24/7 – Ausgabe 17 – August | September | Oktober | November 2022

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INHALT

WISSEN

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BLICKPUNKT 11

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AUCH NANE! HABEN WILL!

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Der Stärkste muss das Team wechseln Wolfgang Kunat

DAS LEBEN IST KEIN PONNYHOF

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Das Leben ist kein Ponyhof

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Friedrich Dechant

Der Krieg erreicht das Telefon

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Andreas Hardelt-Serafin

Die Suche nach der blauen Blume Riccardo Bonfranchi

DIE VOR-ORTBERATUNG DER TELEFONSEELSORGE

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MUTIG UND BEHERZT 31

Stimmen aus Ravensbrück

WISSEN #computerspiele#computerspielsucht#gamingdisorder Birgit Knatz

Mit Prävention ist kein Ruhm zu erlangen Rosemarie Schettler

BLICKPUNKT Die Antwort des Juristen

INTERNES

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Rudolf Althanns

ZUHÖREN, ORDNEN, GERECHT WERDEN

Jula Korsten-Heckel

Gott und die Tafel Schokolade Himmelschreiende Gerechtigkeit Helga Christ-Hendler

Auch Nane! Haben will! Und es rollt und rollt und rollt … Tobias Lehner

„Kannst du den Text mal gendern?“ Anne Michel-Pill

MUTIG UND BEHERZT

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Gerechtigkeit ist schön, macht aber viel Arbeit Tobias Lehner

Zuhören, ordnen, gerecht werden Bernadette Ott

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INTERNES Die Vor-Ort-Beratung der TelefonSeelsorge Martin Kühlmann

Der nächste IFOTES-Kongress Birgit Knatz

Helplines für die Sozialforschung immer attraktiver Birgit Knatz

Immer digitaler Martin Przybyllok

„Meine Seele hört im Sehen“ Mona Debus

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EMPFEHLUNGEN

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IMPRESSUM

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E D N E I E R H C S L E M M HI IT E K G I T H C GERE

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Vor einigen Wochen stellte ich nach Beendigung eines Dienstes mit Verwunderung fest, dass das Kernthema meiner Anruferinnen und Anrufer Erfahrungen und Meinungen zur Gerechtigkeit war. Die Ratsuchenden verbanden damit persönliche Erlebnisse und eigene Sichtweisen.

HELGA CHRIST-HENDLER

Ehrenamtliche Mitarbeiterin der TS Hagen-Mark

Ein Mann erzählte mir, dass er sein Leben lang hart arbeiten musste, nie krank war und sich immer um seine Familie und andere Menschen gekümmert hat. Jetzt würde er die Quittung dafür bekommen, nie an sich gedacht zu haben. Er hat Krebs und das hätte er nicht verdient und wäre in seinen Augen nicht gerecht. Eine 88jährige Anruferin, durch einen unverschuldeten Unfall pflegebedürftig geworden, hatte sich bereits vor einigen Jahren von ihrem Ehemann und ihrer Tochter verabschieden müssen. Kein Mensch stand ihr mehr zur Seite – sie hatte außer der TelefonSeelsorge niemanden, der ihr zuhörte. Jeden Tag betete sie zu Gott und bat darum, dass er sie auch zu sich holt. Sie gab Gott die Schuld daran, dass dies nicht passierte, und empfand es als große Ungerechtigkeit. Bei einer weiteren Anruferin war der Kontakt zu den Kindern abgebrochen. Sie haben ihrer Mutter nie ihr passives Verhalten verziehen, wenn sie von ihrem strengen Vater angeschrien und geschlagen wurden. Die Anruferin beharrte darauf, richtig gehandelt zu haben, und fand es ungerecht, dass ihre Kinder sich bis heute von ihr abgewandt haben. Es gab aber auch eine andere Sichtweise auf dieses Thema. Eine Ratsuchende hatte ihren Mann an eine andere Frau verloren. Viele schöne Jahre hatten sie miteinander verbracht, und doch konnte sie ihn nicht halten. Über eine Freundin erfuhr sie, dass die neue Partnerin sich vor einiger Zeit von ihrem Exmann getrennt hatte. Sie freute sich, denn endlich hätte die Gerechtigkeit gesiegt und der Exmann hätte seine gerechte Strafe bekommen. Für die Einen ist es, eine himmelschreiende Ungerechtigkeit – für die Anderen dagegen hat die Gerechtigkeit endlich ihren Lauf genommen. Dinge, die passieren und die man nicht beeinflussen kann, werden schnell als ungerecht angesehen, vor allem, wenn sie den Betroffenen nicht gefallen. Gelingt es positive Aspekte in den Vordergrund zu rücken, bekommt der Begriff Gerechtigkeit eine völlig andere Bedeutung. Ich stelle mir daher die Frage: gibt es die „eine“ Gerechtigkeit? Ich denke, es gibt sie nicht. Persönliche Lebenserfahrungen und Lebenssituationen prägen m.E. das Verständnis für Gerechtigkeit. Allgemeingültige Vorstellungen von Gerechtigkeit existieren nicht, da jeder Mensch ein anderes Wertesystem für sich empfindet. Ich glaube, dass das Leben gerechter empfunden werden könnte, wenn es möglich wäre, der eigenen Lebensgeschichte einen anderen Erklärungsrahmen zu geben. Und es wäre denkbar, durch einen Perspektivwechsel die eigene Lebenssituation anders zu betrachten. Bei den Anrufenden hörte ich auch Dankbarkeit über die Dinge, die sie in ihrem Leben erlebt und bekommen haben. Jedes unserer Gespräche gab uns Raum zum Lachen und Weinen. Und wenn sich Ratsuchende darauf einließen, die Suche nach dem Verantwortlichen für ihr Schicksal zu hinterfragen oder auch aufzugeben, war ein Umdenken spürbar.

