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Geigenbauschule Brienz – Barock

Acht Geigen, drei Bratschen, zwei Celli, ein Kontrabass fĂźr die Camerata Bern


Barocker Geigenbau: Vielfalt in der Einheit – Einheit in der Vielfalt

Camerata Bern – Geigenbauschule Brienz Die ersten 200 Jahre in der Geschichte des Geigenbaus

schen Façon, wobei in der Regel mit der italienischen,

an Fürstenhöfen und in grossen Handelsstädten zu finden.

nennt man den barocken Geigenbau, da er sich weitge-

auf die Cremoneser Machart angespielt wurde. Es kann

Wer die Einheit im barocken Geigenbau im Sichtbaren

hend während der barocken Musikepoche entwickelt hat,

also nicht von einem einheitlichen barocken Geigenbau

sucht, wird beim Korpusumriss, den F-Löchern in der

die parallel zur allgemeinen Kunstepoche des Barocks von

gesprochen werden.

Fichtendecke, der Schnecke, den vier von den Wirbeln

circa 1575 bis 1770 verläuft. Allerdings sind erste eindeu-

über den Steg zum Saitenhalter verlaufenden Saiten und

tig der Geigenfamilie zuzuordnende Instrumente bereits

Herausragende Interpreten beeinflussten mit den Ei-

der Klangerzeugung mit dem Streichbogen hängen blei-

um die Mitte des 16.  Jahrhunderts nachgewiesen; be-

genheiten ihres Spiels Geigenbauer und Bogenmacher

ben. Beim Hören sind die Barockgeigen an der Quint-

kannteste Beispiele sind diejenigen von Andrea Amati,

in ihrem Umfeld. Verbindliche, nicht selten von Stadt zu

stimmung der Saiten zu erkennen sowie am Klangspek-

dem Stammvater der Amati-Familie und des Cremone-

Stadt abweichende Masseinheiten (Längen-, Gewichts-

trum. Alle diese Feststellungen treffen aber auch für die

ser Geigenbaus.

und Hohlmasse) sowie verschiedene Gestaltungsansätze

sogenannt moderne Geige zu, die heute üblicherweise

(innerhalb des aus heutiger Sicht barocken Stils) beein-

gespielt wird.

Die Träger der Barock-Kultur waren Hof, Aristokratie und

flussten das Handwerk und führten im Geigenbau letzt-

Klerus. Geigen, Bratschen und Celli kamen in deren Um-

lich zu verschiedenen Modellen – barocker Geigenbau

Wir müssen genauer hinschauen und unser Augenmerk

feld schnell in Mode und fanden bis 1650 in ganz Europa

ist vielfältig.

auf das nicht unmittelbar Sichtbare richten. Hier hilft uns

Verbreitung. Als Folge wurden Geigen während der noch

das Wissen über die im Barock angewendeten Zahlensys-

lange andauernden Epoche in vielen kulturellen Zentren

Trotzdem drängt sich die Frage nach der Einheit in dieser

teme und verwendeten Masseinheiten. Die Handwerker

Europas gebaut, im ganzen damaligen deutschsprachi-

hier nur angedeuteten Vielfalt des barocken Geigenbaus

der Barockzeit rechneten weder ausschliesslich im Dezi-

gen Raum ebenso wie auch in Frankreich und England,

auf. Schliesslich verbreiteten die Handwerksburschen ihr

malsystem noch massen sie im metrischen System. Ihnen

den Niederlanden und dem schon erwähnten Italien.

