24/7 – Ausgabe 14 – August | September | Oktober | November 2021

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24/7 Zeitschrift der TelefonSeelsorge Deutschland

Blickpunkt

MU ß E

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August I September 14.2021 Oktober I November Jahrgang 39 2021


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GUTER TAG

Später Morgen und noch dämmrig Kopf in Daunen, mollig-weich Niemand holt mich aus der Mulde Nein, ich komm' nicht! Auch nicht gleich! Später Mittag, lascher Blitz Das Gewissen will ans Licht: „Du mußt! Du sollst! Du hast zu tun!“ Ich hab zu ruh'n, mehr hab ich nicht! Früher Abend und schon dämmrig Langsam um die Achse dreh'n Augenblick bringt die Gewißheit: Ich mag mich nur von innen seh'n. Später Abend, ganz zufrieden Nicht geleistet, nicht gehandelt Gleich ein Traum, der alles rundet Guter Tag, der so versandelt Fritz Eckenga https://taz.de/Guter-Tag/!1413258/ „Guter Tag“ erschienen in: Fritz Eckenga. Kucken, ob´s tropft. Trockene Geschichten und dichte Gedichte, erschienen in der Edition TIAMAT, Verlag Klaus Bittermann, Berlin 1997


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Willkommen Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen. Astrid Lindgren

Dies ist eines meiner Lieblingszitate; vielleicht weil meine Sehnsucht nach „dem einfach da zu sitzen“ groß ist und ich es selten hinbekomme. Womöglich braucht es innere Ruhe und Zeit dazu, wie Anne Röhl schreibt: „So sitze ich morgens bei einer Kanne Tee, fühle mich zeitlos, wache irgendwann auf, obwohl ich gar nicht geschlafen habe. Ich habe das Gefühl, angekommen zu sein. Ich glaube, ich habe eine unsichtbare Mitbewohnerin, die Muße heißt.“ Unwillkürlich bin ich bei der Muße über die Muse gestolpert und war kurz verwirrt: Schreibt sich Muße nun mit ß oder s ? In der Redaktionskonferenz konnte mir geholfen werden: Muse ist eine der neun Töchter des Zeus und der Mnemosyne und die Schutzgöttin der Künste, und wenn man sich von ihr küssen lässt, dann ist die Muße besonders erfolgversprechend. Lesen können Sie dies in dem Artikel

von Dieter Markmann-Heuscheid „Inspiration und Musik – Wenn mich die Muse in der Muße küsst“. An einer Ausgabe sind immer viele Menschen beteiligt, die Redaktionsmitglieder, die sich in vielen Videokonferenzen überlegen, welche Facetten zum Themenschwerpunkt passen, dann recherchieren, schreiben oder Menschen ansprechen, die einen Aspekt aufgreifen. Daneben die Autorinnen und Autoren, die uns ihre Texte schicken und damit das Magazin lebendig werden lassen. Wie Ihnen bestimmt aufgefallen ist, bildet die Sprache in unserer Zeitschrift Frauen und Männer ab. Für uns ist dies ist ein Zeichen der Höflichkeit und des Respekts. Denn Sprache ist ein Spiegel unseres Alltags, unserer Wertvorstellungen und lenkt unsere Wahrnehmung. Die letzten eineinhalb Jahre waren eine Zeit, wie wir sie noch nie

erlebt haben. Viele von uns haben durch die Lockdowns und Ausgangssperren sehr viel mehr Zeit alleine oder im engen Kreis zuhause verbracht, gingen spazieren oder wandern. Das Deutsche Wanderinstitut hat dazu zwei Umfragen gestartet. Es überrascht uns nicht: Während der Pandemie wird häufiger gewandert. Vielleicht auch eine Form der Muße? In Japan ist das Wandern oder Waldbaden „Shinrin-Yoku“ eine anerkannte Therapieform, und es kommt nicht selten vor, dass Ärztinnen und Ärzte einen mehrtägigen Aufenthalt im Wald verschreiben. Vielleicht sollten wir uns eine der nächsten Redaktionskonferenzen im Wald verschreiben ;-) In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern Zeit zum Waldbaden, Musenküsse und ausreichend Muße.


