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DIE BESTE ZEIT Das Magazin für Lebensart

Ausgabe 32, 2015 - 3,50 Euro

Raumgreifend Jan Albers in der Von der Heydt-Kunsthalle

Emotion und Modus der Fotograf Matthias Neumann

Am I Still A House ? Skulpturenpark Waldfrieden

Ruhrtriennale 2015 Festival der Künste

Faust im theaterhagen Oper von Charles Gounod

Alibis Siegmar Polke im Museum Ludwig

Peter Schmersal – Holger Bär Kunstmuseum Solingen

Der Göttliche Bonner Bundeskunsthalle

Wuppertaler Lesereihen Literaturszene

ISSN 18695205

Wuppertal und Bergisches Land

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Barbara Neusel-Munkenbeck und die Urne “moi“

Keine Angst vor Berührung

seit 1813

Alles hat seine Zeit. Berliner Straße 49 + 52-54 · 42275 Wuppertal · www.neusel-bestattungen.de Tag

und Nacht 66 36 74


Editorial Liebe Leserinnen und Leser. Anfang März präsentierten sich Von der Heydt-Museum, Tanztheater Wuppertal Pina Bausch, Skulpturenpark Waldfrieden und Historische Stadthalle gemeinsam auf der ITB 2015 in Berlin, der weltweit wichtigsten Tourismusmesse. Mit einem eigenen Messestand in direkter Nachbarschaft zu den Museen und Konzerthäusern von Düsseldorf, Köln und Bonn machten sie eine „bella figura“. Eine „Kulturstadt mit Strahlkraft“ ist Wuppertal, auch wenn sie für die größeren kulturtouristischen Reiseströme noch zu häufig außerhalb ihrer Wahrnehmung liegt. So war der Standort bestens geeignet dem Messepublikum die räumliche Nähe zum Rheinland ins Gedächtnis zu rufen. Verstecken muss man sich wirklich nicht, da sind sich die Partner einig, die selbst initiiert durch dieses Engagement und weitere touristische Marketingaktivitäten das Ansehen ihrer Stadt und Region stärken wollen. Strahlkraft haben ihre Institutionen international: das Von der Heydt-Museum mit seiner Sammlung weltbekannter Werke des Impressionismus, Expressionismus und der klassischen Moderne und den hochrangigen Wechselausstellungen. Jüngst gekürt zum „Museum des Jahres“ durch Kunstkritiker der WELT. Das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch, das 2013/2014 sein 40-jähriges Bestehen feierte, steht weltweit für die Revolutionierung des Tanzes. Mit seinen unzähligen Gastspielen und Tourneen auf allen Kontinenten gilt das international besetzte Ensemble als wichtiger Kulturbotschafter für das Tanzland Nordrhein-Westfalen und weit darüber hinaus. Der Skulpturenpark Waldfrieden, den der weltbekannte Bildhauer Tony Cragg in Wuppertal eingerichtet hat, bietet Natur- und Kunsterlebnis auf höchstem Niveau; einzigartig als Ausstellungszentrum für Skulpturen der Moderne und Gegenwart. Die Historische Stadthalle Wuppertal fasziniert in mehrfacher Hinsicht: Akustisch einer der besten Säle Europas, architektonisch ein Schmuckstück und ausgestattet mit modernster Technik, bietet der Große Saal Raum für Kulturgenuss vom Feinsten. Die zahlreichen Gespräche auf der ITB bestätigten, dass die Stadt weit hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt. Ein über Jahre anhaltender bedauerlicher Zustand, den man nicht nur mit leeren Kassen entschuldigen kann, die „die Hände binden“. Es fehlt weiterhin an einem nachhaltigen Kommunikationskonzept im Bereich Kultur und Tourismus und an einer Stelle, die dieses Anliegen bündelt und umsetzt – nicht nur für die so genannte Hochkultur, sondern auch für die unglaublich breit aufgestellte freie Kulturszene dieser Stadt. „Kulturstadt mit Strahlkraft“, das zeigt auch wieder diese neue Ausgabe Die Beste Zeit – an Vielfalt kaum zu übertreffen! Ihre Ruth Eising

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+UNST UND-USEUMSVEREIN 7UPPERTAL

Impressum Die Beste Zeit erscheint in Wuppertal und im Bergischen Land Erscheinungsweise: alle zwei Monate Verlag HP Nacke Wuppertal - Die Beste Zeit Friedrich-Engels-Allee 122, 42285 Wuppertal Telefon 02 02 - 28 10 40, E-Mail: verlag@hpnackekg.de V. i. S. d. P.: HansPeter Nacke Ständige redaktionelle Mitarbeit: Frank Becker, Thomas Hirsch, Matthias Dohmen, Susanne Schäfer, Karl-Heinz Krauskopf Darßber hinaus immer wieder Beiträge von: Marlene Baum, Heiner Bontrup, Antonia Dinnebier, Beate Eickhoff, Fritz Gerwinn, Klaus GÜntzsche, Johannes Vesper und weiteren Autoren Erfßllungsort und Gerichtsstand Wuppertal

The art of tool making

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Nachdruck - auch auszugsweise - von Beiträgen innerhalb der gesetzl. Schutzfrist nur mit der ausdrßcklichen Genehmigung des Verlages. Gastbeiträge durch Autoren spiegeln nicht immer die Meinung des Verlages und der Herausgeber wider. Fßr den Inhalt dieser Beiträge zeichnen die jeweiligen Autoren verantwortlich. Kßrzungen bzw. Textänderungen, sofern nicht sinnentstellend, liegen im Ermessen der Redaktion. Fßr unverlangt eingesandte Beiträge kann keine Gewähr ßbernommen werden. Trotz journalistischer Sorgfalt wird fßr VerzÜgerung, Irrtßmer oder Unterlassungen keine Haftung ßbernommen. Bildnachweise/Textquellen sind unter den Beiträgen vermerkt. Titelfoto: Ausstellung Peter Schmersal - Holger Bär ErÜffnung im Kunstmuseum Solingen Foto: Corinna Limbach


Inhalt Ausgabe 32, 7. Jahrgang, April/Mai 2015 Raumgreifend Jan Albers in der Von der Heydt-Kunsthalle Logik Die sonderbare Welt des Christopher Boone von Frank Becker Ruhrtriennale 2015 Festival der Künste von Elisabeth von Leliwa Peter Schmersal – Holger Bär Kunstmuseum Solingen von Gisela Elbracht-Iglhaut …der Mensch, hilfreich und gut Volunteers im Leo Baeck Institut von Stefan Altevogt Kunst trifft Rat & Tat Gesa Wuppertal von Peter Klassen Emotion und Modus der Fotograf Matthias Neumann von Andreas Steffens Faust im theaterhagen Oper von Charles Gounod von Fritz Gerwinn Der Göttliche Bonner Bundeskunsthalle von Rainer K. Wick Kommen Sie mit? Oder soll ich mitkommen? von Frank Becker Bahnhofsgestalten Gedicht von Marina Jenkner Foto von Matthias Neumann Am I Still A House ? Ausstellung im Skulpturenpark Waldfrieden

Kurzgeschichten von Marianne Ach

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Alibis Siegmar Polke im Museum Ludwig

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Wuppertaler Lesereihen Literaturszene von Marina Jenkner

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Seite 17

Columbo: Mord auf Rezept TIC Wuppertal von Frank Becker

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Poesie der Großstadt Franfurter Schirn von Rainer K. Wick

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Das prekäre Künstlerdasein Zwischen Leinwand und Hungertuch von Isa Bickmann

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Kasachstan Maler und Pilze von Karl Otto Mühl

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Seite 83 Seite 84

Tuchfühlung Schloss Lüntenbeck

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Die Kutschen im Central Park von Stefan Altevogt

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Neue Kunstbücher von Thomas Hirsch

Geschichtsbücher, Buchgeschichten von Matthias Dohmen

Kulturnotizen Kulturveranstaltungen in der Region

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Paragraphenreiter Interessantes zum Thema Steuern und Recht Seite 59 von Susanne Schäfer Nachruf Wuppertaler Hauptbahnhof von Marina Jenkner

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Raumgreifend Jan Albers: „cOlOnycOlOr“ 22. März – 28. Juni 2015 Von der Heydt-Kunsthalle, Wuppertal-Barmen

links: twentyfOurbeautyupanddOwn, 2012 Eichenkeile, 70 x 50 x 11 cm JaLiMa Collection unten: Up & Down, Ausstellungsansicht Kunsthalle Gießen 2013

„cOlOny cOlOr“ ist der lautmalerische Titel einer umfangreichen Einzelausstellung des in Düsseldorf tätigen Künstlers Jan Albers in der Von der Heydt-Kunsthalle in Barmen. Die Ausstellung konzentriert sich auf Arbeiten aus den vergangenen drei Jahren, jenen Moment, in dem die Arbeiten mehr und mehr die Fläche verlassen, raumgreifend und dreidimensional werden. Gezeigt werden 35 Werke in einem eigens für die Kunsthallen-Räume angelegten Parcours, der durch die Veränderung der Raumstruktur sowie eine atmosphärisch auf die Werke eingehende Farbfassung den Betrachter zu einem ganz neuartigen Kunsterlebnis führt.

Die Kategorie des Neuen spielt nicht nur für die klassische Moderne, sondern nach wie vor auch in der aktuellen Kunst eine zentrale Rolle. Bewusst arbeitet Jan Albers an der Peripherie, an den Rändern der Malerei und befragt künstlerische Strategien und tradierte Methoden, um diese, wenn nötig, zu verändern oder zu verwerfen. Er zeigt, dass die Malerei auch nach Minimal- und Konzeptkunst noch nicht am Ende ist, es ihm sogar gelingt, die Begriffe Malerei und Bild neu zu definieren.

Jan Albers gehört zu einer jüngeren Generation konzeptuell arbeitender Künstler, die jenseits des in regelmäßigen Abständen diagnostizierten Endes der Malerei ein kompromissloses Werk entwickelt haben, das der Malerei unerwartet etwas Neues hinzufügt.

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oben: diGGinGdeeP, 2014 Acryl Grundierung, archival ink & Sprühfarbe auf Leinwand, 162 x 242 x 6 cm Auflage 2 Courtesy VAN HORN, Düsseldorf & 1301PE, Los Angeles rechts: thrEEhundrEdtwEntytwobEautyupanddown, 2013, Sprühfarbe auf Polystyrol & Holz, 240 x 150 x 13 cm Privatsammlung linke Seite: pegAsusAufgAzelle, 2012 Fahrradrahmen, Button & Sprühfarbe auf Leinwand, 71 x 51 x 14 cm ES Sammlung, Hamburg

Ein Werk von Jan Albers vermag es aufgrund des fast physisch spürbaren, auch emotionalen Sogs beim Betrachter durchaus etwas wie einen „ästhetischen Schauer“ auszulösen. Parallelen finden sich weniger in der Kunst, die Arbeit ist eher der Reflex des Künstlers auf die ihn umgebende Umwelt. Persönliche Perspektiven, die eigene Biographie, das Leben im urbanen Chaos unserer Großstädte, architek-

tonische Raster und Oberflächen, Reiseerfahrungen und die Sehnsucht nach unberührten Landschaften werden als Fragmente abstrahiert und zu dreidimensionalen Reliefs von hoher Konzentration und Dichte formuliert. Bis sich diese Wirkung einstellt, hat der Künstler einen aufwendigen, bisweilen sogar quälenden Prozess der Loslösung durchlaufen. Mit einem fast gewalt-

tätigen Drang bei der Bearbeitung des Materials ist er auf der Suche nach einer Ästhetik, die überwältigend und großartig ist. Er experimentiert, erfindet, zerstört, und aus der Zerstörung lässt er Neues erwachsen – in dem hitzigen Chaos findet er Form und Struktur. Damit befreit er sich aus kunstgeschichtlichen Kategorien, wagt sich vor auf unbekanntes Terrain.

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Zur Ausstellung ist ein Katalog im Kettler Verlag mit Texten von Gerhard Finckh, Markus Heinzelmann und einem Interview mit dem Künstler erschienen, 18 Euro. Von der Heydt-Kunsthalle Barmen Geschwister-Scholl-Platz 4-6 42275 Wuppertal Öffnungszeiten: Di-So 11-18 Uhr Eintritt: 3 Euro/erm. 2 Euro Jan Albers (* 1971 in Wuppertal) ist ein deutscher Künstler, der vor allem für Reliefplastiken und Zeichnungen bekannt ist. Albers, der in Namibia aufgewachsen ist, studierte von 1992 bis 1998 an der Kunstakademie Düsseldorf, u. a. bei Jan Dibbets. 1996 stellte er in der Kölner Galerie Lukas & Hoffmann erstmals eigene Werke aus. Zwischen 1997 und 2005 erhielt er Stipendien der Kunstakademie Düsseldorf, der Kunststiftung NRW und der Derik-Baegert-Gesellschaft. 2003 fand eine institutionelle Einzelausstellung seiner Werke unter dem Titel „Transistor“ im Museum Het Valkhof in Nimwegen statt. Seitdem gab es fortlaufend weitere Ausstellungen in Museen und Galerien des In- und Auslandes, darunter auch eine Ausstellung anlässlich der Verleihung des Dahlmann-Preises im Leopold-Hoesch-Museum in Düren, welches auch sein gesamtes Fotoarchiv zur weiteren Zusammenarbeit in ihre Sammlung übernommen hat. Seit 2005 wird Jan Albers von der Galerie Van Horn in Düsseldorf vertreten. Biografie Wikipedia

DustyDiamondgEEzEr, 2014 Sprühfarbe auf Polystyrol & Holz, 250 x 145 x 14 cm Courtesy van Horn, Düsseldorf & 1301PE, Los Angeles

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Logik Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone nach dem Roman von Mark Haddon Bühnenfassung von Simon Stephens Premiere in Wuppertal am 6. Februar 2015 Regie/Bühne: Elias Perrig Kostüme: Sara Kittelmann Dramaturgie: Cordula Fink Mit: Konstantin Shklyar (Christopher Boone) - Julia Reznik (Siobhan) Stefan Walz (Ed Boone) - Tinka Fürst (Mrs. Shears, No.44, Mrs. Gascoyne u. a.) Thomas Braus (Polizist, Roger Shears u. a.) Philippine Pachl (Judy Boone) Miko Greza (Mrs. Alexander, Rev. Peters u. a.) - Daniel F. Kamen (Polizist, Zugschaffner u. a.)

Konstantin Shklyar, Thomas Braus, Philippine Pachl

Wellington ist tot. Er liegt auf dem Rasen und eine Mistgabel ragt aus seinem Körper. Wellington ist der Hund der Nachbarin Mrs. Shears (Tinka Fürst). Christopher Boone (Konstantin Shklyar) hat ihn gemocht und ausgerechnet er findet das tote Tier, in dem er ein Mit-Lebewesen sieht. Christopher ist fünfzehn Jahre, drei Monate und zwei Tage alt. Er kennt alle Länder und deren Hauptstädte und sämtliche Primzahlen bis 7507. In Mathematik ist er nahezu genial. Er mag Puzzles und Kekse, aber nicht die Farben Gelb und Braun. In seiner eng begrenzten Welt, in der er nicht allein sein darf, lebt er mit seinem Vater Ed (Stefan Walz) zusammen und besucht die Schule, in der Siobhan (Julia Reznik) seine Vertrauenslehrerin ist. Unordnung, Überraschungen, fremde Menschen und Eindrücke und vor allem Berührungen versetzen ihn in Angst, ja Panik - Christopher leidet am AspergerSyndrom, einer leichten Form von Autismus. Komplizierte Stimmungslagen und widersprüchliche Gefühle seiner Außenwelt kann er nicht verstehen, Blicken nicht standhalten, Lügen nicht akzeptieren,

Dank ist ihm fremd. Christophers Leben, Fühlen und Denken folgt einer eigenen bestechenden Logik, die nicht in Korrespondenz zu der Welt um ihn herum steht. Gegen den Willen seines Vaters, der weiß, warum er das hintertreibt, beginnt Christopher durch die Befragung von Fremden mit Nachforschungen über den Hundemord. Er verläßt „seine“ Welt und begibt sich in das Chaos fremder Informationen, fremder Menschen, ein Abenteuer, das ihn in einer alle seine Kräfte fordernden Fahrt mit der Bahn nach London, zu seiner tot geglaubten Mutter (Philippine Pachl) und wieder zurück nach Hause bringt. Durch seine Tagebuch-Aufzeichnungen, aus denen Julia Reznik quasi als alter ego liest, sehen wir seine nüchternen Beobachtungen und die Konfusion unserer scheinbar geordneten Welt mit Christophers Augen. Soweit zum Stück, das am vergangenen Freitagabend im Wuppertaler „Theater am Engelsgarten“ seine Premiere hatte – nein: feiern konnte.

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Philippine Pachl, Thomas Braus, Konstantin Shklyar

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Mit dem jüngsten Ensemblemitglied des Theaters, Konstantin Shklyar, der nach der Schauspielschule hier seine erste große Rolle hat, bekam die literarische Figur des Christopher Boone Gestalt und Gesicht. In seiner Textinterpretation, Mimik und Körpersprache bis in kleinste Nuancen brillant (Hand-, Körper- und Kopfhaltung, die Bewegung nur eines Fingers, Sprachansätze, Schutzverhalten etc.) macht Shklyar es dem Zuschauer möglich, sozusagen in Christopher zu schlüpfen, er zu sein, die Begrenzung des Autisten, seine Verletzlichkeit und seine seelischen Defizite körperlich und seelisch zu spüren. Der Junge denkt und handelt zielgerichtet in eigener, unbeirrbarer Logik. Emotionen wie Liebe, Zärtlichkeit, Freude oder Haß sind ihm fremd. Eine gewaltige Leistung des jungen Schauspielers in seiner Darstellung und der Bewältigung des unerhört komplexen, umfangreichen Textes, die man wie schon beim Schlußapplaus jetzt auch hier mit einem überzeugten, tief empfundenen „Bravo!“ honorieren muß.

So brillant auch das übrige Ensemble um ihn herum sich in vielen kleinen und größeren Rollen, oft mehrfach besetzt, zeigte, Konstantin Shklyars Leistung ließ alles um sich herum zu notwendigem, aber marginalem Beiwerk werden. Ihm gehörte über zwei Stunden (ohne Pause, eine kluge Entscheidung) angespannte Aufmerksamkeit. Einzig Stefan Walz hatte als Ed Boone in dessen verzweifelten oder wuchtigen Mono- und Dialogen vergleichbare Präsenz, und Miko Greza berührte differenziert in der kleinen Rolle der einfühlsamen Mrs. Alexander. Elias Perrig hat das Stück als Erzählung in Einzelbildern, gelegentlich mit viel Humor inszeniert, verzichtet auf Kulissen und Ausstattung, läßt alles im kahlen schwarzen Bühnenraum stattfinden, der den Charme einer (sehr alten) Turnhalle verströmt und kaum Orientierungspunkte als die der Gesichter und Bewegungen der Darsteller bietet. Über den Boden ist ein geometrisch nicht logisch erscheinendes Gitternetz aus fluoreszierenden strengen Geraden gezogen, in deren ma-

thematischer Mitte Christopher/Shklyar in einem dunklen Kreis von vielleicht 1,5 m Durchmesser agiert. Der steht für seine enge seelische Welt, und er wird ihn nur in extremen Momenten und Situationen verlassen. Die Wahrheiten, die Christopher im Lauf der zwei Stunden erfährt, die ihn verwirrenden Einflüsse und Wege aus seinem Kreis heraus, die sein Verhalten spürbar verändern, ihn hoffnungsvoll fordernd fast bis ans Publikum herantreten lassen: „Kann ich jetzt alles?!“, die „Reparaturen“ in seinem Seelenleben und seiner sozialen Umgebung, die ihm scheinbar endlich einen Hauch von Dankbarkeit entlocken, machen Hoffnung – die vom Schlußtableau brutal zerrissen wird. Ganz feines, intensives Theater. Frank Becker Fotos: Christoph Sebastian Weitere Informationen und Termine: www.wuppertaler-buehnen.de Philippine Pachl, Konstantin Shklyar

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Ruhrtriennale 2015 Festival der Künste 14. August – 26. September 2015 Wieder einmal bricht eine neue Ära für die Ruhrtriennale an: Nach Heiner Goebbels übernimmt der niederländische Theatermacher Johan Simons für drei Jahre die Intendanz des Festivals der Künste im Ruhrgebiet.

Johan Simons und sein „Umschlungen-Team“ stellen ihr neues Programm auf der Pressekonferenz in der Jahrhunderthalle Bochum vor. Foto: Stephan Glagla

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„Seid umschlungen“ Diese beiden Wörter aus Schillers „Ode an die Freude“ sind das Leitmotiv, unter dem Johan Simons und sein Dramaturgen- und Kuratoren-Team einen Dialog mit den Menschen im Ruhrgebiet eröffnen möchten. Kein dickes Programmbuch, sondern eine Landkarte der Spielorte bewirbt in diesem Jahr ein umfangreiches Angebot von knapp 40 Produktionen mit 11 Weltpremieren in den Bereichen Musiktheater, Musik, Schauspiel und Tanz. Getreu der Vision des im vergangenen Jahr verstorbenen Festivalgründers Gerard Mortier, der von 2002 bis 2004 die erste Runde der Ruhrtriennale leitete, bleibt das Festival dem Konzept der „Kreationen“ treu: mit 33 Eigen- und Koproduktionen in einer spartenübergreifenden Symbiose aus Schauspiel, Musik, Tanz, Installation und den Industriehallen, in denen sie gezeigt werden. Johan Simons setzt die Messlatte hoch: „Die Ruhrtriennale soll inspirieren und begeistern. Sie soll Verbindungen schaffen zwischen den Bewohnern des Ruhrgebiets,

den Arbeitenden wie den Arbeitslosen. Zwischen Deutschen, Europäern und Weltbewohnern. Im Ruhrgebiet leben Menschen aus 170 Nationalitäten.“ Dabei ist sich Simons aus seiner Erfahrung als Gründer und Leiter der Theatergroep Hollandia, die von 1985 bis 2001 tief in der nordholländischen Provinz, auf dem Land, in leer stehenden Fabrikhallen, Ställen und Kirchen, auf Schrottplätzen und unter Brücken spielte, der Schwierigkeit eines solchen Weges bewusst. „Wir wollten eine eigene Theatersprache entwickeln und für Leute spielen, die nie ins Theater kommen. Das erste ist uns gelungen, das zweite war schwer zu verwirklichen. Vor allem die Elite aus Amsterdam kam damals zu unseren Veranstaltungen.“ Dennoch – im Motto „Seid umschlungen“ unternimmt Johan Simons in seiner Interpretation der Ruhrtriennale erneut jene Geste der Umarmung eines großen, vielgesichtigen Publikums. Gleichzeitig soll diese Umarmung nicht nur freundlich sein, sondern auch umklammern, sich einmischen, nicht lockerlassen – und sich bewusst auch politischen Themen


widmen und diese informell nach den Aufführungen, in Werkstattgesprächen und in „Johans Saloon“ mit dem Publikum diskutieren. Unterwelten und Höllenfahrten Die Bergbaugeschichte der Region inspirierte Johan Simons und sein Team, sich in diesem ersten Jahr der Ruhrtriennale in „Unterwelten“ und auf „Höllenfahrten“ zu begeben. Die Eröffnungspremiere „Accatone“, ein Musiktheater nach Pier Paolo Pasolinis erstem Film, erschließt sogleich einen neuen Spielort: Die Kohlenmischhalle der Zeche Lohberg in Dinslaken spiegelt die Öde der Pasolinischen Wüstenlandschaften und nimmt gleichzeitig die Realität der Industriebrachen des Ruhrgebiets auf. Die Regie übernimmt der Festivalchef selbst, den musikalischen Part (nach Pasolinis Vorbild) mit Musik von Bach der Belgier Philippe Herreweghe mit seinem Weltklasse-Ensemble Johan Simons. Foto: Stephan Glagla/Ruhrtriennale

Collegium Vocale Gent. Simons sieht in Accatone „die Passion eines Taugenichts“ die Fragen nach der Gestalt und dem Wert von Arbeit aufwirft – nicht nur im Ruhrgebiet ein brisantes gesellschaftliches Thema. Ein antiker Unterwelt-Mythos steht mit Monteverdis „Orfeo“ auf dem Programm – in einer musikalischen Version durch das Berliner Solistenensemble Kaleidoskop, das für seine innovativen Konzepte gefeiert wird. Versatzstücke der Partitur werden übereinander oder in minimalen zeitlichen Verschiebungen erklingen, durch Techniken der Collage, des Loopings und Samplings bearbeitet. Die Zuschauer werden vom Regieteam um Susanne Kennedy in Gruppen von maximal acht Personen durch die Stationen von Orpheus’ Abstieg in die Unterwelt geführt. Zwei weitere Musiktheaterproduktionen widmen sich Richard Wagners kapitalismuskritischem „Rheingold“ (in der Regie von Johan Simons und in der musikali-

schen Gestaltung von Teodor Currentzis, seinem außergewöhnlichen Orchester MusicaEterna aus Perm und dem finnischen Techno-Musiker Mika Vainio) und Luigi Nonos „Prometeo“, einem akustischen Labyrinth in der Kraftzentrale Duisburg mit vier Orchestern, Instrumental- und Vokalsolisten. Theater, Tanz und Musik Das Schauspiel kehrt mit drei Weltpremieren zurück. Die Ruhrtriennale theatralisiert drei der größten Romanzyklen der Literaturgeschichte: Regisseur Luc Perceval bearbeitet Émile Zolas „Die Rougon-Macquart“, Ivo van Hove Louis Couperus’ „Die stille Kraft“ und Krzysztof Warlikowski widmet sich Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Ein Mammutprojekt, das sich über alle drei Spielzeiten der Ruhrtriennale spannt. Mit Anna Teresa de Keersmaeker, Meg Stuart, Jan Decorte und Richard Siegal kommen 2015 vier wichtige internationale Choreographen zum Festival und präsen-

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oben: Atelier van Lieshout: Bikini Bar (Teil des Festivaldorfs „The Good, the Bad and the Ugly“) © Atelier van Lieshout unten: Kohlenmischhalle Zeche Lohberg Dinslaken. © Julian Roeder/Ruhrtriennale

von Duisburg-Ruhrort mit dem australisch-schottisch-deutschen Projekt „Nomanslanding“ einen besonderen Begegnungsort: Eine begehbare Installation aus zwei beweglichen Plattformen, die sich über dem Gewässer zu einem Flüsterdom vereinigen.

tieren drei Weltpremieren. Im Musiksektor rücken Pop und elektronische Musik mehr in den Fokus. Zur Eröffnung der Ruhrtriennale wird mit „Ritournelle“ eine lange Nacht der elektronischen Musik zelebriert. Eine klassische Konstante bleiben das Chorwerk Ruhr und die Bochumer Symphoniker mit einem außergewöhnlichen Projekt, das Mozarts Requiem mit zeitgenössischer Musik von György Ligeti und Georg Friedrich Haas konfrontiert. Kunst als Daseinsort In einer Region mit unzähligen ehemaligen Zechensiedlungen entsteht an der Jahrhunderthalle Bochum eine Siedlung ganz anderer Art: das Festivaldorf „The Good, the Bad and the Ugly“. Das Atelier

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van Lieshout übernimmt das Terrain und schafft mit dieser Installation einen lebendigen und aufregend-chaotischen Ort für Künstler, Besucher, Festivalteam und alle Neugierigen. Im Mittelpunkt eines Labyrinths aus Kunstinstallationen befindet sich das „Refectorium“ als Spielort und Bar gleichermaßen, darüber thront der „Domesticator“ als Zeichen menschlicher Macht im positiven und negativen Sinne. In den Datschen des Dorfes werden sich Künstler und Künstlerinnen niederlassen, im Sinne einer fröhlich-kreativen Gemeinschaft, aber auch des Notstandes. Urbane Künste Ruhr unter der künstlerischen Leitung von Katja Aßmann schaffen im ehemaligen Eisenbahnhafen

Nachwuchsförderung Johan Simons und sein Team entwickeln die beispielhafte Nachwuchsarbeit der Ruhrtriennale unter dem neuen Titel „Junge Kollaborationen“ weiter – mit der Campustriennale für Studierende, der Masterclass „Unter Welten“ für drei Theaterkollektive, dem „Ausstellungsstück“ in leerstehenden Ladenlokalen im Ruhrgebiet oder dem Produktionsbüro „Mit Ohne Alles“, in dem ehemalige Kinderjuroren der letzten drei Ruhrtriennale-Jahre jährlich eine eigene Produktion erarbeiten. Das vielfältige Programm ist im Detail auf der Website www.ruhrtriennale.de zu erkunden. Wie bisher bleiben die Eintrittspreise moderat, mit Preisstaffeln ab 20 Euro, den zusätzlichen üblichen Ermäßigungen und einem Frühbucherrabatt von 15% bis Sonntag, 3. Mai. Die Zeichen für ein lebendiges Festival zwischen Spiel und Ernst, bei dem Künstler und Künstlerinnen mit dem Publikum und der Bevölkerung in einen echten Meinungsaustausch treten und sich vielleicht sogar „umschlingen“ können, stehen gut. Elisabeth von Leliwa


Peter Schmersal – Holger Bär Malerei – Ausstellung im Kunstmuseum Solingen bis zum 12. 4. 2015 Nach Doppelausstellungen mit Markus Vater und Hans Schulte und Sonja Alhäuser und Heike Kati Barath verfolgt das Kunstmuseum Solingen das Prinzip, zwei Positionen der zeitgenössischen Kunst gegenüberzustellen weiter und zeigt aktuelle Arbeiten von Holger Bär und Peter Schmersal im Dialog. Beide Künstler stammen aus Wuppertal, kennen sich seit über 30 Jahren und sind überregional bekannt.

Bei der Ausstellungseröffnung am 22. Februar 2015 Foto: Corinna Limbach

Sie vertreten beinahe konträre Bildsprachen in der Malerei. Holger Bärs Arbeit ist konsequent methodisch und folgt logischmathematisch orientierten Konzepten, während bei Peter Schmersal der schnelle, spontane, dynamische Malgestus vorrangig bei der Bildfindung ist. Durchdacht sind beide Positionen der zeitgenössischen Malerei und es gibt auch Gemeinsamkeiten, wie das Motiv des Menschen, das seit Jahrzehnten bei beiden grundlegendes Thema ist. In der Verschiedenheit liegt die Spannung dieser parallelen Schau, die zeigt, dass ein vielfach prophezeites Ende der Malerei nicht in Sicht ist – im Gegenteil. Holger Bär nutzt seit Mitte der 80er Jahre Computer, um seine legendären Malmaschinen zu entwickeln. Ein Atelierbesuch bei ihm in der Wuppertaler Wiesenstraße erinnert an industrielle Fabrikatmosphäre. Die Malmaschinen rattern und führen aus, was der Künstler programmiert hat. Dabei können durchaus mehrere Bilder gleichzeitig entstehen. Punkt für Punkt setzen Düsen die Farben nebeneinander und erinnern damit einerseits an die Bildauffassung des

Pointillismus, verweisen aber zugleich auf die Rastergrafik und Pixel, die der digitalen Fotografie zu Grunde liegen. Pointillisten wie Georges Seurat oder Paul Signac lösten sich von der realistischen Momentaufnahme und schufen streng geometrisch angelegte, durchdachte Kompositionen. Der Einsatz von reiner Farbe und Simultankontrasten sorgte für Leuchtkraft. Holger Bär bezeichnet sich selbst als „Neo-Pointillist“ und bezieht sich bewusst auf die Farbtheorien der französischen Vorfahren. Der Künstler schreibt Computerprogramme, ordnet Zahlen bestimmte Farbwerte zu und schreibt methodisch angelegte Codierungen, die schlussendlich die Ausführung des Bildes bestimmen. Dabei unterwirft er sich selbst einer vorgegebenen Ordnung und stellt seine subjektiven Empfindungen vollkommen zurück. Die Bildreihen in Solingen orientieren sich nicht nur an Zeitungsabbildungen, sondern auch an Zahlensystemen. Die bildlichen Darstellungen von Zahlenreihen, wie Lottozahlen, Telefonnummern oder Primzahlen, ergeben abstrakte Farbreihen. Die Farbfolgen können einem

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logischen Prinzip folgen, wie die Primzahlen. Die Reihenfolge der Ziffern kann aber auch, wie bei Lottozahlen, dem Zufallsprinzip unterliegen. Entsprechend rhythmisch oder unregelmäßig ist die aneinandergereihte Wiederholung der Farbwerte. Das Zahlenwerk des Geschäftsberichtes der Firma Dürr unterliegt wirtschaftlichen Tendenzen, unterschiedlichen Auftragsbedingen und spiegelt gesellschaftliche Krisen wider. Für die Wahrnehmung des Betrachters spielen diese konkreten Hintergründe keine Rolle. Eine umgekehrte Zuordnung der Farbpunkte in Ziffern wäre zwar möglich, aber sinnlos und wenig erstrebenswert. Ein Abbild realer Zahlen ist vergleichsweise langweilig. Der Betrachter sieht ein abstraktes Bild, das aus mehreren Millionen Punkten besteht. Die Zufallszahlen ergeben unsortierte Farbreihen, die mathematischen linke Seite:©Peter Schmersal, La Duquesa de Alba und ich, 2014, Öl / LW unten: ©Holger Bär, Atlas im CERN, 200 x 300 cm, Acryl, 2015

Reihen zeigen periodische Wiederholungen. Das Bild ist als Kunstwerk autonom und hat sich von seinen systematischen Entstehungsprinzipien befreit. Holger Bär hinterfragt mit seinen malenden Maschinen grundlegende Aspekte der Kunstproduktion. Er stellt aber auch die Rolle des Künstlers, die Frage nach dem Original und der Reproduzierbarkeit des Kunstwerkes zur Diskussion, denn die Maschinen könnten einen Auftrag mehrfach und wesentlich schneller ausführen, als der Künstler selbst. Peter Schmersals Bilder sind ohne Zweifel Unikate, geprägt vom schnellen Malgestus, von Dynamik und kraftvoller Aktion und auch vom Künstler selbst nur bedingt planbar. Obwohl dieser, nach vielen Jahrzehnten der Praxis, selbstverständlich auch im spontanen Agieren eine gewisse Routine auf der Leinwand entwickelt hat. Peter Schmersal beschränkt sich auf wenige traditionelle Motive: Portraits, Landschaften, Blumen, Stillleben. Die Technik hingegen entwickelt sich währenddessen kontinuierlich weiter und die Erfahrung in der

Anschauung und der Darstellung verändert sich stetig: Die Objekte werden umkreist, ihre äußere Erscheinung, aber auch ihre innere Ausstrahlung erforscht. Das Ergebnis dieser genauen Beobachtung und Auseinandersetzung wird auf der Leinwand sichtbar und ist stets pointiert und akzentuiert. Zentrales Thema ist immer wieder der Mensch: Portraits, Doppelportraits, Selbstportraits durchziehen das gesamte Werk. Die Protagonisten stehen oder schweben zuweilen vor monochromen, abstrakten Bildbühnen. Die Spur des Pinsels offenbart die Handschrift eines leidenschaftlichen Malers. Ganz traditionell steht oder sitzt das Modell dem Maler im Atelier gegenüber. Der Kunsthistoriker Raimund Stecker hat diese Rolle einmal übernommen und über eine Portraitsitzung bei Peter Schmersal geschrieben: „Duktus für Duktus wurde so ein Bild“. Stecker verglich den Pinsel des Künstlers mit dem Florett eines Fechters, der Künstler sei stets in Fechterpose. La touche bezeichnet in der französischen Sprache den erfolgreichen Angriff des Fechters. Der Begriff steht ebenso für den Pinselstrich

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©Holger Bär, black swan, 110 x 200 cm, Acryl, 2015

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des Künstlers. Fechter agieren schnell, aber niemals kopflos. Das trifft auch auf Peter Schmersal zu. Jemand der so scharf und präzise denkt wie er, wird nicht vollkommen unüberlegt auf der Leinwand herumfuchteln. Den Menschen Peter Schmersal zeichnet eine auffal-

lende Exaktheit und Genauigkeit im Denken aus. Auch in der Sprache Peter Schmersals ist jeder Satz genau überlegt und perfekt formuliert. Diesen sympathischen Hang zur Akkuratesse wird auch der Maler nicht ganz ablegen können.


