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Pressefreiheit – nicht überall erhältlich

iz3w t informationszentrum 3. welt

Außerdem t Syrien ohne Frieden t Simbabwe ohne Mugabe t #MeToo auf arabisch

März/April 2018 Ausgabe q 365 Einzelheft 6 5,30 Abo 6 31,80


In dies er Aus gabe . . . . . . . . .

Schwerpunkt: Pressefreiheit Titelbild: Brent Lewin

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Editorial Ein Recht ohne Geltung Die Pressefreiheit steht weltweit unter Beschuss von Anton Landgraf

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Editorial

Politik und Ökonomie 4

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Simbabwe: Politik des Weitermachens

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Kolumbien: Ein neues El Dorado

Dogmatisch unabhängig Pressevielfalt trotz dominanter Regierungspolitik in Namibia von Reinhart Kößler

Ein neuer Präsident und alte Probleme von Alex Veit

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Tausendmal dieselbe Seite Eins Die Volksrepublik China hat viele Medien und eine Meinung von Astrid Lipinsky

Syrien: Tödlicher Frieden Das Assad-Regime herrscht weiter kompromisslos von Jan-Niklas Kniewel

Katz und Maus Im Nahen Osten und in Nordafrika bleibt die Pressefreiheit umkämpft von Judith Pies

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Lokale Gemeinden wehren sich gegen den Goldabbau von Dorothea Hamilton

»Viele üben Selbstzensur« Interview mit Bob Rugurika aus Burundi über Radioarbeit im Exil

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Brasilien guckt in die Röhre Die Freiheit der Medien ist auch eine Frage des Eigentums von Nils Brock

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»Repression war immer vorhanden« Interview mit dem Schriftsteller Doğan Akhanlı über seine Verfolgung durch die Türkei

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Strategien des Widerstands In der Türkei ist die Meinungsfreiheit weiter umkämpft von Oliver Kontny

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»Schreib doch mal was Positives« Freier Journalismus zwischen Engagement und Desinteresse von Andrea Jeska

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So frei wie sie erkämpft wurden Essay zum dialektischen Verhältnis von Freiheit und Unfreiheit in Meinung und Rede von Georg Seeßlen

Kultur und Debatte 37

1968: Révolution Afrique Der Mai 1968 war nicht auf die Metropole Paris beschränkt von Bernard Schmid

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Sexismus: #MeToo auf arabisch Wie im Nahen und Mittleren Osten sexualisierte Gewalt thematisiert wird von Jan Düsterhöft

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Sklaverei: »Während der ganzen Reise mußten sie nackt bleiben« Drei Romane untersuchen die Sklaverei in den USA von Birgit Huber, Sieglinde Krause, Tina Bolg und Sigrid Weber

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Briefe an die Redaktion

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Rezensionen

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Szene

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Tagungen / Impressum


Editor ial

Presse(un)freiheit weltweit Im Februar 1989 rief eine BBC-Reporterin Salman Rushdie an. Sie fragte den überraschten Schriftsteller: »Wie fühlt man sich, wenn man weiß, dass man gerade von Ayatollah Khomeini zum Tode verurteilt wurde?« In seiner Autobiografie »Joseph Anton« schreibt Rushdie dazu: »Ohne recht zu wissen, was er redete, hat er folgendes geantwortet: ‚Man fühlt sich nicht gut.’« Khomeini sah Rushdies Roman »Die satanischen Verse« als »gegen den Islam, den Propheten und den Koran« gerichtet und sprach eine Todes-Fatwa gegen ihn aus. Rushdie war plötzlich ein Mensch, der »sein Leben nicht mehr verstand«, außer: »Sie jagen dich und spüren dich auf.« Rushdie gelang mit Leibwächtern, Verstecken und viel Glück, Khomeinis Häschern zu entkommen. Zudem überlebt er als Schriftsteller, indem er eine Herkulesaufgabe bewältigt: weitermachen. Er produziert beharrlich weiter, wogegen die Fatwa gerichtet war: Fantasievolle Romane, respektlos gegen hohle Autorität. Sein Verlag fasst seine Autobiographie so zusammen: »Es ist die Geschichte eines der entscheidenden Kämpfe unserer Zeit: des Kampfs um die Meinungsfreiheit.«

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ieser Kampf wird hierzulande und heutzutage meist unspektakulär am Computer neben einer Tasse Tee ausgetragen, die Gegner heißen oft nur Schachtelsatz und Genitiv. Die iz3w erscheint laut dem Index von Reporter ohne Grenzen in einem Land mit einer »guten Situation« für Presseerzeugnisse. Trotzdem muss Pressefreiheit auch hier täglich erkämpft werden, und es gibt hochgefährliche Entwicklungen, wie etwa die rechtspopulistischen Kampagnen gegen die »Lügenpresse«. Die Gruppe der Länder mit »guter Situation« ist klein. Eine »zufriedenstellende Lage« ist weltweit ebenfalls minoritär und gerade im Globalen Süden rar: Südafrika ist hier ein ermutigendes Beispiel. In vielen Ländern ist die Lage aber »sehr ernst«: China, Sudan oder Iran. Der Kampf um Meinungsfreiheit kann dort tödlich sein. Das gilt auch für Länder, die zwischen den Extremen liegen, wie etwa Kolumbien. Dabei sind die Meinungs- und Pressefreiheit eine Grundbedingung für eine Gesellschaft, die aufgeklärte Zustände anstrebt. Der Soziologe Jürgen Habermas charakterisiert in seinem Werk »Strukturwandel der Öffentlichkeit« letztere durch eine »prinzipielle Unabgeschlossenheit«. Der offene und öffentliche Diskurs über die Belange der Bevölkerung ist die Voraussetzung demokratischer Vergesellschaftung. Hier spielen Medien eine wichtige Rolle. Ihr Kerngeschäft heißt: unabhängig zu sagen, was ist.

