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DIE BESTE ZEIT Das Magazin für Lebensart

Ausgabe 27, 2014 - 3,50 Euro

Menschenschlachthaus Von der Heydt-Museum Wuppertal

Musik is an open sky Peter Kowald – Ein Portrait

Shakespeares - Was ihr wollt Theater an der Ruhr

Pina Bausch backstage Fotos von KH. W. Steckelings

Die künstlerische Revolution Malewitsch-Retrospektive in Bonn

Unterwegs im Lande der Inkas Notizen auf einer Südamerika-Reise

Alcina verzaubert Wuppertaler Opernhaus

Blauer Reiter lässt Else tanzen XX. Lasker-Schüler-Forum

68. Bergische Kunstausstellung Kunstmuseum Solingen

ISSN 18695205

Wuppertal und Bergisches Land

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Editorial Liebe Leserinnen und Leser, Sie halten heute mit dem 27. Magazin die bisher umfangreichste Ausgabe der Besten Zeit in ihren Händen – sie ist Ausdruck des engagierten kulturellen Lebens in unserer Region. Trotz all der Kahlschlag-Meldungen der Kulturpolitik, trotz geschlossener Häuser, „verschlankter“ Ensembles, gekürzter oder gestrichener Zuschüsse und unbesetzter Stellen … entsteht weiter Kultur. Für die Künstler in allen Sparten ist ihre Tätigkeit ein Selbstverständnis, für das sie ihre Zeit, ihr Leben und Geld „verschleudern“. Aber das ist alles andere als egomaner Luxus. Kultur ist ein unverzichtbares Gut unserer Gesellschaft, sie ist Teil ihres Selbstverständnisses und ihrer Tradition. Sie schärft die Beobachtung in der Wahrnehmung der Umgebung und die Sensibilität in der Lösung sozialer, ökologischer und gesellschaftlicher Probleme. Sie bringt uns Manieren bei. Das Dilemma bei all dem ist: Der Idealismus der Kulturschaffenden, auch der institutionellen Mitarbeiter, die Überstunde um Überstunde anhäufen, um den Betrieb am Laufen zu halten, verlockt die öffentlichen Stellen dazu, sich auf kommunaler und Landes-Ebene weiter zurückzuziehen, nach dem Motto: Was habt ihr denn, es passiert doch genug. Nur irgendwann sind Energie und finanzielle Reserven aufgebraucht – und ein Engagement ganz ohne Anerkennung und Refinanzierung ist auf Dauer ein Unding … Darüber denke ich in diesen Wochen nach, gerade auch im Hinblick auf die Zukunft der Besten Zeit. Wir haben einige loyale Inserenten und einige, zu wenige Abonnenten, denen wir ebenso dankbar sind. Zu erwähnen sind auch die Freunde vom Von der HeydtMuseum. Aber wenn es um die Stadt selbst geht, erfahre ich absolute Ignoranz. Selbst der Verkauf der Besten Zeit beim Stadt-Marketing oder Kultur-Karte im City-Center war offensichtlich zuviel verlangt: Wir haben die unausgepackten Pakete als Remittenden wieder abgeholt. Um so mehr stellt sich die Frage, was wir in sechs Jahren mit rund 2100 Seiten erreicht haben. Wir publizieren und bewerten Informationen, die ohne uns weniger bekannt oder nicht weiter gewürdigt würden, die sonst vorbeigerauscht wären. Wir vergegenwärtigen Persönlichkeiten und Ereignisse, entreißen dem Vergessen und geben Empfehlungen. „Von innen heraus“ erhalten wir dafür Komplimente. Nur - können wir vom Schulterklopfen überleben? Welche Haltung hat die Kommune dazu? Die Nr. 27 liegt hiermit vor, zusammengestellt mit Liebe, Fachkenntnis und Engagement. Wir berichten über Ausstellungen, Tanz, Oper, Theater, Musik, Literatur, stellen Menschen und Bücher vor. In meinen Augen ist es das in seiner Zusammenstellung beste Heft seit Bestehen unseres Kulturmagazins. Wir erinnern an Peter Kowald, publizieren – in Erstveröffentlichung – literarische Texte von Karl Otto Mühl, Dorothea Müller oder Michael Zeller und berichten über Ausstellungen zu Kasimir Malewitsch, K.O. Götz, George Grosz und zur deutschen und französischen Kunst zu Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Anschließend an frühere Reiseberichte lesen Sie über eine Reise durch Ecuador und Peru. Wir schweifen in die Ferne und kehren wieder in die Heimat zurück. In diesem Sinne wünsche ich den Treuen, die uns verbunden bleiben, viel Freude und Muße beim Lesen dieser Ausgabe Ihr HansPeter Nacke

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Impressum

Die Beste Zeit erscheint in Wuppertal und im Bergischen Land Erscheinungsweise: alle zwei Monate Verlag HP Nacke Wuppertal - Die Beste Zeit Friedrich-Engels-Allee 122, 42285 Wuppertal Telefon 02 02 - 28 10 40, E-Mail: verlag@hpnackekg.de V. i. S. d. P.: HansPeter Nacke Ständige redaktionelle Mitarbeit: Frank Becker, Thomas Hirsch, Matthias Dohmen, Susanne Schäfer Darüber hinaus immer wieder Beiträge von: Marlene Baum, Heiner Bontrup, Antonia Dinnebier, Beate Eickhoff, Fritz Gerwinn, Klaus Göntzsche, Johannes Vesper und weiteren Autoren Erfüllungsort und Gerichtsstand Wuppertal

Nachdruck - auch auszugsweise - von Beiträgen innerhalb der12.05.14 gesetzl.12:24 Schutzfrist nur mit der ausdrücklichen Genehmigung des Verlages. Gastbeiträge durch Autoren spiegeln nicht immer die Meinung des Verlages und der Herausgeber wider. Für den Inhalt dieser Beiträge zeichnen die jeweiligen Autoren verantwortlich. Kürzungen bzw. Textänderungen, sofern nicht sinnentstellend, liegen im Ermessen der Redaktion. Für unverlangt eingesandte Beiträge kann keine Gewähr übernommen werden. Trotz journalistischer Sorgfalt wird für Verzögerung, Irrtümer oder Unterlassungen keine Haftung übernommen. Bildnachweise/Textquellen sind unter den Beiträgen vermerkt. Titel: aus dem Buch „Pina Bausch - backstage“. Fotos von KH. W. Steckelings. Probe zu „Ich bring dich um die Ecke“, 12. 11. 1974: Pina Bausch (Ausschnitt)

VON DER HEYDT-MUSEUM WUPPERTAL 8.4. - 27.7.2014

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Der Erste Weltkrieg in der französischen und deutschen Kunst

Otto Dix, Selbstbildnis als Soldat, 1914, Kunstmuseum Stuttgart © VG Bild-Kunst, Bonn 2014


Inhalt Ausgabe 27, 6. Jahrgang, Juni 2014 Bilder eines vergessenen Krieges

Das Geweih – Glanz am Gelenk

Ausstellung „Menschenschlachthaus“ Von der Heydt-Museum

Zwei Erzählungen von Michael Zeller Seite 6 Spannendes Gespräch

Für das Leben eine Sprache finden Pina Bausch backstage von Nora und Stefan Koldehoff

Seite 12

Seite 16

Seite 20

Wie die Marionetten das Laufen lernten von Jennifer Abels

Seite 72

Seite 24

Notizen auf einer Reise in Ecuador und Peru von Johannes Vesper Seite 75

Seite 30

Zeichnungen von George Grosz Museum Kunstpalast von Andreas Rehnolt

All you need is love Beatles Tanzabend im Teo Otto Theater von Frank Becker

Seite 71

Unterwegs im Lande der Inka

Music is an open sky Peter Kowald – Ein Portrait von Heiner Bontrup

Oder: Jesus krümelt nicht von Dorothea Müller Dornröschens Traum

Alcina verzaubert im Wuppertaler Opernhaus von Fritz Gerwinn

Peter Brötzmann & Steve Noble bei KLANGART Seite 67 von Guido Halfermann Ein christliches Haus

Pina Bausch „backstage“ KH. W. Steckelings von Salomon Bausch

Seite 64

Seite 85

Der Sommer der Steine

Große Malewitsch-Retrospektive Bonner Bundeskunsthalle von Rainer K. Wick

von Heiner Bontrup

Seite 87

Seite 32 Blauer Reiter lässt Else tanzen

68. Bergische Kunstausstellung

XX. Lasker-Schüler-Forum von Hajo Jahn

noch bis zum 27. Juli 2014 im Kunstmuseum Solingen

Seite 45

Die Zeit bleibt stehen

Die Frau, die sich auf den Boden warf von Karl Otto Mühl

Seite 50

Seite 51

Seite 54

Paul Hoppe: Studio 515, The Pencil Factor von Stefan Altevogt

Seite 95

Interessantes zum Thema Steuern und Recht von Susanne Schäfer Seite 99 Wuppertaler Bühnen

Hommage à K.O. Götz im Düsseldorfer Museum Kunstpalast bis 17. August

Seite 93

Paragraphenreiter

Was ihr wollt Shakespeares Verwechslungskomödie im Theater an der Ruhr, von Frank Becker

Ein Frühsommermorgen am Wupperufer von Erika Flüshöh-Niemann Latest from New York

Unternehmer, Querdenker, Ermöglicher Portrait des Wuppertaler Unternehmers Ralf Putsch von Heiner Bontrup

Seite 89

Seite 58

Peter Jung, Susanne Abbrederis von Klaus Göntzsche / Martin Hagemeyer

Barthelsweg

Neue Kunstücher,

Gedicht von Wolf Christian von Wedel Parlow Seite 62 Fotografie von Karl-Heinz Krauskopf

Kulturnotizen

Seite 100

Buchvorstellungen und Seite 102

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Bilder eines vergessenen Krieges „Menschenschlachthaus - Der Erste Weltkrieg in der französischen und deutschen Kunst“ bis 27. Juli im Von der Heydt-Museum. Mehr als 20 Millionen Tote forderte der Erste Weltkrieg – und doch steht er in der kollektiven Erinnerung Deutschlands hinter dem Zweiten Weltkrieg zurück, der geschätzt bis zu 80 Millionen Opfer forderte. In der Erinnerung der Briten, Franzosen und Belgier bleibt der Erste Weltkrieg – allein schon aufgrund der überaus hohen Zahlen ihrer gefallenen, vermissten und verwundeten Soldaten – stets der „Große Krieg“ (The Great War, La Grande Guerre, De Groote Oorlog), aber natürlich ist nicht zu vergessen, dass dieser erste weltweite Krieg zum Teil auch ursächlich für den zweiten verantwortlich war.

Wenn jetzt, 100 Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, überall auf der Welt dieser Katastrophe in Erinnerungsveranstaltungen, Lesungen, Vorträgen, neuen Büchern, Zeitungsund Zeitschriftenartikeln und vor allem Ausstellungen gedacht wird, kommen vielerlei Aspekte dieser weltumstürzenden Ereignisse zur Sprache, je nachdem aus welchem Blickwinkel dieses ebenso monströse wie unfassbare Phänomen beleuchtet wird, - die eine, alles umfassende und für alle Zeiten gültige Lesart dieser „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts wird sich gleichwohl nicht finden lassen. Reims war die erste französische Großstadt, die 1914 dem Bombardement durch deutsche Truppen ausgesetzt war. Dabei fanden nicht nur viele Menschen den Tod, auch die berühmte, und für das französische Nationalbewusstsein so überaus bedeutende Kathedrale, jahrhunder-

telang Krönungsstätte der französischen Könige, wurde schwer beschädigt. Dieses Trauma durch die hohen Verluste unter der Zivilbevölkerung und der Zerstörung eines der bedeutenden Kulturgüter der westlichen Zivilisation ist bis heute nicht bewältigt, geschweige denn wäre es je zu vergessen. In den symbolträchtigen Akten der gemeinsamen Teilnahme an einer Messe in der wiederauferstandenen Kathedrale in Reims von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer am 8. Juli 1962, in der Totenehrung auf dem Schlachtfeld von Verdun, wo sich der deutsche Kanzler Helmut Kohl und der französische Präsident François Mitterand am 22. September 1984 die Hände reichten, oder der freundschaftlichen Umarmung der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und des französischen Präsidenten François Hollande am 8. Juli 2012 in der Kathedrale von Reims, wird nicht nur der Versuch deutlich, jetzt endlich und für

Otto Dix, Sturmtruppe geht unter Gas vor; Blatt 12 aus der Mappe „Der Krieg“, 1924, Radierung, 19,6 x 29,1 cm, Von der Heydt-Museum Wuppertal, © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

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Gustave Fraipont, Brand der Kathedrale von Reims, Lavierte Gouache und schwarze Tinte, Feder und Tusche, Graphit und HĂśhungen von Goauche auf Velinpapier, 32,2 x 25 cm, Reims, MusĂŠe des Beaux-Arts

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Emile Wery, Zu Ehren von Kardinal Luテァon, 1920, テ僕 auf Leinwand, 270,5 x 200 cm, Reims, Musテゥe des Beaux-Arts

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Oskar Kokoschka Selbstbildnis, 1917 Öl auf Leinwand, 79 x 63 cm Von der Heydt-Museum Wuppertal © Fondation Oskar Kokoschka/VG BildKunst, Bonn 2014

immer den Frieden in Europa zu sichern. Es zeichnet sich darin auch das Bemühen darum ab, die Erinnerung an die Geschehnisse der Vergangenheit im Gedächtnis der Völker wachzuhalten und sei es nur, um die Lehre aus der Geschichte zu ziehen, dass – für welche Probleme auch immer – Krieg nie eine Lösung sein kann. Vor diesem Hintergrund ist es gar nicht hoch genug zu schätzen, dass der Direktor des Musée des Beaux-Arts der Stadt Reims dem städtischen Von der Heydt-Museum Wuppertal den Vorschlag gemacht hat, das noch immer brisante Thema des Ersten Weltkrieges in einem gemeinsamen Ausstellungsprojekt zu bearbeiten und damit einer großen Öffentlichkeit nahezubringen. Das Von der Heydt-Museum hat diesen Vorschlag gerne aufgegriffen und gemeinsam mit den Kollegen aus Reims

eine Ausstellung realisiert, die den deutschfranzösischen Aspekt des Ersten Weltkrieges in den Fokus rückt und dabei auch das Thema der Zerstörung von Reims intensiv bearbeitet. Aber wie lässt sich ein so weltumspannender Krieg überhaupt in das räumlich und zeitlich so eng umgrenzte Projekt einer „Ausstellung“ überführen? „Vor Ort“, bei Verdun, an der Marne, an der Somme, der Aisne lassen sich noch immer Relikte des Großen Krieges bestaunen, von Granateinschlägen umgepflügte Wiesen und Wälder, Schützengräben, Bunkerstellungen. In historisch orientierten Museen wie dem Historial de la Grande Guerre im Château de Péronne sind die Uniformen, die Waffen, das Essgeschirr der verschiedenen Armeen zu sehen, die Dinge, die in diesem Krieg für jeden ein-

zelnen Soldaten von Bedeutung waren, die Alltagsgegenstände, manche Kuriositäten und Lieblingsdinge, mit welchen sich die Menschen gerne umgaben. Sie „erzählen“ die Geschichte der Menschen und des Krieges auf eine Weise. Aber für Museen, die sich zentral mit der Bildenden Kunst auseinandersetzen, wie das Musée des Beaux-Arts in Reims und das Von der Heydt-Museum Wuppertal, muss der Fokus auf einer anderen Weise der Darstellung liegen. Die Macher interessierte, was die Menschen damals bewegt hat, was sie gedacht, gefühlt und selbst in eine Form gebracht haben. Die Ausstellung beschäftigt sich deshalb mit der Frage: Wie haben Dichter, Schriftsteller, Maler, Zeichner auf das unmittelbare Erleben des Krieges (oder auf das, was ihnen davon berichtet wurde) reagiert, wie konnten sie

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das Unerhörte, das Nie-Dagewesene in Worte fassen und auf Papier und Leinwand in eine künstlerische Form bringen? Im Zentrum der deutsch-französischen Ausstellung steht die Wahrnehmung des Krieges durch die bildenden Künstler und die Frage: Wie haben Max Beckmann, Otto Dix, George Grosz und andere auf deutscher Seite und Pierre Bonnard, Maurice Denis, Georges Rouault und andere auf französischer Seite dieses welterschütternde Ereignis in Kunstwerken von Rang verarbeitet? Museumsdirektor Dr. Gerhard Finckh hat die deutsche und französische Literatur, die während und nach dem Krieg publiziert wurde, durchforstet und ist dabei auf zentrale Gemeinsamkeiten im Erleben dieses Krieges gestoßen. In allen diesen Berichten und Romanen, sei es Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“, Walter Flex‘ „Wanderer zwischen den Welten“, Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“, Ludwig Renns „Krieg“, Wilhelm Lamszus‘ „Das Menschenschlachthaus“, Edlef Köppens „Heeresbericht“ oder

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Andreas Latzkos „Menschen im Krieg“ auf deutscher Seite und Henri Barusses „Le Feu“ [„Das Feuer“], Gabriel Chevalliers „La Peur“ [„Heldenangst“], Raymond Radiguets „Le diable au corps“ [„Den Teufel im Leib“], Blaise Cendrars „J‘ai tué“ [„Ich habe getötet“] oder Maurice Genvoix‘ „Ceux de 14“ [„Die von 14“] auf der französischen Seite taucht immer wiederkehrend die bohrende Frage auf „Warum?“. Und das sind auch die Themen der Bilder jener schweren Zeit. Die Bildende Kunst steht im Mittelpunkt der Ausstellung. Dokumentarische Filmausschnitte, Fotografien und andere Materialien ergänzen sie. Aus den Kunstwerken lässt sich ablesen, wie die Künstler diesen Krieg wahrnahmen, wie sie unter ihm litten, wie sie versuchten, sich die unsagbaren Erlebnisse buchstäblich von der Seele zu malen, wie sie sich bemühten, dem Irrsinn der Schützengräben eine formale Ordnung in der Zeichnung, im Bild überzustülpen, aufzuzwingen. Aber diese Bilder erzählen auch von der Hilflosigkeit den Ereignissen gegenüber, deren Grauen

selbst in epochalen Werken wie Otto Dix‘ großem Graphikwerk „Der Krieg“, entstanden 1924, nur ein matter Abglanz dessen sein kann, was die Künstler durchlebt hatten. Manche Künstler, längst nicht alle, hatten vor 1914 von etwas geträumt, das sie „Krieg“ nannten, - aber darunter stellten sie sich sicher nicht den Krieg vor, der dann tatsächlich kam. Es ging der Zeit vor 1914, deren eine Zustandsbeschreibung „Nervosität“, deren andere „Neurasthenie“ war, jedenfalls ein unruhiges Unbehagen an den herrschenden Zuständen, darum, einen Durchbruch zu etwas Anderem, Besserem zu schaffen. Auch Max Beckmann, Otto Dix, Ernst Ludwig Kirchner und Oskar Kokoschka zeigten anfänglich ein gewisses Interesse an diesem erhofften, aber letztlich unvorstellbaren Ereignis Krieg, in der Annahme, dieser werde ihrer Kunst „zu fressen geben“, wie es Beckmann großmäulig forderte, um dann sehr schnell festzustellen, dass der reale Krieg keineswegs dazu taugte, ihre Kunst zu neuen Höhen zu


befördern, sondern sie statt dessen in ihrer Persönlichkeit aufs Schwerste beschädigte, sie geradezu zerriss und ihre bis dahin so sichere künstlerisch-formale Entwicklung ad absurdum führte. Der Krieg veränderte die Kunst, aber sie wurde dadurch genauso wenig „besser“ wie der Rest der Welt, sie wurde nur anders: Was insbesondere bei den deutschen Expressionisten so farbenstark, kraftvoll und sogar fröhlich begonnen hatte, - man denke nur an die ausgelassene Unbekümmertheit der Sommerbilder, die sie vor 1914 an den Moritzburger Seen oder an der Ostsee gemalt hatten, endete in tristen Farben, die von Angstzuständen, Verunsicherung, Bodenlosigkeit und massiven psychischen Gefährdungen stammeln oder ihre Not hinausschreien in eine Welt, die weder Zeit noch Interesse hat, sich mit diesen Kunstwerken und ihren Schöpfern auseinanderzusetzen, weil sie gerade in Scherben fällt. Diese Welt ist nach dem Krieg so erschöpft, dass sie noch nicht einmal bereit ist, das Durchlittene in großformatigen Auftragsarbeiten verherr-

lichen zu lassen und die Künstler, die vor 1914 ein bemerkenswert dichtes Netzwerk an Beziehungen, Freundschaften und gegenseitiger Kenntnisnahme über die halbe Welt ausgebreitet hatten, sie standen nach 1918 ganz vereinzelt, alleine mit ihren Traumata und versuchten, das Erlebte in irgendeiner Form zu fassen – oder vielleicht doch eher und in den meisten Fällen – zu verdrängen. So bleibt schließlich nur Philippe Dagens zuzustimmen, wenn er in seinem Buch „Le silence des peintres – Les Artistes face à la grande guerre“ die berechtigte Frage in den Raum stellt: „Warum also gibt es so wenige Bilder von diesem Krieg? Eine Welt-Tragödie tötet Millionen Menschen, radiert ganze Länder aus, zerstört die, die sie nicht ganz auslöscht, und könnte doch beinahe unbemerkt bleiben in den Augen desjenigen, der versuchen wollte, die Geschichte der Zivilisation der westlichen Welt im Spiegel ihrer Kunstwerke zu erzählen.“ Von den wenigen bedeutenden Werken der bildenden Kunst, die zum Ersten Weltkrieg entstanden sind, haben das Von

der Heydt-Museum Wuppertal und das Musée des Beaux-Arts in Reims die wichtigsten ausgewählt, um sie in der Ausstellung zum Sprechen zu bringen, damit sie, so unvollständig und unvollkommen das auch sein mag, ihre Version vom Grauen dieser Zeit an die jüngere Generation weitergeben. Von der Heydt-Museum Turmhof 8, 42103 Wuppertal Telefon 0202 563-6231 Öffnungszeiten: Di-So 11-18 Uhr Do bis 20 Uhr www.von-der-heydt-museum.de linke Seite: Maurice Denis, Die 155-Feldhaubitze im Wald von Coucy, 1917-1918, Öl auf Leinwand, 79 x 113 cm, Privatsammlung unten: Félix Vallotton, Soldatenfriedhof von Châlons-sur-Marne, 1917, Öl auf Leinwand, 54 x 80 cm, Bibliothèque de Documentation Internationale Contemporaine

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Probe zum Werkstattabend („Fliegenflittchen“), 1975: Pina Bausch, Sue Cooper 12


Für das Leben eine Sprache finden Nora und Stefan Koldehoff Ausschnitte aus dem Buch KH. W. Steckelings: „Pina Bausch backstage“ entstanden in Kooperation mit der Pina Bausch Foundation

„Der Anruf sei damals völlig überraschend gekommen, erinnert sich KH. W. Steckelings: Es gebe da eine neue Ballettdirektorin in Wuppertal, erzählte im Herbst 1974 der Tänzer Jan Minarik am Telefon. Steckelings und er kannten sich seit längerem aus der Wuppertaler Künstlerszene. Minarik war 1969 aus der Tschechoslowakei emigriert und gehörte als Solotänzer zum Wuppertaler Ballettensemble. Seine neue Chefin suche jemanden, der ihre Arbeit mit der Kamera begleiten könne: «Pina braucht Fotos» – für Programmhefte, für den Aushang am Opern haus, für die Presse, für ihre Dokumentation. Ob Steckelings Interesse habe. «Ich habe gar nicht lange nachgedacht», erinnert sich der Fotograf, der nach wie vor in Wuppertal wohnt, «habe meine Asahi Pentax und das TransfokatorObjektiv eingepackt und bin zum Probenraum im Schauspielhaus gefahren». Auch weil ihm die Welt des Balletts nicht ganz unbekannt war.“

„Mitte der 1960er Jahre begann Steckelings zunächst zu filmen: «Das hat mich auch für die Fotografie geschult: ein Auge in der Totalen, ein Auge im Sucher. Und ich habe immer schon in Serien gedacht, wollte Geschichten erzählen. » Mechanische Abläufe nennt er das Filmen und das Fotografieren: «Der einzige schöpferische Akt ist der Moment, wenn man auf den Auslöser drückt.» Das ist natürlich Understatement. Doch Steckelings meint es ernst, wenn er sagt: «Ich bin kein Künstler. Ich bin ein Mensch, der versucht, mit Fotografie zu gestalten.» Der Status des Künstlers ist für ihn heute zu billig geworden – eine Angelegenheit der Selbststilisierung. Gestaltung dagegen fordert mehr. Steckelings deutet auf seine Photos, auf den schwarzen Negativrand, den er jeweils mitvergrößert hat. «Ich arbeite immer im vollen Format», sagt er. «Was ich im Sucher sehe, ist später genau so auf dem Abzug zu sehen». Geschickte Ausschnittsvergrößerungen, wie bei so vielen anderen

Generalprobe Tanzabend, Dezember 1974: Karl Kneidl, Pina Bausch, Ed Kortlandt (verdeckt) und Ensemblemitglieder 13


Probe zu „Ich bring dich um die Ecke“, 23. 11. 1974: Lajos Horvath, Dominique Mercy (verdeckt), Michael Diekamp, Pina Bausch, Heinz Samm 14


Fotografen, gibt es in seinem Œuvre nicht. Steckelings lehnt sie ab, weil diese Technik letztlich nur auf den Zufall vertraut. Wirkliche, gültige Bilder aber gelingen nur dem, der die graphische Grundstruktur im bewegten Geschehen erfaßt – instinktiv natürlich, doch deswegen keineswegs nur zufällig oder willkürlich. Deshalb, sagt Steckelings, habe er auch fast ausschließlich in Schwarz-Weiß gearbeitet: «Ich bin mit der Farbe nie so richtig klar gekommen, auf den meisten Fotos ist immer zuviel davon. Draußen sehe ich ja auch nur leicht kolorierte Grautöne, und nicht diese satten Farbwerte wie im Druck. Schwarz-weiß läßt viel mehr Raum für Interpretationen und Gestaltung, es steht nicht in Konkurrenz zur Bildstruktur oder überlagert sie sogar, wie die Farbe. Die legt zu sehr fest und ist zu dominant. Ich hätte selbst den Karneval in Venedig in Schwarz-weiß fotografiert, aus der Hand, ohne Stativ.» Cartier- Bresson habe schon recht gehabt: Bilder dürfen nicht geschnitten

werden, man muß das Bild fertig im Sucher sehen und den entscheidenden Moment erwischen. Eher skeptisch als stolz blickt Steckelings dann auf seine Bilder, die auf dem Tisch liegen: «Merkwürdig, daß ihnen nun nach 40 Jahren eine Bedeutung zuwächst.» Auch er selber habe die Aufnahmen mehr als drei Jahrzehnte lang nicht mehr angeschaut. Und ihm sei nie bewußt gewesen, daß er Zeuge von etwas ganz Neuem war.“ „Wie die Antworten auf Pina Bauschs Fragen ergab auch bei KH. W. Steckelings das Mosaik der einzelnen Aufnahmen schließlich eine Art Gesamtbild, das ahnbar macht, in welcher Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens die Produktionen wuchsen, die aus der Wuppertaler Compagnie und ihrer Direktorin die wichtigsten Erneuerer des Tanztheaters nach dem Krieg werden ließen – trotz aller Anfeindungen der Anfangsjahre. Für den Fotografen galt dabei das gleiche, was die Choreografin

einmal über ihre eigene Motivation und Arbeitsweise gesagt hat: «Ich habe in der Arbeit immer nach etwas gesucht, das ich noch nicht kenne. Das ist eine dauernde, auch eine ganz peinvolle Suche, ein Ringen. Beim Suchen kann man sich auf nichts berufen: auf keine Tradition und auf keine Routine. Es gibt nichts, woran man sich festhalten könnte. Man steht ganz allein dem Leben gegenüber und den Erfahrungen, die man macht, und man muß ganz allein versuchen, das, was man immer schon weiß, sichtbar oder zumindest ahnbar zu machen. Es geht darum, etwas zu finden, was keiner Frage bedarf.» Beiden ging es nicht darum, den Schein des Grandiosen auf die Bühne oder das Fotopapier zu zaubern. Beiden ging es um die Menschen hinter den Bildern und das, was mit ihnen geschah. Nur deshalb konnten dann auf der Bühne und auf den Photos eben doch grandiose Bilder entstehen.“

Probe zu „Ich bring dich um die Ecke“, 12. 11. 1974: Matthias Schmidt, Pedro José Mascarello Bisch, Pina Bausch, Dieter Klos, Margaret Huggenberger, Vivienne Newport 15


Probe zum Werkstattabend, 1975: Marlis Alt, Yolanda Meier, Pina Bausch 16


Salomon Bausch Vorwort zum Buch „backstage“ von KH Steckelings

Salomon Bausch, Foto Uwe Schinkel

Manche Schätze werden lange gesucht und mit Mühe gehoben. Bei anderen helfen Glück und Zufall, und sie fallen einem geradezu vor die Füsse. Meine Begegnung mit KH. W. Steckelings zähle ich zu den besonders glücklichen Zufällen. Eigentlich ist er renommiert als Sammler und aus gewiesener Kenner der Vor- und Frühgeschichte von Fotografie und Film, aber zeitlebens hat er auch selbst mit der Kamera gearbeitet. Anfang 2014 durfte ich ihn in seinem Wuppertaler Zuhause kennenlernen und wußte zu diesem Zeitpunkt erst in groben Zügen, welchen Schatz er in seinem Archiv hütete. Mehr durch einen Zufall war wieder ans Tageslicht gekommen, dass er in den Jahren 1974 und 1975 während der Proben des Tanztheaters Wuppertal fotografiert hatte, in Pina Bauschs Anfangszeit als dessen Leiterin. Einige Fotografien wurden in frühen Programmheften publiziert, später waren sie vergessen, und auch der Fotograf selbst maß ihnen keine besondere Bedeutung zu. 1’200 Bilder, die meisten davon nie abgezogen, sind nun wiederentdeckt worden. Ein Glücksfall, der nicht hoch genug eingeschätzt werden kann: Aus dieser Epoche ihrer Arbeit hat das Pina Bausch-Archiv, das ihr künstlerisches Erbe in die Zukunft trägt, nur wenige Bildzeugnisse in seiner Sammlung. Mit seinen Fotografien zeigt Steckelings auf der einen Seite eine verschwundene Welt: Der alte Ballettsaal des Wuppertaler Opern hauses hat mit der Sanierung 2007 aufgehört zu existieren. Auch die meisten Stücke, an denen Choreografin und Tänzer arbeiten, sind schon lange nicht mehr im Repertoire der Compagnie und harren ihrer Wiederentdeckung, wie sie etwa «Wind von West» (ebenfalls 1975 uraufgeführt) 2013 durch eine Rekonstruktion erfahren hat: «Fritz», ihre erste Arbeit als Leiterin des Wuppertaler Ensembles, «Ich bring Dich um die Ecke», «Adagio – Fünf Lieder von Gustav Mahler», und «Fliegenflittchen». Ihre frühen Stücke entstammen aber gleichzeitig einer besonders dynamischen und produktiven Phase ihres Wirkens, die uns Steckelings’ Bilder vorführen: In ihren ersten Wuppertaler Jahren, die noch nicht von internationalen Gastspielreisen geprägt waren, erarbeitete die Compagnie in einer Spielzeit zwei, drei oder gar

vier Stücke. Gleichzeitig dokumentieren die Fotografien die besondere Atmosphäre der Proben des Tanztheaters, wie sie sich auch in den kommenden Jahrzehnten erhalten sollte: ein Arbeiten, das von Konzentration und Spannung geprägt ist, körperlich wie emotional, ebenso aber von Vertrauen und Geduld – eine Atmosphäre, die für Außenstehende beinahe schon leger wirken kann. Und sie zeigen zwar einerseits Tänzerinnen und Tänzer, die nur in diesen frühen Jahren in der Compagnie waren, aber auch viele, die in der Erinnerung vieler Zuschauer als wichtige Protagonisten der späteren Stücke präsent sind. Der Probenalltag war nicht nur geprägt vom Tun, sondern auch von Ruhephasen und vom geduldigen Warten – auch diesen Aspekt halten die Aufnahmen fest: Steckelings hat nicht allein die Dynamik des Tanzes im Fokus, die Körper in Bewegung und die konzentrierten Mienen, sondern auch Stillstand, Erschöpfung und Ablenkung, das Beobachten anderer Tänzer – und eben das Warten. Dies erschien auch Pina Bausch selbst bedeutsam: Ihr Film «AHNEN ahnen», im Jahr 1987 entstanden und erst 2014 uraufgeführt, dokumentiert ebenfalls die Probenarbeit des Tanztheaters. Und auch sie zeigt über weite Strecken des Films ruhende Tänzer, Wartende am Rand des eigentlichen Geschehens. Steckelings’ Fotografien aus den Jahren 1974 und 1975 sind einmalige Dokmente aus Pina Bauschs frühester Wuppertaler Zeit, sie schärfen den Blick dafür, wie revolutionär ihre Tanzkunst in den siebziger Jahren war. Seine Zusage, diese Fotografien in ihrer Gesamtheit auch dem Pina BauschArchiv zur Verfügung zu stellen, ist ein großes Glück: Wir verstehen nun wieder ein Stück mehr von der Entwicklung der choreografischen Arbeit und dem Fortschreiten des künstlerischen Weges von Pina Bausch. Wir sind KH. W. Steckelings zu großem Dank verpflichtet. Wuppertal, im Februar 2014 Pina Bausch Foundation

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Werkstattabend, 1975, „Fliegenflittchen“: Heinz Samm, Ed Kortlandt 18


Pina Bausch backstage Vor 40 Jahren – zur Spielzeit 1973/74 – übernahm Pina Bausch (1940-2009) die Tanzabteilung der Wuppertaler Bühnen und löste mit ihren Produktionen bald heftige Kontroversen aus. Wer klassisches Ballet erwartete, sah sich plötzlich mit einem theatralen Spiel konfrontiert, wobei die Tänzer auch sprachen, sangen, lachten und weinten. Das Publikum war gespalten: Die einen verließen Türe knallend die Vorstellung, die anderen waren hingerissen; in der Presse brach ein Sturm los. Mit ihrer Gruppe emanzipierte Pina Bausch den Tanz und machte aus ihm eine eigene, neue Form des Theaters. Dies war eine Revolution, die bald ein weltweites Echo hervorrief und den Tanz international neu definierte. Ein Zeuge der ersten Stunde war der Filmemacher und Fotograf KH. W. Steckelings. Pina Bausch lud ihn ein, ihre Compagnie bei den Proben und in den Pausen mit der Kamera zu begleiten. Steckelings tat dies mit größter Unauffälligkeit und intimer Empathie: Die Tänzer nahmen seine Anwesenheit augenscheinlich kaum wahr; nichts an seinen Aufnahmen wirkt irgendwie gestellt oder gekünstelt. Der Betrachter fühlt sich direkt hineinversetzt in den künstlerischen Prozeß jener Anfangsjahre, als Pina Bausch und ihre Gruppe neue tänzerische Ausdrucksformen entwickelten. Mehr noch: Steckelings hatte seinerseits den Blick des Choreografen, der in den zufälligen Konstellationen der Übungsarbeit das Bild zu sehen vermochte. So sind seine Fotos mehr als nur Dokumente aus der Anfangszeit von Pina Bausch, sondern Werke von eigenem künstlerischem Rang – eine Entdeckung!

KH. W. Steckelings: Pina Bausch backstage Herausgegeben von Stefan Koldehoff. Erschienen in Kooperation mit der Pina Bausch Foundation. Mit einem Vorwort von Salomon Bausch sowie einem Essay von Nora und Stefan Koldehoff. 30 x 21 cm, 184 Seiten, Leinen mit Schutzumschlag // ISBN 978-3-907142-99 CHF 45.00 / EUR 36.00

KH. W. Steckelings, geboren 1930 in BerlinDahlem, kam mit drei Jahren nach Wuppertal. Er absolvierte eine Ausbildung zum Industrie- Kaufmann und zum Textil-Ingenieur. Seit Mitte der 1960er Jahre realisierte er zahlreiche Kurz- und Dokumentarfilme, die mit mehreren inter- nationalen Preisen ausgezeichnet wurden. 1974 Hinwendung zur Fotografie. 1987 Berufung in die «Deutsche Gesellschaft für Photographie» (DGPh). Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland. Passionierte Sammeltätigkeit zur Vor- und Frühgeschichte der Fotografie und des Films, Mitbegründer des Museums «Camera obscura» zur Vorgeschichte des Films im Wasserturm Mühlheim/Ruhr, das seit 2006 seine Sammlung zeigt. Autor eines umfassen- den Werks zur Geschichte der Lithophanie vom 18. bis 20. Jahrhundert («Leuchtender Stein», Dresden 2014). KH. W. Steckelings lebt in Wuppertal. Salomon Bausch, geboren 1981, studierte Rechtswissenschaften. Er ist Vorstand der Pina Bausch Foundation, die er 2009, dem Wunsch seiner Mutter folgend, gründete. Nora Koldehoff, geboren 1974, studierte Industriedesign an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Sie arbeitet als freie Autorin in Köln. Stefan Koldehoff, geboren 1967 in Wuppertal; hat Kunstgeschichte, Germanistik und Politikwissenschaft studiert; arbeitet als Kulturredakteur beim Deutschlandfunk in Köln.

Probe zum Werkstattabend („Fliegenflittchen“), 1975: Heinz Samm, Ed Kortlandt 19


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Alcina verzaubert Wuppertaler Opernhaus Premiere am 23. März 2014 Das Licht ist noch nicht gelöscht, der Dirigent, aus dem Zuschauerraum gekommen, gibt erst den Einsatz, als im Parkett eine Seitentür knallt, darauf zwei Personen in Seefahrerkleidung durch den Zuschauerraum und das Orchester gehen und die Bühne erklimmen. Während im Zuschauerraum das Licht ausgeht, bemerkt man auf der Bühne ein starkes Licht, das irritiert und blendet. Dann werden die beiden Personen durch einen wilden Bilderschwall außer Gefecht gesetzt und bleiben bewusstlos liegen. Der Zauber Alcinas hat gewirkt.

linke Seite: v.l.n.r. Joslyn Rechter, Elena Fink unten: v.l.n.r. Dorothea Brandt, Nohad Becker, Christian Sturm

Das starke Licht ins Parkett kommt im 1. Teil, als Alcina noch alle Macht besitzt, immer wieder vor, in wechselnden Farben, lässt Umrisse anders erscheinen, verschwimmen, zeigt, dass vieles nicht so ist, wie es scheint, wir davon aber heftig beeinflusst werden. So ist es der neben der Titelfigur wichtigsten Person Ruggiero ergangen, der von Alcina verzaubert jetzt ihr Liebhaber ist. Er will seine Verlobte Bradamante – eine der beiden Seefahrer – nicht erkennen, selbst als sie sich ihm offenbart, und hält sie danach für einen weiteren Zauber Alcinas, ehe er sich zu ihr bekennen kann. Erst dann sagt er Alcina den Kampf an und rettet damit auch ihre anderen ehemaligen Liebhaber, die sie, ihrer überdrüssig geworden, in Tiere, Pflanzen, Steine verwandelt hat. Neben diesem Handlungsstrang gibt es noch andere: Morgana, Alcinas Schwester, verliebt sich Knall auf Fall in die als Ricciardo in Männerkleidung auftretende Bradamante, gibt ihrem Verlobten Oronte den Laufpass und verträgt sich wieder mit ihm, als Bradamante die Männerkleider abgelegt hat. Alcinas Stiefsohn Oberto

sucht beständig seinen Vater, weiß im Gegensatz zu dieser aber nicht, dass er zu den abgelegten Liebhabern und damit Verzauberten gehört. Und schließlich: Alcina scheitert nicht nur durch Gewalt von außen, sondern verliert ihre Zauberkraft vor allem deshalb, weil sie durch die Konkurrenz Bradamantes Liebe nicht mehr als lustvolles Spiel ansieht, sondern echte Gefühle entwickelt. Diese ineinandergreifenden Handlungsstränge könnten verwirren, werden aber im Gegenteil durch die Regie entwirrt und in jedem Moment nachvollziehbar dargestellt. Johannes Weigand hat in seiner letzten Regiearbeit als Wuppertaler Opernintendant auch geschafft, die Individualität der einzelnen Charaktere durch sorgsame Personenführung genauestens herauszuarbeiten. Ihm gelang das, indem er das Händelsche Arienschema – „Dacapo-Arie“ ABA, der gesamte lange A-Teil wird also noch einmal wiederholt – durch Aktionen aufbrach, die das Geschehen aber nicht nur auflockerten, sondern die Handlung erklärten und weiterführten.

