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»Kenneth Bailey muss man kennen! Ich kann ihn wärmstens empfehlen: Wer seine Auslegung über das Gleichnis vom verlorenen Sohn liest, merkt, dass Bailey den kulturellen Kontext der Bibel und den Nahen Osten kennt und mithilft, die Bibel mit frischen Augen zu lesen. Es ist ein großer Gewinn, wenn Baileys homiletischer Ansatz auch deutschen Lesern bekannt wird. Man kann nur wünschen, dass dieses Buch eine weite Verbreitung findet!« Kirchenrat i. R. Albrecht Hauser, Leiter des Arbeitskreises Islam der Deutschen Evangelischen Allianz

»Die Geschichte vom ›Verlorenen Sohn‹ (Lukas 15) gilt als ›Evangelium im Evangelium‹. Oft wird sie dazu benutzt, die Verkündigung Jesu gegen die Theologie des Apostels Paulus auszuspielen. Ohne künstliche Allegorisierung zeigt Kenneth E. Bailey in seinem Buch Der ganz andere Vater, wie dieses Gleichnis auf seine Weise die Selbsterniedrigung Gottes in der Person von Jesus Christus darstellt. Dieser Aspekt ist von großer Wichtigkeit für einen offensiven Dialog mit dem Islam. Jahrzehntelange Erfahrungen in der arabischen Welt haben Professor Bailey zu einem kompetenten Gesprächspartner gemacht. Seine wissenschaftlichen Kenntnisse und sein erzählerisches Talent können uns helfen, diesen jetzt auch in Europa unausweichlichen Dialog zu führen.« Dr. theol. habil. Rainer Riesner, Professor für Neues Testament, Universität Dortmund

»Vor über dreißig Jahren lernte ich Ken Bailey als Freund und Kollegen an der Near East School of Theology in Beirut (Libanon) kennen und schätzen. Ich war fasziniert von seinem neuartigen Zugang zur Bibel, den er aufgrund seines langjährigen Zusammenlebens mit Menschen im Nahen Osten gewann. Nun freue ich mich, dass sein damals entstandenes Buch in überarbeiteter Fassung auf Deutsch erscheint und seine Erkenntnisse somit einer deutschsprachigen Leserschaft zugänglich gemacht werden. In dem Buch erweist sich Bailey nicht nur als hervorragender Exeget, sondern auch als origineller Künstler und Schriftsteller, als engagierter Forscher und Missionar. Sein Buch ist allen zu empfehlen, die sich für Fragen interkultureller Theologie interessieren und sich an dem Gespräch über die Bibel mit Christen aus aller Welt beteiligen.« Dr. Hermann Vorländer, Direktor des Missionswerks der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern


»In den Gleichnissen Jesu werden stets Erfahrungen aus dem Lebensumfeld der Zuhörer angesprochen. Aus der Alltagserfahrung leitet das Wort des Herrn zur Gottesoffenbarung. Diese Einsicht wird von Kenneth E. Bailey aus seiner jahrelangen reichen Kenntnis von Sprachen und Kultur des Vorderen Orients erschlossen. Wie er mit seinen Vorlesungen und Schriften Theologen und Laien in gleicher Weise oft überraschend für das Verständnis des Wortes Gottes den Blick öffnen kann, macht die Wirkung dieser so anschaulichen Auslegung der drei Gleichnisse von Lukas 15 aus. Der Leser wird hineingenommen in das, was Jesus sagt und was der Sohn Gottes für uns tut.« Prof. Dr. Reinhard Slenczka, D. D., emer. Professor für Systematische Theologie an der Universität Erlangen sowie bis 2005 Rektor der LutherAkademie Riga (Lettland)

»Kenneth Bailey ist ein hervorragender Kenner des Neuen Testaments und der Kultur des Nahen Ostens. Diese Kombination führt immer wieder zu überraschenden Erkenntnissen beim Studium vertrauter Texte.« Martin Forster, Dozent für Neues Testament am Theologischen Seminar Bienenberg und Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Theologie bei den Vereinigten Bibelgruppen in Schule und Universität (VBG)

