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BALKANS &BEYOND by Cafébabel

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Kroatien: refugees reloaded

Coming out im Kosovo

Belgrad, das Dubai des Balkans

Von Barbara Matejčić

Von Fisnik Dobreci

Von Marina Lalovic & Jasmin Brutus

& Matic Zorman


BALKANS &BEYOND


Balkan Beats


Bye bye Tito, hallo Chaos? Der Krieg im heutigen Ex-

haben auch ein gemeinsames Gefühl für Geschichte sowie

Jugoslawien begann vor 25 Jahren, 1991. Als erstes machte

einen starken Willen, diese Geschichte mit anderen zu teilen.

Slowenien den Schritt Richtung Unabhängigkeit, dann trug

Während die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Balkans &

der kroatische Unabhängigkeitskrieg zur kontinuierlichen

Beyond ihre Region lieben, ihre aufgeschlossene Kultur, ihre

Demontage von Titos einst vereintem und glorreichem

„starken Zigaretten, ihren starken Kaffee und ihre starken

Jugoslawien bei. Die Konflikte in Bosnien und im Kosovo Mitte

Charaktere“, so sind sie sich auch der Gefahren bewusst,

der Neunziger vervollständigten das blutigste Jahrzehnt der

denen sie begegnen müssen – von der Wirtschaftskrise bis hin

jüngeren europäischen Geschichte.

zur Korruption, begleitet vom Aufstieg des Nationalismus.

Auf dem Luftweg ist der Balkan nur ein paar Stunden entfernt

In diesen unruhigen und gefährlichen Zeiten war es

von Paris, London, Berlin oder Rom. Aber Slowenien, Serbien,

entscheidend für uns, einen Weg zu finden, ein Gefühl

Kroatien, Bosnien, Montenegro und Mazedonien gelten aus

von gemeinsamer Geschichte zu vermitteln, genauso wie

Sicht der Europäischen Union immer noch als „Fremde“. Immer

den Wunsch, in Richtung Zukunft zu blicken. Im Laufe des

noch ruft die Region Bilder von Kalaschnikows, Mafia und

Projekts begannen wir, uns selbst zu fragen, welches Symbol

Sliwowitz-Obstbrand hervor, statt von Frieden und Wohlstand.

wir benutzen könnten, um diese gemeinsame Geschichte

Frieden zu erreichen ist manchmal komplizierter, als einen

zu repräsentieren und zu betonen. Bald wurde klar: Titos

Krieg zu gewinnen. Aber es ist an der Zeit, diese Wunden hinter

zahlreiche öffentliche Denkmäler.

sich zu lassen. Die Klischees. Den Hass. Die Vergangenheit.

Im ganzen ehemaligen Jugoslawien sind seltsame, von

Was ist auf dem Balkan gerade los? Wie leben die Bürgerinnen

Tito gebaute Beton-Skulpturen verteilt. Sie sollten das

und Bürger der ehemaligen jugoslawischen Republiken heute?

Selbstvertrauen und die Stärke der Sozialistischen Föderative

Wonach streben die jüngeren Generationen? Was ist mit Jugo-

Republik Jugoslawien ausdrücken. In den 1980ern zogen

Nostalgie und Tito?

diese Monumente pro Jahr Millionen von Besuchern an,

Als cafébabel Berlin beschloss, Balkans & Beyond ins Lebens

insbesondere die „Jungen Pioniere“ von Titos Jugendverband,

zu rufen – ein journalistisches Projekt, großzügig unterstützt

für die diese Monumente Teil ihrer „patriotischen Bildung“

durch die Allianz Kulturstiftung –, war die Idee, jungen

waren. Nachdem die Republik Jugoslawien sich in den frühen

Menschen aus sieben Balkanländern eine Stimme zu geben:

1990ern aufgelöst hatte, wurden die Monumente komplett

Slowenien, Bosnien und Herzegowina, Serbien, Kroatien,

aufgegeben und ihre symbolische Bedeutung ging für immer

Kosovo, Montenegro und Mazedonien. Einer neuen Generation

verloren.

ein Gesicht zu geben – einer Generation, die neugierig

Aber nicht für alle… Unser Art Director beschloss, diese

ist, energiegeladen und bereit, zu vergeben, aber nicht zu

Monumente neu zu zeichnen. Für die Grafiken wählte er

vergessen. Zu entdecken, wie sie ihre eigene Region sieht,

einen minimalistischen Ansatz, als Erinnerung an die frühere

indem man sie über Grenzen hinweg zusammenarbeiten lässt.

Einheit von Titos Jugoslawien. Gleichzeitig gab er ihnen ein

Der Balkan also, wie er von seinem Volk gesehen wird.

futuristisches Aussehen, welches die Versprechen der Einheit

Das Ergebnis von Balkans & Beyond ist erstaunlich. Es

in den kommenden Jahrzehnten ausdrücken soll.

präsentiert nicht nur originelle, sondern auch persönliche

An dem Projekt Balkans & Beyond zu arbeiten war toll und im

Geschichten, die Leben und Politik im Post-Tito-Jugoslawien

Namen des gesamten cafébabel-Netzwerks – von Paris bis

wunderschön sichtbar machen.

Berlin, von Priština bis Belgrad – sind wir sehr glücklich und

Durch die große Anzahl von Bewerbungen, die wie für das

geehrt, dieses Bild vom heutigen Leben auf dem Balkan zu

Projekt erhielten, merkten wir, dass es ein unglaubliches

präsentieren.

kreatives Potential in der Region gibt. Neben ihren

Wir hoffen, ihr habt beim Lesen genauso viel Spaß wie wir

herausragenden

während der Arbeit an diesem Projekt hatten.

beruflichen

Qualifikationen

brachten

unsere 14 Journalistinnen und Journalistin sowie Fotografen zusätzliche Erkenntnisse ein: Nicht nur haben sie alle persönliche Erfahrungen mit Katastrophen – entweder durch

Prune Antoine

die Kriege oder den Zusammenbruch Jugoslawiens –, sie

Chefredakteurin 5


Index

6

9

11

Balkan Beats

Im Rampenlicht der Weltgeschichte

Bücher, die auf Holzstapeln brennen

Prune Antoine

Michael M. Thoss

Jeton Neziraj

40 MONTENEGRO

48 SERBIEN

52 SLOWENIEN

Der lange Schatten des Milo Đ.

Belgrad, das Dubai des Balkans

No Country For Young Men

Jelena Kulidžan & Tomislav Georgiev

Marina Lalovic & Jasmin Brutus

Natasha Kramberger, Jelena Prtorić & Mirza Ajnadžić

6


13 BOSNIEN

23 KROATIEN

32 KOSOVO

Sarajevos geteilte Jugend

Kroatien: Refugees Reloaded

Coming Out im Kosovo

by Lana Pasic & Nemanja Pančić

Barbara Matejčić & Matic Zorman

Fisnik Dobreci

56 MACEDONIEN

68

Die mazedonische Frauenrevolution

Die redaktion

Zaklina HadziZafirova, Muhamet Hajrullahu & Tomislav Georgiev 7


Im Rampenlicht der Weltgeschichte


„The Balkans“ haben das kollektive Unbewusste der

dieser Region jedoch eine neue Identität geben. Denn das

Westeuropäer schon immer beunruhigt. Seit dem Zerfall des

Gedächtnis an die eigene Emigrations-geschichte ist überall

Osmanischen Reiches gilt er als ewiger Unruheherd Europas –

auf dem Balkan noch lebendig und führte bei vielen Bürgern

von der Aufteilung Makedoniens unter Griechenland, Serbien,

(nicht Politikern!) entlang dieser Route immer wieder zu

Bulgarien und Albanien bis zum Zerfall Ex-Jugoslawiens und

erstaunlichen Zeugnissen der Solidarität mit den Flüchtlingen

dem anschließenden ‚Balkankonflikt‘.

aus Nahost. Und genau darauf wird es ankommen: Aus

Zwar herrscht Uneinigkeit darüber, wo ‚der Balkan‘ (im

den Gedemütigten und Geflüchteten legale Migranten zu

Deutschen sogar im Singular!) tatsächlich beginnt und endet

machen, die zwischen ihren Herkunfts- und Gastländern frei

– das Bergmassiv ‚Großer Balkan‘ befindet sich im westlichen

zirkulieren dürfen, um mit Geldüberweisungen, Know-how-

Turkmenistan! Die kroatische Schriftstellerin Slavenka

und Wissenstransfers zum Aufbau und Frieden in ihrer alten

Drakulić hat den Balkan in einer ihrer Erzählungen als ein

und neuen Heimat beizutragen. Doch solange wir keine legalen

Phänomen beschrieben, das sich immer mehr entfernt, je

Einwanderungsmöglichkeiten für Nichteuropäer schaffen, wird

mehr man sich ihm nähert.

die illegale Einwanderung nicht abnehmen.

Die Assoziationen, die der Balkan weckt, sind jedoch fast

Die hier versammelten multiperspektivisch angelegten

ausschließlich negativ: Balkankriege, Balkankonflikt, „Balkan-

Reportagen weisen den Weg in die richtige Richtung. In

Banden“, Balkanisierung etc. - und jetzt kommt auch noch die

ihnen begegnen wir den Lebensgeschichten mutiger junger

sog. (West)Balkanroute hinzu! Damit wird der Balkan für die

Menschen, die unser Europa nachhaltig mitgestalten

Westeuropäer nochmal mehr zum Synonym für Bedrohung

wollen und auf der Balkanroute ihre ersten europäischen

und unkontrollierbares Chaos. Doch die aktuelle ‚Geopolitik

Erfahrungen sammeln und miteinander austauschen. Die

der Füße‘, wie sie der Historiker Karl Schlögel auf einer unserer

Allianz Kulturstiftung hat schon mehrmals journalistische

Konferenzen nannte, wird die Kartografie Europas und die

Projekte von Café Babel auf dem Balkan unterstützt, die

Zusammensetzung unserer Gesellschaften grundlegend

die Länder Ex-Jugoslawiens wieder stärker miteinander

verändern.

ins Gespräch bringen und die Zivilgesellschaft stärken

Wenn wir das – sich gerade selbst zerfleischende – Europa

sollten. Vielleicht wird dank Café Babel ‚the Balkans‘ einmal

mit Ländern wie Jordanien oder dem Libanon vergleichen,

Synonym sein für das gesellschaftliche Labor Europas.

wo jeder dritte bzw. jeder vierte Bewohner mittlerweile ein Flüchtling aus der Region ist, muss es den Flüchtlingen aus Afghanistan, Syrien oder dem Irak immer noch wie ein

Michael M. Thoss Allianz Kulturstiftung

Gelobtes Land erscheinen. Auf dem Balkan – halb in der EU drin und halb draußen – steht Europa angesichts frisch errichteter Grenzzäune und Checkpoints vor einer gewaltigen Zerreißprobe. Eine gemeinsam abgestimmte Flüchtlingspolitik, die den Umschlag in eine europäische Migrationspolitik schaffen würde, könnte 9


B端cher, die auf Holzstapeln brennen


Im Laufe der letzten 20 Jahre habe ich bei mehreren

Ecken der Welt mitgenommen, vielleicht, um mich dem

Gelegenheiten die vorsätzliche Verbrennung von Büchern

Trauma zu stellen. Vor ein paar Jahren, in Calgary, öffnete

beobachtet. Zu Beginn der 90er, als der Kommunismus

eine Professorin die Tür ihres Büros und sagte mir, ich könne

zusammenbrach, entfernten die Erwachsenen in meiner

so viele Bücher nehmen, wie ich wolle. Ich hatte Taschen voller

Familie die „roten“ Bücher des Kommunismus aus dem Haus,

Bücher, die ich durch Flughafen-Terminals schleppte. Und um

in dem ich lebte, und verbrannten sie im Hinterhof – Bücher

das Gewicht meines Koffers zu reduzieren, hüllte ich mich

von Karl Marx, Engels, Tito… Sie verschonten nur ein Buch, von

selbst in Bücher, genauso wie Selbstmordattentäter sich in

Rosa Luxemburg, welches ihnen im Vergleich zu den anderen

Bomben einhüllen.

Büchern offenbar nicht so furchtbar erschien.

„Warum nimmst du all diese Bücher mit? Die sind auf Deutsch.

Danach, während der 90er, sah ich, wie serbische Arbeiter

Du liest kein Deutsch“, wurde ich einmal von einem deutschen

Stapel von Büchern aus den Staats- und Universitäts-

Freund gefragt, während ich meine Tasche mit Büchern füllte.

Bibliotheken des Kosovo mitnahmen, sie auf einen Traktor

„Ich nehme sie nicht mit, um sie zu lesen, sondern um sie zu

luden und losschickten, um verbrannt zu werden. Während

haben“, sagte ich. Teil des Kampfes darum, diesem Trauma ein

des Krieges sahen wir von den Bergen aus, wie Häuser

Ende zu bereiten, war auch das Polip International Literature

niedergebrannt wurden. Wenn einige Häuser schneller

Festival, welches wir jedes Jahr in Pristina organisieren. Jedes

brannten als andere, sagten wir scherzhaft: „Die müssen eine

Jahr beherbergen wir um die 30 Autorinnen und Autoren,

Menge Bücher haben“.

hauptsächlich aus der Nachbarregion. Es ist das Festival,

Es war ein seltsamer Hass gegenüber Büchern, damals,

wo serbische Autorinnen und Autoren, zum ersten Mal seit

insbesondere gegenüber Büchern, die in der Sprache des

dem Ende des Krieges, ihre Gedichte auf Serbisch vor einem

Anderen geschrieben waren, in der Sprache des „Feindes“.

albanischen Publikum lesen. Wenn ich gefragt werde, wie es

Ich überlegte, dass das Verbrennen der Bücher von

war, nach dem Krieg so einen literarischen und kulturellen

anderen vielleicht sogar schlimmer sei, als ihre Häuser

Austausch zwischen Serben und Albanern zu initiieren, sage

niederzubrennen, ihren Besitz zu zerstören, oder sie aus ihrer

ich: „Wie ein gewöhnlicher Mensch, der in ein Minenfeld läuft“.