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Nur in wenigen Fällen verzichtete er darauf und vertraute voll auf die Kraft des Gesanges, wenn etwa die großartig singende Elena Fink als Alcina die Bühne für sich einnahm. Weigand war weit von der Ausstattungsoper, wie sie Händel wohl noch vorgeschwebt hatte, entfernt, und stellte echte und starke Gefühle der Menschen, genauso wie wir sie auch heute noch haben, auf die Bühne. Kein Wunder, dass der ohnehin schon frenetische Beifall noch einmal kräftig anschwoll, als er und sein Team die Bühne betraten. Und mit diesem Team muss er hervorragend zusammengearbeitet haben. Das bestand aus Moritz Nitsche (Bühne), Judith Fischer (Kostüme) und Fredy Deisenroth (Licht), und Ensemblearbeit war gefragt. So war der große ovale siebenteilige Paravent auf der Bühne nicht nur Wand, Gardine, Mauer, sondern wechselte durch unterschiedliches Licht, Farbwechsel und Videos (mehrere Autoren) ständig Aussehen, Schauplatz und Bedeutung, war auch Folie für Schattenbilder und flehend erhobene Hände. Die Kostüme fügten sich hier wunderbar ein. Alcina und Morgana hatten im 1. Teil rote Haare und knallbunte Kleider, im 2. Teil dagegen trug Alcina der Handlung entsprechend nur noch grau, besonders fantasievoll war auch Orontes froschgrüner Overall. Dezente Ironie kam auf bei Obertos Kostüm: Annika Boos wirkte darin wie eine Mischung aus Klassenprimus, Amor und Biene Maja. Überhaupt die Sängerinnen und Sänger: alle auf ganz hohem qualitativen Niveau: Elena Fink als Alcina mit besonders schönen Spitzentönen, Nohad Becker (die einzige(!) Gastsängerin) als Bradamante mit ihren leise gesungenen, aber rasanten Koloraturen, Dorothea Brandt und Christian Sturm mit klaren jugendlichen Stimmen als auseinander driftendes und wieder zusammenkommendes Paar Morgana und Oronte, der profunde Bass Martin Ohu als Melisso (Bradamantes Lehrer und Begleiter) und die auch bei intensivster Bewegung glasklar und sicher singende Annika Boos als Oberto. Und schließlich Joslyn Rechters (Ruggiero) wohltönende und tragende Stimme, v.l.n.r. Joslyn Rechter, Martin Js. Ohu

deren Arie „Verdi prati“ direkt vor der Pause ich auch zwei Tage nach der Aufführung noch im Ohr habe. Überhaupt schien es mir, als hätte sich bei dieser Premiere schon nach wenigen Minuten eine „verzauberte“ Stimmung eingestellt, die Sänger konnten leiser und direkter, mit, wenn man es denn so nennen kann, einer entspannten Konzentriertheit singen und dadurch ihr Ausdruckspotential noch erweitern. An vielen Stellen hätte man die berühmte Stecknadel fallen hören. Obwohl oft Zwischenbeifall stört: hier war er - und er kam nach jeder Nummer sehr stark voll angebracht, war er doch auch nicht nur Dank für jede und jeden Einzelnen, sondern auch Dank für das jahrelange Aufgehen im Ensemble. Dass Dirigent (Boris Brinkmann) und Orchester schon vor dem 2. Teil mit Bravos empfangen werden, ist selten. Hier war es der Lohn für differenzierte Begleitung der Sänger. In besonders schöner Weise wurden unterschiedliche Instrumente zur Charakterisierung verwendet, so Oboen, Blockflöten und im 2. Teil Naturhörner. Besonders berührend war das Duo Morganas mit einer Gambe – in dieser Arie wurde das Continuo so sparsam eingesetzt, dass über weite Strecken nur diese beiden Stimmen erklangen und eine innige Verbindung eingingen. Eine kleine Einschränkung:

v.l.n.r. Joslyn Rechter, Elena Fink Es war eine hervorragende Idee, das umfangreiche Continuo auf Rechts- und Linksaußen zu verteilen – auf jeder Seite je ein Kontrabass und ein Cembalo, recht zusätzlich eine Theorbe, links Harfe und Gambe. Das hätte hervorragend genutzt werden können, bestimmte Arien der einen oder anderen Seite zuzuordnen oder sogar im Sinne einer zum Thema passenden zauberartigen Verwirrung zwischen beiden abzuwechseln. Das geschah aber leider nicht, war zumindest nicht hörbar. Andererseits konnte man genießen, wie die Rezitative der Handlung entsprechend sehr individuell gestaltet wurden und viel Raum für freie Kadenzen der SängerInnen gelassen wurde. Wieder eine starke Leistung eines lange hervorragend aufeinander eingespielten Ensembles. Der riesige Beifall für alle steigerte sich noch einmal beim Regieteam und ging dann in standing ovations über. Natürlich: zuerst Dank an alle Beteiligten, nach meinem Eindruck aber auch eine Demonstration für das Ensembletheater, so wie Wuppertal es bis jetzt kennt und liebt und das es in der nächsten Saison nicht mehr geben wird. Fritz Gerwinn Fotos: Uwe Stratmann Weitere Aufführungen: 1. und 7. Juni

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Music is an open sky Peter Kowald Ein Portrait zum 70. Geburtstag „Was ist das für eine sonderbare Musik, die so flüchtig ist wie der Augenblick und so ernsthaft wie das Leben eines jeden von uns?“, fragte einmal der Musikwissenschaftler und Journalist Bert Noglik. Und, so möchte man hinzufügen, was ist das für ein Mensch, der diese Musik macht? Fragen, die eher ein Staunen formulieren und die Absicht zu einer vorsichtigen Annäherung. Denn der Fixierung, gerade der begrifflichen, hat sich Kowald – als Mensch und als Musiker – entzogen. Es ist ja kein Zufall, dass der Free Jazz, die Improvisierte Musik seine Form war, sich auszudrücken: die unmittelbare Fertigung des musikalischen Gedankens im Augenblick des Spiels. Spontaneität, SichEinlassen auf das Unerwartete, nie fertig sein mit sich selbst und den anderen, immer im Dialog: Das war seine Spielhaltung als Musiker und zugleich sein Lebensmodell. In dieser Einheit von Leben und Musik war und ist Peter Kowald ganz nah bei den Großen des Jazz.

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Annäherung eins: Begin the beguine „Kowald, aufgewachsen im Wuppertaler Mittelstand, Armbanduhr zur Konfirmation, Altgriechisch auf dem Gymnasium, schließlich Sprachstudium, schert 1966 aus, wird endgültig und ausschließlich Musiker und ahnt damals gewiss nicht, was auf ihn zukommt...“ Geboren wird Peter Kowald am 21. April 1944 in Masserberg/Thüringen. Seine Kindheit und Jugend erlebt Peter Kowald bereits in Wuppertal, seinem späteren unmittelbaren Wirkungsfeld, und es lohnt sich den Lebensspuren zu folgen, die hier ihren Anfang nehmen. Mit 14 verfasst Peter Kowald ein Referat über die DadaBewegung. Als wäre da schon eine Ahnung von Zukünftigem. Nachts schleicht sich der Junge zum Bohemé, einer Nachtbar, um heimlich Jazz zu lauschen. Frühe Wahlverwandschaft. Die Wahl des Instruments ist eher ein Zufall. Das Jazz-Idiom fasziniert den Jungen und er schließt sich einer Dixieland-Band seines Gymnasiums an. Doch da ist nur noch Platz für einen

Tuba- oder Bassspieler. Also lernt Kowald Tuba, die er übrigens auch später noch als Free Jazzer spielen wird. Und Bass. So einfach ist das. Dann Abitur. Ein Jahr lang studiert Kowald Englisch. Doch da sind ihm die Seminare und Vorlesungen zu voll. Schon hier wird diese Haltung deutlich: Bloß nicht mit dem Mainstream schwimmen. Stattdessen dann Griechisch und Rumänisch. Minderheitensprachen. „Da waren nur drei bis fünf Leute. Ich habe das auch deswegen gemacht, damit ich nicht Lehrer werden konnte. Ich wollte das vornherein ausschließen: Sprachen studieren und dann Gymnasiallehrer werden.„ Die Weigerung, Erwartungen zu erfüllen, die Wünsche der Eltern nach einer bürgerlichen Existenz. „Mein Bruder ist Arzt geworden, meine Schwester Taubstummenlehrerin, also dasselbe wie mein Vater. Ich bin der einzige, der das nicht gemacht hat, was mein Vater von uns erwartete. Das waren harte Kämpfe.“ Foto: Hermann Maria Gasser


Annäherung zwei: Kaputtspielen „Das war so, dass ich in meinem wohlbehüteten Elternhaus wohnte und Taschengeld hatte. Brötzmanns waren schon verheiratet und hatten öfter keinen Pfennig. Manchmal habe ich dann Lebensmittel von zu Hause mitgenommen. Manchmal hatten wir das Geld für den Bus nicht, das kostete damals 60 oder 80 Pfennig, und ich bin halt zu Fuß gelatscht von der Siegesstraße in die Aderstraße mit dem Bass auf dem Rücken...“ Peter Kowald beginnt der Dixieland bald zu langweilen und Dieter Fränzel, der Wuppertaler Jazzexperte und Kulturarbeiter, vermittelt den Kontakt zu Peter Brötzmann. Der ist zwei Jahre älter, trinkt Bier statt Milch, wie Kowald zu dieser Zeit noch, und hat gerade – mit ein paar anderen Leuten – den europäischen Free Jazz erfunden. Brötzmann studiert an der Werkkunstschule Grafik und ist mitten drin in den Bewegungen, die die Bildende Kunst in den 60er Jahren revolutionieren. Er ist bekannt mit Nam June Paik und ei-

nigen Fluxus-Künstlern um Wolf Vostell. In diesem Dunstkreis entsteht auch der Free Jazz: eine hochenergetisch aufgeladene Musik jenseits der Tonalität. Peter Kowald: „Zu Beginn der 60er Jahre war der Jazz in bestimmte Formschemata erstarrt, es gab zu viele Konventionen. Es ging uns darum, zurückzukehren zu dem, was den Jazz seit seiner Entstehung ausgezeichnet hatte: zum unmittelbaren Ausdruck der Gefühle.” Die Freundschaft mit Brötzmann und die musikalischen Entdeckungsreisen jenseits der Tonalität bleiben prägend für Peter Kowald – auch als sich die musikalischen und persönlichen Lebenswege der beiden Musiker zu trennen beginnen. „Brötzmann hat mich mitgezogen. Ich stelle auch heute immer wieder fest, dass Peter in gewisser Hinsicht der radikalste ist. Diese Radikalität von Brötzmann, die sehr expressiv oder expressionistisch, aber auch sehr persönlich ist, kann mir Tränen in die Augen treiben, ebenso wie Louis Armstrong mir Tränen in die Augen getrieben hat.”

Peter Kowald 1985 in New York. Foto E. Dieter Fränzel

Annäherung drei: Globe Unity „Was bedeutet mir Musik? Das ist eine Mischung, bei der mir nicht immer klar ist, was welchen Anteil hat. Da ist die künstlerische Aussage, wie man das ja nennt, und da ist die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft. Und es ist auch einfach ein Lebensstil.” 1966 wird das Jahr der Entscheidung. Kowald geht mit dem Quintett um Carla Bley auf Tournee. Danach ist nichts mehr so wie vorher. Er erlebt, wie Brötzmann in Solingen von der Bühne geholt und geprügelt wird. Wütendes Publikum schlägt Carla Bley in Hildesheim das Mikrofon auf den Kopf. Danach gibt es kein Zurück mehr ins bürgerliche Leben. Er geht in die Schweiz, wo er mit Irene Schweizer und Pierre Favre spielt, nach Holland zu Musikern wie Misha Mengelberg, Han Bennink, Willem Breuker und nach England zu den akribischen Klangforschern um Evan Parker, Derek Bailey, Paul Rutherford, John Stevens. Es sind

Foto: Hans Harzheim

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Von links: Dietrich Maus, Michael Alles, Christiane Müller, Peter Brötzmann, Achim Knispel, Kahluwe, Jürgen Schmidt-Büchele, Gerd Hanebeck, Peter Kowald. Foto: Marianne von Santvoort die Jahre, in denen Kowald sein musikalisches Ausdrucksrepertoire entwickelt, er die universelle Sprache der Improvisation erlernt, die Semantik der Sounds, die Grammatik des musikalischen Dialogs. Als der Pianist Alexander von Schlippenbach Mitte der 60er Jahre das Globe Unity Orchestra gründet, ist Kowald dabei. Im Juni 1976 spielt das Globe Unity Orchestra mit internationaler Besetzung auf dem Laurentiusplatz in Wuppertal. Hier ist es Kowalds Idee, verschiedene traditionelle Orchester einzubeziehen: das Blasorchester Wuppermusikanten, das Akkordeonorchester Wupperspatzen, dazu eine griechische Folkloregruppe und ein Drehorgelspieler, auf den Dächern angrenzender Häuser sind Paul Rutherford und Günter Christmann postiert, die Alphörner blasen. Ekkehard Jost, Musiker und Musikwissenschaftler, analysiert in seinem Buch „Europas Jazz” (Frankfurt 1987) das Ereignis: „Die sozialen ebenso wie die musikalisch-philosophischen

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Aspekte dieser Veranstaltung sind naheliegend: neue Hörerfahrungen zu provozieren, den Waren- und Werkcharakter von Musik in Frage zu stellen, die prinzipielle Gleichberechtigung aller musikalischen Hervorbringungen zu praktizieren, die alltägliche Umwelt in das musikalische Ereignis einzubeziehen, die Kunst mit dem Leben zu verbinden, und sei es auch nur für die Dauer von 65 Minuten...” Annäherung vier: Grenzüberschreitungen „Die Grenze ist der Ort der Erkenntnis.“ Paul Tillich Peter Kowald war ein leidenschaftlicher Kommunikator und hat gern Dinge angestoßen. „Anzetteln”, nannte er das. „Ich habe in Wuppertal viele Dinge angezettelt.” Ein typischer Kowald-Satz. Die Initiative 360 Grad gehörte dazu, die im „Spielraum für Ideen” ganz unterschiedliche Aktivitäten vorstellte: Musik, Malerei, Dokumentation, Bewegung, Erfindung. Ein Local Village für Künstler, Musiker,

Menschen, die schöpferisch sein wollen. Und ein Vorläufermodell für das spätere Global Village. Dinge ermöglichen, Menschen zusammenführen, Ideen und Aktionen vernetzen: Hier ist dieser Gedanke noch lokal verortet. Eine Idee, die Kowald später durch seine Reisen, Begegnungen mit Menschen aus anderen Kulturen und Ländern weltweit ausdehnen wird. 360 Grad – das heißt Offenheit, RundumBlick, sich nicht den Horizont verstellen lassen. Aber 360 Grad - das bezeichnet auch einen Kreis, dessen Linie eine Grenze beschreibt, die einen Innen- und Außenraum trennt, ein Diesseits und Jenseits. Grenzen waren für Peter Kowald eine Provokation, sie zu überschreiten ein fast natürlicher Reflex. Auch die Musik selbst war eine solche Grenze, die es zu überwinden galt – und zwar in Richtung der anderen Künste: Wieder zettelt Kowald mit Freunden etwas an: die Wuppertaler Grenzüberschrei-


tungen 1983: ein Festival, geplant als Biennale, bei dem Musiker, Dichter, Tänzer und Akteure aus Japan, Afrika, Amerika und Europa zusammenkommen. Natürlich hat ein solches Konzept etwas Bedenkliches, Sprache, Performance, Tanz und Musik verbinden sich nicht so leicht. Peter Kowald weiß um die Gefahren eines solchen Konzeptes. „Es geht”, sagt Kowald, „nicht darum, die Dinge zu glätten, sondern sie in Frage zu stellen.” Annäherung fünf: Global Village „Eine menschliche Gesellschaft mit mehr als 3.000 Menschen kann nicht funktionieren.” Weisheit der Hopi-Indianer. Globe Unity und 360 Grad waren Urmodelle des Global Village, die Grenzüberschreitungen eine notwendige künstlerische Erweiterung. Global Village, das weltweite Beziehungs- und Kommunikationsgeflecht, war dann eine konsequente Expansion dieses Konzeptes durch Reisen, die die unterschiedlichsten Menschen und deren lokale Kulturen miteinander verband. Als Peter Kowald 1984 der Eduard von der Heydt-Preis der Stadt Wuppertal verliehen wurde, spielte der Bassmann zusammen mit dem phantastischen New Yorker Saxophonisten Charles Gayle. Den hatte Kowald an irgendeiner Straßenecke in Manhattan gehört. Und die Musik war ihm nicht aus dem Kopf gegangen; sie hatte ihn berührt. Also suchte er ihn. So lange, bis er ihn wieder gefunden hatte. Heute spielt Charles Gayle, der frühere Straßenmusiker, mit den ganz großen Protagonisten der Improvisierten Musik.

Peter Brötzmann und Peter Kowald 1985 in der Carnegie Hall. Foto E. Dieter Fränzel

oben: Peter Kowald und Jean Sasportes, Foto Jörg Lange, unten: Foto Archiv E. Dieter Fränzel

Peter Kowald konnte und wollte berührt werden – von Menschen und von Musik. Und er konnte berühren. Und so wurde er ein Menschenzusammenführer, der sein eigenes weltweites Dorf baute. Es gibt im Weltdorf des Peter Kowald häufiger besuchte Marktflecken. Berlin ist so ein Platz, Ost und West. Früh hat Kowald die Nähe zu Musikern aus der früheren DDR gesucht. Mit dem Schlagzeuger Günter „Baby” Sommer beispielsweise, dem Freund von Günter Grass, hat er gejammt. Überhaupt orientierte sich Kowald zunächst - wieder

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Peter Kowald und Kazuo Ono, Foto Antje Zeis-Loi gegen den Mainstream schwimmend - gen Osten. Als Glasnost und Perestroika Reisen in die Sowjetunion erlaubten, gehörte Kowald zu den ersten europäischen Musikern, die dorthin auf Konzertreisen gingen und nicht nur die großen Städte und Konzertbühnen bespielten, sondern gerade auch die sogenannte Provinz. Kowald war ein Pionier der Weltmusik - lange vor Paul Simons ”Gracelands” und bevor Peter Gabriel den senegalesischen Musiker Youssou N‘ Dour entdeckte. Im Unterschied zum Stilmix der Popmusik wurden fremde Musikkulturen nicht zum bloß exotischen Dekor, sondern konnten im Dialog mit der Improvisierten Musik ihre unverwechselbare Identität bewahren. Annäherung sechs: 365 Tage vor Ort „Ich bin überzeugt, dass diese Arbeit hier, gerade die Zurücknahme in den lokalen Bezug, eine globale Arbeit ist, sie hat sich nur für diesen Platz hier entschieden.“

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Und dann mitten hinein in diese Umtriebigkeit und rastlose Reisetätigkeit eine kopernikanische Wende im Leben des Musikers: eine „Zurücknahme“, ein Innehalten, eine Zeit der Reflexion, des persönlichen und künstlerischen Ortens. 1994 will Peter Kowald 365 Tage in Wuppertal bleiben. Ein Jahr soll der Lebensradius des Wuppertaler Musikers soweit messen, wie ihn die Füße oder sein Dreirad tragen, auf dem er seinen Kontrabass transportiert. Die Welt, das ist plötzlich das Luisenviertel. Künstler, Musiker, Schriftsteller aus aller Welt besuchen ihn dort, nehmen teil und gestalten die Abende „vor Ort„, zu denen jeder(!) herzlich eingeladen ist. Musikergespräche, Hauskonzerte, Tanz und Lesungen; über einhundert Veranstaltungen in 365 Tagen. Und dann ein solcher Satz: „Ich fühle mich wie auf einer Insel, mein Lebenskreis ist so eingeschränkt wie bei einem Dörfler aus dem letzten Jahrhundert. Wunderbar, aber ich bin mir der Gefahren dieser Isolierung bewusst.”

365 Tage vor ORT waren auch ein Garant dafür, dass das Global Village nach Peter Kowalds Tod weiterlebte. Der Bassspieler hatte in dieser Zeit das ORT-Ensemble gegründet und junge Musikerinnen und Musiker, die zum Teil von der Klassischen Musik kamen, zur Freien Improvisation geführt. Annäherung sieben: Grenzüberschreitung ins Jenseits „Die Musik muss durch ein kleines Loch, einen ganz schmalen Kanal hindurch. Das ist schwer, aber sie muss da hindurch. Und wenn sie durch ist, dann kann sie sich öffnen, und es sind all die Tiere und der Wind darin, die ganze Natur ist zu hören.“ Ein Sänger der traditionellen Obertonmusik im Gespräch zu Peter Kowald. So weit die Welt Peter Kowalds auch war, in den letzten Jahren wurden die USA für den Bass-Mann immer wichtiger und verlegt seinen Lebens-


Peter Kowalds „ort“, Luisenstraße 116, Foto: Jörg Lange mittelpunkt dorthin: „Ich habe die wahre Musik gefunden, als ich die schwarze Amerikanische Musik wieder entdeckte. In gewisser Weise war diese Reise eine Rückkehr zu den Ursprüngen.“ Es begann mit Reisen quer durch den Kontinent. New York, Nashville, New Orleans. Vielleicht lag in dieser Beschleunigung auch eine existentielle Gefährdung. Der Freund Günter „Baby“ Sommer glaubt das: der frühe Tod – mit nur 58 Jahren als Ausfluss dieses Lebens im Global Village – ohne Fixpunkt. Ein Selbstverlust im steten Unterwegs. Vielleicht war er auch ein Spiel-Junkie. Einer, der überall spielen wollte. Selbst an Orten, an denen er nicht mehr hätte spielen sollen. Aber: „He was a strong man, a really strong man”, sagt William Parker, in dessen Haus im East Village von Manhattan Peter Kowald am 21. September 2002 gestorben ist. Parker erinnert sich, wie energiegeladen Kowald in jenem Jahr

das Sound-Unity-Festival in New York mit vorbereitete: Good vibrations, wenn er mit Musikern wie Charles Gayle, Andrew Cyrille oder anderen zusammen spielte: relaxed, gut gelaunt, nie müde: „So – who knows?“ Vielleicht hat Kowald in den USA auch nach seiner eigenen Identität gesucht. Die er dort suchte und zu finden glaubte, wo er angerührt wurde. Durch den Blues beispielsweise, eine Musik, die er noch in den 60er Jahren kaputtgespielt hatte. Die Kraft, die Energie des Blues kommt aus der Melancholie der Einsamkeit. Es war wohl diese Kraft, die Kowald in der Musik gesucht hat, im Blues, im Rembetiko, in den Obertongesängen der Mongolen. Im Free Jazz. Minderheitenmusiken, die die Kraft der Solidarität, der Freundschaft, der guten Nachbarschaft haben, die sich so nur in den Randzonen der Gesellschaft, im Niemandsland bilden können. „Wo immer er auftauchte, wurde er zu einem

wichtigen und kritischen Teil dieses Ortes. Er war ein Macher, ein Mensch mit einem sehr stark entwickelten Sinn für die Bedeutsamkeit der Gemeinschaft, einer, der eine Vision hatte und der davon getrieben war, diese Vision zu verwirklichen. Wuppertal war seine Heimat und von dort baute er Brücken zu anderen Kulturen und Künsten”, schreibt Patricia Parker, die langjährige Freundin, die Peter Kowald im Sterben, in seiner letzten Stunde begleitet hat. Gerne hätte sie ihm noch hinterher gerufen: „Vergiss nicht einzuatmen! Wenn du immer nur ausatmest, kommst du aus dem Rhythmus! Vergiss nicht: Du wirst geliebt, mach weiter!“ Vielleicht war der Tod einfach nur das kleine Loch, durch das Kowald hindurch schlüpfen musste. Eine letzte Grenzüberschreitung ins Jenseits. Heiner Bontrup

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All you need is LOVE Umjubelter Beatles-Tanzabend des Salzburg Balletts im Remscheider Teo Otto Theater Idee und Choreographie: Peter Breuer Choreographische Assistenz/Ballettmeister: Alexander Korobko - Kostüme: Katja Schindowski – Dramaturgie: Andreas Gergen – Lichtdesign: Eduard Stipsits – Kostümbetreuung: Brigitte Gassner, Marie Waltl – Technik: Robert Kofler Mit: Cristina Uta , Kristina Kantsel, Erico Abe, Anna Yanschuk, Anastasia Bertinshaw, Flavia Samper, Kathrine Watson, Asher Smith, Vladimir Koltsov, Marian Meszaros, Josef Vesely, Herick Moreira, Joseph Flavian de Mesquita Junior, Iure de Castro, Yoshito Kinoshita

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Es war an einem Abend Anfang Mai im Remscheider Teo Otto Theater zu spüren, dass die Pop-Songs, die das geniale Gespann John Lennon/Paul McCartney in den 60er Jahren für die legendären Beatles geschrieben hat und die für fast ein Jahrzehnt die Hitparaden der Welt dominierten, noch immer in aller Ohren und Herzen sind – nicht nur bei den einstigen 60er Blumenkindern, die heute die „Oldies“ sind. Ein Querschnitt der Generationen, vielfach auch Eltern mit jugendlichen Kindern, hatte sich erwartungsvoll im Theater eingefunden, um ein Wiederhören mit den unsterblichen Hits zu feiern und deren tänzerische Umsetzung durch das Salzburg Ballett zu erleben. Peter Breuer, einst weltweit gefeierter Solotänzer, später als Choreograph u.a. an der Bayerischen Staatsoper und der Staatsoper Berlin erfolgreich, leitet heute als Direktor die Geschicke des Salzburg Balletts, für das er diesen phantastischen „Beatles Tanzabend“ choreographiert hat. Er nennt ihn ein „biographisches Handlungsballett“, wenn auch vorder-

hand eine biographische oder popgeschichtliche Chronologie nicht erkennbar ist. Der anspruchsvollen Aufgabe, aus dem gewaltigen Œuvre der Beatles eine repräsentative Essenz zu filtern und sie in textgetreu getanzte, witzig-originelle Bilder umzusetzen, wurde Breuer mit seiner hochmotivierten Truppe eindrucksvoll gerecht. Zugleich hob seine Choreographie die Musik von Lennon/McCartney auf eine Stufe mit Ballettmusiken Leonard Bernsteins, Peter Tschaikowskys oder Leo Delibes´. Es wurde eine hinreißend bunte „Magical Mistery Tour“ zurück ins „Yesterday“, mit Stationen in der „Penny Lane“, bei den „Strawberry Fields“ und mit „Back in the U.S.S.R.“ in Moskau – stets im Spiel mit den meterhohen Buchstaben L-O-V-E. So fröhlich, wie die drei Herren und zwei langbeinigen Damen mit Krakowiak, Stechschritt und lustigen Uniformen die UdSSR personifizierten, hätte man sie damals im Kalten Krieg gerne gesehen und sähe man heute gerne Wladimir Putins neues Zarenreich. Die Tour besuchte „Rocky


Racoon“ (der korrekt kollabierte), „Dear Prudence“, „Michelle“ und „Hey Jude“. Insgesamt 30 Stücke aus allen Schaffensphasen der Beatles wurden aufgeführt, von den Anfängen mit „Help!“! und „A Hard Day´s Night“ (kraftvoll hitzig von der Riege muskulöser schöner Männer getanzt) der Flowerpower-Romantik der „Penny Lane“ (mit den Damen in Mary Quant-Kleidern vor der Projektion der Carnaby Street), der Mystifizierung der „Piggies“ bis zur Pop-Revolution in „Why Don´t We Do It In The Road“ und der Mission Lennons in „The Ballad of John and Yoko“. Das glänzende Ensemble aus 7 Damen und 8 Herren zeigte, was klassisches Ballett kann, setzte Hebung, Sprung, Spitze, Spin und Rotation in Perfektion ein. Herausragend die Soli und Pas de deux der kraft- und blutvoll geschmeidigen Kristina Kantsel in „I´m So Tired“ und „Michelle“, das exquisite Solo von Vladimir Koltsov im „Yer Blues“, die verzaubernde pure Poesie Erico Abes und Marian Meszaros´ in „Julia“. Ein Bonbon in Strawinsky-Qualität, weil rhythmisch in der Nähe seines „Sacre du printemps“ wurde der einzige „fremde“ Titel „March of The Meanies“, den Beatles-Arrangeur George Martin 1969 für die LP „Yellow Submarine“ komponiert hatte. Ein kraftvoller „Ausreißer“ in mitreißendem Maschinenrhythmus vom Ensemble getanzt. Josef Vesely entführte mit Kathrine Watson versponnen zum „Fool On The Hill“, einer traum-haften Nummer. Einer der vielen Höhepunkte auch die psychedelisch glimmernde Umsetzung des stets unter Drogenverdacht gestandenen „Lucy In The Sky With Diamonds“. Gelungen. Der Zauber sprang aufs Publikum über, das in zwei Stunden guter Laune, herrlichen Bildern und den O-Tönen der Beatles schwelgte. Als Finale rundete ein Medley bis dahin „vernachlässigter“ Titel den mit frenetischem Beifall, zahllosen Vorhängen und stehenden Ovationen gefeierten Abend. Der Beatles Tanzabend des Salzburg Balletts bekommt unsere Auszeichnung: den Musenkuß.

Samchung, Marian Meszaros, Alexander Korobko, Josef Vesely und Ashersmith

Vladislav Koltsov

Weitere Informationen: www.salzburger-landestheater.at Frank Becker

Josef Vesely

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Der Holzf채ller, 1912

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Die künstlerische Revolution …des Kasimir Malewitsch Große Retrospektive in der Bonner Bundeskunsthalle

Kasimir Malewitsch, Porträtfoto 1934

Dass die Bonner Bundeskunsthalle ihre aktuelle Malewitsch-Ausstellung mit dem Hinweis bewirbt, in Amsterdam, der ersten Station dieser Retrospektive, sei sie von 280.000 Besuchern gesehen worden, gehört zu den Begleiterscheinungen eines hochgradig kommerzialisierten und gebannt auf die „große Zahl“ starrenden Kunstbetriebs. Gleichwohl sagen derartige Zahlen letztlich kaum etwas über Qualität und Bedeutung eines kulturellen Ereignisses. Obwohl das öffentliche Interesse in Bonn während der ersten zwei Monate mit etwa 20.000 Besuchern eher hinter den Erwartungen zurück blieb, kann die Ausstellung doch als exzeptionell bezeichnet werden. Zwar fehlt das legendäre„Schwarze Quadrat“ (um 1914/15), die MalewitschIkone schlechthin, ansonsten aber ist die Bonner Schau, die mit hochkarätigen Arbeiten alle Werkphasen des Künstlers dokumentiert, so umfassend wie keine Malewitsch-Ausstellung seit der großen Retrospektive im Kölner Museum Ludwig im Winter 1995/96. Dazu tragen exquisite Leihgaben vor allem aus den Sammlungen Chardschijew (Amsterdam) und Costakis (Thessaloniki) sowie aus großen europäischen und außereuropäischen Museen bei. Die Bonner Ausstellung belegt Malewitschs herausragenden kunstgeschichtlichen Stellenwert als einem der radikalsten

Neuerer der Kunst des 20. Jahrhunderts und als Mitbegründer der gegenstandslosen Kunst. Dabei lassen seine künstlerischen Anfänge, wie die Schau in Bonn zeigt, den späteren Avantgardisten kaum erahnen. Suche und Experiment: das Frühwerk Lernbegierig und experimentierfreudig, sog Kasimir Malewitsch, geboren 1878 in Kiew, gestorben 1935 in Leningrad, zu Beginn des 20. Jahrhunderts wie ein Schwamm alle progressiven künstlerischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte auf: Impressionismus, PostImpressionismus, Symbolismus, Fauvismus, Kubismus, Futurismus. Seine frühen Gemälde aus der Zeit kurz nach der Jahrhundertwende zeigen deutlich symbolistische und impressionistische Einflüsse. Ende des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts geriet der Künstler unter den Einfluss des sog. primitivistischen bzw. neoprimitivistischen Stils von Michail Larionow und Natalia Gontscharowa. Obwohl sich Malewitsch in dem Bild Fußpflege in der Badestube von 1908/09 in kompositorischer Hinsicht an Cézannes „Kartenspieler“ von 1890/92 orientiert, unterscheidet er sich durch eine derbe, die Naturform bewusst deformierende Malweise mit starken Formverzerrungen und -übertreibungen – Hinweis darauf, dass er die Lektionen

Fußpflege in der Badestube, um 1908

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Kirche. um 1906

Bäuerin mit Eimern, 1912 – linke Seite: Der Badende, 1911

des Primitivismus rasch gelernt hatte. Dies zeigt etwa auch Der Badende von 1911, dessen massige, von kräftigen Konturen umrissene Figur mit ihren plumpen Händen und Füßen eine starke Dynamik aufweist und dessen grelle Farbigkeit auf Anregungen der französischen Fauves hindeutet. Bald vollzog sich im Stil Malewitschs ein signifikanter Wandel: Die Formen verfestigten sich, der Künstler fand zu einer vereinfachten und beruhigten Formensprache. Ein typisches Beispiel für diesen Stilwandel ist die Bäuerin mit Eimern von 1912, eine Darstellung mit zwei schwerfällig daher kommenden Figuren, offenbar einer Mutter mit ihrem Kind. Im Unterschied zum expressiven Duktus des „Badenden“ gliedern hier klar gegeneinander abgegrenzte Farbflächen das Bildfeld. Auffallend ist das Unpersönliche der Gesichtszüge und eine Tendenz zur Typisierung, was sich auch darin zeigt, dass die Bäuerin und das Kind sehr ähnlich gestaltet sind und sich nur ihrer Größe nach unterscheiden. Der nächste Entwicklungsschritt wird von einem Bild wie Der Holzfäller (1912) markiert. Form und Farbe beginnen sich mehr und mehr vom Gegenstand zu lösen und ein komplexes geometrisches Gefüge zu bilden, in dem zylindrische Formen vorherrschen. In diesem Bild wie auch in ähnlichen Gemälden aus dieser Periode nehmen die leuchtenden Farben einen gleichsam metallischen Glanz an. Obwohl der mechanische Takt des Arbeitsvorgangs durchaus spürbar ist, erscheint die Bewegung des Holzfällers doch wie eingefroren und aus dem natürlichen Zusammenhang von Raum und Zeit gelöst. Larissa Shadowa hat in ihrem grundlegenden Buch „Suche und Experiment“ über Malewitsch geschrieben, dass diese Figuren „auferstandenen gewaltigen Zyklopen“ gleichen und dass sie eine „belebte Urnaturkraft“ repräsentieren. Höchst eigenwillig ist Malewitschs Kopf eines Bauernmädchens (1912) – eine abstrakte, vom analytischen Kubismus inspirierte Komposition, die aus konvex-konkaven Formelementen besteht und sich radikal vom Naturvorbild entfernt. Gegen Ende des Jahres 1913 geriet Malewitsch allmählich unter den Einfluss des synthetischen Kubismus von Braque und Picasso. Auf dem Bild Ein Engländer in Moskau (1914) kombiniert der Künstler Textpassagen und ganz heterogen erscheinende Bildmotive: Eine russisch-orthodoxe Kirche schiebt sich vor einen großen Fisch, der seinerseits das Gesicht und den Hut des Engländers halb überdeckt. Davor befindet sich eine schwebende, dreidimensional gestaltete Kerze (während sonst alles a-perspektivisch dargestellt ist), und über der Schulter des Engländers liest man die Aufschrift „Reiter-Klub“. Dieser „NonsenseRealismus“, wie Camilla Gray ihn genannt hat, mutet geradezu wie ein Vorgriff auf den Dadaismus an, der 1916 in Zürich aus der Taufe gehoben wurde.

