „saftigen und sinnlichen“ Tosca zum Beispiel zehn) und Wuppertal ist für dieses Personal dann abgespielt. Etliche bislang nur in der Opernszene bekannte Damen und Herren geben in Wuppertal in diesen Rollen ihr DeutschlandDebut (zum Beispiel Gurnemanz und Salomé) und Arnold hofft, dass eines guten Tages in der Biografie eines Weltstars zu lesen ist: „…zum ersten Mal in Wuppertal gesungen.“ Eine besonders nassforsche Peinlichkeit des neuen Teams verhinderte der BühnenAufsichtsrat im fast letzten Moment: ein Musical aus dem Angebot der Arnold eigenen Firma wurde nach Gewerkschaftsprotesten doch nicht eingekauft. VerwaltungsDino Enno Schaarwächter kann dieses Geld anderweitig verplanen. Oberbürgermeister Peter Jung betonte zwar nimmermüde, dass keinerlei juristische Hinderungsgründe bestanden hätten. Die Reißleine zog er (leicht pikiert) trotzdem und das soll sogar bei Kamioka und Arnold auf Verständnis gestoßen sein. Die beiden seit Jahren sehr eng miteinander verbundenen Herren treten in Wuppertal unter erschwerten Bedingungen an.

In dieser Heftigkeit von Jung niemals erwartet, als er den populären Dirigenten Kamioka als Intendanten-Novizen engagierte. Die große Skepsis liegt auch am bisherigen Intendanten Johannes Weigand und seiner Spürnase für bislang kaum bekannte Stücke, die das Wuppertale Publikum zuletzt dankbar genoss. Mit einem Ensemble, an das man sich mit Herzenswärme so sehr gewöhnt hatte. In Deutschland gibt es 84 Opernhäuser. Das ist weltweit einmalig. Trotzdem: einfach sind feste Engagements nirgendwo mehr, gespart und gestritten wird an vielen Orten. Wer am Theater arbeitet, muss mit Veränderungen leben. Aber wer sich für Theater interessiert, der muss Veränderungen auch tolerieren. Ob es zur Akzeptanz des Intendanten Kamioka und seines tatendurstigen Machers Arnold in Wuppertal reicht, das wird sich zeigen. Vielleicht entpuppt sich das scheinbar mutlose Programm doch als zielorientiert für neue Kunden. Auch wenn es schwerfällt, nicht mehr ständig Elena Fink, Kay Stiefermann und Thomas Laske auf dieser Bühne zu erleben. Ein kleiner Trost bleibt: zwei Wiederaufnahmen mit dem „Barbier von Sevilla“ und das Märchenspiel „Hänsel und Gretel“. Als Ersatz für das nicht vorhandene, neue Weihnachtsstück. Am Freitag des 5.September 2014 wird die Spielzeit mit einer „Tosca“ eröffnet. Saftig und sinnlich. Klaus Göntzsche

Toshiyuki Kamioka und Joachim Arnold Foto: Uwe Schinkel

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Neue Kunstbücher Naturraum und Architektur vorgestellt von Thomas Hirsch Architektur meint die Baukunst als konstruktive Gestaltung nach den Regeln der Tektonik und mit dem Ziel des Gebrauchs; eigentlich ist dieser Begriff, der schwer zu fassen und vor allem in jüngster Zeit Wandlungen unterworfen ist, ausschließlich auf den Menschen und sein handwerkliches Tun bezogen. Aber steht es nur dem Menschen zu, Architektur zu errichten? Was leistet die Natur selbst und was können Tiere an Behausungen – als Unterschlupf, zum Schutz, als Versteck, zu Nahrungs- und Temperierungs-Zwecken etc. – bauen? Denken wir nur an die Netze der Spinnen. Zur Bewusstwerdung der Leistungen in der Tierwelt könnte ein Buch beitragen, das sich zwischen den Genres Fotografie, Zoologie und eben auch Architektur bewegt. Unter dem saublöden Titel „Architektier“ stellt der Knesebeck Verlag gemeinsam mit GEO Fotografien von natürlichen Behausungen von Tieren vor, aufgenommen vom renommierten Naturfotografen Ingo Arndt. Die Texte dazu stammen von Jürgen Tautz und sind leider kaum der Rede wert. Abgebildet sind Bauten von Vögeln, Gliedertieren, Säugetieren und Korallen/Muscheln/ Schnecken. Zu sehen sind Nester, Kokons, Ameisenburgen, Korallenriffe, die allesamt beeindrucken. Dass sich

dieses Eindrucksvolle vermittelt und sich etwa die Relation von der Kleinheit der Termiten zu den quasi Wolkenkratzerhohen Bauten erschließt, ist das Verdienst der Fotografien. Die Aufnahmen wechseln zwischen dem Überblick in der Landschaft und der vergrößerten Darlegung von Feinstrukturen in der schichtweisen Überlagerung. Die Frage ist, ob die Gebilde besser mit oder ohne Tiere zu fotografieren sind, in der Natur und von dieser umgeben oder freigestellt vor schwarzem Grund – letzteres scheint mir problematisch, weil es die Bauten ästhetisiert. Aber vielleicht ist es doch wichtig, um die Differenziertheit und Genauigkeit der Bauten zu verdeutlichen. Die US-amerikanische Künstlerin Michelle Stuart ist sich in ihrem ganzen Werk des Einzigartigen von Landschaft und der formenden Leistung der Natur bewusst. Damit liegt sie auf einer Linie mit den amerikanischen Künstlerinnen Nancy Holt und Nancy Graves, mit denen sie das explizite Interesse an den Phänomenen von Natur teilt, deren Weite aufsucht und den Blick zu den Sternen und auf die Erd- oder Mondoberfläche unternimmt. In Deutschland ist Michelle Stuart weitgehend unbekannt, trotz ihrer Teilnahme an der documenta 1977 und ihrer Präsenz in Galerien in Düsseldorf und Hamburg in den 1970-er und 1980-er Jahren. Danach wurde ihr

Werk hierzulande lediglich auf Themenausstellungen gezeigt. Um so wichtiger ist jetzt die Monographie, die anlässlich ihrer derzeitigen Ausstellungstournee in Amerika bei Hatje Cantz erschienen ist. Deutlich wird der Impetus dieses Werkes mit seinen verschiedenen Ausformungen. Michelle Stuart arbeitet die Struktur der Natur heraus, sie fokussiert archaisch tektonische Verhältnisse, um ihre Anlage, ihre Geologie und ihr Wachstum zu veranschaulichen. Sie interessiert sich für ephemere Spuren ebenso wie für steinzeitliche Ritzungen und legt dabei besonderen Wert auf Oberflächenstrukturen. Stuarts Werk verhält sich zwischen Land Art und Concept Art und bedient sich dazu bevorzugt der Maßnahmen der Fotografie und der Zeichnung mit allen Nebenwegen. Sie erstellt Tableaus, auch hat sie direkt in der Landschaft Eingriffe vorgenommen. Charakteristisch sind das Ausschnitthafte und zugleich die Multiperspektivität geologischer und grafischer Strukturen. Zwar hat Michelle Stuart nicht das Rad erfunden – aber es ist gut, auf eine derart vorzügliche Weise wie in diesem Buch einen Einblick in ihr Werk zu erhalten. Einen anderen Umgang mit Architektur praktiziert der 1942 geborene Dan Graham. Bekannt ist Graham für seine Auseinandersetzung mit der Rock-Kultur und für seine begehbaren partiell spiegelnden