Wissen und Können auf ihren Wanderschaften in ganz Eu-

war das Halbieren, Dritteln, Vierteln usw. und das Verviel-

ropa, was nicht nur zur Vielfalt, sondern eben auch zu Ver-

fachen eines Eichmasses geläufiger, das Zwölfersystem

Einigen Zentren gelang es, eine Produktion aufzubauen,

einheitlichungen beitrug. Den vielleicht wichtigsten Stel-

war zumeist das verbreitetste. So wurde das Fussmass in

die über die Versorgung des heimischen Marktes hinaus

lenwert nehmen dabei die Instrumentenmacher aus dem

zwölf Zoll und dieses wiederum in zwölf Teil-Linien oder

reichte. So wurden, um beim bekanntesten Beispiel zu

Allgäu ein. Bereits 1562 wurde in Füssen die erste Lau-

in 1⁄2-, 1⁄4- und 1⁄8-Zoll gegliedert. Beim Studium der im Ba-

bleiben, Geigen aus Cremona an verschiedene europä-

ten- und Geigenmacherzunft Europas gegründet, deren

rock verbreiteten Bauweise des Resonanzkörpers über ei-

ische Höfe geliefert und dadurch oft zu Modellvorlagen

Reglement die Zahl der Werkstätten zum Schutz der Etab-

ner Form, die als wiederverwendbare Lehre diente, fallen

für die dort ansässigen Instrumentenbauer. Im Paris des

lierten einschränkte. Hunderte von Füssener Lauten- und

deren oftmals einfache, ganzzahlige Proportionen auf,

17. und auch noch des frühen 18. Jahrhunderts unter-

Geigenmachern mussten ihre Heimat verlassen, um ihr

z.B. die Verhältnisse 1:2 und 4:5, die in der Musik Okta-

schied man Geigen nach der italienischen und französi-

Auskommen in einer der europäischen Kulturmetropolen,

ve und grosse Terz heissen. Ein einfacherer Zugang zum

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Barock proportionalen Gestalten von Geigen eröffnete sich den Handwerkern durch geometrische Grundkonstruktionen. Wer Kenntnisse des Messens und Konstruierens hatte,

Kammerton a1 unterschiedlich hoch, gegenwärtige

wurde im Barock beispielsweise mit dem Zirkel in der

historische Aufführungspraxis oft 415 Hz

Hand porträtiert (Caspar Tieffenbrucker, Füssener Lauten- und Geigenmacher).

Saitenlängen nicht einheitlich, stehen aber oft in direktem Kontext zu den Korpusmassen und -proportionen

Der Begriff barocker Geigenbau kann also im engeren Sinne für alle sich noch im Originalzustand befindenden

Blanke und einfach umsponnene Darmsaiten

Instrumente und auch für Geigen, Bratschen und Celli, die nach den verschiedenen, im Barock angewendeten Vorgehensweisen nachgebaut wurden, verwendet werden. Barocke, oft auch schlichte Wirbelmodelle Die nachfolgende Gegenüberstellung weist auf die sichtbaren Veränderungen hin, die an fast allen Geigen aus

Verschiedene Hals-Korpus-Verbindungen:

der Barockzeit während der Klassik und Romantik vorge-

– Hals stumpf auf Korpus gesetzt, geleimt und genagelt

nommen wurden. Diese Instrumente werden nun verall-

– im Halsstock vernutete (gesteckte) und verkeilte Zargen

gemeinernd als moderne Geigen bezeichnet. Mit Hartholz furniertes Griffbrett mit Weichholzkern, Nicht thematisiert wird in diesem Katalog die Bedeutung

allenfalls dekoriert, im Frühbarock deutlich kürzer als

des Bogens. Auf ihn kann in einer möglichst authenti-

im 18. Jahrhundert

schen historischen Aufführungspraxis unter keinen Umständen verzichtet werden. Ihm gehört in einem hoffent-

Barocke, ab Mitte des 18. Jahrhunderts auch klassische Stegmodelle

lich nachfolgenden Projekt der ihm gebührende Platz. Proportionierter Saitenhalter zum Griffbrett passend, Unser herzlicher Dank geht an alle bei diesem Projekt mit

allenfalls dekoriert

viel Enthusiasmus und Engagement beteiligten Musikerinnen und Musiker, im Speziellen an die Barockgeigerin

Hängelsaite: Darm, selten Draht

Chiara Banchini für ihren umfassenden Support in allen Fragen der Feineinstellung der Instrumente.