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Auch Nane! Haben will! WIE KINDER MIT G ER ECH TIG KEIT UMG E H EN In der Krippe Lummerland sitzen vier Kinder um den Tisch und warten auf das Frühstück. Die Erzieherin legt vier Bananen in die Mitte und geht in die Küche, um Tee und das Brot zu holen. Ben (2,4 Jahre) greift sofort nach den Bananen und legt gleich zwei vor sich hin. „Ich habe einen Riesenhunger!“ Er unterstreicht seine Aussage mit einer Geste, indem er beide Arme weit auseinander streckt. Liam (2,1 J.) ist genauso schnell: Er nimmt eine Banane und löst die Schale. Nach kurzem Nachdenken legt er die letzte Banane vor Ella (2,2 J.), welche die Gabe kommentarlos hinnimmt. Laetitia (1,5 J.) bekommt nichts. Sie schaut von einem zum andern und sagt: „Auch Nane!“, zuerst leise, dann etwas mutiger. „Haben will!“ Nichts passiert. Ben und Liam essen mit Genuss, Ella guckt in die Luft, Laetitia ist unsicher, sie schaut hilfesuchend zu der Erzieherin, die gerade mit dem Brot-

körbchen hereinkommt. Diese sagt nur: „Ihr sollt gerecht teilen!“ und verschwindet wieder in der Küche. Laetitia verzieht das Mündchen und kämpft mit ihrer Fassung. Jetzt weint sie, zunächst lautlos, dann mit mehr Power. Ben und Liam schauen etwas ratlos auf die schluchzende Laetitia. Nun bricht Liam ein Stück von seiner Banane ab und legt es vor das Mädchen. „Du auch“, sagt er zu Ben, der mit noch größerer Geste erneut seinen Hunger demonstriert und die zweite Banane ein Stückchen näher zu sich heranzieht. Ella scheint an dem Bananen-Drama unbeteiligt, als sei sie nicht zugegen. Laetitias lautes Weinen bewegt die beiden Jungs. Liam legt ein Stück von seiner Banane

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Und es rollt und rollt und rollt …

Aristoteles (384-322 v. Chr.) nimmt sich deshalb die Verteilungsgerechtigkeit vor. Rechenkünste allein reichen nicht, um Gerechtigkeit zu schaffen. Es sollen diejenigen mehr bekommen, die auch mehr leisten. Spätestens da trat sozialrevolutionäre Sprengkraft des Gerechtigkeitsbegriffs zutage.

Mit dieser bitteren Erkenntnis brachte Thomas Hobbes (1588-1679) Jahrhunderte später die Gerechtigkeitsdebatte auf den harten Boden der Tatsachen zurück: Jedem das Seine, aber mir das Meiste. Der egoistische Selbsterhaltungstrieb gewinnt immer, meinte Hobbes. Deshalb müsse – notgedrungen – doch wieder der Staat ran und es richten. Blöd nur, dass der Staat auch von Menschen gemacht ist …

Je offener, globaler, vernetzter und minderheitensensibler unsere Gesellschaft geworden ist, desto mehr „Gerechtigkeiten“ sind dazu gekommen: Globale Gerechtigkeit, Generationen-, Teilhabe-, Gendergerechtigkeit und andere mehr. Was tun? John Rawls (1921-2021) sagt: Gerecht ist „ein gleiches Recht auf größtmögliche Freiheit, die mit derselben Freiheit für alle vereinbar ist.“ Und da Ungerechtigkeit nie zu vermeiden ist: „Positionen und Ämter, mit denen diese Ungleichheiten zusammenhängen oder durch welche sie sich ergeben, müssen allen offenstehen.“ Auf gut Deutsch: Sei so frei und lass Dich wählen. Könnte das auch heißen: Wer keine Verantwortung übernehmen mag/kann, hat auch keinen Anspruch auf Gerechtigkeit?

Gemeinwohl über alles!

Darüber müssen wir reden.

Lösung: Ein Gesellschaftsvertrag muss her, so forderte Jean-Jacques Rousseau (1712-1788). Alle treten dem Gesellschaftsvertrag freiwillig bei, alle lassen sich im Blick aufs Gemeinwohl in ihrem Eigenstreben einschränken. Auch beim Privatbesitz, falls nötig. Doch beim Geld hörte schon immer die Freundschaft auf und die Gerechtigkeit erst recht. Jenseits von Geld und Besitz haben Hobbes und Rousseau uns noch ein größeres Fass aufgemacht bzw. das Fass der griechischen Philosophen geschickt weiter gerollt. Während für Rousseau Gerechtigkeit bedeutet, die per Geburt dem Menschen zustehende Freiheit und Gleichheit zu verwirklichen, kommt für Hobbes Gerechtigkeit überhaupt erst durch die staatliche Rechtsordnung zustande.

Bei Jürgen Habermas (geb. 1929) gibt die Diskursethik die Regeln vor: Gerechten Entscheidungen geht ein offener Diskurs voraus. Dabei versucht nicht jeder „sein Recht“ durchzudrücken, sondern sich in die Perspektive des andern zu versetzen. Gerechtigkeit entsteht dadurch nicht von oben, sondern im Konsens. Im Idealfall jedenfalls. Nur: Manche Entscheidungen müssen von jetzt auf gleich getroffen werden, da ist kein Raum für Diskussion. Unsere gesellschaftlichen Dialoge sind oft genug nicht von Empathie und Wertschätzung geprägt. Das „Fass Gerechtigkeit“ rollt und rollt und rollt … Manchmal dauert´s bis zur Ewigkeit.

„Der Mensch ist des Menschen Wolf“ Gerecht ist, wenn alle das Gleiche bekommen. So wissen wir´s seit Kindertagen, oder meinen es zu wissen. Doch was ist, wenn nicht alle das Gleiche brauchen, sich jemand mehr anstrengt, wenn Güter knapp sind oder manche Entscheidungen für manche ungerecht ausfallen?

Spätestens dann solle man sich Gedanken machen über Gerechtigkeit. Das tun kluge Köpfe seit Jahrtausenden. Die Wirkungsgeschichte setzt sich fort, bis hinein in die TelefonSeelsorge.

„Gerechtigkeit ist der feste und dauernde Wille, jedem sein Recht zuzuteilen“, sagt der römische Jurist Ulpian (170-228 n. Chr.). Doch was mir recht ist, muss dir noch lange nicht recht sein. Ob deshalb schon Ägypter und Assyrer Gerechtigkeit auf die Götter verlagerten? Was von oben als gerecht entschieden wird, braucht unten nicht mehr diskutiert werden. Oder? „Wie bekomme ich einen gerechten Gott?“, diese Frage trieb nicht nur Martin Luther (1483-1546) um. Sie war und ist nicht aus den Herzen und Köpfen von Menschen zu bekommen, die Gott als großen Erbsenzähler vermittelt bekommen. Oder die, wie der heilige Augustinus (354-430), menschliches Handeln

und Wollen durch den natürlichen Hang zum Bösen (in Theologensprech: Erbsünde) so angeknackst sehen, dass nur die Gnade Gottes alles reparieren und Gerechtigkeit schaffen kann. Auch wenn das bis zum Ende der Welt dauert. Das ist für manche Gerechtigkeitsdebatte dann doch ein bisschen zu lang.