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Ausstellungsansicht Foto: Mark Brandenburgh, 2014 Š Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

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In seiner Dame an der Litfaßsäule (1914) kombiniert Malewitsch nach dem Vorbild der Pariser Kubisten die klassische Gattung Malerei mit dem damals neuartigen Medium Collage, indem er in die Komposition typografisches Material, fotografische Bilder, Stickmuster und Spitzenbänder einmontiert. Die Formen durchdringen einander und bilden eine unauflösliche Struktur, die eine Differenzierung von Figur und Grund kaum mehr möglich macht. Bemerkenswert sind vor allem die beiden großen, monochromen Rechtecke in Gelb- und Rosatönen, die als autonome Farbflächen ohne greifbare Bedeutung, ohne semantische Funktion, erscheinen. Diese geometrischen Flächenformen nehmen zwar das orthogonale Gliederungsprinzip der Komposition auf und fügen sich insofern formal schlüssig in den Gesamtzusammenhang ein, als Einzelformen können sie aber bereits als Vorboten des von Malewitsch begründeten sog. Suprematismus betrachtet werden. Durchbruch zur Gegenstandslosigkeit Nach Jahren des Suchens und Experimentierens gelang dem Künstler Ende 1913 der Durchbruch zur gegenstandslosen Kunst, zum Suprematismus, mit dem sich Malewitsch an die Spitze der russischen Avantgarde setzte. Im Dezember 1913 fand in Sankt Petersburg die Uraufführung der futuristischen Oper Sieg über die Sonne statt, ein avantgardistisches Singspiel, für das Kasimir Malewitsch die Kostüme und die Bühnenbilder entwarf, u.a. ein diagonal in eine schwarze und eine weiße Fläche gegliedertes Quadrat – sein erstes „suprematistisches“ Werk. Damit schlug der Künstler ein neues Kapitel auf, nämlich das der Gegenstandslosigkeit. Drei Bilder stehen am Anfang dieser neuen Phase, nämlich das „Schwarze Quadrat“, der „Schwarze Kreis“ und das „Schwarze Kreuz“. Ihre Datierung ist unsicher. Erstmals öffentlich gezeigt wurden Malewitschs frühe suprematistische Arbeiten im Dezember 1915, und zwar in einer Ausstellung der Futuristen in Petrograd (seit Kriegsbeginn der neue Name für Sankt Petersburg), die den Titel „Letzte futuristische Ausstellung – 0,10“ trug. Ziel war es, wie Malewitsch selbst formuliert hat, ein „absolutes, der Natur nicht mehr verpflichtetes Bild“ zu schaffen. Für ihn scheint „das Quadrat das Symbol der Trennung von der gesamten Kulturgeschichte“ und – wie Heiner Stachelhaus schreibt – „Bote einer neuen Schöpfung“ und „die nackte Ikone“ seiner Zeit gewesen zu sein. Allerdings ist dieser Verweis auf die Ikone insofern symptomatisch, als er die Erinnerung an das russische Heiligenbild ins Spiel bringt und insofern die These von Malewitschs vermeintlich radikalem Traditionsbruch sogleich relativiert. Abgesehen davon, dass die Bonner Ausstellung eine Reihe überraschender Blätter oben: Kopf eines Bauernmädchens, 1912 unten: Ein Engländer in Moskau, 1914

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des Künstlers aus dem Jahr 1918 mit Kruzifix-Darstellungen zeigt (Entwürfe für die Oper „Krieg“), die die spirituellen Neigungen des Künstlers erahnen lassen, betten die Kuratoren den Suprematisten Malewitsch bewusst in den historischen Kontext der russischen Sakralkunst ein, indem sie mit exquisiten Ikonen aus dem 15., 16. und 17. Jahrhundert eine Brücke zwischen Tradition und Moderne schlagen und auf unterschwellige Kontinuitätslinien in der russischen Kunstgeschichte aufmerksam machen. Was den Begriff „Suprematismus“ anbelangt, nur dies: „Im Französischen werden das lateinische ‚suprematia’ (suprématie), was soviel bedeutet wie Überlegenheit, Herrschaft, Oberhoheit, und das davon abgeleitete ‚supremus’ im Sinne des Höchststadiums einer Erscheinung [...] gebraucht.“ (Shadowa) Malewitsch war von der Suprematie, also von der das zukünftige Kunstgeschehen beherrschenden Stellung seiner Bildauffassung fest überzeugt. So schrieb er 1915: „In Moskau beginnt man mir beizupflichten, daß man unter neuer Flagge auftreten muß. [...] Mich dünkt, daß Suprematismus am besten paßt, weil es Herrschaft bedeutet.“ Nullpunkt der Malerei Die Ausstellung im Dezember 1915, in der Malewitsch seine suprematistischen Bilder erstmals öffentlich zeigte, war, wie zwei Jahre vorher die Aufführung der futuristischen Oper „Sieg über die Sonne“, eine Sensation. Der merkwürdige Ausstellungstitel „0,10“ bezieht sich auf eine von Malewitsch geplante Zeitschrift mit dem Titel „Null“, und es war vorgesehen, dass zehn Künstler ihre neuesten Arbeiten vorstellen sollten. In einem Brief vom 29. Mai 1915 an den Malerkollegen Matjuschin schrieb der Künstler über dieses Projekt, dass es darum gehe, „alles auf Null zu bringen“. Und in der Broschüre „Vom Kubismus und Futurismus zum Suprematismus“ hat er in die gleiche Richtung gedacht: „Ich habe mich in den Nullpunkt der Formen verwandelt und bin über Null hinausoben: Dame an der Litfaßsäule, 1914 unten: Bühnenbildentwurf für die Oper ,Sieg über die Sonne’, 1913

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Suprematistisches Gem채lde (mit schwarzem Trapez und rotem Quadrat), 1915

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Suprematistisches Gemälde (rotes Kreuz auf schwarzem Kreis), 1920-22 gegangen“. Anlässlich der Ausstellung „0,10“ veröffentlichte er ein Manifest, in dem er sich ganz ähnlich äußerte: „Nur wenn wir uns daran gewöhnen, in einem Bild keine Naturausschnitte, Madonnen oder schamlosen Akte mehr zu suchen, können wir die reine Malerei würdigen. [...] Ich bin aus dem Kreis der Gegenständlichkeit, der den Künstler auf die Naturformen festlegt, herausgetreten und auf den Nullpunkt zurückgekehrt. [...] In der neuen Kunst hat sich der Gegenstand wie Rauch verflüchtigt.“ Malewitschs suprematistische Bilder sollten in dem Sinne „absolut“, also von äußeren Realitäten „losgelöst“, sein, als sie keinen Darstellungsauftrag zu

übernehmen und keine Abbild- oder Repräsentationsfunktion zu erfüllen hatten. Gleichwohl ist festzuhalten, dass das Quadrat eine hochgradig meditative, spirituelle Form ist, dass der Kreis in fast allen Kulturen als Symbol der Geschlossenheit, Vollkommenheit und kosmischen Harmonie gilt und dass im Kontext der abendländisch-christlichen Kultur erst recht das Kreuzmotiv nur schwerlich als „reine Form“ gelesen werden kann. Immer wieder, auch nach der Oktoberrevolution, taucht bei Malewitsch die Kreuzform auf, beispielsweise in seinem Suprematistischen Gemälde (rotes Kreuz auf schwarzem Kreis) von 1920/22. Um in die Zeit um 1915/16 zurückzu-

kehren: Bald wurden die gegenstandslosen Kompositionen Malewitschs nicht nur kleinteiliger und damit komplexer, sondern auch spannungsreicher. Die schräge Achse wurde zum bestimmenden, den Eindruck von Bewegung suggerierenden Kompositionsprinzip. „Einfache, erst rote und schwarze, dann blaue und grüne Balken folgen der Bewegung. [...] Das Rechteck wird zum Trapez, die Diagonale wird durch eine zweite Achse wiederholt“ (Gray) und dadurch zusätzlich dynamisiert, so etwa in der Komposition Suprematistisches Gemälde (mit schwarzem Trapez und rotem Quadrat) von 1915. Indem neben Schwarz und Rot auch wieder Grün, Blau und Gelb auftauchen, kehrt Malewitsch zu seiner früheren intensiven Farbigkeit zurück. (Es gibt allerdings auch Gemälde mit gebrochenen Farbtönen, etwa mit Pastellfarben wie Rosa und Mauve.) Dünne Linien, angeschnittene Kreise, lang gestreckte Rechtecke lassen gleichsam Planeten assoziieren, die sich auf vorgezeichneten Bahnen im Raum fortzubewegen scheinen. Tatsächlich sind Phänomene des Schwebens und der Schwerelosigkeit ein Charakteristikum der Avantgardekunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Jeannot Simmen hat das Schweben als das maßgebliche Indiz der Moderne gekennzeichnet. Beweise gebe es genügend: El Lissitzkys Zukunftsidee der Überwindung des Fundaments, Kandinskys Befreiung vom Materiellen und die Substitution des Bildzentrums durch die Ortlosigkeit des „Irgendwo“, und natürlich Malewitschs „Loslösung von irdischen Orientierungspunkten in einer alldimensional kosmischen Perspektive“. Die suprematistische Periode der Jahre 1915/16 bis 1919 ist in der Bonner Ausstellung durch herausragende Arbeiten ausgezeichnet belegt und bildet gleichsam das Rückgrat dieser großartigen Retrospektive. Im Dienst der Revolution Malewitsch spielte in den Jahren vor der Oktoberrevolution innerhalb der russischen Künstleravantgarde die zentrale Rolle. Daran änderte sich auch unmittelbar nach der Revolution nichts, denn sein Suprematismus sollte im „Neuen Russland“ insbesondere

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Plakatentwurf für den Film ,Doktor Mabuse’, 1916 von seinen Anhängern zur revolutionären Kunst schlechthin stilisiert werden. Im Herbst 1919 wurde der Künstler Lehrer an der Kunstschule der weißrussischen Provinzstadt Witebsk. Ende 1919, Anfang 1920 gründete er dort zusammen mit El Lissitzky die Künstlervereinigung UNOWIS – eine Abkürzung für die Bezeichnung „Bestätiger der Neuen Kunst“. Diese „Bestätiger“ waren jene, die den Suprematismus als

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neuen Kanon der Kunst propagierten, unter ihnen neben Malewitsch und Lissitzky deren Studenten Nikolaj Suetin (1893–1954), Ilja Tschaschnik (1902–1929) und andere. Die Grundidee von UNOWIS war die Arbeit im Kollektiv mit dem Ziel, den Suprematismus zur künstlerischen Universalsprache des sozialistischen Landes zu machen, d.h., ihn auch in den sog. angewandten Bereich, sprich ins Design und in die Architektur, zu

implantieren. Das bedeutete konkret, dass beispielsweise die dekorative Gestaltung von Geschirr, der Entwurf von Textilmustern, die Gestaltung von Plakaten, der Entwurf von Festdekorationen sowie die Gestaltung von Propaganda- und Massenveranstaltungen im Sinne des Suprematismus erfolgten. Dies alles wie auch die Lehrtätigkeit Malewitschs in Petrograd ab 1922 wird in der Bonner Ausstellung gut dokumentiert und mit exemplarischen Arbeiten belegt. Bei aller „revolutionären“ Anmutung bestand die prinzipielle Problematik der „angewandten“ Arbeiten Malewitschs und seiner Anhänger allerdings darin, dass sie einen offenkundigen Rückfall hinter eine Position darstellten, die seit der kunstgewerblichen Reformbewegung des späteren 19. und des frühen 20. Jahrhunderts im Grunde als überholt gelten durfte. Denn das oft beliebige, ja sinnentleerte Applizieren dekorativer Muster auf Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs war schon seit der zweiten Hälfte des 19. Jh. oft genug kritisiert worden und hatte in Reformkreisen zur Forderung nach einer „sachlichen“, tendenziell dekorfreien Gestaltung der Alltagsgegenstände geführt. Wenn nun in Russland in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution die Formenwelt des Suprematismus massiv in die Gestaltung des Alltäglichen Einzug hielt, so entsprach das sicherlich dem Bedürfnis, dem politisch radikal Neuen durch eine ebenso neuartig erscheinende Formensprache Ausdruck zu verleihen. Und so hieß es schon 1918 in der Presse: „Der Suprematismus steht in Moskau in voller Blüte. Schilder, Ausstellungen, Cafes, alles ist suprematistisch. Man kann mit Sicherheit sagen, der Suprematismus hat sich durchgesetzt.“ Neben rein dekorativen Applikationen suprematistischer Motive auf alltägliche Gebrauchsgegenstände zeigt die Bonner Ausstellung auch Malewitschs 1923 entworfene Tasse, die durch ihre innovative Formgebung und formale Extravaganz auffällt, im Sinne des Gebrauchswertes und ergonomischer Kriterien allerdings kaum als funktio-


Suprematistische Tasse, 1923

Architekton, 1923

nal bezeichnet werden kann. Extravagant waren auch die von Malewitsch und seinen UNOWIS-Mitarbeitern entwickelten, „utopischen“ Architekturentwürfe und -modelle. Wie schon angedeutet, ist das Moment des Schwebens, der schwerelosen Fortbewegung im Kosmos, ein maßgebliches Merkmal der suprematistischen Bildwelt Malewitschs. Die in den frühen 1920er Jahren entstandenen sog. Architektonen und Planiten knüpfen an dieses Konzept an, wobei gerade der Begriff „Planiten“ auf die Vorstellung hindeutet, dass hier an schwebende, wie Planeten durch die Weite des Weltalls fliegende Gebilde gedacht war. Diese Entwürfe von Bauten, die entweder dezidiert flach gehalten waren oder turmartig empor strebten, beruhten formal auf der komplexen Verschachtelung kubischer bzw. quaderförmiger Grundformen. Hinsichtlich ihrer funktionalen Bestimmung blieben sie allerdings in aller Regel

unterdeterminiert. Das heißt, dass sie nicht an bestimmte Zwecke gebunden bzw. auf die Erfüllung spezifischer Bauaufgaben festgelegt waren, sondern dass sie in einem sehr allgemeinen Sinne Modellcharakter für eine zukünftige, moderne, sozialistische Architektur haben sollten. Tatsächlich wurde davon nichts gebaut, und doch übten diese utopischen Entwürfe und Modelle auf die progressive sowjetische Architektur der 1920er Jahre einen nicht unerheblichen Einfluss aus, bevor dann unter Stalin in Gestalt eines monumentalen Neoklassizismus das Rad der Geschichte zurück gedreht wurde. Rückkehr zur Gegenständlichkeit Malewitsch hat in den 1920er Jahren neben seiner Lehrtätigkeit und seiner „praktischen“ Entwurfsarbeit auch die freikünstlerische Tätigkeit fortgeführt. Es entstanden zunächst Kompositionen, die an die Zeit um

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Arbeiterin, 1933

1915 anknüpften und den Künstler auf der Suche nach dem „Geistigen in der Kunst“ zeigen, um den Titel der berühmten Programmschrift von Kandinsky aus dem Jahr 1912 zu zitieren. So schrieb er 1920: „ [...] nun bin ich in die religiöse Welt zurückgekehrt beziehungsweise eingetreten. Ich besuche Kirchen, betrachte die Heiligen und die ganze funktionierende geistige Welt.“ Und zwei Jahre später: „Gott ist nicht gestürzt. Kunst. Kirche. Fabrik.“ Es liegt auf der Hand, dass ein solcher Satz in den Ohren der neuen Machthaber konterrevolutionär klingen musste. Ende der 1920er und zu Beginn der 1930er Jahre kehrte Malewitsch mit seinen formal reduzierten Bauern-, Sportlerund Landschaftsbildern und seinen Porträts zur gegenständlichen Malerei zurück, was gemessen an seinen avancierten Bildwelt der zehner Jahre des 20. Jahrhunderts regressiv erscheinen

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mag. Ob dies das Resultat einer inneren Entwicklung des Künstlers gewesen ist oder politischem Druck geschuldet war, lässt sich nur schwer entscheiden; möglicherweise kommen beide Faktoren zusammen. Jedenfalls zeigen die in der Bonner Retrospektive ausgestellten späten Gemälde in aller Deutlichkeit, dass sich Malewitsch unter Stalin keineswegs der Doktrin des Sozialistischen Realismus gebeugt hat, sondern zu einer eigenständigen Bildsprache zwischen Gegenständlichkeit und Suprematismus fand, wie beispielsweise sein Bild einer Arbeiterin von 1933 mit realistisch gemaltem, Physiognomisches präzise erfasstem Kopf einerseits und der abstrakten, „suprematistischen“ Behandlung der Kleidung der Porträtierten andererseits deutlich macht. Zum Schluss eine Anmerkung zum Katalogbuch, das trotz seines reichen Bildmaterials eher eine Enttäuschung ist. Denn

die relativ knapp gehaltenen Textbeiträge bieten inhaltlich nur wenig, was über ältere Veröffentlichungen zum Thema hinausführt, und misslich ist überdies, dass eine Bibliografie fehlt, die dem interessierten Leser den Zugang zur neueren und neuesten Forschungsliteratur erleichtern könnte. Hinzu kommt, dass aus unerfindlichen Gründen von einem Verzeichnis der ausgestellten Arbeiten abgesehen wurde. So eindrucksvoll sich die Bonner Schau präsentiert, so bedauerlich ist die Tatsache, dass hier die Chance verpasst wurde, aus dem Katalogbuch ein Standardwerk zu machen, das den aktuellen MalewitschDiskurs umfassend hätte reflektieren können. Rainer K. Wick Fotos Rainer K. Wick, außer S. 28/29 www.bundeskunsthalle.de


Blauer Reiter lässt Else tanzen Die brasilianische Tänzerin und Jazzsängerin Gilda Rebello als Prinz Jussuf Uraufführung einer Multimediashow und einer Oper beim XX. Lasker-Schüler-Forum

Gilda Rebello als Prinz Yussuf bei den Proben

„Wildkrieg“ nannte Else Lasker-Schüler das Ereignis, das Politiker und Journalisten prosaischer als „Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts“ bezeichnen. Die Multimedia-Show „Der blaue Reiter ist gefallen“ des Wuppertaler Autors Heiner Bontrup griff den Titel des XX. Else Lasker-Schüler-Forums auf, der an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erinnerte und an die Hoch-Zeit des Expressionismus. Das Stück treibt das Phänomen des Transpersonalismus, das kunstvolle Spiel der wechselnden Identitäten auf die Spitze. So verwandelt sich die brasilianische Tänzerin und Sängerin Gilda Rebello gleich mehrfach: zunächst in die exzentrische Else Lasker-Schüler, dann in den „Prinz Jussuf von Theben“, das männliche Alter Ego der Dichterin, die bereits vor mehr als 100 Jahren ein heute sehr aktuelles Thema entdeckte und die Grenzgebiete der sexuellen Identität auslotete: Was ist schon männlich, was weiblich?

Weil die Parallelen zwischen Serbien 1914 und dem Ukraine-Konflikt 2014 unübersehbar sind und das kriegsauslösende Attentat von Sarajewo fatal an die heutige Situation erinnert, thematisierten Beiträge des Forums die Legalität von Gewalt und die Verquickung von Kunst und Krieg. Autor Bontrup, der mit diesen Verknüpfungen ein Wagnis, ein gelungenes Wagnis eingegangen ist, hatte mit dem Untertitel seines Stücks „Oder Europa am Abgrund“ die Brücke zur Gegenwart geschlagen. Die Uraufführung fand am 4. Mai 2014 in Solingen im friedlichen Deutschland statt. In Odessa und Slawjanks war es nur zwei Tage zuvor zu erschreckenden Gewaltexzessen gekommen. Deshalb auch widmeten die mitwirkenden Künstler und die veranstaltende Literaturgesellschaft das Stück vor großer Publikumskulisse im Solinger „Zentrum für verfolgte Künste“ dem erhofften Frieden in der Ukraine. Dann

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begann eine meditative Aufführung, die suggestiv in den Bann zog. Else Lasker-Schüler und Franz Marc trafen sich zum ersten Mal im Café Josty in Berlin im Herbst 1912. Von da an schreiben die beiden einander Briefe und Postkarten bis zum Kriegstod Franz Marcs im Frühjahr 1916. Ihre Freundschaft war für beide künstlerisch ungemein anregend. Marc öffnete sich in Zeichnungen und Worten für die poetische Phantasie-Welt der Dichterin; die Dichterin wiederum nahm seine Bilder enthusiastisch auf, schrieb und zeichnete neben privaten auch öffentliche Briefe und Bilder an den „Blauen Reiter“ oder „Ruben“. Diese erschienen in unregelmäßigen Abständen in verschiedenen Zeitschriften. Der Brief- und Bildwechsel (kürzlich neu herausgegeben von Dr. Ricarda Dick und um wiederentdeckte Briefe ergänzt) dokumentiert die Freundschaft zwischen zwei Menschen, die trotz aller Unterschiede Foto: Heiner Bontrup und Gregor Henze

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ihres Temperaments und der Lebensform - hier die in Armut lebende Dichterin, die die Großstadt Berlin wie die Luft zum Atmen braucht, dort der die Natur liebende Maler, der sich aus München aufs Land zurückgezogen hat - seelenverwandt sind. Dieser Briefwechsel zeigt die doppelte Doppelbegabung der beiden. Sie gehören zu den schönsten Brief- und Bildwechseln der Literatur- und Kunstgeschichte, wie Dr. Rolf Jessewitsch, Leiter des Kunstmuseums Solingen/Zentrum der Verfolgten Künste in seinen einleitenden Worten sagte. Viele der Briefe, die Marc Else LaskerSchüler schrieb, sind verschollen. Dies gilt insbesondere für die Briefe, die Marc aus dem Krieg schrieb. So stand Heiner Bontrup bei der Konzeption des Stücks vor der Herausforderung, den Dialogcharakter zwischen den beiden auch nach dem Ausbruch des I. Weltkriegs aufrechtzuerhalten. Dazu griff er auf andere Briefe Franz Marcs

zurück, die dieser „aus dem Felde“ an seine Frau Maria und andere sandte. Einige Passagen aus der Korrespondenz Marcs sind deshalb „hinzugedichtet“. Das gilt für den Eingangsmonolog Franz Marcs, in der die Zeitstimmung jener Jahre vor dem Ausbruch des I. Weltkriegs vergegenwärtigt wird und den Gregor Henze (früher: Wuppertaler Bühnen, aktuell zu sehen in der Titelrolle des Woyzeck in Köln) sehr stark gestaltete und dabei die wohl dosierten Pointen sensibel herausarbeitete. Wirklichkeit trifft auf Fiktion und an ihrer Nahtstelle entsteht Poesie. In die unnachahmliche Sprachwelt der Else-Lasker-Schüler hat Heiner Bontrup nicht eingegriffen. Sie ist gleichsam unantastbar, „heilig“. Das Kennenlernen zwischen Else und Franz war nicht ohne Pikanterie: Im Sommer 1912 saß Herwarth Walden, der frisch geschiedene zweite Ehemann von Else Lasker-Schüler, mit seiner neuen Frau in einem Berliner Café. Der Dritte an ihrem


Tisch, den die Dichterin bald nicht mehr aus den Augen ließ, war Franz Marc. Ob bewusst oder zufällig: Heiner Bontrup wurde seinem Anspruch eines „poetischen Journalismus“ bei seinem inzwischen vierten Bühnenwerk mehr denn je gerecht. Er greift Else Lasker-Schülers Aufspaltung in zwei Seelen aus „IchundIch“ auf, ihrem politischsten und letzten Drama, wenn er „Else 1“ - die Tänzerin Gilda Rebello - und „Else 2“ - die Schauspielerin Claudia Gahrke - auftreten lässt: die Gahrke, einfühlsam und zerbrechlich, anfangs aus dem Off, später im On neben Henze/Marc. Zudem haben sich hier zwei andere Ichs - Heiner Bontrup, der Autor und der Regisseur Bontrup - gegenseitig inspiriert. Inspiration bezog Stückeschreiber Bontrup auch aus jener Künstlerfreundschaft, die ihr jähes Ende fand, als Franz Marc 1916 vor Verdun starb. Der Nachruf von Else Lasker-Schüler, die ihn kühn sogar

im Felde besuchen wollte, klingt wie ein Schrei: „Der blaue Reiter ist gefallen“. Ihm widmete sie ihr „Selbstbildnis als Jussuf“ und dichtete im Nachruf: Franz Marc, der blaue Reiter vom Ried, Stieg auf sein Kriegspferd. Ritt über Benediktbeuern herab nach Unterbayern, Neben ihm sein besonnener, treuer Nubier Hält ihm die Waffe. Aber um seinen Hals trägt er mein silbergeprägtes Bild Und den todverhütenden Stein seines teuren Weibes. Durch die Straßen von München hebt er sein biblisches Haupt Im hellen Rahmen des Himmels. Trost im stillenden Mandelauge, Donner sein Herz. Hinter ihm und zur Seite viele, viele Soldaten.

Pina Bausch war vom Autor dieser Zeilen vergeblich gebeten worden, ein Stück über Else Lasker-Schüler zu inszenieren. Was naiv klingt, machte seiner Meinung nach Sinn: Eine große Künstlerin von heute gestaltet eine Hommage an eine berühmte Frau aus der gleichen Region. Fünf Jahre nach Pina Bauschs überraschenden Tod kam es an diesem 4. Mai 2014 nun doch noch zu einer Art Realisierung des Wunsches von damals: Die brasilianische Tänzerin und Jazzsängerin Gilda Rebello ist unter allen Darstellerinnen, die Else Lasker-Schüler gespielt haben, die wohl ungewöhnlichste: Nach Tanz-, Gesangs- und Schauspielstudium in Rio de Janeiro war sie am FolkwangTanzstudio unter Pina Bausch engagiert, in deren Compagnie Tanztheater Wuppertal sie oftmals gastierte - auch bei Tourneen von Israel bis Costa Rica. Sie war Solistin in Musicals und choreographierte beim Bayreuth Festival das Projekt „Ich bin der Welt abhandengekommen“.

Foto: Gilda Rebello und Charles Petersohn

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Ihre „ELS-Performance“ im Rahmen des XX. Else Lasker-Schüler-Forums „Der blaue Reiter ist gefallen“ wurde im Zentrum für Verfolgte Künste enthusiastisch gefeiert. Dabei hatte Heiner Bontrup eine phantastische Kopfgeburt realisiert, die dem „Prinzen Jussuf“ gefallen haben dürfte: Er dichtete in einer surreal-märchenhaften Geschichte Else Lasker-Schüler die geheim gehaltene Geburt einer Tochter an, die Großmutter von Gilda Rebello, die deshalb in Solingen gleich zu Beginn erklären konnte, dass in ihr, der Enkelin von Else Lasker-Schüler, jüdisches, indianisches und brasilianisches Blut fließe. Gilda Rebello gestaltete La Valse als musikalische Metapher für den Tanz am Abgrund in der Zeit vor 1914, in der Wien in Walzerseligkeit versinkt, während die Zeichen schon längst auf Krieg stehen. In den ersten dunklen Takten, die böse Vorahnungen evozieren und in denen sich das Stück gleichsam selbst sucht, bevor es sich als Walzer erkennt, treiben im Videobühnenbild Fetzen einer Zeichnung von Else Lasker-Schüler durch ein kosmisches Schwarz. Gilda Rebello „dirigiert„ tänzerisch dazu Musik und Bild: eine Allegorie für den Prozess der poetischen Imagination. Nach und nach fügen sich die Fetzen zur ELS-Zeichnung „Yussuf mit Theben„ zusammen. Prinz Yussuf/ Gilda Rebello sind in ihrem Reich der Poesie angekommen. Triumphaler Sieg, den Rebello mit Elementen des Walzers und des Bauchtanzes realisiert. Dann erfolgt der Einbruch des Krieges; der Walzer wird kaputt gespielt, schlägt in Kakophonie und wilden Wahnsinn um. Atemberaubend sind Choreografie und Tanz, die Gilda Rebello hierzu gefunden hat, die Verzweiflung und die Wut über die Zerstörung ihres Reiches durch den Krieg werden unmittelbar erlebbar. Das Publikum reagiert mit begeistertem und spontanem Szenenapplaus. Dazu laufen auf der Leinwand die surrealen Videobilder des Filmemachers Frank N: keine

Abbildungen: Proben im Kunstmuseum Solingen am 30.04.14 Gilda Rebello als Prinz Yussuf, Projektionen von Frank N

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plumpe Kriegsdokumentar-Filme, sondern der bewusste Verzicht auf jeglichen Naturalismus, vielmehr wird das innere Erleben des Krieges in den zerfließenden Bildwelten sichtbar gemacht, die die apokalyptische Dimension dieses Krieges verdeutlichen. Die Wirkung wurde getragen durch die einfühlsame Interpretation des Stuttgarter Pianisten Jan Marc Reichow, der das Kunststück fertig brachte, die hochanspruchsvolle Partitur von La Valse sekundengenau auf den Film zu „timen“: ein pianistischer Ritt auf der Rasierklinge. Er wurde begleitet am Keyboard vom Wuppertaler Soundtüftler und DJ Charles Petersohn, die gemeinsam dem Dialog zwischen Franz Marc und Else Lasker-Schüler einen atmosphärisch dichten und dennoch sensibel zurückhaltenden Klangteppich unterlegten. Melancholisch, sanft, nachdenklich und wunderschön klingt diese Meditation über Krieg und Kultur aus mit John Cages „In A Landscape“: Minimalmusic, sehr zart und hauchfein gespielt von Jan Marc Reichow. Und wieder berührt Rebello die Zuschauer mit ihrem Tanz: sie kreiert langsame, gleitende, gleichsam vegetative Bilder, inspiriert vom Butoh-Tanz und dem Geist des Yoga. Es ist, als ob die Zeit still stünde. Die von Franz Marc ersehnte Einheit mit der Natur ist plötzlich spürbar inmitten eines Ortes des Kunstschönen. Das Publikum dankte mit langanhaltenden stehenden Ovationen. Ähnlich enthusiastisch gefeiert worden war die erste Uraufführung im Rahmen des XX. Else Lasker-Schüler-Forums am 30. März in der evangelischen Citykirche (sowie am 2. April in der Neanderkirche Düsseldorf und am 3. April im Solinger Kunstmuseum/Zentrum für Verfolgte Künste). Die Kammeroper „Neue Menschen“ handelte von der bewegenden Zeit der Dichterin im Berlin der 1900er Jahre, komponiert von dem Wuppertaler Peter Michael Braun. Konzertant aufgeführt von jungen Berufs- und Laienmusikern, mitgerissen von der Begeisterung und Leitung des Düsseldorfer TonhallenDirigenten Ernst von Marschall. Die einaktige Szene beschreibt ein Picknick

an der Wende des 20. Jahrhunderts mit den Dichterfreunden Gerhart Hauptmann, Peter Hille, Julia und Peter Baum sowie Else Lasker-Schüler: ein Picknick im Bewusstsein der Geburt des „Neuen Menschen“. Dieser „Neue Mensch“ bewegt vor dem Ersten Weltkrieg die Gemüter der geistigen Elite Deutschlands als der erhoffte geistige und moralische Neubeginn am Anfang des Expressionismus und einer neuen Menschheit als Gegenentwurf zur sich auflösenden, qualvollen, zerrütteten Existenz der letzten Jahrzehnte. Geprägt sein soll dieser neue Mensch von Liebe, Mitgefühl und einem expressionistischen Pantheismus, wie ihn Else LaskerSchüler als eine der Ersten in ihrer Lyrik fasste und dem Kurt Pinthus in seiner berühmten Anthologie „Menschheitsdämmerung“ ein Sprachrohr war, verstanden als Befreiungsakt - so der Musikkritiker Karl Bellenberg.

SKULPTURENPARK WALDFRIEDEN in WUPPERTAL Jaume Plensa 12.04. – 29.06.2014 Stephan Balkenhol 12.07.– 19.10.2014 skulpturenpark-waldfrieden.de

Das alles blieb ein Traum und der neue Mensch blieb der alte. Dass beide Uraufführungen kein Traum blieben, ist der Regionalen Kulturförderung Bergisch Land, der Kunststiftung NRW, dem Landschaftsverband Rheinland, der Jackstädt- und der Schuler-Stiftung geschuldet. Sie förderten das XX. Else Lasker-Schüler-Forum. Wie alle neunzehn Foren zuvor - in Polen, Tschechien, der Schweiz, Israel, Italien und Österreich - ehrenamtlich organisiert. Sie waren imageträchtig für Wuppertal, Solingen und NRW. Neben Ministerpräsidentin Hannelore Kraft war die französische Kulturministerin Aurélie Filippetti Schirmherrin dieses jüngsten Forums. Das es zu weiteren Aufführungen der Multimediashow und der Oper kommt, ist dem Autor, dem Komponisten und den Künstlern zu wünschen. Dann hätten auch manche Wuppertaler Kulturpolitiker, die nicht anwesend waren, die Chance, großartige Kunst zu erleben, die hier entstanden ist.

Hirschstraße 12 • 42285 Wuppertal Telefon: 0202 47898120

Hajo Jahn Fotos: K.-H. Krauskopf

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Die Frau, die sich auf den Boden warf Bücherleser werden sofort wissen, an wen ich mich mit dieser Überschrift anlehne. Ihn sah ich im TV, den Autor von „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster sprang“. Ich sah einen Skandinavier, vierschrötig, gelassen, zufrieden wirkend; mit skandinavischem Gesichtsausdruck bei skandinavischem Lächeln. Ein Mann, dem man Vertrauen schenkt.

Karl Otto Mühl, Foto: Frank Becker

Das Buch habe ich gelesen. Acht Millionen Leser haben es gekauft und sicherlich ihren Spaß gehabt.

eine Verkaufsfiliale, wurde bei der Sparkasse eingestellt, leitete irgendwas und blieb da achtundzwanzig Jahre, wurde sehr krank und musste sich pensionieren lassen, entwöhnte sich unter Aufsicht ihres Arztes in fünf Jahren von den angeblich lebenswichtigen Medikamenten, begann Sport zu treiben und vermutlich auch, sich mit modernen Heilmethoden anzufreunden, vielleicht Imagination und Körpertherapie – bis sie mit Siebenundsechzig auf den Gedanken kam, etwas ganz Neues anzufangen.

Und, als heute Morgen eine unserer grauhaarigen Kaffeegenossinnen in der Bäckerei ihre Freundin Ingelore mitbrachte und wir deren Geschichte anhörten, war auch sofort dieser Titel da: „Die Frau, die sich auf den Boden warf“.

Sie löste ihre Vierzimmerwohnung auf und kaufte sich auf einer Wohnwagenmesse ein supermodern ausgerüstetes Wohnmobil, mit dem sie jahrelang durch die Welt fuhr, zum Beispiel nach Marokko, und das ganz allein.

Als Vierjährige hatte Ingelore nämlich die Flucht vor den Russen aus Ostpreußen erlebt, wo sie sich bei angreifenden Tieffliegern immer auf den Boden warf. Und bei diesem Geräusch anfliegender Maschinen habe sie sich mit Zwanzig immer noch auf den Boden geworfen, erzählte sie, und das, bis sie eine Heilerin nach Traditioneller Chinesischer Medizin fand, die sie in Gesprächen von diesem Zwang heilte.

Und jetzt? Na ja, sagte sie lächelnd, im Augenblick stehe das Wohnmobil auf dem Hinterhof eines benachbarten Fliesenlegers, den ich übrigens kenne. Wie bei allen Menschen, ist auch sein Leben ein Roman, der aber nicht hierhinpasst.

Das hat Ingelore also hinter sich, und jetzt könnte jemand das Buch mit dem obigen Titel schreiben, das dann hoffentlich acht Millionen Mal verkauft würde. Ich werde es nicht schreiben. Ich habe schon längst beschlossen, keine Geschichten mehr zu schreiben. Ich finde die gelesenen oder von mir erfundenen Geschichten langweiliger als das Leben selbst, das ich führe und das mir begegnet. Vielleicht bin ich auch einfach zu träge geworden. Die Geschichte von Ingelore ist also verfügbar. Ihre Geschichte ist natürlich über das Hinwerfen hinaus weitergegangen. Ingelore hat eine Lehre gemacht, geheiratet und ein Mädchen geboren, sich nach acht Jahren scheiden lassen, geputzt, war Verkäuferin, pflegte vierzehn Jahre ihre kranke Mutter, besuchte Schulen, leitete

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Und da wohne sie jetzt, frage ich Ingelore? „Nein“, sagt sie, „ jetzt wohne ich probeweise bei meinem Liebhaber. Es geht erstaunlicherweise gut.“ Sie fügt hinzu, man müsse immer wieder neu anfangen können, das Gestern beiseite schieben,. Morgens ans Fenster treten und wissen, dass alles neu beginne. Ingelore ist jetzt Zweiundsiebzig. So weit ist es eine wunderbare Geschichte, die Vielen das Herz erwärmen wird. Bloß, ich werde sie, wie gesagt, nicht schreiben. Nicht nur, weil mich Geschichten nicht mehr so sehr interessieren wie mein Leben, sondern, weil in meinen Notizen hier natürlich eine Dimension fehlt – die Dimension eines oft einsamen, geängstigten, zweifelnden Lebens. Sie fehlt, weil ich sie nicht kenne. Ingelore wird sie freilich kennen, denn sie sagte auch: „Demut braucht man zum Leben. Ich habe sie immer gebraucht.“ Karl Otto Mühl


Unternehmer, Querdenker, Ermöglicher

Portrait des Wuppertaler Unternehmers Ralf Putsch „Im Saxophonspiel Peter Brötzmanns liegt eine revolutionäre Kraft, eine befreiende Energie“, sagt Ralf Putsch. 2011, als das Urgestein des Wuppertaler und des europäischen Free Jazz seinen 70. Geburtstag feierte, da öffnete der Cronenberger Unternehmer die Pforten seines Betriebs – als Gastgeber einer hochkarätig besetzten Diskussionsrunde aus Jazzexperten und Zeitzeugen in der „Alte Schmiede“. Mitten darin das frühere Enfant terrible des Jazz, Peter Brötzmann, der mit der Platte „Machine Gun“ Jazzgeschichte geschrieben hatte und den der frühere US-Präsident Bill Clinton zu „einem der größten lebenden Tenorsaxophonisten“ erklärte. Hier, in der „Alten Schmiede“ des Cronenberger Zangenherstellers „Knipex“ fand Brötzmann – rückblickend auf sein Leben – erstaunlich leise und altersweise Töne, nicht nur in seinen autobiographischen Äußerungen, sondern auch auf dem Saxophon.

Ralf Putsch ist nicht nur ein Jazzliebhaber. Er mag diese Musik, aber auch Klassische Musik und Kirchenmusik. Vor allem aber ist es die menschliche Stimme, die ihn in den magischen Sog der Musik hineinzuziehen vermag. „Es ist berührend“ sagt Ralf Putsch, „den Chor der Wuppertaler Kurrende beim Singen in der Friedhofskirche zu hören. Ich denke auch gerne an Sternstunden in der Stadthalle, wenn dort das Wuppertaler oder andere Sinfonieorchester zu hören waren.“ Dass er die Räumlichkeiten der „Alten Schmiede“ dennoch auch für den „Free Jazz“ öffnet, der ihm persönlich eher fremd ist, zeigt die kulturelle und geistige Offenheit des Unternehmers. Für Ralf Putsch ist „Kultur eine vielgestaltige Ausdruckswelt, in der sich der Reichtum der menschlichen Fähigkeiten offenbart“. Und so ist die „Alte Schmiede“ seit vielen Jahren in dem eher beschaulichen Cronenberg zu einem Ort kulturellen Lebens geworden, an dem Konzerte, Lesungen und Schauspiel ihren Platz haben, ein Ort, an dem gleichermaßen Platz ist für Experimentelles, aber auch Traditionelles, wie etwa für die jährlich stattfindenden Benefizkonzerte. Erst im Januar dieses Jahres ging die Premiere der Komischen Oper „Der Torero oder Liebe im Akkord“ in der „Alten Schmiede“ über die Bühne. Das Kleine Schauspielhaus ist seit dem Sommer geschlossen und so öffnete Ralf Putsch seine Räumlichkeiten gerne für diese Inszenierung der Wuppertaler Bühnen. Gerade weil er, wie er selbst sagt, Pragmatiker ist, versteht Ralf Putsch sich als Ermöglicher, als ein Mensch, der Dinge, die eben sonst nicht oder schwer möglich wären, möglich macht. Dazu gehört auch die finanzielle Unterstützung von kulturellen und sozialen Projekten. Von sich aus würde Ralf Putsch über diese Dinge eher nicht sprechen. Es ist nicht – um es mit einem Filmtitel des großen französischen Cineasten Claude Chabrol zu sagen – der „diskrete Charme der Bourgeoisie“, der ihn umgibt, sondern vielmehr der Charme bürgerlicher Diskretion und eine aufrichtige Bescheidenheit, zu der sich die Freude gesellt, durch finanzielles Engagement Kultur fördern zu können. Neben der Förderung der Kultur liegt dem Unternehmer auch die Unterstützung von Bildungseinrichtungen am Herzen. So ist

Knipex in seinem regionalen Umfeld in vielfältiger Weise engagiert; es bestehen Partnerschaften mit der Europaschule Carl-Fuhlrott-Gymnasium und der Realschule Leimbacher Straße sowie eine Zusammenarbeit mit der Bergischen Universität Wuppertal, der Junior-Uni Wuppertal und der Bergischen Musikschule. Die Liebe zur Kultur ist Ralf Putsch jederzeit anzuspüren; sie ist ihm ein existentielles Anliegen. Deutlich wird dies, wenn er über sein Verständnis von Kultur spricht; er lehnt einen „kompensatorischen Kulturbegriff“ ab, also eine Einstellung, nach der Kultur als Entspannung von der Arbeitswelt oder als Quietiv des Lebens zu dienen habe. Im Vordergrund steht für ihn auch nicht die berechnende Vorstellung von repräsentativer Kultur als sanftem Standortfaktor, eine Denkfigur, mit der Politiker gerne argumentieren, wenn es um die Legitimation von Kultur unter finanziellen Aspekten geht. „Kultur“, so sagt Ralf Putsch, „hat in sich selbst einen Wert.“ Gut gefällt ihm das anschauliche Wort Johannes Raus: „’Kultur ist nicht die Sahne auf dem Kuchen, sondern die Hefe im Teig‘, also eine tief liegende, essentielle Dimension unseres Lebens, die unseren Alltag, aber auch Wirtschaft und Gesellschaft durchwirkt.“ Wenn Ralf Putsch über seine Lebensgeschichte erzählt, über Kultur, Bildung und sein Verständnis zeitgemäßer Unternehmensführung, dann geschieht dies niemals in vorgefertigten Sätzen oder Denkmustern. Vielmehr ist ihm jederzeit eine dialogische Offenheit anzuspüren, in der sich, um es mit Kleist zu sagen, die „allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Sprechen“ zeigt. Dass da ein Unternehmer eine so erfrischend andere Sprache jenseits der Floskeln vom ökonomischen Benefiz der Kultur spricht, hat viel mit der Lebensgeschichte Ralf Putschs zu tun. Ralf Putsch leitet heute in vierter Generation eine mittelständische, international agierende und florierende Unternehmensgruppe mit über 1.400 Mitarbeitern. Dass es so kommen sollte, war zunächst nicht klar, auch wenn es die Familientradition nahelegte. Der Ururgroßvater, Carl Gustav Putsch, hatte 1882 das Familienunternehmen als Zangenschmiede gegründet.