»Was der in der angelsächsischen Welt bekannte Exeget des Neuen Testaments mit diesem Buch sowohl dem tiefer schürfenden Bibelleser und der interessierten Bibelleserin als auch den exegetischen Fachleuten in die Hand gibt, ist in der Tat einmalig! Als Frucht eines Lebens seit seiner Kindheit in der arabischen Welt entstanden Einblicke in die ursprüngliche soziale Umwelt wie in die semitische Sprachkultur, die den Lebenskontext der Gleichnisse Jesu in aufregender Weise neu erschließen. Die ›ghost writer‹ der Auslegungen sind gewissermaßen Fellachen und orientalisch-christliche wie muslimische Intellektuelle. Kunstvolle Kalligraphien haben Ken Bailey ebenso inspiriert wie seine dramaturgische Begabung. Ihr verdanken wir im zweiten Teil auf einer zusätzlichen Ebene die Umsetzung des Gleichnisses vom ›verlorenen Sohn‹ in ein bühnengerechtes Theaterstück: Welche Kreativität, verbunden mit Erfahrungsreichtum und Gelehrsamkeit!« Dr. theol. Paul Löffler, ehem. Dekan der Theologischen Hochschule für den Nahen Osten in Beirut (Libanon)


»Dies ist ein Buch für alle, die wissen wollen, was Jesus damals zu seinen Zuhörern sagte, um zu verstehen, was die Bibel heute zu uns sagt. Diese Arbeit Ken Baileys ist sehr aufbauend, geistlich und theologisch. Und wenn Sie sich gerne durch neue Erkenntnisse überraschen lassen, dann wird Ihnen Der ganz andere Vater gefallen!« The Rev. Marian McClure, Ph. D., Director, Worldwide Ministries, Presbyterian Church (USA)

»Es kommt nur äuβerst selten vor, dass sich in Forschungsarbeiten zum Neuen Testament die historische Sachkenntnis eines Wissenschaftlers mit der poetischen Vorstellungskraft eines Erzählers vereinigt. Ken Baileys Der ganz andere Vater vereinigt den Professor mit dem Schriftsteller. Durch die einzigartige Vertrautheit des Autors mit der christlichen Literatur des Nahen Ostens und sein tiefes Verständnis nahöstlichen Dorflebens liefert der erste Teil des Buches eine faszinierende Erklärung des Gleichnisses vom verlorenen Sohn. Dieses Gleichnis stellt nicht einen sentimentalen Bericht über die Reise eines traurigen Sünders dar, sondern vielmehr ein Porträt von Gott als Vater, der bei der Suche nach seinen beiden verlorenen Söhnen jeden nur erdenklichen Preis bezahlt; ein Porträt, das allen mit einem Patriarchen verbundenen Erwartungen widerspricht. Den zweiten Teil des Buches stellt ein Theaterstück mit vier Szenen dar, in dem diese Auslegung des Gleichnisses auf der Bühne dargeboten wird. Damit wird die exegetische Theologie wieder zu ihrem ursprünglichen Medium zurückgeführt: zum Erzählen einer Geschichte.« Ulrich Mauser, Otto A. Piper Professor of Biblical Theology Emeritus, Princeton Theological Seminary

»Dr. Kenneth Bailey erschlieβt die Gleichnisse und Lehren unseres Herrn Jesus auf eine erfrischend neue Art. Als einer, der einen groβen Teil seines Lebens im Nahen Osten verbrachte, bringt er erfrischend neue Perspektiven. In der sich entfaltenden Geschichte vom verlorenen Sohn zeigt Bailey, dass es ohne groβe Kosten auf Seiten des Vergebenden keine Vergebung geben kann. Diese Ausgabe stellt die Überarbeitung und Erweiterung eines bereits vorher ausgezeichneten Buches dar. Ich empfehle es mit groβer Freude.« The Right Rev. John W. Howe, D. D., Bishop, Episcopal Church Diocese of Central Florida


