Widerstand im Widerstreit Herausgegeben im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums des Innern, Dresden von Jens Baumann Ernst Gierlich Frank-Lothar Kroll Ulrich Schlie Band 11
Jasmin Trinks
»Für den Totalen Frieden – gegen die Naziherrschaft« Der Kampf kommunistischer Widerstandskämpfer in Leipzig zwischen Zukunftsvisionen und Niedergang
BeBra Wissenschaft Verlag
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EINLEITUNG
Inhalt
Geleitwort........................................................................................................................................... 7 Einleitung...........................................................................................................................................11 Kommunistischer Widerstand in der Diskussion..................................................................13 Quellenlage und methodisches Vorgehen.............................................................................17 Leipzig – Heimstätte einer starken Arbeiterschaft............................................................ 21 Leipzigs wirtschaftliche Bedeutung ab 1933........................................................................22 Die KPD als Ursprung der kommunistischen Widerstandsbewegung............................. 24 Frauen im kommunistischen Widerstand.............................................................................. 26 Kommunistischer Widerstand in Leipzig................................................................................31 Die »unverbesserlichen« Feinde der nationalsozialistischen Weltanschauung – die Schumann-Engert-Gruppe..................................................................................................35 »Nieder mit dem Mordfaschismus, es lebe die KPD« – Die Hoffmann-Zipperer-Gruppe...............................................................................................75 Staatsfeinde oder Verräter? – die Hardtmann-Gruppe.....................................................100 »Vorwärts Klassengenossen! Kämpft mit der KPD gegen Hunger und Naziterror!« – die »Gruppe der Akademiker«..............................................121 Sinnbild der deutsch-russischen Freundschaft: Das Internationale Antifaschistische Komitee (IAK).............................................................................................141 Das trojanische Pferd – die KdF-Gruppe..............................................................................163 Der Widerstandskreis »Ellrodt-Plachke-Gelbke«................................................................180 Zusammenarbeit mit anderen politischen Strömungen und Institutionen..........................................................................................................................187 Kommunisten in der Wehrmacht...........................................................................................187 Das Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD).............................................................191 Verbindungen in das Konzentrationslager Buchenwald...................................................195 Der kommunistische Widerstand und die Attentäter des 20. Juli 1944......................196 Kontakte zu katholischen Kreisen..........................................................................................197
Betätigungsfelder der kommunistischen Widerstandsgruppen..................................199 Illegale Betriebsarbeit...............................................................................................................199 Flugblätter....................................................................................................................................216 Die Bedeutung des Rundfunkmediums für die illegale Arbeit.......................................226 Kommunistischer Widerstand als »Rettungswiderstand«?..............................................227 »Verrat«, Verhaftung und Verurteilung................................................................................231 »Verrat«........................................................................................................................................231 Verhaftungswelle und Verhöre...............................................................................................240 Prozesse, Urteile, Hinrichtungen: der Untergang des kommunistischen Widerstands in Leipzig............................................................................244 Nachleben des kommunistischen Widerstands.................................................................249 Karriere oder Verfolgung? Der Neubeginn in der DDR....................................................249 Der kommunistische Widerstand in der DDR-Erinnerungskultur...................................252 Schlussbetrachtung......................................................................................................................261 Anhang.............................................................................................................................................267 Quellen- und Literaturverzeichnis..........................................................................................267 Abkürzungsverzeichnis.............................................................................................................280 Die Autorin..................................................................................................................................282 Danksagung................................................................................................................................283
Geleitwort
Nachdem der – relative – Massenwiderstand gegen das NS-Regime aus den Reihen der organisierten Arbeiterbewegung, vorrangig der kommunistischen, um die Mitte der 1930er Jahre weitgehend zerschlagen worden war, nahm der personell begrenztere, allerdings inzwischen sozial und politisch breiter gefächerte, zugleich strikter orga nisierte Widerstand im Verlauf des Zweiten Weltkriegs wieder an Quantität und Qualität zu, kulminierend in den anderthalb Jahren zwischen der Vernichtung der Stalingrad-Armee und der westalliierten Invasion in der Normandie bzw. dem Staatstreichversuch vom 20. Juli 1944. Namentlich die kommunistischen bzw. von Kommunisten geführten Gruppenbildungen nahmen einen Aufschwung, als aus früherer Haft entlassene Ex-Funktionäre erneut tätig wurden. Eines der Zentren – neben Berlin und Hamburg – war Leipzig, Wiege der sozialistischen Arbeiterbewegung Deutschlands und eine ihrer Hochburgen im Hinblick auf Mitgliederstärke, Dichte der verschiedenen Verbands- und Vereinstypen sowie Wählerstärke. Bei der letzten nicht nur dem Wahlakt nach freien Reichstagswahl vom 6. November 1932 erzielte die KPD in Leipzig 20,7 %, die SPD 32,2 %, dabei lag namentlich der Anteil der SPD deutlich über dem Reichsdurchschnitt. Diese stand in Sachsen generell und besonders in Leipzig auf dem dezidiert linken Flügel der deutschen Sozialdemokratie. Im Herbst 1923 hatte die sächsische SPD ein Regierungsbündnis mit der KPD geschlossen, das durch Reichsexekution kurzfristig beendet wurde. Die Voraussetzungen für ein Zusammenwirken von Sozialisten beider Grundrichtungen in der Opposition gegen das NS-Regime waren somit in Sachsen relativ gut und verbesserten sich weiter mit der schrittweisen Abkehr der Exil-KPD von der seit 1928/29 verfolgten ultraradikalen Linie des »Hauptstoßes gegen den Sozialfaschismus«, während unter den in der Illegalität weiter aktiven Sozialdemokraten die »reformistische« SPD-Politik der Jahre seit 1918 vielfach als verfehlt galt. Als Ferment von Neugruppierungen kam schließlich den unabhängigen oder am Rande der Sozialdemokratie wirkenden linkssozialistischen Organisationen wie der SAP eine gewisse Bedeutung zu.
