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"Über dem Befehl steht mir Gott" (Leseprobe)

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Widerstand im Widerstreit Herausgegeben im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums des Innern, Dresden von Jens Baumann Ernst Gierlich Frank-Lothar Kroll Ulrich Schlie Band 10

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Martin J. Gräßler

»Über dem Befehl steht mir Gott« Theodor Groppe – ein katholischer Offizier im Widerstand gegen den Nationalsozialismus

BeBra Wissenschaft Verlag

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Social Life is the aggregate of all the individual men’s Lives who constitute society. History is the essence of innumerable Biographies. Thomas Carlyle, On History, 1830.

Im Andenken an meinen Urgroßvater und Namensgeber Martin Nießalla (1895–1972), der als Infanterist von 1914 bis 1918 an der Ost- und Westfront kämpfte und von 1918 bis 1928 bei der 1. Infanterie-Division in Königsberg stationiert war.

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Inhalt

Vorwort

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Einleitung Annäherung an eine Militärbiographie Forschungsfragen und Methode Forschungsstand Quellenlage

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1. Kaiserreich und Erster Weltkrieg (1882 bis 1918) 23 Charakter und Anlagen 23 Herkunft und Erziehung (1882–1900) 26 Frühe militärische Laufbahn (1900–1914) 39 Der junge Offizier und sein Regiment im Deutschen Reich Wilhelms II. 59 Groppes Bild vom nächsten Krieg 71 Im Großen Krieg (1914–1918) 88 Kampf als Erlebnis – der Krieger 141 An der Schwelle die Erweckung – der Gläubige 153 Pour le Mérite – der Kriegsheld 163 Loyalität über die Abdankung hinaus – Groppe und die Hohenzollern 182 2. Republik und Reichswehr (1918 bis 1933) Niederlage, Revolution und Putsch (1918–1922) Angekommen in der Reichswehr (1922–1933) Familie (ab 1921) Der (Stabs-)Offizier in der Weimarer Republik

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3. NS-Staat und Zweiter Weltkrieg (1933 bis 1945) 227 Dienen in Zeiten der Aufrüstung (1933–1939) 227 Divisionskommandeur zu Beginn des Zweiten Weltkriegs (1939–1940) 243 Groppes Blick auf den NS-Staat 297 Erstmals Zivilist (1942–1944) 321

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Verhaftung, Flucht und Kriegsende (1944–1945) Ein Mann des Widerstands?

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4. Besatzungszone und Bundes­republik (1945 bis 1973) Unruhestand (1945–1952) Ehrungen und letzte Jahre (1952–1973) Groppe im Diskurs der Nachkriegszeit

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5. Schluss

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Anhang Danksagung Übersichten Quellen- und Literaturverzeichnis Abbildungsnachweis Der Autor

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Vorwort

Am 12. Dezember 1939 erhielt der Kommandeur der am Westwall stationierten 214. Infanterie-Division, Generalleutnant Theodor Groppe, einen Anruf von einem seiner Bataillonsführer, der ihn informierte, dass die örtliche Leitung der NSDAP eine »spontane« Volkskundgebung, die zeitgenössische Umschreibung für ein Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung, vorbereite. Hintergrund war die immergleiche Herausstellung des ewigen Sündenbocks, um die zunehmende Unzufriedenheit der Bevölkerung im Schatten des »Sitzkrieges« von 1939/40, der für die Menschen im westlichen Grenzgebiet mit Räumung, tausenden Flüchtlingen und überforderten Funktionären verbunden war, von Verantwortlichen in Staat und Partei abzulenken. Als der erregte Major am Telefon mitteilte, dass er dies mit Waffengewalt zu verhindern gedenke, reagierte der tief katholische General mit dem Pour le Merité um den Hals und gezeichnet von Narben des Ersten Weltkrieges, anders als unzählige seiner Generals- und Offizierskameraden in vergleichbaren Situationen handelten und im aufziehenden Vernichtungskrieg der Wehrmacht noch handeln sollten. Er leitete Schritte ein, die den Schutz deutscher Staatsbürger, die von den Nationalsozialisten als Juden verfolgt wurden, im ganzen Divisionsbereich sicherstellen sollte. Die örtlichen Parteifunktionäre sagten, nachdem auch Groppes Oberbefehlshaber, Generaloberst Erwin von Witzleben, sich anstellte, den bewaffneten Schutz im Bereich der Saarpfalz durch die 1. Armee sicherzustellen, ihr böswilliges Vorhaben ab. In dieser beispiellosen Episode stand ein General im Mittelpunkt, der sich nicht nur hier, sondern beginnend ab 1933 außerhalb der üblichen Handlungspraxis stellte und zahlreiche Entscheidungen traf, die ihn mit dem NS-Regime in Gegnerschaft setzten, ihm Karriere und Freiheit kosten sollten und sein Leben aufs Äußerste bedrohten. Seine Reaktion auf den Anruf war keine spontane, aus der Reihe fallende Handlung, sondern das Ergebnis einer eigentümlichen Biographie, die sich mit etlichen seiner Zeitgenossen überschnitt, aber in entscheidenden Punkten doch abwich. Es lohnt die Geschichte dieses Mannes zu betrachten, dessen langes Leben im Deutschen Kaiserreich von 1882 begann und in der Bonner Bundesrepublik 1973 endete. Ein Mann, der Offizier wurde, um König und Vaterland zu schützen und als General bereits Widerstand leistete, als die Masse seiner Kameraden noch jahrelang treu ihrem Führer in einen Abgrund aus Krieg und Verbrechen folgen sollte.

Vorwort | 7

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Einleitung

Annäherung an eine Militärbiographie Die vorliegende Arbeit sucht ein Leben, genauer das Leben eines Soldaten, nachzuzeichnen, was sie zur Gattung der Individual-, genauer zur Militärbiographie zählen lässt.1 Die wissenschaftliche Biographie liegt, trotz der in der deutschen Historikerschaft nach 1945 innewohnenden Liebe zu großen Theorien,2 die Erklärungsanspruch bis »[…] hinein ins alltägliche Handeln und Erleben […]«3 erhoben, seit Jahrzehnten im Trend und inzwischen dürften die Ansätze der Biographik unstrittig zu den »[…] legitimen Zugangsweisen und Darstellungsformen der Geschichtswissenschaften in Deutschland […]«4 zählen. Ebenso hat sich seit der Jahrtausendwende die Militärgeschichte als Teilbereich der Geschichtswissenschaften fest etabliert und untersucht die bewaffnete Macht als Institution und den Krieg als ein »[…] konstitutives Element der neuzeitlichen Staats- und Gesellschaftsbildung.«5 Insofern kann eine langatmige Rechtfertigung des Zugangs »Biographie«, nebst ausschweifender methodischer Erläuterungen6 sowie ei-

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Vgl. Carl A. Krethlow: Militärbiographie. Entwicklung und Methodik (künftig zitiert: Krethlow (2006): Militärbiographie), in: Michael Epkenhans/Stig Förster/Karen Hagemann (Hrsg.): Militärische Erinnerungskultur. Soldaten im Spiegel von Biographien, Memoiren und Selbstzeugnissen (= Krieg in der Geschichte, Bd. 29), Paderborn u.a. 2006, S. 1–27, hier S. 2. Vgl. Golo Mann: Plädoyer für die historische Erzählung (künftig zitiert: Mann (1979): Plädoyer), in: Jürgen Kocka/Thomas Nipperdey (Hrsg.): Theorie und Erzählung in der Geschichte (= Beiträge zur Historik), München 1979, S. 40–56, hier S. 40. Werner Fuchs-Heinritz: Biographische Forschung. Eine Einführung in Praxis und Methoden (= Hagener Studientexte zur Soziologie), 4. Auflage, Wiesbaden 2009, S. 186. Ulrich Raulff: Das Leben ‒ buchstäblich. Über neuere Biographik und Geschichtswissenschaft (künftig zitiert: Raulff (2002): Leben ‒ buchstäblich), in: Christian Klein (Hrsg.): Grundlagen der Biographik. Theorie und Praxis des biographischen Schreibens, Stuttgart 2002, S. 55–68, hier S. 67. Marcus Funck: Militär, Krieg und Gesellschaft. Soldaten und militärische Eliten in der Sozialgeschichte (künftig zitiert: Funck (2000): Militär, Krieg und Gesellschaft), in: Thomas Kühne/Benjamin Ziemann (Hrsg.): Was ist Militärgeschichte? (= Krieg in der Geschichte, Bd. 6), Paderborn u.a. 2000, S. 157–174, hier S. 159. Vgl. Jan Romein: Die Biographie. Einführung in ihre Geschichte und ihre Problematik (= Sammlung Dalp, Bd. 59), Bern 1948, S. 106–140 (künftig zitiert: Romein (1948): Biographie).

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ner abstrakten Erklärung des Themas »Militärperson(en)« zugunsten einer konkreten Begründung für gewählten Gegenstand und Herangehensweise zurücktreten. Veröffentlichte Biographien, die deutsche Militärs des 20. Jahrhunderts als Protagonisten gewählt hatten und mit wissenschaftlichem Anspruch geschrieben wurden, gibt es, der allgemeinen Entwicklung und dem Interesse folgend, in großer und ständig steigender Zahl. Gegenstand, eingegrenzt nur auf die neueste Geschichte, waren die Spitzenmilitärs der Jahre 1933–1945,7 die prominenten Vertreter des militärischen Widerstands8 oder selten auch herausgehobene Angehörige von Wehrmacht9 und Waffen-SS,10 die während oder nach dem Zweiten Weltkrieg Bekanntheit erlangten und den Ehrgeiz des Historikers zur Dekonstruktion von Legenden weckten. Hinzu treten noch einige bedeutende oder interessante Protagonisten des Ersten Weltkrieges.11