»Der ganz andere Vater ist ein Buch, das die Ansichten von Neutestamentlern und Evangelien-Wissenschaftlern in der ganzen Welt beeinflusste. Durch die erste Ausgabe (1973) etablierte sich Bailey als einer der führenden Ausleger des Neuen Testaments und begann einen einzigartigen Neuansatz in der Evangelien-Auslegung. Mehr als sechzig im Nahen Osten verbrachte Lebensjahre (von Ägypten bis Irak) hinterlieβen in ihm eine tiefe Kenntnis des kleinbäuerlichen Lebens. Er spricht flieβend Arabisch, kann gleichermaβen in syrisch, koptisch und aramäisch arbeiten und kennt die rabbinische Literatur bis ins Detail. Diese Kenntnisse stellt er hier in den Dienst der Auslegung von drei Gleichnissen aus Lukas 15. Er kann dabei die Bedeutung von nahöstlichen Besonderheiten für Forschungsarbeiten im Neuen Testament aufschlieβen. Heute muss Bailey mit Wissenschaftlern wie Joachim Jeremias in einem Atemzug genannt werden, als führende Gleichnisausleger, deren Arbeit für alle nachfolgenden Ausleger richtungsweisend ist.« Gary M. Burge, Ph. D., Professor für Neues Testament, Wheaton College and Graduate School

»In Der ganz andere Vater setzt Kenneth Bailey seine seltene und ungewöhnliche Vertrautheit mit der bäuerlichen Kultur des Nahen Ostens ein, um drei bekannte Gleichnisse zu beleuchten: das verlorene Schaf, der verlorene Groschen und der verlorene Sohn. Bailey hat recht, wenn er behauptet, dass christliche Gemeinschaften mit einer engen Verbindung zur biblischen Welt uns vieles über den kulturellen Hintergrund der biblischen Erzählung lehren können. Dieses klassische Werk, neu revidiert, liefert eine frische Perspektive für ein Verständnis der Liebe Gottes, des Vaters, und für die Erkenntnis, dass die im Kreuz sichtbare Gnade Gottes schon in den Lehren Jesu Christi sichtbar wurde.« Philip Graham Ryken, Senior Minister, Tenth Presbyterian Church, Philadelphia


KENNETH E. BAILEY

Der ganz andere Vater

Die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn aus nahรถstlicher Perspektive in Szene gesetzt


Originally published in English unter the title The Cross & the Prodigal: Luke 15 Through the Eyes of Middle Eastern Peasents by InterVarsity Press, P. O. Box 1400, Downers Grove, Illinois 60515-1426, USA. All rights reserved. © 2005 by Kenneth E. Bailey Aus dem Amerikanischen von Gertrud Geddert

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar Bibelzitate, soweit nicht anders angegeben, wurden der Bibel in der Übersetzung von Martin Luther in der revidierten Fassung von 1984, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, entnommen. © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart Umschlaggestaltung: Simone Hark-Schmidt, Offenbach Umschlagfoto: PhotoCase.com Satz: David Neufeld, Schwarzenfeld Herstellung: AALEXX Druck GmbH, Großburgwedel © 2006 Neufeld Verlag Schwarzenfeld Alle Rechte vorbehalten ISBN 3-937896-23-6, Bestell-Nummer 588 623 Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages www.neufeld-verlag.de


Ustaz Nageeb Ibraheem gewidmet, in dessen Herz das Licht scheint, das die Finsternis nicht Ăźberwinden kann, und dessen leuchtendes Leben mich durch viel Dunkelheit gefĂźhrt hat


Inhalt Einleitung zu dieser Ausgabe Vorwort

11 20

Teil 1: Kommentar zu Lukas 15 1. Freut euch mit mir (Lukas 15,1–10)