Dan Graham, Video – Architecture – Television, Reprint 1979, 96 S. mit 113 Abb., Softcover, 21,5 x 28 cm, Lars Müller Publishers, 40,– Euro

Ingo Arndt, Architektier, 160 S. mit 120 Abb., gebunden mit Schutzumschlag, 31 x 27 cm, Knesebeck, 49,95,– Euro

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Michelle Stuart, Drawn from Nature, engl., 160 S. mit ca. 120 Abb., geb. mit Schutzumschlag, 28,5 x 24 cm, Hatje Cantz, 38,– Euro

Glas-Pavillons wie auch für seine Videoräume, bei denen der Ausstellungsbesucher Kammern und Passagen betritt und sich, aufgezeichnet mit Zeitverzögerung, dann selber auf einem Monitor in seiner Bewe-


gung sieht. Genau darum geht es nun bei „Video-Architecture-Television“, einem Buch, das zu den wichtigsten Publikationen seiner Zeit zählt, 1979 in Halifax erschienen und nun bei Lars Müller als Reprint wieder aufgelegt ist. Dan Graham analysiert hier mit eigenen Texten, Skizzen und Fotografien seine Videoräume, die zu spezifischer Architektur werden. Dabei verweist Graham nicht nur auf die populäre Rolle des Fernsehen, sondern auch auf die innerstädtische Architektur mit ihren Schaufenstern. Die Konstitution des Menschen vor und hinter Scheiben – sein Sehen und Gesehen-Werden – wird zur Prämisse seines ganzen Werkes, zu dessen Facetten gehört, dass er sich in Form von Fotografien noch mit Urbanität und Städtebau beschäftigen wird.

These ist, dass die Echtzeitdaten, welche in verschiedenen Bereichen fluktuieren, erfasst und ausgewertet werden, Antworten für die zukünftige Stadtplanung vermitteln, dass damit aber auch Schattenseiten – wie der Verlust der Privatheit und von Rückzugsräumen – verbunden sind. Anhand von Tabellen und Skizzen, die sich auf unterschiedliche öffentliche Felder in Metropolen wie Singapur beziehen, wird das Spektrum umrissen. Wie stets bei derartigen Anthologien muss man nicht alles verstehen und man muss nicht alles plausibel oder ergiebig finden, aber kluge Gedanken und gewichtige Erkenntnisse finden sich zuhauf. Wichtig auch, dass Architektur in einem Kontext zu sehen ist, der noch soziale und kommunikative Ebenen impliziert.

Dietmar Offenhuber/Carlo Ratti (Hg.), Die Stadt entschlüsseln, Wie Echtzeitdaten den Urbanismus verändern, 200 S. mit ca. 60 Abb., Broschur, 19 x 14 cm, Bauwelt Fundamente 150, Birkhäuser, 29,95 Euro

Robert McCarter: Carlo Scarpa, engl., 288 S. mit 350 Abb., Hardcover, 29 x 25 cm, Phaidon, 90,– Euro

Städtebau – als „Summe“ der Architektur und ihrer Umgebung mit der Bevölkerung und deren Bewegungsströmen – erweist sich zunehmend als evidentes Thema der Bildenden Kunst, als signifikantes Phänomen unserer heutigen Zeit. Aber es ist und bleibt ein Forschungsgebiet der Wissenschaft. Das unterstreicht jetzt auch die Textsammlung „Die Stadt entschlüsseln“, herausgegeben von Offenhuber/ Ratti in der wichtigen Reihe „Bauwerk Fundamente“, verlegt bei Birkhäuser. Die

gearbeitet hat und wie genau er jedes Detail seiner Renovierungen, Ausstellungsgestaltungen und autonomen Bauten durchdacht hat, dass untersucht jetzt die ausführliche Monographie von Robert McCarter, die bei Phaidon erschienen ist. Die Darstellung läuft chronologisch ab, spart nicht an Detail- und ÜberblicksAufnahmen und Skizzen und ist dabei ein haptisches Vergnügen, an dem auch Scarpa seine Freude hätte. Weltklasse!

Demgegenüber ist der italienische Architekt Carlo Scarpa (1906 -1978) ein Altmeister. Das ist auch wortwörtlich zu verstehen, denn seine Sache ist das Renovieren, der vorsichtige Umgang mit überlieferter historischer Substanz. Aber er gehört zu den wichtigsten Architekten seiner Zeit. Mit viel Akribie und Detailfreude bei der Inneneinrichtung und mit einem Gespür für haptische Oberflächen und Farbnuancen favorisiert er eine organische Bauweise. Dass er nach seiner Ausbildung als Architekturzeichner in Murano als Designer in der Glaskunst

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Störrische Gedichte Karl Otto Mühl

Störrische Gedichte nebst einigen nachgelassenen Gedichten eines gewissen Herrn Friedrich Kempner

Verlag HP Nacke

Karl Otto Mühl Störrische Gedichte Nebst einigen nachgelassenen Gedichten eines gewissen Herrn Friedrich Kempner Verlag HP Nacke Wuppertal, 2014 56 Seiten, Klebebindung, 6,50 Euro ISBN 978-3-942043-40-3

So ein Krieg kommt über Nacht. Manchmal wird man totgemacht. Hinterher wird vielen klar, dass es gar nicht nötig war. »Störrische Gedichte« nennt Karl Otto Mühl seine jüngst im Verlag HP Nacke erschienene Sammlung, und spätestens beim Untertitel des Bandes wird klar, wie sehr dem bald einundneunzigjährigen Autor der Schalk im Nacken sitzt. Da heißt es nämlich: »Nebst einigen nachgelassenen Gedichten eines gewissen Herrn Friedrich Kempner«. Kempners angebliche Schwester, Friedericke Kempner, im 19. Jahrhundert unter anderem produktive Autorin von Streitschriften, Novellen und Dramen, erlangte zweifelhafte Berühmtheit als Lyrikerin. Von der Literaturkritik zur Großmeisterin der unfreiwilligen Komik erklärt und auf die Spottnamen „schlesische Nachtigall“ und „schlesischer Schwan“ getauft, fand sie bis heute zahlreiche Nachahmer, deren Parodien als sogenannte Pseudo-Kempneriana in Umlauf sind. In diese Tradition reihen sich Karl Otto Mühls unter dem Namen Friedrich Kempner veröffentlichte Parodien ein, welche in diesem Gedichtband erstmals versammelt sind. Daneben finden sich störrische Gedichte des altersweisen Karl Otto Mühl - und sie passen gut zueinander: Miniaturen über ein Kind oder die Vorbereitung auf den eigenen Tod, über »Betroffenheit« und »Glückssuche«, über »Demokratie« - die Gedichte bilden ein Kaleidoskop an scharfen Beobachtungen, fast immer mit Ironie gewürzt. Karl Otto Mühl wurde 1923 in Nürnberg geboren. 1929 folgte der Umzug der Familie nach Wuppertal, wo er eine Ausbildung zum Industriekaufmann absolvierte. Zwischen 1964 und 1969 entsteht der Roman »Siebenschläfer« (veröffentlicht 1975). Mit den Theaterstücken »Rheinpromenade«, »Kur in Bad Wiessee«, »Die Reise der alten Männer« gelang ihm der Durchbruch. Seitdem veröffentlichte Mühl dreizehn Theaterstücke, zahlreiche Fernsehfilme, Hörspiele und Romane. Die Stadt Wuppertal verlieh ihm 1975 den Eduardvon-der-Heydt-Preis.