Heimat zu vertreiben.

Der Balkan von heute ist anders als der Balkan der 90er. Er hat

Während der Kämpfe nahm ich die Bücher aus meinem Haus

sich zum Besseren verändert, natürlich. Trotzdem lasten die

und vergrub sie, um sie vor den Flammen zu schützen. Später

Traumata von Flammen, die Bücher, Menschen, Häuser und

hörte ich, dass viele Menschen dasselbe taten.

Erinnerungen verschlingen, wie das Gewicht des Kreuzes auf

Es ist etwas Mystisches an diesem ganzen Hass auf Bücher,

unseren Schultern. Damit diese Traumata verblassen, sollte

an der ganzen Liebe für sie. Ich wäre nicht überrascht

jeder und jede von uns Bücher mit sich tragen (so wie ich es

gewesen, wenn, irgendwann in der Zukunft, primitive Flüche

tue), Bücher schreiben, Bücher übersetzen, und, vor allem,

wie „Mögest du ohne Nachkommen sterben“, oder „Mögest du

Bücher retten. Rettet sie davor, jemals wieder verbrannt zu

vom Angesicht der Erde verschwinden“, ersetzt würden durch

werden. Je mehr Bücher wir um uns herum haben, desto

„Mögen deine Bücher verbrennen“.

besser wird die Zukunft des Balkans sein.

Während der 90er waren Bücherverbrennungen ein Phänomen, welches in ganz Jugoslawien stattfand, in Gebieten

Jeton Neziraj

des Kampfes, der Vertreibung, in Gebieten der Gewalt. Die

Kosovarischer Dramatiker

Bilder von Büchern, die verbrannt werden, verursachten bei mir eine Art Trauma. Ein Trauma, dass vielleicht eines Tages alle Bücher verbrannt werden und uns nichts mehr bleibt. Ich habe mir oft vorgestellt, wie ich in einer Welt ohne Bücher lebe – die Vorstellung machte mir Angst. Also habe ich seit dem Ende des Krieges Bücher aus allen 11


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Sarajevos geteilte Jugend Von Lana Pasic (Text) & Nemanja Pančić (Photos) 25 Jahre nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens sind die Auswirkungen der Balkankriege in Bosnien und Herzegowina immer noch zu spüren. Junge Menschen im geteilten Sarajevo sprechen über ihre persönlichen Träume und ihre gemeinsame Zukunft. In den 1980er Jahren unterhielt die berühmte, in Sarajevo spielende Fernsehsendung Nadrealisti (Die Surrealisten) die Bürgerinnen und Bürger Jugoslawiens, indem sie sich über den zunehmenden Nationalismus lustig machte. Einer ihrer Sketche, der in der Zukunft spielte, zeigte eine Teilung von Sarajevo in „Ost“ und „West“. Jahre später wurde diese unglaubliche und abwegige Vorhersage Realität: Sarajevo, zu Titos Zeiten ein Symbol der Einheit, des Nebeneinanders und der Vielvölkerzugehörigkeit, wurde zweigeteilt. Der Wahnsinn der Balkankriege riss Bosnien und Herzegowina auseinander, zusammen mit seinen Bewohnern und den Straßen seiner Hauptstadt. Zwar beendete das 1995 unterzeichnete Friedensabkommen von Dayton den Konflikt, aber es teilte Bosnien auch in zwei Einheiten: die mehrheitlich serbische Republika Srpska (Serbische Republik) und die Föderation Bosnien und Herzegowina. Diese Teilung des Staates spiegelt sich auch in der Teilung seiner Hauptstadt wieder: OstSarajevo befindet sich in der Republik Srpska, Sarajevo ist Hauptstadt der Föderation Bosnien und Herzegowina. Wenn man heute durch Sarajevo läuft, in einem seiner vielen geschäftigen Cafés sitzt, die traditionellen Ćevapi isst, eine Wanderung durch die umgebenden grünen

Hügel macht, oder die Anlagen der Olympischen Winterspiele von 1984 besucht – auf die die Bewohner Sarajevos in beiden Teilen der Stadt sehr stolz sind – wird man den Unterschied wahrscheinlich nicht bemerken. Die zentralen Teile Sarajevos erscheinen zwar belebter und gedrängter als die Straßen Ost-Sarajevos, die Menschen bewegen sich aber regelmäßig von einem Ort zum anderen: Sie gehen zur Arbeit und erledigen ihre Einkäufe in den vielen Einkaufszentren, die in den letzten Jahren im Stadtzentrum und in den Außenbezirken entstanden sind. Obwohl eine administrative Grenze zwischen den Teilen Ost-Sarajevo und Sarajevo existiert, gibt es keine spürbare Grenze, keine Absperrungen – nur die irgendwie verwahrlosten Straßenschilder, die den Übergang in eine andere „Einheit“ signalisieren. Anders als Berlin, welches physisch durch eine Beton-Mauer getrennt war, sind die Aufteilungen in Sarajevo subtiler und eher geistiger Natur: Die jungen Menschen auf beiden Seiten sind durch gesonderte ethnisch-basierte Bildungssysteme getrennt sowie durch unterschiedliche politische und gesellschaftliche Einflüsse. Dennoch haben diese jungen Menschen in der Realität viel gemeinsam, besonders wenn es um ihre gemeinsame Zukunft geht. 13


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Ahmed (20), aus Sarajevo Ahmed ist Student der Wirtschaftswissenschaften und Präsident von ONAUBIH, der Jugendpresseorganisation von Bosnien und Herzegowina. Intelligent, sprachgewandt und begeistert von seiner Arbeit glaubt er, dass junge Menschen in Bosnien heute etwas verändern können.

Ich möchte Unternehmer werden – ich glaube, das ist der einzige Weg, um in Bosnien wohlhabend zu werden. Aber Unternehmertum wird in unserer Gesellschaft stigmatisiert. Unsere Eltern wollen, dass wir solide Jobs haben, und nicht, dass wir selber etwas wagen. Unser Bildungssystem fördert uns auch nicht gerade. Wir haben eine sehr hohe Jugendarbeitslosigkeitsrate – 60 Prozent, was einen massiven „brain drain“ verursacht: Um die 150.000 Jugendlichen haben seit 1995 Bosnien und Herzegowina verlassen. Sie sind abgehauen, um im Ausland zu studieren oder zu arbeiten, und für gewöhnlich kommen sie nicht zurück. Das ist enttäuschend, denn es gibt hier viele Möglichkeiten, 14

viele nicht genutzte Ressourcen. Junge Leute müssen sich einfach mal aus ihrer Komfortzone herausbewegen und etwas Neues ausprobieren. Natürlich müssen sich viele Dinge in Bosnien und Herzegowina ändern, von der Verkehrsinfrastruktur, über die Wirtschaft und unsere Verfassung bis hin zu einer neuen Haltung gegenüber der Umwelt. Wir brauchen qualitativ hochwertige Bildung und alle Rechte, die dazugehören, genauso wie praktische Fähigkeiten. Ich hoffe, dass ich durch mein Engagement in den Medien und in der Wirtschaft Möglichkeiten für andere junge Leute schaffen, und meiner Gesellschaft zumindest einen kleinen Hoffnungsschimmer geben kann.


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Dobrica (20), aus Ost-Sarajevo Dobrica hat gerade seine militärische Ausbildung beendet. Er hat eigentlich im IT-Sektor gelernt und gearbeitet, aber er glaubt, dass die Armee ihm bessere Chancen bietet. Ehrgeizig und entschlossen, sich selbst eine besser Zukunft zu erschaffen, ist Dobrica glücklich über das, was er bisher geleistet hat – und setzt sich bereits neue Ziele für seine Ausbildung und berufliche Laufbahn.

Ich habe Monate damit verbracht, mich auf die Prüfung vorzubereiten und zahlreiche Assessment Center und Bewerbungsgespräche absolviert, bevor ich an dem Programm teilnehmen durfte. Das Militärtraining war hart – besonders in den ersten Tagen –, aber das war es wert. Genau wie andere junge Leute hier will ich ein normales Leben, Gesundheit und Stabilität. Es stimmt nicht, dass junge Leute in Bosnien und Herzegowina lethargisch und faul sind. Wir wollen arbeiten, aber wir wissen, dass es in unserer Gesellschaft große Ungerechtigkeiten gibt, die uns einschränken. Es gibt wenige Möglichkeiten, dafür aber viel Korruption. Das beeinträchtigt unseren Antrieb und unsere Motivation. Junge Leute müssen

hartnäckiger sein und einen starken Willen haben, um ihre Ziele zu erreichen.

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W

Adi (24), aus Sarajevo Student Adi macht seinen Master in Kriminologie und arbeitet als Freiwilliger für Unicef und eine örtliche NGO, NARKO-NE. Wir treffen ihn in seinem Viertel Dobrinja: ein Teil der Stadt, der sich auf der unsichtbaren „Grenze“ zwischen Sarajevo und Ost-Sarajevo befindet. Freundlich, offen und engagiert wünscht Adi sich, dass seine Gesellschaft gerechte Chancen für alle Kinder und jungen Menschen bietet.

Als ich mit meinem Studium angefangen habe, wollte ich in der Politik arbeiten und zur präventiven Verbrechensbekämpfung forschen. Aber je älter ich werde, desto bewusster werde ich mir meiner Gesellschaft und ihrer vielen Herausforderungen: Korruption, Vetternwirtschaft und die mangelnde Transparenz, wenn es um Beschäftigung im öffentlichen Dienst geht. Das System verfault und für junge Leute gibt es nur begrenzte Möglichkeiten. Ehrenamtliche Arbeit hat mir ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Dieses Jahr möchte ich gerne ehrenamtlich im Ausland arbeiten, 16

damit ich mehr lerne und, wenn ich zurückkomme, einen Beitrag leisten kann: zu meiner Gemeinschaft, zu Gleichaltrigen und zu zukünftigen Generationen. Junge Leute aus Bosnien und Herzegowina sollten mehr reisen, lernen, wie Dinge woanders funktionieren, und entdecken, was uns hier fehlt an Sicherheit, Lebensfülle, Vielfalt, guter Bildung und Möglichkeiten, Kreativität auszudrücken. Ich habe Vertrauen in die jungen Leute hier. Wir haben das Potential, positive Veränderungen zu bewirken, weil wir nach vorne schauen und uns nicht auf die Vergangenheit konzentrieren.


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Sonja (21) aus Ost-Sarajevo Sonja studiert Jura in Ost-Sarajewo. Sie ist freundlich, reist leidenschaftlich gerne und lernt von anderen Kulturen – aber vor allem interessiert sie sich dafür, ob sie einen Job finden wird.

Es ist schwierig, hier zu leben, wenn man keinen guten Job hat. Es gibt eine Menge Armut, die Qualität der Gesundheitsvorsorge ist schlecht und es gibt berufsbedingten Stress und existentielle Lebensfragen, die uns jeden Tag quälen. Viele Menschen haben Posttraumatische Belastungsstörungen. Auch junge Menschen spüren die Auswirkungen der Kriege, insbesondere wenn ihre Eltern ihnen beibringen, Nationalisten zu sein und keinen Umgang mit anderen Ethnien zu pflegen. Ich sehe Menschen als Individuen, nicht als Mitglieder einer bestimmten ethnischen

Gruppe. Wir müssen uns gegenseitig respektieren und zusammenarbeiten. Ich glaube, dass einzelne Menschen eine Menge ändern können. Wenn wir uns weniger stressen, wenn wir mehr Hoffnung und Optimismus haben, dann können wir Verbesserungen durchsetzen. Die größten Probleme in unserem Land sind Korruption, wirtschaftliche Unbeständigkeit und Arbeitslosigkeit. Und doch, trotz alldem: Ich sehe für mich selbst eine Zukunft hier, weil ich dieses Land und seine Menschen liebe. 17


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Hajrudin (20) aus Sarajevo Hajrudin studiert auf Lehramt. Er brennt für seinen gewählten Beruf und leitet das Bildungsprogramm des Sarajevoer Jugendrates.

Mein Ziel ist es, mit Forschung zu arbeiten und selber zu forschen: zu benachteiligten Bevölkerungen, zu Flüchtlingen und Binnenvertriebenen wie beispielsweise den Roma, zu benachteiligten Kindern. Ich plane, mich in Österreich oder Portugal beruflich zu spezialisieren. Dort werde ich meine Wissensgrundlage aufbauen – hier haben wir keine praktischen Ausbildungsprogramme im Bereich Bildung. Und dann komme ich zurück und setzte diese Qualifikationen hier ein. Ich möchte weiterhin mit jungen Menschen arbeiten. In unserer Gesellschaft 18

gibt es diese Wahrnehmung, dass junge Leute passiv sind, aber das ist nicht wahr. Die, die offizielle Stellen haben, arbeiten vielleicht nicht so viel. Aber Mitglieder der Zivilgesellschaft und Einzelne bemühen sich sehr, in ihrer Gesellschaft einen Unterschied zu machen. Wir brauchen einfach mehr positive Geschichten, die über die Medien geteilt werden. Und wir müssen uns auf die guten Dinge konzentrieren und darauf, bessere Möglichkeiten zu schaffen – damit wir motiviert sein können, um mit unserer Arbeit voranzukommen.


