Kapitel 2
Was aus Menschen werden kann
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ch predigte in zwei Vormittagsgottesdiensten einer kleinen Gemeinde im mittleren Westen. Beim Kaffeetrinken zwischen den beiden Gottesdiensten lernte ich ein Ehepaar kennen, das erst vor noch nicht allzu langer Zeit zum Glauben an Jesus Christus gekommen war. Sie hatten die Gemeinde besucht, um etwas zu finden, das ihre Ehe wieder »kitten« könnte – und fanden mehr. Ich fragte sie, wie ihr neues Leben als Christen laufen würde. Der Ehemann antwortete mit einem etwas ungewöhnlichen Vergleich. »Manchmal fühlen wir uns, als ob wir einem Bowling-Team beigetreten sind. Wir versuchen, jeden Sonntag und jeden Mittwochabend zu spielen. Wir kommen in Bowlingausrüstung, jeder von uns mit einer Bowlingkugel in der Hand. [Er hält seine Bibel hoch.] Wir stellen uns auf, um die Kugel zu werfen, aber wir können die Kegel nicht sehen. Irgendwelche Gemeindeleiter haben ein Stück Pappe vor die Kegel gehängt, damit wir sie nicht sehen können. Nachdem wir geworfen haben, sagen sie uns, wie viele Kegel wir getroffen haben.« Seine Frau unterbricht ihn: »Nein, sie sagen uns, wie viele Kegel wir verfehlt haben!« Dann bombardierten sie mich mit Fragen. »Eigentlich müssten wir doch die Kegel sehen! Wie können wir sie treffen, wenn wir sie nicht sehen? Haben wir denn kein Recht, sie zu sehen?« Und dann kam eine sehr scharfsinnige Frage: »Wir wissen, dass es beim Christsein nicht nur um einen Aspekt geht, sondern um mehrere – aber um welche?«
Was ist das Ziel? Ich habe sehr oft über diesen Vergleich und über ihre Frage nachgedacht. Welche »Kegel« stellt uns Gott auf, nach denen wir als Christen zielen sollen? Zufälligerweise lautet das Wort, das am häufigsten im
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Neuen Testament verwendet wird und das wir mit »Sünde« übersetzen, hamartia. Es stammt aus dem Bereich des Bogenschießens und bedeutet wörtlich »Zielverfehlung«. Was also ist das Ziel? Die Frage ist für den Auftrag einer Gemeinde von großer Bedeutung, weil eine ausreichend motivierende Vision für das, was aus Menschen durch Gnade werden kann, einer der Schlüsselfaktoren für die evangelistischen Aktivitäten einer Gemeinde ist. Welche Hoffnungen setzen wir auf Menschen? Wenn Gottes Träume für einen Menschen realisiert würden, wie würde sich dieser Mensch verändern? Wie würde das Leben dieses Menschen nun aussehen? Was verändert sich, wenn er Christ wird? Was sollte sich verändern? Nach einigem Nachdenken stieß ich auf zwei gegensätzliche Antworten. Eine von ihnen ist typisch für traditionelle Gemeinden, deren Mitglieder sich im Allgemeinen nicht evangelistisch betätigen. Die andere Antwort ist typisch für apostolische Gemeinden, deren Mitglieder mit einer höheren Wahrscheinlichkeit über ihren Glauben reden und andere Menschen in die Gemeinde einladen. Das Ehepaar, von dem ich eingangs erzählt habe, ging davon aus, dass die Gemeindeleiter die Ziele eines christlichen Lebens kannten, aber nicht darüber sprachen. Tatsache ist jedoch, dass diese Ziele den Leitern traditioneller Gemeinden vielleicht nicht unbedingt klarer sind als Frischbekehrten oder Suchenden. Die meisten Gemeindeleiter haben bestimmte Antworten auf diese Frage parat, aber in traditionellen Gemeinden werden diese Antworten gewöhnlich selten ausgesprochen. Die Leiter apostolischer Gemeinden haben wahrscheinlich gründlicher über diese Fragen nachgedacht, aber ein Teil ihrer Antworten bleibt für die Gemeindemitglieder immer noch im Dunkeln. Als ich versucht habe, diese Ziele herauszufinden, lernte ich, auf bestimmte Stichworte und Hinweise zu achten. Manchmal lassen sich die Ziele der Gemeindeleiter an dem ablesen, was sie messen: z. B. die Zahl der Gottesdienstbesucher oder der Taufen. Manchmal lassen sich die Ziele aus den Richtlinien für die Gemeindemitgliedschaft oder für die Mitarbeit in der Gemeinde erkennen. Manchmal zeigen sich die Ziele auch daran, mit wem die Gemeindemitglieder befreundet sind und mit wem nicht oder worüber die Leute klatschen (oder womit sie angeben). Sie zeigen sich an den Menschen, die als Helden oder Hel-
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dinnen in der Geschichte der Gemeinde betrachtet werden, und an den Geschichten, die über sie erzählt werden. Manchmal ist es hilfreich zu fragen: »Wer ist Ihrer Meinung nach ein echter Christ?« Die Antwort offenbart zumindest, welche Kriterien sie selbst ansetzen.