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INHALT

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BLICKPUNKT

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TIMEOUT

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INSPIRATION UND MUSIK – WENN MICH DIE MUSE IN DER MUßE KÜSST

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KANN ES ZU VIEL DES GUTEN GEBEN? Achtsamkeit kann mich davor bewahren, mich selbst in der Flut meiner Gedankenwelt zu verlieren.

INTERNES

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WISSEN

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TROTZ WIDRIGER UMSTÄNDE

WISSEN Trotz widriger Umstände Inge Pape

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INTERNES Ein Anruf bei Christiane Rieth…. Inge Pape

Offene Tür trotz(t) Corona Christoph Lang

Statistik im Corona-Jahr Ludger Storch

BLICKPUNKT Kein Mensch muss müssen Sybille Wagner

Müßiggang, der Laster Anfang? Andreas Thiemann

Mein Dienstraum – ein Ort der Muße Astrid Brenner

Inspiration und Musik – Wenn mich die Muse in der Muße küsst Dieter Markmann-Heuscheid

Der Vermieter schnarchte durch die Holzdecke Anne Röhl

„Gedenke, dass du den Sabbat heiligst!“ Friedrich Dechant

Kann es zu viel des Guten geben? Anne Michel-Pill

Timeout Dr. Gabriela Piber

Weniger Suizide Dr. Franz-Josef Hücker

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Jahresbericht IFOTES 2020 Michael Grundhoff

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Die Influencer*innen der ersten Stunde Wolfgang Heinlein

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Werden wir jetzt alle „komisch“?

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Insa Wessendorf, Rosemarie Schettler

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Mach dich locker!

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Seufz!

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Rosemarie Schettler

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RESONANZ

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EMPFEHLUNGEN

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IMPRESSUM

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Blickpunkt 24/7 14.2021

MEIN DIENSTRAUM – EIN ORT DER MUß E Der erste Impuls, die Frage zu beantworten, ist vermutlich: Nein, kann gar nicht sein. – TelefonSeelsorge erfordert Empathie, Konzentration, angemessene Reaktionen, kaum ist ein Anruf beendet, kommt schon der nächste rein, die Anrufenden sind nicht immer freundlich… Da ist man fremdbestimmt, das ist Arbeit, da kann Muße doch gar nicht aufkommen. Für die meisten von uns verbindet sich der Ausdruck „Ort der Muße“ vermutlich mit Abgeschiedenheit und Alltagsferne, wie man sie etwa im Wald, in Gärten, Parks oder Museen, Konzertraum oder Theater findet. Diese Orte laden zum Verweilen ein oder wurden sogar zum Zweck des Verweilens geschaffen. Es eröffnen sich dort gedankliche und ganz reale Freiräume für mußevolles Erleben, eventuell sind sie Rückzugsorte. Mußevolles Erleben, Gedanken fließen lassen, wahrnehmen, sich erfreuen … Aber was ist mit mußevollem Tun? An Kindern sehen wir: Sie sind ganz versunken ins Spiel, die Zeit vergessend. Künstler und Gartenliebhaber kennen es auch: selbstbestimmt, ganz gegenwärtig, hingegeben, intensiv, im Flow… Etwas schaffen in Freiheit – das geht auch in der Arbeit, das geht auch bei der Bewältigung von Herausforderungen oder Widerständen. Denn es kommt nicht allein darauf an, was ich tue, sondern wie ich es erlebe.

