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Dschihadismus – ihr habt den Tod, wir haben das Leben

iz3w t informationszentrum 3. welt

AuĂ&#x;erdem t Diktatur in Thailand t Kuhschutzbewegung in Indien t Abgesang auf den Freihandel

Jan./Feb. 2017 Ausgabe q 358 Einzelheft 6 5,30 Abo 6 31,80


In dies er Aus gabe

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Foto: Tammam Azzam

Schwerpunkt: Dschihadismus 21 22

Editorial Kalif oder Ayatollah Der Kampf der Dschihadisten um die Vorherrschaft von Jörn Schulz

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Editorial

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Politik und Ökonomie 4

Kapitalismus I: Die Wirtschafts-NATO

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Kapitalismus II: Wenn Konzerne klagen können

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Indien: Kuhschutz vor Menschenrecht

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Energiepolitik: Autozentrierte Fehlentwicklung Namibias Regierung setzt auf fragwürdige fossile Energieprojekte von Sören Scholvin

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Gotteskrieger werden wollen Indonesien hat ein wachsendes Problem mit jungen Islamisten von Edith Koesoemawiria

Äthiopien: Festhalten am Kurs Trotz Repression bekommt Äthiopien Entwicklungshilfegelder von Tina Goethe

Die Gewaltunternehmer Wie finanziert sich die somalische Islamisten-Miliz al-Shabaab? von Jutta Bakonyi und Raphaela Kormoll

Der hindunationalistische Kult um die Kuh endet in Gewalt von Hanns Wienold

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Die Apokalypse als Erlösung Endzeitvorstellungen in der englischsprachigen IS-Propaganda von Christoph Panzer

Internationale Wirtschaftsabkommen schränken demokratische Rechte ein von Michael Reckordt

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»Herrschaft mit Gewalt aufzwingen« Interview mit dem Dschihadismus-Experten Jawad Al-Tamimi über den IS und seine Strategien

Freihandelsabkommen sind ein neoimperiales Machtmittel von Tomasz Konicz

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Role Models für den Dschihad Wie Selbstmordanschläge zum Markenzeichen des Islamismus wurden von Christian Stock

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Liebe zur Gewalt Die Rolle von Frauen im Islamischen Staat von Hannah Wettig

Thailand: Wenn Generäle regieren Die Demokratie wurde per Referendum abgeschafft von Frank Arenz

Kultur und Debatte 42

Postkolonialismus: Gut vorbereitet Die Wiener Kolonialpolizei bildete für künftige Kolonien aus von Andreas Brocza und Stefan Brocza

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Rezensionen

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Szene / Tagungen Impressum

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Foto: Indigenous Voices in Asia Mindanao (Philippinen): Indigene protestieren gegen Bergbaukonzerne

Wenn Konzerne klagen können Internationale Wirtschaftsabkommen schränken demokratische Rechte ein Wenn Staaten wie die Philippinen, Ecuador oder Rumänien transnationale Bergbaukonzerne in ökologische und soziale Schranken weisen wollen, haben sie ein Problem: Verschiedene Handels- und Investitionsabkommen ermöglichen den Konzernen, vor nichtstaatlichen Schiedsgerichten gegen unliebsame Auflagen zu klagen und Schadensersatz zu fordern. Entgegen anders lautenden Behauptungen trägt auch CETA zu solcher Lähmung von Umwelt- und Sozialpolitik bei.

von Michael Reckordt Es war eine Überraschung, als der neu gewählte philippinische Präsident Rodrigo Duterte im Juni 2016 der Journalistin und Umweltaktivistin Regina »Gina« Lopez den Vorsitz des Umweltministeriums anbot und sie auch zusagte. Die 62-Jährige ist nach der Ermordung des Radiojournalisten Gerry Ortega im Januar 2011 zu einer der bekanntesten Stimmen gegen den Abbau von Rohstoffen auf der Insel Palawan geworden. Ortega war ein guter Freund von ihr gewesen und hatte regelmäßig lokale Behörden wegen des Abbaus von Nickel und anderen Rohstoffen kritisiert. Nach der Ermordung von Ortega beteiligte sich Lopez, die sich vorher schon für den Umweltschutz eingesetzt hatte, an der Kampagne No to Mining in Palawan. Diese Kampagne hatte im Dezember 2015 über tt

zehn Millionen Unterschriften für den Erhalt des UNESCO-Schutzgebietes und gegen Bergbau auf der Insel gesammelt. Als neue Umweltministerin kündigte sie an, sowohl Bergbau­ lizenzen, die Einhaltung von Umweltbestimmungen sowie das gesamte Bergbaugesetz (Mining Act) auf den Prüfstand zu stellen. Die philippinische Börse reagierte umgehend, der Wert aller börsennotierten Bergbaukonzerne sank am Tag nach ihrer Ernennung um über vier Prozentpunkte, am zweiten Tag um weitere sieben Prozentpunkte. Während sich nach dem Antritt Dutertes im Juni dieses Jahres die allgemeine Menschenrechtssituation gravierend verschlechtert hat – so wurden beispielsweise tausende mutmaßliche DrogenkonsumentInnen und -händlerInnen ermordet – gingen von dem neuen Präsidenten unterschiedliche Signale bezüglich des Rohstoffabbaus aus. Ende Juli machte er deutlich, dass Konzerne, welche die (Umweltschutz-)Regeln nicht befolgen, dafür bestraft werden sollen. Das Land könne auch gut ohne Bergbau überleben, wurde Duterte zitiert.

Gute Absichten bei der Umweltpolitik … Umweltgruppen hoffen nun, dass mit Umweltministerin Gina Lopez zumindest eine andere Rohstoffpolitik umgesetzt werden kann. Die vorherigen Regierungen haben immer nur betont, dass das Land reich an Bodenschätzen sei und sie gewillt seien, diesen tt

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Reichtum auch auszubeuten. Philippinische GeologInnen vermuten, len. Ein seltener Sieg eines Staates gegen einen Bergbaukonzern dass es Bodenschätze mit einem geschätzten Wert von etwa einer – auch wenn CRIPDES darauf verweist, dass El Salvador allein zwölf Millionen für seine Verteidigung benötigte. Billion US-Dollar im Land gibt. Unter neun von dreißig Millionen Hektar der Landesfläche sollen Rohstoffe liegen, davon fünf Millionen Hektar auf Territorien indigener Gemeinschaften. Vor allem … doch die Möglichkeiten sind eingeschränkt Gold, Nickel, Kupfer, Silber, Chromit und Zink werden abgebaut tt Auf den Philippinen hat OceanaGold schon mit dem Abbau des und exportiert. Goldes begonnen, eine Mine ist errichtet. AnwohnerInnen berichDie Abbaupläne werden auf internationaler Ebene sehr kritisch ten von zwei Detonationen pro Tag. Mehrfach war es schon zu beäugt. Es entstanden in den letzten Jahren zwar neue AbbauproProtesten gegen den Abbau und eine mögliche Ausweitung jekte, aber kaum neue Arbeitsplätze, und es findet keine Weiter­gekommen. Im Juni 2016 wurden Straßen und Wege zur Mine verarbeitung im Land statt. Die Philippinen degradieren sich zum blockiert. Selbst der neu gewählte Gouverneur Carlos Padilla wird reinen Rohstofflieferanten für den Weltmarkt. Häufig bleiben nur in einer Pressemitteilung vom Netzwerk Alyansa Tigil Mina mit den zerstrittene Gemeinschaften, zerstörte Landschaften sowie HinterWorten zitiert: »Ich unterstütze Euch und Eure Aktionen gegen den bliebene von Opfern politischer Morde zurück. Abbau. Rechnet damit, wir werden nicht aufhören, Die Green Thumb Coalition und Alyansa Tigil Mina hatten hohe Erbis sie unsere Provinz verlassen haben.« Können die Philippinen überDabei ist allerdings fraglich, ob die Philippinen überwartungen an Gina Lopez als Umweltministerin. Diesen Erwartungen haupt so einfach einem Konzern wie OceanaGold haupt noch einem Konzern die begegnete sie mit viel Elan: »Wir die Lizenz entziehen können. Denn das Land ist in Lizenz entziehen? haben hier seit mehr als hundert ein ganzes Regime von Freihandels- und InvestitiJahren Bergbau (…) und bis heute onsschutzabkommen eingebunden. ­Momentan haben wir nicht ein einziges wieder instandgesetztes Abbaugebiet.« verhandelt es sowohl die Mitgliedschaft zum Trans-Pazifik-PartnerGleich nach ihrer Amtseinführung wurde Personal im Umwelt- und schaftsabkommen (dessen Zustandekommen unter US-Präsident Ressourcenministerium ausgetauscht und alle Abbaulizenzen werTrump allerdings fraglich ist) als auch ein weitreichendes Freihandelsabkommen mit Investitionsschutzkapitel mit der Europäischen den nun einer Überprüfung unterzogen. Dabei wird vor allem die Einhaltung der Umweltauflagen kontrolliert. Aufgrund von etwaigen Union. Laut einer Studie der philippinischen Organisationen Focus on the Global South und Alyansa Tigil Mina haben die Philippinen Verfehlungen wurden allein von Juli bis Oktober 2016 vierzig Minen überprüft und bei zwanzig von ihnen empfohlen, ihre Lizenz ausschon jetzt mehr als dreißig bilaterale Investitionsschutzabkommen (BITs = Bilateral Investment Treaties) unterzeichnet. Dazu kommen zusetzen und sie still zu legen. Besonders betroffen ist der Nickelsektor. Hier sollen allein neun Minen geschlossen werden. Das hatte direkte Auswirkung auf den globalen Nickelpreis, der von 8.500 auf über 10.500 US-Dollar pro Tonne anstieg. Auch die lokal stark umstrittene Goldmine von OceanaGold befindet sich auf der Liste der Schließungsvorschläge – eine Mine genau jenes Konzerns, der im Oktober 2016 eine Klage vor dem Internationalen Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten der Weltbank (ICSID) verloren hat. 2009 hatte das kanadische Vorgängerunternehmen Pacific Rim diese Klage gegen El Salvador eingereicht. Der Konzern wollte 250 Millionen US-Dollar Schadensersatz einklagen. Grundlage war dafür zunächst das Freihandelsabkommen CAFTA, später berief sich Pacific Rim auf das salvadorianische Investitionsgesetz. Aufgrund von zivilgesellschaftlichem Druck hatte die Regierung dem Unternehmen nach einer Explorationsphase die Abbaulizenz verweigert. Als Begründung wurde die Missachtung von Umweltauflagen genannt. Die lokale Bevölkerung und zivilgesellschaftliche Organisationen hatten immer wieder auf die Risiken des offenen Goldbergbaus hingewiesen. Vor allem die Nutzung der hochgiftigen, umweltbelastenden Zyanidlaugung hatten sie kritisiert. »Das Unternehmen hat irreversible Schäden in den Gemeinden verursacht«, lautet das offizielle Statement des Nationalen Runden Tisches gegen den Bergbau. »Das geplante Projekt hat bereits zu sozialen Konflikten und der Verfolgung von UmweltaktivistInnen geführt«, sagt Bernardo Belloso von der Organisation CRIPDES, die vor Ort mit den lokalen Gemeinschaften arbeitet. 2009 wurden drei GegnerInnen des Bergbauprojekts unter ungeklärten Umständen ermordet. Nach sieben Jahren Prozess gegen El Salvador bekommt OceanaGold nun nicht den erhofften Schadensersatz für Zum »Goldstandard« gehört auf den Philippinen auch Kinderarbeit. entgangene Gewinne, sondern muss sogar acht Millionen USDollar Prozesskosten an die salvadorianische Regierung zurückzahiz3w • Januar / Februar 2017 q 358


