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In weiter Ferne – das Ende der Armut

iz3w t informationszentrum 3. welt

Außerdem: t Tuareg in Mali t Harkis in Frankreich t Killing Acts in Indonesien t Spam-Mails aus Nigeria t Tourismus im Slum…

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Mai/Juni 2013 Ausgabe q 336 Einzelheft 6 5,30 Abo 6 31,80


I n d ieser A u sga b e

Titelmotiv: Filmstill aus »Tsotsi«

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Dossier: Armut D· 2 Editorial

3 Editorial

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Politik und Ökonomie 4

Mali I: Ein Ende mit Schrecken Die malische Version der Demokratie ist vorerst gescheitert von Ruben Eberlein

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Mali II: Aufs falsche Kamel gesetzt Die Konflikte um Tuareg und Islamisten haben eine lange Vorgeschichte von Claus-Dieter König

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Kenia: Wer mit der Macht spielt Nach den Wahlen von Isabel Rodde

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Postkolonialismus: »Verräter« oder »Opfer«?

Tourismus I: Begegnungen auf der Deponie Tourismus, Müll und Armutsbekämpfung in Mexiko von Eveline Dürr

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Tourismus II: Nah am Geschehen Das Slumming ist eine umstrittene Form des Tourismus von Till Schmidt

»Lasst einige zuerst reich werden« Von der sozialistischen zur kapitalistischen Armut in China von Uwe Hoering

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Digitales I: Die »Nigeria Connection« Vorschussbetrug per Email greift oft auf westliche Stereotype über Afrika zurück von Sebastian Prothmann

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Wer Armut definiert, hat Macht Die Vermessung der Armut dient auch der Kontrolle von Reinhart Kößler

Kultur und Debatte

Abolish Poverty Die Erzählweisen über Armut ändern sich, die Armut bleibt von Winfried Rust

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Die Diskussion über algerische Hilfssoldaten an der Seite des kolonialen Frankreichs von Anna Laiß

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Kommt die Eine Wohlfahrtswelt? Rezension von Friedemann Köngeter

Nichts Neues aus Afrika Der Zusammenhang von Rohstoffreichtum und Armut von Henning Melber

Misere und Millionenstädte Wird die Armut städtisch? von Christoph Parnreiter

Wirtschaftswunder der Armut Der informelle Sektor wächst weltweit von Martina Backes

Harte Wende Mongolei: Aus dem Sozialismus in die Armut? von Friederike Enssle

Universal sozial Transnationale Armut und »globale Sozialpolitik« von Wolfgang Hein

› Warum Allah Arme und Reiche schuf …‹ Islamische Wohlfahrt und soziale Fürsorge in der Türkei von Anne Steckner

Keine Wunderwaffe Bildung im Kampf gegen Armut von Christoph Butterwegge

Bildung als Baldrian von Martina Backes

Digitales II: Am virtuellen Pranger Scambaiting als rassistische Form der Kriminalitätsbekämpfung im Internet von Matthias Krings

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Film: Immun gegen Reue »The Act of Killing« zeigt die indonesischen Massenmörder der 1960er Jahre von Isabel Rodde

26 Rezensionen

Debatte: Wie aus dem Lehrbuch

30 Impressum

Eine rassismuskritische Broschüre tendiert zum Schwarz-Weiß-Denken von Christian Stock

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29 Szene / Tagungen


Edi t o r ia l

Ein Auslaufmodell Es ist einsam geworden um Fidel Castro. Nach dem Tod von Venezuelas Präsident Hugo Chávez ist Kubas Máximo Lider die letzte noch lebende Ikone der Linken. Jedenfalls ist er die letzte von welthistorischem Format. Leute, die gern Ikonen sein möchten oder die von ihrer AnhängerInnenschaft dazu stilisiert werden, gibt es zwar viele in der Linken. Wenn man beispielsweise bei der Bildsuche von Google die Worte »linke Ikone« eingibt, wird als erster Treffer ein Foto von Oskar Lafontaine, Gesine Lötzsch und Gregor Gysi angezeigt. Aber jetzt mal ehrlich: Taugen diese drei zur Ikone? Wenn sie bei der Gedenkdemonstration für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg Kränze abwerfen, hoffen sie womöglich darauf, dass der Glanz dieser Lichtgestalten ein wenig auf sie abstrahlt. Doch so einfach ist das nicht mit dem Ikone-Sein. Es ist ein verdammt harter und manchmal gefährlicher Job. Vor allem aber hat nicht jede und jeder das nötige Talent dazu.

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iner, der sich sehr angestrengt und es irgendwann auch geschafft hat, war Chávez. Schon zu Lebzeiten galt er als Charismatiker mit einer AnhängerInnenschaft, die ihn teilweise abgöttisch verehrte. Sie liebte ihn für seine tollen Sprüche, wie etwa diesen hier, den er 2006 auf einem Gipfeltreffen südamerikanischer Staaten zum Besten gab: »Ich denke, wir leiden unter politischer Impotenz. Wir brauchen politisches Viagra«. Mit seinen Omnipotenzphantasien stieß Chávez zwar auch innerhalb der Linken auf viel Kritik. Doch zumindest die dem realsozalistischen Führerkult treu gebliebene Traditionslinke erhob ihn zu einem ihrer ganz großen Idole. Es gab praktisch keine Kommunistische Partei auf diesem Planeten, die nicht Elogen auf den Verfechter des »Sozialismus des 21. Jahrhunderts« sang. Der Erfinder dieses Schlagwortes, der marxistische Soziologe Heinz Dieterich, war allerdings angesichts der konkreten politischen Bilanz des bolivarianischen Revolutionshelden nicht ganz so positiv gestimmt: »Chávez hat ihn nie verwirklicht.« In einem Interview anlässlich seines Todes rief er ihm ziemlich gallig hinterher: »Chávez vertrat ein sozialdemokratisches Wirtschaftsmodell«. Doch was scheren wirtschaftspolitische Realitäten, wenn es um das verbreitete Bedürfnis nach Identifikationsfiguren geht. Chávez bediente es auf so erfolgreiche Weise, dass für ihn fast uneingeschränkt die Worte gelten, mit denen Wikipedia Ikonen und ihre Aufgaben definiert: »Der Zweck der Ikonen ist, Ehrfurcht zu erwecken und eine ­existenzielle

Verbindung zwischen dem Betrachter und dem Dargestellten zu sein, indirekt auch zwischen dem Betrachter und Gott.« Chávez verstand sich ja nicht nur auf sozialistisch klingenden Verbalradikalismus, sondern auch auf religiöse Rhetorik. Zu Ostern 2012 forderte er: »Gib mir deine Krone, Jesus. Gib mir dein Kreuz, deine Dornen, auf dass ich blute. Aber gib mir Leben, weil ich für dieses Land und dieses Volk noch mehr zu tun habe.«

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einen Geringeren als den Messias bemühte auch Chávez’ enger Freund Mahmud Ahmadinejad. Der »Märtyrer« Chávez werde an der Seite von Jesus wiederauferstehen, kündigte Irans Präsident in seinem Kondolenzschreiben an. Da Jesus auch im Islam als einer der wichtigsten Propheten gilt, stieß diese Formulierung bei den Mullahs nicht auf ungeteilte Freude. Ayatollah Ahmad Khatami sagte: «Mit dieser Würdigung ging er viel zu weit«. Eine diplomatische Note ohne religiöse Konnotation hätte es auch getan. Ärger bei den religiösen Autoritäten handelte sich ­Ahmedinejad auch ein, als er bei der Trauerfeier tränenumflort Chávez’ Mutter umarmte und deren Wange küsste. Isfahans Freitagsvorbeter Mohammad Taghi Rahbar kritisierte Ahmadinejad, er habe »die Kontrolle verloren«. Umarmungen von Frauen oder das Zeigen von Gefühlen seien der Würde des Präsidenten eines Landes wie der ­Islamischen Republik Iran nicht angemessen. Dabei hatte es Ahmadinejad doch nur gut gemeint. Es ist eben nicht nur schwer, Ikone zu sein, sondern auch, jemanden zu ikonisieren. Das mussten auch die politischen Erben von Chávez erfahren, als sie mit dem Vorschlag Ruhm erwerben wollten, seinen Leichnam »für die Ewigkeit« einzubalsamieren und ihn an der Seite des Nationalhelden Simón Bolívar im nationalen Pantheon auszustellen. Medizinische ExpertInnen aus Russland (also jenem Land, in dem man erfolgreich einen Heiligenschrein für Lenin unterhält) rieten angesichts des schlechten Zustands von Chávez’ Leiche dringend davon ab. Die irdische Vergänglichkeit von Chávez ist irgendwie tröstlich. Kann es sein, dass sie metaphorisch für das gesamte Modell »linke Ikone« steht? Das wäre nicht die schlechteste aller möglichen Entwicklungen. Wünschen wir daher Chávez seinen himmlischen Frieden, ohne mühselige Wiederauferstehung. Und Fidel Castro möge ebenso wie uns erspart bleiben, bei seinem Tode mit Politkitsch, Messiasvergleichen und anderem Gedöns belästigt zu werden. die redaktion