Die akribische Beobachtung der Dinge, aber auch das intensive Erspüren des Menschen gegenüber trifft bei Peter Schmersal mit emotionaler Direktheit und intuitiver Aktion zusammen. Max Christian Graeff, auch ein Portraitierter, hat über eine Sitzung im Atelier geschrieben:

„Jetzt fährt er mir mit dem Pinsel ins Ohr, prügelt Rot hinein in den armen, alten Knorpel, ungewaschen heute morgen, eine Absicht, die der Feldherr wohl zu schätzen weiß. Mit zwei, drei heftigen Streichen, einem zögernden Glätten und einem unnötigen, so absichtlichen wie unnötigem

Tupfer Umbra mitten hinein wird aus dem Klumpen Hackfleisch auf der Leinwand tatsächlich ein Ohr. Mein Ohr !“ Max Christian Graeff, 1999 Peter Schmersal hat alle Bildmotive unmittelbar und physisch vor sich: Entweder direkt vor Ort in der Landschaft Branden-

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burgs oder im Kreuzberger Atelier, bei den Selbstportraits sieht er sich im Spiegel, bekannte Ikonen der Kunstgeschichte liegen als Abbildung vor ihm: Wie die Herzogin von Alba, im Original von Goya, oder der Kartäuser Mönch, ursprünglich ein Portrait des Van Eyck Schülers Petrus Christus aus dem Jahr 1446. Der Künstler setzt sich intensiv mit diesen Gemälden auseinander und sieht die Vorlagen dabei nicht nur als historisches Zeugnis. Er erlebt die Bilder intensiv als Teil der Gegenwart und transferiert sie in seine Bildsprache. Dem Betrachter treten Herzogin und Kartäusermensch auf Augenhöhe und im Hier und Jetzt gegenüber. Neben dem Farbauftrag gehört auch das experimentelle Entfernen der Ölfarbe zum Foto oben: Corinna Limbach ©Peter Schmersal, Soutine und ich, 2014, Öl auf Leinwand

Entstehungsprozess. Der Künstler wischt die satt und pastos aufgetragene Ölfarbe mit einem Tuch teilweise wieder aus. Die den Bildern übliche starke physische Gegenwart der Figuren wird damit ins Gegenteil verkehrt. Diese Bilder erinnern an Negativabbildungen wie wir sie, von früher, aus der analogen Fotografie kennen. Diese Figuren scheinen sich in einem geheimnisvollen Schwebezustand zwischen Sein und Nichtsein, Präsenz und Nicht-Präsenz zu befinden. „Soutine und ich“ zeigt den Künstler fast plastisch, die Materialität der Farbe unterstreicht die Konturen des Körpers. Chaim Soutine, den Schmersal sehr schätzt und der ihm bis heute Vorbild ist, erscheint links daneben nur als äußere Kontur mit weißer Linie, wie ein ephemeres geistiges Gegenüber. Beide suchen den Blickkontakt zum Betrachter und erzeugen einen Bildraum, der jeder Zeit enthoben scheint.

Peter Schmersals Bildwelten sind unerschöpflich und vielschichtig, radikal und doch sensibel, emotional und trotzdem sachlich, spontan und dennoch mit kalkuliert, figurativ und zugleich abstrakt. Der kraftvolle Akt des Malens ist auf der Leinwand sichtbar und spürbar. Sie zeigen nicht nur die traditionellen Genres, sie stellen auch die Malerei als Malerei in den Fokus und sind lebendiger Beweis für den Fortbestand einer Malerei, die sich immer wieder neu erfindet. Gisela Elbracht-Iglhaut Auszug aus der Eröffnungsrede am 22. Februar 2015 Kunstmuseum Solingen gGmbH Wuppertaler Str. 160, 42653 Solingen, Telefon: 0212-2581410 www.kunstmuseum-solingen.de

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…der Mensch, hilfreich und gut Volunteers im Leo Baeck Institut „Sie sollten am besten Dienstags kommen“, war die Antwort von Renate Evers, der Bibliothekarin des Leo Baeck Instituts, auf die Frage nach einem geeigneten Besuchstermin. „Dienstags kann ich Ihnen ein paar von unseren Volunteers vorstellen, die uns wertvolle Hilfe leisten. Das wird Ihnen sicherlich einen umfassenden Eindruck von dem geben, für was das Institut steht und was es macht.“

Das Center for Jewish History auf der 16. Straße zwischen fünfter und sechster Avenue

Das Institut Als ein Gründungspfeiler des Centers for Jewish History steht das Leo Baeck Institut (LBI) auf der 16. Straße zwischen Fifth und Sixth Avenue. 1955 durch jüdische Intellektuelle in New York gegründet, darunter Hannah Arendt und Martin Buber, und nach Rabbi Leo Baeck benannt, dem letzten Präsidenten der Reichsvertretung der Deutschen Juden, ist das LBI eine der weltweit wichtigsten Einrichtungen zur Geschichte und Kultur deutschsprachiger Juden. Hauptzweck war bei der Gründung des LBI zunächst, eine abschließende Geschichte des deutschen Judentums zu schreiben. Sie ist in vier Bänden als „German Jewish History in Modern Times, 1600-1945” entstanden, die als „Deutsch-Jüdische Geschichte in der Neuzeit” in deutscher Fassung und mittlerweile auch in Kurzform vorliegt. Zu dieser Mission hinzugekommen, von wachsender Bedeutung und mittlerweile Herzstück des LBI, ist das sich aus Nachlässen und Ankäufen speisende Archiv, dessen Bestände seit einigen Jahren auch sukzessive digitalisiert und für die For-

schung verfügbar gemacht werden. Unter der Leitung seines Direktors, Dr. William Weitzer, konzentriert sich die Sammlung des LBI auf Schriften und Veröffentlichungen, die sonst keiner hat. Besonders stark ist dabei das Archiv des LBI nach Auskunft von Renate Evers (R. E.) im Bereich der sogenannten „Grauen Literatur”, also Veröffentlichungen im Umkreis der Wissenschaft des Judentums im 19. Jahrhundert: „Die ganze Bewegung, das Judentum mit wissenschaftlichen Mitteln zu untersuchen, kam im 19. Jahrhundert aus den Reihen der Juden, die keinen Platz dafür an den Universitäten gefunden haben und sich darum ihre eigenen Institutionen so langsam aufgebaut haben. Das war am Anfang eher so ein reger Austausch von Wissenschaftlern, die sich dann gegenseitig ihre Kleinstpublikationen zugeschickt haben, von kleinen und kleinsten Verlagen.” Die seien damals von keiner „anständigen” Bibliothek gesammelt worden. Als eine Art Vorläufer moderner Jewish Studies wären so ab den 1850er Jahren und vermutlich zuerst in Breslau verschiedene jüdische Seminare entstanden, die dann

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Dr. William Weitzer, Direktor des Instituts

Vernon Mosheim bei der Arbeit

Volunteer Chaim Steinberger

auch so langsam ihre Seminarbibliotheken aufgebaut hätten. „Die sind dann von den Nazis in alle Winde zerstreut worden und darum gibt es in deutschen Bibliotheken diese Art von Literatur in der Form nicht, außer vielleicht in der Judaica-Sammlung in Frankfurt.” Diese Bibliothekssamlung sei von der jüdischen Gemeinde in Frankfurt auch als Ausdruck von Stolz und Selbstbewusstsein aufgebaut worden. Sie wurde später der Stadtbibliothek angegliedert und dann irgendwann Teil der Uni-Bibliothek. So habe sie den Nationalsozialismus überdauern können. „Dann ist aber eben festgestellt worden, dass es Lücken gibt. Bestimmte Gruppen von Signaturen sind bei den Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg zerstört worden, Teile der Bestände sind verloren gegangen, und da haben wir festgestellt, dass wir halt einen großen Teil davon haben. Das ist aber auch kein Wunder, weil unsere Bibliothek 1955 entstanden ist und zwar hauptsächlich aus den Nachlässen von Emigranten und es waren oft eben auch Wissenschaftler unter ihnen und daraus hat sich so langsam der Bestand aufgebaut.” In den 1950er und 1960er Jahren habe es zahlreiche Ankäufe gegeben. Die Zugangsbücher dieser Zeit zeigten, wo was gekauft wurde. Teilweise kämen diese Zukäufe aus Buchhandlungen in den Niederlanden und in Deutschland, wo man in den 50er Jahren eher mit dem Wiederaufbau beschäftigt gewesen sei und nicht so daran dachte, jüdische Bibliotheken zu rekonstruieren. Gerne erzählt Frau Evers diese Anekdote: „Am Anfang war die Sammlung für ein paar Jahre am Broadway untergebracht; Leonard Bernstein hatte im

Apartment darüber gewohnt und irgendwann wurde der Schrank, in dem Lenny seine Oberhemden aufbewahrte, mit seinen Schubladen Teil des Archivs.” Neben der mittlerweile nicht mehr ganz so schnell wachsenden Sammlung ist sie als Bibliothekarin des LBI natürlich auch für die Bibliothek verantwortlich, die im Durchschnitt um 1.000 Publikationen pro Jahr wächst, hauptsächlich Memoiren, Chroniken von Orten und Gemeinden, genealogische Forschung und wissenschaftliche Arbeiten. Seit einigen Jahren hilft ihr die pensionierte Bibliothekarin Margot Karp bei der Durchsicht der Neuerscheinungen und der Zusammenstellung der jährlichen Ankaufslisten.

dort 1878 geboren, und seine drei Töchter – darunter ich – in den 1920ern. Viele aus der Gemeinde hatten bereits vor der sogenannten „Reichskristallnacht”, also der Reichspogromnacht, im November 1938 das Land verlassen gehabt, doch mein Vater war einer der wenigen, die nicht an eine Emigration denken mochten, obwohl wir zunehmend in Angst lebten. Nach 1936 durften ja jüdische Kinder nicht mehr in die Schule gehen. Ich war da als Tochter eines Frontsoldaten eine Ausnahme, doch nach den Novemberpogromen konnte auch ich nicht mehr auf der Realschule bleiben. Bis wir dann ausreisten, besuchte ich eine winzige Schule mit einem Lehrer, die von der jüdischen Gemeinde gegründet worden war. In unserer Familie waren wir also nicht wirklich darauf vorbereitet, das Land zu verlassen und als wir es schließlich verließen, hatten wir gerade zehn Mark in der Tasche. Wir waren nicht mittellos, doch unsere Bankguthaben waren von den Behörden eingefroren und Schmuck durften wir auch nicht mitnehmen.” Margot Karp blickt auf eine mehr als dreißigjährige Karriere als Bibliothekarin am Pratt Institute zurück, einer Hochschule für Kunst, Design und Architektur in Brooklyn. Ihr Interesse an der am LBI in Mikroverfilmung vorhandenen Zeitschrift „Der Aufbau”, dem wohl wichtigsten Organ von in die USA geflohenen, deutschsprachigen Juden, brachte sie in Kontakt mit Renate Evers, die sie wiederum davon überzeugte, einmal in der Woche die Fluten von Neuerscheinungen zu überblicken und Empfehlungen für die Anschaffung zu machen. „Weil es ja mittlerweile unmög-

Die Bibliothekarin Margot Karp: „Ich war bereits alt genug, um sehr früh schon die Veränderungen nach 1933 mitzubekommen, etwa, dass ich rasch alle meine nicht-jüdischen Freunde verlor. Wir haben Deutschland aber erst 1939 verlassen, denn mein Vater war ein sehr, sehr guter Deutscher, ein Frontsoldat im Ersten Weltkrieg, und er konnte nicht glauben, was sich vor seinen Augen abspielte. Wir lebten damals in einer kleinen jüdischen Gemeinde in Göppingen, die auf eine Ansiedlung sogenannter Schutzjuden im mittlerweile nach Göttingen eingemeindeten Ort Jebenhausen im Jahr 1780 zurückgeht. Als sich die Ansiedlungs- und Geschäftsbedingungen für Juden Mitte des 19. Jahhunderts zu lockern begannen, zogen die allermeisten nach Göppingen, wo auch mein Großvater ein großes Geschäftsund Familienhaus erwarb. Mein Vater ist


lich geworden ist, zum Beispiel alles zu Kafka zu erfassen, und weil das ja auch von anderen Bibliotheken gesammelt wird”, so beschreibt sie ihren Fokus, „müssen wir uns hier auf die wenigen Dinge konzentrieren, die woanders mit einiger Sicherheit nicht gesammelt werden.” Renate Evers erspare das wohl eine Menge Zeit, mache aber für sich genommen auch viel Spaß. „Auf diese Weise lese ich zum Beispiel regelmäßig die Jüdische Allgemeine (Kennen Sie die? Wenn nicht, sollten Sie mal reinschauen). Das ist eine relativ neue, in Frankfurt erscheinende und wunderbare Wochenzeitung, die mich über junge, jüdische Kultur in Deutschland auf dem Laufenden hält. Das und die vielen jungen Deutschen, die ich hier im LBI treffe, haben mein Leben nach all den Erfahrungen auch wieder verändert.” Das LBI verweist auf zwei Veröffentlichungen zur Geschichte der jüdischen Gemeinden in Jebenhausen und Göppingen: Geschichte der Juden in Göppingen http://www.alemannia-judaica.de/goeppingen_synagoge.htm Geschichte der Juden in Jebenhausen Stefan Rohrbacher, Bilder und Dokumente zur Geschichte der Juden in Jebenhausen, zusammengestellt von Stefan Rohrbacher. Jebenhausen; Berlin,1987. LBI Archives http://digital.cjh.org/R/?func=dbin-jumpfull&object_id=1633032 Der Übersetzer Am Schreibtisch neben Margot Karp sitzt Vernon Mosheim. Er kam drei Tage vor seinem zehnten Geburtstag, im April 1938 aus Eldagsen bei Hannover in die USA: „Der Bruder meines Vaters war schon vor dem Ersten Weltkrieg nach Amerika ausgewandert und hatte meinem Vater immer geschrieben, dass er rüber kommen solle. Mein Vater ging dann aber erst in den späten 1930ern zuerst in die USA, um Fuß zu fassen. Meine Mutter, meine Schwester und ich sind dann später nachgekommen. Ich hatte bis zum Schluss nicht-jüdische Freunde und ich weiß noch, wie wir uns verabschiedet haben. Da kamen verschiedene Familien zu uns, mein oben: Ein Blick ins Archiv Mitte: Literaturrecherche unten: Ein Tagebuch aus dem Ersten Weltkrieg unter der Lupe

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Vater war schon weg, meine Mutter war noch da, und die Damen sagten: ‚Ach Frau Mosheim, Sie sind innerhalb der nächsten sechs Monate wieder zurück. Das ist hier nur ein Übergang und es wird nicht länger dauern.‘ Aber so ist es nicht gekommen.” Ein Bekannter, der aus dem selben Ort in Deutschland stamme wie er, sei im Vorstand des LBI und habe ihm vor drei, vier Jahren den Weg zum Center of Jewish History und dem LBI gewiesen. Seither komme er jede Woche Dienstags und kümmere sich vor allem um Übersetzungen von Briefen und Tagebüchern. Sehr gelegen komme ihm dabei zum einen, dass er in der Schule noch Sütterlin gelernt habe. Zum anderen sei die Familie auf der mütterlichen Seite nach Brasilien gegangen. Das hatte Folgen: „Ich musste an meine Großmutter und die Schwestern meiner Mutter immer auf Deutsch schreiben. Zuerst musste ich die Briefe in eine Kladde schreiben und dann hat entweder mein Vater oder meine Mutter Korrektur gelesen und dann musste ich sie unter Umständen wieder neu schreiben, oft zwei- dreimal, bis es mir zum Halse raus hing. Ich habe zwar keine formelle deutsche Grundschule mitgemacht, das habe ich alles von meinen Eltern gelernt und vor allem, weil ich immer diese Briefe schreiben musste.” Derzeit übersetzt er das Tagebuch eines österreichischen Offiziers aus dem Ersten Weltkrieg, in Sütterlin und aus Papiermangel oder vielleicht Geiz so klein ge-

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schrieben, dass Vernon Mosheim deutlich häufiger das Vergrößerungsglaß konsultieren muss als das Wörterbuch, trotz der eigenwilligen Fachsprache eines Militärs. Zu den Highlights seiner Dienstage zählt Vernon Mosheim die Übersetzung von Briefen einer österreichischen Familie, deren Kinder mit dem Kindertransport nach England geschickt worden waren und die selbst vergeblich zu emigrieren versucht hatten, aber umgekommen waren. „Was mich neben dem Schicksal der Eltern am meisten berührt hat, waren diese englischen Familien, die die jüdischen Kinder wie ihre eigenen aufgezogen haben. Das lebt so richtig in den Briefen wieder auf und da ist man mittendrin, selbst wenn das 60 oder 70 Jahre her ist.” Mit der Tochter einer dieser Kinder sei er mittlerweile in Kontakt und sie schicke ihm noch weiteres Material, das sie selber nicht lesen könne. Er habe dadurch eine mittlerweile fast schon vertraute Beziehung zu dieser Familie entwickelt. Der Detektiv Noch ein paar Schritte weiter sitzt Chaim Steinberger. Er ist so was wie der Detektiv im LBI, der Mann, auf dessen Tisch archivierte Materialien landen, die sonst keiner mehr zuordnen kann, wie etwa ein Buch, das 1648 in Amsterdam in kleinster Auflage in hebräischer Sprache gedruckt wurde. Chaim Steinberger liest sehr gut hebräisch, hat einige Jahre in Israel gelebt und teilt als Ehemann der Bibliothekarin des Jewish

links: Margot Karp beim Lesen der Jüdischen Allgemeinen Mitte: Ein in Süterlin geschriebener Texte wird analysiert rechts. Chaim Steinberger bei seiner Detektivarbeit Theological Seminary of America in der Upper West Side ihre Leidenschaft für seltene Drucke und Handschriften aus dem weiten Feld jüdischen Glaubens und Kultur. Sie kommen in Nachlässen von ebenfalls an solchen Rara interessierten Menschen in das Archiv des LBI und warten dann auf Entdeckung, etwa durch Chaim Steinberger. Seine Frau war es auch, deren Bekanntschaft mit Renate Evers ihn während einer anderen Tätigkeit als Volunteer bei der American Jewish Historical Society ein Stockwerk über dem LBI auf dessen zum Teil noch ungehobenen Schätze aufmerksam gemacht hat. Seither kommt er einmal in der Woche hierher und versucht, Kontexte von Drucken und Handschriften aufzuhellen. Dem Druck von 1648 ist er auf der Spur, er kann bereits einige Seiten zuordnen, doch fehlt ihm noch ein plausibler Gesamtzusammenhang. Viele, wenn nicht die allermeisten der Texte auf seinem Schreibtisch gehören in den Kontext von Gottesdiensten, sind Anleitungs- und Übevorschriften für das Lesen und Schreiben der heiligen Texte, oder Bestimmungen zur Mikwe, dem rituellen Bad. Während sich letzteres ohne weiteres erschließt, brau-


chen die „Fibeln” eine etwas umfangreichere Erläuterung, weshalb Chaim Steinberger zu einem anderen Druck greift, erschienen 1900 in Rödelheim bei Frankfurt. Ein typisches Buch für Leser und Kopisten der heiligen Schriften, denn irgendjemand müsse die Rollen ja schreiben. Es enthalte die fünf Bücher Mose, das Buch Esther, Vorschriften und Leitlinien für die Kopisten und für die Leser an Samstagen und anderen Tagen. Das Besondere an solchen Schriften sei, dass auf der einen Seite der Text so erscheine wie in den Thorah-Rollen, also ohne jegliche Vokalisationszeichen und Interpunktionen, wohingegen die andere Seite einige von den Hinweisen enthalte, ohne die der Leser gar nicht wüsste, wie die im Text lesbaren Konsonanten vokalisiert werden müssen und wo Worte und Sätze endeten. Wenn man also im Gottesdienst Samstags zum Beispiel an sechster Stelle von sieben Lesern aus der Thorah vortragen solle, dann empfehle sich vorher ein wenig Übung. Vorschriften für solche Übungen seien in der Thorah selber nicht enthalten. Ähnliches gelte für die Tätigkeit der Kopisten, denn nur der richtig geschriebene Buchstabe, das richtig geschriebene Wort, sei das Wort Gottes. Margot Karp und Vernon Mosheim im Gespräch Was verbindet Sie heute mit Deutschland? Margot Karp: „Ich habe familiäre Verbindungen nach Deutschland und bin mehrmals dort gewesen, 1999 und 2000. Es war wunderbar, ein völlig anderes Land, links: Vernon Mosheim Mitte: Wohl dem, der lesen kann rechts: Margot Karp

nichts was mich an die dunkle Vergangenheit erinnert hätte. Außer vielleicht das eine Mal. Ich war mit meiner Schwester in Berlin mit dem Bus unterwegs, als sich zwei Riesen vor uns aufbauten und nach unseren Fahrscheinen fragten. Sie trugen zwar keine Uniformen, benahmen sich aber, als hätten sie welche an. Die Fahrscheine konnten wir natürlich in unserer Nervosität nicht gleich finden und dann standen wir auch schon draußen auf der Straße und durchsuchten mit schlotternden Knien unsere Taschen, bis wir diese dummen Fahrscheine endlich gefunden hatten. Stellt man solche Leute in Deutschland immer noch nach dem Kriterium ein, dass sie besonders einschüchternd sind?“ Vernon Mosheim: „Ich war 1994 das erste Mal wieder in Deutschland. Da habe ich gesehen, dass es ein ganz anderes, neues Deutschland gibt. Das hätte ich so nicht erwartet. Bei meiner Arbeit in der Werbeagentur hatte ich viele Kunden aus der Tourismusbranche etwa in Japan, Lateinamerika und auch hinter dem Eisernen Vorhang, in Polen oder der UdSSR, aber mit Deutschland selbst hatte ich lange nichts zu tun. Ich hatte so eine Art von Erleuchtung, als ich in Deutschland an einer Straßenecke stand und wohl keinen sah, der zu meiner Kindheit schon geboren gewesen wäre. Seither sehe ich Deutschland wohl mit etwas anderen Augen. Deutsche Traditionen, deutsche Identität? Vernon Mosheim: „Für meine Eltern war es zunächst einmal wichtig, hier ein Bein auf den Boden zu bekommen. Vor allem für meinen Vater, ein Bankier und ein angesehener Herr in der Gemeinde, wo wir

gewohnt haben. Hier in den USA hatte keiner auf ihn gewartet und er musste sich mit in seinen Augen wirklich niedrigsten Arbeiten durchschlagen. Er arbeitete eine Zeit lang in einem billigen Kaufhaus am Union Square und musste die Kleidung wieder ordentlich auf Bügel hängen, die Kunden achtlos auf den Boden warfen. Das war sicherlich kein Spaß für ihn, aber nach einigen Jahren und Lernen der Sprache fand er dann wieder zurück in seinen Beruf und auch in den American Way of Life. Bis dahin war vor allem meine bereits englisch sprechende Mutter die Ernährerin der Familie. Margot Karp: „New York ist ein Schmelztiegel. Ab dem Jahr unserer Ankunft ging ich auf die George Washington High School in Manhattan, auf dieselbe Schule, auf die auch Heinz Alfred Kissinger ging – eine Klasse über mir. Dort gab es, wie in jeder ordentlichen amerikanischen Schule, das Yearbook mit vielen Auszeichnungen, aber wir merkten schon, das wir nicht ganz so willkommen waren, denn uns war eine Rubrik auf der Rückseite des Yearbook vorbehalten. Die Schule hatte zu dieser Zeit mit einer Menge von Neuankömmlingen klar zu kommen. Sie verstehen vielleicht, warum wir diese Grenze so schnell wie möglich überwinden wollten.“ Vernon Mosheim: „Das Wichtige war für uns, so schnell und so gründlich wie möglich Amerikaner zu werden. Unsere Eltern hatten wohl deutsche Freunde und Bekannte, aber wir hatten nur amerikanische Freunde. Ich glaube, ich bin bestimmt schon Anfang zwanzig gewesen, als ich die ersten Leute mit deutschem Hintergrund kennenlernte, Ausnahme natürlich Leute

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Gesetzessammlung aus der Stadt Nürnberg mit handschriftlichen Anmerkungen aus meinem Heimatort. Margot Karp: „Wir hatten so dreimal im Jahr einen Göppinger Abend in den Räumen einer Synagoge. Der drehte sich um den sozialen Zusammenhalt und es ging manchmal auch um kulturelle Dinge. Daraus erwuchsen eigentlich kaum Aktivitäten für die Jugendlichen, es war eher was für die Generation unserer Eltern, die sich über Nachrichten austauschten, über die Schwierigkeiten in einem noch fremden Land sein Leben zu bestreiten. In meinem Umkreis war für jeden das Leben eine große praktische Herausforderung und jeder sah zu, wie er klar kam und schloss neue Freundschaften. Rara der Sammlung In den Magazinen des LBI lagern unter regulierten Temperaturen und Luftfeuchtigkeiten, unter besonderen Lichtverhältnissen, mit der Archivkunst entsprechend säurefreien Aufbewahrungsmaterialien, also unter erheblichem Aufwand Bestände, die zum Teil einzigartig sind, wie etwa die Promotion von Dr. Alfred Levinsons zum Oberarzt durch Wilhelm II, der Teil des Rara-Bestands eines großen Familien-Nachlasses im LBI ist. In solchen Familien-Nachlässen finden sich oft auch Gesetzessammlungen wie etwa eine Inkunabel von 1484, also aus der Frühzeit des Buchdrucks, mit Bestimmungen der Stadt Nürnberg, wie Juden in Rechtsstrei-

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tigkeiten mit Nichtjuden einen Eid und auf was sie den Eid ablegen sollen (derartige Bestimmungen sind im deutschsprachigen Raum seit dem 12. Jh. nachgewiesen und dauerten bis ins 19. Jh.). Zu dem Text hat dann jemand später einen Kommentar an den Rand geschrieben. Dazu Renate Evers: „Sie können sich vorstellen, dass wir viele von solchen Gesetzessammlungen haben. So etwas wurde gerne gesammelt, weil es ein Schlaglicht auf die Besonderheiten jüdischen Lebens im deutschsprachigen Raum wirft.” Mit Erscheinungsjahr 1511, nur ein wenig jünger ist der „Augenspiegel”, das juristische Gutachten von Johannes Reuchlin zur Frage, ob jüdische Bücher verbrannt werden sollen oder nicht? Ein Gelehrtenstreit des frühen 16. Jahrhunderts, ausgetragen in Pamphleten und ein Streit, der 1508 seinen Ausgang in dem in Köln erschienenen „Judenspiegel“ hatte. Darin forderte Johannes Pfefferkorn, alle jüdischen Schriften einzuziehen und zu verbrennen, da sie der Bekehrung der Juden zum Christentum im Wege stünden. Renate Evers erläutert: „Kaiser Maximilian I. hat zur Frage dann eine Expertenkommission einberufen, das ist ganz so wie heute, und hat Gutachten von verschiedenen theologischen Fakultäten angefordert. Reuchlin war einer der ersten Wissenschaftler im modernen Sinn, einer, der die Sprachen der Bibel beherrscht hat. Er ist als einziger zu dem Schluss gekom-

men, man solle die Schriften nicht verbrennen, und er nannte zwei Gründe. Zum einen seien Juden unmittelbare Untertanen des Kaisers, folglich jüdische Schriften kaiserliches Eigentum und somit nicht ohne weiteres zu verbrennen. Zum anderen – und dies ist ein wichtiger Gedanke in der Tradition des aufkommenden Humanismus – verbrennt man nicht, was man nicht kennt, sondern schaut sich das erst einmal an, zumal auch die christliche Bibel auf den jüdischen Texten beruht. Damit sprach Reuchlin ein grundlegendes Problem an, nämlich die Tradition kirchlicher Texte, die mehr oder weniger alle auf einer Bibel-Übersetzung aus dem 4. Jahrhundert beruhen, der Vulgata des Hieronymus. Nun waren über die Jahrhunderte gelegentlich auch mal Zweifel an den Hebräisch- bzw. Aramäisch-Kenntnissen von Hieronymus und spätestens mit der Renaissance auch die Forderung nach einem zurück-zu-denQuellen laut geworden. In diesem Sinne fordert der Augenspiegel so etwas wie Quellenforschung. Das ist auch aufmerksam von Luther und anderen Reformatoren beobachtet worden, wie überhaupt diese Diskussion sehr weite Kreise gezogen hat, bis hin zum Papst und zum französischen König.” Der Augenspiegel ist das wichtigste Dokument in dieser etwa 20 Jahre dauernden und in ein paar Dutzend Pamphleten ausgetragenen Diskussion. Das Exemplar war Teil der Sammlung eines Rechtsanwalts, der sich nach seiner Pensionierung dem Thema gewidmet und auch die Mittel hatte, solche Schriften im Original zu kaufen: „Es ist eine abgerundete Sammlung von etwa 80 Büchern, die mit dieser Debatte etwas zu tun hatten oder aus dem Umfeld stammen. Das war sehr schön, so etwas übernehmen zu dürfen.“ Zum Abschluss präsentiert Renate Evers dann noch das Gästebuch aus dem Sommer-Haus von Albert Einstein in Caputh bei Berlin: „Er hat also jeden gebeten, sich dort mit einem Gedicht zu verewigen. Der erste, der es versucht, ist Max von der Laue. Das hört dann 1932 bereits nach sechs Seiten auf, nachdem Einstein von einer Reise nach Princeton nicht wieder nach Deutschland zurückkehrt. Der Rest sind darum weiße Seiten.” Stefan Altevogt Fotos: Karl-Heinz Krauskopf


Kunst trifft Rat & Tat Es ist ein Montagmorgen im Februar, 8 Uhr. Die Temperaturen draußen liegen knapp über dem Gefrierpunkt, die Sonne scheint vorsichtig, aber bestimmt, der Himmel ist strahlend blau. So kann eine Woche doch ruhig beginnen.

In einem Café in Unterbarmen richtet ein noch schläfriger Künstler seinen Arbeitsplatz ein: Krysztof Juretko. Er ist der erste von zwölf Künstlern, die sich auf ein Experiment eingelassen haben. Für jeweils einen Tag arbeiten sie an einem für sie ungewohnten Ort. Direkt an der Wupper, zwischen der Junior Uni und der Gesamtschule Barmen, liegt das Café Rat & Tat: ein Treffpunkt für Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind, die Vereinsamung erfahren haben und die Rat suchen. Dort werden Getränke und Speisen zu sehr fairen Preisen angeboten, es besteht die Möglichkeit, seine Wäsche zu waschen oder sich im Rahmen eines Projektes des Jobcenters Wuppertal aktiv an der Arbeit zu beteiligen. Oder wie es offiziell heißt: RAT & TAT ist eine Einrichtung der beruflichen und sozialen Integration für langzeitarbeitslose Menschen. Sie wird vom Jobcenter Wuppertal gefördert und ist als Einrichtung der Gefährdetenhilfe Wuppertal e.V., Teil des Diakonischen

Werkes und der Evangelischen Kirche im Rheinland. Seit Mitte Februar ist drei Monate lang an jedem Montag das Rat & Tat auch Gastgeber für einen Wuppertaler Künstler. Besucher und Mitarbeitende können im offenen Atelier zuschauen, Fragen stellen, sich an die Kunst herantasten, bekommen Kontakt zu Künstlern und unterschiedlichen Kunstformen. So kann sich jeder mit Themen und Ausdrucksformen auseinandersetzen, die gewöhnlich im Alltag wenig präsent sind. An jedem Montag wird vor Ort ein Kunstwerk entstehen und gleichzeitig auch Kunstwerke der Künstler eine Woche lang zu sehen sein. Sechs Stunden im Café, die teilnehmende n Künstler waren bisher Krzysztof Juretko, Bodo Berheide, Christian Ischebeck, Georg Janthur, Peter Klassen, Gregor Eisenmann, Renate Löbbecke. Im April geht es weiter mit Peter Caspary am 13. April, Holger Bär am 20. April, Jürgen Grölle am 27. April, Regina Fried-

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rich-Körner am 4. Mai und zum Abschluss Andreas Steffens am 11. Mai. Dr. Andreas Steffens hat und wird sich zu dieser Aktion und zur Problematik von Kunst und Geld sowieso einige Gedanken machen und diese dann auch kundtun. Kunst trifft Rat & Tat ist eine Zusammenarbeit des Cafés Rat & Tat, der Gefährdetenhilfe Wuppertal und des Atelier- und Galerie-Kollektivs für intermediale Zusammenarbeit gem. e.V. Wuppertal Was treibt nun Künstler um, an so einem Ort zu arbeiten? Einiges kann dazu Peter Klassen beitragen. Er arbeitet seit 1980 zusammen mit Bodo Berheide und einigen anderen in einem Kollektiv für Kunst mit. „Seit 1976 hat das Atelier- und GalerieKollektiv (wir sind eine Vereinigung von Künstlern und kunstinteressierten Menschen) nicht nur Ausstellungen wie üblich in Galerien organisiert, sondern auch in allerhand kunstfernen Räumen und seltsamen Gegenden. Dabei wurden alle möglichen Menschen mit der Kunst und auch mit den Künstlern konfrontiert und umgekehrt auch die Künstler mit den Menschen. Um aus den Anfängen in der Hofaue zu

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erzählen, etwa beim „großen Mikadospiel“ (1983), bei dem wir von Ministerien und Grenzübergangsstellen überflüssige Grenzbäume einforderten oder bei der Aktion „Her mit der U-Bahn, sofort!“ Die Grenzen zwischen Kunst und Leben, zwischen Künstlern und jedermann schienen zeitweise aufgehoben. Oder wenn dann, in den Jahren danach, in den Räumen in der Berliner Straße die Forschungsgruppe „Komplexe Dynamik“ der Universität Bremen mit ihrer Chaosforschung die Grenzen zwischen Wissenschaft und Kunst ignorierte. Das ergab auch für die traditionellen Kunstansichten eine lebhafte Diskussion. Natürlich zeigten wir zwischendurch auch „richtige“ Kunst, Tony Cragg war genauso vertreten wie verschiedenste Künstler aus aller Welt. Ruedi Schill, Rolf Glasmeier, El Loko, Klaus Küster und viele andere. 1993 hatte sich das Konzept „Galerie“ für uns überholt. Seit dieser Zeit organisieren wir Veranstaltungen, Symposien, Konzerte und Ausstellungen an den verschiedensten, zumeist ungewöhnlichen und nicht kunsttypischen Orten. Unser Aktionsradius hat

sich auf andere Städte und andere Länder ausgeweitet. Im letzten Jahr fand unter anderem dann die „Besetzung“ des Kaufhauses Michel im Haus Fahrenkamp statt. Was immer für uns wichtig war: Kunst braucht Freiraum. Den muss man manchmal ertrotzen, manchmal bekommt man ihn aber auch zur Verfügung gestellt. Das ist zweifellos die bessere Variante. Hat die Kunst nur einen Wert, eine Berechtigung, wenn sie gehandelt wird, wenn man sie kaufen kann? Ist Kunst wirklich ein Luxus für die, die ohnehin schon alles haben? Für die Künstler und für die Menschen drum herum, die die Kunst wahrnehmen, ist sie doch tatsächlich, ist sie wirklich. Genau so wirklich wie die Pläne der Investoren, die nun nicht nur den Lauf der Dinge, sondern auch den Sinn der Welt zu bestimmen scheinen. Aber den Argumenten des Geldes kann und muss die Kunst sehr wohl etwas entgegensetzen.


Selbstverständlich bleibt auch dem Künstler die Aufgabe, seine Kunst an der Wirklichkeit zu messen. Kann Kunst frei sein? „No Message“? L’art pour l’art? Ist sie ein schöner Klecks an der Wand, eine Dekoration? Oder bringt etwa so eine altmodische Idee wie die der sozialen Plastik uns weiter, in der plötzlich alle verantwortlich sein können für das, was ist? Oder sein könnten. Wir werden sehen. Oder wie der Philosoph Andreas Steffens sagt: „Kultur wird es solange geben, wie es diejenigen gibt, die sie machen.“ Es ist nun Dienstag Nachmittag, eine Reihe von Zeichnungen hängt an den Wänden des Cafés. Krysztof Juretko hat seine Utensilien eingepackt, es ist ein Tag mehr geworden, aber morgen wird er wieder in seinem eigenen Atelier arbeiten. Ohne Zaungäste, ohne Auftrag. Einfach so, tagtäglich. Peter Klassen Hier finden Sie RAT & TAT : In der Wasserstraße 11 / Ecke Wartburgstraße, 42883 Wuppertal. Geöffnet ist das Café Montag bis Freitag, von 8 bis 15 Uhr. Wer mehr über die Arbeit dieser Einrichtung wissen will, kann gerne Kontakt aufnehmen: Sabine Thrien von der GESA Wuppertal ist unter der Telefonnummer 0202 / 28110-130 zu erreichen. Die neue Sento von Occhio: Außen einzigartiges Design, innen revolutionäre L E D-Technologie, kombiniert mit innovativen Bedienfunktionen, höchster Lichtqualität und herausragender Lichtabbildung in einem multifunktionalen System, das gleichermaßen für den Wohn- und Objektbereich geschaffen ist. Die Vielfalt der Sento bietet einzigartige Flexibilität in der individuellen Lichtgestaltung. Somit wird der Umgang mit Licht zur puren Freude. Die Modularität des Systems bietet zudem eine einzigartige Vielfalt: Neben einer umfangreichen Auswahl an Wand-, Decken- und Pendelleuchten stehen Tisch-, Steh- und Leseleuchten zur Verfügung. Das Ergebnis: maximale Gestaltungsfreiheit für den Anwender.

