Issuu on Google+

Johann Caspar Lavater

Vom Leben im Jenseits Briefe an die Kaiserin Maria von Russland über den Zustand der Seele nach dem Tode Mit einer Einführung neu herausgegeben von

Erich Schick

Verlag Dr. R.-F. Edel • Lüdenscheid


© Verlag Dr. R.-F. Edel, Lüdenscheid ISBN 978-3-87598-306-7 Reprint der Auflage von 1946 (Verlag von Heinrich Majer, Basel)

2


Zur Einführung 1. In Lavaters ausgedehntem Briefwechsel nehmen die hier neu herausgegebenen Briefe eine besondere Stelle ein. Es handelt sich dabei um zwei Reihen von Briefen, die nebeneinander hergehen, sich gegenseitig erklärend und ergänzend. Die eine Reihe besteht aus sechs wirklichen Briefen, die Lavater während der Monate August bis Dezember im Jahr 1798 an die damalige Kaiserin von Russland geschrieben hat. Die andere Reihe wird gebildet aus erdichteten Briefen, die Lavater einen seligen Geist an seinen auf der Erde zurückgebliebenen Freund schreiben lässt und von denen er je einen seinem 4., 5. und 6. Schreiben an die Kaiserin beifügt, um so das vorher Mitgeteilte gleichsam von der jenseitigen Welt her sichtbar zu machen.

2. Die Kaiserin Maria Feodorowna von Russland, an welche diese Briefe gerichtet sind, war eine Prinzessin aus der Mömpelgarder Nebenlinie des württembergischen Herzogshauses. Sie hieß ursprünglich Sophie Dorothee Auguste Luise und war geboren am 25. Oktober 1759 als viertes Kind des Prinzen Friedrich Eugen, der als preußischer General Dienst tat, ehe er sich wieder nach Mömpelgard zurückzog. Am 20. Mai 1795 folgte er seinem Bruder Ludwig Eugen als Herzog von Württemberg, starb jedoch schon am 23. Dezember 1797. Sophie Dorothee verheiratete sich im Jahr 1776 mit dem damaligen Großfürsten Paul von Russland, dessen erste Gemahlin, Wilhelmine von Hessen-Darmstadt, nicht lange zuvor gestorben war. Bei ihrer Eheschließung nahm sie den Namen Maria Feodorowna an, unter dem sie in der Geschichte bekannt geworden ist. Im Jahre 1782 reiste das großfürstliche Paar als Graf und Gräfin Du Nord in die Schweiz, wobei die persönliche Fühlungnahme mit Lavater, der schon mit der ersten Gemahlin des Großfürsten in Verbindung gestanden hatte, erfolgte. Lavater wies bei dieser Gelegenheit die Großfürstin auf St. Martin hin, mit dem er sich damals beschäftigte, und bereitete so den Schriften dieses großen französischen Theosophen den Weg nach Russland. Der erste Brief der Großfürstin an Lavater ist datiert vom 1. Januar 1783. 1

1

Vgl. Mary Lavater-Sloman, „Genie des Herzens” S. 278 ff.