Kapitalismus sieben weitere Handelsabkommen mit Investitionsschutzkapiteln. In diesen Abkommen wird ausländischen Investoren zugestanden, nationale Gerichte zu umgehen. So werden soziale oder umweltschützende Gesetzgebungen der Philippinen vor einem interna­ tionalen Investitionsschiedsgericht verhandelt, das allein wirtschaftliche Parameter zur Entscheidungsfindung heranzieht. Relevant für die Bergbauindustrie auf den Philippinen sind vor allem die Abkommen mit Australien, China, Japan, Kanada, Malaysia, Südkorea und dem Vereinigten Königreich. Aus all diesen Ländern sind Konzerne in den Philippinen aktiv. OceanaGold könnte sich als in Kanada und Australien registriertes Unternehmen sogar das Investitionsschutzabkommen aussuchen, in welchem es bei einer Klage bessere Gewinnchancen hätte. Ob dieses noch nicht öffentlich geäußerte Drohpotential den möglichen Lizenzentzug der philippinischen Regierung beeinflusst, darüber kann derzeit nur spekuliert werden. Im Rahmen des Möglichen liegt eine solche Klage jedenfalls.

Kater in Rumänien Nicht nur Länder des Globalen Südens werden unter diesem Investitionsschutz-Regime verklagt. Beispiel Rumänien: Es war die größte soziale Bewegung seit dem Ende der Ceauçescu-Diktatur, die als »Save Rosia Montana«-Bündnis in den Straßen von Bukarest und anderen Städten demonstrierte. Ihr Ziel: Der kanadische Bergbaukonzern Gabriel Resources solle sein Projekt aufgeben. Gabriel Resources plant seit Ende der 1990er Jahre, 300 Tonnen Gold und 1.500 Tonnen Silber im offenen Tagebau mithilfe von toxischen Substanzen wie Zyanid zu gewinnen. 2.000 Menschen sollten tt

umgesiedelt und ein ganzes Tal mit historischen Kulturstätten aus der Römerzeit zerstört werden. Dem Protest dagegen, der zum Teil mehrere zehntausend Menschen auf die Straßen brachte, musste die rumänische Regierung Anfang 2014 nachgeben. Das Parlament erließ ein Gesetz gegen das umstrittene Bergbauprojekt. Die soziale Bewegung hatte einen historischen Sieg errungen, die Sektkorken knallten. Doch wie so häufig folgt auf die Feier der Kater. Wenige Monate nach der demokratischen Entscheidung, dem Konzern die Konzession zu entziehen, schickte Gabriel Resources eine offizielle Protestnote an die Regierung. Da der Streit nicht beigelegt werden konnte, reichte der Konzern im Juli 2015 Klage gegen die Enteignung beim ICSID (International Center for Settlement of Investment Disputes) der Weltbank ein. Der genaue Streitwert ist unbekannt, Gabriel Resources gibt an, bis heute 650 Millionen US-Dollar investiert zu haben, hinzu kämen die erwarteten Gewinne aus dem Gold- und Silberverkauf. Der Konzern hat bisher verlautbaren lassen, vier Milliarden US-Dollar einzufordern. Eine Menge Geld für einen Konzern, der noch nie zuvor ein Abbauprojekt in irgendeinem Land der Welt durchgeführt hat. Der Ausgang des Falles ist offen. Eines steht nur fest: Sowohl das Unternehmen als auch die rumänische Regierung verzichten auf Transparenz und werden hinter verschlossenen Türen verhandeln. Nicht einmal die Klageschrift wurde bisher veröffentlicht. Die lokalen und regionalen Protestbewegungen gegen den Abbau von Rohstoffen, egal ob in El Salvador, Rumänien, den Philippinen oder in Zukunft in der Lausitz, stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Gegen Menschenrechtsverletzungen oder Umweltzerstörung bleiben ihnen nur nationale Klagewege. In vielen Staaten der Welt sind die Gerichte aber überlastet und kaum in der Lage, den Missstand zu beseitigen. Die Beweisführung ist schwer und kostspielig. Unternehmen hingegen können sich durch Verlagerung ihres Sitzes sogar ganz der lokalen Gerichtsbarkeit entziehen, wie das Beispiel Chevron in Ecuador zeigt. Dort hatte der US-Konzern Texaco zwei Millionen Hektar Regenwald durch die Ölgewinnung von 1964 bis 1992 zerstört. Der Rechtsnachfolger Chevron hatte eine Wiedergutmachung verweigert. Stattdessen verklagte Chevron Ecuador wegen Verstoßes gegen das Investitionsabkommen zwischen den USA und Ecuador und gewann vor einem Schiedsgericht im niederländischen Den Haag. Offiziell muss nun Ecuador dem Konzern 96 Millionen US-Dollar Schadensersatz plus Zinsen zahlen, statt dass der Konzern die Ökokatastrophe beseitigen muss. Insgesamt nehmen die Klagen von so genannten Investoren gegen Staaten vor Investitionsschiedsgerichten zu. Viele Kläger sind Rohstoffkonzerne. Sie verlangen Schadensersatz für entgangene Gewinnerwartungen oder die Rücknahme von Lizenzen, auch wenn diese aufgrund nationaler Rechtsprechung oder politischer Entscheidungen von demokratisch gewählten Regierungen geschehen, die sich für den Schutz von Menschenrechten und der Umwelt aussprechen.

Sondergerichtsbarkeit durch CETA Anstatt den Menschen vor Ort Unterstützung oder zumindest Schutz und politischen Protestraum zu gewähren, wird auf dem internationalen Parkett eher die Ausweitung dieser Konzernklagerechte diskutiert. Ein Beispiel dafür ist das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Kanada, genannt CETA (Comprehensive Economic Trade Agreement). Seit Jahren weist die europäische und tt