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Emotion und Modus Eine Perspektive für Matthias Neumanns Impuls-Fotografie Der Fotograf Matthias Neumann ist Musiker im Sinfonieorchseter Wuppertal, er lebt und arbeitet in Wuppertal. Das Kunstwerk gehört vollständig zur Natur, denn alles auf dem Immanenzplan der Natur definiert sich durch Verkettungen von Bewegungen und Affekten, in die es eintritt, ob diese Verkettungen nun künstlich oder natürlich seien. Gilles Deleuze

links: „Scholle“ aus der Serie Landschaft unten: „Eisvögel“ aus der Serie Eis

Seit dem Impressionismus agieren die Bildkünste im Riß zwischen Bewußtsein und Wirklichkeit. Je mehr Wissen vom Wirklichen gewonnen wurde, desto größer wurde der Abstand des Bewußtseins von seinen Gegenständen. Das wissenschaftliche Projekt der Neuzeit, Bewußtsein zur reinen Objektivität der Erkenntnis zu schärfen, führte stattdessen zu der unwiderleglichen Einsicht, dass kein untrüglicher Weg vom ‚Subjekt‘ zum ‚Objekt‘ führt. Je präziser die Einsicht in die Beschaffenheit der ‚objektiven Materie‘ wurde, desto unbezweifelbarer wurde der unüberbrückbare Abstand, der zwischen Erkenntnis und Erkanntem herrscht. Wie das Bedürfnis nach Sicherheit die Risiken vermehrt, so bekräftigten die intensivsten Bemü hungenum Gewissheit des Erkennens die skeptischsten Vermutungen seiner prinzipiellen Ungenauigkeit. Am schärfsten aber tritt diese neue Situation eben in der modernen Naturwissenschaft vor Augen, in der sich herausstellt, daß wir die Bausteine der

Materie, die ursprünglich als die letzte objektive Realität gedacht waren, überhaupt nicht mehr „an sich“ betrachten können, daß sie sich irgendeiner objektiven Festlegung in Raum und Zeit entziehen und daß wir im Grunde immer nur unsere Kenntnis dieser Teilchen zum Gegenstand der Wissenschaft machen können (Heisenberg, Naturbild, 42). Die ontologische Differenz zwischen erkennendem und erkanntem Sein wurde von der Physik als Leitwissenschaft der Neuzeit zur Prämisse der perspektivischen Unschärfe jeder Einsicht präzisiert. Unter diesem Horizont bezeugen die Bildkünste den ontologischen Riß in eben dem Maße, in dem sie mit jeder ihrer Anstrengungen zur Vergegenwärtigung von Wirklichem in der Welt- und Selbst-Erfahrung des Menschen dessen Ausgeschlossenheit von dem Sein, das er erfährt, aufzuheben streben. Soll das Kunstwerk in dieser Lage als Vermittler zwischen Sein und Dasein fungieren können, bedarf es einer von der menschlichen Existenz unabhängi-

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gen Beziehung zwischen beidem, die das Kunstwerk nicht herstellen, aber aktivieren kann. Spinozas Idee einer alles umfassenden, alles in sich enthaltenden Seinssubstanz der Welt, die in geschlossener Immanenz alles Seiende in sich enthält, hat als letzte europäische Metaphysik diese Beziehung hergestellt. Zwischen Sein und Dasein, Wirklichkeit und Mensch herrscht eine vorgängige Einheit durch Identität des ‚Stoffs‘, aus dem alles, was existiert, besteht. Die verschiedenen Existenz- und Seinsformen sind unterschiedliche Ausprägungen, Modi, der einen Weltsubstanz. Diese frühneuzeitliche Metaphysik gewinnt anthropoästhetische Bedeutung in dem Maß, in dem die Erkenntniskritik der Wissenschaft, die gedacht war, alle metaphysischen Vermutungen durch exakte Erkenntnis zu ersetzen, deren eigene Unmöglichkeit erweist. Wenn alles, was existiert, ein Modus einer einzigen Substanz ist, bedeutet die sich in der Erkenntnis als Trennung von

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Erfahrung und Sein darbietende Differenz keine unüberwindliche Fremdheit mehr. Dann sind die Möglichkeiten der menschlichen Einbildungskraft, sich mit Gegenständen der Erfahrung in Beziehung zu setzen, nicht mehr prinzipiell unzulänglich, sondern getragen von einer ebenso gewissen wie unausdeutbaren Verbundenheit. Die Hierarchie der Erkenntnisvermögen verliert ihre Absolutheit. Die gestaltete Vorstellung, die ein Verhältnis zu einer erfahrenen Wirklichkeit herstellt, wird dem Begriff gleichwertig, der es definiert. Der absolute Unterschied von ‚Kunst‘ und ‚Wissenschaft‘ wird hinfällig (vgl. Feyerabend). Die Leistungen der Einbildungskraft sind nicht weniger Erkenntnis des Daseins als die Leistungen des Verstandes. Mit dem Verlust der ‚Objektivität‘ geht eine Aufwertung aller Modi der Annäherung einher: wo es letzte Klarheit nicht geben kann, ist auch die Unschärfe bedeutungsvoll. Eine Skizze, Gilles Deleuze von der ultimativen Idee eines sich seiner

selbst gegen die Erfahrung seiner ursprünglichen Weltlosigkeit zu vergewissern suchenden Subjekts gab, wie Spinoza sie konzipierte, enthält Maßstäbe, die unter den kulturellen Bedingungen der Spätmoderne, die unter den Segnungen der wissenschaftlichen Zivilisation zunehmend zu leiden begann, eine wesentliche Kunstpraxis des Seinsrisses im Dasein begründen. Einerseits enthält ein Körper, so klein er auch sein mag, immer unendlich viele Partikel: das sind die Verhältnisse von Ruhe und Bewegung, von Geschwindigkeitsverhältnissen zwischen Partikeln, die einen Körper, die Individualität eines Körpers definieren. Andererseits affiziert ein Körper andere Körper und wird von anderen Körpern affiziert: auch diese Fähigkeit, zu affizieren und affiziert zu werden, definiert einen Körper in seiner Individualität (Deleuze, 76). „Westliche Landschaft“ aus der Serie Landschaften


‚Individualität‘, ‚Geschwindigkeit‘, ‚Affekt‘, sind Kategorien, unter denen das spätmoderne Subjekt seine erschütterte Weltbeziehung mit seiner skeptischen Selbsterfahrung heute in Beziehung zu setzen sucht. Matthias Neumanns »Blurrings« erproben eine individuelle fotogenerative Technik, die die Beziehung zwischen der Visualität des BildMotivs – Architekturen, Landschaften, Personen – und derjenigen der BildAnschaulichkeit aus einer experimentellen Dynamisierung entwickeln. Die globale Form, die spezifische Form, die organischen Funktionen hängen von Geschwindigkeitsverhältnissen ab. Sogar die Entwicklung einer Form, der Verlauf der Entwicklung einer Form hängt von diesen Verhältnissen ab und nicht umgekehrt (Deleuze, 76 f.). Daraus zieht Neumanns Technik der Fotogenerierung eine äußerste Konsequenz. Die ‚Form‘ seiner Bilder resultiert buchstäblich aus ‚Geschwindigkeitsverhältnissen‘, die der agierende

Fotograf zwischen Motiv und technischer Bildgenerierung herstellt. Es ist wichtig, das Leben, jede lebendige Individualität nicht als Form oder Entwicklung einer Form zu begreifen, sondern als komplexes Verhältnis verschiedener Geschwindigkeiten, zwischen Verlangsamung und Beschleunigung (...): man fängt niemals an, man macht niemals tabula rasa, man läßt sich dazwischengleiten, man tritt in der Mitte ein, man schließt sich Rhythmen an oder zwingt sie auf (Deleuze, 76 f.). Das Bild der Statik seiner Ansicht – buchstäblich – zu entreißen, ist der Impuls, mit dem Neumann seine Kamera führt. Er setzt sie in genau dem Moment in die bildformende Bewegung, in dem in seiner situativ hochkonzentrierten Wahrnehmung die vom Motiv geweckte Emotion seiner Auffassung ein korrespondierendes Formgefühl ihrer Erfassung als Bild erzeugt hat: der Fotograf agiert als emotional-sinnliches Medium zur Visualisierung einer substanziellen

Beziehung zwischen einem Weltelement und einer individuellen Wahrnehmungspotenz. Seine bildgenerierende Geste ist ein provokantes Spiel mit der wesentlichen Eigenschaft des Fotos, ein gesehenes Sein durch Veranschaulichung mittels der fotografischen Apparatur in Erstarrung zu versetzen. Dagegen verstößt sein Kamerareißen vor dem Motiv in eklatanter Weise, indem es die Ansichtigkeit des Motivs in eine vom Auge nicht mitvollziehbare Beschleunigung versetzt. Die Langzeitbelichtung von mindestens einer Sekunde Dauer läßt damit ein Bild entstehen, in dem die Spuren der Beschleunigung, die das statische Bild des Gesehenen auflösen, ihrerseits erstarrt vor Augen treten. Das erfährt in den Portraits eine besondere Zuspitzung: das Foto zeigt in „Gletscher“ aus der Serie Landschaft

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der Erstarrung des zusammenraffenden Bewegungsverlaufs, den es dokumentiert, gleichsam den Erstarrungszustand eines Lebens, das in unlebbarer Rasanz am Auge des Betrachters vorüberrast. Als vanitas-Bilder verkehren sie den genuinen Zeitbezug des Mediums Fotografie in sein Gegenteil (vgl. Großklaus, 156-158). Erfordert die herzustellende Statik des Bildes die aufrechterhaltene oder hergestellte Statik des Motivs im Moment seiner ‚Ablichtung‘, so unterläuft die generative Technik der verrissenen Kamera diese klassische Anforderung einer Fixierung des Augenblicks im Bild, indem sie den Augenblick selbst in eine Bewegungsdauer des künstlichen Auges der Kamera auflöst. In einem realsymbolischen Akt verdichtet die extrem beschleunigte Kamerabewegung die Dynamik des Lebens, das sich auf sein Ende hin in der Todeserstarrung des Organismus verzehrt. Als Dokument einer extremen Bewegung seiner technischen Wahrnehmung wird das Foto zum Symbol der sich unvermeidlich beschleunigenden Lebens-

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bewegung als Erfüllungsbedingung seiner Vergänglichkeit: das erstarrte Bild der extremen Bewegung, nicht des wahrgenommenen Körpers oder des gesehenen Landschaftsmotivs, sondern seiner Wahrnehmung durch den Apparat, führt die elementarste aller Lebensbedingungen vor Augen. Der Schrecken des Vergehens wird als Fixierung einer extremen Wahrnehmungsbewegung sichtbar. Daß es die lebendige Hand des die Kamera führenden Fotografen ist, die die Beschleunigung bewirkt, die das Foto bestimmen wird, macht aus dem generierten Foto eine sinnliche Prothese des sinnlich nicht Wahrnehmbaren, das sich nur im Denken aus der Beobachtung der Lebenserfahrung erschließen läßt, dass lebende Körper vergehen. Neumanns »Blurrings« visualisieren das Unsichtbare, das die Lebensprozesse und Bewegungen in der Struktur des Seins und der Welt bestimmt, als den Grenzwert der Sichtbarkeit. Damit beweisen sie, dass es möglich ist, sogar mit dem im zeitgenössischen

Boom der Fotografie längst überreizt scheinenden Spiel mit der Unschärfe einen Weg aus der Sackgasse der postmodernen Ästhetik des Verschwindens zu öffnen. Das Verschwinden ist der Grenzwert der Unschärfe. Die Leistung jedes Bildes aber ist eine Erscheinung: etwas wird sichtbar, so wenig es auch identifizierbar sein mag. Je weniger identifizierbar das in einem Bild Erscheinende ist, desto genauer entspricht es den Elementarbedingungen des menschlichen Erkenntnisvermögens. Das Sein der Welt offenbart sich dem Dasein in den Nebeln der Ungewißheiten, unter deren Modi es seine Weltzugehörigkeit erfährt, wahrnimmt und gestaltet. Die Bilder, die verborgen lassen, was das, was sie zeigen, ist, sind dem, was es ist, näher als alle, die es dem identifizierenden Blick darbieten. Andreas Steffens Weitere Informationen: www.matthias-neumann.com


Literatur Baudrillard, Warum ist nicht alles schon verschwunden? (2008), Berlin 2008 Deleuze, Gilles, Spinoza und wir, in: ders., Kleine Schriften, Berlin 1980, 75-84 Feyerabend, Paul, Wissenschaft als Kunst, Ffm 1984 Großklaus, Götz, Medien-Bilder. Inszenierung der Sichtbarkeit, Ffm 2004 Heisenberg, Werner, Das Naturbild der heutigen Physik, in: Die Künste im technischen Zeitalter, hg. von der Bayrischen Akademie der Schönen Künste, München-Darmstadt 1956, 31-47

oben: „Nora“ aus der Serie lightdances linke Seite: „Koch am Wall“ aus der Serie Urbanics unten: „Busteni 1“ aus der Serie Architektur

Steffens, Andreas, Der Hund im Spiegel, der keiner ist. Fotokunst in der elektronischen Zivilisation, in: Hauptstrom. Aktuelle Fotokunst, Berlin-Hilden 2007 Virilio, Paul, Ästhetik des Verschwindens (1980), Berlin 1986

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Faust im theaterhagen Oper von Charles Gounod Premiere am 17. Januar 2015 Weitere Aufführungen: 2. 4., 10. 4., 29. 4. 2015 (jeweils 19.30 Uhr)

Musikalische Leitung Steffen Müller-Gabriel Inszenierung Holger Potocki Bühnenbild und Kostüme Lena Brexendorff Video Volker Köster Chor Wolfgang Müller-Salow Fotos: Klaus Lefebvre, © theaterhagen

linke Seite: Kristine Larissa Funkhauser (Siebel) unten: Veronika Haller (Marguerite), Opernchor und Extrachor

Als erste Premiere im Jahr 2015 führte das theaterhagen den „Faust“ von Charles Gounod auf. Dessen musikalische Umsetzung verzichtet auf Goetheschen Tiefsinn und stellt die Liebesgeschichte von Faust und Gretchen, die in dieser Oper Marguerite heißt, und ihr Scheitern in den Mittelpunkt. Sensible musikalische Umsetzung verbindet sich hier mit einem sinnfälligen und einleuchtenden Regiekonzept, das die scheinbar alte Geschichte konsequent in die Gegenwart holt. Die Geschichte von Faust und Marguerite verwandelt sich immer mehr in den Alptraum eines alten Mannes in seinen letzten Stunden. Die Oper beginnt im Zimmer eines Krankenhauses, in dem Faust, kaum noch lebensfähig und gespickt mit Medizinapparaten in seinem Bett liegt. Die Personen, die ihn dort in seinen letzten Tagen umgeben haben - Krankenschwestern, Arzt, Priester, ein Clown, der die Kranken aufheitern soll - , verwandeln sich entsprechend in die handelnden Personen des Stücks, - und am Schluss, nach Fausts Tod, wieder zurück. Von Anfang an auffallend ist die wichtige Rolle von Videoprojektionen, die Faust in unterschiedlichen Zuständen zeigen, am Anfang mit Sonde dem Tode nah, später munterer, am Schluss schließt er endgültig die Augen. Diese sind, vor allem in Vor- und Zwischenspielen, sinnfällig und punktgenau mit der Musik synchroni-

siert, so z. B. erschrecktes Augenöffnen mit einem plötzlichen Orchester-Tutti. Die Verwandlung geschieht mit einem plötzlichen Lichtwechsel, bei dem alle Personen erstarren, sogar der linke Fuß des Arztes bleibt in der Bewegung stehen. Nur der Priester agiert weiter, wirft seinen Mantel ab, steht in grellrotem Anzug da: Mephistopheles verspricht Faust ewige Jugend. Dieser, der bis dahin von der Seite gesungen hat, erscheint dann auch als zweiter, diesmal junger Faust, auf der Bühne. Mephistopheles gelingt es aber nicht, Faust ganz zu verjüngen, sein Alter und alle Gedanken an den Tod komplett auszublenden: der junge Faust trägt ein Jackett, das hinten in der Mitte geteilt ist wie ein Operationshemd, und der alte

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Faust (Klaus Klinkmann als stumme Person) erscheint am Ende fast jeden Aktes im Rollstuhl, spielt sogar im Duell mit Valentin, Marguerites Bruder, (der war am Anfang der Arzt) eine entscheidende Rolle; auch in der Walpurgisnacht sitzt er da, den Sarg mit Marguerites ermordetem Kind auf den Knien. Auch bleiben verschiedene Gegenstände des Krankenzimmers im weiteren Verlauf wichtig. So wird das Kreuz, wenn Mephistopheles herrscht, einfach auf den Kopf gestellt, und auch das Krankenbett bleibt immer gegenwärtig: auf mehrere Meter verlängert, wenn in der Kirmesszene die jungen Mädchen mit den Soldaten kokettieren, bei der Rückkehr der Soldaten als Leichenwagen für den umgekommenen Wagner (am Anfang der Clown), in der Kerkerszene am Schluss, senkrecht gestellt, als Zuflucht für Marguerite. Am deutlichsten wird dies in der Liebesszene Faust-Marguerite, in der das Krankenbett wie ein Fremdkörper in ihrer idyllischen Stube steht. Diese ist dem Hirschbild, das auch schon im Krankenzimmer hängt, ausschnittweise nachgebildet und

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ironisiert mit dem dahinter erscheinenden ebenso kitschverdächtigen Sternenhimmel offensichtlich bürgerliche Biederkeit. In der darauf folgenden Szene - Marguerite schwanger und verlassen - bleibt nur noch dieses Bett übrig, sogar der zu Beginn der Szene noch vorhandene Rahmen des Kitschbildes wird ganz schnell hochgezogen. Schließlich spendiert Mephistopheles in der Kirmesszene den Wein nicht, wie er singt, in einem Fass, sondern in roten(!) Infusionsbeuteln. Weitere Mittel der sinnfälligen, weil konsequenten Regie: Beim Soldatenmarsch gelingt ihr ein einleuchtender dramaturgischer Kontrapunkt. Die ausufernde und kaum in den Zusammenhang passende Fröhlichkeit der Musik wird konterkariert, indem dazu der Sarg des Studenten und späteren Soldaten Wagner hereingetragen wird und sich ein Trauerzug formiert. Und die Kirchenszene bildet deshalb einen Höhepunkt, weil hier Himmel und Hölle sich nicht bekämpfen, sondern zusammenarbeiten. Dämonischer und liturgischer Chor pushen sich gegenseitig hoch, unter Anleitung von Mephistophe-

les im Priestergewand, um Marguerite vollkommen zu vernichten. Fromme Mönche zeigen ihr wahres Gesicht, sogar die Marienstatue betont Marguerites Schuld mit bohrend leuchtenden roten Augen. Die Walpurgisnacht ist dagegen gekürzt und sehr karg gehalten, kein Hexeneinmaleins, keine Sexorgie, außer Mephistopheles im Glitzeranzug befindet sich nur noch lebendiges und schon totes Personal auf der Bühne. Faust wird an Marguerite erinnert, als die Marienstatue ihren weißen Umhang abwirft, von ihrem Podest steigt und Faust in weißer Reizwäsche sexuell bedrängt. Die Inszenierung ist auch deshalb gelungen, weil die drei entscheidenden Personen (Regie Holger Potocki, Videoeinblendungen Volker Köster, Kostüme und Bühnenbild Lena Brexendorff) offensichtlich hervorragend zusammengearbeitet haben. Rainer Zaun (Mephistopheles), Klaus Klinkmann (Der alte Faust)


Nicht nur die Kostüme, auch die geschickt wechselnden Bühnenbilder in unterschiedlichen Formaten passen genau zur jeweils erzählten Episode, einige Szenen vor dem Vorhang lassen lautlosen Umbau dahinter zu. Auch die Videoeinblendungen (neben dem Gesicht des alten Faust z. B. Börsenstreifen beim Lied vom goldenen Kalb, Hände mit Infusionsnadel, Wolken, Dampf (aus der Hölle?) ergänzten die Geschichte vortrefflich und konnten sie an Gelenkstellen sogar weiterführen. Chor (Wolfgang Müller-Salow) und Orchester (Steffen Müller-Gabriel) zeigten sich in Bestform, der Chor schaffte es beim Walzer sogar, trotz schneller Bewegungen noch taktgenau zu singen. Nach meiner Erfahrung scheinen Orchester französische Opern der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (neben Gounod vor allem Massenet) besonders gern zu spielen und blühen dabei regelrecht auf. Das konnte man auch an diesem Abend merken. Auch auf die Lautstärken wurde offenbar großer Wert gelegt. So erklingt das Liebesduett Faust-Marguerite vor der

Pause exzessiv und schwelgerisch, dagegen wird das Duett Marguerite-Siebel (ihr treuer Freund und Verehrer) nach der Pause dem Handlungsverlauf entsprechend dynamisch sehr zurückgenommen. Die SängerInnen (bis auf einen einzigen Gast ein funktionierendes Ensemble!) bieten ebenfalls Bestleistungen und fügten sich nahtlos in das Regiekonzept ein. Paul O´Neill als Faust teilte sich seine anstrengende Rolle sehr gut ein, stellt seine Spitzentöne, auch die leisen, sehr schön heraus. Veronika Haller hatte ihre besten Momente in lyrischen Passagen, so z. B. in „Schmuck-Lied“, einige der vielen sehr hohen Töne hätten manchmal weniger scharf sein können. Beeindruckender Gesang auch bei Kristine Larissa Funkhauser (Siebel), Kenneth Mattice (Valentin), Paul Jadach (Wagner) und Marilyn Bennett (Marthe Schwerdtlein). Besonders gut gefallen hat mir der Bayreuth-erprobte Rainer Zaun als Mephistopheles, der sowohl sängerisch als auch darstellerisch aus dem Vollen schöpfen konnte. Sehr zu loben ist auch die Wortverständlichkeit bei allen: Wer französisch versteht, kann

ganze Passagen lang auf die deutschen Übertitel verzichten. Zu fragen ist nur: Warum blieben in der Premiere so viele Sitze leer? Diese Aufführung ist nämlich nicht nur für Hagener zu empfehlen, es lohnt sich auch, aus weiterer Entfernung diese Inszenierung zu besuchen. Immerhin waren aber doch genug Besucher da, die ihr eingespieltes Ensemble minutenlang und mit standing ovations feierten. Fritz Gerwinn theaterhagen gGmbH, Elberfelder Straße 65, 58095 Hagen Telefon: 02331 207 3210 www.theaterhagen.de

Rainer Zaun (Mephistopheles), Marilyn Bennett (Marthe)

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Der Göttliche Die Bonner Bundeskunsthalle zeigt die immense Wirkung Michelangelos auf die Kunst der letzten fünfhundert Jahre

linke Seite: Daniele da Volterra, Bildnis Michelangelos, 1564 (Guss 1. Hälfte 17. Jh.) unten: Johann Georg van der Schardt, Kopie des ,Morgen‘, nach 1560

Mitte des 16. Jahrhunderts charakterisiert der Künstler und Kunsthistoriograph Giorgio Vasari in seinen Lebensbeschreibungen der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten Italiens Michelangelo Buonarroti (1475–1564) nicht nur als extraordinäre, singuläre Künstlerpersönlichkeit, sondern als jenen, durch den die seit Giotto in einer steten Aufwärtsbewegung befindliche Kunst ihren absoluten Höhepunkt erreicht habe. Bereits zu Lebzeiten wurde dem Meister das Attribut des „Göttlichen“ zugeschrieben, und schon damals etablierte sich der bis heute lebendige „Mythos Michelangelo“. Diesem Mythos in einer Ausstellung nachzuspüren, haben sich Georg Satzinger und Sebastian Schütze, Professoren für Kunstgeschichte in Bonn und Wien und ausgewiesene Kenner der Materie, zur Aufgabe gemacht – eine Aufgabe, die die beiden Kuratoren zweifellos mit Bravour gemeistert haben. Die Bonner Schau ist keine Michelangelo-Retrospektive. Angesichts der Tatsache, dass die meisten Arbeiten des

Künstlers ortsgebunden sind und nicht oder nur schwer translozierbar sind, wäre ein derartiges Vorhaben ohnehin kaum durchführbar. Verzichtet haben die Kuratoren aber auch auf leicht Transportables. So findet sich in der Ausstellung keine einzige Zeichnung, kein Bozzetto und kein Schriftstück von der Hand des Meisters. Lediglich einige Gipsabgüsse, so z. B. die sog. Louvre-Sklaven, dienen als Referenzstücke, um Kontexte bilden und Querbezüge zur Moderne herstellen zu können. Obwohl mit größtem kunsthistorischen Sachverstand konzipiert und realisiert, handelt es sich in den Räumen der Bundeskunsthalle nicht um eine akademische Aufarbeitung der kunstwissenschaftlichen Rezeption Michelangelos, sondern um die überaus anschauliche Darstellung einer eminenten ästhetischen Nachwirkung. Denn – so die Kuratoren – „kein anderer als Michelangelo, auch nicht Raffael, Dürer oder Tizian, übte eine ähnlich umfassende, die künstlerischen Gattungen übergreifende, lange und

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kontinuierliche Ausstrahlung aus.“ Die in Bonn sichtbar gemachte Geschichte einer großen Wirkung ist zugleich ein Stück Mediengeschichte, zeigt sie doch, wie das Werk des „divino“ Michelangelo in Form von Nachzeichnungen, Gemäldekopien, Druckgrafiken, Kleinplastiken, Gipsabgüssen und Fotografien bis in die unmittelbare Gegenwart medial durch die Jahrhunderte mäandert. Und sie zeigt Michelangelo mit seinen großartigen künstlerischen Entwürfen, seinem ungeheuren Ideenreichtum und seiner schier unfassbaren Gestaltungskraft als den großen Inspirator, an dem sich zahllose andere bedeutende Künstler, Zeitgenossen und Nachgeborene, abgearbeitet haben, indem sie dessen Anregungen aufzugreifen und sich anzueignen suchten, aber auch, wie sie sich von dem Jahrhunderte lang als maßstabsetzend geltenden Meister emanzipiert haben. Schon früh fand Michelangelo Bewunderer und Nachahmer. Mit seiner „Pietà“ von St. Peter in Rom (1498) und seinem Florentiner „David“ (1504) begründete und festigte er seinen Ruhm als überragender Bildhauer, mit den Deckenfresken der Sixtinischen Kapelle in Rom (1508 bis 1512) setzte er auch auf dem Gebiet der Malerei neue Maßstäbe. So berichtet Vasari, dass Raffael, „der mit größter Leichtigkeit fremde Manieren annahm“, sofort seinen Stil geändert habe, nachdem er Michelangelos Fresken gesehen und deren neuartige Monumentalität und eigenwillige Körperrhetorik kennengelernt habe. Unter der Überschrift „Der

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Kosmos der Sixtinischen Decke“ entfalten die Kuratoren ein breit gefächertes Spektrum des nachhaltigen Einflusses dieses gigantischen Meisterwerkes, eines Einflusses, der bis zum Romantiker Johann Heinrich Füssli und zum Präraffaeliten Edward Burne-Jones reichte. Und mit Caravaggios unbekleidetem „Johannes der Täufer“ (um 1602) zeigt die Bonner Schau eines der prominentesten Beispiele für die künstlerische Anverwandlung der Sixtina-Fresken, greift der Künstler in seinem Gemälde doch ganz offensichtlich auf eine der nackten Jünglingsfiguren (sog. Ignudi) von Michelangelos Sixtinischer Decke zurück. Thematisiert werden auch die vielfältigen Nachwirkungen der „Schlacht von Cascina“ (1504), einem monumentalen, nur durch Zeichnungen und Kupferstiche überlieferten Historienbild im Ratssaal des Palazzo Vecchio in Florenz, sowie der Eindruck, den das überaus figurenreiche Fresko des „Jüngsten Gerichts“ (1536-1541) in der Sixtina im Vatikan auf andere Künstler gemacht hat. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht neben der Michelangelo-Rezeption in der Malerei, die sich von Raffael über Carracci, Tintoretto, Caravaggio und Rubens bis ins 19. Jahrhundert nachverfolgen lässt – wenn man so will ein Dialog auf Augenhöhe – die komplexe Rezeptionsgeschichte des „Göttlichen“ in den plastischen Künsten. Entsprechende Hauptkapitel der Bonner Schau sind „Die Aktstatue“, „Moses“, „Die Skulpturen der Medici-Kapelle“ und „Kämpfer

links: Caravaggio, Johannes der Täufer, um 1602 Mitte: Auguste Rodin, Das eherne Zeitalter, 1876 (im Hintergrund Gipsabgüsse der sog. Louvre-Sklaven) rechts: Hans-Peter Feldmann, David, 1989-90 und Sieger“, wobei Überschneidungen unvermeidlich sind, da für Michelangelo der unbekleidete menschliche Körper als Ausdrucksträger und Medium der Affektkommunikation generell von höchster Bedeutung war und insofern die Aktfigur in seinem gesamten Œuvre eine zentrale Rolle spielt. Überragend ist die Faszination, die sein „David“ auf Zeitgenossen und Nachgeborene ausübte, zu erwähnen sind aber auch die sog. Sklaven (15131516), die für das in seiner ursprünglich geplanten Form nicht realisierte Grabmal für Papst Julius II. gemeißelt wurden. Die Bonner Schau macht Rezeptionsstränge sichtbar, die vom 16. Jahrhundert über die Klassische Moderne bis in die Gegenwartskunst reichen: Rodin, Kolbe, Yves Klein, Hans-Peter Feldmann, Markus Lüpertz, um nur einige namentlich zu nennen. Lüpertz‘ farbig bemalte Bronze „Apoll“ von 1989 haben die Kuratoren vor einem höchst signifikanten Foto platziert, das den Künstler zusammen mit einem Gips des sog. Rebellischen Sklaven in seinem Düsseldorfer Atelier zeigt. Enorm war auch der Nachhall, den


Michelangelos Marmorskulpturen der „Tageszeiten“ in der Florentiner Medici-Kapelle fand (ab 1520). Diese anatomisch großartig durchgeformten Liegefiguren wurden von Künstlern schon früh gezeichnet oder als Kleinplastiken repliziert – sei es als Terrakotten, sei es in Bronze – und wirkten im weiteren Verlauf der Kunstgeschichte typenbildend. Von Rodin, der maßgeblich von Michelangelo beeinflußt wurde, zeigt die Ausstellung zwei eindrucksvolle Kohlezeichnungen der allegorischen Figuren „Tag“ und „Nacht“, und der große englische Bildhauer Henry Moore hat sich im 20. Jahrhundert in zahllosen Variationen mit dem Thema der „Liegenden“ auseinandergesetzt und dabei explizit auf den „Göttlichen“ Bezug genommen, wie sein „Omaggio a Michelangelo“ betiteltes lithographisches Mappenwerk belegt. Trotz der Größe und Einzigartigkeit des Œuvres Michelangelos scheint sein Schaffen von einer gewissen Tragik überschattet zu sein, blieben doch zahlreiche seiner Projekte unvollendet. Die Gründe für dieses sog. Nonfinito, das sich in etlichen

bildhauerischen Arbeiten als „unfertige“, mehr oder minder roh belassene Partien darstellt, dürften primär mit ungünstigen äußeren Faktoren zu tun haben, da der Künstler häufig gezwungen war, begonnene Aufträge liegen zu lassen. Möglich sind aber auch genuin künstlerische Überlegungen und Entscheidungen. So kann es sein, dass das Nonfinito der Einsicht des Meisters in die prinzipielle Unvollendbarkeit angesichts nicht erfüllbarer eigener Perfektionsansprüche entsprang, denkbar ist auch, dass es das Resultat bewusster ästhetischer Entscheidungen gewesen ist und mithin als kalkuliertes Gestaltungsprinzip zu begreifen ist, das auf dem Reiz kontrastierender Zustände der Bearbeitung beruht. Letzteres spräche für eine „Modernität“, wie sie sich erst Jahrhunderte später etwa bei Rodin findet, oder, wie in Bonn vorgeführt wird, bei Alfred Hrdlicka, dessen Marmortorso „Gladiator II“ dem muskulösen Figurentypus Michelangelos verpflichtet ist und zugleich das Fragmentarische betont. Ein interessantes Thema, dem im Katalogbuch ein eigener Beitrag von Johannes

Myssok gewidmet ist, gilt der Frage, wie die Fotografie seit ihrer Erfindung 1827 bzw. 1839 auf Michelangelo reagiert hat – von frühen Aufnahmen wie jenen der Florentiner Gebrüder Alinari, die ein touristisches Bedürfnis befriedigten, über Fotografien, die der kunsthistorischen Michelangelo-Forschung dienen bis hin zu Aufnahmen, die die Skulpturen Michelangelos zum Gegenstand autonomer fotokünstlerischer Projekte machen. Hier oszilliert das Spektrum zwischen einer eher neutralen, kühlen Wiedergabe einzelner Skulpturen in ihrem räumlichen Kontext, wie dies etwa für Candida Höfers Foto des „David“ in der Accademia in Florenz von 2008 zutrifft, und Thomas links: Yves Klein, L'Esclave de Michel-Ange, 1962 Mitte: Markus Lüpertz, Apoll, 1989 rechts: Alfred Hrdlicka, Gladiator II, 1971

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Struths Werkgruppe „Audience“ aus dem Jahr 2004. Aufgenommen an demselben Ort, an dem Candida Höfer fotografiert hat, interessiert sich Struth nicht für den David selbst, auch nicht für die bauliche Gestalt des Schauraumes, sondern für die Beziehung zwischen den Betrachtern und dem (auf dem Fotos abwesenden) Betrachteten, wie sie sich in den Gesichtern, Gesten und Körperhaltungen der Accademia-Besucher äußert. So unspektakulär diese Dokumente eines massenhaften Kultur- und Eventtourismus erscheinen mögen, vor allem dann, wenn man sie nur als gedruckte Abbildungen in Büchern sieht, so sehr beziehen sie ihre tatsächliche Wirkung aus der Wucht der großen Formate und der durchgehenden Tiefenschärfe, so jetzt in Bonn, wo sie in einem eigenen Raum präsentiert werden. Michelangelo war nicht nur Bildhauer und Maler, sondern auch Architekt. Genannt seien nur der unrealisiert gebliebene Fassadenentwurf für S. Lorenzo in Florenz, das Treppenhaus der unmittelbar an diese bedeutende Pfarrkirche der Medici angrenzenden Biblioteca Lau-

renziana, das schon manieristische Züge trägt, und vor allem die Planungen für den Neubau von St. Peter in Rom mit der gigantischen, alles überragenden Kuppel. Im Zeitalter der Gegenreformation ein mächtiges Symbol der „ecclesia triumphans“, sollte das Kuppelmotiv bald zu einem maßgeblichen Gestaltmerkmal barocker Sakralarchitektur werden. Dies mit Hilfe von Zeichnungen, Plänen, Modellen und Fotografien nachzuzeichnen und die Wirkungsgeschichte Michelangelos als Baukünstler darzustellen, wäre sicherlich eine interessante Facette der Bonner Schau gewesen, hätte aber nach Überzeugung der Kuratoren den Rahmen dieser hochinformativen und überaus sehenswerten Ausstellung deutlich gesprengt. Rainer K. Wick

Der Göttliche. Hommage an Michelangelo Bundeskunsthalle Bonn Friedrich-Ebert-Allee 4, 53113 Bonn noch bis 25. Mai 2015 www.bundeskunsthalle.de/ausstellungen/ der-goettliche.html Katalogbuch im Hirmer Verlag, München; Hardcover; 24,5 x 28 cm; 288 Seiten, zahlreiche SW- und Farbabbildungen. Preis der Museumsausgabe 29 Euro, Buchhandelsausgabe 39,90 Euro ISBN: 978-3-7774-2362-3 alle Fotos © Rainer K. Wick außer Candida Höfer „Accademia Firenze“, 2008, C-Print, Edition 2/6, © VG Bild-Kunst, Bonn 2015 unten: Henry Moore, Recumbent Figure, 1938 linke Seite: Candida Höfer, Accademia Firenze, 2008

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Kommen Sie mit? Oder soll ich mitkommen? Erstmalig auf DVD: Deutsche Kabarett-Klassiker mit Werner Finck, dem „Kom(m)ödchen“ (Die Ära Kay und Lore Lorentz), Dieter Hildebrandt und den Berliner „Stachelschweinen“

Werner Finck – „Alter Narr, was nun?“ © 2014 TACKER FILM, die DVD enthält die ungekürzten Fernsehsendungen „Am besten nichts Neues“ (ORF 1967, 53 Minuten / das Programm wurde bereits 1957 geschrieben, Anm.) und „Alter Narr, was nun?“ (WDR, 1973, 45 Minuten) sowie ein Interview mit Werner Finck (WDR, 1965, 25 Minuten). DVD mit Booklet, Gesamtlänge: 128 Minuten, Bildformat: 4:3