Die Ziele für Menschen in traditionellen Gemeinden Im Laufe der Jahre konnte ich durch diese, zugegebenermaßen recht unwissenschaftliche, Detektivarbeit etwa zehn Gemeindeziele identifizieren. Ich möchte diese Ziele als Annahmen vorstellen, sie beleuchten und zu jedem Punkt mindestens einen historischen Vorläufer nennen (um zu zeigen, dass diese Aspekte nichts Neues sind). Dann möchte ich die Frage aufwerfen, ob diese Ziele angemessen und für christliche Evangelisation motivierend sind. Auch hier gilt wieder, dass es sich um Beispiele handelt, die in Gemeinden mehr oder weniger stark vertreten sein können. 1. Eine Gruppe traditioneller Gemeinden möchte einfach, dass Menschen »religiös« sind. Diese Gemeinden akzeptieren nahezu jede religiöse Richtung von jedem, der behauptet, religiös zu sein. Diese Haltung ist vor allem für liberale Gemeinden charakteristisch und teilweise auch eine Gegenreaktion auf die Aufklärung. Diese brachte den Menschen bei, das Universum als Maschine zu sehen, die sich selbst erhält und keinen Gott braucht, der sie antreibt. Als Folge davon zweifeln viele moderne Menschen daran, dass es etwas gibt, das »hinter« dem materiellen Universum steht. Im Gegensatz dazu glauben jedoch solche Gemeinden an das Göttliche, das Transzendente oder das Übernatürliche (und erleben es vielleicht auch). Diese Gemeinden wurden teilweise von den Ideen der Aufklärung beeinflusst. Die Religionsphilosophie, die während der Aufklärung entwickelt wurde, lehrt, dass alle Religionen im Wesentlichen gleich sind, weil sie in dem religiösen Bewusstsein gegründet sind, das allen Menschen gemeinsam ist. Einige Formen des liberalen Christentums lehnen diese Vorstellung entschieden ab. Im Gegenzug möchten sie jeden in ihre Gemeinde einschließen, der an irgendetwas glaubt, das hinter der
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empirisch greifbaren Welt steht. »Wenn du an einen Gott (oder an eine ›höhere Macht‹) glaubst, dann bist du einer von uns.« 2. Eine zweite Gruppe traditioneller Gemeinden ist, was den Glaubensinhalt betrifft, nicht so gleichgültig. Sie möchten vielmehr, dass die Leute genauso glauben wie sie selbst. Viele dieser Gemeinden sind theologisch eher konservativ, aber nicht alle. Es gibt Gemeinden, die eher an die Lehren der Befreiungstheologie glauben, an schwarze Theologie, an feministische Theologie oder es mit political correctness halten. (In einer solchen Gemeinde erfuhr ich vor nicht allzu langer Zeit, dass ich nicht »glatzköpfig« bin, sondern nur »an den Haarwurzeln herausgefordert«!) Die konservativen Gemeinden, die bestimmte Glaubensinhalte betonen, bekämpfen die Lehren der Aufklärung, die nach ihrer Überzeugung für Pluralismus und theologische Anarchie bei vielen Menschen und in Gesellschaftssystemen verantwortlich sind. Diese Gemeinden betonen den Glauben an offenbarte Lehren; der Glaubenstest besteht in der intellektuellen Zustimmung eines Menschen zu theologisch wahren Behauptungen. Ein Vorläufer dieser Richtung sind die Gnostiker, die lehrten, dass der Erlöser vom Himmel auf die Erde herabstieg, um den Menschen die errettende Botschaft zu bringen. Diese Botschaft zu hören und zu glauben reichte zur Erlösung aus. Manche Teile der Kirche sehen bis zu einem bestimmten Grad Glauben als Zustimmung zu vielen Punkten der Geschichte des Christentums. 