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1942 lässt Carl Putsch, der Vertreter der zweiten Generation, die Marke „Knipex“ eintragen. Seit den 1950er Jahren wird das Programm nach und nach um weitere Zangentypen ergänzt. Ralfs Vater, Karl Putsch, übernimmt die Leitung 1954. So steht auch die Erwartung im Raum, dass diese Familientradition weitergeführt wird. Doch seinem Sohn Ralf ist die Welt der Firma zunächst fremd; er erinnert sich: „Mit 15 kam ich dann auf ein Internat im Schwarzwald, in dem Kultur eine große Rolle spielte. Es gab einen Lesekreis für Theaterstücke sowie Musik- und Theateraufführungen, die mein musisches Interesse wachsen ließen. Literatur und Musik hinterließen prägende Eindrücke und waren wichtige Anstöße für die Beschäftigung mit Kunst und Ästhetik während meines Studiums und darüber hinaus.“ Eine Erfahrung, die ihn zunächst von der Lebenswelt seiner elterlichen Firma entfernt. „Literatur und Philosophie waren zunächst vielleicht eine unbewusst gesuchte Gegenwelt, ein Reich, das ich mir ‚auf eigene Faust’ erschließen konn-

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te“. Konsequenterweise entscheidet sich Ralf Putsch denn auch, Neuere deutsche Literatur und Philosophie zu studieren. Und eben nicht Betriebswirtschaft oder Maschinenbau. Als Ralf Putsch nach Abschluss des Studiums ein den Eltern schon länger einmal zugesagtes Kennenlern-Praktikum bei Knipex absolviert – nur um einmal zu sehen, worum es hierbei überhaupt geht – beginnt ein Umdenken. Er spürt oder ahnt etwas von der Erfüllung, die es bringen kann, wenn man gemeinschaftlich ein Unternehmen gestaltet und weiterentwickelt. Wider eigenes Erwarten entschließt er sich nach einer gewissen Zeit dann doch, in die elterliche Firma zu gehen. Ein Entschluss, den er niemals bereut hat. In etwas mehr als 130 Jahren hat sich aus der „Alten Schmiede“, wo einst alles begann und jetzt Konzerte aufgeführt werden, ein mittelständisches Unternehmen entwickelt, das gut auf dem Markt positioniert ist. In seinem Warensegment weist „Knipex“ eine stark diversifizierte

Produktpalette auf: Das Programm umfasst aktuell ungefähr 100 Zangentypen in insgesamt über 900 unterschiedlichen Längen- und Formvarianten. Dazu gehören allgemein gebräuchliche Zangentypen wie Kombizangen, Seitenschneider und Wasserpumpenzangen ebenso wie speziellere Zangen für Anwendungen in der Elektro- und Sanitärinstallation sowie in der Elektronik. Auch Sonderwerkzeuge für die Luft- und Raumfahrt, die Solartechnik und der LichtwellenleiterInstallation gehören zum Sortiment. Wichtig ist Ralf Putsch auch das Design, denn, so sagt er, „die Funktion und Besonderheit wird ästhetisch kommuniziert. Man soll aus einem Angebot von verschiedenen Herstellern sofort eine Knipex-Zange erkennen können. Technische Überlegenheit, Wiedererkennbarkeit und Unverwechselbarkeit sind Ansprüche, die wir an unsere Produkte stellen.“ Zahlreiche Designpreise, die Knipex gewonnen hat, unterstreichen diese Aussage. Knipex wurde wiederholt für Produktqualität, Innovationskraft und Engagement am


Standort ausgezeichnet, unter anderem 2005 mit dem Wuppertaler Wirtschaftspreis als „Unternehmen des Jahres“. Im März 2014 wurde das Unternehmen für sein Nachhaltigkeitsprogramm mit dem EISEN 2014 ausgezeichnet. Mit besonderer Zuwendung widmet sich Ralf Putsch den Auszubildenden. „Wir bemühen uns auch um junge Menschen, die von der Papierform her nicht vorne liegen und investieren viel in ein gründliches Auswahlverfahren. Die Schulnoten zum Beispiel sind kein verlässlicher Indikator für Engagement und Ideenreichtum. Wir erleben immer wieder, wie gut sich junge Menschen bei uns entwickeln und versuchen dabei, möglichst viele Aspekte der Persönlichkeit zu sehen.“ Folgerichtig wurde Knipex 2013 mit dem Bergischen Ausbildungspreis ausgezeichnet. Überhaupt hat Ralf Putsch bei der Führung seines Unternehmens immer auch den Menschen im Blick. „Unternehmerischer Erfolg ist uns natürlich wichtig. Aber wir wollen dabei auch ein guter Arbeitgeber sein. Unsere Mitarbeiter

setzen sich für Knipex ein – wir aber wollen auch viel für unsere Mitarbeiter tun. Sie sollen hier gerne arbeiten und sich einbringen können.“ Und so ermöglicht z. B. die firmeneigene Kindertagesstätte "Knipskiste" Mitarbeitern eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Darüber hinaus gibt es Programme zur Gesundheitsförderung, Weiterbildungsmöglichkeiten und zahlreiche Beratungsangebote. Heute, mehr als 25 Jahre nach seinem Entschluss, das Unternehmen seiner Eltern weiterzuführen, weiß Ralf Putsch, dass sein Philosophiestudium auch hilfreich war für sein unternehmerisches Handeln. „Mir persönlich hilft es, das, was wir hier tun, zu reflektieren und durchsichtig zu machen auf Grundlegendes und Ziele jenseits der Wirtschaftlichkeit. Unternehmertum muss mehr sein als materielle Wertschöpfung. Sonst würde auch eine tiefere Motivation fehlen.“ Gerne bezieht er sich auf den österreichischUS-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Joseph Schumpeter, für den

„Freude am Gestalten“ zum unternehmerischen Handeln gehört. Und auch die Freude an der Weiterentwicklung gehört für Ralf Putsch dazu. „Wir dürfen nie mit dem erreichten Status quo zufrieden sein, wir müssen immer bereit sein, ihn zu überschreiten. Unternehmen sind Organismen; sie entwickeln sich ständig weiter und zwar gemeinsam mit ihren Mitarbeitern. Das bedeutet, dass wir uns oft von Gewohntem lösen müssen. Aber gleichzeitig ist es Lernen, Entwicklung und Verwirklichung von neuen Möglichkeiten – sachlichen und menschlichen.“ Heiner Bontrup

Sparkassen-Finanzgruppe

„Wunderbar, dass unsere Sparkasse einer der größten Kulturförderer Wuppertals ist.“

s Die Stadtsparkasse Wuppertal unterstützt Soziales, Kultur und Sport in Wuppertal mit rund 5 Mio. € pro Jahr. Wir sind uns als Marktführer unserer Verantwortung für die Menschen und Unternehmen in unserer Stadt bewusst und stellen uns dieser Herausforderung. Mit unserem Engagement unterstreichen wir, dass es mehr ist als eine Werbeaussage, wenn wir sagen: Wenn’s um Geld geht – Sparkasse

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Was ihr wollt Shakespeares hirnrissige Verwechslungskomödie in hinreißender Inszenierung von Karin Neuhäuser im Theater an der Ruhr Inszenierung: Karin Neuhäuser Bühne: Gralf-Edzard Habben Kostüme: Tina Kloempken Musik: Matthias Flake Fotos: Michael Hörnschemeyer Besetzung: Narr: Volker Roos Orsino: Albert Bork - Viola: Theresa Rose Kapitän Antonio: Rupert J. Seidl Sir Toby Rülps: Fabio Menendez Sir Andrew Bleichenwang: Klaus Herzog Olivia: Simone Thoma - Maria: Gabriella Weber - Malvolio: Steffen Reuber Sebastian: Marco Leibnitz Am Klavier: Matthias Flake

links: T. Rose, V. Roos, unten: Ensemble

Karin Neuhäuser fand im ShakespeareJubeljahr mit ihrer kräftig gestrichenen Inszenierung die denkbar beste Lösung für die höchst komplizierte Liebes- und Verwechslungs-Komödie „Was ihr wollt“ William Shakespeares - die Wolfgang Körner „eine hastig hingeschluderte Auftragsarbeit“ und eine „reziproke Charlys Tante aus dem 17. Jahrhundert“ nennt, der Thomas Brasch eine ungemein witzige Neufassung mit erlesenen Tropfen Pointen, Hamlet-Zitaten, sowie Seitenhieben gegen Joseph Beuys und Damien Hirst gegeben hat - und die am vergangenen Mittwoch als Gastspiel des Theaters an der Ruhr im Teo Otto Theater zu sehen war. Zufälle aber auch… Schon beim Versuch einer griffigen Inhaltsangabe sträubt sich im Grunde die Feder: Das sich in enger Verbundenheit zugetane Zwillings-Geschwisterpaar Viola und Sebastian geht mit einem Schiff unter, jeder glaubt den anderen ertrunken. Viola (Theresa Rose) wird an den Stand Illyriens gespült, verdingt

sich in männlicher Verkleidung (keiner weiß, warum) als Cesario beim Herzog Orsino (Albert Bork) und verliebt sich stantepede in ihn. Der wiederum wirbt voller Sehnsucht, doch vergebens um Gräfin Olivia (vielseitig: Simone Thoma), die sich ihrerseits in den als Liebesboten eingesetzten vermeintlichen Cesario verliebt. Ihr versoffener Onkel Sir Toby Rülps (derb: Fabio Menendez) will sie mit dem völlig verblödeten Sir Andrew Bleichenwang (urkomisch: Klaus Herzog) verkuppeln, unterstützt vom schrillen Kammerkätzchen Maria (Gabriella Weber). Mit von der Partie sind noch ein großartig entspannter Narr (Volker Roos als heimlicher Star) und Haushofmeister Malvolio (wundervoll: Steffen Reuber), der heimlich für Olivia schwärmt. Aber auch Violas Bruder Sebastian (Marco Leibnitz) wurde gerettet, gelangt mit Hilfe eines gutmütigen Kapitäns (Rupert J. Seidl) raten Sie mal wohin: Richtig, ebenfalls nach Illyrien. Was für ein Zufall. Er und Viola werden in der Folge multipel miteinander verwechselt, schließlich

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kriegt Viola ihren bekehrten Orsino und Sebastian seine Olivia. All´s well that ends well... Der Narr auf der Mauerkrone Ist doch wirklich eine hirnverbrannte Geschichte. Die aufzudröseln kann gleichermaßen schwierig wie lustvoll sein. Karin Neuhäuser hat sich erfolgreich für die lustvolle Variante entschieden. Dabei hat das ideenreiche Bühnenbild GralfEdzard Habbens mit dem Mond über Illyrien wesentlich beigetragen. Schon mit dem genialen Einfall, Viola über eine Mauer klettern, dann pitschnaß einer Beuys-Badewanne „No veritas“ und nicht dem Meer entsteigen zu lassen, war klar: das wird witzig. Dafür stand auch der Narr auf der Mauerkrone, der weise-ironisch kommentiert und den roten (Ariadne)Faden in den Händen hält. Roos legte seinen gelassenen Feste superb an. Dazu Eisenbahngleise mit eioben: Klaus Herzog, links: S. Thoma

ner symbolischen Weiche und holprigem Schotter, die auf den Wegen zueinander stets überwunden werden mußten. Beinahe ein Jammer Theresa Roses Wandel vom verdammt gut gebauten Mädchen zum forschen Burschen, gelungen ihre Zerrissenheit der Figur, in der Folge die mannigfaltigen hetero- und homo-erotischen Verstrickungen mit Küssen, die nicht sein dürfen und solchen, zu denen es nicht kommt. Komödiantische Höhepunkte Einige der vielen Höhepunkte des Abends wurden Olivias grandios plakative Verführungsversuche als liebestolle Gräfin und Steffen Reuber in der dankbaren Rolle des düpierten Malvolio. Komödiantische Kabinett-Stücke seine Brief- und seine Strumpf-Szene - ein gehemmter Stenz von ungelenker Leidenschaft, bricht er durch eine vermeintliche Einladung zum Tête-a-tête mit allen Regeln, macht sich zum Narren in kanariengelben Strümpfen und läßt mehr mitleiden denn über ihn lachen.

Tragische Komik mit Tiefgang. Köstlich auch die Punsch-Wortspiele, die Thomas Brasch für Bleichenwang und Rülps erfunden hat. Angemessener kann man Shakespeare nicht aufführen. So, genau so möchte man die schwer verdaulichen Shakespeare-Komödien sehen. Matthias Flake am Klavier und diverse Gesangseinlagen machten die Sache rund. Tosender Applaus, anhaltende Bravi und glückliche Gesichter im „punschlos glücklichen“ Publikum legten davon Zeugnis ab. Gleichzeitig hat Karin Neuhäuser es geschafft zu zeigen, wie weh unerwiderte Liebe tut – dankenswert weit über Shakespeares Intention hinaus. Weitere Informationen: www.theater-ander-ruhr.de Frank Becker Fotos: A. Köhring

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K.O. Götz, Bryd, 1997, Mischtechnik auf Leinwand, 220 x 200 cm, Stiftung Sammlung Kemp, © K. O. Götz / VG Bild-Kunst, Bonn 2014

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Hommage à K.O. Götz im Düsseldorfer Museum Kunstpalast noch bis 17. August 2014 Zum 100. Geburtstag des Informel-Malers Karl Otto Götz bieten zwei Ausstellungen in Duisburg und Düsseldorf einen Überblick über das Werk des Abstraktions-Meisters. Im Duisburger Museum Küppersmühle macht die große Retrospektive mit rund 80 Arbeiten aus fast 70 Schaffensjahren Station, die zuvor in veränderter Form in der Berliner Neuen Nationalgalerie zu sehen war. Bis Mitte Juni sind die zumeist großformatigen Werke mit den für Götz charakteristischen Wirbeln und Schlieren in Duisburg zu sehen, dann wandert die Schau nach Wiesbaden. In Düsseldorf wird flankierend eine Werkauswahl mit rund 40 Arbeiten aus dem Bestand der Sammlung Kemp gezeigt (bis 17. August). K.O. Götz ist am 22. Februar 100 Jahre alt geworden.

Der 100. Geburtstag des Malers K. O. Götz wird im Museum Kunstpalast mit einer Ausstellung aus dem Bestand der Stiftung Sammlung Kemp gefeiert. Seit über 50 Jahren ist der Sammler Willi Kemp mit K. O. Götz befreundet und er hat in dieser Zeit eine der umfangreichsten Sammlungen dieses großen Künstlers zusammengebracht. Von den frühen, in Spritztechnik gefertigten und vom Surrealismus geprägten Darstellungen reicht das Spektrum bis zu den klassischen, informellen und energiegeladenen Großformaten, die K. O. Götz seit Mitte der 1950er Jahre in einer eigens entwickelten Technik malt. Seine Werke zeichnen sich durch ein rasantes Tempo aus, in dem Präzision und Zufall mit- und gegeneinander wirken und im Ergebnis unverwechselbare Bilder erzeugen, die positive Energie ausstrahlen und ihre unmit-

telbare Frische auch nach Jahrzehnten bewahrt haben. „Ich schreibe meine Bilder schnell nach intensiver Meditation des jeweiligen Schemas. Der Schönschrift habe ich misstrauen gelernt. Durch Schnelligkeit opfere ich einen Teil meiner Schreibkontrolle. Dieses Opfer wird kompensiert durch Schwünge und Passagen, die anders nicht zu realisieren sind, die ich aber auf Grund meiner Konzeption erreichen muss. Je geschwinder die Handschrift, je geringer die Schreibkontrolle, umso mehr Anonymes kommt zum Vorschein und fixiert sich im Bildschema. Ausschlaggebend für das fertige Bild ist einzig und allein die abschließende Kontrolle.“ (Karl Otto Götz, 1959) K. O. Götz ist ein Pionier der informellen Malerei, er hat seit 60 Jahren ein Werk entwickelt, das bahnbre-

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Giverny, V/3, 1988, Mischtechnik auf Leinwand, 175 x 210 cm, Stiftung Sammlung Kemp, © K. O. Götz / VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Karl Otto Götz, DEZ. 1953/I (Orchideenbild), 1953, Mischtechnik auf Leinwand, 73 × 92 cm, Stiftung Sammlung Kemp, © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

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Aelf, 1959, Mischtechnik auf Leinwand, 145 x 175 cm, Stiftung Sammlung Kemp, © K. O. Götz / VG Bild-Kunst, Bonn 2014 chend und in seiner geistigen Freiheit wegweisend für mehrere Künstlergenerationen nach ihm geworden ist. „Karl Otto Götz hat in den gut achtzig Jahren seiner künstlerischen Aktivität für zahlreiche Schüler und jüngere Künstler, u. a. Sigmar Polke, den Weg geebnet. Mit seiner eigenwilligen Malerei hat er einen unverzichtbaren Beitrag zur Entwicklung der modernen Malerei geleistet, der bis heute aktuell geblieben ist und weiterhin die Betrachter fasziniert und Künstler inspiriert.“ (Kay Heymer, Kurator und Leiter Sammlung Moderne Kunst)

Der Kunstsammler Willi Kemp (*1927) hat 2011 seine über Jahrzehnte aufgebaute, umfangreiche Kollektion zeitgenössischer Kunst dem Museum Kunstpalast gestiftet. Karl Otto Götz nimmt hier eine Hauptrolle ein. „Die zusammengetragenen Arbeiten sind repräsentativ für mein Sehen, und da spüre ich, dass ein einzelnes Bild überhaupt nicht die Bandbreite ausschöpft, die in einem künstlerischen Ansatz vorhanden sind. (…) Wenn ich zwei Bilder desselben Künstlers nebeneinander hänge, dann können sie sich dadurch steigern, dass das eine etwas hat, was dem anderen fehlt. Bei mehreren Arbeiten wird die Fülle der Möglichkeiten dieses Malers deutlich.“ (Willi Kemp über seine Sammlung, 2006)

Flankierend zur großen Berliner Retrospektive, deren zweite Station im MMK Museum Küppersmühle, Duisburg, präsentiert wird, zeigt das Museum Kunstpalast eine konzentrierte Werkauswahl, ergänzt um Fotografien und Dokumente. Do, 12. 6. 2014, 18.00 Uhr: Kuratorenführung Eintritt: 5 Euro, erm. 4 Euro Ort: Ausstellungssaal Museum Kunstpalast Kulturzentrum Ehrenhof Ehrenhof 4-5, 40479 Düsseldorf 0211-566 42 100 (Mo–Fr 8-18 Uhr) www.smkp.de

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Barthelsweg

Sonntag früh kurz vor zehn von der Gemarker und Sankt Antonius das Glockengeläut wohltönend bis hinauf zum Barthelsweg einer Etappe nur unseres einstündigen Laufs doch was löste es alles bei mir aus. Der Achtjährige an der Hand der Mutter halb von ihr gezerrt halb sie zerrend die früh Gebeugte wir waren spät auf unserem halbstündigen Weg von Eiterbach die wehenden Röcke der Mädchen weit voraus das Geläute bang ersterbend. Die Gemeinde schon beim Eingangslied wir drängen in die vollbesetzte Reihe die Mutter mit dem Rest ererbter Hoheit man rückt zusammen macht uns Platz der Pfarrer schreitet zum Altar die Gemeinde rings im Karree die Mütter hie die Väter da die Jungen vis-a-vis den Mädchen der Blick in ihre Gesichter die zart gewölbte Brust. Das Geläute längst erstorben als wir mit unseren Sorgen nicht geborgen in keiner Gemeinde Schoss auf dem Weg vom Toelleturm nach irgendwo. Wolf Christian von Wedel Parlow

Foto: Karl-Heinz Krauskopf

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Das Geweih

Michael Zeller lebt als Freier Schriftsteller in Wuppertal. Für sein literarisches Werk wurde er mehrfach ausgezeichnet (u.a. Von der HeydtPreis 2008, Gryphius-Preis 2011). Aktuell erscheint im Internet wieder SEH-REISE, seine wöchentliche Bild-Text-Kolumne zur bildenden Kunst. www.michael-zeller.de

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Man schaut den Leuten ja immer nur bis vors Gesicht. Dieter Gerlach mußte lachen. Großmutter – sie hatte den Spruch oft gebraucht, und er machte sich lustig darüber, vor allem in früheren Jahren: Eine von Oma Elses vorsintflutlichen Lebensweisheiten. Auch jetzt lachte Gerlach wieder, aber irgendetwas alarmierte ihn doch. Und dabei war das heute wirklich ein gelungener Tag gewesen. Gerlach fühlte sich glänzend auf dem Heimweg, nach Wuppertal. Rechts vor ihm türmten sich schon die Ruinen von Hohensyburg auf. Wenn er sie sah, war er so gut wie zu Hause. In einer halben Stunde würde er Suse die Gute-NachtGeschichte erzählen. Es war noch früh genug am Abend. Sein Termin in Altena – einfach perfekt. Nicht zu toppen. Anders konnte er es nicht sagen. Den ganzen Tag hatte er mit diesem Vorndran verbracht. Betriebsbesichtigung, Gespräche zu zweit im Chefzimmer (arg dunkel getäfelt), Mittagessen mit einer Handvoll führender Angestellter. Besser konnte es nicht gehen. Und dieses Altena war eine

ganz hübsche kleine Stadt. Hier käme er gerne wieder her, und danach sah’ s ja auch tatsächlich aus. Das Gespräch mit Karl Conrad Vorndran – wer behauptete eigentlich immer, die Sauerländer seien stur? Anfang Fünfzig vielleicht. Bei einem Vollbart ließ sich das schwer schätzen. Die blaue Wildlederjacke hätte Gerlach ohne zu zögern selbst angezogen. Den Schlips mit den Hirschgeweihen eher nicht. Vorndran & Söhne. Ein gesunder Mittelbetrieb mit knapp sechzig Angestellten. Seit vier Generationen in Familienhand. Nadeln, Nieten, Schrauben. Von den Sprungfedern hatte man sich in den neunziger Jahren getrennt, später noch von den Fahrradspeichen. Und der jetzige Vorndran erkannte die Notwendigkeit, seine Produkte neu zu positionieren, gerade auch gegenüber der Konkurrenz aus dem Ausland. Dabei sollte Gerlach helfen. „Markenkapital ist heutzutage wichtiger als Stammkapital“, hatte der natürlich beim Mittagessen gleich in diese Kerbe gehauen, zwischen Suppe und Hauptgang. „Wer sich unterscheiden will,


muss sein Produkt einzigartig machen, unverwechselbar. Bringen Sie Ihre Marke in Sicherheit!“ Gerlach spulte sein volles Programm ab, Punkt für Punkt. Vorndran war beeindruckt. „Ja, genau daran hakt’s bei uns“, stimmte ihm der Firmenchef offen zu, und seine Angestellten nickten stumm. „Unsere Produkte sind Spitze, da scheuen wir keinen Vergleich. Auf der ganzen Welt nicht. Im Gegenteil. Aber – wie nannten Sie das eben? Markenpersönlichkeit? Das gefällt mir. Da haben wir deutlich Defizite. Aber deshalb sitzen wir ja jetzt hier zusammen, Herr Gerlach.“ Am späten Nachmittag begleitete Vorndran ihn noch zum Parkplatz, im Schatten von fünf alten Eichen. Zum Abschied klopfte er ihm auf die Schulter. „Bringen Sie hier frische Luft rein. Ich lasse Ihnen freie Hand.“ Diese Geste steckte Gerlach an. Er war euphorischer als sonst auf dem Heimweg. Vom Bauch her hatte er ein richtig gutes Gefühl. Dass ihm ausgerechnet jetzt dieser altmodische Spruch von Oma Else durch den Kopf spukte, störte ihn ein bisschen, aber beunruhigen ließ er sich davon nicht. Dafür war der Tag heute in Altena einfach zu rund gelaufen. Jetzt dachte er nur noch an Suse und an seinen Feierabend. Vier Wochen später saßen Dieter Gerlach und Karl Conrad Vorndran einander wieder gegenüber, im dunkelgetäfelten Firmenkontor. Er fühlte sich gut. In der Aktenmappe steckte sein Trumpf: das kompakte Heft, in Querformat, ihre Arbeit von Wochen, für die anstehende Fachmesse in Leipzig. Diesmal zeigte Vorndran & Söhne dort ein anderes Firmengesicht. Sein Art Direktor Atze Wolfrum hatte saubere Arbeit geleistet, wie immer. Grobkörnige Schwarz-WeißFotografie. Garamond-Schrift in Orange, sparsam. Topaktuell. „Die Aggressivität von Nadeln“, hatte Wolfrum gleich geschwärmt. „Das ist es. Nadelspitz. Genau! Da müssen wir drauf gehen! Gnadenlos.“ Ein Foto zeigte einen Porsche vor der schönsten Meereskulisse des Südens. Palmen, Sand, Wellenschaum. Davor der Sportwagen, ohne Verdeck. Lädt ein zur Fahrt im warmen Küstenwind. Doch er steht. Der Reifen vorne platt.

Noch schriller war die andere Seite. Ein halbnackter Bursche, mit hell gefärbten Rasta-Locken bis auf die Schultern. Seine beiden Brustwarzen waren gepierct: Nadeln aus dem Hause Vorndran. Mit dieser Stille hatte Gerlach als letztes gerechnet. Vorndran blätterte das Heft durch, vor und zurück und noch einmal. Sein Gesicht verriet nichts. Doch, es verriet Gerlach genug. Begeistert war sein Geschäftspartner nicht. Immer noch kein Wort. Statt etwas zu sagen, stand der auf, zog ein Papier aus dem Regal und schob es ihm hin. Ein Hochglanz-Katalog, ein dünnes Heft in Din A 4. Alle Nadeln, Nieten, Schrauben der Fa. Vorndran & Söhne säuberlich porträtiert, mit endlosen Zahlenkolonnen, kleingedruckt. Vorne, unter dem verschnörkelten Firmenwappen, das Foto eines stämmigen bärtigen Mannes im Jagdanzug, mit Hut und Zigarre, quer über den gewaltig gewölbten Bauch eine Uhrkette gespannt. Links und rechts zwei Setter, die zu ihrem Herrn hochschauen. Der Firmengründer Karl Jacob Vorndran aus dem neunzehnten Jahrhundert. „Sehen Sie, Herr Gerlach“. Endlich zerbrach der jetzige Patron von Vorndran & Söhne die Stille im Raum. „Wir sind ein Unternehmen mit Tradition, in der vierten Generation. Unser Name hat einen guten Klang in Altena und im ganzen Sauerland. Zu unseren Kunden zählen keine Porschefahrer. Und schon gar nicht so ein abgerissener Lümmel. Lebt wahrscheinlich von Sozialhilfe. Tünickel sagen wir hier zu so einem. Es tut mir leid, Herr Gerlach. Aber da müssen wir uns gründlich mißverstanden haben.“ Dieter Gerlach legte einen Vivaldi in sein Autoradio ein. Wenigstens hatte sich der Stau bei Schwerte aufgelöst. Die Barockmusik füllte den ganzen Wagen aus, und sein Kopf wurde leer dabei. Immerhin. Irgendwann, hinter Hagen, geisterte wieder dieses Wort von Oma Else durch seine Gedanken: Man schaut den Leuten ja immer nur bis vors Gesicht. Recht hatte sie gehabt, seine Großmutter. Man könnte eigentlich wieder mal auf den Friedhof gehen. Ruhig mit Suse.

Neu im Buchhandel: Anton Schlösser

Ich könnte die Berge hoch enden am Meer Gedichte

116 Seiten, gebundene Ausgabe Format 13,5 x 21 cm, ISBN 978-3-942043-98-4 VK 17,90 Euro Verlag HP Nacke Wuppertal Friedrich-Engels-Allee 122 42285 Wuppertal Telefon 02 02/28 10 40 verlag@hpnackekg.de

Michael Zeller

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Glanz am Gelenk Wie viel Neugierde braucht der Mensch, um zu leben, wie viel, bei seiner begrenzten Zeit, kann er sich leisten?

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Im Linienbus, auf dem Weg zu einer Beerdigung. Draußen das Schmuddelwetter eines Februartages. Vor mir unterhalten sich zwei Frauen, auf Deutsch. Das Gesicht der Jüngeren, hinter einem Kinderwagen, kann ich nicht sehen, sie steht im Profil zu mir. Doch das schwarze Kopftuch, aus glänzendem leichten Stoff, verrät sie als Türkin. Die andere, eine korpulente Frau, könnte ihre Mutter sein. Die aber trägt ihr volles braunes Haar offen. Vor allem ihr Akzent ist es, der mich stutzig macht. Er ist der Grund, warum ich mich in das Gespräch vor mir hineindränge, als stummer Horcher. Dass sie in der Firma XY arbeitet. „Vollzeit“, sagt sie und lacht dabei, ein zufriedenes Lachen und durchaus stolz. „Vollzeit“ – das ist beinahe ein fremder Klang geworden in diesem Land zu diesen Zeiten. Ihr Mann dagegen – immer nur Zeitverträge, als Vertretung, wenn ein anderer ausfällt. Auch jetzt ist für ihn wieder Ende des Monats Schluß. Was soll werden – Griechisch! Jetzt habe ich es. Die Ältere, die sich mit einer Türkin unterhält, auf Deutsch, ist Griechin. Die junge Türkin mit dem abgewandten Gesicht erzählt, dass das Kleine da vor ihr im Wagen ihr drittes Kind sei. „Sind die Geburten gut gegangen?“ fragt die Griechin. Die Junge nickt. Das ist kein Thema für sie. „Mein Sohn ist einundzwanzig und hat schon zwei Kinder“, sagt die Griechin. „Er hatte es eilig, sich Sorgen zu machen.“ Die beiden Frauen lachen. Ja, sie verstehen sich. Der Ton der Nähe rührt aus ihrem Frausein. „Kleine Kinder kleine Sorgen, große Kinder große Sorgen“, zitiert die Junge eine Lebensweisheit, vom Hörensagen. „Drei Kinder?“ sagt die Griechin, wie ein Kumpel, von Frau zu Frau. „Das reicht jetzt aber“. Das nimmt die Türkin nicht an. Sie hebt die Schultern in ihrem dunklen Wintermantel. „Ich weiß es nicht“, stellt sie dagegen. Bei diesem Satz fährt etwas in mich, und ich sehe einen Abgrund aufklaffen zwischen zwei Lebensweisen. Einer, die ihre Existenz im Griff hat (oder zu haben meint), und der anderen, die

sich offenhält, etwas einbezieht, das sie nicht bestimmen kann, allein schon gar nicht. Diese Haltung macht mir die junge Frau im Schleier interessant. In ihrem Gesicht kann ich nicht lesen. Mir bleibt nur die Hand, direkt vor meiner Nase, mit der sie sich an der Stange im Bus festhält. Ich sehe das Rotbraun von Henna auf ihren Fingernägeln, aber nur ganz vorn, auf den weißen Rändern der Nägel aufgetragen. Ein Goldkettchen am Gelenk. Unter dem Mantel trägt sie enge Hosen. Ihre Füße stehen auf Stöckelschuhen, vorne spitz, wie es die Mode dieses Winters will. Der Friedhof ist erreicht, ich steige aus. Mit mir die Türkin samt Kinderwagen, die Griechin fährt weiter. Die beiden Frauen wünschen einander noch einen schönen Tag. Die Verbundenheit durch das gemeinsame Geschlecht trägt diese Zufallsbekanntschaft des Alltags bis zuletzt. Jetzt, beim Aussteigen, könnte ich leicht in das Gesicht der Frau schauen, die sich nicht als Herrin über ihre Geburten ausgibt. Dennoch drehe ich mich nicht um. In meiner hemmungslosen Neugier auf alles Menschliche hat diese junge Türkin mich eben eine Scheu gelehrt. In den Zügen ihres Gesichts könnte ich nicht mehr erkennen als dieses bescheidene, anheimstellende „Ich weiß es nicht“. Und mehr möchte auch ich jetzt gar nicht wissen. Michael Zeller


Spannendes Gespräch Peter Brötzmann & Steve Noble bei KLANGART im Skulpturenpark Waldfrieden

So viel Begeisterung sei er in seiner Heimatstadt gar nicht gewohnt, sagt Peter Brötzmann – und ein leichtes Lächeln scheint über sein Gesicht zu huschen, als er das begeistert applaudierende Publikum in der ausverkauften Ausstellungshalle des Skulpturenpark Waldfrieden, wo die Jazz- und Weltmusik-Konzertreihe KLANGART seit dem Jahr 2009 veranstaltet wird, betrachtet. Dabei kann sich der in Remscheid geborene, seit Jahrzehn-

ten in Wuppertal lebende Saxofonist zumindest in den vergangenen Jahren über einen Mangel an Wertschätzung eigentlich nicht beklagen. 2011 erhielt er den Lifetime Achievement Award des New Yorker Vision Festival und ebenso den Deutschen Jazzpreis für sein Lebenswerk. Und auch seine dreitägige Residenz im Café Ada mit dem Chicago Tentet im gleichen Jahr wird manchem Jazzfreund noch in bester Erinnerung sein.

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Dass dieses Konzert am 26. April 2014 – der erste Brötzmann-Auftritt bei KLANGART – ein voller Erfolg werden würde, war im Vorfeld jedoch keineswegs sicher: Für die KLANGART-Reihe war ein reines Free-Jazz-Konzert, noch dazu in der ungewöhnlichen Duo-Kombination mit dem britischen Schlagzeuger Steve Noble, durchaus ein Wagnis. Und auch die Akustik in dem Glas/ Stahl-Kubus (aktuell mit Skulpturen von Jaume Plensa) bedeutete für die Musiker eine Herausforderung. Der volle Raum und der frenetische Applaus (sowie die vergleichsweise wenigen vorzeitigen Abgänge von Besuchern, die sich dann doch etwas überfordert fühlten von der Darbietung) zeigten, dass sich dieses Wagnis gelohnt hat. „Lassen Sie sich auf die Musik ein“, hatte Kurator E. Dieter Fränzel in seiner Einleitung gebeten – und genau das machten die Besucher. Gespannt verfolgten sie der Konversation, die – wie von Brötzmann gewohnt – zunächst recht brachial und laut begann. Noble wirbelte über Snare, diverse Toms und Becken – und Brötzmann tat mit beeindruckender Energie das, wofür man ihn spätestens seit seiner legendären LP „Machine Gun“ von 1968 weltweit schätzt und für das es in der Jazzszene ein eigenes Verb gibt: brötzen. Im Laufe des Konzerts nahm das Zwiegespräch stetig neue, überraschende Wendungen. Von schnellen, freien Passagen wechselten die Musiker immer wieder zu lyrisch-bluesigen Momenten und kamen manchmal sogar ein wenig ins „Grooven“ – Noble war eben durchaus auch schon in Funk-Kontexten zu hören. Man spürte, dass die beiden Musiker inzwischen schon oft zusammen gespielt und ein blindes Verständnis füreinander entwickelt haben. Auch die Akustik wussten die Musiker in ihr Spiel einzubauen – insbesondere dem Spiel Nobles verliehen bewusst gesetzte, in der Weite des Raums verhallende Akzente auf dem Schlagzeug und anderen, zuweilen gegen ihre Bestimmung eingesetzten Perkussionsgerätschaften besondere Dynamik.

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Ein eindrucksvolles Konzert, zu dem einmal die einzigartige Atmosphäre des Skulpturenparks beitrug – und das vor allem eines zeigte: Auch mit 73 steckt Peter Brötzmann noch voller Ideen und vor allem voller Energie. Woher diese Energie kommt und wie

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man sie über Jahrzehnte aufrechterhalten kann: Dieser Frage widmete sich der Film „Soldier Of The Road“ des Regisseurs Bernard Josse, der am Tag drauf im Café Podest des Skulpturenparks gezeigt wurde. Im Anschluss daran ergab sich eine weitere spannen-

de Konversation – diesmal rein verbal zwischen Peter Brötzmann und E. Dieter Fränzel. Guido Halfmann Fotos Karl-Heinz Krauskopf


Ein christliches Haus – Oder: Jesus krümelt nicht

Dorothea Müller, Foto: Studio Monhof

Sitz gerade! Es gehört sich nicht, sich so auf dem Stuhl rumzuflegeln! Dampfende Schüsseln stehen auf dem Tisch. Teller und Besteck ordentlich ausgerichtet. Haben wir schon gebetet? Keiner kann sich erinnern. Also sicherheitshalber: Hände falten, Blick senken, KOMMHERRJESUSEIDUUNSERGAST… Warum wird der jedes Mal eingeladen? Gäste sind doch sonst nicht erwünscht. Aber Jesus krümelt nicht und hinterlässt keine Soßenflecke auf dem Tischtuch. Dafür sieht er alles. Oder war das Gott? Ob der auch auf dem Klo…dann weiß er auch, dass ich da immer heimlich lese. Soll ich nicht. Jedenfalls nicht das, was ich will. Nur was mein Vater mir im Readers Digest markiert, das darf ich lesen. Natürlich lese ich dann erstmal das andere, was verboten ist. Menschen wie du und ich, darf ich. Das ist witzig. Letzthin stand da, wie man Gott zum Lachen bringt: Indem man ihm seine Pläne erzählt! Papa fand das nicht lustig. Denn Gott lenkt alles. Dass der Mensch denkt, hat er dabei sicher vergessen. Aber ich weiß, dass das zu dem Spruch dazu gehört. Das mit dem Denken ist sowieso komisch. Das können nur Männer. Das steht in der Bibel, sagt der Pfarrer. Darum sollen die Frauen gehorchen und in der Gemeinde schweigen. Ich muss beim Essen auch schweigen. So kann ich dem Papa nicht rechtzeitig sagen, dass er wieder mit der Aufschnittgabel weiter isst, oder dass ihm der Quark übers Kinn läuft. Komisch, dass er das mit dem Quark nicht merkt. Aber das kommt sicher vom Rasieren, da ist die Haut abgehärtet.

weil er vom Teufel kommt. Der Teufel steckt fast überall drin. Vor allem in Alkohol. Darum verstecken sie ihre Flaschen im Wäscheschrank. Ich weiß das. Jeder hat sein eigenes Versteck. Aber darüber spricht man nicht. Oma hat gesagt: Da wird der Mantel des Schweigens drüber gelegt. Oma sagt oft schöne Sätze. Auch wenn sie nicht immer stimmen, weil Mutti niemals was unter den Teppich kehrt. Sie saugt jeden Tag. Ich muss dann immer die Teppichfransen kämmen. Meine Haare sind lang. Ich darf sie nicht abschneiden lassen. Auch wenn ich so sehr darum bitte, weil ich einen Bubikopf haben möchte. Papa erlaubt es nicht. Weil ich ein Mädchen bin. Als ich noch klein war, habe ich jeden Tag darum gebetet, dass ich ein Junge werde. Jetzt weiß ich, dass das nichts wird, obwohl Gott alles kann. Aber es ist nicht sein Wille. Einen Willen haben nur Erwachsene. Das ist nichts für Kinder, und für Mädchen schon gar nicht.. Die müssen still sein und gehorchen. Das ist nicht immer leicht. Vor allem, wenn Onkel Walter einen immer begrabscht, wenn niemand mit im Zimmer ist! Petzen darf man auch nicht. Aber die würden mir ohnehin nicht glauben, weil ich das sicher nur falsch verstanden habe. Die Gedanken sind frei! Hat die Oma vor ein paar Tagen gesagt. Wenn ich groß bin, lass ich sie alle raus. Wartet nur ab! Dorothea Müller

Wenn ich ihn rechtzeitig warnen könnte, bevor Mutti es sieht, wäre es besser. Für Papa, meine ich. Er möchte ihr nämlich immer alles recht machen. Weil sie vornehm ist, und aus einem wohlhabenden Elternhaus stammt. Papas Familie war nur kinderreich. Darum hat er auch nicht Klavierspielen gelernt, wie Mutti. Die kann sogar Orgel spielen. Dann tanzen ihre Füße. Orgeltanzen ist keine Sünde. Volkstanz darf man auch. Aber sonst ist Tanz Sünde,

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Dornröschens Traum Oder: Wie die Marionetten das Laufen lernten Seit mehr als drei Jahrzehnten bespielen Ursula und Günther Weißenborn die Bühne ihres Marionetten-Theaters. Kinder sind für sie die wichtigsten und kritischsten Zuschauer. Dass Marionettentheater mehr ist, als das fingerfertige Führen von Puppen, beweisen der studierte Musikwissenschaftler und die Künstlerin mit jeder neuen Produktion: Menschlichkeit, Vertrauen und ein hohes Maß an Kunstverstand machen die Wuppertaler Stücke zu einzigartigen musikalischen Erlebnissen im Genre des Marionettenspiels.

