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Daniel Argelès, Astrid Köhler, Jan Kostka (Hrsg.)
Leben in Berlin – Leben in vielen Welten Klaus Schlesinger und seine Stadt
be.bra wissenschaft verlag
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Inhalt
Daniel Argelès, Astrid Köhler und Jan Kostka Einleitung Berliner Autor und Berlin-Autor
Daniel Argelès Vom Gehen und vom Schreiben Heterotopische und liminale Räume der Auseinandersetzung mit Geschichte und Gesellschaft bei Klaus Schlesinger
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Jens Loescher Korridore und Memoranda Schreibräume bei Klaus Schlesinger, Durs Grünbein und Wolfgang Hilbig 56
Jan Kostka Vom Brunnen der Völkerfreundschaft zur Admiralbrücke Lesarten einer Schlüsselszene in Klaus Schlesingers Alte Filme
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Astrid Köhler Drei Männer an den Grenzen ihrer Existenz? Klaus Schlesingers Kleist-Felgentreu-Projekt
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Angelika Winnen »Berlin, das war Kafka.« Klaus Schlesingers Kafka-Rezeption in Die Spaltung des Erwin Racholl und in Trug
Inhalt
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Elke Gilson »Meinst du, ich leide an Halluzinationen?« Zum Romantisch-Unheimlichen in Klaus Schlesingers Werk und in der zeitgenössischen Berlin-Literatur
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Hannes Krauss StadtGeschichte(n)
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Peter Geist Rohformen des Anderen Zu Klaus Schlesingers Romanfragment »Die Seele der Männer«
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Anhang Blues, Kleist und ein Kapitel aus Alte Filme
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Die Autoren Danksagung Abbildungsnachweis
178 180 180
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Daniel Argelès, Astrid Köhler und Jan Kostka
Einleitung Berliner Autor und Berlin-Autor Den »berlinischsten« Autor der Gegenwart nannten Hans-Georg Soldat und Christel Berger1 ihn, für Adolf Endler gehörte Klaus Schlesinger in die »Reihe wichtiger Berlin-Autoren«2 und Friedrich Dieckmann bezeichnete ihn als eine »Hauptfigur dessen, was man eine Berliner Literatur nennen kann«3. Was also ist eine Berliner Literatur, und was ein berlinischer, ja gar ein Berlin-Autor? Der »Menschensammelplatz«4 Berlin übt seit über zwei Jahrhunderten seine ganz eigene Anziehungskraft auf Künstler jeder Couleur aus, was sich mit seinem rasanten Wachstum im späten 19. und seiner Genese zur Metropole im frühen 20. Jahrhundert nur noch verstärkt hat. »Seit den Tagen Fontanes haben sich in keiner deutschen Stadt so viele [Künstler] versammelt wie in Berlin. Die Stadt wurde für alle, die sich von den wandelnden Kräften der Zeit angezogen fühlten, ein magischer Ort.«5 In ihrem Klima entwickelte Kommunikationsformen und Künstlergemeinschaften können auf eine Traditionslinie von den Vertretern der Berliner Aufklärung über die der Romantik und des Vormärz, den »Tunnel über der Spree« und die Berliner Expressionisten bis zu den Autorentreffen im geteilten Berlin der 1970 er Jahre zurückblicken und setzen sich im neuen Jahrtausend in den wechselnden Clustern junger Berliner Literaten fort. Ihnen allen war und ist die Stadt sozialer, politischer und kultureller Verdichtungsraum,6 in dem die Spannungen und Bewegungstendenzen ihrer jeweiligen Gegenwart am deutlichsten hervortreten. Schon für Fontane war es »schließlich nicht wegzuleugnen, daß das, was hier geschieht und nicht geschieht, direkt eingreift in die großen Weltbegebenheiten.«7 Und seine Texte sind davon geprägt. In den einschlägigen literarischen Berlin-Anthologien (deren Chronologie allerdings oft mit der Weimarer Republik endet) tauchen wechselnde Namen auf, wobei je nach Gattungsausrichtung Theodor Fontane, Georg Hermann und Alfred Döblin oder Adolf Glaßbrenner, Egon Erwin Kisch und Kurt Tucholsky die Favoriten sind. In eine aktuellere Liste würden auch – und hier erheben wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit – Namen wie Ulrich Plenzdorf, Adolf Endler, Katja Lange-Müller