3


3. Die Stellung Marias am russischen Hof war vor allem bestimmt durch die überragende Persönlichkeit ihrer Schwiegermutter, der Kaiserin Katharina II., ferner durch deren Abneigung gegen ihren Sohn Paul, Marias Gemahl, und endlich durch dessen bedrohliche psychische Veranlagung. Diese letztere erfuhr andrerseits immer neue Belastungen durch Katharinas Verhalten. Nach der Geburt der beiden Prinzen, Alexander (1777) und Konstantin (1779) – beide Namen waren von Katharina bestimmt worden und sollten das Programm der künftigen russischen Geschichte bedeuten – kam noch die Tatsache hinzu, dass die Großmutter die Erziehung der Knaben ganz in die Hand nahm und Maria auch hier in den Hintergrund gedrängt wurde. Schon während dieser Zeit bedurfte es eines starken inneren Haltes, um nicht inmitten all dieser Konflikte zu zerbrechen. Am 6. November 1796 starb Katharina und Paul bestieg den Thron. Seine Regierungszeit endete mit seiner Ermordung in der Nacht vom 23. auf den 24. März 1801. Anlass zu dieser furchtbaren Tat, in deren Vorbereitung auch der Thronfolger, Alexander, eingeweiht war, gab des Zaren fortschreitende geistige Erkrankung, die ihm die Züge eines unzurechnungsfähigen Despoten aufprägte. Dass aus dieser für alle Beteiligten tragischen Lage sich, im Gegensatz zu den Hoffnungen des Thronfolgers, keine andere Lösung ergab als diejenige durch die Ermordung, begleitete Alexander I. als Gemütslast während des ganzen Vierteljahrhunderts seiner Regíerung. Die Monate, während welcher die hier vorliegenden Briefe Lavaters an die Kaiserin geschrieben wurden, fallen also ziemlich genau in die Mitte der Regierungszeit des unglücklichen Herrschers. Seiner krankhaften Anlage, die sich vor allem in einer übermäßigen Pedanterie, einer Vorliebe für die Äußerlichkeiten des Kasernendienstes und impulsiven Regierungshandlungen zeigte, hielten damals noch große, zum Teil geniale, zum Teil phantastische Pläne die Waage. So erstrebte Paul eine Annäherung an Napoleon, um gemeinsam mit ihm einen Stoß gegen Indien zu führen, und erneuerte zugleich den Malteser Orden, der eine Schule ritterlichen Geistes im Kampf gegen die Ideen der Revolution werden sollte. In dem allem zeichnete sich schon die heraufziehende Katastrophe ab. Selbst seine Gemahlin bedrohte der Kaiser in Zuständen geistigen Gestörtseins. Dass diese ganze Lage an den Charakter und die seelische Kraft der Kaiserin höchste Anforderungen stellte, ist einleuchtend. Die Verbindung mit Lavater musste ihr unter diesen Umständen eine große innere Hilfe bedeuten. Seit dem Jahr 1796 sandte er ihr seine physiognomischen Sammlungen und im Zusammenhang damit auch die vorliegenden Briefe. Übrigens wurde eine Geldsendung, welche die Kaiserin Lavater als Vergütung für seine Sammlung zukommen ließ, der Vorwand für seine Verhaftung im April 1799. Seine Gegner scheuten sich nicht, Lavater dem Verdacht auszusetzen, im Sold Russlands zu stehen.

4


4. Die Briefe Lavaters an die Kaiserin wurden erstmals im Jahr 1858 herausgegeben von Baron von Korff, dem Direktor der Kaiserlichen Bibliothek zu St. Petersburg, und zwar als Festgeschenk an die Universität Jena aus Anlass ihres dreihundertjährigen Stiftungsfestes. Einer der Petersburger Oberbibliothekare, Dr. Rudolf Minzloff, hatte die Briefe bei einer Revision der großfürstlichen Bibliothek in Pawlowsk entdeckt. Gegenwärtig befinden sich die Originalbriefe in Zürcher Privatbesitz 2). Der vorliegenden Neuausgabe wurde das Exemplar der Veröffentlichung von 1858, das sich im Besitz der Basler Lesegesellschaft befindet, zugrunde gelegt. Am Text wurden nur solche Änderungen vorgenommen, welche nach unserem heutigen Sprachgefühl und der gegenwärtigen Orthographie unerlässlich erscheinen müssen. Die Überschrift ‘Vom Leben im Jenseits’ wurde neu hinzugefügt, um den Inhalt der Schrift in Kürze kenntlich zu machen.

