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Nr. 01— 2017

EUROPA UND DIE MUSIK

€ 7,00 (D)

IGEL AUF DER INSEL

KIRILL PETRENKO

DAS ENDE DER LEERE

Was der Brexit für die britische Kulturszene bedeutet

Der designierte Chefdirigent und seine Arbeitsweise

Wie das neue Museum die Probleme am Kulturforum lösen soll


VORSPIEL — EDITORIAL

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»128« heißt dieses Magazin der Berliner Philharmoniker, abgeleitet von der Anzahl der Mitglieder des Orchesters (wenn es voll besetzt ist). Mit diesem Namen und dem Seitenumfang des Hefts wollen wir betonen, woraus die Besonderheit dieses Kollektivs erwächst: aus den ganz individuellen Qualitäten jedes einzelnen Musikers, jeder einzelnen Musikerin, die schließlich im Spiel einen einzigartigen Ensemblegeist prägen.


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Liebe Musikfreunde, 25 Jahre nach ihrer Gründung durch den Vertrag von Maastricht befindet sich die EU in der größten Krise ihrer Geschichte. Ersparen wir uns die Aufzählung der sattsam bekannten Probleme; blicken wir lieber auf das, was uns gerade zu entgleiten droht: die Idee eines geeinten Kontinents, der aus seiner mitunter drangvollen Vielfalt immer auch seine Kraft bezog und bezieht. Nirgendwo wird diese Idee anschaulicher greifbar als im Bereich der Kultur, und daran wollen wir in unserem Schwerpunkt »Europa und die Musik« erinnern: mit einer offiziellen Stimme aus der EUKommission und vielen europäischen Stimmen aus Berlin, mit Beobachtungen aus der britischen Kulturszene, die sich auf den Brexit vorbereitet, und einer Reportage aus dem geteilten Zypern, mit einer musikalischen Reisegeschichte durch den alten Kontinent und mit der Außensicht, die ein nigerianischer Schriftsteller auf Europa hat. Im Ressort Berliner Philharmoniker kommt diesmal Zubin Mehta zu Wort, der uns von seinem humanistisch-musikalischen Weltbild erzählt. Wir stellen mit Kristīne Opolais die »Tosca« bei den Osterfestspielen Baden-Baden vor. Und anlässlich seines ersten Konzerts mit den Berliner Philharmonikern als deren designierter Chefdirigent widmen wir Kirill Petrenko und seiner einzigartigen Arbeitsweise ein ausführliches Porträt. Im Feuilleton schließlich bleiben wir in der unmittelbaren Nachbarschaft der Philharmonie: Das Kulturforum war jahrzehntelang ein Sorgenkind der Berliner Stadtplanung; nun soll die schwierige Situation dort durch das neue Museum des 20. Jahrhunderts gelöst werden. Wir erläutern die stadtgeschichtlich aufschlussreichen Hintergründe der Problematik und wie der Entwurf der Architekten Herzog & de Meuron darauf reagiert. Ich wünsche Ihnen eine so vielfältige wie spannende Lektüre Ihres neuen »128«!

Herzlich, Ihr Martin Hoffmann

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V O R S P I E L — I N H A LT

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INH A LT 16

Thema: Europa und die Musik Ein Schwerpunkt

Kirill Petrenko Der Dirigent im Porträt

90

100

Kristīne Opolais Die »Tosca« der Berliner Philharmoniker

M20 Ein neues Museum für das Kulturforum

Fotos: Wilfried Hösl (Petrenko); Tatyana Vlasova (Opolais); Herzog & de Meuron Basel Ltd., Basel, Schweiz mit Vogt Landschaftsarchitekten AG, Z¸rich/Berlin (Rendering M20)

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TH E MA: E U R O PA U N D D I E MUSIK

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B E R LI N E R PH I LHAR MON I KE R

60

Zu unserem Glück vereint Wie die EU die Kultur fördert

»Musik rettet die Seele trotzdem!« Zubin Mehta im Gespräch

Vo n R i c h a r d N . K ü h n e l

Vo n B j ø r n W o l l

Unser gemeinsames Wunderkind Der Kommentar

Durch Liebe aus dem Chaos Joyce DiDonato singt über Krieg und Frieden.

30

68

Vo n Vo l k e r H a g e d o r n

Vo n S u s a n n e S t ä h r

Igel auf der Insel Was bringt der Brexit für die Kultur?

Spiritismus, Historismus und Verismus Im Schatten Puccinis: Victorien Sardou, Textdichter der »Tosca«

32

Vo n A l e x a n d e r M e n d e n

38

Karriere im Karren Musiker auf Reisen durch Europa. Vo n B r u n o P r e i s e n d ö r f e r

44

Das Land mit dem dunklen Fleck auf der Seele Zypern: Kunst auf der geteilten Insel Vo n C h r i s t i a n e S t e r n b e r g

52

Europa, Afrika und was dazwischen liegt Beobachtungen eines nigerianischen Schriftstellers in Berlin Vo n E l n a t h a n J o h n

56

Europäische Lieblingsmusik CD-Tipps unserer Autoren

72

Vo n M i c h a e l S t e g e m a n n

78

Kommt uns das bekannt vor? Dieterich Buxtehude in Lübeck

5

96

Mein Instrument als Lebenspartner Dominik Wollenweber und sein Englischhorn

FE U I LLETON

100

Das Ende der Leere Herzog & de Meurons Museum des 20. Jahrhunderts am Kulturforum Vo n G e r w i n Z o h l e n

110

Mit den Ohren sehen Eine Technik hilft Blinden, sich akustisch im Raum zu orientieren. Vo n A n n e t t e K u h n

114

Fragen zur Musikliebhaberei Diesmal an Ina Weisse

Vo n W o l f g a n g S t ä h r

82

Ein visionärer Traditionalist Der Geiger Pinchas Zukerman Vo n O l i v e r M e i e r

86

Ein stiller Held Der Fluchthelfer Varian Fry Vo n Vo l k e r Ta r n o w

90

Es ist des Lernens kein Ende Der Dirigent Kirill Petrenko Vo n E l e o n o r e B ü n i n g

VOR S PI E L

03 Vorwort 06 Text & Bild 08 Nachrichten 12 Zahlenspiel NACH S PI E L

116 Bücher und CDs 122 Konzertkalender 127 Cartoon 128 Impressum


VORSPIEL — TE XT & BILD

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RICHARD NIKOL AUS KÜHNEL

JORDIS ANTONIA SCHLÖSSER

BRUNO PREISENDÖRFER

Richard Kühnel, 1969 in Graz geboren, studierte Rechtswissenschaften und Politikwissenschaften in Graz, Lyon, Florenz und Princeton. 1994 trat er in den österreichischen diplomatischen Dienst ein. Nach Stationen in Tokio, New York und Wien wechselte er zur Europäischen Kommission und begann seinen Dienst als Berater im Kabinett von Benita Ferrero-Waldner, der damaligen Kommissarin für Außenbeziehungen und Europäische Nachbarschaftspolitik. 2008 kehrte er nach Wien zurück und übernahm den Posten des Vertreters der Europäischen Kommission in Österreich. Seit Juni 2014 ist Richard Kühnel Vertreter der Europäischen KomS.16 mission in Deutschland. " 

Jordis Antonia Schlösser machte ihr Diplom in Fotografie 1996 bei Arno Fischer in Dortmund. Seit 1997 ist sie Mitglied der Fotografenagentur Ostkreuz, 1998 wurde sie in die Word Press Masterclass aufgenommen. Sie fotografiert u. a. für »Geo«, »Stern«, »National Geographic« und »Spiegel« und erhielt für ihre Arbeiten mehrere nationale und internationale Fotopreise, darunter den »Yann Geoffroy Competition« sowie einen »World Press Photo Award«. Zuletzt fotografierte sie u. a. die Schickeria im »Neuen Westen« Berlins, das jüdische Leben in Warschau sowie chinesische Immigranten, die in Sweatshops der Toskana Mode unter dem Label »Made in Italy« produzieren. Jordis Antonia Schlösser lebt und arbeitet nach langen Jahren in Havanna und S.16 in Paris seit 2008 in Berlin. " 

Bruno Preisendörfer, 1957 bei Aschaffenburg geboren, hat in Frankfurt am Main und seit 1982 in West-Berlin Germanistik, Soziologie und Politikwissenschaft studiert. Im Anschluss promovierte er über Ästhetik und Herrschaft im Preußen des 18. Jahrhunderts und arbeitete parallel als Redakteur und Literaturkritiker. Seit 1999 lebt er als freier Schriftsteller. Zuletzt erschienen »Als Deutschland noch nicht Deutschland war. Reise in die Goethezeit« (2015) und »Als unser Deutsch erfunden wurde. Reise in die Lu­ therzeit« (2016), für das er mit dem NDR-Kultur Sachbuchpreis ausgezeichnet wurde. Entgegen seiner eigenen Profession hält er die Musik S.38 für die größte aller Künste. " 

Fotos: Europäische Kommission (Kühnel); Tilman Müller (Schlösser); David Biene (Preisendörfer); Alla Sieg (John); Christian Thiel (Büning); privat (Zohlen)

TEXT & BILD


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E L N AT H A N J O H N

ELEONORE BÜNING

GERWIN ZOHLEN

Elnathan John, 1982 geboren, stammt aus einer christlichen Familie im Norden Nigerias. Er ist Jurist und heute hauptberuflicher Schriftsteller und Satiriker. 2013 war er mit seiner Kurzgeschichte »Bayan Layi« für den Caine Prize for African Writing nominiert und kam dabei in die engere Auswahl. Bekannt ist der Autor auch für seinen Blog »Elnathan John’s Dark Corner«. In letzter Zeit befasst er sich vor allem mit Pastoralismus, Sexualität in Nigeria und der modernen islamischen Geschichte Nordnigerias. Seine Werke wurden u. a. im »Per Contra«, »ZAM Magazin«, »Evergreen Review«, »Sentinel Nigeria« und »Chimurenga’s The Chronic« publiziert. Sein Debütroman »Born on a Tuesday« (2016) wird demnächst S.52 auf Deutsch erscheinen. " 

Eleonore Büning, geboren 1952 in Frankfurt am Main, studierte Musikwissenschaften sowie Theater- und Literaturwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Promotion über frühe Beethovenrezeption (»Wie Beethoven auf den Sockel kam«, 1992). Zunächst als freie Musikjournalistin für Radio und diverse Zeitungen tätig, ging sie 1994 als Musikredakteurin zur »Zeit« und wechselte 1997 ins Feuilleton der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«. Nebenbei moderiert sie gelegentlich Livesendungen, regelmäßig für SWR (»Neues vom Klassikmarkt«) und WDR (»Klassikforum«). Diverse Buchveröffentlichungen. Seit 2011 ist sie außerdem Vorsitzende der Jury des Preises der S.90 deutschen Schallplattenkritik." 

Gerwin Zohlen studierte Literaturwissenschaft, Geschichte und Philosophie in Heidelberg und Berlin. Nach Assistenz am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der FU Berlin ist er als Publizist, Architekturkritiker und Herausgeber tätig. Neben zahlreichen Essays und Artikeln erschienen u. a. die Bücher »Baumeister des neuen Berlin« (2001), »Auf der Suche nach der verlorenen Stadt« (2002) sowie »Stadtbau. Die Stimmann-Dekade. Berlin 1991–2006« (2006). Gerwin S.100 Zohlen lebt in Berlin. " 


VORSPIEL — NACHRICHTEN

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WIEDER IN BERLIN: BE NE FI Z KON Z E RT DES PRÄSIDENTEN Am 12. März findet das letzte Benefizkonzert des Bundespräsidenten in der Amtszeit von Joachim Gauck statt. Die Berliner Philharmoniker spielen unter der Leitung von Zubin Mehta Elgars Violinkonzert (Solist ist Pinchas Zukerman) sowie Tschaikowskys Fünfte Symphonie. Das Konzert findet zugunsten von UNICEF statt, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, dessen Botschafter das Orchester seit nunmehr zehn Jahren ist. Die Geschichte des Bundespräsidentenkonzerts reicht jedoch viel weiter zurück. Als Richard von Weizsäcker es 1988 ins Leben rief, ahnte wohl kaum jemand, was für ein besonderes musikalisches Format er etablieren würde: Nicht allein, dass diese Wohltätigkeitsveranstaltung, die einmal im Jahr in der Berliner Philharmonie stattfinden sollte, Spenden zugunsten kultureller oder sozialer Zwecke generierte, sie bescherte dem Publikum auch viele musikalische Sternstunden. Man denke nur an das zweite Benefizkonzert im März 1989, das gleichzeitig das Debüt von Carlos Kleiber bei den Berliner Philharmonikern war. Jahrelang hatte sich das Orchester darum bemüht, den ebenso scheuen wie genialen Dirigenten ans Pult zu

bekommen. Bis dahin vergeblich. Doch den Bitten Richard von Weizsäckers konnte sich Kleiber nicht verschließen. Als ebenfalls einzigartig und bewegend bleibt das triumphale Comeback Sergiu Celibidaches im März 1992 in Erinnerung. 38 Jahre zuvor war es zum Zerwürfnis zwischen dem meinungsstarken Rumänen und den Berliner Philharmonikern gekommen, weil die Musiker

Karajan und nicht ihn zum Chefdirigenten erkoren hatten. Celibidache kehrte Berlin den Rücken. Hier bewirkten Richard von Weizsäckers Vermittlung und die Zusicherung, den Erlös des Konzerts an Kinderheime in Rumänien zu spenden, einen Sinneswandel bei dem Dirigenten, und er reiste an, um Bruckners Siebte Symphonie zu leiten. Aber auch Dirigenten, die regelmäßig mit den

Philharmonikern zusammenarbeiten, kamen der Einladung des Bundespräsidenten zum Benefizkonzert nach: Daniel Barenboim, Claudio Abbado, Lorin Maazel, Günter Wand, Bernard Haitink, Sir Simon Rattle und Zubin Mehta, der 1997 das erste Konzert der Ära Roman Herzogs dirigierte. Der Spendenerlös ging damals an die Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker. Roman Herzog und Johannes Rau setzten die von Richard von Weizsäcker begründete Tradition gerne fort. Nicht nur die Philharmoniker, auch andere hochrangige Klangkörper wie das Gewandhausorchester Leipzig und die Sächsische Staatskapelle Dresden spielten bei diesen Konzerten. Mit Horst Köhler änderte sich das Profil der Konzertreihe: Seit 2006 finden die Benefizkonzerte des Bundespräsidenten nicht mehr nur in Berlin, sondern reihum in den Bundesländern statt, als Zeichen dafür, wie vielfältig und erstklassig die deutsche Musiklandschaft ist, u. a. mit dem Freiburger BalthasarNeumann-Ensemble, dem Bayerischen Staatsorchester in München, der Kammeroper Rheinsberg, dem WDR Sinfonieorchester in Köln, der Staatskapelle in Halle, dem Philharmonischen Staatsorchester in Hamburg oder, zuletzt, den Bamberger Symphonikern. NR

Fotos: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

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VORSPIEL — NACHRICHTEN

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H E R Z SCH L AG: D IE PHILHARMONISCHEN SCH L AG Z E UG E R Viele Jahre wurde das Schlagzeug in der europäischen Kunstmusik eher stiefmütterlich behandelt. Denn obwohl Pauken, Trommeln, Becken und Triangel im Orchester an markanten musikalischen Höhepunkten von Zeit zu Zeit spektakulär auftrumpfen durften, fristeten sie sonst eher ein Schattendasein – oft zu bloßen Taktgebern degradiert. »Bis vor 100 Jahren waren Schlagzeuger hauptsächlich für Klangeffekte oder rein rhythmische Zusatzelemente zuständig«, erklärt Raphael Haeger, Schlagzeuger der Berliner Philharmoniker. »Erst im 20. Jahrhundert haben sie sich einen entsprechenden Platz im Orchester und in der Kammermusik erobert.« »Schließlich«, ergänzt sein Kollege Simon Rössler, »bildet das Schlagzeug vor allem in der neueren Orchesterliteratur den Herzschlag des musikalischen Geschehens.« Diese Neubewertung der Schlag­instrumente ging mit einer

rapiden Entwicklung der Spieltechnik und einem enormen Anwachsen der Schlagwerkliteratur einher. Kein Wunder also, dass Schlagzeuger heute – allen voran die der Berliner Philharmoniker – wahre Allroundtalente sind. Denn im Gegensatz zu allen anderen Orchestermusikern müssen sie nicht ein Instrument, sondern sehr viele Instrumente beherrschen: diverse Trommeln aller Art sowie Tamburin, Klanghölzer, Schlagstöcke, Holzblöcke, Kastagnetten, Peitsche, Ratsche, Triangel, Schellen, Zymbeln, Becken, Gongs, Kuhglocken, Tamtam, Singende Säge und Flexaton bis hin zu den sogenannten Stabspielen wie Xylofon, Marimbafon und Glockenspiel. Neben Simon Rössler, der zusätzlich zu seiner Orchestertätigkeit in diversen Jazz- und Popformationen musizierte, ist auch Franz Schindlbeck Mitglied der philharmonischen Schlagzeugsektion und Jazzliebhaber, der bereits während seines Studiums in zahlreichen Bands spielte. Jan Schlichte wiederum, einst Schüler von Franz

Schindlbeck an der philharmonischen Orchester-Akademie, spielte ursprünglich Klavier, bis er sich für den Farbenreichtum der Schlaginstrumente begeisterte. Anders als er ist Raphael Haeger dem Klavier bis heute treu geblieben: Bevor der Schlagzeuger Mitglied der Berliner Philharmoniker wurde, hatte er u. a. zwei Jazzkonzertreihen betreut und als Pianist eine CD mit eigenen Jazzkompositionen veröffentlicht. Doch damit nicht genug, denn seit seiner absolvierten OrchesterleiterAusbildung im Jahr 2002 tritt Raphael Haeger auch immer wieder als Dirigent in Erscheinung. Am 13. März 2017 präsentieren die philharmonischen Schlagzeuger unter dem Motto »But what about the noise …?« die Vielseitigkeit ihres Instrumentariums. Und das verfügt über eine außergewöhnliche Bandbreite an sinnlichen Ausdrucksmöglichkeiten – von eruptiven Klangkaskaden der Drums bis hin zu zart verklingenden Glockentönen. HH

Fotos: Sebastian Hänel

Raphael Haeger (l.o.) Franz Schindlbeck (r.o.) Simon Rössler (l.u.) Jan Schlichte (r.u.)


