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Spektakulär! Kunst, Politik und Subversion

iz3w t informationszentrum 3. welt

Außerdem: t Protest in Heiligendamm t Koller in den Tropen t Korruption in der Weltbank t Linke in den USA t u.v.m. …

Juli/Aug. 2007 Ausgabe q 301 Einzelheft 6 5,30 Abo 6 31,80


In dieser Ausgabe

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Titelbild: Collage von Dieter Kaufmann unter Verwendung von Motiven von Bridge Markland, Bernadette La Hengst und einem Hirsch von Heinz Landes

Schwerpunkt: Kunst, Politik und Subversion

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Den Kapitalismus umstürzen …

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… wie überaus bizarr

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Ne travaillez jamais

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Trüffelschweine mit der Witterung fürs Kommende

Die Proteste gegen den G8-Gipfel von Jimi Merk, Rote Hilfe u.a.

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Die Studierten werden auch berührt – wunderbar!

Nicaragua: Auf dem Abholzweg

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Der überzeugendste Penis ist ein schlaffer

Die Waldzerstörung führt zu Wassermangel von Ole Schulz

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Die Frage nach der richtigen Subversion

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Das Glück ist immer ein neuer Gedanke

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SIEV-X – gewidmet 350 ertrunkenen Asylsuchenden

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Gesprengt werden sollte – ach je, vieles!

Editorial

Politik und Ökonomie t

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G8-Gipfel: Was bleibt?

Militärpolitik: Helfen und Schießen Die USA gründen ein zentrales Militärkommando für Afrika von Jan Bachmann

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Südafrika: Wo sind die Schaufeln? Textcollagen mit Beiträgen von: autonome a.f.r.i.k.a.-gruppe, Isabella Bischoff, Bernadette La Hengst, Bridge Markland, Mohammad Nematijoo, Dierk Schmidt, Roberto Ohrt, Lars Quadfasel, Sebastian Stein, Nicoletta Torcelli

Die Vorbereitung auf die WM 2010 und ihr Bild in der deutschen Presse von Martin Adelmann t

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Weltbank: Die Guten sind die Schlechten Die Antikorruptionspolitik der Weltbank ist ein Fehlschlag von Lotte Arndt

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USA: »Die Linke hat Fehler gemacht« Kevin Anderson und Peter Hudis von News & Letters über radikale Bewegungen in den USA

Kultur und Debatte t

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Deutscher Kolonialismus: Tropenkoller Zur Psychopathologie des deutschen Kolonialismus von Stephan Besser

Gedruckt auf chlorfrei gebleichtem Papier.

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Rezensionen

Multikulturalismus: Der Kampf geht weiter

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Szene

Die Debatte über Islam und Multikulturalismus findet neue Höhepunkte von Jörg Später

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Tagungen / Impressum

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Editorial

Vorwärts in die Geschichte M

it (Neo-)Kolonialismus und postkolonialen Debatten befasst sich die iz3w schon seit 1970. Doch erst die hundertste Jährung des Herero-Krieges gab 2004 den Anstoß, die deutschen Anteile daran in den Blick zu nehmen. Ausgangspunkt war die Erkenntnis, dass der deutsche Kolonialismus sehr viel tiefgehendere Konsequenzen hatte, als die weit verbreitete Schuldabwehr-Haltung »Wir waren’s nicht, die anderen aber noch mehr« glauben machen möchte. Kolonialismus betraf eben nicht nur die kolonisierte, sondern auch die kolonisierende Gesellschaft, und zwar auf allen Ebenen: politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich und kulturell. Diese die Selbst- und Fremdbilder strukturierende Wechselbeziehung fing nicht erst mit der formalen Besitzergreifung an und endete auch nicht mit dem Versailler Vertrag. Wir stellten uns die Frage, was das Spezifische am deutschen Kolonialprojekt war und inwieweit er als Vorläufer des Nationalsozialismus gelten kann. Diese Aussagen ernst zu nehmen hieß, dass man koloniale Vorstellungswelten und konkrete Verflechtungen auch vor Ort nachweisen können müsste – und zwar jenseits der Kolonialmetropole Berlin und der großen Hafenstädte mit ihrer überseeischen Infrastruktur. Oder anders gesagt: Etwas, das sehr präsent war, heute aber systematisch nicht mehr gesehen oder gar aktiv ausgeblendet wird, sollte wieder ins Blickfeld geholt werden. Mit dieser Arbeitshypothese ging 2006 die Webseite und damit die zentrale Plattform unseres Projektes www.freiburg-postkolonial.de online. Die mühsamen Recherchen ernteten zunächst manches Kopfschütteln, ob des im doppelten Sinne scheinbar exotischen Themas. Denn wenn Deutschland nur so kurzzeitig Kolonialmacht war, warum dann ausgerechnet eine süddeutsche Provinzgroßstadt wie Freiburg damit behelligen? Doch konnte recht schnell nachgewiesen werden, dass auch die Breisgaumetropole die ganze Palette kolonialer Interessen und Institutionen, Militärs und Missionare zu bieten hatte – Rasseforschung und Schutztruppengeneräle eingeschlossen. Und noch wichtiger: Es handelte sich dabei nicht um nur wenige Interessierte, die ihren Träumen nachhingen und belächelt wurden, sondern um zivilgesellschaftlich hochgradig mit anderen Institutionen vernetzte und in der Stadt verankerte Funktionäre der »kolonialen Sache«. Die daraus resultierende Öffentlichkeit schlug sich in zahlreichen, oft gut besuchten Veranstaltungen der Kolo-

nialbewegung nieder. So wurde etwa die von der NSStudentenschaft 1933 organisierte Marine- und Kolonialwerbewoche nicht nur von den einschlägigen Freiburger Kolonial- und Marinevereinen unterstützt, sondern auch von Uni-Rektor Martin Heidegger, Oberbürgermeister Franz Kerber, studentischen Korporationen, dem Direktor der Freiburger Museen Noack und der Wirtschaft. Bei der Eröffnungsfeier in der Universität wurde betont, »daß gerade in der Südwestecke des deutschen Vaterlandes nicht oft und eindringlich genug auf die Notwendigkeit einer starken Marine und eines großen Kolonialgebietes hingewiesen werden kann«. Wie die Auswertung der Freiburger Zeitungen belegt, hatten auch diese ihren Anteil an der kolonialen Öffentlichkeit: Die Bevölkerung wurde nicht nur oft über die (ehemaligen) Kolonien informiert, sondern durchweg prokolonial. Zu den unerwarteten Rechercheergebnissen von freiburg-postkolonial.de gehörte etwas, was in der Forschung bislang kaum berücksichtigt wurde oder unbekannt war: Freiburg wurde 1935 zum Schauplatz einer riesigen Kolonialtagung aller Kolonialverbände des Deutschen Reiches. Das enge Zusammengehen von Kolonialund Nazibewegung erstreckte sich von der Schirmherrschaft des Reichsstatthalters Robert Wagner bis zur Schleusung von 1.200 Kraft-durch-Freude-UrlauberInnen aus der Rheinpfalz durch die begleitende Kolonialausstellung.

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uchte man 2004 im Internet nach Seiten zum deutschen Kolonialismus, wurde man mit einer Hegemonie von Kolonialnostalgikern und Rechten konfrontiert. Kritische Inhalte gab es wenig. Freiburger Themen waren deshalb von Anfang an nur einer von mehreren Schwerpunkten unserer Webseite. In Kooperation mit einer ganzen Reihe von KolonialhistorikerInnen und politischen AutorInnen steht inzwischen ein großes, frei zugängliches Angebot an Artikeln, Rezensionen, Bildern und Dokumenten online, das sich auch in den Suchmaschinen wieder findet. Im ersten Halbjahr 2007 wurden die verschiedenen Seiten insgesamt über 70.000 Mal aufgerufen. freiburg-postkolonial.de versteht sich als Teil einer neuen erinnerungspolitischen sozialen Bewegung. In jüngster Zeit sind vielerorts in Deutschland kolonialkritische lokale Initiativen entstanden oder im Entstehen begriffen, die sich austauschen. Ob es in Ihrer Stadt auch eine gibt, erfahren Sie aktuell in der Rubrik »Links«. die redaktion

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Was bleibt? Die Proteste gegen den G8-Gipfel Die Demonstrationen gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm waren die bisher größte Manifestation der globalisierungskritischen Bewegung in Deutschland. Möglich wurde sie nur durch die enorme Bandbreite der beteiligten Organisationen und linken Spektren, die von der Evangelischen Kirche bis hin zu den Autonomen reichte. Wir präsentieren eine Reihe sehr unterschiedlicher Einschätzungen der Proteste.

»Die bunteste Großdemo«

»Offene Entsolidarisierung«

Vieles an den Aktivitäten gegen die G8 t Nach den beachtlichen Erfolgen der Akhat mir gut gefallen: Die Breite des Bündnistionswoche gegen den G8-Gipfel in Heiligenses, das sich auf gemeinsame Erklärungen damm möchten wir uns bei allen bedanken, und Aktionen einigen konnte; die Vielfalt der die mit unermüdlichem Engagement die von Themen und Standpunkte der teilnehmenstaatlicher Repression Betroffenen unterstützt den Organisationen, die zu produktiver Aushaben (...) Diese Solidarität war, ist und bleibt einandersetzung – und nicht zu Abgrenzung unsere Waffe! und Spaltung – geführt haben. Das kann für Gleichzeitig mussten wir mit Entsetzen die eine verstärkte Auseinandersetzung über geDistanzierungs- und Diffamierungsorgien eimeinsame Themen und Ziele, für bessere Verniger selbst ernannter SprecherInnen der netzung und Kooperation der verschiedenen Bewegung zur Kenntnis nehmen, die die ReBereiche kritischer, linker politischer Arbeit pressionsorgane in Schutz nahmen und miligenutzt werden. tante AktivistInnen verIn der Phase der Vorbereileumdeten. Schließlich »Der Kampf gegen tung und Mobilisierung waließen sich einige promiunser System hat nichts nente G8-KritikerInnen ren mir vor allem die Veranstaltungen und Informatiosogar dazu hinreißen, zur mit einem Krieg gegen nen wichtig, die die G8-Politik offensiven Zusammendie Polizei zu tun!« und unsere Gründe, uns daarbeit mit der Polizei und gegen zur Wehr zu setzen, zu Denunziationen aufsehr konkret und »lebensnah« erklärten. Das zurufen. Diese offene Entsolidarisierung haben wir in Freiburg in unserem (kleinen) gegenüber Teilen der Bewegung ist inakzepBündnis gegen G8 versucht. tabel; die Bereitwilligkeit, den Staat bei der Die Demo am 2.6. in Rostock war die bunVerfolgung Linker aktiv zu unterstützen, teste und kreativste Großdemo, die ich bisher zeugt von einem erschreckenden Mangel erlebt habe. Sie war kampf-«lustig«, laut und politischen Bewusstseins. phantasievoll. Die anschließende Randale hat Rote Hilfe mich wütend gemacht. Dabei ist mir letztlich egal, ob eine Provokation der Polizei oder ein Pflasterstein der Auslöser war. Die Polizei hat »Kein effizientes Management« zum Beispiel mit den Kampfuniformen während der Demo und mit dem lärmenden t Das war er also, der G8-Gipfel! Nie gab es Hubschrauber über der Kundgebung die so viele kritische Begleitveranstaltungen, DeSpannungen eskalieren lassen. Dies rechtfermonstrationen und Aktionen. Dies war aber tigt allerdings in keinem Fall die Aktionen der auch ein Gipfel, der inakzeptable, gewaltsaso genannten Autonomen, die mit ihren me Ausschreitungen erlebt und eine Debatte Stein- und Flaschenwürfen Leben und Geum das Grundrecht auf Demonstration aussundheit von PolizistInnen und Demonstrangelöst hat. Und es war nicht zuletzt ein GiptInnen gefährdet, die Demonstration als Trifel, dessen inhaltlich-politische Substanz büne für ihren Auftritt und an der Randale kaum noch unterboten werden kann: unbeteiligte DemonstrantInnen als SchutzImmerhin ein Trippelschritt für den Klimaschild vor den Angriffen der Polizei missverhandlungsprozess im UN-Rahmen und – braucht haben. Gehören diese Leute zu uns? nicht zu unterschätzen – eine geeinte EU, Der (politische) Kampf gegen unser Wirtaber keinen Durchbruch für wirksamen Klischaftssystem hat für mich nichts mit einem maschutz, der so bitter nötig wäre angesichts (militärischen) Krieg gegen die Polizei zu tun! des knappen Zeitfensters und der VerantworJimi Merk (Informationsstelle Peru) tung der G8-Länder. Ein deutlicher Rückt

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schritt in der Afrikapolitik: Alte Beschlüsse ohne konkreten Umsetzungsplan zu recyclen bringt Afrika nichts und unterminiert weiter jede Glaubwürdigkeit der G8. Und schließlich eine Scheinlösung in puncto Global Governance: ein auf zwei Jahre befristeter institutionalisierter Dialog mit den fünf wichtigsten Schwellenländern, aber ausschließlich zu Themen, die dem Norden bzw. der G8 am Herzen liegen. Das alles ist weder Dialog auf gleicher Augenhöhe noch visionäre »Leadership« noch effizientes Management der Globalisierung. Ein weiteres Mal ist deutlich geworden, welch’ anachronistisches Gebilde die G8 inzwischen geworden ist, die immerhin einmal angetreten war, um die Geschicke der Weltwirtschaft und Weltpolitik zum Besseren zu wenden. Rainer Falk (Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung) und Barbara Unmüßig (Heinrich-Böll-Stiftung)

»Nicht nur Negation« t Die acht Großen parlierten über Klimapolitik und Investitionssicherheit und erlaubten zwischenzeitlich genehmen Gästen aus »Entwicklungs- und Schwellenländern«, sich dem illustren Kreis hinzu zu gesellen. Zeitgleich schlängelten sich fünf Finger euphorisch gen Heiligendamm, erreichten den Zaun und blieben dort; wohl organisiert und entschlossen, den Landweg zum Gipfelgelände abzuschneiden und Bilder für die Weltöffentlichkeit zu schaffen, die die Unfähigkeit der Staatsmacht gegen die Galliertaktiken der »Vielen« demonstrierten. Während in den Camps die Strategien für die Gipfelblockaden erprobt wurden, eröffnete in der Rostocker Nikolaikirche der UNOSonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler aus der Schweiz, den G-8Alternativgipfel. Nicht umsonst ließen die Veranstalter ihn zeitgleich mit dem offiziellen Gipfel der großen Acht stattfinden: Es ging ihnen darum zu zeigen, dass die Staatschefs der acht bedeutendsten Wirtschaftsmächte


G8-Gipfel

… auf dem Weg durch den Hafer

Foto: J. Neumann / version

die den ganzen Globus betreffenden Probleder globalisierungskritischen Bewegung als me mit den falschen Mitteln beantworteten, politische Kraft sei von den NGOs nicht wahrdie Interessen einer großen Mehrheit dabei genommen worden. unbeachtet blieben und politische AlternatiDie inhaltlichen Qualitäten des Alternativven gemäß dem Attac-Wahlspruch möglich gipfels lagen vor allem in der Präsenz der seien. Es gelang, einer breiten medialen Öfinternationalen TeilnehmerInnen: Neben fentlichkeit nahe zu bringen, dass die Gegnergroßen Namen der globalisierungskritischen Innen des G-8 Gipfels nicht nur auf die NegaBewegung wie Walden Bello (»Deglobalisietion der staatlichen Politik setzen, sondern ihrung«), Susan George (»Reregulierung«) und rerseits Politikentwürfe vorschlagen. John Holloway (»Entfremdung überwinden«) Dabei blieb der überwiegende Teil der in stachen Madjiguene Cissé von der senegaleüber 130 Workshops und auf zahlreichen sischen Frauenorganisation Refdaf und Ana Ester Cecena von der UNAM in Mexiko durch großen und teils prominent besetzten Podien ihre konsequente Bewegungsperspektive diskutierten Ansätze inhaltlich stark von den heraus. Nicht die Beeinflussung der öffentpolitischen Strategien der Gipfelinitiatoren lichen Meinung oder der Gesetzgebung dominiert: Die großen, teils konfessionell gedurch Lobbyarbeit standen bei ihnen im bundenen NGOs, internationale UmweltorVordergrund, sondern der Gewinn von ganisationen, Attacies, Gewerkschaften, poHandlungsspielräumen für die kontinental litische Parteistiftungen sowie zahlreiche vernetzten Interessensorganisationen und für TrotzkistInnen und Mitglieder der Linkspartei die globale Bewegung. debattierten über Handelspolitik, SchuldenPaula Pauer erlass und die Frage, ob Klimaschutz im Kapitalismus durchzusetzen sei. Zeitgleich konnte man sich auch erklären lassen, dass man sich »kritisch-solidarisch« zur Hamas »Sie machen sich Illusionen« verhalten solle und dass die weltweite Linke t Ob die Antiglobs nur Weltfrieden, keynedurch Chávez in Venezuela endlich wieder sianistische Wirtschaftspolitik und TobinLicht am Ende des Tunnels sehen dürfe. Steuer fordern oder Unversöhnlichkeit Nur vereinzelt wurde dieses Szenario gegenüber dem System propagieren – sie durch strategische Diskussionen unterbromüssen alle für ihr Denken davon ausgehen, chen, die durch das Bewegungsspektrum in Politik könne die Verhältnisse machen, statt den Gipfel hineingetragen wurden: So diskusie nur verwalten zu köntierten VertreterInnen nen. Sie machen sich Illusioder Bundeskoordina»Zum Spektakel nen über den Einfluss der tion Internationalismus der Machtinszenierung Politik auf die Kapitalverwer(BUKO) mit Mitgliedern des NGO-Dachgehören die Gegenproteste tung; und wären sie selbst an der Stelle der Staats- und verbands Venro über unabdingbar dazu« ihr unterschiedliches Regierungschefs, dann würPolitikverständnis: Verden sie natürlich den Zweck teidigten die Venro-VertreterInnen von eed der Politik anders setzen und die Armut beund WEED ihre Forderungen an die »Mächtiseitigen. Sie begreifen nicht, dass sie das gen«, hielt die BUKO dem entgegen, die Lenicht könnten, weil auch ihnen die Zwecke gitimität der G8 würde dadurch nicht probleschon vorgegeben wären, nach denen sie matisiert. Die Forderungen der NGOs fielen sich zu richten hätten. auf den Stand der 1990er Jahre zurück und An diesem Punkt schlägt die globalisienäherten sich der längst weiterentwickelten rungskritische Ideologie um in Wahn, in paRegierungsrhetorik stark an. Die Entstehung thische Projektion: Die Globalisierungsgegiz3w

ner müssen glauben, alles ließe sich auch in dieser Gesellschaft schon ganz anders machen, selbst wenn sie die Revolution fordern, und deshalb müssen sie gleichzeitig davon ausgehen, es stecke ein böser Wille hinter der Tatsache, dass immer alles gleich bleibt. Und diesen bösen Willen machen sie dann dingfest in den westlich dominierten Institutionen Weltbank, Währungsfond und G8. Warum hungert Afrika? Weil die Regierungen des Westens bei den G8-Treffen Schuldenerlasse verhindern/ weil die imperialistischen Staaten die armen Länder ausbeuten wollen! Warum globalisiert sich die Welt? Weil der Westen/ der Imperialismus davon profitiert! Beides macht der Westen ja wirklich (und das verleiht dem Wahn Scheinplausibilität), beides ist aber keine korrekte Antwort auf die gestellten Fragen. Tatsächlich ist die so genannte Globalisierung keine Erfindung des Westens zur Unterdrückung des Trikonts, sondern ein notwendiger Teil des Kapitalprozesses. [a:ka] göttingen

»Tägliche Subversion voranbringen« t Die G8 inszenieren sich, (...) entgegen der Realität, als machtvollstes Bündnis, welches die Geschicke der Welt lenken kann. Die Antiglobalisierungsbewegung greift dies nicht nur auf, sondern macht es gleich zu ihrem Programm. Wer den G8 stürzen, ihn verhindern, behindern oder auf ihn einwirken kann, der vermag die Geschicke der Welt positiv zu beeinflussen. Der Einfluss, der den G8 bei allen Verlusten bleibt, ist der auf die internationale Politik, der nur noch zu einem geringen Teil aus ihrer wirtschaftlichen Macht resultiert. Zu einem großen Teil erhalten sie Legitimation erst aus dem Spektakel ihrer Machtinszenierung, zu der die Gegenproteste, die militanten Rituale, sowie die reformistischen NGOs unabdingbar dazugehören. Die Delegitimierung der G8 mag das Ziel sein, doch gerade über die Massenproteste können die G8-Staaten konkurrierenden Nationen und Bündnissen simulieren, man sei macht- und handlungsfähig. Statt Politik zu machen und damit die gesellschaftlichen- Verhältnisse zu produzieren, muss die radikale Linke eine Kritik der Politik formulieren – um letztendlich das abzuschaffen, was abgeschafft gehört. Statt sich alle paar Jahre auf Familientreffen in seinem stupiden Weltbild zu bestätigen und sich zum nächsten Abenteuerurlaub zu verabreden, gilt es eine tägliche Subversion voranzubringen. MAD Köln

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Nicaragua

Auf dem Abholzweg In Nicaragua führt die Waldzerstörung zu Wassermangel von O l e S c h u l z

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t Daniel Ortega gab sich gewohnt kämpfeRegierungen der letzten Jahre »keinerlei Prioder Río Coco im Norden und der Río San risch: »Wir werden den Nicaragua-See nicht rität« besessen. Daneben spielten aber auch Juan im Süden, sind in den Sommermonaten für alles Gold in der Welt gefährden«, sagte illegale Abholzung, Waldbrände und Baumkaum mehr mit Booten passierbar, weil sie Nicaraguas Präsident, als er im Mai die krankheiten eine nicht unerhebliche Rolle. nicht mehr genug Wasser führen. Auch in dieumweltpolitischen Grundsätze der neuen Die Probleme, die durch Abholzung entsem Jahr steht Nicaragua wieder kurz vor eisandinistischen Regierung präsentierte. »Der stehen, sind seit langem bekannt. So war der ner Dürrekatastrophe, weil der Regen, der Nicaragua-See ist das größte Wasserreservoir Raubbau an der Natur ein wesentlicher Faküblicherweise Anfang Mai einsetzt, auf sich Zentralamerikas und wir werden ihn nicht für tor für die schweren Schäden, die der Hurriwarten ließ. ein Megaprojekt wie einen interozeanischen kan »Mitch« 1998 verursacht hatte, zum BeiSo war es an der Zeit, dass sich Nicaraguas Kanal aufs Spiel setzen«, so Ortega. Damit spiel durch Erdrutsche. Damals verabschiedeneuer Staatschef vier Monate nach seinem erteilte der Präsident den lange gehegten te die nicaraguanische Regierung ein Dekret, Amtsantritt zur Umweltpolitik äußerte. Er Plänen, in Nicaragua nach dem Vorbild das Edelhölzer wie Mahagoni für fünf Jahre sprach von einem »Raubtierkapitalismus«, der Panamas einen Kanal zwischen Atlantik und unter Schutz stellte. Doch die Vernichtung sich an den natürlichen Ressourcen NicaraPazifik zu errichten, zuminder Natur ging weiter, in zuguas vergangen habe, und forderte seine dest vorläufig eine Absage. nehmendem Maße mittels Landsleute auf, künftig die Gaskocher zu Für Ortega ist der Noch im Oktober, kurz illegaler Abholzung durch benutzen, die Venezuela zu Vorzugspreisen »Raubtierkapitalismus« einheimische Banden. So bereitstellen will. Doch trotz Ortegas mahvor seiner Abwahl, hatte Ortegas Vorgänger Enrique sah sich Ex-Präsident Bolañnender Worte scheint die Umweltpolitik auch an der Misere schuld Bolaños den Bau eines Nios im Mai 2006 genötigt, unter der neuen Regierung keine Priorität zu caragua-Kanals begrüßt, den wirtschaftlichen Notbesitzen. Zu groß sind die sozialen und wirtdie Sandinisten hatten ihn als Zukunftsprostand auszurufen: In vier Provinzen des größschaftlichen Schwierigkeiten des Landes. So jekt in ihr Wahlprogramm aufgenommen. ten mittelamerikanischen Landes wurde die hat die sandinistische Regierung zum Beispiel Doch nun machte Nicaraguas neuer PräsiRodung, der Transport und die Verarbeitung dem Nationalen Forstinstitut INAFOR nur dent einen Rückzieher. Ein solcher, partiell von Holz für sechs Monate untersagt. Im Juni geringe Mittel zugewiesen. durch den Nicaragua-See führender Wasser2006 wurde schließlich das Fällen mehrerer Ob sich so die Waldzerstörung aufhalten weg würde nicht nur zur weiteren Verbedrohter Baumarten in ganz Nicaragua für lässt, ist fraglich. Würde die Abholzung weischlechterung der Wasserqualität führen, einen Zeitraum von zehn Jahren verboten. ter gehen wie in den vergangenen Jahren, sondern auch die Zerstörung der letzten In engem Zusammenhang mit der Walddann gleiche Nicaragua laut INAFOR-Direktor zerstörung steht die Energiekrise Nicaraguas. Waldgebiete Nicaraguas vorantreiben. Schwartz im Jahr 2055 einer Wüste. Schwartz Diese hat auch die neue ReNicaraguas Staatschef hat allen Grund zur ist dennoch optimistisch: Ziel gierung bisher nicht in den Rücksichtnahme auf die verbliebenen Waldsei es, durch Aufforstung den Nicaragua gilt als Griff bekommen – trotz der bestände. Das Land hat zwar bis heute die Baumschwund zu verringern. jüngsten Erdöllieferungen zu größten zusammenhängenden Regenwaldzweitärmstes Land in »Um die verschiedenen wirtSonderkonditionen aus Vegebiete Zentralamerikas. Doch nicht nur dieschaftlichen Aktivitäten zu reLateinamerika nezuela. Bereits im verganse Biotope schrumpfen rasant: Nach Angagulieren«, so Schwartz, »ist es genen Jahr musste das Wasben des Direktors des Nationalen Forstinstiaber unbedingt notwendig, serkraftwerk im nördlichen Departement Jituts INAFOR (Instituto Nacional Forestal), dass ein Raumordnungsgesetz verabschiedet notega, das fast ein Viertel des nationalen William Schwartz, hat Nicaragua zwischen wird, in dem die unterschiedlichen LandnutStrombedarfs deckt, wegen des niedrigen 1983 und 2000 jährlich rund 70.000 Hektar zungen festgelegt werden.« Wasserstandes des Apanás-Stausees zeitweiseines Waldbestandes verloren. Die wesentDoch ein weiteres Gesetz wird zur Durchlig seine Tätigkeit einstellen. Salvador Monteliche Ursache für den Baumschwund sieht setzung einer nachhaltigen Umweltpolitik negro, Leiter des Forschungszentrums für Schwartz in der Agrarwirtschaft. Wurden kaum ausreichen. Laut dem Waldexperten Wasserressourcen (CIRA) an der Universität 1950 lediglich sieben Prozent der Fläche NiDavid Morales von der NGO »Centro Humvon Nicaragua, macht für den Wasserverlust caraguas landwirtschaftlich genutzt, sind es boldt« in Managua hat Nicaragua schon heuvor allem die Zerstörung der Wälder verantheute rund 36 Prozent. Arme Bauern aus den te die fortschrittlichsten Umweltgesetze Zenwortlich. Berechnungen von CIRA ergaben, pazifischen Regionen des Landes dringen auf tralamerikas, nur seien die Kontrollinstanzen dass der Wasserstand der Brunnen in den Geder Suche nach Anbauflächen Richtung Atzu schlecht ausgestattet. »Auch unter der sanbirgsregionen um Managua in den letzten lantikküste vor, wo sich die größten Regendinistischen Regierung gibt es immer noch acht Jahren um fast zehn Meter gesunken ist. waldgebiete Nicaraguas befinden. viel zu wenige Parkwächter, um den illegalen »Wenn wir so weitermachen, werden wir Die Armut vieler NicaraguanerInnen – das Holzschlag in den Griff zu bekommen«, so den Namen unserer Hauptstadt ändern müsLand gilt nach Haiti als zweitärmstes in Morales. Dazu komme, dass die Korruption sen«, meint Montenego. Das Wort Managua Lateinamerika – sei auch die Ursache dafür, auch vor denen keinen Halt macht, die für die setzt sich aus ‘manar’ (fließen, quellen, triedass mindestens 60 Prozent der BewohnerInEinhaltung der Bestimmungen sorgen sollen. fen) und ‘agua’ (Wasser) zusammen. »Es gab nen bis heute mit Brennholz kochen, meint Zeiten, in denen das Wasser floss, sobald die Schwartz. Insgesamt fehle es »an Anreizen, t Ole Schulz ist freier Journalist und Erde nur angestochen wurde«, so Monteneunseren Wald zu schützen und zu erhalten«. Historiker. gro. Zwei der wichtigsten Flüsse des Landes, Dieser Sektor hätte unter den neolibaralen

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Militärpolitik

Helfen und Schießen Die USA gründen ein zentrales Militärkommando für Afrika von J a n B a c h m a n n

Foto: US-Army

t Im Spätsommer 2007 wird sich materialika unterstreichen. Die »Versicherheitlichung« fe und, wenn es sein muss, Militäraktionen. sieren, was in US-amerikanischen Sicherheitsdes Kontinents hat mittlerweile verschiedene Durch die vorgesehene »inter-agency«-Polikreisen schon seit längerem gefordert wird: militärische Antiterrorismusprogramme ertik von Africom, an der unter anderem auch die Gründung eines eigenständigen US-Milimöglicht (siehe iz3w 295). das Außenministerium, die Entwicklungstärkommandos für Afrika (Africom). Sie erfolgt Die Gründung von Africom beruht auf der agentur USAID und das Energieministerium aufgrund der wiederholt betonten, strategiseit einigen Jahren gültigen Doktrin amerikabeteiligt sein sollen, werden militärische und schen Bedeutung, die Afrika in jüngerer Zeit nischer Außen- und Verteidigungspolitik: zivile Aktivitäten immer mehr verschränkt. seitens der USA zugeschrieben wird. Probleme bekämpfen, bevor Das Militär ist dabei aber Bislang teilen sich drei verschiedene Obersie sich zu Krisen entwickeln, sowohl in der SelbstdefiAfricom soll ein kommandos die Zuständigkeit für den Kontiund Krisen bekämpfen, bevor nition als auch in der Paradebeispiel für eine nent. Die regional oder funktional gegliedersie Katastrophen werden. Der Außenwahrnehmung ten »unified combattant commands« sind dabei bemühte Vergleich mit die zentrale Komponenintegrierte Politik sein verantwortlich für Analyse, Planung und der Feuerwehr soll durch seine te der US-amerikaniDurchführung aller militärischen Aktionen im Plausibilität überzeugen: Statt schen Anti-Terror-Initiatijeweiligen Verantwortungsgebiet. Für den erst dann einzuschreiten, wenn es brennt, ven. Das den Verkaufswert fördernde Marüberwiegenden Teil der afrikanischen Staaten soll über Brandschutzbestimmungen aufgekenzeichen der »Kohärenz« wirft jedoch Fraist das europäische Kommando (Eucom) verklärt und die Installation von Sprinkleranlagen von Entscheidungshoheit und etwaigen antwortlich. Diese Aufteilung spiegelt das gen empfohlen werden. Wer könnte dem Interessenskonflikten auf. Das Verteidigungsmäßige Interesse der USA gegenüber Afrika widersprechen? Das US-Militär liefert jedoch ministerium scheint indes bei der Kursbestimwährend des Kalten Krieges wider. Die milinicht nur die auf Wahrscheinlichkeitsaussamung über die amerikanische Afrikapolitik tärischen Prioritäten lagen in Europa, am Ort gen basierende Analyse, sondern setzt die eizunehmend tonangebend zu sein. der unmittelbaren KonfrontaDie afrikanischen Staaten befürchtion der Blöcke. Das wichtigste ten, dass die Präsenz des AfricomBestreben, ein Abdriften der Hauptquartiers, über dessen jungen afrikanischen Staaten Standort noch nicht entschieden in Richtung Sowjetunion zu ist, zu einer zusätzlichen permaverhindern, konnte zentral genenten Stationierung amerikaniregelt werden. Erst 1983 wurscher Truppen führt. Derzeit sind de der Kontinent überhaupt in im Rahmen der Operation »Enduden Verantwortungsbereich ring Freedom« bereits 1.700 ameeines regionalen Kampfkomrikanische Soldaten in Djibouti zur mandos übernommen und Überwachung des Horns von Afriseitdem durch Eucom von ka stationiert. Die US-amerikaniStuttgart aus verwaltet. Dort sche Seite streitet eine Truppenerspielte Afrika eine untergeordhöhung ab. Flexiblität und Mobinete Rolle und nach Ende des lität gelten ihr auch im »Krieg geKalten Krieges schwand das gen den Terrorismus« als Vorteile. Interesse der USA sogar noch. Temporäre Einsätze, rotierende Die Entwicklung selbst in die Hände nehmen (US-Army in Dschibuti) Das Blatt wendete sich erst Truppen, Zusammenarbeit mit allmählich mit dem Aufkomanderen US-amerikanischen Migenen Empfehlungen auch selbst um. Je men der internationalen »Konfliktprävennisterien, internationalen Organisationen mehr Bedrohungen es feststellt, desto größer tions«-Politik Mitte der 1990er Jahre und und vor allem mit den Staaten und Gesellist der Bedarf an »präventiven Interventiodann sprunghaft nach den Anschlägen vom schaften Afrikas stehen deshalb beim Pentanen«. 11.9.2001. Eucom musste sich nach dem Engon im Vordergrund. Africom soll nach den Vorstellungen des de der Blockkonfrontation eine neue LegitiDie Gründung des amerikanischen MiliPentagon nicht mit anderen Regionalkommationsbasis suchen. Ein Verweis auf möglitärkommandos für Afrika verdeutlicht dabei mandos vergleichbar sein. Als »Kampfkomche Gefahren, die von Afrika ausgehen, war vor allem eins: Die »Politik der Partnerschaft«, mando plus« soll es ein Paradebeispiel für eiam ehesten dazu geeignet, den Geldfluss ans die vorgibt, die Probleme des Südens in ihrer ne integrierte Politik gegenüber den »afrikaMilitär zu garantierten. Ganzen Regionen ganzen Vielschichtigkeit anzugehen, wird nischen Herausforderungen« sein. Diese sieht Afrikas, wie etwa der Sahelzone, wurden seiletztlich im Militär institutionalisiert und einer das Verteidigungsministerium neben der tertens des Pentagons nachgesagt, eine Basis für allumfassenden repressiven Sicherheitsutopie roristischen Bedrohung vor allem in Krankpotenzielle Terroristen zu sein. Ungesicherte geopfert. heiten, schwachen Regierungen, RessourcenGrenzen und versagende Staaten seien ein fragen und demographischem Druck. Nährboden für Terrorismus. Aber auch die t Jan Bachmann ist Doktorand an der Uni Die Werkzeuge, die bei dieser integrierten steigende Relevanz Afrikas für die US-ameriBristol und arbeitet vor allem zur Politik interPolitik zum Einsatz kommen sollen, umfassen kanische Energiesicherheit sollte die Dringnationaler Akteure in Afrika. humanitäre Unterstützung, Entwicklungshillichkeit eines stärkeren Engagements in Afri-

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Drei Jahre sind es noch bis zur nächsten Fußballweltmeisterschaft in Südafrika. Zum ersten Mal wird damit die WM in einem afrikanischen Land stattfinden. Während Europa sich um das organisatorische Gelingen sorgt, haben die Vorbereitungen in Afrika längst begonnen.