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„Heute stand ich auf der Sandbank (…) unweit sangen die Nixen“ – Günther Weißenborn schickt einen poetischen Urlaubsgruß von Baltrum nach Hause, natürlich klassisch – handgeschrieben und per Post. Der Dramaturg, der mit seiner Frau seit mehr als 30 Jahren Müllers MarionettenTheater betreibt, ist ein Künstler, der sein ganzes Leben lang sowohl mit den Händen wie mit Herz und Verstand geschaffen hat. Seine Urlaubsgrüße gehen an Menschen, die er schätzt, Freunde, Verwandte, seine Auszubildenden, Puppenspieler, die Sprecher seiner Stücke oder, wenn er sie ins Herz geschlossen hat, an die Rentnerin von nebenan. Jeden Sommer schickt er einen Gruß von jener Insel nach Hause, auf der er – „sonnenbeschienen und vom Wind umweht“ – das zu Papier bringt, was er zuvor monatelang mit seiner Frau Ursula diskutiert, verworfen, wieder aufgenommen, recherchiert und analysiert hat: die Ideen für ein neues Stück. Hier, vor der milchigen Dünenkulisse, sind vor ewigen Zeiten „Der gestiefelte Kater“ und „Peterchens Mondfahrt“

entstanden, zuletzt „Dornröschen“, die moderne Inszenierung eines Märchens, auf die die Eheleute besonders stolz sind. „Es ist ein wundervolles Stück“, schwärmt Weißenborn, „die Geschichte über ein kesses, selbstbewusstes Mädchen, das seine Ziele verfolgt … und an deren Ende natürlich die große Liebe steht.“ Ursula und Günther Weißenborn lernten sich 1980 am Lübecker Theater kennen. „Ich bin am Theater eingetaucht in eine völlig neue Welt“, erzählt Ursula Weißenborn, die vorher am Marionettentheater Fey als Puppenspielerin ausgebildet wurde. Schon damals habe sie, die heute selbst Malerin ist, eine besondere Affinität zur Bildenden Kunst gehabt. Größen wie Arno Wüstenhöfer, der die Wuppertaler Bühnen in den 1970er Jahren als Generalintendant zu einem der führenden Theater in Deutschland machte, inspirierten sie. „Die Atmosphäre im Malersaal des Theaters habe ich aufgesogen wie ein trockener Schwamm das Wasser. Die Bühnenbilder, die dort gebaut wurden, waren gigantisch. Das miterlebt haben zu können, ist fantastisch.“


Im Jahr 1981 wurde Günther Weißenborn als Dramaturg ans Theater Bremen gerufen. Ursula Weißenborn (geborene Müller) begleitet ihn und gründete in Bremen Müllers Marionetten-Theater. Während sie die Bühnenbilder, Marionetten und Kostüme gestaltete, schrieb ihr Mann die Stücke und unterstützte sie beim Betrieb des Theaters. Der erste Sohn Florian kam zur Welt. Wieder waren es berufliche Gründe, die das Ehepaar ihre Zelte abbrechen ließ und nach Nordrhein-Westfalen brachte. Während Günther dem Ruf ans Opernhaus Wuppertal folgte und kurze Zeit später an die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf wechselte, baute Ursula Weißenborn das heutige Marionetten-Theater in Wuppertal auf – erst mit einer Wanderbühne, dann mit seinem heutigen festen Standpunkt am Neuenteich. Als im Jahr 1993 der zweite Sohn Adrian geboren wurde, entschied Günther Weißenborn, voll in das Marionetten-Theater einzusteigen. „Wir überlegten erst, jemanden einzustellen. Aber dann entschieden wir, dass wir das alleine machen wollten, diesmal mit voller

Kraft.“ Ab sofort konzentrierten sich beide gemeinsam auf die neuen Produktionen und inszenierten immer anspruchsvollere Stücke auch für Erwachsene. In Wuppertal bekam Ursula Weißenborn im Atelierstudium bei der Künstlerin Eva Schoofs-Kentner schließlich auch die Gelegenheit, freie Kunst zu schaffen. „All die Jahre hat mich die Bildende Kunst nicht in Ruhe gelassen“, erzählt Ursula Weißenborn. „Mich interessiert das Wesen der Kunst. Ich habe einen unbändigen Hunger und will mehr wissen.“ Im letzten Jahr nahm sie nun schon zum zweiten Mal an der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst in Salzburg teil. „Salzburg hat mich weit nach vorn gebracht …“, die gebürtige Schweizerin lacht, „aber das ist ein anderes Thema.“ Während Günther Weißenborn auf Baltrum die Dialoge für ein neues Stück verfasst, entwirft seine Frau in ihrem Atelier die Marionetten, Kostüme und Bühnenbilder: „An der künstlerischen Umsetzung eines Stücks sind jede Menge Leute beteiligt.“ Da sind der Schreiner, die Modedesignerin, die Schneiderin, der Tonmeister

und die professionellen Sprecher – mit vielen dieser Menschen verbindet das Ehepaar Weißenborn eine langjährige Freundschaft. „Uns ist wichtig, dass es menschlich passt“, erklärt Günther Weißenborn. „Jeder von uns hier im Theater trägt seinen Teil zum Erfolg einer Produktion bei.“ Dass die ehemalige Auszubildende Tilly Emmert im Herbst als feste Angestellte ans Theater zurückkommt, ist deshalb fast eine notwendige Konsequenz. „Tilly ist eine tolle Puppenspielerin geworden. Genauso wie Anne Schmahl, die vor über zehn Jahren als Auszubildende bei uns angefangen hat und uns bis heute unterstützt.“ Auf viel Hilfe geht auch zurück, dass das Marionetten-Theater noch immer existiert. Nicht nur, dass zahlreiche Wuppertaler Handwerksbetriebe bei der Gründung des Theaters mit Material und Arbeitskraft zur Seite standen, die Eheleute Marlies und Peter Osterritter stellen seit zwanzig Jahren kostenlos ihre Räumlichkeiten zur Verfügung. „Wir sind immer unterstützt worden, auch von Spendern und Sponsoren. Philemon und Baucis, 2011

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Deshalb sehen wir unsere Arbeit nicht nur als Berufung, sondern auch als eine Pflicht – um den Wuppertalern etwas von dem zurückzugeben, was sie uns gegeben haben.“ Hinter allem aber stehen Ursula und Günther Weißenborn, zwei Menschen, die sich persönlich, künstlerisch und intellektuell auf einzigartige Weise ergänzen. Günther Weißenborn, Sohn eines berühmten Pianisten und Dirigenten gleichen Namens, hatte von frühester Kindheit an mit Weltklasse-Musikern und -Sängern zu tun. Er arbeitete jahrelang als Dramaturg an großen deutschen Opernhäusern und weiß genau, wie man große Musiken fürs Orchester sinnvoll zusammenschreibt, so dass sie spielbar bleiben und gleichzeitig für Kinder spannend werden. „Kinder sind mir die liebsten, aber auch unsere kritischsten Zuschauer“, erklärt Günther Weißenborn. „Wenn das Stück nicht rund ist, werden sie unruhig.“ Stimmen muss deshalb alles: die Musik genauso wie das Bühnenbild, das die Atmosphäre der Geschichte transportiert, so wie die Marionetten, die mit farbenprächtigen Kostümen und professionell geführten Bewegungen die Dialoge unterstützen. Aus ihrem Konzept heraus haben Ursula und Günther Weißenborn das Genre des Familienkonzerts entwickelt, das sie mit „Peer Gynt bei den Trollen“ im Jahr 2000 in der Historischen Stadthalle und gespielt vom Symphonieorchester Wuppertal zum ersten Mal präsentierten. Der Kompositionsauftrag des Beethovenorchesters Bonn, das „Die Werkstatt der Schmetterlinge“ nach dem gleichnamigen Bilderbuch von Gioconda Belli und Wolf Erlbruch im Jahr 2004 als Reihe von zwölf individuellen Familienkonzerten auf die Bühne brachte, zählt bis heute zu den herausragenden Veranstaltungen des Wuppertaler Marionetten-Theaters. „Es gibt sonst kein Marionetten-Theater in Deutschland, das Kompositionsaufträge erteilt“, erklärt Günther Weißenborn. Im kommenden Jahr stehen neben den Inszenierungen vor Ort wieder zahlreiche der Familienkonzerte in verschiedenen Häusern auf dem Programm des Wuppertaler Marionetten-Theaters. Und ein neues Stück. Vielleicht. Wenn Günther Weißenborn die Zeit findet, sich nach Baltrum zurückzuziehen. Jennifer Abels

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oben: Von Orgelpfeifen und Vogelstimmen, unten: Brummel, die wilde Hummel


Unterwegs im Lande der Inka Notizen auf einer Reise in Ecuador und Peru von Johannes Vesper

Elf Stunden braust der Airbus nach Westen. Auf der projizierten Karte verfolgt man sein Weiterkommen, und pünktlich landet er auf dem modernen, gerade fertig gestellten Flughafen ca. 40 km südlich von Quito. Immerhin werden in Ecuador die Flughäfen fertig gestellt.

12. 10. 2013 Quito: Die Stadt ist seit dem 18.09.1978 zusammen mit Krakau Weltkulturerbe. Sie liegt auf knapp 3000 m Höhe in einem langen schmalen Tal. In der Ferne sieht man aus dem Hotelzimmer die riesige, neogotische Basilica des Voto Nacional und hoch oben auf dem Panicillo die große Jungfrau Maria aus Blech. Der Aspekt erinnert an den Jesus auf dem Corcovado in Rio de Janeiro. Beim Spaziergang durch die Innenstadt fallen die Polizistinnen auf: Ausdruck einer zunehmenden Emanzipation, wie sie von Rafael Correa, dem linksliberalen Präsidenten von Ecuador (seit 11/2006) angestrebt wird. Der sozialistische Wirtschaftswissenschaftler versucht, das Land zu modernisieren, lehnt die USA als Führungsmacht ab, hatte Nähe zu dem inzwischen verstorbenen Hugo Chavez in Venezuela, zahlt Mindestlöhne für die Ärmsten der Armen, behält aber den Dollar als Landeswährung bei, obwohl der ihm politisch nicht paßt. Er schränkt die Pressefreiheit ein und sieht gut aus. Auf dem Placa de La Independencia herrscht reges Treiben. Der pinkfarben eingewickelte Baum soll Aufmerksamkeit wecken für Lesben und Schwule. Daneben erhebt sich spätbarock die Jesuitenkirche mit den Herzen von Jesus und Maria in der Fassade (Sind da Koronargefäße zu sehen?). Das gesamte Innere der Kirche ist mit Blattgold belegt.

Welch eine katholische Pracht. Innen in der Frontwand führt ein echtes Treppenhaus zur Empore, das zweite ist gemalt. Die Golddekoration der Wände erinnert an maurische Muster, die von den Konquistadoren aus dem arabischen Spanien mitgebracht wurden, die aber mit dem Andenkreuz prähispanische Vorstellungen übernehmen: Die Mitte des Kreuzes bildet den Nabel der Inka-Welt (Cusco), von dem aus die vier Himmelsrichtungen ihren Ausgang nehmen. Die drei Stufen in der Begrenzung der Mitte entsprechen der Unterwelt, der Welt der Menschen und der Götterwelt, dem Himmel. Schlange (Symbol der Weisheit der Unterwelt), Puma (Symbol der Stärke in der Menschenwelt) und Kondor (Symbol der Gerechtigkeit des Himmels) spielen für das heutige indigene Selbstverständnis da eher eine geringe Rolle. Heute manifestiert sich ihr Selbstbewußtsein dagegen mehr im Fußball. Mushuc Runas, die Mannschaft der Ponchos, der erste indigene Fußballverein, hat in den letzten Jahren einen enormen Aufstieg in die erste Liga des ecuadorschen Fußballs geschafft, spielt in den großen Stadien des Landes und wird finanziert von einer eigenen Kredit-Kooperative. 13. 10. 2013 Otavallo Auf dem großen Gemüsemarkt in Otavallo, ca. 100 km nördlich von Quito,

Polizistinnen in Quito

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wird alles verkauft, was in der Region wächst. Man sieht die unterschiedlichsten Kartoffeln, die Stachelannone (Guanabana= Sauersack), deren Saft gerne getrunken wird, Bananen verschiedener Größe und Farbe, Maracuja, Mango, Erdbeeren, Pflaumen, Carambola, Membrillo, Pepino, Granadilla, und viele andere Früchte. Die Gattung der Passionsblumen mit ihren Früchten ist außerordentlich artenreich. Hier auf dem Markt herrscht ungeheures Gewusel von Menschen, Karren, Autos. Die Goldperlenkette der Mädchen und Frauen, die je nach sozialem Status mehr oder weniger üppig ausfällt, besteht heute nicht aus Gold- sondern aus goldgelben Plastikkügelchen. In der Mitte der Markthallen über den Garküchen steht Christus unter Glas und auf dem Hauptplatz der Stadt eine riesige Büste Ruminawis, der nach dem Tod von Atahualpa, dem letzten Inkakönig, den Widerstand der Inka 1533 gegen die Spanier geführt hat. 14. 10. 2013 In Peguche, einem kleinen Dorf in der Nähe Otavallos, gründete Elisabeth Munz 1996 die Casas del Niños, eine Schule mit Kindergarten („Wir helfen Kindern in Ecuador“ www.helpkidsinecuador.org), die von Spenden und Patenschaften unterhalten wird. Carlos ist der Direktor. Er führt uns durch den Komplex. Disziplin schon im Kindergarten gehört zum Konzept, auch für die Jungen, die hier Zöpfe tragen, nicht die Mädchen. In der Schule wird gewebt, mit Holz gearbeitet und gemalt. In der Aula tanzen ältere Schülerinnen zu indigener Musik der Jungen unter den Augen der Musiklehrerin. Zum Schluss tanzen wir alle mit. Die Rosenplantage Rosadex wurde 1993 gegründet. Hier werden auf 22 acres (1 acre = 4047 qm also ungefähr ein Morgen) nördlich von Quito Rosen Gemüsemarkt in Otavallo – die Auswahl an Kartoffeln ist groß

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angebaut. Die Region Cayame ist eine der bekanntesten Regionen für die Rosenzucht. Die Rosen (Herstellungspreis ca. 30 Cent) werden am Blütenkopf hängend schwebend in einer handgeschobenen Hängebahn aus den riesigen Gewächshäusern in die zentrale Halle transportiert, wo sie nach Stiellänge und Farben sortiert und verpackt werden. Alle Frauen, die hier arbeiten, tragen Schutzkleidung. Ob sie im Akkord arbeiten? Die Blumen werden verpackt, im Kühllastwagen nach Quito zum Flughafen und von dort nach Aalsmeer (Niederlande) geflogen. Dort ersteigert sie der Blumengroßhändler und verkauft sie an den Händler bei uns in Deutschland um die Ecke. Ca. 1 Woche braucht die Rose aus Ecuador, bis sie bei uns verkauft wird. Dunkelblaue Rosen, mit blauem Farbstoff in der Nährflüssigkeit hergestellt, werden in Rußland geschätzt. Wir sind zu einem kleinen Imbiß in die ursprüngliche Hacienda eingeladen (Heute Landhaus der Familie), die mit der originalen historischen Einrichtung, mit Kirchlein und Nebengebäuden zu den schönsten Haciendas Ecuadors gehört. Auf historischen Fotos erkennt man, dass man vor der Rosenzucht hier das Geld mit der Einfuhr und Zucht von Holsteinischen schwarzbunten Kühen verdient hat. Kühe wurden ja erst im 19. Jahrhundert nach Südamerika importiert. Der faire Handel mit Schnittblumen ist in Deutschland noch kein großes Thema: Dabei haben sich Blumenproduzenten, Blumenhändler, Menschenrechtsorganisationen und Gewerkschaften im Flower Label Programm zusammengetan und das weltweite FLP-Zertifikat geschaffen. Damit werden Blumen gekennzeichnet, die unter umweltgerechten und menschenwürdigen Bedingungen produziert werden, ohne Kinderarbeit, ohne hochgiftige Pestizide, unter Einhaltung von Arbeitsschutz usw. usw. Die Einhaltung des

Zertifikats wird geprüft (www.fairflowers. de), so hofft man. Am Äquatordenkmal beginnt die Allee der Geographen und Naturforscher mit dem Denkmal für Charles-Marie de la Condamine (1701-1774): Auf ihn geht der Name Ecuador zurück. Er hatte in der Mitte des 18. Jahrhunderts Südamerika und Ecuador besucht, den Äquator nicht ganz richtig festgelegt und mit seinen Publikationen („Journal de voyage fait a l’Equateur pour ordre de Roi“) über Geographie, aber auch über Chinin und Gummibaum, schon vor Alexander von Humboldt, der Südamerika von 17991804 bereiste, über die Region berichtet. 15. 10. 2013 Francisco Pizarro, der Schweinehirt aus der Estremadura, der das Inkareich erobert hatte, wollte Lima ursprünglich am 6. Januar 1535, am Tag der Heiligen 3 Könige, gründen. Tatsächlich war der Gründungstag der „Stadt der 3 Könige“ der 18.1.1535. Drei Jahre zuvor war Pizarro mit knapp 200 Soldaten an der Nordküste Perus gelandet, hatte den Inkakönig Atahualpa gefangen genommen und ihn 1533 erdrosseln lassen, obwohl der sein Gefängnis mit Gold und Silber hatte anfüllen lassen. Dank überlegener Rüstung der Spanier mit Pferden, Schwertern und Schußwaffen fiel das riesige Inkareich an die spanische Krone. Die Plaza St. Martin in Lima ist benannt nach dem argentinischen General, der 1821 die nationale Unabhängigkeit Perus ausgerufen hatte. An einer Seite seines Denkmals (1921 vom spanischen Bildhauer Marriano Benliure) stehen Simon Bolivar (1783-1830) und General Jose de Sucre (1795-1830), die 1824 die spanische Armee besiegten, die daraufhin Südamerika verlassen mußte. Das elegante Hotel Bolivar an der Plaza St. Martin ist


oben: ein Blick in die Jesuitenkiche, unten: eine Rosenfarm

eines der berühmtesten Hotels Südamerikas. Beim Spaziergang durch die autofreie Altstadt fallen immer wieder die kleinen Stände auf, an denen man Limonade, Kokablätter, geröstete Nüsse und andere Snacks erstehen kann. Man sieht prächtige Historismusbauten, Jugendstilfassaden und immer wieder auch die kolonialen bzw. neokolonialen geschlossenen Balkone spanisch-maurischen Ursprungs. Mit dem Bau der Kirche La Merced wurde bereits

1534 also vor der Stadtgründung begonnen. Die Fassade ist ein bedeutendes Beispiel peruanischen Barocks. Die hier verehrte Mutter Gottes war Patronin der peruanischen Armee. Bald taucht in der Ferne der Palacio Gobierno an der Nordseite der Plaza Mayor auf. Lima wurde von den Spaniern aufgebaut wie alle Kolonialstädte: In der Mitte der Stadt am großen Platz findet man den Präsidentenpalast - der jetzige Palast stammt aus den 1930er Jahren-, sieht man das Rathaus und die Kathedrale mit dem

Palast des Erzbischofs. Bei unserer Ankunft ist der feierliche Wachwechsel unter den Klängen einer Militärkapelle gerade zu Ende. In der Mitte der Plaza des Armes steht ein Bronzebrunnen mit der Jahreszahl 1650. Auf der Westseite des Platzes flattert über dem Stadthaus (erbaut 1945) mit seinen zwei symmetrisch angebrachten kolonialen Balkonen und mit dem Stadtwappen von Lima (in Anlegung an den Habsburger Doppeladler) die Regenbogenfahne der Inka. Die Kathedrale an der Ostseite des Platzes wurde erstmalig 1655 vollendet. Erdbeben (1606, 1609, 1630, 1678) führten jeweils zu erheblichen Schäden und anschließendem Wiederaufbau. Erst nach dem gewaltigen Erdbeben von 1746 ging man andere Wege und konstruierte die Pfeiler aus Holz und die Wände und Dächer aus Quincha (traditionelles südamerikanisches Fachwerk) bzw. Zedernholz und Rohr. Die Türme stammen aus der Zeit um 1800. Im Inneren der Kirche und zwar in der ersten Kapelle rechts wurde erst kürzlich die Leiche Pizarros gefunden. Welch ein Haudegen der war, ist den Verletzungen seines jetzt endlich friedlich im Sarg ruhenden Skeletts noch heute anzusehen. Das wunderbare Gestühl im Chor wurde 1626-1632 von Künstlern und Handwerkern aus Lima geschnitzt. Und in einer Seitenkapelle links steht Martin de Porres (1569-1639), ein heiliger DominikanerMönch mit Besen, ein wahrer Saubermann, Mulatte, Schutzpatron des Heil- und Pflegepersonals, Wundarzt und Apotheker, der alle ungeachtet ihrer Hautfarbe behandelt hat. Das kleine Mittagessen am Steilufer von Miraflores bietet erste Berührungen mit der peruanischen Küche. Erfrischend ist die köstliche Ceviche: roher Fisch (Meerbrasse) in Zwiebel- Chili-Limetten-Marinade mit Salz- oder Süßkartoffeln. Aufregend sind die Drachenflieger über, neben und unter uns. Miraflores ist das moderne Lima mit Boutiquen, Restaurants, Büros, Hotels und kleinen alten, hübschen Villen zwischen den modernen Hochhäusern. 16. 10. 2013 Der Flughafen von Lima, einer der größten Flughäfen Südamerikas ist nach dem peruanischen Flugpionier Jorge Chavez (1887-1910) benannt, der bei seinem Versuch die Schweizer Alpen zu überqueren (von Ried-Brigg nach Domodossola) nach

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maschinen auf, die Unkundigen helfen, Liebesbriefe zu verfassen und Behördenkorrespondenz zu erledigen.

Altperuanische Keramik um 1400 42 Min. erfolgreichen Flugs unter den Augen vieler Schaulustiger im Sturzflug auf dem Zielflughafen abstürzte. Erstaunlich, dass der riesige Flughafen nach dem Bruchpiloten benannt wurde und erstaunlich, wie ruhig die Menschenmassen durch das Gebäude geleitet werden. Im Postkiosk hängt ein Briefmarkensatz mit allen Präsidenten Perus. Der schillerndste ist wohl Alberto Fujimori (1990-2000), der sich bei den Wahlen gegen den späteren Literatur-Nobelpreisträger von 2010 Mario Vargas Llosa durchsetzen konnte, der den Guzmanschen Terror des Leuchtenden Pfads in den 1980iger Jahren und der auch die Besetzung der japanischen Botschaft in Lima 1997 gewaltsam beendet hat. Heute sitzt Fujimori wegen Korruption usw. selbst im Gefängnis, aber Silvia, unsere örtliche Führerin in Lima, ist von ihm noch jetzt begeistert, und sie ist nicht die einzige in Peru. Mit der chilenischen Fluggesellschaft LAN fliegen wir nach Arecipa, der weißen Stadt im Süden. Entlang der Küste sieht man einige Flußoasen in der Wüstenküste. Über dem Flughafen der Millionenstadt (2280 m ü. NN) erheben sich majestätisch die schneebedeckten Vulkane El Misti (5822 m), Chachani (6075 m), und Pichu Pichu (5669 m ü.NN). Nachmittags wird selbständig die Innenstadt mit dem Plaza des Armas, seinen Kolonnaden, seinem Brunnen mit dem berühmten Tuturutu (Trompeter), der Kathedrale und den pittoresken Nebenstraßen erkundet. Auf dem Markt fallen Schreiber mit Schreib-

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17. 10. 2013 Arecipa Das Kloster der Heiligen Katharina, gegründet 1579, ist ein riesiges Zentrum der katholischen Frauenbildung und eine Stadt in der Stadt. Nur durch Holzgitter konnten die Nonnen bei Besuchen Kontakt mit ihrer Familie aufnehmen. Natürlich gibt es auch einen Beichtstuhl, der ein bißchen an eine Toilette erinnert. Fortschritt gegenüber den Inka? Die Acllacuna, die weiß gekleideten vornehmen Mädchen und Frauen der Inka, lebten schon in ähnlichen Frauenhäusern, in den Aclahuasi, den Häusern der Auserwählten. Sie wurden in den Dorfgemeinschaften für diese Aufgabe vom Apu-panca, dem Beherrscher der Schwesternschaft für dieses praehispanische klosterähnliche Leben ausgewählt. Sie mußten das Keuschheitsgelübde ablegen und fertigten vor allem feine Gewebe mit Stickereien für die Inkatempel. Über dem farbprächtigen Katharinenkloster scheinen die schneebedeckten Vulkane im blauen Himmel zu schweben. Die berühmte Juanita spare ich mir. Juanita ist die Mumie eines jungen Mädchens, welches von den Inka den Göttern geopfert, in 6300 m ü.NN im ewigen Eis konserviert und 1995 entdeckt wurde. Unter den Inka wurden Kinder regelmäßig geopfert, z. B. beim großen Capac Cocha

Katharinenkloster in Arecipa

Raymi, dem großen Schöpfungsfest jeweils im April in Cusco. Die festlich gekleideten, zur Opferung bestimmten Kinder wurden plötzlich in aller Öffentlichkeit erdrosselt. Ihnen wurde wie bei der Opferung der Lamas die Brust aufgeschlagen, das warme Herz entnommen und dem Viracoccha, dem Schöpfergott als heilige Opfergabe dargeboten. Gegen die Spanier hat dieser alte Inkagott trotz dieser entsetzlichen Opfergaben nicht helfen können. 18. 10. 2013 Nach Cusco und in das Heilige Tal der Inka (Urubamba) Auf den Dächern der Häuser im Gebirge sieht man immer wieder kleine Statuen und Tierplastiken, die als Glücksbringer wirken sollen. Und dann nach ca. 2 Stunden Fahrt fällt ein erster Blick in das heilige Tal der Inka. Ollantaytambo, das kleine Städtchen unter den mächtigen Ruinen des Landsitzes von Inka-General Ollantay, ist ein Beispiel für den Städtebau der Inka. Davon zeugen die Natursteinmauern und Wasserläufe neben den schmalen, rechteckig angelegten Straßen. Wir können eine Hausanlage besuchen, in der zu Inkazeiten ein Ayllu gelebt hat. Der Ayllu ist der soziale Kern der Inkagesellschaft, eine Gruppe verwandter Inka, die von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen, was im Deutschen vielleicht dem Begriff der Sippe entspricht. Die Mitglieder eines solchen Ayllu waren zu


Kathedrale von Arecipa

Inka Mauern Sacsaywomahan

Der geheimnisvolle Machupicchu

gegenseitiger Hilfeleistung verpflichtet, sowohl bei Landwirtschaft und Hausarbeit, wie auch bei staatlichen Arbeitseinsätzen zum Straßenbau, zum Städtebau, zur Minenarbeit. Zu staatlichen Arbeitseinsätzen wurde das einfache Volk (Hatun Runa) auch in Gruppen (Mitmaqkunas) in andere Regionen des riesigen Inkareiches verschickt, wo sie jahrelang fern ihrer Familie und Ayullas lebten, um dann aber doch eines Tages zurückkehren zu können (im Gegensatz zu den Unfreien, die nicht in die Heimat zurückkehren konnten). Geld war bei den Inka unbekannt. Nur gelegentlich wurden Schmuckmuscheln oder auch Kupferplättchen als Zahlungsmittel verwendet. Handel erfolgte durch Tausch. Steuern wurden bei den Inka als Teil der Ernte oder als Arbeitsleistung fällig. Die Ernten wurden entweder direkt an den Inka geliefert oder in den riesigen Colcas, staatlichen Speicherhäusern im ganzen Land gelagert und bei Not oder Ernteausfall an die Bevölkerung staatlicherseits verteilt. Auf den umliegenden Höhen erkennt man Reste solcher Colcas und auf der Felswand gegenüber ist deutlich Viracocha, der alte Schöpfergott der praehispanischen Andenmythologie, zu erkennen. Die Inkamauern, aus riesigen Steinen ohne Mörtel als Trockenmauer gebaut, bestechen durch ihre schlichte Eleganz. Kaum vorstellbar, wie diese Felsblöcke transportiert und behauen worden sind. Wahrscheinlich wurden sie auf Baumstämmen oder Steinrollen über Rampen bewegt oder auch auf Schlammrutschen im Zickzack von höher gelegenen Steinbrüchen kontrolliert ins Tal geschafft. Der für Ollantaytambo benutzte Steinbruch lag 400-800m über der Talsohle in ca. 7 km Entfernung. Ohne Zugtiere und ohne Rad und Wagen waren diese Mauern nur mit Hilfe der Arbeitskraft der Inkabevölkerung zu bauen. Freiwillig? Das inkaische Rechtssystem beruhte auf den Geboten: Du sollst kein Faulpelz (amaquella) sein, Du sollst kein Dieb sein (amasua), Du sollst kein Lügner (ama llulja) sein 19. 10. 2013 Von Ollantaytambo geht es mit dem Zug das Urubambatal hin hinab zur alten Inkastadt Machupicchu. Sie liegt auf der Höhe über einer Flußschleife des Urubamba, von

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drei Seiten durch sein tiefes Tal geschützt, und wurde von Hiram Bingham 1911 entdeckt, der mit einer Expedition im Urubambatal in Richtung Amazonas unterwegs war. Ein Einheimischer führte ihn gegen Zahlung eines Silberdollars durch den Nebelwald auf die Bergeshöhe und zeigte ihm die Inka-Terrassen. Vier Jahre blieb H.B. auf der Höhe von Machupicchu, um die Ausgrabungen zu leiten. Das gefundene Gold schaffte er rasch nach Yale (2011 wurden die Goldschätze teilweise zurückgegeben). Ob ein deutscher Goldschürfer namens Augusto Berns bereits 1867 oder ein Herman Göhring 1874 die Stadt schon gefunden und ausgeplündert hat, ist unklar. Mit dem Bau der Stadt Machupicchu begannen die Inka ca. 1450. 1562 wurde sie niedergebrannt und 10 Jahre später endgültig verlassen. Die Anlage blieb seit dem Brand von 1562 dank des genialen Be- und Entwässerungsystems der Inka-Ingenieure nahezu unverändert. Heute sind zahllose Touristen unterwegs, die sich aber auf dem Gelände doch etwas verlaufen. In der Regel wohnten ursprünglich wohl ca. 600 Menschen in der Stadt Bei Besuch und Aufenthalt des Inka mit seiner Panaqua (=seiner königlichen Sippe, die den Kult des verstorbenen Vaters organisierte und seine Ländereien bewirtschaftete) waren damals dann wohl bis zu 2000 Personen in der Stadt. Die Mitglieder der Panaqua wurden von den Spaniern Großohren genannt, da sie schwere Ohrringe trugen, was zu monströser Dehnung der Ohrläppchen führte. Welch ein Chic! Am höchsten Punkt der Stadt befindet sich die Sonnenwarte (Intihuasi) mit dem aus dem Fels gemeißelten Sonnenstein (Intihuatana, wörtlich „Sonnenfessler“, „Ankerplatz der Sonne“), einer Art Sonnenuhr, die keinen Schatten wirft, wenn die Sonne ihren Jahreshöchststand erreicht, die auch

als Kompaß benutzt werden konnte. Das Haus der Mamma Pacha, der alten Erdmutter der Anden, steht vor einem Felsen, dessen Umriß der Kontur eines Berges dahinter oder einem hockenden Meerschweinchen entspricht. Die beiden mit Wasser gefüllten Steinbecken könnten bei der Textilfärberei oder aber für Himmelsbeobachtungen im Spiegelbild eine Rolle gespielt haben. Ca. 3 Stunden wanderten wir bei stets wechselnden Nebelschwaden über Terrassen und durch die Ruinenstadt. 20. 10. 2013 Auf asphaltierter Straße geht es durch das Urumbamba-Tal nach Süden Richtung Pisac. Die Meerschweinchen-Bratereien an der Straße wecken nicht unbedingt Appetit auf das possierliche Tier, welches gebraten, als Schnellimbiß in Schalen praktisch verpackt, den einheimischen Passanten anscheinend munden. In Pisac, der alten Inkastadt unter den riesigen Terrassenanlagen, schlendern wir über den lebhaften Markt, verlassen dann das heilige Tal der Inka Richtung Cusco und werfen von der Höhe einen letzten Blick zurück. Nach einigen Kilometern wird bei einer örtlichen bäuerlichen Kooperative pausiert. Hier werden Lamas, Alpakas, aber auch Guanacos und Vicunas gehalten, deren Wolle zu Strickwaren verarbeitet und diese in einem eigen kleinen Laden verkauft. Im Rahmen einer Klimaerwärmung um 8000 v.Chr. sind in Südamerika große Säugetiere ausgestorben (z. B. das Riesenfaultier) und die Lebensbedingungen verbesserten sich für andere Tierarten wie z. B. Kameliden und auch das Meerschweinchen. Endlich erreichen wir Quenco unmittelbar oberhalb von Cusco. Hier wurde wahrscheinlich Inka Pachacutec (1431-

1477) begraben, hier befand sich womöglich der Eingang zur inkaischen Unterwelt. Hier gibt es jedenfalls einen Gang in das Felseninnere und einen steinernen Altar (Ruhestätte Pachacutecs?). Das Amphitheater (?) mit seinen Steinsesseln war wohl ein Heiligtum oder ein Opferplatz. In den Steinsesseln saßen bei Ahnenritualen die Mumien der Panaka. Im nahen archäologischen Park von Sacsayhuamán tummeln sich an diesem sonnigen Tag Familien aus Cusco. Bei der Anlage handelt es sich wahrscheinlich um eine Inka-Festung in der Form eines Pumakopfes, bei dem die Zacken der Anlage die Zähne des Pumas darstellen könnten. Der Grundriß von Cusco soll nämlich einem Puma entsprechen, dessen Kopf die Anlage von Sacsayhuaman darstellt. Die in den mächtigen Verteidigungsmauern verbauten Felsen wiegen zum Teil mehr als 100 t, der größte (5x5x2,50 m) angeblich mehr als 160 t. Garcilaso de la Vega schreibt, dass mehr als 20.000 Arbeiter mit Seilen diese Brocken an ihren Ort geschafft haben. Die passgenaue Form der Felsen wurde ausschließlich mit Steinwerkzeugen erreicht. Natürlich wurde die Anlage über die Jahrhunderte von den Spaniern als Steinbruch benutzt. Das große runde Gebäude war anscheinend ein Wasserreservoir der „Quelle der guten Gesundheit“, sozusagen also ein Kurort der alten Inka? Die Ruinen inclusive der „Rutsche“ sind im Einzelnen schwer zu deuten. Am ehesten handelt es sich um eine riesige Burg. Zu Fuß geht es vorbei an der hochgelegenen Kirche San Cristobal hinab nach Cusco, nach der Sage gegründet von Inca Manco Capac um 1200 n. Chr. und für 300 Jahre bis zur Eroberung und Plünderung im Jahre 1533 durch Pizarro und seine Banditen für die Inka der Nabel der Welt. Auf dem Weg hinab in

Der geheimnisvolle Maccupicchu

Meerschweinchen-Imbiß

Der berühmte 12-Eck-Stein von Cusco


Cusco, Nabel der Inka-Welt die Stadt wird noch schnell ein frittierter, steriler Apfelkringel gefuttert. Störende Keime werden die Braterei in heißem Fett nicht überlebt haben. Nachmittags alleine in Cusco: Viel Betrieb herrscht auf der Plaza de Armas umgeben von ihren Kolonnaden, mit der Kathedrale und ihren Nebenkirchen rechts und links, mit der Jesuitenkirche, die nach dem Erdbeben von 1650 in prächtigem Barock so aufgebaut wurde, wie man sie heute sieht. In vielen Haus- und Kirchenwänden erkennt man Inkamauern als Fundament. An einer Ecke der Plaza Regocijo lädt das Schokoladenmuseum ein. Gegenüber wurde Garciso de la Vega 1539-1616) geboren. Diesem Autor nativer Abstammung verdanken wir die „Königlichen Kommentare über die Inka (1609) und dem Pisco-Museum an der Santa Catalina an diesem Nachmittag den herrlichen Pisco sour (Traubenschnaps mit Limonensaft und Zuckermelasse). 21. 10. 2013 Zu Fuß geht es zur Coricancha, dem „goldenen Hof“, der zu Inkazeiten dem

Sonnengott gewidmet war. Die Umgebungsmauer dieses wichtigsten Palastes der Inka war vor Ankunft der Spanier mit Gold abgedeckt. Im Garten funkelten Bäume, Schmetterlinge, Vögel und Lamas aus reinem Gold. Laut Garcilago de la Vega gab es in der Anlage einen goldenen Tempel, der der Sonne und einen silbernen, der dem Mond geweiht war. Nach der Plünderung durch die Spanier durften die Dominikaner auf den Restmauern der Inkaanlage ihr Kloster und ihre Kirche bauen. Nach den Zerstörungen durch das letzte Erdbeben von 1950 wurde die Inkaanlage ausgegraben und teilweise wieder sichtbar in den Kirchen-Klosterkomplex eingefügt. Durch die Stadt wandern wir in Richtung Kathedrale. In den kleinen Gassen öffnen sich wunderbare Innenhöfe hinter unscheinbaren Portalen. Die Kathedrale ist voll von Kunstschätzen. U.a. befindet sich hier das berühmte Abendmahl des Malers Marcos Zapatas, welches nicht nur Apostel mit indigenen Zügen sondern auf dem Tisch auch ein Meerschweinchen (oder eine Ha-

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Abendstimmung am Titicacasee senmaus?) als Mahlzeit der Jesus-Gesellschaft im Garten Gethsemane zeigt. Auch der Felsstein für den heidnischen Viracoccha innen am Eingangsportal der Kathedrale, der den Andenbewohnern den Kirchenbesuch versüßen soll, ist ein Beispiel für Synkretismus, für die Verschmelzung christlicher und indigener religiöser Vorstellungen. Unter dem Hauptaltar ist Garcilago de la Vega begraben. Nach dem Besuch dieses religiös-kolonialen Kunstkomplexes laufen wir vorbei am 12-eckigen Stein in der Inka-Mauer des Erzbischöflichen Palastes und kommen zum „Haus der kleinen Menschen“, in dem Kindern aus schwierigen sozialen Verhältnissen eine Grundschulbildung und eine handwerkliche Ausbildung geboten werden. Die Grundlagen dieser Erziehung erläutert uns die Direktorin in einem kurzen Vortrag. Die Einrichtung finanziert sich ausschließlich aus Spenden und dem Verkauf im Unterricht selbst hergestellten Holzspielzeugs und Blechschmucks, selbst getöpferter Häuschen, selbst gemalter Postkarten. Neuerdings gibt es eine unter Mithilfe dieser Kinder betriebene Bäckerei.

