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Kapitel 1

V

on dem Moment an, da es aus der Schale erschienen war, sorgte sich Nata um ihr frisch geschlüpftes Adlerjunges. Es war ihr allererstes Junges und sie hatte kein so kleines und zerbrechliches Wesen erwartet. Es konnte nicht einmal sein Köpfchen heben. Zudem hatte sie ihm schon mehrmals Nahrung angeboten, doch hatte es von ihrem Angebot noch keinen Gebrauch gemacht. Nata hatte zwei Eier gelegt und liebevoll schaute sie auf das andere Ei, das bislang sich zu öffnen geweigert hatte. Es war von der Farbe hellbraun mit schwarzen Fleckchen. Dieses außergewöhnliche Ei war angeschmiegt an das neue Adlerjunge, das unter den Blättern und dem Gras dort im Nest lag. Nun, Adler bezeichnen ihr Nest als Adlerhorst und dieser bestand aus ineinander geflochtenen Zweiglein und Reisig und war außen mit graugrünem Moos bedeckt, sodass es gut zu dem grauen Felsen der Klippe passte, auf dem es ruhte. „Papa ist unterwegs“, dachte Nata, als sie zur untergehenden Sonne hinblickte. Gerade in diesem Moment glitt Ramon mühelos über eine Graslichtung im Wald. Seine Flügel, die ausgebreitet mehr als zwei Meter weit waren, hielt der furchteinflößende Vogel mit Leichtigkeit in der Höhe, während er nach Nahrung Aus15


schau hielt. Ramon hatte stämmige Beine mit Krallen, die so scharf wie Stahl waren. Sein kräftiger Schnabel war fast so lang wie sein Kopf. Eine Bewegung seiner mächtigen Schwingen hielt ihn über eine Stunde schwebend in der Luft, während seine scharfen Augen nach Nahrung Ausschau hielten. Seine Federn waren schwarz-braun mit einem goldenen Einschlag an der Hinterseite des Genicks. Außerdem war auch noch ein weißer Bereich jeweils am Unterteil seines Schwanzes und an den Spitzen seiner Flügel. Auf einmal erspähten seine außergewöhnlichen Augen eine Bewegung etwa 400 Meter zu seiner Rechten, eine Bewegung, die so gering war, dass sie das menschliche Auge gar nicht bemerkt hätte. Ramons Beute war ein kleines Kaninchen. Er glitt in eine Kurve und flog für eine Sekunde auf gleichbleibendem Niveau. Dann, plötzlich, in einem Sturzflug wie ein Blitz, schnappte er seine ahnungslose Beute ohne einen Laut. Ramon erhob sich stolz in den Himmel, in dem Wissen, dass er wieder einmal ein guter Versorger für Nata und die kostbaren Adlerjungen in seinem Adlerhorst war. „Hier kommt das Abendessen“, sagte Nata leise, als sie die entfernte Silhouette von Ramon in Sicht kommen sah. „Warum sorgst du dich nur immer wieder?“, fragte Ramon, während er versuchte, seine Ungeduld zu verbergen, als er das gefangene Kaninchen zu Natas Füßen warf. Ramon war sichtlich irritiert angesichts ihres ängstlichen Gesichtsausdrucks. Ehe sie antworten konnte, sprach er wieder: „Das Kleine wird stärker. Schau, er bewegt sich schon mehr. Mach dir über ihn keine Sorgen. Bald nachdem das andere Ei gesprungen sein wird und beide von ihnen stark genug sein werden um sich zu bewegen, werde ich eine große Party für unsere Freunde veranstalten, um die Ankunft unserer neunen Jungen zu feiern!“ 16


Nata bemühte sich die Erregung ihres Männchens zu teilen. Gewiss, es waren ihre ersten Jungen, aber Ramon war davon überzeugt, dass sie sich als vollkommen gesund herausstellen würden. Nata traf eine bewusste Entscheidung, sich nicht mehr um ihre kleine Brut zu sorgen. Schließlich schlüpfte das zweite Junge gerade einmal zwei Tage nach dem ersten. Nata war überglücklich, herauszufinden, dass sie nun ein männliches und ein weibliches Junges hatte. Das Männchen nannte sie Hagen, denn er war klein, hager und zerbrechlich. Das Weibchen hingegen war überhaupt nicht klein und auch nicht zerbrechlich. „Sie soll höher fliegen als jeder Adler jemals zuvor geflogen ist“, flüsterte Nata bei sich selbst. „Ich werde sie Selin nennen.“ Während die nächsten paar Tage vergingen, begann sie die Aufregung über die herannahende Party zu verspüren. Sie war davon überzeugt, dass all die anderen Adler denken würden, dass ihre Jungen die schönsten seien, die sie je gesehen hatten. Am Tag der Party war der Himmel erfüllt mit Adlern, die von weit entlegenen Orten herangesegelt kamen. Nata konnte sich nicht erinnern, wann sie jemals so viele Adler an einem Ort gesehen hatte. Sie und ihre zwei Jungen wurden mit überwältigter Begeisterung begrüßt. Zwei solch kostbare Wesen zu gebären war für sie natürlich etwas Besonderes gewesen, aber jetzt konnte sie deutlich erkennen, dass ihre zwei Kleinen für die gesamte Adlergemeinschaft ein ebensolch großer Grund zum Feiern waren, wie für sie selbst. Gelegenheiten dieser Art waren selten, denn ihre Bevölkerung hatte in den letzten Jahren ständig abgenommen. Darum war dies ein Tag großer Freude, Hoffnung und Festlichkeit. Und, wie es bei solch großen Feierlichkeiten oft der Fall ist, genoss jeder diese Gelegenheit. 17