Berliner Festspiele

450 Jahre Claudio Monteverdi (1567–1643) die drei großen Opern in der Philharmonie

Sa, 2. Sept. 2017, 19:00 Uhr

L’Orfeo

Schule von Fontainebleau, Portrait der Poppaea, um 1560

Favola in musica in einem Prolog und drei Akten (Mantua, 1607) So, 3. Sept. 2017, 19:00 Uhr

Il ritorno d’Ulisse in patria

Tragedia di lieto fine in einem Prolog und drei Akten (Venedig, 1641) Di, 5. Sept. 2017, 19:00 Uhr

L’incoronazione di Poppea

Opera musicale in einem Prolog und drei Akten (Venedig, 1642)

Monteverdi 450 Einziges Gastspiel in Deutschland

Halbszenische Aufführungen in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln in der Regie von Elsa Rooke und John Eliot Gardiner

Monteverdi Choir English Baroque Soloists Sir John Eliot Gardiner Leitung und Solisten

Programmveröffentlichung und Ticketverkauf für das Musikfest Berlin am 18. April 2017 Tickets für Monteverdi 450 sind bereits jetzt erhältlich. Telefon 030 254 89 100 www.berlinerfestspiele.de Eine Veranstaltung der Berliner Festspiele / Musikfest Berlin Gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds und der Aventis Foundation. Monteverdi 450 wird unterstützt von Monteverdi Tuscany

Berliner Festspiele in Zusammenarbeit mit der Stiftung Berliner Philharmoniker


VORSPIEL — Z AHLENSPIEL

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ZA HLENSPIEL Wo fanden die Europakonzerte der Berliner Philharmoniker bisher statt?

Der Fall des Eisernen Vorhangs lag noch keine zwei Jahre zurück, und der Vertrag von Maastricht war noch nicht unterzeichnet, als die Berliner Philharmoniker am 1. Mai 1991 in Prag die zukunfts­ weisende Tradition ihrer Europa­ konzerte begründeten. Seitdem hat dieses Konzert jedes Jahr an einem anderen kulturhistorisch bedeuten­ den Ort in Europa stattgefunden und wurde weltweit in Rundfunk und Fernsehen übertragen. Das gewählte Datum der Europa­ konzerte, der 1. Mai, feiert die Grün­ dung des Berliner Philharmonischen Orchesters am 1. Mai 1882. Und die Konzerte selbst feiern alljährlich die umfassendste Freiheit, die un­ ser Kontinent in seiner langen Ge­ schichte jemals hatte – dieses Jahr übrigens auf Zypern (siehe S. 44).

2010 Sheldonian Theatre, Oxford Daniel Barenboim

1993

Royal Albert Hall, London Bernard Haitink

1997

Opéra Royal, Versailles Claudio Abbado

El Escorial, Madrid Daniel Barenboim 1992

2003

Kloster Hieronymus, Lissabon Pierre Boulez

2012

Teatro Real, Madrid Sir Simon Rattle


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1996 2016 Mariinski Theater, St. Petersburg Claudio Abbado

Røroskirke, Røros Sir Simon Rattle

1998 Vasa-Museum, Stockholm Claudio Abbado

2008

Tschaikowsky-Konservatorium, Moskau Sir Simon Rattle

Philharmonie, Berlin Claudio Abbado 2000 2014

2007 Kabelwerk Oberspree, Berlin Sir Simon Rattle

Philharmonie, Berlin Daniel Barenboim

Ständetheater, Prag Daniel Barenboim 2006 1999 2013

1991 1994

Marienbasilika, Krakau Bernard Haitink

Smetanasaal, Prag Claudio Abbado

Prager Burg, Prag Sir Simon Rattle

Meininger Theater, Meiningen Claudio Abbado

2012 2005 Spanische Hofreitschule, Wien Gustavo Dudamel

Ungarische Staatsoper, Budapest Sir Simon Rattle

Salone Dei Cinquecento, Florenz Zubin Mehta

1995 2001

Teatro di San Carlo, Neapel Riccardo Muti

Irenenkirche, Istanbul Mariss Jansons

2009 Odeon of Herodes Atticus, Athen Sir Simon Rattle 2004 Teatro Massimo, Palermo Claudio Abbado 2002

2015

Megaron, Athen Sir Simon Rattle

Medieval Castle Square, Paphos Mariss Jansons 2017


THEMA: E U R O PA U N D D I E M U S I K

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Zu unserem Glück vereint W i e u n d wa r u m d i e E U d i e Ku l tu r fö r d e r t

30

Unser gemeinsames Wunderkind E i n Ko m m e n t a r vo n Vo l ke r H a g e d o r n

32

Igel auf der Insel Wa s b r i n g t d e r B r ex i t f ü r d i e Ku l tu r u n d d i e M u s i k ?

38

Karriere im Karren M u s i ke r wa r e n s te t s a u f Reisen durch Europa – aus g u te m G r u n d .

44

Das Land mit dem dunklen Fleck auf der Seele G e te i l te I n s e l: Ku l tu r a u f Zy p e r n

52

Europa, Afrika und was dazwischen liegt B e o b a c h tu n g e n e i n e s n i g e r i a n i s c h e n S c h r i f t s te l l e r s in Berlin

56

Europäische Lieblingsmusik CD-Empfehlungen u n s e r e r A u to r e n


16

T H E M A : E U R O P A U N D D I E M U S I K — E U - K U LT U R P O L I T I K

ZU UNSEREM GLÜCK VEREINT Zusammenhalt und Identität: Wie und warum die EU die Kultur fördert. Vo n R i c h a r d N . Kü h n e l F o to s vo n J o r d i s S c h l ö s s e r

W I R D U R C H L E B E N keine leichten Zeiten für unser

Europa. Ein Sturm äußerer und innerer Herausforderungen braut sich zusammen, und der europäische Schoner muss beweisen, dass er diesen Wetterbedingungen standhält. Das Schiff ist gut gebaut, mit hochwertigen Materialien und ständiger Wartung. Aber es braucht auch eine klare Führung, einen guten Kompass und eine Mannschaft, die zusammensteht. Sowohl für die Bestimmung der Fahrtrichtung als auch den Zusammenhalt an Bord ist unsere gemeinsame Kultur ein wichtiger Faktor. Gemeinsame Kultur? Doch, davon kann man reden. Zwar gibt es die einen, die Kultur lieber national beheimaten und mit Stolz von der deutschen, französischen oder italienischen Kultur schwärmen. Und es gibt die anderen, die Kultur überhaupt nicht verorten möchten, sondern als höchsten Ausdruck unserer menschlichen Existenz über jede Grenzziehung erhaben sehen. Aber ich sehe einen starken gemeinsamen Sockel, auf dem das Kulturverständnis in Europa steht: Das europäische Wertebild, das in der teils leidvollen, teils großartigen Geschichte unseres Kontinents entstanden ist, macht europäische Kultur aus. Bewusst wird man sich dessen besonders aus der Außenperspektive. Erst mit einer gewissen Distanz erkennt man die Schönheit des Mosaiks, das sich aus einer Vielfalt stimmig zusammenfügt.

I N D E R T I E F E D E R I D E N T I TÄT

Gerade in schwierigen Zeiten macht man sich in Europa immer auf die Suche nach dem Kitt, der uns zusammenhält, und wenn wir dabei tief in Seele und Identität der Menschen vordringen, landen wir stets bei der Kultur. Ich erinnere mich, dass wir in der Europäischen Union nach der kollektiven Depression in Folge der negativen Referenden über einen europäischen Verfassungsvertrag in Frankreich und den Niederlanden durch Initiativen wie »Soul of Europe« oder »Sound of Europe« wieder Selbstvertrauen fassten. Das mündete 2007 in der »Berliner Erklärung«, in der es heißt: »Wir Bürgerinnen und Bürger Europas sind zu unserem Glück vereint.« Heute, zehn Jahre später, sind wir wieder bemüht, das Vertrauen der Menschen in Europa zurückzugewinnen. Interessant ist dabei, dass sich trotz einer bereits acht Jahre währenden Krisenstimmung, trotz medialer und politischer Dauerkritik an europäischen Entscheidungen, trotz generell schwindenden Vertrauens in politische Institutionen die Identifikation der Bürger mit Europa festigt. Laut der halbjährlich europaweit durchgeführten Meinungsumfrage »Eurobarometer« fühlen sich 67 Prozent der Menschen ganz oder teilweise neben ihrer nationalen oder regionalen Identität auch als Bürger  "


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N E U N M E N S C H E N A U S E U R O PA , DIE DAS BE RLINE R MUSIK LEBE N BE RE ICHE RN Vo n A n n e t t e Z e r p n e r

DJ

M A R T I N S L A N EC TSCHECHIEN

Martin Slanec kam 2005 »mit zwei Koffern in einem Schneesturm« zum Studium nach Berlin. Der überzeugte Großstadtmensch, der in einer Kleinstadt aufwuchs, braucht die »alternativen Menschen von überall« um sich. Platten aufzulegen, war lange nur ein Hobby. »Man gibt den Leuten die Musik, die einem Spaß macht, und reagiert auf sie. Sie sind

glücklich, und ich gehe glücklich nach Hause.« Jeder Tscheche ist ein Musikant, sagt ein Sprichwort bei ihm zu Hause. Musik ist eine weitere Form der Kommunikation für den passionierten Sprachlehrer am Tschechischen Zentrum. Auch dort erlebt der 39-Jährige Europa als Alltag. Einige Schüler haben tschechische Partner,

andere eine sudetendeutsche Familiengeschichte. Verbindendes sieht er für seine Generation etwa in den Kindheitserinnerungen an tschechische Märchenfilme wie »Drei Nüsse für Aschenbrödel«. Ein Berliner Restaurant gegen Heimweh hat Martin nicht. Dafür lädt er zum Namenstag Sankt Martin immer zu selbst zubereiteter Gans ein.


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T H E M A : E U R O P A U N D D I E M U S I K — E U - K U LT U R P O L I T I K

Musik-Performancekünstlerin

C AT H ER I N E LO R EN T LUXEMBURG

»Ich lebe in Wedding, das tut der Sache gut«, sagt Catherine Lorent. Die »Sache« ist ihre ganz eigene Verschmelzung von bildender Kunst, Musik und Performance. In ihren Arbeiten umkreist die 39-jährige Luxemburgerin, die seit zehn Jahren in Berlin lebt, das ursprünglich barocke Konzept des Gesamtkunstwerks mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts.

Thrash Metal ist ihr dabei musikalisch ebenso wenig fremd wie Franz Schubert. Die Liste ihrer Ausstellungen in den Kunstmetropolen ist beeindruckend lang, 2013 hat sie den Pavillon Luxemburgs auf der Biennale in Venedig bespielt. Der raue Stadtteil im Norden Berlins hilft ihr, sich zu erden. Hier könne man immer wieder einen

neuen Gang einlegen und sich auch mal zurückziehen, um ein Buch zu Ende zu lesen. Unvermittelt wirft sie die Frage auf, ob der Jagdtrieb des Künstlers eines Tages verschwinde, wenn alles mit einem Wisch oder Klick verfügbar sei. Die Antwort darauf hat sie zuvor eigentlich schon selbst gegeben: »Man soll sich vor nichts fürchten!«


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Europa ist ein Kontinent der Kultur. Doch seine Integration begann mit der Wirtschaft.

der EU, 22 Prozent eher nicht und zehn Prozent überhaupt nicht. In Deutschland sind die Zahlen noch klarer: 77 Prozent sehen sich als Bürger der EU, nur sechs Prozent fühlen sich überhaupt nicht so. Die höchste Identifikation mit der EU gibt es in Luxemburg, Malta, Spanien, Portugal, Finnland, Polen und Irland. Die geringste, wenig verwunderlich, in Griechenland und Großbritannien, aber auch in Bulgarien, Italien, Zypern und der Tschechischen Republik. M E H R V E R S TA N D A L S H E R Z

Europa ist ein Kontinent der Kultur, der Hochkultur ebenso wie der Alltagskultur. Doch das europäische Integrationsprojekt begann vor sechs Jahrzehnten – wir begehen im März 60 Jahre Römische Verträge – nicht mit der Kultur, sondern mit der Wirtschaft: mit dem Verstand mehr als mit dem Herzen. Der umgekehrte Ansatz wäre so kurz nach dem Horror von Weltkrieg und Holocaust auch wenig aussichtsreich gewesen, wenngleich dem Gründervater Jean Monnet gerne in den Mund gelegt wird, er hätte die Integration lieber mit der Kultur als mit der Wirtschaft begonnen, wenn er noch einmal anfangen könnte. Nein, Pragmatismus war der Treiber der europäischen Einigung. Erst 1992 wurde mit dem Vertrag von Maastricht ein eigener Artikel für die Unterstützung kultureller Aktivitäten in den Gemeinschaftsvertrag aufgenommen. Die Ziele sind: die Vielfalt der Kulturen in Europa zu erhalten, Verständnis für das gemeinsame kulturelle Erbe zu wecken und die kulturelle Zusammenarbeit innerhalb der Union und mit Drittländern zu fördern. Mit diesem Kulturartikel wurde die rechtliche Grundlage geschaffen, auf der die EU – bei grundsätzlicher Zuständigkeit der Mitgliedstaaten – für die Kultur einen ergänzenden Beitrag zur Förderung leisten kann. Trotz dieser bloß subsidiären Kompetenz Europas haben sich die kulturpolitischen Aktivitäten auf europäischer Ebene seither zunehmend erweitert und vertieft. Ein Meilenstein war die 2007 vorgelegte Europäische Agenda für Kultur, die die zentralen strategischen Ziele der EU-Kulturpolitik enthält. Dazu gehören die Förderung der kulturellen Vielfalt und des interkulturellen Dialogs, die Betonung der Kultur als Katalysator der Kreativität sowie die Berücksichtigung der Kultur als ein

wesentliches Element der internationalen Beziehungen der Union. E U R O PA S K U LT U R U N D D I E W E LT

Die EU hat der Welt auf dem Gebiet der Kultur viel zu bieten: eine enorme Vielfalt kultureller Ausdrucksformen, höchstwertiges künstlerisches Schaffen und eine lebendige Kreativwirtschaft. Aber sie profitiert auch erheblich vom verstärkten Austausch mit anderen Regionen. Bei der Förderung von Frieden, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklung in Drittländern bringt die EU ihre Erfahrung mit dem Pluralismus und der Vielfalt der Kulturen ein. Der kulturelle Austausch kann auch wirtschaftliche Vorteile mit sich bringen. So hat sich der Handel in der Kreativwirtschaft zwischen 2004 und 2013 weltweit mehr als verdoppelt. Angetrieben durch Kreativität, Innovation und Zugang zu Wissen wurde Kultur ein zentraler Bestandteil der New Economy. Die Kultur- und Kreativbranchen beschäftigen in der EU mehr als sieben Millionen Menschen, weltweit etwa 30 Millionen. Die Europäische Kommission hat im vergangenen Sommer ihre Vorstellungen für auswärtige Kulturbeziehungen vorgelegt, die eine Strategie vorzeichnen und die Rolle Europas als Brückenbauer für interkulturellen Dialog aufzeigen. Damit wurden zum Beispiel bessere Rahmenbedingungen für Kulturdiplomatie geschaffen, eine internationale Plattform zur Verknüpfung von Kulturnetzwerken eingerichtet (»Creative Tracks«) und konkrete Programme für die Entwicklung des Kultursektors in Drittländern beschlossen, etwa für Tunesien. Das Hauptaugenmerk der EU-Kulturaktivitäten aber richtet sich auf innereuropäische Initiativen. So wurde das Jahr 2018 zum Europäischen Jahr des kulturellen Erbes ausgerufen. Damit wollen wir einen Dialog über dessen Bedeutung für unser Zusammenleben anstoßen, über alle Generationen hinweg. Dieser Rückblick führt zu einem Ausblick: Verstehen, woher wir kommen, um zu wissen, wohin wir gehen. Das kulturelle Erbe ist ein weiter in ständig laufender Prozess, denn unserLesen heutigesSie Schaffen ist das kulturelle Erbe von morgen. So hilft Besinder die aktuellen nung auf unser Erbe bei der wichtigsten Aufgabe der EU: Ausgabe Nr. 01/2017 der Gestaltung der Zukunft.  "