Dann kann ich zumindest mußefördernde Bedingungen schaffen: Innehalten und Heraustreten aus dem Geschehen, z.B. durch Konzentration auf die Gestaltung des (Dienst-) Raumes, in dem ich mich befinde, der nicht nur funktional eingerichtet ist, sondern auch ästhetische Erfahrung (die farbliche Gestaltung, Blumen in der Vase, Kerze, Bilder an der Wand) und geistige Anregung (Gedichte, Sprüche, Zeitschriften) bietet… genau wie ein Genuss und Entlastung versprechender Gang in die Küche: mich freimachen von dem Belastenden, den kleinen Freiraum nutzen, Ausatmen … Gelassenheit kann sich wieder einstellen. Der Dienstraum ist für mich damit verbunden, dass ich mich dort ganz einer Sache widmen, mich auf ein Einziges konzentrieren kann, zielorientiert oder suchend, spielerisch oder ernsthaft: Selbstbestimmtheit und Freiheit der Gestaltung eines Gesprächs sind an diesem Ort möglich, ich habe Spielräume, wie ich auf die Anrufenden reagieren kann. Es gibt an diesem Ort die Möglichkeit, in einem Gespräch die Intensität des Augenblicks zu erfahren, ganz gegenwärtig zu sein, mit einer/m Anrufenden mitzuschwingen. Es gibt diese Möglichkeit… Wenn man Muße definiert als „erfülltes Tun in Freiheit und Gelassenheit“ (Günter Figal), dann kann man sie im Dienstraum finden. Es kommt auf das Erleben an!

Der Raum in der Dienststelle, in dem ich telefoniere, ist für mich ein Raum der Möglichkeiten: ein Rückzugsraum, den ich aufsuche, um aus meinem Alltag herauszutreten, ein Raum, um die Möglichkeit zu haben, ganz gegenwärtig zu sein, mich zu versenken, ein Raum, mich einzulassen auf das, was kommt. Muße ist allerdings nicht absichtsvoll herbeizuführen und der Dienstraum ist keine Garantie für ein Mußeerleben: Wenn auf einen Anruf sofort der nächste folgt, wenn ich mich nicht genug abgrenzen kann von manipulativen, aggressiven Anrufenden, von verstörenden oder tieftraurigen Telefonaten, dann bin ich fern von jedem Mußeerleben.

ASTRID BRENNER

Ehrenamtliche Mitarbeiterin TelefonSeelsorge Essen


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Blickpunkt 24/7 14.2021

Inspiration & Musik WENN MICH DIE MUSE IN DER MUß E KÜSST

Meine Erfahrungen mit Muße erlebe ich hauptsächlich im Urlaub. Und meist erst nach einer gewissen Anlaufzeit, die ich benötige, um genügend Abstand von den Anforderungen des „normalen“ Lebens (und den Erinnerungen daran) zu gewinnen. Ich weiß das deswegen so genau, weil ich dazu neige, im Urlaub zu komponieren. Die Qualität der musikalischen Ideen, die mich in Zeiten der Muße aufsuchen, ist inhaltlich sehr verschieden von dem, was ich beruflich zu bestimmten Zwecken schreibe. Schon der Prozess der Entstehung ist vom Eintritt in eine andere Welt abhängig. Urlaub bedeutet für mich eine Rückkehr in die Natur und in eine mir noch aus meiner Kindheit bekannte Sorglosigkeit gegenüber der Notwendigkeit dessen, was „getan werden muss“. Ich kenne das Gefühl, „von der Muse geküsst zu werden“ als einen Zustand, in dem ich offen

für die – natürlich schon urlaubstechnisch verklärte – Gegenwart bin und erkenne, wenn mir von meiner Muse etwas angeboten wird, was als melodisches Motiv oder als Harmoniefolge eine besondere seelische Qualität besitzt. Ich erlebe das so, dass mir etwas in einer anderen Welt geschenkt wird und ich dazu beitragen kann, es in unsere Wirklichkeit zu bringen. Die Gestalt, die sich dann durch die Arbeit mit dem gegebenen Material im Laufe der Zeit ergibt, ist nicht von vornherein absehbar. Tatsächlich bleibt die Form häufig beweglich und enthält oft auch bewusst Teile, die von der Improvisation leben und sich nicht festlegen lassen wollen. Ich brauche anscheinend Muße, um in Kontakt mit meiner Muse zu kommen. Die Stücke, die sich aus dieser Inspiration ergeben, haben häufig einen meditativen Charakter, nehmen auch die Einflüsse der mich


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»GEDENKE, DASS DU DEN SABBAT HEILIGST!« Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er gemacht hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk gemacht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk erschaffen hatte. (Gen 2,2f)


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TROTZ WIDRIGER UMSTÄNDE Wie Resilienz die seelische Gesundheit stärkt