Foto: L. Price

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kanadische Zivilgesellschaft auf die Risiken hin, vor allem wenn und den Philippinen. Bisherige Leaks der Entwürfe für ein EUkanadischen Bergbaukonzernen mit diesen Klagemöglichkeiten Handelsabkommen mit den Philippinen zeigen zum Teil identische eine scharfe Waffe in die Hand gedrückt wird, die sie gegen Staaten Formulierungen wie in CETA. wie Rumänien zu nutzen wissen werden. Zwar gab es Verbesserungen durch die jüngsten Proteste in den europäischen HauptInteressen der deutschen Industrie städten – ein wenig mehr Transparenz hier, ein bisschen staatliche tt Die EU-Kommission hat allerdings die volle Unterstützung der Kontrolle bei der Ernennung von StreitschlichterInnen dort – doch an der grundsätzlichen Kritik, dass hier einem ökonomischen Akteur Industrieverbände. Diese fordern, wenig überraschend, den Ausbau eine Sondergerichtsbarkeit eingeräumt wird, hat sich nichts ge­ der Investitionsschutzgerichtsbarkeit. Anstatt sich mit ihrer eigenen ändert. Rolle und Mitverantwortung entlang der Wertschöpfungskette bei Somit stellen sich folgende Fragen: Warum braucht es überhaupt Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen beim Abbau Sondergerichte für ausländische Investoren? Wieso werden diese und Handel mit Rohstoffen auseinanderzusetzen und Wiedergutausländischen Investoren gegenüber nationalen bevorzugt behanmachungen zu leisten, ist der rohstoffpolitische Diskurs der deutdelt? Warum übergeben Staaten einen Teil der Judikative an exterschen Industrie immer noch einzig und allein auf Versorgungssicherheit ausgerichtet. Für die deutsche Industrie sind Proteste ne Schiedsgerichte? Warum dürfen diese über die Rechtmäßigkeit von Umwelt- und Sozialgesetzen aufgrund von schwammigen gegen Projekte und Schließungen von Minen durch hohe UmweltKlauseln in Investorschutzabkommen und ohne Einbezug der jeund Sozialauflagen kontraproduktiv, weil sie unter anderem die Preise für die benötigten Grundstoffe erhöhen können. Auf dem weiligen Gesetze und Verfassungen richten? Warum gibt es solche Gerichte nicht für Arbeitsrechte, Menschenrechtsverletzungen und BDI-Rohstoffkongress im Juli 2016 sprach der damalige VorsitzenUmweltschäden? de des BDI, Ulrich Grillo, davon, dass die Regierung »das Thema Rohstoffsicherheit wieder auf die politische Agenda setzen und sich Durch CETA und das noch nicht endgültig ad acta gelegte TTIP (Transatlantic Trade and Investment Partnership) ist zudem mit aktiv für den Abbau staatlicher Handelsbeschränkungen auf Roheiner Ausweitung der internationalen Klagen zu rechnen. Unter die stoffe einsetzen [muss]. In der nationalen Rohstoffstrategie muss beiden Handelsregime würden 80 Prozent der weltweiten Investidie Versorgung der deutschen Industrie mit Primärrohstoffen wieder stärker in den Vordergrund rücken.« Daher unterstützt der BDI tionsströme fallen. Denn trotz aller Nachverhandlungen und prozessualen Verbesserungen hat sich an dem auch die Abkommen CETA und TTIP. Hauptproblem nichts geändert: Konzerne Statt jedoch die Handelspolitik weiter auf KonDas Investitionsschutzkapitel können sich weiterhin auf schwammige zerninteressen auszurichten, fordern Organisationen der deutschen Zivilgesellschaft, die und undefinierte Rechtsbegriffe stützen. in CETA ist eine Blaupause für »Faire und billige Behandlung« ist genaudeutsche Rohstoff- und die europäische Hanandere Abkommen so wie der häufig verwendete Terminus delspolitik grundsätzlich zu reformieren. Die Bundesregierung soll sich dafür einsetzen, dass »willkürlich« eine Auslegungssache. Diekünftig vor Verhandlungsbeginn zu Handels- und Investitionsschutzse Auslegung wird nicht von staatlichen Gerichten getroffen, sondern von den Schiedsgerichten. Dabei haben die SchiedsrichterInabkommen menschenrechtliche Folgenabschätzungen durchgeführt nen ein ökonomisches Interesse daran, dass Verhandlungen lange und deren Empfehlungen in den Verhandlungsmandaten berückdauern – sie erhalten Tagessätze – und dass es weitere Klagen gibt, sichtigt werden. Menschenrechtliche Ausnahme- und Revisionsdenn sie werden nur bezahlt, wenn sie konsultiert werden. klauseln müssen zudem garantieren, dass Handelsabkommen nicht die Spielräume von Staaten einschränken, um Menschenrechte zu Zudem ist das Klagerecht einseitig. Nur Staaten können weiterschützen. Dazu muss auch die Entscheidungsfreiheit zählen, in hin beklagt werden. Die Mehrheit der Prozesse wird laut aktuellen Studien von den Unternehmen gewonnen, die Handels- & EntZukunft (bestimmte) Rohstoffe nicht mehr abzubauen. Auch muss wicklungskonferenz der UN (UNCTAD) geht von 60 Prozent der die Möglichkeit erhalten werden, durch Exportzölle wichtige EinFälle aus. Ein überschaubares Risiko für Unternehmen, die sich nahmen zu generieren oder Exportmengen zu regulieren. Zudem mittlerweile sogar gegen eine Niederlage vor einem Schiedsgericht sollten Investoren keine Sonderbehandlung bekommen und Klauversichern können. Konzerne sind somit die einzigen, die in diesem seln des Investor-State-Dispute-Settlement (ISDS) aus den HandelsProzess gewinnen können. Staaten verlieren auf jeden Fall, entweund Investitionsabkommen ersatzlos gestrichen und auch nicht der den ganzen Prozess oder zumindest die Prozesskosten zur durch ein Schiedsgericht-ähnliches Investment-Court-System (ICS) Verteidigung. Selbst die können, wie Corporate Europe Observaersetzt werden. tory am Beispiel der Klage von Fraport gegen die Philippinen gezeigt Demokratisch gewählte Regierungen kündigen es im Wahlkampf hat, bis zu 58 Millionen Euro kosten. In den Philippinen hätte man wenigstens an oder gestehen aufgrund zivilgesellschaftlicher Promit dem Geld ein Jahr lang 12.500 LehrerInnen bezahlen können. teste zu, dass sie den Bergbausektor aus ökologischen oder menEU-Handelskommissarin Cecilia Malmström spricht dennoch schenrechtlichen Gründen regulieren wollen. Doch nur mit einem davon, dass mit CETA nun ein »Gold-Standard« im Freihandel erEnde des Investitionsschutzregimes, wie es sich heute darstellt oder wie es durch das ICS ausgeweitet würde, bekommen die Staaten reicht sei. Dieser Vergleich mag zutreffen, wenn man sich die kaauch den Spielraum dafür. tastrophalen sozialen und ökologischen Auswirkungen des globalen Goldabbaus ansieht, stimmt aber nicht, wenn man mit Gold etwas Positives assoziiert. Denn wenn es darum geht, Umweltschutz, ArbeiterInnenrechte und soziale Standards zu sichern, ist CETA eine tt Michael Reckordt ist Koordinator des AK Rohstoffe bei Katastrophe, weil es beispielsweise Klagen von Bergbaukonzernen ­PowerShift, einem zivilgesellschaftlichen Bündnis aus Menschenermöglicht. Dennoch wird das Investitionsschutzkapitel in CETA rechts-, Umwelt- und Entwicklungsorganisationen. Eine längere die Blaupause für andere Abkommen sein, wie jene mit Indonesien Fassung dieses Textes steht auf www.iz3w.org. iz3w • Januar / Februar 2017 q 358


Editor ia l

Dschihadismus In den vergangenen drei Jahren vollzogen sich drei dramatische Entwicklungen des Dschihadismus. Die erste einschneidende Veränderung waren die großen territorialen Gewinne des selbst ernannten »Islamischen Staates« in Irak und Syrien. Die politische Errichtung eines Kalifats und die Durchsetzung rigider salafistischer Verhaltensvorschriften wurden ab 2014 zur Realität für Millionen Menschen. Die zweite große Veränderung bestand im Ausgreifen dschihadistischer Bewegungen in über zwanzig Länder in Afrika, Asien und im Mittleren Osten. In Nigeria beispielsweise konnte Boko Haram ganze Regionen zumindest zeitweise unter ihre Kontrolle bringen; hunderttausenden Geflüchteten im Nordosten droht derzeit eine Hungersnot. Die dritte massive Veränderung besteht in der großen Faszination, die der Dschihadismus inzwischen auch auf zigtausende junge Menschen in Europa ausübt. Einige von ihnen schließen sich nicht nur in Syrien und Irak dem IS an, sondern begehen auch in Europa Anschläge.

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as sind eigentlich Islamismus, Salafismus und Dschihadismus? In Übereinstimmung mit dem Gros der Fachleute verstehen wir unter Islamismus spezifische politische Formen der Auslegung des Islam. Sie zielen ab auf die Verwirklichung von Staaten und Gesellschaftsordnungen, in denen rigide islamische Normen als Grundlage allen öffentlichen und privaten Handelns durchgesetzt werden. Salafismus bezeichnet jene fundamentalistische Strömung, die zum ursprünglichen Islam zurück will (arab. Salaf: Vorfahr, Ahn) und die alle angeblich ‚verwestlichten’ Formen islamischer Religionsausübung ablehnt. Nicht alle Salafisten sind auch Islamisten, aber viele streben über private Lebensentwürfe hinaus ebenfalls einen politischen Umsturz an. Dschihadisten sind jene gewaltbereiten Muslime, die ihre islamistischen und salafistischen Vorstellungen im Rahmen eines bewaffneten Dschihads (arab. Bemühung, Einsatz, Kampf) verwirklichen wollen. Was macht nun die Attraktivität des Dschihadismus für so viele angry young men (und einige angry women) aus? Sie liegt in der Vorstellung, einer Avantgarde anzugehören, die eine ultimative Gesellschaftsveränderung will. Sie besteht im antiwestlichen Ressentiment, das sich bevorzugt, aber nicht nur gegen die USA und Israel richtet, und die in den damit assoziierten freien Lebensentwürfen etwa hinsichtlich sexueller Orientierung nur zersetzende Dekadenz am Werke sieht. Und sie besteht im entschlossenen Antisemitismus, der allen dschihadistischen Strömungen gemein ist und der zu einer Art Überbietungswettbewerb führte: Dem IS wird bisweilen von anderen Dschihadisten vorgeworfen, er vernachlässige den Kampf gegen die »Zionisten« zugunsten eigener territorialer Ansprüche.

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ssentialistische Deutungen über das Wesen des Islam helfen bei der kritischen Analyse des Dschihadismus nicht weiter; mit dem Koran lässt sich alles und das Gegenteil davon belegen. Islam ist materialistisch betrachtet die Summe dessen, was weltweit 1,6 Milliarden MuslimInnen aus ‚ihrer’ Religion machen – und das umfasst äußerst unterschiedliche Lebensentwürfe, politische Überzeugungen und konkrete Handlungen. Leider beinhaltet dieser Befund, dass gerade im Nahen Osten allzu viele Gläubige mit Verweis auf die große innere Pluralität des Islams allzu indifferent sind, wenn es darum geht, das im Namen eben dieser Religion geschehende dschihadistische Morden zu ächten. Insbesondere die konservativen Gelehrten an den großen islamischen Universitäten halten sich mit wenigen Ausnahmen bedeckt, wenn es darum geht, die Opfer des Dschihadismus in Schutz zu nehmen. Demokratisch gesinnte, liberale MuslimInnen pochen demgegenüber auf die Universalität der Menschenrechte – auch im Falle des Dschihadismus

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eil das dschihadistische Morden keineswegs die Vollstreckung vermeintlich islamischer Glaubenssätze, sondern in erster Linie Morden ist, besteht ein konsequentes Vorgehen gegen Dschihadismus nicht in einem Kulturkampf gegen ‚den’ Islam, wie es uns jene AbendländlerInnen weismachen wollen, die in den trüben Gewässern des kulturalistischen Rassismus fischen. Sondern es besteht im Kampf gegen die fundamentale Missachtung jeglicher Menschenrechte seitens des Dschihadismus. Dieser Kampf ist vor allem einer um die Köpfe, um das Denken der Menschen. Wird dieser Kampf in erster Linie militärisch geführt, ist er zum Scheitern verurteilt, wie die Lage in Afghanistan und Irak verdeutlicht. Die Fortsetzung des »Krieges gegen den Terror« in der bisherigen Weise wird ihren Teil dazu beitragen, dass fortwährend neue Generationen von Dschihadisten die angebliche Demütigung der muslimischen Welt rächen wollen. »Ihr liebt das Leben, wir den Tod«, lautet einer der Wahlsprüche von Dschihadisten. Genau daran lässt sich bei gefährdeten jungen Menschen mit einer positiven Botschaft ansetzen: Spaßhaben ist doch viel attraktiver als apokalyptische Beklemmungen! Gegen das Musik- und Tanzverbot der Dschihadisten setzen wir auf Partys und coole Musik. Das Leben ist auf vielfältige Weise schön, wir genießen es. Wir tun alles dafür, dass alle Menschen auf der Welt ein gutes Leben führen können, und wir bemitleiden die armen Seelen, die es zerstören wollen.