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Jelena (19) aus Ost-Sarajevo Jelena wird bald mit ihrer Familie nach Berlin ziehen. Sie ist energiegeladen, reif für ihr Alter, entschlossen und erpicht darauf, neue Gelegenheiten zu ergreifen.

Ich habe nie wirklich darüber nachgedacht, wegzugehen, aber die Gelegenheit kam zur richtigen Zeit. Ich glaube nicht, dass es einfach wird – aber ich bin aufgeregt, etwas Neues auszuprobieren, und ich bekomme im Ausland eine bessere Ausbildung. Wenn ich Deutsch gelernt habe, werde ich wahrscheinlich Mikrobiologie oder Wirtschaft studieren. Die Möglichkeiten in Bosnien und Herzegowina sind begrenzt, und ich wünschte, die Leute hier hätten Zugang zu besserer Bildung und mehr Freiheiten, ihren Interessen nachzugehen. Es gibt weder

eine wirkliche Demokratie, noch Rechtsstaatlichkeit. Das hat dazu geführt, dass viele junge Leute desillusioniert sind. Wir haben eine Menge Potential, aber es wird nicht voll ausgeschöpft. Die Regierung ermöglicht uns keine Chancen. Junge Leute haben nicht genug Berufserfahrung, was es für sie sehr schwierig macht, überhaupt einen Job zu bekommen. Und selbst wenn sie kreativ sind, können sie diese Kreativität nicht ausüben, weil es ihnen an finanziellen Möglichkeiten fehlt.

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Zlatan (24) aus Sarajevo Zlatan studiert Psychologie und Politikwissenschaften, sein Auftreten ist nahezu Zen-mäßig. Wir unterhalten uns über Philosophie, Zlatans Studium und seine Schreibambitionen.

Ich erkenne klar die Mängel an meiner Uni. Deshalb habe ich mich während meines Studiums immer bemüht, zu arbeiten, auch ehrenamtlich, um meine Fähigkeiten zu erweitern. Geht es um die Zukunft, gibt es immer Unsicherheit, und das ist der Grund, warum Leute ins Ausland gehen. Es gibt die Auffassung, dass wir keine Kontrolle über unser Leben und unsere Umgebung haben. Junge Leute erschaffen oft negative Narrative der Gegenwart, übernehmen dabei die Ansichten ihrer Eltern und idealisieren Jugoslawien. Die Gegenwart mag manchmal düster erscheinen, aber ich glaube, dass die Möglichkeiten endlos sind. Ich hoffe, dass ich die Zeit, den Raum und die Ressourcen haben werde, um 20

mich meinen Leidenschaften zu widmen – Schreiben, Forschung und Psychologie. Und ich wünsche mir, dass alle anderen die gleiche Freiheit haben. Es ist wichtig für junge Leute, zuerst in sich selbst zu suchen, sich von den Nachrichten und von Facebook loszumachen, in die Bücherei zu gehen, positiv zu denken und zu sprechen. Und dann zu sehen, wie ihr Leben sich nach und nach verändert hat. Wir sollten aus einer breiteren Perspektive auf unsere Gesellschaft schauen, mit mehr Menschlichkeit und Empathie – nur dann können wie die Möglichkeiten erkennen, die wir genau hier vor uns haben.


E

Milan (24) aus Ost-Sarajevo Milan studiert Maschinenbau. Er war Präsident der Studentenvereinigung seiner Universität in Ost-Sarajevo. Milan ist klug, aber unsicher, was die Zukunft angeht, fasziniert vom Kaukasus und ein großer Fußballfan.

Ich strebe danach, ein normales Leben zu haben – meinen Abschluss zu machen, einen Job zu bekommen und eine Familie zu gründen. Ich würde gerne als Maschinenbauer arbeiten, aber die Industrie hier ist schwach und es gibt nur begrenzte Möglichkeiten. In Deutschland passiert in meinem Arbeitsbereich viel, also könnte ich dort arbeiten, oder für eine der ausländischen Firmen, die hier Zweigstellen haben. Junge Leute in Bosnien und Herzegowina denken vor allem über ihre Jobchancen nach, aber es gibt auch andere Themen, die uns beschäftigen: Politik, Nationalismus, niedrige Lebensstandards, steigende Staatsverschuldung. Um zur Gesellschaft beitragen zu können, müssen wir uns

selbst bilden, wir müssen jeden Tag etwas Neues lernen – nicht nur durch formale Bildung, sondern indem wir uns anderen Ländern und Kulturen aussetzen: Musik, Sport und Filme. Alle diese Dinge werden uns helfen, unseren Horizont zu erweitern.

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Kroatien: Refugees Reloaded Von Barbara Matejčić (Text) & Matic Zorman (Photos) Während der Balkankriege in den 1990ern sammelten sich tausende kroatischer Flüchtlinge an der kroatischserbischen Grenze. Heute ist das Gebiet immer noch ein wichtiger Hotspot der EU-Flüchtlingskrise: Tausende syrischer Flüchtlinge, die vor den Unruhen im Mittleren Osten fliehen, passieren das Lager von Slavonski Brod. Dort hilft ihnen die ehemalige bosnische Geflüchtete Lorena Franjkić 22 auf ihrer Reise in ein neues Leben.


Slavonski Brod, Kroatien, 24. Januar 2016 Auf Arabisch gibt ein Mitglied des kroatischen Roten Kreuzes den soeben angekommenen Fl端chtlingen Anweisungen.

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Slavonski Brod, Kroatien, 24. Januar 2016 Feierabend – am Ende ihrer Schicht posiert Lorena für ein Foto.

Lorena Franjkić lehnt sich über einen Zaun und lässt eine Plastiktüte auf die andere Seite baumeln. Ein vier oder fünf Jahre altes Mädchen steckt sofort seinen Kopf hinein und wühlt sich durch den Inhalt. Als Lorena sich weiter herunterbeugt, um die Tüte für das Kind leichter erreichbar zu machen, wird eine Inschrift auf ihrer leuchtend orangefarbenen Weste sichtbar: „Welcome“, Willkommen. Das Mädchen taucht aus der Tüte auf. Es begutachtet den Stoffaffen, den es herausgefischt hat, runzelt die Stirn, wirft ihn wieder hinein und verschwindet erneut in der Tüte. Nach kurzer Aufregung taucht aus der Tüte eine Hand auf, eine Puppe haltend, gefolgt von dem Mädchen, lächelnd. Lorena lächelt ebenfalls. Sie stellt keine Fragen. Als ob es völlig normal wäre, dass bei minus einem Grad in einem weißen Zelt, an einem Ort, von dem die Eltern des Mädchens vor einer Stunde noch nicht einmal wussten, dass er existiert, dass dort ein kleines Wesen ein Spielzeug aus einer Mülltüte aussucht. „Hani“, sagt das Mädchen, glücklich auf die Puppe in pinker Kleidung zeigend. Andere Kinder kommen näher, greifen in die Tüte, nehmen Teddybären, Plastikkrokodile, Samtaffen heraus. Das Mädchen taucht mit einer anderen Puppe wieder auf. „Wer ist das?“, fragt Sandra auf Arabisch. Sandras Vater ist Syrer, ihre Mutter Kroatin. Sie hilft den Flüchtlingen, seit sie selbst aus Aleppo nach Kroatien 24

geflohen ist. „Hanis Mama“, antwortet das Mädchen, während ihre Mutter sie warnt, dass sie sich zwischen Hani und ihrer Mutter entscheiden müsse, weil sie ihren Weg nicht mit zwei Puppen fortsetzen könnten. „Ich kümmere mich um sie“, ruft das Mädchen aus und drückt die Puppe fest an sich. Nur ein kurzer Halt Das Mädchen gehört zu den 850 Flüchtlingen, die am Nachmittag des 25. Januar 2016 mit der Bahn im Durchgangs-Flüchtlingslager in Slavonski Brod angekommen sind, eine kleine Stadt an der kroatischen Grenze zu Bosnien und Herzegowina. Es ist die Grenze zwischen der EU und den anderen europäischen Ländern. Die Flüchtlinge reisen von Serbien aus mit der Bahn und machen Halt in Slavonski Brod. Dort werden sie von der Polizei erfasst, bevor sie ihren Weg in der Bahn fortsetzen, erst nach Slowenien, und dann weiter, tiefer hinein nach Europa. Slavonski Brod ist nur ein kurzer Halt auf ihrer Reise. Das für das Lager zuständige kroatische Innenministerium gibt ihnen nicht viel Zeit, sich von ihrer langen und ermüdenden Reise zu erholen. Trotzdem sagen die Flüchtlinge, es sei das am besten organisierte Lager auf der Balkan-Route. Lorena verteilt Kleidung von einem vorsortierten Haufen. Ein junger


Slavonski Brod, Kroatien, 23. Januar 2016 Mit ihrem Handy chattet Lorena und liest Nachrichten über die Flüchtlinge, die den Balkan durchqueren.

Mann bittet sie um warme Schuhe. Männerschuhe sind sehr begehrt, deshalb gibt es davon immer zu wenige; Lorena muss sich über den Zaun beugen, um einschätzen zu können, ob er wirklich ein neues Paar Schuhe braucht. Es fühlt sich nicht richtig an, wenn sie dazu gezwungen ist, über die Bedürfnisse anderer Menschen zu urteilen, aber sie hat keine Wahl: Es könnte sein, dass jemand auftaucht, der diese Schuhe wirklich braucht, und dann hat sie keine mehr übrig. Ihre Arbeit besteht manchmal aus schwierigen Entscheidungen, weil sie nicht allen helfen kann, die Hilfe brauchen. Aber die Zufriedenheit überwiegt. Da sind die lächelnden Kindergesichter, Flüchtlinge, die ihre Daumen heben und „Sehr toll!“ rufen, und Nachrichten von denen, die schließlich ihren Bestimmungsort erreicht haben. Lorena ist eine Freiwillige, die jenen Flüchtlingen hilft, für die Kroatien zu einer Station auf ihrem Weg entlang der Balkan-Route geworden ist. Von der Geflüchteten zur Helferin Während sie die Kinder beobachtet, kann Lorena nicht anders, als sich zu erinnern – daran, als sie nicht nur im gleichen Alter, sondern in der gleichen Situation war. Sie erinnert sich an die Panzer und an die Uniformen der UNO-Friedenstruppen, und an den Moment, als

sie die besetzte Stadt verließ, in der sie in Bosnien und Herzegowina lebte. Es war 1994, sie kaum vier Jahre alt. Sie fuhr mit ihrer Mutter in einem Flüchtlings-Bus davon, nach Deutschland. Ihr Vater blieb und kämpfte im Krieg. Sie erinnert sich an die Spielzeuge, die sie bekam, besonders an einen Affen, den sie mitnahm, wohin auch immer sie ging, und an einen weißen Clown, der noch heute auf ihrem Schreibtisch sitzt. „Das Einzige, was meine Eltern jemals über den Krieg sagen, ist: ‚Möge er niemals wieder passieren‘. Erst jetzt, wenn ich diese Menschen sehe, realisiere ich, wie schwierig es für sie gewesen sein muss, und dass sie wahrscheinlich deshalb nie darüber reden“, sagt Lorena. 1997 kehrten sie aus Deutschland zurück und ließen sich in Kroatien nieder, in einer kleinen dalmatinischen Stadt. In den frühen 1990ern nahm Kroatien ungefähr 650.000 Flüchtlinge auf, hauptsächlich aus den besetzten kroatischen Gebieten, aber auch aus Bosnien und Herzegowina. Etwa zur selben Zeit flohen um die 150.000 Menschen aus Kroatien. Zweieinhalb Jahrzehnte später steht Kroatien vor einer neuen Flüchtlingswelle: „Wäre ich während des Krieges älter gewesen, wäre ich eine Friedensaktivistin gewesen. Als diese humanitäre Krise angefangen hat wusste ich, dass ich helfen muss, weil wieder menschliche Leben auf dem Spiel stehen. Ich spürte, dass ich dieses Mal etwas tun konnte.“ Als Ungarn 25


Slavonski Brod, Kroatien, 24. Januar 2016 Sandra mit Flüchtlingskindern, die im Aufnahmelager in Slavonski Brod angekommen sind. Sandra ist vor dem Krieg in Syrien aus Aleppo geflohen, lebt nun in Kroatien und hilft dort Flüchtlingen aus dem arabischen Raum als Übersetzerin.