Gerechtigkeit ist nicht Sache Gottes, sondern eine Haltung des Einzelnen So sieht es Platon (428/427-348/347 v. Chr.). Gerechtigkeit ist für ihn dann erreicht, wenn „muthafter, denkender und begehrender Teil“ der menschlichen Seele sich die Waage halten. Wie in der Seele, so auch im Staat, meint Platon. Tapferkeit, Weisheit, Besonnenheit als Zutaten der Torte, mit dem Sahneguss Gerechtigkeit oben drüber. Blöd nur, wenn dem einen Sachertorte und der anderen Schwarzwälder Kirsche schmeckt. Oder jemand gleich den ganzen Kuchen für sich allein will.

Viele Gerechtigkeiten

Weg mit der Tugend, her mit dem Staat? Nicht ganz so extrem dachten es sich die Rechtspositivisten ab dem 19. Jahrhundert. Ihnen zufolge braucht das vom Staat gesetzte Recht keine weitere Begründung, solange es verfassungsgemäß zustande gekommen ist. Gerecht ist, was der Staat als Summe seiner Bürgerinnen und Bürger gerecht macht. Ins Extreme pervertiert haben das die Nationalsozialisten. Auch deren Barbarei basierte auf Wahlen und „rechtmäßig“ beschlossenen Gesetzen. Und auf manchen KZ-Toren prangte der alte Gerechtigkeitsgrundatz: „Suum cuique – Jedem das Seine“.

TOBIAS LEHNER

hauptamtlicher Mitarbeiter der Katholischen TelefonSeelsorge München und Redaktionsmitglied von 24/7

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*:i_nnen Innen/ innen

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„Kannst du den Text mal gendern?“ werde ich gefragt. Und schon ist er 100 Zeichen länger.

Denn in unseren Manuskriptrichtlinien haben wir beschlossen, Frauen und Männern Raum zu geben. Momentan diskutieren wir in der Redaktion, ob wir damit eine angemessene Form des Genderns praktizieren. Die Debatte über gendergerechte oder gendersensible Sprache wird bekanntermaßen kontrovers geführt und ist unübersichtlich. Daher zunächst eine Bestandsaufnahme:

Welche Formen des Genderns gibt es?

Gender steht für das soziale, das gelebte und gefühlte Geschlecht, also dafür, was sich in unserem Kopf abspielt. Der englische Begriff hat sich etabliert, weil das deutsche Wort Geschlecht vornehmlich mit unserem biologischen Geschlecht assoziiert wird. Entgegen der allgemeinen Auffassung ist die für uns geläufige und althergebrachte Verwendung des generischen Maskulinums schon eine Variante des Genderns. Nur die männlichen Bezeichnungen wie Lehrer, Erzieher, Autor werden geschrieben oder gesprochen, in der Annahme, so geschlechtsübergreifend alle Menschen zu meinen. Doch mitgemeint ist nicht mitgedacht: Zahlreiche empirische Studien bestätigen dies. Wenn wir z.B. lesen, dass Erzieher mehr Geld bekommen, stellen wir uns männliche Erzieher vor, obwohl es deutlich mehr Erzieherinnen gibt. Um Frauen sichtbar zu machen, haben sich Formen der Paarnennung etabliert: Lehrerinnen und Lehrer; LehrerInnen; Lehrer/-innen. Das macht Frauen vor unserem inneren Auge präsenter, doch es festigt die binäre Norm. Nicht-binäre Personen, die sich in einem Spektrum zwischen den Geschlechtern verorten, werden nicht einbezogen.

Dies hat zur Erprobung von Genderzeichen in Form von Gendersternchen (Asterisk), Unterstrich oder Doppelpunkt geführt: Lehrer*innen; Lehrer_innen; Lehrer:innen. Die Genderzeichen sind Platzhalter für alle, die sich weder dem männlichen noch weiblichen Geschlecht zuordnen möchten. In der gesprochenen Sprache können wir es durch einen Glottisschlag signalisieren. Inzwischen klingt dieser Verschlusslaut in den Nachrichten gar nicht mehr so ungewöhnlich – schließlich sagen wir auch mühelos überall oder Spiegelei. Der Rat für deutsche Rechtschreibung empfiehlt, Genderzeichen im Wortinneren bislang nicht zur Aufnahme in das amtliche Regelwerk, sondern schlägt vor, den Sprachwandel weiter zu beobachten. Zugleich führen Kommunen und Hochschulen Leitfäden zur Umsetzung geschlechtergerechter Sprache ein, die eben diese Zeichen nahelegen. Die Verwendung des Passivs oder geschlechtsneutrale Formulierungen (Lehrkräfte; Lehrende; Personen, die unterrichten) sind Ausweichmöglichkeiten.

Gendern kritisch gesehen

Möglicherweise aus der Befürchtung heraus, sich nicht politisch korrekt zu verhalten, findet sich in Texten zunehmend neutralisierende oder umschreibende Formulierungen. Das klingt oft unpersönlich und hölzern. Die Sprachwissenschaft gibt zu bedenken, dass ein Lesender semantisch gesehen etwas anderes ist als ein Leser. Das substantivierte Partizip als Gender-Maßnahme führe zu einer Sprachverzerrung. Wie ist es mit der Lesbarkeit von Texten? Doppelnennungen von männlichen und weiblichen Formen führen zu Wiederholungen. Sonderzeichen im Sprachinneren sind problematisch, weil sie nicht

zum grammatikalischen System der deutschen Sprache passen und den Sprachfluss stören: Eine_e gut_er Schauspieler_in weiß, wie er/sie ihre/seine Zuschauer_innen unterhalten kann. Dann doch lieber Theaterleute oder Schauspielende? Auch nicht viel besser! Abgesehen von sprachlichen Überlegungen stellt sich die Frage, wer denn überhaupt gendern will. Ist es nicht kontraproduktiv, die Geschlechtlichkeit sprachlich hervorzuheben und damit Unterschiede um so deutlicher zu machen? Fühlt sich ein Mensch, der sich nicht eindeutig dem binären Geschlechtermodell zuordnen will, auch nur annähernd von einem Sternchen oder einem Unterstrich repräsentiert? Laut einer Untersuchung des Kölner Rheingold-Instituts von 2000 jungen Erwachsenen im Alter zwischen 16 und 35 Jahren fühlen sich mehr als die Hälfte der Befragten von der Genderdebatte genervt. Gleichzeitig sehen darin vor allem junge Frauen ein wichtiges Signal für mehr Gleichberechtigung. 44 Prozent aller Befragten erachten die Diskussion als wichtig und gerechtfertigt. Auffällig ist, dass sich 27 Prozent nicht klar dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuordneten. Sie haben die Einstellung, dass sie als Person und nicht als Mann oder Frau wahrgenommen werden möchten.