? ln fe u a h c S ie d d in s o W en f die WM 2010 und der eitung au Zum Stand der Vorber resse Bild in der deuts chen P

von M a r t i n A d e l m a n n

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t Es vergeht am Kap kaum ein Tag, an dem fel gesehen«, oder die Panne bei der rechtdas magische Datum 2010 in der Presse oder zeitigen Ausstellung einer Arbeitserlaubnis für in Regierungserklärungen keine Erwähnung den brasilianischen Startrainer Parreira, wurfindet. Nicht nur die Fußballballfans fiebern den von der hiesigen Presse dankbar aufgedem Ereignis entgegen. Für Südafrika und den griffen. Dass Verzögerungen beim Bau der ganzen afrikanischen Kontinent ist die WeltStadien unter anderem dadurch bedingt sind, meisterschaft eine symbolische Bestätigung, dass rechtsstaatlich-demokratische Verfahren gleichwertiges Mitglied der Weltgemeinschaft eingehalten werden wie beispielsweise Umzu sein. »Endlich ist Afrika würdig« sagte Südweltverträglichkeitsprüfungen, Einsprüche afrikas WM-Organisationschef Danny Jordan von BürgerInnen, Debatten im Stadtrat oder nach der Vergabe der WM im Jahr 2004. Und Haushaltsverfahren, fand dagegen kaum Erauch FIFA-Präsident Joseph wähnung. Das einprägsame Blatter verweist auf die politiBild vom Stadionbau mit sche Dimension und forderte Schaufel und Spitzhacke oder »Der Deutsche die Weltgemeinschaft auf: soll die WM 2010 in die optische Garnierung von »Vertraut Afrika«. Artikeln zum Stand der WMSüdafrika retten« In Deutschland allerdings Vorbereitungen mit Bildern scheint das Vertrauen darauf, einfacher Sportplätze (FR dass Südafrika eine erfolgrei4.7.06) fügen sich wohl besche WM durchführen kann, wenig ausgeser in das Afrikabild deutscher JournalistInnen prägt. Nach dem Heimspiel 2006 – über die und LeserInnen ein, als die Vorstellung von Umstände des Baus des Münchner Stadions einem afrikanischen Land, das mit Hilfe oder die abgesagte Eröffnungsfeier redet heumoderner Technik innerhalb kürzester Zeit te keiner mehr – fällt das Urteil der deutschen funktionstüchtige Fußballstadien baut. Presse über den nächsten WM-Gastgeber durchweg negativ aus: »Böses Erwachen am Deutscher Aufbau: Hilfe! Kap« (FAZ 3.5.06), »Noch nicht WM-Taugt Dass in Südafrika überhaupt etwas voran lich« (FR 4.7.06), »WM-Gastgeber mit Kamigeht, so wird mal unterschwellig mal offen kaze-Mentalität« (FAZ 4.10.06), oder »Die suggeriert, verdankten die AfrikanerInnen soWM ist in Gefahr« (SZ 19.9.06) lauteten die wieso den Deutschen. Kaum ein Artikel lässt Schlagzeilen des letzten Jahres. Die Bild-Zeitung spekulierte gar: »Kriegen wir auch die unerwähnt, dass drei Stadien in Südafrika von nächste WM?« (11.7.06). Lediglich die taz deutschen Architekten gebaut werden. Dass durchbrach den pessimistischen Grundton es sich hierbei um die Planung handelt – mit einem auffordernden: »Du kannst das« gebaut wird von südafrikanischen Konsortien (7.10.06). –, bleibt meist ungenannt. Eine Wende zum Steilvorlagen, wie etwa die Aussage von Guten erkannte die Presse in der VerpflichFIFA-Präsident Blatter, er habe in Südafrika tung des erfahrenen deutschen WM-Organi»noch niemanden mit Spitzhacke und Schausators Horst Schmidt als Berater für die WM

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2010. Reißerisch kommentierte die Süddeutsche Zeitung (19.9.06): »Der Deutsche soll (...) die WM 2010 in Südafrika retten«. Da Südafrika nach Meinung der Zeitung nicht recht in die Stiefel komme und auch alles andere stagniere, könne nur noch dieser Mann »die Karre am Kap wieder flott kriegen«. Gut, dass Herr Schmidt selbst viel leiser auftrat und sich öffentlich dafür aussprach, dass »die nördliche und westliche Welt Südafrika nicht ständig mit dem unterschwelligen Ton der Unfähigkeit begegnen solle«. Wie einmal in die Welt gesetzte Fehlinformationen die Runde machen, zeigt das Beispiel Fernstraßennetz: Nachdem zunächst Spiegel Online (7.7.06) als Argument gegen die WM ins Feld führte, dass Südafrika bei dreifacher Größe Deutschlands nur 2.000 Kilometer Autobahnnetz besitze, entdeckten auch die Süddeutsche (19.9.06) und einen Tag darauf der Kicker (20.9.06) dieses scheinbar plausible Argument. Tatsächlich reichen die durch breite Seitenstreifen faktisch dreispurigen Überlandstraßen für den Fernverkehr völlig aus. Das Problem liegt vielmehr in den täglichen Pendlerstaus auf den sechsspurigen Autobahnen rund um Johannesburg – ein Übel, das auch in Deutschland bekannt und deshalb keine Schlagzeile wert ist. Nüchtern betrachtet sind die Probleme bei der WM-Vorbereitung weniger dramatisch als in der Presse suggeriert. Der Haushaltsplan von Finanzminister Manual sieht bis 2010 8,4 Milliarden Rand (ca. eine Mrd. Euro) für den Bau der Stadien vor, weitere neun Milliarden Rand werden in die Infrastruktur investiert. Nachdem die Austragungsorte in den letzten Monaten sowohl mit der Regierung in Pretoria als auch mit den beteiligten Baufirmen in-


Foto: photocase.de

Südafrika

tensive Verhandlungen geführt haben, gilt die Finanzierung der Stadien als weitgehend gesichert. In Durban wurde bereits im letzten Sommer das alte King’s Park Stadion abgerissen und mit den Bauarbeiten an den Fundamenten des neuen King Senzangakhona Stadions begonnen. Auch das Endspielstadion Soccer City in Johannesburg erlebte im Dezember mit dem Klassiker Kaizer Chiefs gegen Orlando Pirates sein letztes Spiel vor dem Umbau, der wie alle Baumaßnahmen bis spätestens Oktober 2009 beendet sein soll.

Prestigegerangel t Besonders in Kapstadt zeigten sich Zielkonflikte, wie sie auch aus Deutschland bekannt sind. Um den Zuschlag für ein Halbfinalspiel zu bekommen, entschloss die Stadtverwaltung sich zum Bau eines neuen Stadions zwischen Tafelberg und Waterfront. Nach dem Regierungswechsel im Kapstadter Rathaus erschienen der neuen Bürgermeisterin Helen Zille – in Anbetracht der Armut in den Townships – die Kosten für das immer teurer werdende Prestigeobjekt zunächst zu hoch. Zudem reichten die AnwohnerInnen des Nobelviertels Green Point, auf dessen Golfplatz das Stadion entstehen soll, Klage gegen das Projekt ein. Es bedurfte monatelanger Verhandlungen, ehe sich die Stadt mit der Zentralregierung auf die Kostenaufteilung einigte, die Baufirmen ein deutlich günstigeres Angebot vorlegten und die Mehrheit der AnwohnerInnen einem Kompromiss zustimmte. Inzwischen ist auch hier der Spatenstich erfolgt. Dass in Kapstadt und Durban Neubauten errichtet werden, obwohl die FIFA die beste-

henden Stadien zumindest als vorrundenstädtischen Bussystem aufgebaut. Schulen tauglich einstufte, und somit die Gesamtkosund Universitäten bleiben geschlossen, um ten der WM explodieren, lässt sich nur mit die Verkehrsbelastung zu reduzieren. Zur der Rivalität zwischen den Sportarten Rugby Erhöhung der Verkehrssicherheit sollen bis und Fußball erklären. Während Rugby vor al2010 außerdem 600.000 alte Autos aus dem lem von Weißen bevorzugt wird, ist Fußball Verkehr gezogen werden, darunter viele Miniein mehrheitlich Schwarzer Sport. Mit Ausbusse. Dieses preiswerte und flexible Vernahme von Soccer City waren bisher alle grokehrsmittel stellt bisher das Rückgrat des ßen Stadien des Landes Rugbystadien, die Nahverkehrssystems dar und bringt täglich vom Fußballverband und einigen SpitzenTausende zur Arbeit. Eine neue Generation clubs lediglich mitbenutzt wurden. Statt das größerer und mit Sicherheitsgurten ausgeWM-Geld in den Ausbau der Rugbystadien zu statteter Minibusse soll das Transportsystem stecken, setzte der Fußballverband nun den auch über die WM hinaus leistungsfähiger Bau eigener Arenen durch. In Durban werden und sicherer machen. Für die Oberschicht, so künftig zwei Großstadien existieren, nur die sich nicht gerne in Minibusse zwängt, einen Steinwurf von einander entfernt. steht ab 2010 mit dem Gautrain in JohannesWirtschaftlich ist dies nicht sinnvoll, zumal burg eine neue Schnellbahnlinie zur Verfüdie Finanzkraft des Fußballs im Vergleich zu gung. Rugby deutlich geringer ist. Gerade hier Des weiteren steht die vieldiskutierte sollen die neuen Fußballstadien aber ihre WirSicherheitsfrage hoch oben auf der Vorbereikung entfalten und die historischen Untungsagenda. Bis 2010 werden mehr als gleichheiten in der Gesellschaft beseitigen, 30.000 PolizistInnen neu eingestellt, die die sich bisher auch in der Stadienlandschaft Überwachung öffentlicher Plätze durch Kameras soll ausgebaut werden. Von der Durchwiderspiegeln. Die neuen Stadien werden setzung des staatlichen Gedeshalb keine nüchternen waltmonopols soll langfrisFunktionsbauten sein (wie Fußball ist ein tig vor allem die einheimietwa in Deutschland), sondern insbesondere in Kapmehrheitlich Schwarzer sche Bevölkerung profitieren – die jährlich sieben Milliostadt und Durban architekSport in Südafrika nen TouristInnen umfahren tonische Landmarks. Sie gefährliche Stadtteile schon sind Symbole des nationaheute meist weiträumig. Obwohl die Krimilen Aufbruchs. Nach außen sollen sie signalinalität in Südafrika eine andere Dimension sieren, dass das neue Südafrika Weltklasse ist. hat als in Deutschland, wurde am Kap mit Nach innen vollziehen sie den politischen einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis Machtwechsel im gesellschaftlich bedeutengenommen, dass auch im viel gelobten den Politikfeld Sport nach: Der Sport der Deutschland vor der WM Warnungen kursierSchwarzen hat bald die moderneren Spielten, wonach schwarze TouristInnen Teile von stätten, und vielleicht zieht bald sogar eine Berlin und Ostdeutschland unbedingt meiRugbymannschaft als Untermieter ein. Nur den sollten. wenn man diese gesellschaftliche Dimension Während die oft zitierten Probleme also mit einbezieht, wird deutlich, weshalb die nicht zwingend eine erfolgreiche WM gefähranhaltende nationale und internationale Kriden, lässt sich ein Problem nicht aus der Welt tik bezüglich der Stadionpläne an Südafrikas schaffen: Zum Zeitpunkt der WM vom 11. JuPolitikerInnen und VerbandsfunktionärInnen ni bis 11. Juli 2010 herrscht auf der Südhalbnicht einfach abprallt: sie trifft ins Herz, selbst kugel Winter. Nach Sonnenuntergang kühlt wenn sie sachlich gemeint ist. es gerade auf dem Hochland, wo die meisten Spiele stattfinden, aufgrund der Trockenzeit Nur für Mehrzahler recht schnell auf Temperaturen nahe Null t Im Infrastruktur- und Sicherheitsbereich Grad ab. In Kapstadt dagegen ist Regenzeit, wird das Sportereignis langfristige Wirkung also Schmuddelwetter. Laue Abende mit erzielen. Die internationalen Flughäfen in Partystimmung sind allenfalls am Indischen Johannesburg und Kapstadt werden derzeit Ozean in Durban zu erwarten. Südafrika hätausgebaut, in Durban entsteht ein neuer te die Weltmeisterschaft deshalb gerne erst Großflughafen. Auch Provinzstädte wie im frühlingshaften September ausgetragen, Bloemfontein werden ihre Landebahnen und fand hierfür bei der FIFA aber kein Gehör. Terminals auf das Großereignis hin moderniAuch wenn die Weltmeisterschaft nach Afrika sieren. Um den Verkehr rund um die Stadien vergeben wurde, werden die Bedingungen, und Flughäfen in den Griff zu bekommen, wann und zu welchen Konditionen das Fest setzt die Regierung neben neuen Zufahrtsstattfindet, nach wie vor im Norden gesetzt. straßen vor allem auf einen kostenlosen Shuttle-Verkehr: insgesamt 1.500 Busse sollen t Martin Adelmann ist wissenschaftlicher während der WM auf speziell ausgewiesenen Mitarbeiter am Arnold-Bergstraesser-Institut Busspuren zum Einsatz kommen, in JohanFreiburg. nesburg wird im Zuge der WM ein neues iz3w

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Motiv: Allen Jason A. Dimarucot

Weltbankpräsident Paul Wolfowitz trat zum 30. Juni wegen einer privaten Korruptionsaffaire von seinem Amt zurück. Ironischerweise war er es, der die Bekämpfung der Korruption zum zentralen Thema seiner Amtszeit gemacht hatte. Viel mehr als die Kritik an seinem persönlichen Versagen lohnt jedoch ein Blick auf die Auswirkungen seiner Antikorruptionspolitik für die KreditnehmerInnen.

Die Guten sind die Schlechten Die Antikorruptionspolitik der Weltbank ist ein doppelter Fehlschlag von L o t t e A r n d t

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t Nach über 40 Jahren weitgehend erfolgloser Kreditvergabe verkündete die Weltbank den Grund für die Fruchtlosigkeit ihrer Politik: Die Bemühungen der Industrieländer, stabile Akkumulationsprozesse in den von ihnen kreditierten Ländern anzustoßen, scheiterten an der Korruption. 1996 deklarierte der damalige Weltbankpräsident James Wolfensohn in einer Rede, das »Krebsgeschwür der Korruption« müsse bekämpft werden, damit Entwicklung ermöglicht würde. Er eröffnete damit eine Trendwende in der Politikausrichtung der Bank, die Korruptionsbekämpfung fürderhin zum »größten Hindernis für die Armutsbekämpfung« erklärte. Seither wurden

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in mehr als hundert Ländern über 600 als ten Bürokratien zu ölen. 1990 verließ der daKorruptionsbekämpfung klassifizierte Promalige Weltbankmitarbeiter Peter Eigen, der gramme eingeleitet. Der Anteil der Weltbankein Programm zur Bekämpfung der Korrupkredite, die für Reformen des öffentlichen tion forderte und später die NGO Transparency International gründete, die Bank mit der Sektors bestimmt sind, machte 2005 mehr Begründung, die Widerstänals ein Viertel der Weltbankakde gegen sein Vorhaben seien tiva aus. »Korruption zu groß. Nicht einmal zehn Diese Neuausrichtung steht ist ein notwendiges Jahre später widmete der in scharfem Kontrast zur jahrWeltentwicklungsbericht von zehntelangen Praxis der WeltSchmiermittel« 1997, das »Barometer der bank, unbekümmert Verträge entwicklungspolitischen Momit korrupten Staatsvertreteden«, dem Thema ein ganzes Kapitel. KorrInnen abzuschließen. Korruption, so hieß es, ruption gilt seither als Hauptgrund für die sei ein notwendiges Schmiermittel, um die weltwirtschaftliche Marginalität des subsahaZahnräder der Ökonomie und der ineffizien-

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We l t b a n k rischen Afrikas und ihre Überwindung als der Schlüssel zu prosperierenden Ökonomien. Grund genug, ein Jahrzehnt später Bilanz zu ziehen: Hat die Weltbank tatsächlich die Ursache für die ausbleibende »Entwicklung« der Ökonomien Afrikas entdeckt? Greifen ihre Rezepte, um Korruption einzudämmen? Welche Folgen hinterlassen ihre Programme zur Korruptionsbekämpfung in den Gesellschaften im subsaharischen Afrika, auf das die Bank den Programmschwerpunkt legt?

den Maßnahmen über Budgetkontrollen der öffentlichen Haushalte bis hin zu Sanktionen reicht, die in den meisten Fällen in der Einstellung der Kreditzahlungen bestehen. Die Erwartungen an die Länder sind umfassend: Eine 2000 erschienene Studie der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) ordnete 84 von 114 Auflagen für die Vergabe von Krediten in Länder des subsaharischen Afrika den Bereichen Governance und Korruption zu.

Die Schuldfrage

Ignorant gegenüber Ursachen

t Die Weltbank definiert Korruption als t In sozialtechnologischer Manier will die »Missbrauch öffentlicher Mittel zu privatem Weltbank am Rad institutioneller Reformen Nutzen«. Das damit einhergehende mangeldrehen. Sie gibt vor, Armut und Korruption hafte Funktionieren des Verwaltungsapparats damit in gleicher Weise zu bekämpfen. Dabei sei schuld an der ausbleibenden Entwicklung. ignoriert sie, dass die afrikanischen Staaten Ihrer Ansicht nach schreiben nicht koloniales unter historisch gänzlich anderen BedinErbe, jahrzehntelange Ressourcenextraktion, gungen entstanden, als die zur Norm erhohauptsächlich auf den Außenhandel ausgebenen europäischen Vorbilder. Zwar erbten richtete Ökonomien oder Verschuldung und die afrikanischen Staaten bei ihrer UnabhänZollschranken der Industrieländer die wirtgigkeit einen Staatsapparat, der dem Muster schaftliche Marginalität großer Teile Afrikas der europäischen Kolonialmächte nachgebilfest. Vielmehr sei diese einzig hausgemacht: det war. Formell wurde eine Trennung der Gierige Eliten konsumieren die für Infrastrukpolitischen und der ökonomischen Sphäre turprojekte bestimmten Mittel, der Rest versidurchgesetzt. Real aber kamen dem Staatsckert in funktionsunfähigen Verwaltungen, die apparat umfangreiche ökonomische Funknur gegen Schmiergeldzahlungen arbeiten. tionen zu, denn schließlich konzentrierte Häufig fehle eine freie Presse, die diese sich der überwiegende Teil der RessourcenPraxis als Skandal denunziere, so die Weltzuflüsse der stark außenabhängigen Gesellbank. Und auch die Oppositionsparteien, die schaften in den Händen des Staats. Dieser sich die Forderung nach Beendigung der Korverwaltete die kurz nach der Unabhängigkeit ruption im Wahlkampf oft groß nationalisierten Exportauf die Fahnen schreiben, beginunternehmen, kontrollierAusgegrenzt nen nach einem Machtwechsel te die Zolleinnahmen, die sind jene, die die zumeist mit der gleichen Praxis. Zuflüsse ausländischer Letztlich seien es diese VerwalSchmiergelder nicht Kredite und internationale tungsstrukturen und Eliten, die Entwicklungshilfegelder, bezahlen können für geringe Zuflüsse ausländidie zur Deckung der Hausscher Investitionen verantworthaltsdefizite und negatilich seien. Denn Investoren würden durch ven Handelsbilanzen eingesetzt wurden. Die Rechtsunsicherheit und die Mehrkosten für Kontrolle der Staatsmacht bedeutete für die Schmiergeldzahlungen – die in Deutschland Eliten, die Verteilung dieser Mittel steuern zu allerdings bis 1999 steuerlich absetzbar wakönnen. Zugleich sicherten sie sich politische ren – abgeschreckt. Loyalität, indem UnterstützerInnen mit ÄmDas Anti-Korruptions-Programm, das die tern oder Zahlungen versorgt wurden. So erWeltbank mittels konditionierter Kredite in klärt sich die starke Expansion der Verwaltunden meist stark außenabhängigen Ländern gen, die in vielen afrikanischen Ländern bald umsetzt, zielt auf die Herstellung eines renach der Unabhängigkeit einsetzte. chenschaftspflichtigen Staatsapparats, der Bis heute ist nur ein verschwindend gerinzugleich effizient und funktional auf Wirtger Teil der Bevölkerung im Exportsektor schaftswachstum ausgerichtet ist. Das Staatsoder in formellen Arbeitsverhältnissen beideal, das nach europäischem Vorbild gestalschäftigt. Da kaum eine Unternehmerschicht tet werden soll, entspricht recht genau dem besteht, reproduzieren sich die Menschen vom Soziologen Max Weber charakterisierten überwiegend in informellen Dienstleistungsrationalen »Anstaltsstaats«. Beamte sollen, tätigkeiten, und viele Haushalte leben zu eiunter strikter Trennung öffentlicher und prinem großen Teil von der Subsistenzlandwirtvater Kassen, transparente rechtsstaatliche schaft. Alternativen zu informellen und subund rechenschaftspflichtige Rahmenbedinsistenzorientierten (Über-)lebensstrategien, gungen schaffen, unter denen die Geselldie einen Zugriff auf Ressourcen sichern, sind schaftsmitglieder bestmöglich ihren Geschäfalso gering. Staatsämter bergen dagegen ten nachgehen können. vielfältige Möglichkeiten, FinanzierungsquelErreicht werden soll dieses Ziel durch ein len zu erschließen: Zur Befriedigung elemenReformpaket, das von bewusstseinsbildentarer Grundbedürfnisse, wie im Fall der klei-

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Kleine Formenlehre der Korruption Systemische Korruption bezeichnet einen so hohen Verbreitungsgrad von Korruption, dass sie Bestandteil der Reproduktion einer Gesellschaft und keine vereinzelte Abweichung ist. Auch wenn die Weltbank den Begriff benutzt, um auf Häufigkeit von Korruption hinzuweisen, individualisiert sie die Gründe für die systematische Übertretung zwischen öffentlicher und privater Sphäre. Kleine Korruption ist Alltagskorruption und umfasst beispielsweise kleine Zahlungen an niedrigrangige Beamte zur Beschleunigung von Verwaltungsakten, Gewährung von Lizenzen und Umgehung von Strafen. Große Korruption beginnt bei der Zahlung größerer Summen an höhere Beamte und reicht bis zum gekaperten Staat und zur Kleptokratie. Hier wird der Staatsapparat ganz den Zwecken einer bevorteilten Person oder Gruppe untergeordnet. Rent-Seeker sind Staaten, die primär die Vermehrung externer Mittelzuflüsse verfolgen. Sie sind an produktivitätsförderlichen Strukturen und Institutionen wenig interessiert und stehen den Wachstumszielen der Weltbank ebenso im Weg, wie sie zumeist den Lebensbedingungen der Bevölkerung gleichgültig gegenüber stehen. Patronage und Nepotismus bezeichnen die Vergabe von Ämtern nach persönlichen, nicht fachlichen Kriterien. Ghost Worker beziehen ihr Gehalt im öffentlichen Dienst weiter, ohne die vergütete Tätigkeit auszuführen.

nen Korruption, bis hin zur Finanzierung aufwändiger Herrschaftsrepräsentation bei großer Korruption durch die Eliten. Zugleich schließt die Verbreitung dieser Aneignungsform all jene aus, die nicht über die Mittel verfügen, Schmiergelder zu zahlen. Schließlich bleiben die in öffentliche Projekte und soziale Leistungen investierten Beträge gering. Grund genug also, Korruption als gesellschaftlichen Verteilungsmodus zu kritisieren. Die Weltbank ignoriert aber in ihrer Politik die strukturellen Gründe systemischer Korruption, also jener Korruption, die so verbreitet ist, dass sie als integraler Bestandteil der Reproduktion von Gesellschaften wirkt. Stattdessen macht sie eine Vielzahl ahistorischer Voraussetzungen, die dazu führen, dass die

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We l t b a n k angestrebten Reformen letztlich das Gegenteil dessen bewirken, was sie zu erreichen vorgeben. Bereits in der Vergangenheit haben die Projekte der Weltbank die Bedingungen der Verbreitung von Korruption weit eher befördert als eingeschränkt. In den vergangenen Jahrzehnten förderte die Bank korruptionsanfällige Großprojekte und zahlte ihre Gelder an Zentralregierungen aus. Ökonomischer Liberalismus ist eben nicht das Heilmittel gegen Korruption, wie die Weltbank behauptet. Gerade die Folgen der Strukturanpassungsmaßnahmen zeigen deutlich, dass Liberalismus häufig genug Korruption befördert. Nachdem öffentliche Ausgaben massiv gekürzt und BeamtInnen entlassen wurden, sahen sich vielerorts die verbleibenden InhaberInnen von Posten im öffentlichen Dienst veranlasst, die schmalen Gehälter durch private Zuzahlungen aufbessern zu lassen. So wurden administrative Verfahren, Gesundheitsversorgung und Bildung zu Gütern, die nur denen zugänglich sind, die diese Extrazahlungen erbringen können. Die Handelsliberalisierungen verringern durch reduzierte oder entfallene Zolleinnahmen, die oft die wichtigste Staatseinnahme darstellen, die Verteilungsmasse, schaffen aber keine alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten.

Klein und groß in Mosambik

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t Mosambik gehört zu jenen Ländern Afrikas, die den höchsten Verbreitungsgrad von Korruption aufweisen. Dabei kam die kleine Korruption in den Jahren der Aufbruchsstimmung nach der Unabhängigkeit 1975 fast gar nicht vor. Sie verbreitete sich jedoch rapide, nachdem das Land aufgrund von Zahlungsunfähigkeit 1984 der Weltbank und dem IWF beitrat. Ein Grund für die Zunahme waren drastische Kürzungen von Posten und Gehältern im öffentlichen Sektor. Zwar gestand der IWF 2006 Neuanstellungen von 10.000 LehrerInnen und 2.000 MitarbeiterInnen des öffentlichen Dienstes zu, behält aber ebenso wie die Weltbank die für ganz Afrika geltende Haushaltsvorgabe bei, wonach nicht mehr als 6,5 bis 7,5 Prozent des Bruttosozialproduktes für Gehälter im öffentlichen Dienst aufgewendet werden dürfen. Gehaltserhöhungen und Neueinstellungen sind damit an Wachstum gekoppelt. Der mosambikanische Gewerkschaftsverband OTM errechnete, dass die Minimallöhne nur 35 Prozent des Grundbedarfs einer fünfköpfigen Familie decken. Und das, obwohl sie nach langen Arbeitskämpfen erst 2004 um 14 Prozent angehoben wurden. Das Weltbankziel der Budgetkonsolidierung konterkariert so die Schaffung der Bedingungen, unter denen administrative Korruption abnehmen kann. Zu großer Korruption kam es in Mosambik oft im Rahmen der Privatisierungen. Der unter Zeitdruck der Weltbankvorgaben durch-

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geführte Eigentumswechsel von Staatsbetriedos Santos Junior wie eine Soap Opera verben war häufig von Schmiergeldzahlungen folgte, gelang es diesem, durch Fluchthilfe begleitet. Und in Ermangelung einer nationaaus Regierungskreisen zweimal aus einem len Unternehmerklasse erhielten vielfach die Hochsicherheitsgefängnis zu entkommen. mit der Privatisierung beauftragten PolitikerDie 2006 von der Regierung Guebuza Innen selbst den Zuschlag. Dadurch wurde verabschiedete Strategie zur Bekämpfung die Verzahnung der ökonomischen und der der Korruption wird von der mosambikanipolitischen Sphäre weiter vorangetrieben. So schen NGO Centro de Integridade als mangelhaft kritisiert: Das grundlegende Problem beförderten Weltbank und IWF indirekt die klientelistischer Abhängigkeiten und das Vergroße Korruption in Mosambik, die sich dort hältnis zwischen Staat und der seit 1975 renach dem wirtschaftlichen Systemwechsel gierenden Partei Frelimo seien ausgeklam1984 verbreitete. Zumindest tolerierten sie mert. Die Regierung trenne Korruption dort, wo sie die Frage administrativer Korden Bankzielen nicht zuDie Weltbank ignoriert ruption von der des Gehaltswiderlief. die strukturellen systems und blende PrivatisieDie durch Privatisierungen und Deckungsgleichrungen und Gewährung Gründe systemischer heit von ökonomischen und von Krediten geschaffene Korruption politischen Eliten komplett nationale Unternehmeraus. Zudem zweifelt Centro de schicht war weitgehend Integridade am politischen Willen zur Umsetdeckungsgleich mit der politischen Elite. Rezung des Programms. Zwar werde seit Guegierungsmitglieder erhielten internationale buzas Amtsantritt Korruption in jeder Rede Kredite, ohne Sicherheiten nachweisen zu erwähnt, Sanktionen blieben aber auf kleine müssen. Verschränkungen öffentlicher ÄmKorruption beschränkt und die Aufsichtsmeter und privater Unternehmertätigkeit verchanismen seien schwach. breiteten sich, der Staat wurde im großen Stil Das zeigt Folgendes: Es ist zwar möglich, zum Mittel der Ressourcenaneignung. Es wenn auch noch nicht erwiesen, dass die häuften sich Fälle wie die des GesundheitsmiProgramme der Weltbank, die Transparenznisters, der Eigentümer einer Privatklinik und und Rechenschaftspflicht fördern sollen, einzugleich für die Aufsicht der Kliniken seiner zelne Korruptionsakte unterbinden. Sie lösen Konkurrenten zuständig ist. Oder des 2004 aber weder das der Korruption zugrunde liegewählten Staatspräsidenten Armando Guegende Problem der Außenabhängigkeit buza, Eigentümer zahlreicher Unternehmen, noch schaffen sie wirtschaftliche Alternatider Korruption zu einem zentralen Wahlven. So werden die gesellschaftlichen Ankampfthema machte und zugleich verdächsprüche an Staatsbedienstete als Versorger tigt wird, Gesetze zugunsten seiner Geschäfnicht unterbunden – und ihre Ämter werden te zu beeinflussen. In zahlreichen Fällen wurweiterhin als Einkommensquelle genutzt. den Angehörige von Regierungsmitgliedern trotz nachgewiesener Beteiligung an Korruptionsvorfällen nicht strafrechtlich belangt.