3. Manche Gemeinden fordern, dass sich die Leute genauso verhalten wie sie selbst. Diese Gemeinden haben klar umrissene Moralvorstellungen, Verhaltensregeln, Ge- und Verbote, an die sich »Gläubige« halten. Den Vorläufer finden wir bei den Pharisäern, mit denen Jesus viele Auseinandersetzungen hatte. Die Pharisäer hatten über hundert Regeln allein für den Sabbat und im Ganzen über tausend Regeln aufgestellt. Auch heute gibt es noch »Pharisäer«, und zwar im christlichen Gewand! In England beobachtete zum Beispiel eine Frau, wie einige Schüler einer christlichen Schule am Sonntag ins Kino gingen. Sie beschwerte sich darüber beim Pastor der Schüler. Dieser bemühte sich, sie zu einer offeneren Haltung zu bewegen, und erklärte ihr, dass sogar
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Jesus seinen Jüngern erlaubt hatte, am Sabbat Ähren abzureißen. Sie antwortete nur: »Ja, aber dadurch wird es auch nicht richtiger.« Aber es gibt auch eine ganze Reihe konkreter Situationen, die Gemeinden dahingehend beeinflussen, die Einhaltung moralischer Normen als Glaubenstest zu sehen. Dazu gehören beispielsweise die Kriminalität, Drogen oder AIDS, die die Gesellschaft im 20. Jahrhundert bedrohen. In der Öffentlichkeit wird der christliche Glaube häufig mit enger Moral gleichgesetzt. Traditionelle Gemeinden sollten also die Bereiche erkennen, in denen sie es mit Moral übertreiben. Wie schon Martin Luther sagte: »Moral liegt im Interesse von Gesetzgebern, Richtern und Henkern. Ich interessiere mich für Ihre Beziehung zu Gott.« 4. Manche traditionellen Gemeinden möchten, dass andere dieselben Erfahrungen wie sie selbst machen. Ziel ist eine normative Form von religiöser Erfahrung. Die jeweilige Form variiert je nach Gemeindetradition. Für manche Gemeinden müssen religiöse Erfahrungen emotional sein – beispielsweise von Tränen begleitete Bekehrungserfahrungen auf einer Freizeit oder in einem Erweckungsgottesdienst. Für einige »hochentwickelte« Gemeinden tragen die Erfahrungen eher ästhetische Züge – beispielsweise die Ehrfurcht, die man verspürt, wenn man Bach auf einer großen Orgel hört oder die Wandgemälde Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle betrachtet. Für weitere Gemeinden nehmen die normativen Erfahrungen ekstatische Formen an – beispielsweise das Sprachengebet in charismatischen oder Pfingstgemeinden. Vorläufer hierfür sind Mysterienkulte, die davon überzeugt waren, dass Erlösung nur durch religiöse Erfahrungen geschehen könnte. 5. Manche traditionellen Gemeinden erwarten, dass andere Menschen sich kulturell anpassen. Für diese Gemeinden besteht das Zeichen für Umkehr oder religiöse Authentizität darin, dass sich neue oder zukünftige Mitglieder völlig eingliedern. Bei diesem Modell gehört man dazu, wenn man redet wie sie, sich kleidet wie sie, dieselbe Weltsicht und denselben Geschmack hat wie sie – angefangen vom Essen über Sport bis zu einer bestimmten Musikrichtung. Die Existenz dieses Denkmodells ist für Nichtchristen deutlicher wahrnehmbar als für Christen. Die meisten Nichtchristen sind sich
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durchaus bewusst, dass sie »so werden müssten wie die Kirchenleute«, um Christ werden zu können. Unter Christen läuft dieser Mechanismus eher unbewusst ab. Außenstehende erleben uns konformer, als wir uns selbst bewusst sind. Aber garantiert kann jeder Gemeindeleiter eine ganze Reihe von Namen von Besuchern nennen, nicht aktiven Mitgliedern oder Aussteigern, die »einfach nicht in die Gemeinde gepasst haben«. Einen Vorläufer für diesen Ansatz finden wir bei den Christen des ersten Jahrhunderts, und zwar bei der von Jakobus geleiteten Jerusalemer Gemeinde. Diese Gemeinde verlangte von den Heiden, sich beschneiden zu lassen, kein Schweinefleisch mehr zu essen, die Sabbatgebote einzuhalten und viele andere jüdische Bräuche anzunehmen. Dies galt als Voraussetzung, um Nachfolger Jesu werden zu können. 