im September 2015 seine Grenze zu Serbien dicht machte, hatten Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten nur eine Option: Auf ihrem Weg nach Europa Kroatien zu durchqueren. Also begannen Mitte September tausende von Menschen, nach Kroatien einzureisen – über die Felder in Dörfern entlang der serbischen Grenze, wo die Bevölkerung ähnliche Erinnerungen an den Krieg im ehemaligen Jugoslawien hat, weil dieses Gebiet von den serbischen Kräften besetzt war. „Kroatien ist mein Kampfgebiet“ Wieder sehen wir hunderte erschöpfte und hoffnungslose Menschen, die mit Plastiktüten in ihren Händen liefen. In Dörfern entlang der Grenze kamen die ehemaligen Flüchtlinge heraus, um den aktuellen entgegen zu gehen, sie brachten ihnen Wasserflaschen und die Kleidung ihrer Kinder, während die Frauen ihnen Süßigkeiten anboten und freiwillige Helfer Hotspots einrichteten, wo Flüchtlinge ihre Handys aufladen konnten. „Als wir unsere Heimat verlassen mussten, waren wir auch auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen. Deshalb fühlen wir mit diesen Menschen, die gerade fliehen“, sagt eine Frau aus Tovarnik, dem grenznahesten Dorf. Seit Beginn 26

der Migrationskrise bis zu dem Moment, wo Lorena sich aufmacht, den Flüchtlingen in Slavonski Brod zu helfen, sind 650.000 Flüchtlinge nach Kroatien eingereist. Inzwischen haben fast alle von ihnen Kroatien wieder verlassen. Kroatien ist kein Land, in dem sie bereitwillig bleiben würden. Slavonski Brod ist nun der einzige Ort in Kroatien, an dem Flüchtlingen ankommen. „Alle wollen nach Deutschland. Es ist wie dieser Witz, wo ein Kroate einen Bosnier fragt, was er tun würde, wenn der Weltuntergang naht, und der Bosnier antwortet: ‚Ich würde meine Frau und meine Kinder packen und nach Deutschland abhauen‘“, erzählt ein Freiwilliger in Slavonski Brod. Kroatien ist auch kein Land, in dem junge Menschen wie Lorena gerne bleiben würden. Aufgrund seiner hohen Jugendarbeitslosigkeit ist Kroatien unter den EU-Ländern mit der höchsten Arbeitslosenquote (an dritter Stelle nach Spanien und Griechenland) und ganze 85 Prozent der jungen Menschen haben überlegt, auszuwandern. Die Generationen, die in einer von den Traumata des Krieges geschädigten und vom mageren Wirtschaftswachstum verkrüppelten Gesellschaft aufgewachsen sind, stecken nun in einer anhaltenden Wirtschaftskrise mit wachsenden sozialen Ungleichheiten fest. Viele von Lorenas Freunden


Tovarnik, Kroatien, 24. Januar 2016: Ein Bahnhof in Tovarnik. Flüchtlinge aus Serbien kommen hier an, reisen dann weiter über Kroatien nach Slowenien und in andere Länder der Europäischen Union. Tausende von Flüchtlingen kamen während der Hochphase der Flüchtlingskrise im September 2015 an dieser Station an.

studieren im Ausland, genau wie sie – nach Slavonski Brod ist sie vom tschechischen Brno aus gereist, wo sie in einem Soziologie-Programm immatrikuliert ist. Sie plant, ihr Studium im Ausland fortzusetzen, aber danach würde sie gerne nach Kroatien zurückkehren. „Ich habe ein Semester in Finnland verbracht und es ist einfach, in so einem geregelten Land ein sorgenfreies Leben zu führen. Aber ich fühle mich verantwortlich, etwas zu meiner eigenen Gemeinschaft beizutragen. Kroatien ist mein Kampfgebiet“, sagt sie. Aufwachsen im ethnisch und religiös homogenen Kroatien

Graben in der Gesellschaft verbreiterte. „Junge Leute in meinem Alter sind traditioneller und engstirniger als die Vorkriegs-Generationen. Sie sind in einem ethnisch und religiös homogenen Kroatien aufgewachsen, wo sie sich nicht an Menschen gewöhnt haben, die anders sind als sie“, sagt Lorena. Sie hat noch hunderte von Kilometern vor sich, bevor sie Brno erreicht – dort, wo der kleine Clown auf sie wartet, der sie in den letzten 20 Jahren getröstet hat, seit sie ein Flüchtling in Deutschland war. Schon bald wird sie nach Slavonski Brod zurückkehren, um abermals die neuen Flüchtlinge zu „begrüßen“, die nach Europa kommen.

Wir fahren zurück nach Zagreb, Lorenas fünftägige Freiwilligen-Schicht ist vorbei. Dabei hören wir Nachrichten: Eine neue, rechte Regierung hat den Platz der vorherigen, linksgerichteten Regierung in Kroatien eingenommen. Lorena befürchtet, dass eine der ersten Entscheidungen der neuen Regierung darin bestehen wird, die Grenzen für Flüchtlinge zu schließen. Sie hat Angst davor, dass Nationalismus und Ausländerfeindlichkeit an Boden gewinnen. Die Wahlkampagne der neuen Regierung spielte eine Karte, die den ideologischen 27


1 Slavonski Brod, Kroatien, 24. Januar 2016 Lorena zeigt eine Papptafel mit verfügbaren Schuhgrößen für jene Flüchtlinge, die um ein neues Paar Schuhe bitten.

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2 Slavonski Brod, Kroatien, 24. Januar 2016 Eine improvisierte Wechselstube, die auch als Zigarettenladen fungiert. Hier können die Flüchtlinge Geld wechseln und legal Zigaretten zu normalen Preisen kaufen. 3 Bosanski Brod, Bosnien und Herzegowina, 23. Januar 2016 Lorena Frajnkić posiert nahe der Grenze zwischen Kroatien und Bosnien und Herzegowina für ein Portrait. Während des Bosnienkrieges selber eine Geflüchtete, hilft die junge Frau heute als Freiwillige im Flüchtlingsaufnahmelager in Slavonski Brod.

4 Slavonski Brod, Kroatien, 24. Januar 2016 Am 24. Januar kamen insgesamt 850 Menschen mit der täglichen Bahn in Slavonski Brod an.

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5 Slavonksi Brod, Kroatien, 23. Januar 2016 Lorena, Sandra und Ali, Freiwillige im Flüchtlingsaufnahmelager in Slavonski Brod, besprechen in ihrer Wohngemeinschaft, was es zum Abendessen geben soll.

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1 Tovarnik, Kroatien, 24. Januar 2016 Ein Münztelefon im Bahnhof von Tovarnik. 2 Slavonski Brod, Kroatien, 24. Januar 2016 Flüchtlinge steigen aus der Bahn, um sich im Flüchtlingsaufnahmelager Slavonski Brod registrieren zu lassen. 3 Tovarnik, Kroatien, 24. Januar 2016: Essensreste und Müll liegen in einem der Räume des Bahnhofs. 4 Slavonski Brod, Kroatien, 24. Januar 2016 Ein Tisch in der Wohnung von Lorena und Sandra. 5 Slavonski Brod, Kroatien, 23. Januar 2016 „Die Legion“ lautet die Inschrift eines Graffitis – die Anhängerschaft des Brodski Sport Clubs (Slavonski Brod Sport Club) nennt sich so.

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Coming Out im Kosovo Von Fisnik Dobreci (Portfolio)

Lendi steht vor einer Herausforderung: Er ist einer der ersten offen als Transgender lebenden Teenager im Kosovo. In dieser patriarchalen Gesellschaft ist die Diskriminierung von Menschen, die sich nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren, immer noch traurige Realit채t.

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Dem 19-j채hrigen Lendi aus Pristina wurde bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen, er identifiziert sich aber als Mann und lebt dementsprechend. Die Tatsache, dass er eine der ersten offen als Trans* lebenden Personen im Kosovo ist, zeigt, wie sehr die LGBTQ-Gemeinde (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer oder Questioning, Anm.) dort diskriminiert wird.

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2016 feiert der Kosovo den 8. Geburtstag seines Bestehens - und kämpft immer noch darum, innerhalb seiner Grenzen Staatlichkeit und Demokratie zu etablieren. Weniger „wichtige“ Angelegenheiten – wie die Lendis – werden dabei einfach unter den Teppich gekehrt.

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Lendi hat sein Leben selbst in die Hand genommen und für sich einen Platz in einer Gesellschaft gefunden, die Menschen wie ihn erst noch akzeptieren muss. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, arbeitet Lendi als Barista in einem örtlichen Rock Café, in dem es vor Teenagern nur so wimmelt. In seiner Freizeit trifft er Freunde und koordiniert verschiedene Aktionen für QESh, eine örtliche NGO, die sich für LGBTQRechte einsetzt. 39


Montenegro: Der lange Schatten des Milo Von Jelena Kulid탑an (Text) & Tomislav Georgiev (Photos) 40


o Đ. Die montenegrinische Jugend versucht an einem Freitagabend im „Disctrict“-Club, Stress abzubauen. In Montenegro ist ein Drittel der unter 30-Jährigen arbeitslos.

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Montenegro ist das einzige Land des westlichen Balkans, in dem der Bürgerkrieg nie stattgefunden hat, wo kein Blut vergossen wurde – auch wenn Montenegro seinerseits Truppen in benachbarte Gebiete schickte und Kriegsverbrechen beging. Auch in anderer Hinsicht ist das Land ein Sonderfall: Anders als Gleichaltrige in den Nachbarländern hat die Jugend Montenegros in den letzten 25 Jahren nur keinen Regierungswechsel erlebt.

Es ist ein ungewöhnlich ruhiger Sonntagmorgen in der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica. Die halbleeren Straßen verraten nichts über die aktuelle politische Lage der Nation: Morgen wird im Parlament eine Vertrauensabstimmung stattfinden. Ilija Gajević, ein Literatur- und Sprachenstudent, ist davon überzeugt, dass der montenegrinische Premierminister Milo Đukanović an der Macht bleiben wird – so wie schon in den letzten 25 Jahren. Wir treffen Ilija im Park, vor der Statue von Petar II Petrović-Njegroš – dem berühmten montenegrinischen Dichter, Reformer und demokratischen Herrscher aus der Petrović-Dynastie. Mit hörbarer Enttäuschung in der Stimme sagt Ilija: „Ich frage mich, was Njegroš von uns denken würde, wenn er uns jetzt sehen könnte. Vielleicht ist es besser, dass wir nicht wissen, was er denkt.“ Eine schrecklich korrupte Familie Ilija war noch nicht geboren, als Đukanović begann, den Weg für seine politische Karriere zu ebnen. Als junges Mitglied von Titos Partei (der Bund der Kommunistischen Jugoslawiens, Anm.) stieg Đukanović bis zur Spitze des Bundes der Kommunisten Montenegros auf, dank der anti-bürokratischen Revolution in den späten 1980ern. Damals fanden Massenproteste der mit der wirtschaftlichen Situation unzufriedenen Bürger statt – und diese Bürger begannen, mit der Idee des Nationalismus zu flirten: Eine Idee, die sich im ganzen Land verbreitete und die alte Parteiführung

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zum Rücktritt zwang. Die leeren Sitze wurden von Milo Đukanović und seinen engsten Freunden und Verbündeten übernommen. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus wurden im Dezember 1990 die ersten parlamentarischen Wahlen Montenegros abgehalten. Wenig überraschend gewann der Bund der Kommunisten mit überwältigender Mehrheit und änderte seinen Namen bald in Demokratische Partei der Sozialisten Montenegros (DPS). In den letzten 25 Jahren hat die DPS Montenegro regiert. An seinem 29. Geburtstag, dem 15. Januar 1991, wurde Milo Đukanović zum ersten Mal zum Premierminister gewählt – und so zum jüngsten Premierminister Europas. Ilija wurde eineinhalb Jahre später geboren. Im Laufe seines Lebens hat er keinen Regierungswechsel miterlebt, obwohl er in einer parlamentarischen Demokratie lebt und bei vergangenen Wahlen bisher dreimal gewählt hat. „Ich habe nicht einmal daran geglaubt, dass ein Regierungswechsel möglich ist“, sagt Ilija. Đukanović hat sieben Mal die Rolle des Premierministers übernommen sowie eine Amtszeit als Präsident von Montenegro. Zwar trat er zweimal kurz zurück, um sich privaten Geschäftsangelegenheiten zu widmen – kehrte aber später zurück, um die Basis der DPS zu stärken. Dem britischen Independent zu Folge belegt Đukanović Platz 20 der Liste der reichsten Politiker weltweit. Seine engste Familie ist ebenfalls sehr reich: Der Bruder des Premierministers, Aco Đukanović, ist Besitzer der Prva Banka (Erste Bank) – die einzige Finanzinstitution, die


Befragungen zufolge bezeichnen sich 45 Prozent der Bevölkerung von Montenegro als Montenegriner. 30 Prozent der Bevölkerung bezeichnen sich als Serben.

während der Finanzkrise 2008 umfangreiche Hilfen in Höhe von 44 Millionen Euro erhielt. Die Schwester des Premierministers, die erfolgreiche Anwältin Ana Kolarević, war in den montenegrinischen TelekomSkandal involviert: 2005 wurde die nationale TelekomGesellschaft unter fragwürdigen Umständen privatisiert. Den Untersuchungen von US-Ermittlern zufolge hat eine ungarische Telekom-Tochtergesellschaft mehrere montenegrinische Beamte mit insgesamt 7,35 Millionen US-Dollar bestochen, um die montenegrinische Telekom-Tochtergesellschaft zu erwerben. Angeblich war unter den bestochenen Beamten eine Anwältin – die Schwester des „höchsten Regierungsbeamten“. Zugang durch Parteimitgliedschaft Montenegro hat 620.000 Einwohner, davon sind 40.000 arbeitslos. Der Arbeitsagentur von Montenegro zufolge ist ein Drittel der Menschen unter 30 arbeitslos. Der 28-jährige Aleksa Bečić, Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei (SDP) – der montenegrinischen Oppositionspartei – betont, dass Arbeitslosigkeit in Montenegro ein umstrittenes Thema sei. Der Hauptgrund für die hohe Arbeitslosigkeit

ist ihm zufolge die Vetternwirtschaft der Politiker und die weitverbreitete Korruption innerhalb öffentlicher Institutionen. „Unser fundamentales Wertesystem, das Rückgrat und die Grundlage der Gesellschaft, wurde zerstört. Qualität, Expertise und Bildung spielen eine unbedeutende Rolle für den Erfolg junger Menschen. In Wirklichkeit ist es eine Parteimitgliedschaft, die ihnen Zugang und Chancen sichert“, sagt Aleksa. Aber die seit einem Vierteljahrhundert andauernde Herrschaft der DPS ist lokalen und internationalen Nachrichtenquellen zufolge befleckt mit Wahlbetrugsvorwürfen. 2013 wurde ein Skandal öffentlich: Die DPS hatte Staatsmittel und öffentliche Gelder verwendet, um bei den Parlamentswahlen 2012 Wählerstimmen zu kaufen. „Erinnerst du dich an die berühmte Behauptung von Zoran Jelić (ehemaliger Leiter der Arbeitsagentur, Anm.)“, fragt Aleksa, „als er während eines Parteitreffens sagte, dass jedes Parteimitglied vier Wählerstimmen wert ist?“ Das Büro des Staatsanwaltes antwortete später, dass „keiner der Teilnehmer (des Parteitreffens, Anm.) irgendeinen Gesetzesverstoß begangen hat“, weshalb der Fall nie als Klage eingereicht wurde. Jelićs Ehefrau, Vukica, übernahm später die Leitung ebenjener 43


Auf Facebook beschreibt sich der Kultur-Club „Harlequin“ als ein Ort, an dem Menschen Bier trinken, den Krieg umbringen, über die Widrigkeiten lachen und ihr Leben so gut leben, dass der Tod Angst davor hat, es ihnen zu nehmen.