29

2. Der Todeswunsch (Lukas 15,11–12)

49

3. Der gesichtswahrende Plan (Lukas 15,13–19)

63

4. Die erschütternde Begegnung (Lukas 15,20–24)

81

5. Der fehlende Höhepunkt (Lukas 15,25–32)

97

Teil 2: »Nicht einen Sohn habe ich« Einleitung

118

1. Szene: Der Frühstückstisch

123

2. Szene: Die Schweineherde

133

3. Szene: Das Gewand

151

4. Szene: Das Bankett

163

Hinweise zur Inszenierung

185

Shaluks Lied

186

Literaturhinweise

187


Einleitung zu dieser Ausgabe

E

s sind fast vierzig Jahre vergangen, seit ich dieses Buch verfasste, und diese Neuauflage stimmt mich froh und dankbar. Das Lektorat von InterVarsity Press hat mich gebeten, an dieser Stelle kurz etwas über den Weg zu schreiben, der letztlich zu diesem Buch geführt hat. Diesem Wunsch komme ich gerne nach. Andrew Walls, der angesehene schottische Historiker für nicht-westliches Christentum bestätigte bei zahlreichen Gelegenheiten, dass die moderne Missionsbewegung die Entstehung neuer akademischer Disziplinen mit sich brachte. Er nennt Anthropologie und Linguistik zusammen mit asiatischen und afrikanischen Studien. Es gibt vielleicht noch eine andere Disziplin, die dieser bemerkenswerten Liste hinzugefügt werden sollte: die Erforschung des Neuen Testaments im Hinblick auf seinen nahöstlichen Hintergrund. Dieser vorgeschlagene Studienzweig mag vielen als Widerspruch in sich erscheinen. Ist nicht der Nahe Osten das Zentrum des Islam? Was hat diese Welt mit dem Neuen Testament zu tun? Gibt es überhaupt genügend Grundlagen für eine solche Erforschung des Neuen Testaments? Im Nahen Osten leben mehr arabisch sprechende Christen, als es Juden in der ganzen Welt gibt. Diese demographische Tatsache ist im Westen weitgehend unbekannt. Es wird allgemein davon ausgegangen, dass alle Araber Muslime sind. Die Folge dieser Unkenntnis ist, dass Araber zwar am ersten Pfingstfest teilnahmen (Apostelgeschichte 2,11), die heutigen christlichen


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Araber aber von der westlichen Welt fast völlig ignoriert werden. Dafür gibt es mindestens drei mögliche Erklärungen. Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beschrieb Winston Churchill die tiefe Trennung zwischen Ost- und Westeuropa als einen »Eisernen Vorhang«. In den ersten Jahrhunderten christlicher Zeitrechnung fielen über das Gebiet um das Mittelmeer nicht nur einer, sondern drei Vorhänge, die den Nahen Osten von Europa trennten. Die erste Trennung entstand durch das Konzil von Chalkedon (451 nach Christus), welches zu einer tiefen Spaltung zwischen den Kirchen der griechischen und römischen Welt einerseits und den meisten Kirchen am östlichen Mittelmeer andererseits führte. Der zweite Vorhang fiel mit der islamischen Invasion im frühen siebten Jahrhundert. Als der Islam sich über den Nahen Osten ergoss und über Nordafrika, Spanien und mit der Zeit auch über Kleinasien und den Balkan fegte, entstand eine groβe Trennung zwischen der »christlichen Welt« und der »islamischen Welt«. Traurigerweise wurden die im Osten lebenden Christen, die von mächtigen muslimischen Kräften überrollt worden waren, zum gröβten Teil vergessen. Ein dritter Vorhang könnte als der linguistische Vorhang bezeichnet werden. Geschichtlich gesehen waren die Hauptsprachen der nicht-chalkedonischen Christen des Ostens syrisch, koptisch und arabisch. Diese schwierigen Sprachen werden so gut wie nie von neutestamentlichen Wissenschaftlern erlernt. Diese drei Vorhänge bewirken, dass das Christentum des Ostens, mit all seinen geistlichen Schätzen, zum gröβten Teil unbekannt blieb. Dies bedeutet, dass wir im Westen seit ungefähr 1 500 Jahren das Neue Testament fast ohne jeglichen Kontakt mit den Christen des östlichen Mittelmeergebietes auslegten, die auf einzigartige Weise die Erben der traditionellen Kultur des Nahen Ostens und dadurch auch der Kultur der Bibel sind. Als Jude beteiligte Jesus sich an der nahöstlichen Kultur und seinem Milieu. Ein starker hellenistischer Einfluss zur Zeit Jesu kann zwar nicht bestritten werden; die Primärsprachen Jesu waren aber aramäisch und hebräisch, nicht griechisch. Was sind nun die Auswirkungen der Kultur des Nahen Ostens für meine exegetische Reise durch Lukas 15, die dieses Buch zu dokumentieren sucht?