6. Es gibt traditionelle Gemeinden, die davon überzeugt sind, dass Christen vor allem »gute Staatsbürger« sein sollen. Loren Mead erinnert uns in seinem Buch The Once and Future Church (Washington, D. C., The Alban Institute, 1991) daran, dass »im frühen und mittelalterlichen Christentum der Dienst der ›Laien‹ darin bestand, ein guter Bürger zu sein, der die Gesetze einhielt, seine Steuern bezahlte und sein Vaterland liebte«. Ich habe gehört, dass schon im Römischen Reich die Anhänger des Kaisers mit Ansteckern geprotzt haben: »Römisches Reich – entweder du liebst es oder du kehrst ihm den Rücken!« 7. Manche traditionellen Gemeinden erwarten von ihren Mitgliedern, dass sie dieselbe politische Anschauung vertreten. In Europa unterstützten die Großkirchen in der Regel konservative Politik, die Freikirchen dagegen liberale Politik. Zu Beginn dieses Jahrhunderts schlossen sich viele protestantische Gemeinden Amerikas der Demokratischen Partei an. Erst in jüngerer Zeit gaben viele konservative Gemeinden ihre frühere Neutralität auf und schlossen sich der Republikanischen Partei an. Viele Denominationen stürzen sich auf eine oder zwei ethische Fragen, die die Unterstützung des Gesetzes brauchen, um sich durchsetzen zu können. Viele schwarze Gemeinden engagieren sich beispielsweise für Bürgerrechte. Verschiedene Denominationen wie die Quäker, Brüdergemeinden oder Mennoniten haben sich »Frieden« auf ihre Fahnen geschrieben. Andere Gemeinden sind gegen Pornografie oder die Aus-
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beutung der Natur. In der Abtreibungsfrage sind einige Gemeinden so stark für das Leben des Ungeborenen und andere so stark für die freie Wahlmöglichkeit, dass vermutlich keine der Gemeinden Mitglieder hat, die es wagen würden, öffentlich eine andere Position zu vertreten. 8. Manche Gemeinden (und Denominationen) erwarten, dass Menschen die Institution »Kirche« unterstützen. Dieses Ziel ist meiner Meinung nach im Wesentlichen ein modernes Problem, aber ich denke, wir finden auch hierzu schon Vorläufer, beispielsweise im mittelalterlichen Verkauf von Ablass-Scheinen, um den Petersdom zu finanzieren. In diesem Modell stehen die Namen der »guten Christen« auf Gedenktäfelchen in der Kirche; diese Menschen besuchen regelmäßig die Gottesdienste, arbeiten in Ausschüssen mit, engagieren sich bei Renovierungsarbeiten und spenden großzügig für die Gemeinde – ohne lästige Fragen zu stellen, was mit ihrem Geld passiert. Auf die »guten Christen« kann die Institution »Kirche« zählen. 9. Manche traditionellen Gemeinden haben sich das Ziel gesetzt, Menschen auf den Himmel vorzubereiten. Für sie ist der christliche Glaube in erster Linie eine Versicherung für ewiges Leben – oder ein Notausgang. »Das Leben in dieser Welt ist oft ziemlich schmerzlich, aber unser Glaube an Christus garantiert uns ein besseres Leben in der nächsten Welt« – diese Ansicht ist bemerkenswert weit verbreitet. Der Weg in den Himmel und die Vorbereitung auf diese Reise sind die großen Themen der religiösen Gospel-, Country- und Western-Musik. Auch Karl Marx hatte dieses Bild vom christlichen Glauben, als er ihn als das »Opium