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22. 10. 2013 Auf der Fahrt zum Titicaca-See pausieren wir nach ca. 120 km in Racchi. Dort stehen die imposanten Reste eines Viraoccha-Tempels. 92 m lang und ca. 12 m hoch ist die imposante Mittelwand der prähispanischen Anlage für den alten Gott der Anden. Hier sieht man Mauern aus Adobe-Ziegeln und Naturstein, und man sieht Säulen (sonst nirgendwo im Inkareich). Wozu die zahlreichen Rundhäuser in der riesigen Inka-Anlage gedient haben, ist unklar (Speicher? Kasernen?). Endlich erreichen wir den höchsten Punkt der Reise, den La Raya Pass (4319 m ü NN). Jan breitet auf blauem Tuch neben dem Bahngleis unsere Mittagsmahlzeit aus. Die Luft wird knapp und dünn. Man bewegt sich nur langsam. Die Sauerstoffsättigung im Blut (normalerweise ca. 97-98%) wird mit dem Pulsoxymeter bei allen Mitreisenden mit durchschnittlich 82% gemessen. Bei diesem Wert schauen wir uns in Praxis und Klinik schon nach der Sauerstofflasche um. Mit Rotwein und Käse an der

frischen Luft ohne nennenswerte körperliche Aktivität wird die Situation hier aber von allen problemlos vertragen. Von der Paßhöhe geht es langsam hinab auf das Altiplano, das Hochland zwischen der Küsten-Cordillera (Cordillera occidental) und östlichen Cordillera (oriental), östlich derer sich das Amazonas-Tiefland ausbreitet. Immer wieder erinnern kleine Friedhöfe nahe der Straße an Gefechte zwischen Armee und dem Leuchtenden Pfad in den 80er Jahren. Die Gefallenen dieser Scharmützel sind damals schnell an Ort und Stelle begraben worden. Die Stadt Juliaca muß auf nicht asphaltierten Pisten umfahren werden, da die Panamericana durch örtlichen Streik blockiert ist. Nach herrlichem Sonnenuntergang hinterm Gebirge erreichen wir gegen 22:00 Uhr in finsterer Nacht das Hotel bei Puna. 23. 10. 2013 Vom Hotelzimmer über dem TiticacaSee bietet sich ein weiter Blick über das Totora-Gras vorn im Wasser bis hin zu


Auf der Insel Taquila im Titicacasee den hohen Anden in der Ferne. Im See (3800 m über Meereshöhe, ca. 8500 qkm, zum Vergleich: Bodensee 536 qkm) wurden nach alter Andenmythologie Sonne und Mond auf den entsprechenden Inseln geboren ebenso wie der 1. Inka Manco Capac und seine Frau Mamma Oqllo. Bei dieser Sage handelt es sich aber wohl um Staatspropaganda schon in frühen praehispanischen Zeiten. Denn die ersten Inka stammen ja eigentlich aus einer Höhle in der Nähe von Cusco. Um die später eroberten Titicaca Regionen auf die Inka einzustimmen, wurde die Mythologie erweitert und der See als Ursprungsort der Inka erfunden. Mit einem kleinen Motorschiff fahren wir hinaus zu den schwimmenden Totora-Inseln der Uros, die eigentlich schon in den 1950er Jahren ausgestorben sind. Die heutigen Bewohner der schwimmenden Inseln sind eine Mischung aus ursprünglichen Uros und Aymarastämmen der Umgebung. Sie leben im Wesentlichen vom Tourismus, indem sie zeigen, wie die Inseln aufgebaut sind und wie sie selbst darauf leben. Die Inseln bestehen aus dem natürlichen Wurzelgeflecht der Totorapflanze (Binsenpflanze, kein Schilf.), auf die heute mit Nylonseilen gebundene Totorabündel geschichtet werden. Häuser und Boote sind alle aus Totora. Die Boote müssen einmal pro Jahr erneuert werden. Venedig vor 5.000 Jahren in knapp 4000 m Höhe. Mit unserem schnellen Schiffchen rauschen wir bei strahlender Sonne ca. eine Stunde Richtung Bolivien zur Insel Taquile. Hier stricken die Männer, also wahrlich ein Weltkulturerbe (seit 2005). Hier gibt es keine Autos. In der Ferne des Südens sind Sonnen- und Mondinsel erkennbar und die hohen 6000er in Bolivien. Das Mittagessen unter leicht wehendem, großem Tuch auf einfachen Stelzen ist traumhaft ebenso wie der Spaziergang hinab zur zweiten Anlegestelle. 24.-25. 10. 2013 Zum Flughafen nach Juliaca müssen wir wegen des Streiks und der Straßensperrung erneut einen Umweg fahren,

passieren bei der Einfahrt in die Stadt zahlreiche Adobebrennereien (Ziegeleien): Überall dampfen Ziegelöfen, dazwischen Lehmgruben. Ein chaotisches Stadtviertel. Die Asphaltstraße in das Stadtinnere ist blockiert durch Steine, Glasscherben und Bäume. Über abenteuerliche Pisten erreichen wir endlich den von der Polizei bewachten Flughafen Inca Manco Capac. Hier funktioniert die elektronische Gepäckkontrolle nicht, sodass die Sicherheitsdamen den Blick auf Schmutzwäsche in zu öffnenden Koffern riskieren. Der Flug nach Lima geht aber pünktlich. Im Museum Larco, einem wunderschönen weißen Bau mit herrlichen Blumen im Museumspark, wird noch einmal die ganze Kulturgeschichte Perus durchschritten: Praekeramische Epoche (10000-ca. 1500 vor Chr.) mit der ältesten Stadt Amerikas Caral. Dieses Archaicum endet mit dem Auftauchen erster Keramik (2000-1000 v.Chr). Früher Horizont (1000-200 v. Chr.) (Chavin-Kultur). Bis 500 n. Chr. entwickeln sich Regionalkulturen wie die der Nazca mit ihren berühmten Linien in der Wüste und die der Moche mit umfangreicher Keramik. Der Mittlere Horizont (500-900 n. Chr.) ist vor allem durch die Huari/Wari gekennzeichnet, die mit der Terrassierung des Gebirges zur Ausweitung der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche beginnen (Andenes heißen diese Terrassen und danach werden später die Anden benannt). In

der späten Zwischenperiode gewinnt das Chimu-Reich an Bedeutung und endlich tauchen die Inka auf (Später Horizont 1438- 1532). Im Rundgang durch das Museum wird diese reiche Geschichte mit Keramik, Weberei und Skulptur lebendig und es wird deutlich, welch hohe Kultur sich in Lateinamerika vor den Spaniern ohne Schriftsprache, ohne das Rad und ohne Zugtiere entwickelt hat. Das amerikanische Pferd starb ca. 7000 vor Chr. zusammen mit anderen großen Säugetieren aus. Erst durch die Europäer wurden Pferd und Kuh nach Lateinamerika eingeführt. Im Nebengebäude ist alle die Keramik ausgestellt, die nicht in die Hauptsammlung übernommen worden ist. Hier schauen alle alten Moches, alle praehispanischen Einwohner Perus wie lebend unmittelbar aus dem Regal auf die Besucher. Endlich gibt es die Abteilung des Museums, in dem die bemerkenswerte, vielfältige, sexuelle Aktivität der alten Südamerikaner keramisch dargestellt wird, bevor sie alle spanische Katholiken werden mußten. Huldigung an Fruchtbarkeitsgötter? Das ist fraglich. Kein einziger „normaler“ Geschlechtsakt wird gezeigt. Immerhin erinnern die Veränderungen der Bauchhaut einer Skulptur an Hautveränderungen, wie sie bei der Syphilis auftreten. Diese Skulptur entspricht der Vorstellung, dass die Syphilis in Amerika endemisch war, bevor sie durch Seeleute von Kolumbus nach Europa gebracht wurde.

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Punkt 15 Uhr erscheint der Bus vor dem Museum, um uns zum Flughafen zur bringen. „Der Flughafen Jorge Chavez wimmelte von Menschen und die Schlange bei der LAN war endlos“ schreibt Mario Vargas Llosa in „Ein diskreter Held“ (Roman 2013 über Korruption und Lebensverhältnisse in Peru). Zutreffend auch heute. Chinesische und westliche Rohstoffkonzerne bauen aktuell in Peru mit einheimischen Arbeitern wertvolle Rohstoffe ab. Die Analogie zu den spanischen Konquistadoren, die dem letzten Inca Atahualpa Gold und Silber abgepreßt haben, bevor sie ihn umbrachten, ist

naheliegend. Auch das Gold der Kassettendecke von Santa Maria Maggiore in Rom, vom spanischen König gestiftet, stammt aus Südamerika. Die einheimische Bevölkerung Lateinamerikas, die immerhin vom Papst schon 1537 großzügig „zu Menschen“ erklärt worden war, profitiert vom Bergbau im Lande nicht und ist nach wie vor wirtschaftlich von den westlichen Industrienationen und China abhängig. Simon Bolivar hatte zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Vision eines vereinten Lateinamerikas. Das hat er nicht erreicht. Auch Che Guevara äußerte an seinem 24. Geburtstag am 14. Juni 1952, dass

The art of tool making

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Mestizen und Indigene von Mexico bis zur Magellanstraße in einem vereinten Amerika selbstbestimmt leben sollten. Viele Südamerikaner wandern heute aus, vor allem in die USA. Haben sich die sozialen Verhältnisse in Südamerika nach Bolivar und Sucre seit Beginn des 19. Jahrhunderts verbessert? Können indigene Politiker wie Evo Morales in Bolivien oder Rafael Correa in Ecuador die Verhältnisse grundlegend verbessern? Und welche Rolle spielt Europa auf diesem Kontinent? Johannes Vesper Fotos: Johannes Vesper


Der große Zeitvertreib Das Museum Kunstpalast in Düsseldorf zeigt Zeichnungen von George Grosz

Straße bei Tag 1914 © Estate of George Grosz, Princeton, N.J., VG Bild-Kunst, Bonn 2014, Foto Horst Kolberg, Neuss

„Der große Zeitvertreib“ ist der Titel einer Ausstellung zum zeichnerischen Werk des Malers und Karikaturisten George Grosz, die bis zum 17. August im Düsseldorfer Museum Kunstpalast zu sehen ist. Neben Otto Dix gehörte Grosz (1893 bis 1959) zu den bedeutendsten Vertretern der „Neuen Sachlichkeit“ und ist vor allem mit seinen gesellschaftskritischen Werken aus der Zeit der Weimarer Republik bekannt geworden. Die Graphische Sammlung des Museum Kunstpalast besitzt mit 120 Arbeiten einen repräsentativen Querschnitt des Werkes von Grosz. Dieser Bestand konnte für die Ausstellung dank der Cary und Dan-Georg Bronner Stiftung durch hochkarätige Leihgaben aus privaten und öffentlichen Sammlungen ergänzt

werden, betont Kuratorin Gunda Luyken. Nach ihren Worten konzentriert sich die Schau auf Werke, die der von Anklagen und Morddrohungen verfolgte Künstler zwischen 1912 und dem Jahr seiner Emigration in die USA im Jahr 1933 schuf. Anlaß für die Ausstellung ist der 55. Todestag des Künstlers am 6. Juli 1959. Mit seinem unverwechselbaren, sparsamen Zeichenstil, der sich mit scharfen Linien auf das Wesentliche beschränkte, hielt Grosz dem Betrachter den Spiegel vor, prangerte an und entlarvte Biedermänner und Brandstifter in den 1920er und 1930er Jahren mit ihrer Spießigkeit und Boshaftigkeit. Die präsentierten Zeichnungen, Fotolithographien und Aquarelle zeigen Alltagsszenen in Berlin und Paris. Grosz zeigte Bilder von Arbeitslosigkeit,

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Krieg, Prostitution, Armut, sozialer Ungerechtigkeit und Krankheit. Skizzen aus Kaffeehäusern, immer wieder betrunkene und trinkende Menschen in Kneipen, Schlägereien und brutale Darstellungen von Prostitution in Bordellen und Bars sind zu sehen. Die Titel sind kurz und treffend: „Der Trinker“, „Cafe mit zwielichtigen Gestalten“, „Der Agitator“ oder „Arbeitslose“. Die Menschen in den Skizzen von Grosz sehen immer gedrückt, belastet, ängstlich oder gleichgültig aus. Immer wieder stellt er Vertreter der Kirche, des Militärs und des Großkapitals als Verantwortliche für die unsäglichen Zustände der Menschen dar. 1924 entstand das Bild mit dem Titel „Zwei Clowns“ im Zirkus. Mit ihnen habe sich der Künstler identifiziert, erklärt die Kuratorin. Interessant die 1919 entstandene Fotolithografie „Die Gesundbeter“, die Militärärzte bei der Untersuchung eines Skeletts zeigen. „Diese Darstellung soll Bertolt Brecht zu seinem berühmten Gedicht „Legende vom toten Soldaten inspiriert haben“, erklären die Aussteller. Ein Jahr nach dem Ende des 1. Weltkrieges entstand die Zeichnung „Die Kommunisten fallen und die Devisen steigen“. Dargestellt sind sich tötende Soldaten, im Vordergrund Geld scheffelnde Kapitalisten an einem Wirtshaustisch. 1927 schuf Grosz das Bild „Christus am Kreuz“, das auch deutliche Kritik an der Haltung der Kirche in der Zeit der Weimarer Republik zeigt. Christus streckt Vertretern der Kirche, des Kapitals und des Militärs vom Kreuz herab die Zunge raus. Ein Jahr später entstand die Zeichnung „Christus am Kreuz“, die Christus mit einer Gasmaske zeigt. Dafür handelte sich der Künstler eine Anklage wegen Gotteslästerung ein. Andreas Rehnolt Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags von 11 bis 21 Uhr geöffnet. www.smkp.de - www.museum-kunstpalast.de

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Ecce homo, Blatt XVI Daemmerung 1922 © Estate of George Grosz, Princeton, N.J. VG Bild-Kunst, Bonn 2014, Foto © Stiftung Museum Kunstpalast Horst Kolberg Das Museum Kunstpalast besitzt mit 120 Arbeiten einen repräsentativen Querschnitt des Werkes von George Grosz (1893 – 1959). Anlässlich des 55. Todestages des Künstlers werden diese Bestände, ergänzt durch hochkarätige Leihgaben aus privaten und öffentlichen Sammlungen, erstmals in einer Einzelausstellung präsentiert. Grosz ist vor allem für seine gesellschaftskritischen Werke aus der Zeit der Weimarer Republik bekannt. Mit seinem unverwechselbaren, sparsamen Zeichenstil, der sich mit scharfen Linien auf das Wesentliche beschränkte, hielt er dem Betrachter den Spiegel vor, prangerte an und entlarvte. Die Ausstellung konzentriert sich auf Werke, die Grosz bis zu seiner Emigration im Jahr 1933 schuf. Begleitend zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter Katalog im Wienand Verlag.


Der Sommer der Steine

Heiner Bontrup Es liegt wohl schon mehr als zwanzig Jahre zurück und ich erinnere mich an jenen Sommer als einen der unbeschwertesten und schönsten meines Lebens. Dabei waren die Umstände scheinbar alles andere als leicht. Ich war arbeitslos und musste mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Ich arbeitete als Sprachlehrer und erteilte Kindern und Jugendlichen Nachhilfeunterricht. Und ich schrieb meine ersten Kurzgeschichten.

Wann immer ich Zeit hatte, und davon hatte ich eine Menge, besuchte ich meinen Freund Ganesh. Ganesh war Bildhauer. In Duisburg geboren, hatte er sich den Künstlernamen jenes hinduistischen Gottes zugelegt, den die Menschen anbeten, wenn sie etwas in ihrem Leben neu beginnen. Ich mochte Ganeshs Arbeiten nicht. Sie waren mir entweder zu naturalistisch oder zu gewollt expressiv, und man sah immer sofort die Botschaft aus ihnen herausspringen. In seinen besten Arbeiten erinnerte er mich ein wenig an den großen Hrdlicka, an dessen gewaltige Kraft und an die Monumentalität seines Ausdrucks. Vielleicht lag das auch daran, dass Ganesh früher ein BundesligaRinger gewesen war und dass dieser Sport Ausdruck seiner Persönlichkeit war. Er hatte im Römisch-Griechischen Stil gekämpft. Sein 50 Jahre alter Körper steckte immer noch voller Kraft, die er sich durch seine Arbeit am Stein erhalten hatte. Ich bewunderte und beneidete ihn um seinen muskulösen Rücken, seine Brust und die Kraft in seinen Armen. Ich genoss jeden Augenblick, wenn er mit Hammer und Meißel den Stein bearbeitete und dabei der Schweiß im Sonnenlicht leuchtete. Angetrieben wurde dieses Muskelpaket von einem Herzen, das leider viel zu verletzlich war.

Dennoch war Ganesh für mich ein Künstler, den ich bewunderte, weil er kompromisslos nur für und von seiner Kunst lebte. Und wenn es so etwas wie einen Himmel für Künstler geben würde, dann würde auch Joseph Beuys mit viel Liebe und Hochachtung auf Ganesh schauen. Beuys hatte die These aufgestellt, dass jeder Mensch ein Künstler sei, nur dass es die meisten von uns vergessen weil die Gesellschaft uns dazu zwingt. Als utopischen Gegenentwurf träumte Beuys von der „sozialen Plastik“. Das kleine bescheidene Bergarbeiterhaus Ganeshs mit seinem verwunschenen Garten kam Beuys Idee der sozialen Plastik sehr nahe. Leben und Kunst waren hier eins. Im Sommer bekam Ganesh Besuch von zwei BildhauerKollegen. Der eine war Ungar, sehr klein und drahtig, der andere ein Holländer von phänomenaler Kraft und Größe. Er war ein Thoreaux der Bildhauerei und hatte sich in die Einsamkeit und Wildnis Kanadas zurückgezogen.

Ganesh gehörte zu den fünf Prozent Künstlern, die es schafften, sich und ihre Familie mit ihrer Kunst ernähren zu können. Es war wie ein Wunder: Wenn das Geld sich dem Ende zuneigte, kam ein Auftrag von reichen Mäzenen und Förderern aus Bayern - für eine Büste oder ein Portrait. Und eine Anzahlung von 10.000 Mark. Anstatt das Geld zurückzulegen für schlechtere Zeiten, lud Ganesh uns, seine Freunde, ins beste Restaurant jener kleinen Großstadt am Niederrhein ein. Er hatte ein untrügliches Gefühl dafür, dass er niemals pleite gehen würde.

Ganesh war der großzügigste Gastgeber, den ich je erlebt habe. Wann immer ich kam, gab es französisch frisch aufgebrühten und mit Honig gesüßten Kaffee, selbst gebackenen Kuchen, Wein und am Abend wurde gegrillt. Überall standen Schachspiele bereit, weil am Nachmittag die KosovoFlüchtlinge kamen - allesamt hervorragende Spieler. Eigens für sie hatte Ganesh, der soziale Plastiker, einen Schachverein gegründet: „König auf der Flucht“. Unter den Flüchtlingen war sogar ein früherer General, der uns alle besiegte und in den Turnieren einzig an seinem größten Feind scheiterte: seinem Jähzorn. So saßen wir dort in den lauen Sommernächten oft bis weit nach Mitternacht zusammen, spielten Schach, erzählten Geschichten und träumten von einer besseren Zukunft - dabei hatten wir die perfekte Gegenwart.

Ganesh lebte ausschließlich von Auftragsarbeiten, Museen wollten seine Arbeiten nicht ausstellen. Er selbst erklärte es damit, dass er ein unzeitgemäßer Künstler sei. Das stimmte auch, aber die andere bittere Wahrheit war, dass er einfach nicht gut genug war. Einzig in Bayern auf dem Lande und auf dem Lande schätzte man noch seinen anachronistischen Naturalismus und Expressionismus.

Wenn ich am frühen Nachmittag mit dem Fahrrad zu Ganeshs Haus fuhr, hatte ich das Glück, den drei Bildhauern bei der Arbeit zusehen zu können. Alle drei arbeiteten hart. Alle drei hatten eine Idee, was sie aus dem Stein machen wollten. Aber manchmal wollte der Stein das nicht zulassen. Da gab es mürbe Stellen und harte Adern. Und wenn sie ihre Idee weiter verfolgen würden, würde der Stein brechen.

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Ich, der ich gerade anfing zu schreiben, verstand, dass sie nicht gegen, sondern nur mit dem Stein arbeiten konnten. Das war eine erste wichtige Lektion: der Spur der Steine folgen. Die Arbeiten des Ungarn und des DeutschKanadiers gefielen mir sehr. Sie erinnerten mich an Geld. An das Geld, das ich nicht hatte, um diese wunderbaren Arbeiten kaufen zu können. So wie die beiden waren, waren auch ihre Arbeiten. Der Ungar formte aus Marmor und Bronze kleinere Skulpturen, Abstraktionen, die sich weit von ihrem naturalistischen Ausgangspunkt entfernten, aber noch immer war dieser wie aus weiter Ferne als Urform erahnbar: als Vogel, Schnecke oder Muschel. Aber sie konnten auch alles andere sein. Es war völlig egal, was sie einmal gewesen waren, jetzt wurden sie zu dem, was der Betrachter in ihnen sah. Ein intergalaktisches Fahrzeug. Eine Schildkröte. Ein was auch immer. Und so wurden sie zu einem offenen Raum für unser Bewusstsein, zu reiner Form und am Ende zu einem „Ein und Alles“, das so die Einheit aller Dinge, ja, das Sein selbst beschwören will. Sie waren also magisch, diese Plastiken. Und sie waren ganz einfach. Einfach schön. Ganesh und der Ungar arbeiteten gleich hart an ihrem Stein. Diese Kraft, der Schlag des Hammers, die Spuren des Meißels waren den Arbeiten Ganeshs jederzeit anzusehen: Sie waren materialisierte Kraft, und genau das war es, was Ganesh wollte. Den Skulpturen des Ungarn sah man die Kraftaufwendung niemals an. Sie wirkten so, als wären sie von Anbeginn der Welt schon da gewesen. Niemand hatte sie gemacht; sie waren das Geschenk eines kosmischen Schöpfers. Die enorme Kraft, die der Ungar in die endgültige Gestalt des Steins oder Bronze hineingegeben hatte, hatte sich in die Eleganz der Form verwandelt und war so unsichtbar geworden. Die Skulpturen des Holländers hingegen waren überlebensgroße Arbeiten, beeindruckend allein schon durch ihre physische Präsenz. Auch sie gingen den Weg der Abstraktion, sogar noch weit radikaler, und dennoch wirkten sie geerdeter, konkreter als die Arbeiten des Ungarn. Denn sie waren trotz aller Abstraktion der Natur

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abgelauscht. Der Holländer hatte in seiner selbst gewählten kanadischen Einsamkeit ein besonderes Gespür für die Natur entwickelt, ihre Kräfte, Zyklen und inneren Gesetze, und dieses Wissen übersetzte er nun in seine Sprache der Bildhauerei. So lernte ich die nächste Lektion: dass Schönheit auf sehr verschiedenen Wegen erreicht werden kann, dass Schönheit magisch ist, dass Schönheit das Ergebnis einer Transformation der Wirklichkeit ist - durch die spezifische Art, in der der Künstler sie als Rohmaterial nutzt. Gewiss kann man das überall nachlesen; aber es ist etwas ganz anderes, dem Wunder der Kunst in den Augenblicken ihrer Entstehung zuschauen zu dürfen und es so selbst zu begreifen. Jeden Tag konnte ich die Veränderungen an den Kunstwerken beobachten. Es gab Momente, wo ich dachte, sie seien fertig. Und wenn ich dann später die Veränderungen sah, begriff ich, wie logisch und notwendig die Fortentwicklung war. Ich erlebte aber auch, dass eine einmal gelungene und perfekte Form im Streben nach künstlerischer Weiterentwicklung zerstört wurde und dass es in der Kunst die große Kunst des Aufhören und Endens geben muss. Manchmal war gerade der Torso, das Unvollendete, das nicht Perfekte das Lebendigere und Kraftvolle. Und nun die letzte Lektion jenes wunderbaren Sommers. Es war ein besonderer Augenblick, wenn einer der Bildhauer seine abschließende Form gefunden hatte: das Ultimatum seiner Form. Doch alles Letzte schließt eine Forderung ein: Und so begann ein neuer Prozess. Der Stein wurde geschliffen, immer wieder, und jedes Mal erhielt er so einen neuen ganz unvermuteten Glanz, einen Glanz, indem wir uns spiegeln konnten, und plötzlich verschmolz das eigene Spiegelbild mit der Plastik, wurde zu einem Teil von ihr. War der Stein fertig geschliffen, fühlte er sich kühler an. Nicht wie die Hand eines Freundes. Denn Kunst ist immer zunächst fremd: wie die Hand der Frau, die du liebst und deren Hand du zum ersten Mal ergreifst. Ich musste die Hand lange auf den Stein legen, damit der Stein und meine Hand die gleiche Temperatur annahmen. So verstand ich, dass es Zeit braucht, um ein Kunstwerk

zu begreifen. Und das Fremde vertraut zu machen. Dass das möglich wurde, dieses Verschmelzen mit dem Kunstwerk, war eine Qualität der Oberfläche. Nicht nur der Betrachter, sondern auch die Umwelt spiegelt sich im Kunstwerk. Das Blätterwerk, die flirrende Sonne, die durch die Bäume bricht, der Himmel und die ziehenden Wolken. Die ersten zarten Regentropfen sind Lupen, die Details wie die Mikroadern des Gesteins unvermittelt sichtbar werden lassen. Und so veränderte sich die Plastik mit jedem Betrachter und mit jeder Umgebung. Die immer wieder neu geschliffene, neu polierte Oberfläche verlieh den Steinen Tiefe, ließ ihre Lebendigkeit und Kraft jedes Mal neu und anders hervortreten. Das erleben zu dürfen, war atemberaubend. So verschmolz am Ende die Oberfläche mit der Form, oder anders ausgedrückt, die Oberfläche machte die Lebendigkeit und Kraft des Materials erfahrbar und kommunizierte zugleich mit dessen Form und Gestalt. Viele Sommer sind seitdem gekommen und gegangen. Nur einer war schöner. Aber unbeschwerter und leichter war keiner. Im Sommer des darauf folgenden Jahres verliebte sich Ganeshs Frau in einen indischen Bildhauer, den Ganesh zu einer Sommerakademie in sein Haus eingeladen hatte. Sie trennte sich von Ganesh und zog mit ihrem neuen Liebhaber und den beiden Kindern nach Österreich aufs Land. Die Wirtschaftskrise kam und die Auftragsarbeiten aus Bayern wurden immer spärlicher. Ganesh musste sein Haus aufgeben und zog in eine kleine Wohnung. Wenigstens konnte er im Garten an seinen Skulpturen arbeiten. Drei Herzinfarkte in kurzer Folge nahmen ihm die Kraft, sich in gewohnter Weise am Stein abzuarbeiten. Ganesh begann mehr und mehr zu zeichnen. Was aus dem Holländer, dem Ungarn und den KosovoFlüchtlingen wurde, weiß ich nicht. Aber wann immer ich schreibe, denke ich für Momente an jenen unwiederbringlichen Sommer der Steine. Heiner Bontrup


68. Bergische Kunstausstellung Noch bis 27. 7. 2014 zeigt das Solinger Kunstmuseum die 68. Internationale Bergische Kunstausstellung.

Talisa Lallai: Untiled, (Sand), 2013, C-Print,

Die heterogene Schau, die traditionell unter keinem vorgegebenen Motto steht, gibt einen Einblick in das vielfältige Kunstschaffen der Region. Viele der teilnehmenden Künstler sind Absolventen der Düsseldorfer Kunstakademie und bereits durch überregionale Ausstellungstätigkeiten bekannt. Es gibt aber auch noch unbekanntere Künstlerinnen und Künstler in der Ausstellung zu entdecken, die am Anfang ihrer Karriere stehen und bereits ein eindrucksvolles Werk vorweisen können. Das Kunstmuseum Solingen legt bei der Künstlerauswahl Wert auf hohe Qualität der vorgestellten Positionen, die aktuelle Tendenzen der Gegenwartskunst vorstellen, einen regionalen Bezug haben und dennoch den internationalen Ansprüchen der globalen Kunstszene gerecht werden. Die Jury hat aus 200 Bewerbungen die innovativsten und spannendsten Ansätze ausgewählt. Mitlieder der Jury waren in diesem Jahr: Dr. Thomas A. Lange, Vorsitzender des Vorstandes der NATIONAL-BANK AG, Gisela ElbrachtIglhaut, stellvertretende Direktorin im Kunstmuseum Solingen, Hans-Jürgen Hafner, Direktor des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf, Dr. Gregor Jansen, Direktor der

Kunsthalle Düsseldorf, Kirsten Lampert, Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Kunstakademie Düsseldorf und Dorothee Mosters, wissenschaftliche Mitarbeiterin im KIT, in Düsseldorf. Die Qualität der vorgeschlagenen Werke war sehr hoch, so dass die Entscheidung für das Fachgremium nicht einfach war. Folgende Künstlerinnen und Künstler wurden ausgewählt und sind in der Ausstellung vertreten: Bert Didillon,

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Stefan Ettlinger (Internationaler Bergischer Kunstpreis), Pierre-Charles Flipo, Nora Hansen, Sonja Heimann, Benjamin-Novalis Hofmann, Talisa Lallai, Katharina Maderthaner, Hannah Melnik, Guido Münch, Robert Pufleb, Christian Schreckenberger, Katja Tönnissen und Martin Zellerhoff. Mit Malerei, Skulptur, Fotografie und Video sind alle Sparten der Gegenwartskunst vertreten und ergänzen sich zu einer spannenden Schau. Der mit 3500 Euro dotierte Internationale Bergische Kunstpreis der NATIONAL- BANK AG geht in diesem Jahr an Stefan Ettlinger (* 1958 in Nürnberg). Der Künstler studierte von 1980 bis 1988 an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Professor Alfonso Hüppi. 2008 hatte Ettlinger eine Gastprofessur für Malerei am College Fine Arts der Kyung Hee University in Seoul (Südkorea) inne. Von 2010 bis 2011 lehrte er im Rahmen einer Vertretungsprofessur an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Der Künstler lebt und arbeitet in Düsseldorf. Ein Künstleraustauschprogramm der Stadt Düsseldorf führte Stefan Ettlinger 2012 für zwei Monate nach China. Die Aufnahmen und Eindrücke der Reisen dienten ihm als Grundlage für die 71-teilige gezeichnete Serie „A Sichuan Ghost Story“. Stefan Ettlinger dokumentiert die überwältigende Fülle der Reiseeindrücke fotografisch und übersetzt sie anschließend zeichnerisch. Der Künstler hat die enorme Bilderflut der Großstadt festgehalten, ohne zu selektieren. Er vermittelt die faszinierende Atmosphäre zwischen kolossalen Mammutbauten. Der nebelverhangene Moloch der Trabantenstädte und ihre rapide wachsende Architektur, die ebenso schnell vom Niedergang gezeichnet ist, zeigen den Moment zwischen Entstehen und Zerfall. Monströse Gebäude dienen als Kulisse für banale Alltagsszenen. So pulsierend wie das Leben in Chongqing oder Chengdu ist die explosive Bildsprache der vielschichtigen Zeichnungen. Realität und Fiktion, Fülle und Leere, spektakuläres, urbanes Leben und alltägliche, persönliche Ereignisse ergänzen sich zu bizarren Geschichten aus fernen Welten, die uns dennoch nah und sehr vertraut erscheinen. Stefan Ettlinger zeigt seine 71-teilige Zeichnungsserie „A Sichuan Ghost Story“ in Solingen komplett. Die Jury hat ihm für diese überzeugende Serie den 68. Internationalen Bergischen Kunstpreis zugesprochen.

rechte Seite: Stefan Ettlinger: Aus der Serie: A Sichuan Ghost Story, 2014, Kohle, Grafit, Ei-Tempera auf MDF-Platte, jeweils 40 x 30 cm, 71 Teile linke Seite: Katharina Maderthaner: Müllers Lust, 2012 Gipskartonplatten, eingefärbter Mörtel, Pflanzen, Granulat

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Der Preis der NATIONAL-BANK AG wurde anlässlich der Eröffnung am Freitag, den 21 .5. 2014 um 19 Uhr von Dr. Thomas A. Lange verliehen. Zum Ende der Ausstellung verleiht die Stadt-Sparkasse Solingen den mit 1500 Euro dotierten Publikumspreis, der von den Besuchern ermittelt wird.

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Zur Ausstellung erscheint ein Katalog. Öffentliche Führungen: Jeden Sonntag um 11.15 Uhr Kunstmuseum Solingen, Wuppertaler Str. 160, Solingen Info: Telefon0212-2581417 www.kunstmuseum-solingen.de

Robert Pufleb Smoking Area | Raucherzimmer, 2014


Die Zeit bleibt stehen Ein Frühsommermorgen am Wupperufer Selbstvergessen sitze ich im Sonnenschein auf der Terrasse des Cafés am Islandufer in Elberfeld. Die Wupper strömt neben mir in ihrem flachen Bett eilig dahin. Ich schlürfe genüsslich einen Cappuccino unter der stählern-tönenden Schwebebahn. Traumhaft! Mitten in der Stadt südländisches Flair!

Hoppla, was denke ich da im Stillen? „Wuppertal, ich liebe dich?!“ Eigentlich hatte ich doch immer das Gefühl, hier in diesem beengten Tal nie angekommen zu sein. Sollte ich nun doch, nach so vielen Jahren, Wurzeln in meiner Vaterstadt geschlagen haben? Ostpreußischer Himmel, weites Land, Sommerlicht, Wellen und Wind. Blieben sie nicht die Muster meiner Seele? Krieg! Ein unüberwindlicher Vorhang fiel, Schmerz und untröstlicher Verlust! Wuppertal-Elberfeld sollte, am steilen Hang des Nützenberges, für unsere große Familie neue Heimat werden. Die Stadt, im Kranz der grünen Berge, kränkelte an den schrecklichen Folgen der Bombenangriffe. Trümmerhaufen säumten die Straßen, die Wupper floss stinkend dahin und changierte durch ungereinigte Abwässer in allen Farben. Dunstige Schwaden verflüchtigten sich im wolkenschweren Himmel. Die üblen Gerüche der Bayerwerke zogen sich durch Büsche und Bäume zum WeyerbuschTurm hinauf. Die Schwebebahn, unglaublich schnell wieder fahrtüchtig, quietschte rumpelnd durchs Tal.

Für mich bleibt hier auf dieser Sonnenterrasse am Islandufer die Zeit stehen. Sie schiebt sich hin und her, zeigt mich als Kind, als Jugendliche, Erwachsene, weht über das Jetzt meines Alters hinweg. Das leise Plätschern des Flusses dringt an mein Ohr, heute glasklar fließt er in urzeitlicher Geschwindigkeit dem Rhein entgegen. Enten flattern hoch, ein Fischreiher schnappt sich mit seinem langen Schnabel einen Fisch. Von Weitem ein vertrautes Geräusch: Die Schwebebahn donnert auf den Bahnhof Döppersberg zu. Blicke der Fahrgäste heften sich neugierig an die Sonnenterrasse, auf der junge Familien, Arbeitsmüde und Rentner ihre freie Zeit genießen. Erträumte sich vor sechs Jahrzehnten vielleicht schon so mancher Stadtbewohner, was heute Wirklichkeit geworden ist? Erstaunlicherweise „ja“! Hans Füsser konnte sich 1951 zum 50. Geburtstag der Schwebebahn im Jubiläumsbüchlein eine Sonnenterrasse unterhalb des Wuppertaler Wahrzeichens sehr genau vorstellen. Er brachte dieses südländische Flair damals humorvoll zu Papier:

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Doch solch einem Luxus standen nach dem Krieg dringendere Lebensbedürfnisse und der Wiederaufbau im Weg. Na, und die Moral der „Muckerstadt“! Nun ich denke bei der Offenherzigkeit der heutigen Mode stellt sich dieses Problem nicht mehr! Still verweile ich, die Sonne wärmt nach langer Winterzeit! Nur mein Blick schweift umher. Er bleibt am imposanten Sparkassengebäude haften. Stand da nicht damals das Thalia-Theater mit rokokoverschnörkelter Fassade? Heinz Rohr, der letzte Kapellmeister dieses Musentempels, war Anfang der Sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts unser Nachbar in einer Kinderreichensiedlung im Uellendahl. Der tiefe Bass des bekannten Sängers Kenneth Spencer dröhnte manchmal über unseren dürftigen Garten. Und weiter wandern meine Augen an der sandsteinfarbenen Front der Industrieund Handelskammer entlang, Gardinen und Sichtschutz, fantasieloses Gehänge wie eh und je. Der Anblick einer lächelnden, jungen Frau, die gerade vorsichtig ein Tablett mit gefüllten Bechern und Tellern durch die Tür des Cafés balanciert, ist da erfreulicher. Sie nimmt einige Stufen abwärts, überquert die Straße, um auf der belebten Uferterrasse heitere Gäste zu bedienen. Bald träume ich mich rechts um die Hausecke herum, eile in Gedanken eine Freitreppe hinauf, schiebe mich durch die schwere Tür dieses Verwaltungsgebäudes und stehe vor dem Paternoster. Herrlicher Kindheitsspaß! Ein spannender Moment, den richtigen Zeitpunkt zum Absprung in die Kabine zu finden: Etage 1, 2, 3! Soll ich es wagen, den Dachboden zu umrunden? Oben angekommen lagen die hölzernen auf- und absteigenden Holzkästen ratternd für einen Augenblick nebeneinander, um dann jeweils in entgegengesetzter Richtung in die Tiefe zu fahren. Die Gruselfahrt erinnerte an Kirmesvergnügungen, wo einen im Dunklen Horror-Gestalten erschreckten. Apropos Kirmes! Da, wo heute ein modernes, noch fast leeres Bürohaus steht, zog uns Kinder nach dem Krieg oft ein bunter Rummelplatz an. Damals hieß er, in meiner Erinnerung, Alexanderplatz. Der dazugehörige Schwebebahnhof fiel im Krieg den Bomben zum Opfer. Der

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alte Name Ohligsmühle tauchte, so meine ich, erst mit dem Bau der neuen Haltestelle auf. Die Kirmes mit ihrer lauten Musik steuerten wir Kinder vor der Währungsreform 1948 erwartungsvoll mit Freunden und Freundinnen an. Ziemlich viel Klein-Geld hatten wir in den Händen, weil es eben keinen Wert hatte. Und – was kostete schon eine Runde auf der Achterbahn, den Karussells und sonstigen Fahrzeugen mit Himmelfahrtskommando? Weiter geht der Blick auf Reisen. Über mehrere Hindernisse hinweg bleibt er an der „Porta Wupperana“, der engsten Stelle des Flussbettes in Elberfeld zwischen Kaiser- und Königshöhe haften. Der schmale Turm des Weyerbusch-Turmes überragt den Waldrücken. Etwas weiter unten, auf halber Höhe, versteckt sich hinter mächtigen Kronen der Kastanienbäume, mein Großelternhaus. Ein roter Backsteinturm mit spitzem Kirchturmdach grüßt – die Straße ein mit Lindenduft angefülltes Spielparadies für viele Kinder damals. Einen Moment herrscht Stille im Kopf. Die Sonnenstrahlen spielen glitzernd mit den kleinen Wupperwellen. – War das alles mein Leben? – Mittagsgeläut reißt mich von meinen inneren Bildern fort: Laurentiuskirche, Sophienkirche, alte Reformierte Kirche, Alte Kirche am Kolk – ihre Glocken schwingen laut tönend zu mir herüber. Weit öffnet sich mein Bewusstsein für

das Damals, die Sicht auf vergangene Jahrhunderte, in denen die Ur-Eltern in dieser Stadt und unter diesem Läuten ihre Kreise zogen. Mein Cappuccino ist ausgetrunken, sinnend verweile ich noch ein Weilchen auf meinem Sonnenplatz. – Am gegenüberliegenden Ufer steht am „Mäuerchen“ das klassizistische Gebäude der Nationalbank, früher eine Zweigstelle der Bundesbank. Hier war nach dem Krieg das WilhelmDörpfeld-Gymnasium untergebracht. So manchen Mittag sehnte ich mich mit tausend Schmetterlingen im Bauch dem Schlag der Schulglocke entgegen, der die letzte Stunde in dieser Jungenschule ankündigte. Bald eilte Er mir entgegen! Hand in Hand liefen wir dann den schützenden Bäumen des Nützenberges entgegen. Meine Lebenszeit fügt sich zusammen, wehmütig folgt mein Blick den Vögeln am blauen Elberfelder Himmel. Noch vor wenigen Wochen feierte ich mit meiner temperamentvollen Familie am gleichen Platz, dem Café Islandufer, meinen Geburtstag. Eine Schwebebahn näherte sich, neigte sich ein wenig in die Kurve. Winkend, mit seinen Ärmchen wedelnd, lachend ein kleiner, blonder Junge am Fenster. Mein Urenkel! Erika Flüshöh-Niemann


Latest from New York Paul Hoppe: Studio 515, The Pencil Factor

Manhattan-Panorama am Spätnachmittag vom Dach der Pencil Factory

Auf dem Dach der Pencil Factory mit Blick auf das neue World Trade Center Building / Annette von Doll-Sellen – Paul Hoppe – Stefan Altevogt)

1848, so heißt es, brach Johann Eberhard Faber aus der gleichnamigen mittelfränkischen Bleistift-Dynastie das Studium der Jurisprudenz an der Universität Heidelberg ab und reiste in die Vereinigten Staaten von Amerika. Hier wollte er seine ersten eigenen Geschäfte machen und verkaufte zunächst importiertes Schreibgerät aus der väterlichen Produktion an verschiedenen Standorten in Manhattan. 1852 entdeckte er die Eignung amerikanischer Zedern für die Produktion von Bleistiften und der Export von Zedernholz zu Papi (er belieferte die väterliche Fabrik in Deutschland mit Zedernholz aus den USA) machte ihn wohlhabend genug, 1861 eine eigene US-amerikanische Bleistiftfabrik unter dem Namen Eberhard Faber zu gründen. Die Produktion florierte, Bleistifte waren

allgemein gefragt und zudem hatte Faber mit der Ergänzung eines Radiergummis am bislang nur zum Draufrumkauen genutzten Ende des Zedernholzes einen bleistifttechnologischen Quantensprung vollzogen: Schreiben und Radieren in immer rascherem Wechsel ließen den Tagesverbrauch an Bleistiften in den USA um die Wende zum 20. Jahrhundert auf eine viertel Million schnellen. Entsprechend stieg die Produktion, zunächst am East

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River in Manhattan, dann – nach einem Großbrand und eine Generation später – in mehreren Fabrikgebäuden auf der anderen Seite des East River, in Greenpoint am nördlichen Rand von Brooklyn. Das größte und schönste der zahlreichen Gebäude wurde 1924 im Art Deco Stil an der Greenpoint Avenue, Hausnummer 47–61 errichtet, verschlummerte jedoch ab Mitte der 1950‘er Jahre wegen Produktionsverlagerung in den zedernreichen Süden des Landes dornröschengleich ein halbes Jahrhundert und wäre sicherlich der Abrissbirne zum Opfer gefallen, hätte

gäbe es eben noch regelmäßig Illustrationen in Zeitungen wie der New York Times und Zeitschriften wie dem New Yorker und wo, wenn nicht hier, könne man am besten vom heiligen Gral eines jeden Illustrators träumen: einer Titelseite des New Yorker, dort wo Größen wie Sempé, Steinberg, Hunter und Spiegelman bereits erschienen sind. Paul ist wohl auf gutem Wege dorthin, wenn man einige Meilensteine einmal hochrechnen und in die Zukunft projizieren darf: Im New Yorker, in der New York Times und im Wall Street Journal wurden seine Arbeiten schon veröffentlicht.