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Vgl. Christian Hartmann: Halder. Generalstabschef Hitlers 1938‒1942, Paderborn u.a. 1991, teilw. zugl.: Köln, Univ., Diss., 1989 (künftig zitiert: Hartmann (1991): Halder); Marcel Stein: Generalfeldmarschall Walter Model. Legende und Wirklichkeit, Bissendorf 2001; Kerstin von Lingen: Kesselrings letzte Schlacht. Kriegsverbrecherprozesse, Vergangenheitspolitik und Wiederbewaffnung: der Fall Kesselring (= Krieg in der Geschichte, Bd. 20), Paderborn u.a. 2004, teilw. zugl.: Tübingen, Univ., Diss., 2003; Bernhard Kroener: »Der starke Mann im Heimatkriegsgebiet«. Generaloberst Friedrich Fromm. Eine Biographie, Paderborn u.a. 2005 (künftig zitiert: Kroener (2005): Friedrich Fromm); Oliver von Wrochem: Erich von Manstein. Vernichtungskrieg und Geschichtspolitik (= Krieg in der Geschichte, Bd. 27), Paderborn u.a. 2006, teilw. zugl.: Hamburg, Univ. der Bundeswehr, Diss., 2005; Torsten Diedrich: Paulus. Das Trauma von Stalingrad. Eine Biographie, 2., durchgesehene Auflage, Paderborn u.a. 2009 (künftig zitiert: Diedrich (2009): Paulus); Klaus-Jürgen Müller: Generaloberst Ludwig Beck. Eine Biographie, 2., durchgesehene Auflage, Paderborn 2009 (künftig zitiert: Müller (2009): Beck); Peter Steinbach: Erwin Rommel. Ein deutscher Soldat, Stuttgart 2012; Kurt Braatz: Robert von Greim. Jagdflieger im Ersten Weltkrieg (= Bd. 1), Moosburg 2016; Kurt Braatz: Robert von Greim. Hitlers letzter Feldmarschall (= Bd. 2), Moosburg 2018. Vgl. Peter Hoffmann: Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Die Biographie, München 2007; Georg von Witzleben: »Wenn es gegen den Satan Hitler geht…«. Erwin von Witzleben im Widerstand, Hamburg 2013 (künftig zitiert: Witzleben (2013): Witzleben); Franziska Bartl: Der vergessene Verschwörer. Georg Alexander Hansen und der Widerstand gegen den Nationalsozialismus (= Widerstand im Widerstreit, Bd. 5), Berlin 2023, zugl.: Chemnitz, TU, Diss., 2022. Vgl. Kurt Braatz: Werner Mölders. Die Biographie, Moosburg 2008; Thomas Riederer: Kriegsheld ‒ Kinoheld. Günther Prien als Beispiel heroischer Männlichkeit in NS-Staat und früher Bundesrepublik (= Schriftenreihe Studien zur Zeitgeschichte, Bd. 103), Hamburg 2017. Vgl. Niels Weise: Eicke. Eine SS-Karriere zwischen Nervenklinik, KZ-System und Waffen-SS, Paderborn 2013, zugl.: Würzburg, Univ., Diss., 2011; Jens Westemeier: Himmlers Krieger. Joachim Peiper und die Waffen-SS in Krieg und Nachkriegszeit (= Krieg in der Geschichte, Bd. 71), Paderborn u.a. 2014, zugl.: Potsdam, Univ., Diss., 2009 (künftig zitiert: Westemeier (2014): Himmlers Krieger). Vgl. Holger Afflerbach: Falkenhayn. Politisches Denken und Handeln im Kaiserreich (= Beiträge zur Militärgeschichte, Bd. 42), München 1994, zugl.: Düsseldorf, Univ., Diss., 1993; Klaus Hornung: Alternativen zu Hitler. Wilhelm Groener ‒ Soldat und Politiker in der Weimarer Republik, Graz 2008 (künftig zitiert: Hornung (2008): Wilhelm Groener); Joachim Castan: Der Rote Baron. Die ganze Geschichte des Manfred von Richthofen, 3. Auflage, Stuttgart 2008 (künftig zitiert: Cas-

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Auch eine herausgehobene Position in Deutschland nach 1945,12 speziell in der Bundeswehr,13 konnten Motivation zur wissenschaftlichen Betrachtung sein. Inzwischen erschienen darüber hinaus Sammelbände mit Kurzbiographien über die militärischen Eliten des Deutschen Kaiserreichs,14 von Hitlers Wehrmacht15 und der Bundeswehr16 sowie gruppenbiographische Untersuchungen zu deutschen Spitzenmilitärs im Zweiten Weltkrieg17 und der Bundeswehr.18 Auch Editionen von Briefen und Tagebuchaufzeichnungen bekannter Offiziere wurden biographische Einordnungen vorangestellt.19

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tan (2008): Der Rote Baron); Manfred Nebelin: Ludendorff. Diktator im Ersten Weltkrieg, München 2010, zugl.: Dresden, TU, Habil., 2009 (künftig zitiert: Nebelin (2010): Ludendorff). Vgl. Sabine Pamperrien: Helmut Schmidt und der Scheißkrieg. Die Biografie 1918 bis 1945, München u.a. 2014. Vgl. Georg Meyer: Adolf Heusinger. Dienst eines deutschen Soldaten 1915 bis 1964, Hamburg u.a. 2001; Kurt Braatz: Walter Krupinski. Jagdflieger, Geheimagent, General, 2. Auflage, Moosburg 2010; John Zimmermann: Ulrich de Maizière. General der Bonner Republik. 1912‒2006, Berlin u.a. 2012; Rolf-Dieter Müller: Reinhard Gehlen. Geheimdienstchef im Hintergrund der Bonner Republik. Die Biografie (= Veröffentlichungen der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes, Bd. 7), Berlin 2017; André Pecher: Friedrich Oskar Ruge. Lebenswelt, Rolle und Selbstverständnis eines Marineoffiziers von 1914 bis 1945 (= Zeitalter der Weltkriege, Bd. 22), Berlin 2021, zugl.: Hamburg, Univ. der Bundeswehr, Diss., 2015 (künftig zitiert: Pecher (2021): Ruge). Vgl. Lukas Grawe (Hrsg.): Die militärische Elite des Kaiserreichs. 25 Lebensläufe, Darmstadt 2020 (künftig zitiert: Grawe (2020): Militärische Elite Kaiserreich). Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Hitlers militärische Elite. 68 Lebensläufe, 3., um ein Vorwort zur Ausgabe von 2011 erweiterte Auflage, Darmstadt 2015 (künftig zitiert: Ueberschär (2015): Hitlers militärische Elite). Vgl. Clemens Range: Die Generale und Admirale der Bundeswehr, Herford u.a. 1990 (künftig zitiert: Range (1990): Generale und Admirale Bundeswehr). Vgl. Johannes Hürter: Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42 (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 66), München 2006, zugl.: Mainz, Univ., Habil., 2006 (künftig zitiert: Hürter (2006): Hitlers Heerführer). Vgl. Dieter E. Kilian: Führungseliten. Generale und Admirale der Bundeswehr. 1955–2015, Bielefeld 2014 (künftig zitiert: Kilian (2014): Führungseliten); Thorsten Loch: Deutsche Generale 1945–1990. Profession – Karriere – Herkunft (= Deutsch-deutsche Militärgeschichte, Bd. 2), Berlin 2021, zugl.: Hamburg, Univ. der Bundeswehr, Habil., 2021 (künftig zitiert: Loch (2021): Deutsche Generale 1945–1990). Vgl. Franz Halder: Vom Polenfeldzug bis zum Ende der Westoffensive. 14.8.1939–30.6.1940 (= Kriegstagebuch. Tägliche Aufzeichnungen des Chefs des Generalstabes des Heeres, Bd. 1), Stuttgart 1962 (künftig zitiert: Halder (1962): KTB. Band 1); Franz Halder: Von der geplanten Landung in England bis zum Beginn des Ostfeldzuges. 1.7.1940–21.6.1941 (= Kriegstagebuch. Tägliche Aufzeichnungen des Chefs des Generalstabes des Heeres, Bd. 2), Stuttgart 1963; Franz Halder: Der Russlandfeldzug bis zum Marsch auf Stalingrad. 22.6.1941–24.9.1942 (= Kriegstagebuch. Tägliche Aufzeichnungen des Chefs des Generalstabes des Heeres, Bd. 3), Stuttgart 1964 (künftig zitiert: Halder (1964): KTB. Band 3); Wilhelm R. von Leeb/Georg Meyer (Hrsg.): Tagebuchaufzeichnungen und Lagebeurteilungen aus zwei Weltkriegen (= Beiträge zur Militär- und Kriegsgeschichte, Bd. 16), Stuttgart 1976 (künftig zitiert: Leeb (1976): Tagebuch); Fedor von Bock: Zwischen Pflicht und Verweigerung. Das Kriegstagebuch, München u.a. 1995 (künftig zitiert:

Annäherung an eine Militärbiographie | 11

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Die Aufzählung muss unvollständig bleiben und natürlich stehen die Protagonisten dieser Biographien nicht immer in ihrer Profession als Berufsmilitärs im Mittelpunkt, sondern ihr militärischer Werdegang kann auch als eine Zwischenstation im weiteren Lebensweg eingeordnet werden.20 Theodor Groppe als Generalleutnant und Kommandeur einer drittklassigen Division erreichte weder vom Rang noch seiner Dienststellung her eine Spitzenposition in der deutschen Wehrmacht des Zweiten Weltkriegs. Er gehörte nicht zum Netzwerk des 20. Juli 1944 und seine militärische wie berufliche Karriere war 1940 auf ihrem Höhepunkt angelangt und brach danach jäh ab. Warum also diesen vergleichsweise einflusslosen Offizier in den Mittelpunkt einer umfangreichen wissenschaftlichen Arbeit stellen? Wenn es die Aufgabe eines Biografen ist, […] Beweggründe für diese oder jene Handlung oder Entwicklung zu rekonstruieren, Parallelitäten herzustellen, Einflüsse aufzuzeigen, Traditionslinien nachzuzeichnen […]«21 und darüber hinaus »[…] wichtige Beiträge beim Herausarbeiten und Erklären sowohl individueller Verhaltensmuster als auch überindividueller gruppen- oder gesellschaftstypischer Entwicklungen […]«22 aufzuzeigen, dann stellt Theodor Groppe aus mehreren Gründen einen idealen historischen Forschungsgegenstand dar. Nicht nur deckte sein langes Leben von 1882 bis 1973 entscheidende Phasen der deutschen Geschichte – die Epochen- und Erfahrungseinheit der Zeit der Weltkriege23 – ab, sondern als aktiver Offizier, also Teil einer herausgehobenen Profession, unterlag er einer besonderen Sozialisation, entwickelte eine kriegerische Mentalität und nahm ab 1900 an entscheidenden Ereignissen persönlich teil,24 so dass sein individuelles Handeln in den historischen Kontext25 und mit dem Handeln seiner Zeit- und Standesgenossen verglichen werden kann. Immer wieder hob er sich dabei von den Seinen ab. Sei es durch außergewöhnliche kriegerische Begabung, seinen

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Bock (1995): KTB); Ernst Jünger: Kriegstagebuch 1914–1918. Hrsg. von Helmuth Kiesel, Stuttgart 2010 (künftig zitiert: Jünger (2010): KTB 1914–1918); Hans-Joachim Ramm (Hrsg.): Mich trägt mein Glaube. Friedrich von Rabenau. General und Christ im Widerstand. Tagebuch einer Gestapohaft, Saarbrücken 2011 (künftig zitiert: Ramm (2011): Mich trägt mein Glaube); Johannes Hürter (Hrsg.): Notizen aus dem Vernichtungskrieg. Die Ostfront 1941/42 in den Aufzeichnungen des Generals Heinrici, Darmstadt 2016 (künftig zitiert: Hürter (2016): Notizen Vernichtungskrieg). Vgl. Wolfram Pyta: Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler, München 2007 (künftig zitiert: Pyta (2007): Hindenburg). Christian Klein: Einleitung: Biografik zwischen Theorie und Praxis. Versuch einer Bestandsaufnahme (künftig zitiert: Klein (2002): Einleitung Biografik), in: ders. (Hrsg.): Grundlagen der Biographik. Theorie und Praxis des biographischen Schreibens, Stuttgart 2002, S. 1–22, hier S. 15. Ebd. Vgl. Bruno Thoß: Die Zeit der Weltkriege. Epochen als Erfahrungseinheit? (künftig zitiert: Thoß (2002): Weltkriege), in: ders. (Hrsg.): Erster Weltkrieg – Zweiter Weltkrieg. Ein Vergleich. Krieg, Kriegserlebnis, Kriegserfahrung in Deutschland, Paderborn u.a. 2002, S. 7–30, hier S. 7–9. Vgl. Funck (2000): Militär, Krieg und Gesellschaft, S. 160 f. Vgl. Krethlow (2006): Militärbiographie, S. 14.