des Volkes« brandmarkte. Fast alle Diskussionen, die Christen über die Frage führen, ob auch Menschen aus anderen Religionen »gerettet werden können«, gehen davon aus, dass ein Leben im Himmel der entscheidende Punkt des christlichen Glaubens ist. Sogar manche Evangelisations-Trainingsprogramme beginnen mit dieser Frage. Es stimmt natürlich, dass der neutestamentliche Glaube verkündet, dass »Christus auferstanden ist«, uns deshalb »nichts, nicht einmal der Tod, von der Liebe Gottes trennen kann« und Christus »einen Platz im Himmel für uns vorbereitet hat«. Und doch sahen die ersten Christen den Himmel nicht als den einzigen oder entscheidenden Punkt bei der
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Menschwerdung, Lehre, Kreuzigung und Auferstehung Christi und der Sendung des Heiligen Geistes. Das Neue Testament beschreibt verschiedene Resultate von Gottes Handeln: Dazu gehören Vergebung, Rechtfertigung, Versöhnung, neues Leben, Heiligung und Leben unter der Herrschaft Gottes. Die Mystiker und Gnostiker betrachteten das Leben nach dem Tod als den wesentlichen Punkt – ganz im Gegensatz zum apostolischen Christentum. Ich nenne dieses Ziel erst ziemlich spät, weil es sich auch bei vielen apostolischen Gemeinden findet. Doch auch in diesen Gemeinden scheint es kein ausreichend motivierendes Ziel zu sein, das Menschen zu evangelistischer Tätigkeit antreibt. Fast keine apostolische Gemeinde, die evangelistisch aktiv ist, setzt sich dies als einziges Ziel, und nur wenige als Hauptziel. Sie machen sich mehr Gedanken um die Menschen, die ohne Christus leben, als um die, die ohne ihn sterben. 10. Manche Gemeinden nehmen auch in Bezug auf Sakramente eine bestimmte Erwartungshaltung an. Dieser Ansatz kann in zwei Formen auftreten: Der »hochkirchliche« Ansatz besteht in der Erwartung, dass Menschen als Kinder getauft und später in die Kirche hinein konfirmiert werden. Sie sollen zum Abendmahl gehen, in manchen Kirchen Beichten ablegen und die Sterbesakramente empfangen. Sie glauben, dass die Gnade Gottes durch die Kirche in Form der Sakramente, die Christus selbst eingesetzt hat, an den Leib Christi weitergegeben wird. Der »pietistische« Ansatz betont das »Andachtsleben« eines Christen. Ein Christ liest Bibel und betet täglich. Eine christliche Familie betet gemeinsam vor den Mahlzeiten und vor dem Zubettgehen. Um dieses Paradigma herum hat sich ein ganzer »Industriezweig« von Büchern und Andachtshilfen gebildet. Die »besten« Gemeinden haben die längsten Vorbestell-Listen für die Losungen des nächsten Jahres. Vorläufer für den hochkirchlichen Ansatz finden wir schon im frühen Christentum und heute in den römisch-katholischen, lutherischen und anglikanischen Kirchen und den Amtskirchen in Europa. Wichtige Vorläufer für den andachtsbetonten Ansatz bilden das katholische Mönchtum und der frühe protestantische Pietismus. Beide Ansätze zeigen deutlich, wie Mittel und Ziel verwechselt werden. Die Sakramente und sakramentale Praktiken waren ursprüng-
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lich Mittler der Gnade. Sie waren Kanäle, um Gott und seinen Willen kennen zu lernen. Durch sie kam die geistliche Kraft, um Gottes Willen zu leben. Als die Mittel schließlich zum Ziel erklärt wurden, wurde ein Christ zu einem Menschen, der zum Gottesdienst geht und in der Bibel liest. Auch apostolische Gemeinden legen Wert auf Sakramente, aber sie sind sich meist klarer über Mittel und Ziel als traditionelle Gemeinden.