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(m/w/d) eine Vorstellung davon entwickeln, dass es eine Diversität in der Geschlechterfrage gibt. Dem Argument, zunächst einmal in der Realität für mehr Gerechtigkeit zu ANNE MICHEL-PILL sorgen (z.B. indem man Ehrenamtliche Mitarbeiterin politisch gegen den Gender TelefonSeelsorge Hagen-Mark, Mitglied der Redaktion der Pay Gap angeht), halte ich entgegen: Warum entweder oder? Aufgabe einer gendersensiblen Sprache ist es, alle Geschlechter, auch abseits der binären Norm, fair und wertschätzend zu behandeln. In diesem Sinne heißt es, die Debatte sensibel und undogmatisch zu führen. Es geht darum, auf die eigene und die öffentliche Wahrnehmung und ihre Veränderung zu achten; eine Balance auszuloten zwischen der Sichtbarmachung von Geschlechterdiversität, Sprachpraktikabilität und persönlichem ästhetischem Empfinden.

Quellen: Bundeszentrale für Politische Bildung. Geschlechtergerechte Sprache. Aus Politik und Zeitgeschichte 5-7/2022: https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/ APuZ_2022-05-07_o

Ein Blick in die Zukunft des Genderns Es gibt das Bedürfnis, mit sprachlichen Mitteln einem neuen Konzept von „fluider Geschlechtlichkeit“ Ausdruck zu geben. Das erfordert, sich von alten Gewohnheiten zu verabschieden und ist damit erst einmal schwer, irritierend und ruft Reaktanz hervor. Wie sonst soll sich ein Sprachwandel vollziehen, wenn nicht mit Sprache experimentiert wird? Die Art und Weise, in der wir sprechen, spiegelt unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit. Neue Vorstellungsräume werden eröffnet, und durch sprachliche Veränderung kann wiederum die Wirklichkeit beeinflusst werden. Die Änderung des Personenstandsgesetzes 2018 hat dazu geführt, dass wir beim Lesen von Stellenausschreibungen

Die Katholische Studierende Jugend (KSJ) schreibt "Gott*" ab sofort mit einem Genderstern. Mit der Kampagne wollen sie sich für ein anderes Gottesbild starkmachen, "weg von dem strafenden, alten, weißen Mann mit Bart, hin zu einer Gottes*vielfalt". "Gott* in allen Dingen suchen und finden", so laute der spirituelle Auftrag, "Dies verlangt, Gott* vorurteilsfrei wahrzunehmen, schließlich ist Gott* keinem Geschlecht oder anderen menschlichen Kategorien zuzuordnen." Mit dem Genderstern wolle man daher Gott aus der geschlechtlichen Ebene herausheben, so der Verband.


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„Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes.“

Zuhören, ordnen, gerecht werden „Frau Ott? Entschuldigen Sie bitte, ich bin etwas verspätet. Ich komme gerade von einem längeren Interview.“ – Wir sind in einem Restaurant in der Münchner Innenstadt verabredet, in das wir beide gerne gehen. Ein Ort fröhlicher, lebendiger Geselligkeit, mitten in der Stadt, mittendrin im Leben. Und während ich zwischen Brotkorb, Teller und Speisekarte meinen Schreibblock mit den vorbereiteten Fragen unterzubringen versuche, wird schnell klar: Wir werden dieses Gespräch anders führen, nicht als Frage-und-AntwortSpiel, sondern als gemeinsames Nachdenken, frei, ins Offene hinein. Weil es vielleicht genau darum geht: den Dialog, die Begegnung – ohne Krücke, Stütze und festgelegte Rollenmuster. Es gibt davon kein Protokoll, nur meine Erinnerung. Richard Kick, ist Mitglied des vierköpfigen „Betroffenenbeirats der Erzdiözese München und Freising“, der sich als unabhängiges Gremium einer „kritischen Begleitung“ des Umgangs mit sexualisierter Gewalt innerhalb der katholischen Kirche versteht, als Ansprechpartner für Betroffene und Impulsgeber für Präventionsmaßnahmen. Nach der Veröffentlichung des von der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl erstellten Missbrauchsgutachtens hat Kick sich Ende Januar entschlossen, mit Interviews und Offenen Briefen an Kardinal Marx an die Öffentlichkeit zu gehen – „In einer Doppelrolle“, wie er sagt, „als Sprecher und Vermittler, zugleich aber auch als Betroffener. Darin liegt meine Glaubwürdigkeit.“ Die Tätigkeit kostet ihn viel Kraft, mit der Familie hat er lange darüber diskutiert. Sein Sohn hat ihm dazu geraten. „Wahrschein-

lich ist es für mich auch ein Bewältigungsmechanismus.“ Während wir am Tisch sitzen, klingelt bei ihm das Handy: Ein Betroffener will ihn sprechen. Drei Geschwister, die als Kinder in einem katholischen Heim untergebracht waren und von den Nonnen jahrelang dem sexuellen Missbrauch durch Priester zur Verfügung gestellt wurden. Der Fall ging durch die Medien. „Ich versuche zu unterstützen, so gut ich kann“, sagt Kick. „Es ist und bleibt schwer auszuhalten, dass das alles geschehen konnte.“ Im Missbrauchsgutachten wurde bei „235 Personen (182 Kleriker und 53 Laien)“ den Hinweisen „auf insgesamt 363 untersuchungsrelevante Sachverhalte“ nachgegangen. Bei „65 Sachverhalten“ – übersetzt: 65 Tätern – sahen die Gutachter die erhobenen Vorwürfe als erwiesen an, bei 146 als „zumindest plausibel“, bei weiteren 141 Sachverhalten – und damit rund 38 Prozent – boten ihnen die vorliegenden Erkenntnisse „keine ausreichende Beurteilungsgrundlage“ – womit wohl gemeint ist, dass dafür die Dokumentation in den Akten zu dürftig war. Und weiter in der dürren Faktensprache der Juristen: „Auf der Basis der geprüften Aktenbestände gehen die Gutachter von mindestens 497 Geschädigten aus, davon 247 männlichen und 182 weiblichen Geschlechts; in 68 Fällen war eine eindeutige Zuordnung nicht möglich. Sowohl bei den männlichen als auch bei den weiblichen Geschädigten war die Altersgruppe der 8- bis 14-Jährigen mit 59 Prozent beziehungsweise 32 Prozent deutlich überrepräsentiert.“ →