Marktradikaler Umbau

Tödliche Soap Opera t Die eklatantesten Fälle großer Korruption in Mosambik erfolgten im Zusammenhang mit der Privatisierung zweier Banken, die zwischen 1992 und 1997 nach einer Vorgabe der Weltbank vorgenommen wurden. In ihrem Verlauf wurden mindestens 25 Millionen US-Dollar veruntreut (einige AutorInnen sprechen von 400 Millionen US-Dollar) und größtenteils auf ausländische Konten transferiert. Der Journalist Carlos Cardoso, der die Beteiligung hoher Regierungsbeamter an den Korruptionsfällen publik gemacht hatte, und der Vorsitzende der mosambikanischen Bankenaufsicht, Antonio Siba-Siba Macuacua, der angekündigt hatte, rückständige Zahlungen im Zusammenhang mit den Privatisierungen zu veröffentlichen, wurden 2000 bzw. 2001 in Maputo ermordet. In beiden Fällen wurden die Untersuchungen der Morde auf höchster Regierungsebene monatelang verzögert. Während große Teile der Bevölkerung den im Fernsehen übertragenen Prozess gegen den Cardoso-Mörder Anibal

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t Der Bank scheinen andere Ziele näher zu liegen, als die Armut – wie von ihr betont – mittels Korruptionsbekämpfung zu mindern. Ein Hauptgrund für die Einführung eines Anti-Korruptionsprogramms war das Interesse der Bank an einer umfassenden Kontrolle über die nach dem Ende des kalten Krieges abnehmenden internationalen Entwicklungshilfegelder. Würden sie entsprechend der von den Gebern festgeschriebenen Zwecke verwendet? Ein weiteres Ziel der neuen Strategie ist es, die Bonität der Weltbank durch eine möglichst gesicherte Rückzahlung der Kredite abzusichern. Und dazu gehört in Zeiten global recht uneingeschränkt zirkulierenden Kapitals, weltweit möglichst stabile, transparente und verlässliche Anlagebedingungen zu schaffen. Dass institutionelle Reformen hier ein so wichtiges Instrument werden, hat mit der faktischen Ausweitung des mit einem »politischen Neutralitätsgebot« belegten Mandats der Weltbank nach dem Ende der Blockkonfrontation zu tun: Mit dem Begriff Governance und einem Korruptionsverständnis,


das sich auf ein ökonomisches Problem beschränkt, wurden Kategorien geschaffen, die den Kreditgebern weitgehende Zugriffsmöglichkeiten auf die Staatsapparate der Empfängerländer gaben. Sofern die Regierungen der afrikanischen Länder den Reformen nicht aufgeschlossen gegenüberstanden, war ihre Verhandlungsmacht deutlich gesunken, zumal ihnen im Gegensatz zum Kontext des Kalten Krieges nur noch geringes strategisches Gewicht zukam. Die theoretische Grundlage für die Neuausrichtung der Programme bot die fast höhnisch auch als »neue politische Ökonomie« bezeichnete Neue Institutionen Ökonomie (NIÖ). Sie ergänzt den marktradikalen Kurs der Neoklassik zwar um einige institutionelle

Built on bad governance

Komponenten, behält dabei jedoch die Wachstumsorientierung bei. Laut NIÖ sind Korruption und Rent-Seeking die Hauptgründe für die Schwäche der Institutionen und für ausbleibendes Wachstum.

Verschwiegene Komplizen t Seit 1990 wurden drei Gesetze verabschiedet, die Korruption sanktionieren, Regierungsmitglieder Transparenzauflagen unterwerfen und vergütete private Tätigkeiten innerhalb der administrativen Zuständigkeitsbereiche verbieten. Ungeachtet dessen stieg die Korruption in Mosambik in diesem Zeitraum an. Trotzdem erwähnt die Weltbank Korruption in ihren Länderstrategiepapieren für Mosambik nur zurückhaltend. Sie forderte zwar die Gründung einer Korruptionsbekämpfungsbehörde, die 2005 der Staatsanwaltschaft zur Seite gestellt wurde. Diese blieb aber bislang weitgehend funktionslos. Die Bank finanzierte auch die Regierungsstudie, die der nationalen Strategie zur

berichten die guten makroökonomischen Korruptionsbekämpfung zugrunde liegt. DeDaten, wie stetiges Wachstum, sinkende ren Forderungen richten sich auf Transparenz Inflation und steigende Exporte in den im Finanzsektor, Reformen der Justiz und Vordergrund. In dieser Erfolgsbilanz wird daSanktionierung kleiner Korruption. Maßnahbei nicht sichtbar, dass die Zahlen auf wenimen gegen die große Korruption sind hingege erfolgreiche Großprojekgen nicht vorgesehen. te wie die 2001 fertiggestellDie Weltbank finanzierIn Mosambik stieg die te Aluminiumschmelze Mote in Mosambik 2006 inszal zurückgehen. Auch wird gesamt 54 Projekte im Korruption der Eliten nicht ersichtlich, dass weiterGesamtwert von drei Milhin 52 Prozent der mosamliarden Dollar. Bei einem bikanischen Bevölkerung unter der absoluten Fünftel handelt es sich um Reformen des öfArmutslinie lebt, und seit 2003 rund 11.000 fentlichen Sektors und Dezentralisierung. Beschäftigte ihre Jobs in regulären BeschäftiOhne weitere Auflagen zahlte die Bank 2006 gungsverhältnissen verloren, da die Unterdie zweite Rate eines 120 Millionen US-Dolnehmen sich ohne protektionistische Zölle lar-Kredits aus, die der Finanzierung von Regegen die ausländische Konkurrenz nicht halformen des öffentlichen Sektors zufließen ten konnten. Korruption bleibt weiterhin ein strukturelles Problem sowohl innerhalb der Bank, als auch im Rahmen der von ihr geförderten Programme. Der Skandal um Paul Wolfowitz lenkt davon eher ab, indem er den »Fehltritt einer Einzelperson« moniert, der das Problem individualisiert. Die Gehaltspolitik und die Vergabeentscheidungen der Bank bleiben jedoch weiterhin in höchstem Maße intransparent. Und dass es trotz des Wissens um Veruntreuung immer wieder zur Kreditvergabe an korrupte Regierungen kommt, liegt zu einem guten Teil an der Institutionenlogik selbst: Als Bank verfolgt die Washingtoner Gruppe das Ziel, ihr Kreditvolumen zu erhöhen und Zinsen sowie zeitlich verzögert Rückzahlungen zu erhalten. Für Foto: T. Elliesen die MitarbeiterInnen ist der Aufstieg auf der Karriereleiter an den soll. Der Schwerpunkt liegt dabei auf InstruUmfang des von ihnen verwalteten Kreditvomenten der Finanzkontrolle, wie Rechenlumens gebunden. Beides trägt dazu bei, das schaftsberichten und Bilanzprüfungen, ReInteresse gering zu halten, Zahlungen aufformen des Rechtssystems und Dezentraligrund von Veruntreuung auszusetzen. sierung. Das Weltbank-Programm zur KorruptionsEntgegen der bekundeten Absicht der bekämpfung erweist sich in der Praxis als eiKorruptionsbekämpfung toleriert die Weltne Strategie, die weit eher auf die Absichebank in Mosambik de facto die Korruption rung der Gebermittel ausgerichtet ist, als auf der Eliten. Ein Grund für dieses Verhalten liegt die Verringerung der Armut. Da es häufig auf darin, dass die Bank für die Umsetzung ihrer die Kooperation mit Elitenangehörigen zuProgramme auf kooperationswillige Eliten rückgreift, die an regelmäßigen Mittelzuangewiesen ist. Teile dieser Eliten verhalten flüssen aus dem Ausland weit mehr Interesse sich den Gebererwartungen entsprechend, haben als an der Entstehung stabiler Vererfüllen die makroökonomischen Auflagen wertungsbedingungen im Inland, läuft das der Geber und substituieren die aus der KorProgramm zudem, wie der britische Autor ruption entstandenen Löcher der öffentMorris Szeftel bereits 1998 feststellte, »Gelichen Haushalte indirekt durch Gebermittel, fahr genau das zu fördern, was es zu bekämpstatt diese direkt zu entwenden. fen erstrebt: Mehr Korruption und größere Resultiert die Stabilität der Eliten aus Instabilität«. Korruption, ohne dass Weltbankgelder direkt betroffen sind, scheint die Bereitschaft groß t Lotte Arndt ist Politikwissenschaftlerin zu sein, die Erfolgsgeschichte Mosambik und lebt in Berlin. Der Artikel beruht auf ihrer nicht durch Korruptionsskandale zu erschütDiplomarbeit. tern. So stellte die Weltbank in den Länderiz3w

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» Die Linke hat Fehler gemacht « iz3w : US-AmerikanerInnen sehen sich oft als »tolerant« an.

Die Gruppe News & Letters

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Die einst recht starke radikale Linke der USA ist seit der konservativen Wende der 1980er im Niedergang begriffen. Das betrifft auch solche MarxistInnen, die weder in der Orthodoxie stecken geblieben sind, noch probieren, ihr poststrukturalistisch oder im Antiglobalisierungs-Aktivismus zu entkommen. Zu den übrig gebliebenen Gruppen, die am undogmatischen Marxismus festhalten, gehört News & Letters. Die Gruppe fand sich 1955 anlässlich der wilden Streiks gegen Rationalisierungen in der Automobilindustrie in Detroit und des Bus-Boykotts gegen rassistische Segregation in Montgomery zusammen, um die Zeitung News & Letters herauszubringen. Diese ist bis heute zentraler Bestandteil des Engagements in der Gruppe, deren Mitgliederzahl auf etwa 200 geschrumpft ist. Die treibende Kraft der Gründung, Raya Dunayevskaya, ukrainische Einwanderin und zeitweise Mitarbeiterin von Trotzki, hatte sich vor der Gründung vom Trotzkismus abgewandt. Sie bezichtigte, vielleicht als erste überhaupt, den sowjetischen ‚Kommunismus’ des Staatskapitalismus, was mit der trotzkistischen Linie, die Sowjetunion als degenerierten Arbeiterstaat letztlich noch zu verteidigen, nicht vereinbar war. Profil gab Dunayevskaya der Gruppe zudem mit ihrer anspruchsvollen Hegel- und Marx-Rezeption und mit ihrer Anknüpfung an die emphatisch auf ‚den Menschen’ setzende Tradition des marxistischen Humanismus. Heute zeichnet sich die auch in England aktive Gruppe News & Letters durch eine kritische Reflexion linksradikaler Bewegung aus. Diese steht auch im Mittelpunkt der hier präsentierten Email-»Interviews« über die US-Linke, das Simon Birnbaum mit zwei Mitgliedern geführt hat. Den vollständigen Text wird die Gruppe im Juli 2007 zusammen mit anderen Texten unter dem Titel »Eingriffe in linke Debatten in den USA über Fundamentalismus und Krieg« im Unrast-Verlag veröffentlichen.

Sie sind außerdem gegenüber dem Staat grundsätzlich sehr skeptisch eingestellt – zumindest im Vergleich zu vielen EuropäerInnen. Deutet das darauf hin, dass die USA eher vor Staatsterror sowie vor faschistischem Rassismus und Antisemitismus geschützt sind? t Peter Hudis: Unzweifelhaft ist eine gewisse Skepsis gegenüber dem Staat unter US-BürgerInnen verbreiteter als in vielen europäischen Ländern. Das heißt jedoch nicht notwendigerweise, dass sie vor rassistischen, antisemitischen oder anderen reaktionären Strömungen gefeit sind. Der Staat hat in der US-Geschichte eine andere Rolle als in vielen europäischen Staaten gespielt. Reaktionäre Bewegungen in den USA tendierten dazu, für einen schwachen Staat zu argumentieren, um ein rassistisches Programm durchzusetzen. Die VerteidigerInnen der Sklaverei betonten die »persönliche Freiheit« – also das »Recht«, Sklavinnen und Sklaven zu besitzen – auf Kosten der Fähigkeit des Staates, solche »Rechte« einzuschränken. Auch nach der Sklaverei setzten die VerteidigerInnen rassistischer Diskriminierung auf eine schwache Zentralregierung. Wohingegen Bürgerrechts-AktivistInnen oftmals direkte bundesstaatliche Interventionen verlangten, um die schlimmsten Folgen von Partikularismus und Rassismus einzudämmen. Auch die Bewegungen der Arbeiterklasse und der Minderheiten wie die »Progressiven« des späten 19. Jahrhunderts und frühen 20. Jahrhunderts waren für einen stärkeren Staat, um Grundrechte und wirtschaftliche Umverteilung zu stärken. Hauptsächlich aus diesem Grund haben traditionelle faschistische Bewegungen in den USA anders als in Europa selten viel Gefolgschaft erlangt. Antisemitische, rassistische und faschistische Strömungen in den USA verfolgen ihre Programme in der Sprache von »Anti-Staatlichkeit« und »persönlicher Freiheit«. Die Präsidentschaftswahlen 2004 in den USA haben dies widergespiegelt. Viele haben ihre Stimme für Bush abgegeben, weil sie befürchteten, dass bundes- oder einzelstaatliche Gewalt ihnen eine Sexualmoral »aufzwingen« könnte, etwa in Form der Schwulen-Ehe. Diese weit verbreitete Skepsis gegenüber dem »Recht« des Staats, sich in persönliche Angelegenheiten »einzumischen«, versucht die herrschende Klasse in den USA oft für ihr reaktionäres Programm zu nutzen. Solche Schachzüge stärken allerdings letztlich die repressive Macht des Staats, wie der USA Patriot Act und andere die Redefreiheit einschränkende Gesetze seit dem 11. September 2001 gezeigt haben. Allerdings muss man hinzufügen, dass einige der lautstärksten Gegner der fortgesetzten Einschränkung von Bürgerrechten und Freiheiten in den USA aus der Rechten kommen, eben weil viele Konservative die Macht des Staats genauso wie libertäre Bewegungen fürchten. Die weit verbreitete Skepsis gegenüber dem Staat hat auch eine positive Seite, die sich etwa im tief sitzenden Misstrauen vieler US-amerikanischer ArbeiterInnen gegenüber Bürokratie und Führung durch Eliten ausdrückt. USBürgerInnen hegen im Allgemeinen eine große Wertschätzung für Demokratie und erkennen die Notwendigkeit, die Macht von Eliten zu begrenzen. Dass man diese Stimmung ansprechen muss, scheint die Rechte inklusive Bush alleriz3w

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Kevin Anderson und Peter Hudis von News & Letters über radikale Bewegungen in den USA nächst den »Cultural Studies« und dem »Poststrukturalismus« zugewandt. Seit den späten 1990ern hat aber eine Wende zur Kritik des Kapitalismus selbst begonnen, großteils bedingt durch den Aufstieg der t Kevin Anderson: Die USA sind keinesAntiglobalisierungsbewegung. Plötzlich konwegs immun gegen die Gefahr, die Adorno zentrierten sich linke Intellektuelle auf die die »total verwaltete Welt« nannWie positioniert sich die Klassenfrage und politische Ökonomie. Vom te. Das Anwachsen der politi»Bushs Wiederwahl übrig gebliebene radikafortwirkenden Einfluss der poststrukturalisschen Polizei, des FBI, ihr Angriff le Linke in den USA angetischen Phase blieb die Kritik an zu schnellen auf grundlegende Freiheiten seit führte zu einer tiefen sichts der schwierigen Verallgemeinerungen, was bedeutete, dass der McCarthy-Ära sollten nicht Depression« gesellschaftlichen Bedinältere Formen von Klassenreduktionismus es unterschätzt werden. Das gleiche gungen? Gibt es Grupschwerer haben. Das ist eine Entwicklung gilt für die Militarisierung der Gepen, die einen emanzipatorischen Kampf zum Guten. Wichtiger noch ist, dass es sellschaft seit dem Zweiten Weltkrieg, die ungegen den Kapitalismus führen? schwieriger wurde, klassischen leninistischen ter Bush einen neuen Grad erreicht hat. Die t Peter: Die US-amerikanische radikale Parteikommunismus zu vertreten, wie es etUSA sind Teil eines größeren kapitalistischen Linke bleibt eine weitgehend marginalisierte wa die Gruppe International Socialist Tendency Systems, das mehr und mehr zentralisiert versucht hat. Das hinterließ aber auch eine Kraft, seit dem 11. September 2001 umso und etatistisch ist. Die Rede von individueller Art Lücke. Die Leute übernahmen nicht länmehr. Nicht weniger bedeutsam sind die Verantwortlichkeit, Marktkräften und Dezenger das alte Partei-Modell, aber sie waren Folgen der Präsidentschaftswahlen vom Notralisierung ist nichts als Rhetorik. auch unzufrieden mit dezentralisierten Grasvember 2004. Obwohl die meisten Radikalen Trotzdem gibt es in den USA eine lange Gewurzel-Initiativen, die sie nicht mit dem allgewenige Illusionen über Kerry hatten, führte schichte religiöser Toleranz, zumindest unter meineren Kampf gegen das Kapital verbinBushs Wiederwahl bei ihnen zu einer tiefen christlichen Gruppen und in jüngerer Verganden konnten. Das führte zu einigen interesDepression. Die Tatsache, dass Bush nicht nur genheit zwischen Christen- und Judentum. Es santen Debatten, besonders nach den Seattgewonnen hat, sondern das auch noch mit gibt auch eine starke Tradition von Rede- und le-Protesten von 1999 gegen die WTO. drei Millionen Stimmen Vorsprung, hat bei Pressefreiheit. Aber auch in dieser Hinsicht Leider war diese Debatte mit der Invasion vielen Radikalen das Gefühl zurückgelassen, gibt es zwei große Probleme. Zum Ersten ist des Irak und dem »Krieg gegen den Terrodass die politische Situation in den USA fast ein stetiges Anwachsen von religiösem Funrismus« plötzlich zu Ende, als sich die Linke hoffnungslos ist. damentalismus während der letzten 20 Jahre gegen Bushs imperiale Pläne zusammenDiese Antwort eines Großteils der radikazu verzeichnen. Fundamentalistische Gruplen Linken offenbart jedoch, dass sie noch schloss. Seitdem herrscht in der Linken wiepen haben eine beträchtliche Macht innernicht in der Lage ist, sich den Realitäten der der ein Trend zu einer kulturalistischen oder halb der Republikanischen Partei. Zum ZweiWelt nach dem Kalten Krieg auch poststrukturalistiten bedeutet die Tradition von absoluter zu stellen. Das größte Proschen Kritik vor, die sich Redefreiheit, dass es faktisch keine Kontrolle »Die Linke tut antiblem bleibt, dass die meisten gegen negative Bilder rassistischer, sexistischer oder homophober staatliche Impulse oft als von MuslimInnen und Linken annehmen, ein »radiPropaganda gibt. Die USA sind deshalb das kaler Umschwung« könne AraberInnen in der PoliWeltzentrum für die Veröffentlichung von antikommunistische durch mehr Aktivismus und tik sowie den Medien Neonazi-Propaganda. Die Massenmedien Ideologie ab« »kreatives Organisieren« herrichtet. Einige verteidiwiederum, insbesondere der Fernsehsender Fox-News und einige rechtsgerichtete Radiobeigeführt werden. Doch je gen im Anschluss an weniger die radikale Linke sich dem Problem sender, greifen in bösartigen Attacken alle Baudrillard das »Andere«, selbst wenn das eistellt, was die Alternative zur existierenden Individuen und Gruppen an, die die Politik ne Vorlage für radikalen Islamismus bedeutet. Gesellschaft ist – als wenn diese Frage quasi der Bush-Regierung kritisieren. Ein zweiter neuerer Trend, vor allem unter automatisch mit der Zeit beantwortet würde, Nichts davon begründet die Annahme, dass älteren marxistisch orientierten Linken, beohne dass man das Problem auf ernsthafte die USA immun gegen die faschistische Gesteht darin, die Situation seit 2001 als theoretische Weise ergründen müsste –, umfahr sind. Während ich die übertriebenen BeSchlacht zwischen Imperialismus und Dritter so abgehobener und isolierter wird diese rahauptungen einiger Linker ablehne, dass die Welt zu interpretieren. Am problematischdikale Linke. Bush-Regierung faschistisch sei, so hat diese sten innerhalb dieser Strömung sind Leute Die Defizite der »organisierten« radikalen sicherlich eine autoritäre Schlagseite, vielwie James Petras – ein Marxist, der die BeweLinken sind jedoch die eine Sache, die Gefühleicht vergleichbar mit dem Gaullismus in gung gegen den Irak-Krieg dafür kritisiert, le vieler US-amerikanischer Jugendlicher und Frankreich. Die US-amerikanischen Traditionicht explizit die Kräfte der »Befreiung« zu Lohnabhängiger eine andere. Auf einer Vornen der Toleranz, Demokratie und Freiheitsunterstützen, wie den fundamentalistischen tragsreise habe ich viele junge Leute getrofrechte sind nicht mehr als eben Traditionen. oder baathistischen Widerstand im Irak. Ein fen, die libertäre Ideen und Wege zur VeränFaschismus oder etwas dieser Art, so es denn dritter Trend entwickelte sich in der Antigloderung der Welt entwickeln möchten. hier entstehen würde, würde starke dezentrabalisierungsbewegung. Hier werden zuneht Kevin: Es gibt immer noch Tausende von le Elemente haben. Und der repressive Appamend die USA als Feind angesehen, weniger Intellektuellen in den USA, die sich als Marxisrat einer solchen neuen Ordnung würde das entnationalisierte globale System, wie es tInnen ansehen. Dieser Typus von Linken hatwahrscheinlich Milizen und Bürgerwehren Negri und Hardt in ihrem Buch »Empire« bete sich als Folge des Umbruchs von 1989 zugenauso wie Einheiten der zentralen Staatsschrieben. Diese Strömung ist trotz ihrer dings besser zu begreifen als die Linke, die anti-staatliche Impulse oft als bloßes Produkt antikommunistischer Ideologie abtut.

macht mit einbeziehen. Wir können heute Hinweise auf diese mögliche Entwicklung in den Bürgerwehren erkennen, die an der Grenze zwischen Arizona und Mexiko zum »Schutz« vor illegalen Immigrantinnen und Immigranten auf Streife gehen.

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nicht sehr originellen These die interessantest Peter: Eines der größten Probleme radite, weil sie viele jüngere Leute einbezieht und kaler Bewegungen in den USA ist ihre Gefür die Diskussion theoretischer und politischichtsvergessenheit. Viele Radikale der scher Alternativen offener ist. Allerdings gibt 1960er wussten wenig über frühere Anstrenes auch in dieser Strömung Stimmen wie die gungen, Alternativen zu entwickeln. Und von Naomi Klein, die dafür plädiert, dass die auch in der heutigen AntiglobalisierungsbeAnti-Kriegs-Bewegung Leute wie Moktada alwegung besteht kaum ein Bewusstsein über Sadr unterstützten sollte – den schiitischen historische Versuche, internationale ArbeiterFundamentalisten, dessen Milizen die USA im solidarität zu entwickeln, wie etwa in den Irak bekämpfen. »heroischen Jahren« der anarchosyndikalistiInsgesamt befindet sich die Linke seit schen Industrial Workers of the World von 1905-1920. Seit den 1940ern hat die Arbei2001 im Niedergang, nicht nur weil uns die terbewegung in den USA die Kontrolle über Bush-Regierung mit ihrer reaktionären AgenProduktionsfragen an das Management abda und Kriegspolitik erdrückt hat, nicht nur gegeben (ursprünglich im Austausch für reweil die Demokratische Partei eine grundlegelmäßige Zuwächse bei Löhnen und Sozialgende Kritik des Irak-Kriegs ablehnte, sonversicherungen). dern auch weil die Linke selbst Fehler geWährend der letzten zwei Jahrzehnte hamacht hat. 2002 und 2003 wurden diese ben einige Teile der Arbeiterbewegung jedoch Fehler allein durch die Größe der Demonwieder an frühere Traditionen der US-amerikastrationen gegen den Irak-Krieg verdeckt. nischen Arbeiterbewegung angeknüpft. Ein Heute, nachdem Bush wieder gewählt worAusdruck dessen sind die fortgesetzten Bemüden ist und die Demonstrationen kleiner gehungen, grenzüberschreitende Organisatioworden sind, holen diese Fehler die Linke ein. nen von Arbeitenden in den Ihr größtes politisches ProUSA und Mexiko zu begrünblem besteht darin, sich an »Das Interesse an den. Das Bewusstsein, dass sich die Opposition gegen Bush Marx ist heute größer die Arbeitsbedingungen in den als letzten Strohhalm zu USA nicht verbessern können, klammern. Einige dachten, als in den 1990ern« wenn sich diese Bedingungen Chirac und Schröder würnicht in der ganzen Welt draden einen »europäischen« matisch verbessern, ist bei vielen LohnabhänPol des Widerstands bieten; andere wandten gigen in den USA stärker geworden. Besich radikalem Fundamentalismus zu, den sie sonders im Anschluss an die Proteste in Seattmit Befreiungsbewegungen in der Dritten le 1999 kam es zu einer Radikalisierung in der Welt verwechselten. Wieder andere blicken Arbeiterbewegung. Viele aktivistische Studieauf das gemäßigt linke, aber autoritäre Regirende und Jugendliche haben in dieser Zeit me von Hugo Chávez in Venezuela. ehrenamtlich als GewerkschaftsorganisatorInTrotz all dieser Probleme ist das Interesse nen gearbeitet oder Gewerkschaftskampagan Marx und am Marxismus heute viel grönen unterstützt, vor allem im tiefen Süden, wo ßer als in den 1980ern und 1990ern. Werke ein großer Teil der verbliebenen Industrieprowie das »Kapital« und die »Grundrisse« werduktion der USA angesiedelt ist. den viel gelesen. Als fundamentale Kritik des Kapitalismus konnte der Marxismus weder Seit dem 11. September ist dieser Aktidurch den Umbruch von 1989 – den angevismus jedoch zurückgegangen. Die offizielle blichen Beweis für seinen Untergang – erFührung der AFL-CIO hat sich gegen ein folgreich verdrängt werden, noch durch den Engagement in Antiglobalisierungsprotesten wachsenden Einfluss seiner poststrukturalistiausgesprochen – mit der Begründung, dass schen KritikerInnen. Stattdessen kehren heu»gewalttätige Elemente« auftreten könnten. te viele zu ihm zurück. Diese Rückkehr findet Zugleich hat sich in den letzten Jahren die allerdings auf widersprüchliche Weise statt. Verlagerung von Industrieunternehmen nach Übersee beschleunigt. Die dadurch verurIhr erwähntet die Offenheit von lohnabhänsachten Spannungen sind auch ein Grund für gigen und afrikanischen US-AmerikanerInnen die kürzlich erfolgte Spaltung der AFL-CIO – gegenüber Kapitalismuskritik. Vertiefen wir ein Drittel der Mitglieder hat sich abgespaldas etwas, indem wir auf die beiden wohl beten, um eine unabhängige Gewerkschaft zu kanntesten Bewegungen im 20. Jahrhundert gründen. Diese wird sich darauf konzentriein den USA blicken: die Arbeiter- und die ren, bisher nicht gewerkschaftlich organisierSchwarze Befreiungsbewegung. Haben die te Arbeiter zu organisieren. Arbeiterorganisationen heute ein Bewusstsein Im Dienstleistungssektor, der nicht so für die Arbeiterkämpfe im 20. Jahrhundert? leicht verlagert werden kann wie die IndusGibt es derzeit radikale Arbeiterkämpfe? Weltrieproduktion, haben allerdings einige wichche Rolle spielen die Gewerkschaften in dieser tige Arbeitskämpfe stattgefunden, von denen Hinsicht – sind sie bedeutsam für die Integramanche radikales Bewusstsein hervorgetion radikaler Bewegungen in das System, bracht haben. Das gilt vor allem für das Pfletrotz ihrer geringen Mitgliederzahl? Und was gepersonal. Viele Pflegekräfte und andere Beist mit den Kämpfen der ImmigrantInnen für schäftigte in den Krankenhäusern sind Immiihre Arbeitsrechte in den letzten Jahren? grantInnen etwa aus El Salvador, Guatemala iz3w

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oder dem südlichen Mexiko, die direkte Erfahrungen mit revolutionärer Politik haben. »Fließband«-Arbeit, wie sie in der Fabrik üblich ist, ist mehr und mehr auch im Gesundheitssystem anzutreffen. Und was ist von der Schwarzen Befreiungsbewegung heute noch übrig? t Peter: Die USA haben eine lange Geschichte radikaler afrikanisch-amerikanischer Organisationen. Viele von ihnen existieren noch heute. 1998 wurde eine große Anstrengung unternommen, die Schwarze Linke durch die Bildung des Black Radical Congress wieder zu beleben; über 2.000 Menschen kamen zu seiner Gründungsversammlung in Chicago. Seit zehn Jahren ist die Schwarze Linke allerdings im Niedergang begriffen, nicht zuletzt unter dem Einfluss des One-Million-Man-March von 1995.1 Viele Schwarze Individuen und Organisationen haben den Marsch mit der Begründung unterstützt, dass die Mobilisierung von so vielen afrikanischen US-AmerikanerInnen ein Katalysator für weitergehende Radikalisierung sein würde.

Doch der Aufruf zur »Selbsthilfe« und zur »Selbstermächtigung innerhalb des Kapitalismus«, den der One-Million-Man-March formulierte, führte zur Anpassung vieler an den real existierenden Kapitalismus. Das Durcheinander, das durch diese Situation verursacht worden ist, setzt sich bis heute fort. Eine wirklich radikale Kritik des Rassismus, die sich auf Kapitalismuskritik gründet, gewinnt durch etwas Anderes an Terrain zurück: Das Versagen der US-Regierung, angemes-


sen auf die Not der schwarzen BewohnerInnen von New Orleans nach dem Hurricane Katrina zu reagieren, hat großen Ärger in der gesamten Schwarzen Community ausgelöst.