Eine Bewertung der Ziele traditioneller Gemeinden Ich habe zehn Ziele beschrieben, die sich Gemeinden – egal, ob konservativ oder liberal – für Menschen setzen. Eines dieser Ziele alleine wird sich nur selten im Kopf eines Gemeindeleiters festgesetzt haben; meist sind es zwei, drei oder vier dieser Ziele gleichzeitig. Ich besuchte neulich beispielsweise eine Gemeinde, die von den Leuten erwartete, gute Amerikaner zu sein, die so werden sollten wie die Gemeindemitglieder, sich wie diese verhalten und die Institution »Kirche« unterstützen sollten. Aber die anderen sechs Ziele, die sich in traditionellen Gemeinden finden, waren in dieser Gemeinde kein Thema. Sie fragen sich vielleicht, was an diesen Zielen falsch ist. Keines dieser Ziele ist direkt falsch und man könnte zu vielen etwas Positives sagen. Vielleicht kann ein persönliches Geständnis meinen Standpunkt etwas deutlicher machen: Ich bin ein orthodoxer Theologe, der davon überzeugt ist, dass Orthodoxie das Rückgrat der Gemeinde Christi ist. Aber ich weiß, dass auch der Teufel Überzeugungen hat und dass der Glaube tiefer geht als Überzeugungen. Ich weiß, dass ethische Normen wichtig sind, um ein Leben, eine Familie, eine Gemeinde oder eine Gesellschaft zusammenzuhalten. Ich wünsche mir, dass Menschen dem Tod mit begründeter Hoffnung statt mit lähmender Angst gegenübertreten. Ich weiß, dass echter Glaube normalerweise ein Glaube auf Grund von Erfahrungen ist. Ich weiß, dass die Sakramente, die Bibel und das Gebet Mittler der Gnade sind. Ich lebe bewusst als amerikanischer Staatsbürger. Ich bin von dem überzeugt, was Hugh Price Hughes so formuliert hat: »Was moralisch falsch ist, kann nicht politisch korrekt sein!« An den meisten Tagen bin ich sogar sicher, dass die Kirche eine
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Institution ist, die sich zu unterstützen lohnt. Ich sympathisiere mit jedem religiösen Versuch, in dieser säkularen, technologisierten Welt ein Gefühl des Übernatürlichen zu bewahren. Ich gebe sogar zu, dass ich mich oft wohler fühle, wenn ich mit Menschen zusammen bin, die mir auf kultureller Ebene ähnlich sind. Und trotzdem ist meine Wohlfühlzone kein ausreichender Grund, um von anderen Menschen zu verlangen, sich zu verändern. Ich will auch nicht behaupten, dass diese Ziele für den christlichen Glauben irrelevant sind. Einige dieser Ziele können mit Sicherheit den Glauben fördern. Ein Mann war beispielsweise schon davon überzeugt, dass Jesus die Offenbarung Gottes ist, bevor er ihn kennen lernte. Seine Frau erlebte einige Gebetserhörungen, bevor sie schließlich Christus als ihren Herrn und Erlöser in ihr Leben aufnahm. Einige dieser Ziele können den Glauben begleiten, wie im Fall eines Neubekehrten, der sagte, dass er dem Tod schon viel entspannter gegenüberstehen würde. Einige dieser Ziele sind die typische Folge einer Umkehr, etwa moralische Verhaltensweisen. Ich habe diese traditionellen Ziele nicht aufgelistet, weil sie schlecht oder irrelevant sind, sondern weil sie den