Arbeitsagentur, Jelić sitzt für die DPS im Parlament. Die Jugend-Armee der DPS Der DPS-Jugendrat, die Jugendorganisation der DPS, hat ungefähr 15.000 Mitgliedern – das ist mehr als die Wählerschaft einiger der anderen im Parlament vertretenen Parteien und macht den Rat zur größten Jugendorganisation Montenegros. Seine hierarchische Struktur ist die gleiche wie die der frühen DPS, mit 23 kommunalen Gremien und hunderten lokalen Gemeinschaften, in denen jeder eine Rolle zu spielen hat. Nikola Pešić, ein 27 Jahre alter Wirtschaftsmanagements-Absolvent, ist Kopf des DPSJugendrats. Er wünscht sich eine erfolgreiche politische Karriere, aber er weiß, dass er nicht an die Stelle seines politischen Idols wird treten können: „Es kann immer nur einen und einen einzigen Milo Đukanović geben. Es wird nie wieder jemand wie er geboren werden“, sagt Nikola. Gefragt, ob er in Zukunft lieber Teil einer legislativen oder einer exekutiven Institution wäre, antwortet Nikola, er sehe sich selbst als Minister, aber: „Ich bin darauf vorbereitet dort zu arbeiten, wo auch immer meine Partei mich braucht und wo auch immer meine Partei glaubt, dass ich dort am meisten beitragen kann.“ Anders als Ilija findet Nikola nichts kontrovers an der Tatsache, dass Montenegro seit einem Vierteljahrhundert von 44

demselben Mann regiert wird. Aber er gibt zu, dass das, was in Montenegro beobachtet werden kann, verglichen mit anderen europäischen Demokratien die Ausnahme ist. „Ich bin stolz und geehrt, Teil einer Organisation zu sein, die turbulente Zeiten überstanden und es geschafft hat, so lange an der Macht zu bleiben“, sagt Nikola mit einem Lächeln. „Ihr hattet euren Spaß, jetzt nehmt eure Sachen und haut ab“ Die Gegner der DPS organisieren unregelmäßig Proteste, vor allem ausgelöst durch nationale Probleme. Spaltungen zwischen Montenegrinern und Serben sind schon immer ein heißes Thema gewesen – besonders seit dem Referendum 2006, in dem Montenegro für seine Unabhängigkeit von Serbien stimmte. Die DPS nutzt diese nationale Teilung immer noch, um wirkliche gesellschaftliche Probleme zu vertuschen. „Themen wie beispielsweise häusliche Gewalt und Gewalt gegen die LGBT-Gemeinschaft, oder Lohntarife und Altersvorsorge für Angestellte, gelten als weniger wichtig“, sagt Aleksandar Novović. Vor fünf Jahren, als er begann, Studentenproteste zu organisieren, hatte er noch ein ganz anderes Bild vor Augen. In den letzten 25 Jahren haben Jugendproteste es nur einmal auf die nationale Ebene geschafft: 2011, als Studierende


bessere Bildungsbedingungen und -chancen forderten. Mehrere tausend Demonstrierende gingen auf die Straßen und boten Hoffnung auf etwas, was so ähnlich wie der „Arabische Frühling“ hätte werden können. Aleksandar war bei den Protesten ganz vorne dabei, zusammen mit seinen Kollegen von der Fakultät für Politikwissenschaften. „So wie es stand, hätten die Studierenden aus ihren kleinen Welten herauskommen und mehr fordern sollen als nur studentische Leistungen wie günstigeres Essen in den Kantinen und kostenfreie Bildung. Die Studierenden hätten als Bürger und Bürgerinnen handeln sollen und sie hätten sich selbst nicht erlauben dürfen, blind für andere Probleme zu sein“, findet Aleksandar. Die Hoffnungen wurden nie erfüllt. Später stellte sich heraus, dass die offiziellen Repräsentanten der Studierenden DPS-Parteiausweise besaßen. Nicht lange danach war es vorbei mit dem Gedanken einer Rebellion. „Wir konnten im Prinzip nur deshalb demonstrieren, weil das System es uns erlaubt hat. Aber nach einer Weile wurde uns gesagt: ‚Ihr hattet euren Spaß, jetzt nehmt eure Sachen und haut ab‘“, so Aleksandar. Stiller Widerstand gegen das System Aleksandar lebt nun mit seinem Vater und seiner Freundin in den Außenbezirken von Podgorica, an einem Ort namens Mareza. Er hält Ziegen, plant, sich bald Hühner anzuschaffen, baut Gemüse an und isst hauptsächlich Dinge, die er auf seiner Farm produziert. Er glaubt: „Gleichgültig, wie einfallsreich und kreativ wir sein wollen, wir können dem Rahmen nicht entkommen, den das System etabliert hat. Das System sagt uns, was wir tun können und was nicht.“ Aleksandar hat beschlossen, sich dem System zu widersetzen, indem er ein eigenes Leben auf dem Land erschafft – eine stille, aber beharrliche Form des Widerstands gegen das System. Aleksandar hat ein „urban gardening“-Projekt ins Leben gerufen und Menschen dazu eingeladen, auf seiner Farm Gemüse anzupflanzen – eine soziale Initiative, die für die Öffentlichkeit kostenlos ist. „Das Problem mit der heutigen Jugend ist, dass sie nicht bereit ist, Risiken einzugehen und impulsiv zu sein. Leute, die Künstler werden oder um die Welt reisen wollen, können das nicht, weil sie vor allem erst einmal zu essen haben müssen. Also geben sie ihre Träume und Ziele auf, machen miese Jobs und eine Reihe von Kompromissen“, stellt Aleksandar fest. Seine ehemalige Kommilitonin Ana Bogavac sagt, sie sei nicht bereit, Kompromisse zu machen. Sie ist Journalistin mit einem Master-Abschluss in Politik- und Kommunikationswissenschaften von der

London School of Economics and Political Science. Momentan hat sie keinen festen Job, weil sie unter den aktuellen journalistischen Bedingungen in Montenegro nicht arbeiten will. „Das, was ein Großteil der Medien heute veröffentlicht, ist kein Journalismus. Ich bin nicht bereit, zu arbeiten und ein Gehalt zu beziehen, um das zu sein, was die als ‚Journalisten‘ betrachten“, sagt Ana entschieden. Sie glaubt, dass der Schlüssel zur Lösung der Probleme in Montenegro darin besteht, eine neue Generation auszubilden. Das würde es für die Menschen einfacher machen, die traditionellen montenegrinischen Ressourcen – furchtbares Land, eine wunderschöne Küste, Bauxit-Vorkommen – zu erkunden und zu nutzen. Ana zitiert stolz ihren Freund Vuk Uskoković: „In den letzten 25 Jahren hat die Regierung ihre Unfähigkeit bewiesen, diese Ressourcen zu nutzen. Die Tatsache, dass ein mediterranes Land, welches reich an natürlichen Ressourcen ist, sich in einer solch schlechten wirtschaftlichen Verfassung befindet, ist nicht nur das Resultat von politischer Gier und Anmaßung, sondern auch von erheblicher Ignoranz und Unfähigkeit.“ Das Prinzip Hoffnung In der Zwischenzeit hat Milo Đukanovićs Regierung es geschafft, die Vertrauensabstimmung im Parlament zu gewinnen. Obwohl der kleinere Koalitionspartner SDP seine Unterstützung der DPS zurückgezogen hat, setzte sich Đukanović durch, dank der Stimmen der Pozitivna Crna Gora (kurz: Pozitivna, eine Mitte-Links-Partei, Anm.) – eine Oppositionspartei, die seitdem von der politischen Bühne verschwunden ist, aber immer noch einige Sitze im Parlament hat. Wieder einmal hat politische Korruption triumphiert. „Es ist jetzt so offensichtlich, wie sie das politische System missbrauchen. Und je mehr wir uns dessen bewusst werden, desto größer werden die Gelegenheiten, das System zu verändern“, sagt Ilija. „Es ist an der Zeit, in Montenegro eine wirkliche Bürgerschaft zu schaffen.“ Die erste Gelegenheit für tatsächlichen Wandel bietet sich im Oktober, wenn die Parlamentswahlen stattfinden. Nachdem er unzählige Male des Wahlbetrugs beschuldigt wurde und um den bevorstehenden Wahlvorgang zu unterhöhlen, hat Premierminister Milo Đukanović der Opposition nun vier Ministerposten angeboten sowie den Posten des Vizepräsidenten. Es ist das erste Mal in der politischen Geschichte Montenegros, dass die Opposition eine Chance hat, eine Rolle in der Regierung zu übernehmen. Wenn der Oktober kommt, wird Ilija vielleicht doch noch eine Veränderung erleben.

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1 Aleksa Bečić mit jungen Mitgliedern der oppositionellen Demokratischen Partei. Ihr Markenzeichen: eine rote Krawatte. 2 Die ehemalige Journalistin Bojana ist Bürgeraktivistin. Ihr Ehemann Nebojša arbeitet bei Television Vijesti, eines der wenigen freien Medien in Montenegro. 3 Aleksandar Novocić hat mehrere Katzen, Hunde und Ziegen. Er hat sich seinen eigenen „Spielplatz“ erschaffen – ein stiller, aber beharrlicher Widerstand gegen das System. 4 Student Ilija Gajević glaubt, dass die Gesellschaft sehr bald bereit für Veränderung sein wird: Mehr und mehr Leute würden sich bewusst, wie die DPS das politische System missbraucht.

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5 Nikola Pešić schaut zu seinem Vorbild Milo Đukanović auf. Seit er 18 ist, ist er Mitglied der DPS. Heute leitet er den Jugendrat der Partei mit seinen 150.000 Mitgliedern.

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Belgrad: Das Dubai des Balkans Von Marina Lalovic (Audio) & Jasmin Brutus (Photos)

Bis 2019 soll an den Ufern des Save-Flusses eine futuristische Landschaft entstehen, finanziert von emiratischen Millionären: Belgrade Waterfront. Das Projekt spaltet die Bewohner der serbischen Hauptstadt.

Im Belgrader GeozavodGebäude erklärt eine Mitarbeiterin einer Besucherin die Projektdetails. Dort ist ein 3D-Modell des saudischen Projektes ausgestellt – ein Projekt, welches 160 Anlagen beinhaltet, mehr als 30 über 100 Meter hohe Türme. Das alles auf einer Fläche, die sich 100 Hektar an den Ufern der Save entlang erstreckt.

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Ich wurde 1981 in Belgrad geboren und gehöre zur sogenannten letzten Generation von Titos jungen Pionieren (der Jugendverband der Tito-Partei Bund der Kommunisten Jugoslawiens, Anm.). Im Jahr 2000 gehörte ich zu den tausenden Jugendlichen, die beschlossen, Jugoslawien zu verlassen und ins Ausland zu ziehen. Seitdem lebe ich in Rom, Hauptstadt der [Kunst und] Schönheit. Verglichen mit meiner Heimatstadt hat sich hier in der Ewigen Stadt überhaupt nichts verändert. Vračar, der historische Stadtteil von Belgrad, in dem ich aufgewachsen bin, und der berühmt ist für seine kleinen Häuser und grünen Hügel, wurde mit brandneuen hohen Gebäuden komplett umgestaltet. In den letzten 15 Jahren, jedes Mal wenn ich zurückkam, war etwas verändert worden, umgestaltet, abgerissen, umorganisiert, modernisiert. Für viele Auswanderer sind Skepsis und Frustration angesichts der städtischen Veränderungen normal. Aber eine größere Veränderung hat im Herzen der Stadt stattgefunden: der Bau der Belgrade Waterfront – eine futuristische Landschaft direkt an den Ufern des Save-Flusses, die sich nach ihrer Vollendung 2019 gen Himmel erheben wird. Das Projekt kostet insgesamt 3,5 Milliarden Euro und wird von einem Millionär aus den Vereinten Arabischen Emiraten finanziert: Mohamed Alabbar. Belgrade Waterfront beinhaltet den Bau eines 50

neuen Wirtschaftsbezirks, der sich über fast zwei Quadratkilometer erstreckt, inklusive Wohnungen und Luxushäusern, Einkaufszentren, Hotels, Parks, einem 200 Meter hohen Wolkenkratzer – der größte des Balkans – und den serbischen „Champs Elysées“. Die Einwohner von Belgrad sind immer noch gespalten, was das Projekt angeht. Einige sehen Belgrade Waterfront als einen notwendigen Schritt Richtung Modernisierung in der serbischen Hauptstadt. Andere fürchten sich vor der Aussicht, Bürger des „Dubais des Balkans“ zu werden. Seit 2015 nehmen die Bürgerunruhen zu, Aktivisten prangern die Korruption und die fehlende Transparenz des Projektes an.