5. Einer der ‘Briefe aus der Ewigkeit’ trägt die Unterschrift „Makariosenagape” – „der in der Liebe Selige”. Vielleicht werden wir der Absicht Lavaters am ehesten gerecht, wenn wir dieses Wort als Inbegriff seiner Anschauung vom Leben der Seligen, ja vom wahren Leben überhaupt, betrachten. Baron Korff hat in der Einleitung zu seiner Ausgabe aus der Reihe der für Lavaters Darstellung charakteristischen Ausdrücke einen herausgegriffen: denjenigen des ‘lichtfähigen Menschen’. Welch einen umfassenden Sinn dieses Wort für Lavater hat, kann erst im Lesen der ganzen Briefreihe ermessen werden. Aber es wird gesagt werden dürfen, dass es sowohl für den Schreiber wie für die Empfängerin der Briefe bezeichnend ist. Zugleich steht es in einem tiefen inneren Zusammenhang mit jener Unterschrift: Makariosenagape – „selig in Liebe”. B a s e l , im Juli 1945

2

Erich Schick

) Mary Lavater-Sloman, „Genie des Herzens”, S. 400.

5


Erster Brief über den Zustand der Seele nach dem Tod (allgemeine Idee davon) Verehrungswürdige Maria von Russland! Lassen Sie mich mit Weglassung des Ihnen vor der Welt geziemenden Titels Ihrer Majestät – der sich zu der heiligen Materie, von welcher ich einige Worte sprechen soll, nicht sehr zu schicken scheint – frei und unbefangen Ihnen schreiben. Sie wünschen einige Gedanken von mir über den Zustand der Seele nach dem Tod zu vernehmen. So wenig auch der Wissendste und Weiseste davon zu sagen weiß, weil keiner noch in dies Land der Unerkennbarkeit hinübergegangen und von dort wieder zurückgekommen ist, so kann dennoch ein Nachdenkender, der ein Schüler dessen ist, der aus der unsichtbaren Welt zu uns niederkam, soviel wie zu unserem Wissen, das ist zu unserer Ermunterung, Beruhigung, Warnung nötig ist, davon sagen. Diesmal gedenke ich nur, einige der allgemeinsten Ideen Ihrer Prüfung vorzulegen.

1. Ganz anders allervörderst, denke ich, muss der Zustand, die Wahrnehmungsweise, die Empfindungsart einer von dem materiellen Körper geschiedenen Seele sein als ihr Zustand in demselben – so verschieden wenigstens, wie der Zustand eines neugeborenen lebendigen von dem eines nur im Mutterleib lebenden Kindes ist. Wir sind gebunden durch die Materie; und unsere Sinne und Organe bestimmen die Erkenntnisweise und die Empfindungsart unserer Seele. Wie das Perspektiv, Mikroskop, Augenglas, durch welche unser Auge sieht, verschieden ist, so verschieden erscheint uns das Objekt, welches wir durch diese Media betrachten. Unsere Sinne sind Perspektive, Mikroskope, Augengläser für die gegenwärtige sinnliche Welt. Die sichtbare Welt, denke ich, wird der entkörperten Seele verschwinden, wie sie ihr, wenn sie im Schlaf träumt, verschwindet.

2. Oder die ihr vorher in dem Körper so uns so erschienene Welt wird der entkörperten Seele unerkennbar anders erscheinen.

6


Sollte sie eine Zeitlang körperlos sein, so wäre die materielle Welt völlig nichts für sie. Oder sollte sie sogleich, was ich so wahrscheinlich finde, mit einem geistigeren Körper, der sich mit ihr aus diesem materiellen loswinden würde, umhüllt sein, so würde auch dieser notwendigerweise eine total andere Ansicht aller Dinge mit sich führen; würde, wie es leicht sein kann, dieser Körper eine Zeitlang, und besonders bei einer unreinen Seele, unreif und unausgebildet sein, so würde der Seele die Welt wie durch ein unausgeschliffenes Glas erscheinen müssen.

3. Wäre oder würde dieser geistigere Körper, dies Vehikulum oder Medium ihrer neuen Wahrnehmungen, ausgebildeter, organisierter, so würde die Welt der Seele, nach der Natur und Beschaffenheit ihrer neuen Organe und nach dem Grad ihrer Harmonie und Vollkommenheit, regelmäßig und schön erscheinen.

4. Wie die Seele sich hienieden bildet, reinigt, bereichert, vereinfacht, einen Zweck hat, in einer Absicht handelt, so werden die sie umgebenden Organe einfach, harmonisch mit sich selbst, passend zu der Natur, dem Charakter, den Bedürfnissen und Kräften derselben sein. Die reine Seele bildet sich selbst hienieden den Charakter des Körpers oder Organs, in welchem sie gleich nach dem Tod des materiellen Körpers existieren, wahrnehmen und wirken wird. Rein, lieblich, lebendig und zu tausend schönen Ansichten, Empfindungen, Wirksamkeiten, Genüssen wird der neue, ihrer inneren Natur konforme Körper sie fähig machen.

5. Alles, was man von dem Zustand der Seele nach dem Tod sagen und nicht sagen kann, wird immer sicherlich auf dem einen, unwandelbaren und allgeltenden Grundsatz beruhen: „Was der Mensch sät, das wird er auch ernten.” Einen einleuchtenderen, einfacheren, reichhaltigeren, auf alle Fälle anwendbareren Grundsatz kann es schwerlich geben.

6. Es ist ein allgemeines Gesetz der Natur, ein Gesetz, das mit dem eben angeführten Grundsatz in Hinsicht auf den Zustand der Seele nach dem Tod in inniger Verbindung steht, ja eins und dasselbe ist, ein Gesetz, gleichgeltend in allen Welten und Reichen, in der physischen, moralischen, intellektuellen, sicht7


baren und unsichtbaren Welt: Gleiches und Gleiches gesellt sich. Alles Ähnliche zieht sich an, wenn es nicht durch Zwischengegenstände gewaltsam gehindert wird. Auf diesem einfachen Grundatz beruht die ganze Lehre von dem Zustand der Seele nach dem Tod – alles, was man von dem, was man Gericht, Vergeltung, Seligkeit, Verdammnis nennt, sagen mag. Mit anderen Worten: Wie du Gutes in dich und außer dir säst, so wirst du zu denen gehören, die Gutes in sich und außer sich säen; du wirst die Freundschaft derer ernten, denen du in deiner Weise zu säen ähnlich gewesen sein wirst.

7. Jede entkörperte, nicht mehr von der Materie gebundene Seele, erscheint nicht nur ihr selbst wie sie ist; nicht nur verschwinden alle Täuschungen, Zerstreuungen, Betäubungen, wodurch sie gehindert ward, sich selbst anzuschauen und in ihren Kräften, Schwächen und Gebrechen zu erkennen, sondern sie wird auch einen inneren, unwiderstehlichen Hang haben nach dem, was ihr ähnlich ist, hinzustreben und sich von all dem, was ihr unähnlich ist, zu entfernen. Sie wird gleichsam durch ihr eigenes inneres Gewicht, wie das Schwere zum Schweren, in furchtbare Tiefen (so wenigstens wird es ihr vorkommen) niedergezogen oder, wie die Funken durch ihre natürliche Leichtigkeit in die Höhe fliegen, in lichte, druckfreie, ätherische Regionen emporgehoben werden. Die Seele gibt sich selbst, durch ihren inneren Sinn, ihr eigenes Gewicht (durch das ihr eigene Gewicht [statt eigentümlich]); ihr innerer Gehalt treibt sie aufwärts, abwärts oder seitwärts, ihr eigener sittlich-religiöser Charakter gibt ihr eine bestimmte Tendenz oder Richtung. Wer gut ist, der wird zu den Guten emporgehoben. Sein Bedürfnis nach Guten treibt ihn den Guten zu. Niedergedrängt wird der Böse zu den Bösen; wie ein Amboss, wenn er von nichts aufgehalten wird, schnell und geradezu in die Tiefe stürzt, so unaufhaltbar wird der Fall roher, unsittlicher, irrreligiöser Seelen zu ihresgleichen sein. Soviel diesmal. Zürich, 1. VIII. 1798 Wöchentlich, so Gott will, folgt eine Fortsetzung.

8

Johann Caspar Lavater


614306