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fundamentalistisch anmutenden katholischen Glauben oder auch seine Bereitschaft, sich dem nationalsozialistischen System zu verweigern. Nicht selten müssen Beweggründe und inneres Leben für äußerlich sichtbares (Rollen-)Verhalten vom Biografen geschlussfolgert,26 um nicht zu sagen, geraten werden. Nicht so bei Theodor Groppe. Sein persönliches Handeln und inneres Erleben kann aufgrund eines ungewöhnlich umfangreichen Nachlasses mit unzähligen zeitgenössischen Ego- und Fremddokumenten nicht nur mit mehr oder weniger großen Lücken bruchstückhaft zusammengefügt oder gar fiktional überbrückt,27 sondern beinahe vollständig rekonstruiert werden. Dies ermöglicht Innenansichten der Institution des deutschen Offizierskorps in Frieden und Krieg unter den Bedingungen von Kaiserreich, Republik und Nationalsozialismus. Fragen nach Handlungsspielräumen, Möglichkeiten, Grenzen und Mentalitäten können nicht nur gestellt, sondern konkret und belegbar beantwortet werden,28 um am Ende vielleicht sogar »[…] einem vergangenen Menschen Recht widerfahren [zu] lassen.«29

Forschungsfragen und Methode Um »[…] die Balance zu wahren zwischen der kritischen Distanz des Beurteilenden und dem Einfühlungsvermögen des Verstehenden […]«,30 werden an den Gegenstand der Betrachtung, in diesem Fall einen konkreten Menschen, jene Fragen herangetragen, die sein Handeln erläutern, einordnen oder wo möglich die dahinter liegende Motivation zu beantworten suchen. Die übergeordnete Fragestellung lautet dabei, wie Theodor Groppe innerhalb seines sozialen Rahmens an seine Rollen herangeführt wurde, wie er darin aufging, wann und warum er davon abwich und gewissermaßen aus dem Rahmen ausbrach.31 Als Individuum, eingebunden in die Strukturen seiner Zeit, soll er so plastisch wie möglich herausgearbeitet werden.32 Dies möglichst unter Vermeidung

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Vgl. Romein (1948): Biographie, S. 127. Vgl. Krethlow (2006): Militärbiographie, S. 16 f. Vgl. ebd., S. 1. Kroener (2005): Friedrich Fromm, S. 13. Ebd., S. 24; vgl. dazu auch: Christian Meier: Von der Schwierigkeit, ein Leben zu erzählen. Zum Projekt einer Caesar-Biographie (künftig zitiert: Meier (1979): Caesar-Biographie), in: Jürgen Kocka/Thomas Nipperdey (Hrsg.): Theorie und Erzählung in der Geschichte (= Beiträge zur Historik), München 1979, S. 229–258, hier S. 230. Vgl. Erving Goffmann: Rahmen-Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen, 3. Auflage, Berlin 1993, S. 409 f. (künftig zitiert: Goffmann (1993): Rahmen-Analyse). Vgl. Müller (2009): Beck, S. 10.

Forschungsfragen und Methode | 13

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hagiographischer Anwandlungen,33 die seinen Werdegang als einen vorherbestimmten Weg vom Ende her zu zeichnen suchen. Die erste Rolle, in die er aus Neigung und Entschluss hineinwuchs, war die des preußischen Offiziers. Die Klärung von Groppes Selbstverständnis und anderer Fremdverständnis dieser besonderen Profession soll im Schwerpunkt des ersten Teils stehen, woraus sich folgende Einzelfragen ableiten: Welche charakterlichen Eigenschaften und körperlichen Anlagen brachte er für seine künftige Profession mit? Wie bereiteten ihn elterliche Herkunft, schulische Bildung und Erziehung darauf vor? Welche Stellung besaß der noch nicht Zwanzigjährige als Offizier im Deutschen Kaiserreich? Welche Vorstellungen über den künftigen Krieg entwickelte er im Zuge seiner ersten Berufsjahre im preußisch-deutschen Militär zwischen 1900 und 1914? Der Kriegsausbruch 1914 markierte für den jungen Offizier wie für Europa eine Zäsur. Im Kern steht daher die Frage, wie Groppe im Ersten Weltkrieg zum »Deutschen Krieger«34 (Sönke Neitzel) wurde. Das Geschehen auf den Schlachtfeldern und in den Stäben des Ersten Weltkriegs war für ihn so prägend, dass es nicht beiläufig in wenigen Schlagwörtern abgehandelt werden kann. Wie ein Individuum dazu gebracht werden kann, »[…] die Staatsräson höher zu stellen als die eigene und sein Leben zugunsten des militärischen Gesamtzwecks aufs Spiel zu setzen […]«,35 ist zu untersuchen. Bei einem durch und durch kriegerischen Charakter, wie Theodor Groppe es war, soll daher auch der »Kern des Krieges«,36 die Operationsgeschichte, soweit relevant für seine persönliche Entwicklung, ausreichend Betrachtung finden. Ein Grund dafür ist ebenfalls, dass das Funktionieren eines einzelnen Offiziers in der Realität des Krieges zwar schon häufig, meist oberflächlich erzählt, aber nur selten systematisch untersucht wurde. Die Fragen, die sich entsprechend ergeben, sind: Wie fügte er sich in das Kriegsgeschehen ein und wie ging er mit dem Bruch ziviler Normen, vor allem des Tötungsverbots, um?37 Wie nahm er den Krieg im Großen und den Kampf im Kleinen wahr? Wie hielt er seine eigene Moral und die seiner Männer bis 1918 aufrecht? Welche Rolle spielten 33 34

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Vgl. Raulff (2002): Leben – buchstäblich, S. 57; Krethlow (2006): Militärbiographie, S. 16 f. Vgl. Sönke Neitzel: Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – eine Militärgeschichte, 2. Auflage, Berlin 2020, S. 21 (künftig zitiert: Neitzel (2020): Deutsche Krieger). Ulrich Bröckling: Disziplin. Soziologie und Geschichte militärischer Gehorsamsproduktion, München 1997, zugl.: Freiburg im Breisgau, Univ., Diss., 1997, S. 9 (künftig zitiert: Bröckling (1997): Disziplin). Vgl. Sönke Neitzel: Militärgeschichte ohne Krieg? Eine Standortbestimmung der deutschen Militärgeschichtsschreibung über das Zeitalter der Weltkriege (künftig zitiert: Neitzel (2007): Militärgeschichte ohne Krieg?), in: Geschichte der Politik – Beiheft 44 der Historischen Zeitschrift (2007), S. 287–307, hier S. 293; 301. Vgl. Maja Apelt: Militärische Sozialisation (künftig zitiert: Apelt (2023): Militärische Sozialisation), in: Nina Leonhard/Ines-Jacqueline Werkner (Hrsg.): Militärsoziologie. Eine Einführung, 3., aktualisierte und ergänzte Auflage, Wiesbaden 2023, S. 595–618, hier S. 596.

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die »Stahlgewitter« und seine schwere Verwundung für die weitere Entwicklung seiner Persönlichkeit? Welche Bedeutung besaßen seine militärischen Auszeichnungen für den weiteren Werdegang? Wie ordnete er Kriegsende und die Rolle Kaiser Wilhelms II. in sein Weltbild ein? Die Jahre zwischen 1918 und 1933 waren für den hochdekorierten, charakterlich gefestigten Offizier in mittleren Jahren eine Zeit der beruflichen und familiären Konsolidierung. Für diese anfänglich turbulenten, später beinahe behaglichen Jahre ergeben sich folgende Fragen: Wie beurteilte er Niederlage, Revolution und die Krisenjahre bis 1923 und welche konkreten Handlungen leitete er daraus ab? Wie verstand er, der bekennende Monarchist, seine Rolle als Offizier in der republikanischen Reichswehr? Welche gesellschaftliche Stellung besaß er als Stabsoffizier der Reichswehr in der Weimarer Republik? Im Januar 1933 schien die militärische Laufbahn Theodor Groppes ehrenvoll ihrem Ende entgegenzugehen. Dennoch diente er noch bis Frühjahr 1940, stieg bis in die Generalsränge des Heeres auf und wirkte für ein Regime, das er innerlich ablehnte. Um sein Denken und Wirken in diesen stürmischen Jahren zu verstehen, sollen Antworten auf folgende Fragen gefunden werden: Wie nahm der Katholik und Offizier die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im NS-Staat zwischen 1933 und 1939 wahr? Welche seiner Handlungen arbeiteten den Kriegsvorbereitungen systemkonform zu? Welche Stellung besaß ein General der Wehrmacht und welchen Handlungsspielraum konnte er als Divisionskommandeur für sich beanspruchen? Wie blickte der 1940 abgelöste General auf das NS-System? Wie beurteilte er in diesen Jahren die Ideen, Ideologien, Strukturen, Institutionen sowie ausgewählte Ereignisse, die das Regime hervorbrachte? Welche seiner Handlungen sind als nonkonform, widerständig oder gar als Widerstand zu werten und inwieweit ist Theodor Groppe in den Widerstand bzw. militärischen Widerstand gegen Hitler und den nationalsozialistischen Staat einzuordnen? Mit knapper Not sollte Theodor Groppe die Verfolgung durch den NS-Staat überstehen, um sich in den Trümmern der Nachkriegszeit wiederzufinden. Hier kämpfte er nicht nur um seine eigenen Belange, sondern darüber hinaus um Rehabilitation und Absicherung einer Generation von Offizieren, die lange vor 1933 in den Militärdienst trat. Den Aufbau bundesrepublikanischer Streitkräfte begrüßte er. Dazu die Fragen: Wie ordnete sich Theodor Groppe nach 1945 in Wort und Tat in die Realität der westdeutschen Nachkriegszeit ein? Wie wurde seine Rolle nach 1945 in der Öffentlichkeit und nach 1955 in der Bundeswehr bewertet? Methodisch folgt die Arbeit der Chronologie des Lebensweges Theodor Groppes, was einen nachvollziehbar roten Faden darstellt und das Individuum in »[…] seiner veränderlichen, aber unteilbaren Einheit […]«38 erhält. Nicht alles, was dem Protagonis38

Romein (1948): Biographie, S. 126.