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oder eben Klaus Schlesinger gehören. Was all diese Autoren verbindet, ist nicht ihr Geburtsort: Weder Fontane noch Döblin oder Endler sind in Berlin geboren, und nicht einmal alle haben die längste Zeit ihres Lebens in der Stadt verbracht. Trotzdem gelten sie als Berlin-Autoren, und zwar im ebenso emphatischen Sinne wie etwa der Ur-Berliner Georg Hermann. So konnte auch Döblin von sich behaupten: »Ich gehöre zu Berlin.«8 Fand beispielsweise in Fontanes L’Adultera oder Irrungen, Wirrungen das Berlin der Gründerzeit seinen Niederschlag, war es in Döblins Berlin Alexanderplatz das der Weimarer Republik. Wer viel von Fontane gelesen hat, meint Gotthard Erler, der »fühlt sich im Berlin des 19. Jahrhunderts einigermaßen zu Hause, in jenem vom Baufieber geschüttelten Berlin der siebziger, achtziger und neunziger Jahre, in dem das biedermeierische Stadtbild verschwand und einem neuen Platz machte«9. Und Döblin-Leser sind durch seinen »klassischen Großstadtroman« bekannt mit dem Berlin der Moderne: Stadt der endlosen Bewegung und des Menschengewimmels, des verloren gegangenen Individuums, der Orientierungslosigkeit und zerrissenen Wahrnehmungen ihrer Bewohner, der sozialen, politischen, kulturellen und räumlichen Vielfalt, die sich in keinem geschlossenen Textgebilde mehr darstellen ließ. Solche Werke sind durchtränkt von »ihrer« Stadt und gewähren uns sinnlich-historische Einblicke in sie, indem sie ihre Bilder, Klänge, ja Gerüche in sich eingefangen haben. Somit stehen sie nicht nur unter dem Einfluss Berlins, sondern üben ihrerseits auch einen Einfluss darauf aus: Mehr als jedes Geschichtsbuch haben sie unser Wissen und Denken über die Stadt geprägt. Man mag behaupten, dass sie sie in unserem Bewusstsein von der generischen Großstadt zu diesem einen, unverwechselbaren Ort gemacht haben. Oder man mag diese Werke und Autoren mit Katja Lange-Müller lapidar als »in Berlin geerdet«10 bezeichnen. Auf Klaus Schlesinger und sein Werk trifft das allemal zu. Schlesinger war Berliner und Berlin-Autor in einem: Abgesehen von einer knapp einjährigen Evakuierung während des zweiten Weltkriegs war er nie länger als ein paar Wochen von dieser Stadt entfernt, sämtliche historischen Erfahrungen seines Lebens hat er in ihr gemacht, seine Arbeitssituation war immer von ihrem kulturellen und politischen Klima geprägt, seine Stoffe, Themen und Handlungsorte hat er aus ihrer Geschichte gewonnen und seine literarische Sprache ist durchtränkt vom Berliner Dialekt. Im Unterschied zu den vorher genannten Autoren hat er Berlin in vielerlei Gestalt und im rapiden Wechsel von einer zur anderen erlebt: als Hitlers »Reichshauptstadt«, Kriegsstadt, Trümmerstadt, Zonenstadt, »in Stücke zerlegte« und schließlich »irgendwie wieder zusammengeheftete Stadt«.11
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All diese Städte haben sich in seine Texte eingeschrieben, wie auch er und sein Werk in mehreren davon ihre Spuren hinterließen. Aufgabe dieses Buches soll es sein, jenem wechselseitigen Prozess des Einschreibens genauer nachzugehen: Berlin wird eruiert als Schlesingers Lebenswelt und Ort historischer Erfahrung, als Ort einer Sprach- und Themenfindung, die ihn zu einem dezidierten Akteur im literarischen und politischen Raum machte, und als literarischer Raum, in dem er und seine Bücher sich auf vielfältigste Weise verewigt haben. Berlin als Lebenswelt und Ort historischer Erfahrung Die Vielfalt der Welten, in denen Klaus Schlesinger in Berlin lebte, hat natürlich etwas mit den wiederholten Regimewechseln und historischen Brüchen zu tun, die die Stadt prägten – aber auch mit der Breite der Milieus, der beruflichen Umwelten und der kulturellen und politischen Konstellationen, in denen er sich bewegte und die sein Werk prägten. Hier seien sie kurz skizziert: Mit dem Geburtsjahr 1937, dem Aufwachsen also vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg, teilte Schlesinger ein Generationenschicksal: Der frühen Hitlerbegeisterung (»ich war ein kleiner Nazi«12) folgte als erster, entscheidender Bruch die Ernüchterung durch die deutsche Kapitulation. Nach dem Kriegsende fehlte in fast jeder fünften Berliner Familie der Vater, die Mütter übernahmen die Rolle des Alleinverdieners und Familienoberhauptes. Das Leben der Kinder spielte sich in ihrem Kiez ab, in rivalisierenden Kindercliquen nach der jeweiligen Straßenzugehörigkeit. Die Straße und die Trümmerfelder waren der Platz für ihre Spiele. Schlesinger beschrieb das selbst so: »Der Wohnungsschlüssel hing uns am Band um den Hals, wir trugen schlechtes Schuhwerk und hatten vor keinem Erwachsenen, auch vor keinem Sieger, Respekt.«13 In einer zeitgenössischen Untersuchung über die Nachkriegssituation von Berliner Familien beschreibt Hilde Thurnwald die Kinder wie folgt: »Sie sind frühreif geworden und hellhörig für alles, was in der Welt der Erwachsenen vor sich geht. […] Sie lehnen sich auf gegen Gewaltanwendung und Zwang, sie haben genug von dem ›blinden Gehorsam‹ der Hitler-Diktatur. Dennoch verlangen sie im Grunde nach Zügelung und Lenkung und anerkennen sie, sobald sie die innere Überlegenheit und einwandfreie Persönlichkeit des Erziehers spüren.«14 Ihre frühreife und ambivalente Haltung gegenüber Autoritäten, so Thurnwald weiter, sei eine Folge der außerordentlichen Selbstständig-