Einleitung

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Mein 40-jähriger Aufenthalt unter Christen im Nahen Osten befand sich gerade im formativen Anfangsstadium, als ich Der ganz andere Vater verfasste. In all diesen Jahrzehnten arbeitete, dachte und lehrte ich in arabisch. Ich nahm in dieser Zeit auch am kirchlichen Leben Teil, indem ich die auf dem Semitischen basierenden Evangelien erforschte und die vorherrschend semitischen Völker darin unterrichtete. Diese Jahre hinterlieβen einen sehr tiefen Eindruck in mir. Wenn Theologie in philosophischen Begriffen ausgedrückt und mit Hilfe von Philosophie und Logik strukturiert wird, dann braucht man dazu Intelligenz und die Fähigkeit, logisch denken zu können. Wenn Theologie aber in Form einer Geschichte präsentiert wird, dann kann die Bedeutung dieser Geschichte nicht angemessen erfasst werden, ohne dass der Interpretierende – so gut wie nur möglich – Teil der Kultur des Erzählers und dessen Zuhörer wird. Eine wunderbare Darstellung dieses Dilemmas präsentiert N. T. Wright in seinem neuen Buch über die Auferstehung.1 Wright zitiert ein Beispiel von George Caird: Aus dem Mund eines Amerikaners bedeutet: »I am mad about my flat!«: »Ich ärgere mich über meine Reifenpanne!« Aber für einen Engländer bedeutet der gleiche Satz: »Ich bin von meiner Wohnung begeistert!« Die Kultur des Sprechers muss also berücksichtigt werden, wenn das Gesagte verstanden werden soll. Das Gleiche trifft für das Leben und die Lehre Jesu zu. Natürlich ist der Geist Gottes durch die Jahrhunderte nicht ohne Zeugnis geblieben. Und doch gibt es Bedeutungsebenen eines Textes, die erst dann erschlossen werden können, wenn die Kultur des Nahen Ostens verstanden und bei der Auslegung der Schrift eingesetzt wird. Lukas 15 ist ein hervorragendes Beispiel für diese Wahrheit. Ist es eine Schande, wenn ein Mann seinen Vater um sein Erbe bittet, wenn der Vater noch lebt? Ist es ein schlechtes Zeichen, wenn der ältere Bruder dazu schweigt? Wie soll der Vater reagieren? Bringt der junge Mann seiner Familie im Dorf Schande, wenn er seinen Anteil des Erbes verkauft? Als der Sohn »zu sich kam«, bedeutet das, dass er »bereute« oder dass er »versuchte, etwas zum Essen zu bekommen«? Warum gibt es in der Geschichte keine Mutter? Macht der Vater sich lächerlich, wenn er die Straβe hinunterrennt? Darf ein Vater seine Gäste verlassen, um mit seinem ältesten Sohn zu reden, der drauβen auf dem Hof schmollt? Und falls er es tut, was bedeutet das? Diese und viele andere Fragen wurden mir mit der