Das genügt, um mit zahlreichen Interessen in Konflikt zu geraten. Die Spitze des Eisbergs sind dabei die 65 JournalistInnen, die 2017 nach Angaben von Reporter ohne Grenzen getötet wurden. Die gefährlichsten Länder waren Syrien (12 Tote), Mexiko (11), Afghanistan (9), Irak (8) und Philippinen (4). Das verweist auf die größten Gegenspieler der Meinungsfreiheit: Bürgerkriege, Kriege, autoritäre Regime. »In Mexiko entscheidet die Gunst der Drogenbosse über Leben und Sterben von Journalisten«, schreibt die Süddeutsche Zeitung anlässlich des Mordes an dem Journalisten Javier Valdez. Auch im Einleitungsartikel dieses Themenschwerpunktes wird auf kriminelle Netzwerke und ihre »eigenen Gesetze« hingewiesen.

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yrien ist ein Paradebeispiel für die Gleichschaltung der Medien durch Diktatur, Bürgerkrieg und durch dort vorwiegend islamistische Rackets. Bürgerkriegssituationen wie in Südsudan, Libyen oder Somalia sind unvereinbar mit Pressefreiheit. Aber auch in betont starken Staaten wie China oder Russland ist es mit der Freiheit nicht weit her. Es geht also nicht um mehr oder weniger Staat. Es geht um demokratische, freiheitliche und soziale Regeln, die einerseits im Bewusstsein, andererseits als verbindliche Rechte verankert sind. Technik wird es nicht richten. Das Internet und andere Neue Medien werden in Russland und China (siehe Seite 18) inzwischen umfassend überwacht. Es gibt aber auch weichere Zensurformen. Viele JournalistInnen der Mainstream-Medien beklagen, dass Problemthemen wie Armut immer schwerer »zu reporten« seien (siehe Seite 31). Die auflagenorientierte Politik der Verlage lässt Wohlfühlthemen dominieren. Ein anderer Aspekt beim Verhältnis von Meinungsfreiheit und Eigentum sind die oligarchischen Tendenzen, etwa auf dem brasilianischen Medienmarkt (siehe Seite 24). Doch wir präsentieren in diesem Themenschwerpunkt auch Positivbeispiele. In der Türkei trotzen zahlreiche Publikationen der Repression (siehe Seite 28), und in Namibia konnte sich eine lebendige Presselandschaft etablieren (siehe Seite 20). Der abschließende Beitrag von Georg Seeßlen lotet die Begriffe der freien Rede und Meinungsfreiheit aus. Beide seien hohl ohne Rückbindung an Reflexion und Kritik. Es »lohne« sich die freie Rede in einer unfreien Welt gar nicht, im Gegenteil, man hole sich nur eine blutige Nase, schreibt er. Gibt es da noch eine Wendung? Am Ende dieses Themenschwerpunktes ist sie – hoffentlich – nachzulesen. die redaktion

Gefördert von ENGAGEMENT GLOBAL im Auftrag des BMZ und aus Mitteln des Kirchlichen Entwicklungsdienstes durch Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst.

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Ein unermüdlicher Streiter für Menschenrechte: Doğan Akhanlı Foto: R. Spekking 

»Repression war immer vorhanden« Interview mit dem Schriftsteller Dog˘ an Akhanlı über seine Verfolgung durch die Türkei iz3w: Du bist bereits im Alter von 18 Jahren in der Türkei für fünf