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Thomas strengt an. Manchen macht er Angst, wenn er anruft, andere sind nur genervt. Er ist aggressiv, oft beleidigend und voller Wut. Wie man hört, war sein Vater ein Trinker, der seine Frau misshandelte. Als er starb, kamen die „Freunde“ der Mutter. Es waren viele. Wenn die Mutter für den Sex zu besoffen war, musste Thomas herhalten. Seine Kindheit war Missbrauch und Gewalt. Endlich erwachsen, wurde sein Leben nicht besser. Alkohol, Schlägereien, abgebrochene Arbeitsversuche, Gefängnisaufenthalt, das ganze Programm. Jetzt lebt er vom Amt. Manchmal schreit er seine Wut ins Telefon. Wir können ihn eine Weile aushalten, mehr nicht. Er ist ein Überlebender. Mit Sarah ist es einfacher. Sie ist eine freundliche Frau, die ab und zu ein Gespräch braucht. Sie arbeitet als Hilfskraft in einem Altersheim. Wenn sie aus ihrer Kindheit erzählt, was selten vorkommt, ist da auch nur Trostlosigkeit, ein gewalttätiger Vater und eine psychisch kranke Mutter, die oft in die Klinik musste. Die Tochter diente dann als Ersatz. Sarah ging früh aus dem Haus. Sie schaffte einen guten Hauptschulabschluss und fand eine Lehrstelle als Verkäuferin. Später heiratete sie einen Erzieher und bekam zwei Töchter, die beide das Gymnasium besuchen. Sarah ist sehr stolz auf sie. Vor ein paar Jahren machte sie eine Therapie. Sie sagt von sich, sie habe Glück gehabt. Zwei Schicksale stehen stellvertretend für viele andere. Warum konnte sich Sarah ein zufriedenes Leben schaffen und Thomas nicht? Beide waren einst Hochrisikokin-

der, beide erlebten in ihrer Kindheit desolate Familienverhältnisse, beide kämpften um ihr seelisches Überleben. Wie ist das erklärbar? Es bietet sich ein Blick auf die Resilienzforschung an.

WIE ENTSTEHT RESILIENZ? Die Resilienzforschung entwickelte sich aus der Psychopathologie. Die Erkenntnisse über seelische Widerstandskraft leiteten einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel ein. Hatte man bisher in der Entwicklungspsychologie die krankmachenden Faktoren im Fokus, z.B. alkoholkranke Eltern, Armut, Gewalt und Missbrauch als Ursachen für deviantes Verhalten der Kinder, so wandten sich Pädagogik und Psychologie den Schutzfaktoren zu, mit denen die Kinder ausgestattet schienen, die sich trotz allem positiv entwickelten. „Wenn sich Personen trotz gravierender Belastungen oder widriger Lebensumstände psychisch gesund entwickeln, spricht man von Resilienz. Damit ist keine angeborene Eigenschaft gemeint, sondern ein variabler und kontextabhängiger Prozess (Fröhlich-Gildhoff, 2019)“. Pionierin der Resilienzforschung ist die amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner. Gemeinsam mit Ruth S. Smith begleiteten sie ab 1955 auf der hawaiianischen Insel Kauai 700 Kinder über mehrere Jahrzehnte mit Interviews und Beobachtungen. Über 40 Jahre sammelten sie Daten über die Lebens- und Gesundheitssituation eines ganzen Jahrgangs von Kindern für eine erste Langzeitstudie. Werner und Smith fanden

in der Kauai-Studie heraus, dass auch Kinder, die aus Problemfamilien stammen und unter extremen Risikobelastungen aufwachsen, die vom Leben geforderten Entwicklungsaufgaben lösen können, wenn sie über genügend schützende (protektive) Faktoren verfügen. Sie unterschieden drei Ebenen, die für Entwicklung von Resilienz bei Kindern von Bedeutung sind:

1. INDIVIDUELLE SCHUTZFAKTOREN Resiliente Kinder sind genetisch mit einem „einfachen“ Temperament ausgestattet, das ihnen vermehrt die Zuwendung von Eltern und Verwandten beschert. Schreibabys und leicht erregbare Kinder mit einem schwierigen Temperament kamen in der resilienten Gruppe nicht vor. Die untersuchten Kleinkinder, die resilient schienen, waren als Babys besonders ausgeglichen, dabei neugierig und kommunikationsfreudig und verfügten über eine mindestens durchschnittliche, meist aber höhere Intelligenz. Bei den persönlichen Schutzfaktoren spielte die genetische Komponente nur eine untergeordnete Rolle. Das menschliche Gehirn ist plastisch und durch die Umwelt und Kindheitserfahrungen so veränderbar, dass man auf der Basis der Genetik nur wenig belastbare Aussagen machen kann.