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Zeit wichtig, als ich das Vorrecht hatte, von meiner Jugend an fast 70 Jahre lang im Nahen Osten zu leben und zu lernen. Dieses Buch stellte meinen ersten Versuch dar, die Kultur des Nahen Ostens als Ausgangspunkt einer Interpretation eines bekannten Textes aus den Evangelien zu nehmen. Natürlich können wir nicht naiv davon ausgehen, dass die derzeitige Kultur des Nahen Ostens mit der des ersten Jahrhunderts identisch ist. Aber die konservativen traditionellen Dörfer des Nahen Ostens waren für mich ein kultureller Standort, an dem die oben genannten Fragen sich mir geradezu aufdrängten und nach gut durchdachten Antworten schrieen. Ohne diesen Standort hätten sich diese Fragen mir gar nicht erst gestellt und ich hätte infolgedessen auch nicht nach Antworten gesucht. Trotz aller Einschränkungen war mir klar, dass die Kultur des Nahen Ostens ein besserer Ausgangspunkt war, die Gleichnisse Jesu zu interpretieren als meine ererbte derzeitige amerikanische Kultur. Meine Auslegung von Lukas 15 hat sich sowohl in Bezug auf Methode als auch in Bezug auf die Ergebnisse weiterentwickelt. Ich bin mir fünf verschiedener Stadien bewusst. 1. Die alte Kultur des Nahen Ostens. Mein Ausgangspunkt war die oben erwähnte Tatsache, dass ich das Vorrecht hatte, unter den Christen des Nahen Ostens zu leben und von ihnen zu lernen. 2. Die neutestamentliche Literatur der Christen des Ostens. Gleich zu Beginn meiner wissenschaftlichen Arbeit wurde ich mir allmählich der 1 800 Jahre alten Übersetzungsgeschichte des neutestamentlichen Textes vom Griechischen ins Syrische, Koptische und Arabische bewusst. Übersetzung bedeutet immer auch Interpretation. Jede Übersetzung ist gleichzeitig ein Minikommentar. Die frühesten dieser Übersetzungen sind jetzt schon seit Jahrzehnten meine täglichen Begleiter. Ich entdeckte die bedeutenden syrischen Kommentatoren des Neuen Testaments, wie zum Beispiel Hibatallah ibn al-Assal und Abdallah ibn al-Tayyib. Diese und weitere in arabischer Sprache arbeitenden Wissenschaftler wurden bisher zum gröβten Teil noch in keiner Sprache veröffentlicht und sind dadurch über einen kleinen Kreis im Nahen Osten hinaus weithin unbekannt. Zehntausende exegetischer, nur als Handschrift vorhandene Predigten, erwarten mich noch. 3. Die rabbinische Literatur. Es gibt keinen Ersatz für Ursprungsquellen. Das zweimalige Lesen der Mischna vom Anfang bis zum Ende war ein auf-


Einleitung

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regendes Abenteuer. Vor allem deswegen, weil ich mich beim Lesen immer wieder in die gleiche Art traditionellen nahöstlichen Dorflebens zurückversetzt sah, die ich bereits kennen gelernt hatte. Ich hatte beim Lesen ein wirklich starkes Déjà-vu-Erlebnis. Nach diesem formativen Erlebnis der hebräischen Literatur war mir klar, dass die primären Strukturen des täglichen Lebens, die ich bereits im konservativen Dorfleben des Nahen Ostens beobachtet hatte, auch in den Schriften der Rabbis des ersten und zweiten Jahrhunderts nachgewiesen werden konnten. Das Lesen des gröβten Teiles der neunundzwanzig Bände des babylonischen Talmuds und das Lesen des Jerusalemer Talmuds lieferte weitere wichtige Einzelheiten. Es lohnte sich auch, einige Jahre in der Welt der zehn Bände der Midrasch Rabbah, und noch mehr, in der Welt der Tosefta und des Targumim zu leben. Es geht nicht um die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Veränderungen, die in jeder Gemeinschaft unvermeidbar sind. Ich gehe auch nicht davon aus, dass die rabbinische Interpretation eines bestimmten Psalms im dritten Jahrhundert der des ersten Jahrhunderts entspricht. Es geht vielmehr darum, wie ich bereits an anderer Stelle schrieb: Beim Auslegen der Gleichnisse Jesu trifft der Auslegende unwillkürlich Entscheidungen (bewusst oder unbewusst) über kulturelle Einstellungen zu: Frauen, Männern, der Familie, Familienstrukturen, Familienloyalitäten und Erwartungshaltungen, Kindern, Architekturstilen, Landwirtschaftsmethoden, Führungsstilen, Wissenschaftlern, religiösen Autoritäten, dem Handel, Handwerkern, Dienern, Essgewohnheiten, einer Gemeinschaft entgegengebrachten Loyalitäten, Formen des Humors, Erzählformen, Methoden der Kommunikation, der Verwendung von Metaphern, Diskussionsformen, Formen der Versöhnung, Einstellungen zu Zeit, zu Regierungsvertretern, was und wie sehr etwas als schockierend angesehen wird, Reaktionen auf soziale Situationen, Gründen für eine Verärgerung, Einstellungen zu Tieren, emotionalen und kulturellen Reaktionen auf verschiedene Farben, Kleidung, sexuelle Vorschriften, Funktion und Bedeutung von persönlicher Ehre und Gruppenehre, und noch viele weitere Dinge.2

Alle Menschen, egal welcher Kultur sie angehören, vertreten bestimmte Standpunkte, die ihre Ansichten bezüglich der genannten Aspekte beeinflussen. Diese kulturell bedingten Einstellungen wirken im Unterbewusstsein und beeinflussen unvermeidlich die Art und Weise, wie eine Person