Zahl von afrikanischen US-AmerikanerInnen in der Armee könnte ein Grund dafür sein. Ein großes Problem in der afrikanischamerikanischen Community ist Antisemitismus. Die Gründe dafür sind vielfältig. Welche Rolle spielen in der Schwarzen BefreiSchwarzer Antisemitismus hat seine Wurzeln ungsbewegung Islamismus und Antisemiin Gefühlen von Entmachtung und ökonomitismus? schem Niedergang. Viele Schwarze suchen t Peter: Die Rolle des Islam in der afrikanischnach einem Sündenbock, um ihre schwieriamerikanischen Community ist weit komplegen sozialen Verhältnisse zu erklären. Was solxer als es aus der Distanz erscheinen mag. che Gefühle verstärkt, ist die Tatsache, dass Mehrere Millionen afrikanische US-AmerikaneSchwarze und Juden generell wenig direkten rInnen sind Muslime, allerdings in unterschiedsozialen Kontakt haben. Als einige Teile der lichsten Gruppen, von deSchwarzen nationalistinen einige keineswegs radischen »Linken« in den »Ein großes Problem kal sind. Louis Farrakhans 1960ern ihre antisemiin der afrikanisch-amerikaNation of Islam ist mit höchtischen Einstellungen stens 15.000 Mitgliedern offenbarten, attackiernischen Community ist eine der kleineren Gruppen. ten dies Schwarze PerAntisemitismus« Weit mehr gehören der sönlichkeiten wie James American Muslim Mission an, Baldwin scharf und verdie neokonservativ ausgerichtet und grundteidigten die Jüdinnen und Juden. Baldwins sätzlich für den »Krieg gegen den Terrorismus« Einstellung repräsentierte damals eindeutig ist. Die übrigen afrikanisch-amerikanischen die Mehrheit in der Schwarzen Community. Muslime gehören zu verschiedenen Sekten Seit den 1960ern jedoch sind Juden und Jü-

Offener Antisemitismus kommt aber relativ selten in der Schwarzen Community vor. Es sind zum Beispiel in den letzten Jahren fast keine Fälle physischer Gewalt gegen Juden und Jüdinnen registriert worden. Im Übrigen sind anti-arabische Gefühle in der Schwarzen Community weitaus stärker, weil viele Läden, insbesondere für Spirituosen, arabischen ImmigrantInnen gehören, von denen sich viele afrikanische US-AmerikanerInnen herablassend behandelt fühlen. Virulent ist der Antisemitismus in Farrakhans Nation of Islam, der (wenn auch subtiler als in der Vergangenheit) darauf zielt, die Wut auf das kapitalistische System auf »reiche Juden« und »Zionisten« umzuleiten. Innerhalb der Schwarzen Linken, die eine minoritäre Stimme in der Schwarzen Community ist, äußert sich Antisemitismus zudem manchmal in einer bestimmten Art des Antizionismus, dergemäß es abgelehnt wird, Gruppen wie Hamas oder Islamischer Dschihad zu verurteilen. Der Schriftsteller Amiri Baraka hat diesen Standpunkt in typischer Weise vertreten: Er gehörte zu denen, die die Lüge verbreitet haben, dass 3.000 Juden und Jüdinnen am 11. September nicht zur Arbeit im World Trade Center erschienen seien, weil sie vor dem Angriff vorher gewarnt worden wären. Solche Thesen finden bei vielen afrikanischen US-AmerikanerInnen Gehör, oft, aber nicht notwendigerweise wegen einer spezifischen Animosität gegenüber Juden und Jüdinnen, sondern auch, weil sie gegenüber jeder Regierungsposition skeptisch sind. Auf der anderen Seite sollte man festhalten, dass sich die Schwarze neo-konservative Bewegung, die während der letzten Dekade enorm angewachsen ist, im Zuge ihrer Zusammenarbeit mit der christlichen Rechten auch mit extrem rechten zionistischen Gruppen der jüdischen Community zusammengeschlossen hat.

Anmerkung: 1 Von der Nation of Islam – heute radikal-religiöse, aber nicht streng islamische Gruppe, früher weniger religiös und wichtiger Teil der Schwarzen Befreiungsbewegung – unter Louis Farrakhan organisierte Demonstration, die vor allem dazu diente, afrikanische Amerikaner und Amerikanerinnen dazu aufzurufen, sich für Wahlen registrieren zu lassen. Ganz schön einsam

und Gruppen, die keine gemeinsame Position zum 11. September haben. Im Allgemeinen sind aber die meisten afrikanischen US-AmerikanerInnen sehr kritisch gegenüber dem »Krieg gegen den Terrorismus«, weil er zu Einschränkungen von Bürgerrechten und Sozialausgaben führt. Trotzdem standen afrikanische US-AmerikanerInnen im Großen und Ganzen abseits der AntiKriegs-Bewegung, die in der Hand von Weißen aus der Mittelklasse blieb. Die große

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dinnen aus den Stadtzentren weggezogen, wo viele Schwarze leben, und ihre wichtige Rolle in der Bürgerrechtsbewegung, die sie teilweise sogar angeführt haben, wird von der heutigen Generation der afrikanischen AmerikanerInnen nicht erinnert. Dadurch sind Stereotype über Juden und Jüdinnen in der afrikanisch-amerikanischen Community verstärkt worden, die generell dazu tendiert, andere ethnische Gruppen für ihre Probleme verantwortlich zu machen. iz3w

t Kevin Anderson ist Universitätsdozent für Politikwissenschaft. Peter Hudis ist Collegedozent für Geschichte. Beide haben für News & Letters mehrere Bücher verfasst und herausgegeben, wie »The Rosa Luxemburg Reader« und »The Power of Negativity. Selected Writings on the Dialectic in Hegel and Marx by Raya Dunayevskaya«. Das letztgenannte Buch wird im Herbst 2007 bei Unrast in deutscher Fassung erscheinen. Das Interview führte Simon Birnbaum.

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Wir haben nie eine Straßentheateraktion angemeldet oder Verantwortliche genannt. Wir sind immer davon ausgegangen, dass die Straße ein öffentlicher Ort ist, den wir uns nicht nehmen oder genehmigen lassen. Wir haben bewusst mit dem bürgerlichen Freiheitsbegriff gepokert, indem wir uns als Kunst definiert haben. Das ist in meinen Augen ein subversiver Ansatz: Die VertreterInnen der Macht mit ihren eigenen Mitteln lahm zu legen. Gerade in Situationen, in denen eine hohes Maß an staatlicher Repression zu befürchten ist, wie zum Beispiel in den letzten Jahren bei den G8-Treffen, bietet Straßentheater eine Chance, sich Verhaftungen und Platzverweisen zu entziehen, indem man auf das Terrain der Kunst ausweicht, um trotzdem vor Ort eine Auseinandersetzung mit brisanten Themen möglich zu machen.

Die SituationistInnen wollten nicht das bürgerliche Bildungserbe bereichern und den ungelesenen Klassikern weitere hinzufügen. Sie wollten die Ideologie der versachlichten Herrschaft durchbrechen, mit ihren Schriften, wie es hieß, Öl dorthin gießen, wo Feuer ist. Man könnte frohen Herzens auf die Texte der SituationistInnen verzichten, wenn man auch die Probleme los wäre, mit denen diese sich herumschlugen – die Tatsache etwa, dass der Kapitalismus die Menschen als bloße Anhängsel der Produktion um der Produktion willen mitschleift. Und selbst das nur, wenn sie Glück haben. Lars Quadfasel

Liebe Leserinnen und Leser,

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Isabella Bischoff

wir freuen uns, dass Sie heute mit dabei sind, und begrüßen Sie ganz herzlich zu unserem Themenschwerpunkt Kunst, Politik und Subversion. Der spektakulären Welt der Bilder und der perfekten Inszenierungen steht die reale Erfahrung von Unterdrückung, Ausbeutung und Unfreiheit gegenüber, ein Ausweg scheint kaum erkennbar. Regt sich Protest, wie beispielsweise gegen den G8-Gipfel, kommt der »unmittelbare Zwang« der Staatsgewalt zum Einsatz, jenseits von Protesten regieren Comedy und Langeweile. Grund genug für uns, einen Blick auf alte und neue Formen subversiver Intervention und Kritik zu werfen. Bei diesem Thema erschien es uns angebracht, auch unsere eigenen gewohnten Bahnen zu verlassen. Der vorliegende Themenschwerpunkt ist eine Collage, die den Arbeitstitel – daher auch die Begrüßung an dieser Stelle – »Radioshow« trug. Unsere Sendung besteht aus zwei Elementen: Eine Moderation der Redaktion und Beiträge unserer »Gäste«. Gemeinsam mit den Studiogästen haben wir uns, in Form von E-Mail-Interviews, mit der Frage beschäftigt, wie gesellschaftsverändernde Theorie und Praxis im Zeitalter von Medienhype und Postfordismus aussehen kann. Die Statements sind aus Antworten auf Interviewfragen entstanden und wurden von uns neu zusammengesetzt. Die folgenden Seiten sollen Anregungen für eine Auseinandersetzung mit Kunst und Politik, Form und Inhalt, Vermittlung und Vereinnahmung geben. Diesmal allerdings nicht – wie sonst in der iz3w üblich – in fertigen Texten und Analysen, sondern als Gedankensplitter und Zeichenschnipsel. Also: Do It Yourself !

s liche cher ä L o s i a ut n s etw er Revol e n n d lich »We ibt, von atür g n n n a n rte a dar en, d rganisie h c e o r zu sp weil die ng alb, wegu rn, h e s B e e d är nde ution rnen Lä n e revol d eite mo lichk den g ö s u M a en die nen dend in de entschei rung e ner m ränd zu ei ftsve eit lange a h c s s l , l d e Ges ch rt sin ntrie sind. No es e z n l n ko e d st al n ber i ch hwu a c s r r e e i v rlich elt s äche es hand m die viel l n en nd u ere, d hende u iner d n a se este as B rmen um d enen Fo hied versc .« le: ona ung nati d r l e u t D In

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he mpf tisc onis den Ka i t a r u t ü i f S ng eitu Anl

en Kapitalismus umstürzen … Ergänzend zur Moderation wollen wir auch gelegentliche Einblicke in den Diskussions- und Gestaltungsprozess gewähren, dem sich diese Ausgabe verdankt. Ungefähr so: Wolfgang: In der FH für Grafik-Design & Bildende Kunst habe ich gesehen, dass die Adbusters, welche Werbung verfremden, Studierende unglaublich ansprechen. Die Verbindung von Spaß und Subversion ist attraktiv. Und die Studis werden kritischer, erstellen an der FH das Grafikmagazin »Zwiebelfisch*« und drücken sich dort abseits der oder gegen die Verwertungslogik aus. Kalle Lasn, Gründer der AdbusterBewegung, benutzt die Mechanismen, die er in der Werbung gelernt hat, gegen die Werbung. Jetzt ist er hip. *www.zwiebelfisch-magazin.de

Tine: Für mich ist der Spaß-Faktor, den Wolfgang erwähnt hat, auch wichtig. Subversion richtet sich gegen das Biedere und Ernste, auch innerhalb der Linken. Trotzdem gehört für mich die inhaltliche Ebene unbedingt mit dazu, nicht jeder Angriff auf die bestehende Ordnung ist gleich subversiv. Winni: Es gehört zum klassischen linken Selbstverständnis, dass Weltverbesserung mit Verzicht und Leid verbunden ist. Das ist oft ausgrenzend, bierernst und moralgetränkt. Aber: Ist Vegetarismus subversiv?


Subversiv Die autonome a.f.r.i.k.a.-gruppe veröffentlichte 1997 das Handbuch der Kommunikationsguerilla. Der Anspruch dieses »Klassikers«, welcher mittlerweile in der 5. Auflage erschienen ist, ist kein geringer: Das Buch will als Anregung zu ungewöhnlichen politischen Aktionsformen verstanden werden, durch die Widersprüche aufgedeckt und herrschende Formen durchbrochen werden. http://kommunikationsguerilla.twoday.net/

Isabella Bischoff arbeitet in Freiburg als Theaterpädagogin. In der Vergangenheit engagierte sie sich immer wieder in politischen Gruppen, die mit Performances und Praktiken der Kommunikationsguerilla in den Alltag intervenierten. www.isabella-bischoff.de

Die Berliner Tanz-Theater-PerformanceKünstlerin Bridge Markland ist eine Virtuosin der Verwandlung. Ihre Spezialität sind Transgender-Performances, bei denen das Publikum den Wechsel von Frau zu Mann (oder vice versa) live miterlebt. Bridge sprengt die Grenzen der Geschlechtsidentität. www.bridge-markland.de

M. Nematijoo und die Gruppe Autonome Iraner gehören der iranischen Exilopposition an. Dierk Schmidt ist gesellschaftskritischer Maler und lebt in Berlin. Zur Zeit ist er auf der documenta 12 vertreten.

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Foto: www.banksy.co.uk

Bernadette La Hengst ist Musikerin und lebt Berlin. Bevor sie anfing als Solo-Künstlerin zu arbeiten, war sie Sängerin der Band Die Braut www.lahengst.com haut ins Auge.

Das Kommunikationsguerilla-Konzept befindet sich auf der Höhe der Zeit eines (mit Yann Moulier Boutang) kulturellen oder kognitiven Kapitalismus. Während der Kommunikationsguerilla-Welttournee (1997–1999) betonten wir immer wieder sehr defensiv, dass symbolische Aktionsformen natürlich nicht alles seien. Dahinter verbargen sich die Reste eines falschen Bewusstseins von »letzter Instanz«, unterschiedlich zentralen Kampffeldern, usw. Außerdem hat sich die politische Landschaft verändert, die globalisierungskritischen Bewegungen sind aufgekommen, die sich nach dem »Ende der Geschichte« dezidiert als transnationale soziale Bewegungen verstehen. Auf der Ebene der Aktionsformen waren diese Bewegungen innovativ. Man könnte

Subvetere heißt wörtlich das Unterste nach oben kehren, umstülpen. Johannes Agnoli fasste in seiner Vorlesungsreihe »Subversive Theorie« diese Tätigkeit als auf ein Ziel bezogen, das mit Marx in dessen kategorischen Imperativ bezeichnet ist, »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein er-

… wie überaus biza niedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«. Es geht also darum, die Macht, die das Individuum niederdrückt oder über das andere erhebt, unterzupflügen. Entsprechend zielt Subversion aufs Ganze und weiß, dass die Macht auch im Detail, im Alltag und den subversi-

Roberto Ohrt ist Kunsthistoriker, Autor und Herausgeber einiger Bücher zur Geschichte der Situationistischen Internationale wie etwa: Phantom Avantgarde, Das große Spiel, Asger Jorn – Heringe in Acryl oder Der Beginn einer Epoche. Lars Quadfasel ist Mitarbeiter in der Hamburger Studienbibliothek und schreibt u.a. für Konkret und Jungle World. Sebastian Stein ist Assistent im Centre d´Art Passerelle in Brest, Frankreich. Nicoletta Torcelli ist Kunsthistorikerin, Fernsehredakteurin und freie Kuratorin. Sie war die Initiatorin und zusammen mit Isabel Herda die Kuratorin der Ausstellung iran.com-Iranische Kunst heute.

Die Interviews führten: autonome a.f.r.i.k.a.-gruppe: Sascha Klemz Isabella Bischoff: Dieter Kaufmann und Winfried Rust Bernadette La Hengst: Tine Maier Bridge Markland: Sascha Klemz M. Nematijoo: Winfried Rust


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von einer neuen ‚Ästhetik der Konfrontation‘ sprechen, bei der ästhetische Formen (z.B. Pink&Silver, Black Bloc, Clowns) bewusst genutzt werden, um Konfrontation und Dissens symbolisch zu inszenieren. Zusätzlich haben sich die Medien und Kommunikationsformen von sozialen Bewegungen – lokal wie global – zumindest äußerlich verändert. Die neuen kommunikativen Möglichkeiten, die sich aus einer ‚Many-to-many‘-Kommunikation ergeben, sind offensichtlich. Die Haltung der meisten AktivistInnen zur ‚Kommunikation‘ hat sich jedoch weniger verändert, als wir uns das wünschen. Es dominiert nach wie vor die naive Haltung: Wenn ich die Wahrheit sage, müssen die Leute mir doch glauben… autonome a.f.r.i.k.a.-gruppe

Wie Walter Benjamin sagt: Die Menschheit hat es dahin gebracht, dass sie noch ihren eigenen Untergang als Bild genießt. Da sollte doch auch für den Situationismus ein bisschen Aufmerksamkeit drin sein. Den Kapitalismus umstürzen zu wollen, wie überaus bizarr! Im Ernst: Ein Satz wie »Wir bewegen uns in einer vom Krieg zerstörten Landschaft, den eine Gesellschaft gegen ihre eigenen Möglichkeiten führt«, ist am allerwenigsten »interessant«, sondern schlicht und ergreifend wahr. Eine Welt, in der vier Fünftel arm sind und das restliche Fünftel mit seinem Reichtum nichts Besseres zu tun weiß, als die Grenze zwischen sich und den Elenden zu zementieren, braucht keine prickelnden neuen Diskurse – sondern, ganz altbacken, revolutionäre Veränderung. Weil der Situationismus das ins Gedächtnis ruft, ist er nicht einfach von Interesse, sondern vielmehr von Bedeutung. Er ist das vor allem auf zwei Ebenen: einmal durch eine Haltung der Unversöhnlichkeit, einen Ekel vor jeder Form des Dabeiseins und Mitmachens. Und zum anderen, indem er als erster die Langeweile zum revolutionären Springpunkt erhoben hat. Wenn der traditionelle Marxismus sich vor allem um den Nachweis müht, dass die Ausgebeuteten nicht genug zu essen haben, dann zeigt der Situationismus, dass auch die Privilegierten noch Ausgebeutete bleiben: Weil sie mit dem, was sie haben, nichts anfangen können. Lars Quadfasel

ven AkteurInnen selbst sitzt, im Menschen, der »für sein freies Glück kämpft«. Es geht also nicht nur um materielle Veränderung, sondern auch ums Bewusstsein. Subversion ist nicht statisch, sondern ein fortschrittliches Moment des Wandels, selbst innerhalb von Revolutionen. Anspielend auf die Parole »Die Phantasie an die Macht« schreibt Agnoli: »Die Subversion an die Macht – das kann es gar nicht geben« und am Beispiel der Enragés oder Pariser Frauenclubs in der französischen Revolution schreibt er, subversiv seien jene Impulse, die noch »die bürgerliche Revolution über sich hinaus treiben«. Dieses »über sich hinaus treiben« kann in alltäglichen Auseinandersetzungen überraschen, wenn zum Beispiel das Ende der Arbeit und deren schöpferische Überwindung als Ziel aufscheint. Subversion hat viele Facetten: Angriff gehört dazu, Dekonstruktion, Aneignung, Umdeutung, der Hinweis aufs Bessere, Ironie und Witz, Anspruchsdenken und Phantasie. In diesem Sinne möchten wir einige Versuche im subversiven Denken und Handeln fortführen. Als Anknüpfungspunkt sei die neuere Debatte um eine Reaktualisierung situationistischer Theorie genannt, wie sie beispielsweise 2005 im Buch Situationistische Revolutionstheorie von Biene Baumeister/Zwi Negator und 2006 in Spektakel – Kunst – Gesellschaft (Hg. Stephan Grigat u.a.) geführt wird. Diese Bücher beschäftigen sich auch mit wichtigen Kritikpunkten am Situationismus: das patriarchale Frauenbild, fehlende Antisemitismuskritik und – vor allem in den späteren Schriften – ein Hang zu Verschwö-

arr

rungstheorien sind wesentliche Stichpunkte. Das Buch Die Situationistische Internationale von Simon Ford und die gleichnamige aktuelle Ausstellung im Baseler Museum Tinguely zeigen einen Rückblick auf den Situationismus. Wir greifen diese Debatte aus einer teilweise anderen Perspektive auf. Die oben genannten Bücher argumentieren eher aus einer marxistisch-wertkritischen Perspektive heraus und die Ausstellung nimmt eine künstlerisch-avantgardistische Position ein. Die Beiträge in diesem Heft kommen eher aus der Auseinandersetzung von Kunst und Antikunst oder von (Anti-)Kunst und Kritischer Theorie. Allerdings werden wir in unserer Diskussion um Kunst, Politik und Subversion neben dem (historischen) Bezug auf den Situationismus auch nach aktuellen Formen subversiver Theorie und Praxis suchen.

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Roberto Ohrt : Winfried Rust Lars Quadfasel: Winfried Rust Dierk Schmidt: Geraldine Zschocke Sebastian Stein: Winfried Rust Nicoletta Torcelli: Winfried Rust

Konzept, Moderation und Gestaltung: Wolfgang Blüggel, Dieter Kaufmann, Sascha Klemz, Tine Maier, Winfried Rust, Geraldine Zschocke Homepages von Wolfgang Blüggel und Dieter Kaufmann: www.buero-magenta.de, www.dk-kunst.de


Subversiv Vielleicht sollten wir etwas vorsichtiger sein mit dem doch sehr groben Werkzeug »Politik und/oder Kunst«. So genannte linke Kunst hat ja genauso viele Schwächen wie etwa linke Politik oder nicht-linke Kunst. Die Situationisten waren gegen beides, gegen die selbst verursachte Eingrenzung, die in beiden Bereichen herrscht. Sie konnten diese Verengung nicht gebrauchen, denn sie hatten eine Vorstellung von etwas Besserem. Eine Zeitlang war es hilfreich und verlockend, die Geschichte der Situationistischen Internationale in diesen Begriffen zu fassen. Grob gesehen gab es zuerst eine »künstlerische« Zeit von 1957 bis 1962 und danach eine »politische« Zeit von 1962 bis zur Auflösung 1972. Ich habe diese Vereinfachung auch deshalb benutzt, weil ich gegen die Geschichte des »Erfolgs« im Politischen an den »überholten« Konflikten und den verworfenen Bindungen aus der Anfangszeit der S.I. festhielt. Das Kunst/Politik-Schema lässt allerdings allzu leicht vergessen, wie sehr die Situationisten ihre Strategie gegen die gesamte linke Politik entwickelt hatten, und dieser Widerspruch, diese radikale Opposition, geriet vor allem aus dem Blick, wenn es um

Kunst ging, denn die Linke lehnte ihrerseits im Zuge der 60er Jahre und noch mehr in den 70ern nahezu jede Form der Kunst ab (wenn sie denn überhaupt einen Bezug dazu hatte). Sie schien insofern eine gemeinsame Grundlage mit den Situationisten zu haben (und natürlich gab es da tatsächlich einige bezeichnende und unerfreuliche Parallelen). Immer noch gelten in Sachen Kunst/Politik gewisse Vorlieben, die schon damals zu beobachten waren. Immer noch wird von der Linken eine bestimmte Art der Kunst bevorzugt oder wird von so genannten »linken« Künstlern ein Instrumentarium geschätzt, das Übereinstimmung mit diesen alten Vorlieben signalisiert, wie etwa der dokumentarische Stil, das Versprechen der Parteinnahme oder eine Ästhetik, die keine Ästhetik sein will. In diesem Spektrum fallen zwei Tendenzen auf: Eine Tendenz legt besonderen Wert auf »Solidarität« mit den Opfern und entwickelt im Hinblick auf das Elend oder die Armut der Schwachen eine demonstrative Zurückhaltung im Ausdruck. Die Anhänger dieser Tendenz suchen also alle möglichen Stilmittel, die diesem Leiden

Linke Kunst bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen Pädagogik und Sub-

Ne travaillez jamais version, nicht immer mit den besten Ergebnissen. »Politisierung« galt einmal als fortschrittlich – aber formte sie das Denken nicht staatsförmig aus und banalisierte die Kunst? Eine Wendung wie »subversive Politik« ist vor allem der schlechten Kon-

vention geschuldet, dass auch Linke mehrheitlich das kollektive Handeln für bessere Lebensbedingungen in der Terminologie der Herrschaft, als »politisch« bezeichnet. Wie aber soll man von Befreiung in der Kategorie der vergleichenden Regierungslehre sprechen? Von der Kunst zu erwarten, dass sie jenseits der Grenzen und Begrifflichkeiten des Politischen die Kraft zu gesellschaftlicher Veränderung entfalten würde, wäre sicher-

lich naiv; anzunehmen, dass dies nicht möglich sei, wäre fatal. Die Kunst dient der bürgerlichen Selbstvergewisserung ebenso wie der Manifestation und Illustration von Herrschaft und sie ist ein bestens integrierter Teil der Warengesellschaft. Trotz ihrer Befangenheit im Bestehenden bietet Kunst jedoch auch die Möglichkeit, die Sehnsucht nach einem besseren Leben aufzunehmen und ihr sinnlich Ausdruck zu verleihen. Damit kann die Kunst auch zu einem Freiraum werden, der nicht nur im Spektakel die Schönheit garantiert, sondern auch Impulse oder Emotionen wecken kann, die über die spektakuläre Ordnung hinaus weisen und sich über sie lustig machen.

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Der kanadische Künstler Mathieu Beauséjour wird Mitte der 90er Jahre einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Er arbeitet mit einem konzeptuellen Ansatz, das heißt, dass eher die Ideen und Konzepte hinter der Arbeit, als die ästhetische Form betont werden. Entsprechend beschäftigt er sich mit Themen wie Entfremdung, Macht, Widerstand und Unterdrückung. Beauséjour arbeitet mit Installationen, Videos, Fotos, Texten sowie Interventionen und Buch- oder Plakateditionen in öffentlichen Räumen. In seiner Arbeit Survival Virus de Survie (Kanada ist zweisprachig; 1991-1999) hat Beauséjour über einen langen Zeitraum mit einem Stempel eben diesen Titel auf alle ihm erreichbaren Geldscheine Kanadas aufgedruckt. Die Arbeit stellt so eine Intervention in den Alltag dar und hinterfragt das Medium Geld. Zusätzlich wurde sie in Form einer Installation in

zahlreichen Ländern gezeigt. Das Motiv des Virus kann hierbei einerseits in Bezug auf die künstlerische Methode, mittels derer Beauséjour die Geldscheine durch sein Bestempeln infiziert und andererseits als Verweis auf das Konzept des Geldes, das unser Leben infektiös strukturiert, gelesen werden. Einen anderen Fokus nimmt seine Serie Internationale Virologie Numismatique (seit 1999) ein. Hier arbeitet er in Form von Installationen das subversive Gedankengut avantgardistischer Bewegungen wie Dadaismus, Surrealismus oder der Situationistischen Internationale auf. So werden subversive Phrasen neu verbreitet, wie Détruire le futur avant de le subir, Turning Money into Rebellion oder Ne travaillez jamais. Ein häufiges Problem bei konzeptuellen und informationsdichten Arbeiten ist, dass sie ästhetisch trocken und inhaltlich oft überladen wirken. Sebastian Stein


Subversiv – wie sie meinen – gerecht werden, was durchaus an eine kirchliche Enthaltsamkeit oder Opferbereitschaft erinnert und die ganze Problematik der Stellvertreterpolitik und Befreiungsideologien aufwirft. Sie bevorzugen einen antiheroischen Stil der Betroffenheit (obwohl sie zumeist erst dann wirklich »betroffen« sind, wenn das verehrte Opfer seine Sprachlosigkeit aufgibt und sich äußert). Die Protagonisten der anderen Tendenz inszenieren sich als Akteure oder Aktionisten. Sie umgeben sich mit Zeichen des Konflikts, der Straße oder radikaler Theorie, auch wenn es sich nur noch um Zeichen handelt, wenn also weder Aktionen noch theoretische Kämpfe stattfinden und die »kämpferischen« Spuren diesen Mangel nicht mitteilen oder fokussieren, sich also mit der Ahnung einer aktionistischen Stimmung begnügen. In beiden Fällen treten sogar einige alte Nebenwirkungen und Hauptdarsteller der Arbeiterbewegung hinzu. Da wäre vor allem die Figur der moralischen Entrüstung zu nennen, die den Konflikt um ihre Behauptungen mit einer erhitzten Moralisierung verwaltet und sich für

erlittene Kritik oder verletzte Eitelkeit an ihren Gegnern rächt, indem sie sie mit Ausschluss überzieht: Einkreisen, Anklagen und Verurteilen war schon immer das Programm der Moralisierung. Formalismus und die Indienstnahme der Kunst sind jene anderen Phänomene, die aus der linken Tradition bekannt und immer noch beliebt sind. Die Künstlerinnen und Künstler sollen sich gegenüber dem Zentrum der Auseinandersetzung, dem wirklichen Kampf oder den wahren Interessen oder was auch immer da die Führung beansprucht, auf eine illustrative Funktion, das Zuliefern von lustigen Ideen oder Designfragen beschränken. Diese Ansprüche haben heute bekanntlich weder eine breite Organisation noch einen bürokratischen Apparat hinter sich, also nichts, was in der Vergangenheit diese lächerlichen Diskussionen garantierte. Aber sie blühen sehr prächtig auch ohne diesen Hintergrund. Ob sie sich nun Aktivisten, Kuratoren oder Künstler nennen, als Helden der nicht mehr vorhandenen Bewegung können sie sich den »Auftrag« umso rigoroser individuell zu eigen machen. Roberto Ohrt

23 Foto: Mathieu Beauséjour


Subversiv Kunst stellt das Menschenmögliche dar, aber nicht im wirklichen Leben, sondern immer nur »als ob« – in einer vom Rest der Gesellschaft getrennten Sphäre des Scheins. Nahe liegt es also, eine Gesellschaft zu fordern, die sich ihre in die Kunst ausgelagerten Potenzen aneignet. Vielleicht zu nahe. Eine Überhöhung des schöpferischen Subjekts, das sich seine Welt aus sich selbst heraus erschafft, ist darin kaum zu überhören. Nach Auschwitz stellt sich die ganze Frage noch einmal anders. Der KZ-Wächter, der in seiner Freizeit an der Dissertation über den Humanismus Goethes arbeitet, hat die Kunst, in negativer Form, bereits ins Leben zurückgeholt und dabei weggeschafft; der ganze Nationalsozialismus war letztlich nichts anderes als ein perverses Gesamtkunstwerk, das alle Realität in seine Inszenierungen hineinsaugte. Fraglich, ob die Kunst noch die Kraft hat, diese ihre falsche Aufhebung zu reflektieren, aber es hat sie ja auch sonst niemand. Künstler, sagt Peter Hacks, sind Trüffelschweine mit Witterung fürs Kommende; und was da aktuell im Kommen ist, sieht nicht rosig aus. Warum also sollte jemand aufheben wollen, wovon er oder sie – anders als Millionen von Hartz-IV-EmpfängerInnen – noch halbwegs anständig leben kann? Debord und Co., immerhin, hatten noch die Aufstände im Trikont als Bezugspunkt; wen oder was aber haben denn heutige Avantgarden?

Der Begriff des Spektakels findet gerne Verwendung, wenn es um Gesellschaftskritik und noch lieber, wenn es um Medien- und Kulturkritik geht. Allerdings war gerade letzteres in Guy Debords Buch Die Gesellschaft des Spektakels nicht gemeint. Vielmehr verbirgt sich dahinter die umfassende Kritik der Gesellschaft im fortgeschrittenen Kapitalismus. Im Spektakel werden nicht einfach die Ausgebeuteten von den Herrschenden belogen, es handelt sich nicht um eine abgetrennte Sphäre von Bildern und Repräsentationen, sondern um ein »durch Bilder vermitteltes gesellschaftliches Verhältnis zwischen Personen« (Debord). Es ist die der Warenvergesellschaftung entsprechende und entspringende Sicht auf die Welt, in der sich die Frage nach Sinn und Glück nicht stellt; im Spektakel reproduzieren sich die bestehende Ordnung und ihre Affirmation im

Kunst, wie alles Ohnmächtige, hält es nun einmal mit den Mächtigen, und wer will es ihr verdenken. Von KünstlerInnen zu erwarten, die besseren Menschen zu sein, stellvertretend fürs Publikum eine widerständige Existenz zu führen, zählt gerade zu jenen Kunstideologien, gegen die sich situationistische Kritik gerichtet hat. Etwas anderes ist es mit dem Betrieb als Ganzem. Von keinem wird mehr verlangt, Goethe zu verstehen, aber als Bürger fühlt man sich trotzdem besser, wenn man einmal im Jahr im Theater Leute brüllen, kotzen und sich ausziehen sieht. Das gehört zum Leben wie die Grippewelle im Winter, und so lange das so bleibt, muss man sich um irgendwelche Aufhebungstendenzen keine allzu großen Sorgen machen. Das bekommt der Zirkus schon ganz von alleine hin. Fragt sich, ob dadurch irgendwas besser wird. Aber viel schlechter kann es eigentlich auch nicht mehr werden. Lars Quadfasel

selben Augenblick. Es dient der Herrschaft, ohne Strategie der Herrschenden zu sein, es formt das gesellschaftliche Bewusstsein herrschaftlich und warenförmig aus, ohne gezielte Manipulation zu sein. Dabei geht es längst nicht mehr darum, die gegenwärtige Gesellschaft als die Beste aller denkbaren zu preisen. Was ist, ist nicht perfekt, aber es ist gut, weil es alternativlos ist. Das aktuelle Elend rechtfertigt sich mit Sachzwängen. Warum weiß niemand, aber das alle den Gürtel enger schnallen müssen, weiß jedes Kind. Wer sich entgegen diesem Credo auf ein Leben in Genuss und Freiheit beruft, hat keinen Anspruch darauf, im spektakulären Feld der Politik ernst genommen zu werden. Während für Adorno die Tendenz der Kulturindustrie noch dahin ging, dass sich das Leben

Bild: Ich bin’s

Trüffelschweine mit der W 24

Lange war das Straßentheater für mich eine lustbringende Ergänzung zu meiner politischen Arbeit, ein kreativeres Mittel, um auf Missstände und ungerechte Gesellschaftsstrukturen hinzuweisen und zu provozieren. Anfangs war das sehr exotisch in einer Zeit, in der die linke Szene mit solchen Dingen nicht viel am Hut hatte. In dieser Zeit lernte ich genau hinzuschauen, sauber zu arbeiten, für rassistische, sexistische und antisemitische


Subversiv Das Spektakel ist eine Herrschaftsform, die sich ebenfalls auf Suggestion, Illusion, Faszination, Täuschung und Verführung verlässt. Sie überträgt einen bedeutenden Teil ihrer Gewalt den Bildern, sie ist mit Informationsapparaten und Traummaschinen bewaffnet. Guy Debord hatte diesen merkwürdigen magischen Effekt besonders gut im Blick, den Widerspruch zwischen Verzicht auf Gewalt und despotischer Herrschaft, also das Funktionieren einer diktatorischen Ordnung, die ohne offenen Zwang auszukommen scheint. Gegen den Schein der Freiheit und die Propaganda einer Überflussgesellschaft musste es ihm besonders darum gehen, dieses verwischte despotische Element des »freien Westens« deutlich zu beschreiben. Roberto Ohrt

»vom Tonfilm nicht mehr unterscheiden lasse«, genügt es für die heutige Doku-Soap vollkommen, wenn sie sich vom Leben nicht mehr unterscheiden lässt. Der Anspruch an die Traumfabrik des Films wird vom reality tv ergänzt, dem es genügt, wenn Bolle bräsig im Container hockt. Subversion kann da ansetzen, wo die Bilderwelt des Spektakels angegriffen und die Ordnung, der sie entspringt, sichtbar gemacht wird. Dass die Chancen für eine umwälzende, emanzipatorische Praxis schlecht stehen, heißt noch lange nicht, dass die spektakuläre Ordnung immun wäre gegen subversive Angriffe. Zwar beruht auch der »kognitive Kapitalismus« (autonome a.f.r.i.k.a.-gruppe) auf Ausbeutung und Herrschaft und nicht auf Imageproduktion. Dennoch verkauft sich mit jeder Ware auch ein Image. Auch dieses Image anzukratzen und es mit der Imagination eines besseren Lebens zu konfrontieren, ist subversiv.