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keit, in die sie schon während des Krieges hineingewachsen waren. Geprägt von den Tagen und Nächten in Luftschutzkellern, in denen sie die oft hemmungslosen Äußerungen der Erwachsenen in Grenzsituationen wahrnahmen, fühlten sie sich in ungewöhnlichem Maße mit den Nöten der Eltern verbunden und kannten ihre eigene Rolle im Kampf um die materielle Existenz. Die Kinder lernten zu improvisieren und mit Normverstößen umzugehen. In den Nachbarschaftsgruppen bestimmten sie selbst, wer dazugehörte und wie das gemeinsame Spiel zu organisieren war. Insofern war die Straßenkindheit in Berlin ein »Ort des Ungebundenseins«, der im Kontrast zu den sich wieder etablierenden »›umhegten Binnenräumen‹ bürgerlichen Familienlebens« stand.15 Die sich in den Nachkriegsjahren vollziehende Spaltung der Stadt eröffnete den Kindern und Jugendlichen eine weitere, komplexe Erfahrungswelt. So gehörte auch für die Ost-Berliner Schüler, wie Schlesinger einer war, der Westteil der Stadt zum täglichen Lebensumfeld: Dort wohnten Verwandte, waren sonst schwer erhältliche Waren zu haben etc. Gleichzeitig zeichneten sich nicht nur ökonomische und politische, sondern auch kulturelle Differenzen zunehmend deutlich ab. Von Schlesingers Schule in der Gleimstraße waren es nur einige Schritte, um durch den Gleimtunnel in den französischen Sektor zu gelangen. Die zunehmende Teilung der Stadt erlebte er als »Spannung zweier höchst unterschiedlicher Lebensauffassungen«, bei welcher der Westteil die Jugendlichen zwar mit amerikanischen Filmen, Jazz und Swing anzog, die offene Grenze aber (noch) keine Entscheidung für eine der beiden Seite erforderte.16 Die Streiks und Demonstrationen vom 17. Juni 1953 erlebte Schlesinger als Lehrling des VEB ISOKOND in Berlin Weißensee. 340 Arbeiter des Kondensatorenwerks legten an diesem Tag ihre Arbeit nieder, ganze 40 blieben im Betrieb.17 »Die Kollegen«, so wurde in einem Bericht der Parteigruppe zur Betriebssituation am 23. Juni festgestellt, »diskutieren sehr offen und sagen, die Regierung muß erst wieder unser Vertrauen gewinnen.«18 Neben der Normenfrage gaben auch konkrete Missstände im Betrieb Anlass zu Protest, beispielsweise die schlechte Belüftung des Kleberaumes und der Dunkelkammer oder die Lohnausfälle bei anfallenden Reparaturen von Maschinen. Schließlich forderten die Arbeiter von ihrer Gewerkschaft die baldige Freilassung der am Streiktag Verhafteten und eine Regelung für die Bezahlung der in Haft verbrachten Tage.19 Schlesingers Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse war freilich eher eine formale als eine gelebte: Als Chemielaborant gehörte er im Betrieb zu den »Weißkitteln«.
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Die Dunckerstraße, rechts das Haus Nr. 4, in dem Klaus Schlesinger während seiner Kindheit und Jugend wohnte.
Neben und nach der Arbeit beteiligte er sich an den so wohl nur in Berlin möglich gewesenen, versteckten Versuchen der ostdeutschen Finanzverwaltung, die mit der Einführung einer eigenen Währung für die West-Sektoren entstandene Devisenknappheit auszugleichen. Aus dem Schieberlager in Hohenschönhausen, Brückenberger Steig, bezog Schlesinger von 1953 an Kaffee und amerikanische Zigaretten, um sie als Kleinstschieber in den Westen zu bringen, hauptsächlich aber, um sie an Kollegen aus seinem Lehrbetrieb zu verkaufen. Bei dem Lager handelte es sich nur um eines von vielen, die den staatlichen Schmuggel betrieben. Sowjetische Firmen wie Rasno-Export oder die Deutsche Einfuhr und Ausfuhr Gesellschaft erwarben ab 1948 zollfrei tonnenweise Zigaretten, Kaffee und Cognac, meist aus den Niederlanden, und verkauften sie umgehend an Großschmuggler, vor allem Displaced Persons, polnische oder staatenlose Juden, die aus den Konzentrationslagern befreit worden waren, weiter. Kleinschieber brachten diese Waren dann nach West-Berlin, um sie dort »steuerfrei« gegen D-Mark zu verkaufen.20 Somit stieß der junge Mann auf den »Widerspruch zwischen dem moralischen Anspruch, mit dem der Besitz von Westgeld, der Spaltermark, bei Strafe verboten wurde, und der Realität auf diesem Hof in Hohenschönhausen«21. Er