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Werner Finck – Alter Narr was nun? Der Meister der Halbsätze Bevor Ensembles wie „Die Stachelschweine“ (Berlin), die „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“ und das Düsseldorfer „Kom(m)ödchen“ in den 1960ern die damals noch nicht allgegenwärtigen Fernsehschirme eroberten und mit ihren Programmen die Wohnzimmer und die Herzen ihrer Zuschauer okkupierten, war einer kabarettistisch unterwegs, der bereits in den 30er Jahren in Berlin das Kabarett in Form seiner politisch scharfen „Katakombe“ zu so schillernder Blüte gebracht hatte, dass er den Zorn der Mächtigen auf sich zog. Werner Finck (1902-1978), einer der scharfsinnigsten Beobachter seiner Zeit, begnadeter Stammler und Meister der Abschweifungen, halber Sätze und ganzer Wahrheiten, brillierte nach 1945 wieder, zwar nicht mehr von KZ-Haft und Berufsverbot bedroht, doch auch jetzt den Mächtigen ein Splitter im Auge (wohl auch im Allerwertesten) und gelegentlich der Zensur ausgeliefert – die natürlich nicht mehr Zensur hieß. Seine Solo-Programme polarisierten, spalteten das Publikum, trennten die ewig gestrige Spreu vom Weizen der jungen Demokratie. Wenn Finck sprach, empörten sich wieder die, die sich schon 1935 empört hatten. Ein Katalysator. Die Kölner Produktion Tacker Film veröffentlicht auf einer DVD erstmals zwei Fernsehauftritte Werner Fincks – „Am besten nichts Neues“ (ORF 1967, 53 Minuten) und die Lesung aus seiner Autobiographie „Alter Narr, was nun?“ (WDR 1973, 45 Minuten) sowie ein 1965 beim WDR aufgezeichnetes Interview von 25 Minuten. Das sind kabarettistische Perlen, für lange Zeit unzugänglich gewesen, durch den Einsatz des Produzenten der Tacker Film, Wolfgang Dresler, jetzt endlich zu haben. Der Auftritt Fincks im ORF-Studio 1967 war ein Novum: nicht von einer Bühne agierte Finck, sondern schlenderte zwischen den im als Café gestalteten Studio aufgebauten Tischen, zwangsläufig auch mal mit dem Rücken zu einigen Gästen und erzählte aus seinem Leben. Im Publikum übrigens u. a. zu erkennen der Kabarettist und Schauspieler Felix

Dvorak, der Schauspieler Peter Matic, der Kabarettist Kurt Sowinetz und die Kabarettistin und Chansonette Cissy Kraner, alle schon damals Hochkaräter ihrer Zunft. Inhaltlich recht ähnlich, wenn auch schon schmerzhaft deutlich sein Alter und die geschwächte Gesundheit spürbar sind, erzählt Werner Finck sein Leben in der 1973er Studio-Lesung beim WDR. Noch ist sein alter Witz zwar spürbar, doch wirkt er angegriffen, scheint sein Humor professionell, der Auftritt beinahe ein wenig lästig. Dieser Film macht Finck-Kenner und -Freunde eher ein wenig traurig. Ganz anders das frische, heitere Interview aus dem Jahr 1965, das einen sanften, freundlichen Philanthropen in seinem Heim zeigt. Als Zugabe finden sich ein knapp dreiminütiger Sketch aus der Sendereihe „Witzakademie“, der auf die „Katakombe“ 1935 zurückgeht, mit u. a. Kurt W. Schmidtchen sowie Werbefilmen für Elfa-Sicherungen (1938), Phoenix-Gummiwerke (1950) und für Bols Liköre. Das Kom(m)ödchen Die Ära Kay und Lore Lorentz Kabarett aus den Jahren 1960 bis 1989 Das Düsseldorfer Kom(m)ödchen gehört noch heute zu den renommiertesten deutschen Kabarettbühnen. Seinen Ruf verdankt das familiengeführte Unternehmen, das seit 1947 existierte und das westdeutsche kabarettistische Gegengewicht zu den Stachelschweinen im Osten und der Münchner Lach- und Schießgesellschaft im Süden der jungen Bundesrepublik bildete, dem intelligenten Konzept seiner Gründer Kay und Lore Lorentz. „Das Kom(m)ödchen“ verband scharf politisches mit elegant literarischem Kabarett, kaum ein anderes Haus war scharfzüngiger, ironischer und analytischer als diese Düsseldorfer Kleinkunstbühne – und das unmittelbar vor der Haustür der neuen Bonner Regierung und ihrer alten Seilschaften. Die Stimme des „Kom(m)ödchen“ war Lore Lorentz (1920-1994), eine Grande Dame, vornehm, überlegen, kompromisslos. Niemand wird je ihren schneidend spöttischen Umgang mit den Skandalen der Republik erreichen. Ihr rheinisch


humoristisches Gegenstück war jahrzehntelang der Schauspieler Ernst H. Hilbich (*1931), ihr Taktgeber Ehemann Kay Lorentz. Er gehörte zu der glänzenden Riege von Textern, die für die Programme des Kom(m)ödchens die von den Politikern und Wirtschaftsbossen unfreiwillig zur Verfügung gestellte Deputat-Kohle zum Glühen brachten. Mit ihm schrieben sich u. a. Eckart Hachfeld (der auch für die „Stachelschweine“ schrieb), Martin Morlock, Wolfgang Franke, Thaddäus Troll, Horst-Gottfried Wagner, Manfred Limmroth, Dieter Süverkrüp, Werner Franke, Rainer Hachfeld, Michail Krausnick, Thomas Freitag und Matthias Deutschmann immer wieder gerne an die Grenzen des politisch Gefährlichen heran. Mit Lore Lorentz und Ernst H. Hilbich saßen im kabarettistischen Boot im Lauf der frühen Jahre Katarina von Bülow, Hans-Walter Clasen, Walter Gottschow, Werner Vielhaber, Renate Clair, Horst Butschke, Hans Gerd Kübel, Andreas Mannkopff, Michael Uhden u. a. m. In den 80er Jahren holte das Kom(m) ödchen neue Talente auf die Bühne, u. a. fanden Erwin Steinhauer, Thomas Freitag, Harald Schmidt und Mariele Millowitsch auf der Kom(m)ödchenBühne erste große Beachtung. Wolfgang Dresler hat aus fast 30 Jahren Fernseh-„Kom(m)ödchen“ eine wahrlich opulente DVD-Edition mit den Kabarettprogrammen: „Spekulationen“ (1960), „Bergab geht´s leichter“ (1962), „Zustände wie im alten Rom“ (1963), „Hast Du zur Nacht gebetet, Ludwig?“ (1964), „Prost Wahlzeit“ (1965), „So dumm kommen wir nie mehr zusammen“ (1966), „Dissonanzen“ (1967), „20 Jahre Kassandra“ (1967), „Bürger schützt eure Anlagen“ (1967, und das wäre heute aktueller denn je!; Anm. d. Red.), „Es geht um den Kopf“ (1969), „D wie Bundesrepublik“ (1979), „Ende offen“ (1981), „Playback“ (1982), „Die Sache Mensch“ (1983), „Da können Sie Gift drauf nehmen“ (1984), „Das ist Ihr Problem“ (1987), „Solange der Vorrat reicht“ (1989) zusammengestellt. Ein einzigartiges Dokument der KabarettGeschichte nach 1945, bzw. nach Beginn der Fernsehaufzeichnungen. Man darf dabei nicht vergessen, dass zu Beginn der

Westdeutschen Fernsehgeschichte zwar schon ab 1952 Live-Übertragungen aus dem Kom(m)ödchen gesendet wurden, aber erst ab 1960 Aufzeichnungen archiviert wurden. Die hat Wolfgang Dresler gesichtet und aufwendig reproduziert.

Das Kom(m)ödchen - Die Ära Kay und Lore Lorentz © 2014 Kom(m)ödchen / Tacker Film / WDR (Hrsg. Wolfgang Dresler) DVD Box mit 6 DVDs – Ausschnitten aus 18 vom WDR fürs Fernsehen aufgezeichneten Programmen von 1960-1989 – Gesamtlänge ca. 1.060 Minuten (mehr als 17 Stunden) + ausführlichem, 40-seitigem Begleitheft mit Programm-Kommentaren, Aufnahme- und Sendedaten, Besetzung und vielen raren Fotos; Texte von Wolfgang Dresler, Kay Sebastian Lorenz, Dietmar Jacobs und Horst Gottfried Wagner 49,90 Euro Die Stachelschweine Der Klassiker aus Berlin Fünf Programme 1959 - 1996 Vor 65 Jahren, am 3. Oktober 1949 eröffnete das West-Berliner politisch-literarische Kabarett „Die Stachelschweine“ gegründet von Rolf Ulrich (1921-2005), mit „Alles irrsinnig komisch“ in der Regie von Alexander Welbat im Jazzclub „Badewanne“. Die Texte waren damals wie viele Male später von Dieter Thierry und Rolf Ulrich. In der Startbesetzung spielten Horst Gabriel, Dorle Hintze, Ilse Markgraf, Günter Pfitzmann und Joachim Teege. Man nannte sich noch

„Tribüne“, der Name „Die Stachelschweine“, der ab dem dritten Programm 1950 zum Markenzeichen der Truppe wurde, stammte vom Texter Dieter Thierry. Seither, vor allem mit dem Aufkommen des Fernsehens und ab 1960 durch seine regelmäßigen Fernsehübertragungen vom SFB (Sender Freies Berlin), ist das respektlose Berliner Kabarett zum Bestand der Republik geworden, nicht zuletzt durch seine Texte aus den spitzen Federn von Rolf Ulrich, Dieter Thierry, Ralf Wolter, Dieter Finnern, Eckhard Hachfeld und Wolfgang Gruner, der Ende 1950 zum Ensemble stieß und bis zu seinem Tod 2002 das Aushängeschild der Stachelschweine war. Gruner (1926-2002), gerne als „Berliner Schnauze mit Herz“ bezeichnet, war jahrzehntelang das populärste Gesicht der Stachelschweine. Seine temporeichen und hinreißenden Solo-Auftritte, z. B. als Walter Ulbricht, in denen er plakativ die große Politik aufspießte, aber auch subtil mit dem DDR-Unrechtssystem ins moralische Gericht ging, waren fester Bestandteil jedes neuen StachelschweineProgramms. „Kritisches Denken ist die erste Bürgerpflicht“, dieses Motto von Kabarett-Chef Rolf Ulrich zog sich durch alle Programme seit 1969, wobei die Nomenklatura der DDR, ebenso die Bonzen des Westens, vor allem die à la Globke wieder in staatliche Positionen gelangten Alt-Nazis angeprangert wurden. Zum allgemeinen Vergnügen wurde zum Halali gegen Bürokratie und Politik, gegen Militär und Ewiggestrige geblasen. Die Stachelschweine brachten mit brillanten Texten, viel Humor und Satire und vor allem erstklassigem Personal bürgernahe und notwendige Kritik auf die Bühne. Prominenteste Ensemble-Mitglieder waren neben dem „Stamm“ um Wolfgang Gruner u. a. Edith Hancke, Christiane Maybach, Almut Eggert, Horst Niendorf, Wolfgang Völz, Walter Gross, Wolfgang Neuss, Horst Keitel und Horst Niendorf. Viele Fernsehzuschauer und KabarettFreunde werden sich noch an den Wechsel Achim Strietzels (1926-1989) 1969 zur Münchner Lach- und Schießgesellschaft erinnern – ein unerhörter Skandal, der in der Nähe des Vaterlandsverrats

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eingeordnet wurde, etwa in der gleichen „Güteklasse“ wie Wolfgang Neuss’ Verrat des Mörders 1962 im Durbridge-Straßenfeger „Das Halstuch“. Tacker Film legt in Zusammenarbeit mit dem SFB-Nachfolger RBB (Radio Berlin Brandenburg) aktuell zum 65. Jahrestag der Gründung der „Stachelschweine“ eine DVD-Box (2 DVD) mit fünf Fernsehaufzeichnungen des SFB (Sender Freies Berlin) aus der „Ära Gruner“ vor. Die ausgewählten Programme aus den Jahren 1959–1983 sind: „Denn sie wissen, was sie tun“ (1959, 73 min), „Und vor 20 Jahren war alles vorbei“ (1965, 89 min), „Deutschland, Deutschland unter anderem“ (1967, 87 min), „Kein schöner Land als diese zwei“ (1983, 66 min), „Die abgeschriebene Republik“ (1996, 42 min). Für Kenner ein gelungenes Wiedersehen mit Rolf Ulrichs „Stachelschweinen“, das Appetit auf mehr dieser herrlichen Kabarett-Programme macht.

Die Stachelschweine 2 DVDs mit Booklet, Gesamtlänge: 357 Minuten Denn sie wissen was sie tun (1959) Und vor 20 Jahren war alles vorbei (1965) Deutschland, Deutschland unter anderem (1967) Kein schöner Land als diese zwei (1983) Die abgeschriebene Republik (1996) Mit: Wolfgang Gruner, Jo Herbst, Achim Strietzel, Joachim Röcker, Inge Wolffberg, Edith Elsholtz, Beate Hasenau, Rolf Ulrich,

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Eckhard Hachfeld, Wilfried Herbst, Günter Pfitzmann, Jochen Schröder, Uwe Paulsen, Axel Lutter u. a. m. Regie: Horst Braun, Rudolf Schündler, Horst Köller, Norbert Schultz jr. Texte: Rolf Ulrich, Wolfgang Gruner, Ralf Wolter, Dieter Finnern, Eckhard Hachfeld, Dieter Thierry u. a. Ich möcht’ ein Clown sein... Hanns Dieter Hüsch, der Philosoph vom Niederrhein So kennen wir ihn, so tragen wir unsere Erinnerungen an ihn im Herzen, so wollen und werden wir ihn für immer in unserem Gedächtnis bewahren: Hanns Dieter Hüsch. Der große Kabarettist und Philanthrop, der Philosoph im Übergangsmantel hat schon vor etwas mehr als neun Jahren der Welt Lebewohl gesagt. Nun liegt er in Moers begraben und wird von uns allen vermißt. Damit Hanns Dieter Hüschs Worte und Gedanken präsent bleiben, veröffentlichen die Musenblätter seit seinem Tod allwöchentlich einen seiner Texte. Seine Bücher werden noch immer von guten Buchhandlungen angeboten, seine Stimme klingt vertraut von Hörbüchern und CDs. Die der Zeitgeschichte verpflichtete Kölner Tacker Film von Wolfgang Dresler hat in Zusammenarbeit mit dem SWR dafür gesorgt, dass ein repräsentativer Ausschnitt aus Hanns Dieter Hüschs literarischem Kabarett auf drei DVDs kompakt bei der Hand ist, um sich jederzeit auch das bewegte Bild des Mannes auf den Bildschirm zu holen, der auch seine Zeit bewegt und das Denken seiner Zeitgenossen entscheidend mitgeprägt hat. Sieben Programme aus den Jahren 1973 bis 1999, dazu ein ausführliches FernsehInterview Hüschs aus dem Jahr 1994 für die SWF- Sendereihe „Zeitzeugen“, ein aktuelles Interview mit Jürgen Kessler vom Deutschen Kabarettarchiv, das Wolfgang Dresler geführt hat und eine Dokumentation aus dem Jahr 2000 über Hanns Dieter Hüsch und die damals 54 Ordner zu seinem Lebenswerk im Deutschen Kabarettarchiv (das sind mittlerweile eine ganze Reihe mehr geworden) fügen sich zu einem sehr persönlichen Bild dieses Ausnahmekünstlers, der ein großer Poet gewesen ist, ein Christ und Menschenfreund, ein liberaler Denker und kompromißloser Verfechter der Gewaltlosigkeit, ein Spaßmacher, der es ernst meinte und Mahner, wo es ernst wurde.

Neun Stunden und zwanzig Minuten kann man mit diesen drei DVDs in das Leben und Denken Hanns Dieter Hüschs und an seinem Beispiel (wer wüßte ein besseres?) in die Geschichte des deutschen Kabaretts eintauchen. Die DVD-Hülle zitiert den Journalisten und kritischen Autor Henryk M. Broder: „Ich bin im Laufe der Jahre immer mehr ein Hüschianer geworden. Hüsch hat mich überzeugt, dass es richtig ist, das Leben als eine Art Parodie auf sich selbst zu begreifen.“ Das begreift, wer Hüschs kabarettistische und schriftstellerische Entwicklung von den „Tol(l)eranten“ und die „Arche Nova“ bis zu den Solo-Programmen, von den FriedaGeschichten und das „Schwarze Schaf vom Niederrhein“ bis zu den Psalmen, heimatverbundenen Bildbänden und autobiographischen Büchern verfolgt hat. Mehr als 70 Programme zeichnen diesen Weg nach. Mit den hier ausgewählten 10 % davon ist dem Herausgeber eine sehr gute Auswahl gelungen.

HÜSCH - Sieben Kabarettprogramme aus drei Jahrzehnten © 2011 Tacker Film, © 1973 Telepool Zürich, © SDR/SWR/SWF 1981, 1986, 1987, 1988, 1991, 1994, 1999, 2004 Unvergessen: Dieter Hildebrandt Seine „Klamödien“ und sein letztes Programm Ein weiterer Glücksfall für die Dokumentation der Kabarettgeschichte sind die beiden jüngsten, vor wenigen Wochen von Wolfgang Dresler in seinem engagierten


Kabarett-Projekt veröffentlichten DVDs, eine mit der Aufzeichnung von Dieter Hildebrandts letztem Programm vor genau zwei Jahren in Soest „Ich kann doch auch nichts dafür…“ (2013) und mit einem Griff in die TV-Klamottenkiste, mit dem er Hildebrandts Komödien „Star im Nest“ und „Wurm im Bau“ dem Vergessen entreißt. „Das Vermächtnis des größten deutschen Kabarettisten: Jeder, der das Glück hatte, Dieter Hildebrandts letztes KabarettProgramm live zu erleben, war begeistert, mit welchem Wortwitz und Scharfsinn die lebende Kabarett-Legende modische Unsitten, mediale Verblödung oder politische Volltrottel aufs Korn nahm. (…) Im Februar 2013 ließ Hildebrandt sein Soloprogramm „Ich kann doch auch nichts dafür“ von Rüdiger Daniel, einem befreundeten Fernsehproduzenten, aufzeichnen. Es war ein scheinbar ganz gewöhnlicher Abend – doch diese Aufzeichnung ist das letzte Dokument eines Hildebrandt Bühnen-Auftritts. Das Vermächtnis des großen Dieter Hildebrandt, der auch nach fast 60 Jahren auf der Bühne noch ganz der Alte ist: böse und witzig, bissig und charmant, sehr persönlich und mit der Weisheit von 85 bewegten Jahren.“ Passend zur eben ausgeklungenen Session Dieter Hildebrandts Eröffnung damals: „Man muß an diesem politischen Aschermittwoch mal teilgenommen haben – und am Karneval, wenn man den Zuwachs an Verblödung im Lande wahrnehmen will.“ In den auf-/ausgezeichneten 90 Minuten kann man als Zuschauer ein letztes Mal vom Scharfsinn und Witz dieses einzigartigen Kabarettisten überzeugen, dessen Name untrennbar mit einem der besten deutschen

Kabaretts nach 1945, der „Münchner Lachund Schießgesellschaft“, mit den „Notizen aus der Provinz“ (ZDF) und dem skandalträchtigen „Scheibenwischer“ des SFB/BR verbunden ist. Dieter Hildebrandt – „Ich kann doch auch nichts dafür“ © 2014 Tacker Film / Dibsfilm Rüdiger Daniel, ca. 110 Minuten, Bildformat 16:9 Die DVD enthält als Bonus Interviews mit Dieter Hildebrandt und Renate KüsterHildebrandt. Die „Klamödien“ Aber auch als Drehbuchautor und Schauspieler hatte Dieter Hildebrandt einiges zu bieten, unter anderem ist er durch seine Bearbeitung und die Darstellung des Dr. Murke in Heinrich Bölls „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ vielen in Erinnerung, und zu den zu Silvester über viele Jahre meist-wiederholten Filmen gehörte sein „Streichquartett“. Zwei köstliche Funde aus dem SWR-Archiv finden sich auf einer weiteren Hildebrandt-DVD: die Komödien „Star im Nest“ und „Wurm im Bau“, beide 1973 vom damaligen SDR mit Publikum live gesendet, was ihren besonderen Reiz ausmacht. In „Star im Nest“ gibt Hildebrandts langjähriger Kabarett-Weggefährte Hans-Jürgen Diedrich einen Fernsehstar, der das Leben der Familie Meusel (Hildebrandt, Edith Hancke, Stephan Schwartz) gehörig durcheinanderwirbelt. Mit dabei u.a. Dietz Werner Steck, Siegurd Fitzek, Inken Sommer und Hans-Hermann Schaufuß. In „Wurm im Bau“ spielen Diedrich und Hildebrandt zwei eher dem Bier als der Arbeit zugeneigte Bauarbeiter, die das

Schloss Lüntenbeck Mode, Stoff und Stil

Bauprojekt und die halbe Stadt durch ihre Unfähigkeit ins Chaos stürzen, aber auch einige interessante Enthüllungen ermöglichen. Auch hier sind so wunderbare Schauspieler wie Bruni Löbel, Paul-Edwin Roth, Eva Kinsky, Rainer Basedow, Walter Jokisch, Siegurd Fitzek, Achim Strietzel und Hans Timerding beteiligt – ein reines Vergnügen. Dieter Hildebrandt hat seine köstlichen Stücke in Tradition der Farce übrigens „Klamödien“ genannt. Und das sind sie im besten Sinne auch. Ein Interview Dieter Hildebrandts zu seinem 60. Geburtstag 1987 mit Wieland Backes rundet diese DVD ab. Tip: Tacker Film hat auch weitere DVDs mit Programmen von Hanns Dieter Hüsch, Dieter Hildebrandt und Gerhard Polt im Programm: Informationen: www.tackerfilm.de Frank Becker

8. – 10. Mai 2015

Modenschau täglich 12 Uhr – Workshops und Kinderwerkstatt Tageskarte: 4 €, Dauerkarte: 6 €, Kinder bis 12 Jahre frei | Kombiticket ÖPNV: 6 €, erhältlich über www.wuppertal-live.de Schloss Lüntenbeck | www.schloss-luentenbeck.de Öffnungszeiten: 11 bis |1842327 Uhr |Wuppertal Schloss Lüntenbeck, 42327 Wuppertal | Anfahrt und Parken: www.schloss-luentenbeck.de

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BAHNHOFSGESTALTEN Menschen fluten den Bahnhofstunnel im Gezeitenlauf der Fahrpläne strömen sie an den Gestrandeten vorbei Windzüge tragen das Ave Maria des edlen Geigers im Frack, der gar nicht hierher passt in den schäbigen Tunnel wo Wachttürme sich Dir stumm entgegenstrecken und sie für 1-Euro-Döner Schlange stehen neben dem alten Mann mit der Margarinedose unter seiner Schirmmütze die Hoffnung auf ein paar Cent von denen auch der schwarze Hut mit Sonnenbrille träumt Lindenberglieder zu Gitarrenklängen und Mundharmonika Ich streife gegen den eiligen Strom Hörmuscheln sind hier kaum zu finden schnorrende Junkies brechen die Gischt werfe mein Geld nicht in den Sand und bin eigentlich selbst schon längst zur Bahnhofsgestalt geworden.

Gedicht Marina Jenkner Foto „Hbf “ aus der Serie Urbanics von Matthias Neumann

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Am I Still A House ? Ausstellung Erwin Wurm im Skulpturenpark Waldfrieden Vom 11. April bis 21. Juni 2015 präsentiert der Skulpturenpark Waldfrieden eine Auswahl von Werken des österreichischen Künstlers Erwin Wurm. Unter dem Titel „Am I Still A House?“ werden Skulpturen und Videoarbeiten Erwin Wurms gezeigt, die sich auf das Motiv des Hauses beziehen.

linke Seite: Detain, Foto: Eva Würdinger

Erwin Wurm gehört gegenwärtig zu den erfolgreichsten Künstlern aus Österreich. Die Ansätze seines Schaffens sind vielschichtig und entsprechend vielfältig sind die Ausdrucksformen seines Werks. Neben Skulpturen umfasst sein Oeuvre Filme, Fotografien, Zeichnungen und Performances, wobei er selbst zusammenfassend feststellt, dass es ihm darum gehe, den „Alltag aus einer anderen Perspektive zu zeigen“. Die Motive seiner Kunst sind meist Objekte der Alltagswelt. Doch im Zuge des künstlerischen Prozesses werden seine Häuser, Autos, Kleidungsstücke u. v. m. formal verfremdet oder in ungewohnter Weise verwendet. Ein bekanntes Beispiel dieser Methode sind seine improvisierten „One Minute Sculptures“. Dabei gibt der Künstler Anweisungen zur Interaktion mit Alltagsgegenständen. Die ausführende Person wird durch die Aktion für einen kurzen Zeitraum selbst zur Skulptur.

Die Ausstellung „Am I Still A House?“ präsentiert Skulpturen Erwin Wurms, die sich auf das Motiv des Hauses beziehen. Darunter ist die begehbare Plastik „Fat House“ aus dem Jahr 2004, ein Landhaus in Originalgröße, das mit einer menschenhaften Fettleibigkeit versehen ist. Ein Video im Inneren der Skulptur zeigt eine Computeranimation des sprechenden Hauses, das über existentielle Fragen monologisiert. Ebenso wie „Fat House“ sind auch die übrigen Exponate auf irritierende Weise verformt: sie sind fett und adipös, zerklüftet, sie schmelzen dahin oder zeigen Spuren gewalttätiger Bearbeitung. Diese Verfremdung verleiht den Werken ihre skulpturale Qualität und führt die Wahrnehmung in einen Grenzbereich, wo die spontane Identifizierung des Kunstwerks mit dem banalen Motiv „Haus“ scheitert. Stattdessen wird die abstrakte, formale Qualität des Objektes in den Blickpunkt gerückt.

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Erwin Wurm, geboren 1954 in Bruck, Österreich, studierte zunächst an der Universität Mozarteum Salzburg, besuchte anschließend die Hochschule für angewandte Kunst und die Akademie der bildenden Künste in Wien. Von 2002 bis 2010 lehrte er als Professor für Bildhauerei/Plastik und Multimedia an der Universität für Angewandte Kunst Wien. 2013 wurde er mit dem Großen Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet. Ruth Eising Skulpturenpark Waldfrieden Hirschstraße 12, 42285 Wuppertal Tel. 0202 47898120 www.skulpturenpark-waldfrieden.de Öffnungszeiten: März – Oktober: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 19 Uhr November – Februar: Freitag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr rechts: Disruption, unten: Divert Fotos: Eva Würdinger

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Paragraphenreiter Kann ich mit Liebhaberei Steuern sparen?

Susanne Schäfer, Steuerberaterin Geschäftsführerin der Rinke Treuhand GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft/ Steuerberatungsgesellschaft

Leider nicht. Wobei es bei diesem Thema zunächst einmal wichtig ist, die Begrifflichkeiten zu klären. „Liebhaberei“ im Sinne der nachfolgenden Betrachtung ist nicht das kleine Abenteuer zwischendurch und auch vom Rotlichtbereich meilenweit entfernt (obwohl auch dessen steuerliche Betrachtung ein dankbares Feld bieten würde). „Liebhaberei“ wie das Finanzamt und ich sie verstehen, ist eine Herzensangelegenheit, eine Leidenschaft, etwas, das man tun WILL, einfach tun MUSS, unabhängig davon, was es kostet und ganz sicher nicht nur, um damit Geld zu verdienen. Ein bisschen weniger leidenschaftlich beschreibt das die Oberfinanzdirektion Karlsruhe in ihrer Verfügung „Leitfaden für die Liebhaberei“. (Ja, sowas gibt´s wirklich! Tatsächlich gibt es kaum einen Bereich des menschlichen Lebens, der durch die Finanzbehörden nicht geregelt würde.) In diesem Leitfaden, der natürlich auch weniger unsittlich-körperlich-technische als vielmehr finanziellsachlich-rechtliche Hinweise gibt, heißt es: „Verluste, die der Steuerpflichtige aus persönlichen Gründen bzw. Neigungen hinnimmt, sind einkommensteuerlich nicht berücksichtigungsfähig.“ Und genau hier liegt das Problem: während Verluste aus einer Tätigkeit als Metzger, Gemüsehändler oder Architekt in der Regel auch dann steuerlich anerkannt werden, wenn sie sich über mehrere Jahre fortsetzen, kann eine steuermindernde Berücksichtigung, „die dazu bestimmt und geeignet ist, private bzw. persönliche Neigungen zu befriedigen,“ von Anfang an versagt werden. Kein Wunder – will das Finanzamt doch nicht den privaten Whisky-Konsum finanzieren, nur weil der Spirituosen-Kenner hin und wieder auch mal ein Fläschchen weiter verkauft. Auch Pferdezucht, Winzerei und Yachtcharter sind beliebte Betätigungen, deren Verluste von anderen, positiven Einkünften abgezogen werden und so zu Steuerminderungen führen sollen.

in Verbindung stehenden Einnahmen steuerlich auch dann nicht anzuerkennen sind, wenn der Steuerpflichtige behauptet, er habe seine Tätigkeit als WhiskyHändler, Pferdezüchter, Winzer oder Yachtvermieter gerade erst begonnen und müsse sich am Markt erst etablieren. Außer bei Künstlern. Bei diesen ist die auch vom Fiskus anerkannte Marktetablierungsphase deutlich länger. Sollten Sie also ein hoffnungsvoller Maler sein, dürften Sie 18 Jahre in Folge Ihre Verluste aus der künstlerischen Tätigkeit auch steuerlich geltend machen – so entschieden am 29. Januar 2002 vom Finanzgericht Köln. Laut den Kölner Finanzrichtern berechtigt ein Maler, der Kunst in Köln und Paris studiert hat, im Jahr 1966 seine erste Einzelausstellung und bis zum Jahr 1997 140 in- und ausländische Ausstellungen (u. a. in San Francisco, Brüssel, Stockholm, Antwerpen und Rom) hatte, in einem Kunstbuch als einer der 100 berühmtesten Kunstmaler Deutschlands aufgeführt wurde und in den Kulturprogrammen des Fernsehens mehrmals zu Gast war, zu den schönsten Hoffnungen – nämlich der Hoffnung, dass er nach diesen 18 Jahren mit seiner Tätigkeit auch einmal besteuerungsfähige Gewinne erzielt. Hoffen wir für unseren Kunstmaler, dass das tatsächlich irgendwann geklappt hat.

Grundsätzlich kann in allen diesen Fällen davon ausgegangen werden, dass Ausgaben, die über einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren höher sind, als die damit

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Nachruf In zehn Jahren werde ich vielleicht mit meinen Kindern über den Bahnhofsvorplatz des Wuppertaler Hauptbahnhofes laufen, womöglich froh, dass sie nicht den Wunsch geäußert haben im Primark etwas zu kaufen. Wir werden über eine breite Brücke mit kleinen Geschäften gehen, die uns würdevoll und erhaben über dem Autoverkehr in die Elberfelder Innenstadt leitet, und dann werde ich ihnen erzählen von dem Tunnel, der einst Harnröhre genannt wurde und der das erste war, was ich von dieser Stadt gesehen habe, als ich damals zum Studium hierherkam.

Bahnhofstunnel Döppersberg Foto: Christoph Müller

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Damals ging die Unterführung zu den Bahnsteigen direkt in den Tunnel über. Als erstes kam ein kleiner Kiosk, den man auf beiden Seiten umlaufen konnte; er hatte rundum Fenster mit Regalen, in denen Jägermeisterflaschen, Limonade und Schokoriegel ausgestellt waren. Rechts ein Bäcker, an dessen Hinterausgang die Rolltreppe und die Treppe in die Bahnhofshalle hinaufführten. Hier oben gab es einen Drogeriemarkt, einen weiteren Bäcker, die kurze Treppe zu Gleis 1, das Reisezentrum der Bahn, McDonald’s, einen Blumenladen mit einer alten nostalgischen Kasse und den Hauptausgang zu den Taxiständen und der Hähnchenbude, die ihren fettigen Geflügelgeruch manchmal bis ins Gebäude schickte. In der Bahnhofshalle konnte man an einer Brüstung stehen, in den Tunnel und auf die eilenden Menschen hinunterblicken. Unten hinter der Rolltreppe waren Schließfächer und eine kleine Kneipe, in der ich nie war, aber davor stand eine Modelleisenbahn in einem Glaskasten,

in die man Münzen werfen und sie so zum Fahren bringen konnte. Einmal war ich an dieser Modelleisenbahn zu einem Blind Date verabredet, aber das werde ich vielleicht nicht erzählen und auch nicht, dass der Mann mich versetzte. Gegenüber der Rolltreppe lag die freundlich beleuchtete Bahnhofsbuchhandlung, mit Zeitschriften, Zeitungen und auch ein paar Büchern. Ich kannte mal jemanden, der in seinem Nebenjob dort Konflikterfahrung für seinen Traumberuf als Auslandskorrespondent sammeln wollte. Neulich traf ich ihn wieder. Ich glaube, er träumt noch heute. Nach der Buchhandlung führte der eigentliche Tunnel bergab. Eine Zeit lang gab es an dieser Stelle einen Bratwurststand, den man auf beiden Seiten umlaufen konnte, doch der Duft von Bratwürstchen fing einen immer ein. Zuletzt stand dort eine digitale Werbetafel. Das Dach des Tunnels war aus erdrückend braunen Holzbohlen, den Boden zierten Platten mit unzähligen graugetretenen Kaugummiresten. Da


half auch der orange gekleidete Mann mit der Kehrmaschine nichts. Rechts und links waren kleine Schaukästen in die Wand eingelassen, deren Dekorationen und Informationen zumeist aussahen, als seien sie seit zehn Jahren nicht gewechselt worden. Vor den Schaukästen auf der rechten Seite saß manchmal eine alte Türkin auf einer leeren Getränkekiste, die auf einer Decke ausgebreitet Schmuck anbot. Auf der anderen, der linken Seite, stand des Öfteren eine schlanke Frau mit Gitarre, die mit blauen Lippen von Gott sang und mit ihrer Stimme den gesamten Bahnhofstunnel füllte. Ich war sicherlich nicht die einzige, die davon eine Gänsehaut bekam. Und trotzdem lief man meist vorbei, allein schon deshalb, weil es bergab ging und die Füße einen in diese Richtung leicht durch den Tunnel trugen. Dahingegen war der Gang durch den Tunnel in Richtung der Gleise anstrengender, denn es ging steil bergan und die niedrigen braunen Decken drückten aufs Gemüt.