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T H E M A : E U R O P A U N D D I E M U S I K — K O M M E N TA R

KO MME NTAR

UNSER GEMEINSAMES WUNDERKIND In der Musik ist Europa der EU um Jahrhunderte voraus. Vo n Vo l ke r H a g e d o r n

E I G E N T L I C H S O L LT E I C H darüber nachdenken,

warum das Thema Europa oft als langweilig, öde, trocken, grau und unattraktiv wahrgenommen wird. Je mehr ich darüber nachdachte, desto weniger zuständig fand ich mich, jedenfalls wenn es um Europa und die Musik geht: Das Thema leuchtet doch! Vielleicht treffe und höre ich zu viele Künstler, vielleicht denke ich zu historisch, aber ich finde, von allen europäischen Projekten ist die Musik das lebendigste – mit Direktanschluss an die Geschichte: Bei Bach spiegelt sich die kollektive Leidenserfahrung des 17. Jahrhunderts, bei Vivaldi die Dekadenz Venedigs, bei Berlioz die Nervosität von Paris, bei Dowland der Nebel über London, bei Mozart die Aufklärung … Kann man deswegen schon von einem europäischen Projekt sprechen? Nie hat irgendwo ein Gremium beschlossen, jetzt mal eine abendländische, komplexe, komponierte, fixierte Tonkunst in die Wege zu leiten und dafür Arbeitsgruppen zu bilden. Die bildeten sich trotzdem:

Seit 250 Jahren wird in Europa am Streichquartett gearbeitet, seit 410 Jahren an der Oper. Und an der Polyfonie kommt immer noch kein Komponist vorbei. Vor 700 Jahren machten Geistliche rund um Notre-Dame in Paris erste Versuche damit, zu einer Zeit, in der sich die sozialen Gruppen in der Großstadt verschränkten, polyfon sozusagen. In jeder Musik, in jeder Komposition sind Erfahrungen der Zeit geborgen, in der sie entstand. Das gilt natürlich genauso für alle anderen Künste, und es gilt rund um die Welt. Musik aber ist die einzige Kunst, die immer neu realisiert werden muss und die zugleich keiner Übersetzung bedarf. Dabei ergibt sich der paradoxe Fall, dass ein Werk mit den immanenten Erfahrungen von 1267 oder 1767 oder 1967 auf Leute mit völlig anderen Erfahrungen angewiesen ist, um erlebt werden zu können. Was wiederum zu einem Kurzschluss zwischen den Epochen führt, der das Vergangensein überspringt – umso heftiger, je besser die Späteren die Regeln


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In der drangvollen Vielfalt Europas entwickelte sich eine Musikkultur, die Länder und Zeiten verbindet.

der Früheren kennen. Das wäre nebenbei auch eine Erklärung für die von niemandem mehr bestrittene Brisanz historisch informierter Aufführungen. Es führt aber auch zu einer Wahrnehmung, in der Länder und Zeiten unmittelbar in einem Kontinuum verbunden sind und nicht aus diversen Museumssälen, Literaturabteilungen und Forschungsunternehmen zusammengesucht werden müssen: In der Musik reicht ein kollektives Bewusstsein und Unterbewusstsein von der europäischen Neuzeit bis in die Gegenwart. Vor hundert Jahren sprach man von »abendländischer Musik« in einem Tonfall, als gäbe es sowieso keine andere. Heute kann man ohne eurozentrische Perspektive feststellen, dass auf dem kleinen Kontinent tatsächlich ein Netzwerk entstand und besteht, von dessen Potenzial und Integrationskraft, von dessen Techniken alle etwas haben – wie von der Geige, die heute kaum anders gebaut wird als vor 450 Jahren. Sie war einst das Reiseinstrument schlechthin – man denke an den Lübecker Virtuosen Thomas Baltzar, 1631 geboren, der es zum Solisten der Londoner Chapel Royal brachte. Migranten bilden eine Basis europäischer Musik. Ein früher Vollender der Polyfonie, Josquin aus dem Burgund, komponierte für die päpstliche Kapelle in Rom, wo der Besucher Martin Luther von diesen Vokalwerken so beeindruckt war, dass er sich später für anspruchsvolle Kirchenstücke einsetzte. Und ohne italienische Madrigale hätte John Dowland im London um 1600 keine Tonsprache entwickelt, die noch 400 Jahre später einen Popsänger wie Sting auf neue Wege bringt. Auch Dichter, Maler, Architekten sind immer gereist; aber die Scharen von Tonkünstlern, die seit mehr als 500 Jahren samt ihren Noten auf Achse sind, bilden ein Netzwerk, das sich unablässig in Zitaten, Stilzitaten, Modellübernahmen spiegelt: Als Edvard Grieg sich im Klavierkonzert auf seine norwegische Identität besann,

begann er gleichwohl mit einem furiosen Gruß an das Klavierkonzert von Robert Schumann. Nirgends sonst ging der Austausch so rasant vonstatten – vielleicht deshalb nannte Ferruccio Busoni die Kunst des Komponierens ein »Wunderkind«. Und es bedurfte nur der Drucke aus Amsterdam, um Johann Sebastian Bach in Weimar auf die Konzerte von Antonio Vivaldi treffen zu lassen – ein nachhaltiger kreativer Schock. Wenn man den selbst noch in der New-York-Motorik Steve Reichs gespiegelt findet, könnte man leicht in die Nähe der Sonntagsredner geraten, die von der »verbindenden Kraft der Musik« schwärmen. Aber es ist ja überhaupt nicht so, dass Künstler wie Hörer einander vor lauter Einigkeit dauernd tränenüberströmt in den Armen lägen. Von Anfang an wurde in dieser Branche so viel gestritten, ideologisiert, sezessioniert, rivalisiert wie sonst nur in der Politik. Man könnte auch von einer Streitkultur sprechen, die sich in der drangvollen Vielfalt Europas entwickelte und vom Konzil zu Trient bis zur aktuellen Debatte über Manierismus in der Avantgarde reicht. Immer wieder wird hier gezankt! Ebenso fällt mir zu »Europa und die Musik« eine Dachterrasse in Zürich ein, auf der der italienische Dirigent und Cembalist Ottavio Dantone von seiner Arbeit erzählt, während ab und zu seine Frau sein Inglese milanese ins Oxford-English übersetzt – eine Sängerin aus Paris, die er bei Proben zu Händels »Rinaldo« kennenlernte, der Oper eines Komponisten also, der von Halle über Rom nach London geriet. Oder: Wie der Komponist und Dirigent Peter Eötvös in Budapest etwas über seinen historischen Kollegen Gustav Mahler sagt und dabei beiläufig donauaufwärts in Richtung Wien zeigt, als säße der dort immer noch in der Hofoper. In solchen Momenten brauche ich keine EU, um mich europäisch zu fühlen. Die EU aber scheint lieber in Formularen zu blättern als in dieser unerschöpflichen Partitur. <

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IGEL AUF DER INSEL Noch immer ist unklar, was der Brexit für Großbritannien wirklich bringt. Die Kulturszene hat aber schon einige sehr konkrete Befürchtungen. Vo n A l ex a n d e r M e n d e n , L o n d o n

E I N E D E R B E S T B E S U C H T E N Podiumsdiskussionen beim London Film Festival im vergangenen Oktober trug den unspektakulären Titel »Business as usual: das Vereinigte Königreich nach dem EU-Referendum«. Allerdings tat keiner der Teilnehmer, allesamt erfahrene Repräsentanten der Filmbranche, im Entferntesten so, als sei der bevorstehende Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union tatsächlich business as usual. Besonders deutlich brachte Gail Egan ihre Bedenken angesichts der Unwägbarkeiten des Brexit auf den Punkt. Die Produzentin von europäischen Koproduktionen wie den John-le-Carré-Verfilmungen »Der ewige Gärtner« und »Marionetten« beschrieb lebhaft die logistischen Herausforderungen eines Filmdrehs auf dem Kontinent: »Wir überqueren mit einer Crew von mehr als 100 Menschen ständig innereuropäische Grenzen, unter anderem auch in die Schweiz«, erzählte Egan. »Hätten wir als Briten keine EU-Pässe, würde das die Arbeit extrem behindern.« Umgekehrt sah Egan auch die geplanten britischen Zuwanderungsbeschränkungen für EU-Ausländer sehr skeptisch: Es bedeute eine »ungeheure Einschränkung«, wenn man in der Entscheidung, wen man für einen Job engagiere, immer erst auf die Nationalität achten müsse.

»Und abgesehen davon, dass es uns als Land zutiefst provinziell werden ließe, würde es uns dadurch sehr erschwert, hier überhaupt noch Filme zu machen«, sagte die Produzentin und erntete dafür Beifall. Nur eine Momentaufnahme aus der Debatte über die möglichen Auswirkungen des Brexit auf das britische Kulturleben – aber eine durchaus repräsentative. V E R F E H LT E R O P T I M I S M U S

In den Wochen vor dem britischen Referendum war die Stimmung im Londoner Kulturbetrieb noch von robustem Optimismus geprägt. Regisseure, Architekten, Musiker, wen auch immer man fragte, wie wahrscheinlich denn nun ein Ausstieg des Vereinigten Königreiches aus der EU sei, der Tenor der Antwort lautete stets: »Das wird nicht passieren. Ausgeschlossen!« Die etwas Besorgteren, etwa Sean Holmes, der künstlerische Leiter des Lyric Hammersmith Theaters, räumten ein, dass in Europa eine zunehmende Abwendung von den Gemeinsamkeiten und eine Hinwendung zu immer enger umgrenzten nationalen Interessen zu beobachten sei. Speziell bei den Engländern, sagte Holmes damals, sei das Einigeln ja eine instinktive Reaktion auf politische Probleme. »Die beste Reaktion der britischen


Künstlergemeinschaft wäre es jetzt, deutlich zu machen, wie dumm ein Ausstieg wäre.« Doch die einzige konzertierte Äußerung dieser Art blieb dann ein offener Brief, in dem 250 Kulturschaffende, darunter der Schauspieler Benedict Cumberbatch, die Künstlerin Sam Taylor-Johnson und der Filmregisseur Danny Boyle, ihre Überzeugung äußerten, »das Großbritannien in der EU nicht nur stärker ist, sondern auch fantasievoller«. Es nutzte alles nichts: Am Morgen des 24. Juni war klar, dass 52 Prozent der Referendumsteilnehmer dafür gestimmt hatten, aus der Europäischen Union auszutreten.

Foto: picture alliance / empics

DIE ERSTEN FOLGEN

Der Schock war gewaltig, und er wirkt noch immer nach. Dabei ist es gar nicht so einfach zu sagen, wer tiefer von diesem Referendumsergebnis getroffen ist – die europa­ freundlichen Briten oder die Europäer, die sich in Großbritannien niedergelassen haben. Martin Roth jedenfalls, der deutsche Direktor des Victoria & Albert Museums, stellte im Herbst seinen überraschenden Amtsrücktritt in einen direkten Zusammenhang mit dem Brexit. Roth sprach vielen erschütterten und verbitterten EU-Bürgern auf der Insel aus dem Herzen, als er seine

veränderte Sicht beschrieb: »London war immer eine Stadt, in der alle willkommen sind, in der alle friedlich zusammenleben«, sagte er. »Das kann ich heute nicht mehr sagen – und da bin ich nicht der Einzige. Wir sind alle hierhergekommen, weil wir wussten, dass London die globale Kultur- und Wissenschaftshauptstadt ist. Das glaube ich momentan nicht mehr so ohne Weiteres, das müsste mir erst wieder bewiesen werden.«

Kulturpolitik wird bei den Brexit-Verhandlungen sicher keine große Rolle spielen. Ein Beispiel für einen unmittelbaren Brexit-Effekt auf die kulturelle Infrastruktur Londons war auch der Rückzug der britischen Regierung aus der Finanzierung eines neuen Konzertsaals für die Metropole. Vergangenes Jahr LesenOsborne Sie weiter in hatte sich der damalige Schatzkanzler George für die Errichtung eines »Konzertsaals von Weltformat, der aktuellen vergleichbar mit denen in anderen großen Städten« eingesetzt. Durch den Rücktritt Osbornes Ausgabe nach dem Nr."01/2017


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KARRIERE IM KARREN Europa war ein riesiger Raum, ihn zu durchqueren eine Qual. Und doch waren gerade Musiker stets auf Reisen – aus gutem Grund. Vo n B r u n o P r e i s e n d ö r f e r

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»GEOR GE FRIDERIC HANDEL« (ohne Pünktchen)

steht auf der runden, blauen Gedenkplakette an dem Haus, in dem Händel seit 1724 wohnte und 1759 starb. Es befindet sich in der Londoner Lower Brook Street. Das Haus wiederum, in dem er 1685 geboren wurde, befand sich in Halle an der Saale, heute im Bundesland SachsenAnhalt, bei Händels Geburt zum Kurfürstentum Brandenburg gehörend. Von Halle nach London braucht man heute, die reine Reisezeit gerechnet, gut zweieinhalb Stunden: eine halbe Stunde für die Bahnfahrt von Halle nach Leipzig, zwei Stunden für einen Direktflug von Leipzig nach London. Händel hätte für einen Heimatbesuch von London aus mehrere Wochen benötigt. In seiner Epoche war Europa ein riesiger Raum, gemessen an der Zeit, die nötig war, ihn zu durchqueren. Johann Sebastian Bach, im gleichen Jahr wie Händel geboren und 1750 gestorben, kam nach Westen kaum über die Weser und nach Osten nur wenig über die Elbe hinaus. Seine nördlichste Lebensstation war Lüneburg, südwärts hat er die Alpen nicht überschritten und die Musik seiner Zeitgenossen Antonio Vivaldi und Domenico Scarlatti nie auf italienischem Boden gehört. Der im heutigen Musikleben vollkommen globalisierte Bach war im Unterschied zu Händel, Vivaldi (geboren in Venedig, gestorben in Wien) und Scarlatti (geboren in Neapel, gestorben in Madrid) ein thüringisch-sächsischer Provinzler, der es in seinem Berufsleben vom Hofmusiker mit Lakaienstatus zum Thomaskantor in Leipzig gebracht hatte – immerhin eine der wenigen deutschen Städte der damaligen Zeit mit europäischen Handelsverbindungen. DIE SINGENDE GEOGRAFIE

Es gab zwar deutsche Städte, mitteldeutsche, oberdeutsche, nord- und süddeutsche, aber von Deutschland als territorialer und politischer Einheit konnte so wenig die Rede sein wie von einem politisch geeinten Italien. Die

Allein für eine Reise durch die deutschen Lande brauchte man ein gutes Gedächtnis. europäische Gegend, in der damals die Musik spielte und von der aus sie sich in Europa ausbreitete, wurde von den Deutschen »Welschland« genannt und bestand aus einer Vielzahl von Herzogtümern und Stadtrepubliken. So verschieden sich die Lebens-und Glaubensverhältnisse dieser beiden europäischen Regionen ausnahmen, hinsichtlich ihrer territorialen Vielfalt waren sie einander nicht unähnlich: eine Vielfalt so bunt, dass

Zeitgenossen sie mit einer zusammengeflickten Harlekinsjacke vergleichen konnten. Um sich auch nur die Bezeichnungen der Gegenden oder die Namen der das Ganze umgrenzenden Flüsse merken zu können, brauchte man ein gutes Gedächtnis. Da waren Verse als Stützen der Erinnerung hilfreich: »Wer will Teutschland tüchtig wissen / Mags behalten bey sechs Flüssen / Als der Donau und dem Rhein / Weser, Oder, Elb und Mayn.« So knittelt es in der »Singenden Geographie« von Johann Christoph Losius, erschienen 1708 in Hildesheim. Losius war Direktor des Gymnasiums in Hildesheim. Seine recht ermüdende Abhandlung über die Geografie Europas eröffnet die einzelnen Kapitel mit solchen Merk­reimen. Noten gab Losius seiner »Singenden Geographie« nicht bei. Aber er veranlasste einen seiner Schüler, sich passende Melodien auszudenken. Dieser Schüler, vier Jahre älter als Händel und Bach, hieß Georg Philipp Telemann und kam in seinem langen Musikerleben weit herum, vor allem in deutschen Städten, abgesehen von einer Pariser Eskapade 1737/38. Der »berühmte Hamburgische Künstler Telemann«, schrieb der Leipziger Poetikprofessor Johann Christoph Gottsched 1728 in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift »Der Biedermann«, »ist einer von den dreyen musicalischen Meistern, die heute zu Tage unserm Vaterlande Ehre machen. Hendel [sic!] wird in London von allen Kennern bewundert, und der Capellmeister Bach ist in Sachsen das Haupt unter seines gleichen.« Tatsächlich lag Telemanns deutscher Lebens- und Bewegungsraum mit Hamburger Verwurzelung zwischen dem regionalen Entfaltungsraum Bachs und dem europäischen Erfahrungsraum Händels.