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lernte dort aber auch die jiddische Sprache kennen, sei es in Alltagsfloskeln, beim Kartenspielen oder beim Fluchen. Mitten in Berlin und beteiligt an Staatsaktionen, bei denen man sich dennoch weder in Ost noch West erwischen lassen durfte, begegnete er den nun »Staatenlosen«, die vormals von den Deutschen verfolgt worden waren. Aus diesen Erfahrungen, aber auch aus der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Schoah, entwickelte er eine »absolute Resistenz gegenüber nationalen Gefühlen«22. Die Durchlässigkeit der Grenze zwischen den Berliner Sektoren eröffnete noch eine weitere, prägende Erlebniswelt: Im FDJ-Klubhaus Helmut Just in der Gartenstraße am Nordbahnhof traf sich zwischen 1956 und 1958 die Interessengemeinschaft Jazz, die mit Schallplatten-Vorträgen an die Öffentlichkeit trat. Dort fanden sich Interessierte zusammen und konnten, oft moderiert von Werner »Josh« Sellhorn, sonst nur im Westteil der Stadt erhältliche Aufnahmen hören. In Ost-Berliner Jazzclubs, wie dem Alt-Bayern, dem alten Spiegelsaal eines sonst zerstörten Gebäudes nahe des Bahnhofs Friedrichstraße, oder dem Haus Berlin am Strausberger Platz, konnten aber auch Musiker aus beiden Teilen der Stadt zusammenkommen und ohne festes Programm einen Auftritt improvisieren. Gleichzeitig besuchte man den New Jazz Circle im West-Βerliner Amerikahaus sowie diverse Jazzkonzerte, deren Eintrittspreise mit DDR-Währung bezahlt werden konnten.23 Dasselbe traf übrigens auf die West-Berliner Kinos zu, die ein weiterer wichtiger Anlaufpunkt für Schlesinger und seine Freunde waren. Neben der Welt der Fabrik verkehrte er somit in Kreisen, die sich für neue Kunst- und Kommunikationsformen interessierten. Doch die Möglichkeit, sich mehr oder weniger problemlos in allen Teilen der Stadt zu bewegen, fand im August 1961 ihr abruptes Ende. Den Mauerbau erinnerte Schlesinger als Schockerlebnis, »gemischt mit einem pragmatisch orientierten Verständnis. Du wolltest hier leben, im Osten, und so wäre es nicht weitergegangen, ökonomisch.«24 Seit 1958 arbeitete er als Laborant im Institut für Virologie der Charité, die direkt an der Grenze zu West-Berlin lag. In der Erzählung Am Ende der Jugend beschrieb er die aus Erleichterung, Schrecken, Wut und Kampfeseifer gemischte Atmosphäre am 13. August. Der Ich-Erzähler geht an der Bernauer Straße entlang und sieht die mit »Sperrketten bewaffneten Kampftruppen«25 und die Menschen, die kopfschüttelnd und armreckend zu der anderen Seite hinübersehen. Angekommen in der Klinik, seinem Arbeitsplatz, sieht er zu, wie sein Freund einen unbeobachteten Moment nutzt, um den Spreekanal zu überqueren und in den Westteil der Stadt zu
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gelangen. Der Erzähler selbst bleibt zurück, ohne in dieser Entscheidungssituation eine für ihn gültige Lösung zu finden. Darin steckt auch ein Verweis auf seinen zweiten ›Mauerschock‹: Am 17. April 1962 stieg Klaus Schlesingers engster Freund Dieter Dröder in den umgebauten Tank eines amerikanischen Diplomatenautos und verschwand über die Grenze nach West-Berlin. Die Beziehung zwischen einem in seinem gesicherten Alltag erschütterten Mann und seinem verloren gegangenen Gegenüber sollte zu einem immer wieder variierten Erzählgegenstand in Schlesingers Werk werden. Trotz der angespannten politischen Situation nach dem Mauerbau traf sich die Ost-Berliner Jazzszene weiter im Jugendklub in der Fredersdorfer Straße und im Alt Bayern. Hier schloss Schlesinger Freundschaft mit Roland Links, Lektor am Verlag Volk und Welt, mit dem er die Liebe zu den Werken Kurt Tucholskys und Alfred Döblins teilte, und kam mit Mette Lüning und dem Schweizer Journalisten Marcel Brun, alias Jean Villain, zusammen. Schlesinger besuchte Villain, dessen »Mischung aus scharfem, marxistisch geschultem Intellekt und einem leidenschaftlich verfolgten Missionarentum«26 ihn faszinierte, vom Spätherbst 1961 an häufig in seiner Köpenicker Wohnung, »unter dem einen Arm meist einen Packen Manuskripte, unter dem anderen eine Flasche Wein«27. Vom November 1963 bis zum Dezember 1965 nahm er an einem von der Neuen Berliner Illustrierten (NBI) finanzierten Reportage-Kurs teil, dessen Leiter Villain war. Der schickte seine Schüler auf die Straße, um Kleinreportagen und feuilletonartige Studien über Alltagsthemen zu schreiben. Akribische Recherche und die vergessenen Milieus und Orte der Stadt verbindend, geriet der Reporter auch an Themen, die in der Redaktion der NBI auf Widerstand stießen. So wurde etwa seine Reportage über das letzte