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International tion für einkommensschwache und ob­ dachlose Menschen in Bolivien zu ver­ bessern. Für den Standort der Zentrale wurde bewusst nicht das Zentrum in La Paz, sondern ein schlichtes Gebäude im Stadtteil El Alto gewählt. Hier leben auf 4.000 Meter Höhe etwa eine Million arme Menschen. Im Departamento La Paz hat Diaco­ nia heute den überwiegenden Teil sei­ ner knapp 70.000 Kunden. Die Institu­ tion verfügt über 50 Niederlassungen und beschäftigt knapp 400 Mitarbeiter. In den Gesprächen über die zukünftige Unternehmensstrategie wurde betont, dass man sich in den nächsten Jahren

Die BANK IM BISTUM ESSEN eG ist seit Jahren operativ in dem Geschäftsfeld Mikrofinanz in 41 Ländern tätig. Die Kirchenbank gilt in Deutschland als eine der führenden Banken auf diesem Gebiet und verfügt in Lateinamerika über umfangreiche Erfahrungen.

stärker im ländlichen Umfeld engagieren möchte und künftig rund die Hälfte der Kredite in dieser Region vergeben will, um das Kreditportfolio weiter zu diversi­ fizieren. Dabei wird ein Kreditwachstum zwischen 30 und 40 Prozent pro Jahr an­ gestrebt. Ein weiterer zentraler Aspekt der zukünftigen Geschäftspolitik besteht darin, dass Diaconia den Wandel von ei­ ner NGO zu einem regulierten Finanz­ institut anstrebt. Das würde die recht­ lichen Voraussetzungen für wesentliche Produktdiversifikationen bringen, wie zum Beispiel das Einlagengeschäft. Neben wirtschaftlichen Zielen beto­ nen die Gesprächspartner immer wieder auch die sozialen Ziele sehr stark. Ihre Kernzielgruppen sind arme Menschen, deren Lebensbedingungen sie verbes­ sern wollen. Dabei stehen die Schaffung von menschenwürdigem Wohnraum im Vordergrund aber auch die Unterstüt­ zung bei Aufnahme einer selbständigen Tätigkeit als Mikrounternehmer. Die ständige Verbesserung der Kundennähe und Kundenbindung werden als wich­ tige Voraussetzung dafür angesehen, um die Wirkung von Diaconia zu festi­ gen und Marktanteile zu erhöhen. Das geistige Fundament der geleb­ ten Dienstleistungskultur bildet eine stark christlich geprägte Wertebasis. Dies wird beispielsweise dadurch sicht­ bar, dass nach jeder Sitzung mit den Kunden ein gemeinsames Gebet ge­ sprochen wird. Bei der Einstellung und Ausbildung der Mitarbeiter wird auf eine werteorientierte Ausbildung ge­ achtet. Gemeinsame Mittagessen sollen

Einer der Kunden betreibt ein Internetcafe außerhalb von Potosí

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dazu beitragen, den Teamgeist zu för­ dern. Und schließlich sollen auch das äußere Erscheinungsbild und der ge­ pflegte Umgang mit den Kunden die in­ nere Wertehaltung nach außen spiegeln. Diese Gedanken machen deutlich, dass die Tätigkeit von Diaconia weit über fi­ nanzwirtschaftliche Aspekte hinaus­ geht. Die Aufgaben dieser Mikrofinan­ zinstitute sind mehr als bloß Geldver­ leih: Bildung, Gesundheit, Vorsorge sind nur ein paar der sozialen Motive, die für Diaconia eine wichtige Rolle spielen. Das Mikrofinanzinstitut unterschei­ det im Wesentlichen zwei Kreditarten: Individualkredite und Gruppenkredite. Individualkredite bis zu einer Höhe von 200 Euro werden an Einzelperso­ nen vergeben, vor allem für Wohnraum­ finanzierung, Transport, Handel, Pro­ duktion sowie Bildung. Die zweckge­ richtete Verwendung der Gelder wird dadurch überprüft, indem sich der Kun­ denbetreuer oder der Kreditreferent „vor Ort“ einen unmittelbaren Eindruck über die geplanten Vorhaben verschafft. Das ist ein ganz wesentliches Merkmal der Mikrofinanzierung: die Kundenähe und Betreuung vor Ort. „Die Bank geht zum Kunden“ – oder besser gesagt „fährt zum Kunden“. Denn die meisten Kreditnehmer leben weit verstreut. Für diese Fahrten stehen den Betreuern geländegängige Klein­ motorräder zur Verfügung. Die Anfahrt stellt im gebirgigen Gelände oft eine He­ rausforderung dar: endlose Staus, kaum asphaltierte Straßen, Blockaden durch Hangrutschungen, von tropischen Re­ genfällen aufgeweichte Pisten. Mit sehr einfachen Methoden über­ prüft der Kundenbetreuer das Ge­ schäftsmodell seines Kunden vor Ort. Er bespricht beispielsweise, wie viel Umsatz in einem kleinen Verkaufsladen möglich ist sowie die erforderlichen In­ vestitionen, Materialaufwand und vie­ les mehr. Auf Basis dieser Gespräche werden dann die Rückzahlungsinterva­ lle und Kreditraten festgelegt. Das Kre­ ditangebot wird durch weitere Dienst­ leistungen wie z.B. Girokonten und Geldtransfer ergänzt. Für ältere Leute spielt die Pensions­ auszahlung eine wichtige Rolle. Wir konnten beobachten, wie die Menschen, die teilweise in kleinen Dörfern wohnen,


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