chilli cultur.zeit

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HEFT NR. 6/22 12. JAHRGANG

LEINWAND

SOMMER-OPEN-AIR MIT „MONSIEUR CLAUDE“

MUSIK

RAP’N’ROLL VON QULT MIT „URGEWALT“

LITERATUR

GRAPHIC NOVEL ZUM DUELL IM DAMENBAD


KULTUR


Ludwig Museum Budapest, © Succession Picasso / ProLitteris, Zurich. // El Greco: (S.47 o.): Die Jungfrau Maria, um 1500 © Strasbourg, Musée des Beaux-Arts; (S.47 u.): Porträt eines alten Mannes, ca. 1595-1600, The Metropolitain Museum, New YorkCollection.

Pablo Picasso: (S.46.): Buste de femme ou de marin (Etude pour les Demoiselles d’Avignon), 1907, Musée national Picasso, Paris,© Succession Picasso/ProLitteris, Zurich; (S.47, Mitte): Der Musketier (Domenico Theotocopoulos van Rijn da Silva), 1967,

MEISTERWERKE IM DIALOG

KULTUR

EL GRECO UND PICASSO IM KUNSTMUSEUM BASEL

Z

wei große Künstler treffen im Kunstmuseum Basel zusammen: El Greco (1541–1614), der aus Kreta stammende Maler der spanischen Renaissance, und Pablo Picasso (1881–1973), der die europäische Moderne entscheidend beeinflusste. In einer bis zum 25. September dauernden Sonderausstellung macht das Museum einen intensiven künstlerischen Dialog erfahrbar. Dialog ist an dieser Stelle zwar ein ungewöhnliches Wort. Schließlich kommunizieren Bilder nicht miteinander. Doch es ist der richtige Ausdruck: Bei der Betrachtung zweier Gemälde, die weder zeit- noch kunstgeschichtlich miteinander in Verbindung stehen, kommen verblüffende Übereinstimmungen ans Licht, wird die Inspiration des Jüngeren durch den Älteren spürbar, lassen sich wechselseitige Bezüge herstellen zwischen zwei Künstlern, die sich naturgemäß nie begegneten. Dabei, und das zeigt die Ausstellung, geht es wie bei einem verbalen Dialog nicht einfach um Kopieren, um Nachahmen. Im Gegenteil: Eine These wird aufgenommen, mit eigenen Denkansätzen oder eigener Ästhetik reflektiert, um sie dann unter neuen Aspekten und mit einem durch den Diskurs erweiterten Vokabular zu reproduzieren. Um sich so den Argumenten des Gegenübers weiter zu öffnen und beide Sichtweisen gleichberechtigt nebeneinanderzustellen. Dieses Bedürfnis Picassos, die Kunst

von Erika Weisser vergangener Epochen zu rezipieren, in sein eigenes Schaffen einfließen zu lassen, zu transformieren und somit lebendig zu halten, ist bei all seinen Gemälden zu beobachten, die nun in Basel zu sehen sind – in zehnjähriger Forschungs- und Vorbereitungszeit und -arbeit von Carmen Giménez und Josef Helfenstein sorgfältig ausgewählt und kuratiert. Bei manchen Gegenüberstellungen – oder besser: Paarungen – der Werke des für seine Zeit sehr individualistischen Altmeisters und des über weite Strecken seines Lebens „jungen Wilden“ wird dies sofort augenscheinlich. Etwa in Saal 3, wo an einer Wand nur zwei Bilder hängen: El Grecos um das Jahr 1590 gemaltes „Bildnis der Jungfrau Maria“ (o.r.) und Picassos mehr als 300 Jahre später entstandenes „Porträt einer Frau oder eines Matrosen“ (li.). Deutlich werden die Bezüge auch bei diversen Bildern von schmalgesichtigen Männern mit spitzen Knebelbärten und üppigen Halskrausen, die auf Picasso beim Studium von El Grecos Werken im Madrider Prado und in Toledo einen großen Eindruck gemacht haben müssen: Die Ausstellung wartet mit etlichen, manchmal kubistisch zerlegten, manchmal extrem verfremdeten Gestalten aus der Hand des Jahrhundertkünstlers auf, die ähnliche Attribute schmücken. Ein besonderes Kuriosum ist das auf den 18.3.67 datierte Bild „Der Musketier (re., Mitte), das den leider nur auf der Rückseite vermerkten Untertitel „Domenico Theotocopoulos van Rijn da Silva“ trägt. Damit sind seine Vorbilder definiert: El Greco, Rembrandt und Velasquez.

Vorbild: El Grecos Jungfrau Maria spiegelt sich in Picassos Buste de Femme (li.).

Halskrause und Knebelbart: Picassos Muketier, das er El Greco gewidmet hat.

Alter Mann: El Grecos Porträts finden in Picassos Werken ihre moderne Version. JULI/AUGUST 2022 CHILLI CULTUR.ZEIT 47


KULTUR

Haydn trifft Indiana Jones MIT DEM NEUEN GMD ANDRÉ DE RIDDER DURCH DAS MUSIKALISCHE THEATERJAHR 2022/23

I

von Jennifer Patrias

m September startet André de Ridder am Theater Freiburg seine erste Saison als Generalmusikdirektor (GMD). Der gefragte Dirigent will neue Anreize setzen – nicht nur in der Klassik, sondern mit Stummfilmen und Podcast-Konzerten. Damit sollen jüngere Zielgruppen erreicht werden.