Ost-Berliner Obdachlosenasyl zurückgewiesen. Der Kurs selbst fiel bald dem – nicht umsonst »Kahlschlag« genannten – 11. Plenum des Zentralkomitees der SED zum Opfer. Schlesinger und anderen Teilnehmern wurde die gerade begonnene journalistische Karriere abgeschnitten. Stattdessen eröffnete ihm der Rostocker Hinstorff-Verlag die Möglichkeit seinen Themen weiter nachzugehen und gleichzeitig ein – wenn auch schmales – Einkommen zu erwerben. Mit einem Stipendium schrieb er seinen ersten Roman Michael und arbeitete nebenbei als Gutachter für den Verlag Volk und Welt. In Michael gestaltete er eigene Kindheitserfahrungen während der Bombennächte und Aufbaujahre als Geschichte über den individuellen Umgang mit Krieg, Vernichtung und Schuld.28 Der Hinstorff-Verlag galt als Sammelbecken für junge Schriftsteller, die die Freiräume nutzen wollten, die ihnen der Sozialismus augenscheinlich
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bot. Nach dem Machtwechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker gab es deutliche Zeichen für eine liberalere Kulturpolitik, nahmen die Schriftsteller doch wahr, wie der neue Erste Sekretär des ZK der SED verkündete, dass es auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine »Tabus« gebe, »wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht«.29 Die Literatur könne nun die kompliziertesten Stoffe aufgreifen, sagte Schlesinger 1975 im Interview mit Frank Hörnigk. Doch um die anstehenden Fragen unter breiter Beteiligung zu erörtern, müsse man »ein Klima [schaffen], um über Literatur zu reden und vorurteilsfrei zu reden und auch kontrovers zu sein«30. Mit der Veranstaltungsreihe Eintopp im Berliner Haus der jungen Talente, die Bettina Wegner und Klaus Schlesinger gemeinsam konzipierten, sollte zumindest im kleinen Rahmen ein solches Klima geschaffen werden. Von Bettina Wegner moderiert, traten hier Musiker und Autoren vor 200 bis 250 meist jungen Menschen auf. Der experimentelle Charakter dieser Veranstaltungen lag in der Kombination von etablierten und Laienkünstlern und im gattungsübergreifenden Ansatz, der sowohl Liedermacher als auch Jazz und Vokalmusik, Lyrik, Satire, Prosa und Schauspielkunst umfasste. Dabei spielte die unzensierte, der Hausleitung vorher nicht zur Genehmigung vorgelegte Auswahl der Texte und Darbietungen eine wichtige Rolle. Die unmittelbare Kommunikation der Künstler mit ihrem Publikum sollte nicht in den Bahnen des Vorgeplanten verlaufen, sondern die Besucher aus ihrer Rolle als Konsumenten herausholen und in die Diskussion der Probleme, mit denen sich die einzelnen Beiträge beschäftigten, einbeziehen. Dabei wurde, so erinnerte sich Schlesinger, »in einer Offenheit diskutiert, die den anwesenden westlichen Presseleuten alle Vorstellungen über den Zwangsstaat DDR, falls sie solche hatten, zertrümmern mußten«31. Ein weiteres Projekt, das Ulrich Plenzdorf, Martin Stade und Klaus Schlesinger gemeinsam planten, war die Anthologie Berliner Geschichten. Sie war als eine gemeinschaftlich herausgegebene Textsammlung gedacht, bei der alle Beteiligten die Texte der anderen Autoren kennen sollten, um bei Zusammenkünften gleichberechtigt nötige Kritiken anbringen und die Zusammenstellung des Manuskripts beeinflussen zu können. Erst wenn alle Autoren mit dem Manuskript einverstanden wären, sollte es einem Verlag als Ganzes angeboten werden. Mit der Zusammenarbeit von bekannten und unbekannten Autoren würde, so die Vorstellung der Initiatoren, dem Konkurrenzdenken und der Vereinzelung unter Schriftstellern entgegengewirkt. Seit 1973 war Schlesinger Mitglied des Schriftstellerverbands der DDR. Die Sitzungen des Berliner Verbands mit ihren Machtverhältnissen und
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stillschweigenden Spielregeln waren gewissermaßen eine Lebenswelt für sich. Demgegenüber bedeutete ein Projekt wie die Anthologie für Schlesinger und seine Mitstreiter den Versuch, neue Arbeitsformen in eigener Regie zu entwickeln.32 Die Stadt Berlin rückte nicht von ungefähr in ihr Interesse: Gerade Anfang der 1970 er Jahre nahm die Neugestaltung des Bezirkes Mitte im Sinne sozialistischer Stadtarchitektur33 konkrete Züge an. Auf dem Areal des schwer beschädigten Alexanderplatzes entstand eine rund drei Hektar große, vollständig mit Beton belegte Platzfläche, umstanden von Hochhäusern in Plattenbauweise mit bis zu 39 Etagen. Einzige Schmuckelemente waren die 1969 in Betrieb genommene Weltzeituhr und der Brunnen der Völkerfreundschaft. Während auf der Fischerinsel fünf Hochhäuser mit je 21 Etagen