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„Es ist und bleibt schwer auszuhalten, dass das alles geschehen konnte.“ Kinder im Alter zwischen acht und vierzehn Jahren. „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes.“ (Mk 10, 13-16) Bei dieser Vorstellung wird mir jedes Mal übel, beim Lesen, beim Drüberreden, beim Schreiben. Ich stelle mir vor, wie Täter in Worten und vor sich selbst die Unschuld der reinen Kinderseelen beschwören – und gleichzeitig ihr Priesteramt und ihre Machtstellung für sexuellen Missbrauch ausnutzen, Kinder zum Objekt der Befriedigung ihres Sexualtriebs machen, deren Seelen nachhaltig beschädigen. „Ich war auch in dem Alter“, sagt Kick. „Es handelte sich um den Kaplan unserer Gemeinde.“ Ob er zu dem Täter irgendwann Kontakt aufgenommen hat, um ihn mit seinem Vergehen zu konfrontieren, frage ich. Hatte er diesen Impuls? Wie viel Kraft braucht man dafür? Wie groß ist das Wagnis einer solchen Begegnung? „Einmal, über einen Mittelsmann“, antwortet Kick. Der Geistliche habe ihm ausrichten lassen, daran könne er sich nicht erinnern, versehen mit dem Kommentar: „Will der Geld?“ In der Fallbeschreibung des Gutachtens findet sich als Formulierung, er könne es sich „nicht vorstellen“. Bei einem zweiten Betroffenen gestand der ehemalige Kaplan den „äußeren Tatbestand“ der Missbrauchshandlung ein, doch habe er „nicht mit einer sexuellen Absicht gehandelt“. Die Erinnerung an den Missbrauch durch diesen Priester, so Richard Kick, sei ihm erst 2010 durch die Berichterstattung über das erste von der Erzdiözese München in Auftrag gegebene Gutachten gekommen. Vieles in seinem Leben habe er danach plötzlich anders begriffen. „Das Schlimme ist ja, dass man sich als Opfer immer an allem selber die Schuld gibt, ohne irgendetwas zu verstehen.“ Von der „zersetzenden Wirkung“ auf die Betroffenen und deren weiteres Leben spricht die Theologin Barbara Haslbeck, von Richard Kick zur Veranstaltung „Betroffene hören“ eingeladen. Denn es gehe das Vertrauen verloren, „dass die Welt ein guter Ort für mich ist, dass es einen Gott gibt, der es gut mit mir meint“. Insofern handle es sich bei sexuellen Vergehen von Priestern an Minderjährigen und Schutzbefohlenen „immer auch um einen spirituellen Missbrauch“. Kai Christian Moritz, der sich selbst einen „Überlebenden“ nennt,

wählt für den Missbrauch und die daraus folgende psychische Verstrickung den Begriff „Kontamination“, auch einer „Kontamination von Sprache“: „Mein Täter hat mich auch geliebt, hat mir von Gottes Liebe zu mir erzählt – und gleichzeitig hat er mich anal penetriert.“ Welche Spuren so etwas über Generationen hinweg hinterlässt und hinterlassen hat, muss erst noch in den Blick kommen. Gemeinsam mit anderen Frauen sucht Haslbeck – in vorsichtiger, tastender Formulierung – weiterhin nach Antworten „im christlichen Raum“. Und Kick sagt während unseres Gesprächs, halb erstaunt, halb als sei er es gewohnt, sich dafür rechtfertigen zu müssen: „Ich bin tief religiös.“ Der eigene Glaube wird in diesem Bekenntnis zum Akt der Selbstbehauptung gegenüber dem „System Kirche“. Wirklich neu am jetzigen Gutachten ist nicht die erweiterte Darstellung der Fälle, sondern die Aufarbeitung des umfassenden institutionellen Versagens, gemessen am strafrechtlichen und kirchenrechtlichen Rahmen, aber auch an Compliance-Richtlinien und dem kirchlichen Selbstverständnis. Der Fokus liegt nicht mehr bei den unmittelbaren Tätern, sondern bei den Verantwortlichen auf diözesaner Leitungsebene. Wer wusste wann was? Welche Entscheidungen sind in welchen Gremien gefallen? Welche Hinweise wurden weiterverfolgt, welche Dienstwege wurden begangen oder eben nicht? Personalakten, Vorgangsakten, Sitzungsprotokolle, dazu Befragungen von Zeitzeugen, eingeholte Stellungnahmen von Verantwortlichen – was sich nach der staubtrockenen Aufarbeitung eines Archivbestandes anhört, ist genau die Art von sachlicher Sorgfalt, die erforderlich ist, damit den Geschädigten allein durch die klare Benennung und angemessene Darstellung der Sachverhalte so etwas wie Gerechtigkeit widerfährt. Die von den Gutachtern festgestellte „Kultur des Wegsehens und Verharmlosens“ – oder schärfer ausgedrückt: „Strategie der Vertuschung“ – beginnt mit der nur scheinbaren Banalität einer chaotischen, eklatant mangelhaften Aktenführung. „Drei dicke Aktenordner“ seien inzwischen zu ihm zusammengetragen, so Kick. Vom Recht auf Akteneinsicht, wie sie das Gutachten für die Geschädigten

fordert, hat er Gebrauch gemacht. Wie es war, all das Papier über ihn durchzulesen? Er sei erschrocken über die „Hilflosigkeit, Planlosigkeit und Angst“ im Umgang der Kirche mit Fällen wie seinem eigenen. Bei ihm hätte der Täter nach Kirchenrecht noch zur Verantwortung gezogen werden können. Durch Verschleppung ist das nicht geschehen. Leitungsverantwortlicher ist in seinem Fall der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx. „Menschlich enttäuschend“ nennt es Kick, dass Marx in den vielen Jahren nach 2010, nachdem er sich das erste Mal an das Ordinariat gewandt hatte, nie „proaktiv“ das Gespräch mit ihm gesucht habe. Inzwischen haben Marx und Kick mehrmals miteinander telefoniert oder sind sich persönlich begegnet. Auf dem Podium der Veranstaltung „Betroffene hören“ hat Kick den Kardinal, wie er betont, bewusst an seine Linke gesetzt, auf seine „Herzseite“. Der Ausdruck und die großzügige Geste beeindrucken mich. Es ist aber auch ein Signal und eine Aufforderung – zu einer menschlichen Begegnung von gleich zu gleich, „ohne pastoralen Duktus“ (Moritz) oder „Be-Seelsorgung“ (Haslbeck). Ohne die Selbstverständlichkeit einer Überlegenheit qua Amt und Weihe. Kann eine ganze Institution in Therapie geschickt werden? Erst die Beschreibung, so Kardinal Marx, zeige ihm die Brutalität der Taten. „Ich bin dann erst immer einmal sprachlos, weil ich es mir nicht vorstellen kann ... oder vorstellen will.“ Dieser Satz bleibt hängen. Betroffene, Geschädigte, Überlebende – die Selbstbezeichnungen all derer, die sexuellen Missbrauch erlitten haben, sind unterschiedlich. In den bis 2019 geltenden Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz war die Rede von „Opfern“ üblich, mitsamt der unweigerlichen Assoziationen von Unterordnung, Passivität und Fremdbestimmung. Das neue Gutachten ver-