Im Korpusinnern: stark variierende Bassbalkenlängen mit geringerer Masse; verschiedene Stimmstockmasse und -positionen

Hans Rudolf Hösli, Geigenbauschule Brienz 2

Barock


Klassik

romantik

moderne

Kammerton a1 im 19. Jahrhundert um 430 Hz, ab 1939 440 Hz, heute in vielen Orchestern 442 – 444 Hz Auf 327/8 mm geeichte Saitenlänge, ohne Berücksichtigung der ursprünglichen Proportionen des Instruments Vorerst blanke und einfach umsponnene Darmsaiten, ab ca. 1900 auch blanke Stahl- und umsponnene Stahlkernsaiten und ab ca. 1950 auch umsponnene Saiten mit Kunststoffkern Verschiedene Wirbelmodelle, historisierende Formen Verbreitet standardisierte Halsverbindung: – Hals in Korpus (Oberklotz) eingesetzt und geleimt – barocke Verbindungen werden aber bis ins 20. Jahrhundert angewendet Massives, in der Länge standardisiertes Ebenholzgriffbrett, an einfachen (billigen) Instrumenten auch gefärbte Hölzer

Klassische, moderne Stegmodelle Klassischer, dann standardisierter Saitenhalter (wenige Grössen), im Zusammenhang mit Stahlsaiten auch mit Feinstimmern Hängelsaite: Darm, Stahl, Kunststoff Im Korpusinnern: geringere Variationsbreite der Bassbalkenmasse, meist mit Vorspannung eingepasst; eingegrenzte Stimmstockmasse und -positionen

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Klassik

romantik

moderne


Burgergemeinde Bern Die Burgergemeinde Bern freut sich ganz besonders über das gelungene Gemeinschaftswerk «Projekt Camerata bern», sind doch sowohl die Stiftung Geigenbauschu-

le Brienz (2001) wie auch die Stiftung Camerata bern (1988 erster Preisträger überhaupt) mit dem Kulturpreis der Burgergemeinde Bern ausgezeichnet worden. Dank dem gemeinsamen Zusammenwirken der Stiftungen Camerata bern, der Geigenbauschule Brienz, der Hans und Verena Krebs Stiftung sowie der Burgergemeinde Bern mit ihren Gesellschaften und Zünften konnte ein Projekt realisiert werden, welches im Alleingang kaum möglich gewesen wäre. Ein schönes Beispiel, welches zeigt, dass sich mit vereinten Kräften grossartige Werke realisieren lassen, welche weit über Stadt und Region Bern hinausstrahlen. Zusammen sind wir stark! Das Projekt «Camerata bern» passt zudem bestens in die Kulturstrategie der Burgergemeinde Bern, welche neben der breiten, niederschwelligen Finanzierung von Kulturprojekten ganz gezielt auch längerfristige Engagements mit «Leuchtturmcharakter» eingeht und damit eine nachhaltige Entwicklung des Kulturplatzes Bern unterstützt. Freuen wir uns am Zusammenspiel von hochqualifiziertem Handwerk und hochqualifizierter Streichmusik, präsentiert durch die Geigenbauschule Brienz und die Camerata bern. – Chapeau!

Rolf Dähler, Burgergemeindepräsident


Geigen, Bratschen und Celli erhielten im Laufe der Zeit oft Beinamen, die sich auf deren Geschichte beziehen, z.B. auf den einstigen Auftraggeber oder einen renommierten Interpreten, der das Instrument besass. Die Geige mit dem Namen «Violon du Diable» wurde 1734 von Giuseppe Guarneri del Gesù in Cremona gefertigt. Sie stand für die auf dieser Seite gezeigte Violine Modell. Der Name nimmt offensichtlich auf einen «Teufelsgeiger» Bezug. Hinter jedem Instrument des «Projekts CAMERATA BERN» steht eine Berner Zunft oder Gesellschaft als Patin, worauf mit dem jeweiligen Wappen auf dem Ahornboden verwiesen wird. Der Gepflogenheit folgend sprechen wir hier nun also von der «Distelzwang».

Gesellschaft zum Distelzwang

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Für die Geige «Pfistern» hielten wir uns an die Vorlage der «King Joseph», die 1737 vom selben Vertreter der Guarneri-Familie gebaut wurde wie das Vorbild «Violon du Diable», der vorgängig erwähnten «Distelzwang». Wie die anderen zum CAMERATA BERN-Ensemble gehörenden Instrumente wurde die «Pfistern» aber nicht einfach kopiert – vielmehr wurden Guarneri del Gesùs Instrumente aus derselben Arbeitsperiode analysiert und die daraus resultierenden Erkenntnisse in Kombination mit dem heute gesicherten Wissen über die Arbeitsweise und die verwendeten Materialien im Cremona des 17. und frühen 18. Jahrhunderts in der Planung, Gestaltung und im Nachbau berücksichtigt.