Tianyi Lu stimmen Ausschnitte aus Peter Tschaikowskys „Der Nussknacker“ und Unsuk Chins „Mad Hatter’s Tea Party“ aus Alice im Wunderland auf die Weihnachtszeit ein. Das Highlight zum Jahresabschluss ist das Silvester-Neujahrskonzert. Beim „American Firework“ vermischt de Ridder Akzente der Filmmusik-Titel „E.T“, „West Side Story“ und „Indiana Jones“. Mit Bryce Dessners „Doppelkonzert für Zwei Klaviere“ wird „eins der besten Werke überhaupt“ erklingen, wie der international bekannte Künstler ankündigt. Im neuen Jahr erfüllt sich der GMD einen persönlichen Wunsch: „Es war immer ein Traum von mir, die im nahen zeitlichen Kontext entstandenen Sinfonien Nr. 5 & Nr. 6 (Pastorale) von Beethoven zusammen in einem Programm spielen zu können“, erzählt er lachend.

Foto: © Marco_Borggreve

Unter seiner Leitung verändert sich das Saisonprogramm kontinuierlich. De Ridder setzt nicht nur auf klassische Musik, sondern auch auf neue Töne. Darüber hinaus kommen hochklassige Crossover-Projekte für ein jüngeres Publikum auf die Bühne. Mit Begeisterung in der Stimme erzählt der vielseitige Musiker von der Planung für das siebte Sinfoniekonzert (23. Mai), das nicht nur auf die aktuelFür die Umsetzung hat sich de le Plastikverschmutzung im Meer aufRidder einiges vorgenommen. Er merksam machen wird, sondern auch setzt auf Big Names, spritzige Übermit Musik der Gorillaz/Damon Albarn raschungen und digitale Events, um und Richard Reed Perry & Bryce Dessneue Impulse zu setzen. „Der musiner Akzente in Richtung Rockmusik kalische Genuss wird über Eindrüsetzen wird. cke wahrgenommen. Wir erleben Die neue Reihe von Podcast-Konungewohnte Klänge und lassen uns zerten weht zusätzlich frischen Wind auf etwas vollkommen Neues ein“, in das Programm. Die alternative Konerzählt der 51-Jährige. Mit diesen zertform stellt Werke abschnittsweise Neuerungen für die Spielzeit 22/23 vor, um dazwischen eine Diskussion will der charismatische Musiker zu starten. Genau wie bei klassischen neue Wege beschreiten, denn Podcasts sollen diese Konzerte bedingt durch die Pandemie André de Ridder: Neuer Generalmusik­direktor des Theater Freiburg. kurze Zeit später abrufbar sein. fällt es auch den Theatern Mit seiner Premieren-Spielschwer, die Zuschauer zurück zeit sucht de Ridder die Nähe auf die Plätze zu bekommen. zum Publikum und zur Stadt, Am 15. November startet indem er den komfortablen das erste von acht SinfonieOrchestergraben verlässt und konzerten, von denen de Ridsamt Orchester neue Locader fünf selbst dirigieren will. tions aufsucht: Eins der KonMusikalisch geht es in der zerte steigt im Jazzhaus, das Saison unter anderem um das andere im SlowClub. „fragile Verhalten“ des MenDie Familien- und Spatzenschen gegenüber der Erde. konzerte sowie beliebte KinVerarbeitet werden musikalidertheaterproduktionen bleiben sche Umwelteindrücke und fest im Repertoire. Annika das Problem der PlastikverKirschke vom jungen Theater schmutzung in unseren Ozebringt neuen Wind in die Runanen. Auf Wunsch seiner Mitde: Sie überlegt, nicht nur den arbeiter werden auch große Dauerbrenner „Peter und der Orchesterwerke auf dem ProWolf“ direkt zu den Kindern an gramm stehen. die Schulen zu bringen, sondern Mit dem Start der Winterhat mit dem neuen Maskottmonate soll es besinnlich zuchen Rudi die Ratte noch eine gehen. Unter der Leitung von Überraschung im Gepäck. 48 CHILLI CULTUR.ZEIT JULI/AUGUST 2022


Beeindruckend: Mit einer überlebensgroßen Skultpur thematisiert Emeka Udemba rassistische Darstellungen auf Spendenkästchen.

Unrecht gestern und heute AUSSTELLUNG ÜBER KOLONIALE VERWICKLUNGEN FREIBURGS

K Foto: © Patrick Seeger

olonialismus ist lange vorbei? Formal mag das stimmen, doch viele Praktiken haben sich erhalten. Das zeigt die Ausstellung „Freiburg und Kolonialismus: Gestern? Heute!“ im ­Augustinermuseum. Das Museumsteam be­ leuchtet mit Blick auf die Freiburger Stadtgesellschaft, wie weit koloniale Verwicklungen reichen – zum Teil bis heute. Freiburg ist nicht dafür bekannt, eine besondere Rolle im Kolonialismus gespielt zu haben. Die Ausstellung eröffnet neue Perspektiven. Denn ein Großteil der Verwicklungen in den Kolonialismus war – und ist – auf den ersten Blick kaum zu erkennen. Im Fokus der Schau stehen etwa Freiburger Bürger·innen, die über den Genuss von Kaffee oder Südfrüchten, das Tragen bestimmter Kleidung oder den Besuch rassistischer „Völkerschauen“ mit dem Kolonialismus verflochten waren. Die Macher·innen der Ausstellung orientieren sich an dem Motto „Nicht über uns ohne uns“, externen Partner·innen wird Platz eingeräumt. „Wir wollen das Thema nicht eindimensional zeigen“, erklärt Kuratorin Beatrix Hoffmann-Ihde. Bei-

von Pascal Lienhard spielsweise präsentiert eine Fotostrecke den deutschen Kolonialismus aus der Sicht junger namibischer Fotografinnen. Ein eindrucksvolles Exponat hat der in der Nähe von Freiburg lebende Emeka Udemba beigesteuert. Der Künstler mit nigerianischen Wurzeln hat sich mit Spendenkästchen beschäftigt. Diese dienten der finanziellen Unterstützung von Missionar·innen. Auf den Kästchen waren häufig rassistische Darstellungen kolonialisierter Menschen zu sehen, bei Einwurf einer Münze nickten diese unterwürfig. Missionsspardosen standen bis in die 1980er-Jahre an Freiburger Weihnachtskrippen. Das hat Udemba mit einer überlebensgroßen Figur in der Skulpturenhalle aufgegriffen.