Ab und zu stand vor den Schaukästen auch ein edler Geiger im Frack, der überhaupt nicht in diesen schäbigen Tunnel passte, und doch immer so virtuos spielte, als stünde er im Opernhaus. Am Ende der Schaukästen führte eine Treppe hinauf zur Bahnhofstraße, an dieser Stelle saß häufig ein Mann mit schwarzem Hut, Sonnenbrille, Gitarre und Mundharmonika, der mit rauer Stimme Lindenberg-Lieder durch den Tunnel schickte. Gegenüber gab es eine Rolltreppe zur Straße Döppersberg, die zum Schluss defekt und gesperrt war. Aber als sie noch funktionierte, sah es von unten so aus, als würde man in den Himmel fahren, weil erst kurz vor Ende der Treppe die Bushaltestelle, die Straße und das Intercity-Hotel sichtbar wurden. Nach diesen beiden Treppenaufgängen reihten sich den Tunnel bergab rechts und links verschiedene kleine Geschäfte aneinander. Rechts ein Frisör, ein Telefonshop, ein Juwelier, links ein Asia-Imbiss, ein kleines italienisches Café, ein uriger Wurstspezialitätentladen und ein Lotto- und Tabakladen. Manche

Geschäfte wechselten, ich meine, es hätte auch mal einen Taschenladen, einen Obstladen und eine Eisdiele gegeben, auf der linken Seite waren jedenfalls immer Stehtische platziert und dahinter verkündeten die Zeitungsständer des Lottoladens das Weltgeschehen. Gegenüber stand ein braun umrandetes beleuchtetes Schild mit den unterschiedlichen Buslinien, und es gab einen kleinen Fahrkartenverkaufsschalter, in dem sehr beengt eine Frau saß und Auskünfte gab. Daneben hockte bisweilen ein alter Mann mit einer blauen Schirmmütze, einem kleinen Rollkoffer und einer Margarinedose auf seinem abgenutzten Klappstuhl, in der Hoffnung auf ein bisschen Kleingeld. Rechts davon eine weitere Bäckerei – dort gab es früher zwei Rosinenbrötchen für eine D-Mark –, dahinter war der Ausgang zu den Bussteigen mit einer Treppe und einer defekten Rolltreppe. Die Bussteige waren viel zu eng und nur durch einen dünnen durchsichtigen Zaun vom Autoverkehr der Bundesallee getrennt. Im Sommer brannte hier der Asphalt und

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die Haltstellenhäuschen boten kaum Schutz vor der Sonne. Dort drängte ich mich mit anderen Studenten, um von der 615 oder der 645 über eine Rampe hinauf auf den Grifflenberg gebracht zu werden. Unten im Tunnel ging es auf der rechten Seite weiter mit „Happy Döner“ – hier gab es neben Kebab auch Pizza und auf jeden Fall günstige Preise. Gegenüber ein Blumenladen, in dem ich manchmal eine Rose oder eine Gerbera gekauft habe, als spontanes Mitbringsel. Vor dem Laden standen von Zeit zu Zeit morgens Kränze für Beerdigungen und begrüßten die Passanten aus der Fußgängerzone mit morbidem Charme so wie der Tunnel selbst. Am Ende des Bahnhofstunnels, vor einem weiteren Aufgang zu den Bussteigen, standen fast täglich die Zeugen Jehovas und hielten mahnend ihre Wachttürme hoch, um den verlorenen Schiffen den Weg zu weisen. Nun ging es bergauf und das Tageslicht rief immer eine gewisse Erleichterung hervor. Wenn man aus dem Tunnel trat, fuhr manchmal gerade eine freundliche Schwebebahn in die Station Döppersberg ein. Dann musste man nur noch Slalom um die immer gleichen Personen, die vor dem Köbo-Haus von Bierdose zu Bierdose lebten, laufen und schon war man in der Elberfelder Innenstadt. „Cool“, werden meine Kinder vielleicht sagen, wenn wir an den gleichgesichtigen kleinen Geschäften, die es in jeder Stadt gibt, auf der Brücke entlanggehen, und ich ihnen vom alten Bahnhofstunnel erzähle. „Nein“, werde ich antworten. „Es war nicht cool, es war auch nicht schön, vielleicht war es nicht einmal besonders praktisch. Aber es WAR.“ Marina Jenkner Fotos: Christoph Müller

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Kurzgeschichten Marianne Ach geboren an der tschechischen Grenze, Ausbildung als Kindergärtnerin und Katechetin, Universitätsstudium in München, Realschullehrerin in München für die Fächer Deutsch und kath. Religion Seit der Pensionierung Unterricht bei Asylbewerbern Buchveröffentlichungen: Goldmarie Pechmarie, Roman (2004) Der Blechsoldat, Novelle (2006) Winterherzen, Roman (2008) Glück ist ein seltener Vogel, Autobiografie (2010) Am Horizont kein Zeichen (Erzählungen) (2014)

Aqua Das Haus führte ein strenges Eigenleben. Es stand etwas abseits, wirkte geradezu erhaben, wenn dieser Begriff für ein Gebäude überhaupt zulässig ist. Die Farbe an den Wänden begann abzublättern. In Augenhöhe war das Wort AQUA zu lesen. Unter der Dachtraufe hingen Spinnweben, und an den Fenstern dünne Stores, das ganze Jahr über zugezogen, als wäre ein Blick ins Innere eine frevelhafte Tat. Der Knauf an der Türe war abgenutzt, die Glocke gab keinen Ton mehr von sich. Nur einmal hatte eine vom Ort ihr Gesicht an die Fensterscheibe gepresst, Ausschnitte gesehen aus einem abgegriffenen Leben: eine Standuhr, deren Pendel still stand, ein von der Zeit nachgedunkeltes Ölgemälde, eine Frau, die vorbeihuschte, als könnte ihr Körper einen bedrohlichen Schatten werfen. Dann verschwand auch sie. Die Eingangstüre stand halb offen, und wer wollte, konnte hineingehen und mitnehmen, was von einem vergangenen Leben noch übrig geblieben war. Ein Mann, der nicht wusste, wohin er gehörte, strich immer wieder um das

Gebäude herum, lauerte, sprach mit sich selbst, setzte Fuß vor Fuß und stand endlich im Flur. Er atmete vorsichtig, als könnte einer, den man vergessen hatte, aus seinem Schlaf geweckt werden, betastete die Wände, die riesigen Blumen auf den Tapeten, ging von Raum zu Raum, in denen sich gähnende Leere ausgebreitet hatte. Fand eine Nische für seine Müdigkeit, legte sich hin und schlief ein. Er träumte von jenem Reichtum, der ihn augenblicklich von seiner Not befreien könnte, wachte auf und fror. Auf dem Fensterbrett lag eine alte Zeitung. Kein Holzscheit, keine Kohle, nur undichte Fenster, durch die ein kalter Wind pfiff. Und draußen das, was er Leben nannte. Für mich ist es vorbei, dachte er, ich habe nicht aufgepasst, jene Regeln nicht beachtet, mit denen man vernünftig leben, zumindest existieren kann. Heinz stand auf, fand einen Wasserhahn, aus dem ein dünner Strahl kam, wischte über sein Gesicht, sah in einen Spiegel und erschrak. „Ich.“ „Ich“, wiederholte er. „Zurückgelassen wie ein krankes Tier.“

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Er öffnete seinen Rucksack, legte die Dinge, die ihm gehörten, in einer geraden Linie auf den Tisch. „Ich habe mich von der Frau getrennt, für die ich anfangs mein Leben riskiert hätte. Sie war schwanger, der Bauch wurde täglich größer. Um Gotteswillen, nur kein Kind, sagte ich zu ihr. Nach drei Tagen war ihr Bauch flach. Wo ist es? Verschwunden. Dann verschwand auch ich. Es wäre jetzt siebzehn Jahre alt.“ Draußen waren Schritte zu hören, die Straßenlampe warf einen matten kreisrunden Schein auf das Trottoir. Eine Sirene heulte, dann wurde es wieder still. Bolero tanzen „Ich will das Kind nicht.“ Der Arzt schweigt, rückt die Blumenvase, die auf seinem Schreibtisch steht, zur Seite und sieht die Frau wortlos an. Ihr Gesicht ist hübsch und offen, denkt er, vielleicht achtunddreißig, modisch gekleidet, nicht unbedingt eine, die leichtfertig mit dem Leben umgeht. Es klopft. Er steht auf, öffnet die Türe: „Im Moment ungünstig!“ „Ich will das Kind nicht.“ „In welchem Monat?“ „Im dritten.“ „Sie kommen spät.“ „Ich weiß.“ „Und der Vater des Kindes?“ „Es gibt keinen.“ Der Arzt rückt die Vase noch ein Stück zur Seite. „Das heißt“, beginnt die Frau nach einer Pause, „es gab einen. Wir brauchen einander nicht mehr. Und deshalb darf es auch das Kind nicht geben.“ Sie wischt sich unwillig eine Strähne aus dem Gesicht, klopft energisch auf ihren Bauch. „Was ist es schon? Ein Embryo, weiter nichts.“ „Und trotzdem ein lebendiges Wesen.“ „Kommen Sie mir nicht damit.“ „Womit soll ich denn sonst kommen?“ „Dass Sie einverstanden sind. Sie müssen einverstanden sein. Ich kann übrigens Bolero tanzen.“ Die Frau steht auf, schiebt graziös einen Fuß vor den anderen, dreht sich einige Male um sich selbst und summt vor sich hin. „Damals“, ergänzt sie, „das war noch eine gute Zeit.“

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„Manchmal wiederholen sich gute Zeiten.“ „Sie sind ein Optimist.“ Der Arzt geht ans Fenster, denkt an jenen Tag, als seine Frau kein Kind mehr wollte. Drei, das muss genügen. Wo drei sind, hat ein viertes auch noch Platz, hatte er geantwortet, und sie hatte nur hämisch gelacht. Eine Fremde, die mit einem Kinderwagen an ihrem Haus vorbeifuhr, brachte damals die Entscheidung. „Kommen Sie her! Schauen Sie hinunter auf die Straße. Betrachten Sie die Menschen, die hier vorbeigehen. Sie suchen alle dasselbe. Manchmal hilft ein Blick auf andere, um sich selber über etwas klar zu werden. Ich lasse Sie eine Weile allein.“ Als er zurückkommt, ist die Frau verschwunden. (Aus: Am Horizont kein Zeichen) Ost und West Ein Kind steht an der Mauer, reckt und streckt sich, wird zornig, lässt sich ermattet auf den Boden fallen. „Du musst noch ein Stück wachsen, um ihr Haus sehen zu können“, sagt der Vater häufig. „Drüben wohnt deine Mutter, und hier wohne ich, und du pendelst zwischen Ost und West“, sagt er lachend. „Und warum können wir nicht alle beisammen bleiben?“ „Das habe ich dir oft genug erklärt. Du kannst jederzeit hinübergehen und sie besuchen. Sie hat nichts dagegen.“ Das Kind isst Dreck, wühlt in der Erde. „Ich grabe ein Loch und schlüpfe unten durch.“ „Es geht viel einfacher. Du brauchst nur zu läuten, dann wird dir geöffnet. Deine Mutter ist fast immer zu Hause.“ Das Kind ist unschlüssig, wartet, will am Fenster die blondeFrau sehen, liebt es, wenn sie winkt, es einlädt, es verwöhnt. Heute wird kein Vorhang bewegt, keine Tür geöffnet, bleibt das Haus stumm. An der Mauer wächst Spitzwegerich, hat einer ein böses Wort hingekritzelt. Dehnt sich der Efeu nach allen Seiten aus. Das Kind geht näher an das Gartentor heran. Vielleicht ist sie gar nicht da. Dann läutet es endlich. Es dauert, bis eine Tür geöffnet wird, die blonde Schönheit herauskommt, verzweifelt lächelt, stumm die Hand hinhält.

„Kann ich reinkommen?“ „Momentan ist es schwierig, aber wenn du nicht lange bleibst, gerne.“ „Nur eine Stunde.“ Das Kind zögert, läuft dann doch hinter der Mutter her, möchte umarmt werden, hören, dass es jederzeit willkommen ist. Im Flur stehen Männerschuhe, hängt ein Mantel, den es nicht kennt. „Willst du Pommes?“ „Mit Ketchup.“ „Das habe ich leider nicht hier.“ „Dann ohne.“ „Setz dich auf das Sofa und sei leise. Oben schläft einer.“ Das Kind will fragen, bleibt stumm, sieht die Bilder an, die Uhr, will, dass die Zeiger sich Zeit lassen, diese eine Stunde sich ausdehnt, nicht aufhört. Es riecht nach Fett und nach einem fremden Mann. „Ist er groß?“ „Wer?“ „Der andere.“ „Das geht dich nichts an.“ Die Pommes schmecken nicht. Bleiben im Hals stecken. „Keinen Appetit?“, fragt die blonde Frau. „Es sind so viele.“ „Du siehst dünn aus.“ „Mir geht es gut.“ „Und dein Vater?“ „Heute Nachmittag fährt er mit mir in den Zoo.“ „Und sonst?“ „Er hilft mir bei den Hausaufgaben, ich darf sogar meine Freunde mitbringen.“ „Dann bin ich ja beruhigt.“ Draußen im Flur geht einer auf Zehenspitzen. „Komm` rein! Du bist ja kein Verbrecher.“ „Das ist mein Neuer“, sagt sie. „Ein Neuer“, wiederholt das Kind, sieht ihn lange an, den Fremden. Nicht wie Papa, denkt es. Steht plötzlich auf. „Ich geh in den Osten.“ „Was soll das denn bedeuten?“ „Ich geh hinüber zu meinem Papa.“ „Ich habe seinen Humor nie verstanden.“ Der Fremde reicht dem Kind freundschaftlich die Hand. „Du kannst wiederkommen.“ „Vielleicht.“ Im Osten ist es schöner, denkt das Kind, stolpert hinein in das andere Haus, will


schreien vor Glück, sieht im Flur eine Pelzjacke hängen. „Wir haben Besuch“, sagt der Vater. „Gehst du mit mir in den Zoo?“ „Wenn du bis morgen warten kannst, dann ja.“ Eine fremde Frau sitzt auf dem Sofa mit überhitztem Gesicht, kichert, kann gar nicht mehr aufhören, nimmt ein Taschentuch und hält sich den Mund zu. „Das ist Vera.“ Ich werde Dreck essen, denkt das Kind, geht hinaus und gräbt ein Loch zwischen Ost und West. (Aus: „Am Horizont kein Zeichen“) Wer sucht, der findet Mit dreizehn Jahren ist mir meine Mutter abhanden gekommen. Ich habe sie nicht mehr gefunden, nicht hinter dem Holunderstrauch, auch nicht in der guten alten Stube unserer Nachbarn. Vielleicht steht sie auf der Straße und reibt etwas zwischen ihren Händen, von dem ich immer noch nicht weiß, was

es ist. Oder sie steht am Herd und stiert ins Feuer. Ihr Gesicht ist glutrot. „Ich spür schon wieder das Herz“, sagt sie. Wir Kinder träufeln Herztropfen auf ein Stück Würfelzucker und warten, bis sie sich beruhigt hat. „Ihr habt ja von allem keine Ahnung“, sagt sie. Ich reiße den Blumen die Blätter aus dem Leib: Sie liebt mich, sie liebt mich nicht. Keiner liebt mich. „Mutter, warum haben manche Kinder keinen Vater mehr?“ Sie dreht sich um, geht in den Keller, zupft junge Triebe von den Kartoffeln, holt Eier, schlägt sie in die Pfanne, geht in der Küche auf und ab, spricht mit sich selbst und wird dabei unruhig und böse, sie geht auf die Straße und erzählt, dass die Nachbarin die dritte Fehlgeburt gehabt habe und dass die Bettfedernreinigung endlich wieder im Dorf sei. „Mutter, die Bettdecke ist viel zu

schwer, und in der Nacht ist es so heiß.“ „Ihr braucht euch ja nicht zuzudecken. Seid froh, dass endlich Sommer geworden ist.“ Wir decken unsere Geheimnisse zu, schwere umständliche Geheimnisse, ohne mit jemandem darüber zu sprechen. Mir ist meine Mutter abhanden gekommen, und keiner weiß, wo sie geblieben ist, nicht einmal der Herr Lehrer, der mir sonst jede Frage beantwortet, der Pyramiden an die Tafel zeichnet, uns strammstehen lässt, einen Stock hervorholt, wenn wir nicht brav sind, der uns Länder zeigt, die es gar nicht geben kann, der immer für die Wahrheit eintritt, obwohl ich ihn schon beim Lügen ertappt habe. „Du träumst“, sagt er zu mir und klopft mir energisch auf die Finger. „Ich suche meine Mutter“, antworte ich ihm, und meine Großmutter hat immer gesagt: Wer sucht, der findet.“ Marianne Ach

Sparkassen-Finanzgruppe

„Wunderbar, dass unsere Sparkasse einer der größten Kulturförderer Wuppertals ist.“

 Die Stadtsparkasse Wuppertal unterstützt Soziales, Kultur und Sport in Wuppertal mit rund 5 Mio. € pro Jahr. Wir sind uns als Marktführer unserer Verantwortung für die Menschen und Unternehmen in unserer Stadt bewusst und stellen uns dieser Herausforderung. Mit unserem Engagement unterstreichen wir, dass es mehr ist als eine Werbeaussage, wenn wir sagen: Wenn’s um Geld geht – Sparkasse

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Alibis Sigmar Polke. Retrospektive im Museum Ludwig noch bis zum 5. Juli 2015

Sigmar Polke – 1941 in Oels (Schlesien) geboren und 2010 in Köln gestorben – ge hört zu den be deu tend stenKün stlern der Gegenwart. Die Ausstellung präsentiert Werke von 1963 bis 2010. Sigmar Polke hatte sich selbst immer allen kunsthis torischenEi nord nun genzu entzie hen ver sucht.In sein erer stenposthu men Retrospektive, die nach New York und London seit 14. März 2015 im Museum Ludwig in Köln gezeigt wird, werden daher zum ersten Mal alle künstlerischen Me di enberück sichtigt,mit de nenPolke Zeit seines Lebens in ten sivar beit ete. In rund 250 Werken werden nicht nur seine Malerei und Grafik, mit denen Polke bekannt wurde, ausgestellt, sondern auch Zeich nun gen,Sk izzen büch er , Ob jekte,Skulp turen, Fo to graen, fi Filme, Di ain s tal la tion und Fo tokopierar beiten. Viele Werke wurden noch nie in Deutschland gezeigt. Auf diese Weise wird deutlich, wie Polke die Medien miteinander verknüpfte und sich gegenseitig durchdringen ließ: In seinen Gemälden setzte er fo to grasche fi Substanzen ein; Raster aus Druck ver fahren ver wan delteer in Gemälde, Fo to graen fi wurden durch ma nip ulierte En twick lungsprozesse zu Unikaten; seine filmischen Erkun dun gen in spiri erten sein Ge samtwerk. Der Ti tel der Ausstellung spielt auf diesen neuen Künstlertypus an, der sich allen Erwartun genwiderset ztund entzie ht.

Zugleich lenkt der Titel den Blick auf den ge sellschaft shis torischenKon text sein erAr beit en.Denn wie kein an derer Künstler beobachtete Polke das Zeitgesche hender al tenBun des er pub likund re flektierte ihre verdrängte Geschichte des Na tio n al sozial is mus. Greifen seine Gemälde der 1960er Jahre die Konsumund Waren welt des bun des deutschen Wirtschaft sauf sch wungsironisch auf, so lassen sich in seinen von Massenkultur aufge so ge nen,und in un ter schiedlich sten Me di enumge set zten,kol lab o ra tiv enArbeiten der 1970er Jahre viele Anspielungen auf die neuen sozialen Bewegungen und ihre Subkulturen fin d en.In sei nen groß for mati genab s trak tenGemäl den sind es seit den 1980er Jahren die neuen Ma te rialien,wie pho to chemische,wärmeund feuchtigkeit sempfindliche, aber auch giftige Substanzen, die eine verunsichernde und ambivalente Wirkung auf den Betrachter haben. „Die Dinge sehen, wie sie sind,“ lautet ein Titel seiner Werke. Bezeich nen derweise er scheintder Ti tel im Bild spiegelverkehrt. Eindeutigkeit des Sichtbaren umzukehren und in Frage zu stellen, trieb Sigmar Polke zu immer neuen kün st lerischenEr probun genvon Ma te rialienund Tech niken.Die ausgestellten Werke werden am Ort ihres Entstehens – denn Köln war mehr als 30 Jahre Sigmar Polkes Lebensmittelpunkt – eine be son dere Brisanz ent fal ten.

linke Seite: Dr. Berlin, 1969-74, Dispersionsfarbe, Gouache und Sprayfarbe auf Leinwand, 150 x 120 cm, Privatsammlung Foto: © Wolfgang Morell rechts: Freundinnen, 1965/66, Dispersionsfarbe auf Leinwand 150 x190 cm, Sammlung Fröhlich Stuttgart Foto: © Archiv der Sammlung Fröhlich

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Dies gilt insbesondere für Sigmar Polkes Filme, die im Rahmen der Retrospektive in Köln umfassend vorgestellt werden. Ab Mitte der 1960er Jahre bis zu seinem Tod war die Filmkam erain te gralerBe s tandteil seiner künstlerischen Praxis. Nur in vere inzel tenund aus gewähl tenPräsen ta tionen machte er seine Filme öffentlich. Im Rah menein erTa gung,die das Mu se um Lud wigge mein sammit der Uni ver sität Köln vom 12. bis 14. Juni 2015 ausrichtet, werden Polkes Filme im Kontext der lebendi genFilm szene des Rhein lan des in den 1960er und 70er Jahren untersucht. Ein weiterer Bezug wird durch die Sammlung des Museum Ludwig hergestellt. Denn das Museum Ludwig wurde immer wied ermit großzügi genSchenkun gen von Polke-Werken bedacht. Bereits 1974 gelangte das frühe Rasterbild Kopf von 1966 über eine Jubiläumsspende in die Sammlung. Außerdem befin d ensich eine unbetitelte Arbeit von 1986, Ruine von 1994 und aus dem gleichen Jahr das Trans parent bildFen sterfront in der Sammlung des Museums. 2009 erhielt das Museum Ludwig die nahezu vollständig zusam menge tra geneSamm lung der Editionen von Sigmar Polke. Diese Schenkun genwer denin die Präsen ta tion im Mu se umLud wigein be oz gen. Die Ausstellung wird organisiert vom Museum of Modern Art, New York, zusammen mit der Tate Modern, London. Sie wurde initiiert und organisiert durch Kathy Hal breich, stel lvertre tende Di rek torindes Mu se umof Mod ernArt mit Mark God frey, Ku ra torfür in ter nationale Kunst der Tate Modern und Lan kaTat ter sall,ku ra torischeAs sis tentin der Abteilung für Gemälde und Skulpturen des Museum of Modern Art. Die Präsen ta tionam Mu se umLud wigwird von Bar baraEn gel bach,Ku ra torin, Samm lungZeit genös sischeKunst, Fotogra fie und Me di enkunst,Mu se um Lud wig,or gan isiert. Ohne Titel (Quetta, Pakistan), 1974-78, Gelatine-Silberdruck mit Farbhinzufügungen, 56,9 x 85,9 cm, Glenstone Foto: © Alex Jamison

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Für die Ausstellung hat die Ministerpräsidentin des Lan desNor drhein-West falen Hannelore Kraft die Schirmherrschaft über nom men. Die Ausstellung wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes und die Kulturstiftung der Länder, das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, die RheinEnergie AG, die Volkswagen AG, die Kunststiftung NRW, die Peter und Irene Ludwig Stiftung sowie die Sparkasse KölnBonn. Museum Ludwig Heinrich-Böll-Platz, 50667 Köln Telefon 0221 221 26165 Fax 0221 221 24114 www.museenkoeln.de Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag, Feiertage 10 – 18 Uhr Jeden 1. Donnerstag im Monat 10 – 22 Uhr Montag geschlossen.

Hochsitz, 1984, Synthetische Polymerfarben und trockenes Pigment auf Stoff, 300 x 224,8 cm cm, Museum of Modern Art, New York, Foto: © Museum of Modern Art / Paige Knight

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Wuppertaler Lesereihen Die Wuppertaler Literaturszene rund um den Verband deutscher Schriftsteller (VS) und die Autorengemeinschaft „Literatur im Tal“ hat eine Vielzahl von literarischen Veranstaltungen zu bieten, darunter auch mehrere Lesereihen wie die Werkstattlesungen im Literaturhaus, die Autorenlesungen zu den Büchermärkten in der Pauluskirche, Literatur auf dem Cronenberg im Fotostudio Hensel und viele mehr. Einige davon sollen in dieser und den nächsten Ausgaben vorgestellt werden.

Christiane Gibiec und Hermann Burmeister im Dezember 2014, Pauluskirche Wuppertal-Unterbarmen

2. Autorenlesungen zu den Büchermärkten in der Pauluskirche Die Pauluskirche in Wuppertal-Unterbarmen beherbergt nicht nur Gottesdienste, Lehrveranstaltungen der Bergischen Universität, Theateraufführungen und die bekannten Büchermärkte, sondern ist seit Anfang 2014 auch Ort für Lesungen Wuppertaler Schriftsteller. In Kooperation zwischen dem Freundeskreis Pauluskirche Unterbarmen e. V. und dem Verband deutscher Schriftsteller (VS) wurde bereits die zweite Lesungsreihe im Anschluss an den jeweils am ersten Samstag im Monat stattfindenden Büchermarkt konzipiert. Hermann Burmeister und Thomas E. Fuchs vom Freundeskreis Pauluskirche Unterbarmen e. V. sowie Wolf-Christian von Wedel-Parlow und Jürgen Kasten vom Verband deutscher Schriftsteller erzählen, was es mit den Lesungen an diesem besonderen Ort auf sich hat. Jürgen Kasten hat als stellvertretender Sprecher des Schriftstellerverbandes Anfang 2015 die Organisation und Moderation von dem früheren Sprecher Wolf-Christian von WedelParlow übernommen.

Wie kam es zu der Idee der Pauluskirchlesungen? Hermann Burmeister: Profane Lesungen in der Pauluskirche hatte es bereits mehrfach gegeben, so war die Pauluskirche 2009 in das Programm des „Lesefest 2009 für Schulen“ einbezogen mit den Autoren Susanne Püschel („Geheimweg an der Wupper“), Tanya Stewner (Liliane Susewind: „Mit Elefanten spricht man nicht“) und Hermann Schulz („Die schlaue Mama Sambona“). Auch 2012 gab es eine Lesung, bereits vor der Kulisse des Büchermarktes, mit der Wuppertaler Autorin Regina Jung („Ausufernde Realität“). Die Idee, ständig Lesungen in der Pauluskirche vor der vorhandenen Kulisse der Büchermärkte zu machen, ist im Gespräch mit Wolf Christian von Wedel-Parlow entstanden. Dies musste über eine Organisation erfolgen und so haben wir uns gefreut, dass die Sektion Bergischland des VS – Verband deutscher Schriftsteller – dies aufgegriffen und organisiert hat. Wolf von Wedel: Immer mal wieder hatten Hermann Burmeister, der langjährige Vorsitzende des Freundeskreises Pauluskirche Unterbarmen e. V., und ich über die Möglichkeit

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von Autorenlesungen in der Pauluskirche gesprochen. Ich kannte ihn von Gottesdiensten, als Vorsitzenden des Freundeskreises, der sich schon viele Jahre erfolgreich um die Erhaltung der Kirche kümmerte, als Organisator der Büchermärkte sowie der Laienspielgruppe ULK. Anfang 2014 haben wir endlich ernst gemacht mit der Planung der Lesereihe. Die Autorenlesungen sollten jeweils im Anschluss an die jeden ersten Samstag im Monat stattfindenden Büchermärkte angeboten werden. Acht Lesungen planten wir für 2014. Autorenlesungen in Kirchen – wie passt das überhaupt zusammen? Thomas E. Fuchs: Lesungen in Kirchen bzw. bei Gottesdiensten gibt es seit es christliche Gemeinden gibt. Die Christen haben diese „Praxis“ offensichtlich von den Juden übernommen, die in regelmäßiger Folge nach und nach die Thorah (die 5 Bücher Mose) vorlesen. In der evangelischen Kirche gibt es traditionell bis zu drei Lesungen im Gottesdienst, eine alttestamentliche Lesung, eine Evangelien-Lesung und eine Epistel-Lesung, d. h. aus den neutestamentlichen „Briefen“. Diese für Lesereihen von 6 Jahren festgelegten Leseabschnitte nennt man (griechisch) Perikopen („Abschnitte“); von daher spricht man als Ganzes von der Perikopen-Ordnung. Heutzutage werden längst nicht mehr in allen Gemeinden die drei Lesungen gehalten. Seit einigen Jahrzehnten nun öffnen sich die Kirchentüren nicht mehr nur für Gottesdienste oder Kirchenkonzerte, sondern auch für „weltliche“ Veranstaltungen aller Art. Hierzu gehören auch Lesungen oder Lesereihen weltlicher oder religiöser Texte. Für die Pauluskirche in Unterbarmen kam durch die Büchermärkte vor zwei Jahren die Idee auf, nach Büchermärkten inmitten des „BücherFlairs“ Lesungen mit Wuppertaler Autorinnen und Autoren zu veranstalten. Wie waren die Anfänge der Lesungen? Wolf von Wedel: Den Auftakt hat am 8. März 2014 Karl Otto Mühl gemacht, bis Dezember folgten Ulrich Land, Michael Zeller, Hermann Schulz, Marina Jenkner, Dorothea Müller, Ingrid Stracke und Christiane Gibiec. Die Moderation habe ich selbst übernommen. Wie werden die Büchermärkte und die Lesungen angenommen? Hermann Burmeister: Die Büchermärkte in der Pauluskirche, die monatlich stattfinden, werden sehr gut von den Menschen der Stadt angenommen, sie fördern das Lesen

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und tragen über ihre Erlöse dazu bei, die denkmalgeschützte Pauluskirche zu unterhalten und zu erhalten. Die Organisation der Büchermärkte liegt beim Freundeskreis Pauluskirche Unterbarmen e. V., der von der Ev, Kirchengemeinde Unterbarmen seit 2006 die „Bewirtschaftung“ der Pauluskirche übernommen hat. Thomas E. Fuchs: Die Idee der Lesungen ist – zusammen mit zugkräftigen Namen wie Karl-Otto Mühl und Hermann Schulz von Anfang an gut aufgenommen worden. Aber es besteht auch noch Wachstumspotential, die Kirche fasst schließlich vielmehr als „nur“ 40 Besucher. Was ist das Besondere an den Pauluskirchlesungen? Hermann Burmeister: Das Besondere an den Lesungen in der Pauluskirche ist die Kulisse des Büchermarktes, die Besucher sind von Tausenden von Büchern umgeben, alle Bücher, die im Zugriff sind, können käuflich erworben werden. Zum Teil werden die Lesungen auch musikalisch begleitet, dies wurde von den Besuchern besonders angenommen. Nach den Lesungen gibt es einen geselligen Ausklang mit der Gelegenheit zum Gespräch, untereinander oder mit der lesenden Autorin oder dem lesenden Autor. Jürgen Kasten: Das Besondere ist der Ort, die 1881 erbaute Pauluskirche, in der jetzt nur noch einmal im Monat ein Gottesdienst stattfindet, ansonsten Vorlesungen der Uni (Architekten), Konzerte und Ausstellungen. Und besonders ist auch die Art der Präsentation. Zunächst Büchermarkt (jedesmal Angebote von ca. 20.000 Büchern, super sortiert und ganz billig). Der Markt wird sehr gut angenommen. Beim letzten Mal sollen schon Dutzende von Besuchern auf die Eröffnung gewartet haben. Etwas ungünstig ist die zweistündige Pause bis zu den Lesungen. Die Leute bleiben nicht und kommen auch nicht wieder. Das geht aber nicht anders, weil die Helfer des Freundeskreis Pauluskirche die Zeit brauchen, um Platz für die Zuhörer zu schaffen. Die Atmosphäre während der Lesungen ist angenehm. Der/die Lesende vorne auf dem Podium, dahinter die angestrahlte Orgel und eine humorvolle Begrüßung durch Herrn Burmeister. Zum Abschluss wird Wein, Saft und Gespräch für die Zuhörer geboten.

Was dürfen wir in Zukunft von den Pauluskirchlesungen erwarten? Hermann Burmeister: Die Lesungen gibt es jetzt seit Februar 2014 und sie sind neu bis Dezember 2015 konzipiert. 2015 lasen bereits Falk Andreas Funke und Sibyl Quinke, es folgen noch Wolf von Wedel-Parlow, Jürgen Kasten, Safeta Obhodjas, Arnim Juhre, Jost Baum, Dieter Jandt, Angelika Zöllner und es wird eine gemeinschaftliche Weihnachtslesung verschiedener Wuppertaler Autoren im Dezember geben. In der nächsten Ausgabe lesen Sie über die Lesungsreihe „Literatur auf dem Cronenberg“. Die Pauluskirchlesungen 2015 Jeweils Samstag, 18.00 Uhr, in der Pauluskirche, Pauluskirchstraße 8, WuppertalUnterbarmen 11.04.2015 Wolf Christian von Wedel-Parlow 02.05.2015 Jürgen Kasten 06.06.2015 Safeta Obhodjas 04.07.2015 Arnim Juhre 05.09.2015 Jost Baum 10.10.2015 Dieter Jandt 07.11.2015 Angelika Zöllner 05.12.2015 W eihnachtslesung Marina Jenkner


Columbo: Mord auf Rezept Ein Kriminalstück von William Link und Richard Levinson In der deutschen Fassung von Wolfgang Spier Regie: Thomas Gimbel Bühne: Iljas Enkaschew Kostüme: Kerstin Faber Maske: Heike Kehrwisch Musikauswahl: Stefan Hüfner Besetzung: Simone Hödtke (Miss Petrie) – Andreas Wirth (Dr. Roy Flemming) – Ilka Schäfer (Claire Flemming) Ilka Schäfer – Beril Erogullari (Susan Hudson) – Carsten Müller (Lieutenant Columbo) – Dennis Gottschalk (Dave Gordon)

„Die Claires dieser Welt lassen sich nicht scheiden.“ Und weil das so ist, muß ein Mordplan her. Dr. Roy Flemming (Andreas Wirth) hat sich eine todsichere Methode ausgedacht, seine Frau Claire (Ilka Schäfer) um die Ecke zu bringen, ohne daß ein Verdacht auf ihn oder seine Geliebte Susan Hudson (Beril Erogullari) fallen könnte. Glaubt er, weil er nicht mit unbedeutenden ärgerlichen Zufällen und den winzigen Unwägbarkeiten eines solchen Komplotts rechnet – und vor allem nicht mit den präzisen, gelegentlich unorthodoxen Methoden des Inspektors/Lieutenants Columbo (Carsten Müller) von der Mordkommission. Wer kennt nicht die äußerst erfolgreiche und beliebte Fernsehkrimi-Serie „Columbo“ mit dem einzigartigen Peter Falk (1927-2011) in der Titelrolle, der diesen nur scheinbar harmlos zerstreuten Ermittler von 1968-2003 in 69 Filmen unnachahmlich verkörpert hat. Die Serie ging auf das Theaterstück „Prescription: Murder“ (1962) von William Link und Richard Levinson zurück, das in der deutschen

Übersetzung von Bühnenlegende Wolfgang Spier in einer Inszenierung von Thomas Gimbel am Samstag im Wuppertaler TiCTheater seine gefeierte Premiere erlebte. Arroganz und Nervosität Andreas Wirth gibt den Psychiater Dr. Flemming auf den Spuren von Gene Barry mit gekonnter Arroganz, die sich wohldosiert mit der fiebernden Nervosität paart, die sogar den Zuschauer bibbern läßt, ob ihm denn wohl der Meuchelmord an der Gattin und die Vertuschung der Tat gelingen wird. Ilka Schäfers kurze Rolle – der Mord geschieht natürlich zu Beginn – gibt ihr jedoch Gelegenheit den Charakter der mit manchem Recht ungeliebten Gattin auszufüllen. Die Tat gelingt, die Rechnung scheint aufzugehen. Wie alle Columbo-Fälle ist es nicht der klassische „Whodunnit“, im Grunde könnte man an dieser Stelle nach Hause gehen. denn wir wissen ja, wer´s war und wie. Das wirklich Spannende aber kommt jetzt, und da war wohl jeder im Theatersaal zum Zerreißen gespannt darauf, wie wohl Carsten Müller die durch Peter Falk so eindeutig besetzte Rolle würde verkörpern können.

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Carsten Müller glänzt als Inspektor Columbo Mit Columbos Auftritt beginnt das beliebte Katz-und-Maus-Spiel, in dem der Polizist seinen Gegner und dessen Komplizin verunsichert, verwirrt, zermürbt. Thomas Gimbel hat mit Erfolg

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auf Carsten Müller gesetzt, den „Joachim Fuchsberger des TiC-Theaters“, dort in etlichen Detektiv-Rollen (Sherlock Holmes, Edgar Wallace) bewährt. Müller glänzt in der beliebten Columbo-Manier beim Zusammensetzen der Indizien und Beweise (…nur ein weiteres Teil zum Puzzle). Souverän beherrscht er die plakative Zerstreutheit, die den Täter ihn für einen Trottel halten lassen soll - und schafft bewundernswert den Spagat zum beinharten Vernehmer. Die von Gimbel elegant inszenierten überraschenden Wendungen gehen Müller in ruhiger Überlegenheit wunderbar von der Hand, während Wirth die immer explosiver werdende Zerrissenheit hautnah vermittelt. Das wundervolle kriminalistische Kammerspiel, das das gesamte Publikum spürbar mitriß, hielt die Spannung über die gesamte Dauer von 2 Stunden und 10 Minuten ohne Absinken der Kurve hoch, wobei Gimbel auch die zu befreienden Lachern führenden Pointen geschickt einsetzte. Die von Stefan Hüfner ausgesuchten ein- und überleitenden atmosphärischen Jazz-Stücke „In A Sentimental Mood“ und „Sophisticated Lady“

mit Ben Webster und dem Orchester Duke Ellington schaffen zusätzlich eine wundervoll stimmige Klanglandschaft. Vergessen wir nicht den sehenswerten explosiven Ausbruch Beril Erogullaris im vorletzten Bild, die unauffällig, doch unverzichtbar agierende Simone Hödtke als Flemmings Sekretärin Miss Petrie und Dennis Gottschalk als Bürobote und erfolglos in die Ermittlungen eingreifenden Staatsanwalt. 100 % beste Unterhaltung Thomas Gimbel ist mit seinem hochmotivierten Ensemble im auf kleinstem Raum optimalen Bühnenbild von Iljas Enkaschew eine sehenswerte Inszenierung gelungen – 100 % beste Unterhaltung. Chapeau! Frank Becker Weitere Informationen: www.tic-theater.de


Poesie der Großstadt Mit der Ausstellung „Die Affichisten“ erinnert die Frankfurter Schirn an eine fast vergessene Spielart der Nachkriegsavantgarde

Poesie der Großstadt. Die Affichisten, Blick in die Ausstellung mit Arbeiten von Jacques Villeglé und Mimmo Rotella

1954 kam ein Student der Wuppertaler Werkkunstschule, der später als Begründer des europäischen Happenings bekannt werden sollte, nach Paris: Wolf Vostell (1932-1998). Gewöhnt an die kriegszerstörten Großstädte Deutschlands, war er überrascht, sich in einer „wenigstens äußerlich intakten Weltstadt“ wiederzufinden. „Der Kontrast war unheimlich. Mir fiel auf“, so schreibt er rückschauend, „dass es keine Ruinen wie in Deutschland gab, jedoch mehr zerrissene Plakate als lesbare, ganze [...].“ Gleichsam als Schlüsselerlebnis kam für den jungen Künstler die Lektüre eines Artikels auf der Titelseite des „Figaro“ vom 6. September 1954 hinzu, in dem über den Absturz eines Passagierflugzeugs der KLM mit 28 Todesopfern berichtet wurde. Er begann mit der Schlagzeile „Peu après son décollage [...]“ und schilderte, dass die Maschine kurz nach dem Abheben vom irischen Flughafen Shannon in den nahen Fluss gestürzt sei. Elektrisiert von der Mehrdeutigkeit des Begriffs „décollage“, der nicht nur den Start oder das Aufsteigen eines Flugzeugs meint, sondern laut Langen-

scheidts Lexikon auch das „Losmachen [...] des Geleimten“ (also das Gegenteil von Collage) und im übertragenden Sinne sogar „Sterben“ bedeuten kann, machte Vostell die „dé-coll/age“ (so die von ihm bevorzugte Schreibweise) zum zentralen Konzept seines gesamten Œuvres. Dazu gehörte, zumal in seinem Frühwerk, auch die intensive künstlerische Auseinandersetzung mit abgerissenen, zerstörten Plakaten, mit ihrer Ästhetik wie mit ihren inhaltlichen Aspekten. Damit stand Vostell in den 1950er und 60er Jahren nicht allein. Vielmehr waren es in Frankreich die Künstler François Dufrêne (1930-1982), Raymond Hains (1926-2005) und Jacques Villeglé (geb. 1926), die innerhalb der 1960 von dem Kritiker Pierre Restany gegründeten Gruppe der Nouveaux Réalistes, zu der Arman, César, Yves Klein, Martial Raysse, Daniel Spoerri und Jean Tinguely gehörten, als „Affichisten“ gewissermaßen eine eigene Fraktion bildeten. Mimmo Rotella (1918-2006), der in Italien mit zerrissenen Plakaten experimentierte, trat 1961 dem

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Nouveau Réalisme bei, während sich Vostell vergeblich um die Aufnahme in diese Gruppe bemühte, die ihm sogar die Verwendung des Begriffs „Décollage“ zu verbieten suchte. Die aktuelle Ausstellung in der Frankfurter Schirn Kunsthalle, die gemeinsam mit dem Museum Tinguely in Basel erarbeitet wurde und dort von Oktober 2014 bis Januar 2015 lief, macht die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser sog. Affichisten sinnlich erfahrbar – und erlaubt mit Hilfe des lesenswerten Katalogbuches auch eine theoretische Annäherung. Sicherlich ist die Bezeichnung „Affichisten“ problematisch. Denn sie beruht, wie Didier Semin im Katalog klarstellt, auf einem „Sprachmissbrauch“, ist doch „auf Französisch ein ‚affichiste‘ ein Grafiker oder Zeichner, der Plakate entwirft, kein Künstler, der sie zweckentfremdet.“ Gleichwohl hat sich dieser Begriff im linke Seite: Jacques Villeglé, Avenue de la Motte-Piquet, 1961 unten: François Dufrêne, Encore, 1965

Kunstjargon längst als Label für jene fünf Künstler, die aus Plakatabrissen Kunst machten, durchgesetzt. Dabei wurde durchaus die sprachliche Nuance gepflegt. Bei Dufrêne ist von „dessous d’affiches“ (Plakatrückseiten) die Rede, bei Hains von „affiches lacérées“ bzw. bei Villeglé von „affiches déchirées“ (zerrissenen Plakaten), bei Rotella von „Decollagen“ und bei Vostell, wie eingangs erwähnt, von „dé-coll/agen“. Wenn die künstlerische Aneignung des Alltäglichen als ein gemeinsames Merkmal sowohl der englischen und nordamerikanischen Pop Art als auch des französischen Nouveau Réalisme der 1960er Jahre betrachtet werden kann, dann gilt dies – beginnend schon in den späten 1940er und frühen 50er Jahren – in ganz spezifischer Weise für die Werke der Affichisten. Sie entdeckten in den Straßen und auf den Plätzen von Paris und Rom den ästhetischen Reiz der von Menschenhand zerstörten oder von Wind und Wetter zerzausten Plakatwände, waren fasziniert von diesen „anonymen Plakatabrissen“, von diesen funktions-

oben: Mimmo Rotella, Ritz, 1963

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los gewordenen Relikten einer urbanen Kommunikationskultur, die sich – längst nicht mehr intakt und nur noch partiell entzifferbar – in oft zahllos übereinander geschichteten Papierlagen manifestierten. Anknüpfend an avancierte ästhetische Praktiken der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, nutzten die Affichisten dieses Material im Sinne des dadaistischen Ready mades bzw. des surrealistischen Objet trouvés, indem sie die zerrissenen Plakate von ihren Untergründen lösten und entweder unverändert als Kunstwerke präsentierten oder durch gezieltes Eingreifen, also durch Entfernen, Umstellen oder Hinzufügen einzelner Partien, umgestalteten. Stärker als in der Objektkunst der damaligen Zeit blieb dabei ihr ausgeprägter Bildcharakter erhalten, und gerade die frühen Plakatabrisse mit ihren unlesbaren Buchstabenfragmenten und abstrakten Farbflächen zeigen eine bemerkenswerte Nähe zur gegenstandslosen Malerei jener Zeit, also zur Bildsprache des Abstrakten unten: Wolf Vostell, Ihr Kandidat, 1961

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Expressionismus und des Tachismus, gegen die die Affichisten eigentlich doch opponierten und die sie erklärtermaßen zu überwinden suchten. Erst um 1960 rückte dann, wie in der Pop Art, stärker die Ikonographie der Konsumwelt, des Starkults und der politischen Realitäten in den Vordergrund, was insbesondere für den Italiener Rotella und den Deutschen Vostell zutrifft. Eine bedeutende Quelle, aus der die französischen Affichisten in ihrer Anfangsphase schöpften, war der 1945 in Paris gegründete Lettrismus. Es handelte sich um eine literarische Bewegung, die auf die Revolutionierung des traditionellen Sprachgebrauchs durch Reduktion auf einzelne Buchstaben und deren Neuzusammensetzung zu sinnfreien Lautgebilden zielte. Anfänglich ein führender lettristischer Aktivist, war François Dufrêne 1953 vom Lettrismus abgerückt und begann, sich mit der Ästhetik zerstörter, zerfetzter Plakate zu beschäftigen. Dabei interessierte er sich in erster Linie für die Unter- oder Rückseiten der Plakate, also

die „Dessous“ mit den durch das Papier durchgeschlagenen, ölhaltigen Druckfarben und den seitenverkehrten Lettern, die sich zudem in umgekehrter Leserichtung zeigten. Indem er „in einer Folge von Decollagen und Grattagen [...] durch ein, zwei drei oder vier Stockwerke hindurch“ in quasi-archäologischer Manier die Schichten der Plakatwände zu durchdringen und partiell freizulegen suchte, gelangen ihm Tableaus von abstrakt-lyrischer Qualität, die jene „Poesie der Großstadt“ entfalten, die für die Frankfurter Schau titelgebend gewesen ist. Eine enge Freundschaft verband die gleichaltrigen Künstler Raymond Hains und Jacques Villeglé, die sich 1946 an der Kunstschule in Rennes kennengelernt hatten und schon früh als „Räuber zerrissener Plakate“ auftraten. 1949 schufen sie mit dem Gemeinschaftswerk „Ach Alma Manetro“ den ersten kunstgeschichtlich verbürgten Plakatabriss. Es ist offensichtlich, dass diese großformatige Arbeit mit den dominierenden Farben Schwarz, Rot und Ocker dem Lettrismus


oben: Wolf Vostell beim Plakatabriss in Paris, 1958 unten: Mimmo Rotella, Marilyn, 63-64 nahesteht, haben doch die fragmentarischen Schriftzeichen in den meisten Fällen ihre Form, ihre Lesbarkeit und mithin ihren ursprünglichen Sinngehalt verloren. Produktionsästhetisch bemerkenswert ist nicht nur, dass die beiden Künstler hier als Kollektiv agierten, sondern mehr noch, dass die „affiches lacérées“ bzw. „affiches déchirées“ dem Wirken unbekannter Kräfte zugerechnet, also gleichsam als Ergebnis anonymer Werkprozesse begriffen wurden. In dem Maße, wie der Tachismus seine Autorität einbüßte, tauchten in den zuvor tendenziell ungegenständlichen Plakatabrissen von Hains und Villeglé auch gegenständliche Motive auf, die konkrete zeitgeschichtliche Bezüge erkennen lassen, so etwa Anspielungen auf den Algerienkrieg 1961 oder auf den Pariser Mai von 1968. Unter dem Eindruck der gegenstandslosen Kunst der 1950er Jahre überwog anfänglich auch bei Mimmo Rotella das Interesse an abstrakten Formen, gegen 1960 verlagerte sich der Schwerpunkt aber auf fragmentarisches Material von Reklamebildern und Kinoplakaten, das er durch Abreißen, Anordnen und erneutes Abreißen transformierte. Intensiv hat sich der Künstler des populären Motivhaushalts der Konsumwerbung bedient, und zahlreiche Decollagen thematisieren den Glamour der Traumfabrik mit Marylin Monroe als der zum Mythos gewordenen Hollywood-Ikone par excellence, die auch Andy Warhol oder Richard Hamilton zu signifikanten Werken der Pop Art angeregt hat. Die Tatsache, dass Rotella mit zerrissenen Materialien und zerstörten Formen operierte, macht allerdings deutlich, dass er bei aller südländischen Sinnlichkeit, die sein Œuvre auszeichnet, sowohl den Verheißungen des Konsums als auch den Verlockungen des Kinos kritisch gegenüberstand. Zwar hat er seine Decollagen einmal eher neutral als „soziologische Dokumentationen“ bezeichnet, doch sprach er auch von der Decollage als seiner „persönlichen Form des Protestes gegen [die] Gesellschaft“.

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Gesellschaftskritik ist der Dreh- und Angelpunkt der gesamten künstlerischen Arbeit von Wolf Vostell, die sich, wie oben skizziert, unter dem Leitbegriff der „décoll/age“ zusammenfassen lässt. Dies gilt nicht nur für die Plakatabrisse der 1950er und 60er Jahre, sondern auch für die großen Happenings des Künstlers, die in aufklärerischer Absicht und mit moralischem Anspruch den teilnehmenden Menschen prozesshaft die Omnipräsenz destruktiver Kräfte bewusst machen sollten. Anfänglich hat Vostell Plakatrelikte von Mauern und sonstigen Trägermaterialien abgelöst und in Skizzenbücher eingeklebt, später gewann dann der performative Aspekt mehr und mehr an Bedeutung. So fand im Jahr 1958 in Paris unter dem Titel „Das Theater ist auf der Straße“ eine „dé-coll/ age-Demonstration“ statt, bei der die informierten Teilnehmer wie auch zufällig vorbeikommende Passanten aufgefordert wurden, die Buchstabenfragmente auf den

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zerrissenen Plakaten laut vorzulesen – das Erbe des Lettrismus ist unmittelbar greifbar – und „die Plakate weiter ab[zureißen], so dass ständig neue Texte und Bildfragmente entstehen.“ Es ist sicherlich nicht abwegig, dieses erste europäische Happening mit Publikumspartizipation als praktische Umsetzung der bekannten Devise des französischen Dichters Lautréamont aus dem 19. Jahrhundert zu verstehen, nämlich dass „die Poesie von allen gemacht werden“ müsse, „nicht nur von einem“. In zum Teil großformatigen Plakatdecollagen wie „Coca Cola“ oder „Ihr Kandidat“ (beide 1961) hat Vostell dann überaus kritisch auf prototypische Zeiterscheinungen wie die übermächtige persuasive Konsumwerbung und die im Bundestagswahlkampf grassierende politische Propaganda reagiert und damit eine entschiedene Gegenposition gegen die tendenziell affirmative Haltung der amerikanischen Pop Artisten eingenommen.

Wolf Vostell, Coca Cola, 1961 Mit einer Reihe herausragender Schlüsselwerke ruft die sehenswerte Frankfurter Ausstellung nun das breite Spektrum der künstlerischen Ausdrucksformen der Affichisten in Erinnerung und bietet damit einen gelungenen Überblick über diese interessante, aber fast vergessene Facette der Kunst der ersten beiden Jahrzehnte nach dem Krieg. Rainer K. Wick alle Fotos Schirn Kunsthalle Frankfurt Katalogbuch „Poesie der Großstadt. Die Affichisten“, hrsg. v. Esther Schlicht, Roland Wetzel und Max Hollein, dt./engl. Ausgabe, 280 Seiten, 170 Abbildungen, Softcover, Snoeck Verlag, Köln 2014, ISBN 978-3-86442-103-7 (Buchhandelsausgabe), Preis: 32 Euro (Schirn), 48 Euro (Buchhandel)


Das prekäre Künstlerdasein Mathias Weis Zwischen Leinwand und Hungertuch Aus dem Alltag eines Malers

Mathias Weis in seinem Kasseler Atelier Foto: HP Nacke

Weis lebt von seiner Kunst, und damit gehört er zu den wenigen, die hauptberuflich mit der künstlerischen Tätigkeit ihr Auskommen haben. Allerdings erlebt er auch Phasen, in denen er staatliche Unterstützung benötigt. Er ist akademisch ausgebildet, hatte Lehraufträge. Im Vorwort notiert er: „Es geht um den Alltag eines Malers, der schon zu lange und mit geringem, aber dennoch zu viel Erfolg gearbeitet hat, um noch einmal etwas vollkommen Neues zu starten.“ (S. 9). Weis steht zu Beginn seiner Aufzeichnung vor diversen Problemen, wie dem Verlust seiner langjährigen Galerie, die er aus gesundheitlichen Gründen schließen musste, ein Drama für einen 59-Jährigen. Erneut muss er nun wieder bei Galerien Klinken putzen und hoffen, dass sie ihn aufnehmen. In seinem Alter ist das keine leichte Aufgabe, suchen doch tausende, wesentlich jüngere Künstler eine Vertretung. Neben dem Alter erschwert sich sein Fortkommen durch den Lebens- und Arbeitsort Kassel, der zwar eine Kunsthochschule und alle fünf Jahre die Documenta, aber vor Ort keinen

funktionierenden Kunstmarkt bieten kann. Ein weiterer Grund ist die notdürftige, da zeitintensive Selbstvermarktung und die eher traditionelle Berufsausübung auf dem Feld der Malerei, das reich an Konkurrenz ist. Es ist zudem der Verlust eines Minijobs, der Weis im Jahr 1.200 Euro zusätzlich eingebracht hatte. In seiner unprätentiösen Art wächst Mathias Weis einem im Verlauf des Buches regelrecht ans Herz: sein Kampf gegen die Bürokratie, seine Selbstkritik, die Selbstdisziplinierung, die Mühsal, den Arbeitsalltag zu strukturieren, um neben all den lästigen Dingen noch den Kopf für seine Kunst freizubekommen. Weis schildert den von einer finanziellen Durststrecke geprägten Verlauf eines halben Jahres. Er benötigt Unterstützung durch „Hartz IV“. Eine Gewinn- und Verlustrechnung, die er dem Jobcenter als Beweis dafür liefert, dass er als Maler Geld verdient, es aber nicht zum Leben reicht, ist im Buch abgedruckt. Sie zeugt von einem äußerst einfach geführten Leben, in dem ein krankheitsbedingter Ausfall existenzbedrohend sein kann.

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ohne Titel, 2010, Öl, Pappe, 40 x 30 cm

Ohne Titel, 2010, Öl, Pappe, 30 x 40 cm

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Die Leser lernen, dass der Arbeitsaufwand, Anträge auf Arbeitslosengeld II zu stellen, in keinem Verhältnis zum Resultat steht. Die verzögerte Bearbeitung, die das Amt trotz der dringenden Bedürftigkeit des Antragstellers zulässt, setzt ihm stark zu. Er muss einen Anwalt aufsuchen. An Weis‘ Beispiel bekommt „Kunstförderung“ im Kontext eines bescheiden lebenden einzelnen Künstlers und angesichts von teuren BlockbusterAusstellungen erhebliche Schlagseite. Zweifellos ist seine Situation, mit der er ja kein Einzelfall ist, auch ein Beispiel für die Disbalancen im Kunstbetrieb. Weis plädiert daher für das bedingungslose Grundeinkommen: „Was wäre aber aus diesem Potenzial an Künstlern herauszuholen, wären die Leute in einem befriedigenden Maße versorgt, erfolgreich und gesund!“ (S. 145) Während überall noch die Abspaltung der Rekord-Preis-Kunst vom Künstlerprekariat besprochen wird und auch nach und nach in die Medien schwappt, wie schwierig selbst das angesagte Pflaster Berlin für den Markt im mittleren und

unteren Preissegment ist, sind Seeßlen und Metz einen Schritt weiter, denn sie sehen die arme Seite der Medaille als existentiell für den Nachschub an „Energie, Ideen und „Leben“ an (S. 217), so eine ihrer Thesen in ihrem sonst wenig strukturierten, schnell gestrickt erscheinenden Buch, das überdies voller Gedankensprünge und Thesen ist, die, wie in diesem Fall, wenig ausgeführt werden. Wenn also das prekäre Dasein des größten Teils der Künstlerschaft – das sind, so ihre Behauptung, 95 % – für die boomende Spitze des Kunstmarkts sorgt, wer hätte dann überhaupt Interesse, die Situation zu ändern? Ob Mathias Weis es auch so sieht, dass er und die vielen anderen an der Armutsgrenze lebenden Künstler, die in den Städten die „Kreative Szene“ bilden und Städte dazu veranlassen, sich „Kreativstadt“ aufs Ortseingangsschild zu schreiben, für die schicke Atmosphäre verantwortlich sind, welche Hochpreise überhaupt erst generieren kann? Isa Bickmann


Kasachstan Der Tag endet in Schwimmbad und Sauna. Hier sind mir weitere Freuden versprochen. Ich erinnere mich an einen freundlichen, fettleibigen Saunagenossen, der sich im Schwitzraum niederließ und sagte: „Das ist der schönste Augenblick der Woche. Hier bin ich glücklich. An nix denken.“ Zunächst gehe ich heute nach unten zum Schwimmbecken, um mein Sport-Pensum zu absolvieren. Ein jüngerer Mann mit offenem, freundlichem Gesichtsausdruck streckt mir die Hand entgegen – rechtzeitig fällt es mir ein, ich kenne ihn ja vom Saunieren.

Karl Otto Mühl wurde am 16. 2. 1923 in Nürnberg geboren. 1929 folgte der Umzug der Familie nach Wuppertal. Dort Ausbildung zum Industriekaufmann. 1941 Militär, 1942 Kriegsdienst in Afrika, Gefangenschaft in Ägypten, Südafrika, USA, England. Im Februar 1947 Rückkehr nach Wuppertal, wo er sich der Künstlergruppe »Der Turm« anschließt, der auch Paul Pörtner angehört. Erste Kurzgeschichten werden 1947/48 veröffentlicht. Am Carl-Duisberg-Gymnasium holt er 1948 das Abitur nach, danach Werbe- und Verkaufsleiter in Maschinen- und Metallwarenfabriken. Erst in der Mitte der 60er Jahre gelingt es ihm wieder, kontinuierlich zu schreiben. Zwischen 1964 und 1969 entsteht der Roman »Siebenschläfer« (veröffentlicht 1975). Mit den Theaterstücken »Rheinpromenade«, »Kur in Bad Wiessee«, »Die Reise der alten Männer« gelingt ihm der Durchbruch. Seitdem veröffentlichte Karl Otto Mühl dreizehn Theaterstücke, zahlreiche Fernsehfilme, Hörspiele und Romane. Die Stadt Wuppertal verlieh ihm 1975 den Eduard von der Heydt-Preis.

„Tag, Alexander“, sage ich erfreut. Ich weiß, er ist aus Kasachstan, arbeitet irgendwo in der Produktion. Man kennt diese Leute aus den slawischen Ländern. Ich weiß nur, dass fast alle ständig rauchen, auch die Frauen. „Sie rauchen doch?“ „Ein bisschen“, sagt er. Ich warne ihn, sich hier nicht gleich zu überanstrengen. Raucher sind gefährdet. Er stimmt mir zu. Es gibt eine Überraschung. Er hechtet ins Becken, und ich muss sagen, noch nie sah ich hier im Bad einen so kraftvollen, souveränen Schwimmer. In Sekundenschnelle hat Alexander das Becken im Schmetterlingsstil durchmessen, und genau so schnell fegt er zurück, diesmal kraulend. Irgendwas kann ja jeder. Vielleicht raucht er doch nicht so viel, denke ich. Ja, in Kasachstan habe er an Wettkämpfen teilgenommen. Ein bisschen, sagt er bescheiden. Man sieht es ihm an. Er ist geformt wie eine Statue aus dem alten Griechenland. „Toll“sage ich, „toll, dass Sie das alles noch leisten, neben Ihrer schweren Arbeit. Hat man selten, dass jemand dabei noch Sport treibt.“ So schwer sei die Arbeit nicht, sagt er. So eine Stunde Sport täglich müsse er einfach haben. Er sei so komisch. Aha. Ich werde unsicher. „Ihre Frau arbeitet sicher nicht? Schon wegen der Kinder.“ frage ich. Diese Leute haben zuhause eine Frau, die diese Weißkohlsuppe kocht, ich glaube Borscht heißt die, und um die herum sich die vielen Kinder auf dem Boden wälzen. Einen Sohn habe er. Aber der weiß sich schon zu helfen. Seine Frau sei beim Ballett.

Wo? In der Schneiderei? Oder bei der Reinigungskolonne? Nein, sie tanzt – ein bisschen. Hat sie schon immer gern gemacht. Die brauchten sie hier täglich beim Ballett. Aha. Jetzt muss ich nur noch erfahren, wie und wo Alexander haust. Eine Wohnung hat er sicher. Diese Leute bekommen ja gleich bei ihrer Ankunft eine Drei-Zimmerwohnung mit Gästetoilette. Da und da wohne er, sagt Alexander. Ist ein bisschen weit bis zu seiner Firma. Und natürlich manchmal unruhig. Aber da hat er eine Lösung gefunden. „Ein gebrauchtes Auto?“ Sicher, ein Auto habe er auch. Nein, er meine es anders. Hier, gegenüber habe er ein kleines Apartment, in das er sich manchmal zurückziehe. Abends, oder auch manchmal für einen Tag. Aha. Das ist es. Fremdgegangen, zerrüttete Ehe, Schnaps. „Das war sicher eine schwere Zeit für Sie und Ihre Frau“, sage ich. „Wenn alles in die Brüche geht. Man sitzt abends herum, trinkt, trinkt – trinkt noch einen –„ Nein, nein. Er arbeite da, nur ein bisschen selbstverständlich, er lese, schreibe ein bisschen – „So technisches Zeug? Anfangskenntnisse vertiefen?“ „Ja, auch das. Aber auch anderes.“ „Anderes? Was denn?“ „Alles Mögliche.“ „Kann ich mir nicht vorstellen.“ Er grinst verlegen. „Manchmal auch Gedichte.“ Diesmal denke ich nicht einmal Aha. Ich mache einen letzten Versuch, den Mann zu entlarven. „Und was sagt Ihre Frau dazu?“ Die benutze das Apartment auch manchmal. Sie brauchten beide manchmal das Alleinsein. In Kasachstan muss es furchtbar sein, denke ich. Wenn die Menschen zu solchen Mitteln greifen, um zu überleben. Karl Otto Mühl

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Maler und Pilze Wir haben unseren alten Malerfreund zum Einkauf von Mal- und Zeichenmaterial begleitet und sind mit ihm zu einem regional bekannten Spezialgeschäft gefahren. Da sind wir mit einem großen Korb durch den riesigen Verkaufsraum geschlendert und sahen zu, wie er hier eine Tube mit Spezialfarbe, dort eine ganze Blechdose mit Farbe und einen Skizzenblock in der Korb warf. Zwischen den Gängen Verkäuferinnen, manche nicht mehr jung, aber allen sah man ihre Kunstsinnigkeit an. Und das ganze Verkaufspanorama war voll verlockender Angebote, Rahmen in Dutzenden von Ausführungen, Farben, Stifte, ein ganzes, endloses Regal voller Aufhängevorrichtungen für Bilder – ich konnte mir nichts ausdenken, was es auf dem Malgebiet hier nicht gegeben hätte. Ich schaute mich angestrengt um. Gab es vielleicht etwas, das mir zwar nicht einfiel, das ich aber unbedingt brauchte? Alles verlockte zum Kaufen – aber danach wäre ich mir wie ein Einbeiniger vor dem Himalaya vorgekommen. Die Schande wollte ich mir ersparen. Unser Maler, der am Stock geht, durfte bei der Rückfahrt vorne neben meiner Frau sitzen. Ich machte es mir auf dem Rücksitz bequem. Während die Beiden vorne parlierten, sang es zwischendurch aus dem Autoradio. Ich geriet langsam in einen Halbschlaf, der mich aber nicht hinderte, leise vor mich hinzubrummen …. auftauchende, Fragmente der Radiomelodie …

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„Süßes Schweben, süßes Erleben führen den Weg ins Himmelreich. Unter Küssen Werden wir wissen, dass diesem Reigen keiner gleicht.“ aus Schnitzlers Reigen, das heißt, die StraussMelodie aus dem Ophüls-Film. Das eintönige Motorengeräusch und die vertraute Melodie produzierten Bilder. Federleicht tanzten die Paare an mir vorbei, schwebend und aus der Senkrechten geneigt, verzückt und träumend. Sie schwebten in der Musik. Alle Individualität war von ihnen abgefallen, die Frauen signalisierten Lieblichkeit und Hingabe. Nichts war mehr zu sehen von ihren Möglichkeiten der Gekränktheit, Abweisung, Schärfe, Berechnung. In meinem Träumen spürte ich süße, traurige Ohnmacht. Vielleicht waren wir kreisende Himmelskörper, aber eines blieben wir: Tänzer, ohnmächtig. Unser Auto stieß auf einen Stau, manchmal bremsten wir ruckartig. So kam ich aus dem Traum zurück in die Wirklichkeit: Ein unsicheres Gefühl blieb. Was war nun mit der Liebe in der Realität? Gab es da nur Ernüchterung? Beim längeren Hinschauen geriet ich wieder in meinen Traum. Ich sah, die Menschen in ihrer Realität waren nicht so weit von den Tänzern entfernt.

Ich hörte Stimmen: Die Verlassenen, die Gekränkten, die Menschen am Bett ihres sterbenden Partners, auch die Altgewordenen, Einsamen – aber ihre Stimmen waren die angstvoller, kleiner Kinder, die nach Liebe und Schutz suchten, ich spürte ihre Ängste, ihre Ohnmacht; und da war kein Trost und da war keine Hoffnung, bloß, ich konnte ihnen nahe sein. Traurig war es immer, ob sie nun einsam starben, die alten Menschen, die sich in jüngeren Jahren verlassen hatten, oder ob sie Hand in Hand durch den Park spazierten und sich dann doch hilflos loslassen mussten. Der einzige Trost blieb der lange Schlaf, der ihnen bevorstand. Und dass ihre Gesichter den Ausdruck von stiller Freude und Frieden hatten, Winterblumen, die sich auf schneebedeckte Gräber senkten. Nachdem wir daheim angekommen waren, – den Maler hatten wir bereits vor seiner Wohnung abgesetzt – ging meine Frau daran, Pilze für das Abendessen zu säubern. Ich machte meine vorgeschriebene, tägliche Gymnastik, und der Maler stand vor seiner Staffelei und arbeitete an einem Gemälde, das ein Unternehmerpaar in Barockkleidung zeigte. Niemand von uns Dreien fühlte sich als Tänzer. Karl Otto Mühl

Sarah Thornton, britische Kunsthistorikerin und Soziologin, hat in den USA 2008 unter dem Titel „Seven Days in the Art World“ ein Buch veröffentlicht, in dem sie (Zitat) „die Welt des riesigen, boomenden Marktes der Gegenwartskunst“ an sieben Orten in sieben Kapiteln vorstellt.

Mathias Weis Zwischen Leinwand und Hungertuch Aus dem Alltag eines Malers

Mathias Weis’ Buch nun ist eine ganz persönliche Antwort auf diese Betrachtung der Spitze der Kunstweltpyramide. Ausgehend von der Überzeugung, dass Übertragungen der von Thornton geschilderten „Sahnehäubchen“ der Kunstwelt auf deren weniger prominente Bereiche, die immerhin den weitaus größten Teil der lebenden Künstler ausmachen, unpassend sind, schildert der Autor sich und sein eigenes Umfeld exemplarisch im Spannungsfeld zwischen Atelier, Geldjob und ALG 2 in der Form eines Tagebuchs.

312 Seiten Klebebindung, 21 x 15 cm Verlag HP Nacke Wuppertal ISBN 978-3-942043-45-8 14,90 Euro


Tuchfühlung Auf Tuchfühlung im Mai auf Schloss Lüntenbeck Der Markt für Mode, Stoff und Stil am Muttertagswochenende

Vom 8. bis 10. Mai 2015 strahlt auch in diesem Jahr der Textilmarkt auf Schloss Lüntenbeck über die Schlossmauern hinaus. Am Muttertagswochenende ziehen Mode, Stoff und Stil das interessierte Publikum in die Wuppertaler Lüntenbeck. Auf Modebewusste warten tragbare wie extravagante Lieblingsstücke. Auch Tücher, Hüte, Schmuck und Taschen sind von besonderer Qualität. Wer Nützliches und Schönes für Haus und Garten sucht, findet geschmackvolle Kissen und wärmende Decken. Ausgefallene Stoffe, Bänder und Knöpfe inspirieren zu eigenen Entwürfen. Die Kinderwerkstatt lockt die Kleinen, Do-it-yourself-Workshops die Großen. Vielfältige Köstlichkeiten lassen sich in stimmungsvoller Atmosphäre ge-nießen. Modemarkt ist nicht gleich Modemarkt! Doch, was macht die TUCHFÜHLUNG so besonders? Es ist z. B. die stimmungsvolle Schlossatmosphäre von Hof und Garten, in der knapp 100 Aussteller ihr vielseitiges Angebot

präsentieren. Dabei zeigen die unterschiedlichen Gestaltungsweisen und stilistischen Aussagen der angebotenen Kollektionen eine Varietät, wie sie selten in einem solchen Rahmen zu finden ist. In und um Wuppertal sind bis heute viele eigenwillige Kreative tätig. Zudem lockt die Lüntenbeck weitere Aussteller aus der ganzen Republik – und ebenso die Besucher. Kenner wissen schließlich im nun neunten Jahr die qualifizierte Mischung von Mode und Material zu schätzen. Das Kleid allein macht nicht die Mode. Auch die passenden Accessoires prägen den individuellen Stil. Hüte, Tücher und Taschen werden an diesem Wochenende in verschiedensten Ausführungen angeboten. Begonnen bei eher klassischen Hutarbeiten bis zu den trendigen Taschen aus Upcyclingmaterialien. Facettenreiche Variationen an Schmuck, von edlen Ringen über zarte Broschen, poppige Buttons bis zu extravaganten Ketten – immer wieder gibt es etwas Neues zu entdecken.

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Entspannte Atmosphäre zum Ruhen und Plaudern Rund um die Hofwiese laden Plätze zu besinnlichen Momenten ein. Am Ententeich laden Kaffeetische unter sonnenschützende Bäume. Eine auserlesene Außengastronomie bietet den kultivierten Rahmen, sich auch kulinarisch verwöhnen zu lassen.

Rahmenprogramm für die ganze Familie Stets in Sichtweise warten auf den Nachwuchs täglich wechselnde Angebote zum textilen Gestalten. Hier dürfen die Kleinen selbst Hand anlegen. Für die Großen gibt es stets einen ansprechenden Workshop. Den Höhepunkt bildet

täglich mittags eine Modenschau. Wenn dann der rote Teppich entrollt wird, schlüpfen die ausgestellten Kleider vom Bügel und stellen in lebhafter Bewegung ihre Tragbarkeit an echten Menschen unter Beweis.

Termine: 8. – 10. Mai 2015 | täglich 11 – 18 Uhr Tageskarte: 4 Euro | Dauerkarte: 6 Euro | Kinder bis 12 Jahre frei Tipp für Besucher aus der Region: Über die Nordbahntrasse gelangt man auch mit dem Fahrrad zum Schloss. Kombiticket ÖPNV: 6 Euro, erhältlich über www.wuppertal-live.de Anfahrt und Parken: www.schloss-luentenbeck.de Modenschau täglich 12 Uhr Workshops und Kinderwerkstatt Kontakt: Telefon: 0202. 2987 687 www.schloss-luentenbeck.de

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Die Kutschen im Central Park Wer etwas über die Kutschen im Central Park erfahren möchte, verabredet sich am besten mit Stephen Malone.

Selbst in der kalten Jahreszeit: Stolze Kutscher gehören zum Bild des Central Parks

Stephen ist Vorsitzender der New York Horse and Carriage Association, die als Local 553 der International Brotherhood of Teamsters (IBT) geführt wird und das allererste, was er einem zeigt, sind die beiden Zugpferde im Wappen der ITB, der Stolz aller Kutscher und Pferdebesitzer. Sie verweisen auf die glorreichen Tage von Stadt und gewerkschaftlichen Verbund, zurück auf die Tradition einer nur sich selber, den Launen des Wetters und der Reglementierungswut der Stadtverwaltung verpflichteten Existenz. Die Kutscher in New York sind sehr selbstbewusste, auf ihre Unabhängigkeit bedachte Leute und weder der Zylinderhut auf ihrem Kopf, noch der Kopfschmuck der Pferde sind von Pappe. Freilich, die Wagen sind in Wirklichkeit bei weitem nicht so alt wie sie aussehen und auch gar nicht so teuer – sie werden im Bundesstaat Indiana gebaut und kosten in der Grundausstattung so um die $10.000 – doch davon später mehr. Zunächst zu den Pferden, von denen es in Manhattan einige gibt. Neben den etwa

70 Polizeipferden der NYPD Mounted Unit, also der berittenen Polizei, gibt es noch weitere rund 180 Zugpferde auf der Insel, Zugpferde, die man als Besucher der Stadt in den allermeisten Fällen vor Fuhrwerke gespannt im Central Park und an dessen Südgrenze, der 59th Street, zu sehen bekommt. Kutschpferde und Wagen wohnen in vier Stallungen auf der Westseite der Stadt und das bei weitem größte dieser Gebäude befindet sich an der 52. Straße zwischen 11. Avenue und 12. Avenue, also fast schon am Hudson River. Im 19. Jahrhundert errichtet, beherbergte es früher eine besondere Reinigungstruppe, nämlich diejenigen, die sich um die vor dem Ersten Weltkrieg noch vielen Pferdeäpfel, den Horse Manure, auf den Straßen der Stadt kümmerten. Vor nur leicht mehr als 100 Jahren arbeiteten und äpfelten noch geschätzte 10.000 Zugpferde in Manhattan. Karren und Pferde der Manure-Brigade bewohnten seinerzeit 618 West 52nd Street, so die offizielle Anschrift der Heimat von heutzutage 40 der knapp 70 Kutschen der

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Kutschenlenker und Unterhaltungsk端nstler: Francesco Totti auf einer Fahrt

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oben: Teamsters Local 553: Steve Malone erläutert die Bedeutung der Pferde für den Gewerkschaftsverband International Brotherhood of Teamsters (IBT) Mitte: Der Trick mit der Möhre: Pferde lieben Möhren, Mädchen lieben möhrenliebende Pferde und Eltern können pferdeliebenden Mädchen gegenüber nur schlecht nein sagen unten: Der Landauer: Eine typische Kutsche vor dem Stall auf der 52. Straße Stadt und der zum Betrieb von 40 Wagen benötigten 80 Zugpferde. Solche Tiere kann man nicht mehr überall kaufen. Da muss man schon nach größeren Gemeinden der Amish Ausschau halten, jener aus dem deutschen Südwesten stammenden Wiedertäufer-Sekte also, die sich der Modernisierung bislang weitgehend entzogen haben und immer noch ihre Felder mit Pferden bearbeiten und Pferdekutschen für den Transport benutzen. Die mit gut 30.000 Angehörigen bei weitem größte Amish-Gemeinde östlich des Mississippi findet sich im Lancaster County in Pennsylvania, keine drei Autostunden westlich von Manhattan. Von dort kommen in der Regel die in Manhattan arbeitenden Kutschpferde. Würde man ein frisch von dort kommendes Pferd nach seiner Herkunft fragen, würde man vermutlich so was wie „Lengeschder Kaundi“ hören, denn so klingt der Name dieser Landschaft im Deutschen der Amish. Im Stall auf Manhattans 52. Straße hören die Pferde dann aber kein Wort Deutsch mehr, außer wenn Catherine mit ihnen spricht. Catherine kommt ebenfalls aus Lancaster County, wo sie als Katharina und als Amish aufwuchs. Die Amish erlauben ihren Heranwachsenden, sich vor dem verbindlichen und endgültigen Eintritt in die Gemeinde noch ein oder zwei Jahre in der Welt umzuschauen. Dieses „Rumspringa“ oder „Rumschpringe” hat aus Katharina Catherine werden und sie als eine der inzwischen stattlichen Zahl weiblicher Coachmen in der Stadt bleiben lassen. Für sie ist der Beruf des Coachman alternativlos, denn eine Rückkehr in die Gemeinde ist mittlerweile ausgeschlossen, und aus verständlichen Gründen ist sie fotoscheu. Wie ihre Kolleginnen und Kollegen möchte sie sich keine andere Arbeit als die mit Pferden vorstellen.

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Zu den Kollegen im Stall gehören zwölf Pferdepfleger und eine Seamstress, also eine Näherin. Sean ist in Wirklichkeit ein Mann irischer Abstammung, doch wie es den Coachman nicht in weiblicher Form gibt, ist jemand an der Nähmaschine unabhängig vom Geschlecht eine Seamstress. Sean ist erster Linie für die Aufbereitung der Polster auf den Sitzbänken verantwortlich, doch kann er auch schweißen und repariert wenn nötig die Bereifung der Gespanne, die aus mit Hartgummi ummantelten, dicken Stahldrähten bestehen. Sean arbeitet nach wechselndem Bedarf, selten mehr als 30 Stunden die Woche. So einen Luxus können sich die Tierpfleger natürlich nicht leisten. Sie müssen die Versorgung der Tiere in der 52. Straße rund um die Uhr sicherstellen, in einem DreischichtBetrieb. Sie kommen aus El Salvador und ihre Arbeit lässt sich mit „Schwerstarbeit in Leichtlohngruppe“ umschreiben, Arbeit eben, wie auf einem nicht gerade voll-automatisierten Bauernhof. Das muss man schon mögen, verdeutlicht vielleicht an den Tonnagen von Heu, Stroh und

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Getreide, die der Stall innerhalb von fünf bis sechs Wochen umsetzt, nämlich 15 Tonnen Heu als wichtigstes Futter für die Tiere, zwölf Tonnen Stroh zum Ausstreuen der Ställe und fünf Tonnen Getreide als proteinreiche Nahrungsergänzung, wenn die Tiere Kutschen ziehen. 70 Pferdeställe müssen laufend ausgemistet und neu eingestreut werden, die an den Wagen an- und in Dreieckstücher reinfallenden Pferdeäpfel müssen in den Mist eingerührt und alle paar Wochen muss das alles wieder verladen werden. Dann kommt zwecks Abholung ein dankbarer Pilzzüchter aus New Jersey, der sich für die Herstellung der in New Yorker Restaurants benötigten Tonnen an Shiitake-Pilzen keinen besseren Nährboden wünschen könnte. Im Ringgeschäft mit den Bauern, von deren Feldern das Stroh für die Ställe kommt, haben Pferdestall und Pilzzüchter ein harmonisches Gleichgewicht gefunden, über dessen finanziellen Aspekte Stillschweigen bewahrt wird. Ansonsten sind Einnahmen und Ausgaben von Kutschern vergleichsweise leicht aufzulisten. Für die ersten 20

Minuten fallen pro Wagen – nicht pro Passagier – $50 plus Trinkgeld an, für alle weiteren angefangenen 10 Minuten jeweils $20. Die „kleine Runde” wird für knapp $80 angeboten, die große für knapp $130 und am oberen Ende der Preisliste rangiert mit $268 das „Royal Package” mit großer Runde, professionellem Fotografen, 12 in Schokolade eingetauchten Erdbeeren für den obligatorischen Stop an den Strawberry Fields und 12 roten Rosen. Selbstverständlich würde während eines „Royal Package” der Kutscher auf Nachfrage, statt historischer und sonst wie erwähnenswerter Informationen zum Central Park herzusagen, eine romantische Melodie pfeifen oder ganz still sein, wenn der Kunde an Bethesda Fountain vor dem anderen Fahrgast auf die Knie fällt und mit leicht bebender Stimme um die Hand anhält. Im Interesse eines angemessenen Trinkgelds sollte das Pferd dann weder wiehern oder sich sonst Wer schön sein will, muss leiden: Ein Model einer Show während der MB Fashion Week


oben: Die Einnahmenseite des Geschäfts: Eine klar strukturierte Preistafel Mitte: Kutschenpolster statt Laufsteg: Ein Fashion Model wartet frierend auf den Einsatz unten: Tierschützer bei der Arbeit: Oreo (liegend auf dem rechten Plakat) wurde zum Poster Child von NYCLASS wie bemerkbar machen, noch der Kutscher kichern. Francesco Totti (Name von der Redaktion geändert) macht solche Touren sehr gerne. Er stammt aus dem Lazio südlich von Rom, ist schon seit mehr als 15 Jahren im Geschäft, kennt noch die allermeisten Melodien von Eros Ramazotti und Paolo Conte und hat den sehr sympathischen Akzent eines Roberto Benigni. Was das Trinkgeld angeht, spielt er wohl in der obersten Liga der Kutscher, die aber alle mehr oder weniger auf diese Form der außertariflichen Anerkennung angewiesen sind. Nun zu den Ausgaben: Mit gut $200 pro Tag und Gespann sind die Kosten für Pferde und Material gemessen an den Verdienstmöglichkeiten hoch und bei weitem nicht jeder Tag erlaubt allen Kutschern der Stadt Einnahmen. Ein New Yorker Kutschpferd sieht selbst bei bester Gesundheit vier- bis sechsmal pro Jahr einen Veterinär, alle zwei Monate den Hufschmied und hat sechs Wochen bezahlten Jahresurlaub, zumeist in Massachusets. Dagegen ist in den kalten Monaten der Betrieb von Pferdekutschen in Manhattan zwar ab minus 6 Grad Celsius tierärztlich gestattet und die Kutscher ziehen sich entsprechend warm an, doch nur eine kleine Minderheit der sich ohnehin schon seltener in den Park bewegenden Touristen lassen sich mittels warmer Decken zu einer Fahrt durch die Kälte überreden, denn die Gefährte sind offen und unbeheizt. Die Wagen sind moderne, mit Kugellager, Trommelbremsen und Beleuchtung ausgestattete Nachbildungen des Landauers, dem klassischen Viersitzer des 18. und 19. Jahrhunderts, dessen beide Achsen gefedert sind, dessen zwei Sitzbänke vis-à-vis angeordnet sind und die über faltbare Verdecke verfügen. Das Original des Landauers kennt drei Farben: Schwarz, Dunkelgrün oder Burgunderrot. Die Aschenputtel-Verfilmung durch Walt Disney war allerdings so wirkungsmächtig, dass die Gespanne im

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Central Park mittlerweile zur Hälfte weiß sind. So weiß, wie Mädchen das felsenfest in ihren Vorstellungen und Träumen von Cinderella verankert haben. Die Betreiber der weißen Kutschen wissen darum und haben immer ein paar Möhren in der Tasche. Nähert sich eine Familie mit Kind und ist das Kind ein Mädchen, bekommt es gleich eine Möhre mit der Aufforderung in die Hand gedrückt, dem Pferd das Gemüse hinzuhalten. Das Pferd wird die Möhre dann so gerne annehmen, dass es dem Mädchen so vorkommen muss, als sei sie persönlich von der tierischen Freude angesprochen und spätestens nach einer halben Minute Bittebitte nimmt die Familie im Landauer Platz. Für das „Royal Package” und Fahrten für Brautpaare sind weiße Landauer allerdings entgegen landläufiger Meinung weniger geeignet, denn sie bieten für Fotografen einen sehr schlechten Kontrast zur Kleidung der Fahrgäste und sie sehen rasch etwas schmutzig aus. Ansonsten wären wohl inzwischen alle Kutschen im Central Park weiß lackiert und somit den Traditionalisten unter den

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Kutschern ein Dorn im Auge. Stephen und Francesco sind solche Traditionalisten, die sich beide auch dem ebenfalls Disneyinduzierten Marktdruck hin zu weißen Pferden entziehen, jenen „White Stallions”, von denen der Esel in Shrek einer zu sein träumte. Es wäre auch irgendwie falsch, denn die Hengste in New York sind allesamt aus für Pferdekenner leicht nachvollziehbaren Gründen Wallache. Da wird aber nicht groß drüber gesprochen. Zu seinem Pferd Tyson sagt Stephen knapp: „He‘s fixed.“ Viel ausführlicher gibt Stephen dagegen zum Stand des derzeit in der Stadt schwelenden Kutschenstreits Auskunft und der Stand ist: Noch gibt es die etwa 70 von Pferden gezogenen Gespanne im Central Park, noch hat der seit Januar 2014 amtierende Bürgermeister der Stadt, Bill de Blasio, eines seiner umstrittensten Wahlversprechen nicht eingelöst, die Kutschen mit in den Augen der Kutscher fadenscheinigen Argumenten zu verbieten und eine mehr als 150-jährige Tradition in der Stadt zu beenden. De Blasio würde mit dem Ver-

bot einen Vorgang auslösen, der sich schon einmal zu Beginn des 20. Jahrhunderts in New York abgespielt hat. Ohne bürgermeisterlichen Ukas wurden damals Pferdekutschen durch Kutschen mit Eigenantrieb verdrängt, Eigenantrieb aus Verbrennungsoder Elektromotoren. Letztere sollen nach den Vorstellungen des Bürgermeisters künftig Replikate klassischer Benzinkutschen durch den Central Park bewegen. Ob mit einem schnalzenden Stephen, Francesco oder einer Catherine auf dem Kutschbock oder als Google-gesteuertes Automobil im engeren Wortsinne, scheint noch eine offene Frage zu sein, doch das Wiehern und Schnauben echter Rösser soll wohl bald der Vergangenheit des Parks angehören, aus Gründen des Tierschutzes, wie es heißt. Begonnen hatte der Kutschenstreit bereits im Wahlkampf um die Nominierung für das Bürgermeisteramt. Es galt als ausgemacht, dass nach den beiden Republikanern Giuliani und Bloomberg Stephen und Tyson (v.l.n.r): Wer ist der Schönste im ganzen Land?


nun ein Demokrat Bürgermeister werden sollte, also fand der wirkliche Wahlkampf innerhalb einer Partei statt. Wahlkampf, das heißt auch hierzulande, sich die Unterstützung großer und oft gegensätzlich ausgerichteter Interessensverbände zu sichern. Neben de Blasio lag über lange Zeit seine Parteigenossin Christine C. Quinn sehr aussichtsreich im Rennen, bis sie infolge einer Kampagne von NYCLASS heftigst bei den Umfragen einbrach. NYCLASS ist die Abkürzung für „New Yorkers for Clean, Livable, and Safe Streets“. Dahinter verbirgt sich eine 2008 gegründete Tierschutzorganisation, auf deren Fahnen zu lesen ist, dass sie erst einmal die Stadt New York für Tiere menschlicher gestalten wollen … und schließlich die ganze Welt. Frau Quinn mochte den Tierschutz nicht so detailliert und schon gar nicht in das Zentrum ihres Wahlprogramms heben, worauf NYCLASS eine breite Anzeigenkampagne gegen die vermeintliche Tierquälerin Quinn schaltete. Oft reichen ja kleine Themen. Sie müssen nur irgendwie emotional belegt werden können. Das NYCLASS-Flugblatt mit der Erörterung der Frage „Warum

hasst Christine C. Quinn Tiere?“ dürfte letztlich den Ausschlag für Bill de Blasio gegeben haben. Das FBI ermittelte nach der Wahlentscheidung ein paar Wochen lang wegen Verdachts auf Erpressung von Frau Quinn, doch konnte man sich rasch darauf einigen, dass es sich um „normales Lobbying“ gehandelt habe. Bill de Blasio war allerdings seit seinem Amtsantritt im Januar 2014 bei NYCLASS im Wort. Politische Kleinschulden haben gewöhnlich 100 Tage als Zahlungsziel und weil die ersten Amtstage seiner Administration vom ritterlichen Kampf gegen die Unbilden eines Wintersturms geprägt waren, lief die Schonfrist für Herrn de Blasio in den Augen der NYCLASS Anfang bis Mitte April aus. Am 14. April meldete sich Liam Neeson in der New York Times ausführlich zu Wort. Für alle, die es noch nicht wissen, Liam Neeson ist ein weltberühmter Schauspieler und er ist Irländer. Liam – das wissen wir jetzt auch – ist ebenso Tierfreund wie Pferdekenner und er tritt vehement für die Erhaltung von Pferdegespannen im Central Park ein. Seine Argumentation ist schlicht und nachvollziehbar: Zum einen sei grundsätzlich nichts

Falsches darin zu erkennen, wenn man zur Nutzung gezüchtete Tiere auch nutze. Zum anderen würden die Pferde artgerecht gehalten und durch professionelles Personal betreut, in deren eigenem Interesse die Gesundheit und das Wohlbefinden der Tiere stünde. Als Zeugen der Verteidigung benannte er Harry W. Werner, den vormaligen Präsidenten der American Association of Equine Practitioners, der bei seinen stichprobenartigen Besuchen der Stallungen keine Mängel oder gar Tierquälerei habe feststellen können. Im August 2012 wurde ein anderer Wallach zu einem eher unfreiwilligen Zeugen der Anklage. Oreo, so der Name des Pferdes, erschreckten Bauarbeiten nahe Columbus Circle so gründlich, dass er mit einem entschiedenen Satz seiner stattlichen 750 Kilogramm Körpergewicht aus dem Geschirr sprang, dabei den Wagen umwarf und Kutscher und Fahrgast mit einigen Blessuren auf dem Asphalt der 59th Street zurück Die Mode mag Disney: Eine weiße Kutsche während einer Show im Rahmen der Mercedes Benz Fashion Week

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ließ. Oreo machte dann, was verschreckte Pferde mit gültiger Heimatanschrift in solchen Situationen gewöhnlich tun: Er machte sich auf den Weg in den Stall. Er trabte also um den Columbus Circle in Richtung 9th Avenue, bog nach links ab und war auf dem besten Weg nach Hause. Als wohlerzogenes Pferd hielt er natürlich vor roten Verkehrsampeln. An einer solchen Ampel erreichten ihn alarmierte Helfer der New Yorker Polizei. Offensichtlich in Pferdefragen nur unzureichend ausgebildet, glaubten die Schutzmänner die öffentliche Sicherheit und Ordnung nur dadurch retten zu können, indem sie an der Trense von Oreos Zaumzeug rissen und ihm eine für tobende Elefanten berechnete Dosis Beruhigungsmittel spritzten. Umringt von Polizisten ging Oreo ein paar Blocks vom Stall entfernt und den bereits auf ihn wartenden Pflegern zu Boden, und er wurde in einen Polizei-Transporter verladen. Das alles gab ein zu mindestens missverständliches Bild in den Medien ab und war Wasser auf die NYCLASS-Mühlen. Vor dem Stall bauten sich die Übertragungswagen der vielen lokalen Fernsehstationen auf

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und Stephen war über Nacht ein gefragter Mann. Seine Parole war: „Lasst alle, die sich für die Haltung New Yorker Kutschpferde interessieren, in den Stall kommen und sich davon überzeugen, dass die Pferde ordentlich gehalten werden und nicht stumme Opfer kapitalistischer Gewinninteressen sind, wie zum Beispiel die Näherinnen der T-Shirts mit Parolen von NYCLASS.“ Den letzten Teil sagt er freilich nicht, aber er wird nicht müde zu betonen, dass zwischen 2009 und 2014 nur 25 mehr oder weniger schwere Unfälle mit Pferdekutschenbeteiligung aktenkundig geworden seien. Dazu zählten 14 Berichte von Autobesitzern, dass ihr Fahrzeug von einem Pferdegespann beschädigt worden sei und sie den „Täter“ nicht haben stellen können. Insgesamt wären in den vergangenen zwölf Jahren drei Pferde auf Manhattans Straßen zu Tode gekommen, auf den beiden Pferderennbahnen der Stadt, wo man sich ohne belastende Gedanken an Tierschutz zu einem gesellschaftlichen Stelldichein treffe, seien es mehrere Dutzend pro Jahr. Hier im Stall an der 52. Straße wäre die Welt noch in Ordnung. Hier wohnten 80 Pferde, zahllose

Schwalben, ein paar Katzen, keine Ratten, aber dafür Mäuse. Klar, die Katzen ernährten sich lieber von Mäusen als von Heu, aber das mache den Stall genauso wenig zur Hölle, wie die Haltung von Pferden in einem Gebäude, das als Pferdestall gebaut worden sei: Fenster an alle vier Gebäudeseiten und für den Sommer eine leistungsstarke Lüftung. Viele Interessierte hätten sich mittlerweile selber ein Bild gemacht, nur jemanden von NYCLASS habe man noch nicht begrüßen dürfen. In Meinungsumfragen liegen die Befürworter traditioneller Pferdekutschen mittlerweile wieder mit zwei Dritteln vorne, die Ü-Wagen sind wieder von der 52. Straße verschwunden und NYCLASS scheint sich in die Schmollecke zurückgezogen zu haben. Die Kutschen-Sommersaison kam und ging, die Herbstsaison kam und ging, so das Weihnachtsgeschäft und die Zeit „zwischen den Jahren“. Im späten Januar und im Februar 2015 hatten die Kutscher mit strenger Kälte und entsprechend schlechten Feierabend: Auf der 9. Avenue geht es in Richtung Stall


Nicht nur von Pferdekennern als artgerecht beschrieben: Die Ställe der New Yorker Kutschpferde

Verdienstmöglichkeiten zu kämpfen. Eher chronisch sind die Eifersüchteleien zwischen Kutschern und den Betreibern von mittlerweile hunderten von Fahrrad-Rikschas, die mit vergleichsweise aggressivem Marketing ebenfalls um Kunden für eine Fahrt durch den Park werben. Man ist sich zwar nicht so Feind, dass man Rikscha-Fahrer nicht als Untermieter im Keller des Stallgebäudes dulden würde, doch entlang der 59. Straße würdigt man sie keines Blickes. Sie haben halt weniger Klasse, von Disney ganz zu schweigen. Von ihnen war – anders als von den Pferdekutschen – nicht die Rede, als der Central Park im 19. Jahrhundert zu einer unantastbaren Sehenswürdigkeit der Stadt erklärt wurde. Aber immerhin arbeiten die Rikscha-Fahrer auch hart bei der Umsetzung ihres amerikanischen Traums, das sehen auch die Kutscher. Sie haben selbst jemanden in ihren Reihen, der aus El Salvador kommend und ohne ein Wort Englisch zu sprechen im Stall als Pferdepfleger anfing und dann eine Aufgabe übernahm, die ihn an die Nordseite der 59. Straße zu den auf Kundschaft wartenden Kutschern brachte. Auf der Südseite der Straße hatten kurz nach Gründung von NYCLASS Hotels, Kneipen und Restaurants angefangen, gegen den Dreck der Kutschpferde Beschwerde zu führen. Weil Stephen als Boss von Local 553 den Frieden über alles schätzt, wurde eine Stallkraft regelmäßig mit Besen, Schaufel und Eimer an die 59. Straße beordert. Der El Salvadorianer legte Geld zurück, lernte Englisch und das Handwerk des Kutschers, ist mittlerweile der erste lateinamerikanische Coachman in der

Stadt. Er liebt seinen Beruf nicht weniger als seine Kolleginnen und Kollegen. Etwas weiter entfernt von NYCLASS und Kutschenfolklore könnte man denken, die Frage pro und contra Pferdegespann verdiene zu mindestens eine ernsthafte Diskussion, denn zur Zeit der Einführung der Kutschen in den Central Park stand ja der Siegeszug von Benzin- und Dieselkutschen noch bevor. Weil diese aber im 20. Jahrhundert überall in der Stadt so dominant und für andere Verkehrsteilnehmer gefährlich geworden sind, sollte man vernünftigerweise die Sphären sauberer trennen, also Pferde und Pferdefuhrwerke im Park ein- und Autos und LKW aus dem Park ausschließen. Dieser Meinung ist jedenfalls Mindy Levine. Sie ist als Ms. Randy Levine auf dem Internet zu finden, Randy ist derzeit Präsident der New York Yankees und beide investieren Zeit und Geld in Themen des Tierschutzes. Orio genießt etwa seine Frühverrentung aus dem Zugpferd-Leben auf einer LevineFarm und Mindy vertritt darüber hinaus die Meinung, der Park sei für Kutschgaragen, Pferdeställe und -koppeln allemal groß genug. Wenn die Tiere nach dem Arbeitstag ausgespannt seien, könnten sie als Therapeutikum für autistische Kinder oder schwer erziehbare Jugendliche noch eine Extraportion Hafer nebenher verdienen. So jedenfalls die Skizze. Aus Sicht der Kutscher könnte das eine Lösung sein, allerdings nur, wenn sie die Stallungen und Gelände in Erbpacht über 99 Jahre von der Stadt erhalten können. Ansonsten müssten sie bei jeder Mietverhandlung um ihre Existenz fürchten

und Kutscherstolz und Schiss in der Hose gehen nun mal nicht zusammen. Von so einem Real Estate Deal ist man derzeit aber noch meilenweit entfernt, wobei der ganze Kutschenstreit sich auch mit ganz wenigen Strichen als Grundstücks- und Immobilienentwicklerthema beschreiben ließe. De Blasio ist ja nicht nur mit den Stimmen vieler Gewerkschaften der Stadt gewählt worden, sondern vor allem auch mit dem Geld von Developern, also den Firmen, die den knappen Grundbesitz der Stadt immer gewinnbringenderen Verwendungen zuführen. Stallanlagen sind knapper Grundbesitz und sie befinden sich ausnahmslos auf der boomenden Westseite der Stadt, dort, wo man mit leichten Veränderungen im Bebauungsplan auf der Grundfläche eines Pferdestalls hunderte von Eigentumswohnungen stapeln könnte. Das hatte jedenfalls De Blasio in Aussicht gestellt, doch gibt es für die Developer noch an vielen anderen Ecken der Stadt eine schnelle Mark zu verdienen, so dass im Hinblick auf die vier Grundstücke wirklicher Beschwerdedruck erst gar nicht aufgebraust war. NYCLASS wird den Bürgermeister sicherlich nicht mehr so leicht an den Haken bekommen, wirklich ausgestanden ist der Streit ohne einen Erbpacht-Vertrag wohl nicht, doch scheint er erst einmal auf einer der hinteren Kochplatten angekommen zu sein und wir brauchen uns für die kommenden Jahre keine Sorgen um die Kutschen im Central Park zu machen. Stefan Altevogt Fotos: Karl-Heinz Krauskopf

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Neue Kunstbücher vorgestellt von Thomas Hirsch Neue Helden der Malerei Die Malerei erneuert sich von Künstlergeneration zu Künstlergeneration. Auch in Zeiten des Virtuellen, der digitalen Generierung und der rapiden Beschleunigung der Wahrnehmung lässt sich dieses tradierte, aufwändig von Hand erzeugte Medium nicht unterkriegen. Und ist es nicht gerade die Malerei, die Auktionsrekorde feiert und zu der die Museen immer wieder angepriesene Schauen – Retrospektiven, neue Werkgruppen eines berühmten Malers, thematische Ausstellungen – zeigen? Zu den Künstlern, die Generationen übergreifend geehrt werden, gehört die in Amsterdam lebende Südafrikanerin Marlene Dumas (geb. 1953 in Kapstadt). In der vermeintlichen Lässigkeit, im Fließenden der Farben auf und in der Leinwand erhält ihre Malerei eine neue, zusätzliche Ebene der Aktualität. Was die Motive betrifft, so scheint ihr die ganze Welt zur Verfügung zu stehen unter den Auspizien einer ausgesprochenen Zeitgenossenschaft. Dumas malt Neugeborene, Babys, Akte, Models, rückt ganz nahe an die Sujets heran, fokussiert Gesichter, die wie im Blitzlicht überstrahlt scheinen. Die Motive befinden sich meist vereinzelt im hellen, kaum definierten Bildraum,

Marlene Dumas, The Image as Burden, 196 S. mit 258 Abb., Klappenbroschur, 30 x 23,2 cm, Hatje Cantz, 38,– Euro

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und sie scheinen noch dessen Format zu diktieren. Wenn wir nun Dumas' Malerei, die häufig in Serien entsteht, genauer betrachten, so erkennen wir die schlafwandlerische Genauigkeit und Nuanciertheit, den sicheren Umgang mit der Farbe, der sich noch in ihren Aquarellen bestätigt. Die Themen ihrer Bilder sind Sexualität, Pornographie Leben, Tod … immer steht der Mensch im Mittelpunkt, und in der Pose und der Präsenz zitiert Dumas die Kunstgeschichte wie auch Bilder der Massenmedien. Derzeit tourt eine Ausstellung von Amsterdam über London nach Riehen/Basel, begleitet von einem Katalog, der für ihr Werk äußerst aufschlussreich ist. Er folgt, zwangsläufig selektiv, der Chronologie aus der Perspektive der Künstlerin. Jede Werkgruppe ist ergänzt um zeitgleiche Textpassagen und Interviews. Daneben läuft ein Zeitstrahl, der Dumas' Biographie in Bezug zu den Ereignissen der Zeit- und Kulturgeschichte setzt. Auch wenn man die Kunst von Marlene Dumas vorher nicht so recht verstand – in diesem Buch hebt sich der Vorhang zu den tiefgehenden, ja, existenziellen Bedeutungsebenen ihrer Malerei. Wie anders aber ist die Malerei des in Köln lebenden Siegfried Anzinger! Geboren 1953, gehört er der gleichen Generation wie Marlene Dumas an

I. Brugger / F. Steininger (Hg.), Siegfried Anzinger, 176 S. mit 143 Farbabb., Hardcover, 29,3 x 25,3 cm, Hatje Cantz, 30,- Euro

und doch unterscheiden sich seine Bilder grundsätzlich. Gleichfalls aus Anlass einer Ausstellung (und verlegt ebenfalls bei Hatje Cantz) ist ein Katalogbuch erschienen, welches seine Malerei der letzten Jahre ausführlich vorstellt und vergleichend ältere Bilder aus den späten 1980er Jahren, also der Zeit der „Jungen Wilden“ einbezieht, als er in kraftvollen Pinselhieben Landschaften und Figuren entwarf. Diese Malerei ist im Fragmentarischen, das in der Malerei aufgeht, merkwürdig und bemerkenswert und von einer immensen Sinnlichkeit. Vieles davon ist nun, zweieinhalb Jahrzehnte später, durch Anderes ersetzt. Die Malerei ist nach wie vor am Realismus orientiert, dabei figürlich, sie hat sich geklärt zum Kultivierten hin, das aber nicht kultiviert sein mag. Anzinger ist mittlerweile Professur an der Kunstakademie Düsseldorf, Ausstellungen finden turnusmäßig statt, institutionell vorrangig natürlich in seiner Heimat Österreich. In seinen Bildern nun mutiert die Erzählung zum Comic, weil die Figuren stilisiert sind und das Geschehen in der Fläche verbleibt – aber das ist alles eine Strategie des Malers. Die Anmutung verhält sich zwischen (kunsthistorischer) Paraphrase und frei flottierender Narration, mit einem bestenfalls humorvollen, schlimmstenfalls zynischen Zungenschlag. Anzinger nagelt in diesen neueren Bildern etwa ein Schwein ans Kreuz – Motive, welche, in malerischer Zersetzung oder Fragmentierung, wiederholt vorkommen. Wir sehen Indianer und Menschwesen, rudernd in einem Kahn, und Bäume, in denen Menschen klettern. Es geht um Sexualität, um das Verhältnis von Mann und Frau, um paradiesische Zustände und den Glauben. Es steht außer Frage, dass Anzinger ein feines Gespür für Farben besitzt und überhaupt ein souveräner Maler ist. Die Leinwand wird zur Kulisse, das Bild zum Theaterstück, welches die Abgründe des Lebens und der Geschichte interpretiert. Ein weiterer Maler dieser Generation ist Juan Uslé. Geboren 1954 in Santander, lebt er seit Ende der 1980er Jahre


in Spanien und New York. Unter dem Eindruck von New York entsteht seit 1997 seine Serie „Soñé que revelabas“ (das heißt: „Ich träumte, dass Du erscheinst“), und zwar bei Nacht. Die Gemälde sind mit 274 x 203 cm überlebensgroß. Vor einem Jahr, als diese Bilder im Kunstmuseum Bonn ausgestellt waren und dazu das vorliegende Buch im Distanz Verlag erschienen ist, umfasste die Werkgruppe bereits über 50 Gemälde. Juan Uslé, der durch seine Teilnahme auf der documenta 1992 bekannt wurde, praktiziert eine abstrakte Malerei, die Erinnerungen und konkrete Seherfahrungen transzendiert. Daran schließt die Serie „Soñé que revelabas“ an. Die Bilder sind in tiefem Schwarz gemalt, im Grunde addiert aus einzelnen knappen Pinselsetzungen und zwar in Zeilen, wodurch eine zeitliche Linearität entsteht, die dem Herzschlag des Malers beim Malen entsprechen soll. Jedes der Bilder tritt etwa im Grad des Wässerigen, insbesondere aber im Wechsel der Zeilen deutlich verschieden auf. Grundsätzlich gegenstandsfrei begriffen, tauchen in einzelnen Bildern direkte Anklänge an Schubfächer oder gar eine Perlenkette, überhaupt Spuren von Buntfarbigkeit auf. Diese Bilder ereignen sich zwischen Träumen, dem Starren ins Dunkel und dem mit der Gewöhnung einhergehenden Erkennen. – Kann das Buch die unmittelbare

S. Berg (Hg.), Uslé - Soñé que revelabas, 168 S. mit 50 Farbabb., Hardcover, 31,5 x 24 cm, Distanz, 39,90 Euro

Nadia Lichtig, Pictures of Nothing, 96 S. mit 85 Farbabb., Hardcover, 24 x 16,8 cm, Kerber, 25,– Euro

Angela Stauber, Mundus, mundi, 128 S. mit 90 üwg. farb. Abb, Klappenbroschur, 27 x 21 cm, Kerber, 30,– Euro

Begegnung ersetzen? Natürlich nicht. Aber es trägt die Serenität und den Klang der Gemälde. Und das ist sehr, sehr viel.

(geb. 1977 in München) malt im Modus des Realismus; sie bedient sich ebenso der Zeichnung wie des Linoldrucks, wobei das Sujet stets ihr eigenes Atelier mit den Malutensilien ist. Eindrucksvoll sind ihre gestischen, in breiten Bahnen vollzogenen Malereien von Lichtöffnungen, seien es Türen oder Fenster, welche den Blick in die Tiefe ziehen, wie auch die figürlichen Darstellungen, die sich fast frei auf der Grundierung verhalten und die Stauber als Alter Ego versteht. Auch wenn das alles nicht ganz neu ist, so ist es doch souverän und anregend – es lebe die Malerei!

Für die Künstler, die in den 1970er und 1980er Jahren geboren wurden, können die Malereien von Dumas, Anzinger oder Uslé Vorbilder sein, auf deren Grundlage Eigenes entsteht – wobei ähnlich aussehende Malerei etwas ganz anderes sein kann. So erinnert eine Werkgruppe in der Malerei von Nadia Lichtig an die immateriellen Landschaften von Turner bis Christa Näher, und doch ist jede dieser Positionen einzigartig. Geboren 1973 in München, hat Lichtig in Lyon und Paris studiert; seit 2002 unterrichtet sie als Professorin an der Kunstakademie Montpellier. Eine handliche Monographie liefert jetzt einen Überblick über ihre Werke seit 2010. Bei Lichtigs tritt die Malerei häufig in Korrespondenz mit anderen Medien auf. Sie arbeitet mit Prismen und Licht ebenso wie mit Akustik oder integriert die Malerei in die Natur. Haltung und Experiment lassen bei der Malerei stilistische Wechsel zu, wobei die Bilder qualitativ bestehen. Ebenso wie Lichtigs Buch ist der erste relativ umfassende Katalog von Angela Stauber bei Kerber erschienen – der Bielefelder Verlag ist die erste Adresse für die junge Kunst. Angela Stauber

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Geschichtsbücher, Buchgeschichten Vorgestellt von Matthias Dohmen

Frisch vom Feld Bergische Küche: Ein verdienstvolles Buch, in dem Ira Schneider, laut Klappentext Landfrau, Kochkursleiterin und Foodfotografin, alte bergische Rezepte, die sie oftmals behutsam und kenntnisreich modernisiert hat, auf 95 Seiten präsentiert. Die Küchenklassiker haben ihren Ursprung zwischen Wuppertal und Siegburg. Sehr nützlich ist das „Who is Who der Bergischen Küche von A bis Z“, in concreto von „Äpel oder Erpel“ (Kartoffel) bis „Zaus“ (Soße), das man unbedingt lesen muss, um zu wissen, dass mit „Kruut“ kein Sauer-, sondern beispielsweise Apfelkraut gemeint ist. Lesenswert ist auch die den Rezepten vorangestellte Infoseite über den Bergischen Bauerngarten. Überhaupt ein lehrreiches Kompendium, in dem man etwa erfährt, wie Schichtkäse hergestellt wird. Immer wieder stößt man auf Tipps und Hinweise, wie man ein Rezept abwandeln oder eine Speise vegetarisch zubereiten kann. Dabei ist Übersichtlichkeit Trumpf: Den Speisen rund ums Ei („Aus dem Hühnerstall“) folgen Fleischund Fischgerichte („Weiden, Wälder und Gewässer“), Kartoffelgerichte und Beilagen („Frisch vom Feld“), herzhafte Suppen und Eintöpfe („Aus der Region in den Topf“) und Eingemachtes und Süßspeisen („Von der Streuobstwiese“). Guten Appetit! Ira Schneider, Bergische Küchenklassiker. Von Pfannenwatz bis Butterplatz, Gudensberg: Wartberg 2014, 95 S., 14,90 Euro

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Im Schokoladenhimmel Süße Küche: Quer durch Europa – von Schweden über England bis nach Italien – nimmt Virginia Horstmann die Leserin und den Leser mit auf kulinarische Entdeckungsreise. Ein prächtiger Band, der genau so viel Spaß macht beim Durchblättern, Staunen und Nachbacken wie zuvor „Zucker, Zimt und Sterne“ (im selben Verlag). Die Autorin hat manche komplizierten Rezepte vereinfacht. Wer die „kleinen süßen Sünden“ ausprobiert hat, wird an den Rezepten „Für den Kuchenteller“, „Aus der Keksdose“ und „Im Schokoladenhimmel“ nicht vorbeigehen. Ein eigener Abschnitt, in dem es sogar interkontinental zugeht, befasst sich mit französischen Tartes und amerikanischen Pies. Und zu allem traumhafte Fotos. Die durchweg sehr gehaltvollen Süßspeisen sind allerdings kaum als Einstieg in eine Diät geeignet. Schade für den, der keine große Familie hat, der er zumindest am Wochenende einen ausgewachsenen Mandelkuchen oder Kirsch-HaselnussCookies vorsetzen kann. Stattdessen kann man aber Freunde einladen. Insgesamt sind 76 Rezepte, wie es im Vorwort heißt, allesamt „erdacht, ausprobiert und die Ergebnisse wunderschön in Szene gesetzt“. Bis der Backofen raucht! Virginia Horstmann, Zucker, Zimt und Liebe. Jeannys süße Rezepte, Münster: Hölker 2014, 176 S., 24,95 Euro

Vergrabenes Haifischfleisch Land-Küche I: „Einstürzende Gedankengänge“ heißt der „Eifel/Island-Krimi mit Rezepten“ des in Köln geborenen und heute in Freiburg lebenden Schriftstellers, Journalisten und Hörspielautors, der eine Zeitlang in Hattingen zu Hause gewesen und Wuppertal weiter verbunden ist. In seiner Krimihandlung kommt Ulrich Land erfreulicherweise mit einem Minimum an Personal aus. Sie spielt parallel in der Eifel, zum Beispiel in der Vulkaneifel, dem „Island des kleinen Mannes“, und in dem nordeuropäischen Inselstaat. Die Rezepte im Anhang des Buchs sind recht ausgefallen: Aus der Eifel empfiehlt Land die Heusuppe, den Sauerbraten vom heimischen Hirschkalb, den „Döppekooche mit Speck“ oder eine Wildschweinsülze, wer es mag, kann hinterher das „Nationalgetränk der Eifel“, den „Els“ genannten Kräuterschnaps zu sich nehmen. Aus Island empfiehlt der Autor geräucherten Hammel, gekochten Schafskopf, „vergrabenes Haifischfleisch“ oder „Frühstückseier am Straßenrand“. Wohl bekomm’s! Ulrich Land, Einstürzende Gedankengänge. Eifel/Island-Krimi mit Rezepten, Münster: Oktober-Verlag 2010, 285 S. (= Mord und Nachschlag, 8), 14,00 Euro


RINKE TREUHAND GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft · Steuerberatungsgesellschaft · Wall 39 · 42103 Wuppertal · 0202 2496-0

rinke.eu

Ulrich Land, Messerwetzen im Team Shakespeare. Historischer England-Krimi mit Rezepten, Münster: Oktober 2010, 288 S. (= Mord und Nachschlag, 16), 15,90 Euro

Pillepalle für alle Land-Küche III: Es wird nicht überall das Gleiche gegessen. Im Kapitel Rezepte differenziert der Krimiautor in „Essen auf Capri“, „Essen im Ruhrpott“ und „Essen in der Villa Hügel“. Von der italienischen Felseninsel im Golf von Neapel empfiehlt er etwa „Fisch in verrücktem Wasser“, aus dem Ruhrgebiet Pillepalle- (sprich Erbsen-) Suppe, Panhas, Soleier und Kartoffeltorte, von der Villa des Kanonenkönigs beispielsweise Geflügelragout auf ungarische Art und „Hötzepott“ (Straußenfilet mit Hummerkrabben). Alles vom Feinsten und, wie man es bei Ulrich Land kennt, mit ausführlichen Literaturangaben. Im Krimi geht es um die Eskapaden von Friedrich Alfred Krupp, der sich auf der südeuropäischen Ferieninsel eben nicht der Erforschung der Meeresfauna, sondern Orgien hingibt mit seinen männlichen Gespielen. Damals war Homosexualität straf- und die Familie damit erpressbar. Geschickt werden in dem Roman das kriminelle Geschehen und die Zeitgeschichte miteinander verwoben, etwa wenn es um die Geschichte des Stahlunternehmens oder die Entstehung der monumentalen Villa Hügel geht. Buon appetito! Ulrich Land, Krupps Katastrophe. Capri/ Ruhrgebiets-Krimi mit Rezepten, Münster: Oktober 2013, 281 S. (= Mord und Nachschlag, 14), 15,90 Euro

KULTUR FÖRDERN STANDORT STÄRKEN

Gebratener Kapaun Land-Küche II: Blutrünstig geht es in Ulrich Lands inzwischen fünftem Roman zu, der literaturhistorisch der These folgt, Shakespeare sei der Name für eine ganze Gruppe von Theaterautoren gewesen. Bei diesem „Messerwetzen im Team“ spielt auch der ebenfalls im 16. Jahrhundert geborene und früh verstorbene Christopher Marlowe eine Hauptrolle, den man nicht mit dem wesentlich später zur Welt gekommenen Philip Marlowe, einer Romanfigur von Raymond Chandler, verwechseln darf. Es geht hoch her in old England oder auch im Himmel, wo sich Shakespeare vor dem Jüngsten Gericht verantworten muss. Bei den Rezepten unterscheidet der Verfasser zwischen solchen, die am elisabethanischen Hofe gang und gäbe waren, und anderen, die auf dem „platten Land“ Anwendung fanden wie Porridge (Haferbrei), Borretsch, eine Suppe, oder die ebenfalls heute noch üblichen gebackenen Bohnen. Am Hof dagegen gab es gebratenen Kapaun, das Rebhuhn, „das sich der englische Adel gern und immer wieder gönnte“, oder Wildschweingulasch. Bon appétit!

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Kulturnotizen Saitenspiel – Vielsaitig Sonntag, 26. 4. 2015, 18.00 Uhr Historische Stadthalle Wuppertal Johann Sebastian Bach Suite BWV 2012 Béla Bartók Sonate für Violine allein Dmitri Schostakowitsch Bratschensonate Sergej Malov, Violoncello da spalla, Violine und Bratsche, Oleg Malov, Klavier

Solo-Violinsonate (komponiert für Yehudi Menuhin) und Schostakowitschs letztes Werk, die tiefgründige Bratschensonate, am Flügel begleitet von Sergejs Vater Oleg Malov. 17 Euro | ermäßigt 6 Euro, VVK: Kulturkarte, Veranstalter: Historische Stadthalle Wuppertal mit freundlicher Unterstützung von Detlef Muthmann, www.saitenspiele.eu Saitenspiel – Aimez-vous Brahms? So, 14. 6. 2015, 20 Uhr Historische Stadthalle Wuppertal Johannes Brahms Streichquintett op. 111 Ulrich Leyendecker Streichquartett Nr. 1 Johannes Brahms Streichsextett B-Dur op. 18 Minguet Quartett, Gérard Caussé, Viola, Alexander Hülshoff, Violoncello Die Kammermusik ist der innerste Kern von Brahms’ Schaffen. Hier ließ er seiner

ganzen Kompositionskunst, aber auch seinen intimsten Gefühlen freien Lauf, von den ersten Anfängen wie im Streichsextett op. 18 bis zum späten Quintett op. 111. Das Minguet Quartett, ECHO KlassikPreisträger und eines der gefragtesten deutschen Ensembles, wird nicht zuletzt für seine Interpretationen aktueller Musik gerühmt. So bereichert es sein BrahmsProgramm um ein Werk des gebürtigen Wuppertalers Ulrich Leyendecker. Gérard Caussé und Alexander Hülshoff, zwei Solisten von Rang, zählen zu den regelmäßigen Musizierpartnern des Minguet Quartetts. 17 Euro | ermäßigt 6 Euro, VVK: Kulturkarte, Veranstalter: Historische Stadthalle Wuppertal mit freundlicher Unterstützung von Detlef Muthmann, www.saitenspiele.eu

Ein echtes „Spiel mit den Saiten“ verspricht Sergej Malovs Konzertabend zu werden. Das Instrumentarium, mit dem er auftreten wird, umfasst eine Geige, eine Bratsche und ein Violoncello da spalla, das speziell für ihn gebaut wurde. Sein Ausnahmetalent stellt Sergej Malov mit drei absoluten Höhepunkten des Repertoires unter Beweis: Bachs Solosuite Nr. 6 für Violoncello, Bartóks

ERWIN WURM

Am I still a House ? 11. 4. – 12. 7. 2015

Hirschstraße 12 · 42285 Wuppertal · 0202 47898120 · skulpturenpark-waldfrieden.de

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In der City-Kirche Wupperteal 6. Mai 2015 kunsthochdrei Kunst- und Museumsverein Wuppertal Zum 100. Todestag des Komponisten Alexander Skrjabin

Ferdinand Hodler, Verklärung, um 1906, Von der Heydt-Museum Wuppertal

Einführung Dr. Gerhard Finckh Eine Erzählung von Anton Tchechow Es liest Ingeborg Wolff Alexander Skrjabin Klaviersonate Nr. 8 und weitere Werke Florence Millet, Klavier Moderation Prof. Dr. Lutz-Werner Hesse kunsthochdrei Musik, Literatur, Kunst miteinander zu verbinden, das ist die Idee der Kunsthochdrei-Veranstaltungen.

Mädchenwohnheim St. Hildegard. Ein weiterer Scheck in Höhe von 4.500 Euro ging an den Förderverein der EugenLangen Förderschule Lernen, vertreten durch Schulleiter Manfred Diethert. Der gemeinnützige Wuppertaler Verein kunstkann’s e. V. möchte mit Kunst und Künstlern bewegen und helfen. Im vergangenen November (21. 11. 2014) fand im EVENTUM, Friedrich-EbertStr. 141a, Wuppertal, die zweite Kunstauktion statt. Dem Verein war es erneut gelungen, eine Vielzahl beachtenswerter Künstler aus Wuppertal und der Region für die Idee zu gewinnen, im Rahmen einer Auktion für den guten Zweck ihre Werke anzubieten. Die Idee hilft dreifach: So geht der Erlös aus der Auktion zur Hälfte an soziale Projekte in Wuppertal und zur anderen Hälfte an die sozial engagierten teilnehmenden Künstler. DenKunstinteressierten und Sammlern wird es in einem anspruchsvollen Rahmen ermöglicht, Kunst im Original zu erwerben. Künstler aus Wuppertal werden in ihrer Arbeit bestätigt und gleichzeitig werden wichtige soziale Projekte unterstützt. Informationen & Kontakt: Martina Sailer, kunstkann’s, Am Forsthof 18, 42119 Wuppertal Telefon: 2657113, www.kunstkanns.de

Eine schlichte Todesanzeige in einer Tageszeitung meldete am 10. 2. den Tod eines der profiliertesten Schauspieler am ehemals ob seines hervorragenden Ensembles und Spielplans deutschlandweit geschätzten Wuppertaler Schauspielhaus: Adalbert Stamborski, der von 1966 bis 2001 in deren wechselvoller Geschichte den Wuppertaler Bühnen/Schillertheater NRW angehörte, einer der letzten Grandseigneurs an diesem traditionsreichen Haus war und im Oktober 2001 in Peter Turrinis „Josef und Maria“ in seiner letzten Hauptrolle gefeiert wurde, starb am 6. Februar im Alter von 76 Jahren. Das Foto stellte freundlicherweise Uwe Stratmann zur Verfügung. Bec. Heine-Kunst-Kiosk In Fortsetzung des HKK-Projekts „Angekommen in Wuppertal“ stellt der aus Griechenland stammende Fotokünstler TASSO MITSARAKIS (www. tassomitsarakis.de) sein Heimatdorf NISI in beeindruckenden Fotos vor.

Adalbert Stamborski † Der beliebte Schauspieler starb im Alter von 76 Jahren (1939-2015)

1990 verließ er Nisi im Norden Griechenlands und folgte den Eltern nach Deutschland. Als er zwanzig Jahre später zu einem Besuch zurückkehrte, notiert er angesichts des sterbenden Dorfs seiner Kindheit: „Ich war in einem Ort, in dem ich mich so gut auskannte, plötzlich fremd.“ Die Ausstellung endet am 2. Mai 2015. Zusätzliche Öffnungszeiten nach telefonischer Vereinbarung.

Adalbert Stamborski als Malvolio 1998 - © Uwe Stratmann

Mehr Info unter: www.heine-kunst-kiosk.de

www.kmv-wuppertal.de Kunstauktion Kunst kann´s 9.000 Euro für soziale Projekte Bei der Kunstauktion „Kunst kann’s“ im 21. November 2014 kamen für soziale Projekte insgesamt 9.000 Euro zusammen. Die Organisatorinnen von „Kunst kann’s“ übergaben einen Scheck in Höhe von 4.500 Euro an Marie-Luise Peterwerth, Vorstand des SkF e. V. Wuppertal, für das

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Kulturnotizen

Programm April / Mai 2015 April 2015 Mi 1. 4. 2015, 18:00 Uhr // Theater am Engelsgarten // Die Wupper // von Else Lasker-Schüler Eine Reise ins Innere der Stadt – ein theatraler Gang begleitet von den Figuren Else Lasker-Schülers und ExpertInnen der Stadt und für Stadtgeschichte. Weitere Vorstellungen: 2., 5., 12., 16., 24., 25. April und 3., 7., 9., 10. Mai jeweils um 18:00 Uhr sowie am 22. April um 19:00 Uhr // alle im Theater am Engelsgarten. Sa 4. 4. 2015, 17:00 Uhr // Opernhaus Parsifal // Richard Wagner (1813-1883) // Ein Bühnenweihfestspiel in drei Akten; // Dichtung von Richard Wagner in deutscher Sprache mit Übertiteln. // Von der ersten Beschäftigung Richard Wagners mit dem Versepos „Parzival“ (W. von Eschenbach) bis zur Uraufführung seines letzten imposanten Bühnenwerks vergingen fast 40 Jahre. // Weitere Vorstellung: 6. 4. 2015, 17:00 Uhr im Opernhaus. Sa 4. 4. 2015, 22:15 Uhr // Opernhaus // Chucky & Jones – Apr’Opera // AfterOper-Brit-Sit-Up-Comedy Fr 10. 4. 2015, 19:30 Uhr // Theater am Engelsgarten // Supergute Tage // nach dem Roman von Mark Haddon Bühnenfassung von Simon Stephens Deutsch von Barbara Christ

Weitere Vorstellungen: 15., 26. 4. und 6., 13., 15. 5. jeweils 19:30 Uhr sowie am 26. 4. um 18:00 Uhr Sa 11. 4. 2015, 19:30 Uhr / Theater am Engelsgarten // Kaffee & Vodka - ein Liederabend // Visitenkarte: Uwe Dreysel So 12. 4. 2015, 11:00 Uhr / Opernhaus Matinée // Salome

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Fr 17. 4. 2015, 19:30 Uhr // Opernhaus Premiere // Salome // Richard Strauss (1864-1949) // Musikdrama in einem Aufzug nach Oscar Wildes gleichnamiger Dichtung in deutscher Sprache mit Übertiteln // // Die Uraufführung von Richard Strauss Oper Salome war ein überwältigender Erfolg und ein handfester Skandal zugleich. Höhepunkt der Oper ist Salomes Tanz der sieben Schleier, indem zur Schau getragene Sinnlichkeit und hintergründige Erotik einander abwechseln. // Weitere Aufführungen: 19. und 26. 4., 18:00 Uhr, 8. und 30. 5., 18:00 Uhr sowie 17. 5., 19:30 Uhr Fr 17. 4. 2015, 19:30 Uhr / Theater am Engelsgarten // Minna von Barnhelm /// Ein Lustspiel in fünf Aufzügen von Gotthold Ephraim Lessing // Neben Geld und Ehre ist das Stück eine der hinreißendsten Liebesgeschichten der deutschen Bühnenliteratur. Und ein grandioses Stück gegen den Krieg. /

Weitere Vorstellungen: 18., 29., 30. 4., jeweils um 19:30 Uhr, 17. 5., 18:00 Uhr Sa 18. 4. 2015, 12:00 Uhr / City-Kirche Elberfeld / Ohrenöffner, Musik-Gespräch Über den Wolken: Wenn ein Orchester auf Reisen geht Sa 18. 4. 2015, 21:00 Uhr / Café ADA Nachtfoyer So 19. 4. 2015, 19:30 Uhr / Theater am Engelsgarten // Nightradio // Visitenkarte: Stefan Walz Di 21. 4. 2015, 20:00 Uhr // Ankerpunkt // Uni-Stammtisch // Gesprächsrunde über Themen und Bedingungen vom Theater // Eintritt frei Do 23. 4. 2015, 19:30 Uhr // Theater am Engelsgarten // Tagebuch eines Wahnsinnigen von Nikolai Gogol / Visitenkarte: Thomas Braus Sa 25. 4. 2015, 19:30 Uhr / Opernhaus // Libertanz - Libertango // Ein südamerikanischer Solotanz- und TangoAbend mit Regina Advento und Christoph Iacono Mo 27. 4. 2015, 19:30 Uhr // Theater am Engelsgarten // Tanz NRW 2015 // Alexandra Waierstall - Matter of Ages

Di 28. 4. 2015, 19:30 Uhr / Theater a. Engelsgarten // Tanz NRW 2015 // Fabien Prioville Dance Company - Time for us Do 30. 4. 2015, 19:30 Uhr // Opernhaus // Premiere // Die Bürgschaft // nach Friedrich Schiller //

Die Schauspielerinnen und Schauspieler der inklusiven Theatergruppe spürten in ihrer Probenarbeit den Themen um Freundschaft, Liebe und Treue nach und stellten zur Diskussion, wie wichtig diese Begriffe für sie sind, wo sie sie als wahrhaftig erleben und wo sie als versöhnliche Floskeln entlarvt werden. Welchen Wert legen wir diesen großen Gefühlen und dem damit einhergehenden Versprechen zur Verbindlichkeit bei? Was sind wir bereit für Freundschaft, Liebe und Treue zu geben? Was erwarten wir von uns und von Anderen? // Weitere Vorstellungen: 2. Mai, 19:30 Uhr und 3. Mai16:00 Uhr Mai 2015 Do 7. 5. 2015, 18:00 Uhr // Kronleuchterfoyer Opernhaus // Kamingespräch // mit Jochen Zoerner-Erb So 17. 5. 2015, 11:00 Uhr // Opernhaus // Matinée // Johannespassion Fr 22. 5. 2015, 19:30 Uhr // Opernhaus // Premiere // Johannes-Passion // Johann Sebastian Bach (1685-1750) //

Szenische Aufführung der Passio Secundum Johannem BWV 245 // in deutscher Sprache mit Übertiteln // Weitere Aufführungen: 23. 5., 19.30 Uhr und 24./25. 5., jeweils um 18:00 Uhr Sa 30. 5. 2015, 19:30 Uhr / Theater am Engelsgarten / Premiere // Mondlicht und Magnolien // Backstage-Comedy


So 31. 5. 2015, 16:00 Uhr / Opernhaus // Mondlicht und Magnolien // Basierend auf wahren Ereignissen ist Mondlicht und Magnolien eine temporeiche Backstage-Comedy, die ein bissiges Licht auf den Aberwitz und die Hysterie der Filmindustrie wirft. Kenntnisreich verfolgt Ron Hutchinson die Entstehung eines Bürgerkriegsepos, während im fernen Europa ein sehr realer Krieg heraufzieht. So 31. 5. 2015, 19:00 Uhr / Opernhaus // SAX FOR FUN meets FLIEGER // powerd by Sparda-Bank // SAX FOR FUN – das Wuppertaler Saxophonorchester unter der Leitung von Thomas Voigt freut sich auf ein gemeinsames Konzert mit der bekannten Cover Rockband FLIEGER im Wuppertaler Opernhaus. // Auch die Musiker der bekannten Band sind stolz auf die beiden ungewöhnlichen Auftritte am 31. Mai und 1. Juni im Opernhaus. Das hat es europaweit noch nie gegeben!

Beginn ist jeweils um 19 Uhr. Die Karten kosten Euro 15,- (erm. Euro 6,-) // Infos: www.saxforfun.org und www.fliegerlive.de

Spielplan April / Mai Fr 3. 4. 2015, 18:00 Uhr // Historische Stadthalle // 3. Chorkonzert // Susanna Martin, Sopran, Lucie Ceralová, Alt, Marcus Ullmann, Tenor, Rolf A. Scheider, Bass, Konzertchor der Volksbühne Wuppertal / Thorsten Pech, Einstudierung / Sinfonieor-

chester Wuppertal, Jos van Veldhoven, Leitung // Johann Sebastian Bach // JohannesPassion BWV 245 // Von Johann Sebastian Bach sind drei Passionsmusiken bekannt, wobei die Matthäus-Passion ihre beiden Schwesternwerke häufig überstrahlt. Mit der Johannes-Passion gehen der Konzertchor und das Sinfonieorchester zurück an die Anfänge von Bachs Oratorienschaffen, er verfasste sie in der Fastenzeit des Jahres 1724. Natürlich darf in diesem Konzert am Dirigentenpult ein Bach-Experte nicht fehlen. Mit Jos van Veldhoven, künstlerischer Leiter der Niederländischen Bach-Gesellschaft, ist es gelungen einen ausgewiesenen Kenner der Bach-Werke zu engagieren. Der Niederländer war bereits im letzten Jahr mit dem Werk eines Bach-Sohnes zu Gast in Wuppertal. So 26. 4. 2015, 11:00 Uhr // Historische Stadthalle // 8. Sinfoniekonzert // Valeriy Sokolov, Violine, Sinfonieorch. Wuppertal,

Toshiyuki Kamioka, Leitung // Johannes Brahmsl, Violinkonzert D-Dur op. 77 / Robert Schumann, Sinfonie Nr. 2 C-Dur op. 61 Das 8. und 9. Sinfoniekonzert verbinden in einem Mini-Zyklus jeweils ein Solistenkonzert mit einer Sinfonie der Zeitgenossen Johannes Brahms und Robert Schumann. Den Anfang macht das seit seiner Uraufführung im Jahr 1879 viel gespielte Brahmssche Violinkonzert. Ursprünglich dem Jahrhundertgeiger Joseph Joachim in die Finger geschrieben, der auch an der Entstehung des Soloparts beteiligt war, reiht sich in Wuppertal der junge Ukrainer Valeriy Sokolov in die Folge der Interpreten des Meilensteins. Ausgebildet von Natalia Boyarskaya an der

Yehudi Menuhin School in England, legten verschiedene Wettbewerbsgewinne den Grundstein zu seiner vielversprechenden Karriere. Weitere Aufführung: 27. 4., 20 Uhr Mo 11. 5. 2015, 20:00 Uhr / Historische Stadthalle // 5. Kammerkonzert // Uta Linke, Flöte, Manuela Randlinger-Bilz, Harfe, Martin Schacht, Daniel Häker, Benedikt Clemens, Werner Hemm, Schlagzeug, Tobias Deutschmann, Klavier // André Jolivet // »Suite en concert« // Konzert für Flöte und Schlagzeug // Alberto Ginastera // Harfenkonzert in der Fassung für Harfe, Klavier, Pauke und Schlagzeug So 17. 5. 2015, 11:00 Uhr // Historische Stadthalle // 9. Sinfoniekonzert // Benedict Kloeckner, Violoncello, Sinfonieorchester WuppertalToshiyuki Kamioka, Leitung // Robert Schumann, Violoncellokonzert a-Moll op. 129 // Johannes Brahms, Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73 // Weitere Aufführung: 18. 5. 2015, 20:00 Uhr Di 19. 5. 2015, 9:00 Uhr und 10:30 Uhr, Mi 20. 5., 9:00 Uhr und 10:30 Uhr, Do 21. 5. 2015, 10:30 Uhr // Historische Stadthalle // Kindergartenkonzerte // Richard Strauss // »Till Eulenspiegels lustige Streiche« // Nicola Hammer, Gerald Hacke, Martin Schacht, Konzeption, Instrumentalquintett des Sinfonieorchesters Wuppertal, Martin Schacht, Erzähler // Jedes Kind kennt Till Eulenspiegel. Voller Schadenfreude verspottet er Marktweiber, Priester und sogar Lehrer. Auch Richard Strauss war begeistert von Till Eulenspiegels Streichen und komponierte dazu eine mitreißende Musik. Extra für Kindergärten spielt sie das Sinfonieorchester Wuppertal in einer Bearbeitung für Instrumentalquintett von Franz Hasenöhrl. // Für Kindergartenkinder ab 5 Jahren So 31. 5. 2015, 18:00 Uhr / Historische Stadthalle // 4. Chorkonzert // Elena Fink, Sopran, Annika Kaschenz, Sopran / Christian Sturm, Tenor, Chor der Konzertgesellschaft Wuppertal, Sinfonieorchester Wuppertal Howard Arman, Leitung // Julius Rietz // Konzert-Ouvertüre op. 7 »Hero und Leander« Felix Mendelssohn Bartholdy // Sinfonie Nr. 2 B-Dur op. 52 »Lobgesang«

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Kulturnotizen Termine im April/Mai 2015 Samstag, 25. April, 19 Uhr, Pavillon Rita Marcotulli & Luciano Biondini La strada invisible Rita Marcotulli Piano, Luciano Biondini Akkordeon

cuerdas), bearbeitet das Instrument auf jede nur vorstellbare und mögliche Weise – so wird es Bass-, Perkussions-, Harmonie- und Melodieinstrument zugleich. Einzig in Brand gesetzt habe er es nicht, berichtete das Wall Street Journal nach einem Konzert verblüfft.

Ihre musikalischen Werdegänge verliefen ganz ähnlich: Rita Marcotulli und Luciano Biondini befassten sich beide früh mit klassischer Musik, studierten diese an renommierten Instituten – und fanden schließlich über die Liebe zu den traditionellen Liedern ihrer italienischen Heimat zum Jazz. Pianistin Rita Marcotulli etablierte sich schnell international und arbeitete mit Jazzgrößen wie Chet Baker, Enrico Rava und Pat Metheny. Luciano Biondinis Virtuosität am Akkordeon führte ihn u.a. an die Seite von Rabih Abou-Khalil, Enrico Rava und Adam Bałdych. Dank langjähriger Zusammenarbeit in einem Quartett verstehen sich beide blind, für dieses Projekt haben sie sich nun bewusst für die reduzierteste und intimste Art des gemeinsamen Musizierens entschieden: das Duo. Jazz, Klassik und italienische Liedkunst werden eins in ihrer Musik, die auf dem Album „La Strada Invisibile“ festgehalten wurde. Ihre virtuose Spielkunst stellen sie dabei ganz in den Dienst der Musik und des Moments. Oft aus kleinen Bewegungen, Gesten und Linien heraus entwickelt sich ein sinnliches musikalisches Zwiegespräch – das im Ambiente des frühlingshaften Skulpturenparks einen besonderen Zauber entfalten wird.

In seiner furiosen Musik kommen Elemente kolumbianischer und venezolanischer Musik wie des Joropo, der argentinischen Zamba und natürlich des Jazz zusammen. In den USA ist Castaneda seit seinem Debütalbum „Cuarto de Colores“ von 2006 überaus gefragt. Er spielte schon mit Wynton Marsalis, John Patitucci, Marcus Miller, Lila Downs, Janis Siegel, Gonzalo Rubalcaba und Chico O’Farrill. In Deutschland wusste er u.a. bereits bei der Jazz Baltica, der jazzahead! und dem Jazzfestival Münster das Publikum zu begeistern. Sein mit Harfe, Saxofon und Schlagzeug auch ungewöhnlich besetztes Trio dürfte in Wuppertal ebenfalls für Staunen (und Tanzen) sorgen. Skulpturenpark Waldfrieden Hirschstraße 12, 42285 Wuppertal www.skulpturenpark-waldfrieden.de Kartenreservierung unter Tel. 0202/47898120 oder mail@skulpturenpark-waldfrieden.de sowie Online-Tickets über skulpturenpark-waldfrieden.de/shop

Samstag, 9. Mai, 19 Uhr, Pavillon Edmar Castaneda-Trio Maestro de Cuedas Edmar Castaneda Harfe, Shlomi Cohen Saxofon, Rodrigo Villalón Schlagzeug Der 1978 in Bogota geborene Musiker zupft, schlägt, zerrt und zieht die Saiten (spanisch:

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Klangart im Skulpturenpark Waldfrieden „Kunst. Musik. Natur.“ ist das Motto der Konzertreihe KLANGART, die jährlich vom Frühjahr bis zum Spätsommer im Skulpturenpark veranstaltet wird. Namhafte Musiker des Jazz, der Neuen Musik und der Weltmusik lassen sich vom Geist des Ortes inspirieren und präsentieren hochkarätige Konzerte jenseits des Mainstreams. Die Veranstaltungen finden auf der Rasenfläche vor der Villa Waldfrieden oder im gläsernen Ausstellungspavillon des Skulpturenparks statt.

Termine des Verbandes deutscher Schrifsteller Bergisches Land (VS) und der Autorengemeinschaft „Literatur im Tal“ und ihrer Mitglieder April 2015 Samstag, 11. 4. 2015, 18.00 Uhr: Lesung von Wolf von Wedel nach dem Büchermarkt in der Pauluskirche. Moderation: Jürgen Kasten. Pauluskirche, Pauluskirchstraße 8, Wuppertal-Unterbarmen. Montag, 13. 4. 2015, 19.30 Uhr: 11. Öffentliche Werkstattlesung mit Dieter Jandt, Sibyl Quinke und Jost Baum. Moderation: Dorothea Müller. Eintritt frei. Literaturhaus Wuppertal, FriedrichEngels-Allee 83, Wuppertal-Unterbarmen. Dienstag, 14. 4. 2015, 16.00 Uhr: Lesung von Falk Andreas Funke im Rahmen der Autorenlesungen der Friedrich-SpeeAkademie. Eintritt frei. Literaturhaus Wuppertal, Friedrich-Engels-Allee 83, Wuppertal-Unterbarmen. Freitag, 17. 4. 2015, 19.30 Uhr: Literatur auf der Insel. Gast: Hermann Schulz. Moderation: Torsten Krug, Katrina Schulz. Café Ada, Wiesenstraße 6, WuppertalElberfeld. Mai 2015 Samstag, 2. 5. 2015, 18.00 Uhr: Lesung von Jürgen Kasten nach dem Büchermarkt in der Pauluskirche. Pauluskirche, Pauluskirchstraße 8, WuppertalUnterbarmen. Dienstag, 5. 5. 2015, 20.00 Uhr: Engelsgartentexte: Döppersberg 24: Wunder des Sichtbaren. Oskar Schlemmers „Fensterbilder“. Wuppertaler Autoren lesen ihre Texte zu Oskar Schlemmers Fensterbildern. Moderation: Dorothea Renckhoff. Eintritt: 6 Euro. Opernhaus Wuppertal, Kleines Foyer, Kurt-DreesStraße 4, Wuppertal-Barmen. Dienstag, 12. 5. 2015, 16.00 Uhr: Lesung von Dieter Jandt im Rahmen der Autorenlesungen der Friedrich-SpeeAkademie. Moderation: Joachim Krug. Eintritt frei. Literaturhaus Wuppertal, Friedrich-Engels-Allee 83, WuppertalUnterbarmen. Mittwoch, 27. 5. 2015, 20 Uhr: Karl Otto Mühl liest aus seinem neuen Buch „Totenwache“. Opernhaus-Café, KurtDrees-Straße 4, Wuppertal-Barmen.


Biennale Festival tanz nrw Zum mittlerweile fünften Mal zeigt das „biennale Festival tanz nrw“ vom 16. bis 28. April eine Auswahl aktueller Tanzproduktionen – made in NRW. Neu hinzugekommen ist das Nachwuchsformat „Sprungbrett“. Die Produktionen von 17 Choreograf* innen / Kompanien sowie ein multidisziplinäres Programm machen NordrheinWestfalen im April zu einer Plattform für zeitgenössischen Tanz. Das Festival tanz nrw 15 verbindet acht Städte zwölf Tage lang und zeigt eine Auswahl aktueller Produktionen, die in den vergangenen zwei Jahren entstanden sind. Ausgewählt wurden renommierte Choreograf*innen / Kompanien wie Ben J. Riepe, Barbara Fuchs und Renegade sowie Newcomer wie Marion Dieterle, Reut Shemesh & Overhead Project. In Open Studios, öffentlichen Proben, Lectures und Diskussionen geben die hiesigen Künstler zudem einen Einblick in ihr Arbeitsfeld. In diesem Jahr ergänzt erstmals das Nachwuchsportal „Sprungbrett“ als Pilotprojekt das reguläre Festivalprogramm. Es unterstützt vier NRW-Künstler*innen darin, ihre ersten Schritte in die choreografische Praxis zu realisieren. Nach einer Residenz in Köln,

Düsseldorf oder Essen und unter Begleitung eines selbst gewählten Coaches werden die jeweils 15-minütigen Produktionsergebnisse im Rahmen von tanz nrw 15 gezeigt. Das NRW-Tanzfestival ist seit 2007 ein erfolgreiches Modell, das durch nachhaltige Zusammenarbeit mehrerer Tanzinstitutionen die Außenwirkung und das Interesse für den Tanz in NRW stärkt und vernetzte Strukturen aufbaut. Es bietet tanzinteressierten Zuschauer*innen einen umfassenden Überblick über aktuelle Tanzproduktionen aus NRW, zeigt Entwicklungen, Experimente und individuelle Profile der NRWChoreograf*innen, macht sie einem breiten Publikum zugänglich und lenkt die Aufmerksamkeit des (inter)nationalen Fachpublikums auf das künstlerische Tanzschaffen in NRW. tanz nrw – Biennales Tanzfestival Bonn, Düsseldorf, Essen, Köln, Krefeld, Münster, Viersen, Wuppertal Eröffnung ist am 16. 4. im Schauspiel Köln. Weitere Infos: www.tanz-nrw-15.de Engelsgartentexte 5. Mai 2015, 20 Uhr – Kleines Foyer Opernhaus Döppersberg 24: Wunder des Sichtbaren Wuppertaler Autor/Innen lesen ihre Texte zu Oskar Schlemmers Fensterbildern von 1942 Eine große Retrospektive der Staatsgalerie Stuttgart zum Werk von Oskar Schlemmer hat den Bauhaus-Künstler zum ersten Mal seit rund 40 Jahren wie-

der in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Schlemmer, 1933 von den Nazis als ‚destruktives, marxistisch-leninistisches Element‘ verfemt, fristete während des 2. Weltkriegs sein Leben mit der Verfertigung von Tarnanstrichen und mit Arbeit in den Versuchslaboratorien der Lackfabrik Kurt Herberts in Wuppertal. Hier entstand nach Feierabend und vor Beginn der Verdunkelung die Serie seiner ‚Fensterbilder‘, in denen Schlemmer seine künstlerische Identität neu fand. Durch den Tod des Künstlers im Jahr 1943 sind die ‚Fensterbilder‘ zu seinem Abschiedswerk geworden. Auf Initiative des in Wuppertal lebenden Autors Arnim Juhre haben 18 Wuppertaler Schriftsteller/Innen sich 2014 mit den ‚Fensterbildern‘ auseinandergesetzt und eigene Texte dazu geschrieben, die am 5. Mai im Kleinen Foyer des Opernhauses erstmalig einer Öffentlichkeit vorgestellt werden. Es lesen Dieter Jandt, Marina Jenkner, Arnim Juhre, Jürgen Kasten, Gringo Lahr, Karl Otto Mühl, Dorothea Müller, Dorothea Renckhoff, Matthias Rürup, Andreas Steffens, Ingrid Stracke, Ruth Velser, Wolf von Wedel-Parlow, Gunter Wollschläger, Günter Wülfrath, Friederike Zelesko, Michael Zeller und Angelika Zöllner. Moderation: Dorothea Renckhoff.

Saitenspiel:Meisterwerke in der Historischen Stadthalle Wuppertal So. 26.04.2015, 18.00 Uhr

Vielsaitig

Bach: Suite Nr. 6 D-Dur BWV 2012 Sergej Malov, Violoncello da spalla, Bartók: Sonate für Violine allein Violine und Bratsche Schostakowitsch: Bratschensonate Oleg Malov, Klavier

VVK: KulturKarte Tel. 02 02 .563 76 66 Veranstalter: Historische Stadthalle Wuppertal GmbH

Die Konzertreihe „Saitenspiel“ wird ermöglicht mit freundlicher Unterstützung von Detlef Muthmann www.saitenspiele.eu

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Kulturnotizen GartenLeben Schloss Grünewald Das Gartenevent im Schloss Grünewald an vier Tagen – 14. - 17. Mai 2015 Für alle, die das Schöne und Praktische für Garten, Balkon und Terrasse lieben, offen sind für Inspirationen rund um das Thema Wohnen, für Natur- und Pflanzenliebhaber und Kunstinteressierte.

Für Menschen, die historisches Ambiente genießen und sich von schönen Dingen und Anregungen des Lebens verzaubern lassen möchten. Im histori-

schen Ambiente von Schloss Grünewald in Solingen-Gräfrath – direkt an der Wuppertaler Stadtgrenze im Bergischen Land gelegen. Etwa 130 Aussteller werden im Frühjahr an dem Wochenende vor Pfingsten (an vier Tagen um Christi Himmelfahrt) Pflanzen und Kräuter in allen Variationen, ausgefallene Gartenmöbel und -dekorationen, Kunstobjekte und

Bilder, Wohnaccessoires, Gartengeräte, historische Baustoffe und viele andere Attraktionen rund um die Themen Garten, Kunst und Wohnen offerieren.

Genießen Sie wieder wertvolle Ideen zur Gartengestaltung und Tipps von Experten rund um die Gartenpflege. Gerne fahren wir Ihnen die erworbenen Artikel mit einem kostenlosen Shuttleservice bis zum Ausgang, so dass Sie problemlos diese Waren in Ihr Auto laden können. Sie können sich also absolut stressfrei und ohne sportliche Höchstleistungen einfach dem Genuss des GartenLebens hingeben. Eine ganz besondere Resonanz erfährt der Pflanzendoktor Franz Beckers, der auch in diesem Jahr wieder an jedem Tag, außer Freitag, integraler Bestandteil dieses Events und mit seinem Fachwissen allen Besuchern kostenlos zur Verfügung stehen wird (An alle interessierten Besucher: Bitte Boden- und Pflanzenproben nicht vergessen.) Überall auf dem Gelände finden verschiedene Attraktionen statt: der Bau eines Insektenhotels, eine Greifvogelschau mit Falkner, Fahneninstallation, Drachenbauworkshop, Walking Acts, Kräuterführungen, u. v. a. m. Alles eingerahmt in ein kulinarisches Angebot, das sich immer wieder fernab von Currywurst und Pommes präsentiert. – Wir freuen uns auf Sie! Weitere Infos unter: www.GartenLeben.net

14. – 17. Mai 2015, Öffnungszeiten: Do – So 10 – 18 Uhr, Fr. 12 – 18 Uhr Haus Grünewald 1 in 42653 SolingenGräfrath / ÖPNV: Buslinie 683, Haltestelle „Roßkamper Straße“ Eintritt: 9 Euro (für alle 4 Tage), Kinder bis einschließlich 16 Jahre frei. Ermäßigte Eintrittskarten zum Vorverkaufspreis von 8 Euro erhältlich unter www.omms.net/ tickets. Veranstalterin: Anke Peters

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