junge Che Guevera-AnhängerInnen waren bei einer Militäroperation mitsamt ihren drei Geiseln getötet worden. Alle Getöteten waren Studierende der Elite-Universitäten der Türkei, und ich verstand nicht, was gerade passierte. Vier Monate später wurden wir drei freigelassen und freigesproDoğan Akhanlı: Im Mai 1975 habe ich an einem Kiosk eine Wochen, aber diese willkürliche Gewalt hat meine Beziehung zum chenzeitung mit dem roten Stern gekauft, deren Organisation türkischen Staat völlig zerstört. Ich bin im Gefängnis radikalisiert inzwischen zu einer nationalistischen, antisemitischen, den Genoworden und dort Revolutionär geworden. Es war also weniger die zid an den ArmenierInnen vehement leugnenden, provokativen Verletzung meiner Meinungsfreiheit, es waren die daraus resultieBewegung geworden ist. Das hat mein Leben renden Folgen: Haft, Folter, Solidarität und völlig geändert. Ein Polizist in Zivil hat mich Aufklärung im Knast, die mich verändert »Meine Rettung verdanke ich haben. Meine Wut und Verletzung, im Mai direkt am Kiosk verhaftet. Elf Tage lang wurde ich vernommen. Ich habe noch immer 1975 im Istanbuler Polizeipräsidium gefoltert der Magie der Solidarität« nicht vergessen, wie groß meine Angst war. worden zu sein, waren aber so unbändig, Schon damals fand ich keine Erklärung für dass es mir nicht in den Sinn kam, mich ins die Gewalt, die man mir antat. Die Folterer waren davon überzeugt, Ausland abzusetzen oder mich aus allem zurückzuziehen. Ich schloss dass ich mit dem Erwerb jener Zeitschrift den Umsturz der türkischen mich der TDKP an, der 1980 gegründeten Revolutionären KomRepublik beschlossen hatte. Sie haben zwei weitere junge Menschen munistischen Partei der Türkei und ging in den Untergrund. aus meinem Viertel unter Folter genötigt zu behaupten, sie hätten 2010 wurdest du in der Türkei unter dem Vorwurf festgenommen, mit mir zusammen eine illegale Organisation gegründet. Ich war in Istanbul Schüler der Abschlussklasse des Gymnasiums und 1989 an einem Raubüberfall beteiligt gewesen zu sein. ProzessbeobachterInnen wurde schnell klar, dass sich die Repression des Staates ­eigentlich noch nicht politisch aktiv, aber neugierig, angestoßen aber eigentlich gegen deine publizistische Tätigkeit richtet. Hat der durch die 68er-Bewegung in der Türkei. In der Türkei hatte sich Staat es geschafft, dich zumindest zeitweise mundtot zu machen? die 68er-Bewegung schnell radikalisiert und die Reaktion des türtt Ich habe von dem Vorwurf erst erfahren, nachdem sie mich ins kischen Staates war heftig. Drei Studentenführer waren gehängt, ein maoistischer Theoretiker unter Folter getötet worden. Zehn Gefängnis gesteckt haben. Ich musste mich deshalb notgedrungen Monate in Untersuchungshaft gesteckt worden, weil du eine linke Zeitschrift gekauft hattest. Wie prägend war diese Verletzung deiner Meinungsfreiheit für deine persönliche Entwicklung?

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Pressefreiheit

mit meiner Verteidigung beschäftigen. Aber die Hauptarbeit wurde Zwölf Tage vor meinem ersten Verhandlungstag ist mein Vater von meinen AnwältInnen und der Solidaritätsgruppe in Köln erledigt. gestorben. Ich habe von seinem Tod aus der Presse erfahren. Meine Verletzung war so tief, dass ich nicht länger in meiner MutWeil das türkische Haftsystem nicht völlig hermetisch nach außen tersprache reden wollte. Die Solidarität, die in Köln in meinem abgeschlossen ist, konnte ich mich sogar mit kurzen Stellungnahmen während meiner Haftzeit äußern. Schriftstellerisch arbeiten konnte Freundeskreis entstanden ist und sich bundesweit und in der Türkei verbreitete, holte mich aus dem Abgrund wieder heraus. ich nicht, in dieser Hinsicht hat mir die Ungerechtigkeit der InhafBei meiner erneuten Verhaftung 2017 in Granada hat die Solitierung eine Zeitlang die Sprache verschlagen. Nach meiner Freilassung im Dezember 2010 habe ich wieder zu schreiben begonnen. darität vom ersten Tag an ganz Deutschland erfasst. Geübt durch Als die türkische Justiz 2013 meinen Freispruch von 2010 kassierte, die Kampagne gegen meine Verhaftung von 2010 wurden innerhabe ich eine Presseerklärung abgegeben und erklärt, ich sei aus halb eines Monats 53.000 Unterschriften gesammelt. Meine Retdem Prozess »ausgestiegen«, weil klar sei, tungen verdanke ich, wie ich es dass der türkische Staat mich nicht freisprein meiner Botschaft aus Madrid formuliert habe, der Magie der chen wolle. Die Wut auf die Dreistigkeit der »Die Wut auf die türkische Justiz hat Solidarität. Ich habe am eigenen türkischen Justiz, die mich seit damals ummich schriftstellerisch beflügelt« treibt, hat mich nicht mundtot gemacht, Leibe gemerkt, wie wichtig die sondern schriftstellerisch eher noch beflügelt. Solidarität für Gefangene ist. Im August 2017 konnte der türkische Staat über Interpol erreichen, dass du in Spanien festgenommen wirst. Auf welchen Vorwürfen beruhte die »Red Notice« an Interpol? Warum setzte der spanische Staat ein solches offensichtlich politisch motiviertes Ansinnen überhaupt um? tt Die Red Notice wurde genauso begründet wie meine Inhaftierung in der Türkei 2010. Ich weiß nicht, warum Spanien diese fadenscheinige Begründung akzeptiert hat und zwei Monate brauchte, um die völlige Willkür hinter diesem Haftbefehl zu erkennen. Inwieweit verunsichert dich die neuerliche Festnahme in Spanien? tt In den ersten Wochen nach der Freilassung war ich richtig krank. Seelisch und körperlich. Die Solidarität und der öffentliche Aufschrei haben aber dazu geführt, dass ich mein unsicheres Gefühl schnell überwinden konnte. Dann erhielt ich vom Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch die Möglichkeit, ein Buch über meine Festnahme zu schreiben. In nur sechs Wochen habe ich das Manuskript »Verhaftung in Granada« fertig geschrieben. Das hat mir gut getan. Das war auch eine Art Rache an meinen türkischen Verfolgern, die anscheinend kein Ende finden. Du hast nach den Festnahmen 2010 und 2017 viel zivilgesellschaftliche Unterstützung erfahren, gerade auch in Deutschland. Wie wichtig ist diese Solidarität für deinen Kampf für Meinungsfreiheit? Und war die Unterstützung seitens der Bundesregierung oder anderer staatlicher Institutionen ausreichend? tt Anders als während meiner Zeit im Gefängnis in den 1980er Jahren gab es 2010 keine Folter. In einer Zelle zu sitzen war aber trotzdem nicht angenehm, immerhin wartete ich vier Monate auf meinen Prozess. Türkische Briefe durfte ich erhalten und schreiben. Deutschsprachige Briefe, Zeitungen, Zeitschriften und Bücher wurden mir vorenthalten. Ende Oktober kam die Generalkonsulin zu Besuch. Am selben Abend wurden etwa fünfzig deutschsprachige Bücher, zahlreiche Ausgaben deutscher Zeitungen und Zeitschriften sowie deutschsprachige Briefe und Postkarten, die sich seit August angesammelt hatten, in meine Zelle geschleppt, sodass sie sich in eine an mein Arbeitszimmer erinnernde Oase verwandelte, in der ich meinen Träumen nachhängen konnte. Ich las nächtelang. Durch die Briefe und Postkarten entfloh ich in den langen Nächten an andere Orte. Das war sehr hilfreich, um das Gefängnis weiterhin ertragen zu können.