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E R FA H R E N E E R FA H R U N G E N

Der Erfahrungsraum hat dabei auch eine wortwörtliche Bedeutung. Händel musste tatsächlich fahren, wenn er beispielsweise eine italienische Primadonna engagieren wollte, um sich der musikalischen Konkurrenz in London gewachsen zu zeigen. Entweder musste er die Vermittlung einem der nicht immer zuverlässigen Agenten vor Ort anvertrauen oder sich selbst zwar nicht gerade auf die Socken, aber eben doch auf den Weg machen. Und zwar auf einen Weg, der außer mit guten Vorsätzen über weite Strecken überhaupt nicht gepflastert war. Durch Spurrillen und über Grasnarben polterten die Holzräder der Kutschen, dass die Achsen knirschten und die Rücken der Reisenden knackten. Man tat gut daran, nicht nur die Achsen zu schmieren, sondern auch die Wachsoldaten an den Stadttoren. Wenn man vergaß, ihnen nebenher ein Geldstück in die Hand zu

Kutschfahrten verliefen umso besser, je weniger Erfahrungen man unterwegs machte. drücken, fingen sie an, mit zeitlupenhafter Umständlichkeit die Gepäckstücke zu kontrollieren oder beim Studieren der handschriftlich ausgefertigten Pässe eine nachgerade philologische Gründlichkeit an den Tag zu legen. Kutschfahrten über Land verliefen umso besser, je weniger Erfahrungen man unterwegs machte: Erfahrungen mit störrischen Kutschern, die einander nicht ausweichen wollten, oder mit betrunkenen Kutschern, die auf dem Bock einschliefen, oder mit noch nicht betrunkenen Kutschern, die darauf bestanden, am Wirtshaustisch erst noch einen zu heben, bevor sie zur Weiterfahrt ins Horn stießen.

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Und erst die Wirtsleute selbst! Sie konnten von wuseliger Unterwürfigkeit sein, wenn ihre Häuser innerhalb der Stadt konkurrierten. Aber draußen auf dem Land, wo das nächste Dach über dem Kopf samt Strohsack darunter etliche Wegstunden entfernt war, betrachteten sie fremde Reisende, von denen sie wussten, sie würden sie nie wiedersehen, mitunter weniger als Gäste denn als Beute. Wenigstens war das immer noch besser als wirklichen Beutemachern in die Hände zu fallen, den Strauchdieben und Straßenräubern. D E R CHOR D E R S TR A SSE NR ÄUBE R

Reiste man im Gefolge eines hohen Herrn, brauchte man sich darüber keine Sorgen zu machen. Diese Reisegesellschaften und die Schätze, die sie mit sich führten, waren von bewaffneten Reitern zu gut geschützt, um von zerlumpten Straßenbanden angegriffen zu werden. Aber eine einzelne Kutsche – mochten ihre Insassen auch Pistolen neben sich auf der Bank liegen haben – ließ sich leicht überfallen, besonders, wenn im Nirgendwo zwischen zwei Städten ein Rad gebrochen war, oder wenn der Kutscher sich in sternloser Nacht verfahren hatte, vielleicht sogar mit den Räubern paktierte. Nach Noten wurde bei solchen Überfällen selten gesucht, eher nach Münzen in Geldsäcken oder nach Ringen an den Fingern und Ketten an den Hälsen. Fielen Weinfässer in Räuberhand, erscholl später aus Räuberkehlen Banditengegröl. Es stimmt nicht, dass böse Menschen keine Lieder singen. In der 1728 in London aufgeführten »Beggar’s Opera« von John Gay gibt es sogar einen Chor der Straßenräuber. Die Musik stammte von Johann Christoph Pepusch, der sich für seinen Räuberchor ausgerechnet beim Marsch der christlichen Armee in Händels Lesen »Rinaldo« Sie weiter in bediente. Das mochte für Pepusch ein diebisches Verder so aktuellen gnügen gewesen sein, als geistiger Diebstahl wurde etwas damals nicht geahndet.  Ausgabe"Nr. 01/2017

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FOTO : © TO M A B A B OV I C

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DAS LAND MIT DEM DUNKLEN FLECK AUF DER SEELE Ihr Europakonzert geben die Berliner Philharmoniker dieses Jahr auf Zypern. Die KĂźnstlerszene der geteilten Insel ist zerrissen im Inneren und geeint durch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Vo n C h r i s t i a n e S te r n b e r g


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Geteilte Hauptstadt: Blick in den tĂźrkisch-zyprischen Teil von Nikosia


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Katerina Attalidou

Heidi Trautmann

»W I R M E N S C H E N sind Plasma.« Katerina Attalidou

VERLUST ALS ERBE

sucht nach der Übersetzung des griechischen Wortes und beugt sich hinunter, um mit den Fingerspitzen den Fußboden ihres Hauses zu berühren. »Geschöpfe«, fährt sie dann fort. »Geschöpft aus der Erde, in der unsere Wurzeln liegen. Ohne dieses Stück Land sind wir alle ein bisschen verloren.« Die Malerin, die so laut und herzlich lachen kann, verstummt und schaut melancholisch aus dem Fenster. Gerade hat sie die Geschichte ihrer Familie erzählt, die 1974 aus der zyprischen Hafenstadt Famagusta vertrieben wurde. Da war Katerina ein halbes Jahr alt. Aufgewachsen ist sie in der geteilten Hauptstadt Nikosia, im griechisch-zyprischen Süden. Als 2003, nach dreißig Jahren hermetischer Abschottung, die Checkpoints geöffnet wurden, ist sie dann zum ersten Mal durch die Straßen im türkisch-zyprischen Norden gelaufen. »In dieser Stadt hatte ich mein Leben lang gewohnt – und trotzdem war mir eine Hälfte völlig fremd.«

Wie Katerina Attalidou fühlen sich viele Menschen auf Zypern entwurzelt. Nach dem Einmarsch der türkischen Armee mussten Tausende Zyprer ihr Zuhause verlassen. Das Gefühl des Verlustes geben sie an ihre Kinder und Enkel weiter. Und selbst wer nicht umsiedeln musste, hat doch einen Teil seines Landes verloren. »Wir leben in einem künstlichen Frieden; inneren Frieden haben wir nicht gefunden«, beschreibt Katerina Attalidou das Dilemma. Auf beiden Seiten der Trennungslinie, quer durch alle Generationen, ist die schmerzvolle Geschichte der Insel fest in der künstlerischen Auseinandersetzung verankert. Das ist die gemeinsame Sprache, die türkische und griechische Zyprer sprechen. Selbst vor 2003, als es keine Möglichkeit für die Einheimischen gab, den jeweils anderen Teil der Insel zu besuchen, hatte Katerina Attalidou schon Kontakt zu türkisch-zyprischen Kollegen. Eine besondere Rolle bei


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der Zusammenführung der Künstler spielte die Lyrikerin und Friedensaktivistin Neşe Yaşın, eine gesamtzyprische Symbolfigur. Damals mussten die Teilnehmer solcher Workshops ins Ausland reisen, um sich zu treffen. Nach Istanbul oder Kreta. Dabei wohnten sie nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Nachdem die Übergänge 2003 offen waren, strömten die Zyprer in beide Richtungen über die Trennungslinie. Drei Jahrzehnte hatten sie ihre alte Heimat nicht besuchen dürfen. Nun nahmen sie vorsichtig Kontakt auf zur veränderten Realität und zu den Menschen, die jetzt in ihren alten Häusern lebten. In einem geborgten Heim, wie den meisten bewusst war. Es gibt zuhauf Geschichten

Wenn sich Künstler aus beiden Teilen treffen wollten, mussten sie ins Ausland reisen … darüber, dass zurückgelassene Dokumente und Erinnerungsstücke – Geburtsurkunden, Familienfotos, Babyschuhe, Brautkleider – über all die Jahre aufbewahrt worden waren und nun ihren Besitzern überreicht wurden. Es herrschte eine Atmosphäre der Freundlichkeit, des Verständnisses füreinander. »Damals nahm auch die Zusammenarbeit der Künstler einen rasanten Aufschwung«, erzählt Heidi Trautmann. Die deutsche Künstlerin lebt seit 2001 in Nordzypern und kennt wie keine andere die türkischzyprische Künstlerszene. In zwei Bänden hat sie die Kulturlandschaft Nordzyperns kartiert. Sie war mittendrin, als bi-kommunale Workshops, Projekte und Vereine wie Pilze aus dem Boden schossen. »Damals war die Neugier aufeinander groß. Es gab Open Studios, gesamtzyprische Ausstellungen und Ausflüge. Es wurde in den Bergen gezeltet und unterm Sternenhimmel über die gemeinsame Vergangenheit diskutiert.«

Fotos: CIPS/Marcos Gittis (Aufmacher und diese Seite)

SEHNSUCHT UND SCHMERZ

In den Werken über ihre Heimat tauchen bei den zyprischen Künstlern wieder und wieder die Themen Verlust, Sehnsucht und Schmerz auf. Der Regisseur Panicos Chrysanthou hat den ersten zyprischen Spielfilm über die dunklen Jahre der Insel gedreht: »Akamas« (2006) ist eine Lovestory zwischen einer Zyperngriechin und einem Zyperntürken in den 1950er bis 1970er Jahren und enthält eine zutiefst menschliche Botschaft von der Kraft der Liebe, die über Fanatismus und Spaltung siegt. Sie basiert auf der wahren Geschichte von Hasan und Hambou, die gegen alle Widerstände heirateten und bis zu ihrem Tod vor wenigen Jahren zusammenlebten. »Das Thema saugt uns alle auf und verschluckt uns«, sagt Katerina

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Attalidou. Ihr ist es so ergangen. Inzwischen betrachtet sie sich als »genesen« und drückt ihren inneren Frieden in Naturaquarellen aus. Die Zeit der Zerrissenheit, der Installationen und Collagen, ist für sie vorbei. Vorbei ist auch die Aufbruchsstimmung in der Künstlerszene. »Mit der Zeit ließen Euphorie und Erwartung nach. Wie eine Welle, die sich zurückzieht«, konstatiert Heidi Trautmann nüchtern das abnehmende Interesse an der bi-kommunalen Zusammenarbeit. Beim Referendum zur Wiedervereinigung 2004 hatten die Zyperngriechen mehrheitlich den vorgelegten Plan abgelehnt. Eine gemeinsame Zukunft rückte in weite Ferne. Die Katerstimmung wirkte sich auch auf die kulturelle Zusammenarbeit aus. »Es sind ja alles Individualisten«, versucht Heidi zu erklären, dass aus den Gemeinschaften eher Einzelkämpfer geworden sind. Das Zentrum für Visuelle Kunst (CVAR) hat einen Vorstand, der sich aus türkischen und griechischen Zyprern zusammensetzt. Die renommierte Leventis-Galerie nahm auch Künstler aus Nordzypern in ihre Sammlung auf. Die Pharos Arts Foundation, das Home for Cooperation, private Kunstschulen und Literaturzirkel sorgen dafür, dass die Künstler aus Nord und Süd immer wieder zusammenkommen. Aber gemeinsame Kommuniqués und Kooperation auf breiter Basis gehören der Vergangenheit an. Türkisch-zyprische Maler sind allerdings öfter an einer Zusammenarbeit interessiert. Allein schon aus praktischen Gründen. »Hier in Nordzypern gibt es weder eine

… mittlerweile ist es einfacher. Aber der Austausch findet vor allem in eine Richtung statt. professionelle Galerie noch ein Kunstmuseum«, sagt Heidi Trautmann. »Existierende Sammlungen sind in privater Hand und im Keller und den Korridoren des Parlaments untergebracht.« MUSIK HÜBEN UND DRÜBEN

Ähnlich ergeht es den Musikern. Zwar gibt es genügend Auftrittsmöglichkeiten für kleine Besetzungen, sei es Jazz, Folklore, Rock oder Klassik. Aber ein Orchester, das Berufsmusikern eine anspruchsvolle künstlerische Heimat bieten kann, war bis vor zwei Jahren nur ein Traum. Wer Musik studiert hatte, musste entweder ein Engagement im Ausland annehmen oder als Musiklehrer arbeiten. »Seit 2015 gibt es das Presidential Symphony OrchesSie weiter in tra«, erzählt Ayşe Karaoğlan. Die GeigerinLesen aus Nordnikosia spielt aber nur als Aushilfe bei ihren Landsleuten. Fest der aktuellen angestellt ist sie beim Symphonieorchester der "

Ausgabe Nr. 01/2017


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T H E M A : EU R O PA U N D D I E M U S I K â&#x20AC;&#x201D; A F R I K A

EUROPA, AFRIKA UND WAS DAZWISCHEN LIEGT Beobachtungen eines nigerianischen Schriftstellers in Berlin Vo n E l n at h a n J o h n


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D I E A N S A G E N I N der Berliner U-Bahn sind mittler-

weile Musik in meinen Ohren. Anfangs klangen sie unverständlich und fremd, aber mit jedem Tag, den ich Deutsch lerne, werden sie mir vertrauter. Manchmal murmle ich leise mit, wenn sich die Türen schließen, sodass es in meinen Ohren wie ein zweistimmiger Chor klingt: »Zurückbleiben, bitte.« Heute bin ich auf dem Weg in die Bibliothek – dem einzigen Ort, der mich bislang zum Schreiben inspiriert in diesem Land, in dem ich immer noch ein Fremder bin. Je öfter ich in Europa bin, desto seltener rege ich mich darüber auf, wenn man mich einen »afrikanischen Schriftsteller« nennt. Hier, wo auf der Kongokonferenz 1884 mein Heimatkontinent vielfach geteilt wurde, scheinen seine Grenzen zu verschwimmen, sodass am Ende nur noch ein einziger großer Block übrig bleibt. Um meine Nerven zu schonen, habe ich gelernt, nicht jedes Mal zu protestieren, wenn mich eine Frage oder Bemerkung zum Einwohner des »Landes« Afrika macht: Welche afrikanische Sprache sprechen Sie? Ich mag Ihre afrikanische Kleidung; hat sie einen bestimmten Namen? Vermissen Sie das afrikanische Essen? I RG E N DWA S AUS MALI

In Berlin habe ich oft erlebt, dass die Europäer, bei denen ich zu Besuch war, als Hintergrundmusik Bob Marley oder Fela Kuti auflegten. Oder irgendwas aus Mali oder dem Senegal, das ich noch nie gehört hatte. Ich versuchte, nicht gekränkt zu sein, und entschuldigte das Verhalten meiner Gastgeber vor mir selbst: »Ich bin ein Gast in diesem Land und soll mich wie zu Hause fühlen.« Oder: »Sie möchten eine Beziehung zu mir aufbauen und mir zeigen, dass sie sich wirklich für mich und meine Kultur interessieren.« Und irgendwann habe ich nicht mehr darüber nachgedacht, denn es gibt wichtigere Streitpunkte zwischen den Kulturen. In Europa fällt es mir nicht immer leicht, Smalltalk zu machen. Zum Beispiel liebe ich den verblüfften Gesichtsausdruck meiner Gesprächspartner, wenn ich auf die Frage, welche Musik ich mag, antworte: »Stromae.« Und ich füge immer hinzu: »Der belgische Musiker.« Man kann dann regelrecht sehen, wie es in den Köpfen arbeitet: »Natürlich, Stromae ist Halbafrikaner, sein Vater kam aus Ruanda.« Diese Erklärung wird zwar nie ausgesprochen, schwingt aber immer mit in den vielsagenden Hmmms und Ahas. Ich habe gelernt, es dabei zu belassen und nicht zu sagen, dass er für mich kein Afrikaner, sondern Europäer ist, dass Stromae seinen Vater kaum kannte, der 1994 beim Völkermord in Ruanda ums Leben kam, dass er bei seiner flämischen Mutter aufwuchs und seine Musik in Belgien schreibt. Manchmal mache ich mir den Spaß und sage, dass ich auch The Script, Kings of Leon und Radiohead mag. Damit durchkreuze ich alle heimlichen

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Von Europa aus betrachtet, ist das vielfach geteilte Afrika oft ein einziger, großer Block.