Das Jubeln dauerte den ganzen Tag. Die Sonne begann schon unterzugehen, als die Adler sich verabschiedeten. Nachdem sich der letzte Adler in den Himmel erhoben hatte und in der Sonne verschwunden war, wandte sich Ramon stolz Nata zu. Sie hatte mit Ramon lang genug gelebt, um diesen Blick auf seinem Gesicht zu erkennen. Es war der Ausdruck von ehrgeiziger Erhabenheit, etwas das Ramon oft überkam. „Nata, Liebes, war dies nicht der wunderbarste Tag unseres Lebens?! Unsere Freunde kannten nichts als Lob für unseren wunderschönen Jungen. Was wir zusammen vollbracht haben, ist wirklich wunderbar anzusehen. Wir haben neue Adler in diese Welt gesetzt! Was könnte es auf der ganzen Erde oder im Himmel Großartigeres geben als das? Das ist es doch, wofür wir geschaffen wurden!“ rief Ramon aus, wobei seine Augen vor Aufregung blitzten. In der Vergangenheit hatte Nata Ramon bereits über Vieles begeistert gesehen, doch erkannte sie, dass seine Aussage allem Anschein nach für ihn eine große, neue Offenbarung war; sie konnte sich nicht daran erinnern, ihn jemals so glücklich gesehen zu haben. „Wir werden uns gleich daran machen, Nata, und einen weiteren Adlerhorst bauen. Wir werden es wieder tun!“ rief Ramon mit fröhlicher Stimme. „Dieses Land zu erneuern, den Himmel zu füllen mit großen Adlern – das ist unser Leben!“ Nata war sich nicht so sicher wie Ramon selbst über seine Ideen, doch wusste sie, dass er es immer gut meinte. Deshalb vertraute sie ihm. Sie beschlossen ihr neues Werk sofort anzupacken. Ich bin mir sicher, dass es dir schwer fallen wird zu glauben, wenn ich dir erzähle, dass Ramon und Nata sofort loszo18


gen, um einen neuen Adlerhorst zu bauen, und, während sie das taten, ihre zwei Jungen einfach zurückließen. Natürlich beabsichtigten sie sicherlich zurückzukehren, um nach dem Wohlergehen ihrer Kleinen zu sehen, doch erfordert das Bauen eines Adlerhorsts eine erstaunlich große Anstrengung und viel Zeit. Und, wie es so oft in Situationen wie dieser geschieht, vergaßen Ramon und Nata völlig ihren Jungen bei ihrer beschäftigten Hingabe, eine weitere Adlerbrut zu bekommen. Am nächsten Morgen erwachte Hagen kalt und hungrig. Ebenso seine Schwester Selin. Geduldig warteten sie den ganzen Tag auf Mama und Papa. Als es Nachmittag wurde, wussten sie jedoch, dass sie bald würden handeln mussten um zu überleben, sollten Mama und Papa nicht bald zurückkehren. Während Hagen den Himmel absuchte, fragte er Selin voller Unruhe: „Hast du einen Vorschlag?“ Selin spähte über den Rand des Adlernestes, nur um zu entdecken, das es auf einem Felsvorsprung – etwa in hundert Meter Höhe – erbaut worden war. Erinnere dich daran, dass Hagen und Selin nur ein paar Wochen alt waren und darum noch nichts vom Fliegen verstanden. „Das ist jetzt schon unser dritter Tag allein und ohne Nahrung“, meinte Selin am folgenden Morgen schwächlich. „Wir müssen ganz bestimmt hinunter und etwas zu essen finden“. In der Hoffnung, dass seine Schwester wusste, wie sie „hinunterkämen“ fragte Hagen: „Und wie werden wir das anstellen?“ „Wir müssen springen“, sagte sie ruhig. Hagen zog sich schnell vom Rand des Nestes zurück. „Springen!?!“, kreischte er ungläubig. „Wenn wir das tun, werden wir ganz bestimmt sterben! Das kann nicht dein Ernst sein!“ 19


Selin mochte die Idee ebensowenig wie ihr Bruder, doch was konnten sie sonst tun? „Wir müssen sowieso sterben“, antwortete sie. „Na gut“, sagte Hagen, „aber lass uns noch etwas warten. Wenn Mama nicht sehr bald zurück ist, dann werden … werden wir … entscheiden, was wir tun.“ Den Rest des Nachmittags verbrachten sie damit, sich mit einer Entscheidung abzuquälen, die sie nicht treffen wollten. Es war beiden klar, dass sie einfach keine andere Möglichkeit hatten, als den todesverachtenden Sprung zu wagen. „Wenn wir hier bleiben, dann werden wir sterben“, sagte Selin, und der Klang von Endgültigkeit war in ihrer Stimme zu vernehmen. „Und wenn wir springen, werden wir wahrscheinlich auch sterben“, kam Hagens zurückhaltende Antwort. „Du und ich, uns bleibt wirklich nichts anderes übrig, da wir noch nicht das Fliegen gelernt haben“, sagte Hagen in einem Moment der Offenbarung. Von der Wahrheit seiner Worte niedergeschmettert, lehnte er sich mutlos zurück. Aber schließlich stellten die beiden Adlerjungen fest, das sie sich nicht nur hungrig und kalt fühlten, sondern auch dem Tode nahe waren. Deshalb bewegten sie sich zur Seite des Adlerhorstes, schlossen ihre Augen, hielten den Atem an – und sprangen. Zwei kreischende Schreie folgten, die einem das Blut in den Adlern gerinnen lassen, verbunden mit dem verzweifelten Schlagen ihrer Flügel. Dann herrschte Stille.

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