Gesellschaft zu Pfistern

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Die «Mittellöwen» orientiert sich an Geigen aus der «goldenen» Arbeitsperiode von Antonio Stradivari, die allgemein zwischen 1700 –1720 angesetzt wird. Die Arbeiten aus der Stradivari-Werkstatt – es arbeiteten immer auch Gesellen und Lernende mit – beeinflussten schon die Zeitgenossen im Umfeld des Cremoneser Geigenbaus. Antonio Stradivari seinerseits führte und prägte seine Werkstatt über 60 Jahre lang aktiv. Er konnte sich dabei auf eine bereits 100 Jahre alte Tradition abstützen, die vorweg von der Amati-Familie bestimmt wurde. Ebenfalls einer alten Tradition folgend, verwendeten wir für die Decke der hier abgebildeten Geige gewässertes Holz. Speziell ausgewähltes, unter günstigen Umständen gefälltes und gelagertes Holz bringt nach gekonnter Verarbeitung besonders gute Klangresultate.

Gesellschaft zu mittellöwen

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Die Geige «Webern» ist ebenfalls einem Instrument aus der Stradivari-Werkstatt verpflichtet. Das Vorbild «Oppenheim» entstand im Jahre 1716. Wie in der Barockzeit verbreitet, ist dieses Modell nach genau eingehaltenen, ganzzahligen Proportionen konzipiert: Im Korpusinnern nachgemessen, beträgt die Länge 1 Fuss und die obere maximale Breite ½ Fuss, was ins Verhältnis gesetzt der Proportion 2:1 entspricht. In der Musik wird diese Proportion Oktave genannt. Dieselbe Proportion bildet auch die maximale untere Breite mit der geringsten Breite in der Taille. Die obere maximale Breite verglichen mit der unteren maximalen Breite entspricht dem Verhältnis 4:5, was in der Musik als grosse Terz ertönt. Erkennbare geometrische Konstruktionen beziehen sich in der Barockzeit bei Streichinstrumenten auf den Korpusinnenraum.

Zunft zu Webern

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Vergleichbar dem Schuh, der zur Herstellung über einen Leisten (das Modell) gezogen wird, fertigten viele barocke Instrumentenmacher ihre Geigen, Bratschen und Celli über Formbretter, die demzufolge den Innenraum der Resonanzkörper in den Hauptmassen definierten. Nach dieser Methode sind alle Instrumente des CAMERATA BERN-Ensembles gebaut. Zu jedem Modell eines Instruments gehört die entsprechende Form. Vom Über-einen-Leisten-ziehen kann also im barocken Geigenbau nicht gesprochen werden. Jedes Modell hat seine abweichenden Masse, allerdings stets innerhalb seiner in sich stimmigen Proportionen. Das Konstruieren und Gestalten mit Masseinheiten, die sich auf den menschlichen Körper bezogen (Elle/coudée, Fuss/pied, Zoll/pouce), waren im barocken Geigenbau das Übliche.

Gesellschaft zu Schuhmachern

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Die Geigen «Mohren» und «Pfistern» wurden auf derselben Form gebaut. Trotzdem sehen sie auch für den Laien verschieden aus. Der Saitenhalter der «Mohren» ist aus naturbelassenem Ahornholz – auch dieser ist übrigens zur gesamten Komposition passend proportional gestaltet. Bei der Geige «Pfistern» wurde der Ahornkern des Saitenhalters mit einem Sägefurnier aus Ebenholz belegt und zusätzlich mit einer Einlage verziert. Die Böden der beiden Geigen sind zwar beide aus Bergahorn gefertigt, bei der «Pfistern» allerdings aus zwei radialgeschnittenen zusammengefügten Brettern, der einteilige Boden der «Mohren» ist im Tangentialschnitt aus dem Stamm gesägt worden, was sich im Holzbild wiederspiegelt.