Forschungsfragen und Methode | 15

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ten seinerzeit wichtig war, ist es gleichermaßen heute. Das Überspringen einzelner, belangloser Begebenheiten bei gleichzeitiger Vertiefung bestimmter Details39 dient dabei stets dem vordergründigen Ziel der fairen Zeichnung eines komplexen Werdegangs und der Einordnung in den allgemeinen historischen Zusammenhang. Unterbrochen sind die einzelnen Stationen von Quer- und Längsschnitten, die zur Darstellung von Groppes eigener Sicht auf die Dinge, aber vor allem zur Einordnung, Beurteilung und Bewertung unterschiedlicher Aspekte dieses wechselreichen Lebens dienen sollen. Ein Leben, von dem Groppes Ehefrau Irma lange nach dem Tod des Generals nach Lesen eines Lebensbildes sagte: »Liest sich leichter als gelebt.«40 Das soll auch für vorliegende Lektüre gelten. Dem Autor sei daher verziehen, dass er in einer wissenschaftlichen Arbeit, deren Gattung der Literatur, genauer dem Roman, so nahe liegt, wie keine andere,41 eine erzählende Sprache zu pflegen sucht,42 die an geeigneten Punkten dem Spannungsbogen seines Gegenstandes einigermaßen gerecht wird. Nicht zuletzt, um deren Ergebnisse über die eigene Zunft hinausreichen zu lassen.43 Dieser Anspruch soll der wissenschaftlichen Klarheit und Eindeutigkeit in keiner Weise entgegenstehen.44

Forschungsstand Ausgangspunkt für die wissenschaftliche Auseinandersetzung war der Forschungsaufsatz »Theodor Groppe. Ein General im Widerstand gegen den Nationalsozialismus«, der im Jahr 1987 im Kurtrierischen Jahrbuch45 von Horst Mühleisen veröffentlicht wurde.46 Der Archivar und Historiker,47 1981 bei Andreas Hillgruber promoviert, arbeitete ab 1989 im Archiv der Universität Trier. Mit Erlaubnis von Irma Groppe,48 der Witwe des Generals, wertete er den privaten Nachlass erstmals aus, um ein fundiertes, gut lesbares Lebensbild zu erstellen. Dem Aufsatz, der schon aus Platz- und Zeitgründen mit Kritik und Einordnung sparsam umging, gebührt der Verdienst, die Person Groppes 39 40 41 42 43 44 45

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Vgl. ebd., S. 143–153. Horst Mühleisen, Brief 19. 7. 2020, hier S. 2. Vgl. Romein (1948): Biographie, S. 115; Raulff (2002): Leben – buchstäblich, S. 59. Vgl. Mann (1979): Plädoyer, S. 52 f.; Meier (1979): Caesar-Biographie, S. 231. Vgl. Klein (2002): Einleitung Biografik, S. 2. Vgl. Krethlow (2006): Militärbiographie, S. 19. Vgl. H-Soz-Kult: Kurtrierisches Jahrbuch (www.hsozkult.de/journals/id/zeitschriften-819; 22.7.2020). Vgl. Horst Mühleisen: Theodor Groppe. Ein General im Widerstand gegen den Nationalsozialismus (künftig zitiert: Mühleisen (1987): Groppe), in: Kurtrierisches Jahrbuch, 27. Jg. (1987), S. 145–210. Vgl. Frankfurter Allgemeine. Zeitung für Deutschland: Traueranzeige Dr. phil. Horst Mühleisen. 31.08.1943 bis 7.12.2021 (https://lebenswege.faz.net/traueranzeige/horst-muehleisen; 6.2.2022). Vgl. Horst Mühleisen, Brief 19. 7. 2020.

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dem Vergessen entrissen und dem Autor die Unterlagen vor Übergabe an das Bundesarchiv 199249 in einen geordneten Zustand gebracht zu haben. Alle später erschienenen Lebensbilder des Generals, so auch meine eigenen, in unterschiedlichen Fassungen erschienener Aufsätze,50 basieren darauf.51 Frühere und spätere Darstellungen gehen über einzelne Episoden, vor allem aus dem Ersten52 und Zweiten Weltkrieg sowie eine stakkatoartige Abarbeitung der Lebensstationen, nicht hinaus. Eine gelegentlich benannte Schrift von Franz Loidl, herausgegeben vom Kirchenhistorischen Institut der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien im Jahr 1975, entpuppte sich – auch zur Überraschung des Autors – als zehnseitiges, handgeklebtes Heft, bestehend aus mit Schreibmaschine abgetippten Beiträgen.53 Texte,54 Reden und Interviews55 des Sohnes Lothar Groppe (1927–2019) sind bezüglich familiärer Details und für Ereignisse ohne alternative Belege hilfreich, aber haben keinen und erhoben nie einen wissenschaft49 50

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Vgl. Bundesarchiv Militärarchiv: Bestandsbeschreibung BArch N 739. Vgl. Martin J. Gräßler: Theodor Groppe. General und Christ im 20. Jahrhundert (künftig zitiert: Gräßler (2019): Theodor Groppe), in: Militärgeschichte. Zeitschrift für historische Bildung (2019), H. 1/2019, S. 10–13; Martin J. Gräßler: Der schwarze General. General und Christ im 20. Jahrhundert (künftig zitiert: Gräßler (2019): Der schwarze General), in: Soldat in Welt und Kirche. Die Zeitschrift des Katholischen Militärbischofs für die Deutsche Bundeswehr (2019), H. 9/2019, S. 24–25; Martin J. Gräßler: Der schwarze General. Generalleutnant Theodor Groppe (1882– 1973), in: Markus Seemann (Hrsg.): Mutige Zeugen. Katholiken zwischen militärischer Pflichterfüllung und Widerstand, Berlin 2020, S. 22–27. Vgl. Thomas Zuche: Theodor Groppe. Der Schwarze General (künftig zitiert: Zuche (2011): Groppe), in: Verein der Ehemaligen des Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Trier e.V. und der Schulleitung (Hrsg.): Zukunft braucht Herkunft. 450 Jahre Friedrich-Wilhelm-Gymnasium Trier. 1561– 2011. Festschrift, Trier 2011, S. 246–251. Vgl. Hanns Möller-Witten: Geschichte der Ritter des Ordens »pour le mérite« im Weltkrieg. Band 1, Berlin 1935, S. 409–411 (künftig zitiert: Möller-Witten (1935): PLM im Weltkrieg. Bd. 1); Hanns Möller-Witten: Feldgraue Sturmvögel. Die Geschichte von Männern, die den Pour le mérite erhielten (= Kampfschriften der Obersten SA-Führung, Bd. 6), München 1938, S. 106–108 (künftig zitiert: Möller-Witten (1938): Feldgraue Sturmvögel). Vgl. Franz Loidl: Theodor Groppe, Generalleutnant. Katholischer Bekenner im deutschen Offiziersrock (= Miscellanea aus dem Kirchenhistorischen Institut der Katholisch-Theologischen Fakultät Wien, Bd. 70), Wien 1973, Als Manuskript vervielfältigt im Kirchenhistorischen Institut (künftig zitiert: Loidl (1973): Groppe). Vgl. Lothar Groppe: Theodor Groppe, (1882–1973). Der »schwarze General«. Ein deutscher Soldat im Kampf für Recht und Sitte (= Miscellanea // Wiener Katholische Akademie, Arbeitskreis für Kirchliche Zeit- u. Wiener Diözesangeschichte, Bd. 32), Wien 1977; Lothar Groppe: Theodor Groppe, der »schwarze General« als Widerstandskämpfer (künftig zitiert: Groppe (1985): Theodor Groppe), in: Katholische Kirche in Hanau (1985), H. 82, S. 113–130; Lothar Groppe: Theodor Groppe, der »schwarze General«. Ansprache anlässlich der Namensgebung des Gebäudes der 2. Kompanie des Panzerbataillons 213 in Augustdorf am 20.7.1990, in: Theologisches. Beilage der »Offerten-Zeitung für die katholische Geistlichkeit Deutschlands« 1.7.1991, S. 345–354. Vgl. Radio Gloria: Interview mit Pater Lothar Groppe (= Geschichte der Weltkirche), 2009; Radio Gloria: Interview mit Pater Lothar Groppe (neugeschnitten aus 2009) (= Geschichte der Weltkirche), 2012.

Forschungsstand | 17

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lichen Anspruch. Darüber hinaus existieren noch einige kurze Einträge in diversen Nachschlagewerken.56 Theodor Groppes langes Leben überspannte die historisch vielleicht relevantesten Phasen und Ereignisse der neueren und neuesten deutschen Geschichte von 1882 bis 1973. Als Katholik gehörte er der bedeutendsten Minderheit im Deutschen Reich an und als Offizier zu jener Profession, die in zwei Weltkriegen als bedeutender Akteur in Erscheinung trat. Allein die Grundlagenliteratur über die Epochen Kaiserreich, Weimarer Republik, Drittes Reich, Westzone und frühe Bonner Bundesrepublik ist kaum überschaubar. Hinzu treten für den gesamten Zeitraum die Werke zu den Personengruppen der Katholiken und Offiziere, zu den Institutionen Königlich-Preußisches Heer, Reichswehr, Wehrmacht und frühe Bundeswehr sowie den Großereignissen Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg und Widerstand. Bezieht man die für Groppes Biographie notwendig zu betrachtenden Themenfelder der politischen und gesellschaftlichen Geschichte, die Spezialstudien zur Operations-, Wirtschafts-, Technik-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte ein, steigt die Anzahl der relevant zu benennenden Titel in absurde Höhen.57 Ein umfassender Einblick in den Forschungsstand des jeweiligen Sachgebietes ist daher kaum zu leisten, für den Leser ermüdend und im Rahmen einer Biographie, die nur vereinzelt Titel durchgängig heranzieht,58 auch unnötig.