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die redaktion

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PropagandaVideo der Hamas Quelle: YouTube

Role Models für den Dschihad Wie Selbstmordanschläge zum Markenzeichen des Islamismus wurden Ableger der 1968er-Bewegung war. Sie hatten sich dem antiimperialistischen Kampf verschrieben, zunächst gegen den Vietnamkrieg und die USA, dann gegen Israel. Ihre Parteinahme für die PalästinenserInnen ließ sie Kontakt aufnehmen zur Popular Front for the Liberation of Palestine (PFLP), eine jener marxistisch-leninistischen Gruppen, die mit Anschlägen und Flugzeugentführungen einen Krieg gegen die verhassten »Zionisten« führten. Auch wenn der Anschlag in Lod von JapanerInnen ausgeführt wurde, die mit der Verherrlichung von Kamikazeangriffen sozialisiert von Christian Stock worden waren und die nicht davor zurückschreckten, ihr eigenes Leben für das große Ziel der Weltrevolution zu opfern, so lag die tt 30. Mai 1972: Das Inferno am Flughafen im israelischen Lod konkrete Planung beim PFLP-Führer Wadi Haddad, einem der beginnt vollkommen überraschend. Drei JapanerInnen, zwei Mänprofessionellen Drahtzieher des palästinensischen Terrorismus. Vor ner und eine Frau, holen Maschinengewehre aus ihren Koffern und Lod hatten palästinensische Gruppen zwar massiv Gewalt angeschießen wahllos alle Menschen in ihrer Reichwendet, aber nie bewusst den Tod ihrer weite nieder. 26 Menschen sterben, darunter 17 Fedayin (arabisch: der sich Opfernden) Das Internetmagazin der christliche Pilger aus Puerto Rico und acht Israelis. einkalkuliert. Das Angebot der JapaniHamas bringt bereits Kindern schen Roten Armee kam gerade recht: Sicherheitskräfte erschießen die Attentäterin Yasuiki Yashuda, ihr Genosse Takashi Okudaira tötet Mit dem Anschlag wurde eine neue Esden Märtyrertod nahe sich mit einer Handgranate selbst. Der auf das kalationsstufe im Krieg gegen Israel erRollfeld geflüchtete 24-jährige Kozo Okamoto will reicht. ebenfalls mit einer Handgranate ein Flugzeug und sich selbst in die Aufgrund des Suizidverbots im Islam wäre vorstellbar gewesen, Luft jagen. Israelische Polizisten vereiteln dies und nehmen ihn fest dass die große Mehrheit der PalästinenserInnen den Anschlag von – sehr zu seinem Bedauern, denn er wäre lieber gestorben, wie er Lod verurteilt. Doch die drei AttentäterInnen wurden in weiten Teilen der arabischen Welt als HeldInnen gefeiert: Sie hätten ein später aussagte. loderndes Zeichen gegen das Unrecht der israelischen Besetzung Der Anschlag von Lod war das erste Attentat im Nahen Osten gesetzt und ihr Leben für eine Sache geopfert, die nicht direkt ihre und des modernen Terrorismus überhaupt, das als Selbstmordanschlag geplant war. Verübt wurde es von drei Angehörigen der eigene war. Die Konterfeis der drei AttentäterInnen prangten auf Japanischen Roten Armee, die ähnlich wie die RAF ein militanter t tausenden Ruhmesplakaten.

Dschihadistische Selbstmordanschläge wurden im Westen erst verstärkt zur Kenntnis genommen, seit sie auch in den USA und Europa verübt werden. Im Israel-Palästina-Konflikt sind sie schon seit über vier Jahrzehnten Alltag. Eine Spurensuche fördert zutage, dass heutige Dschihadisten auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen können. Was waren die wesent­ lichen Momente bei der Etablierung von Selbstmordanschlägen?

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Langjährig eingeübte Gewalt

Märtyrertod im Heiligen Krieg Eine wichtige Grundlage der palästinensischen Selbstmord­ attentate war jener Märtyrerkult, der sich schon lange vor den Anschlägen der 1970er Jahre herausgebildet hatte. Ein Schlüssel­ ereignis dafür war die Beisetzung des palästinensisch-nationalistischen Islamisten und Dschihadisten Iss ad-Din al-Qassam im Jahr 1935 gewesen. Sein Wahlspruch beim Kampf gegen die britische Mandatsregierung und jüdische SiedlerInnen hatte gelautet: »Dies ist der Heilige Krieg. Entweder Sieg oder Märtyrertod.« Nicht von ungefähr ist der militärische Arm der Hamas, der auch Selbstmord­ attentate ausführt, nach ihm benannt, ebenso wie die seit 2001 gegen Israel abgefeuerten Qassam-Bodenraketen. Unter Rekurs auf al-Qassams Beerdigung ist es Brauch der Hamas und anderer DschihadistInnen geworden, die zu MärtyrerInnen gewordenen gefallenen Gotteskrieger in großen Prozessionen zu Grabe zu tragen, die zugleich politische Demonstrationen sind. tt

Der Selbstmordanschlag von Lod war die Initialzündung dafür, dass diese Form der entgrenzten politischen Gewalt im Laufe der vergangenen 44 Jahre zum Markenzeichen des Dschihadismus wurde. Um von antiimperialistischen zu islamistischen Begründungen zu gelangen, waren nur einige wenige Schritte notwendig. Vieles von den Aktionsformen, ideologischen Argumentationsfiguren und medialen Selbstdarstellungen, die heute die Selbstmordanschläge des »Islamischen Staates« und anderer DschihadistInnen ausmachen, ist bereits in früheren Jahrzehnten von säkularen wie islamistischen Terrorgruppen vorweggenommen und eingeübt worden – weshalb eine historische Spurensuche zur Genese erhellend ist. Nach dem Dammbruch von Lod verübten in den 1970er Jahren mehrere palästinensische Gruppen aus eigenen Kräften Anschläge, bei denen der Tod der Attentäter von vornherein zumindest einkalkuliert war, wenn nicht sogar explizit geplant.1 Für die PFLP-GC (Popular Front for the Liberation of Palestine – General Command, eine Abspaltung der PFLP) richteten im April 1974 drei Männer ein Blutbad an, indem sie wahllos ZivilistInnen im israelischen Ort Kirjat Kozo Okamoto und eine japanische Genossin kurz vor dem Anschlag von Lod Schmona niederschossen, bevor sie selbst durch den mitgebrachten Sprengstoff starben. Der Chef der PFLP-GC, Ahmad Schibril, rühmte sich damit, dies sei der erste von Von der Fatah und ihren Untergruppen wurde al-Qassams auf Palästinensern verübte Selbstmordanschlag gewesen. Koranverse aufbauender Aufruf zum Martyrium zunächst auf eine Im Juni 1974 verübte ein Kommando der PFLP-GC im Kibbuz Schamir ein Selbstmordattentat. Die konkurrierende marxistischsäkulare Ebene gehoben. Benutzt wurden dazu Begriffe wie »Releninistische PDFLP (Democratic Front for the Liberation of Palestivolutionär« oder »Fedayin« (arabisch: der sich Opfernde), religiöse Termini wie »Schahid« (Märtyrer) und »Istischad« (Märtyrertod) ne) ließ im Mai 1974 in Maalot drei Attentäter eine ganze Schulklasse in ihre Gewalt bringen, bevor sie sich selbst und einige Geiseln wurden jedoch beibehalten. Die Fatah schrieb es sich auf die töteten. Hintergrund der Strategie, sich gegenseitig übertrumpfen Fahnen, die palästinensische Jugend zu Märty­rerInnen für die palästinensische Sache zu erziehen. Die Palästinenzu wollen, waren die Rivalitäten zwischen serInnen seien ein heiliges Volk, die einen heiligen diesen Gruppen. Der Anspruch, die einziGotteskrieger gelten als Krieg führten, wurde in den von der Fatah kontrolgen rechtmäßigen Kämpfer für die paläs»Musterbeispiel für lierten Schulen der Flüchtlingslager gelehrt. Insgetinensische Sache zu sein, setzte eine Eskalationsdynamik in Gang, die in ähnlicher Aufopfer­ungsbereitschaft« samt wurden 14 Trainingslager für MärtyrerInnen Form heute bei dschihadistischen Gruppen eingerichtet, in denen teilweise Kinder ab neun Jahin Irak und Syrien zu beobachten ist. ren ausgebildet wurden. Ihr Einsatz erfolgte beispielsEin weiteres Moment beim Wettstreit palästinensischer Gruppen weise im Libanonkrieg 1982, wo 12-jährige Jungen die israelische um das opferreichste Selbstmordattentat war, die Schmähkritik des Armee mit Panzerfäusten angriffen, nicht selten mit Todesfolge. libyschen Staatspräsidenten Muammar Gaddafi Lügen zu strafen. Eine weitere wichtige Etappe bei der Verbreitung von SelbstEr hatte anlässlich des Attentats von Lod mehr Mut und Aufopfemordattentaten war der Libanon. Im Rahmen des Bürgerkrieges tt