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eine Geschichte liest. Meine durch mein Leben im Nahen Osten gemachten Erfahrungen, zusammen mit einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den frühen rabbinischen Quellen, gaben mir die Möglichkeit, aus meiner eigenen kulturellen westlichen Welt auszubrechen. 4. Psalm 23. Auf meiner Reise durch die Überzeugungen von Jesus dem Rabbiner begann ich allmählich zu verstehen, dass das Gleichnis vom verlorenen Schaf in Lukas 15,3–7 eine »Neubearbeitung« des bekannten Psalms vom Schafhirten darstellt. Als ich begann, diesen Gedanken weiter zu verfolgen, entdeckte ich in diesem Gleichnis viele neue Schätze.3 5. Jakob. Manchmal stolpert man über eine neue Entdeckung, obwohl man gar nicht danach sucht. So ging es mir beim Hören eines anregenden Vortrages über die Geschichte des Jakob, bei dem mir plötzlich ein Licht aufging. Angeregt durch diesen Vortrag, entdeckte ich nach und nach einundfünfzig Vergleichspunkte und Gegensätze zwischen der Geschichte von Jakob in 1. Mose 27,1–36,8 und dem Gleichnis vom verlorenen Sohn. Mit dem groβen Gleichnis der beiden verlorenen Söhne erzählte Jesus ganz eindeutig die Geschichte neu, wie Israel seinen Namen und seine Identität erhalten hatte.4 Ein weiterer Aspekt der Bedeutung dieses groβartigen Gleichnisses liegt im Thema christliches Zeugnis gegenüber oder Dialog/Auseinandersetzung mit dem Islam. Der 11. September 2001 und seine Nachwirkungen haben das Christentum und den Islam heute auf weitaus entscheidendere Arten einander gegenübergestellt, als dies vor 40 Jahren der Fall war. Im Islam wird das Gleichnis vom verlorenen Sohn weiterhin als eine Verneinung sowohl der Menschwerdung als auch des Sühneopfers Christi gelesen. (Oberflächlich gelesen scheint es so, als würde sich der verlorene Sohn ohne Hilfe von auβen durch seine eigenen Bemühungen mit seinem Vater versöhnen. Wenn das so wäre, dann würde Jesus in diesem Gleichnis islamische Theologie wiederspiegeln.) Der ganz andere Vater versucht sich mit dieser Herausforderung auseinander zu setzen und einige Antworten vorzuschlagen. Für mich persönlich hatte mit dem ersten Schreiben dieses Buches eine jahrzehntelange Reise begonnen. Handelt es sich dabei um eine »Stimme in der Wildnis?« Vielleicht. Ich hoffe es nicht. Wird es noch andere Stimmen geben, die noch besser als ich in die kulturelle Welt des Nahen Ostens


Einleitung

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eintauchen werden und noch tiefer in den unerschöpflichen Reichtum der Geschichten von und um Jesus eindringen und sie noch genauer auslegen werden? Ich wünsche es mir ernsthaft. Kann aus diesem vorsichtigen und unsicheren Schritt der mögliche Beginn einer neuen wissenschaftlichen Disziplin werden, die vielleicht eines Tages einmal »Nahöstliches Studium des Neuen Testaments« heiβen wird? Ich weiβ es nicht. Ich kann nur hoffen, dass eines Tages wieder eure jungen Männer Visionen sehen und eure alten Männer träumen werden (Joel 2,28; Apostelgeschichte 2,17). Vielleicht ist ein erklärendes Wort über das Theaterstück angebracht, das den zweiten Teil dieses Buches ausmacht. Wenn »Erzählung« ein ernstzunehmender Teil theologischer Sprache ist, die effektiv Bedeutungen kreiert und vermittelt, dann dürfen Gefühle und Dramatik nicht ignoriert werden. Das Problem ist, dass zeitgenössische »biblische Theaterszenen« häufig zu einem Teil Fiktion sind und dass diese fiktiven Anteile im Verlauf den biblischen Teil und seine Botschaft verdecken. Wenn dies der Fall ist, dann stellt ein Theaterstück zwar die Ideen eines Dramatikers dar, verletzt aber die Absicht des biblischen Erzählers. Ich schrieb die Drehbücher für zwei professionell produzierte Filme, von denen einer auf den drei Gleichnissen in Lukas 15 beruht.5 In dem jahrelangen Prozess der Überarbeitung dieses Drehbuches sah ich mich ständig der Versuchung ausgesetzt, die Absichten Jesu, so wie ich sie verstand, zu ignorieren und im Film die Ideen des Filmdirektors zu verwirklichen. Durch die Unterstützung des Produzenten war es möglich, dieser Versuchung erfolgreich zu widerstehen, aber sie war immer vorhanden. Vielleicht sind solche Schwierigkeiten der Grund, dass in der Vergangenheit ernsthafte biblische Auslegung und biblische Dramen wenig miteinander zu tun hatten. Auβerdem ist es vielen wohl gar nicht erst eingefallen, dass eine gute Erzählung emotional berührt und dass ein Drama den Zielen einer seriösen Exegese dienen kann. Es ist meine Hoffnung, dass auch andere inspiriert werden, sich auf diesen oft vernachlässigten Weg zu wagen. Von Anfang an hatte ich mir vorgenommen, ernsthafte Exegese und ernsthafte dramatische Dichtung