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Slowenien: No Country for Young Men Von Natasha Kramberger, Jelena Prtorić & Mirza Ajnadžić

Slowenien galt stets als „Vorzeigeschüler” des ehemaligen Jugoslawiens: Während in den 1990ern auf dem Balkan noch der Krieg tobte, entstand im nun unabhängigen Slowenien eine prosperierende Marktwirtschaft. Seit 2008 aber kämpft das Land mit der Wirtschaftskrise, die sich besonders auf jüngere Generationen auswirkt. Die begegnen der Not mit Kreativität – und haben die ehemalige Arbeiter-Stadt Maribor in ein gesellschaftliches und kulturelles Labor verwandelt. 52


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Nachdem er sein Kunstgeschichts-Studium in Ljubljana beendet hatte, kehrte Simon Žlahitić in seine Heimatstadt Maribor zurück und suchte im Arbeitsamt nach einem Job. Der Sozialarbeiter schaute ihn von der anderen Seite des Tisches an und fragte: „Sprechen Sie Deutsch?“ „Ja“, sagte er. „Für Sie gibt es hier nichts. Gehen Sie über die Grenze nach Österreich – da werden Sie Arbeit finden.“ Simon Žlahitić spricht nicht nur Deutsch, sondern auch Englisch, Französisch, Kroatisch, Latein und perfektes Slowenisch. Er hat einen Führerschein und jede Menge beruflicher Erfahrung. Er ist Restorator, Kurator und Bauer. Mit dem Experten für Permakultur und vegane Küche kann man ebenso leicht über industrielle Architektur in Jugoslawien sprechen wie über einheimische Pflanzen. Er weiß, wie man Holzofen-Pizza backt und ein Schaf schert, und er liest mit großer Leidenschaft Archivtexte. Trotzdem gibt es in Maribor für Simon keine Arbeit. Laut dem slowenischen Statistikamt gehört er zu den 18,4 Prozent der unter 30-Jährigen im nordöstlichen Slowenien, die arbeitslos sind. Und von denen, die Arbeit haben, arbeiten 27,2 Prozent im Ausland, pendeln täglich über die Grenze nach Österreich. Die goldenen Zeiten sind vorbei Mit ungefähr 100.000 Einwohnern ist Maribor die zweitgrößte Stadt Sloweniens, bekannt für ihre starke Arbei-

terklasse. Aufgrund ihrer florierenden Industrie wurde sie zum „Manchester Jugoslawiens“ erklärt, damals, als Jugoslawien noch kommunistisch war. Jahrzehntelang bildeten Textil-, Metall- und Autoindustrie die Säulen des städtischen gesellschaftlichen Lebens. Die Probleme begannen, als Jugoslawien zerfiel und die städtischen Industrien ihren Zugang zu den Balkan-Märkten verloren. Von 1992 bis 2009 wurden in Maribor 257 Unternehmen geschlossen, tausende Menschen verloren ihre Jobs. Heute leben 16 Prozent der örtlichen Bevölkerung unter der Armutsgrenze. „Die meisten Familien haben zumindest ein Familienmitglied, das außerhalb von Slowenien arbeitet“, sagt Simon. „Die Nähe zur Grenze vermittelt vielen Familien und Leuten ein Gefühl der Sicherheit. Andererseits löst das nicht die regionalen und städtischen Probleme.“ Nach dem Niedergang der großen Industrien in Maribor musste sich jeder nach alternativen Einkommensquellen umsehen, nicht nur junge Menschen. Einige hofften, dass der Status Maribors als Kulturhauptstadt 2012 dabei helfen würde, das Image der Stadt zu verbessern und die Tourismusindustrie anzukurbeln. Große Mengen Geld – 21.9 Millionen Euro – wurden in die kulturelle Entwicklung investiert, in teure Theaterproduktionen, Konzerte und Ausstellungen. Insgesamt fanden mehr als 405 Projekte und 5,264 kulturelle Veranstaltungen in der Stadt statt. Doch trotz der 4,5 Millionen Besucherinnen und Besucher, die in dem Jahr nach Maribor kamen, hatte all das kaum Auswirkungen auf die Wirtschaft. Maribors frustrierte Einwohner wurden immer wütender 53


über die ineffiziente und korrupte politische Klasse, die unfähig schien, die tatsächlichen Probleme anzupacken. Die Entscheidung des Bürgermeisters Ende 2012, eine große Anzahl von Verkehrskontroll-Radaren zu installieren, rief eine Protestwelle hervor. Der zivile Ungehorsam verbreitete sich durch ganz Slowenien, wo die Bevölkerung ebenso die Nase voll hatte von der ineffizienten Politik der Regierung und den düsteren wirtschaftlichen Aussichten. „Die wirtschaftliche Lage hier ist schlecht. Wir versuchen, sie zu überwinden, indem wir die ‚bottom-up‘-Lösung anwenden (bei der die Arbeiterschaft, und nicht die Geschäftsführung, den Aufbau des Unternehmens vorgibt, Anm.)“, sagt die Gesellschaftsaktivistin Karolina Babič. Sie ist Gründungsmitglied des 2011 ins Leben gerufenen CAAP (Centre for Alternative and Autonomous Production), dessen Ziel es ist, ökologische und gesellschaftliche Ideen „unter einem Dach“ zu versammeln. Ende 2013 wurde Karolina auf ein leerstehendes sechsgeschossiges Gebäude im Stadtzentrum aufmerksam gemacht: Was früher mal ein pharmazeutisches Labor war, wurde bald zum Hauptsitz ihrer Organisation Tkalka (Weber). Durch tausende Stunden ehrenamtlicher Arbeit wurde diese Ruine in Gemeinschaftsbüros verwandelt, Co-Working-Räume, ähnlich wie in Berlin oder London. Angesichts der nicht vorhandenen lebenslangen Arbeitsplatzsicherheit – im kommunistischen Jugoslawien hatte es diese Sicherheit noch gegeben –, haben sich viele Einwohner Maribors Alternativen zugewendet, so wie der Karolinas. „In Europa kennt man Co-Working-Räume vor allem im Kontext der Kreativbranche. Aber in Maribor gibt es für so etwas keine kritische Masse“, sagt Karolina. „Bei Tkalka sind Leute aus der Kreativbranche, aber auch Leute aus technischen Bereichen, unter anderem Maurer, Mecha54

niker, Biologen und Ökologen. Außerdem Menschen aus der Roma-Gemeinschaft arbeiten hier, sowie Leute mit einem wissenschaftlichen Doktortitel.“ Heute beherbergt Tkalka mehr als 45 verschiedene Organisationen, die ihrerseits über 140 Personen beschäftigen. Die Unterhaltskosten belaufen sich auf 60.000 bis 70.000 Euro im Jahr und werden von den Mitgliedern gleichmäßig untereinander aufgeteilt. „Die meisten der Organisationen und Personen hier leben von den Tätigkeiten, die sie hier ausüben“, sagt Karolina. Mehr Mitbestimmung durch direkte Demokratie In ihren Augen sind „gesellschaftliche Prozesse, so wie Plenen und direkte Demokratie, das wichtigste Vermächtnis der Proteste von 2012“. Nach den Protesten begannen die Menschen in Maribor, aktiver am örtlichen politischen Leben teilzunehmen, und zwar durch ein System der direkten Demokratie, basierend auf „Plenen“. Die Plenen sind durch die weltweite „Occupy“-Bewegung und die Vorstellung einer horizontalen Demokratie inspiriert. Ihr Ziel ist es, jeder Person dieselbe Macht im Entscheidungsprozess zu geben. Ab 2013 begannen die Bewohner Maribors, sich regelmäßig auf Nachbarschaftstreffen zu versammeln, die von „neutralen“ Moderatoren unterstützt wurden. Die Menschen entschieden zusammen über öffentliche und gemeinschaftliche Angelegenheiten. Simon Žlahtić, der heute zusammen mit Freunden einen Bauernhof betreibt, glaubt, dass sich das Bild von Maribor als ein Ort, an dem nichts umgesetzt wird und keiner es schaffen kann, seit 2012 verändert hat. „TV Slovenija (das slowenische Fernsehen, Anm.) hat eine Geschichte gezeigt über die Ereignisse 2012 in Maribor, in


der gesagt wurde, dass die Menschen in Maribor auf den Mangel an Kultur mit Kultur geantwortet haben. Das ist nicht wahr – wir wollten nur Arbeitsplätze.“ Als Antwort auf die Wirtschaftskrise hat Maribor sich langsam zum politischen Experiment und Soziallabor entwickelt. In der Stadt wurden zahlreiche neue gesellschaftliche Initiativen lanciert. Viele Menschen haben auf leerstehenden Industrieflächen gehockt und diese in Geschäfte, Cafés und Galerien verwandelt, welche heute den Lebensmittelpunkt Maribors bilden. Abgesehen von seinen vielen leerstehenden Industrieflächen ist Maribor bekannt für seine ländliche Umgebung. Lebensmittel-Kooperativen verbinden kleine Bauern mit Abnehmern in der Stadt, schaffen neue Jobs in nahegelegenen ländlichen Gebieten und versorgen die Stadt mit regional und nachhaltig produzierten Lebensmitteln. Die Kooperative Dobrina, die auch zu Tkalka gehört, hat mehr als 60 kleine Bauern zusammengebracht, von denen jeder zwischen drei und 15 Hektar Land besitzt. Nun vertreiben sie ihre Produkte zusammen auf Märkten in Maribor, verkaufen sie an Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten und Privatpersonen. Dobrinas Laden ist auch Teil von Tkalka: Von einer Vielfalt lokal angebauter Karotten und Äpfel über Brot und Öle bis hin zu handgefertigte Wollsocken kann hier alles gekauft werden. „Maribor ist die Zukunft” Marko Brumen, ein Kulturproduzent, der in der öffentlichen Einrichtung Narodni Dom arbeitet, sieht das Aufblühen unabhängiger Initiativen in Maribor als eine Art „organischen Prozess“. Auch wenn die Autoritäten immer noch nicht die Prinzipien der direkten Demokratie anwenden würden: Fortschritt sei trotzdem sichtbar. Die Stadtgemeinde habe beispielsweise den ersten offiziellen partizipatorischen Haushalt geschaffen. „Das Prinzip ist simpel“, sagt Brumen. „Es ist an der örtlichen Gemeinschaft zu entscheiden, wie ein Teil ihres Haushalts ausgegeben wird. Jeder kann ein Projekt vorschlagen und darüber wird dann abgestimmt. So haben Bürger haben einen direkten Einfluss darauf, wie öffentliche Gelder ausgegeben werden, ob in Form von Spielplätzen, Straßen, Straßenlampen.“ Narodni Dom arbeitet von Vetrinjski Dvor aus, dem Gebäude, in dem einst die Geschäftsleitung der Europäischen Kulturhauptstadt ihren offiziellen Sitz hatte. Verborgen hinter großen, mittelalterlichen Eisentoren steht ein weißes, zweistöckiges Gebäude, mit Blick über einen kopfsteingepflasterten Innenhof. Im ersten Stock beherbergen weitläufige, helle Räume örtliche NGOs, die ihre Gemeinschafts-

räume für eine Dauer von drei Jahren mieten. Zwei Kunst-Residenzen empfangen slowenische und internationale Künstler und Künstlerinnen. Am Freitagabend erscheinen die Straßen Maribors allerdings ungewöhnlich leer. Das sei deshalb so, sagen uns viele Leute, „weil Winter ist“ und „die Studenten noch nicht zurück sind“. Trotzdem bewegt sich die Stadt zu den Klängen von Swing-Musik im Salon Uporabnih Umjetnosti (Salon der angewandten Künste). Wie viele von Maribors neuen Initiativen ist der Salon gleichzeitig auch eine Art Café, Design-Shop, Buchladen und Bar, in einem vormals leerstehenden Raum. Ein über der Bar hängendes Schild ist alles, was noch übrig ist von dem Kasino, welches hier früher mal existierte. Handgemachte Taschen, Kleidung und Bücher sind an den Fenstern und auf den Regalen zwischen den Tischen zu sehen. Der Salon ist schnell zum angesagten Treffpunkt junger Bohemiens geworden. Bei den „Swing-Nächten“ kann man ältere und jüngere Generationen beim gemeinsamen Tanzen beobachten. Für die Jungen ist der Salon ein neuer, hipper Ort, um unter Leute zu kommen, für die Älteren ist er ein Ort, um Erinnerungen wiederzuerleben. Miha Horvat, einem unabhängigen Künstler und Mitglied des Kunstkollektivs Sonda zufolge, hat Maribor „das Potential, eine Art Kunst-Mekka zu werden“. Er findet, Maribor habe genau die richtige Größe: „Ich neige dazu zu sagen, dass Maribor gleichzeitig zu klein und zu groß ist. Denn, auch wenn die Stadt in Wirklichkeit klein ist, so hat sie doch große Ambitionen.“ Der Slogan „Maribor ist die Zukunft“, der eine Wand in der Nähe von Tkalka ziert, ist Sondas Erfindung. Miha glaubt an diese Zukunft. Er erklärt, wie sich sein Projekt GT22 von einem Kunstprojekt zu einer Initiative entwickelte, die 80 Leute aus den Bereichen Theater, Photographie, Radio und bildende Künste zusammenbringt. Miha findet, dass Künstler politisch involvierter sein sollten, um in Zukunft andere, ähnliche Initiativen ins Leben zu rufen. „Wenn ich meine Steuern bezahle und dem Staat etwas gebe, dann will ich mich ermächtigt fühlen. Unsere Industrie ist zusammengebrochen, aber die Menschen hier sind kompetent, unser Ort ist historisch gesehen interessant und die ganze Kunst hier, sowohl von Amateuren als auch von Profis, funktioniert irgendwie. Ich glaube, wie müssen diesen Weg weitergehen. In meiner Vorstellung könnte Maribor das perfekte Soziallabor sein.“