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rungsgeist von den PalästinenserInnen gefordert und ihnen vorgeworfen: »Man sieht sie alle Bücher schreiben und Zeitschriften mit ihren Theorien füllen, ansonsten aber sind sie nicht imstande, auch nur eine tollkühne Operation wie die der Japaner auszuführen.«

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Foto: iz3w-Archiv

Im Rahmen eines Gefangenenaustausches ließ Israel Okamoto nach 13 Jahren Haft frei. Er tauchte in Libyen unter, um dann 1997 von der libanesischen Regierung politisches Asyl zu erhalten. Bis heute lebt Okamoto trotz eines japanischen Auslieferungsersuchens unbehelligt in einem Vorort von Beirut. Wie einige andere Antiimperialisten aus dem Globalen Norden ist auch er zum Islam konvertiert. Auf der Straße wird er von PassantInnen freundlich gegrüßt, im Wissen, wer er ist. Insbesondere PalästinenserInnen verehren ihn als Helden, wie beispielsweise in Rabih El-Amines Dokumentarfilm »Ahmad the Japanese« zu sehen ist. Im Mai 2016 postete die palästinensische Fatah auf ihrer Facebookseite anlässlich des Jahrestages: »Tausend Grüße an den japanischen Kämpfer und Genossen Kozo Okamoto, dem Helden der Operation am Flughafen von Lod«. Der Medienbeauftragte der Fatah, Munir Jaghob, schrieb über ihn: »Wir sind stolz auf all die Leute, die für die palästinensische Sache arbeiten.«


Dschihadismus ab 1975 und der israelischen Besatzung (1982-85) wurden Selbstmordanschläge zu »einem regelrechten Kult« (Croitoru), auch wegen innerlibanesischer Kämpfe um Hegemonie insbesondere zwischen der eng mit Iran verbundenen Hisbollah und prosyrischer Kräfte wie der Amal-Miliz. Da von den Attentätern keine Grenzen zu überwinden waren, konnten die Sprengstoffmengen wesentlich größer sein. Daher wurden nun als Novum erstmals Autobomben eingesetzt. Das erste Selbstmordattentat der schiitischen Hisbollah wurde am 11. November 1982 vom 15-jährigen Ahmad Qusar in Tyros verübt, er riss fast 90 Menschen mit in den Tod. Die iranische Unterstützung der Hisbollah und die Ausbildung der schiitischen Jugend im Libanon zu Selbstmordattentätern geschahen im Rahmen eines Islamisierungsplanes, der die 1979 im Iran begonnene Islamische Revolution regional ausdehnen sollte.

Das Selbstmordverbot wird umgangen

Quelle: Palwatch

tt Die Ideologen des schiitischen Islamismus standen zunächst vor einem großen Problem: Sie mussten den Einsatz von Kindern und Jugendlichen für Selbstmordattentate aus religiöser Sicht rechtfertigen. Das geschah unter Rekurs auf Ayatollah Khomeinis Stellungnahme zum Einsatz von Kindersoldaten im Iran-Irak-Krieg:

zu schicken, um den zionistischen Feind aus unserm Land zu verjagen. Mit unseren Anschlägen werden wir jeden Ort auf dieser Welt erreichen, schon bald werdet Ihr eine große Überraschung erleben. Wir sind die Soldaten Allahs und lieben den Tod.« Diese Todessehnsucht war flankiert von Jenseitsversprechen. Der von der Amal-Miliz eingesetzte 17-jährige Selbstmordattentäter Bilal Fahs beispielsweise zitierte in seinem Testament die Koran-Sure »Die Sippe Imrans«: »Halte diejenigen, die auf dem Weg Gottes getötet wurden, nicht für tot. Sie sind vielmehr lebendig bei ihrem Herrn, und sie werden versorgt«. All diese Motive finden sich auch in den Vermächtnissen heutiger Dschihadisten. Weitere Innovationen geschahen durch ein Selbstmordattentat am 9. April 1985 gegen einen israelischen Militärkonvoi, das von der säkularen pansyrischen Partei SSNP organisiert worden war: Dabei kam die erste weibliche Todesfahrerin zum Einsatz, die 17-jährige Sanaa Muhaidli. Ihr auf Video aufgezeichnetes Vermächtnis wurde noch am Abend des Anschlags im libanesischen und syrischen Fernsehen ausgestrahlt. Als sie darin ihre Motivation zum Selbstmordattentat beschrieb, benutzte sie zwar hauptsächlich säkulares Vokabular, das aber durchtränkt war vom islamischen Jenseitsglauben und schiitischem Märtyrerkult. Sie wurde im Libanon zur Volksheldin, das Video war eine begehrte Ware, ihr Gesicht prangte auf tausenden Plakaten. Mit dem Video und seiner großen medialen Verbreitung war ein bis heute gültiges Muster der (Selbst-)Inszenierung von Selbstmordattentaten etabliert. Lob für Muhaidli gab es vom syrischen Staatspräsidenten Hafiz al-Assad, der dem »Geist des Martyriums« große Wichtigkeit bescheinigte, sowie vom Generalsekretär der Arabischen Liga, Asch-Schadhli al-Qalibi: Ihr »Märtyrertod« habe der »arabischen Nation zur Ehre gereicht.«

Der berühmteste Selbstmordattentäter

Propaganda-Video der Hamas

Für solche Missionen seien unter 20-Jährige besonders geeignet, da sie noch »rein« seien und nicht von der sündhaften und satanischen Zivilisation des Westens infiziert. Ein weiteres Problem war das im Koran festgelegte islamische Selbstmordverbot (bei Verstößen dagegen erwartet die Sünder laut Koransure 4, Vers 30, das Höllenfeuer). Der Mentor der Hisbollah, Sayyad Muhammad Hussein Fadlallah, schuf aber 1976 in seinem Buch »Logik der Macht im Islam« die theologischen Grundlagen für Selbstmordattentate: Der Glaube verleihe dem islamischen heiligen Krieger das Sendungsbewusstsein und die moralische Kraft, die ihn zur bedingungslosen Selbstaufopferung, zum Istischad (Märtyrertod) befähige – was wiederum das Tor zum Paradies öffne. Die Botschaft der 1983 und 1984 verübten großen Selbstmordanschläge auf US-amerikanische und israelische Einrichtungen im Libanon war eindeutig: Die Feinde des Islam sind nirgendwo mehr sicher. In einem Bekennerschreiben einer Hisbollah-Organisation hieß es: »Wir sind bereit, zweitausend unserer Kämpfer in den Tod

t Ab Ende der 1980er Jahre wurde die Hisbollah zu einer »wahren Märtyrer-Fabrik« (Croitoru), der Nachschub an AttentäterInnen versiegte nie. Im ­Hisbollah-Organ Al-Ahd erschienen dutzende ­Gedenkartikel über ­MärtyrerInnen, es wurden ­Märtyrertage und -wochen v­eranstaltet und ­Märtyrerdenkmäler errichtet. Ein erneuter Höhepunkt wurde am 25. April 1995 erreicht, als Salah Ghnadu, ein Vater mehrerer Kleinkinder, sich mit einer Autobombe in die Luft sprengte. Das Abschiedsvideo beschränkte sich nicht auf das Verlesen des Vermächtnisses, sondern dokumentierte mehrere Stationen des Tathergangs. Erster Schauplatz war das Büro des Hisbollah-Generalsekretärs Hassan Nasrallah, der den Märtyrer segnete. Der Attentäter wurde während der Fahrt zum Anschlagsziel interviewt, Schluss- und Höhepunkt des Videos ist die aus der Entfernung gefilmte Detonation. Durch diese spektakuläre Inszenierung wurde Ghandur über Jahrzehnte zum berühmtesten Selbstmordattentäter der Welt, kein Fernsehbericht über die Hisbollah kam ohne Ausschnitte aus diesem Propagandavideo aus. Ghandur wurde zu einem Role Model, dem bis heute tausende junge DschihadistInnen nacheifern. Nach dem Rückzug Israels aus dem Libanon im Jahr 2000 stellte die Hisbollah ihre Selbstmordanschläge ein. Sie betrachtete den Rückzug als einen Sieg, der wesentlich durch die Selbstmordattentate erzielt wurde. Die GotteskriegerInnen galten als »Musterbeispiel

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Dschihadismus für die Aufopferungsbereitschaft«. Diese Botschaft kam bei der weltweit wachsenden Szene der DschihadistInnen an. Palästinensische Kräfte leiteten Anfang der 1990er Jahre eine große zweite Welle der Selbstmordanschläge ein. Neu war daran die explizite Islamisierung des »Widerstandes«, der bis dato stärker befreiungsnationalistisch und antiimperialistisch kodiert war. Der Niedergang des Realsozialismus und die Renaissance des Religiösen in der Politik führten auch bei den PalästinenserInnen zu einer Umorientierung. Flankiert war dies von einem spezifischen islamistischen Antisemitismus, wie er etwa in der Charta der Hamas formuliert ist. Die Ursprünge des palästinensischen Islamismus liegen bereits in den 1930er Jahren, doch spielte er lange Zeit keine große Rolle. Nach ihrer Gründung 1987 wuchs insbesondere die Hamas schnell zu einem Machtfaktor heran, der vor allem im Gazastreifen dominierte. Brandbeschleunigerin war aber einmal mehr die PFLP-GC, die jeglichen Versuch einer friedlichen Einigung mit Israel – wie die Osloer Verträge von 1994 – konsequent sabotierte. Es brauchte auch beim palästinensischen Dschihadismus einen organisatorischen Kristallisationskern, der unheilvolle Entwicklungen in Gang setzte (für den globalen Dschihadismus übernahmen diese Rolle wenig später Al-Qaida und seit 2011 der IS). Die PFLP-GC verbündete sich mit allen Kräften, die Israel ebenfalls von der Landkarte tilgen wollten, vor allem aber mit Hamas und Islamischem Dschihad. Die Terrorwelle letzterer samt zahlreicher (versuchter) Selbstmordanschläge in Anschluss an die Unterzeichnung der Osloer Erklärung im September 1993 richtete sich vermehrt gegen die israelische Zivilbevölkerung, etwa gegen BusinsassInnen und FußgängerInnen. Verübt wurden Anschläge bevorzugt in zeitlicher Nähe zu israelischen Gedenktagen, insbesondere dem nationalen Gedenktag für den Holocaust. Hierbei ging es nicht nur um maximale Aufmerksamkeit der Medien, sondern auch um psychologische Kriegsführung. Der Plan, die jüdischen Existenzängste zu verstärken, schien aufzugehen, und das Ziel, den Friedensprozess zu unterminieren, wurde erreicht, denn auf die Selbstmordanschläge folgten harsche israelische Reaktionen.