wendet durchgehend den Begriff „Geschädigte“ – was für Richard Kick treffend zum Ausdruck bringt, dass durch eine Überschreitung ein persönlicher Schaden entstand, für den eine angemessene „Ent-Schädigung“ unerlässlich ist. Er stellt klar, dass finanzielle Entschädigungen – und zwar solche, „die über ein Almosen hinausgehen“ – unverzichtbar sind. „Es geht da um Kosten für jahrelange Therapien, um das Überleben, um Absicherung im Alter, um vieles.“ Nach der Vorstellung des Münchner Missbrauchsgutachtens meldete sich eine Journalistin mit der Frage, ob es denn unter den kirchlichen Verantwortlichen „den einen berühmten Gerechten“ gegeben habe. „Nein“, lautete die Antwort von Marion Westpfahl, „ist mir nicht in Erinnerung, und es wäre mir in Erinnerung, wenn es den gegeben hätte.“ Nachdem wir das Restaurant verlassen und uns voneinander verabschiedet haben, geht Richard Kick mit leichtem, beschwingten Schritt davon. Er hat einen aufrechten Gang. Manchmal, sagt er davor zu mir, habe er das Gefühl, „dass es ihm gleich die Schädeldecke sprengt“. Aber es gehe vorwärts. Tage später fällt mir Albert Camus’ berühmter Satz ein und ich habe das erste Mal das Gefühl, ihn wirklich zu verstehen: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Links: https://www.betroffenenbeirat-muenchen.de https://westpfahl-spilker.de/wp-content/uploads/2022/01/ WSW-Gutachten-Erzdioezese-Muenchen-und-Freising-vom-20.-Januar-2022.pdf

BERNADET TE OT T

Redaktionsmitglied von 24/7, ehrenamtliche Mitarbeiterin der Katholischen TelefonSeelsorge München

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Der Krieg erreicht das Telefon Was Tatjana Michalak seit Beginn des Ukrainekrieges zu hören bekommt Frau Michalak, Sie leiten die russischsprachige TelefonSeelsorge in Berlin, die einen besonderen Namen hat: Doweria. Wie ist es zur Gründung dieser Einrichtung gekommen und was bedeutet der Name? Doweria heißt Vertrauen und „Telefon Doweria“ damit „Telefon des Vertrauens“. Damit wollten wir sagen, dass die Menschen uns vertrauen können, dass sie uns ihre Geschichten, Situationen, Krisen anvertrauen können. Und dass wir anonym sind! Wir sind entstanden im Jahr 1999. Die Studierenden vom Fach Psychologie der Universität St. Petersburg, Abteilung Berlin haben die Initiative ergriffen und diesen Service eingerichtet. In der russischsprachigen Community hat sich diese Information durch Mund zu Mund-Propaganda verbreitet und wir haben viele Nachfragen von außerhalb zur Mitarbeit erhalten, auch von psychologisch nicht ausgebildeten Menschen. Als wir dieses Wachstum gespürt haben, war uns klar, dass es auf selbstständiger Basis nicht so weitergehen kann, und haben uns an die KTS (kirchliche TelefonSeelsorge) in Berlin gewendet, die dann die kleine Gruppe Doweria sozusagen als Unterprojekt zu sich aufgenommen hat. Schnell haben wir auch gemerkt, dass im Bereich sozialer Hilfen Lücken für russischsprachige Migrantinnen und Migranten existieren. Zusammen mit den Maltesern haben wir einen Hospizdienst entwickelt, mit den Johannitern einen russischsprachigen Hausnotruf und zusammen mit der evangelischen Kirche Hannover eine Doweria Chat-Seelsorge.

Nachdem unsere Aktivitäten diesen Umfang angenommen haben, sind wir dann in die Trägerschaft des Diakonischen Werkes aufgenommen worden.

Beachtlich, dass die Initiative damals von jungen Menschen, von Studierenden ausgegangen ist! Natürlich hätten sie allein so ein Projekt nicht umsetzen können. Die Universität St. Petersburg mit ihrer Filiale in Berlin und deren Leitung hat für die Organisation gesorgt und das Projekt auf den Weg gebracht. Wir Studierenden haben überwiegend die Dienste geleistet und für die Öffentlichkeitsarbeit gesorgt.

Vielleicht eine dumme Frage… In welcher Sprache wird am Telefon Doweria gesprochen? Russisch, Deutsch oder noch in anderen Sprachen? Wir sind über 100 ehrenamtliche Mitarbeitende und wir sind aus unterschiedlichen postsowjetischen Regionen. Es gibt Menschen aus Kasachstan, aus Aserbaidschan, aus Georgien, Litauen, Lettland, Weißrussland, Ukraine und natürlich aus Russland. Uns alle verbindet die russische Sprache. Wir verstehen und sprechen alle russisch. Natürlich sprechen alle auch ihre regionale Sprache und wenn man sich am Telefon in der gemeinsamen Sprache begegnet, dann wird oft diese Sprache gesprochen.

Wie spüren Sie denn die aktuelle Krise zwischen der Ukraine und Russland in ihrer Arbeit am Telefon?

Nachdem dieses Unfassbare passiert ist, was ich nie hätte glauben können, waren zunächst alle Mitarbeitenden in einem Gefühl der Ohnmacht. Wir haben uns gefragt: Was macht man mit den eigenen Gefühlen, wie hilft man den Menschen? Wir haben uns dann in einer Vollversammlung miteinander ausgesprochen und es war klar, dass wir alle gemeinsam gegen Krieg sind. Egal, wo auf der Welt! Wir suchen uns die Anrufenden nicht aus und wir fühlen uns auch bei Meinungsverschiedenheiten verpflichtet zu helfen. Wir verhalten uns neutral am Telefon und äußern keine persönliche Meinung, außer dass wir gegen den Krieg sind!

Blickpunkt 24/7 17.2022

Sie können kein Geld abheben, weil die Konten gesperrt sind. Auch diese Menschen sind in Not!

Wie gehen Sie denn mit der Belastung der Mitarbeitenden um, die durch das enorme Wachstum der Erhalten Sie auch Anrufe von geflüchteten Men- Anrufe entsteht? schen? Normalerweise haben wir Auf jeden Fall! Die Zahl der Anrufenden hat sich in der letzten Zeit fast verdreifacht. Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind, brauchen zunächst viele Informationen: Wo können die Kinder zur Schule angemeldet werden, wo gibt es finanzielle Unterstützung, wo gibt es Sachspenden? Wohin mit den Haustieren? Wo gibt es russischsprachige Ärztinnen und Ärzte? Also viele Fragen sind Sachfragen! Es gibt aber auch Menschen, die schon angekommen und untergebracht sind und die wegen ihrer posttraumatischen Erscheinungen anrufen. Sie erzählen von ihren Kriegserlebnissen und ihren Traumata, und sie suchen professionelle, psychologische und psychotherapeutische Hilfe. Die Anzahl wächst und die Wartezeiten für Termine wird immer länger. Deswegen sind wir sozusagen eine zwischenzeitliche Lösung für diese Menschen. Diese Gespräche dienen einer Entlastung, während die Anrufenden dann auf ihre Therapiegespräche warten.