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Foto: aus »Les Harkis«

Bis heute flammen in Frankreich wiederholt heftige Auseinandersetzungen um die koloniale Vergangenheit auf. Kontrovers debattiert wird vor allem der Algerienkrieg, dessen Auswirkungen bis heute in der französischen Gesellschaft zu spüren sind. Eine besonders davon betroffene Gruppe sind die Harkis, die als Hilfssoldaten für Frankreich gegen die antikoloniale FLN gekämpft hatten. Sind sie verachtenswerte Kollaborateure? Oder handelt es sich um eine spezifische Opfergruppe des Kolonialismus?

»Verräter« oder »Opfer«? Die Diskussion über algerische Hilfssoldaten an der Seite des kolonialen Frankreichs von Anna Laiß Der französische Historiker Benjamin Stora spricht von einem »Krieg der Erinnerungen«: Ihm zufolge versuchen die ehemaligen A ­ kteure des Algerienkrieges den Krieg auf der Ebene der Erinnerungen fortzusetzen. Verschiedene Verbände betreiben bis heute Lobbyarbeit und versuchen ihre Deutung der Vergangenheit und ihre Ansprüche, die sie daraus ableiten, durchzusetzen. Bedeutend sind vor allem Veteranenverbände sowie die zahlreichen Verbände, die die Interessen der ehemaligen französischen SiedlerInnen in Algerien vertreten. Rund eine Million dieser »Pieds-Noirs« wurden nach Ende des Krieges nach Frankreich repatriiert. An den Debatten beteiligen sich auch die Verbände der »Français Musulmans rapatriés«. Das sind jene Muslime, die während des Algerienkrieges auf der französischen Seite standen und nach Kriegsende nach Frankreich umgesiedelt wurden. Sie nehmen in den ­Debatten um den Algerienkrieg eine ambi­ tt

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valente Rolle ein: Als ehemals Kolonialisierte, die sich an der Seite der Kolonialmacht am Krieg beteiligten, lassen sie sich nur schwer einem Lager zuordnen, sondern sitzen stets zwischen den Stühlen. In besonderem Maße gilt dies für die Harkis, die muslimischen Hilfssoldaten. Bis heute sind sie auf der Suche nach ihrem Platz in der französischen Gesellschaft. Dies schlägt sich in den Debatten um ihre Rolle während des Algerienkrieges und um ihren Platz in der französischen Erinnerungskultur nieder.

Nicht mehr nützlich tt 1961 änderte Präsident Charles de Gaulle die bislang rigide Algerienpolitik und nahm Verhandlungen mit der algerischen Unabhängigkeitsbewegung FLN auf. Die muslimischen Hilfssoldaten, deren Dienste die französische Armee während des Krieges massiv in Anspruch genommen hatte, stellten nun ein

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Hindernis für die französische Politik dar. Die militärische und politische Führung war deshalb darum bemüht, sich ihrer schnell zu entledigen. Noch vor Inkrafttreten des Waffenstillstands wurden sie entwaffnet und mit einer Prämie ins Zivilleben entlassen. Eine Ausreise nach Frankreich war lediglich für die muslimischen Beamten und die regulären Soldaten vorgesehen, nicht jedoch für die Harkis. Diesen wurde zwar bei »guter physischer Verfasstheit« die Möglichkeit eingeräumt, einen Vertrag mit der französischen Armee zu unterzeichnen. Die Leitlinie bestand jedoch darin, die Mehrheit in das unabhängige Algerien zu integrieren. Dies ließ sich jedoch nicht ohne weiteres realisieren. Durch die massive Beteiligung von muslimischen Kräften auf der französischen Seite hatte die französische Armee den Krieg um die Dimension eines Bürgerkrieges erweitert. Dies wurde immer deutlicher, als sich die französischen Truppen aus Algerien zurück-


Postkolonialismus zogen. Vor allem in der Zeit nach der UnabDiejenigen, die sich nicht am Dekolonialisiehängigkeit, als durch Machtkämpfe innerhalb rungskampf beteiligten, blieben weiterhin des FLN ein Machtvakuum entstand, kam es koloniale Objekte und ließen sich als solche zu Racheakten gegenüber jenen Muslimen, immer wieder von den Kolonialherren als Werkzeug instrumentalisieren. In Algerien die während des Krieges auf französischer Seite gestanden hatten. Vor allem betraf dies stellten Fanon zufolge die Harkis dieses »Lumdie Harkis. Es lässt sich nicht endgültig klären, penproletariat« dar, dessen sich Frankreich ob diese Ausschreitungen vom FLN gesteuert bedienen konnte. wurden oder ob sie auf das Machtvakuum Die Harkis waren bereits während des Kriezurückzuführen waren. Ebenso wenig lässt ges in die Kritik der linken Intellektuellen gesich die Opferzahl bis heute klären. Revisioraten. Unter dem Polizeipräsidenten Maurice nistische prokoloniale Kräfte innerhalb FrankPapon waren sie als Hilfspolizisten auch in den reichs halten an der Zahl von 150.000 ermorPariser Vorstädten eingesetzt worden, um die deten »profranzösischen« Geldflüsse der algeMuslimen fest, glaubwürdi­ rischen Immigran»Ich bekomme Lust, ihnen gere Quellen sprechen von ten an den FLN zu 70.000 Opfern. stoppen. Dass diese ins Gesicht zu spucken!« Die französische Regierung Harkis innerhalb Frankreichs Foltewurde durch diese Massaker zum Handeln gezwungen und genehmigte rungen durchführten, wurde unter anderem den ehemaligen Hilfssoldaten und deren Fadurch die Recherchen der Journalistin Pauletmilien vermehrt die Ausreise nach Frankreich. te Péju an die Öffentlichkeit getragen. Auch Die Frage nach dem Umgang mit den Harkis Claude Lanzmann thematisierte dies in seinem war innerhalb des ohnehin gespaltenen Mi1961 veröffentlichten Artikel »L’humaniste et litärs zunehmend zu einer Streitfrage geworses chiens«. Da nun zusätzlich eine Instrumenden. De Gaulle war mit Hilfe von Militärs an talisierung der Harkis durch die OAS drohte, die Macht gekommen, die in ihm den Retter wurde in der Tageszeitung Liberation wiederdes Kolonialreichs sahen. Diese Militärs fühlholt vor einer Repatriierung der ehemaligen ten sich nun von ihm verraten und wandten Hilfssoldaten gewarnt. Allerdings gab es aus sich von ihm ab, als deutlich wurde, dass er der Linken auch Stimmen, die sich trotz ihrer die Unabhängigkeit Algeriens anstrebte. Beteiligung an Folterungen für die Aufnahme Die Algerienfrage wurde so zur Krise der der Harkis in Frankreich aussprachen. So französischen Armee, die schließlich im Frühschrieb der prominente Kolonialkritiker Pierre jahr 1961 in der Gründung der terroristischen Vidal Naquet im Frühjahr 1962 in Le monde: »Diese Männer, selbst diejenigen, die auf BeUntergrundorganisation OAS (Organisation d’Armée Secrète) gipfelte. Diese Organisation fehl Verbrechen begangen haben, sind ebenakzeptierte den Waffenstillstand nicht, sonso Opfer wie Täter, Opfer der kolonialen Orddern versuchte mit Attentaten in Algerien, nung.« Er sah Frankreich in der Verantwortung, aber auch in Frankreich, den Krieg fortzufühfür die Sicherheit der Harkis zu sorgen. Dennoch blieben es vor allem die Koloniren. Die OAS war nicht nur bemüht, die Harkis für ihren terroristischen Untergrundkampf albefürworterInnen, die als Sprachrohr der zu rekrutieren, sondern benutzte sie zudem Harkis auftraten und sie als Beleg für die pozur Rechtfertigung ihres Vorgehens. So wursitive Rolle Frankreichs in den Kolonien und für den Verrat durch de Gaulle heranzogen. de der »Verrat« an diesen Muslimen zu einem Für diese Akteure stand allerdings nicht die wichtigen Thema in den Prozessen gegen die Verbesserung der sozialen Situation von HarOAS-Spitzen General Salan und General Johaud. Deren Verteidigung verwies immer kis innerhalb Frankreichs im Vordergrund. Ihre wieder darauf, dass die Angeklagten aus der Forderungen konzentrierten sich in den Jahren moralischen Verantwortung gegenüber dennach dem Krieg auf materielle Entschädigunjenigen Algeriern gehandelt hätten, die Frankgen für die Pieds-Noirs und die muslimische Elite sowie auf eine Generalamnestie für die reich treu geblieben und von de Gaulle nun verraten worden wären. inhaftierten Mitglieder der OAS. Während die Pieds-Noirs und die muslimische Elite durch verschiedene Gesetze großzügige finanzielle Linke gegen Lumpenproletariat Hilfen und Entschädigungen erhielten und tt Der Verdacht, die ehemaligen Hilfssoldaten ihre Integration in Frankreich insgesamt als ließen sich von der OAS instrumentalisieren, Erfolgsgeschichte angesehen wird, blieb die Lage der ehemaligen Hilfssoldaten in Frankverschärfte die ohnehin bestehende Ablehreich hingegen prekär. nung der kolonialkritischen linken IntellektuDie Harkis waren von Hilfs- und Entschäellen in Frankreich gegenüber dieser Gruppe. Heftig kritisiert wurden die Harkis auch vom digungszahlungen ausgeschlossen und daher Theoretiker des antikolonialen Befreiungsmittellos und auf fremde Hilfe angewiesen. kampfes, Frantz Fanon. Er beschrieb 1961 in Vor ihrer Verteilung auf ganz Frankreich wurseinem Werk »Die Verdammten dieser Erde« den sie zusammen mit ihren Familien in improvisierten Militärlagern untergebracht. Bei die Entstehung eines neuen freien Men­ schentypus durch die Dekolonialisierung. der Verteilung wurde streng auf eine räum­liche