11-Freunde 150. Ausgabe).

eine Immobilienfirma irgendein Potenzial in ihr entdecken können. Paul Hoppe ahnte von alledem wenig, als er 2003 mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) zu einem Aufbaustudium an die School of Visual Arts (SVA) nach New York kam. Geboren in Polen und aufgewachsen in Deutschland hatte Paul an der Fachhochschule in Pforzheim sein Studium der visuellen Kommunikation abgeschlossen und wollte – wie er sagt – nach New York der Stadt wegen. Hier

Er ist bereits von Berufsvereinigungen anerkennend am Ohr gezupft worden (von der Society of Illustrators – wenn ihn seine Erinnerung nicht trügt – am linken, von American Illustration am rechten) und das deutsche Generalkonsulat hat ihn im Herbst 2013 mit einer Überblicksschau über die vergangenen zehn Jahre geehrt. Das Titelblatt der 150. Ausgabe von 11 Freunde, dem Magazin für Fußballkultur, ist der jüngste Coup von Paul. Obgleich er bereitwillig einräumt, Einwurf und Abseits nicht auseinanderhalten zu können, ist

Abgleich zwischen Zeichenheft und Druckversion.

ihm die Comic-Darstellung der Trainergrößen Klopp, Guardiola und Mourinho als Super-Trainer nach Einschätzung Pencil Factory/Stefan Altevogt - Paul Hoppe - Annette von Doll-Sellen im Atelier des Künstlers.

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der Redaktion punktgenau gelungen. In Comics drückt sich Paul gerne aus, vor allem nach dem Abendessen zu Hause vor dem Fernseher sitzend. Oft schräg und bisweilen etwas dunkel mit Titeln wie Tales To Behold oder Journey Into Misery, sind diese Comics in kleinen Auflagen handgemacht, haben keine ISBN-Kennzeichnung und sind in den meisten Fällen bereits

vergriffen. Als hätte der Tag mehr als nur 24 Stunden, schreibt und illustriert Paul schließlich noch Kinderbücher mit Titeln wie The Woods (in Deutschland unter dem Titel Nachts im Wald im Verlag Baumhaus / Bastei) und Hat, und er illustriert Geschichten für Kinder von anderen Autoren wie Metal Man (Text: Aaron Reynolds) und Last-But-Not-Least Lola (Christine Pakkala)

Fragt man Paul nach New York und seinen Reizen, dann antwortet er, im Big Apple nach seinem Abschluss an der SVA der Leute wegen geblieben zu sein. Nicht wenige dieser Leute sind mittlerweile in seinem direkten Arbeitsumfeld in der Pencil Factory tätig. Genauer gesagt, Paul hatte schon längere Zeit von der Pencil Factory als einem Epizentrum blei- und buntstiftbezogener Kreativität gehört gehabt. Paul wusste auch, dass zwar gelegentlich Plätze in den Lofts freiwerden würden, dass aber bei weitem nicht jeder, der einen Bleistift halten könne, dort auch arbeiten dürfe, jedenfalls hatte er so Sam Weber verstanden, ein ehemaliger Studienkollege an der SVA. Schließlich: Paul hatte seit seiner Ankunft in der Stadt das Netzwerken gelernt und sich meistens rechtzeitig Einladungen zu den wirklich wichtigen Momenten der New Yorker Illustratorenund Comiczeichner-Szene verschafft, zum Beispiel im Jahr 2011 zur Weihnachtsparty in einer Bar gleich gegenüber der Pencil Factory. „Wenn was frei werden sollte“, so sagte Paul offensichtlich häufig genug, „dann gebt Bescheid.“ Im Februar 2012 rief Neil Swaab an. Der Platz von Gavin Potenza im Studio 515 sei zu besetzen, ob er Interesse habe. Warum ein solches Angebot in der Regel nicht ausgeschlagen wird, drückt eine weitere „Mitbewohnerin“ im Studio 515, Jing Wei, sinngemäß so aus: „Ich hatte ein Studio in einem alten Lagergebäude in Greenpoint und die wohl naive Vorstellung, dass allein ein altes Fabrikgebäude mit vielen Freiberuflern aller Himmelsrichtungen ein fruchtbares,

kreatives Umfeld für mich ergeben würde. Am Ende war ich genauso allein, wie ich es auch irgendwo in der Pampa gewesen wäre. Aber weil ich ohnehin schon hier in der Gegend war, hing ich häufiger mal mit den Leuten aus der Pencil Factory ab und als sich eine Gelegenheit ergab, habe ich sofort zugegriffen. Jetzt arbeite ich in einem für mich wirklich fruchtbaren Umfeld und nicht nur in einem schi-

Benachbarte Pencil Factory Kollegen, ein Typograph und ein Illustrator, die ebenfalls Einblick in ihre Arbeiten gaben.

cken Fabrikgebäude aus dem Art Deco.“ Das Umfeld, das sind die mehr als 100 Grafiker, Illustratoren, Designer, Zeichner und sonstigen Kreativberufler, die auf ihre

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Visitenkarten gerne auch die magischen Worte „The Pencil Factory“ über die Adresse 47–61 Greenpoint Avenue drucken lassen. Paul hatte nicht gleich nach seinem Studienabschluss die Pencil Factory im Visier, denn die Kosten eines Arbeitsplatzes außerhalb der ohnehin schon teuren Wohnungen in Brooklyn oder Queens – von Manhattan ganz zu schweigen – sind nicht ganz unerheblich. Doch irgendwann war auch Paul vom Freischaffen daheim und alleine ermüdet und suchte nach einem neuen und inspirierenden Umfeld, so etwas wie die Pencil Factory. Hier arbeitet er wirklich gerne und er läßt sich ebenso gerne zwischen spätem Nachmittag und

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frühem Abend auf dem Dach des riesigen Gebäudes von der Skyline Manhattans im Licht der Magic Hour beeindrucken . Hier liegt allerdings auch die Gefahr, denn die Lage gleich gegenüber von Midtown Manhattan mit unverbaubarem Blick ist das, was Profis der Immobilienbranche gerne mit „prime location“ – auf Deutsch „Filetstück“ – beschreiben. Das klingt nicht nur wie aus dem Schlachthof, sondern ist in Städten wie New York leider der übliche Lauf der Dinge: Industriebrachen, Kreative, Lebenslustige, Neugierige, wohlhabendere Neugierige, Investitionen; schließlich eine Mischung aus schöner und teurer wohnen und eine Service-Industrie

für diejenigen, die da schön und teuer wohnen. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Pencil Factory des alten Faber davon noch einige Zeit verschont bleiben wird. Stefan Altevogt Fotos: Karl-Heinz Krauskopf


Paragraphenreiter Sind die Zusammenhänge von Kunst und Steuern immer amüsant?

Susanne Schäfer, Steuerberaterin Geschäftsführerin der Rinke Treuhand GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft/ Steuerberatungsgesellschaft

„Am liebsten auf der Bühne, und wer weiß wo sonst noch, sind mir Sätze, die man auch tanzen könnte.“

Zugela

Leider nicht – auch wenn das schon ziemlich oft der Fall ist. Erstens natürlich, weil das Steuerrecht voll ist von auf den ersten Blick unverständlichen Regelungen und verqueren Formulierungen. Zweitens weil es auch noch die kompliziertesten Lebenssachverhalte auf einen Geldbetrag reduziert. Drittens weil Kunst so viel ideeller zu sein scheint (und trotzdem auch oft nur auf ihren materiellen Wert reduziert wird). Und viertens natürlich weil beide alle Lebensbereiche berühren. Das muss nicht lustig sein. Die Geschichte von Cornelius Gurlitt, die derzeit in der Presse erzählt wird, beginnt für den Steuerrechtler mit der Frage nach Steuerhinterziehung und endet für ihn mit der Frage nach Erbschaftsteuer. --- Die menschlichen Schicksale dahinter sind durch Gesetzessachverhalte und Zahlen nicht zu erfassen. Im Herbst 2010 werden bei dem 78 Jahre alten Herrn Gurlitt, der im Zug von Zürich nach München reist, 9.000 Euro Bargeld gefunden. Der erste Gedanke des Steuerrechtlers (und der den Herrn kontrollierenden Zollbeamten): abgehobene Erträge von einem schweizerischen Schwarzgeldkonto. --- Dummerweise ergeben Nachforschungen, dass der Herr gar kein Konto besitzt, weder in der Schweiz noch sonst irgendwo. --- Der erste Gedanke des Menschen hinter dem Steuerrechtler: wie lebt man ohne Girokonto? Da die Staatsanwaltschaft vom Gedanken der Steuerhinterziehung nicht recht lassen kann, durchsucht sie im Februar 2012 die Privatwohnung des alten Herrn. Und findet und beschlagnahmt dort mehr als 1.000 Kunstwerke, unter anderem von Monet, Renoir, Picasso, Chagall, Nolde

KARL O

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Neu Karl Otto Mühl Zugelaufene Sprüche 2013 Verlag HP Nacke Wuppertal 80 Seiten, 9.00 Euro ISBN: 978-3-942043-90-8

und Spitzweg im Wert von rd. 50.000.000 Euro, geerbt von dem Vater des alten Herrn, einem 1956 gestorbenen Kunsthändler. Wie sich weiter herausstellt, hat der alte Herr im Herbst 2011 ein Werk von Max Beckmann zu einem Zuschlagspreis von 864.000 Euro versteigern lassen. Der erste Gedanke des Steuerrechtlers: der Veräußerungsgewinn ermittelt sich als Differenz zwischen Verkaufspreis und Anschaffungskosten des Vaters, die bei einem vor 1956 aktiven Kunsthändler noch überschaubar gewesen sein dürften. Bei regelmäßigen Verkäufen dürfte der so entstandene steuerpflichtige Gewinn aus Gewerbebetrieb erheblich gewesen sein. --- Wie sich herausstellt, war der BeckmannVerkauf 2011 jedoch der einzige und damit steuerfrei. --- Der erste Gedanke des Menschen: wie lebt man in einer Wohnung mit 1.000 Kunstwerken? Und welche Schickale stehen hinter dem Erwerb dieser Werke in den Jahren 1933 bis 1945? Im Mai 2014 stirbt der alte Herr. Er hinterlässt einen Cousin, dessen Sohn und mehr als 1.000 Kunstwerke. Der erste Gedanke des Steuerrechtlers: bei einem Nachlasswert von 50.000.000 Euro, einem persönlichen Erbschaftsteuerfreibetrag jedes Erben von 20.000 Euro und einem Erbschaftsteuersatz von 50% wird das aber ziemlich teuer. --- Allerdings hat Herr Gurlitt ein notariell beglaubigtes Testament verfasst, in dem er das Kunstmuseum Bern zum Alleinerben einsetzt, und sowohl für das Vererben von Kunstgegenständen und Kunstsammlungen als auch für das Vererben an gemeinnützige, die Kunst fördernde Institutionen gelten umfangreiche, im Extremfall vollständige Erbschaftsteuerbefreiungen. --- Der letzte Gedanke des Menschen: was für eine rundum traurige Geschichte. „Das Leben ist sportlich: Der, den du überholst, sitzt dir danach im Nacken.“ „Mit guten Absichten überschminkt die Seele ihre Pickel“ „Das wäre ein wunderbares Leben gewesen, sagte der Neunzigjährige, wenn man vorher gewusst hätte, dass alles gut geht.“

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Gekommen, um zu bleiben Wuppertals neue SchauspielIntendanz stellt den Spielplan vor

Susanne Abbrederis

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Die Skepsis in der Luft, sie war mit Händen zu greifen, als am Freitag Susanne Abbrederis ihre erste Spielzeit als Intendantin des Wuppertaler Schauspiels präsentierte. Das Geschacher der Stadtspitze mit der forschen Leitung der Opernsparte ist gerade auch für das Sprechtheater eine schwere Hypothek. Viele der jetzt im Proberaum des Orchesters versammelten Förderer, Künstler, Journalisten hatten zweifellos die Vermutung im Kopf: Ist die im Tal unbekannte Siegerin vom Kandidaten-Poker 2013 nicht letztlich bloß angetreten, um den Mangel zu verwalten? Der Spielplan ist unkontrovers. Als Klassiker wird Wuppertals Theaterfreunden Lessings Komödie „Minna von Barnhelm“ geboten (Premiere 22.11. 2014) – und geht wie alle Produktionen 2014/15 im neuen „Theater am Engelsgarten“ über die Bühne. Für die Gegenwartsdramatik steht die Romanadaption „Supergute Tage“ (7.2.2015) nach Mark Haddon, eine Geschichte um die „sonderbare Welt“ des Autisten Christopher Boone. Als „Backstage-Comedy“ empfiehlt sich „Mondlicht und Magnolien“ (30.5.2015) rund um die turbulente Entstehung des Kinofilms „Vom Winde verweht“. Eröffnet wird die Spielzeit übrigens am 27.9. musikalisch: mit Müllers und Schuberts „Die schöne Müllerin“ als inszeniertem Liederzyklus. Hinzu kommt „Der gestiefelte Kater“ (25.10.2014) als Familienstück und mit dem Gastspiel des Kinder- und Jugendtheaters „Die fürchterlichen Fünf“ (7.3.2015) ein weiteres Stück fürs junge Publikum. Zur Erinnerung an die Novemberpogrome wird unter anderem die Zeitzeugin Inge Deutschkron zu Gast sein (9.11.2015). Und Else LaskerSchülers Werk „Die Wupper“ wiederum (28.3.2015) wird Stoff für das Format „Stadterkundung“, wie viele Stadttheater es heute betreiben. Last, doch keinesfalls least: Denn für einen Programmpunkt wie diesen sind andere Motive besonders interessant. „Die Stadt ist für uns neu“, formuliert nämlich die sichtlich um Optimismus und offene Ausstrahlung bemühte NeuIntendantin noch vor dem Versprechen, auch das Publikum könne Wuppertal mit dem Stück der Dichterin vielleicht neu für sich entdecken. Und da scheint ein Knackpunkt berührt: Ob und wie

ein noch fremdes Theaterteam sich mit seiner neuen Wirkungsstätte identifiziert, ist zwar eine Frage, die bei jedem Intendantenwechsel ansteht. Aber bei einem Theater in so prekärer Lage, dem mancher nicht ohne Grund nur noch schwärzeste Aussichten zubilligt, wird sie besonders wichtig. Aufmerksam hört man an diesem Vormittag daher Aussagen wie von Helene Vogel, die die „Minna“ inszeniert und außerdem Hausregisseurin wird, sie wolle sich „mit dem Ensemble entwickeln“. So klingt nicht, wer sich auf dem sinkenden Schiff wähnt. Gemessen an den Umständen hoffnungsfroh stimmt so auch die Reihe „Visitenkarten 1-9“, die bei der Spielzeitvorstellung ums Haar noch vergessen worden wäre: Jede neue Schauspielerin, jeder Schauspieler werden über die Spielzeit verteilt ein eigenes Projekt gestalten – und zwar nach Gusto: Philippine Pachl bekennt sich in einem Horváth-Solo zu ihrem Lieblingsautor, Uwe Dreysel komponiert selbst und gibt seinen persönlichen Einstand mit einem Liederabend, und Konstantin Shklyar bringt mit Daniil Charms etwas absurdes Theater auf die Bühne am Engelsgarten. Neun fest beschäftigte Mitglieder wird das Ensemble haben, mit Thomas Braus als einzigem Übernommenen – eines mehr als zuletzt (und keine Rede von reinem Gastbetrieb, was trotz des üblen OpernTabubruchs hoffentlich selbstverständlich bleibt). Das relativiert etwas die mancherorts wahrgenommene Untergangsstimmung; ebenso wie die Ankündigung, auf das Opernhaus verzichten werde das Schauspiel in der ersten Spielzeit zwar wie befürchtet, 2015/16 allerdings nicht mehr. Erster Eindruck also: Dieses neue Team ist eine pragmatische Lösung – aber es ist gekommen, um zu bleiben. Ein Willkommen für sie und Hut ab vor Günter Völker, den Freunden und Förderern des Neubaus, aus deren Reihen heute auch Enttäuschung über teils mangelnden Respekt zu hören ist. An der Skepsis gegenüber der Stadtpolitik, durch die derart massives Engagement überhaupt erst nötig wurde, ändert das freilich nichts. Martin Hagemeyer www.wuppertaler-buehnen.de


Das hat Peter Jung so nicht gewollt…

Oberbürgermeister Peter Jung

Der Mann steht vor einem Scherbenhaufen seines im Grunde guten Willens. Dieser Mann ist Peter Jung, Oberbürgermeister in Wuppertal und neben vielen anderen Interessen ein ausgewiesener Opernfreak. Sein guter Wille mit bester Absicht war der Plan, den in dieser Stadt gefeierten Dirigenten Toshiyuki Kamioka an Wuppertal binden zu wollen, nachdem es klare Tendenzen von Kamioka gab, Wuppertal ganz zu verlassen. Kamioka hatte einen schon guten Klangkörper zu einem sehr guten geformt und dieses A-Orchester weit über die Grenzen der Stadt bekannt gemacht. Jung hat den Dirigenten Kamioka dann mit einem Intendanten-Vertrag erfolgreich geködert und dieser Köder soll keineswegs aus schnöder Hausmannskost bestehen. Was danach geschah, das hat Peter Jung mit Sicherheit niemals so gewollt und schon gar nicht geahnt. Mittlerweile ist Vieles ziemlich aus dem Ruder gelaufen und gipfelte jüngst in einem Text der überregionalen Tageszeitung DIE WELT, in der die zukünftigen Verhältnisse am Barmer Opernhaus schon in die Nähe einer osteuropäischen Tourneebühne gerückt wurden (sicher übertrieben) und peinlicherweise (aber wohl wahr) vom Autor Stefan Keim geschrieben wurde, in Wuppertal sei vermutlich gelogen worden. Es geht um die Kündigung des kompletten Opernensembles und um die Wortklauberei, was denn wohl ein Ensemble wäre. Höflich formuliert gab es ein Kommunikationsdesaster, weniger nett formuliert wurde eben gelogen. Es müssen dem dirigierenden Intendanten irgendwann Zweifel überkommen sein, ob er das überhaupt könne mit der Intendanz. Denn anders ist das Auftauchen seines Stellvertreters Joachim Arnold nicht erklärbar. Der Mann aus dem Saarland, gestählt durch eine Tätigkeit beim extrem anspruchsvollen Intendanten Alexander Pereira in Zürich und unzweifelhaft bestens vernetzt, war schon einmal in Wuppertal im Gespräch, doch daraus wurde damals nichts. Schon bei seinem ersten öffentlichen Auftritt im Kronleuchter-Saal des Opernhauses sorgte er für Erstaunen, als er forsch erklärte, ein Büro in Wuppertal benötige er nicht, er sei es gewohnt,

mehrere Tätigkeiten gleichzeitig auszuüben und Kamioka nahm die Gelegenheit der Ankündigung wahr, Wuppertals Oper in baldiger Bälde zur Weltspitze zu bringen. Das hat der Mann sinngemäß wirklich gesagt. Wenn man ihn überhaupt verstehen konnte. Vor allem überschüttete er seinen Stellvertreter Arnold mit kaum zu überbietenden Lobeshymnen. Das war dem sogar peinlich. Einige Wochen später bei der Spielplanvorstellung mussten die „Hosen runter“. Das komplette Ensemble war gekündigt, der Spielplan 2014/2015 besteht vornehmlich aus StandardStücken wie „Tosca“ als Premiere am 5.September, weil der Intendant Kamioka kein Risiko eingehen will. Es gibt zwei Wiederaufnahmen der bald zu Ende gehenden Weigand-Zeit und da der Kartenvorverkauf für „Hänsel und Gretel“ und „Der Barbier von Sevilla“ schon begonnen hat, wollten sich die Wuppertaler diese Gelegenheit nicht entgehen lassen und buchten zeitig. Im „Barbier von Sevilla“ werden sie auf ihren Liebling Elena Fink allerdings verzichten müssen. Sie hat den ihr angebotenen Gastvertrag für die Rolle der Rosina nicht unterschrieben, weil die „Konditionen unterirdisch waren. Dabei hätte ich gerade diese Rolle besonders gern gesungen.“ Stattdessen lernt das Publikum nun am 24. Oktober Melody Louledijan in der Rosina-Rolle kennen. Einige von Arnold engagierte Kräfte geben ihr Deutschland-Debut in Wuppertal. Es wird hier geprobt, das Stück läuft und in der nächsten Oper singen meist andere, neue Kräfte. Ist das die Zukunft dieser Sparte? Wer mag das schon zu prophezeien? Fest steht, dass nicht nur in Wuppertal gespart wird. Und das wird sich noch steigern. Deutschland hat 84 Opernhäuser – einsamer Weltrekord. Man wird also sehr aufmerksam nach hier schauen, wie das läuft. Keiner weiß, wie es ausgeht. Wie peinlich manches war, zeigte sich bei der kurzfristigen Absage eines Musicals mit extrem naher Beteiligung Arnolds. Das hat der Bühnen-Aufsichtsratsvorsitzende Jung im letzten Moment noch verhindert. Ob das alles nun gut oder schlecht war, wird die Zeit zeigen. Theater muss aufregen. Das ist gesichert. Klaus Göntzsche

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Neue Kunstbücher Im Überblick Systematische Einblicke in Regionen, Sparten, Stile vorgestellt von Thomas Hirsch

Jörg Loskill (Hg.), Thomas Grochowiak, RevierAtelier, 88 S., durchgehend bebildert, gebunden mit Schutzumschlag, 29 x 22 cm, Klartext Verlag 2006, 24,90 Euro Eine schöne Idee: Im Jahr 2004 hat der Essener Klartext Verlag unter der Herausgeberschaft des Kulturjournalisten Jörg Loskill die Buchreihe „RevierAtelier“ gestartet. Pro Band wird ein Künstler (oder eine Künstlerin) aus dem Ruhrgebiet umfassend vorgestellt. Der Künstler (ganz gleich aus welcher Sparte) ist das eine Mal sehr bekannt, das andere Mal bislang eher eine Größe in der weiteren Region. Immer aber handelt es sich um Kunstschaffende, die einen direkten Bezug zum Ruhrgebiet haben – ja, man könnte sagen, dass diese Verwandtschaft zum Revier ein wesentlicher Aspekt der Reihe ist. Dies betrifft etwa eine künstlerische Ästhetik, die sich auf die rauen Oberflächen, Dimensionen und Materialien der Zechenanlagen bezieht, oder es meint die industriellen Motive und das Engagement des Künstlers in der Region. So ist Thomas Grochowiak ein Band gewidmet. Grochowiak ist Künstler der ersten Stunde in Recklinghausen, er war dort Mitglied der Künstlergruppe „Junger Westen“, sodann Museumsgründer und -leiter in dieser Stadt, aber im Alter ist er nach Kuppenheim bei Baden-Baden gezogen. Der erste Künstler der „RevierAtelier“Serie war übrigens Werner Thiel, pro Jahr

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erscheinen ein oder zwei Bände im gleichen Format mit analoger inhaltlicher Struktur. Bislang sind elf dieser Monographien erschienen, die bislang letzte, mit Jirí Hilmar, im Mai 2012. Im Verlauf der Reihe ist das Niveau ihrer Gestaltung erheblich gestiegen, d.h. der Verlag hat bei der Qualität der Bände und ihrer Grafik und sogar beim Papier investiert. Dieser Wandel lässt sich an den drei Monographien nachvollziehen, die mir vorliegen. Das soll nicht heißen, dass die frühen Bände nicht auch die Atmosphäre des Ruhrgebietes vermittelt hätten, aber die vielen Schreibfehler bei den Eigennamen sind schon erschreckend und mit dem unruhigen Lay-Out tragen sie doch den Zeitschriften-Look der 1970er-Jahre. Dies betrifft den Band zu Grochowiak, dessen tachistische Malereien sich in der dicht gedrängten Abbildung beißen. Schließlich wäre speziell hier zu bemängeln, dass nicht sauber zwischen dem Künstler und dem Kulturmanager und Ausstellungsmacher getrennt wird. Gelungen aber ist Loskill's Interview mit Grochowiak – diese Künstlergespräche sind überhaupt eine Stärke der Reihe, auch beim Band über Helmut Bettenhausen, der übrigens derzeit (aus Anlass des 50-jährigen Bestehens seines Ateliers in der „Zeche Unser Fritz 2/3“) mit mehreren Ausstellungen in Herne und Wanne geehrt wird. Bei Bettenhausen, diesem künstlerischen Tausendsassa mit Werken zwischen Aktion, Objekt, Installati-

Jörg Loskill (Hg.), Helmut Bettenhausen, RevierAtelier, 96 S., durchgehend bebildert, gebunden mit Schutzumschlag, 29 x 22 cm, Klartext Verlag 2010, 24,90 Euro

Jörg Loskill (Hg.), Jirí Hilmar, RevierAtelier, 96 S. mit 57 üwg. ganzseitigen Abb., geb. mit Schutzumschlag, 29 x 22 cm, Klartext Verlag 2012, 24,90 Euro on und Bild, funktioniert die konsequent unruhige grafische Gestaltung recht gut, wird das komplexe und doch in sich ruhende konstruktive Oevure in seiner Zusammengehörigkeit verständlich. Und doch überzeugt der jüngste Band zu Jirí Hilmar am meisten: Nun endlich kommt auch ein Raumgefühl in das Buch, etwa wenn seine Pflanzung von Humus und Weizen zwischen Gleisen (die er 1983 bei einem Symposion auf der Zeche Carl in Essen vorgenommen hat) auf einer farbigen Doppelseite abgebildet ist. - Es wäre wünschenswert, dass diese Reihe fortgesetzt wird. Sie ist ein Gewinn für die Kultur im Ruhrgebiet und könnte, konsequent erweitert, dazu beitragen, die Übersicht über die rege Kunstszene hier zu verbessern und für diese zu werben. Wie ein Panoptikum der internationalen Fotografie-Szene erscheint heute der Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie. Er wird seit 1959 verliehen und gehört mittlerweile zu den renommiertesten Auszeichnungen zur Fotografie in Europa. Vor allem ist er ein resümierender Überblick über die deutschen Fotografie, wobei neben Fotokünstlern auch Fotojournalisten, Verleger oder Theoretiker ausgezeichnet werden. In diesem Jahr wurde der Preis Gottfried Jäger zugesprochen, dem Künstler, Hochschullehrer und Forschenden mit dem Medium Fotografie.


Manfred Heiting (Hg.), Zeitprofile, Kulturpreis 1959-2014, Deutsche Gesellschaft für Photographie, 168 S. mit über 500 Abb., laminierter Pappband, 28 x 24 cm, Steidl, 48,- Euro Ein erstes überschauendes Buch zum Kulturpreis der DGPh ist 1988 erschienen. Daran schließt jetzt die Publikation „Zeitprofile“ an, die bei Steidl verlegt wurde. Zwar ist auf dem Cover als Zeitspanne 1959-2014 genannt, aber das ist im Hinblick auf den Inhalt des Buches unredlich. Denn in Fortführung des ersten Bandes beschränkt sich das aktuelle Buch auf die Preisträger seit 1989. Aber – und das ist noch einem Vierteljahrhundert Abstand bemerkenswert – es orientiert sich formal an seinem Vorgänger, mit der edlen Oberfläche des Covers, der eleganten typografischen Anordnung der Textzeilen dort, und innen in der Zweispaltigkeit mit dem Porträtfoto auf der linken Seite. Als Koordinator und Gestalter war wie schon vor 25 Jahren Manfred Heiting tätig – ein bedeutender Name als Kurator und in der Fotobuch-Szene. Wie auch immer, der neue Band liefert einen konzisen Einblick in die Fotoszene mit ihren schnell sich wandelnden Trends und Techniken; zu den Preisträgern der vergangenen Jahren gehören immerhin Dado Moriyama, Wolfgang Tillmans und Stephen Shore – anders gesagt, hier erhält man schnelle Informationen zur künstlerischen Fotografie und hat die Gewissheit, ein bibliophiles Druckwerk in der Hand zu haben. Einen noch weiter gefassten Blick auf die Kunst wirft ein Buch, das uns die Kunst

seit der Moderne schmackhaft machen möchte, Will Gompertz' Buch „Was gibt’s zu sehen ?“, das in England ein Bestseller ist und hierzulande unlängst bei DuMont erschienen ist. Es handelt von den Meisterwerken der letzten 150 Jahre und ihren Schöpfern. Es ist umfangreich und hat kaum Abbildungen. Umschlag und Papier haben gewiss etwas Solides, aber sind doch fern von jedem sinnlichen Erleben ... und doch verkauft es sich glänzend: Gompertz' argumentiert auf Augenhöhe mit seinen Lesern. Gompertz war Direktor für Marketing an der Tate Gallery, er hatte im Rundfunk eine Sendung über Kunst, ist also mit allen Wassern gewaschen. Bisweilen erinnert das Buch auch an eine Fernsehsendung, mit ihm als Moderator und Stimme aus dem Off. Das ist lästig. Andererseits ist das ein rhetorischer Trick – Gompertz lässt uns an seinen Erlebnissen teilhaben und er schafft eine narrative Struktur. Er ist der Meister der zielgerichteten Anekdote. Er ist vorsorglich: Er legt von vornherein klar, nicht mit den (so unterschiedlichen) Standardwerken im Umgang und in der Systematisierung der modernen Kunst zu konkurrieren (er nennt Ernst Gombrich und Robert Hughes). Er hinterfragt, was er sieht, beobachtet die Reaktionen

von Kindern; stellt sich vor, wie es wäre, mit den Künstlern durch die Straßen zu laufen; erinnert an ihre Herkunft und die Geschichte ihres Erfolges; er beschreibt die Reaktion der Tagespresse auf die damals neue Kunst und verfolgt die Auktionsergebnisse. Er packt historische Fakten in eine detailreiche Story, nicht ohne auf sein Vorgehen hin zu weisen (à la: So oder ähnlich könnte es sich zugetragen haben). Und er versucht, die Stile zu systematisieren. „Was gibt’s zu sehen?“ ist ein interessantes, bisweilen amüsantes Buch, das sehr viel an Hintergründen und Zusammenhängen schildert – und bei all dem einen Zugang zum Verständnis von Kunst schafft. In England versteht sich Gompertz als Kunstlehrer der Nation Also, mir gefällt's.

Will Gompertz, Was gibt’s zu sehen? 150 Jahre Moderne Kunst auf einen Blick, 448 S. mit 29 Farb- und 39 s/w-Abb., Hardcover, 24 x 15,5 cm, DuMont, 24,- Euro

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Amüsante Neurotiker-Parade Spiels nochmal, Sam Eine Komödie von Woody Allen im TiC-Theater Wuppertal

Inszenierung: Thomas Gimbel Bühne: Janosch Plaumann Kostüme: Christine Meyer Besetzung: Alexander Bangen (Allan Felix) Saskia Deer (Nancy, Sharon, Gina, Vanessa, Barbara u. a.) – Robert Flanze (Dick Christie) – Livia Caruso (Linda Christie) Benedict Schäffer / Christian Schulz (Bogey) Es gibt nichts, was ein Bourbon mit Soda nicht in Ordnung bringen würde. (Bogey) v.l.: Robert Flanze, Saskia Deer, Alexander Bangen, Christian Schulz, Livia Caruso Foto © Martin Mazur

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Ganz klar, niemand kann jemals den hypernervösen, hochneurotischen, gänzlich unmöglichen und schrecklich peinlichen kleinen Allan Felix des einzigartigen Woody Allen aus dem Kino-Film „Play it again, Sam“ kopieren. Regisseur Thomas Gimbel war also gut beraten, für seine Bühnen-Fassung der genialen filmischen Vorgabe zwar zu folgen, seinen Allan Felix aber mit dem sympathischen Schlaks Alexander Bangen sensibel in dessen Körpersprache zu inszenieren. Das ist ihm auch dank Bangens komischem Talent zum großen Vergnügen des amüsierten Publikums ganz hervorragend gelungen. Wie Allens Allan wird auch Bangens Allan trotz, ja wahrscheinlich auch wegen all der kleinen und mittelgroßen Katastrophen zum Sympathieträger, mit dem man leidet, hofft, resigniert und träumt. Es fängt, natürlich, nach der Einstimmung mit „As Time Goes By“ von Dooley Wilson mit der legendären Abschiedsszene aus „Casablanca“ an. Auf der kleinen, von Janosch Plaumann als Wohnung Allans wirkungsvoll eingerichteten Bühne entfaltet sich eine herrliche Neurotiker-Parade, angeführt von dem eben geschiedenen, im Grunde lebensuntauglichen Filmkritiker Allan Felix. Sein bester Freund Dick (köstlich überbeschäftigt: Robert Flanze), als erfolgloser Immobilien-Hai in VorMobiltelefon-Zeiten stets „am Draht“ und dessen Frau Linda (als „gute Freundin“ unwiderstehlicher als einst Diane Keaton: Livia Caruso) wollen den Verlassenen unbedingt wieder verkuppeln und fahren dabei

eine Kavalkade von Kandidatinnen auf. Die, samt und sonders treffsicher von der wandlungsfähigen Saskia Deer verkörpert, stellen unseren Anti-Helden vor immer neue schier unüberwindbare zwischenmenschliche Hürden. Saskia Deer gibt außerdem die immer wieder als negative Stimme einflüsternde Ex im Widerstreit mit Allans heimlichen Helden Bogey, der wie ein Freund Harvey in Trench und Calabreser, mit Bernard Herrmanns Musik zu Martin Scorceses „Taxi Driver“ (auch ein Kultfilm) unterlegt, im richtigen Moment die falschen knallharten Ratschläge gibt. Gimbels vier Protagonisten beherrschen dank seiner eleganten Hand das komplizierte Spiel mit Film- und Literatur-Zitaten und -Klischees, mit dem Schlagabtausch der geistreichen Dialoge, mit Traum-Sequenzen und Zeit-Ebenene, mit dem grandiosen Pointen-Feuerwerk Woody Allens und dem Jonglieren aus dem FF. Alexander Bangen brilliert in seinen Monologen, seinem Leben in Hypothesen und Träumen, nimmt anrührend mit in die gequälte Seele des Neurotikers. Man bangt mit ihm – und nicht vergebens… Wer sich mal wieder auf hohem Niveau amüsieren, von Herzen lachen möchte, sollte „Spiels nochmal, Sam“ im Wuppertaler TiC-Theater nicht verpassen. Chapeau! Frank Becker Weitere Informationen: www.tic-theater.de


Ghostwriter, wohin man schaut André Poloczek über Ulrich Lands England-Krimi „Messerwetzen im Team Shakespeare“

Ulrich Land, Messerwetzen im Team Shakespeare Historischer England-Krimi mit Rezepten Mord und Nachschlag 16 Oktober Verlag, 290 Seiten, Klappenbroschur, 15,90 Euro ISBN 978-3-944369-19-8 auch als E-Book erhältlich

Er ist – oder besser gesagt, war - der bedeutendste Dramatiker aller Zeiten, und wer das bislang noch nicht wusste, dem wird es jetzt durch die zahllosen Beiträge anlässlich der 450. Wiederkehr seines Geburtstags klar. William Shakespeare war der Größte. Und weil wir – trotz jahrhundertelanger Beschäftigung mit dem Mann aus Stratford-upon-Avon – sehr wenig über ihn wissen, bietet er sich immer wieder erneut für Spekulationen und Interpretationen an. So hat sich auch Ulrich Land, der trotz seines Umzugs nach Freiburg den Kontakt zur Wuppertaler Literaturszene hält, in seinem inzwischen fünften Roman dem Phänomen Shakespeare gewidmet. „Messerwetzen im Team Shakespeare“ heißt der Krimi und schon der Titel mag stutzig machen. Team? Ja, Land schließt sich der These an, dass es nicht einen Autor Shakespeare gab, sondern dass vielmehr eine Gruppe von Theaterautoren den Namen sozusagen als Qualitätssiegel nutzte. Da ist Kollegenneid und -streit vorprogrammiert, schon gerade dann, wenn William seinen Namen unter alle möglichen Stücke setzt, deren Urheberschaft dem Rest der Autorenriege schleierhaft bleibt. Doch ein Krimi wäre kein Krimi, wenn nicht auf den ersten Seiten eine Leiche auftauchte. Bei Land liegt Christopher Marlowe, der historisch verbürgte Schriftstellerkollege, erstochen in einer Taverne, nur um kurz darauf scheinbar spurlos zu verschwinden. Wer hat ihn umgebracht und wo ist Marlowes Leiche? Stehen seine geheimdienstlichen Ermittlungen in Katholiken- und Freidenkerkreisen damit in irgendeinem Zusammenhang? Land wetzt die Messer in unterschiedlichen Erzählsträngen. Rahmengebend ist, dass Shakespeare selbst vor dem Jüngsten Gericht erscheint und als Hauptangeklagter, der sich der Alltagssprache des 21. Jahrhunderts bedient, die Ereignisse kommentiert, „Die ganze Chose“, wie Land den Dichterfürsten sagen lässt, und die ganze Chose ist beinahe so handlungsgeladen wie etwa der „Hamlet“ und nicht minder getragen von Rache-, Neid- und

Eifersuchtsmotiven und nicht weniger blutig. Im Kontrast zu der in weiten Teilen heutigen Sprache führt Land seine Leserschaft in das elisabethanische England des ausgehenden 16. Jahrhunderts. Mit aller Derbheit und Brutalität, mit der sich die Zeitgenossen Shakespeares tatsächlich konfrontiert sahen. Was damals in Gasthäusern vor sich ging, würde heute zur sofortigen Schließung derselben führen und die auf den Straßen zur allgemeinen Belustigung stattfindenden Bärenkämpfe rufen in unseren Tagen nur noch Grauen hervor. Für uns Heutige leichter nachvollziehbar erscheint da die Rolle des protestantischköniglichen Geheimdienstchefs Walsingham, dem ist manch hinterhältiger Plan recht, um die schottisch-katholische Lady Blankfield, die dem Hof Elisabeths ein Dorn im königlichen Auge ist, aus dem Weg zu räumen. Auch die adelige Dame hat dichterische Ambitionen, aber in einer Zeit, in der Frauen nicht einmal auf der Bühne stehen durften, war es noch weniger vorstellbar, dass es ein Stück mit weiblicher Urheberschaft auf die Bühne geschafft hätte. Und da kommt der totgeglaubte Christopher Marlowe wieder ins Spiel. Der ist nicht nur nicht tot, vielmehr hat er sich, auf Lady Blankfields Betreiben hin, ausschließlich seinem Schreiben widmen können. Freilich nicht unter seinem Namen, sondern natürlich als... Da treibt die Dichterkonkurrenz ihrem Höhepunkt zu, denn wenn die Unsterblichkeit der eigenen Werke auf dem Spiel steht, dann ist die Sterblichkeit des Körpers eine zu vernachlässigende Größe. Und so endet Marlowes Leben doch noch durch einen Messerstich ins Herz, geführt von der eigenen Hand. Oder, ob der Mann aus Stratford bei dem Selbstmord assistierte? Er streitet’s ab! Aber hat er nicht auch Geister, Elfen und Hexen auf die Bühne gestellt, von denen wir wissen, dass es sie gar nicht gibt!? André Poloczek

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Die Kunst Italiens Architektur, Malerei und Plastik von der Antike bis heute

Rainer K. Wick Die Kunst Italiens - Architektur, Malerei und Plastik von der Antike bis heute 416 Seiten mit 243 s/w Abb., Bibliografie und Register, 17 x 24 cm, gebunden Zabern Darmstadt Voraussichtlich lieferbar ab Mai 2014 WBG-Preis ca. EUR 39,95 Buchhandelspreis EUR 49,95

Rainer K. Wick verfolgt die italienische Kunstgeschichte über mehr als 2.500 Jahre von den Griechen und Etruskern bis zu den Design-Legenden des 20. Jahrhunderts Wichtige Werke aus Architektur, Malerei und Plastik werden sachkundig erläutert, prominente Künstlerpersönlichkeiten lebendig porträtiert. Informationen zum historischen Hintergrund ergänzen den Überblick. Italien gilt weltweit als Wiege der abendländischen Kunst. Lange Warteschlangen vor den Uffizien in Florenz, den Vatikanischen Museen in Rom oder den archäologischen Stätten in Pompeji belegen die Anziehungskraft seiner Kunstschätze. Diese Geschichte der italienischen Kunst umfasst einen Zeitraum von mehr als 2.500 Jahren. Sie entfaltet ein einmaliges Panorama bedeutender Künstler und überragender Werke. Baukunst, Plastik und Malerei sind ebenso vertreten wie Kunstgewerke und Design. Die großen Kirchenbauten des Mittelalters, die Ikonen der Renaissance oder das barocke Rom der Päpste zählen zu den zahllosen Höhepunkten. Die Beschreibungen und Erläuterungen der einzelnen Werke sind stets in die historischen Zusammenhänge eingebettet und von kurzen Biographien der Künstler begleitet. Der Band ist als Lesebuch wie als Nachschlagewerk gleichermaßen geeignet. Rainer K. Wick, geb.1944. studierte Pädagogik, Soziologie, Kunstgeschichte und Kunsterziehung in Bonn und Köln. 1975 Promotion in den Fächern Soziologie, Kunstgeschichte und Pädagogik mit einer kunstsoziologischen Dissertation über Happening und Fluxus; 1979-1985 Professor im Fachbereich Gestaltung und Kunsterziehung (Folkwang) an der Universität Essen; 1985 Habilitation für Kunstpäda-

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gogik mit einer Forschungsarbeit über die Pädagogik am Bauhaus; 1986-2009 Lehrstuhl für Kunstund Kulturpädagogik an der Bergischen Universität Wuppertal. Zahlreiche Buchveröffentlichungen sowie Zeitschriften-, Katalogund Lexikonbeiträge.