Quellenlage Nicht wenige Biografen stehen vor dem Problem, dass ihr Protagonist kaum persönliche und immer noch frei zugängliche Aufzeichnungen hinterlassen hat59 und dessen Gedanken mehr oder weniger rekonstruiert, meist aus dem offensichtlichen Handeln abgeleitet werden müssen. Und nicht jedes Handeln eines langen Lebens ist kohärent, in sich schlüssig und rational.60 Für Theodor Groppe stellt sich dieses Problem aus 56

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Vgl. Walther Killy/Rudolf Vierhaus: Deutsche biographische Enzyklopädie. Band 4: Gies – Hessel (= Bd. 4), München 1996, S. 188. Mehr als 300 Monografien, über 300 Sammelwerksbeiträge und dutzende Aufsätze wurden genutzt. An Ausnahmen wären zu nennen: Karl Demeter: Das deutsche Offizierskorps in Gesellschaft und Staat. 1650–1945, 4., überarbeitete und erweiterte Auflage, Frankfurt am Main 1965 (künftig zitiert: Demeter (1965): Deutsches Offizierskorps); Detlef Bald: Der deutsche Offizier. Sozial- und Bildungsgeschichte des deutschen Offizierkorps im 20. Jahrhundert, München 1982 (künftig zitiert: Bald (1982): Der deutsche Offizier); Neitzel (2020): Deutsche Krieger. Alle anderen Publikationen wurden jeweils nur zur jeweiligen chronologischen oder sachlichen Thematik herangezogen. Vgl. Krethlow (2006): Militärbiographie, S. 13; Kroener (2005): Friedrich Fromm, S. 23; Müller (2009): Beck, S. 11; Nebelin (2010): Ludendorff, S. 19 f. Hier nur drei nahezu beliebige Beispiele. Vgl. Müller (2009): Beck, S. 10.

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mehreren Gründen nicht. Sowohl an glaubwürdigen Ego- als auch Fremddokumenten herrscht eher Überfluss als Mangel und all sein Tun folgt einer für den Historiker nachvollziehbaren Motivation. Theodor Groppe veröffentlichte im Jahr 1947 seine Sichtweise in einem 47-seitigen Heft in Auflage von 10.000 Exemplaren mit dem bezeichnenden Titel »Ein Kampf um Recht und Sitte. Erlebnisse um Wehrmacht, Partei, Gestapo«.61 Für die Zeit des Ersten und Zweiten Weltkrieges liegen, solange Groppe im Einsatz war, detaillierte Tagebücher vor.62 Feldpostbriefe fehlen zwar, was mit Blick auf die begrenzte Aussagkraft dieser Quellengattung, insbesondere für die Rekonstruktion des Kriegserlebnisses, wenig problematisch erscheint.63 Darüber hinaus existiert ein 55-seitiger, handgeschriebener Lebenslauf aus dem Jahr 1941, der vor allem der Selbstreflexion diente.64 Dazu unzählige dienstliche und private Briefe und andere Texte aus der Hand des Protagonisten. Seine Handschrift, deutsche Kurrent, meist mit Füller, selten mit Bleistift geschrieben, ist mit viel Übung größtenteils lesbar und wurde von Groppe gegenüber der Schreibmaschine in der Korrespondenz bevorzugt.65 Zum Teil wurde hier die frei zugängliche, KI-basierte Plattform Transkribus, entwickelt von der Universität Innsbruck und betrieben von der Europäischen Genossenschaft READ-COOP, genutzt, um die tausenden handgeschriebenen Zeilen in digitalen Text umzuwandeln.66 61

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Theodor Groppe: Ein Kampf um Recht und Sitte. Erlebnisse um Wehrmacht, Partei, Gestapo (= Dokumente und Geschehen aus den 12 Jahren, Bd. 1), Trier 1947 (künftig zitiert: Groppe (1947): Recht und Sitte). Das Manuskript mit handschriftlichen Ergänzungen und Korrekturen ist im Nachlass erhalten. 1959 erfolgte eine erweiterte Auflage, die 2008 in einem Quellenband nachgedruckt wurde. Die Seiten der ersten Kriegsmonate 1914 wurden von Groppe aufwändig abgetippt und teilweise ergänzt, vermutlich noch während des Krieges. Die Aufzeichnungen von 1918 und 1939/40 liegen in Form des Notizbuches vor, das er im Feld bei sich trug. Sie waren nicht für eine Veröffentlichung bestimmt, sondern nur für sich selbst, was ihren hohen Wert als zeitgenössische Quelle unterstreicht. Vgl. Aribert Reimann: Die heile Welt der Stahlgewitter. Deutsche und englische Feldpost aus dem Ersten Weltkrieg (künftig zitiert: Reimann (1997): Stahlgewitter), in: Gerhard Hirschfeld (Hrsg.): Kriegserfahrungen. Studien zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs (= Schriften der Bibliothek für Zeitgeschichte, Bd. 5), Essen 1997, S. 129–145, hier S. 131.; Klaus Latzel: Die misslungene Furcht vor dem Tod. Töten und Sterben vor und nach 1918 (künftig zitiert: Latzel (1999): misslungene Furcht), in: Jörg Duppler/Gerhard P. Groß (Hrsg.): Kriegsende 1918. Ereignis, Wirkung, Nachwirkung (= Beiträge zur Militärgeschichte, Bd. 53), München 1999, S. 183–199, hier S. 189. Vgl. Michael Epkenhans/Stig Förster/Karen Hagemann: Einführung. Biographien und Selbstzeugnisse in der Militärgeschichte – Möglichkeiten und Grenzen, in: dies. (Hrsg.): Militärische Erinnerungskultur. Soldaten im Spiegel von Biographien, Memoiren und Selbstzeugnissen (= Krieg in der Geschichte, Bd. 29), Paderborn u.a. 2006, S. IX–XVI, hier S. XIII. Vgl. BArch N 739/46, Betr.: Private Korrespondenz. Das Programm ist unter www.transkribus.eu zu finden. Bei wörtlichen Zitaten aus Dokumenten wurden die Rechtschreibung der besseren Lesbarkeit halber auf den heutigen Standard angepasst,

Quellenlage | 19

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Neben seiner Mitteilsamkeit war Theodor Groppe ein akribischer Mensch, den eine Sammelleidenschaft für persönliche Papiere zeitlebens begleitet hat. Diese ging über jedes gewöhnliche Maß hinaus. In seinem Nachlass finden sich Unterlagen, deren Abschrift oder gar Ablichtung seinerzeit gegen das militärische Dienstgeheimnis verstoßen hat. Das gerade diese zum Teil einzigartigen Dokumente militärischer Provenienz für die Auswertung erhalten geblieben sind, kann für den Biografen nur als Glücksfall gewertet werden. Ein wichtiger Aktenbestand für die Beurteilung der militärischen Laufbahn fehlt: die Personalakte. Weder im Kaiserreich noch in der Reichswehr noch der Wehrmacht besaß der Offizier das Recht auf Einsichtnahme (oder gar Kopie) seiner eigenen Personalakten, weswegen keine im Nachlass zu finden sind.67 Die im Bundesarchiv/Militärarchiv Freiburg befindliche Personalakte enthält ausschließlich Abrechnungsunterlagen zwischen 1942 und 1945.68 Sicher ist, dass die militärische Personalakte 1944 zwischen Volksgerichtshof und Reichskriegsgericht in Torgau pendelte,69 bevor sie an die Ermittlungsbehörden von SS und Polizei versandt wurde, die sie sehr wahrscheinlich vor Kriegsende vernichteten.70 Daher wird der größte Teil dieser wichtigen Quelle seit Mitte Januar 1945 als verschollen zu gelten haben. Trotz dieser Fehlstelle bleibt der viele tausend Dokumente aller Art umfassende Nachlass71 ein Fundus erster Güte.

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Abkürzungen ausgeschrieben und offensichtliche Fehler stillschweigend korrigiert. Vgl. Patrick O. Heinemann: Rechtsgeschichte der Reichswehr 1918–1933 (= Krieg in der Geschichte, Bd. 105), Paderborn u.a. 2017, zugl.: Bayreuth, Univ., Diss. 2016, S. 127 (künftig zitiert: Heinemann (2017): Rechtsgeschichte Reichswehr). Vgl. BArch PERS 6/22629, Betr.: Groppe, Theodor – Abrechnungsunterlagen 1942–1945. Vgl. BArch R 3017 43109, Betr.: Beklagter: Theodor Groppe wegen Zersetzung der Wehrkraft. Zweifel am deutschen Endsieg; Mühleisen (1987): Groppe, S. 190 f.; Michael Peter, E-Mail 6. 7. 2020; Vojenský ústřední archiv, E-Mail 26. 8. 2020; Wolfgang Oleschinski, E-Mail 28. 4. 2021. Laut Oberstleutnant Michael Peter, ehemals BArch/Militärarchiv Freiburg, wurde die militärische Personalakte vermutlich an die Staatsanwaltschaft abgegeben. Die im BArch Berlin/Lichterfelde befindliche Strafprozessakte enthält außer der Handakte, keine Unterlagen. Vgl. HHStAW 486 Nr.: 31661, Betr.: Karteikarte Gestapo 4.11.1944; Johannes Tuchel, E-Mail 28. 4. 2021; Linda von Keyserlingk-Rehbein, E-Mail 16. 6. 2021; Johannes Hürter, E-Mail 24. 11. 2021. Die Karteikarte der Gestapo enthält nur den Aufdruck vom 4.11.1944: »Wird im Vorgang ›20. Juli 1944‹ genannt.« Das bedeutet, der Einschätzung von Linda von Keyserlingk-Rehbein folgend, dass Groppe als bekannter Regimegegner verhört, sich ein konkreter Verdacht aber nicht erhärten ließ. Auch bei Oberbefehlshabern, die 1941 den Angriff auf die UdSSR führten und zu denen Johannes Hürter 2006 eine Studie veröffentlichte, fanden sich bei Generalen, die mit dem 20. Juli 1944 in Verbindung standen oder durch Verfolgungsbehörden gebracht wurden, keine Personalakten im Bundesarchiv. Im Bestand der Gedenkstätte Deutscher Widerstand Berlin sind laut Leiter Johannes Tuche keine Unterlagen zu Groppe vorliegend. Die Möglichkeit, dass die Personalakte nach 1945 während des Rehabilitations- und Entschädigungsverfahren einbehalten wurde, hat sich nicht bewahrheitet. Vgl. BArch (2021): Bestandsbeschreibung BArch N 739.

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Ein weiterer, deutlich kleinerer Bestand befand sich im Privatarchiv des jüngsten Sohns, des Jesuitenpaters Lothar Groppe. Dabei handelte es sich größtenteils um Kopien von Dokumenten, welche auch im Nachlass zu finden sind. Von größerer Relevanz war Korrespondenz, die der Sohn nach dem Krieg führte, um biographische Details zu klären. Er versuchte mehrere Jahre lang, Autor und Verlag zu finden, die ein Lebensbild sowie relevante Dokumente veröffentlichen würden. Schließlich transkribierte der katholische Diakon Thomas Marin dutzende Quellen und veröffentlichte diese 2008 in einer Auflage von 2.000 Exemplaren zusammen mit einigen Faksimiles, Fotografien und den bereits benannten Lebensbildern von Franz Loidl, Lothar Groppe und dem Erlebnisbericht Groppes aus dem Jahr 1947 bzw. 1959.72 Weitere Dokumente konnten nicht mehr eingesehen werden73 und befinden sich bis auf Weiteres unzugänglich als Nachlass im Archiv der Deutschen Provinz der Jesuiten.74 Der letzte Bestand befand sich im Hessisches Hauptstaatsarchiv, der sich trotz seiner vergleichsweise geringen Anzahl an Dokumenten als sehr wertvoll herausstellte. Die Akten betreffen vornehmlich die Entnazifizierung, Groppes Tätigkeit als Sachverständiger in einer Spruchkammer 1948 sowie Renten- und Entschädigungsvorgänge aller Art. Da seinerzeit Ermittlungen über sein Wirken vor 1945 angestellt wurden, sind hier auch Dokumente von Gestapo und SD zu finden. Darüber hinaus existieren Unterlagen zu größeren und kleineren Ereignissen mit Bezug auf Groppes Leben in Stadt-, Kirchen und Privatarchiven.

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Vgl. Thomas Marin (Hrsg.): Theodor Groppe, der »Schwarze General«. Ein katholischer Soldat im Kampf für Recht und Sitte, Bad Schussenried 2008 (künftig zitiert: Marin (2008): Theodor Groppe); Thomas Marin, Telefonat 16. 7. 2020. Vgl. Lothar Groppe, Brief 27. 7. 2019.. Vgl. Archiv der Deutschen Provinz der Jesuiten, E-Mail 23. 7. 2020.

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1. Kaiserreich und Erster Weltkrieg (1882 bis 1918)

Charakter und Anlagen Auch wenn es schwerfällt, durchziehende individuelle Eigenschaften eines Menschen und etwas so Vielschichtiges und Wechselhaftes1 wie eine Persönlichkeit von langer Lebensdauer auf wenige Punkte herunterzubrechen, kommt eine Biographie nicht umhin, dies in Grundzügen zu tun. Wenn wir den Menschen als Verbindung von Veranlagung, Erziehung und Prägung verstehen wollen, dann lassen sich zumindest einige lebenslang erhaltene Charaktereigenschaften festhalten, die Theodor Groppes Denken und Handeln in bestimmte Bahnen lenkten. Er war bis Kriegsausbruch 1939 von athletisch-muskulöser, nach 1945 durch Entbehrung von schlanker und mit 1,85–1,89 Meter auch immer großer Gestalt. Seine blauen Augen und blonden Haare, die frühzeitig einer Glatze wichen, komplettierten das Bild eines stattlichen Herren. Jagen, Reiten und Schwimmen übte er noch als General aus. Die Verwundungen, erst am rechten, dann am linken Knie im Sommer und Herbst 1918 haben Jahre lang keine Einschränkungen gezeitigt, wohingegen die schwere Verletzung durch einen Minensplitter, die kurz vor Kriegsende 1918 beinahe zum Tode führte, am linken Hinterkopf eine sichtbare Narbe hinterließ. Bis 1941, zu Beginn seines sechsten Lebensjahrzehnts, war er immer von guter Gesundheit.2 Nach 1945 galt er als schwer kriegsbeschädigt,3 ab 1962 baute er sichtbar ab und konnte sich zehn Jahre später, mit 90 Jahren, nur noch mühsam erheben.4 Er besaß nach Ansicht von Familie und Freunden bis ins hohe Alter ein überragendes Gedächtnis: Noch im neunten Lebensjahrzehnt rezitierte er Gedichte aus seiner 1 2 3

4

Vgl. Müller (2009): Beck, S. 10. Vgl. BArch N 739/14 I, Betr.: Lebenslauf von 1941, Blatt I. Vgl. BArch N 739/52, Betr.: Ausweisdokumente, Schwerkriegsbeschädigtenausweis 13.10.1956; HHStAW Bestand 518 Nr. 12476, Betr.: Entschädigungs- und Wiedergutmachungsverfahren Theodor Groppe, Stellungnahme der Betreuungsstelle und deren Beirat zum Antrag auf Wiedergutmachung 18.4.1950 sowie Ärztliche Bescheinigung 26.11.1950. Vgl. BArch N 739/13, Betr.: 90. Geburtstag – Ansprachen und Fotos.

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Schul- und frühen Militärzeit,5 auch in Latein und Altgriechisch.6 Mit der Fähigkeit, lateinische Texte, allen voran Cäsar, ebenso schnell zu übersetzen, als wenn er eine Zeitung vorlese, beeindruckte er seine über den Hausaufgaben sitzenden Kinder.7 Lernen fiel ihm in der Jugend leicht, aber nur wenn sich der zu lernende Inhalt mit seinen Interessen überschnitt. In militärischen Belangen war das der Fall, im Schulunterricht des humanistischen Gymnasiums nur in Teilen.8 Die in der Offiziersauswahl- und ausbildung seit dem frühen neunzehnten Jahrhundert in deutschen Heeren bestimmenden Prinzipien von Intellekt und Charakterstärke9 erfüllte er mit Blick auf seine recht erfolgreiche Laufbahn in hohem Maße, auch wenn Letzteres nicht nur stärker ausgeprägt, sondern für sein Leben auch bestimmender sein sollte. Obgleich lebenslang überzeugter Soldat und Monarchist schien sein Verständnis von Befehl und Gehorsam stets das Mitdenken und je nach Umstand auch das Abändern oder gar die Nichtausführung einzuschließen.10 Ein starker Hang zu Abenteuer und Regelbruch zeichneten sich bereits beim Schüler Groppe ab. Entzog er sich doch der Strenge der Quinta des Gymnasiums (6. Klasse) über eine Woche lang und hauste – ausgestattet mit Lektüre von Karl May und versorgt durch Klassenkameraden – in den nahegelegenen Bergen.11 Seine Urteile fielen meist erst nach eingehender Beschäftigung,12 oft differenziert,13 aber nicht immer ohne Pauschalität.14 Pflichtverletzungen wurden heftig und mit derbem Ausdruck gerügt.15 Dabei neigte er, vor allem als Vater und Vorgesetzter, zur 5

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Vgl. Lothar Groppe: Theodor Groppe 1882–1973. Der »Schwarze General«. Ein deutscher Soldat im Kampf für Recht und Sitte (künftig zitiert: Groppe (2008): Der »Schwarze General«), in: Thomas Marin (Hrsg.): Theodor Groppe, der »Schwarze General«. Ein katholischer Soldat im Kampf für Recht und Sitte, Bad Schussenried 2008, S. 54–86, hier S. 58 f. Vgl. Lothar Groppe: Über dem Befehl steht Gott. Zum 90. Geburtstag des »schwarzen Generals«. Beitrag in Deutschland Magazin, August/September 1972, S. 45 (künftig zitiert: Groppe (2008): 90. Geburtstag), in: Thomas Marin (Hrsg.): Theodor Groppe, der »Schwarze General«. Ein katholischer Soldat im Kampf für Recht und Sitte, Bad Schussenried 2008, 87–93, hier S. 87 f. Vgl. N 739/14 I, Blatt I. Vgl. BArch N 739/28, Betr.: Zeugnisse, Urkunden, Patente. Hierzu weiter unten. Vgl. Geoffrey P. Megargee: Hitler und die Generäle. Das Ringen um die Führung der Wehrmacht 1933–1945, Paderborn u.a. 2006, S. 286 (künftig zitiert: Megargee (2006): Hitler und die Generäle). Vgl. Groppe (2008): Der »Schwarze General«, S. 59–63. Vgl. N 739/14 I Blatt I. Vgl. BArch N 739/24 I, Betr.: Frankreichreise 1912. Vgl. Theodor Groppe: Ein Kampf um Recht und Sitte. Erlebnisse um Wehrmacht, Partei, Gestapo (künftig zitiert: Groppe (2008): Recht und Sitte), in: Thomas Marin (Hrsg.): Theodor Groppe, der »Schwarze General«. Ein katholischer Soldat im Kampf für Recht und Sitte, Bad Schussenried 2008, S. 9–49, hier S. 12. Vgl. N 739/14 I, Blatt V. Vgl. Lothar Groppe: Rede anlässlich des Begräbnisses von Theodor Groppe. Trier, den 2.5.1973 (künftig zitiert: Groppe (2008): Rede Begräbnis), in: Thomas Marin (Hrsg.): Theodor Groppe, der

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Strenge, aber nicht ohne Sorge und ernsthaftes Interesse.16 Ein Familienmensch war er gleichwohl nicht. Stellte er, der erst mit beinahe vierzig Jahren Ehe und Vaterschaft erleben sollte, Wohl und Wehe der zwischen 1933 und 1945 noch unversorgten Kinder stets hinter seine Prinzipien zurück, obwohl diese ihn schon früh mit dem nationalsozialistischen Regime in Konflikt brachten.17 Auch sind nur wenige Freundschaften bekannt. Die aber pflegte er ein Leben lang. Jagd mit einigen von ihnen war ihm Passion18 und jeder Waidmann weiß, dass dabei wenig Worte gewechselt werden.19 Überhaupt scheinen die Freude der Ansitzjagd, das tägliche stille Gebet und die wenigen engen Freunde für einen Mann zu sprechen, der sich selbst in der Einsamkeit genügte. Die daraus entspringende Abneigung von Masse und Massenbewegungen sowie Tendenz zum Nonkonformismus dürften die andere Seite der gleichen Medaille sein. Optimismus und eine Prise schwarzen Humors gehörten zweifellos zu seinen Eigenschaften. So riet er seinem Regimentskommandeur im August 1914, als der Angriff in heftigem Infanterie- und Artilleriefeuer stockte und die Soldaten »[…] wiederholt stöhnten, im Anklang an die Worte des verblichenen Wellington, […] ›Ich wollte, es würde Nacht oder die Bayern kämen‹ […]«, also auf Verstärkung oder Dunkelheit warteten, doch »[…] die Uhr ein bisschen vorzudrehen«.20 Der Groppe väterlich verbundene Kommandeur, deftigem Humor nicht abgeneigt, war wenig begeistert. Ähnliche Episoden finden sich zuhauf. Auch eine gewisse Eitelkeit wird man ihm nicht absprechen können. Sammelte er doch jeden noch so kleinen Zeitungsschnipsel, der seinen Namen erwähnte.21 Jeder noch so triviale Angriff auf seine persönliche Ehre oder Grundsätze, unerschütterlich gefestigt ab Kriegsende 1918, wurden hart und teils bis ins Groteske verfolgt, was nicht nur im Dienst, sondern auch in der Familie zuweilen für böses Blut sorgte.22 Diese alltägliche Sturheit, konzentrierte sich in den Abwehrkämpfen gegen Ende des Ersten Weltkriegs 1918 in der soldatischen Tugend schlechthin: der Tapferkeit.23

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»Schwarze General«. Ein katholischer Soldat im Kampf für Recht und Sitte, Bad Schussenried 2008, S. 157–160, hier S. 159. Ebd. Vgl. Groppe (2008): Der »Schwarze General«, S. 64. Vgl. N 739/14 I, Blatt I.; N 739/46, 1919–1930; BArch N 739/47, Betr.: Private Korrespondenz, 1933–1941; BArch N 739/53, Betr.: Private Korrespondenz. So beredsam das Zusammensein bei Gesellschaftsjagden sein kann, so schweig- und einsam verbringt der Jäger Stunde um Stunde auf dem Ansitz und der Pirsch. BArch N 739/25, Betr.: KTB 1914–1915, Eintrag 26.8.1914. Vgl. BArch N 739/36, Betr.: Zeitungsausschnitte und Leserbriefe über bzw. von Theodor Groppe. Vgl. N 739/47. Aufgrund einer wohl scherzhaften Äußerung, die Groppes Kinder, damals 11 und 15, im Haus der Schwiegereltern im Herbst 1936 hörten, sagte der damals 54-jährige General die Einladung zur Familienhochzeit ab. Der teils bitterböse Briefwechsel ist im Nachlass erhalten. Vgl. Felix Römer: Kameraden. Die Wehrmacht von innen (= Piper, Bd. 30417), München u.a. 2014, S. 157 (künftig zitiert: Römer (2014): Kameraden). Nach Ansicht des Autors sind »Tapfer-

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Seine Loyalität war schwer zu erschüttern und gehörte ab 1900 dem Haus Hohenzollern, präziser Kaiser Wilhelm II., und das auch nach Abdankung und bis zu dessen Tod im niederländischen Exil 1941.24 Ab 1921 bis zu seinem eigenen Tod dann sicher auch seiner Frau Irma (»Irmel«), mit der er über 52 Jahre lang verheiratet war.25 Sein katholischer Glaube war, wie noch zu zeigen ist, nicht seit Kindheitstagen unerschütterlich fest und fromm,26 sondern entwickelte sich aus der Saat des Elternhauses und – man ist geneigt an Luther im Unwetter bei Stotternheim 1505 zu denken – in den Stahlgewittern des Ersten Weltkrieges zu einem unerschütterlichen Fundament seines weiteren Lebens.27 Mit diesem Rüstzeug, das nur noch aushärtete, stellte er sich den Herausforderungen seiner Zeit. Um ihn als Mensch, Offizier, Krieger, Katholiken und unerschütterlichen Monarchisten zu begreifen, folgen wir seinen Stationen von Bildung, Erziehung und beruflicher Sozialisation im Deutschen Kaiserreich und hinein in den Ersten Weltkrieg.28

Herkunft und Erziehung (1882–1900) Albert Maria Theodor Groppe wurde am 16. August 1882 in Trier geboren.29 Die Geschichte der Römerstadt an der Mosel, die als eine der ältesten Deutschlands gelten darf,30 drang ihm früh zu Bewusstsein und prägte. Kelten siedelten im 5. Jahrhundert

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keit« und »Sturheit« »[…] die Pole intrinsischer und sozialer Motivation bei Verinnerlichung des Soldatenethos.« Vgl. N 739/14 I, Blatt X: »Ich habe meinem Kaiser und König die Treue über das Grab hinaus gewahrt und bin jedem zu Leibe gerückt, der es wagte, ihn anzugreifen.« Vgl. Groppe (2008): Rede Begräbnis, S. 157. Ebd., S. 159 f. Vgl. Franz Loidl: Theodor Groppe 1882–1973. Vorbemerkung zur Wiener Veröffentlichung (künftig zitiert: Loidl (2008): Groppe), in: Thomas Marin (Hrsg.): Theodor Groppe, der »Schwarze General«. Ein katholischer Soldat im Kampf für Recht und Sitte, Bad Schussenried 2008, S. 50–53, hier S. 51.; Mühleisen (1987): Groppe, S. 147; Groppe (2008): 90. Geburtstag, S. 88. Vgl. M. R. Stonemann: Bürgerliche und adelige Krieger. Zum Verhältnis zwischen sozialer Herkunft und Berufskultur im wilhelminischen Armee-Offizierkorps (künftig zitiert: Stonemann (2001): Bürgerliche und adelige Krieger), in: Heinz Reif (Hrsg.): Adel und Bürgertum in Deutschland. Entwicklungslinien und Wendepunkte im 19. Jahrhundert (= Bd. 2), Berlin 2001, S. 25–64, hier S. 34. Vgl. N 739/14 I, Blatt I; BArch BArch N 739/14 II, Betr.: Recherchen zur Familie nach 1973, S. 1; Pfarrei St. Antonius Trier: Taufeintrag für Theodor Maria Albert Groppe (künftig zitiert: Pfarrei St. Antonius Trier (1882): Taufeintrag für Theodor Maria Albert Groppe), in: Bistumsarchiv Trier (Hrsg.): Kirchenbuch St. Antonius Trier, S. 45. Die staatliche Geburtsurkunde ist nicht erhalten. Vgl. Jens Fachbach (Hrsg.): Architekturführer Trier, Petersberg 2015, S. 8 (künftig zitiert: Fachbach (2015): Architekturführer Trier).

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vor Christus, die ansässigen Treverer standen an der Spitze des Aufstands, der als Gallischer Krieg in das Gedächtnis Europas eingegangen ist und wenig später erhielt der neu gegründete Militär- und Verwaltungssitz den Namen Augusta Treverorum.31 Mit Roms Untergang gewann die Kirche und schuf mit dem Dom St. Peter im 4. Jahrhundert einen Maßstab für alle Kirchenbauten nördlich der Alpen, der trotz aller Stürme den Charakter als spätantik-mittelalterliches Bollwerk behielt.32 In seinem Schatten entstand eine »Civitas Sancta«,33 gleichwohl »[…] raue Bürgerschaft und ein Volk mit harten Schädeln […]«.34 Durch Unterdrückung der Reformation 1559 und Reform der kirchlichen Institutionen blieb der katholische Glauben beim Volk, »einfach und zur Frömmigkeit geneigt«,35 tief verwurzelt. Es folgten Krieg und Besatzung, Verlust der Unabhängigkeit36 und wirtschaftlicher Niedergang,37 nicht ohne Hexenverfolgung und Pogrome.38 Ende des 18. Jahrhunderts schrieb Johann Wolfgang von Goethe von einem »Pfaffennest, das in einer angenehmen Gegend liegt«.39 Zwei Jahre nach diesen Zeilen, im Jahr 1794, nahmen Revolutionsarmeen die Stadt ein40 und zwei französische Jahrzehnte folgten, was keine Bauten,41 aber tiefe Umwälzung mit sich brachte.42 Die Neugestaltung führte zu Aufschwung43 und die lokale katholische Kirche profitierte von der Neuordnung, die der Festigung des rheinisch-französischen Bündnisses diente.44 Am 6. Januar 1814 be-

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Vgl. Gabriele Clemens/Lukas Clemens: Geschichte der Stadt Trier, München 2007, S. 7–13 (künftig zitiert: Clemens et al. (2007): Geschichte Trier); Fachbach (2015): Architekturführer Trier, S. 9. Vgl. Fachbach (2015): Architekturführer Trier, S. 42–48. Vgl. ebd., S. 12–15. Ebd., S. 11 Zitiert wird der Lothringer Albero von Munsterol (1080–1152), Erzbischof Triers. Gunther Franz: Geistes- und Kulturgeschichte 1560–1794 (künftig zitiert: Franz (1996): Geistesund Kulturgeschichte 1560–1794), in: Kurt Düwell/Franz Irsigler (Hrsg.): Trier in der Neuzeit (= 2000 Jahre Trier, Bd. 3), Trier 1996, S. 203–373, hier S. 216. Vgl. Richard Laufner: Politische Geschichte, Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte 1580–1794, in: Kurt Düwell/Franz Irsigler (Hrsg.): Trier in der Neuzeit (= 2000 Jahre Trier, Bd. 3), Trier 1996, S. 1–60, hier S. 4. Vgl. Klaus Gerteis: Sozialgeschichte der Stadt Trier 1580–1794, in: Kurt Düwell/Franz Irsigler (Hrsg.): Trier in der Neuzeit (= 2000 Jahre Trier, Bd. 3), Trier 1996, S. 61–97, hier S. 90 f.; Vgl. Franz Irsigler: Wirtschaftsgeschichte der Stadt Trier 1580–1794, in: Kurt Düwell/Franz Irsigler (Hrsg.): Trier in der Neuzeit (= 2000 Jahre Trier, Bd. 3), Trier 1996, S. 99–201, hier S. 198–201. Vgl. Franz (1996): Geistes- und Kulturgeschichte 1560–1794, S. 332–346. Vgl. Fachbach (2015): Architekturführer Trier, S. 17 f., Brief an Christiane Vulpius, 25.8.1792. Vgl. Clemens et al. (2007): Geschichte Trier, S. 130. Vgl. Fachbach (2015): Architekturführer Trier, S. 18. Vgl. Michael Müller: Die Stadt Trier unter französischer Herrschaft 1794–1814 (künftig zitiert: Müller (1996): Trier 1794–1814), in: Kurt Düwell/Franz Irsigler (Hrsg.): Trier in der Neuzeit (= 2000 Jahre Trier, Bd. 3), Trier 1996, S. 377–398; Clemens et al. (2007): Geschichte Trier, S. 130– 133. Vgl. Müller (1996): Trier 1794–1814, S. 391 f. Vgl. ebd., S. 383–385; Clemens et al. (2007): Geschichte Trier, S. 132 f.

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gann mit Einzug der preußischen Truppen,45 die kaum bejubelt wurden,46 eine neue Zeit. Der rebellische Geist hallte unter der neuen Herrschaft weiter.47 Denn obgleich sich die Trierer als deutsch verstanden, musste die Eingliederung ins protestantische Preußen Reibung erzeugen.48 Mit dem Umdrehen Preußens nach Westen und dessen Hineinstoßen nach Deutschland,49 befand sich die Stadt, wirtschaftlich von Frankreich getrennt und auf das bettelarme Umland angewiesen, erneut in wirtschaftlich ungünstiger Lage.50 Fehlende Impulse der frühen Industrialisierung und in Bedrängnis geratene Kleingewerbe- und Handwerkerschaft verstärkten die Verelendung. Selbst der Weinanbau rentierte sich kaum.51 Es wundert wenig, dass Trier einer der Brennpunkte der Revolution von 1848 wurde52 und sich die Lage auch in den folgenden Jahrzehnten kaum besserte.53 Erst danach setzte im Rheinland verzögerter Aufschwung ein, wobei die Stadt sichtbarer Nachzügler blieb.54 Eine Gründerzeit gab es lange nicht55 und der Kulturkampf verzögerte dies zusätzlich.56 Erst mit seiner Beendigung, Wegfall unliebsamer Zoll- und Steuerschranken, wirtschaftlicher Einbindung von Elsass-Lothringen,57 Verbesserung der Infrastruktur, Ansiedlung und Ausweitung von Behörden und nicht zuletzt der wachsenden Bedeutung von Bier, Moselwein58 und Tourismus begann eine 45

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Vgl. Manfred Heimers: Trier als preußische Bezirkshauptstadt im Vormärz 1814–1848 (künftig zitiert: Heimers (1996): Trier 1814–1848), in: Kurt Düwell/Franz Irsigler (Hrsg.): Trier in der Neuzeit (= 2000 Jahre Trier, Bd. 3), Trier 1996, S. 399–419, hier S. 399. Vgl. Clemens et al. (2007): Geschichte Trier, S. 132. Vgl. Müller (1996): Trier 1794–1814, S. 397. Vgl. Heimers (1996): Trier 1814–1848, S. 400 f. Vgl. Sebastian Haffner: Von Bismarck zu Hitler. Ein Rückblick, vollständige Taschenbuch-Neuausgabe, München 2015, S. 21 f. (künftig zitiert: Haffner (2015): Von Bismarck zu Hitler). Vgl. Clemens et al. (2007): Geschichte Trier, S. 133 f. Vgl. ebd., S. 135–137. Vgl. ebd., S. 138 f. Vgl. Alice Kocher: Trier zwischen Revolution und Reichsgründung 1848–1871 (künftig zitiert: Kocher (1996): Trier 1848–1871), in: Kurt Düwell/Franz Irsigler (Hrsg.): Trier in der Neuzeit (= 2000 Jahre Trier, Bd. 3), Trier 1996, S. 421–436, hier S. 426–431.; Kurt Düwell: Trier in der Randlage des zweiten deutschen Kaiserreichs 1871–1918 (künftig zitiert: Düwell (1996): Trier 1871–1918), in: Kurt Düwell/Franz Irsigler (Hrsg.): Trier in der Neuzeit (= 2000 Jahre Trier, Bd. 3), Trier 1996, S. 437–466, hier S. 439. Vgl. ebd., S. 438–440. Vgl. Hans-Hermann Reck: Bautätigkeit und Stadterweiterung in der Kaiserzeit (künftig zitiert: Reck (1996): Bautätigkeit und Stadterweiterung in der Kaiserzeit), in: Kurt Düwell/Franz Irsigler (Hrsg.): Trier in der Neuzeit (= 2000 Jahre Trier, Bd. 3), Trier 1996, S. 467–494, hier S. 472–477. Vgl. Düwell (1996): Trier 1871–1918, S. 453. Vgl. Frank-Lothar Kroll: Geburt der Moderne. Politik, Gesellschaft und Kultur vor dem Ersten Weltkrieg (= Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert, Bd. 1), Berlin 2013, S. 190 (künftig zitiert: Kroll (2013): Geburt der Moderne). Vgl. Gottfried Kentenich (Hrsg.): Geschichte der Stadt Trier von ihrer Gründung bis zur Gegenwart. Denkschrift zum hundertjährigen Jubiläum der Zugehörigkeit der Stadt zum preußischen Staat, Trier 1915, S. 927–929 (künftig zitiert: Kentenich (1915): Trier).

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Entwicklung,59 die bis 1914 anhielt60 und als neuer Höhepunkt wahrgenommen wurde.61 Trier wuchs, wurde aber nie Großstadt und als Theodor Groppe das Licht der Welt erblickte, zählte sie 21.000 Einwohner, dazu noch 4.400 Soldaten der örtlichen Garnison. Als er sie 1900 verließ, lebten hier über 37.000 Einwohner und über 6.200 Soldaten.62 Er blieb ihr zeitlebens eng verbunden, war sich des historischen Erbes bewusst und wollte dort: »[…] wenn es geht, meine letzte Ruhe finden.«63 Dreißig Jahre nach diesen Zeilen sollte sich der Wunsch erfüllen.64 Doch zurück zu den für die Stadt und die deutschsprachigen Lande so bewegten Zeiten. Um 1861 siedelte Eduard Julius Franz Groppe (1837–1909) nach Trier, wo er die Verlegung des katholischen Sonntagsblattes »Eucharius« übernahm.65 Geboren 1837 in Höxter an der Weser,66 diente er 1864 im 2. Westfälischen Landwehr-Regiment Nr. 15 und erhielt, in Reserve vor den Düppeler Schanzen liegend, am 12. April 1864 seine Ernennung zum Königlich-Preußischen Second-Lieutenant (Leutnant). Sechs Tage vor Erstürmung, bei der sein Verband allerdings nicht zum Einsatz kam. Mitten im Aufbau seiner zivilen Existenz als Verlagsbuchhändler beschäftigt, führte der Ausbruch des Deutschen Krieges 1866 den Landwehroffizier zurück in den Krieg, an dem er möglicherweise in Kampfhandlungen verwickelt wurde. Er heiratete am 7. September 1867 die Kölnerin Anna Haas (1841–1914),67 nur wenige Wochen bevor der beliebte und äußerst streitbare Matthias Eberhard (1815–1876) als neuer Bischof inthronisiert wurde.68 In diese Zeit fiel die Etablierung des katholischen Vereinslebens, das in unterschiedlichen Graden allen Bürgern von Trier offenstand und Kultur- und politisches Leben prägten. Als Verlagsbuchhändler, der Kundschaft brauchte, dürfte Eduard Groppe sich diesen Kreisen Gleichgesinnter nicht entzogen haben.69 Am Deutsch-Franzö59 60 61 62

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Vgl. Clemens et al. (2007): Geschichte Trier, S. 145–147. Vgl. Düwell (1996): Trier 1871–1918, S. 457–465. Vgl. Kentenich (1915): Trier, S. 994. Vgl. Kurt Düwell/Franz Irsigler (Hrsg.): Trier in der Neuzeit (= 2000 Jahre Trier, Bd. 3), Trier 1996, S. 616 (künftig zitiert: Düwell et al. (1996): Trier in der Neuzeit). N 739/14 I, Blatt II: »Ich hänge mit unendlicher Liebe an meiner Geburtsstadt und kenne keine Stadt auf der Welt, die mich derart anspricht. Ihre herrliche Lage inmitten einer selten schönen Gegend, die ehrwürdigen Bauten aus der Römerzeit, der alte Dom und die vielen zur Andacht stimmenden Kirchen, die engen, alten, so gemütlichen Straßen, die doch fast alle einen reizvollen Blick auf die Berge gewähren, und endlich ihre vielleicht etwas derbe, aber brave und gottesfürchtige Bevölkerung haben mein ganzes Herz gewonnen.« Vgl. Daniel Klasen, E-Mail 11. 7. 2022. Vgl. Emil Zenz: Geschichte der Stadt Trier im 19. Jahrhundert. Band 2: Vom Beginn der Reaktion bis zum Ausgang des Jahrhunderts 1850–1899, Trier 1980, S. 102 (künftig zitiert: Zenz (1980): Trier im 19. Jahrhundert). Vgl. BArch N 739/14 II, Stammbaum, S. 1. Vgl. ebd., Stammbaum, S. 1. Vgl. Zenz (1980): Trier im 19. Jahrhundert, S. 66–67; 77–78. Vgl. ebd., S. 72–75; 80.

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sischen Krieg 1870/71 nahm er teil, freilich fern von Kugeln und Kanonendonner, als Brigadeadjutant in Koblenz.70 So beschaulich die militärische Laufbahn Eduard Groppes verlief, so wenig Erfolg brachte ihm sein ziviler Beruf. Er führte ab 1871 eine Buchhandlung mit Druckerei im Zentrum von Trier71 und verlegte Bücher, druckte Plakate, Broschüren, Visiten- und Einladungskarten.72 Seine Maschinen waren neu, zum Teil finanziert von einer Aktiengesellschaft, welche eine katholische Tageszeitung etablieren wollte. Ab 1. April 1873 erschien die »Mosel-Zeitung«73 unter seiner Herausgeberschaft und Redaktion, obgleich der lokale Spiritus Rector der katholischen Öffentlichkeit, Georg Friedrich Dasbach (1846–1907),74 Entscheider blieb. Das Blättchen »[…] vertritt die Interessen der Katholiken«75 und war erste katholische Tageszeitung in Trier. Konventionell aufgebaut, sollte der »unumschränkten Herrschaft« der liberalen Blätter, die alles »überwuchern«, die »[…] Standpunkte des seine Kirche treu ergebenen Katholiken, des guten, sein Vaterland aufrichtig liebenden Staatsbürgers, des wahren Volksfreundes […]«76 entgegengehalten werden. Unter Augen preußischer Beamter kein harmloses Unterfangen.77 Als Ankerpunkt des katholischen Glaubens, zog die Stadt die Massen an. Allein 1844 pilgerten rund 750.000 Menschen aus dem Umland zur Heilig-Rock-Wallfahrt des Bischofs von Trier, Wilhelm Arnoldi (1798–1864).78 Unter ihm wurden Dom und Kreuzgang großzügig restauriert.79 Daher wundert es kaum, dass der nach Reichsgründung ausbrechende Kulturkampf (1871–1887)80 gerade im Rheinland erbitterten Wi70 71

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Vgl. BArch N 739/7, Betr.: Verleihungsurkunden Eduard Groppe. Vgl. Heribert Waschbüsch: Vor 140 Jahren öffnet die Trierer Buchhandlung Stephanus, in: Volksfreund 5.11.2018; Stephanus Buchhandlung: Stephanus Bücher in Trier – seit über 140 Jahren (https://stephanus.de/ueber-uns; 8.12.2023). Vgl. Eduard Groppe: Werbeanzeige Ed. Groppe‹s Buchdruckerei, in: Mosel-Zeitung 30.9.1874, S. 4. Vgl. Eduard Groppe: Das Programm der Mosel-Zeitung, in: Mosel-Zeitung 1.4.1873, S. 1. Sämtliche Ausgaben der »Mosel-Zeitung« (224 Nummern) und des Nachfolgers »Neue Mosel-Zeitung« (148 Nummern) liegen im Rheinland-pfälzischen Digitalisierungsportal vor dilibri (https://www. dilibri.de/). Vgl. Kentenich (1915): Trier, S. 987. Eduard Groppe: Bestellungen auf das 4. Quartal 1874 der Neuen Mosel-Zeitung, in: Neue MoselZeitung 1.10.1874, S. 1, hier S. 1. Groppe, Groppe (1873): Das Programm der Mosel-Zeitung, S. 1. Vgl. Gerhard A. Ritter (Hrsg.): Das Deutsche Kaiserreich 1871–1914. Ein historisches Lesebuch (= Kleine Vandenhoeck-Reihe, Bd. 1414), 5. Auflage, Göttingen 1992, S. 199–201 (künftig zitiert: Ritter (1992): Deutsches Kaiserreich). Vgl. Clemens et al. (2007): Geschichte Trier, S. 141; Christopher M. Clark: Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600–1947, 2. Auflage, München 2007, S. 482 f. (künftig zitiert: Clark (2007): Preußen). Vgl. Kentenich (1915): Trier, S. 920. Vgl. Zenz (1980): Trier im 19. Jahrhundert, S. 61–100.

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