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Im Verlag HP Nacke erschienen 2013 die »Zugelaufenen Sprüche«. Die neueste Veröffentlichung von Gedichten zeigt einmal mehr die ungebrochene Produktivität des Autors, den es in den letzten Jahren immer wieder zur kleinen Form - dem Aphorismus oder dem Gedicht - drängt. Eine Verdichtung von Erlebtem und Gedachtem, die dem Lesepublikum eine Freude sein möchte.


Geschichtsbücher, Buchgeschichten Vorgestellt von Matthias Dohmen

Zum Lachen Satire pur bietet seit 2008 die Internetseite www.der-postillon.de, die sich einer wachsenden Zahl von Leserinnen und Lesern erfreuen kann. Ein „Best of“ ist jetzt als gedrucktes Buch wie auch als E-Book veröffentlicht worden und liegt nun schon in 3. Auflage vor. Und es lohnt, in dem schmalen Bändchen zu blättern und Bekanntes und Unbekanntes Revue passieren zu lassen. Die Themenpalette ist breit und reicht von reinem Nonsens („Studie: Ladendiebstahl deutlich günstiger als Bezahlen“, „Handwerker erscheint pünktlich zu vereinbartem Termin“ oder „Endlich Stimmung: Phoenix spielt künstliche Lacher ein“) über Nachrichten aus der Wissenschaft („Gentechniker machen aus einer Mücke einen Elefanten“) bis zu harter Politik („Zu wenig Kinder: Regierung verschiebt Erreichen der Volljährigkeit von 18 auf 28“). Erstaunlich, wie kreativ und produktiv der Chef- und Alleinschreiber Stefan Sichermann ist, der auf jede Frage eine Antwort weiß: „Mir wachsen Haare an Stellen, an denen vorher keine waren. Bin ich krank?“ „Nein, Sie sind in der Pubertät oder im weißrussischen Hammerwerferinnenkader.“ Der Postillon. Ehrliche Nachrichten – unabhängig, schnell, seit 1845, München: riva 32014, 192 S., 9,99 Euro

Zum Aufregen 17 Männer gegen eine Frau. Gegen eine „Gattenmörderin“. Die knapp eineinhalb Dutzend sind der Richter, die Beisitzer, die Geschworenen, die Gutachter. „Kalte Wut“ heißt die Rekonstruktion einer Tötung, die kurz nach dem Krieg in Gevelsberg geschah und deren Drumherum auch in Wuppertal spielt. In der Haft bringt sich die treusorgende Mutter um: Die Zeitungen haben ein letztes Mal ihre fetten Schlagzeilen. Es spielt im Kalten Krieg und in einer Bundesrepublik, deren Justiz massiv von alten Nazis beherrscht wird. Beklemmend, die Montage aus erzählender Wiedergabe, Zeitungsschnipseln und Untersuchungsakten zu lesen, obwohl man als Leser von vornherein Bescheid und jedenfalls immer mehr als die ermittelnden Beamten weiß. Die Frau, die keinen fairen Prozess bekommt, wird, öffentlich vorverurteilt, mindestens entschieden zu hoch bestraft. Die Story erinnert an Vera Brühne, auch wenn sich deren Fall gut zehn Jahre später ereignet. Volker Mauersberger, Kalte Wut. Der Fall Ellen Rinsche, Berlin: Aufbau 2014 (= Aufbau-Taschenbuch, 3003), 238 S., 9,99 Euro

Zum Schmökern Ein Heimatbuch vom Feinsten. Der Leiter des Arco-Verlages hat Texte des Lyrikers Paul Zech, die sich um die Person der wohl größten Literatin aus dem Tal ranken, in einem Band zusammengefasst. Erstmals wird mit diesem Buch der Text „Begegnungen mit Else Lasker-Schüler“ veröffentlicht. Zech fabuliert über Gott und die Welt, die „Else“ und sich selbst, die Stadt und ihre Dichter, aber auch den „unangemeldeten“ – frei erfundenen – „Besuch einer Rotte von braunen Totschlägern“ nach dem 30. Januar 1933. Fotos und Zeichnungen hat Christoph Haacker den Beiträgen beigegeben, die das Vergnügen an der Lektüre noch steigern. Zech selbst, der sich als Arbeiterdichter sah, hatte einige Erfolge in der Weimarer Republik und verbrachte Deutschlands schwerste Zeit weitgehend in Argentinien. In der Bundesrepublik kam er nie an, auch wenn zwei seiner Gedichte Aufnahme in Reich-Ranickis „Kanon“ fanden. Die höchsten Auflagen erlebten seine Übersetzungen der Balladen von François Villon. Eine gewisse Renaissance erfuhr er jedoch in der DDR, wo ihn der Greifenverlag in Rudolstadt betreute. Gesamturteil: Die für die Stadt und in der Stadt beste Veröffentlichung der letzten zwei Jahre. Paul Zech, Wuppertal. Bergische Dichtungen – Begegnungen mit Else Lasker-Schüler. Hrsgg. von Christoph Haacker, Wuppertal: Arco 2013 (= Coll’Arco, 2), 52 S., 12,00 Euro

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Kulturnotizen Akademie Plus

Einladung ins Literaturcafé „Darum mag ich alles was so grün ist…“ Für alle, die Lust zum Schreiben haben, öffnet die Akademie Remscheid zum 3. Mal im Rahmen von Akademie Plus das Literaturcafé. Am 12. April lädt die Akademie ein, in netter Atmosphäre eigene Geschichten, Gedichte oder Essays vorzutragen. Willkommen sind sowohl Texte, die schon seit längerem in der Schublade warten als auch frisch Geschriebenes. Vielleicht inspiriert das diesjährige Thema „Grün“ beim Finden neuer Ideen. Zum Literaturcafé gibt’s sicherlich wieder facettenreiche Texte, die Möglichkeit zum Austausch und selbstgebackenen Kuchen. Gerne kann sich auch anmelden, wer „nur“ zuhören möchte. Die Vortragszeit ist begrenzt auf 10 Minuten.