Ist die Presseunfreiheit in der Türkei unter Erdoğan schlimmer als je zuvor? Oder haben sich nur die politischen Diskurse unter seiner Ägide verändert, nicht aber die Brutalität der Repression? tt Dass die Geschichte der türkischen Republik die Geschichte einer Ansammlung von gewaltsamen Auseinandersetzungen ist, liegt daran, dass die Keller der »Befreiungsgeschichte« voller Leichname christlicher StaatsbürgerInnen sind und dass man sich der Geschichte der Massaker an den ArmenierInnen nicht stellt, sondern an der Leugnung festhält. 1938 kamen zu diesen Opfern noch die KurdInnen und AlevitInnen in Dersim dazu. Und 80 Prozent der Jüdinnen und Juden in der Türkei, die wir ach so gut geschützt zu haben vorgeben, haben unmittelbar nach den Istanbuler Pogromen 1955 die Türkei verlassen. Die auf dem Weg zur Demokratisierung immer wieder unternommenen Schritte wurden alle zehn Jahre durch Militärputsche und militärische Memoranden unterbrochen und der Ausnahmezustand wurde in der Türkei zur Regel. Die juntahaft-despotische Politik der Regierung Erdoğans, der als Reformer auf die politische Bühne trat und dem es mithilfe der Gülen-Gemeinde – von der wir erst jetzt wissen, wie sehr sie Regierung und Verwaltung unterwandert hatte und wie entwickelt ihre Fähigkeiten zu Manipulation und Komplotten waren – gelang, das Militär zu schwächen, ist lediglich das letzte Glied dieser Gewaltgeschichte. Also: Brutalität und Repression waren in der modernen Türkei immer vorhanden. Unter der Erdogan-Regierung, insbesondere nach dem gescheiterten Putsch, hat sich die Lage der Pressefreiheit ungeheuer verschlechtert. Die Phasen der Militärregimes waren von systematischer Folter geprägt, in der ErdoğanÄra hingegen herrscht die Willkür eines Justizsystems, die nicht nur Linksoppositionellen, sondern allen zum Verhängnis werden kann.

Doğan Akhanlı wurde 1957 in der Türkei geboren und lebt seit 1992 in Köln. Sein Roman »Kıyamet Günü Yargıçları» (dt. »Die Richter des jüngsten Gerichts«) war 1999 das erste Buch in türkischer Sprache, das den Armeniengenozid thematisierte. Soeben erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch sein Buch »Verhaftung in ­Granada«, in dem er über seine Gefängniserfahrungen vor dem Hintergrund der politischen Entwicklung in der Türkei, Spanien und Deutschland erzählt. Das Interview führte Albrecht Kieser. tt