Koloniale Praktiken reichen bis in die Gegenwart „Wir wollen den Bezug des Themas zur Gegenwart zeigen“, sagt Hoffmann-Ihde. Daher bietet die Ausstellung die Möglichkeit, sich globaler Ungerechtigkeiten bewusst zu werden. Ein Beispiel ist Biopiraterie. Die im südwestlichen Afrika lebenden Menschen kennen und nutzen die Heilwirkung bestimmter Pflanzen seit Langem. Begünstigt

durch koloniale Machtverhältnisse hat sich die Pharmaindustrie des Globalen Nordens dieses Wissen angeeignet und nutzt es für die Herstellung patentierter Medikamente. An den Gewinnen werden die ursprünglichen Wissensträger·innen nicht beteiligt. Die koloniale Praxis wirkt bis in die Gegenwart. Thema sind ebenfalls Freiburger Menschen, die aktiv am Kolonialismus beteiligt waren. Zu ihnen gehört Theodor Leutwein, der seinen Ruhestand teilweise in Freiburg verbrachte. Während er Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) war, begann der OvaHerero- und Namakrieg. Unter Leutweins Nachfolger entwickelte sich der Konflikt zum Genozid. Zu einem führenden Rassenideologen des Dritten Reiches wurde Eugen Fischer, der bis 1927 die anthropologische Sammlung der Uni Freiburg betreute. 1908 reiste er nach Deutsch-Südwestafrika, um am Beispiel einer lokalen Bevölkerung seine Theorien zur „Rassenreinheit“ zu begründen. Ergänzend läuft im Museum Natur und Mensch die Schau „Handle with care – Sensible Objekte der Ethnologischen Samm­ lung“. Es handelt sich um ein brandaktuelles Thema. Die Freiburger Museen (wir berichteten) sind im Besitz von zehn Benin-Bronzen. JULI/AUGUST 2022 CHILLI CULTUR.ZEIT 49


KINO

Rubinhochzeit

PHILIPPE DE CHAUVERONS DRITTE KOMÖDIE UM M. CLAUDE IST SO TURBULENT WIE DIE ERSTE

Monsieur Claude und sein großes Fest Frankreich 2021 Regie: Philippe de Chauveron Mit: Christian Clavier, Chantal Lauby, Ary Abittan, Frédéric Chau, Noom Diawara u. a. Verleih: Neue Visionen Laufzeit: 98 Minuten Start: 21. Juli 2022

M

onsieur Claude Verneuil fühlt sich nicht mehr richtig wohl in der Kleinstadt Chinon, wo er seit jeher lebt. Zwar schmeichelt es dem selbstgefälligen Rentner bei seinen Spaziergängen durch den Ort sehr, wenn ihn viele Menschen erkennen und grüßen. Doch seit alle seine vier Töchter mit ihren Familien wieder im Ort wohnen, lässt sich nur schwer vermeiden, dass er auf seinen Touren immer wieder einem seiner Schwiegersöhne begegnet. Und das passt ihm so ganz und gar nicht. Die Wahl seiner Töchter, findet Claude, verlange ihm ohnehin die ganze Toleranz ab, über die er verfügt: Kaum hatte die erste einen Juden gewählt, kam die nächste mit einem Muslim an. Die dritte entschied sich für einen dem Buddhismus zugeneigten Chinesen; lediglich die jüngste brachte einen Katholiken ins Haus. Doch der ist schwarz. In seinen Tagträumen streift der stockkonservative, erzkatholische Gaullist denn auch hin und wieder die Möglichkeit von zumindest einer Scheidung, sinniert er selbstgesprächig über den erstaunlich langen Bestand der jeweiligen Ehen nach. Den langen Bestand seiner eigenen Ehe, vor allem die Befindlichkeiten seiner Frau Marie, verliert Claude dabei ganz aus dem Blick. Nicht einmal das Hochzeitsdatum ist ihm gegenwärtig; als Marie ihn daran erinnert, dass es sich bald und zwar zum 40. Mal jährt, verspricht er ihr schlechten Gewissens ein ganz besonderes, romantisches Dinner zu zweit. Doch er hat die Rechnung ohne seine Töchter gemacht. Diese planen zur Ru-

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von Erika Weisser

Fotos: © Neue Visionen

binhochzeit ein Überraschungsfest mit der ganzen Familie. Was nicht weniger bedeutet, als dass sämtliche Gegenschwiegereltern des wackeren Franzosen anreisen – aus Algerien, Israel, China und, besonders konfliktträchtig, die dominanten und lauten Koffis aus Elfenbeinküste. Diese laden sich, ohne von den geplanten Feierlichkeiten zu wissen, gewissermaßen selbst ein: Ein paar Wochen vor dem Fest treffen sie in Frankreich ein, um „der Regenzeit zu entfliehen“ – und sich bei den einigermaßen verdutzten Verneuils einzuquartieren. Als irgendwann das Geheimnis um das Fest gelüftet wird und die übrigen Gäste eintreffen, ist fast nichts mehr zu retten. Zumal ein liebestoller Deutscher zur ohnehin kaum zu bändigenden Verwirrung beiträgt: Er gibt sich als ein an den Eingeweide-Gemälden der Tochter Ségolène interessierter Kunstsammler aus, ist in Wahrheit aber hinter Marie her und bringt diese aus der gewohnten Façon. Die gut gelaunt spielenden Akteure schaffen es, das turbulente Stück zu einem guten Ende zu bringen. Und es macht großen Spaß, ihnen dabei zuzusehen. Der Film feiert seine Freiburger Premiere am Mittwoch, 20. Juli, 21.45 Uhr, im Sommernachtskino im Schwarzen Kloster. Am Freitag, 23. Juli, ist Regisseur Philippe de Chauveron anwesend.