die Freude am gemeinsamen Musikmachen wieder entdeckt haben. Die ersten Tage im Mai proben mehr als 50 Neu-, Quer- und Wiedereinsteiger, aber auch erfahrene, musikbegeisterte Streicher und Holzbläser die 5.Symphonie c-moll op.67 von Beethoven. Vertreten sind Flöten, Oboen, Klarinetten, Fagotte, Hörner, Trompeten, Posaunen und Streicher. Am Sonntag schließt die Veranstaltung mit der öffentlichen Präsentation. Kunst im Dialog - Impressionismus Licht und Farbe im Mai Am vorletzten Maiwochenende können Sie in der Akademie Plus impressionistisch das Frühsommerlicht einfangen und gleichzeitig auf kunsthistorische Spurensuche gehen: Frankreich, ausgehendes 19. Jahrhundert: Bis dato war unbestritten, dass in der Malerei ein Baum ein klarer Gegenstand mit

vom Eindruck des Betrachters abhängig sein? So wollten es zumindest Monet, Manet, Degas und andere. Sie verließen ihre Ateliers und malten "plein air" und läuteten so die Moderne ein. Ihre Bilder prägen bis heute unsere Wahrnehmung. Für Kunstkritiker waren sie hingegen eine "Catastrophe". In Deutschland war Max Liebermann einer der prominentesten Vertreter des Impressionismus. Mit Monet verband ihn die Liebe zum Garten als Inspirationsort für seine Gemälde. In „Kunst im Dialog“ werden wir im Monat Mai die Gelegenheit haben, das besondere Licht und die Farben des aufstrebenden Sommers ganz impressionistisch einzufangen. Am gleichen Wochenende trifft sich außerdem der Chor für alle in der Akademie Plus. Wenn Sie Spaß am Singen mit anderen haben oder es einfach nur mal ausprobieren wollen, sind Sie hier richtig!

Werkstattkonzert der Bergischen Orchestertage. Musikbegeisterte Zuschauer, Streicher und Holzbläser gesucht

Für alle, die gerne im Chor, bei „Kunst im Dialog“, im Literaturcafé oder den Orchestertagen aktiv mit dabei sein möchten, finden sich weitere Informationen unter: www.akademieremscheid.de/AkademiePlus.de oder telefonisch unter 02191-794 212.

Am Sonntag, den 04. Mai um 11 Uhr lädt die Akademie Plus zum Werkstattkonzert der 4. Bergischen Orchestertage nach Remscheid ein. Die Bergischen Orchestertage richten sich an alle, die erst spät begonnen haben, ihr Instrument zu spielen oder die nach Jahren einer Pause

Kontakt: Akademie Plus Imke Nagel, Programmleitung Anke Rauch, Organisation Küppelstein 34, 42857 Remscheid Telefon: 02191 794 212 (Anke Rauch) 02191 794 200 (Imke Nagel) nagel@akademieremscheid.de

Ästen zu sein hatte. Doch nun das: L 'impression! Nur noch Farbe und Licht! Die Aussage eines Bildes sollte plötzlich allein

Schloss Lüntenbeck 29. Mai bis 1. Juni 2014, 11–18 Uhr

Mode, Stoff und Stil

Modenschau täglich 12 Uhr

Tageskarte: 4 €, Dauerkarte: 6 €, Kinder bis 12 Jahre frei | Kombiticket ÖPNV: 6 €, erhältlich über www.wuppertal-live.de Schloss Lüntenbeck | 42327 Wuppertal | www.schloss-luentenbeck.de Schloss Lüntenbeck, 42327 Wuppertal | Anfahrt und Parken: www.schloss-luentenbeck.de

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Samstag, 10. 5., 20:00 Uhr „Achtung Deutsch!“ Multi-Kulti-Komödie

TalTonTheater Spielplan April/Mai 2014 April

Sonntag, 11. 5., 18:00 Uhr „Hand auf's Herz“ letzte Vorstellung Aus der Welt eines Hypochonders

Samstag, 5. 4., 20:00 Uhr „Achtung Deutsch“ Multikulti-Komödie

Donnerstag, 15. 5., 20:00 Uhr „Die Irre von Chaillot“ von Jean Giraudoux

Sonntag, 6. 4., 15:00 „Achtung Deutsch“, Multikulti-Komödie Samstag, 12. 4., 20:00 Uhr „Fünf Frauen & Ein Mord“ britische Krimikomödie Krimi-Komödie FÜNF FRAUEN UND EIN MORD von Gladys Heppleworth – "very british" Willkommen auf Hearstone Manor zu einer Krimi-Komödie, die Sie mit einer höchst amüsanten Auflösung überraschen wird! Als es auf dem abgelegenen Hearstone Anwesen zu einem tödlichen Unfall kommt, wird Inspektor Hollister mit der Untersuchung des Falles betraut. Er stößt bei den fünf Frauen, die das Anwesen bewohnen, auf eine Wand des Schweigens…

Tim Firths Theaterstück über einen ungewollten Schiffbruch präsentiert Survival-Training einmal von der komischen Seite. Vier Herren, mittleres Management stechen mit einem Boot in See. Das Freizeitvergnügen verdanken sie den psychologischen Beratern in der Unternehmensführung. Team-BuildingExercise heißt diese gruppendynamische Maßnahme an einem nebligen Novemberwochenende. Doch ihr Schiff kentert und nur mit letzter Mühe können sie sich auf eine menschenleere Insel retten. Schutzlos, ohne Essen, das nächste Hotel nicht einmal eine Meile Luftlinie entfernt, geraten Neville, Angus, Roy und Gordon plötzlich in ein Desaster. Ausgeliefert den Tücken der Natur und den Launen ihrer nicht ganz konfliktfreien Kollegen. Die Insel als Austragungsort unerbittlicher Rivalitäten, komischen Konsequenzen und der bitterbösen Nabelschau. Sonntag, 27. 4., 18:00 Uhr „Vier Männer im Nebel“ Junglecamp mit Niveau Komödie von Tim Firth

Termine auf einen Blick: Fr. 28. 2. / So. 2. 3. / Sa. 12. 4. / 13. 4. / 8. 5. / 9. 5. / 7. 6. / 8. 6. Sonntag, 13. 4., 18:00 Uhr „Fünf Frauen & Ein Mord“, britische Krimikomödie Samstag, 19. 4., 20:00 Uhr „Hand aufs Herz“ Kabarett/Komödie aus der Welt eines Hypochonders Samstag, 26. 4., 20:00 Uhr „Vier Männer im Nebel“ Junglecamp mit Niveau Komödie von Tim Firth

Mai Samstag, 3. 5., 20:00 Uhr „Die Irre von Chaillot“ — Premiere von Jean Giraudoux

Freitag, 16. 5., 20:00 Uhr „Die Irre von Chaillot“ von Jean Giraudoux Samstag, 17. 5.. 20:00 Uhr „Die Irre von Chaillot“ von Jean Giraudoux Sonntag, 18. 5., 18:00 Uhr „Kabale und Liebe“ letzte Vorstellung Friedrich Schiller Freitag, 23. 5., 20:00 Uhr Michael Hans Herrmann Lesezeichen-setzen! Ein außergewöhnlicher Leseabend – bringen Sie ein Buch mit! Samstag, 24. 5., 20:00 Uhr „Vier Männer im Nebel“ Dschungel-Camp mit Niveau Sonntag, 25. 5., 18:00 Uhr „Vier Männer im Nebel“ Dschungel-Camp mit Niveau Samstag, 31. 5., 20:00 Uhr „Achtung Deutsch!“ Multi-Kulti-Komödie TalTonTHEATER, Wiesenstraße 118, 42105 Wuppertal, www.taltontheater.de Preise: VK Typ A: 17,-/15,- VK Typ B: 15,-/12,- AK Typ A: 18,50-/15,- AK Typ B: 16,50-/12,- /// kontakt@taltontheater. de Kartentelefon: 0211 œ 27 4000 /// online Tickets siehe Homepage

Sonntag, 4. 5., 18:00 Uhr „Die Irre von Chaillot“ Donnerstag, 8. 5., 20:00 Uhr „Fünf Frauen & Ein Mord“ britische Krimikomödie Freitag, 9. 5., 20:00 Uhr „Fünf Frauen & Ein Mord“ britische Krimikomödie

kreativ50plus wird zu Akademie Plus Das Angebot der Akademie Remscheid für außerberufliche Schaffensräume hat seinen Namen geändert. Aus kreativ50plus wird Akademie Plus. Pünktlich zum Erscheinen des neuen

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Kulturnotizen Programmheftes wurde der neue Name eingeführt. Die Akademie Remscheid lädt mit Akademie Plus weiterhin Entdeckungslustige ein, in den Bereichen Malerei, Musik, Tanz, Theater und Medien Neues zu probieren oder schon Erprobtes weiter zu vertiefen.