und ein Doppelhochhaus mit 18 und 21 Geschossen bezogen wurden, begann man auf dem ehemaligen Schlossplatz den Palast der Republik zu bauen, der Sitz der Volkskammer, Veranstaltungs- und Vergnügungsstätte gleichzeitig werden sollte. Auf der Leipziger Straße erhoben sich Wohnhochhäuser, die wie eine »Barriere gegenüber West-Berlin«34 wirkten. Die Stadterneuerung ging mit einer Stadtzerstörung einher. Mit dem Abriss der ältesten Arbeiterviertel im Bezirk Mitte wurden die lokalen Milieus aufgelöst. Schlesinger führte diesen Umgang mit historischer Bausubstanz auf das »schlechte oder verquaste Verhältnis«35 der Arbeiterklasse zur eigenen Geschichte zurück. Dazu komme, dass die Verstaatlichung der privat betriebenen Kneipen »etwas sehr Wichtiges zerstört« habe, nämlich »beliebte Kommunikationsstätten«.36 Und Kommunikationsstätten und -formen waren, wie Projekte wie Eintopp oder Berliner Geschichten es zeigten, von brisanter Bedeutung. Als 1974 die Ständige Vertretung der BRD in der Hannoverschen Straße 30 eröffnet wurde, schuf deren Leiter Günter Gaus einen in eben diesem Sinne wichtigen Begegnungsort, an dem ostdeutsche Schriftsteller mit ihren westdeutschen Kollegen, aber auch Verlegern und Journalisten zusammenkommen konnten. Um »einen regelrechten Austausch über Arbeit, die im Werden ist«37, einzurichten, vereinbarten Günter Grass und Bernd Jentzsch Treffen in den Privatwohnungen ostdeutscher Autoren, bei denen im kleinen Kreis Texte vorgelesen und diskutiert wurden. Klaus Schlesinger war einer der Gastgeber.38 Ihm ging es vor allem um den »Kontakt zu Kollegen«, »zuerst zu unseren Leuten natürlich, die wir ja sonst nur von Versammlungen kannten, aber dann auch zu den Kollegen von drüben, ganz einfach, um sie kennenzulernen. Um zu wissen, was sie machen, wie sie denken. Und auch um ihnen unsere
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Probleme nahezubringen.«39 An diesen Begegnungen beteiligten sich neben den bereits Genannten auch Erich Arendt, Nicolas Born, Thomas Brasch, Hans Christoph Buch, Elke Erb, Sarah Kirsch, Günter Kunert, Christoph Meckel, Hans Joachim Schädlich und Peter Schneider. Ab Mitte der 1970 er Jahre nahmen die Schwierigkeiten mit dem Regime zu. Die Veranstaltungsreihe Eintopp wurde vom Magistrat der Stadt abgesetzt und konnte nur kurzzeitig unter dem Namen Kramladen weitergeführt werden, gegen das Projekt Berliner Geschichten intervenierten die Offiziellen des Schriftstellerverbandes und das Ministerium für Staatssicherheit, sodass die Initiatoren es schließlich fallen ließen. Als Ende der 1970 er Jahre die Auseinandersetzungen zwischen Künstlern und Staat zunehmend erbitterter wurden und zahlreiche Schriftsteller ausreisten oder bald ausreisen wollten, erschien es auch nicht mehr möglich, mit westdeutschen Kollegen entspannt über Literatur zu diskutieren.40 Einigen Schriftstellern jedoch, die die DDR verließen, vermittelten diese Treffen Kontakte und Voraussetzungen, um im Westen sozial und finanziell Fuß zu fassen.41 Auch Schlesinger sollte zu den Ausreisenden gehören, nachdem er im Sommer 1979 zusammen mit acht weiteren Autoren aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen worden war. In zäher Auseinandersetzung mit den Behörden wurden Auslandsvisa für die ganze Familie erstritten, wobei die DDR-Staatsbürgerschaft erhalten blieb. Schlesinger bezeichnete das als »Konfliktverschleierungsvisum«42, da es u. a. an die Auflagen gebunden war, auf Lesungen oder Konzerte in der DDR zu verzichten und auch im Ausland entsprechend der Gesetze der DDR zu handeln. Zudem führte es in eine Unzugehörigkeitssituation: Die Inhaber eines solchen Visums gehörten weder zu der Gruppe der Übergesiedelten, noch zu den »eigentlichen« DDR-Autoren und wurden immer wieder mit Aufforderungen bedrängt, sich doch endlich für eine der beiden Seiten zu entscheiden. Obwohl Schlesinger erwogen hatte, zeitweilig in Frankreich oder Ungarn zu leben, zog er schließlich doch nach West-Berlin. In seinen tagebuchartigen Aufzeichnungen Fliegender Wechsel beschreibt er den Vorgang einer Neuorientierung, die aus der Erfahrung des Statusverlustes, der fremden sozialen Verkehrsformen und der Machtverhältnisse in einer auf Konkurrenzkampf und Privateigentum orientierten Gesellschaft heraus notwendig wurde. Doch wenn er durch die Straßen Kreuzbergs ging, ergriff ihn auch ein Gefühl von Wärme, das er sonst nur aus den alten Arbeitervierteln Ost-Berlins kannte. Gleichzeitig registrierte er die vielen »gardinenlosen, staubblinden Fenster«43 und Abrissarbeiten in der Halbstadt.