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Rebel Girls: Die mazedonische Frauenrevolution Von Zaklina Hadzi-Zafirova (Text) & Tomislav Georgiev (Photos) Interview von Muhamet Hajrullahu 56


Proteste vor dem mazedonischen Fernsehen und Radio (MRTV) im Mai 2015. 57


Mazedonien war einmal die friedlichste Republik Jugoslawiens. In den 1990ern verließ es die sozialistische „Föderative“, ohne jemals auch nur mit einer einzigen abgefeuerten Kugel oder Bürgerunruhen konfrontiert gewesen zu sein. In den letzten Jahren allerdings hat die gesellschaftliche Unzufriedenheit in Mazedonien zugenommen, was zu einer ungewöhnlichen Welle an Aufständen geführt hat – bei denen Frauen an vorderster Front stehen. 2013 gingen hunderte von Mädchen und jungen Frauen in Skopje gegen eine Änderung des Abtreibungsgesetzes auf die Straße. In Titos Jugoslawien reichte ein Besuch beim Gynäkologen, um über Abtreibung zu sprechen. 2013 hingegen verabschiedete die christdemokratische Regierung ein restriktives Gesetz, welches es Frauen nun sehr schwierig macht, einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen zu können. So müssen sie das Gesundheitsministerium schriftlich um Erlaubnis fragen und diesem die Gründe für eine Abtreibung darlegen. Auch sogenannte Beratungsgespräche sind nun obligatorisch, bei denen der oder die Beratende die Schwangere von einer Abtreibung abzubringen versucht. Für Savka Todorovska, Präsidentin der Union der Frauenorganisationen von Mazedonien, ist das skandalös. Todorovska erinnert daran, dass die Rechte von Frauen während der kommunistischen Ära besser geschützt waren, als sie es heute sind. „Es gab zum Beispiel ein Gericht der assoziierten Arbeit. Wenn die Rechte einer Frau in einem bestimmten Bereich missachtet wurden, hatte diese Frau das Recht, zu klagen, und das Gericht hat ihr immer geholfen. Wenn ich zurückschaue begreife ich, dass mazedonische Frauen alle Recht besaßen, ihnen das aber überhaupt nicht bewusst war.“ Heute würden Frauenrechte „nur auf dem Papier existieren“, stellt Todorovska fest. „In diesem kapitalistischen System nehmen Arbeitgeber nur ihre eigenen Interessen wichtig. Frauen werden oft benachteiligt, arbeiten nachts und am Wochenende, obwohl sie keine Kinderbetreuungsmöglichkeiten finden, die zu diesen Zeiten offen sind. Familie und Arbeit miteinander zu vereinbaren war unter dem kommunistischen Regime einfacher. Damals durfte eine Frau nicht mehr als acht Stunden arbeiten, und sie konnte ihre Arbeitszeit verkürzen, um ihr Neugeborenes zu stillen.“ Seltsamerweise spiegelt sich diese Diskriminierung am Arbeitsplatz nicht in der Politik wider: 1991 gab es nur fünf weibliche Parlamentarier – heute sind es 42. Dem 2014er Bericht des Ombudsmannes zufolge sind von den 108.848 Angestellten in der Verwaltung 52 Prozent männlich und 48 Prozent weiblich. Aber die Zahl von Männern in Management-Positionen ist höher als die von Frauen, obwohl es mehr Frauen mit Hochschulabschlüssen gibt: Die Publikation 20 Jahre unabhängiges Mazedonien, herausgegeben vom Staatlichen Statistikamt, stellt fest, dass es mehr 58

Roter Lippenstift auf Schutzschildern, Polizistenumarmen als Zeichen der Gewaltlosigkeit. 2015 wurde Mazedonien Zeuge seiner ersten „Frauenrevolution“: Das sogenannte „schwache Geschlecht“ rebellierte – mit dem Ziel, die Gesellschaft ordentlich umzukrempeln.


Frauen mit einem Masterabschluss oder einem Doktortitel gibt als Männer. Ende 2014 fand einer der größten Proteste in der Geschichte des unabhängigen Mazedoniens statt: Tausende Studenten protestierten in Skopje gegen die Pläne der Regierung, von den Universitäten durchgeführte Prüfungen durch staatliche Prüfungen zu ersetzen. Später kamen andere Bürgerinnen und Bürger sowie Mitglieder verschiedener Bewegungen hinzu. Sie alle versammelten sich schließlich unter einem Banner: Protestiram! Anfang 2015 gab es dann einen weiteren Skandal: Die Opposition erhob Vorwürfe, dass über 20.000 mazedonische Bürgerinnen und Bürger durch den Premierminister Nikola Gruevski und seine Regierung abgehört wurden. Am 5. Mai gab es gewalttätige Zusammenstöße zwischen Aktivisten und der Polizei. Die 31-jährige Jasmina Golubovska wurde zur Protest-Ikone, als ein Bild von ihr Schlagzeilen machte: Darauf steht sie in der Menschenmenge und versucht, den Schutzschild eines Polizisten zu küssen. „Wir hatten schon fünf Stunden vor dem Regierungsgebäude gestanden“, erinnert sie sich. „Wir sprachen die ganze Zeit mit den Polizeibeamten, um sie zu überreden, ihre Schutzschilde runterzunehmen. Der Polizeibeamte, der vor mir stand, war sehr wütend. Ich fragte ihn, ob ich ein Herz zeichnen könnte. Er ließ mich nicht und drohte, mich festzunehmen. Nachdem ich einige Zeit versucht hatte, etwas zu zeichnen, fragte ich ihn, ob ich Lippenstift auftragen dürfte und danach küsste ich seinen Schild. Die ganze Menschenmenge hielt Ausschau nach rotem Lippenstift, als Symbol für das Blut, welches in all diesen Jahren vergossen wurde“, sagt sie. Golubovska hat in Italien studiert und in Bologna ihren Master gemacht, bevor sie 2009 nach Mazedonien zurückkehrte. Sie sagt, seitdem habe sie nicht aufgehört, zu protestieren. „Wir nennen es eine Frauenrevolution. Frauen tragen die Last, obwohl Misogynie eines der Werkzeuge ist, mit dem die Regierung versucht, die Lage der Frauen zu verschlechtern und ihre Wichtigkeit herabzusetzen. Es stellte sich heraus, dass Frauen mutiger sind wenn es darum geht, schwierige Fragen zu beantworten – zum Beispiel Fragen über die LGBT-Gemeinde, deren Antworten die Öffentlichkeit noch nicht bereit ist, zu hören. Frauen mussten die Rolle übernehmen, weil sie persönlich angegriffen wurden“, sagt Golubovska. Die Art, wie Frauen bei den Protesten die Führung übernahmen, war in Mazedonien etwas noch nie Dagewesenes. Die Frauen benutzten ganz unterschiedliche „Waffen“: Sie umarmten Polizeibeamte, küssten Schutzschilde oder hielten sich vor den Absperrketten der Polizei an den Händen. „Auf allen großen politischen Demonstrationen waren Frauen anwesend“, sagt Uranija Pirovska, Geschäftsführerin des Helsinki Committee of the Republic of Macedonia. Pirovska hat

gegen das restriktive Abtreibungsgesetz gekämpft. Die Proteste kommentiert sie so: „Tatsache ist, ich bin eine Frau und die Vorstellung, ich müsse mich aus Sicherheitsgründen zurückhalten, stimmt einfach nicht mehr. Im Gegenteil: Frauen haben gezeigt, dass sie ein wichtiges und gleichwertiges Teilstück sind, wenn es darum geht, gegen das Regime zu kämpfen.“ Für die mazedonischen Minderheiten ist das Problem der Frauendiskriminierung noch dringlicher. Die albanische Minderheit beispielsweise repräsentiert laut einer Bevölkerungszählung von 2002 bis zu 25 Prozent der mazedonischen Bevölkerung. Xane Kreshova leitet das Frauenforum in Tetovo (Stadt im Nordwesten Mazedoniens und Zentrum der dort lebenden Albaner, Anm.). Ihr zufolge werden Frauen in der albanischen Gemeinde immer noch nicht als den Männern gleichwertig angesehen. „Als ich 1983 nach Tetovo kam, waren Frauen in der Öffentlichkeit nicht zu sehen. Es war undenkbar, dass eine Frau alleine zur Konditorei geht, um dort etwas zu essen. Als Jugoslawien noch existierte, durften albanische Frauen nicht arbeiten“, sagt Kreshova, die selbst Hausfrau war, bevor sie sich dem Frauenforum anschloss. „Es war ihre Pflicht, zu heiraten, Kinder zu gebären und sich um die Familie zu kümmern.“ Kreshova berichtet, die Situation albanischer Frauen hätte sich geändert, als 2004 in Tetovo die South East European University eröffnet und Tetovo eine „offene Stadt“ wurde (Tetovo ist das Zentrum der in Mazedonien lebenden Albaner, Anm.). Kreshova glaubt, dass Bildung die Überzeugung verändert hat, albanische Frauen sollten zu Hause bleiben. „Ich bin froh, dass Frauen heutzutage arbeiten wollen“, sagt sie. „Auch Männer suchen Arbeit für ihre Frauen. Sie wollen ein besseres Leben führen und ihren Kindern bessere Lebensumstände bieten – abgesehen vielleicht von Menschen, die in ländlichen Gebieten wohnen.“ Mersiha Smailovikij, eine 31-jährige Menschenrechtsaktivistin, die viel mit Flüchtlingen arbeitet, hat in den letzten Jahren an fast allen Demonstrationen teilgenommen: „Ich denke, ich sollte aktiv sein, weil es so viele Probleme in unserer Gesellschaft gibt.“ Ihr Engagement begann 2007: Smailovikij war Studentin im letzten Jahr und durfte als muslimische Frau auf den Fotos für ihren Ausweis kein Kopftuch tragen. „Da ich seit 2005 ein Kopftuch trug und es meine Entscheidung war, habe ich es nicht abgenommen und sagte, es sei mein verfassungsmäßiges Recht. Ich berief eine Pressekonferenz ein und innerhalb kürzester Zeit wurde das Gesetz geändert“, erklärt Smailovikij. „Da merkte ich, dass unsere Stimmen Macht besitzen.“

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Eine junge Frau bei einer Demonstration in Skopje am 5. Mai 2015.


Mehrere tausend Menschen de der von Oppositionsf端h


emonstrieren vor dem Regierungsgeb채ude. Sie fordern den R체cktritt des Premierministers Nikola Gruevski, hrern beschuldigt wurde, den Tod eines von Polizisten zu Tode gepr체gelten 22-J채hrigen vertuscht zu haben.


Frauen an die Front: Demonstrantin in Skopje, am 5. Mai 2015.


Im Mai 2015 finden Demonstrationen in Skopje statt. Sie richten sich gegen den Premiermin


nister und seine Regierung. Mehrere Minister, darunter der Innenminister, werden zum R端cktritt gezwungen.


INTERVIEW

„Es gibt ein dringendes Bedürfnis, dass Frauen im politischen Leben der Balkan-Länder präsent sind“ Mimoza Kusari-Lila, 41, ist seit 2013 Bürgermeisterin von Gjakova, einer Stadt im westlichen Kosovo – die albanisch-kosovarische Politikerin ist die erste und einzige Frau im Land, die ein solches Amt innehat. Von 2011 bis 2013 war sie stellvertretende Premierministerin der Republik Kosovo und Handels- und Industrieministerin. Davor war Kusari-Lila, die einen Master of Business Administration in Wirtschaft hat und in der Privatwirtschaft arbeitete, Geschäftsführerin des American Chamber of Commerce im Kosovo. 68


Glauben Sie, dass es auf dem Balkan für Frauen einen Platz in der Politik gibt? Ich vertraue darauf und glaube fest daran, dass es ein dringendes Bedürfnis gibt, dass Frauen im politischen Leben der Balkan-Länder präsenter und ausschlaggebender sind. Sie sind immer noch unterrepräsentiert und haben tolle Aussichten, die politische Landschaft in ihren jeweiligen Ländern zu verändern. Mit der allmählich steigenden Teilnahme von Frauen am politischen Leben sehen wir eine andere Einstellung zu politischem Einfluss im Alltag von Menschen.

Was bedeutet Feminismus für Sie?

Machen Sie sich Sorgen wegen der Diskriminierungen, die Frauen im Kosovo und in der ganzen Balkan-Region immer noch erfahren?

Wie schätzen Sie die aktuelle politische Lage im Kosovo ein?

Ich mache mir mehr Sorgen um die öffentliche Wahrnehmung von Frauen in öffentlichen Ämtern. Die meisten Länder der Region haben Gesetze gegen Diskriminierung, aber die öffentliche Wahrnehmung ist die eine Sache, die sich ändern muss, wenn es um Erwartungen an Frauen in der Politik geht. Jedes Mal, wenn eine Politikerin in der Öffentlichkeit auftaucht, tendiert die öffentliche Diskussion dazu, sich auf ihre Schwächen zu konzentrieren, anstatt auf ihre Stärken und ihre Wirkung. Wir können nicht behaupten, dass Männer in der gleichen Position genauso scharf beobachtet werden. Ich möchte daran glauben, dass Frauen andere Frauen mehr unterstützen werden und das wird ein Wendepunkt in der positiven öffentlichen Wahrnehmung von Frauen im öffentlichen Leben sein.