Geschichtsbücher, Buchgeschichten Vorgestellt von Matthias Dohmen

Kalter Kaffee Dreist: Der Atomwissenschaftler Claud Amory (pardon! Sir Claud Amory) hat eine riskante Formel entdeckt, die ihm, als er sie dem Verteidigungsministerium zur Verfügung stellen kann, gestohlen wird. Er wird, bevor er Hercule Poirot ins Spiel bringen kann, der den Fall selbstverständlich aufklärt, vor den Augen der Familie ermordet. Klingt nach typischer Agatha Christie, und ist es auch ... nicht. Das Kammerspiel der berühmten Britin ist von einem Charles Osborne „als Roman bearbeitet“ worden und kommt recht hölzern daher. Auf dem Cover des Taschenbuchs prangt der bekannte Schriftzug der „Queen of Crime“, die 73 lesenswerte Kriminalromane, zahlreiche Kurzgeschichten, 20 Theaterstücke (darunter den „schwarzen Kaffee“), eine Autobiographie, einen Gedichtband und sechs Romanzen veröffentlicht hat. Dass es sich beim „Black Coffee“ um einen Verschnitt handelt, erfährt der Leser erst beim Aufblättern. Diesmal also nicht die spannende Aufklärung eines gruseligen Verbrechens, sondern selbst ein Betrug. Am Leser. Schulnote mangelhaft. Agatha Christie, Black Coffee. Als Roman bearbeitet von Charles Osborne, Frankfurt am Main: Fischer 32012 (= FischerTaschenbuch 16950), 190 S., 7,95 Euro

Kalte Heimkehr Vorbildlich: Der Heimkehr der Autorin des weltberühmten Romans „Das siebte Kreuz“, und zwar der Rückkunft in ein „kaltes Land“, geht die promovierte Literaturwissenschaftlerin Monika Melchert nach. Feinfühlig, gewissenschaft und präzise recherchiert. Sie lässt uns teilhaben am Leben der großen Mainzer Schriftstellerin: „Als Anna Seghers zurückkehrt, stoßen zwei Empfindungen aufeinander: ihre unbändige Sehnsucht nach Deutschland – und das Vergessensein im eigenen Land.“ In einem ihr zugewiesenen Zimmer des weitgehend zerstörten legendären Hotels Adlon beginnt sie wieder zu schreiben. Und alte Bekannte wiederzutreffen wie die ebenfalls aus Rheinhessen stammende katholische Literatin Elisabeth Langgässer. 1950 wird Seghers Mitglied der Deutschen Akademie der Künste und erfährt noch so manche Ehrung mehr seitens des DDR-Staates, dem sie zeitlebens verbunden bleibt. „Den Traum von einer veränderbaren Welt gibt sie nicht auf“, lautet der letzte Satz des mit Zeittafel, Literaturliste, zahlreichen Fotos und einem Personenregister versehenen Arbeitsbuchs. Die kleine Wiederentdeckung einer großen Schriftstellerin. Schulnote gut. Monika Melchert, Heimkehr in ein kaltes Land. Anna Seghers in Berlin 1947 bis 1952, Berlin: vbb 2011, 172 S., 14,95 Euro

Kaltes Košice Umfassend: Ein opulentes Werk über Wuppertals slowakische Partnerstadt fernab in den Karpathen. „Kaschau war eine europäische Stadt“ ... so erinnert sich der ungarische Schriftsteller Sándor Máral wehmütig an den Ort seiner Geburt, seine untergegangene Bürgerkultur und deren Völkergemisch. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war die Stadt Teil eines Vielvölkerstaaats und eines Mitteleuropa, „das in den Wirbeln des nationalen Wahns und der totalitären Diktaturen klanglos untergegangen ist“ (aus dem Vorwort von Dušan Šimko). Weiter kommen neben vielen anderen zu Wort: der türkische Weltenbummler Evliya Çelibi, der im 17. Jahrhundert von den Marmorstraßen schwärmt, von denen man „Honig schlecken“ könne, sein Zeitgenosse Daniel Speer, der vor der Pest warnt, vor lasterhaftem Weibsvolk und Räubern, der ungarische Freiheitsdichter Sándor Petöfi, der „rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch, Karl Schlögel, Eduard Goldstücker oder Ilja Ehrenburg und Franz Jung. „Lebensspuren von Kaschauer Juden“ geht der Wuppertaler Historiker Michael Okroy nach. Das Buch, so heißt es auf dem Umschlag zu Recht, ist ein idealer Begleiter auf Reisen in die Europäische Kulturhauptstadt 2013. Hinfahren und hinlesen! Schulnote sehr gut. Dušan Šimko (Hrsg.), Košice – Kaschau. Ein Reise- und Lesebuch, Wuppertal: Arco 2013, 271 S., 16,00 Euro

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Kulturnotizen Stephan Balkenhol im Skulpturenpark Waldfrieden, 12. Juli – 12. Oktober Stephan Balkenhol, 1957 im hessischen Fritzlar geboren, ist mit seinen Werken seit 1983 in zahlreichen Galerien und Museen vertreten, unter anderem in großen Einzelausstellungen in den Deichtorhallen Hamburg (2008/09) und im Musée de Grenoble (2010/11). Balkenhols Werk zeichnet sich durch das Bestreben des Künstlers aus, die Skulptur von politischen, religiösen oder allegorischen Implikationen zu befreien und die figurative Skulptur neu zu begründen. Mit den für den öffentlichen Raum realisierten Arbeiten lässt sich Balkenhol auch auf historisch aufgeladene Orte ein und nimmt auf diese formal und inhaltlich Bezug. Der Künstler lebt und arbeitet in Kassel, Karlsruhe, Meisenthal (Frankreich) und Berlin. Seit 1992 lehrt Balkenhol als Professor fu?r Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Ku?nste Karlsruhe. Die Ausstellung des Skulpturenparks präsentiert aktuelle Arbeiten des Künstlers. Zur Ausstellung erscheinen eine Broschüre und ein Plakat. Pressegespräch und Rundgang durch die Ausstellung mit Stephan Balkenhol und Tony Cragg findet am Freitag, den 11. Juli 2014, um 11 Uhr statt. Skulpturenpark Waldfrieden Hirschstraße 12, 42285 Wuppertal, Telefon 02 02 / 47 89 81 20 www.skulpturenpark-waldfrieden.de März bis Oktober, Dienstag bis Sonntag: 10 - 19 Uhr – November bis Februar, Freitag bis Sonntag: 10 - 17 Uhr. Feiertags geöffnet.

Stephan Balkenhol, Sempre piu ..., 2009, © Stephan Balkenhol

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Aktuelle Ausstellungen in Köln www.museenkoeln.info Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud Liebermanns Rasenbleiche. Die verschwundene Wäscherin 7. März bis 15. Juni 2014

Ein verlassener Waschtrog ist der einzige Hinweis auf das Verschwinden der jungen Frau. Er steht inmitten der „Rasenbleiche“ von Max Liebermann. Aber von der Wäscherin, die der Maler ursprünglich für das Bild geschaffen hatte, fehlt heute jede Spur. Anhand von Röntgen- und Infrarotaufnahmen, Vorzeichnungen und dem Original erzählt das Wallraf eine spannende Geschichte von Verschwinden und Entstehen. Museum für Angewandte Kunst Köln A Party for Will! Eine Reise in das Shakespeare-Universum 15. März bis 15. Juni 2014

Shakespeare ist trotz seiner 450 Jahre ein ausgesprochen lebendiges Geburtstagskind! Das MAKK feiert zusammen mit der Theaterwissenschaftlichen Sammlung der Universität zu Köln diesen runden Geburtstag mit einer Entdeckungsreise in die Weite und Fülle des Shakespeare-Universums. In einer außergewöhnlichen Ausstellung werden die Spuren der weltweiten Shakespeare-Rezeption auf dem Theater und im Film, aber auch in Literatur, Malerei und Comics sichtbar. Dabei beschränkt sich die Ausstellung nicht allein auf die Präsentation von Exponaten, sondern schafft auch Möglichkeiten für die Besucher, selbst in den turbulenten Shakespeare-Kosmos einzusteigen.

Museum Ludwig Pierre Huyghe - 11. April bis 13. Juli 2014 Eine Eiskunstläuferin, die auf einer schwarzen Eisbahn abstrakte Figuren zeichnet, ein weißer Hund mit pinkfarbener Pfote, der sich durch die Ausstellungssäle bewegt, Ameisen und Spinnen, die sich in bestimmten Ecken diskret aufhalten dürfen: der französische Künstler Pierre Huyghe (geboren 1962 in Paris) lädt den Besucher ein auf eine Entdeckungsreise durch seine Arbeit der letzten zwanzig Jahre. Die Ausstellung versammelt über fünfzig Arbeiten und Projekte. Centre Pompidou, Musée National d’art moderne, Paris, in Zusammenarbeit mit dem Museum Ludwig, Köln und dem Los Angeles County Museum of Art. SK-Stiftung Kultur der Sparkasse KölnBonn August Sander: Meisterwerke und Entdeckungen 21. März bis 3. August 2014 August Sander (1876–1964) gilt als einer der wichtigsten Photographen des 20.

August Sander: Zirkusartisten, 1926 – 1932, © Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Jahrhunderts. Anlässlich seines 50.Todestages zeigt die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur eine große Retrospektive mit rund 300 Originalabzügen in ihren Räumen im Kölner Mediapark. Das dort bewahrte August Sander Archiv beinhaltet den weltweit größten Bestand an Originalphotographien und Negativen zum Werk des aus dem Westerwald stammenden und Jahrzehnte in Köln wirkenden Photographen.

Wallraf-Richartz-Museum/Fondation Corboud Rubens, Du & ich. Freundschaftsbilder 7. Mai bis 17. August 2014 Das Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud macht die Bühne frei für zeitgenössische Inszenierungen von Freundschaft: Im Spiegel von Peter Paul Rubens und seinen Vertrauten haben sich junge Freunde ausprobiert und eigene, ganz persönliche Freundschaftsbilder entworfen. Dabei beschäftigten sie sich mit konkreten und aktuellen Fragestellungen zum Thema: Was bedeutet Freundschaft in Zeiten von Facebook und anderen sozialen Netzwerken? Welche Rolle spiele ich in meinem Freundeskreis? Wie sehe ich mich und wie wirke ich auf andere?

Max Klinger: Opus II. Rettungen ovidischer Opfer 23. 5. bis 10. 8. 2014 Im Jahre 1879 schuf Max Klinger (1857 - 1920) seinen aus 13 Blättern bestehenden graphischen Zyklus „Opus II - Rettungen Ovidischer Opfer“. Der Künstler nimmt darin Bezug auf drei Geschichten aus den Metamorphosen von Ovid: Pyramus und Thisbe, Narziss und Echo sowie Apoll und Daphne. Die Besonderheit dieser Arbeiten besteht darin, dass Klinger die zumeist tödlich endenden Geschichten Ovids lebensbejahend und ironisch uminterpretiert. Kölnisches Stadtmuseum Polaroids-getoastet – Der Kölner Fotograf Herbert Döring Spengler, 23. Mai bis 10. August 2014 Kunst- und Museumsbibliothek Willy Meller. Ein Künstler zwischen Diktatur und Demokratie, 27. Juni bis 10. August 2014 Käthe Kollwitz Museum Nähe und Distanz, 4. Mai bis 15. Juni 2014

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Kulturnotizen Mit dem Karussell durch Europa Der neue Wuppertaler LiteraturAlmanach „Karussell“ – Bergische Zeitschrift für Literatur, herausgegeben vom Verband Deutscher Schriftsteller (VS), Bezirk Bergisches Land, versammelt zwischen seinen großformatigen Deckeln wieder eine erlesene Auswahl neuer Literaturstücke von Autorinnen und Autoren der Region. Der Anlaß ist angemessen, denn nahezu gleichzeitig mit dem Erscheinen der sicher bald vergriffenen kleinen Auflage von 300 Exemplaren holt die 2. Wuppertaler Literatur Biennale im Mai unter dem Motto „Unterwegs nach Europa“ nationale und internationale Autoren zu einem aufregenden Programm in die Stadt Paul Pörtners, Robert Wolfgang Schnells, Rudolf Herzogs, Else LaskerSchülers und Armin T. Wegners. Die Redaktion des 3. „Karussell“ teilen sich für dieses große Projekt diesmal Sibyl Quinke (VS), Dorothea Renckhoff (PEN), Marianne Ullmann (GEDOK) und bewährt Friederike Zelesko (VS). Die umfangreiche Broschur ist wieder ein „Who is Who“ der aktuellen Literaturszene der Region und wie auch schon bei den ersten beiden Ausgaben ein Spitzentreffen: Marlies Blauth, Jörg Degenkolb-Degerli, Falk Andreas Funke, Christina HäuschenRies, Dieter Jandt, Marina Jenkner, Arnim Juhre, Anja Kampmann, Bastian Kresser, Ulrich Land, Stefan Mettler, Karl Otto Mühl, Konrad H. Roenne, Ingrid Schaarwächter, Karla Schneider, Hermann Schulz, Stefan Seitz, Ingrid Stracke, Ruth Velser, Wolf Christian von Wedel Parlow, Michael Zeller, Daniel Zipfel, Angelika Zöllner sind die Autorinnen und Autoren, die mit zum Teil mehrer als einem Beitrag in Lyrik und Prosa in dem solide gebundenen und auf schwerem Papier gedruckten Almanach versammelt sind. und natürlich sind auch viele Musenblätter-Autoren dabei (und hier im Text zu ihren Beiträgen verlinkt). Wie schon in Band 2 zuvor wurden fünf Texte des einzigartigen Robert Wolfgang Schnell posthum eingerückt. Auch die designierte Wuppertaler Schauspielintendantin Susanne

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Abbrederis kommt mit einem Beitrag im Interview mit Eva Geber zu Wort – nicht uninteressant im Zusammenhang mit der aktuellen Diskussion über das langsame und qualvolle Sterben des Sprechtheaters in Wuppertal. Die Lektüre, die „Karussell 3“ bietet, ist nicht lediglich ein Spiegel der aktuellen Literaturszene – die ja nicht zwangsläufig kurzweilig, anspruchsvoll oder auf hohem Niveau stehen müßte. Sie ist mehr, denn in diesem Fall treffen die genannten Attribute zu. Karussell 3 ist pures und abwechslungsreiches Lesevergnügen. Ein kompaktes Autorenverzeichnis am Schluß macht in Kurzbiographien mit allen Damen und Herren bekannt, deren Beiträge hier versammelt sind und eine aktuelle Liste macht dankenswert auf die Veröffentlichungen 2013/14 der VS-Autoren aufmerksam. Frank Becker

Karussell 3 - Bergische Zeitschrift für Literatur, ISBN 978-3-942043-42-7 erscheint im Verlag HP Nacke Wuppertal. Die broschierte Ausgabe mit 149 Seiten inkl. Autorenregister und Veröffentlichungen-Liste ist zum Preis von 10, – Euro über den Buchhandel zu beziehen. Weitere Informationen: www.hpnackekg.de/

Termine Literaturhaus Wuppertal e.V.

13. Mai 2014 – 19.30 Uhr Andreas Steffens: Aphorismen Ort: Literaturhaus e. V. Wuppertal Friedr.-Engels-Allee 83, 42285 Wuppertal Tel.: 0202 8 02 32, Fax: 0202 8 992 76 info@literaturhaus-wuppertal.de, www.literaturhaus-wuppertal.de/ Eintritt: 5 Euro, ermäßigt 3 Euro Die kleinste literarische Gattung, der Aphorismus, ist eine der ältesten Äußerungsformen im Grenzgebiet von Denken und Dichten. Wie lebendig und vielfältig er ist, zeigt die Anthologie „Neue deutsche Aphorismen“, die soeben in der Dresdner Edition Azur in einer neu bearbeitenden Auflage erschienen ist. Mit dabei ist auch der Wuppertaler Autor Andreas Steffens. Zusammen mit den Herausgebern Alexander Eilers und Tobias Grüterich, beide selbst Aphoristiker von

Rang, stellt er die Anthologie an diesem Abend im Literaturhaus in Lesung und Gespräch vor. Mehr zur Anthologie bei der Edition Azur <http://www.edition-azur.de/de/62/ content/1120_alexander_eilers_tobas_ gratildefracterich_hg_neue_deutsche_ aphorismen.html>, Weitere Infos zum Autor beim NordPark Verlag <http://www. nordpark-verlag.de/steffens-glueck.html>


Nach dem Schriftsteller Paul Auster ist der wahre Sinn von Kunst „die Welt zu durchdringen und den eigenen Platz zu finden.“ Mit der Akademie Plus bietet die Akademie Remscheid ein Programm für außerberufliche Schaffensräume. Die Workshops rund um Kultur richten sich an Neugierige, die sich vor allem persönlich inspirieren lassen wollen. Sie können hier bisher unentdeckte Interessensgebiete kreativ-künstlerisch erobern und bereits Erprobtes mit Hilfe erfahrener Dozentinnen und Dozenten sowie im Austausch mit Gleichgesinnten um neue Facetten bereichern. Mit einer Teilnahme in der Akademie Plus wachsen nicht nur Fähigkeiten und Kenntnisse, sondern vor allem der persönliche Horizont.

Veranstaltungshinweise Juni/Juli 2014

Herzstücke unter der Lupe Spielerisches Schreibseminar 20. - 22. Juni, Fr, 15 Uhr bis So, 13 Uhr Fotografieren statt knipsen – Teil 1 Digitalfotografie für Einsteiger Sie fotografieren seit kurzem mit Ihrer neuen Kamera oder haben vor, Ihre Erinnerungen an den Urlaub oder an Familienereignisse zum ersten Mal in digitalen Bildern festzuhalten? Mit diesem Seminar haben Sie Gelegenheit, sich Schritt für Schritt in der Handhabung der digitalen Kamera für den alltäglichen Gebrauch zu üben. Von der Bedienung der Einstellungen über Tipps für gute Bilder bis hin zum Überspielen der Bilder auf den Computer unterstützt die Dozentin die Teilnehmenden bei Ihren ersten Schritten in das Thema Digitalfotografie. Im Vordergrund des Seminars steht der kreative Umgang mit der Medientechnik, der die Angst vor der Technik nehmen soll. Vom Seminar ausgenommen ist die Arbeit mit Spiegelreflexkameras. Termin: 20. - 22. Juni, Fr, 15 Uhr bis So, 13 Uhr

Abenteuer Kulturwoche im Sommer 2014 Spartenübergreifend: Theater, Malerei, Zeichnung, Digitalfotografie In der Kulturwoche geht es egal ob auf der Bühne, mit Farbe, Stift oder Fotoapparat um das Thema „Linie“. Um teilzunehmen, melden Sie sich zwar für einen der vier Bereiche Malerei, Zeichnung, Theater oder Fotografie an, können aber auch in den anderen Sparten kreativwerden. D. h. bei einer Teilnahme können Sie von allen vier Dozenten und von allen vier verschiedenen künstlerischen Sparten profitieren. Sie entscheiden selber, ob und wann Sie die Räume wechseln. Durch die Arbeit in vier verschiedenen Sparten gibt es Inspiration und neue Impulse. Abends finden zusätzlich bunte Sommerkulturangebote statt. Termin: 14. - 18. 6. Fr 15 bis So 13 Uhr Für alle, die gerne mit dabei sein möchten, finden sich weitere Informationen unter: www.akademieremscheid.de/Akademie-Plus. de oder telefonisch unter 02191-794 212. Joomla in der Praxis - Upgrade Webdesign für Smartphones und Tablets 3.–6. 7. 2014, Do., 15 – So., 12 Uhr Webseiten werden nicht nur am PC betrachtet, sondern zunehmend auch auf mobilen Geräten wie Smartphones oder Tablets genutzt. Für diese Geräte kann das Erscheinungsbild von Internetseiten gestalterisch und technisch gezielt aufbereitet werden. In diesem Werkstattkurs werden Voraussetzungen und Möglichkeiten von responsivem Webdesign vorgestellt und im Rahmen des Content Management Systems Joomla und entsprechender Templates / Designs ausprobiert. Im Mittelpunkt der praktischen Arbeit steht die Erstellung bzw. die Modifikation / Einbindung von Cascading Style Sheets (CSS) für diverse Ausgabegeräte. Der Kurs richtet sich an Fachkräfte aus Jugend-, Kultur- und Bildungsarbeit, z. B. aus Jugend- und Kulturzentren, Kindertagesstätten und Horten, aus Jugendkunstschulen, Heimen sowie an Lehrerinnen und Lehrer aller Schulformen, die bereits eine Webseite mit Joomla betreiben und diese speziell für die mobile Nutzung optimieren wollen. Kompetenzen Medienpass NRW Bedienen + Anwenden Kursleitung Mareike Kranz, Medienberaterin und Mediengestalterin. Kursgebühr € 150,00, Unterkunft und Verpflegung € 153,00 Akademie Plus, Küppelstein 34, 42857 RS, Telefon 02191 794-200 oder -212 www.akademieremscheid.de/Akademie-Plus.de

MÜLLERS MARIONETTEN THEATER Hummelgebrummel Mit dem Theatermärchen „Brummel, die wilde Hummel“ wird es auf der Bühne von Müllers Marionetten-Theater ab dem 29. Mai 2014 ganz schön blumig und sommerlich. Die kleine Hummel sieht aus, wie alle Hummel-Babies: kugelrund und allerliebst. Ihre Eltern nennen sie stolz „Bombus Magnus Flavoscutellaris“ und obwohl das doch ein schöner und auch sehr vornehm klingender Name ist, nennen sie alle einfach nur Brummel. Mit ihrem Papa erlernt Brummel das Fliegen und alle anderen Kunststücke, die Hummeln so können. Eines Tages unternimmt die Familie einen Ausflug und auf diesem ersten weiten Flug kommt die kleine Hummel Brummel vom Kurs ab und verliert – oh Schreck – ihre Familie … Glücklicherweise lernt sie unterwegs jedoch viel Krabbelgetier kennen, das ihr hilft, den Weg nach Hause zu finden. Da ist zum Beispiel eine lustige Biene aus der Schweiz oder der doch manchmal etwas knurriger Hirschhornkäfer. Auch die Flugkünstlerin Libelle und ein leicht abgedrehter Hauhechelbläuling mit seinem besten Freund, dem Karpfen, begegnen der kleinen Hummel. Mit der Wiederaufnahme des Märchens von der kleinen Hummel Brummel bereitet Müllers Marionetten-Theater frühlingshaftes Theatervergnügen für die ganze Familie

Termine: 29. Mai 2014, 16 Uhr 1., 8., 14., 21. Juni und 6. Juli 2014 jeweils um 16 Uhr 11. Juni 2014, 11 Uhr Sämtliche Termine finden Sie unter www.muellersmarionettentheater.de

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Kulturnotizen

www.wuppertaler-buehnen.de So, 1. 6., 18:00 Uhr /// Opernhaus /// Alcina /// Dramma per musica in drei Akten von Georg Friedrich Händel, Text von Antonio Marchi /// In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln.

Weitere Aufführung: Sa, 7. 6., 19:30 Uhr /// zum letzten Mal Fr, 6. 6., 19:30 Uhr /// Opernhaus /// Viel Lärmen um nichts /// Komödie von William Shakespeare, Bühnenmusik von Wolfgang Korngold /// Sinfonieorchester Wuppertal ///

Weitere Aufführungen: So, 15. 6., 16. Uhr (mit Kinderbetreuunng) / Di, 17. 6., 19.30 Uhr / Sa, 21. 6., 19.30 Uhr / Fr, 27. 6., 19.30 Uhr / So, 29. 6., 18.00 Uhr Fr , 13, 6., 20:00 Uhr /// Patrick Stanke „Role of a lifetime“ /// Musical Highlights

Sa, 14. 6., 15:00 Uhr /// Kinderchorkonzert /// Sing and Swing II, mit dem Kinderchor der Wuppertaler Bühnen Sa, 14. 6., 19:30 Uhr /// Premiere mit öffentlicher Premierenfeier - Einführung 19:00 Uhr /// König Roger (Król Roger) /// von Karol Szymanowski,

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Text von Karol Szymanowski und Jaroslaw Iwaszkiewicz /// Weitere Aufführungen; Fr, 20. 6., 19:30 Uhr / So, 22. 6., 16:00 Uhr (mit Kinderbetreuung) / Do, 26. 6., 19:30 Uhr / Sa, 28. 6., 19:30 Uhr, zum letzten Mal Mo, 16. 6., 21:00 Uhr /// geänderte

Anfangszeit! /// zum letzten Mal: Die ägyptische Maria (Maria Egiziaca) /// Emmauskirche /// Mysterium in einem Akt von Ottorino Respighi, Libretto von Claudio Guastalla. In italienischer Sprache. Di, 17. 6., 21:00 Uhr /// geänderte Anfangszeit! /// zum letzten Mal: Die ägyptische Maria (Maria Egiziaca) /// Christuskirche /// Mysterium in einem Akt von Ottorino Respighi, Libretto von Claudio Guastalla. In italienischer Sprache. So, 29. 6., 14:00 Uhr, Einlass ab 13:30 Uhr Opernhaus /// Operettencafé „Ich lade gern mir Gäste ein“ /// Mit Boris Leisenheimer und Mitgliedern des Opernensembles

www.sinfonieorchester-wuppertal.de

Mi, 4. 6., 10:00 Uhr und 12:00 Uhr /// Historische Stadthalle /// 4. Schulkonzert /// Felix Mendelssohn Bartholdy »Ein Sommernachtstraum« Do, 5. 6., 10:00 Uhr und 12:00 Uhr / Historische Stadthalle /// 4. Schulkonzert

/// Felix Mendelssohn Bartholdy »Ein Sommernachtstraum« So. 15. 6., 18:00 Uhr /// Historische Stadthalle /// 4. Chorkonzert /// Carl Philipp Emanuel Bach »Auferstehung und Himmelfahrt Jesu« Mo, 16. 5., 9:00 Uhr und 10:30 Uhr /// Kindergartenkonzerte /// Sergej Prokofjew »Peter und der Wolf« Di, 17. 5., 9:00 Uhr und 10:30 Uhr /// Kindergartenkonzerte /// Sergej Prokofjew »Peter und der Wolf« Mo, 23. 6., 20:00 Uhr /// Historische Stadthalle /// 6. Kammerkonzert /// Wolfgang Amadeus Mozart - Quintett für Klavier, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott KV 452 /// Franz Schubert - Oktett für Klarinette, Horn, Fagott, Streichquartett und Kontrabass D803 So, 29. 6., 11:00 Uhr /// Historische Stadthalle /// 10. Sinfoniekonzert /// Antonín Dvorák - Violinkonzert a-Moll op. 53 »Slawische Tänze« op. 46 & 72 (Auszüge) Mo, 30. 6., 20:00 Uhr /// Historische Stadthalle /// 10. Sinfoniekonzert /// Antonín Dvorák - Violinkonzert a-Moll op. 53 »Slawische Tänze« op. 46 & 72 (Auszüge) /// Frank Peter Zimmermann, Violine / Sinfonieorchester Wuppertal / Toshiyuki Kamioka, Leitung

Frank Peter Zimmermann Einer der bedeutendsten deutschen Geiger ist im letzten Sinfoniekonzert zu erleben: Frank Peter Zimmermann. Unermüdlich setzt er sich für eine Erweiterung des Geigen-Repertoires ein, denn „letztendlich dreht es sich immer wieder um dieselben 15 Konzerte“, verriet er einmal in einem Interview. – In die reiche Welt der »Slawischen Tänze« führt GMD Toshiyuki Kamioka auch im zweiten Teil des Konzerts. Dvoráks so betitelte Sammlungen entstanden 1878 und 1887. Jedes der Stücke sprüht vor Ideen. Umfassend slawisch ist die Herkunft der verwendeten Tanztypen. Konzerteinführung Montag, 30. Juni, um 19 Uhr mit Prof. Dr. Lutz-Werner Hesse.


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Sonntag, 22. 6., 15:00 Uhr „Eine Märchenreise“ incl, Chai-Tee , Indischer Märchenzauber, Nachmittagsesung Samstag, 7. 6., 20:00 Uhr „Fünf Frauen & Ein Mord“ britische Krimikomödie von Gladys Heppleworth – "very british" Willkommen auf Hearstone Manor zu einer Krimi-Komödie, die Sie mit einer höchst amüsanten Auflösung überraschen wird! Sonntag, 8. 6., 18:00 Uhr „Fünf Frauen & Ein Mord“, britische Krimikomödie Samstag, 14. 6., 20:00 Uhr „Achtung Deutsch“ Multikulti-Komödie

Sonntag, 28. 6., 20:00 Uhr „Die Irre von Chaillot“ von Jean Giraudoux Samstag, 12. 7., 20:00 Uhr „Vorsicht Lebensgefahr! Urlaub könnte so schön sein“ Kabarettistische Lesung mit Thomas Rosteck TalTonTHEATER Wiesenstraße 118, 42105 Wuppertal, www.taltontheater.de Preise: VK Typ A: 17,-/15,- VK Typ B: 15,-/12,- AK Typ A: 18,50-/15,- AK Typ B: 16,50-/12,- /// kontakt@taltontheater.de Kartentelefon: 0211 œ 27 4000 /// online Tickets siehe Homepage

rinke.eu

Mit diesem modernen Märchen enthüllt sich der echte Jean Giraudoux als Autor mit florettierendem Witz und einer leichten und sicheren Fähigkeit des Gestaltens.

ABBILDUNG DER VERGANGENHEIT >>> UNSERE KERNKOMPETENZ BEGLEITUNG IN DER GEGENWART >>> UNSERE QUALITÄT BLICK IN DIE ZUKUNFT >>> UNSERE SPEZIALITÄT

Achtung deutsch Durch einen bürokratischen Irrtum wird Henrik Schlüters Multi-Kulti-Studenten-WG als Familie eingestuft. Als während seiner Abwesenheit ein pflichtgetreues Prüforgan der Wohngenossenschaft zum Lokalaugenschein kommt, spielen der Syrer Tarik, die Französin Virginie, der Italiener Enzo und der Wiener Rudi die pefekte deutsche Familie. Doch wie wird man so schnell zum richtigen Germanen? Ein gewagtes Spiel! Das natürlich bald aus den Fugen gerät. Zudem ist da noch der grantige Nachbar, der die Studenten am liebsten im Studentenwohnheim sähe.

BERATUNG FÜR EINE SICHERE ZUKUNFT. RINKE TREUHAND GmbH

Sonntag, 1. 6., 18:00 Uhr „Achtung Deutsch“ Multikulti-Komödie

Samstag, 21. 6., 20:00 Uhr Samstag, 28. 6., 20:00 Uhr „Die Irre von Chaillot“ von Jean Giraudoux Geldgierige Spekulanten haben Erdöl unter den Straßen von Paris entdeckt und drohen nun, die Stadt in die Luft zu sprengen, um an die Ressourcen zu gelangen. Diesen skrupellosen „Feinden“ stellt sich eine alte Frau entgegen, die man in ihrem Stadtviertel Chaillot wegen ihrer Marotten mit Respekt „die Irre“ nennt: die alte Gräfin, eine der köstlichsten und erschütterndsten Figuren der Bühne. Sie heckt mit ihren nicht minder bizarren Freundinnen einen Plan aus, um die Stadt zu retten. Vernunft und Nächstenliebe sollen den Sieg über die Mächte des Bösen davontragen...

KLARE SICHT MIT UNTERNEHMENSBERATUNG

Juni

Samstag, 15. 6., 15:00 Uhr „Achtung Deutsch“ Multikulti-Komödie

WIRTSCHAFTSPRÜFUNG · STEUERBERATUNG · UNTERNEHMENSBERATUNG

TalTonTheater Spielplan Juni/Juli 2014

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Kulturnotizen Mittwoch, 4. Juni 2014 | 20:00 Donnerstag, 5. Juni 2014 | 20:00 Kuhl un de Gäng Michael Kuhl - voc | Hagen Fritzsche - org | Tobias Hebbelmann – p | Yannick Richter – git | David Brück– sax | Michael Thelen, Mathis Petermann – trp | Michael Dahmen – b | Manuel Pickartz – dr

Kölsch meets Pop und Soul, mal rockig schnell, mal melancholisch. Zart, kombiniert mit kölschen Texten – Frontmann und Sänger Michael Kuhl mit seiner aus neun jungen Musikern bestehenden Gäng erobert seit 2012 die Bühnen in Köln und Umgebung ! Der Sound der Band bleibt dabei immer geprägt von satten Bläserarrangements und dem pumpenden Groove der Rhythmusgruppe. Wozu eigentlich noch lange schreiben? Musik muss man erleben, also: Kuhl un de Gäng live erleben ! Mehr Informationen: www.kuhl-gaeng.de

Samstag, 28. Juni 2014 | 20:00 Inside Out (Markus Stockhausen & Florian Weber) Markus Stockhausen, tp/flh | Florian Weber p Florian Weber und Markus Stockhausen, der renommierte Trompeter und Komponist, sind Meister Ihres Fachs. Farbenreiche Kompositionen und inspirierte Improvisationen fügen sich zu einem harmonischen Ganzen, den Instrumenten werden ungeahnte Töne entlockt, mitunter komplexe, virtuose Ton- oder Akkordfolgen, lebhaft und jazzig, dann wieder harmonisch-melodiös, ruhig und innerlich, das sanfte Flügelhorn untermalt von einfühlsamen Klängen des Klaviers. Ein fesselndes, musikalisches Erlebnis - selten in Köln zu hören ! www.markusstockhausen.de

(Foto: Rolf Freiberger) Altes Pfandhaus GmbH Kartäuserwall 20, 50678 Köln, Telefon: 0221.278 36 85, www.altes-pfandhaus.de

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Sebastian Gramss‘ BASSMASSE Marc Ribot „Protest Songs“ Han Bennink & Oscar Jan Hoogland Ricky-Tick Big Band & Julkinen Sana

Large Unit Samstag, 7. 6. 2014, 15 Uhr, Festivalhalle Moers Paal Nilssen-Love „Large Unit“ Joey Baron & Robyn Schulkowsky Jean Louis Orchestre National de Jazz Olivier Benoit Sjur Miljeteig Group The Sun Ra Arkestra

Arto Lindsay Paal Nilssen

Dienstag, 10. Juni 2014 | 20:00 Bob Mintzer & Martin Sasse-Trio Bob Mintzer – sax | Martin Sasse – p | John Goldsby – b | Hans Dekker – dr

Der Musik lebenslang verpflichtet, neue Dinge zu beachten und zu entwickeln, demütig und heiter beim Spielen – diesen Weg ging und geht Bob Mintzer als Komponist, Lehrer und Dirigent/Bandleader. Sein musikalisches Leben und die Wegbegleiter, mit denen er gearbeitet hat, lesen sich wie das „WHO is WHO“ des Jazz: Art

Freitag, 6. 6. 2014, 19 Uhr, Festivalhalle Moers

Blakey, Jaco Pastorius, Sam Jones, Randy Brecker, Gil Evans, the Yellowjackets, Mike Manieri. Im New York der 70er mit Michael Brecker, Bob Berg, Dave Liebman und Steve Grossman ist Bob Mintzer einer der großen Tenorsaxophonisten. Er gibt heute im Alten Pfandhaus ein Clubkonzert mit Martin Sasse und der Rhythmusgruppe der WDR-Big Band !

Sonntag, 8. 6. 2014, 15 Uhr, Festivalhalle Moers Julia Hülsmann with Theo Bleckmann, Hayden Chisholm Jaki Liebezeit & Marcus Schmickler Ideal Bread with Josh Sinton, Kirk Knuffke a.o. The Gravity Band with Fred Frith a. o. Arto Lindsay & Paal Nilssen-Love Letieres Leite & Orkestra RumpilezzGreg Haines Tim Hecker Montag, 9.6.2014, 14 Uhr, Festivalhalle Moers Avi Lebovich Orchestra Johanna Borchert „Wayside Wayfarer“ Ava Mendoza „Unnatural Ways“ Mostly Other People Do The Killing „Red Hot” www.moers-festival.de


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Die Beste Zeit Nr. 27  
Die Beste Zeit Nr. 27  

Magazin für Lebensart

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