Es ist also eine Kombination von Alltagsproblemen und psychischer Notlagen und Belastungen? Ja, genau. Wir hören zum Teil grausame Geschichten und Erlebnisse aus dem Krieg. Es gab wohl sogar Fälle von Beschuss durch die eigene Armee! Daneben gibt es auch Fälle von Menschen, die durch ihre Sprache in Deutschland als Russen identifiziert werden und die durch Einheimische oder Geflüchtete Gewalt erfahren. Das ist sowohl verbale wie auch körperliche Gewalt! Es gibt Mobbing, die Kinder leiden in der Schule. Die Eltern haben Angst, mit ihren Kindern auf der Straße Russisch zu sprechen.

Was für eine schreckliche Ausstrahlung der Gewalt! Sehr richtig. Daneben gibt es auch russische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, die nicht nach Russland zurückkehren konnten, weil ihre Flüge gecancelt wurden und die unter Umständen in Lokalen nicht bedient werden. Sie bekommen keine Hotelzimmer mit ihren russischen Pässen.

eine monatliche Supervision, und jetzt gibt es dazu ein wöchentliches Angebot. Es gibt natürlich auch Einzelsupervision, wenn nötig. Wir bemühen uns auch um Finanzierung von zusätzlichen Fortbildungswochenenden, um im Team die Themen Traumata und Krieg zu bearbeiten. Darauf waren wir so nicht vorbereitet.

Haben Sie persönlich ein Rezept, um von ihrer Arbeit abzuschalten? Das ist für mich als Koordinatorin und Leiterin mit der Verantwortung für die Mitarbeitenden und die Qualität der Beratung besonders schwierig. Aber auch ich bin jetzt nach einem Monat an meiner Belastungsgrenze angelangt und nehme mir bald drei Tage Auszeit.

Ich bedanke mich sehr herzlich für Ihre Zeit und das Gespräch und wünsche Ihnen viel Kraft für Ihre Arbeit. Auch ich danke Ihnen herzlich! Das Interview führte Andreas Hardelt-Serafin, Mitglied der Redaktion

Telefon Doweria ist unter der Nummer 030 – 440 308 454 zu erreichen. Die Nummer ist rund um die Uhr besetzt. www.russische-telefonseelsorge.de Dienstags und Donnerstags von 20:00 bis 22:00 Uhr bietet Doweria Chats an. www.doweria-chat.de

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Wissen 24/7

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17.2022

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In der Supervision berichtete eine Schulseelsorgerin, dass die Kinder aus der dritten und vierten Klasse zu ihr kommen und sagen: „Ich bin computersüchtig“. Im ICD-11 (der elften Version der „Internationalen Klassifikation der Krankheiten“) ist Computerspielsucht als Störungsbild aufgenommen. Für Betroffene und Angehörige ist damit eine Grundlage zur besseren Versorgung geschaffen. Laut Fachleuten schaffen es rund 70 Prozent der Betroffenen mit einer Therapie ihre Sucht in den Griff zu bekommen. Das Internet und das Spielen im Internet machen niemanden abhängig: Man ist nicht gesund, und dann kommt das Internet und man wird krank.

#computerspiele#computerspielsucht#gamingdisorder

Das Internet wird nicht ins Leben, sondern das Leben ins Internet befördert, so überschaubar ist die Formel für Online-Abhängigkeit. Abhängigkeit besteht darin, dass wir mehr und mehr die Kontrolle verlieren und uns zunehmend an das Suchtmittel (Internet) binden und Beziehungen, Schule, Ausbildung, Arbeitsplatz in den Hintergrund rücken und gefährdet sind! Bei Computerspielen gibt es verschiedene Genres mit unterschiedlichen Interaktionen und Anforderungen. Wir Menschen spielen gern, das Spielen ist Teil unserer Kultur. Dazu gehören auch Videospiele, die unsere kognitiven Fähigkeiten und unseren Körper trainieren. Die gängigsten Genres mit ihren besonderen Merkmalen sind:

In der OnlineSeelsorge erreichen uns Anfragen von verzweifelten Müttern, die ihre Söhne nicht mehr vom Computer wegbekommen und Jungen, die von ihren Müttern genervt sind, weil sie ihnen verbieten, so lange mit ihren Freunden online zu spielen, wie sie wollen.

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In Adventure-Spielen und Action-Adventures geht es darum, Rätsel zu lösen, Verborgenes zu entdecken, seltsame Maschinen in Gang zu setzen und so Geheimnissen unbekannter Kulturen auf die Spur zu kommen. In den Action-Adventures kommt noch Action hinzu. Klassische Adventures erfordern Kombinationsfähigkeit, logisches Denken und Aufmerksamkeit. Bei den Action-Adventures kommen Reaktionsvermögen und eine gute Auge-Hand-Koordination hinzu. Bei Rennspielen (Arkade-Racer) geht es darum, eine vorgegebene Strecke zu befahren. Gewonnen hat, wer als erster ins Ziel kommt, beziehungsweise die erforderliche Zahl von Runden zuerst zurückgelegt hat. Arkadespiele erfordern Reaktionsschnelligkeit, eine gute Auge-Hand-Koordination sowie Konzentrationsvermögen.

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Mit Prävention ist kein Ruhm zu erlangen Menschen, die sich für die ehrenamtliche Arbeit in der TelefonSeelsorge interessieren, kommen häufig mit der Vorstellung, dass hier vor allem junge Menschen in akut suizidalen Zuständen um ein Gespräch bitten, dass jemand quasi auf der Brücke stehend oder einen tödlichen Medikamentencocktail in Griffweite noch ein allerletztes Gespräch sucht. Tatsächlich kann es vorkommen, dass Seelsorgerinnen und Seelsorger verbunden sind mit akut suizidwilligen Menschen – aber das ist eher selten. Latent suizidgefährdete Personen, die z.B. andeuten, dass ihnen „Alles“ zu viel wird, die keine erstrebenswerte Perspektive für sich sehen können, nutzen das Telefon. In der Chat- und Mail-Seelsorge sowie in der Face-to-Face Beratung tauchen die Menschen auf, die Suizidgedanken klarer formulieren. Diese Menschen haben zur Lösung schwieriger Lebensumstände bereits an Suizid gedacht, manche haben auch schon konkrete Handlungen geplant. Der Einsatz der TelefonSeelsorge nutzt also im Schwerpunkt die Primärprävention. Was heißt das? Es bedeutet, dass die Gespräche, Chats und Mails in der Regel der Vorbeugung nützen. Die hier angebotene Seelsorge dient dem Ziel, ein Kontaktangebot im Vorfeld suizidaler Entwicklungen zu machen. Wo Dauerbelastungen und Einsamkeit zu Engführungen und Überforderungen führen, wird hier ein niedrigschwelliges Kontaktangebot entgegengesetzt, in der Hoffnung, eine dramatische Zuspitzung abzuwenden.