Überlegungen, ein Afrikaner in Europa müsse sich immer nach Trommeln sehnen und süchtig nach Call-andresponse-Musik sein. WA S WE N IG E R PE I N LICH IS T

Zu Hause in Nigeria muss ich mich nicht dafür entschuldigen, dass ich europäische Künstler mag. Gebildete Leute unterhalten sich oft über die neueste Musik aus dem Ausland, die dank Internet und Kabelfernsehen zum Greifen nah ist: Das neueste Album von Emeli Sandé kann man in Nigeria genauso schnell bekommen wie in Sandés schottischer Heimatstadt Alford. Der »kultivierten« Elite ist es vermutlich weniger peinlich, Fela Sowande, den Vater der nigerianischen Kunstmusik, nicht zu kennen, als noch nie etwas von Philip Glass oder Bach oder Mozart gehört zu haben. Ich erinnere mich noch gut, wie frustriert ich war, als ich während eines Stipendiums in Italien zuhörte, wie sich die anderen Stipendiaten (überwiegend Amerikaner und Europäer) über zeitgenössische Musiker und Komponisten unterhielten, und ich nicht einmal die Hälfte der Leute (überwiegend Amerikaner und Europäer) kannte, von denen sie sprachen. Im ersten Moment suchte ich den Fehler bei meiner Ausbildung und bei den Kreisen, in denen ich mich bewege und in denen ich aufgewachsen bin. Doch dann erwachte mein Widerspruchsgeist, und ich hätte am liebsten ein paar Musiker aus Nigeria und Mali erwähnt, als müsse jeder sie kennen. Ich hätte nicht gefragt: »Haben Sie schon einmal von Banzumana Sissoko oder King Sunny Adé gehört?« Nein, ich hätte einfach ihre Namen fallen lassen und mein Gesicht verzogen, sobald jemand zugegeben hätte, dass er diese Musiker nicht kannte. Ich hätte genauso mitleidig geschaut wie meine Gesprächspartner, weil ich jene Musiker nicht kannte, die sie für internationale Trendsetter hielten: »Wie, Sie kennen Femi Kuti nicht (den Sohn, nicht den Vater, Fela Kuti)? Er wurde schon viermal für einen Grammy nominiert!«

Lesen Sie weiter in

TA N Z E N U N D F A C H S I M P E L N

der aktuellen

Ich habe meine Liebe zur Musik nicht von meinen Eltern Ausgabe Nr."01/2017 geerbt oder von anderen Verwandten, die Platten 


Foto: Peter Adamik


BERLINER PHILHARMONIKER

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»Musik rettet die Seele trotzdem!«

Ein visionärer Traditionalist

Der Dirigent Zubin Mehta im Gespräch

D e r G e i g e r P i n c h a s Z u ke r m a n: Po r t r ät e i n e s U n b e i r r b a r e n

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Durch Liebe aus dem Chaos J oyc e D i D o n ato s i n g t ü b e r Krieg und Frieden.

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Spiritismus, Historismus und Verismus I m S c h at te n P u c c i n i s: V i c to r i e n S a r d o u , Tex td i c h te r d e r »To s c a«

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Kommt uns das bekannt vor? D i e te r i c h B u x te h u d e in Lübeck

Ein stiller Held A l s F l u c h t h e l f e r h at te Va r i a n F r y a u c h f ü r d i e M u s i k B e d e u tu n g .

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Es ist des Lernens kein Ende E i n Po r t r ät d e s D i r i g e n te n K i r i l l Pe t r e n ko

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Mein Instrument als Lebenspartner Diesmal mit D o m i n i k Wo l l e nwe b e r und seinem Englischhorn


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»MUSIK RETTET DIE SEELE TROTZDEM!« Der Dirigent Zubin Mehta im Gespräch über Musik als Mystik und Humanismus. Vo n B j ø r n Wo l l


B E R L I N E R P H I L H A R M O N I K E R — Z U B I N M E H TA

Z U B I N M E H TA wurde in Indien geboren, doch zu Hause ist er an vielen Orten. Sorgenvoll blickt der Weltbürger derzeit vor allem auf Europa: Die aktuellen politischen Ereignisse haben ihn schwer getroffen. Und dennoch hat er Hoffnung, weil er Kraft und Trost in der Musik findet. Sie könne uns zu besseren Menschen machen, sagt er im Interview.

Bjørn Woll: Maestro, 1961 haben Sie die Berliner Philharmoniker zum ersten Mal dirigiert, da waren Sie 25. Ist in diesem Zeitraum von mehr als einem halben Jahrhundert eine besondere Freundschaft entstanden? Zubin Mehta: Aber natürlich! Und vor allem eine Freundschaft mit mehreren Generationen. Es ist mittlerweile die dritte Generation von Musikern, mit denen ich zusammenarbeite. Eine derart lange künstlerische Verbindung ist etwas ganz Besonderes. Als ich die Berliner Philharmoniker das erste Mal dirigierte, habe ich das Podium mit größter Ehrfurcht und ein bisschen Nervosität betreten. Ich habe damals zum ersten Mal in meinen Leben Mahlers Erste Symphonie dirigiert – dazu hat es schon ein bisschen Mut gebraucht. Zum Glück hat das Orchester das Stück damals aber auch noch nicht so gut gekannt. Seinerzeit haben die älteren Dirigenten Mahler noch nicht so oft gemacht, zumindest nicht die, die nach Berlin kamen. Heute ist das Repertoire viel breiter.

gesagt hat. Aber man konnte es hören: Die Wärme des Klangs der Berliner Philharmoniker war wirklich herrlich. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich dort zum ersten Mal eine Bruckner-Symphonie dirigiert habe. Ich musste gar nichts machen, der richtige Klang kam ganz von allein. Sie haben einmal gesagt, dass Sie Ihre Orchester in einem »humanistischen Sinn« dirigieren. Was meinen Sie damit? Das hat mit der Musik zu tun, egal ob es die g-Moll-Symphonie von Mozart ist, die Neunte von Bruckner oder ein Stück von Schönberg – die Komponisten waren die Humanisten, und in der Musik teilen sie sich uns mit. Nehmen Sie etwa den Trauermarsch aus der »Eroica«: Die Handschrift Beethovens ist geradezu ein humanistisches Manifest. Wir müssen uns nur humanistisch hineinfühlen, dann gibt der Komponist uns seine Geheimnisse preis. An meinem Platz in der Welt der Musik schätze ich besonders, dass ich so etwas wie den Trauermarsch der »Eroica« dirigieren darf. Das habe ich all diese Jahre mit Ehrfurcht und Liebe gemacht.

»Wenn die Leute in ein Konzert mit der ›Eroica‹ gehen, kommen sie als bessere Menschen heraus.«

Was macht die Berliner Philharmoniker so besonders, was macht ihre musikalische Seele aus? Sie hatten herausragende Chefdirigenten, deren Tradition sie fortgeführt haben. Da ist aber auch etwas, was ich als inneren Ehrgeiz bezeichnen möchte: Jede Instrumentengruppe hat an sich den Anspruch höchster Qualität. Und auch die Musiker, die neu dazukamen, haben diese Maßstäbe gepflegt. Damit meine ich nicht nur die technischen Fertigkeiten, sondern zum Beispiel auch die Klangvorstellung. Man muss auf sehr vieles achten, wenn man einen Musiker für ein Orchester engagiert. Wenn Sie die Klangvorstellung ansprechen: Unter Karajan hatten die Berliner Philharmoniker einen ganz besonderen »Sound«. Wie klingt das Orchester heute? Es ist eine Reflexion auf die verschiedenen Chefdirigenten. Und bei Karajan dürfen wir nicht vergessen, dass er Österreicher war. Er kam aus der Wiener Schule, der wienerischzentraleuropäische Klang war ihm sehr nahe – und den hat er auch in Berlin gepflegt. Obwohl er das nie öffentlich

Die »Eroica« ist ein gutes Stichwort, denn es geht darin um die Erleuchtung des Menschen durch Prometheus – ganz im Sinne der Aufklärung. Nun ist »postfaktisch« zum Wort des Jahres gewählt worden. Dabei geht es gerade nicht um einen Diskurs im Sinne der Aufklärung, sondern nur noch um gefühlte Wahrheiten. Haben Sie eine Erklärung für dieses Phänomen? Deutschland hat momentan ein unglaubliches Schicksal – mit den Flüchtlingen und der politischen Situation, es gibt extrem rechte und extrem linke Strömungen. Ich bin nun kein Politiker, aber ich habe großen Respekt vor Angela Merkel, wie sie das alles überhaupt balanciert. Sie sind in Indien geboren, haben in Wien studiert und leben in Italien. Mit welchem Blick sehen Sie als Weltbürger auf Europa, das nach Brexit und dem Erstarken der Rechtspopulisten gerade in großen Turbulenzen steckt? Die Situation ist überall schwierig: Am Tag der Präsidentenwahl in Österreich habe ich an der Wiener Staatsoper die Premiere von »Falstaff« dirigiert. Der Wahlausgang war ein wirklicher Lichtblick. Aber am selben Tag hat mein Freund Matteo Renzi in Italien das Referendum verloren. Das hat mich schwer getroffen. Wir machen gerade so vieles mit, aber ich sage Ihnen: Die Musik rettet die Seele trotzdem. Wenn die Leute in ein Konzert mit der »Eroica« gehen, kommen sie als bessere Menschen heraus.

Fotos: Peter Meisel (BR) (Aufmacher); Archiv Berliner Philharmoniker (diese Seite)

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Zubin Mehta, um 1965

Machen Ihnen diese Entwicklungen trotzdem Angst? Angst weniger, aber ich habe große Bedenken. Ich kann mir nicht mehr ansehen, was zum Beispiel in Syrien passiert. Deshalb schaue ich auch kaum noch Nachrichten. Ich weiß nicht, wie die Verantwortlichen, und damit meine ich die syrische und die russische Regierung, nachts ruhig schlafen können. Wenn ihnen das gelingt, nach einem solchen Morden, müssen sie ein ganz besonderer Menschenschlag sein. Und trotzdem habe ich Hoffnung, weil ich den Glauben an das Gute im Menschen noch nicht verloren habe.

Dennoch erleben wir gerade eine erstarkende Rechte in ganz Europa. Sie selbst haben einmal Antisemitismus erfahren, wie hat Sie das geprägt? Als ich aus Indien nach Europa kam, kannte ich keinen Anti­ semitismus. Ich hatte natürlich davon gehört, ich bin während des Kriegs in Indien aufgewachsen, aber ich habe es persönlich nicht erlebt. Auch als ich in den 1950er-Jahren Lesen Sie weiter in nach Wien gekommen bin, habe ich nie Fremdenhass geder aktuellen spürt, das muss ich betonen. Aber damals wollte ich einen Nr. 01/2017 befreundeten israelischen Studenten zuAusgabe mir einladen, "

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DURCH LIEBE AUS DEM CHAOS Die Mezzosopranistin Joyce DiDonato im Gespräch über Krieg und Frieden, Kreativität und Autosuggestion. Vo n S u s a n n e S t ä h r

B E S O N D E R E Z E I T E N erfordern besondere Maßnahmen. Als Joyce DiDonato im Spätherbst 2015 zu Hause in Kansas am Klavier saß und stapelweise Alben mit alten italienischen Arien durchprobierte, um ein neues RecitalProgramm zusammenzustellen, kam ihr das meiste wie sinnentleert vor – exquisit zwar, aber irgendwie oberflächlich. »Gerade waren die fürchterlichen Terroranschläge in Paris passiert, und ich wartete unruhig auf Nachrichten von Freunden aus Frankreich«, erzählt die amerikanische Mezzosopranistin. »Dazu kam die eskalierende Gewalt in Amerika mit all den furchtbaren Schießereien. In dieser Situation wollte mir ein Satz nicht mehr aus dem Kopf gehen, den ich gerade bei der Uraufführung von Jake Heggies Oper ›Great Scott‹ in Dallas gesungen hatte: ›Does art matter?‹ Ja, dachte ich, in diesen Tagen ist es wichtiger denn je, nicht nur Kunst um ihrer selbst willen zu bieten, sondern etwas von Belang zu präsentieren.« Und so entstand die Idee, das neue Projekt um Krieg und Frieden kreisen zu lassen.

Foto: Brooke Shaden

» WO F I N D E N S I E F R I E D E N ? «

Am 30. Mai wird Joyce DiDonato mit ihrer tönenden Friedensvision in der Berliner Philharmonie zu Gast sein. Berühmte Arien wie die Sterbeszene der Dido aus Purcells »Dido and Aeneas« oder das beseligend schöne »Lascia ch’io pianga« aus Händels »Rinaldo« sind dann zu hören,

aber auch Raritäten von Leonardo Leo oder Niccolò Jommelli, die lange in Vergessenheit geraten waren und die sie jetzt wieder »ausgegraben« hat. Im Booklet der begleitenden CD wendet sich Joyce DiDonato direkt an ihre Hörer mit der Frage: »Wo finden Sie Frieden?« Das sei für sie der strategische Ansatzpunkt gewesen, erklärt sie: »Ich glaube, dass man das Publikum genau an diesem Punkt packen kann – und nicht mit dem IS oder Donald Trump.« Doch was würde sie selbst darauf antworten? Joyce DiDonato zögert ein wenig – und wird dann doch grundsätzlich. »Ich finde meinen Frieden, indem ich liebe«, bekennt sie. »Die Liebe hilft mir, aus dem Chaos herauszufinden. Oder auch die Kreativität. So hat es übrigens der amerikanische Komponist und Dramatiker Jonathan Larson einmal formuliert, als er behauptete, das Gegenstück zum Krieg sei Schöpfung. Und er hat recht: Wenn ich etwas Neues schaffe, bewirke ich das Gegenteil von Zerstörung.« Der Krieg hat viele Gesichter, weiß Joyce DiDonato auch aus eigener Erfahrung. »Er kann sich nicht nur im herkömmlichen Sinne zwischen verschiedenen Nationen oder Ideologien ereignen, er kann auch im Mikrokosmos zwischen uns und anderen Menschen toben. Oder auch in uns selbst, in Lesen Sie weiter in Form der Selbstzerstörung.« Bei ihren Meisterkursen erlebt der aktuellen sie immer wieder, welch fatale Wirkungen die Autosuggestion erzeugen kann. Denn viele junge Sänger,  " 01/2017 Ausgabe Nr.


BERLINER PHILHARMONIKER — TOSCA

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SPIRITISMUS, HISTORISMUS UND VERISMUS Wenn die Berliner Philharmoniker bei den Osterfestspielen Baden-Baden »Tosca« spielen, wird kaum jemand an Victorien Sardou denken: Der Textdichter steht ganz im Schatten von Puccinis berühmter Vertonung. Vo n M i c h a e l S te g e m a n n

Camille Saint-Saëns, Johann Strauß (Sohn) – und natürlich Giacomo Puccini mit »Tosca«. Sardou wird am 5. September 1831 in Paris als Sohn eines verarmten Olivenbauers aus der Provence geboren, der sich als Sprachlehrer mehr schlecht als recht durchs Leben schlägt. Auch Victorien bekommt die wirtschaftliche Not zu spüren: Sein Medizinstudium muss er aus Geldnot abbrechen, um sich als Privatlehrer und Autor von Lexikonartikeln für eine Volksenzyklopädie durchzuschlagen.

Große Sängerinnen und der Geist Mozarts: Sardou hatte gute Beziehungen.

V E R B I N D U N G E N Z U R G E I S T E R W E LT

Dem Spiritistenzirkel gehörte Sardou seit dessen Gründung an, und auch sonst wusste er über seine engen Verbindungen zur Geisterwelt Erstaunliches zu berichten: »Einmal fielen von meiner Zimmerdecke Blüten auf meinen Tisch, ein anderes Mal begann mein Klavier, von selbst zu spielen.« Der erste Komponist also, mit dem Victorien Sardou »zusammenarbeitete«, war Wolfgang Amadeus Mozart. Weitere (noch lebende) sollten folgen, darunter Georges Bizet, Umberto Giordano, Jules Massenet, Jacques Offenbach,

In diese Zeit fällt auch der Beginn seiner dichterischen Ambitionen. Am 1. April 1854 wird am Pariser Odéon sein erstes Theaterstück aufgeführt, »La Taverne des étudiants« (»Die Studentenkneipe«) – und nach fünf Vorstellungen wieder abgesetzt. Ein halbes Dutzend weiterer Stücke – Lesen Sie weiter in darunter eines mit dem Titel »Bernard Palissy«, offenbar derAktivitäten aktuellen unter dem Eindruck seiner spiritistischen entstanden – wird aus den verschiedensten Gründen gar Ausgabe Nr. 01/2017 nicht erst gespielt.  "

Abbildung: Collection Dupondt / akg-images (Déjazet Pauline Virginie); imago/Leemage (Victorien Sardou); dpa Picture-Alliance (Sarah Bernhardt)

auf dem St. Marxer Friedhof in Wien ist bekanntlich nie genau lokalisiert worden. Kein Wunder, behaupteten die tischerückenden Spiritisten der 1858 von Allan Kardec gegründeten Société parisienne des études spirites: Sie waren überzeugt, dass die Geister Mozarts und vieler anderer Genies – darunter Zarathustra, der Prophet Elias und Bernard Palissy, ein französischer Emailleur des 16. Jahrhunderts – auf dem Planeten Jupiter fortlebten, in einer Stadt namens Julnius. Als Beweise dienten ihnen die Federzeichnungen eines Mediums, angefertigt während Séancen und in Trance nach den genauen Beschreibungen und Anweisungen Mozarts und anderer Geister. Der Name dieses Mediums war Victorien Sardou – der Mann, der später als Textdichter von Giacomo Puccinis »Tosca« weltberühmt werden sollte. DAS G RAB M OZARTS


BERLINER PHILHARMONIKER — PINCHAS ZUKERMAN

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EIN VISIONÄRER TRADITIONALIST Der Geiger Pinchas Zukerman repräsentiert die große Vergangenheit der Klassik. Porträt eines Unbeirrbaren. Vo n O l i ve r M e i e r