Zunft zum mohren

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Die «Schiffleuten» und die Geige der Burgergesellschaft sind Schwestern und einem Modell des Venezianers Sanctus Seraphin aus dem Jahre 1733 nachempfunden. Für beide Instrumente wurde Holz von denselben zwei Baumstämmen verwendet. Die Fichte für die Decken wuchs von ca. 1820 – 2002 im Bauwald ob Brienz und der Bergahorn für die restlichen Teile der beiden Geigenkörper in Bosnien. Auf den Böden und Zargen lässt sich die Verwandtschaft an der Flammenzeichnung beobachten. Einer barocken Spielerei folgend sind die für Wirbel, Griffbrett und Saitenhalter verwendeten Materialien (Buchsbaum, Ebenholz) bei den beiden Violinen «Schiffleuten» und «Burgergesellschaft» übers Kreuz angeordnet.

Gesellschaft zu Schiffleuten

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Wie schon bei der «Schiffleuten» erwähnt, wurden für die Schwestergeigen Materialien aus denselben zwei Baumstämmen verwendet. Die Decke der «Schiffleuten» wurde allerdings einer mehrwöchigen Wasserlagerung unterzogen, während die der Burgergesellschaft direkt im Holzlager heranreifte. Die beiden Instrumente gehören zum «Projekt CAMERATA BERN» und auch zu einem Forschungsprojekt, bei dem wir mehr über die Auswirkungen der Wasserlagerung erfahren möchten. Zwillingsinstrumente, wie die beiden hier erwähnten, geben den Praktikern (Geigenbauern und Musikern) über den Klang und das Spielverhalten – erfahrbar über die eigenen Sinneswahrnehmungen – vergleichbare Rückmeldungen. Holzwissenschafter werden mit analytischen Methoden die unterschiedlich gelagerten Fichtendecken untersuchen.

Burgergesellschaft Bern

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Hans und Verena Krebs Stiftung Die Hans und Verena Krebs Stiftung, 2004 aus dem Nachlass des Berner Architekten Hans Krebs und seiner vorverstorbenen Ehefrau Verena gegründet, bezweckt ausschliesslich «die Unterstützung und Förderung der gemeinnützigen Stiftung Geigenbauschule Brienz». Im Herbst 2010 entstand aus einem Gedankenaustausch von Vertretern der beiden vorgenannten Stiftungen folgende, auf einem früheren, höfischen Brauch basierende Idee: Aus Anlass des 50-jährigen Bestehens der Camerata Bern schenken ihr die Gesellschaften und Zünfte

der Burgergemeinde Bern 14 Barock-Instrumente, welche von der Geigenbauschule Brienz speziell für dieses Jubiläum gebaut und mit den Wappen der Gesellschaften und Zünfte versehen werden. In die Finanzierung teilen sich die Gesellschaften und Zünfte der Berner Burgergemeinde zusammen mit der Hans und Verena Krebs Stiftung. Die Kosten für die feierliche Übergabe der Instrumente teilen sich die Camerata Bern und die Burgergemeinde Bern. Die rasche und begeisterte Zustimmung aller Beteiligten zu diesem Projekt war überwältigend. Die von den Musikern als hervorragend eingestuften Instrumente sind der Beweis für die Leistungsfähigkeit der Geigenbauschule Brienz auf höchstem Niveau. Es bleibt an dieser Stelle, allen Beteiligten den Dank für die Unterstützung bei der Umsetzung dieses spannenden Projektes auszusprechen. Guido Albisetti, Präsident des Stiftungsrates der Hans und Verena Krebs Stiftung

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Die «Schmieden»-Bratsche stützt sich auf eine Vorlage der Gebrüder Amati aus dem frühen 17. Jahrhundert ab. Sie gehört mit der «Zimmerleuten» zusammen zu den beiden grösseren Vertretern der Alt-Stimmen. Um einen reichhaltigen Klang des Bratschenregisters zu erreichen, kombiniert man gerne verschieden grosse Instrumente miteinander. Während kleinere Bratschen in ihrer Klangfarbe eher an das Geigenregister anschliessen, schlagen die grösseren Instrumente klanglich den Bogen zum Bassregister, den Celli und dem Kontrabass. Auffallend sind die klein gehaltenen F-Löcher auf der Decke. Sie tragen in ihrer Funktion, neben den voll gehaltenen Wölbungen von Boden und Decke, zur erstaunlich ausgeprägten Kraft der tieferen Saiten bei.