Kunst, Malerei & Zeichnung 4. – 6. 4. 2014 – AP305 Enkaustik für Fortgeschrittene 4. – 6. 4. 2014 – AP306 Abenteuer experimentelle Aquarellmalerei 7. – 11. 4. 2014 – AP309 Abstrakte Acrylmalerei 19. – 23. 5. 2014 – AP314 Malerei für Neugierige 23. – 25. 5. – AP315 Kunst im Dialog Digitalfotografie & Computer 19. – 23. 5. 2014 – AP313 Fotografie: 4 Elemente 24. 5. 2014 – AP322 Fotografie für Großeltern und Enkel Literatur & kreatives Schreiben 12. 4. 2014 – AP311 Literaturcafé - grün 14. – 16. 5. 2014 – AP312 Kreative Schreibidee, witzige Techniken, kleine Formen Theater, Tanz & Musik 5. 4. 2014 – AP307 Tango Café 7. 4. – 9. 4. 2014 – AP308 Tanztheater 30. 4. – 4. 5. 2014 – AP310 4. Bergische Orchestertage 23. – 25. 5. 2014 – AP341 Chor für alle Spartenübergreifend 14. – 18. 7. 2014 – AP 318-AP321 Kulturwoche: Die Linie Natur & Entspannung 10. 5. 2014 – AP342 Gesundheit auf dem Teller – Wiesenkräuter

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Müllers Marionetten-Theater Unsere Stücke eignen sich für Zuschauer ab etwa dreieinhalb Jahren, die eigentliche Zielgruppe sind Kinder zwischen vier und zwölf Jahren. Sie sollten darauf achten, ob ihre Kinder bereits die „magische Weltsicht“ abgelegt haben. Neues vom Räuber Hotzenplotz von Otfried Preußler Der Räuber Hotzenplotz wurde gefangen und wartet eingesperrt im Spritzenhaus auf seinen Prozess. Leider gelingt es ihm, sich zu befreien und dann auch noch die Großmutter zu entführen, die nun in seiner Räuberhöhle putzen und für ihn kochen muss. Kasperl und Seppl machen sich auf den Weg, die Oma aus der Räuberhöhle zu befreien.

Eine märchenhafte Geschichte darüber, wie schwer es ist, Kinder vor Unglück zu bewahren und dass viele Missgeschicke des Lebens oft als Glücksgriffe enden. Aufführungen: Mi, 30. 4., 16;00 Uhr, Do, 1. 5., 16:00 Uhr, So, 4. 5., 16:00 Uhr, Mi, 7. 5., 16:00 Uhr, Sa, 10. 5., 16:00 Uhr, Mi, 14. 5., 11:00 Uhr und 16:00 Uhr, Sa, 17. 5., 16:00 Uhr, Mi, 21. 5., 16:00 Uhr, So, 25. 5., 16:00 Uhr Brummel, die wilde Hummel Ein tierisches Theatermärchen von Günther Weißenborn, in dem eine kleine Hummel verunglückt und mit der Hilfe vieler Waldund Wiesenbewohner den Weg nach Hause findet. Musik von Jacques Offenbach. Do, 29. 5., 16:00 Uhr.

Aufführungen: Mi, 2. 4. und Mi, 9. 4., jeweils 16:00 Uhr Dornröschen Theaterstück nach den Gebrüdern Grimm von Günther Weißenborn ab 4 Jahre Einhundert Jahre schlafen und was kommt dann ? – ein Mann. Dornröschen wird vielleicht von ihrem Erwecker enttäuscht sein, jedenfalls aber heilfroh, wieder wach sein zu dürfen. Und mit dem Herrn, der sie so frech wachküsste, wird sie schon fertig werden. Schließlich ist die junge Dame jetzt ganz schön ausgeschlafen!

www.wuppertaler-buehnen.de Mi, 2. 4., 19:30 - 20:50 Uhr /// UNI Wuppertal /// Der Torero oder Liebe im Akkord /// Opéra comique in zwei Akten von Adolphe Adam, Libretto von Thomas Marie François Sauvage Do, 3. 4., 19:30 Uhr /// Gedenkveranstaltung anlässlich des Todes der Bühnenund Kostümbildnerin Hanna Jordan, Ehrenringträgerin der Stadt Wuppertal, Ehrenmitglied der Wuppertaler Bühnen Do, 3. 4., 20:00 Uhr /// Café Ada /// Die Frau, die gegen Türen rannte von Roddy Doyle /// Weitere Vorstellungen: So, 6. 4. 18:00 Uhr, Fr, 11. 4. 20:00 Uhr, So, 13. 4., 18:00 Uhr Fr, 4. 4., 19:30 - 22:30 Uhr /// Opernhaus /// Maria Stuart /// Trauerspiel von Friedrich Schiller /// Letzte Vorstellung: Do. 10. 4. 19:30 Uhr


Fr, 4. 4., 20:00 Uhr //// Premiere //// Haus der Jugend Barmen /// Der rote Baum /// nach Motiven des gleichnamigen Bilderbuches von Shaun Tan /// Produktion des Jugendclub I /// Weitere Vorstellungen: Fr, 11. 4., 20:00 Uhr, Sa, 12. 4., 20:00 Uhr Sa, 5. 4., 19:30 - 22:00 Uhr /// Opernhaus /// zum letzten Mal /// Die Fledermaus /// Operette von Johann Strauß Sohn, Text von Richard Genée nach der Komödie LE RÉVEILLON von Henri Meilhac und Ludovic Halévy Mi, 9. 4. 19:30 Uhr /// Stadtsparkasse Wuppertal - Glashalle /// Der Torero oder Liebe im Akkord /// Opéra comique in zwei Akten von Adolphe Adam, Libretto von Thomas Marie François Sauvage

von Sergej Prokofjew. Ein Tanzprojekt mit Jugendlichen aus Wuppertal Sa, 26. 4., 19:30 Uhr /// Opernhaus /// Premiere /// Viel Lärmen um Nichts /// Komödie von William Shakespeare, Bühnenmusik von Wolfgang Korngold //// Sinfonieorchester Wuppertal Mit Viel Lärmen um Nichts hat Shakespeare das komödiantische Liebesintrigenspiel par excellence gedichtet. Nicht weniger als acht Intrigen sind es, derer sich die beiden Liebespaare Claudio/Hero und Benedikt/Beatrice erwehren müssen. /// Weitere Aufführung: Sa, 31. 5. 19:30 Uhr Di, 6. 5., 21:00 Uhr (geänderte Anfangszeit!) /// St. Laurentiuskirche /// Die ägyptische Maria (Maria Egiziaca) /// Mysterium in einem Akt von Ottorino Respighi, Libretto von Claudio Guastalla. In