KINO

Freiburg/Brasilien 2021 Regie: Marco Keller Dokumentarfilm Verleih: Coreoperation Laufzeit: 95 Minuten Start: 18. Juli 2022

ALCARRÀS

Foto: © Alamode

Foto: © Piffl Medien

DER PERFEKTE CHEF

Foto: © Marco Keller, Coreoperation

OLINDA – HEARTBEATS OF BRAZIL

Spanien 2021 Regie: Fernando León de Aranoa Mit: Javier Bardem, Almudena Amor u.a. Verleih: Alamode Laufzeit: 120 Minuten Start: 28. Juli 2022

Spanien 2022 Regie: Carla Simòn Mit: Josep Abad, Anna Otín u.a. Verleih: Piffl Medien Laufzeit: 120 Minuten Start: 11. August 2022

Mehr als intensive Rhythmen

Mehr Schein als Sein

Der Duft des letzten Sommers

(ewei). In seinen Dokumentationen zu Brasilien hat sich der Freiburger Filmemacher Marco Keller bisher mit dem Kahlschlag am Amazonas, der Zerstörung der Regenwälder zugunsten des Tierfutter-Sojaanbaus und anderen Themen beschäftigt, die über das Land hinaus wirken. In seinem neuen Film geht es nun um ein Thema, das hier meist durch die touristische Brille gesehen wird: die traditionellen Rhythmen, Tänze und Gesänge der afrobrasilianischen Bevölkerung. In der im Nordosten des Landes gelegenen Stadt Olinda begleitet er die Musiker Tonboy und Zeca do Rolete zu den Vorbereitungen des Carnavals, der dort weniger aus exotischen Umzügen als vielmehr aus einer demokratischen Kulturvielfalt besteht, mit der gesellschaftlich benachteiligte Gruppen ihre Ängste und Hoffnungen zum Ausdruck bringen – und ihren Protest gegen die unter Bolsonaro noch verschärften Missstände. Filmpremiere mit Marco Keller: 18. Juli, 20.15 Uhr, Friedrichsbau Freiburg.

(ewei). Julio Blanco ist ein erfolgreicher Unternehmer – obwohl er stets auch auf das Wohl seiner Mitarbeiter bedacht ist. Für sein Wirken hat der vom Glauben an Gerechtigkeit beseelte Inhaber eines Familienbetriebs für Industriewaagen schon viele Auszeichnungen erhalten – bis auf den begehrten Preis für exzellente Firmenführung. Diesen will der von allen respektierte Chef aber unbedingt in seiner Sammlung haben – und es sieht ganz nach Erfolg aus. Doch kurz vor dem Besuch des Award-Komitees beginnt die Fassade zu bröckeln. Julio muss sich mit einem entlassenen Mitarbeiter, einem deprimierten Produktionsleiter und obendrein mit einer verliebten Praktikantin herumschlagen. In einem grotesken Wettlauf gegen die Zeit versucht er, die Probleme zu lösen – und überschreitet dabei sensible moralische Grenzen. Hier paart sich bissige Kapitalismuskritik mit bester Unterhaltung zu einer ganz wunderbaren, furiosen schwarzen Komödie.

(ewei). Das Land, von dessen Ertrag die Solés leben, gehört ihnen nicht. Deshalb steht der katalanischen Großfamilie das Ende ihrer Existenz als selbstständige Bauern bevor: Nach der Ernte will der Eigentümer Pinyol die weitläufigen Pfirsichplantagen und Gemüsefelder zurückhaben; er will dort Solarpanele für eine Photovoltaikanlage aufstellen. Vor mehr als 80 Jahren hatte sein Großvater den Solés das Land überlassen. Zum Dank dafür, dass die Kleinbauern während des in Katalonien besonders heftig ausgefochtenen Spanischen Bürgerkriegs das Leben des Großgrundbesitzers retteten. Da dieses Abkommen jedoch nur per Handschlag geschlossen wurde, hat es für den Enkel keine Gültigkeit: Schon während der letzten Sommerwochen rollen die ersten Bagger an. Ein atmosphärischer, leidenschaftlich unsentimentaler Film über die Sonnen- und Schattenseiten großfamiliären Zusammenlebens und -arbeitens. Goldener Bär 2022.


MUSIK Rockiger denn je: Die Freiburger von Qult sind mit acht neuen Songs zurück.

Rockband plus Rap-Athlet DIE FREIBURGER VON QULT VERÖFFENTLICHEN ERSTES STUDIOALBUM

„Es fühlt sich an, als hätten wir nach einer langen Reise den Gipfel eines Berges erreicht“, beschreibt Drummer Micha Scheiffele die Gefühlslage zwei Wochen vor dem Release. „Es waren zwei aufreibende Jahre.“ Während der Lockdowns und Schließungen fehlten Live-Auftritte und damit auch Geld. Unterschiedli52 CHILLI CULTUR.ZEIT JULI/AUGUST 2022

che Positionen prallten aufeinander und führten zu Diskussionen. Letztlich sei es den Musikern gelungen, sich auf das Motto „agree to disagree“ zu einigen und einen gemeinsamen Nenner zu finden. Vereint habe sie dabei die Musik – auch wenn es lange gedauert hat, bis neue Songs nun das Licht der Welt erblicken. Viel Zeit ist seit 2018 und 2019 und den EPs „So viel mehr“ und „Traum einer Welt“ vergangen. „2019 war für uns ein geiles Jahr“, erinnert sich Gläsker. Eigentlich war für 2020 eine dritte EP geplant. Es kam anders, die Fans mussten sich drei Jahre gedulden. Mit „Urgewalt“ lassen Qult nun eine acht Songs starke Platte auf sie los. Sie erscheint auf CD und allen gängigen StreamingPlattformen. Inzwischen sorgen drei Gitarren für einen noch rockigeren Klang, hinzu kommen Bass und Schlagzeug. „Was bleibt“ lässt es als Hommage an die HipHop-Kultur musikalisch ent-