Zunftgesellschaft zu Schmieden

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Carlo Antonio Testore schuf um 1740 in Mailand die Vorlage zur «Kaufleuten»Bratsche. Dieses handliche Modell der Alt-Stimmlage ist unter Musikerinnen und Musikern weitherum beliebt. Während einfachere Mailänder Instrumente oft am Boden anstelle einer schmückenden Randeinlage nur zwei mit einem Messer angerissene und mit Lack gefüllte Zierkerben aufweisen, haben wir die «Kaufleuten» gleichwertig den andern Bratschen mit Einlagespänen versehen. Dreiteilige Zierspäne in schwarz-weiss-schwarzer Ausführung aus gefärbtem Birnbaum- und Ahorn- oder Pappelholz schmücken alle Decken und Böden der Geigen, Bratschen und Celli, beim Kontrabass hingegen nur die Decke.

Gesellschaft zu Kaufleuten

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Die Geigenbauer wären im Bern des 17. und 18. Jahrhunderts wohl auf der Stube der Zimmerleute heimisch gewesen – allerdings sind zu dieser Zeit in Bern keine Geigenbauer bekannt. Die Zunftregeln schreiben vielerorts bis in Kleinigkeiten hinein den Alltag der Handwerker vor. So erlaubten sie z.B. den Geigenbauern den Erwerb von professionell hergestelltem, hochwertigem Leim und auch geschmiedeten Nägeln, die sie bei der Ausübung ihres Handwerks neben dem Holz benötigten. Im barocken Geigenbau fixieren zusätzlich zur Leimverbindung oft mehrere Nägel den Korpus mit dem Geigenhals. Die Form für die Bratsche «Zimmerleuten» wurde nach einem wenig bekannten Modell von Giacomo Gennaro, einem Schüler von Nicola Amati, mit Zirkel und Lineal konstruiert (Methode nach François Denis).

Gesellschaft zu Zimmerleuten

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Stiftung Geigenbauschule Brienz Die Geigenbauschule Brienz – 1944 als private Schule gegründet, später vom Kanton Bern geführt – wird seit 1998 von einer privaten Stiftung getragen. Die vierjährige Ausbildung an der einzigen schweizerischen Schule für Geigenbau verbindet von Anfang an Handwerk und Theorie. Das Angebot wurde in den letzten Jahren durch einen Restaurierungskurs (Teil der Grundausbildung) und Weiterbildungskurse im Sommer erweitert. Eigenes Musizieren und Musikunterricht sind Teil der Ausbildung. Die grosse Nachfrage nach den Ausbildungsplätzen und die Tatsache, dass die Ausgebildeten Arbeitsplätze finden, zeugen für den Erfolg der Schule. Sie trägt auch zum kulturellen Leben im Berner Oberland bei. Mit der Musikfestwoche Meiringen besteht eine enge Zusammenarbeit. Am Eröffnungskonzert verleiht die Stiftung jeweils den Goldenen Bogen als Auszeichnung für international hervorragende Musikerinnen und Musiker, die sich um die Streichinstrumente verdient gemacht haben. Das 50-jährige Jubiläum der Camerata Bern weckte die Idee, dieses hervorragende Kammerorchester, das seit den Anfängen auch alte Musik besonders pflegt, mit nachgebauten Instrumenten in barocker Bauweise auszurüsten. Für die Schülerinnen und Schüler der Geigenbauschule ergab sich dabei die erfreuliche Möglichkeit, sich vertieft mit dem barocken Geigenbau zu beschäftigen, der heute aus der Berufspraxis kaum mehr wegzudenken ist. Den Institutionen, welche dieses Vorhaben ermöglicht haben, sei hier ein grosser Dank der Schule ausgesprochen. Prof. Dr. phil. Hellmut Thomke, Präsident der Stiftung Geigenbauschule Brienz


Auch das Cello «Metzgern» ist nach alten Konstruktionsregeln entworfen, hier in Anlehnung an ein Modell von Antonio Stradivari. Dieser Meister unserer Zunft liess nichts unbeachtet. Alles, was sich klanglich bewährte, brachte er auch optisch in harmonischen Einklang. So kann bei ihm nachvollzogen werden, wie er an seinen Modellen über Jahre hinweg Veränderungen vornahm. Alle seine Innovationen können funktionell begründet werden: Masseingrenzungen, Proportionen, Positionierung und Ausgestaltung der Ecken, Lage und Grösse der F-Löcher, Wölbungstypen von Decke und Boden, Zargenhöhen usw. Auch wir ordneten uns diesem Denken unter. So stehen z. B. Seitenlänge, Griffbrett, Seitenhalter und Bassbalken (im Innern des Korpus) in ganz bestimmten Proportionen zueinander (modulares Messen).