Ich bin eine Feministin weil ich glaube, dass Frauen genauso viel leisten können wie Männer. Ich bin eine Feministin weil ich andere Frauen unterstütze, indem ich an ihre Fähigkeit glaube, die gläserne Decke zu durchbrechen, die ihnen aufgebürdet wird. Ich bin eine Feministin weil ich glaube, dass keine Gesellschaft ohne eine fortschrittliche gesellschaftliche Rolle von Frauen vorankommen kann. Ich bin optimistisch, dass Geschlechterangelegenheiten betreffende Veränderungen heute schneller geschehen als früher.

Was wir gerade erleben, ist eine der schwierigsten Situationen, denen wir seit Ende des Krieges 1999 begegnet sind. Das Problem besteht darin, dass die Parteien dem Volk der Republik Kosovo nicht genug Lösungen präsentieren. Wenn man die arroganten Entscheidungen der Regierung in Betracht zieht, und die gewalttätige Reaktion der Opposition, gibt es wenig Hoffnung auf eine Lösung in den kommenden Wochen oder Monaten. Die aktuelle Situation bietet wenig Hoffnung für die sozioökonomischen Probleme und generell ist das Image des Kosovo beschädigt. Der Versuch, einen Dialog zu initiieren, bei dem die Beteiligten an einem Tisch sitzen und ihre Differenzen beilegen, ist gescheitert. Und darunter leiden die Menschen im Kosovo, genauso wie das Image des Landes.

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Die autorinnen und autoren

Mirza Ajnadžić

Zaklina Hadzi-Zafirova

Muhamet Hajrullahu

Mirza Ajnadžić ist Multimedia-Journalist, Wissenschaftler, Radiomoderator und Videoproduzent. Er hat an mehreren Dokumentarfilmen mitgeschrieben (u.a. JugoNostalgie, Ihres und unseres und Bruce Lee Returns). 2013 führte er Regie bei seinem ersten Dokumentarfilm, 31. Mai. 2012 gehörte Mirza zu den Gründungsmitgliedern der NGO Center for Cultural and Media Decontamination und ist dort momentan Chefredakteur des Video-Teams. Als Ausbilder bringt er jungen Menschen den Bürgerjournalismus näher.

Zaklina Hadzi-Zafirova lebt in Skopje, Mazedonien, und verfügt über mehr als 15 Jahre journalistischer Erfahrung. 2007, 2012 und 2015 wurde sie vom Macedonian Institute for Media ausgezeichnet, für verschiedene Features über Umweltverschmutzung und Korruption. Zaklina hat investigative Geschichten für viele einheimische und ausländische Medien geschrieben. Sie ist Mitgründerin des Center for Investigative Journalism (SCOOP-Macedonia) und arbeitet außerdem im Bereich Bildung und Mentoring für Journalisten.

Muhamet Hajrullahu ist seit 1999 Journalist im Kosovo. 2005 arbeitete er als investigativer Journalist und Wissenschaftler für das Institute for War and Peace Reporting (IWPR). Als Präsident des Planungsbüros des Balkan Investigative Reporting Network (BIRN) hat er TV-Dokumentationen produziert. Muhamet war ebenfalls Nachrichtenredakteur bei Kokhavision (KTV), dem nationalen Fernsehsender in Pristina. Momentan ist er einer der beiden Hauptmoderatoren von Jeta në Kosovë (Leben im Kosovo), die beliebteste und aktuellste Fernsehsendung des Kosovos.

Natasa Kramberger

Jelena Kulidžan

Marina Lalovic

Nataša Kramberger ist eine freiberufliche Autorin aus Slowenien, die in Berlin lebt. Sie schreibt erzählende Reportagen und Essays und ist Autorin von drei Romanen. Ihr erster Roman, erschienen 2007, erhielt den EU Prize for Literature und wurde in zehn Sprachen übersetzt. 2009 gründete Natasa die NGO Zelena centrala, wo sie Fragen der Sozialökologie untersucht. 2014 veröffentlichte sie eine Sammlung von Reportagen aus Berlin und Havanna und gründete ein weiteres kulturelles Netzwerk, Periskop.

Jelena Kulidžan lebt seit 1992 in Podgorica, Montenegro. Sie hat einen Abschluss in Journalismus und in den letzten zehn Jahren als Fernseh-Journalistin und Korrespondentin für ausländische Medien gearbeitet. Jelena hat Erfahrung als Reporterin, Nachrichten-Redakteurin und Moderatorin. 2010 gewann sie mit einem Feature über das niedrige Strafmaß für Vergewaltigungen in Montenegro den zweiten Preis des Balkan Fellowship For Journalistic Excellence Programme.

Marina Lalovic ist eine serbische Journalistin und lebt seit 2000 in Italien. Sie hat als Korrespondentin für die serbische Tageszeitung Politika gearbeitet, sowie für den serbischen Radio- und Fernsehsender B92. Momentan arbeitet sie für die RAI (die italienische Rundfunkanstalt), wo sie die Sendung Radio3Mondo moderiert – eine Sendung, die sich vor allem mit Nachrichten aus der ganzen Welt beschäftigt, mit internationalen Pressespiegeln, Interviews und Vor-Ort-Berichterstattung.

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Barbara Matejčić

Lana Pasic

Jelena Prtorić

Barbara Matejčić ist eine preisgekrönte freie Journalistin, Redakteurin und Wissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Gesellschaftsthemen und Menschenrechte. Sie schreibt regelmäßig für kroatische und internationale Print- und Online-Medien, und produziert Radio-Features. Barbara wurde für die beste Berichterstattung über LGBT-Themen in Kroatien zwischen 2000 und 2010 ausgezeichnet. 2013 erhielt sie den Preis für die Förderung von Frieden, Gewaltlosigkeit und Menschenrechten und 2014 den Preis als beste Print-Journalistin Kroatiens. Ihr Sachbuch Wie geht es dir über marginalisierte gesellschaftliche Gruppen wurde im Dezember 2015 veröffentlicht.

Lana Pasic ist eine freiberufliche Autorin und Entwicklungs-Beraterin aus Sarajevo, Bosnien und Herzegowina. Sie hat einen Master der Universitäten von Oxford und Trento, sowie einen Bachelor der Universität von Pretoria. Lana arbeitet regelmäßig für Balkanalysis und ist dort bosnische Redakteurin. In Bosnien und Herzegowina, Italien, Großbritannien und Tansania hat sie außerdem in der Forschung sowie in der Entwicklung gearbeitet. Ihr aktuelles EBook 20 Jahre nach Dayton ist über Amazon verfügbar.

Jelena Prtorić ist eine freie Journalistin aus Kroatien, die vor allem aus dem südöstlichen Europa berichtet. Sie hat einen Journalismus-Master der Ecole du Journalisme/ Sciences Po in Paris und hat für eine Vielzahl von Print- und Online-Medien sowie fürs Radio gearbeitet, auf Französisch, Englisch und Kroatisch. Jelena verbringt viel Zeit damit zu schreiben, langformatige journalistische Texte zu lesen und Graphic Novels zu übersetzen.

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Die fotografen

Jasmin Brutus

Fisnik Dobreci

Tomislav Georgiev

Jasmin Brutus lebt als Dokumentar-Fotograf in Sarajevo, Bosnien und Herzegowina. Er hat für eine Anzahl großer Zeitungen und Magazine gearbeitet, seine Arbeiten sind u.a. erschienen in Los Angeles Times, The Guardian, Le Monde Diplomatique, Het Parool, Le Temps, Le Pelerin und Monocle. Jasmin hat mehrere Stipendien erhalten, darunter Ex-changes, gefördert von der deutschen Regierung, und SEE New Perspectives, gefördert von World Press Photo und der Robert Bosch Stiftung.

Fisnik Dobreci begann seine Laufbahn als Fotograf 2005 bei einer kosovarischen Tageszeitung. Später wurde er regelmäßiger Mitarbeiter von The Guardian und Associated Press. Er hat an Gemeinschaftsausstellungen in der Region teilgenommen und wurde 2009 mit dem Gjon Mili-Preis ausgezeichnet. 2015 gehörte Fisnik zusammen mit 15 anderen Teilnehmern und Teilnehmerinnen aus dem ehemaligen Jugoslawien zur Noor Images master class for documentary photography in Belgrad, Serbien. Fisnik lebt zurzeit als freier Fotograf in Ulcinj, Montenegro.

Tomislav Georgiev wurde im mazedonischen Bitola geboren. 1998 begann er, professionell für mehrere Studentenzeitungen zu arbeiten und war weiterhin als FotoJournalist und -Redakteur für das Wochenmagazin Fokus tätig. Tomislavs Arbeiten sind in vielen angesehenen Zeitungen veröffentlicht worden, darunter Le Monde, Sunday Times und Financial Times. Er ist UNICEF-Fotograf in Mazedonien, seine Arbeiten wurden regelmäßig ausgestellt und ausgezeichnet.

Nemanja Pančić

Matic Zorman

Nemanja Pančić lebt in Belgrad, Serbien. Er ist Mitgründer des Kamerades FotoKollektivs. Nach seiner Film-Ausbildung wechselte er zur Fotografie und zum FotoJournalismus. Nemanjas Arbeiten werden in verschiedenen Medien veröffentlicht, darunter Monocle, Wall Street Journal, Politiken, NZZ und The Economist. Er hat an der SEE New Perspectives master class teilgenommen, organisiert von World Press Photo, und mehrere Preise gewonnen: 2013 belegte er mit seinem Portrait Little Survivor den ersten Platz in der Rubrik „People“ beim World Press Photo-Wettbewerb.

Matic Zorman ist freier Foto-Journalist. Seit er 2010 zum ersten Mal die Nachwirkungen des palästinensisch-israelischen Konflikts in Gaza dokumentierte, konzentriert er sich darauf, die humanitären Probleme zu enthüllen, die in diesem Konflikt verborgen bleiben. 2013 wurde Matic von Getty Images als Nachwuchstalent eingeladen, 2015 nahm er an der Noor-Nikon Master Class in Belgrad teil. Im selben Jahr erhielt er einen World Press Photo Award für sein eindringliches Foto eines Kindes, welches, bedeckt von einem Regenmantel, hinter den Gittern eines Flüchtlingslagers in Serbien wartet.

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Die redaktion

Chefredakteurin Prune Antoine

Deutsche Redakteurin Julia Korbik

Konzept/Fundraising Sébastien Vannier

Prune arbeitet seit 2008 als freie Journalistin in Berlin. Vorher lebte sie in England, Spanien, Budapest, Brüssel und Paris. Ihre mehrfach preisgekrönten Reportagen beschäftigen sich mit den Nachwirkungen und Widersprüchen der post-sowjetischen Welt und sind u.a. in Le Monde, Geo und Madame Figaro erschienen. Bei ihren Reisen von Mittel- und Osteuropa nach Russland, in den Kaukasus oder auf den Balkan, konzentriert Prune sich auf Gesellschaftsthemen in Bezug auf Frauen, kommunistisches Erbe und Konflikte. Ihr erstes Buch La Fille & le Moudjahidine wurde im Juni 2015 in Frankreich veröffentlicht.

Julia lebt als Journalistin und Autorin in Berlin, wo sie hauptsächlich über Feminismus, Politik und Kultur schreibt. 2014 wurde ihre feministische Einführung für junge Frauen Stand up – Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene bei Rogner & Bernhard veröffentlicht. Julia ist aktives Mitglied des cafébabel Berlin-Teams und Vize-Präsidentin von Babel Deutschland e.V. Sie ist außerdem verantwortlich für cafébabels Gender-Rubrik Mind the Gap.

Sébastien Vannier ist Journalist und arbeitet seit 2007 als Korrespondent in Deutschland für französische Medien, v.a. für die Tageszeitung Ouest-France. Er ist der Autor von Les Allemands décomplexés (2015) et Berlin, Laboratoire d’innovations (2016). Er ist seit 2014 Vorsitzender des Vereins Babel Deutschland e.V. und zuständig mit dem Berliner Redaktionsteam für die Konzeptualisierung und die Finanzierung des Projekts Balkans&Beyond.

Artdirektion Giulio Zucchini

Artdirektion Mathieu Mercuriali

Giulio Zucchini ist ein italienisch- französischer Journalist,Kommunikationsexpert e und Fotograf. Er mag alles, was auf .com endet, Züge und Daten.

Mathieu Mercuriali machte 2002 seinen Abschluss Diplôme d’Architecte DPLG an der Ecole d’Architecture de Paris-Malaquais in Frankreich. Danach erwarb er einen Doktortitel in Architektur an der Schweizer Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne. Er unterrichtet an der Ecole d’architecture Paris-Malaquais.

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Danksagung Wir danken Christiane Lötsch, Stefano Lippiello, Katharina Kloss, Anthony Papadimitriu und Alice Cases für ihre Hilfe und Unterstützung dabei, das Reportageprojekt auf die Beine zu stellen, dem cafébabel-Netzwerk, Jan Zappner, Jeton Neziraj für sein wundervolles Vorwort, und unseren GROSSARTIGEN Autoren und Autorinnen & Fotografen für ihre fantastischen Beiträge für unser Online-Magazin. Wir danken auch Michael M. Thoss und Susanne Hauer von der Allianz Kulturstiftung, welche dieses Reportageprojekt durch ihre finanzielle Unterstützung möglich gemacht hat.


BALKANS &BEYOND

Dieses Projekt wurde von Babel Deutschland e.V. ins Leben gerufen und von der Allianz Kulturstiftung & Babel International unterstützt.

Babel Deutschland e.V. Liebenwalder Straße 34a 13347 Berlin Balkans & Beyond © Babel International Illustrations © Giulio Zucchini

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