spannt angehen, bei „Lass dein Licht scheinen“ kommen neben Klavier sogar Streicher zum Einsatz. An anderer Stelle geht es deutlich brachialer zur Sache. Beispiele sind der Opener „Feuer“ sowie die Single „Schall & Rauch“, die ordentlich aus den Boxen krachen. Letzterer hat sogar Vergleiche mit den Crossover-Helden von Rage against the Machine nach sich gezogen. Das mag ein bisschen weit gehen. Am besten beschreiben es Gläsker und Co. auf dem Titelsong der Platte selbst: „Rockband plus Rap-Athlet“. Textlich positionieren sich die Musiker deutlich gegen Entwicklungen wie Fremdenfeindlichkeit. Sie stehen für Toleranz und Frieden, rufen dazu auf, die eigenen Träume zu leben. Manchem mag das stellenweise zu pathetisch sein – doch beim Publikum kommt es an, das Konzert Mitte Mai im Mensagarten wurde zur Party. Die Musik von Qult, sie gibt auch ihren Fans Vertrauen.

Foto: © Frank Fischer

V

ertrauen gab mir die Musik an jedem grauen Tag.“ Diese Line rappt Jens Gläsker auf dem Track „Feuer“ der Kombo Qult. Wie für viele Bands waren die vergangenen zwei Jahre für die Freiburger Formation schwierig. Davon hat sich die zum Sextett gewachsene Gruppe nicht kleinkriegen lassen. Stattdessen haben die Musiker sich auf ihre Musik, den Rap’n’Roll, besonnen. Das Ergebnis ist das Mitte Juli erscheinende erste Album der Band.

von Pascal Lienhard


MUSIK

„Die purste Form“

REGGAEBAND UNOJAH VERÖFFENTLICHT AUFWENDIGE LIVE-EP

D

ie Multikulti-Band Unojah aus Freiburg meldet sich zurück: mit einer aufwendig produzierten Live-EP. Die sechs Songs sollen die Reggae- und Weltmusiker aus Freiburg nach schwierigen Jahren wieder ins Rampenlicht bringen. Dafür gab es einen kleinen Geldsegen. In einem Secondhand-Möbelhaus in Basel haben sich die fünf Musiker ein gemütliches Ambiente voller verborgener Schätze für ihre Session ausgesucht. Zwei Tage drehten sie dort und stemmten das „krasseste Projekt meiner Laufbahn“, sagt Bandleader Chaldun Schrade. Sechs Videos sind entstanden. Ein Sprungbrett für mehr Live-Shows auf größeren Bühnen.

von Till Neumann „Das ist die purste Form“, sagt der 34-Jährige zum Live-Recording. Alles sei vor Ort eingespielt, keine Schnitte gemacht worden. Genau so wolle die Band sich zeigen – und nicht „bis zum Ende im Studio totproduziert“. Von Fans höre er immer mal wieder, dass die Energie bei Konzerten eine andere sei als auf Platte. Jetzt sei er richtig gespannt, was sie zum LiveRelease sagen. Die EP erscheint seit April im Monatstakt. Zu vier schon bekannten Tracks kommen zwei exklusive. Im Juni war das „Ay mi Amor“, ein Liebeslied ans eigene Ego, erklärt Schrade. Der weitgereiste Sänger und Gitarrist singt auf Spanisch zu einem treibenden Polka-Beat. „Man neigt dazu, sich zu überschätzen“, sagt der Musiker. Es sei wichtig, sich selbst zu lieben, aber dabei nicht auf Oberbabo zu machen.

Möglich gemacht hat das aufwendige Projekt eine Förderung der Initiative für Musik. Das Programm der Bundesregierung unterstützt aufstrebende Musiker, Unojah haben 14.000 Euro erhalten, so Schrade. Damit sei es möglich, alle Beteiligten „extragut“ zu bezahlen. Im umkämpften Musikmarkt gehe das oft nicht, so Schrade. Jetzt möchte die Band treuen Begleitern etwas zurückgeben. Mit der EP gönnen sie auch den Fans einen akustischen Leckerbissen. Wer auf Sprachenmix, Reggae und entspannte Vibes steht, dürfte hier fündig werden. Ab Oktober gibt’s das Ganze auch auf Vinyl.

INFO Live: Unojah spielen am 29. Juli beim Schlossbergfestival Freiburg. Am 28. Oktober sind sie im Jazzhaus zu sehen.

Haben in Basel sechs Videos gedreht: Arturo Huamani Mendivil (von links), Nico Carlton, Chaldun Schrade, Joshua Hengstler und Max Büttner.

Foto: © Stefanie Ringshofer

JULI/AUGUST 2022 CHILLI CULTUR.ZEIT 53


„GEFÜHL“ Single – Dark Pop

MATT WOOSEY

COMPASS AND THE SAND Album – Folk/Blues

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Foto: © Stefan Hipp

3 FRAGEN AN Rapper Tausendsassa Er bricht mit gängigen Klischees: Frauen, Drogen, Geld. Mit der Platte „Abersowasvon“ zeigt der Rapper Tausendsassa (35), dass HipHop auch von Sprachwitz und Humor leben kann. Im Interview mit Till Neumann erzählt Ansgar Hufnagel, warum er als der „ungefährlichste Rapper der Welt“ in dem Genre trotzdem richtig ist. Warum heißt das Album „Abersowasvon“? Der Titel steht dafür, dass dieses Album trotz der ungewöhnlichen Umstände unbedingt raus musste. Es ist ein Zeichen, sich nicht unterkriegen zu lassen und weiterzumachen. Abersowasvon! Sie kommen aus dem Slam Poetry, warum jetzt Rap? Eigentlich ist das ein Schritt „Back to the Roots“. Ich habe schon lange vor meinen ersten Poetry-Slam-Versuchen gerappt. Allerdings lag der Fokus zuletzt stark beim Poetry Slam und Kabarett. Durch die Corona-Pause gab es mehr Kapazitäten, um mich der Musik zu widmen. Sind Sie als „ungefährlichster Rapper der Welt“ im richtigen Genre? Kann Rap denn nicht alles sein? Ich passe definitiv nicht in das Bild, welches von der Deutschrap-Szene gezeichnet wird. Gleichzeitig hat mich die HipHop-Kultur geprägt und lange intensiv begleitet. Ich liebe es, mit der Sprache zu spielen und sehe keine Notwendigkeit, mich irgendwelchen Regeln zu unterwerfen. Die Art und Weise, wie ich meinen Weg gehe, ist zu 100 Prozent HipHop! 54 CHILLI CULTUR.ZEIT JULI/AUGUST 2022

Gerappter Kummer

Gegen die Konvention

(jp). Mit zwei veröffentlichen Songs auf Spotify zählt die Freiburger Künstlerin Beearee zu den Newcomern. Die Musikerin nutzt zur Inspiration persönliche Erlebnisse, um diese zum Beispiel in ihrer neuen Single „Gefühl“ zu verarbeiten. Sie mischt darin Rap und Gesang und nennt das Dark Pop, wobei der Refrain sanftere Töne anschlägt. Was im ersten Moment wie ein frischer, aussagekräftiger Song klingt, entpuppt sich relativ schnell als Achterbahnfahrt der musikalischen Gefühle. Beearee erzählt von Traurigkeit und Liebeskummer. Das Stück beginnt langsam. Die ersten Klänge sind noch nicht verarbeitet, da beginnt die Freiburgerin zu rappen: „Es ist schon wieder Morgen und ich fühl mich scheiße.“ Ihre Raps dominieren das gesamte Lied und drängen den Refrain in den Hintergrund. Der Piano-Sound ist entspannt, doch die Message kommt nicht an. Der Refrain ist mit knapp zehn Sekunden in Relation zur gesamten Single zu kurz und fühlt sich ein wenig deplatziert an. Überraschend wechselt Beearee nach der Hälfte kurz die Sprache und singt einige Lines in Englisch. Trotz des ernsten Themas fehlt der Single der besondere Moment. Besser hat das bei ihrer ersten Single „Dark“ geklappt. Die englischsprachige Single kombiniert frischen Sound, der im Gedächtnis bleibt, mit ruhigem Text.

(pl). Karriere und Musik von Matt Woosey sind nicht alltäglich. Ende 2015 wagte der gebürtige Brite, der zu diesem Zeitpunkt schon einen Haufen Songs veröffentlicht hatte, einen Neuanfang – und zog nach Ettenheim. Man kann nur sagen: Danke Großbritannien, wir behalten Herrn Woosey gerne! Der Sänger und Gitarrist ist im Blues verwurzelt, mehrere Male war er für den British Blues Award nominiert. Dieser Einfluss ist auf dem neuen Album „Compass and the Sand“ immer wieder zu hören, besonders deutlich etwa auf „Dirt in your Eye“, das Erinnerungen an den Bluesrock der 60er- und 70er-Jahre weckt. In eine andere Richtung geht der 37-Jährige mit „Blossom must rot“. Der Song hat etwas Hypnotisches an sich, neben Stimme und Gitarre sorgt unter anderem eine Flöte für geheimnisvolle Stimmung. Der Musiker frönt bei weitem nicht nur dem Blues. Wie vielseitig Woosey im Songwriting unterwegs ist, zeigt der Titeltrack. Auf fast 13 Minuten warten viele unerwartete Wendungen, andere würden aus dem Song ganze EPs zimmern. Auf Plattformen wie Spotify wird das Album nicht veröffentlicht. Wer in die Platte reinhören oder sie kaufen will, kann auf Bandcamp vorbeischauen – das Geld ist gut angelegt.

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„Passe nicht in das Bild“

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MUSIK


KOLUMNE MALAKA HOSTEL

NIKLAS BASTIAN

Single – Global Pop

Single – Deutsch-Pop

„SCHÖNE NEUE WELT“

HÄTT ICH NIEMALS GEGLAUBT

... zu Roland Kaiser Die Freiburger Geschmackspolizei ermittelt schon seit 20 Jahren gegen Geschmacksverbrechen – nicht nur, aber vor allem in der Musik. Für die cultur.zeit verhaftet Ralf Welteroth fragwürdige Werke von Künstlern, die das geschmackliche Sicherheitsgefühl der Bevölkerung empfindlich beeinträchtigen.

Untergang und Neuanfang

Liebe zum Mitsingen

(tln). Hoffnung oder Depression? In der neuen Single der Freiburger Band Malaka Hostel steckt beides. „Schöne neue Welt“ erzählt von Zeiten, in denen es noch grün war. „Schon lange keinen Fisch mehr gesehen“, singt Myron Viktor. Auf Kamelen reitet er nach Berlin. Weil keine Bahn mehr fährt? Die bunte Truppe nennt ihren Sound Global Pop. Live bieten Malaka Hostel einen Mix aus Swing, Disko, Rock und Soul. Oft in Begleitung einer Mundharmonika. Weit über Freiburg hinaus bringt die Gruppe so Säle zum Kochen. Mit der neuen Single geht’s ruhiger zu. Melancholie dominiert die ersten Akkorde. Gedreht an Freiburger Orten mit verrosteten Geländern, besprühten Baracken und menschenleeren Plätzen. Ein Mädchen läuft orientierungslos durch die Stadt. Im Refrain nimmt der Song Fahrt auf: Die Bläser schieben. „Bitte bitte lass mich nicht allein mit mir“, ruft Myron. Als er später vom Atomschutzbunker singt, ist im Hintergrund die Freiburger Gaskugel zu sehen. Mit der Single ist den Malakas ein poppiger Song mit Tiefgang gelungen. Garniert mit einem soliden Video. Für Fans ein gern gesehenes Lebenszeichen der Band, die nur sparsam Musikclips produziert.