Zunftgesellschaft zu metzgern

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Die Celli «Affen» und «Metzgern» wurden kurz nacheinander auf derselben Form gebaut. Auch in den Ausmessungen der Holzstärken von Decke und Boden sowie der Zargendicken ähneln sich die beiden Instrumente wie zwei Geschwister. Im Lackbild sind sie allerdings, was die farbliche Erscheinung und auch die Schichtdicke betrifft, bewusst verschieden gestaltet. Mit Grundierung und Lack, ja mit allen Massnahmen im Bereich der Oberflächenbehandlung beeinflusst man bei Streichinstrumenten auch den Klang. Die Erfahrung lehrt uns, welche Grundierung, welcher Lack mit entsprechender Schichtdicke (wenige Zehntelmillimeter) sich bewähren wird. Primär schützt der Lack das Instrument aber vor klimatischen Einflüssen, und zudem schmückt er auch – ein Lackaffe ist das «Affen» aber keineswegs.

Zunftgesellschaft zum affen

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Wie die Zwillingsgeigen nach Sanctus Seraphin widerspiegelt auch der Kontrabass nach einem Modell von Lorenzo Carcassi aus Florenz Eigenheiten der deutschen Tradition. Der Kontrabass ist nicht einfach eine Geige, sondern ein Zwitter zwischen der Geigen- und der Gambenfamilie. So sind der flache Korpusboden mit Knick zum Halsstock hin, der in den Hals hinein verlaufende Korpusumriss und die einfach ausgebildeten Ecken des Klangkörpers typisch für den Gambenbau sowie, in diesem Fall in einigen handwerklichen Details, für den deutschen Instrumentenbau. Die Stimmung der Saiten in Quartabständen ist, im Gegensatz zu der Quintstimmung der Geigen, Bratschen und Celli, ebenfalls gambentypisch. Hingegen gehören die F-Löcher und die Schnecke am Ende des Wirbelkastens in die Formensprache der Violinfamilie.

Gesellschaft zu Ober-Gerwern

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CAMERATA BERN Im Jahr 1962 gründeten Studierende des Konservatoriums Bern ein flexibles Kammer-Ensemble, das von seiner Konzertmeisterin/seinem Konzertmeister geleitet wird. Unter der Führung von Alexander van Wijnkoop (1962  –  1978), Thomas Füri (1979  –  1993), Ana Chumachenko, Daniel Zisman und Thomas Zehetmair (1993 – 1999), Erich Höbarth (2000 – 2009) sowie Antje Weithaas (seit 2009) hat sich das Ensemble in diesen fünfzig Jahren zu einem international anerkannten Kammerorchester und unersetzlichen Akteur in der Berner Kulturszene entwickelt.

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Unzählige Tourneen und Gastspiele führen die CAME-

mit der historischen Aufführungspraxis unabdingbar. Die

des Ensembles, aber auch ein Impuls, ihre Zukunft mit fri-

RATA BERN um die Welt; mehr als 50 Schallplatten- und

Beschäftigung mit den entsprechenden Instrumenten

schen künstlerischen Perspektiven zu gestalten. Die Musi-

CD-Einspielungen dokumentieren die grosse Stilsicher-

nach barocken Vorbildern bedeutet für jedes Ensemble-

kerinnen und Musiker der CAMERATA BERN danken den

heit in der Interpretation von Werken aller Epochen. Da-

mitglied sowie für das Ensemble als Klangkörper einen

schenkenden Institutionen und den ausführenden Instru-

bei ist die Barockmusik immer ein zentrales Anliegen des

weiteren Schritt in seiner künstlerischen Entwicklung.

mentenbauern der Geigenbauschule Brienz herzlich für

Ensembles; seine Einspielungen von Werken Jan Dismas

dieses grossartige Jubiläumsgeschenk, das nun hoffent-

Zelenkas gelten heute noch als Meilensteine in der Wie-

Die ausserordentlich grosszügige Schenkung der Berner

derbelebung der Musik des 18. Jahrhunderts.