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Ein Artikel in der Zeit vom 2. Oktober 1981 beschreibt eine Problematik, die für Schlesinger in West-Berlin eine zentrale Bedeutung erlangen sollte: »In der Stadt suchen achtzigtausend Menschen eine Wohnung, gleichzeitig stehen 9.720 Wohneinheiten in 1.110 Häusern leer. Hinter den Zahlen verbergen sich Entwicklungen, die den aufbegehrenden, meist jungen Menschen zu ihren stärksten Argumenten verhelfen. Jahrzehntelang hat der Berliner Senat dem Niedergang ganzer Stadtviertel beinahe tatenlos zugesehen; die städtische Bürokratie verhinderte oder verzögerte Einzelinitiativen, die in den verfallenden Quartieren die Erneuerung hätten einleiten können; Spekulanten ließen ihre Häuser jahrelang ungestraft verkommen, um zum Schluß noch mit der angestrebten Abbruchgenehmigung belohnt zu werden; Abschreibungshyänen kauften mit dem Geld westdeutscher Großverdiener und mit dem Segen der um Berlin besorgten Gesetzgeber ganze Reihen von Altbauten auf, die, ob bewohnt oder unbewohnt, ihren Eigentümern zu riesigen Steuereinsparungen verhalfen. Systemkritik, die sonst so oft auf schwachen Füßen steht – am Beispiel der Berliner Baupolitik läßt sie sich belegen.«44 Die Initiativen der Hausbesetzer formulierten für diese Problemlage Vorschläge, die Schlesinger schon in der DDR beschäftigt haben mochten, als er die Notwendigkeit erklärte, dass Fragen der Architektur, des Wohnens oder des demokratischen Städtebaus öffentlich verhandelt werden sollten.45 Auf einer Pressekonferenz schlugen die Hausbesetzer der Schöneberger Winterfeldtstraße eine »Zusammenarbeit mit Architekten, Städte- und Landschaftsplanern und Soziologen« vor, um eine alternative Stadt- und Landschaftsplanung zu erarbeiten, die an den Bedürfnissen der Bewohner ansetzen würde. Für einen lebensfähigen Kiez brauchte es bezahlbaren Wohnraum, ein Netz von Tante-Emma-Läden, Eckkneipen und kleinen Handwerksläden. Damit die Kinder in einer überschaubaren Umwelt aufwachsen konnten, sollten dezentrale Kindertagesstätten, Kinderläden und Schulen eingerichtet werden. Die Hausbesetzer fanden sich mithin nicht nur im antikapitalistischen Protest zusammen, sondern auch im Versuch, herrschaftsfreie Bereiche aufzubauen und ein solidarisches, auf Konsens und Gemeinschaftseigentum beruhendes Leben zu führen – mit allen Schwierigkeiten und Rückschlägen, die es bei solchen Projekten nun einmal gibt. Schlesinger, der zunächst an Solidaritätsaktionen gegen die Räumungen teilnahm, zog 1983 schließlich in die besetzten Häuser der Potsdamer Straße 157/159, wo er bis 1992 wohnte. In seiner Erzählung Matulla und Busch beschreibt er den Annäherungsprozess zweier Rentner an die jungen Besetzer eines solchen Hauses. Wie die neuen Beziehungen die Wahrnehmung zu anderen Le-
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benswelten hin öffnen können, wird aus der Perspektive des Walter Busch geschildert: »Mensch, diese Leute da, so was hat die Welt noch nicht gesehen, so Kahlköpfige mit in der Mitte die Haare wie Federn aufgestellt, wie Indianer […], diese Musik, die die jungen Leute heute hören, für ihn ist das ja nichts, hat er gedacht, aber dann hat er sich doch auf den Rasen gelegt und eine Büchse Bier getrunken, und das war auf einmal richtig schön, so der Rhythmus, und wie die gesungen haben.«46 Das eigene Erleben der Demonstrationen, Straßenbesetzungen und -kämpfe beschrieb der Autor im Fliegenden Wechsel: »Fahrt durchs Quartier. Überall kleine Gruppen, laufen kreuz und quer, Steine auf der Straße. Zerschlagene Schaufensterscheiben. An den Yorkbrücken, die Schöneberg von Kreuzberg trennen, brennende Barrikaden. Wir müssen wenden. Zurück nach Schöneberg. Umgestürzte Baugerüste, Bauwagen. Unmöglich einen Überblick zu bekommen.«47 Rückblickend beschrieb Schlesinger sein Leben mit den Hausbesetzern als »DDR-Situation«: »Eine Macht war da, die die Leute bedrohte, und sie waren auf Unterstützung angewiesen. Wer auf Unterstützung angewiesen ist, hat ein anderes Gefühl zum Nächsten.«48 Dem Gefühl, zu Hause zu sein, sei er allerdings im Osten wesentlich nähergekommen. So reagierte er, 1992 wieder auf die alte Ost-Seite in die Jägerstraße gezogen, sehr sensibel auf die symbolischen und baulichen Veränderungen im Stadtbild, deren Ausmaß denen glich, die er schon einmal in den 1960 er Jahren erlebt und beschrieben hatte:49 »Die Administration, die inzwischen vom Rathaus Schöneberg ins Rote Rathaus umgezogen ist, beseitigt die Spuren der Zwischengeschichte des Berliner Ostens mit einer Intensität, die sie in den letzten Jahren nur noch beim Schuldenmachen aufgebracht hat. Ob Straßennamen oder repräsentative Neubauten, beinahe alles stand oder steht in Berlins Osten zur Disposition, als solle spätestens zu Beginn des neuen Jahrtausends nichts mehr daran erinnern, daß hier einst vierzig Jahre lang ein anderes System etabliert war.«50 Mit bitterem Humor beschrieb er in seinem Essay Widerstand zwecklos! Brief nach Island, wie nicht nur die Straßennamen, sondern auch die Straßenbahnlinien, ja der Begriff »Straßenbahn« selbst umbenannt wurde. Ob es sich um die Lücken in den Häuserreihen, die der Krieg geschlagen hatte, um öffentliche Plätze oder die einstmals modernen Cafés der 1970 er Jahre handelte, sie wurden in Baugrund für Bürotürme und Luxuswohnungen verwandelt. Dass bei der Abwicklung der Volkseigenen Betriebe jahrzehntelang gewachsene soziale Strukturen kurzfristigem Gewinnstreben geopfert wurden, mag eine Herausforderung für
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Das Gelände des ehemaligen VEB Isokond, Anfang 2009.