Am Telefon, in Chat und Mail und auch in persönlichen Gesprächen zur Krisenintervention wird frühzeitig ein Entlastungsraum angeboten, der vor allem auch von denjenigen genutzt wird, die zu den Risikogruppen für Suizid gehören: Menschen mit chronisch psychischen Krankheiten, Menschen mit Suchtproblemen, alte Menschen, einsame Menschen. Kann ein Gespräch, ein Chat, eine Mail einen Suizid verhindern? Wir glauben, dass das so ist. Kontakt wirkt antisuizidal. Mit einem anderen Menschen verbunden zu sein, der sich wertschätzend und einfühlend zuwendet, hilft, weiterzuleben. Auch die Gründerinnen und Gründer der Lebensmüden-Beratung in Berlin vor mehr als sechzig Jahren – die Organisation, aus der die TelefonSeelsorge 1956 erwachsen ist – waren davon überzeugt, dass der Kontakt zu einem anderen Menschen Suizidgefährdete für eine Weile schützt. Druck kann abflauen, Verzweiflung geteilt und der Tunnelblick zugunsten einer breiteren Wahrnehmung verbessert werden. Allerdings: die Wirkung von Suizidprävention ist schwer messbar, vor allem die im primärpräventiven Bereich. Keine Suizidstatistik zählt verhinderte Selbsttötungen, viele Suizidversuche werden nicht als solche erkannt. Der Virologe Christian Drosten hat zur Beschreibung der Pandemiebekämpfung geäußert: „There is no glory in prevention!“ Dieses Zitat trifft besonders auch in der Suizidprävention zu. Am Ende kann nie schlüssig belegt werden, was zu Verbesserungen beigetragen hat.

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Mit Prävention ist kein Ruhm zu erlangen, kein Dank zu erwarten. Deshalb bleibt es schwer, überzeugend zu argumentieren, was bisher gewirkt hat und wie zukünftig Suizidprävention effektiv gestaltet werden kann. Dennoch ist in den vergangenen Jahrzehnten einiges geschehen, um suizidpräventive Bedingungen zu schaffen: sogenannte Hotspots – Orte, die für Selbsttötungen gute Bedingungen schaffen und auch so genutzt werden – wurden durch bauliche Maßnahmen gesichert und entschärft (Brücken, Bahnübergänge), Haushaltsgas ist nicht mehr tödlich. In den vergangenen 66 Jahren sind in Deutschland 105 TelefonSeelsorge-Stellen entstanden. Die Medienberichterstattung ergänzt auf Empfehlung der Naspro (Nationales Suizidpräventionsprogramm, Netzwerk aus vielen Organisationen mit dem Ziel der Verbesserung der Suizidprävention) jede Nachricht über suizidale Vorgänge mit einem Hinweis, über welche Telefonnummern und Links in Notfällen die TelefonSeelsorge angesteuert werden kann. In den Suizidstatistiken der letzten Jahrzehnte lässt sich ein kontinuierlicher Rückgang der gezählten Suizide ablesen. 1980 waren es noch über 20 000 Suizidtote bundesweit, 2020 war diese Zahl halbiert! Anrufe bei der TelefonSeelsorge wirken suizidpräventiv. Als Nachweis dafür ist der Inhalt einer Mail zu deuten, die die interne Beschwerdestelle kürzlich erreichte. Eine Mehrfach-Nutzerin beschwerte sich, dass sie nicht immer sofort „durchkommt“, wenn sie die Nummer der TelefonSeelsorge wählt. Sie habe oft und manchmal mehrfach täglich angerufen, wenn es ihr sehr schlecht gegangen sei. Das habe sie überleben lassen und ihr sehr viele Medikamente erspart. Wenn sie nun erst nach mehreren Anrufversuchen verbunden würde, mache ihr das Sorgen.

Nicht ihretwegen, sie sei ja mittlerweile ganz stabil. Sie sorge sich vielmehr um all diejenigen, denen es so schlecht geht wie ihr vor einiger Zeit. Was soll aus denen werden, die instabil, traumatisiert, Stimmen hörend, ihren Suizid planend in der Warteschleife landen? Sie bat inständig darum, die Erreichbarkeit für die Anrufenden zu verbessern. Sie drückte deutlich aus, dass die Primärprävention im Sinne eines Gesprächs mit einer TelefonSeelsorgerin in ihrem Fall funktioniert hatte. An einer Fortführung dieser Primärprävention zur Entlastung ihrer Leidensgenossinnen und Leidensgenossen lag ihr sehr. Suizidalität ist in der Regel eine Phase, die vorübergeht. Es ist gut, in dieser Phase nicht allein zu sein, sondern im Kontakt mit einem zugewandten, belastbaren, vorurteilsfreien Menschen. Es gilt, diese Phase ernst zu nehmen, auszuhalten in der Hoffnung, dass der Kontakt trägt, der Druck nachlässt. Die Rolle der Seelsorgenden ist hier neben der des Anteilnehmens die der stellvertretenden Hoffnung, der stellvertretenden Wertschätzung, der Perspektiven-Schaffenden. Wir alle erleben in diesen Zeiten das dritte Jahr der Pandemie und einen Krieg, der am Rande Europas mit ungewissem Fortgang erbarmungslos geführt wird. Es sind Bedingungen, die extrem viel Unsicherheit auslösen - auch bei den „Normalneurotischen“ unter uns. Gerade in diesen Zeiten ist die Aufgabe der Suizidprävention schwer lösbar und überlebensnotwendig.

ROSEMARIE SCHET TLER,

Hauptamtlich tätig in der TelefonSeelsorge Duisburg Mülheim Oberhausen

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Wer mehr über die Arbeit der TelefonSeelsorge speziell auch in der Suizidprävention erfahren möchte, findet Informationen unter www. telefonseelsorge.de oder im Handbuch „Niemand bringt sich gerne um“ sowie in der Krisenkompass-App, die gebührenfrei und anonym, genutzt werden kann.

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