Gesellschaften und Zünfte, der Burgergemeinde, der

lich die nächsten 50 Jahre des Ensembles prägen wird.

Hans und Verena Krebs Stiftung zusammen mit der Stif-

Madeleine von Büren, Präsidentin

Um mit der Dynamik des modernen Konzertlebens Schritt

tung Geigenbauschule Brienz an die CAMERATA BERN

der Stiftung CAMERATA BERN

zu halten, ist heute eine vertiefte Auseinandersetzung

ist einerseits ein Tribut an die glänzende Vergangenheit

Louis Dupras, Direktor der CAMERATA BERN

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Seraina Montigel

Matthias Wolff

Linda Wangler

Mihail Dron

Svea Nissen

Martin Opstrup

Rahel Marti

Die Macher – Lernende und Meister

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Simon Glaus lernte das Handwerk an

Marc Soubeyran lernte gleichzeitig

Hans Rudolf Hösli ist Lehrer und

der Geigenbauschule Brienz. Seine

mit Hans Rudolf Hösli in Brienz.

Geigenbauer. Nach der Meisterprü-

Wanderjahre führten ihn nach Berlin

Nach der Lehre zog er nach London

fung vertiefte er sich am Istituto

in die Firma Emil Pliverics & Sohn,

in die Firma Edward Withers Ltd. Un-

Svizzero di Roma in die Denkweise

nach Holland zu Wilhelm Bouman in

ter der Leitung von Dietrich Kessler

und Arbeitstechniken des barocken

Den Haag und nach Zürich in die Fir-

baute er Gamben, die meisten mit

Geigenbaus und verglich diese mit

ma Musik Hug, wo er Werkstattchef

gebogenen Decken nach einer wie-

parallel verlaufenden Ansätzen in

war. 1985 bestand er mit Erfolg die

derentdeckten alten Technik, und

der Architektur. Nach 15 Jahren Selb-

schweizerische Meisterprüfung und

vertiefte sich ins Herrichten alter

ständigkeit erfolgte 1996 die Wahl

1986 erfolgte die Wahl zum Fachleh-

Instrumente – entsprechend ihrer

zum Schulleiter der Geigenbauschu-

rer an der Geigenbauschule Brienz,

Epoche. 1987 wechselte er in die

le Brienz. Bis heute entstanden unter

wo er seither praktischen Geigen-

Selbständigkeit. In diese Zeit fällt

seinen Händen und seiner Anleitung

bau und auch theoretische Fächer

auch die Gründung der British Violin

zahlreiche Instrumente der Geigen-

unterrichtet. Neben der Unterrichts-

Making Association (BVMA), deren

familie in barocker und moderner

tätigkeit entstanden immer wieder

erster Präsident er war. 2001 zog er

Konzeption. Der Geigenbau – auf

auch eigene Instrumente – Geigen,

ins Landstädtchen Ludlow nahe der

der Schnittstelle von Physik, Musik,

Bratschen und Celli.

walisischen Grenze. Er gilt heute als

Handwerk und Gestaltung – übt bis

profunder Kenner rund um das Ein-

heute eine unverminderte Faszinati-

stellen alter Instrumente.

on auf ihn aus.

© 2013 Geigenbauschule Brienz · Herausgeber, Redaktion: Geigenbauschule Brienz, Hans Rudolf Hösli · Lektorat: Prof. Dr. phil. Hellmut Thomke Fotos Instrumente: Andreas Hochuli · Fotos Arbeitsbilder: Philippe Domont · Fotos Wald und Portraits: Hans Rudolf Hösli · Foto Camerata Bern: Giorgia Bertazzi Gestaltung: Atelier KE, Meiringen · Druck: Thomann Druck AG, Brienz

Andreas Hochuli



CAMERATA BERN-Geigenbauschule Brienz