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Witterung fürs Kommende Strukturen in den politischen Bewegungen sensibel zu werden und diese zu thematisieren. Gerade künstlerische Protestformen brauchen diesbezüglich eine ganz genaue Analyse. Weil nicht nur mit Worten, sondern auch über Bilder kommuniziert wird, besteht eine große Gefahr, mit vereinfachenden Symbolen, Klischees und Stereotypen zu arbeiten, die kulturell in die Köpfe der Mehrheitsbevölkerung eingebrannt und somit einfach zu verstehen sind. Davor sind auch Menschen mit emanzipatorischem Anspruch nicht gefeit, ein aktuelles Beispiel ist das Heuschreckensymbol, für mich ein Symbol für ein völlig falsches und verkürztes Kapitalismusverständnis. Isabella Bischoff

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Theater ist ein Spiel mit der Veränderung. Die Spielenden schlüpfen in eine andere Rolle, das heißt, sie handeln aktiv, sind aber gleichzeitig immer gezwungen, sich selbst in ihrem Handeln zu beobachten und zu reflektieren. Diese performative Fähigkeit, also das eigene Selbst immer wieder neu zu reflektieren und zu gestalten, ist die Kunst des Theaters und seine große Stärke. Theater zu spielen ist somit sozusagen ein Prophylaxemittel gegen identitätsstiftende Ideologien. Ein anderer wichtiger Punkt ist, dass das Theater mit Bildern arbeitet, optisch Wahrnehmbarem, mit assoziativen Momenten und mit Emotionen. Es bietet deshalb mehr Erkenntniszugänge als die reine Kognition, wie z. B. das Lesen einer Information. Immer wieder tauchten in den letzten Jahren politische Aktionsformen auf, die sich an der Grenze zum Unsichtbaren Theater bewegen, wie zum Beispiel die Radio-

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balletts im öffentlichen Raum: Viele Menschen finden sich zur gleichen Zeit an einem Ort ein. Über kleine Radioempfänger bekommen sie Handlungsanweisungen. Das führt dazu, dass plötzlich – scheinbar zufällig und unabhängig voneinander – viele Menschen das gleiche tun. Das ist für mich ein spannender Ansatz, mit Normierungen und Regeln zu spielen, z. B. an sterilen Plätzen wie schicken Hauptbahnhöfen. Auch die Aktionen der Surveillance Camera Players aus den USA haben ein Konzept, das die Zuschauenden erst mal im Unklaren lässt, was da passiert. Sie spielen vor öffentlichen Videokameras, beten diese zum Beispiel an. Sie drehen die Videoüberwachung ins Absurde, indem sie sich bewusst vor den Kameras produzieren. Isabella Bischoff

Subversiv

Die Studier ten werden auch berührt – wunderbar!

Subversion lebt nicht vom Wort allein – sie ist mehr als reine Theorie. Je bedeutsamer die Produktion von Affekten und Gefühlen im Kapitalismus wird, umso bedeutsamer wird auch die Sinnlichkeit revolutionärer Bestrebungen. Ein Leben aus dem Katalog? Die Beziehung eine Soap? Markenidentität? MySpace? Second Live? Tasten, Schmecken, Sehen, Hören, Lieben, Leiden, Leben – Subversion ist sinnlich, Sinnlichkeit ist subversiv.

Die 1975 in Mexiko geborene und dort arbeitende Künstlerin Minerva Cuevas schafft mittels Installationen, Video, Fotografie, performativen Aktionen und Texten soziale Interventionen in verschiedensten Räumen; vom Internet über öffentliche urbane Räume bis hin zu Galerien und Museen. Stets sind ihre Arbeiten von sozial relevanten Fragen geprägt, z.B. die kommerzialisierte visuelle Kultur oder die ungleiche Verteilung von symbolischem oder materiellem Kapital. Teilweise nimmt sie in ihren Projekten selbst am Leben teil. 1998 gründete Cuevas in Mexiko-Stadt die Mejor Vida Corporation, eine global angelegte Firma mit all den dazugehörigen Produkten, Dienstleistungen, Kampagnen, wie auch einer Corporate Identity sowie einer Firmenphilosophie – ihre wohl bekannteste Arbeit. Wie der Name der Firma schon sagt, geht es darum, das Leben zu verbessern und lebenswerter zu machen. MVC verschickt auf Anfrage unter anderem kostenlose Empfehlungsschreiben, U-Bahntickets und preisreduzierende Strichcodes, bietet Dienstleistungen wie Gewaltberatung, öffentliches Saubermachen sowie Geldspenden für jedweden Bittsteller an und führt schließlich im öffentlichen Raum aufklärerische Kampagnen durch, z. B. zu der Herkunft von Nahrungsmitteln oder den vermeintlichen Finanzierungen durch Einkünfte der nationalen Lotterie. Cuevas subversiert auf diese Weise zum einen das Konzept und Funktionieren einer global agierenden Firma – die sich zudem, je mehr »Erfolg« sie hat, immer schneller in den Ruin wirtschaftet. Sie interveniert zum anderen mittels verbessernder oder erleichternder Aktionen im alltäglichen Leben. Die Arbeit ist damit gleichzeitig Kunst wie auch konkreter sozialpolitischer Aktivismus im Lebensalltag. Sebastian Stein

Foto: Minerva Cuevas


Performance ist theatrale Umsetzung auf der Bühne. Mir wird ganz oft gesagt, ich würde Texte von Judith Butler in die Bühnenpraxis umsetzen. Das stimmt nicht. Ich habe mal in Butlers Texte reingelesen und sie kaum verstanden, weil die so kompliziert sind. Die Sprache ist so speziell. Das entspricht meiner generellen Erfahrung mit der Wissenschaft: die Sprache ist nur für Eingeweihte verständlich. Meine Performance verstehen auch Nicht-Studierte und sind berührt. Die Studierten werden auch berührt, wunderbar… Wie gesagt: Praktische Demonstration. Ich biete Sachen an, die für die Erwartungshaltungen des Publikums herausfordernd sind. Dadurch, dass ich mit einem gewissen Einfühlungsvermögen auf die Menschen zugehe, gelingt es mir oft, sie für meine Performance zu interessieren. Wie ein Narr, der den Menschen auf der Nase rumtanzt und die Erlaubnis hat, ihnen

ganz Ungewöhnliches zu präsentieren. Die Kurzversion von bridgeland zwei »Die schönste Frau der Welt« spiele ich oft an Orten mit Mainstream-Publikum, in Restaurants, Varietés etc. Die meisten Menschen dort machen sich keinerlei Gedanken zur Konstruktion von Geschlecht. Ich spiele sehr gerne für solches Publikum. Die sind oft sehr aufgeschlossen, lassen sich überraschen, wollen etwas erleben. Da ist noch was veränderbar in der Sichtweise, wenn sie sich öffnen können. Brigde Markland

Foto: Bridge Markland/Montage

Subversiv Die ZuschauerInnen subversiver Aktionen werden verstört, aus ihrem Trott gerissen. Die Wahrnehmung kollidiert mit der Erwartung. Eine Kollision, die Platz für Neues schaffen soll. So können Widersprüche sichtbar, Utopien erlebbar werden. Subversion berührt und fordert heraus. Die gesellschaftlichen Normen ebenso wie die eigenen Erwartungen.

Foto: wir sind’s

Subversive Aktionen wecken das Unbehagen gegenüber den Verhältnissen. Transgender Performances, Kommunikationsguerilla, Straßentheater – sie alle reizen die Sinne, erzeugen ungewohnte Situationen. Mal tummelt sich ein halbnacktes Transgender-Wesen auf dem Schoß der ZuschauerInnen, dann durchbricht ein Radioballett die Normalität, indem Dutzende von Menschen auf der Einkaufsmeile rückwärts gehen (http://radio-z.net/ap_2003/radioballett.html).

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Theater als aktives Handeln ist das, worauf das Theater der Unterdrückten nach Augusto Boal aufbaut. Boal löste bewusst den Unterschied zwischen ZuschauerInnen und SchauspielerInnen auf. Alle Beteiligten sind aktiv, also SpectActors (wörtlich auf deutsch: Zu SchauspielerInnen). Zum Beispiel das Unsichtbare Theater entstand in Brasilien während der Diktaturen in Lateinamerika als Reaktion auf die massive Repression. Es werden Situationen auf der Straße simuliert, die nicht als Theater erkennbar sind. Das ist für mich die spannendste Methode Boals für eine subversive Praxis, besonders wenn Situationen gespielt werden, in denen nicht nur eine verbale Diskussion angeregt wird, sondern die Passanten gefordert sind, durch konkretes Handeln zu intervenieren: Also ihre passive ZuschauerInnenrolle zu verlassen. In Brasilien ist das fester Bestandteil der politischen Auseinandersetzung. Die Centros de teatro dos oprimidos arbeiten direkt mit basisdemokratischen Gruppierungen zusammen: In den Favelas, mit Straßenkinderorganisationen, der Landlosenbewegung, Frauengruppen, Gewerkschaften usw. In den westlichen Ländern sind die Methoden Boals in der theaterpädagogischen Arbeit Klassiker geworden. Im politischen Kontext werden sie leider selten genutzt. Isabella Bischoff


Subversiv Bridge Markland kreiert Tanz-Performances und Acts für Varieté Shows. Sie schreibt erotische Kurzgeschichten, ist Schauspielerin und Model. Im Alter von zwölf Jahren fand sie Männer toll, die »herumschwulten, um Platten zu verkaufen«. Beeindruckt vom Glamrock der Siebziger und Bands wie »The Sweet« fing sie an, sich mit den Themen Homosexualität und Queerness zu beschäftigen. In ihrer aktuellen Perfomance »bridgeland 2« laufen zwei Parallelwelten ab. Die Schönheit Angela geht auf eine Party, wo sie von einem Freund und einer Freundin erwartet wird. Angela flaniert herum, verhält sich aufreizend, flirtet mit den Gästen und bemerkt nicht, dass Freund und Freundin schon da sind. Von den beiden wird sie ausführlich und genüsslich aus dem Off beschrieben. Angela betrinkt sich und demaskiert sich. Sie nimmt Haare und Brüste ab, mutiert zum androgynen Wesen und geht selbstbewusst halbnackt ins Publikum. Im Publikum, das durch eine intensive Ausstrahlung in Bann gehalten wird, sucht sie sich erotische Flirts aus, statt nur Objekt der Begierde zu sein. Zurück auf der Bühne vollzieht sich die Verwandlung in einen machistischen Mann mit angemaltem Bart und Nadelstreifenanzug, die Frauenschminke bleibt erhalten. Der Mann

mutiert zum Monster und kotzt sich selbst aus. Das Stück wird durch eine erotische Phantasie zweier androgyner Wesen, die auf einem Kamel in der Wüste Sex haben, beendet. Das Interessante ist, dass sich das Publikum oft fragt, ob ich Mann oder Frau bin – trotz meines eindeutig weiblichen Körpers. Als Frau scheine ich auch immer noch so androgyn zu sein, dass sie denken, ich könnte eine Drag Queen sein. Ich habe diese Frau allerdings an Hollywood-Schauspielerinnen der 50er/60er Jahre orientiert, von denen Drag Queens sicher auch beeinflusst sind. Es ist schon spannend, dass einer Frau die übertriebene Darstellung von Weiblichkeit manchmal gar nicht zugetraut wird. Ich erweitere alle Grenzen, die der hetero-normativen Welt und die der schwul-lesbischen Welt auch, beim Begriff queer fühle ich mich ganz wohl. Wobei ich den Begriff nicht theoretisch eruiert habe, sondern ihn für mich so verstehe, dass ich sowohl die Hetero-Norm als auch die schwul-lesbische Norm übertrete.

Der überzeugendste Penis ist ein schlaffer

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Subversion richtet sich nicht immer (nur) gegen den Warenfetisch und die Konsumgesellschaft, sondern auch gegen andere, in die soziale Praxis eingeschriebene, Herrschaftsmechanismen. Die Annahme von Zweigeschlechtlichkeit und das Prinzip der Heteronormativität gehören zu den Grundüberzeugungen moderner Gesellschaften, bis weit in linke, emanzipierte Kreise hinein. Die gesellschaftliche Ordnungsvorstellung, aber auch die der einzelnen Individuen in ihrem Selbstbezug, ihren Beziehungen, ihrem Begehren und ihren Handlungen, ist von der Konstruktion einer eindeutigen Geschlechtsidentität in Abgrenzung zu einem anderen, ebenfalls eindeutigen Geschlecht abhängig. Das Queer-Konzept greift diese Ordnung an, indem es die Zweigeschlechtlichkeit als gesellschaftliches Konstrukt entlarvt. Wie radikal und im wahrsten Sinne des Wortes

»Es gibt viele Arten, einen Penis zu konstruieren. Einige verwenden ein Kondom, das sie mit Baumwolle ausstopfen, andere Männer nicht andauernd mit einer Erektion herumlaufen«

Ich war vor kurzem bei einer Podiumsdiskussion im Goethe Institut eingeladen, zusammen mit Jutta Limbach, der Chefin des Goethe Instituts, Maria von Welser, der Chefin des NDR, und anderen. Da fiel mir auf, wie schwierig es ist, sich grundsätzlich von den »bürgerlichen Feministinnen« abzugrenzen, denn diese gestandenen Frauen haben ja auch alle für ihre Art von Emanzipation gekämpft und sind in moderner Gendertheo-

rie genauso bewandert wie in neoliberalen Debatten. Ich hatte Respekt vor einer Frau wie Jutta Limbach, gleichzeitig hatte ich das Gefühl, es geht in der ganzen "Kita/Deutschland stirbt aus"-Diskussion letztlich nur um wirtschaftlichen Nutzen von weiblichen Arbeitskräften und von Kindern, die unsere Renten sichern sollen. Dieser gedankliche Ansatz geht mir gegen den Strich, aber mit einer Grundsatzdiskussion über Sinn und Un-


Subversiv Ich hatte mit der Kurzfassung vom Stück: »Die schönste Frau der Welt« auch einige Auftritte in einem »richtigen« Striptease- und Nackttanzlokal mit dem entsprechenden Herrenpublikum. Die nahmen Angela komplett für voll und waren dann schon sehr verwirrt über die radikale Verwandlung und die Brechung der Erwartungshaltung. Ich finde, das war einer meiner subversivsten Auftritte. Bridge Markland

Die ganze Gender-Debatte, also die Infragestellung und das Anzweifeln von Geschlechtern überhaupt, war wohl die subversivste Debatte in feministischen Kreisen der letzten zehn Jahre und ist längst nicht abgeschlossen. Seitdem Madonna zu Peaches’ Musik ihre AerobicÜbungen macht und seit Aphex Twin als vollbusiger Bartträger auftauchte (was ich dann später umgedreht habe mit meinem Cover zu »Ein Mädchen namens Gerd«), scheint das auch im Mainstream angekommen zu sein. Eine queere lesbische Band ist mittlerweile nicht mehr ganz so exotisch wie noch vor 20 Jahren (da waren es eher androgyne Männer wie David Bowie, die das männliche Geschlecht in Frage gestellt haben). Bernadette La Hengst

subversiv dieser Angriff ist, lässt sich an dem erheblichen Widerstand erahnen, den dieser Gedanke häufig auch in den fortschrittlichsten Diskussionen provoziert. Queering macht auch deutlich, in welchem Spannungsfeld Subversion und Politik sich bewegen. Das Spiel mit den Geschlechtern und die Verweigerung von Eindeutigkeit und Norm ist mit Sicherheit subversiv. Ein probates Mittel zur Verbesserung der Geschlechterverhältnisse ist es leider nicht. Hier haben die bürgerlichen Emanzipationsbewegungen mit ihrer politisch-liberalen Forderung nach gleichen Rechten und gleichen Entfaltungsmöglichkeiten deutlich mehr erreicht. Zwar nicht die praktische Realisierung von gleichen Entfaltungsmöglichkeiten, aber immerhin die rechtliche Gleichstellung.

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(Diane Torr: Geschlecht als Performance. Eine Anleitung zum Drag-King-Crossdressing) eingerollte Socken, eine Banane oder einen Dildo. Ich finde, der überzeugendste Penis ist ein schlaffer, da ja die meisten

sinn von wirtschaftlicher Nützlichkeit kann man den Damen nicht kommen. Auf der anderen Seite ist es gut, dass Frauen heute viel mehr Wahlmöglichkeiten haben, z.B. Elternschaft und Beruf zu vereinbaren, als noch vor 20 Jahren. Dennoch ist der Anteil der Musikerinnen in der Popmusik immer noch verschwindend gering; die Front-Sängerinnen, die in den Charts auftauchen, sind doch meistens nur Sängerinnen,

bzw. Identifikationsfigur und nicht selbstbestimmte Komponistinnen oder Produzentinnen. Dennoch ist es mir immer wichtig, nicht nur auf den Mangel hinzuweisen, sondern auf das Bestehende; es gibt so viele radikale, inspirierte, wegweisende Musikerinnen auf der Welt, die nur viel zu selten gehört werden. Bernadette La Hengst


Offensichtlich ist, dass bestimmte Formen der Subversion vergänglich sind, was gestern subversiv war, muss es heute nicht mehr sein. Insofern plädieren wir dafür, die Frage nach der »richtigen« Subversion stets gegenwärtig und im Kontext von konkreten Aktionen zu diskutieren.

autonome a.f.r.i.k.a.-Gruppe

In einer Ausstellung steht eine Statue aus langem, schwarzen Haar. Neben der bizarren Form hat die Installation (von Mandana Moghaddam) eine besondere Geschichte. Sie bezieht sich auf das gleichnamige persische Märchen Chelgis, in dem ein Mädchen mit 40 Zöpfen und diesem Namen von einem Dämon gefangen wurde. Diese Geschichte und die Abbildung von Haar ist dort subversiv, wo sie auf das Verbot des offenen Haares trifft – im Iran. Im Freiburger Museum für neue Kunst war zu Beginn dieses Jahres die Ausstellung iran.com zu sehen. Die Ausstellung wurde nicht nur

Kendell Geers wurde nach eigenen Angaben im Mai 1968 – diese wahrscheinliche Umdatierung stellt Teil einer auf die Konstruiertheit aller Geschichte abhebenden Arbeit dar – in Südafrika geboren und lebt in Brüssel. Er arbeitet mit Video, Fotografie, Installation, Skulptur, Performance und ist als Autor tätig. Inhaltlich beschäftigt er sich mit dem Kontext Südafrika, massenmedialen Repräsentationen, institutioneller Politik und Geschichte, Gewalt, Sex, Terror und Angst sowie

deshalb überregional beachtet, weil sie inhaltlich und ästhetisch Gegenwartskunst auf international hohem Niveau zeigte, sondern auch wegen des Ursprungslandes Iran. Während die BefürworterInnen der Ausstellung die Notwendigkeit und Chance von »Dialog«, »Austausch«, »Koexistenz« betonten, machten GegnerInnen geltend, dass jeder »Kulturaustausch« mit dem iranischen Regime, das sich im Vorfeld der Ausstellung mit der Wahl von Präsident Ahmadinedschad noch einmal radikalisierte, abzulehnen sei. So befand sich auch eine Ausstellung, welche die iranische Realität explizit kritisch reflek-

tiert, zwischen politischen Fronten. Sowohl in den ausgestellten Werken, als auch in der Debatte um die Ausstellung geht es um die Möglichkeiten kritischer Kunst und um ihre Grenzen. Vergleichsweise einfach erscheint es, wenn sich, wie oben, westliche Konzeptkünstler kritisch äußern. Trotzdem gilt auch hier: Je weiter sie sich vom Konsens entfernen, desto weniger werden sie gedruckt oder ausgestellt.

Subversiv Während es in einer formal-demokratischen Gesellschaft, in der die (Narren-)Freiheit der Kunst zumindest offiziell nicht in Frage gestellt wird, eher schwierig ist, überhaupt wahrgenommen zu werden, befinden sich KünstlerInnen in diktatorischen Regimes in einer anderen Situation. Gesellschaftskritische Kunst wird vom Staatsapparat oft dann schon als subversiv wahrgenommen, wenn sie sich für politische Beteiligung oder Gleichberechtigung einsetzt. Einige der Exponate, die in der Freiburger Ausstellung iran. com zu sehen waren, könnten im Iran niemals öffentlich gezeigt werden. In diesen Fällen ist die Frage des subversiven Gehaltes natürlich nicht so leicht zu beantworten – die Subversion ist da, sie kann aber nur außerhalb des Landes in voller Form wahrgenommen werden. Allerdings gibt es ja den Katalog mit den Abbildungen, das heißt, die Künstlerinnen und Künstler gehen ein gewisses Risiko ein, weil sie nicht wissen, ob ihnen Nachteile daraus erwachsen können. Da ist z.B. die Installation Harem von Afshan Ketabchi, die auf witzige und ironische Weise alte Stiche aus der Saffawidenzeit (16. – 17. Jahrhundert unserer Zeitrechnung) neu interpretiert und das Bild des erotischen Orients in eine hybride Projektionsfläche verwandelt. Für die iranische Zensur zeigt sie eindeutig viel zu viel Haut. Subversiv ist auch die Arbeit von Shirin Aliabadi und Farhad Moshiri. In Battleground of the Cultural Invasation sprechen sie ein heikles Thema an: die Zensur. Bei diesem

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Work in Progress sammeln sie Zeitschriftenumschläge – vorrangig Modezeitschriften – die ja prinzipiell durch die Zensur gehen müssen, um nackte Haut, Haar etc. zu vertuschen, wobei sich die Zensoren dabei als erstaunlich kreativ erweisen. Aliabadi/Moshiri stellen Bilder mit geschwärzten oder retuschierten Stellen aus. Das Künstlerpaar tut also in dieser Arbeit, die in der Ausstellung iran.com zu sehen war, nichts anderes, als die Realität so zu zeigen, wie sie ist. Doch über die Zensur zu reden, unterliegt der Zensur… Andere Arbeiten, die wir gezeigt haben, sind auf subtilere Weise subversiv. So z.B. die wandhohe Videoinstallation von Simin Keramati. Zu sehen ist eine ins Monumentale gesteigerte männliche Hand, die eine Gebetskette hält und langsam eine Perle nach der anderen fallen lässt. Das laute Klacken jeder Perle klingt wie ein brutales Statement: Eine Demonstration von Macht, der Macht des Mullahregimes.


allgemein mit Bedeutung und Zeichensystemen. In der Performance Kendell Geers & the FucKINGFUCKS (2007) wurden die BetrachterInnen kulturell entblößt – Pass, Mobiltelefon, Schlüssel und Schuhe mussten abgegeben werden – und von gesichtslosen »Wärtern« diszipliniert. In einer dunklen Halle wurde das Publikum Teil verstörender sensueller, auditiver, und visueller Erfahrungen. Am Ende fand es sich in einer Voyeursposition wieder, in der die Betrachtenden von Scheinwerfern angeleuchtet und mit

den Mittelfingern der vor ihnen tanzenden nackten Frauen bedacht werden. Das Ende der Performance stellte sich in Form eines gegen eine Wand projizierten Videoloops dar, der Plattitüden und Wortspiele um das Wort FUCK präsentierte. Die BetrachterInnen fanden sich hier in einer ungewohnten oder zugespitzten Situation wieder, welche die alltägliche Rollenordnung stark überspitzt, in der – vor allem weibliche – Menschen einem sexuellen Voyeurismus ausgesetzt sind. Sebastian Stein

Die Frage nach der richtigen Subversion Subversiv

Diese Arbeit wurde schon in Teheran gezeigt – und fand bei den religiösen Oberhäuptern großen Anklang. Sie ist sozusagen doppelt kodiert: sie kann eher »naiv« als religiöse Geste gelesen werden oder eben kritisch als Ausdruck von Macht und Unterdrückung. Die Doppelkodierung ist natürlich die beste Methode, um im Land selbst noch kritische Töne anzuschlagen …

Nicoletta Torcelli

Subversiv ist zum Beispiel das Verbot von freier Kommunikation im Iran zu durchbrechen. Webblogs sind dort wichtiger für die freie Kommunikation als in fast jedem anderen Land der Welt. Es gibt 62.000 Webblogs – wesentlich mehr als in Deutschland. Allerdings bemüht sich das Regime, die elektronische Kommunikation zu überwachen. Nach dem Gesetz ist die Beleidigung der islamischen Sitte im Internet oder der Telekommunikation ein Strafbestand, der bis zur Todesstrafe führen kann. Subversiv ist, was von unten in die Gesellschaft tatsächlich verändernd wirkt. Und im Iran heißt Veränderung, dass das Regime weg muss. Darum geht es. Von freier Kommunikation und Kunst kann im Iran keine Rede sein. Botschaften in diese Richtung verfälschen die Realität. Iranische Künstler und Journalisten führen, wenn sie unter sich sind, Diskussionen über Selbstzensur. Das ist das wichtige Thema in der iranischen Kunst. Ein normaler Künstler aus dem Iran würde aus dem Westen nicht zurückkehren. Deshalb sind die Künstler, die das Land verlassen dürfen, gut ausgewählt. Die Künstler, die aus dem Iran nach Freiburg zum Städteaustausch gekommen waren, wurden von iranischen Konsulatsmitarbeitern beobachtet. Sie konnten nicht einmal unbeobachtet vom Rathaus zur Eisdiele gehen. Wenn über die aktuelle Situation im Iran gesprochen wird, sind die Holocaust-Konferenz, die Vernichtungsdrohung gegen Israel, die Atomanlagen, Menschenrechte und Todesurteile unumgängM. Nematijoo liche Themen.

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Subversiv Ich bin mir manchmal nicht so sicher, was politischer Anspruch und Subversivität überhaupt bedeuten. Alles was man tut, kann so schnell vereinnahmt werden, anders oder falsch verstanden werden oder im Laufe der Zeit zum Mainstream werden, dass ich von mir selber nicht behaupten würde, davon frei zu sein. Wenn ich z.B. ein Lied gegen den G8-Gipfel schreibe, muss ich mir im Klaren sein, wer das Lied für sich benutzen könnte, z.B. Parteien oder NGOs, hinter deren Forderungen ich gar nicht stehe. Heute hab

ich in Berlin eine Schülerdemo gesehen, auf der u.a. gegen Studiengebühren protestiert wurde. Da kam über Lautsprecher die komplett unironische Aufforderung, alle sollten jetzt ihre Faust recken und einfach rausschreien, was sie anpisst, Hauptsache Rebellion! Das war schon lustig und erschreckend zugleich. Ich möchte doch eher differenzierter wahrgenommen werden und hoffe, dass meine Musik und meine Texte diese Widersprüchlichkeit und Zerrissenheit artikulieren. Bernadette La Hengst

Das Glüc k ist i m m er Für die Wirkung subversiver Strategien spielt nicht nur der Ort, sondern auch die Zeit eine Rolle. Was in den 70ern subversiv war, ist heute Teil der Kulturindustrie. Eine Losung im Häuserkampf zu Beginn der 80er Jahre hieß »Züri brännt«. Ein Titel der »Sex Pistols« war »I am an Antichrist«, in dem, wie Greil Marcus in »Lipstick Traces« schrieb, »Johnny Rotten an seinem Text zerrt und dann die Teile der Welt ins Gesicht schleudert«. Heutzutage ist Punk kompatibel mit MTV. Das Totenkopfshirt gibt es bei H&M zusammen mit den Plastiknieten. Aber »Das Glück ist immer ein neuer Gedanke« – lässt sich nicht als eine gute, alte (subversive) Zeit abspeichern. Diese situationistische Parole weist darauf hin, dass Freiheit, da sie in Arbeitsregimes nicht real existiert, nur in besonderen Momenten erahnbar ist. Zwangsläufig waren und sind also die besonderen Revolten immer neu. Subversion lässt sich nicht konservieren. Deshalb mussten die neuen sozialen Bewegungen der 70er mit den 68ern brechen, die Hausbesetzer und Punks der 80er mit ihren Vorläufern und so weiter. Nicht nur Brüche, sondern auch Kontinuitäten können Teil subversiver Strategien sein. Wie anders wäre es zu erklären, dass wir die inzwischen 40 Jahre alte »Situationistische Internationale« aufgreifen. Auch die, von den Adbusters eingesetzte, Technik

der Verfremdung hat eine lange Tradition in der Linken. Subversive Ansätze werden aufgenommen, integriert – am Fortbestehen des Kapitalismus ändert sich nichts. Und doch hat sich die Gesellschaft gewandelt. Die kulturellen Codes sind andere geworden. Subversion ist eine Waffe im Kampf um Diskurse. Auch wenn der Situationismus heute Eingang ins Museum gefunden hat, muss der Bezug auf ihn noch lange nicht gefällig sein. Das Interview über Situationismus mit Lars Quadfasel wurde vom Freiburger »Regioartline Kunstmagazin« zunächst angefragt und dann wieder abgelehnt. Die Antworten hätten, hieß es, im Magazin »für ziemlich viel Wind gesorgt«. Als problematisch bezeichnet wurde »der polemische Ton«, »reflexhafte Überzeichnungen«, »die Instrumentalisierung situationistischer Theorie für die antideutsche Kritik« und die »seltsam-diffuse Resignation« der Antworten. Dazu würde das Interview »im Rahmen des Kunst-Kontextes fern und außerirdisch« wirken. Einmal ist ein besonderes Lebensgefühl subversiv – und ein nächstes Mal vielleicht wieder die beharrliche, intellektuelle Tätigkeit, eine »militante Untersuchung«, auch wenn sie keine unmittelbare Aktion nach sich zieht. Ein Beispiel dazu auch auf den folgenden zwei Seiten über ein Schiffsunglück ohne Bilder.