April So, 6. 4. | 11:00 Uhr /// Stadthalle /// 8. Sinfoniekonzert /// Jean Sibelius – Sinfonie Nr. 4 a-Moll op. 63 | Ludwig van Beethoven - Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68 »Pastorale« /// Weitere Aufführung: Mo, 7. 4. | 20:00 Uhr Fr, 18. 4. | 18:00 Uhr /// Stadthalle /// 3. Chorkonzert /// Joseph Haydn Sinfonie f-Moll Hob. I: 49 »La Passione« Gioacchino Rossini »Stabat Mater« Mai

In einem idyllischen Garten in Barcelona spielt eine höchst unterhaltsame Ménage à trois: gelangweilt von ihrem alten Ehemann Don Belflor – einem pensionierten Stierkämpfer, den sie auf Erbschafts-Druck eines reichen Onkels heiratete – beginnt die ehemals gefeierte Pariser Sopranistin Coraline eine Affäre mit ihrem früheren Geliebten, dem Flötisten Tracolin. Fr, 11. 4., 19:30 Uhr /// Opernhaus /// Alcina /// Dramma per musica in drei Akten von Georg Friedrich Händel, Text von Antonio Marchi /// In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln /// Weitere Vorstellungen: So, 13. 4. 16:00 Uhr (mit Kinderbetreuung) Fr, 11. 4., 20:00 Uhr /// CityKirche Elberfeld /// Ich, ein Jud /// von Walter Jens Sa, 12. 4., 19:30 Uhr /// Opernhaus /// zum letzten Mal /// JR /// Nach dem Roman von William Gaddis, Aus dem amerikanischen Englisch von Marcus Ingendaay und Klaus Modick, in einer Fassung von Tom Peuckert So, 20. 4., 18:00 Uhr /// Opernhaus /// Premiere /// Le Pas d‘Acier - Schritt in die Zukunft /// Ballett in zwei Szenen

italienischer Sprache /// Weitere Aufführungen: Do, 8. 5., St. Johann Baptist Kirche, Sa, 10. 5., 21:00 Uhr Gemarker Kirche, Di, 13. 5., 21 Uhr Christ König Mi, 7. 5., 19:30 - 20:50 Uhr /// Hako Event Arena /// Der Torero oder Liebe im Akkord /// Opéra comique in zwei Akten von Adolphe Adam, Libretto von Thomas Marie François Sauvage /// Weitere Vorstellungen: So, 11. 5., 18:00 - 19:20 Uhr, Riedel Communications Sa, 10. 5., 21:00 Uhr /// Café Ada /// Nachtfoyer /// Jazzprogramm der Wuppertaler Bühnen im Café ADA unter der künstlerischen Leitung von Wolfgang Schmidtke Do, 22. 5., 20:00 Uhr /// Haus der Jugend Barmen /// Premiere /// Die zertanzten Schuhe nach dem Märchen der Gebrüder Grimm /// Integratives Theaterprojekt mit behinderten und nicht behinderten Spielern /// Weitere Vorstellungen: Fr, 23. 5., 20:00 Uhr, So, 25. 5., 18:00 Uhr Fr, 30. 5., 21:00 Uhr /// OLGA – Raum für Kunst /// Countdown goes Downtown /// Latenight-Liveshow des Wuppertaler Ensembles

Mo, 5. 5. | 20:00 Uhr /// Hist. Stadthalle 5. Kammerkonzert /// Gerald Hacke, Klarinette | Nicola Hammer, Fagott | Johann Rindberger, Horn | Octavia-Maria Buzgariu-Fabienke, Viola | Vera Milicevic, Violoncello | Solvejg Friedrich, Kontrabass | Manuela Randlinger-Bilz, Harfe | Verena Louis, Klavier

So, 11. 5. | 11:00 Uhr /// Hist. Stadthalle 4. Familienkonzert /// Mit Werken von Richard Strauss, Maurice Ravel und Sergej Prokofjew So, 11. 5. | 18:00 Uhr /// Stadthalle 4. Orgel-Akzent So, 18. 5. | 11:00 Uhr /// Hist. Stadthalle 9. Sinfoniekonzert /// Joseph Haydn – Sinfonie D-Dur Hob.I:101 »Die Uhr«; Violoncellokonzert D-Dur Hob. VII:2 Richard Strauss »Aus Italien« /// Leonard Elschenbroich, Violoncello | Sinfonieorchester Wuppertal | Christof Prick, Leitung /// Weitere Auff.: Mo, 19. 5. | 20:00 Uhr

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Kulturnotizen PINA40 – 40 Jahre Tanztheater Wuppertal Pina Bausch Leitung PINA40: Ulli Stepan, Robert Sturm PINA40 präsentiert von 1. bis 25. Mai in Wuppertal den vierten und letzten Programmblock der Jubiläumsspielzeit anlässlich 40 Jahre Tanztheater Wuppertal Pina Bausch, mit Stücken von Pina Bausch, Filmen, Ausstellungen, Workshops, einem Konzert und Künstlerfreunden der Choreografin aus dem In- und Ausland. Im Opernhaus Wuppertal zu sehen sind vier ältere Stücke von Pina Bausch: 1. bis 4. Mai Café Müller (1978) und Das Frühlingsopfer (1975) in Wuppertal erstmalig mit dem Sinfonieorchester Wuppertal unter der künstlerischen Leitung von Toshiyuki Kamioka 10. bis 13. Mai Ahnen, aus dem Jahr 1987, Neueinstudierung, zuletzt in Wuppertal zu sehen 2004. 22. bis 25. Mai Viktor, Erste Internationale Koproduktion aus dem Jahr 1986, entstanden in Rom, neu einstudiert 2010 und Teil des „World Cities“ Programm im Kulturprogramm im Vorfeld der Olympischen Spiele 2012 in London Weltbekannte Choreografen und Künstlerfreunde von Pina Bausch aus dem In- und Ausland sind in der Reihe Freunde zu Gast zu Gesprächen über Pina Bausch und das Tanztheater eingeladen: 12. Mai 17:30 Uhr, Foyer Opernhaus Lin Wai-min Gründer und künstlerischer Leiter des Cloud Gate Dance Theatre seit 1973, im Gespräch mit Peter Pabst, dem Bühnenbilder von Pina Bausch 14. Mai 19:30 Uhr, Bühne Opernhaus Sidi Larbi Cherkaoui – Dance and Talk; Der belgisch-marokkanische Choregraf Sidi Larbi Cherkaoui -2008 und 2011 von der Zeitschrift „Tanz“ zum Choreografen des Jahres gewählt - präsentiert Ausschnitte aus seinem neuen work in progress Projekt Fractals. Im Anschluss Talk mit Sidi Larbi Cherkaoui und Alistair Spalding, Direktor und Künstlerischer Leiter des Sadler´s Well Theater in London 25. Mai 16:00 Uhr Foyer Opernhaus William Forsythe im Gespräch William Forsythe gilt als einer der führenden Choreografen weltweit. Er hat die