(tln). Die Idee kam dem Freiburger auf dem Fahrrad. Er war auf dem Weg zur Freundin, da hatte er Refrain und Melodie im Kopf. „Ich hätte niemals geglaubt, dass es so groß wird“, singt Niklas Bastian in seinem neuesten Release. Es ist ein Liebeslied für seine Partnerin. Eine eingängige Melodie trifft da auf ein paar verspielte Synthies und ein Akkordeon. Die Drums könnten auch zu einem entspannten Ballermann-Hit passen. Zum Track gibt’s ein schickes Schwarz-Weiß-Video, das den 22-Jährigen mit Gitarre zeigt. Er spielt, lacht, läuft durch die Straßen. Mit dem Song nimmt der Musiker an der SWR-Sendung „Immer wieder Sonntags“ teil. Er ist dort im Rennen als Sommerhit-Kandidat. Da die Reihenfolge der Acts gelost wird, ist nicht klar, wann er dort spielen wird. Das Zeitfenster geht bis September. Niklas Bastian ist ein Frühstarter: Schon 2013 stand er als Teenager im Finale des Kika-Contests „Dein Song“. Es folgten Finalteilnahmen beim Panikpreis-Contest von Udo Lindenberg und der Freiburger Rampe. Jetzt will der Freiburger mit einem Single-Doppelpack angreifen. Im Herbst kommt die zweite Nummer „Du lebst“. So manch jungen Hörer·innen könnte der erste Track zu viel Mitsing-Romantik sein. Ins Ohr geht er aber ruckzuck.

Aus der Tatsache, dass er Kanzlerkumpel und SPD-Mitglied ist, machte er nie einen Hehl. Damit gehört er zur seltenen Spezies des Sozi-Schlagersängers, aber das taugt zu seiner Verteidigung hier auch nicht wirklich. Lassen wir also seine Lieder und deren Worte sprechen. Warum hast Du nicht nein gesagt „Warum hast du nicht nein gesagt, es lag allein an dir, mit einem Hauch von fast nichts an, wer wollt dich nicht verführn. Warum hast du nicht nein gesagt, im Schatten dieser Nacht.“ Joana „Geboren, um Liebe zu geben, verbotene Träume erleben, ohne Fragen an den Morgen danach ...“ Manchmal möchte ich schon mit dir „Deine Stimme flüstert zärtlich meinen Namen, die Berührung deiner Hand setzt mich in Flammen, und die Tür zu Deinem Zimmer lässt Du offen, wie lange kann ich Dir noch widerstehn?“ Allesamt schlagergewordene Männerphantasien der unappetitlichen Sorte. So weit, so suboptimal. Warum hast du nicht nein gesagt Roland, als man dich bat, diese Songs aufzunehmen und diese Texte zu singen? Warum hat damals niemand eingegriffen? Dieter Thomas Heck zum Beispiel, Männer, Frauen, die Medien, der Papst. Nein, schon klar, das waren halt noch „andere“ Zeiten. Jetzt haben wir diese Altlasten an der Backe – schönen Dank auch Roland. Es grüßen die Neinsager von der GeschPo Freiburg


Alteingesessene gegen Newcomerinnen: Damenbadende fürchten eine Invasion ihres Lieblingsorts.

Duell im Damenbad

PAULINA STULINS COMIC ERINNERT AN EINEN HEISSEN FREIBURGER SOMMER

Schon immer dagewesene Freiburger Platzhirschinnen kämpften mit scharenweise aus dem Elsass und der Schweiz angereisten Muslimas um das Recht auf das kleine Stückchen Liegewiese und das winzige Wasserbecken. Ausläufer der hohen, selbst unter Polizeieinsatz kaum zu glättenden Wogen der eher dämlichen denn damenhaften Auseinandersetzungen strandeten in der überregionalen Presselandschaft. Sie erreichten auch München. Davon zeugen nicht nur seinerzeitige Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Das wird demnächst auch anschaulich in Doris Dörries Kinofilm „Freibad“. Eine 56 CHILLI CULTUR.ZEIT JULI/AUGUST 2022

augenzwinkernde Sicht auf die Absurditäten des interkulturellen Zwists um teilentblößte oder ganzverhüllte Körper liefert zudem Paulina Stulins brandneue gleichnamige Graphic Novel, die nach Dörries Drehbuch entstanden ist. Zwar ist nicht explizit vom Lorettobad die Rede. Wohl aber vom „einzigen Frauenbad in Deutschland“. Und das ist nun einmal das Lollo. Den ersten Zoff gibt es, als eine junge, leidenschaftliche Kampfschwimmerin in schwarzem Kapuzen-Neoprenanzug – der auch ein Burkini sein könnte – im beschaulichen Bad aufkreuzt und hastig ihre Bahnen zieht. Das provoziert eine der mit ihrem geliebten Frauen-Freiraum in die Jahre gekommenen Sonnenbadenden dazu, ihr Oberteil abzulegen und entgegen ihrer sonstigen Gewohnheiten ins Wasser zu springen. Was wiederum die Bademeisterin dazu veranlasst, sie sofort herauszufischen, da im Becken oben ohne nicht erlaubt ist. Als ihre gleichfalls ihrem jugendlichen Körper nachtrauernde Gefährtin sie darauf hinweist, dass „die besten Pralinen immer gut verpackt“ seien, bezichtigt sie diese, ein Beweis für die Isla-

misierung des Abendlands zu sein. Bis auf einige pikierte Blicke in Richtung einer Gruppe nicht ganz so freizügiger Frauen passiert dann zunächst nichts. Bis ein mit Badeanzug und Kopftuch getarnter Junge ins Gebüsch pinkelt. Zwar wird der gleich des Damenbads verwiesen, doch das Misstrauen gegenüber den „Fremden“ bleibt. Als tags darauf noch fremdere, tief verschleierte Frauen die gleichen Rechte beanspruchen wie die angestammten, bricht der Krieg richtig los. Und wird erst beigelegt, als anstelle der überforderten Bademeisterin ein Bademeister auftaucht und dieser die ganze Breitseite feministischer Solidarität abkriegt. Spitzfindige Sommerlektüre – ideal fürs Lorettobad.