Die Perspektive, dass es Besseres geben könnte als Farbfernseher, Kleinwagen und Eigenheim, dürfte den meisten heutzutage exotisch genug vorkommen. Die gesamte revolutionäre Linke von 1968 ist inzwischen ins Museum verfrachtet worden, wo sich die gelangweilten Massen den kleinen Thrill für zwischendurch holen. Es wäre albern, dagegen zu fordern, situationistische Interventionen hätten sich auf hektographierte Flugzettel zu beschränken, damit die Authentizität gewahrt bleibt. Gerade die Authentizitätssucht hat die Linke kompatibel mit dem Kulturgedöns gemacht: durch die theatralische Stilisierung zum schwieligen Arbeiterführer, unterdrückten kurdischen Bergbauern oder genialen Bohemien. Albern aber auch, von einer Ausstellung etwas zu erwarten, gar eine Auseinandersetzung. Wer etwas von den SituationistInnen will, findet es, auch im Museum, wer nicht, der eben nicht. Lars Quadfasel

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Subversiv Es ist nicht überraschend, dass sich Leute mit verschiedenen Interessen der Kommunikationsguerilla annehmen und sie für ihre Zwecke nutzen wollen. Werbung, PR und Marketing setzen in Zeiten, in denen Aufmerksamkeit zum knappen Gut geworden ist, immer wieder auf das Überraschende, Unerwartete und Spektakuläre, Stichwort »Guerilla Marketing«. Dass Formen der Kritik und der Revolte integriert und adaptiert werden können, ist aber aus unserer Sicht kein so großes Dilemma wie die Frage nahe legt. Die herrschenden Verhältnisse sind kompliziert, und die Revolte wird immer von denselben Verhältnissen geprägt sein, mit denen sie sich auseinandersetzt. Eigene Handlungsmuster und Aktionsformen müssen immer wieder kritisch hinterfragt werden, die garantiert kritische Kritik oder die garantiert rekuperationsfeste

Aktionsform gibt es nicht. Auch die (Ideologie-)Kritik des Spektakels ist Teil des Spektakels. Aus unserer Sicht zeigt das Interesse der anderen Seite vor allem, dass die Auseinandersetzung um die Kommunikationsverhältnisse ein Ort relevanter gesellschaftlicher Kämpfe ist, die in vielerlei Hinsicht produktiv sind. Nur »die Linke« hierzulande ist so blöd zu behaupten, dass das Terrain, auf dem die Kämpfe stattfinden, nicht betreten werden darf, weil es der Gegner auch tut. Die Werbung und das Spektakel sind da. Und wir sind gleichermaßen Teil des Spektakels. Es ist unsere Aufgabe das Subversive zu suchen, zu formulieren und Vorschläge zu machen. Es gibt dafür kein Rezept und manches Mal werden wir eine schlechte, weil integrierbare Aktion gemacht haben. Und dann wieder eine gute, und autonome a.f.r.i.k.a.-gruppe dann wieder eine nicht so gute …

ein neuer Ge

danke

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Subversiv Géricaults Floß der Medusa ist eben selbst ein Bild, das sich konkret auf politisches Handeln bezieht. Seine Entstehung und Wirkungsweise versuche ich unter anderem mit Peter Weiss’ Ästhetik des Widerstands zu verfolgen. Géricault stellte der Produktion seines Bildes so etwas wie eine militante Untersuchung voran, die methodisch sehr unterschiedlich war zu dem, was ansonsten in dem von Staat und Kirche frei geworde-

nem Historienbild der französischen Romantik gängig war. Er bezog sich auf eine Nachricht von 1816 über die Vorfälle um das Floß Medusa: Eine Fregatte, besetzt mit französischen Regierungsmitgliedern, läuft vor der senegalesischen Küste auf eine Sandbank. Die Besatzung rettet sich in Booten, kappt aber in einem aufkommenden Sturm die Leinen zum letzten Floß, in dem sich der dritte Stand befindet. Die Regierung im ersten Boot

Aus dem ungläubigen Staunen darüber, dass im Jahre 2001 ein indonesisches Flüchtlingsboot vor der australischen Küste sinken konnte, über 350 Menschen dabei umkamen, und so gut wie kein Bildmaterial und keine Informationen dieses unglaublichen Vorgangs an die Öffentlichkeit drangen, entstand das Projekt SIEV-X. Zu einem Fall von verschärfter Flüchtlingspolitik. SIEV-X steht für Suspected Illegal Entry Vessel X, die bürokratische Bezeichnung des Bootes, von dem es kein Bild gab. In aufwändigen Recherchen hat Dierk Schmidt versucht, die Hintergründe zu beleuchten: wer war an Bord dieses Bootes? Warum gab es keine Bilder? Was sagen die australische Regierung und die UNHCR dazu? Neben der Dokumentation dieser Hintergründe mündete die Arbeit in einem Triptychon, das

überlässt also den dritten Stand sich selbst, und als dann der Kapitän und der zukünftige Gouverneur die Küste von Senegal erreicht hatten, wurden keine Rettungsversuche unternommen. Die Floßgeschichte wurde Sinnbild für politisches Regierungshandeln, das in perfidester Art und Weise einen Teil seiner Bevölkerung sich selbst überlässt. Géricault hat versucht, mit Realismen an die Nachricht heranzukommen: die Überlebenden zu interviewen und portraitieren, das Floß nachzubauen. Er hat das Historienbild umgekehrt, weil er die Hegemonie, die restaurativen Regie-

sich mit unterschiedlichen Ansätzen der Historienmalerei auseinandersetzte, nämlich einerseits das Floß der Medusa von Géricault und andererseits Delacroix’ Die Freiheit auf den Barrikaden. Beide Gemälde hängen heute im Louvre nebeneinander, verkörpern aber zwei verschiedene Auffassungen von »politischer Malerei«, von Historienmalerei (in der Sprache Peter Weiss’ von operativer und idealistischer Ästhetik). In Dierk Schmidts Triptychon hängt an der Stelle Géricaults sein Bild Xenophob – Schiffsbruchszene, gewidmet 350 ertrunkenen Asylsuchenden im Indischen Ozean, 19. Oktober 2001 am Morgen. An der Stelle des Delacroix-Bildes hängt bei Schmidt Freiheit, und in der Mitte ein Bild, das wiederum die Bildsituation im Louvre reflektiert.

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SIEV-X – gewidmet 350 ert


Subversiv rung, der bisher das Format gehört hatte, aus der Darstellung ausschließt und damit die Hierarchie umkehrt, das höchste Gattungsformat in der Malerei enteignete. Im Louvre, in ehemals höfischer Architektur, wurde Das Floß der Medusa zu Schiffbruchsszene umzensiert. Daran kann man auch sehen, wie konkret die Benennung den getroffen hat, der gemeint war. Genau diese Entpolitisierung ist heute tendenziell in der Kunstgeschichte sichtbar, die es als universales Katastrophenbild liest und Géricault sowie Malerei generell ein politisches und Partei nehmendes Anliegen abzusprechen sucht. Dem gegenübergestellt in diesem Blick auf das nachrevolutionäre 19. Jahrhundert ist das bekannte Delacroix-Bild Auf der Barrikade. Delacroix hat eine sehr starke Typisierung eingebracht und eine viel stärkere Distanz zu dem historischen Geschehen; es ist viel mehr ein idealisiertes Atelierbild. Diese kunstin-

terne Konstellation zwischen Géricault und Delacroix verschränkte sich für mich mit der Nachricht von einem vergleichbaren Boot, eines Flüchtlingsbootes mit 400 Menschen aus dem irakischen und afghanischen Raum, das vor der australischen Küste sank. Nur 44 von ihnen überlebten das größte Unglück vor der australischen Küste, aber es gab in deutschen Medien fast keine Notiz davon. Das war ein Floß des 21. Jahrhunderts. Das hat für mich bedeutet, Géricaults Methodik einer militanten Untersuchung, die man heute investigativen Journalismus nennen könnte, zu übernehmenund miit der UN, mit der indonesischen und australischen Botschaft Kontakt aufzunehmen, um zumindest die Namen des Bootes, der Überlebenden oder Ertrunkenen herauszubekommen. Die Antwort der UN war, dass es nichts gäbe, und das war für mich der Anlass, dieses Bild an die Stelle zu setzen, wo es kein Bild gab. Es stellte sich später heraus, dass es kein Bild geben sollte, also dass es von der australischen Regierung mitinszeniert und auch verhindert worden war, dass es dieses Bild gibt. Methodisch konnte ich an dieser Stelle nicht mit einem Fotorealismus arbeiten, es würde einen Anblick verifizieren, den es nicht gab. Ich musste konstruktiver sein. Das Schwarz im Bild bezieht sich einerseits auf dieses Informations-Loch, anderseits auf den Umstand, dass die von Géricault damals verwandten modernen Teerfarben noch zu Lebzeiten schwarz wurden. Mein Bild war deshalb auf schwarzer Teichfolie gemalt. Die Folie war für mich in den Jahren zuvor immer der Versuch, ein Bild zu entmonumentalisieren. Es lässt sich falten oder rol-

len und mit in den Zug nehmen, und dadurch ist es für mich handhabbar. Außerdem kann man es wie ein Layer über eine Raum-Situation oder aber auch über ein Bild darüber hängen, es ist dem Raum geliehen, es kommentiert. Dann ist es darüber hinaus fragiler und vergänglicher. Damit gibt man, wenn man Historienmalerei nicht als Repräsentationsmalerei versteht, automatisch zu, dass es nur kurzlebig und nicht lang diskursfähig ist, wenn es eine Nachricht verarbeitet. Auf der schwarzen, quasi tiefgründigen Teichfolie ist es schwierig, mit hellerer Farbe zu arbeiten. Mir war wichtig, das Ganze als meine Konstruktion auszuweisen. Das Fischerboot, das ich nur in Anlehnung an vergleichbare Boote erahnen konnte, wurde als weiße Konstruktion auf das Bild übertragen. Nur dort, wo ich bestimmte Fernsehbilder von den 44 Überlebenden hatte, nur dort ist es farbig und fotorealistischer, näher an unseren Sehgewohnheiten und näher an dem verifizierenden Moment eines Fotodokumentes. Dierk Schmidt

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trunkenen Asylsuchenden


S ueingeladen, b v e r s i vals Musikerin Ich werde ja oft bei feministischen Events oder als Diskutantin, und da fällt mir immer wieder auf, wie sich die ganze Diskussion um sich selber dreht und immer wieder diejenigen anspricht, die sich sowieso schon damit beschäftigen. Man kann jetzt sagen, dass man die eigene Szene damit stärkt, aber ich möchte auch aus dieser Szene ausbrechen und auch junge Mädchen erreichen, die nicht aus intellektuellen Elternhäusern stammen, die nicht Pop & Politik-sozialisiert sind. Neulich war ich in Kreuzberg bei einer Veranstaltung mit dem Thema »Ehre«. Es wurden mehrere Filme gezeigt über Ehre in verschiedenen Glaubensrichtungen und im Publikum waren ganz viele junge türkisch-muslimische Mädchen, aber auch Jungs zwischen 15 und 25. Als sich in einem Film ein türkisches Mädchen als Lesbe outete, ging ein Raunen durch den Saal, das war wirklich aufklärerisch und mutig, ich hatte das Gefühl, es hat etwas in den Köpfen bewegt.

Mit den Jahren haben wir unsere Aktionen weiter entwickelt von eher aufklärerischen und agitatorischen Formen hin zu Methoden, die eher dem Bereich der Kommunikationsguerrilla zuzuordnen sind. Mein politisches Denken ist komplexer geworden. Ich möchte zwar immer noch Position beziehen, klar, aber nicht den Leuten das Denken abnehmen und fertige Lösungen bieten. Ich möchte viel mehr irritieren, Widersprüche in der Gesellschaft und im Einzelnen sichtbar machen, überspitzen, ins Absurde führen, verfremden. Es gilt, neue Wege zu finden, Wege der Kommunikation, der Solidarisierung und der Fähigkeit, Utopien wenigstens zu denken, Visionen zu entwickeln. Isabella Bischoff

Bernadette La Hengst

»Auf Demo s spielen, das kann ja zu stellen jeder (…) A und »Ja« zu ber sich vo r modernen r die Wurs Welt zu sag Das Zitat st thaare e n ammt von ei ? « (Schw nem da

rauf gewor abinggrad fen hatte, um Mitglied des Schwab Ballett) inggrad Bal bzw. damit zu b es ch re le spielt, auch tt, der eher iben, dass das Ballett Erwartunge von außen F.S.K. (Freiw einen Blick nicht so le n der Linken illige Selb icht zu vere zu brechen stkontrolle an Aktualit innahmen . Das Lied »J ) ist ja sch ät eingebüß ist, on über 20 a zur moder t. Ich weiß grundsätzlic Jahre alt, h n nicht, was h immer um at aber ansc en Welt« von wirklich le Provokatio als dass si heinend nic tztlich hän n, aber es is ch alles im gen bleibt, hts t natürlich Einklang w zusammen es geht mir meistens sc iegt. Ich h Lieder gesc n ic ht ab h ön e h je ri er Tabu an. Dar tzt schon öf eben, seine , ter mit dem wenn man verstört, Texte hande f man das W ln meist vo ort Konzen K Auschwitz m ün stler Volker trationslag m Holocaust enschlich w März er singen? und tasten ar? Auf ein Seite verein Darf man in er Popbühn da auch ein nahmt, aber de e w n ürde das nic Raum schm auch in der Diskussion ht gehen, b zu stellen, Kunst schei zw. sofort vo eißen, dass obwohl man nt es unmög eine größer n der falsch do lich zu sein e Vielschic en , einen solc htigkeit mög ch eigentlich davon au hen Satz zu sgehen soll lich ist. te, dass in r diesem Rah men Be rn ad et te

Gesprengt werden sollte – ach je, vieles !

La He ng st

Gespre ng wahrsc t werden sol heinlic lte – a ch h burger Tor an sollte man m je, vieles, un fangen it dem d zerlege .D B n, war der ein as in winzig randenVorsch e Teile lag für zige er nst zu z e mal‘, d nehme u er mir in deutsches nde bislan ‚H Zur Ze o l o ca g zu Oh it ren gek ust-MahnS e l b s t m allerdings h ommen aben d ordbom ist. ie isla lenmas ber da m ist ch s sonder inen. Die sp M o n o p o l a u f ischen n Mens r chen in engen keine d i e H ö l publik Ko umswi d ie Luft rks . Wo si nsense, waffne ch das t. Mens am erweist, al is chen, d terdrüc ie gout t die Kritik e s ku ieren, ntkann m ng nicht abs w as die chafft, an viel Unso le ihrem Glück z icht bekämp ndern verewi fen, ab g wingen vor sic er nich t, .D h t zu Gelege selber erschr azu müssen nh sie sch ec on tun. Vi eiten hinzuw ken. Mehr, a ls auf eisen, k elleich die t schau ann ma vor dem en n da ni Weg zu cht Spiege r Arbe sie ja eines l. it, etw as gen Morgens, auer in den L a rs Q u

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a d fa s e l


rengt n e ch je, a – e ! s

Oft verschließt Adbusting die kommunikativen Räume eher als sie zu öffnen, wenn sich die verfremdeten Botschaften lediglich als »Aufklärung für Eingeweihte« herausstellen. Es geht dann weniger um Kommunikation mit Nicht-Eingeweihten als um die Selbstvergewisserung, auf der richtigen Seite zu stehen. So richtig es ist, das Unsichtbare sichtbar zu machen, stellt sich die Frage, warum dies häufig mit moralischem Rigorismus und formelhafter »political correctness« erfolgen muss. Seitdem Unternehmen gelernt haben, Kritik als »Corporate Social Responsibility« zu integrieren, stellt sich die Frage, welche Funktion Kritik noch hat.

Subversiv

autonome a.f.r.i.k.a.-gruppe

elle er St s e i d , n n. Leserten wir Sie a wir damit beer rInne d e t n h u c s t l ra .A en s üb h bi r Bet erInn Ende zu. Doc eßende Worte waren wir un ge de s u A e L im rte dem schli keln, auch llem a Verehow neigt sich für einige ab nkt zu entwic r o v h liegt pu eit anz , sie die S hwer s samk c e k s t r ann g n x e k e e t m , f t m n u k e o d r h um A des K in un iv wi sen T bvers ng se Frage n, die u u e s : e k n r g n i i i d i n W in lt, st un ga re m Gr nell e ze zie ht nu igten t e h n c i h h c a n c s c G i l t e . Er fs is bs eins nheit aus w on au rsion e bea e i s e g s d i v r e n e l b e u e v w Su ruch wen e Ang icher e Sub urchb nlich mögl nn di ie für D ö e r s w m e r w u d s e h feln lz ep on uc Wa Zwei weife gig v en. A zt ein d f Z t n n u e n ä l u a e h l u z en in en er unab nicht dank der e gung uwid e o e u z G k n e r z n e e a r a k u g n e ed n Übe alles s Wa ihr so auf n ver G ng in dass eilige chen u versi , w s g b n e n u u j e e e s d n z r ein Über t we llen M on de en so weck t eine uch v n e g a o g n t i i t g r g b en hän ellun nterv , das Vorst ven I i e i s r – wie d e l l v l in it sub es so chma ab. M rden, n e a w m h cht gerät g sic gebra ellun llung t s e t r s o r i w eVo eV er di h zu iese d c D s i n . i n e orzy ft, nt bloß « (Ad lscha n kön l n i r e e e e r s s e e m li G rs sein. he im iner nstal ande ersiv irklic . In e l zu i v t ganz i a b W e e u h d s s I a z ven s ssen kt, »d versi ingen h »al t n b c n ä u r r Verge o s u h K s d c er de da ckt f bes ke je lein ung d schri l n r g a a i e d d d darau r i e e un Verte genmt, d Kerng len« t der er Au t nim ts die i s s d i derho e n t r r « s i e e n be on den en ann b m in versi en Le dank t e b e u d u no), k G g S h . n c em stenz nd si diese mit d n Exi wer litzt u e »Her b d n f n e u u g a hen r ei te, ents ereic or de könn B v Mom n n i g e e fi s le uns d gsläu n vie was t, um das, zwan leibe h b c m h u e c a d r o , in ist. und d ir geb blick hern en w , was t ä b l l n a , die e u h t z s an ten aben i k h i e t Weg t i S f l f o a zig u ma esch und P Zwan aus z cht g unst i r K n a , l G n a a w s en nm ersio rden, er ei sen d o s d Subv i . e w n i n t e s l w g n offe wir e Verhä ir es htbar n w n c i e e n s b d Frage n a n d e we m zu cht h Stell en un Auch iellei erksa igen stürz V n m i f u . e z t u r a an dem st nie rung ht ist n Ga faszi r mit c e e i t r n Regie i e e o l e i d l e ers ich w er an nen. … vi Subv aktio ten, s chen en od e o n b i R ema e e h e g T r g en Ih ächs m egun t auf auf d um n r n z uns a n e n s i A i a S p B e . n ein hafft, d ges aben n gesc ir sin t zu h r Ihne r e W e aktio d . i t o n i en r. ie red e irr ftige e i d ä S m h , r m c mach i es ei ffen w st wi a zu b all ho lles i F Them a t n s e d der fa Auf je n wie n e w al, ten m

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Die ‚zivilisatorische Mission’ deutscher Kolonialisten in den afrikanischen Kolonien bedeutete nicht selten sexuelle Ausbeutung und Gewaltexzesse gegen die Kolonisierten. Das blieb auch der zeitgenössischen Öffentlichkeit im Kaiserreich nicht verborgen, und so kam Ende des 19. Jahrhunderts der Begriff »Tropenkoller« auf. Mit ihm glaubte man die Ursache für das Fehlverhalten von Deutschen in tropischen Ländern bezeichnen zu können – ohne sich sicher zu sein, ob es sich wirklich um eine »Krankheit« handelte. Unser Autor Stephan Besser zeichnet im Rahmen unserer fortlaufenden Reihe zum deutschen Kolonialismus die schillernde Debatte um den »Tropenkoller« nach. Er stellt die Frage, ob die heutige Vorstellungsfigur des »Kulturschocks« als postkoloniales Äquivalent zum »Tropenkoller« betrachtet werden kann.

Filmstill aus: »Die weiße Massai«

Tropenkoller Zur Psychopathologie des deutschen Kolonialismus

von S t e p h a n B e s s e r

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t Der Begriff »Tropenkoller« ist noch heute koller in den Kolonialdebatten in Presse und in den meisten deutschen Wörterbüchern zu Parlament ebenso geläufig wie in Tropenmefinden und seine ungefähre Bedeutung wohl dizin, Sexualwissenschaft und der Literatur. allgemein geläufig. Weitgehend vergessen ist Doch wie genau die Definition des Tropenhingegen, dass es sich um eine koloniale kollers lautete und was seine Ursachen und Begriffsbildung handelt. Wie das »TropenAusdrucksformen seien, blieb oft im Unklaren fieber«, die »Tropentauglichoder strittig. Wahrscheinlich keit« und die »Tropenkranklag das Geheimnis seines ErDer »Tropenkoller« heit« wurde der Tropenkoller folges in eben dieser Unbein einer Zeit erfunden, in der ist eine Erfindung der stimmtheit: An der Schnittdie Besiedlungsfähigkeit trofläche verschiedener Wissprichwörtlichen pischer Erdregionen für Ansensformen und Diskurse Berliner Schnauze gehörige der weißen ‚Rasse’ entzog sich der Tropenkoleine Frage von eminentem ler jeder eindeutigen Bepolitischen und wissenschaftstimmung und konnte geralichen Interesse darstellte. Die Epoche des de deshalb zu einer Art Meta-Syndrom des wilhelminischen Kolonialismus war auch eine deutschen Kolonialismus werden. Gründerzeit des »Tropischen« in der deutDie nahe liegende Vermutung, das Synschen Kultur, und der Tropenkoller ist eines drom habe vor allem der pseudowissenihrer widerspruchsvollsten Produkte. schaftlichen Entschuldigung kolonialer GeIm Rückblick fällt vor allem die schnelle walttaten gedient, greift deshalb zu kurz: und gründliche Verbreitung des neuen BeSchon zeitgenössisch wurde der Tropenkoller griffs auf. Schon kurz nach seinem Auftaukeineswegs allgemein für eine ‚wirkliche’ chen Mitte der 1890er Jahre war der TropenKrankheit gehalten. Seine Erfolgsgeschichte

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Juli / August 2007

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ist also nicht das Produkt einer uniformen Kolonialideologie, die sich ohne weiteres ‚entlarven’ ließe, sondern ein Hinweis auf die Vieldeutigkeit und Widersprüchlichkeit des Kolonialismus selbst.

Paschas und Parias t Soweit sich das heute noch ermitteln lässt, handelt es sich beim Tropenkoller um eine Erfindung der sprichwörtlichen Berliner Schnauze, die um 1894 als Bezeichnung für die »krankhafte Reizbarkeit« europäischer Beamter in den Tropen in Umlauf kam. Konkreter Anlass hierfür war der erste einer Reihe sogenannter »Kolonialskandale«, die die wilhelminische Öffentlichkeit im Jahrzehnt um 1900 beschäftigten. Sein zentraler Protagonist, der Kameruner Vizegouverneur Heinrich Leist, hatte im Dezember 1893 eine Gruppe afrikanischer Frauen auspeitschen lassen, um sie zur Arbeit zu zwingen, und dadurch einen Aufstand der lokalen Polizeitruppe ausgelöst. Zum Skandalwert des Falles trug die Enthül-


Deutscher Kolonialismus lung bei, dass Leist in Kamerun wie ein »Pascha« gehaust und einige im Gouvernementsgebäude festgehaltene Frauen regelmäßig zum Geschlechtsverkehr gezwungen hatte. Ähnlich hohe Wellen schlug im Jahr 1896 der Fall des Reichskommissars Carl Peters, der 1891/92 in der Kilimandscharo-Region mehrere AfrikanerInnen hatte hinrichten lassen, unter ihnen seine schwarze Konkubine und deren vermeintlichen Liebhaber. Im März 1904 schließlich wurde der Schutztruppenleutnant Prinz Prosper von Arenberg nach langjährigem Gerichtsverfahren als heilbarer Geisteskranker in eine Nervenheilanstalt eingewiesen, weil er in Deutsch-Südwest-Afrika den »Bastard« Willy Cain geprügelt und anschließend hatte hinrichten lassen. Diese individuellen »Exzesse« kolonialer Gewalt sorgten in der Heimat vor allem deshalb für Empörung, weil hier offenbar eine Umkehr des Ideologems von der »Zivilisationsmission« zu beobachten war: Die vermeintlichen Kulturträger entpuppten sich in der Fremde selbst als »Barbaren«. Doch dass Leist, Peters, Arenberg und andere »Kolonialverbrecher« um 1900 zu Parias der kolonialen Ordnung wurden, hatte weniger mit der moralischen Verwerflichkeit ihres Handelns zu tun. Es beruhte eher auf einer umfassenden Neujustierung des kolonialen Machtapparates, die 1906/07 als »Kolonialreform« auch institutionell verankert wurde. Sie zielte auf einen Übergang von der rücksichtslosen Ausbeutung der Kolonien und der Verdrängung der afrikanischen Bevölkerung hin zu einer Politik der »Negererhaltung« und der dauerhaften ökonomischen »Inwertsetzung« der überseeischen Territorien. »Sowohl vom utilitarischen wie vom humanitären Standpunkte«, notierte der Publizist Franz Giesebrecht 1897, sei man zu der Erkenntnis gekommen, dass eine dauerhafte »Fruktifizierung« der Kolonien nur durch eine »fachgemäße, methodische Behandlung der Eingeborenen« zu erreichen sei. »Fachgemäß« und »methodisch« waren Strafmaßnahmen wie diejenige von Leist keineswegs: Sie bargen nicht nur das Risiko von Aufständen und der Abwanderung von Arbeitskräften, sondern konnten durch schwerwiegende Verletzungen der Opfer deren Arbeitskraft schmälern. Nach 1896 unternahm die Kolonialregierung deshalb wiederholt Versuche, die Verhängung von Prügelstrafen und Auspeitschungen zu reglementieren und sie hygienisch und gesundheitlich zu überwachen. Die in den deutschen Kolonien akribisch geführten Prügelstatistiken weisen allerdings aus, dass die Zahl der Züchtigungen nach der Jahrhundertwende gerade zunahm – vermutlich vor allem deshalb, weil sie als effektivstes

lenkte ab von der grundsätzlichen Gewaltförmigkeit des Kolonialismus, von täglichen tausendfachen Prügelstrafen, militärischen »Strafexpeditionen« und Kolonialkriegen bis Verrat an die Lüste hin zum Genozid. t Auch auf dem Gebiet der Sexualmoral Ein unproblematischer Begriff war der wurden der kolonialherrlichen Willkür um Tropenkoller aber für die Vertreter der Regie1900 engere Grenzen gesetzt. Hatten kolonirungspolitik keineswegs. Das hat vor allem ale »Konkubinate« – die sexuelle und hausmit dem zutiefst ironischen Charakter dieses wirtschaftliche Ausbeutung schwarzer Frauen Wortes zu tun, das sozialdemokratische und durch weiße Männer – zunächst als unproliberale KritikerInnen der Kolonialpolitik verblematische Arrangements gegolten, so wendeten, um anzuprangern, dass man eben rückten um die Jahrhun»für alle rohen Acte in den dertwende die Gefahren Tropen eine Entschuldigung Afrika ist ein beliebter der »Blutmischung« und vorzubringen wisse« (Rasch). Imaginationsraum »Verkafferung« in den Die politische Debatte über Mittelpunkt der rassenhyfür sexuelle Grenzüber- den Tropenkoller war von Begienischen Debatten. Den ginn an eine Debatte zweiter schreitungen »imperialen Patriarchen« Ordnung, in der es weniger der kolonialen Gründerum medizinische Fragen oder und Eroberergeneration trat das »liberal-nadie Bedeutung des Begriffes ging, als um seitionale« Männlichkeitsmodell des Siedlungsne rhetorische Funktion. So versuchte der liberale Abgeordnete Eugen Richter in der Parkolonialismus gegenüber, das die deutschen lamentsdebatte über den »Fall Leist« die ErMänner in der Fremde als ökonomisch und findung des Tropenkollers den Konservativen rassenhygienisch verantwortlich handelnde in die Schuhe zu schieben, um sie anschlieStaatsbürger entwarf (Wildenthal). Autokratißend für den Gebrauch solch fadenscheiniger Entschuldigung kritisieren zu können. Dieser Debattentechnik wichen die Vertreter der Kolonialpolitik durch eine äußerst sparsame Verwendung des Begriffes aus. Reichskanzler von Caprivi etwa erklärte in seiner Reaktion auf Richter, dass er dem Tropenkoller keinerlei »Wirkung zuschreiben« wolle und machte stattdessen einen Mangel an deutschen Frauen für das mitunter bedenkliche »sittliche Niveau« des Koloniallebens verantwortlich (Reichstagsdebatte vom 17.2.1894). Doch auch an sich war die Behauptung vieler Konservativer, dass das tropische »Klima« bei kolonialen Gewalttaten eine Rolle spiele, keineswegs unverfänglich. Denn wenn man den Lebensumständen in den Tropen solch weit reichende Auswirkungen auf das »Nervensystem« und die Zurechnungsfähigkeit deutscher Kolonisten zuschrieb, lag der Umkehrschluss nahe, dass die ‚weiße Rasse’ in Afrika fehl am Platze sei. Der Tropenkoller markiert also gerade eine Bruchstelle zwischen einem starken, bioloDer Tropenkoller als Perversion gisch definierten Begriff von ‚Rasse’ und der Titelillustration von Wendens Tropenkoller (1904) kolonialen Siedlungsideologie. Mittel galten, die Kolonialuntertanen zur Arbeit zu zwingen.

sche »Paschas« wie Leist und Peters erschienen nun als moralisch zweifelhafte Gestalten, die ihre kulturelle und rassische Identität an ihre Lüste zu verraten drohten. Vor diesem Hintergrund wird die Bedeutung des Tropenkollers als Syndrom des Reformkolonialismus erkennbar: Mit seiner Hilfe ließ sich eine deutliche Grenze ziehen zwischen der ‚normalen’ und der pathologischen Gewalt des Kolonialismus, dem illegitimen »Exzess« und der legitimen Strafe. Die Rhetorik vom pathologischen Einzelfall iz3w

Das Geschlecht des Kollers t Von diesen Fragen und Problemen handelt – auf sehr eigene Weise – die erste ausführliche Beschreibung des Tropenkollers als Syndrom. Sie findet sich bezeichnenderweise nicht in einer medizinischen Studie, sondern in einem literarischen Text, Frieda von Bülows Kolonialroman Tropenkoller. Eine Episode aus dem deutschen Kolonialleben (1896). Verfasst als Polemik gegen die wohlfeile Entrüstung über die »Kolonialverbrecher«, plädiert der

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Roman für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem titelstiftenden Syndrom. »Um witzige Namen sind die Berliner ja nicht verlegen«, empört sich Eva Biron, die Heldin des Romans, als sie in der Treibhaushitze Ostafrikas von der Existenz des neuen Schlagwortes erfährt. Die Handlung suggeriert, dass man eigentlich zwischen zwei Formen des Tropenkollers zu unterscheiden habe: einer klimatisch bedingten, verkörpert durch den blonden »Forstassessor« Udo Biron, der in der Tropenhitze eine »krankhafte Überreiztheit« entwickelt, und einer charakterlich verursachten, personifiziert im jähzornigen Eisenbahnbaudirektor Leopold Drahn. Letzterer soll im Roman das eigentliche »Wesen« des Tropenkollers darstellen, verstanden als eine Emporkömmlingskrankheit subalterner Geister, die mit der kolonialen Machtfülle nicht umzugehen wissen. Doch so unterschiedlich die beiden Krankengeschichten verlaufen und so gegensätzlich ihre moralische Bewertung ausfällt, eines ist ihnen doch gemeinsam: ihre Geschlechtsspezifik. Wie in den Tropenkoller-Debatten insgesamt, erscheint das Syndrom bei von Bülow als eine exklusiv männliche Verhaltensstörung, die letztlich einer maskulinen Neigung zu Herrschsucht und Aggression entspringt. Diese spezifische Männlichkeit des Leidens, vielleicht ihr einziges zeitgenössisch

iz3w-backlist t 300: Namibia – Jubiläumsausgabe t 299: Die Macht der Acht – G8 t 298: Konfliktherd Energie t 297: Planspiel Bevölkerungspolitik t 296: Nach dem Krieg im Libanon t 295: Migration von Süd nach Süd