E L G A R . WA R U M E L G A R ? »Weil es der Inder wollte!«, ruft Pinchas Zukerman und lacht ein bauchiges Lachen, es klingt wie ein Echo aus dem Tiefen des Alls. Zukerman, der israelische Geiger, sitzt in einem Nobelhotel in Seoul am Telefon, er redet, unaufhaltsam wie es scheint, große Maximen und kleine Anekdoten wirbeln durch den Raum. Unterbrochen zu werden, scheint er nicht gewohnt zu sein. »Der Inder« heißt übrigens Zubin Mehta. Zusammen führen sie in der Berliner Philharmonie das Violinkonzert von Edward Elgar auf, ein Werk von monströser Eleganz, das der Komponist selber »schrecklich emotional« fand, eines der längsten und anspruchsvollsten der Geigenliteratur. Was Pinchas Zukerman mit dem Dirigenten Mehta verbindet? »Er ist mein Bruder«, sagt der Geiger. Punkt. Punkt? Nein, er kommt noch einmal in Fahrt: »Ich kenne ihn, seine Eltern, seinen Bruder, seit ich 17 bin, wir sind wie eine Familie.« Brüder also sind sie – auch im Geiste der Musik? »Er ist viel spannender als ich«, sagt Zukerman, »und er ist Zarathustrier, der größte Optimist, den ich kenne.«

den Bogen vom Barock in die Spätromantik, spiegeln aber auch 50 Jahre Klassik-Business, den Wandel vom analogen ins digitale Zeitalter, das neue Künstlertypen hervorbrachte, Hörgewohnheiten verschob, Geschäftsmodelle untergrub. Die Vergangenheit: Man hört sie, ganz und gar untrüglich, auch im Klang, den Zukerman aus seiner Geige herausholt, einer Guarneri del Gesù von 1742 mit Namen Dushkin, die Zukerman jeden Tag mit einem »Hello, how are you today?« begrüßt, bevor er zu spielen beginnt. Erst Skalen, dann Bach. Zukerman pflegt einen satten, raumgreifenden Klang, der die Hörer herausfordert, ein Klang, der prägend war für Jahrzehnte – und den manche inzwischen für ver-

LEG E N D E N U N D D I E MOD E

altet halten. Sein »Sound« sei von »stählerner Autorität« schrieb die Londoner Zeitung »The Telegraph«, von einem »bebenden Vollfett-Sound« das »Hamburger Abendblatt«. Vorbehalte dieser Art kümmern ihn wenig. Zukerman findet: »Wenn jemand meine Art zu spielen kritisiert, dann aus zwei möglichen Gründen: Erstens, weil er nicht genug weiß. Zweitens, weil er nicht genug weiß.« Jetzt lacht er wieder sein bauchiges Lachen. Non-Vibrato, historisch informierte Aufführungspraxis? Zukermans Stimme bebt. Bei keinem Thema kann er sich derart ereifern. »Ich könnte drei Wochen darüber sprechen.« Den Verzicht auf (Dauer-)Vibrato hält er für unnatürlich, künstlerisch inakzeptabel – und Vertreter Lesenfür Sie weiter in der historisch informierten Aufführungspraxis Agenten der Hässlichkeit. Der ideologische Streit der darüber, längst aktuellen überwunden, historisiert: Bei Zukerman lebt er weiter. "

Ausgabe Nr. 01/2017

Fotos: Cheryl Mazak (oben); picture alliance/ASSOCIATED PRESS (unten)

Zukerman und Mehta sind das, was man Legenden nennt. Manchmal ist dieses Etikett bloß eine liebevolle Umschreibung dafür, dass ein Künstler aus der Zeit gefallen ist. Auch der Klassikbetrieb hat seine Moden, die manche Größe gestrig wirken lassen. Bei Zukerman, geboren 1948 in Tel Aviv, ist die Sache bedeutend komplizierter. Zum Glück. Er repräsentiert die große Vergangenheit, in vielerlei Hinsicht. Allein schon seine Lehrer und Förderer stehen dafür: Ivan Galamian, Isaac Stern, Pablo Casals. Die Vergangenheit, man findet sie verdichtet, gepresst auf 22 CDs. »Pinchas Zukerman. Complete Recordings on Deutsche Grammophon and Philips« heißt die Box, die unlängst erschienen ist. Über 110 Alben hat er seit Ende der Sechziger eingespielt, sie spannen

Die Vergangenheit, man hört sie ganz untrüglich in Zukermans Klang.


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Pinchas Zukerman, unten mit Zubin Mehta, 1984


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B ER L I N ER P H I L H A R M O N I K ER — K I R I L L P E T R EN KO

ES IST DES LERNENS KEIN ENDE Der Dirigent Kirill Petrenko Vo n E l e o n o r e B ü n i n g

W E R D I E A N T WO R T auf Fragen verweigert im Zeitalter der Digitalisierung, während ringsum Milliarden von gläsernen Menschen auf dem Schlachtfeld der Social Media bereit sind, ihr Innerstes nach außen zu kehren, der muss entweder weit über 70 sein oder ein Narr. Und hat, wie jeder Narr seit Sebastian Brant (»Das Narrenschiff«, 1494), ein Alleinstellungsmerkmal. Kirill Garrijewitsch Petrenko ist erst 45, für den Dirigentenberuf also noch relativ jung. Mit 18 dirigierte er erstmals das Musikschulorchester in Feldkirch im österreichischen Vorarlberg, wohin seine Eltern mit ihm ausgewandert waren. Seinen ersten professionellen Auftritt als Operndirigent absolvierte er mit 23 in Bregenz am Bodensee. Mit 34, im Februar 2006, dirigierte er erstmals die Berliner Philharmoniker. Und bis zu jenem Tag, da er seinen Posten als Generalmusikdirektor an der Komischen Oper Berlin aus freien Stücken aufgab – das war 2007, da war er 35 und gerade zum ersten Mal von der Zeitschrift »Opernwelt« zum Dirigenten des Jahres gewählt worden –, hat er jederzeit bereitwillig Auskunft gegeben darüber, wer er ist, woher er kommt, was er denkt, was er tut.

D E R M A N N H AT S O V I E L G E S AG T

Berliner Musikfreunden dürfte Petrenko also eigentlich kein Unbekannter sein. Aber auch für diejenigen, die damals nicht regelmäßig den »Tagesspiegel« oder die »Berliner Zeitung« gelesen haben und eventuell nicht einen der vielen Konzert- und Opernabende Petrenkos erlebten, mit einem Repertoire von Johann bis Richard Strauss, von Beethoven bis Borodin, Mozart bis Mussorgsky, gäbe es in den Archiven jede Menge über diesen Mann nachzulesen. Die Themen der veröffentlichten Petrenko-Interviews reichen von seiner Jugend im westsibirischen Omsk über das Heimweh im österreichischen Exil, von seinen ersten Auftritten als Pianist über Details des Partiturstudiums bei Mozart bis hin zu Sinn und Unsinn der sogenannten Berliner Opernreform. Nach dem Abschied von Berlin arbeitete Petrenko für fünf Jahre freiberuflich, er machte sich rar und nahm nur wenige Angebote an. Zum Beispiel brachte er, gemeinsam mit Harry Kupfer, in Frankfurt Hans Pfitzners Oper »Palestrina« heraus, oder aber, gemeinsam mit Peter einein Lesen SieStein, weiter Tschaikowsky-Trilogie in Lyon, die neben der aktuellen »Eugen Onegin« und »Pique Dame« "

Ausgabe Nr. 01/2017


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B E R L I N E R P H I L H A R M O N I K E R â&#x20AC;&#x201D; L E B E N S PA R T N E R


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MEIN INSTRUMENT A LS LEBENSPA RTNER Diesmal mit Dominik Wollenweber

Fotos: Annette Hauschild

und seinem Englischhorn

M E I N I N S T R U M E N T U N D I C H waren von Geburt an füreinander bestimmt, denn schon mein Vater war Englischhornist an der Bayerischen Staatsoper München. Eigentlich fängt man ja mit der Oboe an, aber ich fand das Englischhorn immer einfacher: Es ist größer als die Oboe und passt daher besser zu meiner Körpergröße. Mein tägliches Üben ist dennoch durch die Oboe geprägt, denn die Arbeit mit ihr ist für mein Spiel auf dem Englischhorn sehr förderlich. Andersherum wäre es schwierig. Nach dem Üben auf der Oboe ist das Englischhorn also die Entspannung. In meinem Alltag ist es daher nicht besonders präsent, und überhaupt ist meine Zeit mit ihm begrenzt: Ich unterrichte Oboe an der Hanns-EislerHochschule, meine Frau ist Oboistin, und wir haben eine große Familie mit sechs Kindern. Ich kann also nur abends üben, wenn die Kinder im Bett sind. Gott sei Dank habe ich einen schwerhörigen Nachbarn. Wenn ich übe, geht es nie um das schnelle Spiel. Das Englischhorn steht ja für langsame, getragene Melodien, und deswegen konzentriert sich mein tägliches Überitual vor allem auf die Klangarbeit: Töne aushalten, auch in verschiedenen Dynamiken, Legatoübungen, langsame Sprünge. Wenn ich dann tatsächlich mal eine schnelle Passage spielen muss, brauche ich Zeit, um reinzukommen. Da bin ich manchmal eifersüchtig auf meine Kollegen, deren Instrumente bei schnellen Passagen so toll reagieren. Im Sommer pausiere ich radikal, brauche Abstand zum Instrument. Erst ein paar Tage vor Saisonbeginn packe ich es wieder aus – und erstaunlicherweise schadet uns beiden diese Pause nicht, im Gegenteil: Es klingt dann erstmal richtig gut. Ich erkläre mir das so: Das Spiel auf Oboe

und Englischhorn ist ja hauptsächlich eine muskuläre Arbeit, und nach der Sommerpause, wenn die Muskeln entspannter sind als während der Dauerbelastung in der Saison, habe ich zunächst einmal das Gefühl, alles spielen zu können. Traurig ist nur, dass es dann mit jedem Üben erst einmal schlechter wird. Wir müssen uns wieder aneinander gewöhnen, und während meine Muskeln sich aufbauen, habe ich zunächst weniger Einfühlungsvermögen für das Instrument. Physisch geht es mit Oboe und Englischhorn ja ganz schön zur Sache, alleine durch den immensen Druck, den man als Spieler aufbauen muss. Dieser Druck geht bei der Oboe vor allem in den Kopf, beim Englischhorn fühle ich ihn im ganzen Körper. Das ist im Vergleich zwar genauso anstrengend, aber trotzdem viel angenehmer. Das Englischhorn ist für mich eine gutmütige Zicke. Zicke deshalb, weil es eigenwillig ist, mir manchmal Streiche spielt oder nicht so reagiert, wie ich es möchte. Ich kann durch das Instrument vor allem auf der emotionalen Ebene sprechen, selten auf der technisch-virtuosen. Es ist eben nicht zu allem bereit. Gleichzeitig ist es aber auch gutmütig, denn wenn man sich auf seine Eigenarten einlässt, kann man mit ihm eine tolle Freundschaft aufbauen. Das Englischhorn ist aus meiner Sicht kein vollständiges Instrument. Dem Ziel der technischen Perfektion kommt man mit ihm nie nahe, man könnte immer noch besser spielen. Ich freue mich aber sehr darüber, mit meinem Instrument durch relativ geringen Aufwand große emotionale Wirkung erzielen und das Publikum berühren zu können. < Aufgezeichnet von Katharina Fleischer

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Foto: SPK / photothek.net | Thomas Koehler

Wettbewerbsentwürfe für das Museum des 20. Jahrhunderts


FEUILLETON

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Das Ende der Leere D a s M u s e u m d e s 20 . J a h r h u n d e r t s s o l l d i e s t ä d te b a u li c h e Ö d ni s a m Ku l tu r fo r u m b e e n d e n .

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Mit den Ohren sehen M i t h i l f e e i n e r s p e zi e l l e n Te c h n i k kö n n e n s i c h B l i n d e a k u s t i s c h im Raum orientieren.

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Fragen zur Musikliebhaberei Diesmal an die Schauspielerin I n a We i s s e


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F E U I L L E T O N — K U LT U R F O R U M

DAS ENDE DER LEERE Ein radikal gedachter Neubau soll die städtebauliche Ödnis am Kulturforum beenden: Herzog & de Meurons Museum des 20. Jahrhunderts. Vo n G e r w i n Z o h l e n


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Kulturforum mit St. MatthäusKirche und Philharmonie

Foto: ullstein bild - Schöning

AM 27. OKTOBER 2 016 erreichte ein städtebauliches

Drama Berlins seinen finalen Akt, in dem Katharsis und Heilung in den Blick geraten. An diesem Tag teilte die Jury des Wettbewerbs für das Museum des 20. Jahrhunderts, kurz M20 genannt, ihre Entscheidung mit, das Basler Architektenbüro Herzog & de Meuron damit zu beauftragen, die schreiende Leere des Kulturforums mit dem Museumsbau zu füllen und die architektonischen Satelliten der denkwürdigen Wüstenei inmitten Berlins zu arrondieren. Die Jury war hochrangig besetzt: Monika Grütters als Kulturstaatsministerin und Initiatorin des Bauprojekts gehörte ihr ebenso an wie Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Bauherr des Museums, sowie weitere Architekten und Museumsdirektoren. Martin Hoffmann, der Intendant

der Berliner Philharmoniker und direkter Anrainer des Bauprojekts, nahm als Gast teil. Umstandslos lobte er, wie alle Juroren und Beteiligten auch, die produktive, lehrreiche und erkenntnissatte Atmosphäre der Jury, die vom Stuttgarter Architekten Arno Lederer versiert geleitet wurde. Der Siegerentwurf berge Qualitäten, mit denen die lang lastende Problematik des Kulturforums gelöst werden könne. Bei aller Chuzpe sei er architektonisch ebenso radikal wie klug im Umgang mit den Problemen, die sich am Kulturforum stellen. Welche Probleme sind das? ZWEI DIAMANTEN IN DER ÖDNIS

Lesen Sie weiter in

der aktuellen Es ist zunächst ein Luxusproblem: Um das Kulturforum herum stehen außer der St. Matthäus-Kirche von  Ausgabe Nr."01/2017


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FEUILLETON — KLICKSONAR

MIT DEN OHREN SEHEN Eine spezielle Technik ermöglicht es Blinden, sich akustisch im Raum zu orientieren. So gut, dass manche damit sogar Fahrrad fahren können. Vo n A n n e t te Ku h n


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FESTEN S CHRITTES BEWEGT sich Silja Korn durch

eine Berliner Fußgängerzone. Ihr Tempo hält mit dem der übrigen Passanten mit, nur ab und zu bleibt sie für einen Moment stehen, macht ein schnalzendes Geräusch mit der Zunge, bewegt dabei ihren Kopf – und geht wieder weiter. Silja Korn ist blind, infolge eines Unfalls verlor sie mit 13 Jahren ihr Augenlicht. Doch das fällt erst auf den zweiten Blick auf: Mit dem weißen Langstock prüft sie ihren Weg auf gut einen Meter voraus, ihre Sonnenbrille wirkt an diesem trüben Wintertag etwas unpassend. Im Alltag und bei ihrer Arbeit als Erzieherin kann sich Silja Korn selbstständig bewegen. Ihr Langstock hilft ihr, die Bodenbeschaffenheit wahrzunehmen und Blindenleitsysteme wie etwa die Rillen am U-Bahnsteig zu »lesen«. Für die Orientierung im Raum aber reicht das allein meist nicht aus. Normalerweise liefert das Auge 80 Prozent der Informationen zur Wahrnehmung der Umgebung. Blinde Menschen nutzen andere Wege, um an diese notwendigen Informationen zu gelangen. Sie müssen alle übrigen Sinne schärfen – und besonders wichtig ist dabei der Hörsinn. Deswegen schnalzt Silja Korn beim Gehen immer wieder. So gelingt es ihr meist, einem Menschen oder Gegenstand rechtzeitig auszuweichen. Sie erkennt damit einen Eingang oder eine Treppe, noch bevor der Stock dort angekommen ist. Auch Autos und Motorräder kann sie wahrnehmen. Nur bei Fahrrädern wird es schwieriger. EIN BLITZ IN DER DUNKELHEIT

Klicksonar – oder englisch: Flashsonar – heißt die Technik, die Silja Korn nutzt. Wie ein Blitzlicht, ein flash, ermöglicht sie eine kurze Momentaufnahme in der Dunkelheit. Analog zum Radar ist der Begriff Sonar ein Akronym aus den Wörtern Sound Navigation and Ranging, übersetzt: Schallorientierung und Entfernungsmessung. Gemeint ist damit also eine Echoortung, bei der Schallwellen ausgesandt werden, die, wenn sie auf einen Gegenstand treffen, als Echo reflektiert werden. Das Schnalzgeräusch wird mit der Zungenspitze erzeugt, denn um das Echo richtig verwerten zu können, muss die Entfernung zwischen der Schallquelle und dem Empfänger gleich bleiben und möglichst kurz sein. Das ist nur zwischen Mund und Ohr gegeben. Ein Fingerschnipsen würde also nicht funktionieren. Die Anlage zur Echoortung haben alle Menschen. Wohl jedes Kind versucht, ein Echo in einem Tunnel zu erzeugen. Auch in der Tierwelt kommt Echoortung vor. So orientieren sich Delfine und vor allem Fledermäuse auf diese Weise. Fledermäuse sind sogar in der Lage, über Echoortung kleinste Insekten aufzuspüren. Echoortung ist also nichts Neues, aber erst seit einigen Jahren wird sie verstärkt beim Mobilitätstraining mit Blinden genutzt und bekommt mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit.