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»Märtyrerhochzeiten« für unverheiratet gestorbene Märtyrer etablierten sich, sie waren eine Mischung aus Trauerfeier, Freudenfest und politischer Manifestation, bezahlt wurden sie von Gruppen wie dem Islamischen Dschihad.

Freibrief zum Mord

Auch bei den sunnitischen islamistischen Palästinensergruppen eilte der terroristische Aktivismus der Zustimmung durch islamische Rechtsgelehrte voraus. Die religiöse Rechtfertigung erfolgte auch in ihrem Falle, etwa durch den ägyptischen Muslimbruder Yussuf al-Quaradhawi, ein in der islamischen Welt hoch angesehener Schriftgelehrter. 1997 erschien (nicht zufälligerweise in Damaskus) das Buch »Die Märtyrertod-Operationen aus der Sicht des Reli­ gionsgesetzes« des HamasMitgliedes Nawaf Hail alTakuri. Es avancierte rasch zum Standardwerk islamistischer Gruppen; die Hamas bot es auf ihrer Webseite zum Download an. Zwei prominente islamistische Prediger rechtfertigten im Vorwort Selbstmordaktionen: Sie seien keine Selbstmorde, sondern die höchste Stufe der Selbstaufopferung im Rahmen eines legitimen islamischen Selbstverteidigungskrieges. Das Suizid­ Reem Saleh al-Riyadi, die erste Selbst­ verbot im Islam komme mordattentäterin der Hamas hier nicht zur Geltung, da Selbstmordaktionen nicht aus Lebensmüdigkeit resultierten, sondern ein Akt der Gottes­ verehrung im Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen sei. Der Vorzug von Selbstmordanschlägen liegt laut al-Takuri darin, dass sie den Feind in Panik versetzten. Die Tötung von ZivilistInnen sei in vielen Ausnahmefällen gerechtfertigt, etwa bei israelischen Indoktrinierung in Moscheen Frauen mit ihrem schädlichen Einfluss auf MuslimInnen. Kinder tt Die Indoktrinierung potenzieller Dschihadisten geschah hauptdürften nicht direkt angegriffen werden, ihr Tod könne aber als sächlich in Moscheen. Zuerst wurden allgemeine Vorträge über den »unerwünschter Nebeneffekt« in Kauf genommen werden. AlTakuris bis heute von DschihadistInnen viel rezipiertes Buch lieferte Islam gehalten, dann über das islamische Martyrium. Als geeignet damit einen Freibrief, gänzlich unbeteiligte Menschen zu ermorden. erscheinende Kandidaten wurden »auserwählt« und Härtetests unterzogen. Wer alle Prüfungen und die technische Ausbildung im Im Rahmen der Al-Aqsa-Intifada wurden Selbstmordanschläge Umgang mit Bomben überstanden hatte, war fortan ein »lebender ab 2002 auch von der Fatah verübt, die die Hoheit im Kampf gegen Märtyrer« (asch-Schahid al-hai). Von ihm wurden Abschiedsfotos Israel beanspruchte. Ihre Selbstmord-Einheit nannte sie »Brigade und -videos angefertigt und er verfasste ein Vermächtder Al-Aqsa-Märtyrer«, womit schon im nis. Über den Einsatzort und den Zeitpunkt entschied Namen alles Säkulare getilgt war. Verstärkt Das Individuum und sein die Führung der dschihadistischen Gruppen. wurde nun das Internet eingesetzt, um Leben zählen wenig, die Die Radikalisierungsstrategie von Hamas et al. MärtyrerInnen und ihren Taten zu huldigen. ging auf. Die palästinensische Öffentlichkeit billigte Insbesondere Hamas und Islamischer DschiGemeinschaft umso mehr had unterhielten frühzeitig aufwändige mehrheitlich die Selbstmordattentate, Kritik wurde Webauftritte. Die Hamas inszenierte Videos, nur selten laut. Der Kampf gegen Israel dominierte in denen Mütter ihre Söhne in ihrem Vorhaben noch bestärkten über alles. Es war bezeichnend, dass PLO-Führer Jassir Arafat nach und andere Mütter aufriefen, es ihnen gleichzutun. 2002 eröffnete seiner Rückkehr aus dem tunesischen Exil 1994 als erstes in Gaza das »Khansa-Institut für Gotteskriegerinnen« ein Chatforum, auf die Familie des »Märtyrers« Hatem as-Sissi besuchte. Der Ausbruch der Al-Aksa-Intifada 2000 führte zum erneuten dem sich Mütter austauschen konnten, wie sie ihre Söhne und teils Wettstreit der verschiedenen palästinensischen Fraktionen um auch Töchter zur Selbstaufopferung erziehen könnten. Dem gleichen Märtyrer. Islamistische Organisationen betrieben inzwischen einen Zweck diente das Internetmagazin Al-Fateh (Der islamische Erobebetont islamischen Märtyerkult, etwa mittels eigener Zeitschriften. rer) der Hamas, das Kindern den Märtyrertod nahe brachte. Hertt

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angeführt an Selbstmordaktionen wurden Kinder auch dadurch, dass sie überall Plakate mit Märtyrern anbringen sollten. Bei Aufmärschen der Hamas wurden selbst kleine Kinder mit Attrappen von Bombengürteln und Maschinengewehren ausstaffiert. Bei der Bereitschaft zum Märtyrertod spielt der Jenseitsglaube eine bedeutende Rolle. Glaube ans ewige Leben im Paradies ist Bestandteil aller Bekennervideos und Testamente, er macht die besondere Stärke von DschihadistInnen aus. Die Furchtlosigkeit vor dem Tod ist eine Wunderwaffe gegen Feinde, die den materiellen Freuden im Diesseits verhaftet und daher von Todesangst beherrscht sind. Die Selbstvernichtung des Selbstmordattentäters ist in dieser Sichtweise ein Sieg, ein Gottestriumph, ein Siegeszug der einzig wahren Religion, die allen anderen Weltordnungen überlegen ist: dem Islam. MärtyrerInnen sind Identifikationsfiguren,

nationalistischen Begründungen hin zu islamistischen nicht allzu weit war. Im einem Fall bedeutete das Selbstmordattentat Aufopferung für die Sache des Volkes, des sozialistischen Kollektivs oder der arabischen Nation, es war Teil des Kampfes gegen den zionistischen und imperialistischen Feind. Im anderen Fall wurden Selbstmordanschläge im Rahmen eines Dschihads gegen ZionistInnen, Kreuzritter und Ungläubige verübt, zugunsten der Umma, der Glaubensgemeinschaft der MuslimInnen. In beiden Fällen zählen das Individuum und sein Leben wenig, die Gemeinschaft und der Tod umso mehr. Auf dem Weg vom Antiimperialismus zum Dschihadismus bedurfte es keiner Veränderung der argumentativen Grundstruktur, sondern nur des Austauschs von einzelnen weltanschaulichen Bezügen, Glaubensätzen und Begründungen. Selbstmordanschläge

Propagandavideos von Hamas und Hisbollah

Quelle: YouTube

sie transzendieren den (ursprünglich säkularen) Kampf gegen den Feind in einen religiös überhöhten Krieg, der mit den MärtyrerInnen zugleich ein menschliches Gesicht bekommt.

Extremste Form von Gesellschaftsveränderung Die weitere Geschichte der dschihadistischen Selbstmordanschläge seit 2001 ist weitgehend bekannt: Ausgehend vom zunächst regionalen Glaubenskrieg im Libanon und in Israel/Palästina erfolgte eine Internationalisierung hin zu einem globalen Heiligen Krieg gegen die »Ungläubigen«. Für eine islamische Weltrevolu­tion zugunsten eines Kalifatsstaates war nur ein weiterer Radikalisierungsschritt nötig. Erfahrungen mit Selbstmordanschlägen einschließlich des Einsatzes von Flugzeugen waren reichlich vorhanden. Das Al-Quaida-Netzwerk konnte auf das Wissen zahlreicher Organisationen zurückgreifen, die den Weg bereitet hatten. Der Kern der Kaderschicht bestand aus ehemaligen Mitgliedern der PFLP-GC, der Hisbollah und der Fatah. Zu Recht können DschihadistInnen sich damit brüsten, mittels Selbstmordanschlägen die denkbar extremste Form von Gesellschaftsveränderung zu praktizieren. Genau darin dürfte die besondere Faszination für Jugendliche und junge Erwachsene liegen, die bereit sind, ihr Leben und das anderer zu opfern zugunsten des einen großen Ziels: Der islamischen Weltrevolution, mit der alle bisherigen Demütigungen überwunden werden. Die Geschichte des Selbstmordattentats im Nahen Osten verdeutlicht, dass der Weg von antiimperialistischen und arabischtt

gelten beiden als gerechter Krieg gegen westliche Usurpatoren und deren Kollaborateure, in dem fast alle Mittel gerechtfertigt sind. Es verwundert daher nicht, dass einige ProtagonistInnen, die sich noch in den 1970er Jahren eines säkularen und antiimperialistischen Vokabulars bemächtigten, ab den 1980er Jahren zu islamischen Glaubenskriegern konvertierten. Die Geschichte des japanischen Rotarmisten Okamoto ist so gesehen kein absurder Einzelfall, sondern prototypisch.

Anmerkung 1 Die folgende Darstellung beruht hinsichtlich historischer Fakten weitgehend

auf Joseph Croitorus detailreicher Studie (2015). Sie folgt ihm aber nicht bei politischen Einschätzungen; insbesondere was Schuldzuweisungen an die israelische Besatzungspolitik und die Ausblendung des islamistischen Antisemitismus angeht.