Trennung von Harkis und algerischen ImmigrantInnen geachtet, um mögliche Konflikte zwischen beiden Gruppen zu verhindern. So wurde eine große Anzahl der Harkis in verlassenen Walddörfern untergebracht, in denen sie als Hilfsarbeiter des Forstamtes ­eingesetzt wurden. Diejenigen, die als nicht arbeitsfähig eingestuft wurden, blieben dauerhaft in den nun aus Baracken bestehenden Lagern. Sowohl die Walddörfer als auch die Lager wurden von ehemaligen Offizieren geleitet, die die BewohnerInnen einer quasi-militärischen Kontrolle unterwarfen. Da sie sich angeblich durch eine »spezielle Kenntnis der muslimischen Mentalität« auszeichneten, wurde zudem unter Pieds-Noirs Personal angeworben, das für die soziale Kontrolle der BewohnerInnen zuständig war. Somit wurden koloniale Strukturen fortgesetzt und die Harkis in postkolonialen Abhängigkeiten gehalten.

Zweite Generation im Aufstand Den Harkis fehlten die Mittel, eine Verbesserung ihrer Situation zu fordern. Von den tt

Was sind Harkis? Harki leitet sich aus dem arabischen Wort haraka ab und steht für »Bewegung«. Bereits vor der französischen Kolonialzeit wurde der Begriff im Maghreb für mobile Milizen verwendet, die für politische oder religiöse Autoritäten Steuern eintrieben und Repressalien durchsetzten. Während des Algerienkriegs bezeichnete der Begriff »harkas« eine von mehreren militärischen Hilfseinheiten, für die Muslime rekrutiert wurden. Da diese Hilfseinheit quantitativ von größter Bedeutung war, setzte sich die Bezeichnung Harkis während des Krieges für alle Mitglieder der verschiedenen muslimischen Hilfseinheiten durch. Seither wird der Begriff in Frankreich auf zweifache Weise benutzt: Zum einen bezeichnet er weiterhin die ehemaligen Hilfssoldaten, zum anderen wird der Begriff teilweise weiter gefasst und synonym für all diejenigen verwendet, die die französische Seite während des Algerienkriegs unterstützt hatten und nach dem Krieg nach Frankreich ausreisen durften. Neben den Hilfssoldaten waren dies die muslimischen Soldaten, die in regulären Einheiten dienten, sowie muslimische Notabeln und Beamte. Im vorliegenden Beitrag werden als Harkis die ehemaligen Hilfssoldaten bezeichnet, denen nur zögerlich das Recht eingeräumt wurde, nach Frankreich auszureisen und deren Situation sich nach dem Ende des Krieges grundlegend von der der anderen Repatriierten unterschied. tt

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Ereignissen des Krieges und vom erzwungenen schen Harkis und algerischen ImmigrantInnen, Exil meist traumatisiert, zogen sie sich in ein um ihn für ihre Anti-Migrations-Rhetorik zu kollektives Schweigen zurück. Es war die nutzen. Doch diese Dichotomie bestand gar nicht in dem Maße. Wie die zweite Generati­zweite Generation, die Nachfahren der Harkis, die erstmals in den 1970er Jahren an die on maghrebinischer EinwandererInnen sah ­Öffentlichkeit trat und versuchte, durch gesich vor allem die zweite Generation der Harwaltsame Aufstände auf ihre Situation aufkis in Frankreich mit Rassismus und Ausgrenmerksam zu machen. Im Lager von St. Maurice l’Ardoise nahmen Jugendliche dessen Leiter als Geisel und forderten das Ende der Lagerpolitik. Während die Ereignisse von der Linken kaum rezipiert wurden, wussten erneut Pieds-Noirs, Militärs sowie der neugegründete Front National die Situation für sich zu nutzen: Es wurde der neogaullistischen Regierung vorgeworfen, diejenigen, die Frankreich treu geblieben waren, zu ignorieren, gleichzeitig jedoch massenweise algerische ImmigrantInnen aufzunehmen, die sich doch mit der Unterstützung des FLN während des Krieges klar gegen Frankreich ausgesprochen hatten. Dennoch markierten die Aufstände für die ehemaligen Hilfssoldaten eine wichtige Etappe. Es entstanden in den 1970er Jahren erste Verbände muslimischer Repatriierter. In ihnen waren zwar nicht die Harkis selbst, sondern die muslimische Elite dominant, diese setzte sich jedoch für Von allen Seiten ausgegrenzt eine konkrete Verbesserung der sozialen Situation der ehemaligen Hilfssoldaten ein. Im Laufe der 1980er zung konfrontiert. Aus diesem Grund kämpften Harkis der zweiten Generation nicht nur und 90er Jahre entstanden weitere Verbände für ihre eigenen materiellen Interessen, sonmuslimischer Repatriierter, vor allem der zweidern beteiligten sich auch an der Anti-Rassisten Generation, darunter auch Harkiverbände. Durch Verbandsarbeit und weitere Aufstände mus-Bewegung der 1980er Jahre. 1983 etwa wie die von 1991 sowie durch verschiedene initiierten sie gemeinsam mit den maghrebiHungerstreiks versuchte die zweite Generatinischen EinwandererInnen den »Marche pour on auf ihre Situation aufmerksam zu machen. l’égalité«. Es konnten so wichtige materielle Forderungen durchgesetzt werden. 1986 wurde ein EntPostkoloniale Erinnerungspolitik schädigungsgesetz verabschiedet, das auch die ehemaligen Hilfssoldaten bedachte. Sozitt Erst Ende der 1980er setzte in Frankreich alprogramme sollten die Situation der zweiten die wissenschaftliche und erinnerungspolitische Generation verbessern, die unter den Folgen Aufarbeitung des Algerienkriegs ein. Dabei ihrer Sozialisation in den Lagern litt und nur wurden auch Forderungen nach einer symboschwer in den Arbeitsmarkt zu integrieren lischen Anerkennung des Schicksals der Harkis war. durch Frankreich laut. Erneut instrumentalisierEinige dieser neu entstandenen Verbände ten Pieds-Noirs, Militärs und Front National standen den Kolonialbefürwortern nahe. Und die Harkis, diesmal um in den Debatten über den Algerienkrieg ihre Deutung des französies waren weiterhin vor allem Pieds-Noirs, ehemalige Militärs (vor allem aus den Reihen schen Kolonialismus durchzusetzen und die der OAS) sowie der Front National, die den »antifranzösische« Thematisierung des Algerienkriegs anzuprangern. So wurden die Harkis Hungerstreikenden ihre Aufmerksamkeit schenkten. Sie betonten den Gegensatz zwiherangezogen, um gegen den Vorstoß des iz3w • Mai / Juni 2013 q 336

linksgerichteten Veteranenverbands FNACA vorzugehen, der schon seit den 1980er Jahren forderte, den 19. März, den Tag des Waffenstillstands zwischen Frankreich und dem FLN, als nationalen Gedenktag einzurichten. Für den Pieds-Noir-Verband Anfanoma stand dieses Datum für eine »schmachvolle Niederlage Frankreichs«. Der Verband verwies auf die Harkis als treue Soldaten Frankreichs, die als Beweis dafür angesehen werden könnten, dass der Algerienkrieg kein Krieg gegen die Bevölkerung, sondern gegen einige wenige Rebellen gewesen sei. Als Beleg für die Gewalt dieser Rebellen dienten unter anderem die Racheakte an den Harkis nach Kriegsende. Des 19. März als Ende des Krieges zu gedenken, hieße, die Harkis aus dem französischen Gedenken auszuschließen und die Gewalt des FLN zu verharmlosen. Die Harkis wurden erneut herangezogen, als im Jahr 2000 die Debatte um die Folterungen durch die französische Armee während des Algerienkrieges aufkam. Um die Anwendung der Folter zu relativieren und zu rechtfertigen, verwies man auf die grausamen Racheakte an den Harkis, die zum Sinnbild für die Gewalt des FLN stilisiert wurden. Dass die Harkis im Kampf um Anerkennung von den KolonialbefürworterInnen unterstützt wurden, schlug sich schließlich in der staatlichen Erinnerungspolitik nieder. Ein 1994 unter Präsident François Mitterand verabschiedetes Gesetz sollte bezeugen, dass die französische Republik die Opfer anerkannte, die die Hilfssoldaten für Frankreich erbracht hatten. Besondere Aufmerksamkeit schenkte Jacques Chirac den Harkis. Er hatte als Soldat im Algerienkrieg gekämpft und räumte während seiner Amtszeit der erinnerungspolitischen Aufarbeitung oberste Priorität ein. Für ihn stellte es eine besondere Aufgabe dar, die Harkis in dieses Gedenken zu integrieren. 2001 führte er den nationalen Gedenktag zur »Würdigung der Harkis« ein. In einer zentralen Gedenkfeier in Paris und bei Feiern in den Départements werden seitdem jährlich verdienten Harkis militärische Orden überreicht und diese als treue Soldaten Frankreichs geehrt. Chirac nutzte den ersten Gedenktag 2001, um sich bei den Harkis für die zögerliche Repatriierung nach Kriegsende zu entschuldigen: »Frankreich wusste seine Kinder nicht zu schützen«. Gleichzeitig lobte er ihren Beitrag zu den zivilisatorischen Leistungen Frankreichs


Postkolonialismus in Algerien. An der modernisierungstheoretischen Rhetorik Chiracs wird deutlich, welche Leitlinie er in der Erinnerungspolitik verfolgte. Er stilisierte die Harkis zu treuen Soldaten Frankreichs, die sich bewusst für die französische Seite und somit für den Weg der »Moderne« entschieden hätten. Besonders deutlich wurde dies 2005, als ein Gesetz verabschiedet wurde, durch welches »das erlebte Leid und die erbrachten Opfer« der Repatriierten und der Harkis anerkannt werden sollte. Das Gesetz sollte gleichzeitig den Forderungen der Harkis und der Repatriiertenverbände nach symbolischer Anerkennung gerecht werden. Zudem wurden die materiellen Entschädigungen für Harkis neu geregelt und diffamierende Äußerungen gegenüber ihnen unter Strafe gestellt. In der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde das Gesetz aufgrund des 4. Artikels, der die »positive Rolle der französischen Präsenz in Übersee« zur Leitlinie in der Schul- und Universitätsbildung erklärte. Mehrere HistorikerInnen hatten mit einem offenen Brief in Le monde auf diesen Artikel aufmerksam gemacht und damit heftige Debatten ausgelöst. Chirac sah sich schließlich gezwungen, diesen Artikel zurückzuziehen. Dass in einem Gesetz, das die symbolische und materielle Entschädigung der Harkis regeln sollte, zugleich auch die »positive Rolle der französischen Kolonisation« festgeschrieben wurde, ist auf den Einfluss der KolonialbefürworterInnen auf die staatliche Erinnerungspolitik zurückzuführen. In dem Gesetz wurden Forderungen der Harkis mit jenen der Pieds-Noirs vermischt.

Zweifelhafte Anerkennung Die französische Linke trat den Forderungen der Harkis nach Anerkennung mit Unverständnis gegenüber. Sie sah damit das Bild tt

der Harkis als Diener der Kolonialherren im müssen und dass sie auch innerhalb Frankreichs weiterhin als Kolonialisierte behandelt Sinne Fanons bestätigt. So spottete beispielsweise der französische Karikaturist Siné 1997 wurden, was durch den Einfluss von Piedsmit einer Karikatur in der Satirezeitschrift Noirs und Militärs verstärkt wurde. Sie disCharlie Hebdo: »Obwohl ich vollkommen datanziert sich aus diesem Grund von diesen mit einverstanden bin, dass diese Harkis in Kräften und spricht sich für eine gemeinsame einen Hungerstreik treten, Erinnerungskultur von alum endlich die Anerkengerischen ImmigrantInnen »Die Harkis fordern nung zu bekommen, die und Harkis aus. Frankreich ihnen schuldet, Dies unterstreicht noch eine Anerkennung und kann ich es nicht verhin­einmal, dass die Harkis in keine Medaillen« dern, dass ich Lust bekomFrankreich nie mit einer Stimme sprachen. Der me, ihnen ins Gesicht zu spucken! […] Als Vaterlandsverräter verdienen Grund, warum sich stets vor allem diejenigen sie nur Verachtung, aber als loyale Diener der durchsetzten, die an der Seite der KolonialbefürworterInnen auftraten, ist darin zu suKolonialmacht, als eifrige Kollaborateure haben sie ein Recht auf die Dankbarkeit und auf chen, dass letztere die Mittel hatten, ihren die Glückwünsche ihrer Herren.« Forderungen Gehör zu verschaffen. ZunehEs muss jedoch festgehalten werden, dass mend setzen sich aber jene Harkis durch, die sich auch Harkiverbände gegen die zweifelsich von diesen Kräften distanzieren. Ihre hafte Würdigung aussprachen. So wandten Position lässt sich mit den Worten Fatima sich einige Verbände deutlich gegen das GeBesnaci-Lancous so zusammenfassen: »Die setz von 2005. Fatima Besnaci-Lancou, GrünHarkis fordern eine Anerkennung und keine Medaillen.« derin des Verbands »Harkis et droits de l’homme« und selbst Tochter eines Harkis, äußerte sich dazu im Februar 2005 so: »Nach Literatur den Lagern, nach den Stacheldrähten wurden –– Fatima Besnaci-Lancou/ Gilles Manceron (Hg.): Les die Harkis und ihre Familien nun in einem harkis dans la colonisation et ses suites. Ivry-surwiderlichen Gesetz eingeschlossen, das von Seine, Les Éditions de l’Atélier 2008 Nostalgikern eines französischen Algeriens –– Fatima Besnaci-Lancou/ Benoît Falaize/ Gilles Manbeschlossen wurde.« Besnaci-Lancou vertritt ceron: Les Harkis. Histoire, mémoire et transmission. eine neue Generation von Harkis, die den Paris, Editions de l’Atélier 2010 Schulterschluss mit linken Intellektuellen und –– Tom Charbit: Les harkis. Paris, La Découverte 2006 HistorikerInnen sucht. Auch sie setzt sich da–– Claude Lanzmann (Hg.): Les Harkis. Les mythes et für ein, dass der französische Staat seine Verles faits (Les Temps modernes No 666). Paris 2011 antwortung am Schicksal der Harkis anerkennt, allerdings nicht, indem sie als treue Soldaten Frankreichs geehrt werden, sondern im Kontext des Kolonialismus und Postkolott Anna Laiß promoviert in Geschichts­ wissenschaft an der Universität Freiburg nialismus. Sie verweist darauf, dass Harkis ebenso wie alle anderen AlgerierInnen als zum Diskurs über die Harkis in der Fünften Republik. Opfer des Kolonialismus angesehen werden

Harkis im Algerienkrieg tt Frankreich setzte während der gesamten Kolonialzeit nicht nur in der Verwaltung auf die Unterstützung einheimischer Kräfte, sondern auch im Militär. Bereits an der Eroberung Algeriens 1830 waren einheimische Soldaten beteiligt. Auch in den beiden Weltkriegen kämpften auf der französischen Seite muslimische Soldaten, vor allem aus Algerien. Algerien hatte innerhalb des französischen Kolonialreichs eine besondere Stellung inne, galt es doch staatsrechtlich nicht als Kolonie, sondern als integraler Bestandteil des »Mutterlandes«. So wurde die muslimische Bevölkerung dort schon vor dem Ersten Weltkrieg der Wehrpflicht unterworfen. Besondere Bedeutung für das französische Militär gewannen in Algerien die einheimischen Kräfte während des Algerienkrieges (1954-62). Auf französischer Seite kämpften

bis zu 40.000 algerische Wehrpflichtige und 25.000 Berufssoldaten. Zudem setzte die französische Armee auf verschiedene muslimische Hilfseinheiten mit zeitweise mehr als 150.000 Hilfssoldaten, die den offiziellen Status von Tagelöhnern hatten. Für die französische Armee stellten die Hilfssoldaten eine günstige Möglichkeit dar, ihre Reihen aufzufüllen. Zudem hatte sie aus dem Indochinakrieg die Lehre gezogen, dass ein asymmetrisch geführter Kolonialkrieg nur durch die Unterstützung der Bevölkerung gewonnen werden könne und die Doktrin der »psychologischen Kriegsführung« entwickelt. Innerhalb dieser Doktrin war die Rekrutierung möglichst vieler muslimischer Hilfssoldaten von großer Bedeutung. Durch sie sollte der Kontakt zu der Bevölkerung hergestellt und die These untermauert werden, Frankreich

befinde sich an der Seite der Bevölkerung Algeriens »aller Konfessionen« im Kampf gegen einige wenige »Rebellen«, die Algerien in das Chaos stürzen wollten. Um Hilfssoldaten anzuwerben, setzte die Armee auf Manipulation und Druck. Zudem konnte sie von der ökonomischen Misere in Algerien profitieren. Durch eine Umsiedlungspolitik, bei der die Bevölkerung ganzer Dörfer ihre Häuser und ihre Herden und Felder verlassen musste, um in von der Armee überwachte Siedlungen zu ziehen, wurde die agrarische Gesellschaft Algeriens grundlegend erschüttert. Die französische Armee gewann als Arbeitgeberin an Bedeutung. Viele Harkis geben zudem an, sich der Armee angeschlossen zu haben, nachdem Familienmitglieder Opfer von Gewalttaten des FLN geworden waren.

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Foto: iz3w-Archiv

Wie aus dem Lehrbuch Eine rassismuskritische Broschüre tendiert zum Schwarz-Weiß-Denken von Christian Stock »Wer anderen einen Brunnen gräbt« – das ist ein gelungener, weil schön doppeldeutiger Titel für eine Broschüre, die sich mit dem Zusammenhang von Entwicklungszusammenarbeit (EZ) und Rassismus befasst. Heraus­ gegeben wird sie vom Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlag (BER), der selbst Akteur der kommunalen Entwicklungspolitik ist und daher aus eigener Erfahrung weiß, wovon er spricht. Bereits 2007 hatte der BER zum selben Thema die Publikation »Von Trommlern und Helfern« veröffentlicht. Sie war in der entwicklungspolitischen Szene auf große Resonanz gestoßen, denn sie traf einen Nerv. Die Einsicht, dass auch wohlmeinende Weiße Deutsche, die sich in Projekten der EZ engagieren, nicht frei sind von rassistischen Weltbildern und Stereotypen, war zwar für manche irritierend. Sie stieß aber auch auf große Zustimmung und Bereitschaft zur Selbstkritik. Von den Erblasten des Kolonialismus, der bereits früher immer das Moment des Paternalismus beinhaltete, können sich eben auch die sinntt

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suchenden Weltenretter von heute nicht ganz frei machen – und viele von ihnen wissen das.

Jung und engagiert Die neue Broschüre soll nun eine neue Zielgruppe erschließen: »Junge Leute, die von Themen wie (Post-)Kolonialismus, Empowerment, Rassismus, Entwicklungszusammenarbeit und Internationale Freiwilligendienste bewegt werden«. Erstellt wurde sie von einem jungen Redaktionsteam, bestehend aus People of Color und Weißen. Für die Beteiligten war die Arbeit an der Broschüre »persönlich wichtig«, wie sie im Vorwort schreiben: »Für die Weißen unter uns war es vielleicht mehr ein Erwachen, ein Erkennen und Bewusstwerden über Weißsein und die damit verbundenen Privilegien. People of Color dagegen erleben Weiße Räume oft in Verbindung mit Diskriminierung und Unterdrückung.« Die Broschüre versammelt zahlreiche kürzere einführende Texte zu Schlüsselbegriffen wie Rassismus, Exotismus oder Empowerment. tt

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Die LeserInnen erfahren eine Menge über die koloniale Genese des Alltagsrassismus und wie er sich heute an Schulen, im Tourismus oder eben in der EZ manifestiert. Bei den AutorInnen wurde großer Wert auf die Repräsentanz von Schwarzen Deutschen gelegt. Der theoretische Zugang erfolgt vor allem über postkoloniale Ansätze, mit besonderer Berücksichtigung von Critical Whiteness. Das heißt, es wird nicht nur über die rassistische Abwertung von Schwarzsein geschrieben, sondern auch über gesellschaftliche Konstruktionen des Weißseins. Leitfrage dabei ist: Welche (meist unausgesprochenen und ‚selbstverständlichen’) Privilegien gehen mit Weißsein einher? Betrachtet wird sowohl die individuelle Ebene bei der Begegnung mit Nichtweißen, aber auch die globale Ebene in der Weltwirtschaft oder in der EZ. Der persönliche Zugang vieler AutorInnen zum Thema hat Vorzüge, er lässt eigene Erfahrungen mit Rassismus plastisch werden – gleich ob als Diskriminierte/r oder als Dis­ kriminierende/r. Allerdings ist dabei eine