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Praxis des Balletts aus der Identifikation mit dem klassischen Repertoire gelöst und zu einer dynamischen Kunstform des 21. Jahrhunderts transformiert. 16. Mai 20:00 Uhr Konzert Mit: Schubert versus Weill – Ein Liederabend präsentiert PINA40 ein besonderes Konzertprojekt, entstanden in Kooperation mit dem „Schönberg-Ensemble“ am Standort Wuppertal der Hochschule für Musik und Tanz Köln, unter der Leitung von Werner Dickel. Die Sängerin Melissa Madden Gray, die Pina Bausch persönlich eingeladen hatte in ihrem Stück: „Fürchtet Euch nicht“ (Die sieben Todsünden, zweite Teil)“ zu singen, ist Special Guest beim Schubert versus Weill-Liederabend. Gesang: Melissa Madden Gray, Thilo Dahlmann, Klavier: Matthias Wierig Künstlerische Beratung: Wolfgang Schmidtke, Matthias Burkert Historische Stadthalle Wuppertal Karten für alle Veranstaltungen über Kulturkarte 0202 563 7666, www.pina40. de <http://www.pina40.de> und an der Abendkasse. Außerdem Workshops, Filme, Ausstellungen in Wuppertal Gesamtprogramm www.pina40.de <http://www. pina40.de> Im Rahmen von PINA40 in Essen, PACT Zollverein 26. April. Ein Abend mit Wim Wenders und Überraschungsgästen 29. und 30. April Jan Lauwers & Needcompany „Isabella's Room“ PINA40 Leitung Ulli Stepan, Robert Sturm; Beratung Peter Pabst; Geschäftsführung Dirk Hesse Veranstaltergemeinschaft: Das Land NRW, die Stadt Wuppertal, die Landeshauptstadt Düsseldorf, Die Stadt Essen Gefördert durch: Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, die Stadt Wuppertal gemeinsam mit der Dr. Werner Jackstädt Stiftung, das Kulturamt der Landeshauptstadt Düsseldorf, die Kulturstiftung Essen, die Kunststiftung NRW, die Stadtsparkasse Wuppertal. Die Jubiläumsspielzeit 2013/2014 entsteht in enger Zusammenarbeit mit der Pina Bausch Foundation.

Peter Kowald‘s Global Village und 10 Jahre „ort“ Der plötzliche Tod des Wuppertaler Kontrabassisten Peter Kowald im September 2002 hatte eine Lücke in unserer Kulturlandschaft hinterlassen. Um seinen grenzüberschreitenden humanen Gedanken zum „global village“ und die damit verbundenen künstlerischen Ideale am Leben zu erhalten, haben Freunde und Anhänger damals die Peter Kowald Gesellschaft/ort e.V. gegründet. Vorrangiges Ziel ist eine diesem Ideal verpflichtete Förderung der freien improvisierten Musik sowie deren Begegnung mit anderen künstlerischen Disziplinen. Der Verein hat hierfür den «ort», Peter Kowalds Atelier in der Luisenstraße 116 für kleinere Veranstaltungen und Ausstellungen hergerichtet, sodass der Raum weiterhin für künstlerische Projekte genutzt werden kann. Am 21. April 1944 geboren, wäre Peter Kowald 2014 siebzig Jahre alt geworden. Gleichzeitig kann der Verein auf eine 10-jährige Arbeit zurückblicken mit mehreren hundert Konzerten aus den Bereichen Freejazz, Improvisierte Musik, Klassik und anderen Genres. Inzwischen fanden 10 Ausstellungen verschiedener Künstler, Filmabende, Gesprächsrunden, Lesungen und anderes statt. Darüberhinaus beherbergte der „ort" in den vergangenen Jahren zehn ausgewählte MusikerInnen, KünstlerInnen und Tänzerinnen als „Artist in Residence“, eingeladen für jeweils einen Monat von der Peter Kowald Gesellschaft. Aus Anlass des 70. Geburtstag Peter Kowalds veranstaltet der „ort“ im Mai 2014 ein Festival mit einer Ausstellung der künstlerischen Arbeiten Peter Kowalds, eine Reihe von Konzerten, die sich auf seinen musikalischen Einfluss beziehen, dazu Filmvorstellungen über Peter Kowald und Weggefährten. Außerdem ist in diesem Rahmen ein Konzert im Nachtfoyer der Wuppertaler Bühnen im ADA und ein

05.05.06 - Xu Fengxia - Li Yi - Zhang Zhenfang - Lu Chunling


26.10.05 - Mitchell - Tarasov - Shilkloper

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15. April 2014 - 19:30 Uhr Karla Schneider: Tova und die Sache mit der Liebe – Die Schriftstellerin Karla Schneider liest aus ihrem neuen Jugendbuch. Darin geht es um die Turbulenzen des Lebens im jugendlichen Alter, um Feste und Intrigen und Theateraufführungen, um die Wichtigkeit der Familie und den Mut, die Liebe hineinfallen zu lassen, wo sie hinfällt. 7. Mai 2014 - 18:30 Uhr „Kunsthochdrei“: Zum 450 Geburtstag von William Shakespeare – Die Einführung an diesem Abend hält Museumsdirektor Dr. Gerhard Finckh über Jaques Callot, ein Zeitgenosse Shakespeares. Schauspielerin Mechthild Großmann liest Sonette von Shakespeare. Es erklingt Musik von John Dowland. Die Moderation hat Prof. Dr. Lutz-Werner Hesse. 13. Mai 2014 - 19:30 Uhr Andreas Steffens: Aphorismen Soeben ist die Anthologie „Neue deutsche Aphorismen“ in der Dresdner Edition Azur erschienen. Mit dabei ist der Wuppertaler Autor Andreas Steffens. Zusammen mit den Herausgebern Alexander Eilers und Tobias Grüterich stellt Steffens die Anthologie in Lesung und Gespräch vor.

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Termine Literaturhaus Wuppertal e.V.

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Das Programm: Donnerstag, 8. 5. 20 Uhr, Film im „ort“, cine:ort Peter Kowald „Chicago Improvisations“/365 Tage Freitag, 9. 5. 2014, 19 Uhr, im „ort“ Ausstellungseröffnung Peter Kowald „Global Village“ Freitag, 9. 5., 21.00 Uhr, im „ort“ Konzert Sebastian Gramms „Transkribierte Soli von Peter Kowald“ Samstag, 10. 5., 22 Uhr, Nachtfoyer im Café Ada Konzert „Remember Peter Kowald“ – Wolfgang Schmidtke/Saxofon, Dieter Manderscheid/Bass, Günter Baby Sommer/Schlagzeug Sonntag, 11. 5., 20 Uhr, Film im „ort“ cine:ort Vorpremiere „Als Mensch ein Solist - Der Jazzmusiker Günter Baby Sommer“ Ein essayistischer Dokumentarfilm, 80 Minuten. Einführung: Günter Baby Sommer

ZUFRIEDEN MIT OPTIMIERTER VERMÖGENSÜBERGABE

04.04.12 - Butcher und Saitoh (im Quartett mit Hirt und Kraemer)