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Einen wesentlichen Anteil daran hat der US-Amerikaner Daniel Kish. Infolge einer Krebserkrankung wurden ihm mit 13 Monaten beide Augen entfernt. Als Kind hat er sich die Echoortung selbst beigebracht, später entwickelte er eine Methode, sie anderen Blinden zu vermitteln. »Jedes Ding hat einen Klang, und jedem Klang wird eine Bedeutung gegeben«, erklärt der Mobilitätstrainer. »Es

Das Echosignal wird vor allem im visuellen Zentrum des Gehirns verarbeitet. ist wie Gips in eine Form zu gießen.« Das mag nach einer allzu bildhaften Vorstellung für einen Blinden klingen, aber wie kanadische Wissenschaftler herausgefunden haben, sind Blinde, die Klicksonar betreiben, tatsächlich befähigt, bildähnliche Vorstellungen im visuellen Zentrum des Gehirns zu entwickeln. Für ihre Untersuchung haben die Forscher der University of Western Ontario die Gehirnaktivität eines früh und eines spät Erblindeten, die beide Echoortung nutzten, sowie zweier sehender Menschen miteinander verglichen. Dabei zeigte sich, dass die Blinden zwar nicht besser hören können als die Sehenden. Allerdings gab es bei der Echoortung deutliche Unterschiede im visuellen Zentrum. Die stärkste Hirnaktivität zeigte hier der früh Erblindete. Die Forscher schlossen daraus, dass die Verarbeitung des Echos nicht im auditiven, sondern vor allem im visuellen Zentrum stattfindet, und je öfter und länger ein Blinder Echoortung betreibt, desto stärker verändert sich dieses visuelle Zentrum. Blinde Menschen sind demnach durchaus in der Lage, bildähnliche Vorstellungen zu entwickeln. Durch Klicksonar sehen sie gleichsam mit den Ohren. SCH N A L Z E N D AU F D E M FA H R R A D

Daniel Kish hat die Technik der Echoortung bis zur Perfektion getrieben. Er kann ein Auto in fünf Metern Entfernung erkennen und eine Hauswand in 50 Metern. Er ist sogar in der Lage, nur mit Hilfe des Schnalzens Fahrrad zu fahren. Doch damit ist er eine Ausnahme. Genauso wie der blinde Dave Janischak, der in der letzten »Wetten, dass …?«-Sendung durch das Schnalzen vergrößerte Puzzleteile richtig zuordnen konnte. Für die etwa 150.000 blinden Menschen in Deutschland geht es freilich nicht um Kunststücke, sondern um eine bessere Orientierung. Das war vor vier Jahren auch Lesen Sie für Silja Korn die Motivation, bei einem Training von Da-weiter in niel Kish mitzumachen. »Es war wie das Lernen einer der aktuellen Sprache«, erinnert sie sich, und es habe danach einige Ausgabe Nr. Zeit gedauert, bis sie Klicksonar tatsächlich in  " 01/2017


FEUILLETON — MUSIKLIEBHABEREI

FR AGEN ZUR MUSIKLIEBHABEREI

Diesmal an die Schauspielerin Ina Weisse

Foto: Stefan Klüter

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Ina Weisse ist 1968 in Berlin geboren und dort aufgewachsen. Nach der Ausbildung als Schauspielerin an der OttoFalkenberg-Schule in München hatte sie Engagements u. a. an den Münchner Kammerspielen und am Nationaltheater Mannheim. Sie wirkte in zahlreichen Filmen mit, darunter »Das Ende einer Nacht« und »Der große Aufbruch«, für die sie beide Male mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde. 2000 bis 2002 studierte sie Regie in Hamburg. Ihr erster Langspielfilm als Autorin und Regisseurin, »Der Architekt« mit Josef Bierbichler in der Hauptrolle, lief 2009 auf der Berlinale. Ihren Dokumentarfilm »Die neue Nationalgalerie« hat sie dieses Jahr fertiggestellt.

Was hören Sie zurzeit, Frau Weisse? Gerade bereite ich einen Kinofilm vor, in dem eine Geigenlehrerin im Mittelpunkt steht, dargestellt von Corinna Harfouch. Ich suche deshalb nach Musikstücken für ihre Schüler und für das Quartett, in dem sie spielt. Dafür höre ich Brahms’ Streichquartett op. 111, das Violinkonzert Nr. 3 von Mozart, dann Paganini, Ligeti und die Sonaten von Schumann, eingespielt von Gidon Kremer und Martha Argerich. Vor allem die Erste Sonate in a-Moll. Haben Sie Hörrituale? Eigentlich nicht. Da gibt es keinen Plan. Wohin ziehen Sie sich zurück, wenn Sie Stille suchen? Am liebsten laufe ich dann durchs Gebirge. Wenn ich in Berlin bin, gehe ich rudern. Da das Boot sehr schmal und leicht ist, muss man sich konzentrieren und vergisst alles um sich herum. Hat Berlin in Ihrem Kopf so etwas wie einen eigenen Soundtrack? Als Kind dachte ich, in der Nacht Nebelhörner von Schiffen zu hören. Erst als ich älter wurde, habe ich festgestellt, dass es die hupenden Lastwagen auf der nahen Stadtautobahn waren. Berlin ist laut, viel Verkehr, S-Bahn. Können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit klassischer Musik erinnern? Mein Patenonkel spielte zu meinem sechsten Geburtstag für mich Geige. Ich fand das so schön, dass ich es auch unbedingt lernen wollte. Ich habe dann zwölf Jahre lang Geige gespielt. Ich war auch in einem Orchester, aber leider war ich nicht besonders gut. Spielen Sie noch ein Instrument? Akkordeon und seit ein paar Jahren Klavier.

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Gab es ein Konzerterlebnis, das Sie besonders bewegt hat? 70 Kilometer nördlich von Moskau liegt der Ort Sergijew Possad. In dem Dreifaltigkeitskloster dort habe ich vor vier Jahren die Vespermesse von Rachmaninow gehört, gesungen von Mönchen, die in dem Kloster leben. Ich war in eine andere Zeit versetzt. Als Schauspielerin haben Sie sicher einen besonderen Blick für die Mimik und Gestik von Dirigenten. Konnten Sie daraus Anregungen für Ihr eigenes Spiel gewinnen? In einem Film von Henri-Georges Clouzot aus den Sechzigerjahren, den ich vor Kurzem gesehen habe, proben Yehudi Menuhin und die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Karajan Mozarts Violinkonzert Nr. 5. Karajan war besessen von seinem Streben nach Genauigkeit, er ließ nicht locker. Er achtete auf jedes Detail. In dem Konzert später war von diesen Anstrengungen nichts mehr zu spüren. Das Orchester spielte mit großer Leichtigkeit. Da gibt es schon Parallelen zu meinem Beruf. Gibt es Musik, die Sie überhaupt nicht ertragen? Hintergrundmusik in Restaurants und Cafés. Wenn Sie sich entscheiden müssten: Mozart oder Beethoven? Das kann ich nicht entscheiden. Ich nehme noch Bach dazu. <


NACHSPIEL — BÜCHER UND CDS

11 6

W IEDER ENTDECKT Ein literarisches Werk und eine klassische CD, neu empfohlen. Diesmal von Krzysztof Polonek

Buch

Glückliche Liebe und andere Gedichte Wisława Szymborska 99 Seiten Suhrkamp Verlag, Berlin, 2012 18,95 Euro ISBN: 978-3-518-42314-1

Vielen Lesern von »128« werden die großen literarischen Werke des deutschen Sprachraums vertraut sein. Eine Buchempfehlung auszusprechen, die eines dieser Meisterwerke benennt, erscheint mir in meinem Fall deshalb wenig sinnvoll. Als gebürtiger Pole möchte ich Sie daher dazu anregen, ein wenig in die Welt der polnischen Literatur »hineinzuschnuppern«. Dabei stößt man auf zwei Probleme: Einerseits verfremdet und verzerrt jede Übertragung in eine andere Sprache das Original; wendet man sich andererseits weniger bekannten Kleinodien zu, werden diese kaum ins Deutsche übersetzt sein, und falls doch, nicht unbedingt in akzeptabler Qualität. Also versuche ich, Ihnen eine literarische Reise nahezubringen, welche sowohl von ihrer Autorin, wie auch vonseiten des Übersetzers außerordentlich spannend ist. Es geht um das Werk der Nobelpreisträgerin Wisława Szymborska (1923–2012). Viel wurde über sie geschrieben, ihr Werk von philosophischer, soziologischer, politischer und sprachlicher Seite her beleuchtet, ihre Vielseitigkeit und Vielschichtigkeit beschrieben.

Das Besondere an ihrer Lyrik ist für mich, dass sie, unabhängig vom Gegenstand, der Handlung oder den agierenden Personen, über die sie schreibt, bei ernsten Themen stets Leichtigkeit bewahrt, bei weniger Bedeutendem aber die Tiefe zwischen den Zeilen zu erkennen bleibt. Trotz ihres scheinbar distanzierten Blicks steht bei ihr stets das Menschliche im Vordergrund, und immer berührt sie mich damit in der Seele und im Herzen. Ich empfehle vor allem die Gedichtbände, von denen es auf Deutsch einige in unterschiedlichen Zusammenstellungen gibt. Besonders hinzuweisen ist auf die kongenialen Übersetzungen von Karl Dedecius, der die meisten Werke Szymborskas übertragen hat. Als Kind deutscher Eltern ist er in Łódź aufgewachsen und später über die DDR in die Bundesrepublik übergesiedelt. Quasi nach Feierabend hat er sich mit Liebe und Verständnis für die polnische Mentalität der polnischen Literatur gewidmet. Lassen Sie sich in die wunderbare Welt von Wisława Szymborska entführen, Sie werden es nicht bereuen!


12 8 — A U S G A B E N R . 01. 2 017

117

Krzysztof Polonek in Krakau geboren, absolvierte ein Violin­ studium an der UdK in Berlin, bevor er sein Konzertexamen in Lübeck erwarb. Seine Orchesterkarriere begann 2001 an der Deutschen Oper Berlin. Es folgten Engagements bei der Dresdner Philharmonie und beim RSO Berlin, bevor er im Dezember 2009 in die Reihen der Berliner Philharmoniker aufgenommen wurde. Krzysztof Polonek tritt als Solist mit zahlreichen Orchestern und als Kammermusiker auf. Er lehrte an der Musikakademie Breslau, wo er bei Jarosław Pietrzak auch promovierte. Foto: Sebastian Hänel

CD

Szymon Goldberg Arthur Balsam Johannes Brahms Violinsonaten Testament Records SBT 1357 CD

Für mich als Geiger ist es naheliegend, eine Hörempfehlung auszusprechen bei der die Violine im Fokus steht. Die Violinsonaten von Johannes Brahms sind für mich faszinierende Meisterwerke der Musikliteratur und gehören zum absoluten Kernrepertoire eines jeden Geigers. Hier möchte ich mich für eine Einspielung aussprechen, die weniger bekannt ist, aber durch ihre Klarheit, Schnörkellosigkeit und demütige Ehrlichkeit besticht. Es handelt sich um die Aufnahme mit dem Geiger Szymon Goldberg und Arthur Balsam am Klavier. Besonders die Musikerpersönlichkeit Szymon Goldbergs veranlasste mich, gerade seine Einspielung auszuwählen. Die Ehrfurcht vor Brahms, der warme, vibrierende, stets klare Klang ist in dieser Einspielung zu hören und macht diese Aufnahme zu einem wahren Genuss. Im Leben Goldbergs spielten die Brahms-Sonaten eine zentrale Rolle. Eine Sammlung von Schriften, welche er als Pädagoge über die drei Werke verfasste, macht deutlich, mit welcher Akribie und welch großem Respekt er ihnen begegnete, wie er sie liebte und

schätzte. Goldberg war ein Landsmann von mir, sprich: gebürtiger Pole. Seine erste größere berufliche Station war die Position des Konzertmeisters bei der Dresdner Philharmonie, dem Orchester, welchem auch ich angehörte. Später kam er als Konzertmeister zu den Berliner Philharmonikern, um schließlich – nach dem Auftrittsverbot für jüdische Künstler – über mehrere Stationen in die USA zu emigrieren, wo der Musiker auch als Lehrer wirkte. Ein Versuch, nach dem Krieg wieder als Konzertmeister in Berlin Fuß zu fassen, wurde ihm von offizieller Seite unmöglich gemacht. Seinen letzten Lebensabschnitt verbrachte er schließlich in Japan. In jüngerer Zeit rückte Szymon Goldberg wieder verstärkt in den Blick der Öffentlichkeit, nicht zuletzt durch den ehemaligen Dresdner Philharmoniker Volker Karp, der u. a. die 2015 in der Berliner Philharmonie gezeigte Szymon-Goldberg-Ausstellung anregte und mit zahlreichen originalen Exponaten ausstattete.


N ACHS P I EL — KO N Z ER T K A L EN D ER

12 2

KONZERTE

d e r S t i f tu n g B e r l i n e r P h i l h a r m o n i ke r

März – April – Mai

SA 04 .03. 19 U H R SO 05.03. 20 U H R MO 06.03. 20 U H R

SO 12 .03. 20 U H R

Philharmonie Berliner Philharmoniker Zubin Mehta  Anoushka Shankar 

M I 22 .03. 20 U H R DO 23.03. 20 U H R

Philharmonie

 Dirigent  Sitar

R. Shankar Sitarkonzert Nr. 2 »Raga-Mālā« Bartók Konzert für Orchester

Benefizkonzert des Bundespräsidenten zugunsten von UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Berliner Philharmoniker Zubin Mehta   Dirigent Pinchas Zukerman   Violine Elgar Violinkonzert h-Moll Tschaikowsky Symphonie Nr. 5 e-Moll

Philharmonie Berliner Philharmoniker Kirill Petrenko  Georg Nigl 

 Dirigent  Bariton

Mozart Symphonie Nr. 35 D-Dur »Haffner« Adams The Wound-Dresser Tschaikowsky Symphonie Nr. 6 h-Moll »Pathétique«

M I 08 .03. 20 U H R

Kammermusiksaal Originalklang Hana Blažíková   Sopran Raquel Andueza   Sopran Alex Potter   Altus Charles Daniels   Tenor Harry van der Kamp   Bass Concerto Melante Raimar Orlovsky  Violine und Gesamtleitung Phantasm Laurence Dreyfus   Leitung Buxtehude Kantaten aus dem Zyklus »Membra Jesu Nostri« BuxWV 75 im Wechsel mit Gambenmusik aus dem England des 16. und 17. Jahrhunderts von Tye, Byrd, Jenkins und Lawes

D I 28 .03. 20 U H R

Kammermusiksaal – Ausstellungsfoyer

Schlagzeuger der Berliner Philharmoniker

Der philharmonische Diskurs Teil 3: Biografie wider Willen – Richard Wagner: Eine Pilgerfahrt zu Beethoven Ulrich Matthes   Lesung Andreas Donat spielt Werke von Wagner und Beethoven

But what about the noise... Werke von Cage, Reich, Bach/Welzel, Takemitsu und Xenakis M I 15.03. 20 U H R

Kammermusiksaal Varian Fry Quartett Andreas Ottensamer 

SO 02 .04 . 11 U H R

Philharmonie – Karl-Schuke-Orgel  Klarinette

Werke von Beethoven, Mozart, Ravel u. a. DO 16.03. 20 U H R FR 17.03. 20 U H R SA 18 .03. 19 U H R

Philharmonie  Dirigent  Violine

Elgar Violinkonzert h-Moll Tschaikowsky Symphonie Nr. 5 e-Moll

Berliner Philharmoniker Sir Simon Rattle  Emanuel Ax  Rinat Shaham  Gábor Bretz 

Auf Einladung der Berliner Philharmoniker Junge Deutsche Philharmonie Jonathan Nott   Dirigent Michelle Breedt   Sopran Ravel Valses nobles et sentimentales (Orchesterfassung) Mahler Kindertotenlieder Schostakowitsch Symphonie Nr. 15 A-Dur

Orgel

Bach Goldberg-Variationen (Fassung für Orgel von Hansjörg Albrecht) MO 03.04 . 20 U H R

Maurizio Pollini   Dirigent  Klavier  Mezzosopran  Bass

Gruber Klavierkonzert – Auftragswerk Deutsche Erstaufführung Bartók Herzog Blaubarts Burg – konzertante Aufführung

SO 12 .03. 11 U H R

Philharmonie

Hansjörg Albrecht 

Philharmonie

Philharmonie

DO 09.03. 20 U H R FR 10.03. 20 U H R SA 11.03. 19 U H R

Berliner Philharmoniker Zubin Mehta  Pinchas Zukerman 

MO 13.03. 20 U H R

Kammermusiksaal

SA 18 .03. 22 U H R

Philharmonie Philharmonie »Late Night« Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker Sir Simon Rattle   Dirigent Magdalena Kožená   Mezzosopran Ravel Trois Poèmes de Stéphane Mallarmé Berio Sequenza III, Laborintus II

 Klavier

Das Programm wird noch bekannt gegeben. (Nachholtermin für das ursprünglich am 1. März geplante Konzert) DO 20.04 . 20 U H R