Debatte gewisse (Selbst-)Schematisierung samt rigider Verschwinden der Hautfarben zum Trotz die schwarz-weißer Zuschreibungen unübersehalltägliche Diskriminierung eben doch entlang bar. Ein Beispiel dafür ist die selbstkritische von Hautfarbe ‚funktioniert’? In dieser wichtigen Debatte über den ZuAuseinandersetzung zweier junger Weißer Deutscher mit ihren eigenen Tagebucheinträsammenhang von Hautfarbe, Identität und gen, die sie zwei Jahre zuvor bei AuslandsaufDiskriminierung kommt es immer stärker zu enthalten im Rahmen des binären Schwarz-Weißweltwärts-FreiwilligenZuschreibungen, in denen dann das, was konkret gedienstes verfasst hatten. Wohin führt eine solche Annika schrieb damals Engführung, wenn sie zu sagt wird, hauptsächlich kurz nach ihrer Ankunft in daran gemessen wird, von Ende gedacht wird? Malawi: »Es ist alles so wem es gesagt wird. Ein anders. Alles riecht, Beispiel aus der »Brunnen«schmeckt, hört und fühlt Broschüre soll diese Probsich anders an«. Heute kommentiert sie diese lematik illustrieren. Maureen Maisha Eggers Worte so: »Mittlerweile haben wir gelernt, versucht in ihrem Beitrag »Rassismus-Missverdass dieser Prozess des ‚Anders-Machens’ ein ständnisse« nachzuweisen, dass People of typischer Mechanismus des Rassismus ist, der Color gegenüber Weißen nicht rassistisch sein Unterschiede erst herstellt.« können. In der öffentlichen Diskussion über Zwar ist das »Anders-Machen« tatsächlich »Deutschenfeindlichkeit« in bestimmten mieine Grundstruktur des Rassismus, doch im grantischen Milieus war von Konservativen konkreten Fall scheint die Selbstanklage reichder Eindruck erweckt worden, als gebe es lich überzogen: Würde eine junge Frau aus unter MigrantInnen einen Rassismus, der dem Malawi an ihrem zweiten Tag in Deutschland der Mehrheitsgesellschaft ebenbürtig sei. Es nicht Ähnliches schreiben? Was ist daran gibt gute Gründe, letztere Annahme abzuleh­rassistisch, wenn jemand die banale Reiseernen; MigrantInnen haben allenfalls punktuell fahrung kund tut, dass es anderswo auf der und situativ, nicht aber strukturell die Macht, Weiße als solche zu diskriminieren. Welt ‚anders’ ist? Die Selbstbezichtigungen Doch ein Beispiel, das Eggers zur Untervon Annika und ihrem Mitautor Julian wirken mauerung ihrer These anführt, führt geradejedenfalls einstudiert, so als ob die beiden schablonenhaft ein kanonisiertes Wissen über wegs in identitätspolitische Fallen. Sie berichdie Entstehung von Rassismus anwenden. Der tet von einer rassismuskritischen Tagung: »Ein lehrbuchartige Jargon mit seinen immergleiMoment der Irritation verursacht die Schildechen Vokabeln und Redewendungen zieht sich rung eines Lehrers. Er arbeitet an einer Schule, zu deren Auftrag es gehört, auch Jugenddurch die gesamte Broschüre. Eine lebendige, kontroverse Diskussion über (Anti-)Rassismus liche of Color, offenbar mit vorwiegend wird damit nicht gerade befördert. kurdischem Hintergrund, dabei zu unterstütWenn Annika und Julian dann Sätze schreizen, ihren Sekundarabschluss zu erreichen ben wie: »Uns wird bewusst, wie viele Rassisoder nachzuholen. Seine Bemerkung lautet, men wir reproduzierten« und »Angst und diese Jugendlichen würden sich weigern, WeiScham haben uns lange von einer Auseinanßen deutschen Lehrerinnen die Hand zu gedersetzung damit abgehalten«, drängt sich ben. So ein Verhalten sei frauenverachtend sogar beinahe der Eindruck auf, ihre Reue und nicht hinnehmbar. Er stellt sich die Frage, beruhe auf Brainwashing – nur dass es nicht wie man damit umgehen soll.« um religiös motivierte Buße geht, sondern um Eggers richtet nun einen Rassismusvorwurf überschießende Formen von Political Correctan den (offensichtlich weißen) Lehrer: »Die ness. Diese sind ebenso strikt identitätspolitisch rassistisch markierten Jugendlichen of Color aufgeladen (wer sagt was von welchem sind (…) in ihrer wahrgenommen sozialen Sprechort aus?) wie Hautfarben-orientiert. Praxis als frauenfeindlich sichtbar gemacht worden«. Sie unterstellt zugleich dem Lehrer, er homogenisiere die Weiße Gruppe, indem Renaissance der Hautfarbe er ihr einen Konsens der Frauenachtung untt Im Rahmen der deutschsprachigen Debatterstelle. Von einer Homogenisierung kann ten über Critical Whiteness ist dieses über– ausgehend von Eggers eigener Schilderung schießende identitätspolitische Moment immer – jedoch keine Rede sein, weder hinsichtlich öfter zu beobachten; die »Brunnen«-Broschü‚der’ Jugendlichen of Color noch ‚der’ Weißen. re fügt sich nahtlos in den allgemeinen Trend Der Lehrer hat mit seiner Beobachtung nichts ein. In der antirassistischen Szene ist im letzten anderes als ein konkretes Problem benannt, mit dem er in seinem Alltag konfrontiert ist. Jahr ein heftiger Streit über die richtige StraSoll er es nicht ansprechen können (wohlgetegie des Antirassismus entbrannt: Gilt nun merkt auf einer rassismuskritischen Tagung), »Decolorise it!«, wie es die KritikerInnen von nur weil er weiß und männlich ist? Critical Whiteness fordern – in der ideologiekritischen Absicht, ein rassistisches Konzept Wohin führt eine solche Engführung, wenn wie ‚Hautfarbe’ zu dekonstruieren? Oder gilt sie zu Ende gedacht wird? Sie führt weg vom »Color matters!«, wie es insbesondere People Anspruch universaler Gültigkeit von Rechten und mündet direkt in einen hochproblemaof Color formulieren – weil allem Gerede vom

tischen Relativismus. Hochproblematisch deshalb, weil er nicht nur kulturell aufgeladen ist wie der Kulturrelativismus, sondern sogar explizit entlang von Hautfarben urteilt. So richtig es ist, bestehende Diskriminierungen nicht als bloßen Kulturrassismus zu verharmlosen und ihren biologistisch-rassistischen Gehalt kenntlich zu machen, so fatal ist es, jegliche Äußerung einem Hautfarben-Check zu unterziehen. Nicht wenige Texte in der »Brunnen«-Broschüre tendieren jedoch genau dazu. Sie fallen damit zurück hinter den ursprünglichen Anspruch der Postcolonial Studies, die Definierung von Kollektiven anhand von Hautfarbe und Herkunft zu dekonstruieren – in der normativen Absicht, sie zugunsten von Hybridität und Transnationalität zu überwinden. Dieses radikal gesellschaftsverändernde Moment wird in den aktuellen Critical Whiteness-Ansätzen zunehmend aufgehoben. Stattdessen machen sich ein lähmender Hautfarben-Fatalismus und ein hochmoralischer Schuldzuweisungsmechanismus breit, bei denen für jede/n eine fest gefügte Rolle als POC oder Weiße/r vorgesehen ist. Veränderung geht anders.

Ein nerviger Suchprozess Die Diskussion über gesellschaftliche Konstruktionen von Weißsein steht im deutschsprachigen Raum noch am Beginn. Sie findet zugleich statt in einem Umfeld, das historisch wie aktuell von besonders aggressiven Formen des Rassismus geformt ist. Anders als in anderen postkolonialen Gesellschaften wie etwa in Großbritannien ist die Auseinandersetzung mit Konzepten wie Identität und Hybridität in Deutschland ein Nischenthema. Insofern ist »Wer anderen einen Brunnen gräbt« Ausdruck eines Suchprozesses, der noch am Beginn steht und der notwendigerweise Übertreibungen und falsche Verein­ deutigungen hervorbringt. Zwischentöne sind in diesem Prozess vorerst verpönt, die Polarisierung wird ins Extrem getrieben und das Freund-Feind-Denken nimmt überhand. All diese enervierenden Phänomene sind freilich auch aus anderen Debatten bekannt, etwa aus jenen über Antisemitismus. Trotzdem müssen diese Debatten geführt werden – wenn es sein muss auch im Streit. Eine bestimmte Perspektive darin stark gemacht zu haben, ist zweifelsohne ein Verdienst der Broschüre. Dass sie diese Perspektive verabsolutiert, reizt jedoch zum Widerspruch. tt

Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag e.V. (BER): Wer anderen einen Brunnen gräbt. Rassismuskritik/ Empowerment/ Globaler Kontext. Berlin 2012. 88 Seiten, 8.- Euro. Bezug: www.ber-ev.de/bestellungen tt

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Christian Stock ist Mitarbeiter im iz3w.

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iz3w-Dossier | www.iz3w.org

Erwarte mehr vom Leben – die Abschaffung der Armut


Titelmotiv: Filmstill aus »Beast of the Southern Wild« (2012)

Inhalt D· 2

Editorial

D · 3 Abolish Poverty Die Erzählweisen über Armut ändern sich, die Armut bleibt von Winfried Rust

D · 17

Wirtschaftswunder der Armut Der informelle Sektor wächst weltweit von Martina Backes

D · 7

Wer Armut definiert, hat Macht Die Vermessung der Armut dient auch der Kontrolle von Reinhart Kößler

D · 18

Harte Wende Mongolei: Aus dem Sozialismus in die Armut? von Friederike Enssle

D · 9

»Lasst einige zuerst reich werden« Von der sozialistischen zur kapitalistischen Armut in China von Uwe Hoering

D · 20

Universal sozial Transnationale Armut und »globale Sozialpolitik« von Wolfgang Hein

D · 11

Kommt die Eine Wohlfahrtswelt ? Rezension von Friedemann Köngeter

D · 12

Nichts Neues aus Afrika Der Zusammenhang von Rohstoffreichtum und Armut von Henning Melber

D· 22

› Warum Allah Arme und Reiche schuf ...‹ Islamische Wohlfahrt und soziale Fürsorge in der Türkei von Anne Steckner

D · 14

Misere und Millionenstädte Wird die Armut städtisch? von Christoph Parnreiter

D · 25

Keine Wunderwaffe Bildung im Kampf gegen Armut von Christoph Butterwegge

D · 27

Bildung als Baldrian von Martina Backes

In weiter Ferne — die Abschaffung der Armut Die Weltspitze der Superreichen wird von dem 73-maligen DollarMilliardär Carlos Slim aus Mexiko angeführt. Der Hongkong-­Chinese Li Ka-shing hält sich mit einem Vermögen von 31 Milliarden USDollar ebenfalls in den Top Ten der Superreichen. Auch wenn die Forbes-Liste nach wie vor von den USA, Kanada und Westeuropa dominiert wird: Der Reichtum erreicht auch den geografischen Süden. Mit der Globalisierung des Reichtums globalisiert sich jedoch auch die Armut. Für sie gibt es keine Forbes-Listen, nur selten erhält auch eine/r der Armen ein Gesicht, zum Beispiel in der Belletristik. Der Roman »Der Jakubijân-Bau« des ägyptischen Schriftstellers Alaa alAswani beschreibt eine Szene, in der sich Armut und Reichtum begegnen, so: »Das waren die kleinen Alltäglichkeiten: die warme, weiche Hand, die ein Hausbewohner lässig ausstreckte, um ihm ein Trinkgeld zu reichen; worauf er die Hand zum Gruß zu erheben hatte, um dem Wohltäter heiß und ergeben zu danken«. Die Rollen sind klar verteilt, ein Ausstieg aus der Armut erscheint für den Bettler nicht wahrscheinlich. Obwohl die Welt längst die Mittel zur Beseitigung der Armut bereithält und Armut angesichts der steigenden Kluft zwischen Arm und Reich als Skandal betrachtet wird, ist ihr Fortbestehen gesichert. Trotz des verkündeten »Aufstiegs des Südens«, wie der Titel des jüngsten UN-Entwicklungsberichtes verheißt, und trotz großer Empörung über verharmlosende Armutsberichte, wie jüngst in Deutschland, wird die Existenz von Armut nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Immer wieder fallen uns gewaltförmige Prozesse und die Schaffung neuer Armut auf. Sie verbirgt sich oft hinter dem wirtschaftlichen Wachstum einiger Länder, die ihre Armutszahlen tatsächlich unter

eine definierte Grenze drücken konnten. Das Dossier weist daher den Optimismus vom »Aufstieg des Südens« zurück. Die Vermessung der Armut wird als ebenso zweifelhaft bewertet wie der Hype um den breiter werdenden Wohlstand Chinas. Rohstoffreichtum, der Systemwechsel ehemals sozialistischer Regimes im Osten, globale Sozialstaatlichkeit, karitative Ansätze der islamischen Charity oder die Wunderwaffe Bildung: Überall haben wir Einwände gegen die gängigen Rezepte und Hoffnungsträger. Armut hat eigentlich nur noch Feinde. Aber trotzdem hat sie eine Zukunft. Um sie zu durchkreuzen, wird es mehr brauchen, als milde Gaben, Sozialstaatlichkeit und Wirtschaftsaufschwung. die redaktion

Filmstills … Viele Dokumentar- und Spielfilme haben sich mit den Gesichtern der Armut, mit ihren Ursachen und Ausdrucksformen beschäftigt. Sie sind das Gegenteil von Statistiken, denn sie legen nahe, wie Armut in jeden Aspekt des Lebens dringt, wie sie sich anfühlt – und nicht nur, wie sie vielleicht aussieht. Daher haben wir uns entschieden, den Themenschwerpunkt mit Filmstills aus einer Auswahl dieser Filme zu bebildern. Die Stills stehen hier als Platzhalter für die vielen Facetten eines Lebens in Armut – die sich kaum in einem Bild festhalten lassen – und für die Würde derjenigen, die sich gegen sie auflehnen. Angesichts der Schwierigkeit, Armut sachlich zu erfassen, haben wir die Beiträge mit Zitaten aus der Belletristik ergänzt.

Das Dossier wurde mit Mitteln des BMZ und des EED gefördert. Herzlichen Dank!

D·2


Filmstill aus »City of God« von Fernando Meirelles und Kátia Lund (2002)

E

s werden so viele schöne Worte über Freiheit geredet, aber nichts in der Welt macht so unfrei wie Armut.

Nexö, Erinnerungen

Wer Armut definiert, hat Macht Die Vermessung der Armut dient auch der Kontrolle Die Methoden zur Erhebung der Armut sind umkämpft. Wer sich durchsetzt, gewinnt an Definitionsmacht über andere. Und von den verfassten Armutsstatistiken hängt oftmals ab, wer Zugang zu Wohlfahrtshilfen erhält und wer nicht. Das zeigt: Den Armutsberichten ist ein Herrschaftsverhältnis eingeschrieben.

von Reinhart Kößler Moderne Zeiten sind unter anderem durch eine Umwertung von »Armut« gekennzeichnet. Arme sind nicht mehr Objekte guter Werke, die Wohlhabenden eine Gelegenheit zur Mildtätigkeit geben, sondern potenzielle Subjekte von Protest und Aufruhr, die »das Palladium des sittlichen Staats, das Eigentum« gefährden (Heinrich Heine). Es bedarf daher der ordnenden Kontrolle und des Wissens: Nicht zuletzt die Soziologie entstand im 19. Jahrhundert als Ordnungswissenschaft, die Rezepturen gegen das drohende Chaos hervorbringen sollte. Die Vermessung sozialer Wirklichkeit schien schon früh die Grundlagen

technologischer Verfügung und Kontrolle zu versprechen. Gern wird darüber die Frage in den Hintergrund gedrängt, was die Zahlen eigentlich aussagen und wie sie zustande kommen.

Im Treibsand der Maßzahlen … Die heute am weitesten verbreitete Maßzahl für Armut beträgt die Summe von zwei USDollar täglich pro Person; 1,25 Dollar bezeichnet extreme Armut (Poverty Datum Line). Diese Zahlen werden bereits nach Kaufkraftparitäten gewichtet, und dabei werden in

D·7

gewissem Umfang auch nichtmonetäre Formen von Einkommen und Ressourcen einbezogen. Differenziertere Instrumente sollen komplexere Zusammenhänge erfassen. Ähnlich wie im Hinblick auf »Entwicklung« geht etwa das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) davon aus, dass auch Armut mehr als nur die monetäre Dimension aufweist. Der Human Poverty Index (HPI – Index für die menschliche Armut) sollte dementsprechend berücksichtigen, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Neugeborenes das 40. Lebensjahr erreicht. Weitere Indikatoren sind – wie auch der Index für menschliche Entwicklung (HDI) – die Analphabetenquote, die Verfügbarkeit sauberen Trinkwassers, der Anteil untergewichtiger Kinder und der Zugang zu Gesundheitsdiensten. Auf diesen letzten Indikator musste mangels ausreichender Daten verzichtet werden. Damit ist bereits ein wesentliches Problem benannt, die Validität der Daten, mit denen Armut berechnet und damit gegebenenfalls


Armut

auch ihr Rückgang messbar gemacht wird. Je derer sie erhoben werden. Diese Bezugsgrödifferenzierter und komplexer die Indizes geßen sind in aller Regel die Nationalstaaten. staltet werden, desto anspruchsvoller sind sie Dabei wird sogleich deutlich: Absolute Maßzahlen wie etwa die kaufkraftbereinigten Ligegenüber den Methoden, mit denen die Daten erhoben werden, die ihnen zur Grundlage nien von einem, zwei oder 1,25 Dollar mögen dienen. Diese Probleme sieht man den fertigen zwar global einheitliche Vorgaben vermitteln. Zahlen nicht an, ebenso wenig der RangposiDennoch sagt das nicht alles, weil Armut eben tion, etwa wenn Land X gegenüber dem Vorauch eine wesentliche relative Dimension bejahr um drei Rangpositionen zurückgefallen sei sitzt: Die Verteilung innerhalb der Staaten ist wichtig, denn gesellschaftliche Ungleichheit oder sich um sechs verbessert habe. artikuliert sich klarer und ist spürbarer in (reNichtsdestotrotz wird mit diesen Zahlen operiert. Der jüngst erschienene Bericht des lativer) räumlicher Nähe als über Tausende UNDP über menschliche Entwicklung 2013 von Kilometern Entfernung hinweg. Gerade mit dem Titel »Der Aufstieg die großen, als Schweldes Südens« schwelgt geralenländer gehandelten Regionale Unterschiede dezu in der Perspektive einer Staaten China, Indien weltweit aufsteigenden »Mitund Brasilien weisen werden durch nationale sehr krasse regionale telklasse« und versichert, Kennzahlen eher verdeckt diese werde weiter zunehUngleichheiten auf. men. Nun dürfte es sich bei Dabei variieren auf»Mittelklasse« um die ideogrund unterschiedlilogisch am stärksten belastete, diffuseste Kacher Erhebungsmethoden allein für Indien tegorie handeln, die in der Diskussion über selbst die regierungsamtlichen Zahlen in geSozialstruktur zur Verfügung steht. Das wird radezu spektakulärer Weise. Ein Index setzt deutlich, wenn indische StatistikerInnen hier die Armutsgrenze mit 20 Rupien pro Tag an; alle diejenigen mit einrechnen, die mehr als selbst bei diesem Wert wurden für das Finanz20 Rupien pro Tag (0,4 US-Dollar) verdienen, jahr 2004/05 rund 77 Prozent der Bevölkerung also sich großenteils gerade eben oberhalb als arm (poor and vulnerable) klassifiziert, das der sehr niedrig angesetzten Armutsgrenze waren 836 Millionen Menschen bei einer Bevölkerungszahl von 1,2 Milliarden. Zugleich bewegen. Da die Armutsforschung eines der ersten sind diese Zahlen umstritten. Die indische Betätigungsfelder der empirischen SozialforPlanungskommission gab für 1999 / 2000 schung war, reichen auch die Debatten über die Armutsquote mit 26,1 Prozent und für die Definition und damit auch das Messen der 2004/05 mit nur 21,8 Prozent an. Andererseits Armut gut anderthalb Jahrhunderte zurück. kam die Weltbank mit neueren, die WährungsDabei zeigte und zeigt sich immer wieder die parität berücksichtigenden Studien auf 39 Schwierigkeit, die auch in aktuellen DatenProzent. In Indien wie zweifellos auch in ­China sammlungen präsent ist: Objektive Maßzahlen kommen teils extreme regionale Unterschielassen sich nicht konstruieren. Wo die »Poverde hinzu, die durch nationale Kennzahlen eher ty Datum Line«, die Armutsgrenze, verläuft verschleiert werden. und wie viele Menschen unterhalb dieser Die – meist sehr schlechten – Rangposi­ Grenzziehung verortet werden, war und ist tionen von 54 afrikanischen Staaten werden deutlich relativiert, wenn bedacht wird, dass daher immer auch eine politische Frage. die Erfolgsmeldungen Chinas, Brasiliens und in geringerem Maße Indiens zwar steigende … die Wirklichkeit zurechtlegen ökonomische Macht und Einfluss signalisieren, So tobte vor 30 bis 40 Jahren in Südafrika eine zugleich aber verdecken, dass hier vermutlich heftige Debatte eben darüber, ob die schwarmehr Arme leben als Menschen auf dem gesamten afrikanischen Kontinent. ze Mehrheit mit einer entsprechenden Festsetzung der Armutsgrenze großenteils aus der Armut hinausdefiniert oder aber, ob durch Nationalstaat als Bezugsgröße eine »realistische« Darstellung des Ausmaßes der Armut die Verantwortung des Apart­ Keine noch so eingängige und berechtigte heidsregimes für die schlechten LebensumKritik am methodologischen Nationalismus stände der übergroßen Mehrheit herausgekann vorerst etwas daran ändern, dass die stellt werden sollte. Noch komplexer erscheint Bezugsgrößen der Datenerhebung in erster die Sache, wenn Lebensstandards etwa durch Linie Nationalstaaten sind – bei Spezialstudien Warenkörbe erfasst werden sollen. Zugrunde auch kleinere regionale Zusammenhänge innerhalb solcher Staaten. Ferner werden auch liegen Annahmen darüber, was unter bedie Staaten selbst auf einer Skala von Armut stimmten Umständen lebensnotwendig sei und was nicht. verortet und eingestuft. Gerade dies ist keinesDas verweist auf den Umstand, dass solche wegs eine zweckfreie intellektuelle Übung, Maßzahlen wie etwa auch die »relative Armut«, sondern die Einstufung entscheidet wesentlich definiert als die Hälfte des nationalen Durchüber den Zugang zu einer Reihe von Förderschnittseinkommens oder weniger, stark von maßnahmen, die vor allem Regierungen von Ländern zu erwarten haben, die als Least Deder Grundgesamtheit abhängen, innerhalb iz3w-Dossier

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veloped Country (LLDC) oder Less Developed Country (LDC) eingestuft sind. Die Einstufung eines Landes in den Berichten von Weltbank und UNDP wird zwar als Erfolgskriterium gewertet, doch zugleich gibt es handfeste Gründe, lieber in einer niederen Kategorie zu bleiben. Dies wird aktuell einmal wieder deutlich an der Vehemenz, mit der sich die Regierung Namibias gegen die Einstufung des Landes als Lower Middle Income Country (Land mit mittlerem Einkommen im unteren Bereich mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen zwischen 1.026 und 4.035 Dollar pro Person) zur Wehr setzt anstatt als LDC zu gelten. Tatsächlich verdecken im Falle Namibias die Durchschnittszahlen die durch die extreme soziale Ungleichheit mit bedingte Armut: Nach wie vor sind vorwiegend Schwarze von Armut getroffen sowie Regionen, die während der Kolonialzeit von der Siedlerökonomie ausschließlich als Arbeitskraftreservoire genutzt wurden. Es zeigt sich, dass die Einstufung als »arm« zumindest in solchen Fällen auch Gratifikationen bereithält, die man nicht zu unrecht als Entwicklungs-Renten bezeichnet hat.

Vermessene Annahmen Doch noch aus einem anderen Grund ist die Aussagekraft der Messzahlen begrenzt. Die Pro-Kopf-Zahlen können nicht die Verhältnisse abbilden, in denen die Einzelnen tatsächlich leben. In diesen Zahlen kommen keine Herrschaftsverhältnisse zum Ausdruck, etwa die unterschiedliche Zuteilung von Nahrungsmitteln im Familienverband nach Geschlecht und Alter oder auch der ungleiche Zugang zu Bildungschancen für Mädchen und Jungen, soweit solche Chancen vorhanden sind. Der numerische Indikator ebnet dies alles ebenso ein wie die Formen der Reziprozität und Kooperation, mit denen Risiken und Notsituationen teilweise aufgefangen werden können. Umgekehrt verschärft dann die Vereinzelung, etwa im Rahmen von Urbanisierungsprozessen oder als Folge der HIV/AIDS-Pandemie, die numerisch zum Ausdruck gebrachten Notlagen. Natürlich wäre es falsch, wegen der Unzulänglichkeit der Vermessung über Armut nicht zu sprechen. Beim Umgang mit dem abstrakten Zahlenmaterial wäre vielmehr stets im Auge zu behalten, dass es aus einer Wirklichkeit abgezogen wurde, die mit Zahlen in keiner Weise erfasst werden kann. Nicht zuletzt enthalten Zahlenoperationen das Risiko, Menschen als Handelnde mit ihren eigenen Strategien und ihrem aus ihrer individuellen und kollektiven Erfahrung gewonnenen Wissen in den Hintergrund treten zu lassen und sie im schlimmsten Fall zu Objekten von »Maßnahmen« zu machen, die selbstverständlich nur zu ihrem Besten erdacht wurden.

Reinhart Kößler ist Mitarbeiter am ArnoldBergsträsser-Institut in Freiburg.

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ISSN 1614-0095

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iz3w Magazin # 336