2. FAMILIÄRE SCHUTZFAKTOREN Die Kinder haben eine frühe und enge Bindung zu einem stabilen Erwachsenen, der auf ihre Bedürfnisse sensibel reagiert. Das müssen nicht die Eltern sein, als Bindungs-

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Internes 24/7 14.2021

OFFENE TÜR TROTZ(T) CORONA Eigentlich sollte eine Offene Tür offen sein, um sich von Angesicht zu Angesicht begegnen zu können. Eigentlich. Denn das ist unser Auftrag: wir sind „eine Einrichtung mit offener Tür und möglichst niedriger Schwellen, wo Menschen in persönlichen Schwierigkeiten gern eintreten und wo sie unbürokratisch und ohne lange Wartezeit fähige und verschwiegene Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner finden“, so der Wortlaut der Präambel von 1981. Ohne den Dienst der Ehrenamtlichen, normalerweise im Foyer bei den Gästen, jetzt als erste Ansprechpartnerinnen am Telefon, wäre diese Arbeit, die in unserem Fall seit vierzig Jahren am Kronenplatz geschieht, um vieles ärmer. Die geschulten Ehrenamtlichen unterstützen das Team der Hauptamtlichen normalerweise im Foyer und durch Infos am Telefon. In Zeiten einer Pandemie allerdings muss vieles neu gedacht werden. Durch die Kontakteinschränkungen wurde das Telefon seitdem das wichtigste Arbeitsmittel. Eine Kollegin brachte es Ende 2020 auf den Punkt: „Bedauerlich finde ich, dass in der Pandemiesituation die Menschen nicht spontan in die "brücke" kommen können.


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STATISTIK IM CORONA-JAHR Die Pandemie hat vieles verändert. Über die Nummern unseres Seelsorgetelefons erreichten uns in den letzten Jahren immer weniger Anrufe.

ANTEIL SEELSORGE/ TELEFON

ENTWICKLUNG DER ONLINE-SEELSORGE

2.100.000 44600 34795

1.600.000 26804

28142 19540

33578

23715

1.100.000

11881 8266 8223

600.000 2016 2017 2018 2019 2020

Anrufe

Seelsorge

Waren es 1,6 Mio. Anrufe im Jahr 2016, gingen die Anrufe bis 2019 auf 1,2 Mio. Anrufe zurück. Die notwendigen Routingmaßnahmen der letzten Jahre griffen. Der Anteil an Seelsorgekontakten stieg von 50 % im Jahr 2013 auf über 80% im vergangenen Jahr. Erstmals im Corona-Jahr 2020 gab es wieder mehr Gespräche als in den Vorjahren. Grund dafür ist primär die große Bereitschaft vieler ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, viele zusätzliche Dienste zu übernehmen. Die Nachfrage nach Online-Seelsorge ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Besonders die Einführung des neuen Online-Systems in TSI und die gute Öffentlichkeitsarbeit haben diese Entwicklung unterstützt. Von 2018 auf 2019 hat allein die Anzahl der Chats um 64 % zugenommen, und im Jahr 2020 nochmals um 72 %. Mail und Chat werden deutlich von den U40-jährigen genutzt, wobei die Hauptgruppe am Telefon zwischen 50 und 70 Jahre alt ist. Die Hälfte der Mail-User ist jünger als 30 Jahre.

2016 2017 2018 2019 2020

Mail

Chat

Auch bei Mail gibt es weiterhin einen steigenden Bedarf. Mails haben im Vergleich 2019 auf 2020 um 28% zugenommen (von 34.800 Mails auf 44.600 Mails). Die Pandemie hat besonders im März/April und auch im November/Dezember zu mehr Kontakten am Telefon und online geführt. Im April 2019 wurden täglich ca. 2.500 Gespräche per Telefon geführt, sowie ca. 52 Chats durchgeführt und 82 Mails beantwortet. In der Spitzenzeit der 1. Corona-Welle war das Angebot der TelefonSeelsorge deutlich stärker frequentiert: im April 2020 gab es täglich ca. 3.200 Gespräche per Telefon, 135 Chats und 143 Mails. Und auch im Dezember 2020 gab es über 80% mehr Chats als im Vorjahreszeitraum. Am 1. Weihnachtstag 2020 gab es 167 Chats – im Vorjahr waren es nur 44. Im Vergleich der Beratungsmedien wurden im Jahr 2020 die Online-Medien von der Altersgruppe der U20-jährigen erstmals knapp mehr genutzt als das


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DIE INFLUENCER*INNEN DER ERSTEN STUNDE

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Allerorten sehe, höre und lese ich von Influencerinnen und Influencern. Ich weiß nicht so genau, ob man, wenn man Influencer werden will, etwa eine dreijährige Handwerksausbildung machen muss oder gar ein Universitätsexamen ablegen muss, aber die Influencerin und der Influencer erklären mir, wie ich erfolgreich Lipgloss auftragen kann, mir die Haare strähnig färben kann oder wie ich einen Kaninchenstall mit einer grünen Schraubmaschine so zusammenschrauben kann, dass meine Kaninchen glücklich sind. Für diese hochqualifizierte Arbeit verdienen sie angeblich zehntausende von Euros jeden Monat. Kurz gesagt: Die Influencerinnen und Influencer wollen Einfluss auf mich nehmen! Als TelefonSeelsorger bin ich darin geübt zu fragen:

„WAS MACHT DAS MIT MIR?“ Ich sitze in meiner Dienststelle am Telefon und in einer der kurzen Pausen zwischen einem Gespräch mit einer Anruferin, der gerade gekündigt worden ist, und einem Gespräch, weil es Probleme zwischen Mutter und Sohn gibt, denke ich nach. Genau genommen sind wir TelefonSeelsorgerinnen und TelefonSeelsorger doch die Influencerinnen und Influencer der ersten Stunde! Seit in den 1950er Jahren die TelefonSeelsorge gegründet wurde, nehmen wir Einfluss. In jedem Gespräch versuchen wir zu influencen, Einfluss zu nehmen. Nicht mit dem Dampfhammer: „Zupfe dir die Augenbrauen in einer geraden Linie, dann bleibt dir dein Ehemann treu!“, aber in der uns eigenen Art des Zuhörers, des anteilnehmenden Nachfragens und oft auch des stillen Schweigens nehmen wir sehr wohl Einfluss auf die Anrufenden.

TelefonSeelsorge Genau genommen sind wir TelefonSeelsorgerinnen und TelefonSeelsorger doch die Influencerinnen und Influencer der ersten Stunde!

DAS WOLLEN WIR AUCH. Menschen sind in Not und Schwierigkeiten. Wir möchten Einfluss auf die Anrufenden nehmen, dass es ihnen wieder besser geht. Oft gelingt es. Zugegeben: Es ist schwierig, ein Maß für das Gelingen festzulegen. Wir merken es, wenn ein Gespräch so endet, dass sich die Anruferin oder der Anrufer besser fühlt.

MANCHMAL GELINGT ES NICHT. Influencerinnen und Influencer haben Follower und Abonnentinnen. Ich habe auch meine Followerinnen und Abonnenten. Es sind meine Daueranrufenden, die mich sofort an der Stimme erkennen und die ich wie alte Bekannte begrüße. Zum Glück habe ich keine zehntausend Daueranrufenden und mein Verdienst als ehrenamtlicher TelefonSeelsorger ist unabhängig von der Zahl meiner Follower.

TelefonSeelsorge Chat Varah, dem Gründer der TS

WOLFGANG HEINLEIN

ehrenamtlicher Telefonseelsorger bei der Kirchlichen TelefonSeelsorge Berlin/Brandenburg


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