Literatur –– Mia Bloom (2005): Dying to Kill: The Allure of Suicide Terror. New York –– Joseph Croitoru (2015): Der Märtyrer als Waffe. Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats. 2. Auflage, München/Wien –– ders. (2007): Hamas. Der islamische Kampf um Palästina. München –– Michael Sontheimer (2012): Im Zeichen des Orion. In: tageszeitung, 26.5.2012 –– Matthias Küntzel (2003): Djihad und Judenhass. Über den neuen anti­ jüdischen Krieg. Freiburg

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Christian Stock ist Mitarbeiter im iz3w.

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Auch die Kulturindustrie bemächtigt sich der Figur der konvertierten Dschihadistin – Filmstill aus dem Tatort »Borowski und das verlorene Mädchen« (2016)

Liebe zur Gewalt Die Rolle von Frauen im Islamischen Staat Im September 2016 verhaftete die französische Polizei drei Frauen, die den Gare de Lyon in Paris in die Luft sprengen wollten. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Terroristinnen eine Frauenzelle des »Islamischen Staats« (IS) bildeten, die aus Syrien gesteuert wurde. Der britische Telegraph zieht eine Verbindung zur Britin Sally Jones alias Umm Hussain Al-Britania. Sie war Ende 2013 ins syrische Gebiet des IS eingereist. Dort heiratete sie den ITSpezialisten des IS, Junaid Hussain, den sie über Soziale Medien kennengelernt hatte. Die inzwischen verwitwete Sally Jones soll nun nach Aussage von RückkehrerInnen den Aufbau von militärischen Fraueneinheiten wie jene von Paris leiten. Wenn dem so ist, wäre dies eine bemerkenswerte Entwicklung der Rolle von Frauen in salafistisch-terroristischen Organisationen. Dort wies man ihnen bisher die Rolle der sorgenden Ehefrau und Mutter zu. Allerdings zeigen sich beim IS und anderen Organisationen schon seit einigen Jahren Abweichungen von dieser Position. Die inzwischen mit dem IS verfeindete Mutterorganisation AlQaida formulierte die Rolle von Frauen noch eindeutig. Al-QaidaFührer Ayman al-Zawahri antwortete 2008 auf die Frage, ob es bei Al-Qaida Frauen gebe, mit einem klaren »Nein« und führte weiter aus: »Aber die Frauen der Mujahedeen leisten ihren heroischen Teil, indem sie sich um das Haus und die Söhne in der harten Zeit der Immigration kümmern.«1 Allerdings nahm Al-Qaida anerkennend zur Kenntnis, dass Frauen in anderen Organisationen terroristische Akte ausführten, so zum Beispiel die »Schwarze Witwen« genannten tschetschenischen Selbstmordattentäterinnen, die 2002 bei der Geiselnahme in einem Moskauer Theater traurige Berühmtheit erlangten. Zawahris Frau, Umayma Hassan, lobte 2009 solches Engagement in einer »Botschaft an die muslimischen Schwestern«, riet aber zur Zurückhaltung: »Es gibt viele Frauen, die Märtyrer-Operationen tt

von Hannah Wettig

durchgeführt haben in Palästina, Irak und Tschetschenien, die den Feind verletzt und zurückgeschlagen haben.« Doch sei es für ­Frauen sehr schwierig, überhaupt zu dschihadistischen Einsätzen zu reisen, da eine Frau immer von einem Mahram, einem männlichen Verwandten, begleitet werden müsse. Deshalb riet Hassan den »Schwestern«, statt militärischer Operationen sei es besser, andere Frauen für die Sache zu werben, in Moscheen, Schulen und im Internet. »Aber unsere Hauptrolle ist es, die Mujahedeen und ihre Söhne zu umsorgen.«2

Frauen bestrafen Frauen Im staatsähnlich entfalteten IS machte 2014 die Al-KhansaBrigade Schlagzeilen, eine reine Frauentruppe. Die Brigadistinnen patrouillieren im Niqab und mit Kalaschnikovs auf den Straßen in den Provinzhauptstädten Mosul und Raqqa. Ihre Aufgabe ist es, Frauen zu kontrollieren und zu bestrafen, wenn etwa ihre Kleidung nicht den Vorgaben des IS entspricht oder sie ohne Mahram unterwegs sind. Zu diesem Zweck haben sie eine Peitsche dabei. Frauen haben unter der Herrschaft des IS praktisch keinerlei Bewegungsfreiheit. Sie müssen Körper und Gesicht unter einem doppelten Umhang verstecken sowie Handschuhe und Socken tragen. Außerhalb ihrer eigenen vier Wände brauchen sie an ihrer Seite einen männlichen Verwandten, den sie nicht heiraten dürften, also Vater, Großvater, Ehemann, Bruder oder Sohn. Dieser Mahram muss sie auch begleiten, wenn sie einer Arbeit nachgehen. Die meisten Arbeiten sind Frauen ohnehin untersagt, aber sie dürfen zum Beispiel als Ärztin oder Krankenschwester Frauen behandeln. Doch auch dann müssen sie zu jeder Zeit den Niqab tragen, was Untersuchungen und Operationen erschwert. Reguläre Schulen und Universitäten sind für Frauen geschlossen. Frauen tt

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unter 50 dürfen nicht reisen, außer aus medizinischen Gründen. Nicht einmal Einkaufen auf dem Markt oder die Nutzung der zuvor üblichen gemeinschaftlichen Backöfen ist ihnen gestattet. Wer sich nicht an die Regeln hält, wird drakonisch bestraft. 40 Peitschenhiebe seien der Standard für »falsche« Kleidung, erzählten zwei ehemalige Mitglieder der Al-Khansa-Brigade nach ihrer Flucht in die Türkei.3 Falsch kann ein verrutschtes Tuch sein oder das Tragen von Make-Up unter dem Niqab. Für sichtbarere Verstöße setzt die IS-Moralpolizei auch das mittelalterliche Folterinstrument des Brustbeißers ein: Eine Zange, die empfindliche Wunden reißt. Geflohene berichten, dass damit eine Frau gefoltert wurde, die ihre Handschuhe vergessen hatte, und eine andere, die ihr Kind auf einem öffentlichen Platz stillte (selbstverständlich unter ihrer Abaya). In dieses Konzept von Frauen als möglichst unsichtbaren Wesen scheint nicht zu passen, dass Frauen mit Kalaschnikovs auf den Straßen patrouillieren, und schon gar nicht, dass diese Frauenmiliz Schrecken erregende Bilder von Milizionärinnen, die abgeschlagene Köpfe hochhalten, ins Internet schickt. Der IS kontrolliert seine Informationen genau. Seine Bild-Veröffentlichungen sind Teil der IS-Propaganda: Die Öffentlichkeit soll diese Bilder sehen, also auch die KalaschnikovNiqabiyas. Letztere sollen vor allem junge Frauen aus dem westlichen Ausland in das IS-Territorium locken.

Erlaubt sei das Verlassen des Hauses nur, wenn die Frau Theologie studiere, wenn sie Ärztin oder Lehrerin sei oder dringend im Dschihad gebraucht werde. Ein solches Lebenskonzept mag für streng religiöse Golfaraberinnen unproblematisch sein, Europäerinnen scheinen hingegen auf anderes aus zu sein, wenn sie sich dem IS anschließen wollen. Zwar behauptet auch die englischsprachige Propaganda des IS nichts grundsätzlich anderes, aber sie setzt andere Akzente. Ein halbes Dutzend IS-Frauen schreiben über ihr Leben im Islamischen Staat auf Englisch und Französisch. Sie twittern oder haben ihren eigenen Blog und schrieben auch öfters für Dabiq, das eng-

An männliche Kämpfer verkauft Der IS versucht Frauen aus aller Welt für seine Sache zu rekrutieren. Wer einen Staat aufbauen will, braucht dafür auch Frauen – und die Kämpfer wollen mit Frauen versorgt werden. Dafür hat der IS die Sklaverei wieder eingeführt: Jesidische Dschihad heißt, radikal mit der alten Welt zu brechen Filmstill: Tatort Frauen und Mädchen ab 9 Jahren werden an Kämpfer verkauft. Arabische Frauen aus der lokalen Bevölkerung werden häufig gezwungen, einen IS-Kämpfer zu heiraten. Ihre Väter werden unter lischsprachige Monatsmagazin des IS (siehe dazu S.32). Das britiDruck gesetzt oder ihre Familien entschließen sich, eine Tochter zu sche Institute for Strategic Dialogue hat 2015 eine Untersuchung verheiraten, um an Lebensmittel zu gelangen. Denn inzwischen ist über Motive und Lebenslagen westlicher Migrantinnen im IS auf die Versorgung in den Kriegsgebieten so schlecht, dass die lokale Basis solcher Wortmeldungen im Internet herausgebracht.5 Den Wissenschaftlerinnen ist bewusst, dass diese Wortmeldungen Teil Bevölkerung Hunger leidet. Die IS-Funktionäre und Migranten aus von Rekrutierungsstrategien sind und daher ein geschöntes Bild dem Ausland erhalten hingegen alle Güter bevorzugt, und auslänzeichnen. Trotzdem lassen sich zwischen den Zeilen Rückschlüsse dische Kämpfer verdienen einen guten Sold. Aber für tausende ausländische Kämpfer reicht das nicht, zumal auf das tatsächliche Leben ziehen. sie weit häufiger von der Erlaubnis, mehrere Frauen zu heiraten, Die westlichen IS-Frauen scheinen zum Beispiel wenig vom »himmlischen Geheimnis der Sesshaftigkeit, der Stille und Stabilität« Gebrauch machen als sonst in islamischen Gesellschaften üblich. Darum versucht der IS gezielt, Frauen für zu halten. Eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen ist seinen »Staat« anzuwerben. Die unterschieddas Anschauen von Gewaltvideos. »So viele Köp»Mein bester Freund ist lichen Zielgruppen werden dabei unterfungen«, jubelt eine, sie wolle noch mehr davon. schiedlich angesprochen. Eine andere schreibt, sie wünschte, sie könne auch meine Granate. Es ist eine Anfang 2015 erschien erstmals ein Handmal jemandem den Kopf abschlagen. Eine Frau, amerikanische. Lol.« buch für Frauen. Das Dokument »Frauen im die sich Umm Ubaydah nennt, schreibt: »Mein Islamischen Staat – ein Manifest und eine bester Freund ist meine Granate. Es ist eine ameFallstudie« wurde von der Medienabteilung der Al-Khansa-Brigade rikanische. Lol. Möge Allah mir erlauben, die Schweine-Soldaten ins Netz geladen. Die britische Quilliam-Stiftung übersetzte den mit ihren eigenen Waffen zu töten.« Text aus dem Arabischen und merkte an, dass das Manifest wohl Einige dieser schreibenden Frauen sind bei der Al-Khansa-Brigade. Sie besteht hauptsächlich aus Europäerinnen, und es scheint, bewusst nur auf Arabisch erschienen sei und vor allem Frauen aus dass sich mit der Möglichkeit, dort mitmachen zu können, viele den Golfstaaten überzeugen solle, sich dem IS anzuschließen.4 Eine gute Muslima, schreiben darin die Medienfrauen der AlFrauen in Europa locken lassen. Die meisten allerdings sollen kurz Khansa-Brigade, bliebe im Haus und sei glücklich, nicht auf die nach ihrer Ankunft heiraten. So dämpft denn auch Umm Ubaydah Straße zu müssen. Arbeit, für die man das Haus verlassen müsse, so manche Hoffnung auf eigene Gewaltausübung: »Das Beste, was habe Gott für Frauen nicht vorgesehen. »Frauen haben dieses ein Mann tun kann, ist Dschihad, und das Beste, was eine Frau tun himmlische Geheimnis der Sesshaftigkeit, der Stille und Stabilität.« kann, ist Kinder bekommen und sie im rechten Glauben aufzuziett