Kammermusiksaal Stipendiaten der »Akademie Musiktheater heute« Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker Simon Rössler   Dirigent La Tragédie de Carmen, eine Adaption der Bizet-Oper von Peter Brook und Marius Constant


12 8 — A U S G A B E N R . 01. 2 017

SA 22 .04 . 19 U H R

SO 07.05. 16 U H R SO 14 .05. 16 U H R

Philharmonie Berliner Philharmoniker Sir Simon Rattle   Dirigent Kristīne Opolais   Sopran (Floria Tosca) Marcelo Álvarez   Tenor (Mario Cavaradossi) Evgeny Nikitin  Bassbariton (Baron Scarpia) sowie weitere Gesangssolisten Rundfunkchor Berlin u. a. Puccini Tosca – konzertante Aufführung

123

M I 24 .05. 20 U H R DO 25.05. 20 U H R FR 26.05. 20 U H R

Kammermusiksaal Der philharmonische Salon Peter Simonischek   Sprecher Scharoun Ensemble Berlin Cordelia Höfer   Klavier Götz Teutsch   Programmgestaltung Philharmonisches Diner – Louise Wolff und Wilhelm Furtwängler

Philharmonie Berliner Philharmoniker Riccardo Muti 

 Dirigent

Schubert Symphonie Nr. 4 c-Moll Tschaikowsky Symphonie Nr. 4 f-Moll SA 27.05. 19 U H R

Philharmonie SO 23.04 . 20 U H R

DO 11.05. 20 U H R

Kammermusiksaal

Kammermusiksaal

Prisma Kammermusik Blechbläserensemble der Berliner Philharmoniker Jan Schlichte   Schlagzeug

Sir András Schiff 

Werke von Byrd, Dowland, Bach, Bruckner, Mahler, Arnold, Pirchner und Mühlbacher

FR 12 .05. 20 U H R SA 13.05. 19 U H R SO 14 .05. 20 U H R

D I 25.04 . 20 U H R

Philharmonie

Kammermusiksaal Tetzlaff Quartett Mozart Streichquartett Es-Dur KV 428 Berg Streichquartett op. 3 Schubert Streichquartett G-Dur D 887 DO 27.04 . 20 U H R FR 28 .04 . 20 U H R SA 29.04 . 19 U H R

Philharmonie Berliner Philharmoniker Mariss Jansons  Andreas Ottensamer 

 Dirigent  Klarinette

Sibelius Symphonie Nr. 1 e-Moll Weber Klarinettenkonzert Nr. 1 f-Moll Bartók Suite aus »Der wunderbare Mandarin« SA 29.04 . 15 U H R SO 30.04 . 11 U H R

Werke von Bach, Bartók, Janáček und Schumann

Berliner Philharmoniker Semyon Bychkov  Gautier Capuçon 

Tschaikowsky Violinkonzert D-Dur Symphonie Nr. 4 f-Moll SO 28 .05. 11 U H R

Philharmonie – Karl-Schuke-Orgel  Dirigent  Violoncello

Schostakowitsch Cellokonzert Nr. 1 Es-Dur Strauss Ein Heldenleben

Familienkonzert – Abenteuer Stimme Mitglieder der Berliner Philharmoniker Gesangssolisten Regieteam mit Stipendiaten der »Akademie Musiktheater heute« der Deutsche Bank Stiftung Ligeti Aventures und Nouvelles Aventures

SO 28 .05. 20 U H R

Kammermusiksaal

Der philharmonische Diskurs Teil 4: Dichtung und Wahrheit Jens Malte Fischer im Gespräch mit Tilman Krause Stipendiaten der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker spielen Werke von Brahms und anderen

Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker

DO 18 .05. 20 U H R FR 19.05. 20 U H R SA 20.05. 19 U H R

Joyce DiDonato  Ensemble Il pomo d’oro Maxim Emelyanychev  Cembalo

Berliner Philharmoniker Andrés Orozco-Estrada  Leif Ove Andsnes 

 Dirigent  Klavier

Strauss Macbeth, Tondichtung nach Shakespeare Rachmaninow Klavierkonzert Nr. 4 g-Moll Schostakowitsch Symphonie Nr. 5 d-Moll

Jerusalem Quartet Sir András Schiff   Dirigent

Holt »Surcos« – Auftragswerk Uraufführung Bruckner Symphonie Nr. 8 c-Moll

Schubert Quartettsatz c-Moll D 703 Weinberg Klavierquintett op. 18 Brahms Klavierquintett f-Moll op. 34

Werke von Purcell, Beethoven, Ravel und Mendelssohn D I 30.05. 20 U H R

Philharmonie

 Klavier

 Mezzosopran  Dirigent und

Barockarien: Werke von Monteverdi, Purcell, Händel, Leo und Jommelli M I 31.05. 20 U H R FR 02 .06. 20 U H R SA 03.06. 19 U H R

Philharmonie Berliner Philharmoniker Sir Simon Rattle  Imogen Cooper 

Kammermusiksaal

Philharmonie

Dupré Trois Préludes et Fugues Strawinsky/Latry Le Sacre du printemps

M I 17.05. 20 U H R

M I 24 .05. 20 U H R

FR 05.05. 20 U H R SA 06.05. 19 U H R MO 08 .05. 20 U H R

Olivier Latry   Orgel (Dupré, Strawinsky) Shin Young Lee   Orgel (Strawinsky)

Kammermusiksaal – Ausstellungsfoyer

Philharmonie

Kammermusiksaal

Berliner Philharmoniker Sir Simon Rattle 

 Klavier

Jubiläumskonzert – Anne-Sophie Mutter – Berliner Philharmoniker: 40 Jahre künstlerische Partnerschaft Berliner Philharmoniker Riccardo Muti   Dirigent Anne-Sophie Mutter   Violine

 Dirigent  Klavier

Adès Suite from »Powder her Face« – Auftragswerk Uraufführung der komplettierten Fassung Mozart Klavierkonzert C-Dur KV 503 Strawinsky Chant funèbre – Deutsche Erstaufführung Le Sacre du printemps (revidierte Fassung von 1947)


N ACHS P I EL — KO N Z ER T K A L EN D ER

124

Osterfestspiele Baden-Baden

FR 07.04 . 18 U H R MO 10.04 . 18 U H R DO 13.04 . 18 U H R MO 17.04 . 18 U H R

Festspielhaus

SA 08 .04 . 18 U H R

SO 09.04 . 14 U H R M I 12 .04 . 18 U H R SO 16.04 . 14 U H R

Festspielhaus

Kirill Petrenko 

Berliner Philharmoniker

Mozart Symphonie Nr. 35 D-Dur »Haffner«

heute« 

Tschaikowsky Symphonie Nr. 6 h-Moll

Orchester-Akademie der Berliner

»Pathétique«

Philharmoniker, Gesangssolisten baden-

Berliner Philharmoniker

Sir Simon Rattle 

 Dirigent

Kristīne Opolais 

 Sopran (Floria Tosca)

Marcelo Álvarez  Tenor (Mario Cavaradossi) Evgeny Nikitin  Bassbariton (Baron Scarpia) Alexander Tsymbalyuk 

Douglas Williams 

 Tenor (Spoletta)  Bass (Sciarrone)

Peter Rose 

 Bass (Mesner)

Walter Fink 

 Bass (Schließer)

Philharmonia Chor Wien Philipp Himmelmann 

 Regie

Puccini Tosca SA 08 .04 . 11 U H R

Alter Ratssaal Feininger Trio Ravel Klaviertrio a-Moll Franck Sonate für Violine und Klavier A-Dur SA 08 .04 . 14 U H R

Kirche St. Bernhard

Stipendiaten der »Akademie Musiktheater  Regie, Bühnenbild und Kostüme

württembergischer Musikhochschulen

SO 09.04 . 11 U H R

Schauspieler des Theater Baden-Baden

Florentinersaal im Casino

Simon Rössler 

Ensemble Berlin Prag

Bass (Cesare Angelotti) Peter Tantsits 

Theater  Dirigent

La Tragédie de Carmen, eine Adaption der

Zelenka Sonate für zwei Oboen, Fagott und

Bizet-Oper von Peter Brooks und Marius

Kontrabass g-Moll ZWV 181 Nr. 4

Constant

Yun Aus Inventionen für zwei Oboen:

SO 09.04 . 18 U H R

III. Vorschläge und IV. Harmonie

Festspielhaus

Bach Triosonate d-Moll BWV 527 Triosonate G-Dur BWV 530

Berliner Philharmoniker

Stutschewsky Solo für Fagott

Sir Simon Rattle 

Zelenka Sonate für zwei Oboen, Fagott und Kontrabass F-Dur ZWV 181 Nr. 5

MO 10.04 . 11 U H R

SO 09.04 . 14 U H R

Museum Frieder Burda

Weinbrennersaal Scharoun Ensemble Berlin und Gäste Rinnat Moriah 

 Sopran

Widmann Fieberphantasie für Klavier, Streichquartett und Klarinette

Wu Wei  Matthew McDonald 

sowie freie Improvisationen

Webern Sechs Lieder nach Gedichten von

MO 10.04 . 14 U H R

Georg Trakl

Museum Frieder Burda

Dowland Posaunenquartett Bach Suite anglaise Bruckner Ave Maria Pirchner Firewater-Music aus Die drei Jahreszeiten

 Viola  Kontrabass

Trios von Monteverdi, Bach und Vivaldi

Philharmoniker

Schönberg Kammersymphonie Nr. 1

 Sheng

Martin Stegner 

Berio Sequenza III für Frauenstimme

Arnold Blechbläserquintett op. 73

 Dirigent

Mahler Symphonie Nr. 6

Blechbläserensemble der Berliner

Byrd Earl of Oxford’s March

 Dirigent

Philharmonia Quartett Mendelssohn Aus den Vier Stücken für Streichquartett op. 81: Nr. 3 Capriccio und Nr. 4 Fuge Beethoven Streichquartett B-Dur op. 130 mit der Großen Fuge op. 133


12 8 — A U S G A B E N R . 01. 2 015

AUSSTELLUNG 1. – 22.4.2017

BERLIN.STADT.MAGAZIN 45 JAHRE TIP! 40 JAHRE ZITTY! ERÖFFNUNG 1. APRIL, 19 UHR MIT FIL-SHOW, DANACH PARTY IM ESCHLORAQUE FINNISAGE 22. APRIL, 19 UHR MIT OL-SHOW GALERIE NEUROTITAN, ROSENTHALER STR. 39, BERLIN-MITTE

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12 5


N ACHS P I EL — KO N Z ER T K A L EN D ER

12 6

D I 11.04 . 14 U H R

FR 14 .04 . 14 U H R

SO 16.04 . 14 U H R

Spitalkirche

Weinbrennersaal

Kulturhaus LA8 Kristallsaal

Cornelia Gartemann 

 Violine

Bläser der Berliner Philharmoniker

Venus Ensemble Berlin

Christoph von der Nahmer 

 Violine

Martin Heinze 

Özgür Aydin 

Julia Gartemann 

 Viola

Martin von der Nahmer 

 Viola

Knut Weber 

 Violoncello

Martin Menking 

 Violoncello

Mendelssohn Streichquintett B-Dur op. 87

 Kontrabass

Mozart Bläserserenade B-Dur KV 361

Brahms Klavierquartett g-Moll

»Gran Partita«

Schönberg/Steuermann Verklärte Nacht

FR 14 .04 . 18 U H R

SO 16.04 . 18 U H R

Festspielhaus

Festspielhaus

Berliner Philharmoniker

Schubert Streichquintett C-Dur D 956

Musikfest

Sir Simon Rattle 

D I 11.04 . 16 U H R SO 16.04 . 11 U H R

 Dirigent

Lisa Batiashvili 

Festspielhaus

 Violine

Dvořák Slawische Tänze op. 72 (Auswahl) Violinkonzert a-Moll

Familienkonzert – Abenteuer Stimme Mitglieder der Berliner Philharmoniker

SA 15.04 . 11 U H R

»Akademie Musiktheater heute« der

Kurhaus Runder Saal

Aventures und Nouvelles Aventures

Ensemble Berlin Anne Sofie von Otter 

 Mezzosopran

Bundesjugendorchester Sir Simon Rattle  Sarah Willis 

 Dirigent  Moderation

Dvořák/Schäfer Bagatellen

Philharmonia Klaviertrio Berlin

Ein interaktives Konzert mit Györgys Ligetis

Philharmonisches Oktett

Mitglieder der Berliner Philharmoniker

Bartók Konzert für Orchester

Regieteam mit Stipendiaten der Deutsche Bank Stiftung

 Klavier

Hans-Jürgen Schatz 

Lieder, Chansons und Kammermusik von  Sprecher

Schostakowitsch Klaviertrio Nr. 2 e-Moll

Schubert, Hahn, Canteloupe und Eisler Rachmaninow Symphonie Nr. 3 a-Moll

DO 13.04 . 11 U H R

Hans-Jürgen Schatz liest dazu Auszüge aus

MO 17.04 . 11 U H R

Florentinersaal im Casino

Bulgakows Der Meister und Margarita

Florentinersaal im Casino

SA 15.04 . 14 U H R

Philharmonisches Streichquintett

Andreas Buschatz 

 Violine

Dietmar Schwalke 

 Violoncello

Jelka Weber 

 Flöte

Beni Araki 

 Cembalo

Stefan Kaminski 

 Sprecher

Evangelische Stadtkirche am Augustaplatz

Gesualdo/Strawinsky Tres sacrae

Berliner Barock Solisten

cantiones

Daniel Gaede 

Bach Contrapunctus XIII recto et inversus

 Violine und Leitung 

aus Die Kunst der Fuge BWV 1080

Jonathan Kelly, Christoph Hartmann,

»Aus der Seele muss man spielen …« –

Viola Orlovsky 

 Oboe

Mozart Adagio und Fuge c-Moll KV 546

Carl Philipp Emanuel Bach erzählt aus

Mor Biron 

 Fagott

Beethoven Streichquartett C-Dur

seinem Leben

Stefan de Leval Jezierski, Andrej Žust  Horn

op. 59 Nr. 3: 4. Satz Allegro molto

C. P. E. Bach Triosonate F-Dur 154

Telemann Konzert für drei Violinen F-Dur

Flötensonate G-Dur Wq 123

TWV 53:F1

Fantasia fis-Moll Wq 67 »Carl Philipp Emanuels Bachs Empfindungen« J. S. Bach Musikalisches Opfer BWV 1079 (Auszüge) Friedrich II. von Preußen Flötensonate e-Moll: 1. Satz Grave DO 13.04 . 14 U H R

Berliner Philharmoniker Stanley Dodds 

 Dirigent

Viktoria Kunze 

 Sopran

Bach Ricercar aus Das musikalische Opfer Bach/Birtwistle Bach Measures Webern Fünf geistliche Lieder op. 15 Adams Chamber Symphony

MO 17.04 . 14 U H R

B-Dur TWV 44:43

Theater

Bach Brandenburgisches Konzert Nr. 3 G-Dur BWV 1048

Varian Fry Quartett

Brandenburgisches Konzert Nr. 1 F-Dur

Beethoven Streichquartett Es-Dur op. 74

BWV 1046

»Harfenquartett« Ravel Streichquartett F-Dur

Festspielhaus

Stipendiaten der Orchester-Akademie der

2. Satz Fugue for the saxes

Konzert für drei Oboen und drei Violinen

SA 15.04 . 18 U H R

Bürgerhaus Neuer Markt in Bühl

Bernstein Prelude, Fugue and Riffs:

Berliner Philharmoniker Zubin Mehta  Pinchas Zukerman 

 Dirigent  Violine

Elgar Violinkonzert h-Moll Tschaikowsky Symphonie Nr. 5 e-Moll


12 8 â&#x20AC;&#x201D; A U S G A B E N R . 01. 2 017

DER SCHLUSSSTR ICH vo n P a s c a l H e i l e r

127


NACHSPIEL — IMPRESSUM

128

IMPR ESSUM

c hs te D ie nä am h e int c s r e be Ausg a i 2017 6 . J un

128 – Das Magazin der Berliner Philharmoniker wird herausgegeben von der Berliner Philharmonie gGmbH für die Stiftung Berliner Philharmoniker Herbert-von-Karajan-Straße 1, D–10785 Berlin Telefon: +49 (0)30 254 88-0, Fax: +49 (0)30 254 88 323 E-Mail: magazin128@berliner-philharmoniker.de Internet: www.berliner-philharmoniker.de

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Chefredakteur 

 Carsten Fastner

Redaktion 

 Gerhard Forck (GF)  

Redaktionelle Mitarbeit 

 Arnt Cobbers (AC), Harald Hodeige (HH),  Nicole Restle (NR), Alexandra Sauer (AS)  Stephan Kock

 

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Korrektorat 

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 S. 3, Martin Hoffmann, Porträt: Kinky Illustrators  S. 38, 39 und folgende: Karte: akg / Science Photo Library   Kutschen v. l. n. r.: © Bridgemanimages.com, Städel Museum/ARTOTHEK  Koffer, Geigenkasten, Fernglas S. 40: shutterstock Kutsche S. 42: © Bridgemanimages.com  Berliner Philharmonie gGmbH, Herbert-von-Karajan-Str. 1, D – 10785 Berlin

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März 2017  
März 2017