Klaus Schlesingers letztes, Fragment gebliebenes Romanprojekt Die Seele der Männer gewesen sein, in dem er von seinem Lehrbetrieb erzählt. »Nostalgie? Mag ja sein, aber ich hänge auch an den schattigen Seiten meiner Geschichte, und ich würde es weniger tun, wüßte ich nicht, sie holte uns wieder ein, könnten wir uns ihrer nicht ständig versichern.«51 So ganz zu Hause, oder angekommen, fühlte er sich in der neuen, ausgerechnet nach Berlin benannten Republik nie. Zwar waren die DDR und die BRD für ihn »zwei Gesellschaftsgebiete, die mir nicht entsprochen haben«, aber »im Moment passt mir die Jacke eigentlich auch nicht ganz. […] Es ist eine Fremdheit. Ich kann mich nicht mit diesem neuen Deutschland identifizieren. Es ist nicht mein Land.«52 Was er freilich auch darin nicht aufgab, war seine Suche nach sozialer Utopie – auch und verstärkt durch das Medium der Literatur. In einem 1999, also zwei Jahre vor seinem Tod, geführten Interview heißt es beispielsweise: »Ich kann nur noch einmal sagen, daß mir eine solidarische Gesellschaft sympathischer ist als eine auf Konkurrenz beruhende. Ich bin alt und habe kein so langes Leben mehr vor mir, was habe ich noch mit den Utopien zu tun? Meine Utopie wäre: daß ich meine Erfahrungen in Geschichten verwandeln kann.«53
Einleitung
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Berlin als Ort sprachlicher, literarischer und politischer Aneignung Zu zeigen, wie Klaus Schlesinger das gelang, ist eine Zielstellung des vorliegenden Buches. In seinen Geschichten spiegelt Berlin sich in seinen wechselnden Gestalten als Lebenswelt und Ort historischer Erfahrung umso mehr wider, als sein Werk eine starke autobiografische Dimension hat. Seine Erzählungen sind meist um Protagonisten herum aufgebaut, die der Generation und den wechselnden Milieus ihres Autors angehören. Die Stadt oder die Städte Berlin, die in seinem Leben eine so große Rolle spielten, bilden die Szenerie für seine Geschichten und den Handlungsraum der Figuren. Dabei handelt es sich immer auch um Orte, die ein Stück Zeitgeschichte beziehungsweise ganze Schichten historischer Erfahrung in sich tragen. Die literarische Anverwandlung dieser Orte und ihrer historischen Dimension soll im Folgenden kurz skizziert werden. In den Jahren vor der Veröffentlichung seines ersten großen Romans Michael, die wir hier die formativen Jahre nennen möchten, zeigte er eine auffällig hohe Affinität zu versteckten, verdrängten, peripheren – und in dieser Eigenschaft oft freieren – Räumen des gesellschaftlichen Lebens. Das wird besonders deutlich an seiner Begeisterung für den Jazz, seiner Bekanntschaft mit der jüdischen Kultur und der jiddischen Sprache und in seinen Reportagearbeiten erkennbar. Für Werner Sellhorn und seine Mitstreiter hatte der Jazz die Bedeutung eines Aufbruchs aus verkrustetem Denken. Als eine Musikform, die stark auf Improvisation basiert, galt Jazz als Ausdruck des freien Gedankenspiels und einer Lebenshaltung, in der Daseinsfreude, Spontaneität, wechselnde Stimmungen und sexuelle Öffnung eine wichtige Rolle spielten. Nicht zuletzt stand er auch als Musik der Nachkommen schwarzafrikanischer Sklaven für ein Streben nach politischer und kultureller Emanzipation ein. Die Atmosphäre in der Jazz-Szene und die Auseinandersetzung mit dem Jazz als Kunstform waren unweigerlich auch dem sprachlichen Experiment mit Klang und Rhythmus zuträglich und luden zum spielerischen Umgang mit Tradition und Konvention ein. Eine dem Jazz verwandte Musikgattung war titelgebend für einen von Schlesingers ersten Texten: das zusammen mit Dieter Dröder produzierte Filmszenarium Blues, in dem ein Suchender, Unzugehöriger durch die geschäftigen Straßen West-Berlins flaniert und schließlich in einem abgelegeneren Wohnviertel auf eine Blues-Session stößt. Die Musik der Einsamkeit, Enttäuschung und Sehnsucht, deren Freunde, so Theo Lehmann, »die Gestrandeten, Ausgestoßenen, Hoff-
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Daniel Argelès, Astrid Köhler und Jan Kostka