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ganz unumstrittenes Definitionskriterium, sen wäre. Umgekehrt bot sich die »Tropenwird in Bülows Roman zu kolonialfeministineurasthenie« als ein wissenschaftlicher Äquischen Zwecken zusätzlich unterstrichen: In valenzbegriff zum Tropenkoller an. Umkehrung gängiger Stereotypen von der So nachdrücklich sie den Tropenkoller ‚hysterischen’ Frau bleibt Udos Schwester Eva ablehnten, so selbstverständlich erschien den von allen NervositätserscheiTropenmedizinern der Jahrnungen in auffälliger Weise hundertwende, dass ein längeverschont. Die innere Spanrer Aufenthalt in den Tropen Der Tropenkoller nung zwischen kolonialer Rasdem Nervensystem weißer Euerscheint als eine sen- und Siedlungsideologie ropäer empfindliche Schäden exklusiv männliche zufügen müsse (diese Ansicht zeigt sich allerdings auch in dieser literarischen Gestalt: Im verschwand um 1920 ziemlich Verhaltensstörung Gegensatz zu ihrem blauäurasch wieder aus den einschlägig-teutonischen Bruder hat gigen Lehrbüchern). Die geEva den dunklen Teint einer »Zigeunerin«, fährliche Wirkung der tropischen Sonnenund aus Bewunderung für ihre Unempfindstrahlung und des feuchtwarmen Klimas wurlichkeit dem Klima gegenüber bescheinigen den dabei ebenso ins Kalkül gezogen wie der ihr die tropenkollerigen Männer des Romans Einfluss der ultravioletten Strahlung und die eine »Negerkonstitution«. Regelung des körperlichen Wärmehaushaltes. Das Nervensystem aller Europäer, so heißt es im Handbuch der Tropenkrankheiten, Nerven, Leiden, Tropen gerate in den Tropen unweigerlich in einen t Waren literarische Texte nicht verpflich»reizbaren Schwächezustand«, der im Zweitet, eine schlüssige Ätiologie (medizinische felsfall nur durch eine Rückkehr in die Heimat Ursachenerforschung) des Tropenkollers zu zu kurieren sei. entwerfen, so standen Tropenmediziner und Mit der organisch nicht nachweisbaren Nervenärzte nach dem Aufkommen des po»Tropenneurasthenie« entstand so doch eine pulären Schlagworts vor der Aufgabe, seine Art Toleranzzone für koloniale Straftaten, in wissenschaftliche Stichhaltigkeit zu beurteidie sich etwa Heinrich Leist nur allzu gern zulen. Ihre Einschätzung war, auf den ersten rückzog, als er in seiner Verteidigungsschrift Blick zumindest, eindeutig negativ: In den auf die nervösen Belastungen des Tropenletropenmedizinischen Standardwerken der bens verwies: »Die Blutbeschaffenheit verJahrhundertwende wird der Tropenkoller schlechtert sich, die Widerstandsfähigkeit durchweg als unwissenschaftliches Phantanimmt täglich ab, und bei allen Europäern siegebilde abgetan, das Laien eigens erfunmacht sich eine gesteigerte Erregbarkeit des den hätten, um es »je nach der Parteien Haß Nervensystems geltend, die sich bei dem Eioder Gunst als entlastendes oder belastendes nen in Zornesausbrüchen, bei dem Anderen Moment« anzuführen (Scheube). in geschlechtlichen Anfechtungen äußert.« Die Ablehnung des politisch kontaminierten Tropenkollers bedeutete aber keinesTherapeutischer Kolonialporno wegs, dass die Fachleute nicht einen medizit Eine aus heutiger Sicht vielleicht plausinischen Hintergrund kolonialer Gewalttaten blere Erklärung des Tropenkollers legte der für möglich gehalten hätten. So erklärte AlBerliner Sexualwissenschaftler und Kulturhisbert Plehn, einer der führenden Tropenmeditoriker Iwan Bloch 1903 vor. In seiner Psychoziner des Kaiserreichs, in einem viel beachtepathia sexualis erklärte Bloch, dass das in den ten Vortrag vor dem deutschen KolonialkonKolonien »beliebte Auspeitschen von Negergress 1905, dass akute oder chronische Maweibern« als Ausdruck einer sexuellen »Perlariafieber die Zurechnungsfähigkeit von version« zu verstehen sei, die durch die rassisStraftätern deutlich herabsetzen oder sogar tische Geringschätzung der Opfer befördert ausschließen könnten. Tatsächlich bildeten werde. Fernab der europäischen Zivilisation Fieberanfälle und Malariainfektionen um lernten europäische Offiziere und Beamte 1900 das wichtigste Kriterium bei der forenden »Genuss« der Macht viel nachdrücklicher sischen Beurteilung der Zurechnungsfähigkennen als in der Heimat und entpuppten keit kolonialer Gewalttäter. sich daher umso spektakulärer als »brutale, Neben der Malaria erwähnte Plehn allerblutrünstige und zugleich sexuell ausschweidings noch ein weiteres Leiden, das man am fende Tyrannen.« ehesten als eine medizinische ‚Übersetzung’ Es gehört zu den Ironien des Tropenkollerdes Tropenkollers betrachten kann, nämlich Diskurses, dass gerade diese These den Ausdie so genannte »Tropenneurasthenie«. Seit gangspunkt bildete für die wohl unverhohlender amerikanische Nervenarzt George Miller ste pornographische Schilderung des TropenBeard 1869 den Begriff der »Neurasthenie« kollers. Sie findet sich in Henry Wendens in Umlauf gebracht hatte, war die »NervenKolportageroman Tropenkoller aus dem Jahr schwäche« auch in Deutschland zu einer von 1904, der mit einem von Bloch inspirierten Fachleuten und Laien viel gestellten Diagnopsychologisierenden Vorwort beginnt. Wense avanciert, ohne die die populäre Karriere den erläutert dort, dass der Tropenkoller eine des Tropenkollers schwerlich möglich gewe-

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Deutscher Kolonialismus

Auf dem Höhepunkt der W-Kurve

»sexuelle Perversion« darstelle und er mit seinem Werk zur Erklärung und sogar »Heilung« derselben betragen wolle. Tatsächlich verschafft ihm diese Bekundung vor allem die Legitimation für die umso detailgenauere und blutrünstigere Schilderung der Genüsse der Folter, die der junge deutsche Kolonialoffizier Kurt von Zangen in Deutsch-Ostafrika kennen lernt. Gestaltet als eine Querschnittsfigur der »Kolonialverbrecher« Leist, Peters und Arenberg, foltert und vergewaltigt Kurt afrikanische Frauen und träumt in einer Szene sogar davon, das Blut seiner Opfer zu trinken. »Scheinheiligkeit« ist trotzdem nicht der richtige Begriff für Wendens »therapeutischen« Kolonialporno. Denn zum Einen finden sich neben der obligatorischen Verdammung des ‚perversen’ Helden auch zahlreiche Anspielungen darauf, dass der wilhelminische Militarismus selbst sadistische Züge trage. Und zum anderen war das intime Interesse am Triebleben der »Kolonialverbrecher« eben nicht nur ein Kennzeichen dieses Romans, sondern des Tropenkoller-Diskurses insgesamt. In der tropenhygienischen Literatur zum Beispiel mischte sich die Warnung vor der »geschlechtlichen Überanstrengung« in der Fremde auf sehr ambivalente Weise mit dem Hinweis, dass auch zu wenig Sex zum Tropenkoller führen könne (Kohlstock). Die wichtigste diskursive Funktion des Tropenkollers bestand deshalb wohl in seinem Beitrag zu einer kolonialen Version jenes Wechsel-

Filmstill aus: »Die weiße Massai«

spiels von Lust und Verbot, das Michel Foucault als »Doppelimpulsmechanismus« der Macht bezeichnet hat: Die pathologisierende Schilderung sexueller Verworfenheiten wurde selbst zu einem erotischen Anreiz und schaffte so neue Ansatzpunkte der Disziplinarmacht.

atemberaubend schönen Massai-«Krieger« verliebt, ihn im Überschwang des Begehrens heiratet und ihm in sein Heimatdorf folgt. In der Filmversion scheitert die Beziehung schließlich an den kulturellen Unterschieden zwischen den Beiden – genauer gesagt, am zivilisatorischen Rückstand des Massai-Mannes Lemalian, der den selbstbestimmten Lebensstil seiner europäischen Frau nicht akzeptieren Going Native 2005 will oder kann. t Mit dem deutschen Kolonialismus ist auch In Zeiten des postkolonialen Sextoudie besondere Konstellation von medizinirismus, der in Kenia auch europäische Frauen schem Wissen und kolonialer Herrschaft verbedient, ist Die weiße Massai als sexualhygienischer Film lesbar, als Update der kolonialen schwunden, die den Tropenkoller um 1900 Tropenhygiene auf die Gender- und Rassenhervorgebracht hat. Es wäre deshalb wenig codes der Gegenwart. Steht in Kohlstocks sinnvoll, nach direkten Kontinuitäten dieses »Tropenhygiene« das »Recht« des männDiskurses bis in die Gegenwart hinein zu fralichen Triebes auf seine Befriedigung außer gen. Umso erhellender kann es allerdings Frage, so ist es hier das weibliche Begehren sein, einige kulturelle Selbstverständlichkeider Heldin, dem die Erfülten der heutigen Zeit im lung nicht versagt bleiben Umgang mit der »Fremdarf. Die Bildsprache des de« aus der Perspektive »Die weiße Massai« ist Films gibt diesem Verlandes Tropenkollers in den als Update der kolonialen gen ganz nachdrücklich daBlick zu nehmen. Tropenhygiene lesbar durch Recht, dass der musSo hat Corinne Hoffkulöse, stets halbnackte manns Bestseller Die weiße Massai deutlich gemacht, Körper Lemalians als erotidass das postkoloniale Afrika noch immer eische Sensation inszeniert wird – in einer Konnen beliebten Imaginationsraum für sexuelle stellation, die bei umgekehrten GeschlechterGrenzüberschreitungen darstellt. Der inzwirollen sofort als rassistisch erkennbar wäre. schen verfilmte Roman erzählt die GeschichDas Problem, von dem der Film erzählt, ist te einer jungen Schweizerin, die sich während nicht, dass Corinne sich überhaupt mit Lemaeines Kenia-Urlaubs Hals über Kopf in einen lian einlässt – das Problem ist, dass sie den iz3w

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Deutscher Kolonialismus rechten Zeitpunkt zur Abreise zu verpassen droht (wie eine andere europäische Frau mit ähnlicher Geschichte, die als psychisches Wrack dargestellt wird). Während die Konflikte langsam überhand neben, büßt der prachtvolle Körper Lemalians immer mehr an Glanz und Verführungskraft ein: Der einst so stolze Krieger schneidet sich aus Eifersucht die Haare, lässt sich einen Bart stehen und fängt an, seinen imposanten Torso mit TShirts zu verdecken. Spätestens jetzt begreift Corinne, dass es an der Zeit ist, von ihrer finanziellen Unabhängigkeit Gebrauch zu machen und in die Schweiz zurückzukehren. Bildsprache und Plot des Films fügen sich so, sicher unbeabsichtigt, zu einem Leitsatz der postkolonialen Tropenhygiene: Der Sex mit AfrikanerInnen kann großartig sein, man (frau) sollte es aber am besten bei einer Stippvisite belassen!

»Kulturschock«

Kulturelle Differenz als Assimilationshindernis spielt auch in der Vorstellungsfigur des »Kulturschocks« eine entscheidende Rolle. Das Syndrom wurde zuerst Anfang der 1960er Jahre vom amerikanischen Anthropologen Kalvero Oberg beschrieben. Es ist mittlerweile im Allgemeinwissen ebenso etabliert wie in der psychologischen Fachliteratur oder populären Ratgebern für MitarbeiterInnen im »Auslandseinsatz«. Wie der Name bereits verdeutlicht, bezeichnet der »Kulturschock« die »Anpassungsschwierigkeiten in einer fremden Kultur«, ein Phänomen, das im Zeitalter international ‚flexibilisierter’ Arbeitsmärkte auch aus ökonomischen Gründen auf einiges Interesse rechnen kann. Charakteristisch für die Rede vom Kulturschock ist seine Darstellung in Verlaufsphasen und KurvendiagramDie »W«-Kurve des »Kulturschocks« (Knopper/Kiechl, S. 34). men. Auf eine anfängliche Phase der Euphorie und Optimismus, so erläutert Enid Kopper in kommen ist: »Wenn der Mitarbeiter oder die ihrem Ratgeber-Kapitel »Was ist ein KulturMitarbeiterin in der Kulturschock-Phase steschock und wie gehe ich damit um?«, folge ckenbleibt oder die Firma während des Reinbeim durchschnittlichen »Expat« meist nach tegrationsschocks frühzeitig verläßt, hat das etwa einem halben Jahr eine Periode von weitreichende Konsequenzen für alle BeteiStress, Depression und kultureller Desorienligten.« tierung, begleitet von Streit am Arbeitsplatz Im Vergleich zum Tropenkoller fällt auf, mit und Spannungen im privaten Bereich. Mit welcher Beharrlichkeit der »Kulturschock«der Eingewöhnung in die fremde Kultur werDiskurs die kulturelle Differenz als Assimilade das psychische, emotionale und kognitive tionshindernis beschreibt. Es liegt nahe, darin Gleichgewicht wieder hergestellt, bis bei der einen Ausdruck des heute politisch und intelRückkehr in die Heimat der vielfach unterlektuell gängigen Kulturessentialismus zu seschätzte »re-entry-Schock« drohe. In Koppers hen, der immer schon weiß, dass die Differenz t

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Buch wie in anderen Werken zum Thema wird diese ‚typische’ Verlaufsform des Kulturschocks graphisch als »W-Kurve« wiedergegeben. Man muss nicht bezweifeln, dass ein beruflicher Aufenthalt in der Fremde zu schweren psychischen Belastungen führen kann, um sich über die besondere diskursive Form zu wundern, die dem Phänomen hier gegeben wird. Sprach die koloniale Hygieneliteratur drohend von der Pflicht zur »Selbstzucht«, so geben die »Kulturschock«-Ratgeber in einem scheinbar viel entspannteren Ton Tipps zum persönlichen Stimmungsmanagement im Auslandeinsatz. (»Ab und zu negative Gefühle zulassen!«, »Restaurant mit Küche aus dem eigenen Land besuchen«). Das Kurvendiagramm des Kulturschocks, das den »normalen Anpassungsprozess« symbolisiert, ist allerdings nicht weniger diskursiv geformt als die tropenhygienischen Anweisungen der vorletzten Jahrhundertwende. Die durchlaufende Wellenlinie suggeriert psychische Kontinuität in Zeiten der Verstörung, formuliert aber auch eine subtile Drohung. Denn wer größere oder länger anhaltende als die vorhergesagten Schwierigkeiten bekommt, hat den Bereich des ‚Normalen’ offenbar verlassen und wird sich fragen lassen müssen, ob er seinen Pflichten zum Stimmungsmanagement auch in ausreichender Weise nachge-

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der Kulturen oder ein »Clash« der Zivilisationen das Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft problematisch, wenn nicht unmöglich macht. Nimmt man den Tropenkoller zum Anlass, dem selbstverständlichen Wissen unserer eigenen Gesellschaft auf die Spur zu kommen, so kann man sich fragen, warum der Begriff der »Kultur« heutzutage bei der Erklärung von Anpassungsproblemen so unmittelbar einleuchtet, wie »Rasse« und »Nerven« in der Zeit um 1900.

Literatur: – Iwan Bloch: Beiträge zur Ätiologie der Psychopathia sexualis. Bd. 2, Dresden 1903.

– P.C.J. van Brero: Die Nerven- und Geisteskrankheiten in den Tropen. In: Carl Mense (Hg.): Handbuch der Tropenkrankheiten. Bd. 1, Leipzig 1905.

– Frieda von Bülow: Tropenkoller. Eine Episode aus dem deutschen Kolonialleben. Berlin 1896.

– Michel Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I. Frankfurt/M. 1983.

– Franz Giesebrecht: Kolonialgreuel. Kulturhistorische Studie. In: Freie Bühne 6 (1895) 1/2.

– Enid Kopper, Rolf Kiechl: Globalisierung – von der Vision zur Praxis. Methoden und Ansätze zur Entwicklung interkultureller Kompetenz. Zürich 1997.

– Paul Kohlstock: Ratgeber für die Tropen. Handbuch für Auswanderer, Ansiedler, Reisende, Kaufleute und Missionare über Ausrüstung, Aufenthalt und Behandlung von Krankheiten in heißen Ländern. 3. Aufl. Berlin 1910.

– Albert Plehn: Über Hirnstörungen in den heißen Ländern und ihre Beurteilung. In: Verhandlungen des Deutschen Kolonialkongresses 1905. Berlin 1906.

– Chr. Rasch: Über den Einfluß des Tropenklimas auf das Nervensystem. In: Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medizin 54 (1898) 5.

– Botho Scheube: Die Krankheiten der warmen Länder. 3. Aufl. Jena 1903.

– Henry Wenden: Tropenkoller. Leipzig 1904.

– Lora Wildenthal: German Women for Empire, 1884-1945. Durham, London 2001.

Stephan Besser unterrichtet am Fachbereich für Medien und Kultur der Universität Amsterdam. Seine Dissertation »Pathographie der Tropen. Literatur, Medizin und Kolonialismus um 1900« befasst sich mit Diskursen über tropische Krankheiten in der Zeit des deutschen Kolonialismus. Der Artikel basiert in Teilen auf dem Buchbeitrag: »Tropenkoller. 5. März 1904: Freispruch für Prinz Prosper von Arenberg« In: Honold / Scherpe (Hg.): Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus. Stuttgart, Weimar 2004.

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Foto: H. Sachs / version

Der Kampf geht weiter Die Debatte über Islam und Multikulturalismus findet neue Höhepunkte Seit dem 11. September 2001 wird nichts häufiger zurückgewiesen als die Formel vom »Kampf der Kulturen«, nach der die islamische Welt und der Westen sich feindlich gegenüber stünden. Doch ob es um globale Konflikte geht oder um den Multikulturalismus – Huntingtons These hat sich durchgesetzt. Nun widmen sich zwei intelligente Bücher dem Kampf mit Windmühlen: Ian Burumas »Grenzen der Toleranz« und Amartya Sens »Die Identitätsfalle«. von J ö r g S p ä t e r

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t Am 2. November 2004 wurde der RegisEreignisse wie der Mord an van Gogh die seur Theo van Gogh in Amsterdam von MoVorstellung eines »Kampfes der Kulturen« an. hammed Bouyeri, einem 26-jährigen NiederIn den Niederlanden führten sie zum Zuländer marokkanischer Abstammung, auf sammenbruch des Multikulturalismus, zum offener Straße ermordet. Van Gogh wurde Ende des süßen Traums von Toleranz und hingeschlachtet wie ein Vernunft im vermeintlich Opfertier, aus seiner Brust progressivsten Land EuroTraditioneller Multiragten zwei Messer, daran pas. kulturalismus wirft ein befestigt ein »offener Brief« Der niederländisch-britian die »Ketzerin«, die vom sche Autor Ian Buruma spürt schlechtes Licht auf Islam abtrünnige Ayaan diesem Gesellschaftsdrama den Antirassismus Hirsi Ali. Passanten rief der nach. Er verfolgt die Fäden, Mörder zu: »Und nun wisst die vermutlich zum Mord ihr, was ihr in Zukunft zu erwarten habt«. geführt haben. Sein Ermittlungsergebnis: Der Heute ist zwar weder eine neue muslimiMörder ist in erster Linie ein Produkt der gesche Leitkultur in Europa zu befürchten noch scheiterten Integration von »Marokkanern« trat der befürchtete Bürgerkrieg mit antimusund »Türken«, also den MuslimInnen. Gelimischen Pogromen ein. Und doch feuern walttätige Ressentiments seien – zumindest

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im Fall Bouyeri – die Folge eines zurückgezogenen Arbeitsplatzangebotes, eines nicht vergebenen Stipendiums, einer Tür zuviel, die zugeschlagen wurde. Depressionen und Schizophrenie seien die hauptsächlichen Leiden von muslimischen ImmigrantInnen. Frauen und die erste Generation seien in erster Linie depressiv, Männer der zweiten Generation eher schizophren.

Der Tod als Ideal t Gescheiterte Integration führt sozialpsychologisch gesehen also zu Aggressionen und Selbsthass, zu Allmachtsphantasien und dem Wunsch zur Selbstzerstörung. Um sich und der Welt die eigene Existenz zu beweisen, schließen sich zumeist junge Männer einer großen revolutionären Sache an oder begehen spektakuläre Verbrechen. Sie haben, so Buruma, ein Autoritätsproblem in einem Haushalt, in dem der Vater kaum Orientierung bieten konnte, und in einer Gesellschaft, von der ein junger Marokkaner leichter Subventionen als Respekt erhält. So entstehen Desperados, die sich als Teil einer kleinen, mit moralischer Reinheit gesegneten, aber von einer Welt des Bösen umgebe-


Multikulturalismus nen Elite sehen. Der gewaltsame Tod wird zum utopischen Ideal. Buruma bemüht sich also um eine Entkulturalisierung der Tat. Der Mord ist – auch wenn der Täter selbst es so sieht – kein Gebot des Korans, sondern Ergebnis pathologischer sozialer Entwicklungen. Jugendlichen Extremismus, nicht den Islam, rückt Buruma in den Vordergrund. Bouyeri mag ein Muslim aus Marokko sein, in erster Linie ist er wie zuvor der vegane Mörder Pim Fortuyns ein idealistischer Narziss. Diese Sozialarbeiterperspektive, der sich Buruma bedient, wirkt zwar zum Teil abgedroschen, wird dadurch jedoch nicht falsch. Politisch empfiehlt Buruma infolgedessen, die Integrationsbemühungen zu verstärken, und dazu gehört auch eine Anerkennung des Islam als europäische Religion. Denn es geht ihm um Respekt. Provokateure wie van Gogh, der Muslime gewöhnlich »Ziegenficker« nannte, und DissidentInnen wie Hirsi Ali betrachtet Buruma deshalb mit ambivalenten Gefühlen. Er nennt sie »fundamentalistische Aufklärer«: Hirsi Ali habe die Gewalttätigkeit des politischen Islam aus erster Hand erlebt. Für die Rebellin rieche ein Kompromiss mit dem reaktionären Islam nach Schwäche. Sie sei eine Renegatin, mithin ein Personentyp, den Arthur Koestler einmal als den »innerlich verletzten Veteran des totalitären Zeitalters« beschrieb. Buruma entdeckt in Hirsi Alis Kampf für den Säkularismus Spuren eines Glaubenseifers. Er wirft ihr letztlich verdrängte Religiosität vor. Die radikalen SäkularistInnen seien den fanatischen Religiösen ähnlicher als sie glaubten.

von Aufklärung und Islam sowie den Konflikt zwischen Multikulturalismus und Laizismus im Umgang mit muslimischen Minderheiten in den westlichen Gesellschaften. Jenseits der Polemik konnte man dabei einiges lernen: Etwa indem auf Olivier Roys These hingewiesen wurde, dass die radikalislamistische Ideologie, die dem Terror zugrunde liegt, viel eher als Manifestation moderner Identitätspolitik denn als traditioneller muslimischer Kultur begriffen werden müsse. Oder indem an Fritz Sterns Erkenntnis erinnert wurde, dass die Modernisierung und der Übergang von der Gemeinschaft zur Gesellschaft auch in Europa als intensiver Entfremdungsprozess erlebt worden sei. Jesco Delorme rückte die Maßstäbe am Multikulti-Bashing zurecht, indem er argumentierte, dass beispielsweise ein Badestrand für muslimische Frauen die offene Gesellschaft keineswegs bedrohe, so lange es noch andere Badestrände gebe, und jede Frau dorthin gehen könne, wohin sie wolle: »Eine liberale Gesellschaft zwingt niemanden, bestimmte religiöse Praktiken auszuführen. Ebenso wenig darf sie es dem Menschen verwehren, wenn er sich dazu freiwillig entschließt.« Adam Krzeminski wies dagegen auf die Grenzen der Freiwilligkeit hin, etwa wenn muslimische Schülerinnen von Klassenfahrten, Biologieunterricht oder Sport suspendiert werden: »Es gibt keinen Grund, in Europa eigene Rechtsprinzipien wie die Gleichberechtigung der Frau oder die Trennung von Kirche und Staat, mit dem Hinweis auf Jenseits der Polemik das Gebot der Toleranz gegenüber anderen t Mit einer solchen Kritik zog Buruma die Sitten aufzugeben.« Wut des französischen Philosophen Pascal Es war einem muslimischen Immigranten Bruckner auf sich. Sie sei Ausdruck eines »Rasvorbehalten, auf eines der wesentlichen Prosismus der Antirassisten«, von europäischen bleme der gesamten Debatte hinzuweisen: Eliten, die dem Rest der Menschheit die nämlich dass kulturalistische Diskurse in beFrüchte der Aufklärung vorenthalten wollten. stimmten Kontexten sozialer Verunsicherung Der Multikulturalismus baue auf dem Fundazu Verhärtungen und Radikalisierungen fühment des Kulturrelativismus auf, ren. Halleh Ghorashi der die Menschheit in Stämme bedauerte, dass kulDie Sozialarbeiterund Reservate einteile und diese turelle Kategorien perspektive von Buruma wie »islamisch« sich unter Denkmalschutz stelle. Je mehr man vor dem Radikalismus zu absoluten Kateist abgedroschen, aber der Bärtigen zurückweiche, so gorien verfestigt hätnicht falsch Bruckner, desto schärfer werde ten: »Der ‚kulturelle der Ton. Dieser Angriff vom altFundamentalismus’, linken Ufer der Seine war maßlos überzogen, die neue Form einer Ausschließungsrhetorik, denn Buruma hatte gar keine kulturrelativiserrichtet eine Mauer zwischen Kulturen, die tische Position vertreten. Rasch entwickelte jede Form der Vermischung unmöglich sich auf der Internetplattform Perlentaucher macht.« Insofern schloss er sich Burumas eine engagierte Debatte über das Verhältnis Credo an, dass die »Aufklärung« zur Bezeichiz3w

nung einer neuen konservativen Ordnung geworden sei, und ihre Feinde die Fremden seien, deren Werte wir nicht teilen können.

Plural monokulturell t Gegen einen solchen gleichermaßen vom »Westen« wie vom kolonialisierten, oft islamischen Geist befeuerten Krieg der Kulturen argumentiert Amartya Sen. Er kritisiert eine eindimensionale Deutung der menschlichen Identität, so als habe jeder Mensch nur ein Ticket, mit dem er durchs Leben reist, etwa als Muslim oder Hindu. Sen setzt dagegen, dass »wir auf mannigfaltige Weise verschieden sind«. Nicht nur den westlichen Kulturfundis, sondern auch den Multikulti-IdeologInnen liest er dabei die Leviten, denn der praktizierte Multikulturalismus sei eigentlich ein »pluraler Monokulturalismus«. Die Welt besteht in diesem Sinne nicht aus einer Ansammlung von Menschen, die Gesellschaft genannt wird, sondern aus einem Verbund von Kulturen und Religionen. Und Kultur ist dabei Schicksal. Ein Multikulturalismus, der sich über das Recht eines Menschen hinwegsetzt, an der Zivilgesellschaft teilzunehmen, sich am politischen Leben zu beteiligen oder ein sozial unangepasstes Leben zu führen, ist keineswegs progressiv. Und er wirft ein schlechtes Licht auf den Antirassismus, mit dem er in Verbindung gebracht wird. Sens Einsichten sind so klar, einleuchtend und vernünftig, dass sie wohl ein Nobelpreisträger für Ökonomie vortragen muss, damit sie ernst genommen werden. Das eigentliche Problem dämmert dem Harvardprofessor gegen Ende seines Buches – eine Antwort darauf bleibt er jedoch schuldig: »Unverständlich ist nur, warum die Kultivierung der singulären Identität so erfolgreich ist, wo doch jeder sehen kann, dass die Menschen vielfältige Zugehörigkeiten haben.« Man kommt wohl doch nicht umhin, an der Kraft der Vernunft zu zweifeln und darüber nachzudenken, warum die gesellschaftlichen Verhältnisse, unter anderem die politische Ökonomie, auf die sich Sen versteht, so unvernünftig sind, dass sie alltäglich Identität und Wahn produzieren. Eine Gesellschaft, in der man »ohne Angst verschieden sein kann« (Adorno), ist nicht in Sicht – eine Gesellschaft mit »Leitkultur« und Assimilierungszwang ist das Gegenteil davon, genauso wie Communities, in denen Patriarchen den Rest der Familie sozial kontrollieren. Wie autoritär und repressiv die Strukturen in muslimischen ImmigrantInnenmilieus

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Grenzen der Aufklärung

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auch sein mögen: Die Debatten über Mord gepredigt und setzt auf die Kraft »den Islam« sind in hohem Maße der Vernunft. Es wäre geschmacklos, sie konservativ und hysterisch. Ihnen angesichts ihrer Geschichte als »Kriegeliegt meist eine naive Idealisierung rin mit dem Stift« in die Nähe von der westlichen Gesellschaften zu»Kriegern mit dem Schwert« zu rücken. grunde, als bräuchte es Muslime, um hier Antisemitismus, Gewalt von JuKöstliche Überfremdung gendlichen und gegen Frauen oder t Das Lehrstück aus den NiederlanRepression gegen Schwule gedeihen den zeigt das Elend des traditionellen zu lassen. Auch in der deutschen oder Multikulturalismus auf. Dieser schreibt der US-amerikanischen Mehrheitseine kulturelle Diffegesellschaft werden renz fest, wo es um wichtige Positionen Wie fortschrittlich politische und gesellvon Personen eingeeine Gesellschaft ist, schaftliche Probleme nommen, die kaum als säkular und tozeigt sich im Umgang geht, nämlich die mangelnden Rechte, lerant gegenüber mit Minderheiten PartizipationsmöglichMinderheiten gelten keiten und Lebenskönnen – etwa Evanchancen von MigrantInnen und, damit gelikale, die an die biblische Schöpdurchaus zusammenhängend, deren fung glauben, Abtreibungen verbieeigene autoritäre Strukturen in ihren ten lassen wollen und antisemitische kulturellen Ghettos. Alle sozialen UnterFreunde Israels sind, weil sie Juden schiede wurden im Konzept des Multiund Jüdinnen als in der »Endzeit« kulturalismus in eine Stigmatisierung noch zu bekehrende ChristInnen beübersetzt, die je nach Laune der Mehrtrachten. Solche anerkannten Bürgerheitsgesellschaft als köstliche kulturelle Innen wettern gegen jegliche egaBereicherung oder als kulturelle Überlitäre Tendenz in der westlichen Gefremdung empfunden wurde. Beides sellschaft, aber davon wird das ist zu überwinden. Abendland ebenso wenig untergeWie fortschrittlich eine hen wie von einem Islam, der ein Gesellschaft ist, zeigt sich in Teil Europas wird. ihrem Umgang mit MinderDie Evangelikalen wie die meisten heiten. Insofern gebührt MuslimInnen sind FundamentalistInden Hirsi Alis Schutz und nen in dem Sinn, dass sie die Bibel Solidarität. Wenn aber die oder den Koran für Gottes Wort halten. Einige – fast alle Evangelikalen offene säkulare Gesellschaft und die meisten MuslimInnen – sind nicht wirklich politisch, sobereit, friedlich in säkularen Gesellzial und kulturell inklusiv schaften zu leben, und andere sind es ist, wenn man also diese eben nicht. Für die gibt es Strafgesetmuslimischen TürkInnen ze, und zwar die normalen und nicht und MarokkanerInnen eindie rassistischen Sondergesetze. Im fach nicht will, werden auch Bemühen um Integration geht es um so genannte kulturelle Gedie orthodoxen MuslimInnen, nicht meinschaften ihre eigenen um die politischen RevolutionärInSpielregeln behalten. Wer als MuslimIn nen. Und es wäre überaus unfair, würangegriffen wird, wird sich meistens als de man die Bringschuld allein bei den MuslimIn wehren, manchmal sogar als MuslimInnen suchen. IslamistIn. Der Kampf der Kulturen Gleichwohl ist Burumas – von geht dann weiter. Bruckner und anderen kritisierter – Vergleich zwischen islamischem und Literatur: aufklärerischem Eifer und Dogma– Ian Buruma: Die Grenzen der Toleranz. Der tismus überaus schief. Zum einen abMord an Theo van Gogh, Carl Hanser Verstrahiert er vom Inhalt. Die Aufklälag, München 2007 rung ist nicht einfach eine weitere Re– Amartya Sen: Die Identitätsfalle. Warum es ligion, sondern die Kritik der Religion. keinen Krieg der Kulturen gibt, C.H. Beck, Glaube und Wissen, GlaubensbeMünchen 2007 kenntnisse und Argumente sind nicht in einen Topf zu werfen. Und auch die Form des Fanatismus unterscheidet t Jörg Später ist Mitarbeiter im iz3w . sich erheblich: Hirsi Ali hat niemals iz3w

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t Über sechzig Jahre nach der Ermordung von etwa sechs Millionen europäischen Jüdinnen und Juden ist der Antisemitismus noch lange nicht von der Bildfläche verschwunden. Im Gegenteil, die antijüdischen Klischees leben weiter und tauchen sogar in neuen Kontexten auf, etwa wenn sich arabische Medien Bildern wie dem des »Ritualmordes« bedienen, die eigentlich dem christlichen Antijudaismus entstammen. Derartige Vorurteile zu widerlegen und ihre Hintergründe aufzuzeigen, hat sich Peter Waldbauer in seinem Lexikon der antisemitischen Klischees zur Aufgabe gemacht. Dabei gelingt es dem ehemaligen Börsenmakler einerseits überzeugend, viele antisemitische Gedankengebäude zum Einsturz zu bringen und Vorurteile gezielt und sachlich mit statistischen Werten zu widerlegen – insbesondere in Bezug auf die Zwangssituation der Jüdinnen und Juden in den mittelalterlichen Herrschaftsverhältnissen. Andererseits greifen manche seiner Erklärungen zu kurz oder reproduzieren Klischees. Die Behauptung, Karikaturen hässlicher Juden mit »breiter Nase, großen Ohrläppchen [...], fleischigen Lippen und dunklen, lockigen Haaren« hätten in der Regel aschkenasische Juden »zum Vorbild«, wohingegen sephardische Juden »schlanker, eleganter, feingliedrig« seien, ist das genaue Gegenteil einer Demontage der Rassenlehre. Hier zeigen sich deutlich die Grenzen des Ansatzes, einer durch und durch vernunftwidrigen Ideologie mit ‚vernünftigen’ Argumenten beizukommen. Waldbauer setzt oftmals neue, positive Vorurteile den alten negativen entgegen. Formulierungen wie »Söhne jüdischer Eltern strebten mehr als andere danach zu studieren« oder sie seien »viel fleißiger« gewesen, sind jedoch alles andere als unproblematisch und viel zu verallgemeinernd. Und ob sich die von einer »jüdischen Weltverschwörung« überzeugten AntisemitInnen durch die heute noch zu besichtigenden Konzentrationslager von der Existenz der Shoah überzeugen lässt, wie Waldbauer zu hoffen scheint, darf bezweifelt werden. Für AntisemitInnen stellen diese historischen Zeugnisse nicht mehr als die potemkinschen Dörfer der Besatzungsmächte dar. Aber um die »klassischen« AntisemitInnen in Form von Neonazis oder um IslamistInnen scheint es Waldbauer auch weniger zu gehen. Das Buch, so liest man zwischen den Zeilen, will vor allem auch einige Vorstellungen der Globalisierungskritik, etwa über Börsenspekulanten, widerlegen. Bei diesem sehr berechtigten Vorhaben lässt Waldbauer sich allerdings gelegentlich zu Aussagen hinreißen, die eher eine Rechtfertigung kapitalistischer Strukturen als eine Kritik des Antisemitismus darstellen. Trotz aller Kritikpunkte ist das »Lexikon der antisemitischen Klischees« ein informatives Nachschlagewerk – nicht nur für SozialarbeiterInnen. Philip Aubreville t Peter Waldbauer: Lexikon der antisemitischen Klischees. Antijüdische Vorurteile und ihre historische Entstehung. Mankau Verlag, Murnau 2007. 193 Seiten, 12,95 Euro


... Film . . .- R e z e n s i o n e n Wer was warum verdient t Die ghanaische Autorin Amma Darko ist ein Phänomen. Sie verfasst ihre Unterhaltungsromane vorrangig für den deutschen Büchermarkt, aber mittlerweile hat sie damit auch in ihrer Heimat und im weiteren Ausland beachtlichen Erfolg. Es begann mit ihrem Erstling »Der verkaufte Traum«, in dem die Autorin vor gut 15 Jahren ihre Immigrantinnenjahre in Deutschland beschrieb. Doch das ist nun schon vier weitere Romane und einen Erzählungsband her, und inzwischen hat sich Darkos Literatur stilistisch etwas erweitert. Darko schreibt kaum noch autobiografisch, hat den Schauplatz ihrer Bücher nach Afrika verlegt, und sie versucht sich neuerdings sogar in Rückblenden und inneren Monologen. Freilich ist Darko dem Genre der Unterhaltungsliteratur treu geblieben, wie auch ihr Buch Das Lächeln der Nemesis beweist. Ernst nehmen kann man Darkos neue Geschichte nicht. Denn die 52-jährige Schriftstellerin packt alles in die Handlung ihres neuen Romans hinein, was ihr unterkommt und was das internationale Publikum interessieren könnte. Da geht es um Sekten und Prediger, um Hexen und böse Orakel, um Liebe, Sex,

Prostitution, Aids und Seitensprung, um konkurrierende Radiosendungen und um einen alten Fluch, der aus dem Jenseits herüberwirkt wie in einem Hollywood-Mysterienspektakel. Auch bei diesem Fluch geht es um Sex – genauer um Polygamie, Sugar Daddies und das Feilschen um den Höchstpreis, der mit Sex erzielt werden kann. Dabei ist nicht zu vergessen, dass in afrikanischen Ländern das weibliche Schreiben über Sex dazu beitragen kann, die Tabuisierung des öffentlichen Sprechens von Frauen über Sex, das in merkwürdigem Missverhältnis zur männlichen Praxis steht, zu brechen. Dass Darko dabei aber die Haupthandlung bisweilen aus dem Auge verliert, darf die LeserInnen, denen es nicht anders ergeht, aber nicht stören. Zuverlässig löst sich gegen Ende des Buches der Spuk auf – wobei allerdings nicht ganz klar wird, wie es das Schicksal mit zahlreichen weiteren Figuren meint. Hat zum Beispiel die junge Randa, die sich eigentlich als Cora entpuppt und als Rachegöttin für die Schmach fungiert, der ihrer Familie angetan wurde, nun auch Aids?

Kein Zweifel: Darkos Roman wird seine LeserInnen finden, denn ihre Fangemeinde hier zu Lande ist treu. Aber schade ist es doch, dass derlei – natürlich durchaus berechtigte – Unterhaltungsliteratur unverhältnismäßig stark das Image afrikanischer Literaturen in Deutschland prägt. Aber das Selbe ließe sich auch von den Emotionsschmökern der Kamerunerin Calixte Beyala oder der Südafrikanerin Marita van der Vyver sagen. Letztlich bekommen LeserInnen die Literatur, die sie verdienen – und damit auch die Botschaft, die sie hören wollen. In diesem Roman lautet sie: Keine Tat bleibt ohne Sühne. Und das könnte zu verantwortlicherem Handeln beitragen, immerhin. Manfred Loimeier t Amma Darko: Das Lächeln der Nemesis. Roman. Aus dem Englischen von Kirsten Esser. Schmetterling-Verlag, Stuttgart 2006. 259 Seiten, 18 Euro

Kriegerischer Kolonialismus t In der Vorstellung vieler ZeitgenossInnen gehören Kolonialkriege der Vergangenheit an. Doch schaut man genauer hin, handelt es sich keineswegs um ein überholtes Phänomen. Auch über das Ende der formalen Dekolonisationsphase in den 1980er Jahren hinaus lassen sich Kriege als »kolonial« klassifizieren. Dazu gehört etwa der Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan (1978), wie es auch gute Gründe dafür gibt, den seit Frühjahr 2003 im Irak geführten Krieg als einen kolonialen Krieg zu betrachten. Wurde früher die Gewaltausübung an der Peripherie als Pazifizierungsmaßnahme gegen »aufständische Eingeborene« legitimiert, denen westliche Zivilisation und rechter Glaube gebracht werden müsse, sind es heute – im postkolonialen Zeitalter – Demokratie und Menschenrechte, die die Rechtfertigungsdiskurse bestimmen. Thoralf Klein und Frank Schumacher unternehmen in ihrem Sammelband Kolonialkriege den Versuch, die militärische Gewalt im Zeichen des Imperialismus in einer vergleichenden Kulturgeschichte näher unter die Lupe zu nehmen. Zeitlich fokussiert auf das 19. und 20. Jahrhundert, werden anhand von zehn Fallbeispielen die Bedingungen und der Verlauf von Kolonialkriegen, das militärische Vorgehen, die Diskurse über die Kriege wie die Sprachregelungen und Erinnerungspolitiken

untersucht. Historisch reicht der Bogen von den Indianerkriegen in den USA (1840-1890), dem Boxerkrieg in China (1900/1901), den deutschen Kolonialkriegen in Ostafrika und Südwestafrika vor und nach 1900, dem Krieg der USA auf den Philippinen (1899-1913), dem Krieg Spaniens in Marokko (1921-1927), dem italienisch-äthiopischen Krieg in Ostafrika (1935/36), der japanischen Aggression in China (1931-1945) bis hin zum französischen Algerienkrieg (1954-1962). Sicherlich zur Überraschung mancher Leser findet sich in dem Buch auch ein Beitrag über den Burenkrieg in Südafrika (1899-1902), obwohl doch auf beiden Seiten Weiße kämpften. Die Frage, wie ein Kolonialkrieg definitorisch gefasst werden kann, wirft Dirk Walter in seinem erhellenden Essay auf. Darunter versteht er die an der kolonialen Peripherie ausgeübte physische Gewalt, die in der Regel in den Formen des kleinen und asymmetrischen Krieges auftritt. Unabhängig davon, ob es sich um eine formelle Kolonialherrschaft oder um eine informelle Einflussnahme handelt, zielt die Gewalt darauf ab, Gebiete in ein expandierendes Wirtschaftssystem einzugliedern oder dies als status quo aufrechtzuerhalten. Der Kolonialismus ist dabei durch Disziplinierung, iz3w

Arbeitszwang, Segregation, Enteignung und (genozidalen) Massenmord charakterisiert. Der Kolonialkrieg stellt nur die Spitze einer latenten Gewaltkultur dar, was insbesondere für Siedlungskolonien kennzeichnend ist. Der niemals endende Kolonialkrieg konterkariert die althergebrachte Vorstellung, die Europäisierung der Erde sei ein Projekt des Fortschritts gewesen, das Frieden, Zivilisation, Gerechtigkeit und Wohlstand gebracht habe. Den Kolonialkrieg als radikalste Form von Gewaltanwendung expandierender Staaten systematisch zu untersuchen, ist überfällig gewesen. Wie in dem Band zutreffend angemerkt wird, harren weitere Aspekte des Kolonialkrieges ihrer Aufarbeitung, so zum Beispiel Genderfragen, Umweltaspekte, die Militärtechnologie oder medizinhistorische Fragestellungen. Joachim Zeller t Thoralf Klein / Frank Schumacher (Hg.): Kolonialkriege. Militärische Gewalt im Zeichen des Imperialismus, Hamburger Edition, Hamburg 2006. 369 Seiten, 35 Euro

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Rezensionen ... Zeitschriftenschau: »Nofretete geht auf Reisen« t Beutekunst wird in Deutschland meist mit dem Raub von Kulturgütern während des Zweiten Weltkriegs assoziiert. Doch schon Jahrzehnte zuvor hat sich das Deutsche Reich durch Diebstahl bereichert. Ein herausragendes Beispiel dafür ist die Büste der ägyptischen Königin Nofretete. Die mehr als 3.000 Jahre alte, gut erhaltene Büste wurde 1912 vom deutschen Archäologen Ludwig Borchardt in Tell el-Amarna entdeckt. 1913 gelangte sie auf nicht ganz geklärten Wegen nach Deutschland. Zehn Jahre später wurde sie im Berliner Museum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Heute ist sie einer der größten Publikumsmagneten der Museumsinsel in Berlin-Mitte. 2009 soll dort im Neuen Museum ein ganzer Saal für sie eingerichtet werden.

Mit dieser Art von Aneignung gar nicht einverstanden sind die UnterstützerInnen der Kampagne »Nofretete geht auf Reisen« (darunter das iz3w). Sie fordern schon seit einiger Zeit, dass die Büste zumindest zeitweise nach Ägypten zurückgebracht wird. Der Kampagne geht es aber nicht allein um Nofretete, sondern generell um gleichberechtigte kulturelle Beziehungen zwischen Nord und Süd. Die jüngste Ausgabe der IKA widmet der Kampagne und ihren Hintergründen ein ganzes Heft. Abwechslungsreich

wird Nofretetes Schicksal nachgezeichnet. Ergänzt durch Beiträge über andere geraubte Kulturgüter und deren Rückgabe, stößt die IKA somit eine längst überfällige Debatte an. Denn nicht nur deutsche Museen sind voll mit Beutekunst.

t IKA, Zeitschrift für Internationalen Kultur-Austausch. Ausgabe 67/ 68, April 2007, Einzelheft 5 Euro. IKA, Nernstweg 32-34, 22765 Hamburg, info@culturcooperation.de

Leserinnenbrief zum Artikel von Eva Bahl und Judith Goetz: It’s a long way, baby. Die bolivarianische »Revolution« in iz3w Nr. 299

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t Der Artikel von Eva Bahl und Judith Goetz ist weder emanzipatorisch noch fortschrittlich und gibt wesentlich mehr Auskunft über die Geisteshaltung der Autorinnen als über die Realität in Venezuela und wie diese einzuschätzen ist. Zunächst wäre es schön gewesen, wenn die Autorinnen die Spaltung der venezolanischen Gesellschaft nicht einfach als eine in Chávezund Nicht-Chávez-Anhängerinnen beschrieben hätten, sondern die materiellen Hintergründe genannt hätten, die ihren politischen Ausdruck in dieser Polarisierung finden. (...) Die venezolanische Gesellschaft war bereits vor dem Amtsantritt von Chávez tief gespalten: nämlich in die neun Prozent Frauen und Männer, die sich den gesamten Erdölreichtum des Landes aneigneten und den Rest von 91 Prozent Frauen und Männer, die entweder diesen Reichtum mit erwirtschafteten oder versuchten, ihren Lebensunterhalt mit irgendwelchen Jobs in der informellen Wirtschaft zu bestreiten. Einer der weit verbreiteten Jobs für die armen Frauen ist im Übrigen die Tätigkeit als Hausmädchen in bürgerlichen Haushalten. Wenn man den Autorinnen folgt, so verlangen sie allen Ernstes, dass diese venezolanischen Hausmädchen zuallererst mit ihren Hausherrinnen für

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ihre gemeinsamen Interessen eintreten. Fragt sich nur, welche das sein sollen. Es hat in der Geschichte der Frauenbewegung immer wieder punktuelle Zusammenschlüsse von proletarischen und bürgerlichen Frauenorganisationen jeweils zu konkreten, meist politischen Forderungen gegeben. Diese Bündnisse sind wichtig, um bestimmte Anliegen durchzusetzen. Sie können und sollten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Interessenlagen hinsichtlich der jeweiligen ökonomisch-sozialen Situation sehr voneinander unterscheiden. Was man kritisieren kann, ist, dass es derzeit keine eigene Frauenorganisation in der bolivarianischen Bewegung gibt. Zu verlangen, dass die Frauen komplett von ihrer sozialen Stellung absehen und sich, statt in »bolivarianischen Parteien und Organisationen verfangen« zu bleiben, besser mit den Bürgersfrauen zusammentun sollen, ist völlig absurd. Das einzige, was daraus deutlich wird, ist, dass sich die Autorinnen konsequent als BürgerInnen verhalten, welche sich seit der französischen Revolution dadurch auszeichnen, ihr bürgerliches (Frauen-)Interesse als Allgemeines darzustellen. (...) Wenn man als Politikwissenschaftlerin unter Populismus versteht, dass eine

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Regierung sich um die Belange der Mehrheit der Bevölkerung kümmert und insbesondere um die der ärmsten Teile, dann ist es richtig, dass es sich in Venezuela um Populismus handelt. Verstehe ich die Autorinnen aber richtig, so geht es ihnen vor allem darum, mit diesem Begriff die Regierungspolitik als hauptsächlich instrumentell zu denunzieren. Die protagonistische Sozialpolitik seit 1999 als eine Politik der Brot und Spiele abzuqualifizieren, ist ein rechtes Argument der sogenannten Ersten Welt und der herrschenden Klassen in der sog. Zweiten und Dritten, die ihre Profite bedroht sehen. (...) Im übrigen kann man, wenn man über den Populismus von Chávez lesen möchte, jede beliebige Zeitung in der BRD lesen, jede, die die übliche bürgerliche Propaganda betreibt, es braucht dafür nicht die iz3w. (...) Die Frage der Frauenbefreiung wird sich nicht von alleine lösen, aber ohne sozialistische Revolution niemals. Mit den besten Genesungswünschen an Fidel Castro, Nicole Drücker, Hamburg


... Szene Aufstand der Würde Das Kollektiv Zwischenzeit e.V. hat im Mai 2007 eine neue Filmdokumentation aus der vierteiligen Reihe Entwicklungsprojekte in Mittelamerika herausgebracht. »Der Aufstand der Würde« widmet sich der zapatistischen Bewegung in Chiapas. Das Filmteam besuchte mehrere zapatistische Gemeinden und sprach mit deren BewohnerInnen. Die Dokumentation (DVD) bietet Einblicke in selbstverwaltete Gesundheits-, Bildungs- Landwirtschafts- und Kollektivprojekte, das Politikverständnis und die internationale Bedeutung der Bewegung. Kosten: 16,- zzgl. Porto. t Zwischenzeit e.V., Grevener Str. 53, 48149 Münster, Tel. 0251-1492280, film@zwischenzeit-muenster.de, www.zwischenzeit-muenster.de t

Reise nach Kirgistan t Der Internationale Arbeitskreis (IAK) organisiert vom 11. – 23. August 2007 eine Reise nach Kirgistan. In der Einladung heißt es: »Auf unserer Reise wollen wir mit VertreterInnen zahlreicher NGOs, Jugendorganisationen, JournalistInnen sprechen und vor allem erfahren, wie sie sich zur aktuellen Situation verhalten. Der NGO-Sektor spielt in Kirgistan eine wichtige Rolle: Er beeinflusst die demokratischen Prozesse im Land, übernimmt aber auch viele Funktionen, die der Staat und seine Sozialsysteme aus Geldmangel nicht erfüllen können. Das Vorbereitungsteam kennt sich im Land hervorragend aus. Besondere Sprachkenntnisse sind nicht unbedingt erforderlich. Grundlegende Englischkenntnisse

sind von Vorteil, Russischkenntnisse eröffnen vollständige Selbständigkeit.« Die Teilnahme kostet ca. 800 Euro. Darin sind Vorbereitung, Flugkosten, Fahrtkosten im Land und Unterkunft enthalten. t kirgistan@iak-net.de

Reise nach Indien t Vom 28.11. bis 11.12. 2007 führt der IAK eine Reise nach Indien durch. Indien ist ein von Ungleichheiten und Gegensätzen durchzogenes Land: der extremen Armut, die jährlich tausende von Farmern in den Selbstmord treibt, stehen der Aufstieg zum internationalen IT-Dienstleister und zur Atommacht gegenüber. Die Reise wird sich mit verschiedenen politischen Projekten und Perspektiven auseinandersetzen: Bewegungen und Selbstorganisationen der Dalits, Politik um Arbeit und gegen Armut, Spielraum kommunistischer Landespolitik in Zeiten der Globalisierung, dem Verhältnis von Kastenwesen und Rassismus sowie Geschlechterverhältnissen. Der Teilnahmebeitrag liegt bei ca. 750 Euro. t Infos: indien@iak-net.de

Kinderrechte an die Unis t Zum Wintersemester 2007 führt die Freie Universität Berlin den weiterbildenden interdisziplinären Studiengang European Master in Children’s Rights ein. Der Studiengang richtet sich an alle, die sich in Jugendhilfe, Schulen, Medien, Justiz, Gesundheitsund Sozialwesen oder in der Entwicklungszusammenarbeit für die Interessen von Kindern

stark machen wollen. Im Verlauf eines Jahres werden jeweils 25 Studierende aus der ganzen Welt lernen, sich kritisch mit Kinderrechten auseinanderzusetzen. Gegenstand des Studiums sind sowohl theoretische Diskussionen über die Bedeutung der Kinderrechte, ihre Entstehung und rechtliche Verankerung, als auch die Analyse der praktischen Schwierigkeiten, Kinderrechte weltweit durchzusetzen. t Rebecca Budde (Koordination), Freie Universität Berlin, Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin, Tel. 030-83853968, rbudde@ina-fu.org, www.fu-berlin.de/emcr

Hörspielwettbewerb »Menschenwürde« t Zum achten Mal schreibt der Mitteldeutsche Rundfunk (mdr) den Kinderhörspielpreis aus. Thema dieses Jahr: die Menschenwürde. Alle Experimentierfreudigen und Kreativen können bis zum 31.10.2007 ihr selbst ausgedachtes und produziertes Hörspiel, das Kindern und Jugendlichen das Thema der Menschenwürde nahe bringt, einsenden. Der Preis, mit bis zu 7.500 Euro dotiert, wird auf der Leipziger Buchmesse 2008 vergeben. t Mitteldeutscher Rundfunk, Gremienbüro, 04360 Leipzig, kommunikation@mdr.de, www.mdr.de/presse/hoerfunk/4459580.html

Tödliche Flüchtlingspolitik t Die Lebensbedingungen für Flüchtlinge in der Bundesrepublik sind heute brutaler denn je, stellt die Antirassistische Initiative fest und möchte dies in ihrer mittlerweile

31.08.-02.09.2007 in Könnern (bei Leipzig 35 Jahre

Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft „...langlebigste und einflus anarchistische Zeitschrift ... basisdemokratischer Akteure.“ (Wikipedia)

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„...die Graswurzelrevolution ist nach w vor höchst lebendig - sowohl a gedruckt als auch im Internet (taz, 17.03.07) Jahresabo: 30 Euro (10 Ausg.) Schnupperabo*: 5 Euro (3 Ausg.) * ... verlängert sich ohne Kündigung zum Jahresabo. Kündigung jederzeit möglich

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Herausgeberin: 14. aktualisierten Auflage der Dokumentation zur deutschen Flüchtlingspolitik beweisen. Die Dokumentation in CD-RomFormat umfasst Todesfälle und Verletzungen bei Grenzüberquerungen; Selbsttötungen, Selbsttötungsversuche und Verletzungen von Flüchtlingen aus Angst und auf der Flucht vor Abschiebungen; Todesfälle und Verletzungen vor und während Abschiebungen, Misshandlungen und Folter nach Abschiebungen, Brände und Anschläge auf Flüchtlingssammellager. Knapp 5.000 Einzelschicksale im Zeitraum von 1993-2006 finden hier Erwähnung. Kosten: 16,60 Euro incl. Porto. t Antirassistische Initiative e.V. – DokumentationsStelle, Mariannenplatz 2, Haus Bethanien Südflügel, 10997 Berlin, Tel. 030-61740440, ari-berlin-dok@gmx.de, www.ari-berlin.org/doku/bestell.htm

Frauensolidarität Nr. 100 Seit 25 Jahren informiert die vierteljährlich erscheinende österreichische Zeitschrift »Frauensolidarität« über Frauenrechte, Frauenbewegungen und Frauenkultur in den Ländern des Südens und reflektiert das Nord-Süd-Verhältnis aus feministischer Sicht. Im Juni ist nun die 100. Ausgabe zum Schwerpunkt »Feminismen« erschienen. Unter anderem geht es um die Vielzahl von Feminismen, Frauenorganisationen und Gewerkschaften in Zentralamerika, Feminismus und Entwicklungspolitik, feministische Lesben in Lateinamerika, u.v.m. Kosten: 5 Euro zzgl. Porto. t Frauensolidarität, Berggasse 7, A-1090 Wien, Tel. 0043-1314020352, redaktion@frauensolidaritaet.org, www.frauensolidaritaet.org t

Herrschaftslose Gesellschaftsalternativen können nicht aus Büchern in die Wirklichkeit übertragen werden. Sie müssen im »richtigen Leben« entwickelt, erprobt oder auch verändert werden. Raum hierfür bietet das Anarchistische Camp, das vom 20.-29.7. im nördlichen Niederösterreich stattfindet. Hier sollen Menschen aus unterschiedlichen Ländern mit verschiedensten Erfahrungen zusammengebracht werden, um anarchistische Theorie und Praxis zu verknüpfen. Das Camp soll neben der durch Selbstorganisation geübten Praxis auch Raum für die Diskussion über anarchistische Theorien und herrschaftskritische Ideen bieten. t www.a-camp.info t

t Aktion Dritte Welt e.V. – informationszen-

trum 3. welt, Postfach 5328, Kronenstr. 16 a (Hinterhaus), D-79020 Freiburg i. Br. Telefon: 07 61/740 03, Fax: 07 61/70 98 66, E-Mail: info@ iz 3 w.org Bürozeiten: Montag bis Freitag 10 bis 16 Uhr.

www.iz3w.org

Redaktion:

t Martina Backes, Wolfgang Blüggel, Iris

Erbach, Stephan Günther, Tanja Hausmann, Monika Hoffmann, Dieter Kaufmann, Sascha Klemz, Franziska Krah, Georg Lutz, Rosaly Magg, Tine Maier, Christine Parsdorfer, Winfried Rust, Christoph Seidler, Christian Stock, Sigrid Weber, Heiko Wegmann, Geraldine Zschocke.

Copyright: Hat dein Computer einen Namen und darf er nachts neben dir schlafen? Dann ist folgende Tagung sicherlich interessant für dich. Vom 8.-12.8. findet das Chaos Communication Camp statt, organisiert vom CCC (Chaos Computer Club). In Finowfurt bei Berlin wird es in rund 80 Vorträgen, unzähligen Workshops und Diskussionen um Technik und Wissenschaft sowie um Globalisierung und Internetzugang in den Ländern des Südens gehen. Zur Teilnahme brauchst du lediglich ein Zelt, denn für Strom, Netz und Verpflegung ist gesorgt. Kosten: Von 120 Euro (SchülerInnen) bis 150 Euro. t http://events.ccc.de/camp/2007/ Chaos_Communication_Camp_2007 t

Impressum

. . . S z e n e / Ta g u n g e n

t bei der Redaktion und den AutorInnen

Vertrieb für den Buchhandel:

t Prolit Verlagsauslieferung GmbH,

Postfach 9, D-35463 Fernwald (Annerod), Fax: 0641/ 943 93-93, service@prolit.de

Satz und Gestaltung:

t Dieter Kaufmann und Büro MAGENTA.

Herstellung:

t Druckerei schwarz auf weiss. Freiburg.

Jahresabonnement (6 Ausgaben):

t Inland: Q 31,80 (für SchülerInnen, StudentInnen, Wehr- und Zivildienstleistende Q 25,80), Förderabonnement ab Q 52,t Ausland: Europa Q 39,- oder Übersee Q 54,t Kündigungen bis zum Erhalt des letzten Heftes. Sonst automatische Verlängerung. t Aboverwaltung: abo@iz3w.org

Vorschau: iz3w Nr. 302 Internationaler Dokumentarfilm

t Postbank Karlsruhe (D)

Tagungen: 50

Konten (Aktion Dritte Welt e.V.):

Der Dokumentarfilm ist ein einflussreiches Medium, wenn es um die Darstellung gesellschaftlicher Realitäten und sozialer Missstände geht. Dennoch fristete dieses Genre in der Kinowelt lange Zeit ein Schattendasein. Sozialkritische Filme über die Zusammenhänge zwischen Nord und Süd erreichten bislang primär ein vorinformiertes und politisch interessiertes Publikum. Erst in den letzten Jahren wecken Dokumentarfilme im Kino die Aufmerksamkeit bei einer größeren Öffentlichkeit. In unserem Themenschwerpunkt wollen wir sowohl dem Boom von Dokumentarfilmen als auch den Gefahren des Genres nachgehen. t

t Welchen Einfluss haben transnationale terroristische und kriminelle Vereinigungen auf den Staat und die Gesellschaft in der westlichen Balkan-Region? Diese und andere Fragen sollen auf der International Summer Academy on Human Security, die vom 15.-25.07. in Graz stattfindet, diskutiert werden. Gerichtet ist die Tagung an Mitarbeitende von NGOs mit den Arbeitsschwerpunkten »Menschenrechte« und »Menschliche Sicherheit«, Postgraduates, junge WissenschaftlerInnen und Angestellte der öffentlichen Verwaltung. t ETC Graz, Schuberstraße 29, A-8010 Graz, Tel. 0316-32288823, barbara.schmiedl@etc-graz.at, www.humsec.eu

iz3w

Juli / August 2007

Konto-Nr. 148 239 755, BLZ 660 100 75 Für Überweisungen aus EU-Ländern: IBAN: DE 44 66010075 0148239755 BIC: PBNKDEFF t PostFinance Basel (CH)

Konto-Nr. 40 - 35 899 - 4 t Hypo-Bank Bregenz (A)

Konto-Nr. 10 157 109 117, BLZ 58 000

Spenden: t Steuerlich abzugsfähige Spenden bitte mit

Verwendungszweck: »Spende« auf das Konto 148 239 755 der Aktion Dritte Welt e.V. bei der Postbank Karlsruhe (BLZ 660 100 75). Diese Spenden beinhalten kein Abo!

Anzeigenschluss für Ausgabe Nr. 302: t (Druckfertige Vorlagen) 1.8.07

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301


7EITERBILDUNGSKURSE IN%NTWICKLUNGUND :USAMMENARBEIT (ERBSTSEMESTER -ONITORINGINDER0ROJEKT UND0RO GRAMMSTEUERUNGINDER%NTWICKLUNGS ZUSAMMENARBEIT ÂŻ /%))&yRDERUNGINSTITUTIONELLER:USAM MENARBEITIN0ROJEKTENUND0ROGRAMMEN DER%NTWICKLUNGSZUSAMMENARBEIT  ÂŻ  0LANUNGVONPROGRAMMORIENTIERTEN 6ORHABENUNDVON0ROGRAMMENAUF ,ANDESEBENE ÂŻ 2ESULTATEUND0ROZESSEVON0ROJEKTENUND 0ROGRAMMENEVALUIEREN  ÂŻ ÂŻ  0OLICY-AKINGIN)NTERNATIONAL#OOPERA TION 4HE2OLEOF#IVIL3OCIETY ÂŻ -IKRO UND-AKROPERSPEKTIVENINDER !RMUTSBEKiMPFUNG ÂŻ

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Das feministische Magazin

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FernWeh – iz3w informationszentrum 3. welt Telefon 0761 – 740 03 www.iz3w.org info@iz3w.org FernWeh

anschlaege.at

www.

$IE"LOCKKURSEDES.!$%,SINDF~RDIE 4EILNEHMERINNENUND4EILNEHMERDES -ASTERPROGRAMMSIN%NTWICKLUNGUND :USAMMENARBEITSOWIEF~RDIEBERUFSBE GLEITENDE7EITERBILDUNGVON&ACHKRiFTEN AUSDER:USAMMENARBEITMIT%NTWICK LUNGS UND4RANSFORMATIONSLiNDERN KONZIPIERT .EBENDEM"ESUCHEINZELNER"LOCK KURSEBIETETDAS.!$%,INTERESSIERTEN &ACHKRiFTENDIE-yGLICHKEITAN MIT INSGESAMT+URSTAGENCA+ONTAKT STUNDEN %#43 +REDITPUNKTE EINEN :ERTI½KATSLEHRGANGIN%NTWICKLUNGUND :USAMMENARBEITZUABSOLVIEREN$IE :USAMMENSTELLUNGEINESGEEIGNETEN +URSPAKETSERFOLGTIN!BSPRACHEMITDEM .!$%,$IE4EILNEHMERZAHLISTBESCHRiNKT !USKUNFTUND!NMELDEUNTERLAGEN %4(:~RICH .!$%, 3EKRETARIAT 6/""

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ISSN 1614-0095

t iz3w • Postfach 5328 • D-79020 Freiburg PVSt, Deutsche Post AG, »Entgelt bezahlt« E 3 4 7 7

DER ATLAS

erweiterte Vorzugsausgabe mit CD-ROM

©2007 Le Monde diplomatique/ taz Verlags- und Vertriebs GmbH

ISBN 978-3-937683-13-3 Gebunden, 240 Seiten, über 300 Karten und Schaubilder. Mit CD-ROM für Windows, Mac und Linux.

»Eine unverzichtbare Lektüre für alle, die sich wirklich über den Zustand unseres Planeten informieren möchten.« Klaus Bednarz

Bestellen: www.monde-diplomatique.de/atlas. Oder in Ihrer Buchhandlung.

Der globale Blick

iz3w Magazin # 301  

Gestaltung: Büro MAGENTA Freiburg in Kooperation mit Dieter Kaufmann // iz3w - Ausgabe 301 // Kunst, Politik und Subversion – Spektakulär! /...

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