christlichen Glauben nicht angemessen beschreiben und keine ausreichende Motivation bieten, die Gemeinden dazu bringt, ihren Missionsauftrag zu erfüllen. Aus diesem Grund bin ich der Überzeugung, dass sie nicht als Hauptziele für Gemeinden geeignet sind. Als Indikatoren ja, aber nicht als Ziele. Man könnte die meisten dieser Ziele im Leben eines Menschen umsetzen, ohne dass dieser Mensch ein neutestamentlicher Christ wäre. Diese Ziele sind nicht entscheidend für unsere Berufung, weil sie nicht der entscheidende Grund dafür waren, dass Christus zu uns kam, lebte, starb, von den Toten auferstand und der Kirche seinen Heiligen Geist gab. Vielleicht hilft Ihnen an dieser Stelle ein konkretes Beispiel dabei zu erkennen, wie wichtig es ist, in diesem Punkt umzudenken. Mitte der 80er Jahre verlor Tatiana Goricheva, eine junge Philosophiestudentin an der Leningrader Universität ihren Glauben an den dialektischen Materialismus. Sie wurde zur Existenzialistin, aber als diese Philosophie den tiefsten Bedürfnissen ihrer Seele nicht gerecht wurde, probierte sie es mit Yoga. Sie erzählt in ihrem Buch Talking About God Is Dangerous (New York: Crossroads, 1986), was dann geschah:
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»In einem Yoga-Buch wurde ein christliches Gebet, das Vaterunser, als Übung vorgeschlagen. Ich begann, es als Mantra vor mich hinzusagen, ganz automatisch und ohne Ausdruck. Ich sprach es etwa sechs Mal vor mich hin, dann wurde ich plötzlich völlig auf den Kopf gestellt. Ich erkannte […], dass er existiert. [Gott], der lebendige, persönliche Gott, der mich und alle Lebewesen liebt, der die Welt geschaffen hat, der aus Liebe Mensch geworden, gekreuzigt und als Gott auferstanden ist« (Ebd., S. 17). Stellen Sie sich vor, Tatiana Goricheva hätte ihr Examen in den Vereinigten Staaten abgelegt, hätte sich Ihrer Gemeinde angeschlossen und sei allem gegenüber offen, was der christliche Glaube zu bieten hat. Wären Sie wirklich damit zufrieden, wenn sie ein bestimmtes Glaubensbekenntnis spräche, ihren gelegentlichen Wodka aufgäbe, unsere Bräuche übernähme, jeden Sonntag etwas in die Kollekte werfen, in einem Ausschuss mitarbeiten und sich auf den Himmel vorbereiten würde? Gibt es da nicht noch etwas mehr? Ist das der Glaube, der die Welt verändern kann? Wie sieht unser Spielplan für Tatiana aus?
Die Ziele für Menschen in apostolischen Gemeinden Ich beobachte, dass viele der neu gegründeten apostolischen Gemeinden einen alternativen Spielplan für Menschen entwickeln. Wenn sie auch mit den meisten Zielen sympathisieren, die traditionelle Gemeinden für Menschen aufstellen, legen sie doch bedeutend mehr Wert auf andere Ziele. Die meisten der apostolischen Gemeinden, mit denen ich mich beschäftigt habe, widmen diesem Bereich besondere Aufmerksamkeit, jedoch haben sich daraus noch keine nennenswerten Modelle entwickelt. Die Willow Creek-Gemeinde beispielsweise konzentriert sich auf die folgenden vier Ziele, um Menschen in die hingegebene Nachfolge Christi zu führen: