24/7 – Ausgabe 16 – April | Mai | Juni – 2022

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INHALT

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BLICKPUNKT 18

MAN SIEHT NUR MIT DEM HERZEN GUT

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DAS VERSPRECHEN DER GASTFREUNDSCHAFT

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DU WIRST NIE WISSEN, WAS LIEBE IST

INTERNES

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WISSEN

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„Haben Sie auch einen Hund?“ Jula Heckel-Korsten

Meine Freundin Helma Irmtraut Giebeler

Wer sitzt da mit am Tisch? Inge Pape

Verwählt? Astrid

Männer brauchen Männer Andreas Hardelt-Serafin

Freundschaft ist überbewertet! Tobias Lehner

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WISSEN

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Muss es immer Psychotherapie sein? Rosemarie Schettler

MÄNNER BRAUCHEN MÄNNER

Plädoyer für die Seele Andreas Thiemann

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INTERNES 25 Jahre online

BLICKPUNKT #bestefreundin #bestfriendsforever#bff Birgit Knatz

Seelenverwandte auf Zeit Magret Martin

Du wirst nie wissen, was Liebe ist Alexander Löwen

Es gab entspannte Phasen, in denen sie viel über ihre Katzen schrieb Regina Korn

Das Ende der Gemeinsamkeiten Martin Junge

Das Versprechen der Gastfreundschaft Friedrich Dechant

Man sieht nur mit dem Herzen gut Bernadette Ott

Mit Verfallsdatum, na und? Martin Buttenmüller

Ulrike Mai

Auf Zeche

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Birgit Knatz & Gunhild Vestner

Neu in der Redaktion

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Andreas Hardelt-Serafin & Tobias Lehner

Du bist da gewesen

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Frank Ertel & Michael Hillenkamp

Die Ermöglicherin Ein Gespräch mit Lydia Seifert

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Bernadette Ott

TelefonSeelsorge Deutschland e.V. - ein neuer Dachverband Frank Ertel & Michael Hillenkamp

IFOTES-Kongress im Oktober 2023 in Ungarn

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Michael Grundhoff

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EMPFEHLUNGEN

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IMPRESSUM

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Blickpunkt 24/7 16.2022

#bestefreundin #bestfriendsforever #bff HALLO BIRGIT, MEIN WUNSCHGEWICHT WÄRE ZWISCHEN 48-50 KG (ICH BIN 1,65 GROSS UND WIEGE GRADE 60 KG) UND ICH WÜRDE AM LIEBSTEN DIE GLEICHE FIGUR WIE GIGI HADID, KENDALL JENNER UND CHARLI D´AMELIO HABEN. SIE SIND WIE BESTE FREUNDINNEN FÜR MICH UND WENN ICH MEIN WUNSCHGEWICHT HÄTTE, WÜRDE ICH GENAUSO SELBSTBEWUSST SEIN WIE SIE. ICH WÄRE MOTIVIERTER UND WÜRDE MICH NICHT DIE GANZE ZEIT UNWOHL FÜHLEN… MIA


Seelenverwandte

Blickpunkt 24/7 16.2022

auf Zeit

In der Regel ist Freundschaft so wie oben beschrieben. Dann wird ein Freund zum langjährigen, vielleicht sogar zum lebenslangen Begleiter. Zu einem Begleiter, der gar nicht unbedingt ständig in der Nähe sein muss, denn einen Menschen als Freund zu wissen, tut gut, selbst wenn man räumlich getrennt ist. Weil es eine Verbindung gibt, eine Verlässlichkeit. Weil man sich bei und in dem Freund, auch über Grenzen hinweg, gut aufgehoben, verstanden und angenommen fühlt. So einen Freund gab es auch für mich. Zunächst waren wir „nur“ Kollegen, dann entstand im Laufe der Zeit eine tiefe Verbundenheit, ein Vertrauen, das sich nicht zuletzt gründete auf Gemeinsamkeiten im Denken, auf übereinstimmende Überzeugungen. F. und ich: das passte. Wir waren im Beruf ein gutes Team, wir teilten den gleichen Humor. Kurzum: eine gefühlte Seelenverwandtschaft. Und es gab keine Ausschließlichkeit. Unsere Partner waren von Anfang an freundschaftlich mit eingebunden. Und selbst als es nach einigen Jahren über Landesgrenzen hinweg längere Kontakt-Pausen gab: die (Ver-)Bindung blieb bestehen. Bis es vor zwei Jahren unvermittelt, plötzlich, aus sogenanntem „heiteren Himmel“ (der für mich in dem Moment alles andere als heiter war) zum Bruch kam. Ein Missverständnis, ein unglücklich formulierter oder falsch verstandener Satz, ein nicht so gemeinter Vorwurf – und mit einem Mal war ich für F. nicht mehr die langjährige Vertraute, nicht mehr

die Freundin, mit der man reden und lachen konnte, sondern die, die verantwortlich war für seine Depression, seine Niedergeschlagenheit, seine Selbstzweifel. Ich war tief getroffen von diesen aus meiner Sicht haltlosen Anschuldigungen, die mich in Form eines Briefes erreichten, der auch so gar nicht zum sprachbegabten Rhetoriker F. zu passen schien: viel Halbfertiges und Unzusammenhängendes hatte er verfasst.

War die Freundschaft also gar nicht so echt gewesen, wie sie sich für mich immer angefühlt hatte? Waren unsere Vorstellungen von Freundschaft möglicherweise nicht kompatibel? Ich antwortete ebenfalls schriftlich, versuchte den Sachverhalt aus meiner Sicht zu schildern, bat um eine klärende Aussprache. Darauf folgte: Keine Reaktion. Kein Brief. Kein Anruf. Kein Besuch. Nichts. Und so endete für mich unerwartet eine Freundschaft, die ich 40 Jahre lang als bereichernd empfunden und die sich für mich gut und richtig angefühlt hatte. Obwohl ich F.s Sichtweise bis heute weder verstehen noch nachvollziehen und teilen kann, empfinde ich weder Ärger noch Wut. Ich spüre Traurigkeit und Enttäuschung, aber gleichzeitig auch Dankbarkeit dafür, dass ich die Erfahrung einer solchen Freundschaft machen durfte. Und mit dem Aufschreiben meiner Geschichte habe ich jetzt vielleicht genau das getan, was Anrufende am Telefon, was Ratsuchende in der MailSeelsorge auch oft tun: sie reden bzw. schreiben sich ihren Kummer, ihre Not, ihre Sorgen von der Seele. Normalerweise sitze ich ja auf der anderen Seite und höre und lese das, was Menschen bedrückt und belastet, aber nun habe ich selbst einmal erfahren können, dass es befreit und entlastet, wenn man das, was die Seele beschwert, einfach nur loslassen kann. Auch wenn dabei Tränen geflossen sind. Über eine Freundschaft, die es nicht mehr gibt.

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Du wirst nie wissen, was Liebe ist Gerade als der vom Tod gezeichnete Harry Potter drauf und dran ist, den inneren Kampf gegen seine Nemesis Lord Voldemort zu verlieren und von ihm vollständig in Besitz genommen zu werden, schießen ihm Bilder seiner teuersten und liebsten Menschen in den Sinn: Da umarmt ihn sein Paten-

onkel Sirius Black, da lächeln ihm gütig seine toten Eltern zu, da lachen mit ihm sein Freund Ron und seine Freundin Hermine. Und siehe: Der dunkle Lord muss diesen hellen Erinnerungen weichen. „Du wirst nie wissen, was Liebe ist“, entgegnet Harry ihm schließlich glasklar. „Oder Freundschaft. Und deswegen

kannst du mir nur leidtun.“ Der Junge muss es wissen, schließlich konnte er nur dank seiner Freundinnen und Freunde so etwas wie Menschlichkeit und Wärme erfahren. Harry Potter ist hierfür ein starkes Exempel von vielen.


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DAS VERSPRECHEN DER GASTFREUNDSCHAFT „Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt“, singen „Die Drei von der Tankstelle“ . Sie singen davon, dass Freundschaft alles überdauert. Wir sind soziale Wesen, sind auf Andere angewiesen. Wir brauchen den Austausch und die Wertschätzung durch die Anderen; und das am besten dauerhaft. Wir Menschen brauchen Nähe und soziale Wärme, um uns entwickeln zu können und nicht seelisch zu verkümmern. Neben glücklichen Verwandtschafts- und Liebesbeziehungen sind Freundschaften eine wesentliche Ressource, um Verstandenwerden, Angenommensein und liebevolle Kritik zu erleben. Eine Freundschaft kann gelingen, meint Aristoteles, wenn in ihr Gegenseitigkeit, Offenheit und Gleichheit herrschen. Freundschaft muss getragen sein von einem gemeinsamen, übergreifenden Wertekonzept, das die Unterschiede zwischen den Beteiligten aushalten kann. Geht es verloren, droht die Freundschaft zu zerbrechen.

nach Freundinnen und Freunden halten. Wer regelmäßig anruft, hat in kurzer Zeit 70 bis 200 Bekannte mehr. Diese hören geduldig zu, sind achtsam und wertschätzend. Selbst wenn sie einmal widersprechen oder sich abgrenzen, fügt das dem Wunsch nach Nähe und Kontakt in der Regel keinen dauerhaften Schaden zu. Es entspricht der Alltagserfahrung, dass der oder die Andere nicht immer Zeit hat oder mit gleichschwebender Aufmerksamkeit da sein kann und will. Noch mehr als am Telefon kann im längerfristigen und exklusiven Mailkontakt bei Ratsuchenden und TelefonSeelsorgerinnen und -Seelsorgern die Phantasie einer Freundschaft entstehen. Das liegt nahe. Der Mailer oder die Mailerin schildert Details aus dem eigenen Leben, öffnet sich auf Nachfragen hin und zeigt sich verletzlich und bedürftig.

Wer so viel gibt, hat ein Recht Menschen suchen nach einer ge- darauf, ernst genommen und beglückten und dauerhaften Paar- hutsam begleitet zu werden. beziehung ebenso wie nach einer Weil manche Ratsuchende nach dauerhaften Freundschaft. Freundschaft ist ein gutes Mittel gegen die Einsamkeit. Es verwundert nicht, dass Ratsuchende bei der TelefonSeelsorge Ausschau

einer Ausgewogenheit in der Beziehung streben, fragen sie nach dem Lebensumfeld, dem persönlichen Hintergrund oder nach Meinungen und Ansichten des Beraters


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Man sieht nur mit dem Herzen gut WAS DER FUCHS ÜBER FREUNDSCHAFT ERZÄHLT Im 21. Kapitel des Kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry, dieser Erzählung über die Notwendigkeit eines imaginären (oder realen) Freundes, will man in der Wüste überleben, in diesem Märchen für Erwachsene, die nach Versöhnung mit ihrem inneren Kind suchen, fällt er, der berühmte Satz: On ne voit bien qu’avec le cœur. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Ein Satz, den fast jede kennt, sicherlich einer der meistzitierten Sätze der Weltliteratur, zum Inbegriff dessen geworden, was wir zu meinen scheinen, wenn wir emphatisch von Freundschaft reden – Aufforderung und Rätsel, Mantra, Glaubenssatz und Tatsachenbehauptung zugleich. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Die Geschichte der Freundschaft zwischen dem in der Wüste mit seinem Flugzeug abgestürzten Ich-Erzähler – notorischer Einzelgänger, Typ einsamer Held, unschwer als Alter Ego des Schriftstellers und Piloten Saint-Exupéry zu erkennen – und dem plötzlich vor ihm auftauchenden Kleinen Prinzen ist die einer vorsichtigen, behutsamen Annäherung durch Zuhören und Erzählen. Station für Station werden Miniszenen als rätselhaft und defizitär erfahrener Welten durchlebt, bis der Kleine


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Freundschaft ist überbewertet! EIN ZWISCHENRUF

„Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde“ – dieser Satz ist häufiger wahr, als mir lieb wäre. Freundschaften, die nur noch aus Gewohnheit halten, Abwertungen, Verletzungen bis hin zu Verrat und Feindschaft: Viele Erfahrungen und Gespräche, nicht nur in der TelefonSeelsorge, zeugen davon. Und wie bei manchen partnerschaftlichen Beziehungen bleibt die Frage: Warum hast du nicht längst einen Schlussstrich gezogen? Aus Angst, dann dein Leben allein fristen zu müssen?

Und dann tönt auch noch die Wissenschaft: Wer Freundinnen und Freunde hat, ist weniger krank, lebt länger, gesünder, besser. Ja, ja! Salz in die Wunden all derer ist das, die einsam, enttäuscht, von Freunden im Stich gelassen sind – oder nie das Glück hatten, Freundschaften pflegen zu können. Und dann die Rat-Schläge, die noch mehr schmerzen: „Sie müssen mehr unter Leute. Suchen Sie sich einen Ort, wo Sie Freundschaften knüpfen können.“ Nein, nein! Freundschaft ist überbewertet!

FREUNDSCHAFT – LÖSUNG ALLER PROBLEME?

UND SCHÖN WÄR´S TROTZDEM …

Denn viele – allzu viele – singen das Lob der Freundschaft, und sie singen es laut und penetrant. „Best Friends Forever“ schreiben sich Pubertierende via WhatsApp oder noch ganz analog ins Schulheft. Und wissen nicht, dass diese Freundschaften meist nicht länger halten, bis die Druckertinte auf dem Abschlusszeugnis trocken ist. Auf Facebook und Co tummeln sich Millionen „Freundinnen“ und „Freunde“. Film, Fernsehen, Werbung: Freundinnen und Freunde lauern überall – immer da, immer verschwiegen, immer innig – fast zum Erbrechen schön.

Mit Fünfundzwanzig hat man noch Freundinnen und Freunde. Danach geht´s bergab. Das hat eine finnische Studie zu Tage gefördert. Macht nichts, wie war das mit dem Abschlusszeugnis? Doch bittersüß sind die Erinnerungen: Schön waren sie ja schon, die „Best Friends Forever“-Zeiten. Die Auswahl war groß, zu wem man mit Liebeskummer gehen oder mit wem man am WG-Tisch über Gott und die Welt diskutieren konnte. Und schön wäre das auch noch heute. Also doch: Naiv ins Leben stürzen, Hauptsache viele Kontakte. Lieber „Feindinnen“ und „Feinde“ als gar

keine Freundinnen und Freunde? Auch dafür gibt es die passende Studie, diesmal vom Massachusetts Institute of Technology. Ihr zufolge sind die Hälfte unserer Freundinnen und Freunde sowieso keine echten. Wir müssen also darauf achten, die falsche Hälfte zu verlieren. Zeit für eine Inventur: Wem fühle ich mich heute noch verbunden, wer fehlt mir vielleicht am meisten in den letzten Jahren – und wer nicht? Es gibt sie, nicht nur im Film: Die Freundinnen und Freunde, die sich nach Jahrzehnten wieder finden. Die E-Mail, die überraschend kommt. Und manchmal muss sie auch von mir geschrieben werden. Eine zweite Spur zwischen Isolation und „Freundschaftsrausch“: Oft ist es wichtig, zwischen Freundinnen oder Freunden und Bekannten sauber zu unterscheiden. Manchmal aber kann es auch helfen, nicht so genau hinzuschauen. Schon der Smalltalk an der Supermarktkasse kann einen Unterschied machen. Das ist zwar nicht Freundschaft, aber besser als Isolation ist es allemal.

FREUNDSCHAFT IST GNADE Und

schließlich:

Freundschaft


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