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Hatten bis Kriegsbeginn noch – abnehmend intensive – Verbindungen zu den jeweiligen Vorständen im Exil bestanden, so dass die Neubestimmung der »Linie«, bei der KPD namentlich die Volksfrontpolitik, also das Bündnisangebot auch an Kräfte außerhalb der Arbeiterschaft, im Inland bekannt wurde, jedenfalls umrisshaft, so mussten sich die Kommunisten seit 1939/40 weitgehend auf die im Ausland stationierten illegalen Sender stützen, auch wenn einzelne Papiere der Auslandsorganisation weiter zirkulierten. Die eigentliche Forschungsleistung der Verfasserin des vorliegenden Buches besteht in der Rekonstruktion der Gruppenzusammenschlüsse und der Lebensläufe von 43 Teilnehmerinnen und Teilnehmern (zuzüglich bruchstückhafter Angaben zu fünf ausländischen Arbeitern) am kommunistischen bzw. kommunistisch geführten Widerstand in den Jahren des Zweiten Weltkriegs in Leipzig. Insgesamt sei von mehreren hundert Personen auszugehen. Zugrunde liegen sowohl die Untersuchungs- und Gerichtsakten von 1944 als auch spätere Niederschriften und Aussagen von überlebenden Beteiligten in der Zeit der DDR, wo die ideologisch »korrekte« Darstellung und Einordnung von großer legitimatorischer Bedeutung war. In allen Fällen und bei beider Art Materialien kommt eine professionelle Quellenkritik in Betracht, eine Auf gabe, die die Verfasserin gut bewältigt, dabei manche der Heroisierung dienende Urteile der DDR-Historiker revidierend. Die eingehenden biographischen Forschungen liefern die Grundlage für die Erörterung von Möglichkeiten und Grenzen der Zusammenarbeit mit Nichtkommunisten bzw. -sozialisten wie auch auf anderen Ebenen des Widerstands, dann der Betätigungsfelder der Widerstandsgruppen, namentlich der illegalen Betriebsarbeit, unterteilt nach wichtigen Unternehmen, schließlich der Verhaftung und Aburteilung der führenden bzw. ermittelten Beteiligten (einschließlich des umsichtig behandelten Phänomens von »Verrat« und Spitzeldienst für die Gestapo). Faktisch, das wird klar herausgearbeitet, gab es in der ersten Hälfte der 1940er Jahre nicht eine einzige kommunistische Organisation im Großraum Leipzig, sondern es existierten, durchaus mit Querverbindungen, sechs bis sieben größere Gruppen: neben den wohl bekanntesten Zirkeln um Georg Schumann und Otto Engert existierte eine Gruppierung um Arthur Hoffmann und Wilhelm Zipperer, ein (ungewöhn licher) Kreis um den Unternehmer Rudolf Hardtmann, ferner ein Zusammenschluss von Menschen bildungsbürgerlicher Herkunft sowie intellektuellen Charakters, zudem ein »Internationales Antifaschistisches Komitee« aus vorwiegend sowjetischen Kriegsgefangenen und deutschen Unterstützern sowie eine Gruppe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen einschließlich etlicher Frauen, die die nationalsozialistische Freizeitorganisation Kraft durch Freude (KdF) als Tarnung für ihre Zusammenkünfte nutzte. Das geschah, verblüffend reibungslos, in einer Art und Weise, die den Inten tionen der seit 1935/36 von der KPD propagierten »Taktik des Trojanischen Pferdes«
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entsprach. Man scheint diesen Weg aber eher empirisch-tastend als einer Parteilinie folgend eingeschlagen zu sein. Während die Kontakte zu den im Konzentrationslager Buchenwald inhaftierten Kommunisten neben praktischen Hilfsleistungen gewissermaßen innerparteilich, im Sinne programmatischer Klärung, relevant waren und die Annäherung an vereinzelt mit der KPD sympathisierende Wehrmachtssoldaten sich aus der Kriegssituation ergab, bleibt ein siebentes, weniger strukturiertes und von den Verfolgungsbehörden konstruiertes, aber nicht aufgedecktes Netzwerk gegenüber den anderen Gruppen notgedrungen stärker im Diffusen. Die Verfasserin hat hier mit ihrer Forschung einen neuen, wesentlich erweiterten zuverlässigen Forschungsstand etabliert. Die wiederholt angesprochenen Differenzen unter den Leipziger Kommunisten, namentlich im Frühjahr 1944 über die von Engert und Schumann entworfene »Plattform«, beinhalteten das Festhalten an Positionen der KPD und der Komintern aus den 1920er Jahren; die Exil-Führung der Partei hatte sich inzwischen davon entfernt – wie in anderer Weise und eher instinktiv Teile der verbliebenen kommunistischen Anhängerschaft im Inland. Es wird dadurch komplizierter, dass kommunistische Veteranen wie Engert und Schumann nicht nur »prinzipienfester«, sondern auch unabhängiger dachten als die im Ausland befindlichen Genossen. Nicht nur bei Engert, auch bei einer Reihe weiterer Illegaler hat die Verfasserin eine Verbindung zur (aus der Perspektive von 1929) »rechtskommunistischen« KPD-Opposition (KPDO) festgestellt. Die DDR-Historiografie hatte ein beträchtliches Problem damit, die Aktivität und den Einfluss abweichlerischer und insofern »parteifeindlicher« Gruppierungen in die heroisierende Würdigung des kommunistischen Widerstands einzupassen. Schließlich: Die Autorin schildert eindringlich die mutigen Taten und die, soweit rekonstruierbar, lauteren Charaktere der Leipziger kommunistischen Widerständler. Neben zweifellos vorhandener ideologischer Befangenheit wird durchweg ein hohes Maß an Altruismus und Mitmenschlichkeit bzw. »Nächstenliebe« erkennbar. Dass demgegenüber bei diesen Kommunisten eine halbwegs realistische Vorstellung von dem vermeintlichen Vorbild, der Stalinschen Sowjetunion, bestand, darf bezweifelt werden. Gemessen an heutigen Demokratievorstellungen »passt« der größte Teil des konservativen wie linken Widerstands nicht; das gilt auch für Teile des sozialdemokratischen Spektrums. Das ist ein entschiedenes Plädoyer für einen empirischen statt eines normativen Widerstandsbegriffs, hauptsächlich im Hinblick auf die forschungspraktische Brauchbarkeit. Prof. Dr. Peter Brandt, Berlin
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Widerstandsmodell nach Peukert3
Diesem Erinnerungswillen und der Notwendigkeit der gewissenhaften Aufarbeitung wichtiger Widerstandsgruppen und -persönlichkeiten soll mit dieser Arbeit zum kommunistischen Widerstand Rechnung getragen werden. Es werden die oben benannten Handlungsfelder und die politischen Spielräume am Beispiel des Leipziger Netzwerks aufgezeigt, aber auch dessen Grenzen benannt. Darüber hinaus werden Motive gezeigt, die die Widerstandskämpfer und -kämpferinnen zum Handeln veranlassten. Einen weiteren Mosaikstein zu einer möglichst umfangreichen und allumfassenden Darstellung kommunistischer Widerstandsgruppen in Leipzig bilden die individuellen Biografien, Erfahrungen und Lebenswelten der einzelnen Protagonisten und Protagonistinnen. Bisherige Darstellungen zeigten stets die großen Akteure, Georg Schumann, Otto Engert und Kurt Kresse. Aber reichen diese drei Persönlichkeiten aus, um den kommunistischen Widerstand in Leipzig zu charakterisieren? Sind sie allein Sinnbild für mehrere hunderte Widerstandskämpfer und Widerstandskämpferinnen oder lohnt der Blick darüber hinaus, um das Potenzial und die Widerstandskraft besser einschätzen zu können? Wieso spielte Leipzig neben Berlin überhaupt eine entscheidende Rolle in der Betrachtung des kommunistischen Widerstandes im Deutschen Reich? Die Gründe hierfür sind vielfältig, exemplarisch sollen zwei der wichtigsten genannt werden. Zum einen zählte Leipzig 1933 mit seinen 707.365 Einwohnern zu einem der wichtigsten Handelszentren in Mitteldeutschland und war Drehscheibe des Eisenbahnverkehrs. Gleichzeitig gilt die Stadt als Wiege der Sozialdemokratie, da Fer-
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dinand Lasalle 1863 hier den Grundstein für die Gründung der SPD legte. Die aktive Arbeiterschaft war das große Kapital und der Motor der Selbstbestimmtheit und Emanzipation dieser Schicht in Leipzig. In kaum einer anderen deutschen Stadt gab es eine ähnlich gut organisierte Arbeiterschaft, sei es in Arbeiter-Gewerkschaften, Arbeiter-Sportvereinen oder durch das gemeinsame Wohnen in bestimmten Wohnvierteln. Diese Arbeit soll die Vielschichtigkeit der kommunistischen Widerstandsbewegung zeigen, ohne dabei eine Form aufzuwerten oder herabzuwürdigen, sondern vielmehr verdeutlichen, dass es möglich war, die eigene Gruppenidentität zu bewahren und dennoch mit den anderen Gruppen zu kooperieren. Jede im Nachgang betrachtete Gruppe verfügte über ein eigenes Profil mit eigener Schwerpunkt- und Zielsetzung. Die bisher in Wissenschaft und Literatur oft anzutreffende Zusammenfassung zu einer großen, von Georg Schumann geleiteten Gruppe wird dem nicht gerecht. Auch die in der DDR-Historiografie oft heraufbeschworene Anleitung der Gruppe durch die Sowjetunion prägt das bisherige Bild der Geschichtsschreibung einseitig. Diese Darstellung soll in dieser Dissertationsschrift relativiert und konkretisiert werden.
Kommunistischer Widerstand in der Diskussion Der Widerstandsbegriff besitzt in Hinblick auf Rechtfertigung und Weiterentwicklung eine lange Tradition. Hierbei sind auch die Formen des Widerstandes weit gefächert. Nicht jeder Widerstand bedarf einer organisierten Gruppe oder gewaltsamer Mittel. Widerstand kann auch Aufklärung bedeuten und zum Ziel haben, Missstände zu beenden, ohne die Herrschenden von ihrem Herrschaftsanspruch zu verdrängen. Es kann keine qualitative Bewertung des Widerstandes vorgenommen werden, da es keine greifbaren Maßstäbe gibt. Demzufolge muss jede Form des politischen Widerstandes separat betrachtet werden. Robert Kain weist in seinem Aufsatz »Rettungswiderstand – Phänomen und Problem« auf die Problematik der Widerstandsbegrifflichkeit in der Geschichtsschreibung hin. Der Begriff »Widerstand« wird für das nichtsystemkonforme Verhalten verwendet und ist somit äußerst weit und unkonkret gefasst. Ab wann ist Verhalten nicht mehr systemkonform und wann nur ein Ausdruck von Freundlichkeit oder Menschlichkeit? Dieser Übergang dürfte fließend gewesen sein und somit schwer greifbar.2 Einen Anhaltspunkt hierzu gibt das Stufenmodell von Detlev Peukert (Abb. S.8).3 2 3
Kain Robert, Rettungswiderstand – Phänomen und Problem, in: Frank-Lothar Kroll, Rüdiger von Voss (Hrsg.), Für Freiheit, Recht, Zivilcourage. Der 20.Juli 1944, Berlin-Brandenburg 2020, S. 99–119. https://www.ns-dokuzentrum-rlp.de/fileadmin/gedenkarbeit/PDFs/M1.pdf, letzter Zugriff: 05.01.2024, 17:43.