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#MeToo auf arabisch Wie im Nahen und Mittleren Osten sexualisierte Gewalt thematisiert wird von Jan Düsterhöft zu beobachten«, erklärt Hoda Zakaria, Professorin für Soziologie Der Hashtag #MeToo verbreitete sich Ende 2017 rasant in sozian der Zagazig-Universität in Kairo. Die Sanktionierung kann dabei alen Netzwerken. Allein bis November wurde er 2,3 Millionen Mal von sozialer Isolation über Verehelichung mit den Tätern bis hin in 85 verschiedenen Ländern verwendet. Die von den Protagoniszum (Ehren-)Mord reichen. »Das hängt alles mit einem WertesystInnen vehement geforderte öffentliche Auseinandersetzung mit tem zusammen, welches auf Scham und Ehre basiert. Sie töten sexualisierter Gewalt setzte in vielen Ländern ein. Einige Journalisdas Opfer, um die erfahrene Schande auszulöschen und ein imatInnen, etwa von CNN, konstatierten demgegenüber, im Nahen und Mittleren Osten gebe es alarmierend wenig Resonanz auf ginäres Ehrgefühl zu rehabilitieren«, so Zakaria. #MeToo und die dadurch ausgelöste Debatte. Bento (ein Ableger Ein hoher Anteil der sexualisierten Gewalt wird im häuslichen von Spiegel Online für junge Erwachsene) fragte gar: »Warum gab Umfeld verübt. Für Frauen, die ihren Peinigern täglich begegnen es in der arabischen Welt keine ‚MeToo’-Debatte?« oder gar gemeinsamen Wohnraum mit ihnen teilen müssen, ist Auf den ersten Blick verweist dies auf ein Paradoxon, denn sexu­ es vermutlich unvorstellbar, ihre Gewalterfahrungen zu publizieren. alisierte Gewalt ist laut zahlreicher Berichte auch im Nahen und Angst und Scham auf individueller und ein tabuisierter Sexualdiskurs auf gesellschaftlicher Ebene sind ernstzunehmende Faktoren, Mittleren Osten weit verbreitet. Eine Studie von UN Women aus dem Jahr 2013 besagt beispielsweise, dass markerschütternde 99,3 die gegen das Publikmachen der eigenen Gewalthistorie unter Prozent der befragten Frauen aus sieben ver#MeToo sprechen. schiedenen Regionen Ägyptens Opfer sexuDie bekannten Tageszeitungen und FernKonservative JournalistInnen sehsendungen einiger Länder des Nahen eller Gewalt wurden. Auf den zweiten Blick stimmt die Aussage, und Mittleren Ostens griffen #MeToo machten Front gegen im Nahen und Mittleren Osten werde nicht in ihrer Berichterstattung zwar auf, »verwestlichte« Kleidungsstile ­verbuchten ihn aber als ausländisches, über sexualisierte Gewalt debattiert, jedoch »westliches« Phänomen. Im Vordergrund nicht. Diese Behauptung basiert auf quantitativen Analysen von Daten sozialer Netzwerke. Dabei wurde stand die Singularität des Falls Weinstein, eine Abstrahierung seausgewertet, wie oft #MeToo in Twitter-Posts Verwendung fand. xualisierter Gewalt als Problematik auch in den eigenen Gesellschaften fand nicht statt. Mitunter bedienten sich einzelne konDiese Methode ist irreführend: NutzerInnen im Nahen und Mittleren Osten debattierten und teilten ihre Erfahrungen nicht nur servative JournalistInnen jedoch der #MeToo-Debatte, um Front unter dem englischsprachigen Original-Hashtag, sondern unter gegen einen »verwestlichten, freizügigen« Kleidungsstil zu machen. mindestens vier verschiedenen arabischsprachigen Hashtags. Die Dabei hatten die Regierungen Ägyptens und Tunesiens im Jahr 2014 Gesetzesverschärfungen erlassen, die genau diese Argumenarabischen Äquivalente zu #MeToo lauten »Ich auch« sowie »Und Ich auch« jeweils auf Hocharabisch und Dialektarabisch. Sie flossen tation aushebeln sollten. Zuvor gab es Fälle, in denen angeklagte allesamt nicht in die ausgewertete Statistik ein. Ebenfalls unbeachSexualtäter freigesprochen worden waren, weil ihr Opfer ihren tet blieben frankophone NutzerInnen aus Ländern Nordafrikas und Aussagen zufolge »unangemessen« gekleidet war. Juristisch wird des Nahen und Mittleren Ostens, die ihre Erfahrungen unter den dieser Umstand nun nicht mehr berücksichtigt. Hashtags #balanceTonPorc oder #MoiAussi teilten. tt

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Ins Gesicht der Täter

Ein westliches Phänomen?

Ähnlich wie in den allermeisten anderen Ländern weltweit gab es auch in der arabischen Welt lange vor #MeToo Initiativen und Organisationen, die das Problemfeld sexualisierte Gewalt adressiert haben. Ein Beispiel für einen erfolgreichen Aufklärungs-TV-Spot ist »The Adventures of Salwa«. Salwa ist eine junge Libanesin, die in einem Großraumbüro arbeitet. Fast täglich begegnet sie Situatio­ nen, in denen sie und andere Frauen verbalen oder physischen Belästigungen ausgesetzt sind. Wie alle Superheldinnen trägt auch Salwa eine Waffe: Eine Handtasche. Nicht selten landet sie, von einem comichaften »Peng« oder »Zoom« begleitet, im Gesicht der Täter. Die etwa 30-sekündigen Clips, die im staatlichen Fernsehsender liefen, waren Teil einer landesweiten Aufklärungskampagne, die Formen der alltäglichen sexualisierten Gewalt darstellt und Frauen und Mädchen tt

Zweifelsohne sind Sexualität und das Sprechen darüber in vielen Gesellschaften weltweit tabuisiert. Wie eng die Grenzen des Sexualdiskurses in einigen Regionen des Nahen und Mittleren Ostens gesteckt sind, verdeutlicht das Beispiel Doaa Salah: Die ägyptische Fernsehmoderatorin wurde nach einer Sendung im Juli 2017, in der sie außereheliche Schwangerschaften und Sexualität thematisierte, angezeigt und von einem Gericht zu drei Jahren Gefängnis und einer Kaution von 10.000 ägyptischen Pfund verurteilt. Die Justiz sah durch ihr Verhalten »das Gerüst des ägyptischen Lebens bedroht«. »In patriarchalischen Gesellschaften, wie der ägyptischen, wird anstelle der Täter den Opfern die Schuld für die Tat gegeben. Vorwiegend bei ländlichen Gemeinschaften ist dieses Phänomen tt

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konkrete Handlungsweisen aufzeigen wollte. Produziert wurden die Clips von IndyAct, einer Gruppe libanesischer AktivistInnen, die im Jahr 2010 ins Leben gerufen wurde. Salwas ägyptisches Pendant heißt Qahera (zugleich der arabische Name für Kairo, der »die Starke«, »die Mächtige« bedeutet). Es handelt sich um eine muslimische, Hidschab tragende Superheldin, die interveniert, wenn Frauen belästigt werden. Die Webcomics mit Qahera, die durchschnittlich 10.000 Mal täglich angeklickt werden, entwickelte Deena Mohamed 2013 unter den Eindrücken der Revolution auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Dort war es wiederholt zu schweren Übergriffen auf Frauen gekommen. In einer Episode des Webco»Ich auch« – Hashtags auf arabisch mics wird eine Passantin erst mit anzüglichen Kommentaren über ihren Körper, dann mit einer Hand an ihrem Po belästigt. Auf der Polizeiwache will sie Anzeige erstatten, doch mit Verweis auf ihren Kleidungsstil wird sie von einem Beamten selbst für den Zwischenfall verantwortlich gemacht. Beim Verlassen der Wache gerät sie unmittelbar in eine zweite Belästigungssituation. Diesmal sind es vier Männer, die angespornt durch die lautstarken Proteste ihres Opfers ein Messer ziehen. Wie aus dem Nichts kommend, zertrümmert Qahera die Kniescheiben der Angreifer mit einem Stock. Das letzte Panel des Comics zeigt die vier Männer an den Zaun der Polizeiwache gefesselt. Unter ihnen prangert ein Graffiti sie an: »These men are perverts«.

Feminismus im Plural Als weitere ägyptische Initiative ist HARASSmap zu nennen. Gegründet wurde die Non-Profit-Organisation mit der Intention, die Rechtsprechung des Landes im Bereich der sexualisierten Gewalt zu verschärfen. Frauen, die Opfer oder Zeuginnen von sexualisierter Gewalt wurden, können über Onlineformulare, SMS oder via Email, Twitter und Facebook Details zur Tat einreichen. Mit Hilfe dieser Informationen wird eine Karte so genannter Hotspots von sexuellen Übergriffen in Ägypten erstellt. Freiwillige HelferInnen begeben sich nach gemeldeten Übergriffen zum Tatort und machen auf das Geschehene aufmerksam. Sie arbeiten eng mit Ladenbett

Foto/Montage: P. Monti / J. Düsterhöft

Sexismus

sitzerInnen, PolizistInnen, PförtnerInnen und Taxiunternehmen zusammen, um sicherere Orte für Frauen zu schaffen. Die Organisation hat zahlreiche internationale Preise gewonnen und Fördergelder erhalten. Eine ebenso innovative wie praktische Initiative gegen se­ xualisierte Gewalt geht von der Ägypterin Shadw Helal aus. Mithilfe eines befreundeten Informatikstudenten erstellte sie die App »Rescue«. Mittels ihr können bedrohte Frauen einen Notruf an FreundInnen, Verwandte und andere registrierte HelferInnen absetzen. Dazu reicht ein Klick auf dem Smartphone oder ein Sprachbefehl. Dank GPS wird dabei der Aufenthaltsort der Frau übermittelt, so dass ihr schnell geholfen werden kann. Im Rahmen der #MeToo-Debatte erfuhr Helal viel Zuspruch für ihre Erfindung. Den nur vermeintlich ausgebliebenen Solidaritätsbekundungen der Region gegenüber #MeToo steht die Frage nach den gemeinsamen Lebensrealitäten gegenüber: Ist der Kampf einer Alyssa Milano gegen Harvey Weinstein derselbe wie der einer Doaa Salah oder einer Landbewohnerin Oberägyptens gegen ihre Peiniger? Selbst wenn es so wäre: Den Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens müssen eigene Zugangsformen zum Themenkomplex sexualisierte Gewalt zugestanden werden. So bedeutend länderübergreifende Solidarisierung gegen sexualisierte Gewalt sein mag, ein einzelner Hashtag wie #MeToo kann nicht alle Feminismen – unter Berücksichtigung ihrer soziokulturellen Eigenheiten und ihrer Umstände – zusammenfassen. Abgesehen davon erscheint die Verwendung von Hashtags wie #MeToo beispielsweise im wahhabitischen Saudi Arabien – wo nicht wenige BloggerInnen zu Gefängnisstrafen und öffentlichen Auspeitschungen verurteilt wurden – ungleich couragierter.

tt Jan Düsterhöft studierte Nah- und Mitteloststudien. Er arbeitet zu progressiven Bewegungen in arabischsprachigen Ländern und zu medialen Repräsentationen von Menschen muslimischen Glaubens.

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Rezensionen ... Macht der Sprache – Sprache der Macht Man stelle sich vor, die deutsche Literatur wäre überwiegend auf Japanisch verfasst, obwohl die meisten Deutschen diese Sprache nicht beherrschen – eine absurde Idee. Aber genau so war die Lage in den unabhängig gewordenen Ländern Afrikas südlich der Sahara (und ist sie weitgehend auch heute noch), als der damals vierundzwanzig Jahre junge Kenianer, der als James Ngugi geboren wurde, 1962 zur ersten Konferenz afrikanischer Schriftsteller englischer Sprache nach Kampala kam. Es dauerte fast zwanzig Jahre mit vielen schmerzlichen, aber auch erhellenden Erfahrungen, bis er »Die Sprache der afrikanischen Literatur« (1981), »Die Sprache des afrikanischen Theaters« (1984) und »Die Sprache des afrikanischen Romans« (1985) publizierte. Seine mehrfach überarbeiteten und mit Diskussionen und weiterführenden Studien angereicherten Essays wurden 1986 mit einem ausführlichen Vorwort unter dem Titel »Decolonising the Mind – The Politics of Language in African Literature« veröffentlicht. Es brauchte weitere 25 Jahre, bis der Band auf Französisch erschien, und 31 Jahre bis zur nun endlich erschienenen deutschen Übersetzung. Ihr Titel lautet Dekolonisierung des Denkens, ergänzt ist sie mit Kommentaren von jüngeren afrikanischen SchriftstellerInnen, einem leider unvollständigen Personen- und Werkverzeichnis, aber dafür mit zahlreichen nützlichen Anmerkungen. Manche Termini wie »Kompradoren«, »Imperialisten« und »speichelleckende, einheimische Klassen« mögen heute antiquiert erscheinen. Doch haben die Texte von Ngugi wa Thiong‘o (der James im Namen fehlt längst) keineswegs an Relevanz und Aktualität eingebüßt. Ihre Lektüre macht uns die Bedeutung von Sprache als Kommunikation und als Kultur jederzeit und überall bewusst. Sie führen uns vor Augen, von welcher Grundlage aus wir die Welt betrachten und welches Selbstverständnis wir daraus entwickeln. Wenn bereits dem Schulkind eine fremde Sprache aufgezwungen und der Gebrauch der Erstsprache mit Strafen geahndet wird – wie es selbst jungen afrikanischen AutorInnen noch widerfahren ist – wird deutlich, dass Sprachpolitik ein wichtiger Aspekt sowohl kolonialer als auch neokolonialer Machtausübung ist: Sie dient als »Zauberformel für den Eintritt in die heiligen Hallen der kolonialen Elite« und gleichzeitig zur »kolonialen Entfremdung, die nicht mit der Unabhängigkeit beendet ist«. Sicherlich beweisen die lebendigen postkolonialen Studien und Diskussionen die Fortschritte, die seit der Zeit gemacht wurden, als Franz Josef Strauß als Präsident des Bundesrats 1984 nach Togo reiste, um mit seinem Freund Präsident Eyadema den hundertsten Geburtstag der Berliner Afrika-Konferenz zu feiern. Auf dieser Konferenz waren mit den Grenzen der Kolonien in Afrika südlich der Sahara auch die vier europäischen Sprachzonen geschaffen worden – als Tabula Rasa für die afrikanische Literatur. Damit wurden Existenz und Werke der zahlreichen afrikanischen Schriftsteller bedeutungslos, die unter anderem auf Kiswahili, Joruba, Wolof, Amharisch, Arabisch geschrieben haben, teilweise seit Jahrhunderten. Wer kennt schon Namen wie David Diop, Obi Wali oder Robert Shaaban? t

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Ngugi wa Thiong‘o ist bei uns vor allem als Romanautor bekannt, als seit Jahren erfolgloser Kandidat für den Literaturnobelpreis. Für jüngere afrikanische AutorInnen jedoch bedeutet sein Werk »Dekolonisierung des Denkens« eine »Erweiterung der theoretischen, methodologischen und konzeptionellen Vorstellungswelt«, wie es der Kameruner Philosoph Achille Mbembe formuliert. Sie sei unabdingbar, um durch »Dis-Alienation« die tiefe ethische Krise zu überwinden, in die der Neokolonialismus die unabhängigen Staaten Afrikas gestürzt hat, mit aktiver Hilfe der MachthaberInnen und dienstbaren Eliten. Der senegalesische Autor Boubacar Boris Diop hält die afrikanische Literatur in Kolonialsprachen für ein Übergangsphänomen und verweist auf seinen Landsmann Cheikh Anta Diop, der bereits 1948 auf der ästhetischen und emotionalen Notwendigkeit bestand, in afrikanischen Sprachen zu schreiben und zu publizieren. In seinem 1954 veröffentlichten Standardwerk »Nations Nègres et Culture« argumentiert er, dass sonst Demokratie und wirtschaftliche Entwicklung nicht möglich seien. Auch für Sonwabiso Ngoowa aus Südafrika war die Lektüre von »Dekolonisierung des Denkens« ein einschneidendes Erlebnis, das für ihn essentielle Fragen aufwirft: Leben wir wirklich in postkolonialen Zeiten? Weder Wirtschaft noch Bildungswesen wurden dekolonisiert. An den Universitäten entstehen Eliten, die dem Rest der Bevölkerung fremd sind, die nur ein Ziel haben: Machtpositionen zu besetzen. Ngugi wa Thiong‘os Sohn Mukoma wa Ngugi fordert »die Befreiung aus dem metaphysischen Imperium des Englischen« und fordert dazu auf, sich vorzustellen, Shakespeare und Spencer hätten auf Französisch geschrieben und nur ein Prozent der Bevölkerung könne ihre Werke lesen. Petina Gappah aus Simbabwe erinnert sich an das ambivalente Verhältnis, das sie auf Grund des englischsprachigen Schulunterrichts zu ihrer Erstsprache Shona entwickelte, die sie in der Oberschule als Zweitsprache lernte. Sie hat lange gebraucht, diese nicht als minderwertig zu sehen und sie lieben zu lernen, und ohne Thiong‘os »Decolonising the Mind« hätte sie dem Sprachproblem vielleicht keine große Aufmerksamkeit gewidmet. Sie gibt jedoch zu bedenken, dass der Gebrauch der englischen Sprache inzwischen »Teil der afrikanischen Modernität ist, wie Kleidung und Institutionen« und dass man auch in einer anderen als der Erstsprache schreiben kann: Es geht um die Entkolonisierung des Denkens. Die Lektüre von »Dekolonisierung des Denkens« bietet eine willkommene und notwendige Gelegenheit, das westliche Sprachund Kulturverständnis zu hinterfragen und festzustellen, dass »Pluriversität« statt Universalität (Achille Mbembe) unser Denken und Handeln bestimmen sollte. Eva-Maria Bruchhaus Ngugi wa Thiong‘o: Dekolonisierung des Denkens. Essays über afrikanische Sprachen in der Literatur. Übersetzung Thomas Bruckner. Unrast, Münster 2017. 271 Seiten, 18,00 Euro. t

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Afrikaner in den Weltkriegen Zur Einbeziehung von AfrikanerInnen (und anderen Nicht-EuropäerInnen) in die Kampfhandlungen der beiden Weltkriege ist in den vergangenen Jahren schon einiges publiziert worden. Im Mittelpunkt standen dabei weniger die passiven Auswirkungen des Ersten und Zweiten Weltkrieges auf die indigenen Bevölkerungen – wie Hunger, persönliche Einschränkungen, Dienste in der Heimat, Preiserhöhungen und Ähnliches – als vielmehr der Einsatz von Männern in die direkten Kampfgeschehen. Denn mittlerweile ist bekannt, dass Zehntausende Afrikaner auf den Schlachtfeldern in Europa, Nordafrika und in Asien fochten. In der Regel wurden sie von ihren europäischen Kolonialherren rekrutiert. Allein in der Schlacht an der Marne im Ersten Weltkrieg kämpften 150.000 Algerier, 140.000 Westafrikaner, 40.000 Tunesier, 35.000 Madagassen und 15.000 Marokkaner. Insgesamt kamen während dieses Krieges etwa eine Million Soldaten allein aus Afrika zum Einsatz. Illustrationen davon sind allerdings rar. Kaum jemand konnte sich bisher ein visuell unterstütztes Bild von Afrikanern in europäischen Uniformen machen. Weithin wurde angenommen, dass solche nicht existierten. Nun hat der US-amerikanische Fotograf und Journalist Paul Garson eine beeindruckende Anzahl von einschlägigen Illustrationen gesammelt und in einem Buch präsentiert. Die verwendeten historischen Fotos, Zeichnungen, Titelbilder von Zeitschriften, Postkarten etc. werden von ihm kommentiert. Die t

meisten Motive stellen Personen und Szenen dar, nachdem die auf Seiten der Alliierten kämpfenden Afrikaner in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten waren. Da Garson auf eine Übersicht über die Fundorte der zumeist erstmals veröffentlichten Abbildungen verzichtet, lassen sich wenig weiterführende Informationen ausmachen. Allerdings kann man erkennen, dass die deutschen Soldaten ihre Gefangenen einerseits als kurios, anderseits als furchterregend und böswillig betrachteten und fotografierten. Dies geschah zum Teil schon auf den Schlachtfeldern gleich nach der Gefangennahme oder in Kriegsgefangenenlagern. Zuweilen erkennt man unschwer die Inszenierung der Abgebildeten. Die kurze, jedoch anschauliche Einleitung skizziert den Einsatz von afrikanischen Soldaten auf alliierter Seite in den Weltkriegen. Auf eine wissenschaftliche Betrachtung der Thematik verzichtet Garson, der Verweis auf Fachliteratur bezieht sich lediglich auf wenige englischsprachige Publikationen. Doch wird das Buch mit Sicherheit weitergehende wissenschaftliche Forschungen befruchten. Ulrich van der Heyden Paul Garson: African Colonial Prisoners of the Germans. A Pictorial History of Captive Soldiers in the World Wars. McFarland & Company Publishers, Jefferson/North Carolina 2017. 209 Seiten, 47,99 Euro.

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... Szene grenzenlos

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14. April Große Jubiläumsgala

Der Film »grenzenlos – Geschichten von Freiheit & Freundschaft« hat am Samstag, den 10. März um 14 Uhr im Kölner Schauspielhaus Premiere. »Grenzenlos« ist ein 80-minütiger non-verbaler Episodenfilm für geflüchtete und nichtgeflüchtete Kinder und Erwachsene. Er führt durch die Lebenswelten, Wünsche und Träume von Kindern in aller Welt. Kinostart ist Ende März. t www.realfictionfilme.de t

Es soll die Theorie zum Maßstab für verändernde Theorie und Praxis werden – zum Reflexionsraum für Emanzipation und Befreiung. t www.zeitschrift-luxemburg.de/ marxte-nochmal/

Internationales Frauenfilmfestival Vom 24. bis 29. April findet in Köln das Internationale Frauenfilmfestival statt. Es werden rund 100 Filme gezeigt, die Entwicklungslinien und Strukturen von Diskriminierungen in der deutschen Gesellschaft aufzeigen, aber auch gelungene politische Interventionen, in denen Ausgrenzungen überwunden wurden. t www.frauenfilmfestival.eu t

»Marxte noch mal?« Anlässlich des 200. Geburtstags von Karl Marx am 5. Mai 2018 fragt die neue LuXemburg-Ausgabe (2–3/2017) »Marxte noch mal?!«. Im Jubiläumsjahr wird gemeinsam reflektiert, wie sich heute an das Marx’sche Werk anschließen lässt. t

ArTik Freiburg Beginn: 19 Uhr

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iz3w Magazin # 365  

Gestaltung: Büro MAGENTA Freiburg // iz3w – Zeitschrift zwischen Nord und Süd // Auszug aus der Ausgabe 365 »Pressefreiheit – nicht überall...

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