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Dschihadismus hen. Die vier besten Frauen im Islam sind dieser Pflicht nachgekommen. Nehmt Euch an ihnen ein Beispiel und schließt Eure Youtube-Filme über die Schwestern in Palästina.« Hier distanziert sich Umm Ubaydah also deutlich von weiblichen Selbstmordattentäterinnen.

Sprengstoffgürtel statt Brautkleid

Was Europäerinnen vorgegaukelt wird

Nur zehn bis 15 Prozent der vom IS Rekrutierten aus westlichen Ländern sind Frauen. Diese Zahlen sind seit 2014 relativ konstant. Allerdings gibt der französische Geheimdienst den Anteil für Frankreich inzwischen mit 35 Prozent an. Der IS scheint seine Anwerbung von Frauen ausgebaut zu haben. In seinem Magazin Dabiq gab es seit 2015 regelmäßig einen Artikel, der sich an Frauen richtet. In der letzten Ausgabe »Breaking the Cross« vom Juli 2016 stehen gleich zwei Artikel, die Frauen ansprechen: Der Bericht einer finnischen Konvertitin wird illustriert mit Fotos glücklicher blonder Kinder. Ein Hintergrundtext beschäftigt sich mit der »Natur« von Frau und Mann und wie diese im Westen mit Füßen getreten wird, wo die Verbrechen inzwischen »die von Sodom und Gomorra übersteigen«, da man »Marihuana, Transgenderismus, Sodomie, Pornographie, Feminismus und andere Übel« legalisiert habe. Dazu passt, dass Sally Jones nun angeblich eine Frauen-Sektion des Anwar Al-Awlaki-Batallions aufbaut – die Einheit wurde von ihrem getöteten Ehemann gegründet, um Anschläge in Europa zu planen. Gerade die Europäerinnen scheinen wie auch die männlichen ausländischen Kämpfer von den Gewaltorgien fasziniert zu sein. Eine Ausbildung für Frauen, »die mehr Interesse an Sprengstoffgürteln als an weißen Brautkleidern, Schlössern und Möbeln« haben, bewirbt mit eben diesen Worten schon seit 2014 das ZawraInstitut des IS.7 Das Curriculum sieht indes eher konventionell aus. Es gibt zwar Kurse für Waffenkunde, Webdesign und Soziale Medien. Aber vor allem lernen die Mädchen Nähen, Kochen und das Scharia-Recht. Der IS passt seine Ideologie den Gegebenheiten an. Wenn es passt, wird er Koranverse und Hadithen finden, die Frauen Selbstmordanschläge empfehlen. Bisher allerdings gibt es noch eine lange Warteliste männlicher Anwärter auf den »Märtyrertod« – im Schnitt 90 Männer sprengen sich nach IS-Angaben monatlich in die Luft.8 tt

Die Ambivalenz zwischen Heroisierung solcher Terroristinnen und Verteidigung der vorgesehenen Mutterrolle wird bei den westlichen IS-Frauen immer wieder deutlich. Die Art, wie Heirat und Mutterschaft propagiert werden, zeigt auch, dass einige Rekrutinnen aus Europa anderes im Sinn haben. So schreibt Umm Layth: »Ich habe das schon auf Twitter betont, die Schwestern müssen endlich aufhören, davon zu träumen, hierher zu kommen und nicht zu heiraten. Das Leben einer Migrantin ist sehr schwer. Es ist nicht wie im Westen, wo wir einfach rausgehen können und bei Walmart einkaufen und dann zurückfahren. Selbst bis jetzt müssen wir immer von einem Mahram begleitet werden.« Zuweilen wird den Interessentinnen aus Europa aber auch etwas vorgegaukelt. So schreibt Umm Layth an anderer Stelle: »Der Militärschef in Scham (Syrien) hat gesagt, dass Frauen nicht kämpfen dürfen. Sie können aber jede Menge andere Arbeiten machen. Heute habe ich mit einem der wichtigsten Männer im Dawla (Staat) gesprochen. Er sagte, selbst wenn Du ein Unternehmen aufmachen willst, komm! Genauso wie wenn Du als Ärztin arbeiten willst oder als irgendetwas anderes, komm, und so Gott will, wird es Dir möglich sein.« Das widerspricht eindeutig der Realität, wie inzwischen auch Rückkehrerinnen bestätigen, die es im »Islamischen Staat« nicht mehr ausgehalten haben und geflohen sind. Als größte Belastung beschreiben diese IS-Flüchtlinge allerdings nicht das Eingesperrtsein ins Haus oder die Pflicht zu heiraten, sondern die Gewalt. Viele sind schockiert, wenn sie aufgespießte Köpfe, Erschießungen oder gar Kreuzigungen sehen. Solch grausame Erfahrungen beschreibt zum Beispiel Sophie Kasiki, eine französisch-kongolesische Sozialarbeiterin, die mit ihrem vierjährigen Sohn nach Syrien ging, in ihrem Buch »Dans la nuit de Daech« (In der Nacht des IS). Die Motivationen für Frauen, in das IS-Territorium einzuwandern, sind höchst unterschiedlich. Einige der »Schwestern« sind extrem radikalisiert, hassen alles Westliche und überschlagen sich in Verfluchungen und Morddrohungen. Andere lockt vor allem das Versprechen, Teil einer Gemeinschaft zu sein und einen »puren« religiösen Lebensstil zu führen. Die Quilliam-Stiftung hat die Anziehungskraft des IS auf Frauen untersucht und erkennt, dass vier Motive zusammen spielen: Der IS verspricht, dass die Frauen durch die Migration ihr Leben in die eigene Hand nehmen, dass ihre Probleme in der westlichen Welt mit einem Schlag gelöst werden wenn sie nach den Gesetzen Gottes leben, dass sie am Aufbau einer gottgerechten Gesellschaft partizipieren können und dass sie ein absolut gottgefälliges Leben führen können.6 Die ersten beiden Versprechen appellieren an Frauen, die sich in einer Identitätskrise befinden. In der Tat suchen sich die Rekruteure des IS gezielt junge Menschen, die auf einer Sinnsuche zu sein scheinen. Bei jungen Männern sind es häufig vormalige Kleinkriminelle und Drogenkonsumenten aus den Migrantenquartieren europäischer Großstädte. Nicht so allerdings bei den Frauen. Sofern überhaupt Muster zu erkennen sind, scheinen die jungen Frauen, die dem Ruf folgen, eher besonders brav gewesen zu sein: Vorzeitt

geschülerinnen, mit gutem Verhältnis zu Geschwistern und Eltern, das sich aber zuletzt verschlechtert hat. Aus vielen Geschichten scheint hervor, dass der IS die normale Sinnsuche bei Teenagern ausnutzt.

Anmerkungen 1 Zit. nach SITE Intelligence Group: The Women of Jihad. Okt. 2000 2 ebd. 3 The Independent: Escaped Isis wives describe life in the all female Al Khansa brigade. 20.4.2015

4 Quilliam Foundation: Women in the Islamic State – A manifesto on women by the Al-Khanssaa Brigade. 2015

5 Institute for Strategic Dialogue: Becoming Mulan – Female Western Migrants to ISIS. 2015

6 Quilliam Foundation: Caliphettes: Women and the Appeal of the Islamic State. 2015

7 Haaretz: Cooking and Killing. Islamic State opens finishing school for girls. 18.10.2014

8 Amaq News Agency, zitiert nach Long War Journal

Hannah Wettig schreibt als Journalistin seit 20 Jahren über die arabische Welt. Sie arbeitet für die nordirakische Organisation WADI und engagiert sich bei der Initiative »Adopt a Revolution – den syrischen Frühling unterstützen«. tt

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ISSN 1614-0095

E 3477

Die Wochenzeitung

t iz3w – informationszentrum 3. welt Postfach 5328 • D-79020 Freiburg www.iz3w.org

Jungle World

Es bleibt kompliziert

iz3w Magazin # 358  

Gestaltung: Büro MAGENTA Freiburg // iz3w – Zeitschrift zwischen Nord und Süd // Auszug aus der Ausgabe 358 »Dschihadismus – ihr habt den To...

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