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Peukert setzt sich graphisch mit der problematischen Einordnung des Widerstandes auseinander. Hierbei zeigt die y-Achse des Koordinatensystems das Ausmaß der Kritik und die x-Achse die möglichen Handlungsräume. Die niedrigste der vier gleich großen Stufen steht für nonkonformes Verhalten. Dies findet im privaten Umfeld und nur partiell statt. Eine Steigerung bildet die »Verweigerung«. Hier wird die Kritik schon an einigen Punkten geübt und mündet in eine Nichtbefolgung von Befehlen bzw. Anweisungen, dies ist teilweise öffentlich teils privat. In der dritten Stufe kommt es zum Protest. Dieser bedeutet einen aktiven öffentlichen Einspruch gegen das politische System als solches. Maßnahmen des Protests können beispielsweise Flugblätter, offene Briefe oder Sitzstreiks sein. Die höchste Stufe ist der Widerstand als solcher. Hierbei bekämpft man aktiv ein Regime oder ein System in seiner Gesamtheit. Oftmals wird dies durch ethische Gesichtspunkte gerechtfertigt und zielt auf die Beseitigung eines Unrechtsstaates ab. Widerstand gegen den Nationalsozialismus setzt das aktive Handeln gegen dessen Ideologie voraus. Dabei ging das Individuum für sich, wenn nicht gar für sein ganzes Umfeld, ein erhebliches Risiko ein. Somit war es das »abweichende Verhalten einer Minderheit gegenüber der Mehrheitsgesellschaft«.4 Der Entschluss, Widerstand zu leisten, war meist eine Reaktion auf die von den Nationalsozialsten geschaffene Lebenswirklichkeit. Selbstverständlich gab es politische Gegner wie die KPD-Funktionäre, die das System von Beginn an als solches ablehnten, aber für die Mehrheit der Deutschen war es ein Ereignis oder die Summierung vieler negativer Erlebnisse, die zunächst Euphorie, Akzeptanz oder Skepsis in Ablehnung verwandelte. Beispielhaft kann hier die »Weiße Rose« genannt werden. Ein weiterer Entscheidungsschritt war die Zusammenarbeit mit anderen Individuen in einer Gruppe oder gar einem Netzwerk. Nur in sehr seltenen Fällen war ein Widerstandskämpfer auch Einzelkämpfer, denn der Großteil von illegalen Aktivitäten bedurfte der Hilfe oder zumindest der Akzeptanz Dritter, und sei es die der eigenen Familie. Außerhalb dieser war ein Zusammenschluss stets eine Gefahr und die Zusammenarbeit in der Regel ein Zeichen des Vertrauens. Bei der Bewertung des politischen Widerstandes als Opposition zum Dritten Reich muss eine klare Unterteilung in West- und Ostdeutschland erfolgen, da aufgrund der unterschiedlichen politischen Systeme die Geschichtsschreibung eine unterschiedliche Schwerpunktsetzung vornahm. Direkt nach Kriegsende war die Haltung besonders in der Bundesrepublik gegenüber jeglicher Widerstandshandlung eher negativ konnotiert. Grund hierfür war, dass die Mehrheit den Widerstand als ungerechtfertigt und somit als Verrat empfand, war sie doch jahrelang durch das nationalsozialistische 4
Tuchel Johannes, Albert Julia, Widerstand gegen den Nationalsozialismus – eine Einführung, in: Informationen zur politischen Bildung, Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Bonn 2016, S. 4–10.
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System dahingehend geprägt und erzogen worden. Somit fehlten auch das wertschätzende Erinnern und Ehren von Menschen, die im Namen des Widerstandes ihr Leben ließen. Eine weitere Rolle könnte die kurze Entnazifizierungsphase in der westlichen Besatzungszone sein, die ideologisch wie ökonomisch begründbar ist. Erst im Oktober 1951 gab die Bundesregierung eine »Ehrenerklärung« ab, und ein langsames Umdenken begann. Aber die Initiative ging hierbei meist von Überlebenden oder Angehörigen der Hingerichteten aus. Bei einer Umfrage im selben Jahr bewerteten nur 43 % der Männer und 38 % der Frauen die Hitlerattentäter positiv und eine Mehrheit lehnte die Benennung einer Schule nach Graf von Stauffenberg oder Carl Goerdeler entschieden ab. Es sollte circa 50 Jahre dauern, bis erstmals die Mehrheit der Bevölkerung eine positive Einstellung zu den Männern des 20. Julis entwickelt hatte. Hierfür steht, dass erst in den 1980er-Jahren der 20. Juli als Sinnbild des Widerstandes zum offiziellen Gedenktag deklariert wurde. Einen weiteren Anstoß zur Aufwertung des Widerstandes in der Bundesrepublik gab ausgerechnet der Volksaufstand vom 17. Juni 1953. Denn nun wurde dieses Ereignis mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 in Beziehung gesetzt. In beiden Fällen sei es der Kampf des Volkes gegen Unterdrücker.5 In der Bundesrepublik herrschte der Grundsatz vor: »Als politischer Widerstand galt aktives, politisch motiviertes Handeln aus grundsätzlicher Opposition gegen das NS-Regime, um einen Staatsumsturz herbeizuführen.«6 Zunächst fixierte sich die Geschichtsschreibung auf den militärischen, beziehungsweise bürgerlichen Widerstand und seinen Kampf gegen Hitler und dessen Regime. Sinnbild des Widerstandes war das Stauffenberg-Attentat am 20. Juli 1944. Erst mit der Zeit kam es zu einem Wandel und andere Facetten fanden in der Widerstandsforschung Berücksichtigung. In den 1970er-Jahren erfolgte eine Erweiterung des Widerstandsgedankens und sozialdemokratischer Widerstand sowie Widerstand im Exil wurden thematisiert. Im darauffolgenden Jahrzehnt kamen noch Formen des privaten beziehungsweise unorganisierten Widerstandes hinzu.7 Diese Aufweichung des Begriffes war und ist nicht unumstritten. Allerdings spielte der kommunistische Widerstand in der Geschichtsschreibung der Bundesrepublik auch unter der Weiterfassung des Begriffes keine wesentliche Rolle. Dies lässt sich auf die konkurrierenden Rollen der beiden deutschen Staaten zurückführen. Die DDR-Geschichtsschreibung entschied sich für den konträren Weg. Hier kam es zu einer Heroisierung und Verklärung des kommunistischen Widerstandes unter nahezu Nichtbeachtung anderer Widerstandsformen und anderer Strömungen mit Aus5 6 7
Tuchel Johannes, Albert Julia, Die Wahrnehmung des Widerstandes nach 1945, in: Informationen zur politischen Bildung, Widerstand gegen den Nationalsozialismus, s.l. 2016, S. 76–83. Schneider Michael, Politischer Widerstand? Dissens im Alltag des Dritten Reichs, Zur Finissage der Ausstellung »Die Last der ungesagten Worte. Die Tagebücher Friedrich Kellners 1938/39 bis 1945«, Friedrich-Ebert-Stiftung Archiv der sozialen Demokratie, Bonn 2010, S. 5. Hüttenberger Peter, Vorüberlegungen zum »Widerstandsbegriff«, in: Kocka Jürgen (Hrsg.), Theorien in der Praxis des Historikers, Göttingen 1977, S. 126.
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nahme des Stauffenberg-Attentats. Nach der Wiedervereinigung zeigte sich eine gewisse Verhaltenheit gegenüber der Einordnung des kommunistischen Widerstandes als Form des politischen Widerstandes. Ursächlich hierfür war die Zielsetzung des kommunistischen Widerstandes sowie die Gewaltbereitschaft des Bolschewismus zur Durchsetzung seiner Ideologie. Denn die kommunistischen Widerstandskämpfer planten keineswegs eine demokratische Staatsordnung zu etablieren, sondern vielmehr ein totalitäres System nach dem Vorbild der Sowjetunion. Trotz der großen humanitären Verluste war und ist die Rolle des kommunistischen Widerstandes als eine allgemein anerkannte Widerstandsbewegung umstritten. Argumentativ aufgeführt werden, dass allein die Qualität und Quantität der Verfolgung kein Gradmesser für den Widerstand sein kann. Ein anderer Begründungsstrang nähert sich der Thematik auf staatspolitischer Ebene: Da die KPD sowie deren Anhänger selbst die Demokratie als Staatsform ablehnten, kann auch die damit verbundene Widerstandsbewegung nicht als legitim bewertet werden. Diese Kritik impliziert die Idee der Wesensverwandtschaft von Kommunismus und Nationalsozialismus, und in der Tat ist diese nicht von der Hand zu weisen. Trotz der Feindschaft lassen sich Parallelen hinsichtlich Haltung und Zielen erkennen. So wurde in beiden Systemen die individuelle Freiheit zugunsten der Gemeinschaft nur gering geachtet. Darüber hinaus gab es ein klares Schwarz-Weiß-Denken und damit verbunden die Aufteilung der Gesellschaft und der Welt in Freund und Feind. Das Idealbild der Gesellschaft fußte auf einem deterministischen Geschichtsbild und ideologischen Dogmatismus, was nur durch eine allumfassende Kontrolle erreicht werden könnte.8 Außerdem verwendeten beide eine ähnliche Rhetorik, die meist von einer klaren und einfach gehaltenen Sprache geprägt war und mit einer gewissen Schärfe vorgetragen wurde. Dem gegenüber steht die mitunter schemenhafte Ideologie, die anpassbar gehalten wurde. So berichteten Propagandaschriften beispielsweise vom »nationalen Sozialismus«, um einen direkten Wechsel der Kommunisten zum Nationalsozialismus zu erleichtern. Dieser Wechsel gestaltete sich in vielen Fällen einfacher, als der Schritt zu Zeiten der Weimarer Republik von einem kommunistischen zu einem demokratischen Weltbild. Wie oben bereits erwähnt, kannten Überläufer die Grundregeln eines totalitären Systems und die Anpassung war bequemer als an ein demokratisches Wertebild. Trotz alledem entstanden die meisten Übertritte aus einer Zwangslage und nicht als Ausdruck der freien Meinungsäußerung.9
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Pfahl-Traugher Armin (Hrsg.), Gemeinsamkeiten im Denken der Feinde einer offenen Gesellschaft, Strukturmerkmale extremistischer Doktrin, in: Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung 2009/2010, Brühl 2010, S. 9–32. Grasshoff Udo, Gefahr von innen, Verrat im kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Göttingen 2021, S. 78–98.
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Ein weiterer Kritikpunkt umfasst die Einstellung der Kommunisten, insbesondere aber der DDR-Historiografie, dass ausschließlich die Kommunisten von Beginn an und ununterbrochen gegen das nationalsozialistische Regime ankämpften.10 Hierbei waren sie bereit, Risiken und Opfer in Kauf zu nehmen. In diesem Zusammenhang stellt sich allerdings die Frage, ob die KPD und die Widerstandsbewegung von Anfang an bereit waren, im Sinne der Einheitsfront und der Beseitigung der Hitlerdiktatur ideologische Vorbehalte außen vor zu lassen und sich beispielsweise mit den Sozialdemokraten zu verbünden.11 Bei aller Kritik werden jedoch der Opferbereitschaft und dem Kampfeswillen der Widerstandskämpfer und Widerstandskämpferinnen zu wenig Beachtung geschenkt. Mit ihrer Widerstandsarbeit leisteten sie nach bestem Wissen und Gewissen ihren Beitrag zur Bekämpfung des nationalsozialistischen Regimes.12
Quellenlage und methodisches Vorgehen Einen Großteil der untersuchten Quellen bilden Erinnerungsberichte, aber auch Gestapo-Unterlagen, Anklageschriften und Urteile. Eine daraus resultierende Problematik bei der systematischen Auswertung und Bewertung der Quellen ist die Zuordnungsmöglichkeit der Berichte entweder als »Täterquellen« oder »Opferquellen« und in der späteren DDR als »Exkulpations- und Rechtfertigungsquellen«. Aus den verschiedenen Quellentypen ergeben sich individuelle Charakteristika. Im Interesse der Gestapo lag es, die Inhaftierten möglichst schuldig aussehen zu lassen und ihnen möglichst viele Delikte nachzuweisen, um sie einer hohen Strafe zuführen zu können. Hierbei waren ihnen nahezu alle Mittel recht. Ab 1. Juli 1937 gestattete man »verschärfte Vernehmungen« und am 12. Juni 1942 wurde dieses Recht offiziell der Kriegssituation angepasst, was faktisch hieß, dass die Rechte der Verhörten noch weiter eingeschränkt wurden. Psychische und physische Gewalt konnten nun willkürlich gegen Kommunisten eingesetzt werden. Auf diese Weise sollten möglichst viele Kommunisten ermittelt und anschließend verurteilt und bestraft werden. Vor diesem Hintergrund müssen diese Akten behandelt werden. Im klaren Kontrast dazu stehen hierbei die Verhörprotokolle der Vernommenen, die sich mit einer ähnlichen Sachlage beschäftigen. Die Verhörten hatten aber in der Regel das Ziel, sich möglichst unschuldig bei den Verhören darzustellen und möglichst wenige Identitäten preiszugeben. Aus10 Krause Ilse, Die Schumann-Engert-Kresse-Gruppe, Dokumente und Materialien des illegalen antifaschistischen Kampfes (Leipzig 1943 bis 1945), (Ost-)Berlin 1960, S. 30–45. 11 Weber 2001. 12 Hölzer Volker, Gedanken zur Forschung zum antifaschistischen Widerstand Leipziger Jugendlicher 1933–1945, in: Kultursoziologie/Gesellschaft für Kultursoziologie e.V., Leipzig 2017, S. 88– 98.
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nahmen hierzu bestehen. Viele Verhörte verfolgten die Taktik, nur beweisbare Sachverhalte zuzugeben und bereits überführte Personen anzugeben. Um dem entgegenzuwirken, wurde massive Folter eingesetzt. Allerdings muss beachtet werden, dass »Opferquellen« trotzdem lückenhaft sind. Eine andere Problematik ergibt sich bei den hier als »Exkulpations- und Rechtfertigungsquellen« benannten Nachkriegsschilderungen und -berichten in der DDR. Ihr Ziel war es, die eigenen antifaschistischen Anstrengungen der Überlebenden als möglichst umfangreich darzustellen. Dies war nötig, um sich klar als Kommunist zu positionieren und sich den beruflichen Einstieg in gewissen Ebenen zu ermöglichen. Eine weitere Einschränkung betrifft die fragmentarische Quellenlage. Es kann nur über Personen berichtet werden, die entweder durch Selbstzeugnis oder in den Berichten und Aussagen Dritter Erwähnung finden. Somit kann weder bei der Benennung noch bei der Vernetzung der Einzelpersonen ein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden. Zweifelsohne lassen sich die Führungspersönlichkeiten und deren Werdegang bis zu einem gewissen Grad rekonstruieren, aber Verbindungen, von denen nur die Hingerichteten wussten, und Querverbindungen untereinander, die aus konspirativen Gründen geheim gehalten wurden, lassen sich schwer rekonstruieren. Dies trifft insbesondere auf die Rolle der Frauen in den einzelnen Gruppen zu, die bis auf einige Ausnahmen wenig selbst berichteten und über die wenig berichtet wurde, so dass eine Aufzählung der aktiven Widerstandskämpferinnen lückenhaft bleiben muss. Die angegebenen Beispiele zeigen jedoch deutlich, dass Frauen im kommunistischen Widerstand sich nicht nur als Hüterinnen des Heimes verstanden, sondern besonders mit zunehmender Inhaftierung beziehungsweise Einberufung von Ehemännern, Brüdern und Gleichgesinnten aktive und lebensbedrohliche Widerstandsarbeit leisteten. Die sich darstellende Forschungslage setzt sich aus Sekundärliteratur sowie Archivquellen zusammen. Nach Betrachtung der Übersichtswerke wurde die Literatur tiefer gehend und dezentrierter ausgewählt. Speziell für die Leipziger Widerstandskämpfer wurden die bereits bestehenden Werke von Ilse Krause13 und Carsten Voigt14 eingehend betrachtet. Die Darstellung Krauses kann nur bedingt genutzt werden, da sie aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte stark ideologisch geprägt ist und somit vermutlich ein Zerrbild der Geschehnisse wiedergibt. Andererseits gibt der Aufsatz von Voigt einen kurzen Überblick über die verschiedenen Gruppen sowie deren Ziele und Mitglieder. Bestehende Sekundärliteratur ist oft je nach Entstehungsort bzw. -geschichte ideologisch geprägt und kann nur bedingt genutzt werden. Wichtig zur Erarbeitung der Dissertation war neben dem Werk von Carsten Voigt das Werk von Horst Gob13 Krause 1960, S. 30–45. 14 Voigt Carsten, Widerstand in Leipzig 1943/44, in: IWK, 38 (2002), Heft 2, Berlin 2002, S. 141– 181.
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recht15, in dem die kommunistische Jugendbewegung in Form der KDF-Gruppe eingehender betrachtet wird. In Kurt Ballers Beitrag wurde 1975 die Widerstandbewegung überblicksartig dargestellt.16 Birgit Sack und Gerald Hacke beschäftigten sich in »Verurteilt. Inhaftiert. Hingerichtet. Politische Justiz in Dresden 1933–1945/1945– 1957, Widerstand und Verfolgung der politischen Linken, Georg Schumann (1886– 1945)«17 mit den juristischen Aspekten. Schwierig ist der Umgang mit Literatur, die von überlebenden Widerstandskämpfern selbst publiziert wurde, wie Kurt Roßberg oder Kurt Kühn. Diese Quellen sind stark von dem eigenen Erleben bzw. von dem Erwartungsbild der DDR abhängig und können somit ebenfalls nur bedingt genutzt werden. Neben literarischen Quellen bilden insbesondere Archivquellen die Grundlage der Dissertation. Hierfür wurden das Bundesarchiv Berlin, die Stadtarchive Dresden, Leipzig, Taucha sowie das Staatsarchiv Leipzig und das Stasi-Unterlagenarchiv beforscht. Es handelt sich bei den relevanten Quellen um Akten von Berichten, Verhören, Briefen, Flugschriften oder Flugblättern, Zeitzeugeninterviews und Erinnerungsberichten. Auch in diesem Fall muss stets die Subjektivität der Quellen beachtet werden. Um diesen Aspekten der Objektivitätsproblematik entgegenzutreten, wurden zwei methodische Ansätze kombiniert, um die Vernetzung der Gruppen des kommunistischen Widerstandes in Leipzig während des Naziregimes zu untersuchen. In der Arbeit wird zur vollständigen Überblicksdarstellung des historischen Sachverhaltes eine Mischform zwischen den systematisch-analytischen und der chronologischen Methode genutzt. Die Kombination dieser beiden systematischen Ansätze ist in der Entwicklung von Überblicksdarstellungen verbreitet, geeignet und daher passend für den gewählten Untersuchungsgegenstand. Von besonders hoher Bedeutung ist in diesem Kontext die Vernetzung der einzelnen Widerständler sowie deren Gruppen sowohl untereinander als auch nach außen. Anhand einer gezielten Netzwerkanalyse lassen sich so Verbindungen, aber auch Ziele und Motive der einzelnen Personen und Gruppen rekonstruieren. Die verrichtete Netzwerkanalyse lässt sich in den Bereich der systematischen Analyse einordnen. Dabei folgt diese Arbeit dem Vorgehen, das 2018 von Linda von
15 Gobrecht Horst, Entweder wir sind einig oder wir sind nichts! Else und Alfred Nothnagel – Leipziger Jugendliche in antifaschistischen und sozialistischen Kämpfen, Schkeuditz 2015. 16 Baller Kurt, Zum antifaschistischen Widerstandskampf unter Führung der KPD von 1939 bis 1945 Leipzig, in: Jahrbuch zur Geschichte der Stadt Leipzig, Leipzig 1975, S. 69–102. 17 Sack Birgit, Hacke Gerald: Verurteilt. Inhaftiert. Hingerichtet. Politische Justiz in Dresden 1933– 1945/1945–1957, Widerstand und Verfolgung der politischen Linken, Georg Schumann (1886– 1945), Schriftenreihe der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft Bd. 15, Dresden 2016. S. 46–49.
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Keyserlingk-Rehbein publiziert wurde.18 Aufgrund der zusätzlich erarbeiteten chronologischen Aufarbeitung konnte ein ganzheitliches Bild der Gruppen um die Leipziger Widerständler rekonstruiert werden. Die Analyse eines durch eindeutige Faktoren abgegrenzten Netzwerkes unterteilt sich in die quantitative und die qualitative Netzwerkanalyse. Während bei der quantitativen Analyse die Anzahl der vernetzten Kontakte untersucht wird, zielt die qualitative Analyse auf die Untersuchung der Art der Beziehungen ab. Unter Berücksich tigung des Untersuchungsgegenstandes sowie der aufgestellten wissenschaftlichen Fragestellungen wurde für die durchgeführte Arbeit der Ansatz der qualitative Netzwerkanalyse gewählt. Dabei spielen verschiedene Aspekte, wie beispielsweise die Intensität einer Beziehung, eine gravierende Rolle.19 Die durchgeführte qualitative Netzwerkanalyse der Personen und Beziehungen des kommunistischen Widerstandes in Leipzig zwischen 1933 und 1944 orientierte sich an dem Vorgehen, das 2018 von Keyserlingk-Rehbein20 veröffentlicht wurde. Zunächst wurde sich der Frage gewidmet, wer Teil des Netzwerkes war, entsprechend geeignete Attribute identifiziert sowie Zusammenhänge geschaffen. Anschließend wurden die Beziehungen zwischen den Widerstandskämpfern gewichtet und wie folgt festgelegt: 1. verwandt, 2. freundschaftlich verbunden, 3. gemeinsame Gruppenzugehörigkeit, 4. bekannt (lose Zusammenarbeit), 5. bestehende Abneigung. Dies ist von Bedeutung, um Kooperationen, aber auch fehlende Interaktionen sowie die umfangreiche Verhaftungswelle einordnen zu können. Die aus der Datenbank gewonnen Erkenntnisse wurden mittels Netzwerkgrafiken dargestellt. Die wissenschaftlichen Fragenstellungen, die im Rahmen dieser Arbeit aufgestellt wurden, zielen darauf ab, die Gruppen des kommunistischen Widerstandes in Leipzig, ihre Protagonisten, deren Handeln und Wirken sowie deren Beziehungen untereinander aufzuarbeiten und zu verstehen. Dafür wurde eine relationale Datenbank entwickelt, die sowohl die inhaltliche, als auch die technische Grundlage für die Analyse der Netzwerke im Untersuchungsraum bildet. Um diese beschriebenen Verbindungen zu visualisieren und dadurch neue Erkenntnisse zu generieren, wurde die Software Gephi genutzt.
18 von Keyserlingk-Rehbein Linda, Nur eine »ganz kleine Clique «?: Die NS-Ermittlungen über das Netzwerk vom 20. Juli 1944, Berlin 2018. 19 von Keyserlingk-Rehbein, 2018, S. 47. 20 Ebenda, S. 50.
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Leipzig – Heimstätte einer starken Arbeiterschaft
Leipzig war die sächsische Handels- und Industriemetropole.1 Zusätzlich genoss sie internationales Renommee, besonders in den Bereichen der metallverarbeitenden Industrie und im grafischen Gewerbe. Die Bedeutung von Leipzig lässt sich im rasanten Einwohnerwachstum sehen. Waren es 1875 127.000 Einwohner, wuchs die Zahl auf 719.000 im Jahr 1931 an.2 Das ist mehr als das Fünffache. Im ungefähr gleichen Zeitraum wuchs die Gesamtbevölkerung des Deutschen Reiches nur um das 1,7-fache (1871: 40.997.000 Einwohner, 1935: 68.871.000 Einwohner; man beachte allerdings die Gebietsverluste durch den Versailler Vertrag).3 Die Einwohnerzahl Leipzigs schrumpfte jedoch im Jahr 1939 auf 701.606 Einwohner, trotz des enormen Bedarfs an Arbeitskräften in den ständig wachsenden Betrieben.4 Konfessionell war Leipzig, wie der Großteil Sachsens, evangelisch-lutherisch geprägt und weitestgehend homogen. Sinnbildlich für Leipzig und sein Stadtbild waren die traditionelle Messe und die Universität. Mit diesen charakteristischen Merkmalen bildete die Stadt einen Gegenpol zu dem alles überstrahlenden und schöngeistigen Dresden und etablierte sich hinter diesem. So erfolgte schon früh die Schwerpunkt setzung im industriellen Sektor. Es kam zu einer frühzeitigen Industrialisierung, ge fördert durch die zentrale Lage im Deutschen Bund später im Deutschen Reich. Als Motor des Aufstieges der Stadt begann sich eine klassenbewusste und zugleich hochqualifizierte Arbeiterschaft herauszubilden. Sie bildete das Gegengewicht zum Bürgertum. Nicht umsonst gründete Ferdinand Lasalle 1863 den »Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein« (ADAV) in Leipzig. Ziel dieser Partei war die Interessenvertretung der
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Schmid Hans Dieter (Hrsg.), Zwei Städte unter dem Hakenkreuz, Widerstand und Verweigerung in Hannover und Leipzig 1933–1945, Leipzig 1994, S. 9–26. Riedel Horst, Chronik der Stadt Leipzig: 2500 Ereignisse in Wort und Bild, Leipzig 2001. Statistisches Bundesamt: Statistisches Jahrbuch 2011, Lange Reihen: Bevölkerung nach Gebietsstand, in: Bundeszentrale für politische Bildung (www.bpb.de), letzter Zugriff: 03.01.2021. Stadtarchiv Leipzig, Teilnachlass Grundmann, Rat der Stadt Leipzig, Abteilung Volksbildung, Heimatkundlicher Lesebogen, Folge 2, Leipzig 1955, S. 27.
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gesamten Arbeiterschaft im Deutschen Bund sowie die Verbesserung von deren Arbeits- und Lebensbedingungen.5 Aufgewertet wurde die soziale und demokratische Arbeit in der Stadt durch das Wirken und Schaffen von August Bebel und Wilhelm Liebknecht. Auf Bestrebungen Liebknechts erfolgte im Jahr 1869 in Eisenach die Gründung der Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP). Der ADAV und die SDAP fusionierten zum Vorläufer der heutigen SPD. 6 Das Buch von Rudolf, Adam und Schlimper zeichnet Leipzig als »Wiege der Sozialdemokratie« aus.7 Vor diesem Hintergrund ist die aktive und selbstbewusste Haltung der Arbeiterschaft nicht verwunderlich. Auch das soziale Leben agierte aus der Arbeiterschaft heraus. Es gründeten sich Arbeitersportvereine sowie Musikgruppen. Im Jahr 1927 waren 27.000 Leipziger Arbeiter in 38 Sportvereinen organisiert.8 Einen interessanten, wenn auch für die Weiterentwicklung und den Fortgang der Geschichte nicht erheblichen Fakt eröffneten die Wahlen 1936. Leipzig war trotz oder wegen der ersten Verhaftungswelle 1934/1935 die Großstadt mit den schlechtesten Wahlergebnissen für die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei.9 Von 522.465 Wahlberechtigten stimmten 498.811 für die NSDAP, aber es gab auch 15.353 Nein- und 8.119 ungültige Stimmen beziehungsweise Nichtwähler. Auch bei der Auswertung der Stimmen für den Reichstagswahlkreis schnitt Leipzig als Drittletzter ab.10
Leipzigs wirtschaftliche Bedeutung ab 1933 Leipzigs Bedeutung für das Deutsche Reich nahm besonders nach Kriegsbeginn weiter zu, denn vor allem die metallverarbeitende Industrie war für die Umstellung auf Kriegswirtschaft von Bedeutung. Eine Vorreiterrolle nahmen hierbei die großen Erla- und HASAG-Werke ein. Siebte man zu Kriegsbeginn die Arbeiter noch aus und 5 https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/innenpolitik/allgemeiner-deutsche-arbeiterverein-adav.html, Sprenger Christian, Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV), Deutsches Historisches Museum, Berlin 2007, letzter Zugriff: 03.01.2021, 18:22. 6 Hoffrogge Ralf, Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland – von den Anfängen bis 1914, Stuttgart 2011. 7 Rudloff Michael; Adam Thomas; Schlimper Jürgen, Leipzig – Wiege der deutschen Sozialdemokratie, Berlin 1996. 8 Lange Alexander, Meuten – Broadway-Cliquen – Junge Garde, Leipziger Jugendgruppen im dritten Reich, Köln, Weimar, Wien 2010, S. 32 ff. 9 Bramke, Werner, Kommunistischer Widerstand und linkssozialistisches Milieu in Leipzig, in: Buchholz, Marlis, Fülberg-Stolberg Claus, Schmidt, Hans-Dieter (Hrsg.), Nationalsozialismus und Region, Festschrift für Herbert Obenaus – zum 65. Geburtstag, Bielefeld 1996, S. 207. 10 Schwendler Gerhild, Zum antifaschistischen Widerstandskampf unter Führung der KPD von 1935 bis 1939 in Leipzig, in: Jahrbuch zur Geschichte der Stadt Leipzig, Leipzig 1975, S. 47–68.
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wählte sie nach Alter und Qualifikation, wurden später auch Ausschlusskriterien wie politische Vorstrafen hinfällig. Um der gesteigerten Produktion gerecht zu werden, hob man zusätzlich die Arbeitszeiten an. Trotz dessen reichte die Arbeitsleistung nicht aus, so dass 1943 46.000 ausländische Arbeitskräfte in den Werken meist Zwangsarbeit verrichten mussten. Inwiefern Häftlinge aus Konzentrationslagern in diese Rechnung einbezogen wurden, ist unklar.11 Es entstand somit in den Betrieben eine weitere, eine »neue Klasse«, zu der sich die »Arbeiter« positionieren mussten. Die allgemeinen Vorgaben der Betriebsleitung lauteten, den Kontakt auf das Nötigste zu beschränken und keinesfalls freundschaftlich oder in irgendeiner Form ebenbürtige Beziehungen zu Zwangsarbeitern zu unterhalten. In Leipzig war aber auch innerhalb der Gruppe der ausländischen Arbeitskräfte eine Hierarchie erkennbar. So durften sich Westeuropäer freier bewegen und wurden besser behandelt als Osteuropäer und insbesondere russische Zwangsarbeiter. An diesem Punkt setzten die kommunistischen Widerstandskämpfer an. Neben den entstandenen Großbetrieben, den Baracken und den Zwangsarbeitern prägte auch der Krieg zunehmend das Leipziger Stadtbild und die Weiterentwicklung. War der Krieg zu Beginn kaum spürbar, verbreitete er ab 1943 seine Zerstörungsgewalt. Die Bevölkerung war nach den anfänglichen Erfolgen Hitlers, der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und den Kriegserfolgen in Polen und an der Westfront wenig zugänglich für kommunistische Umsturzideen und antifaschistischen Widerstand. Dies änderte sich mit den ersten herben Verlusten an der Ostfront und insbesondere nach der Schlacht von Stalingrad. Daraufhin wurden Arbeitszeiten verlängert und gleichzeitig die Essensrationen verringert sowie Ausfahrten und Wanderungen stark reglementiert. Somit wurde die Bevölkerung zugänglicher für kommunistische Umsturzideen und die Widerstandsgruppen erhöhten die Intensität ihrer illegalen Tätigkeit.12 Immer häufiger kam es zu Fliegeralarmen, immer mehr prägten die Verdunklungen und zerstörten Häuserfronten das Stadtbild. Ab 1944 lähmte die Leipziger die Angst vor den herannahenden Fronten. In der Bevölkerung herrschte Uneinigkeit, ob eine Einnahme durch die amerikanische oder russische Armee (dies wurde insbesondere von den kommunistischen Widerstandskämpfern erhofft) für Leipzig die bessere Option darstellte.13
11 Lange, 2010, S. 267 ff. 12 Barch R/3018/1575 Akte 4 Oberstaatsanwalt an Reichsjustizminister durch Generalanwalt, Leipzig 18.07.1944. 13 Lange, 2010, Seite 267 ff.
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Die KPD als Ursprung der kommunistischen Widerstandsbewegung Die frühen Widerstandsbewegungen rekrutierten sich nach dem Jahr 1933 in erster Linie aus der organisierten Arbeiterbewegung und insbesondere aus den Anhängern der KPD und SPD, seltener aus den bürgerlichen Mittelstandsparteien.14 Die KPD war 1932 mit 250.000 Mitgliedern und sechs Millionen Wählern (17 % der Gesamtwähler) drittstärkste Partei im Deutschen Reich. Der Rückhalt in der Bevölkerung wuchs mit den Rezessionen und den Problemen der Weimarer Republik sprunghaft an. Sie war das Auffangbecken der Gescheiterten, entweder weil sie arbeitslos oder in schlechten Arbeitsverhältnissen (geringer Arbeitslohn bei langen Arbeitszeiten) waren. Das Ziel der KPD war, bei einem Wahlsieg Deutschland zunächst in ein Rätemodell nach dem sowjetischen Vorbild umzuwandeln. Als solches sah man sich auch nicht auf Deutschland beschränkt, sondern als internationale Bewegung, die den sowjetischen Führungsanspruch anerkannte. So zumindest die Theorie, innerhalb der KPD waren die Meinungen sehr divers. Diese radikale Ansicht schloss eine Kooperation mit anderen Parteien aus.15 Ein weiterer Punkt, der den kommunistischen Widerstand charakterisierte war das Fehlen einer eigenen europapolitischen Konzeption. Europa sei »niemals mehr als ein blutiges Schlachtfeld zur gewaltsamen Austragung klassenkämpferischer Antagonismen«16. Gleichzeitig wies die KPD Ende der 1920er-Jahre eine hohe Fluktuationsrate auf. Beispielsweise gewann die KPD 1930 143.000 Mitglieder, verlor aber zeitgleich 95.000.17 Nach Hitlers Machtantritt wechselten viele zur Existenzsicherung und zur Wahrung oder Anhebung des sozialen Status in die NSDAP beziehungsweise ihre Unterorganisationen.18 Schon vor dem Jahr 1933 bereiteten sich viele Kommunisten auf den Gang in die Illegalität und die Fortsetzung der Arbeit im Untergrund vor. Allerdings zogen sie hierbei die falschen Schlüsse. Sie unterschätzten die Schlagkraft des Polizeiapparates und agierten an vielen Stellen unvorsichtig und fahrlässig. Die Kassierung von Mitgliederbeiträgen sowie die Führung von Mitgliederlisten waren die Regel und nicht die Ausnahme.19 Diese Maßnahmen hatten zur Folge, dass in 14 Barch R/3018/1575 Akte 4 Oberstaatsanwalt an Reichsjustizminister durch Generalanwalt, Leipzig 18.07.1944. 15 Weber, 2001, S. 3–6. 16 Vgl. Kroll Frank-Lothar, Europavorstellungen und europäische Neuordnungspläne im deutschen Widerstand, in: Kroll Frank Lothar, von Voss Rüdiger, Für Freiheit, Recht, Zivilcourage, Der 20.Juli 1944, Berlin-Brandenburg 2020, S. 259. 17 Ossip Pjatnizik, Brennende Fragen, Hamburg 1931, S. 31 f. 18 Kater Michael, Sozialer Wandel in der NSDAP im Zuge der nationalsozialistischen Machtergreifung, in: Schieder Wolfgang (Hrsg.), Faschismus als soziale Bewegung. Deutschland und Italien im Vergleich, Hamburg 1976, S. 25–68. 19 Reichert Hans, Die Kommunistische Partei Deutschlands, in: Schmitthenner Walter, Buchheim Hans (Hrsg.), Der deutsche Widerstand gegen Hitler, Köln, Berlin 1966, S. 185.
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den Jahren 1934 und 1935 die illegale Arbeit fast zum Erliegen kam. Durch ihr hartes Vorgehen gelang es der Gestapo, den Großteil der Führungsebene zu inhaftieren und somit die Verbindungen der Kommunisten auf der einen Seite in Freiheit zu kappen. Jedoch konnten durch die gemeinsame Unterbringung in Zuchthäusern, Gefängnissen oder Konzentrationslagern neue Verbindungen entstehen oder bestehende vertieft werden. Die Zahl der inhaftierten Kommunisten stieg in Folge des Reichstagsbrands sprunghaft an. Auch das folgende Ermächtigungsgesetzt von 1933 leistete seinen Beitrag. Bereits 1933 befanden sich in den sogenannten Schutzhaftlagern beziehungsweise den 70 Konzentrationslagern 80.000 Gefangene. Davon waren die Mehrheit Kommunisten. Diese Lager wurden zu einem Schmelztiegel der kommunistischen Widerstandsbewegung. Die meisten hier betrachteten Widerstandskämpfer waren in den 1930er-Jahren im Konzentrationslager Sachsenburg inhaftiert.20 Die Lebensbedingungen waren im Konzentrationslager Sachsenburg 1934 vergleichsweise besser als in anderen Lagern. So gab es hier vermehrt Überläufer vom Kommunismus hin zum Nationalsozialismus.21 Die KPD als solche hatte von allen ehemaligen Parteien der Weimarer Republik die meisten Verluste. So wurden allein in den Jahren 1933 und 1934 bereits 2.000 Kommunisten hingerichtet. Bis zum Zusammenbruch des NS-Regimes verzehnfachte sich diese Zahl. Bereits 1935 waren 6.000 bis 8.000 Kommunisten ins Exil geflohen. Im Gegensatz zu den bürgerlichen, konservativen oder christlichen Kreisen wurden die Kommunisten mit aller Brutalität verfolgt und verurteilt. Da insbesondere die Führungsebene der ehemaligen KPD zu mehrjährigen Zuchthausstrafen verurteilt wurde (oder ins Ausland geflohen war), gab es bis zu der Entlassung der Führungselite, meist um das Jahr 1939, keine festen Organisationsstrukturen. Zeitgleich veränderte sich die Zusammensetzung der Widerstandsgruppen. Diese wurden zunehmend parteipolitisch durchmischter.22 Die illegale Arbeit verlagerte sich daraufhin ins Ausland. Es entstanden Druckschriften wie beispielsweise die »Rote Fahne«, die mittels Kurier in das Deutsche Reich gebracht wurden. Von 1933 bis 1935 gelangte das Material über Prag in einer jährlichen Auflage von über einer Million Exemplaren nach Deutschland. Für die verbleibenden Kommunisten begann eine Findungsphase. Diese war haupt sächlich durch das Zusammentreffen im privaten Bereich geprägt. Zum Beispiel kam man zum Skatspiel oder zum gemeinsamen Musizieren zusammen. Bei dieser Gelegenheit sprach man unverfänglich über politische Themen. Diese Phase war vor allem 20 Tuchel Johannes, Organisationsgeschichte der früheren Konzentrationslager, in: Distel Wolfgang (Hrsg.), Instrumentarium der Macht, Frühe Konzentrationslager 1933–1937, Berlin 2003, S. 9–26. 21 Grasshoff, 2021, S. 70. 22 Brandt Peter, Widerstand aus den Reihen der sozialistischen Arbeiterbewegung, in: Kroll Frank-Lothar, von Voss Rüdiger (Hrsg.), Für Freiheit, Recht, Zivilcourage, Der 20.Juli 1944 Berlin-Brandenburg 2020, S. 39–69.
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für die Stabilisierung der Beziehung der Nichtinhaftierten wichtig. Das bedeutete, dass sich zu vertrauenswürdigen Bekannten und Kommunisten die Beziehung verstärkten, während zu weniger überzeugten oder wankelmütigen »Genossen« die Kontakte meist abbrachen. Diese Verfestigung geschah vor allem durch gelebte Solidarität. Das zeigte sich insbesondere in der Unterstützung von Familien von Inhaftierten. So berichtet beispielsweise Werner Plesse, wie seine Mutter nach der Inhaftierung des Vaters sofort ihre Anstellung verlor und ohne die Hilfe von anderen kaum überleben konnte. Sie wurden regelmäßig zum Essen oder zu Wochenendaufenthalten eingeladen, die ihr psychisches und physisches Überleben sicherten.23
Frauen im kommunistischen Widerstand Die These, dass der klassische kommunistische Widerstandskämpfer männlich war, ist nicht vorbehaltlos zutreffend. Liselotte Hermann verurteilte man als erste Frau wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« zum Tode.24 Die Quellenlage zu den weiblichen Widerstandskämpfern ist weniger umfangreich, aber in der Konsistenz ähnlich. Frauen hatten in ihren festgehaltenen Lebenserinnerungen die gleichen Motive wie die Männer. Zum einen wollten sie ihr Handeln legitimeren, zum anderen sich möglichst positiv für die Nachwelt präsentieren. Das Rollenbild der Weimarer Republik ähnelte bei der KPD-Wählerschaft dem übrigen Teil der Bevölkerung.25 Mehr als 75 % der Frauen waren Hausfrauen und lediglich 16,5 % waren selbst KPD-Mitglieder.26 Eine gemeinsame politische Einstellung innerhalb einer Ehe war keineswegs die Regel. Aber auch innerhalb dieses sozialen Rahmens können erhebliche Differenzen bestanden haben. In katholisch geprägten Regionen waren diese Spannungen besonders stark. Die Frauen sahen sich nicht bewogen, etwas an ihrer Weltanschauung zu ändern, denn sie fanden Rückhalt in der Kirchgemeinde oder bei Verwandten. Auf der anderen Seite gab es links-proletarisch geprägte Generationen und Familienstammbäume. Dies spiegeln 23 Plesse Werner, Sowjetdeutschland oder demokratische Republik? Fallbeispiel Nationalkomitee Freies Deutschland in Leipzig 1943–1945, in: Luisenstädtische Bildungsvereine e.V. Berlin, »… undemokratisch wird sich rächen!«, Studien zur Demokratie in der DDR, Zweiter Teil Fallstudien und Problemanalysen zur realsozialistischen Demokratie in der DDR, 1995, S. 32–63. 24 Letsche Lothar, Im Widerstand gegen die Kriegsvorbereitungen der Nazis: Die Berliner Studentin Lilo Herrmann. Humboldt-Universität zu Berlin, 22. Juli 2011. 25 Mallmann Klaus Michael, Zwischen Denunziation und Roter Hilfe. Geschlechterbeziehungen und kommunistischer Widerstand 1933–1945, in: Wickert Christl (Hrsg.), Frauen gegen die Diktatur – Widerstand und Verfolgung im nationalsozialistischen Deutschland, Berlin 1995. 26 Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands, Protokoll der Verhandlungen des Parteitags der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der Kommunistischen Internationale), Zwei Jahre Arbeit und Kampf. Bericht des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Deutschland an den 12. Parteitag, Berlin 1929, S. 253–290.
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kommunistische Kreise in Leipzig wider. In einer hauptsächlich durch Arbeiter geprägten, protestantischen Stadt fanden sich politisch Gleichgesinnte in Sport- oder politischen Gruppen zusammen. Aber auch in diesen Familien gab es meist eine klare Rollenverteilung zwischen dem sanften Patriarchen, der die Kämpfe außerhalb der Familie schlägt, und den Frauen als Führerinnen im häuslichen Umfeld. Die KPD sah ein anderes Modell vor, insbesondere als Kontrast zum bürgerlichen Ideal. Als problematisch erwies sich demgegenüber der Alltag. Ein gewachsenes Modell lässt sich nicht durch eine Parteiweisung ändern. Unter den jüngeren Kommunisten war die Vorstellung einer »Kameradschaftsehe« idealisiert. Allerdings bedeutete das keine Gleichberechtigung, sondern lediglich Unterstützung bei Haushaltstätigkeiten wie dem Geschirrabtrocknen. Im Wesentlichen blieb Politik ein Männergeschäft und sollte eine Frau sich engagieren, dann im sozialen Bereich, wie beispielsweise der Roten Hilfe. Die KPD wollte diese Umstände ändern und führte 1930 eine Frauenquote ein. Ein Drittel aller Mandate sollte fortan an weibliche Mitglieder vergeben werden. Die Maßnahme blieb aber erfolglos. Frauen galten auch weiterhin als verzichtbar. 27 Zwar sank die Mitgliederzahl der KPD, aber die Anteile der weiblichen Beteiligung waren nahezu gleichbleibend. Auch die Vorurteile blieben dieselben, wonach Politik ein Männergeschäft war und die illegale Arbeit erst recht. Dies wurde in den »Brüsseler Konferenzen« 1935 kritisiert. Auch hier waren lediglich zwei Frauen unter 38 Delegierten anzutreffen. Allerdings war man zur Umstrukturierung gezwungen, da die große Verhaftungswelle 1934/35 die Reihen stark ausgedünnt hatte. So engagierten sich mehr Frauen im aktiven Widerstand, wenn auch immer noch selten in der Führungsebene. Ein Gegenbeispiel ist Anni Sindermann, die bis 1935 in Dresden eine Gruppe leitete.28 Die Frauen übernahmen aufgrund ihrer Unbekanntheit bei der Gestapo und ihren Möglichkeiten, unauffälliger zu agieren, Botengänge oder handelten Treffen aus. Die Gestapo vertrat ein konventionelles Rollenbild und in diesem waren Kommunisten Männer. Eine Frau, die Flugblätter im Kinderwagen versteckte und verteilte, passte nicht in dieses Klischee. Dies zeigte sich auch bei den Verhören und Verurteilungen. Bis auf wenige Ausnahmen traute man Frauen kein eigenmächtiges Handeln zu. Frauen waren für die Gestapo und die Gerichte unpolitisch und wenn sie doch aktiv wurden, dann nur unter Anleitung. Aber auch viele Kommunisten sahen die Frauen als Schwachstelle an und befürchteten Verrat im Fall von Verhaftungen und Befragungen. Vielen Frauen wurden mit dieser Einschätzung Unrecht getan, denn oftmals zeigten sie sich loyal. Aber es gab auch den umgekehrten Fall: Frauen, die ohne Druck gegen ihre Männer oder Bekannten aussagten. Meist agierten sie aus Angst, 27 Mallmann, 1995. 28 Schreier Israel, Zum Kampf der KPD gegen den faschistischen deutschen Imperialismus im Bezirk Dresden (Ostsachsen) 1933—1935, Leipzig 1966, S. 110.
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selbst als Kommunisten bezichtigt zu werden, oder sie hielten dem Druck nicht stand, aus Angst um sich und ihre Kinder.29 Allerdings gab es auch Frauen, die darin einen Ausweg aus einer unglücklichen Ehe sahen. »Unsere Frauen waren uns immer die besten Kameraden von 1933 bis 1945, denn ohne unsere Frauen konnten wir nicht so gut illegal arbeiten.«30 Wie aus diesem Zitat ersichtlich ist, kann die Leipziger Widerstandsbewegung im Wesentlichen als androkratisch bezeichnet werden. Die führenden Persönlichkeiten des kommunistischen Widerstandes in Leipzig waren alteingesessene und erfahrene Männer und nur selten agierten Frauen selbstständig. Trotz des vermeintlich modernen Rollenverständnisses der Kommunisten war das Familienmodell in den meisten Fällen klassisch, wie beispielsweise bei der Familie Schumann. Georg Schumann war zeitlebens politisch aktiv und reiste zu diesem Zwecke viel, während seine Frau sich um die Kinder und die anfallenden Pflichten zu Hause kümmerte. Sie unterstützte ihn auch während seiner Inhaftierung und bei dem Empfang von Gleichgesinnten zu Hause. Ein Leipziger Widerstandskämpfer beschrieb die Situation wie folgt: »Es erscheint mir notwendig, hier einmal klar und ausdrücklich die entscheidende Mithilfe unserer Frauen an der Widerstandsbewegung zu betonen. Mehr oder weniger wußten sie immer Bescheid, daß wir illegal tätig waren und was uns erwartet. Sie haben mitgeholfen, wo sie nur konnten, haben Störungs- und Aufdeckungsversuche ferngehalten und haben ganz besonders nach den Verhaftungen eine Hauptrolle gespielt.«31 Damit war sie die ideale Gefährtin, ohne selbst politisch aktiv zu agieren. Selbst Kurt Kresse (geb. 1904) schrieb am 23.August 1934: »… meine Tätigkeit liegt in verkehrter Richtung. Ich mache Hausfrauenarbeit, koche und halte den Haushalt in Ordnung; meine Frau ist der alleinige Ernährer der Familie.« Er war sehr unzufrieden, sogar erzürnt über diese Rollenverteilung.32Anders ist das bei den jüngeren Widerstandskämpfern wie Else Nothnagel oder Elfriede Hoffmann (Geishainer), die selbst politisch aktiv waren und selbst aktiv die Widerstandsarbeit gestalteten. Diese Frauen waren zwar eng eingebunden, handelten aber aus eigener politischer Überzeugung und ihre Tätigkeiten gingen weit über das bloße Rückenfreihalten hinaus.
29 Mallmann, 1995. 30 Eichler Paul, Ehefrauen waren uns immer die besten Kameraden, Leipziger Antifaschistinnen trotzen an der Seite ihrer Männer mutig der brauen Pest, in: Leipziger Volkszeitung, Leipzig 11.01.1985. 31 Eichler Paul, Ehefrauen waren uns immer die besten Kameraden, Leipziger Antifaschistinnen trotzen an der Seite ihrer Männer mutig der brauen Pest, in: Leipziger Volkszeitung, Leipzig 11.01.1985. 32 Matthes Anneliese, Matthes Lothar, Kurt Kresse, Eine biografische Skizze, Leipzig 1978, S. 5–48.
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Aber es gab auch unter den Kommunistinnen jene, die völlig losgelöst von einer Männerfigur aus einem inneren Antrieb und selbstständig handelten, wie beispielsweise Dr. Margarete Blank oder die »Schumann-Schwestern« (Aenne Hoppe, Martha Petersohn, Hildegard Quitzsch, Helene Schmidt). Die Rolle der Frauen wurde mit zunehmender Zeit in der Leipziger Widerstandsbewegung immer bedeutungsvoller. Das lag zum einen an den Inhaftierungen und Einberufungen der Männer zur Wehrmacht und zum anderen an dem grundsätzlichen Rollenverständnis der Gestapo. Gustav Hieck bestätigte, dass nach der Verhaftungswelle von 1944 die Frauen alle wichtigen Arbeiten übernahmen und die Widerstandsarbeit am Leben hielten. Insbesondere die Unterstützung von Geflohenen oder der Familien der Inhaftierten musste organisiert werden, aber auch bei der Kapitulation Leipzigs spielten sie eine tragende Rolle. Lobend hob er die Standhaftigkeit der Frauen während des Verhörs und bei den Überwachungen hervor und ihre Bemühungen, nach der Urteilsverkündigung eine Milderung der Urteile zu erlangen.33
33 DY 55/V241/7/38 Haase Erich, Widerstandsgruppen Nationalkomitee Freies Deutschland Leipzig.
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