Freibad von Paulina Stulin Verlag: Jaja, 2022 296 Seiten, gebunden Preis: 29 Euro

Illustrationen: © Paulina Stulin/Jaja-Verlag

S

eit 1886 wird in der blickdichten Damenabteilung des Lorettobads gebadet. Genau 130 Jahre später, im heißen Sommer 2016, kam es in diesem Separee, das laut Regio Bäder GmbH „früher wie heute ausschließlich den Damen vorbehalten“ ist, über mehrere Tage zu handfesten Streitigkeiten.

von Erika Weisser


FREZI

SIEBEN TAGE SOMMER

von Thommie Bayer Verlag: Piper, 2022 160 Seiten, Hardcover Preis: 22 Euro

DIE ROLLE BADENS IN EUROPA

von Sven Ungern von Sternberg (Hg.) Verlag: Rombach, 2022 504 Seiten, gebunden Preis: 34 Euro

LOST & DARK PLACES FREIBURG

von Benedikt Grimmler Verlag: Bruckmann, 2022 160 Seiten, Klappenbroschur Preis: 22,99 Euro

Hintergründiger Ferienjob

Basiswerk für Oberrheiner

Rätselhafte Relikte

(ewei). Zwei Menschen tauschen sich per E-Mail aus. Zu fast jeder Tages- und Nachtzeit. Manche Botschaften sind knapp, gehen in schnellem, dialogischem Austausch hin und her. Andere haben ausgiebige Beschreibungen innerer und äußerer Zustände zum Inhalt, werden gelegentlich noch durch einen Nachtrag ergänzt und erst nach Stunden beantwortet. Eine junge Frau und ein alter Mann sind da am Werk. Max, der im Laufe seines Lebens zu einem beachtlichen Vermögen kam, und Julia, die gerade ihre ersten beruflichen Schritte zurückgelegt hat. Es handelt sich hier jedoch nicht um eine voyeuristische Abhandlung des klassischen Stoffs einer ungleichen, berechnenden Paarfindung; die eloquente Telekommunikation, die Thommie Bayer entwickelt, ist frei von Hintergedanken dieser Art. Hintergedanken hat Max indessen schon. Der kinderlose Witwer hat vor, bei der Verteilung seiner Habe auch jene fünf Leute zu bedenken, die ihm einst das Leben retteten. Er ist ihnen seither nicht mehr begegnet, lädt sie aber für eine Woche in sein Haus in Südfrankreich ein. Und Anja soll sich dort bis zu seinem Eintreffen um sie kümmern. Dass sie diese in Wahrheit auf ihre Erbtauglichkeit überprüfen soll, merkt Anja erst, als sie irgendwann selbst wie nebenbei von einem „Spionagejob“ schreibt.

(ewei). „Badische Außenpolitik von 1945 bis heute“ lautet der Untertitel des soeben erschienenen 17. Bandes der Schriftenreihe der Badischen Heimat. Und schon ein Blick in die umfangreiche Inhaltsübersicht macht deutlich, dass dieser Begriff hier durchaus angebracht ist: Auf dem Weg vom schwierigen deutsch-französischen NachkriegsNeubeginn bis zu den zahlreichen aktuellen, gemeinsam entwickelten politischen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Projekten war immer auch diplomatisches Verhandlungsgeschick gefragt. Der Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt aber auch, dass das von rund 40 Autor·innen verfasste Werk „kein Bestseller für eine Saison“ ist, wie Herausgeber Sven von Ungern-Sternberg bei der Präsentation sagte. Hier sei, und das bestätigt sich nach eingehender Lektüre einzelner Beiträge, ein nachhaltiges Grundlagenwerk für die nächste Generation der „Oberrheiner“ geschaffen worden. In der Gewissheit, dass noch viele gemeinsame Kapitel folgen. Ein solches Kapitel der fortzuschreibenden Regionalgeschichte findet sich denn auch im Ausblick. Hier thematisiert der Elsässer Jean-Marie Woehrling die nach wie vor mangelhafte Zweisprachigkeit, die nur eine Chance habe, wenn die „lähmenden traditionellen Diskurse überwunden“ würden.

(ewei). Gruselige Schimmelhotels und ähnlich schwer aushaltbare Locations mutet Benedikt Grimmler seinen Lesern nicht zu. Vielleicht gibt es die in Freiburg auch nicht, zumindest nicht frei zugänglich. Unter den 33 vergessenen, verlassenen und unheimlichen Orten, die der am Bodensee lebende Autor vorstellt, finden sich eher gut erhaltene oder instandgesetzte Immobilien, wie etwa die umgenutzte Alte Lokhalle am Güterbahnhof oder das Kommunale Kino. Zu seiner Auswahl gehören aber auch rätselumrankte historische Stätten, deren Bedeutung nicht mehr bekannt ist. Wippertskirch an der westlichen Stadtgrenze im Tuniberg ist so ein rätselhaftes Relikt: Ein einsames Gehöft mit Bushaltestelle an der Straße von Merdingen nach Waltershofen ist alles, was von einem Dorf übrig blieb, das 1136 erstmals in einer Urkunde auftauchte und dem Wappen an der Wand nach zur offenbar mächtigen Abtei Schuttern in der Ortenau gehörte. Auf weitere „Bruchstücke einer stolzen Vergangenheit“ verweist Grimmler bei der Ludwigskirche an der Stadtstraße, wo Fragmente der zweimal verschwundenen Klosterkirche Tennenbach herumliegen. Das Buch regt an, bisher vielleicht nur wenig beachtete Plätze einmal aufzusuchen – und liefert das nötige Hintergrundwissen gleich mit dazu. JULI/AUGUST 2022 CHILLI CULTUR.ZEIT 57