Freitag, 23. 5., 20 Uhr, Sitzungssaal im Rathaus Elberfeld WIO – Wuppertaler ImprovisationsOrchester Solist: Carlos Zingaro/ Violine Samstag, 24. 5., 20 Uhr im „ort“ Konzert „The Music of Ornette Coleman“, Axel Dörner/Trompete, Frank Gratkowski/Saxophon, Christian Lillinger/Schlagzeug, Robert Landfermann/ Kontrabass Sonntag, 25. 5., 20 Uhr im „ort“ Konzert „Wuppertal - New York Wuppertal“, William Parker/bass, Hamid Drake/drums, Charles Gayle/piano, saxophon Freitag, 30. 5., 19 Uhr im Skulpturenpark Waldfrieden Konzert „KlangArt im Skulpturenpark“ Ulrich Gumpert Workshop Band „Plays Charles Mingus“ Veranstalter: Cragg Foundation

ERBSCHAFT UND SCHENKUNG:

weiteres Konzert bei KLANGART im Skulpturenpark als Beitrag der Cragg Foundation vorgesehen.

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Kulturnotizen 20. Mai 2014 - 19:30 Uhr Wolf von Wedel: Laufbekanntschaften Der Wuppertaler Autor Wolf von Wedel stellt seinen neuen Erzählband „Laufbekanntschaften“ vor. Darin erzählt er unter anderem von der Erinnerung an ein Treffen mit einer Mainzer Kunststudentin vor 50 Jahren oder auch von einer gestohlenen Tony-Cragg-Skulptur. Das Luisenviertel – mein „petit Paris“! Nostalgie-Fotoshooting für feine Damen Seit Ende letzten Jahres kann sich jede Wuppertalerin im „Salon de Paris“ in der Luisenstraße 96 für kurze Zeit in eine atemberaubende Belle Dame der Pariser Haute-Volée verwandeln – und sich dabei fotografieren lassen. Der Laden von Vera Grünstaeudl (mit Künstlernamen Vera Beaux) ist ein Fundus an Kleidern, Hüten, Handschuhen und Schmuck verschiedener Jahrzehnte Pariser Couture – alles très chic, versteht sich und echt aus Paris: Hier kauft Vera Beaux ihre zeitlos schöne Mode aus Seide, Spitze und Chiffon nämlich alle paar Wochen ein. Mit der Idee des Nostalgie-Fotoshootings gibt Vera Beaux ihren Kundinnen nun die Gelegenheit, sich für wenige Stunden einmal als Grande Dame der gehobenen Pariser Gesellschaft zu fühlen.

Just in dem Augenblick, in dem man ihren Laden betritt, betritt man eine andere Welt: Un Praliné? Ein Schlückchen Café? Die Inhaberin hat ein Gespür für Atmosphäre. Hier ein Kompliment für die Besucherin, da eine Schwärmerei für

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die Frau im Allgemeinen. Die Hutliebhaberin (sie besitzt weit mehr als 200 Stück!), die sich vielmehr als Künstlerin denn als Verkäuferin versteht, wirbelt um ihren Gast herum, verziert und schmückt, empfiehlt und verführt – und plötzlich ist frau ganz drin, in ihrem Element! Gemeinsam mit der Fotografin Anja Pfeiffer hat Vera Grünstaeudl ihre Idee des Nostalgie-Fotoshootings umgesetzt: Weibliche Gäste können eintauchen in das modische Paris des letzten Jahrhunderts. Während des Shootings zaubert Vera immer neue modische Accessoires aus den Tiefen ihres Ladens, Fotografin Anja Pfeiffer hält alles digital fest. Im Anschluss darf die Kundin vier der schönsten Bilder auswählen – wer will, ganz nostalgisch in Sepia und mit SchnörkelRahmen.

Vera Grünstaeudl lebt und arbeitet in Wuppertal. Seit Juni 2013 verkauft und verleiht sie in der Wuppertaler Luisenstraße 96 Pariser Mode aus unterschiedlichen Jahrzehnten und berät Damen in und mit Stil. Neben Kleidern und jeder Menge Accessoires ist vor allem ihre umfangreiche Hutsammlung für Einheimische und Touristinnen eine echte Attraktion. Seit Ende letzten Jahres bietet die 49-Jährige in ihrer Boutique einmal monatlich sonntags Fotoshootings. Wer eine Session bucht, wird zwei Stunden bei französischer Musik, Pralinen und Café verwöhnt. In verschiedenen Pariser Outfits lässt Vera Beaux ihre Kundinnen dann durchs Viertel flanieren und fotografieren – sehr zur Freude der Passanten. Anja Pfeiffer hat in Wuppertal Kommunikationsdesign studiert und sich auf die Fotografie „von Frau zu Frau“ spezialisiert. Zu ihrem Repertoire gehören u.a. Erotik- und Aktfotografie sowie Hochzeits-, Schwangeren- und Babyfotografie. Mit der Shootingidee „Queen oft the Day“ ermuntert sie Frauen, sich und ihre Weiblichkeit neu zu entdecken. Anja Pfeiffer lebt und arbeitet in Neuss.

Heine Kunst-Kiosk – Gesichter – Passanten – Augenblicke Komm mit, wir gehen nach Wichlinghausen, etwas besseres als den Tod findest du überall…

Ein Fotoprojekt mit Jugendlichen der Heine-Kunst-Kiosk-Betreiber in Zusammenarbeit mit dem Bürgerforum Oberbarmen e.V. In über 200 Fotos haben 17 Jugendliche im Alter von 13-26 Jahren über 150 Personen fotografiert und Fragen nach deren WOHER und WOHIN und ihr Einverständnis zu einer nichtkommerziellen Veröffentlichung protokolliert. Ein kommunikativer Prozess von SchülerInnen und StudentInnen, die ihre Aufmerksamkeit auf die den Heine-KunstKiosk passierenden Fußgänger richteten, ihre Herkunft und individuelle Besonderheiten aufnehmend, die ungewöhnliche und wunderbare Vielfalt der Bewohner des Quartiers abbildeten. Die Fotografen Andreas Komotzki und Udo Kowalski jurierten zusammen mit den Barbara Held und Boris Meißner die Aufnahmen. Am Samstag, dem 15. März um 11 Uhr wird eine erste Auswahl der Fotos im HeineKunst-Kiosk, Wichlinghauser Str. 29a vorgestellt. Einführende Worte: Jutta Schultes, Projektkoordination Verfügungsfond Stadt Wuppertal Herzlich eingeladen sind auch die beteiligten Bürger, die zur Eröffnung die OriginalFotoabzüge ihrer Portraits abholen können. Die Ausstellung endet am Sonntag, 04. Mai und kann zusätzlich nach telefonischer Rücksprache besucht werden. Kontaktadressen: Barbara Held Bornerstr. 8, 42349 Wuppertal Tel 0202/475098, barbaraheld@netic.de www.heine-kunstkiosk.de - Boris Meißner M.-Luther-Str.83 42853 RS Tel 02191/73162 Boris.Meissner@ freenet.de www.bbk-bergischland.de


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Die Beste Zeit Nr. 26  
Die Beste Zeit Nr. 26  
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