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18 miteinander zu verbinden. Sie gehören zusammen. Der Leser wird über den Erfolg oder das Scheitern dieser Verbindung entscheiden müssen. Es stimmt, »eine Reise über tausend Meilen beginnt mit einem Schritt«. Eine selbstverständliche Folgerung dieses berühmten Satzes ist: »Der erste Schritt muss in die richtige Richtung gehen.« Beim Zurückschauen habe ich den Eindruck, dass der »erste Schritt«, den dieser bescheidene Beitrag darstellt, in der Tat in die richtige Richtung ging. Es ist mein Gebet, geneigte Leserinnen und Leser, dass diese hier erklärten Gleichnisse Jesu Sie auf Ihrem Weg des Glaubens bestärken, so wie sie mich auf meinem Weg bestärkt haben. »Er war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.« Kenneth E. Bailey

Anmerkungen 1 N. T. Wright, The Resurrection of the Son of God. Fortress, Minneapolis 2003. 2 Kenneth E. Bailey, Finding the Lost: Cultural Keys to Luke 15. Concordia, St. Louis 1992, S. 32. 3 Dies führte zum Schreiben von Finding the Lost. 4 Siehe Kenneth E. Bailey, Jacob and the Prodigal: How Jesus Retold Israel’s Story. InterVarsity Press, Downers Grove, IL 2003. 5 Er war verloren und wurde gefunden, ein in Kairo, Ägypten, produzierter arabischer Film mit englischen Untertiteln, 110 Minuten.


Vorwort

I

m Verlauf der Jahrhunderte seit dem Aufstieg des Islams wiederholten Muslime immer wieder den Ruf: »Christen haben die Botschaft von Jesus verfälscht« und verwiesen dabei als Beweis auf das berühmte Gleichnis vom verlorenen Sohn. Ihre Beweisführung kann wie folgt zusammengefasst werden: In diesem Gleichnis verkörpert der Vater offensichtlich Gott, während der jüngere Sohn die Menschheit repräsentiert. Der Sohn verlässt das Elternhaus, gerät in Schwierigkeiten und entschlieβt sich endlich, zu seinem Vater zurückzukehren. Er »yistaghfir Allah« (sucht die Vergebung Gottes). Bei seiner Ankunft heiβt der Vater den Sohn willkommen und zeigt so, dass er, der Vater, »rahman wa rahim« (gnädig und barmherzig) ist. Es gibt kein Kreuz und keine Menschwerdung, keinen »Sohn Gottes«, keinen »Retter«, kein »Wort, das Fleisch wurde« und keinen »Weg zur Erlösung«, keinen Tod und keine Auferstehung, keinen Vermittler und keine Vermittlung. Der Sohn braucht keine Hilfe, um nach Hause zurückkehren zu können. Das Ergebnis ist offensichtlich: Jesus ist ein guter Muslim, der in diesem Gleichnis muslimische Theologie bestätigt. Das Herzstück des christlichen Glaubens wird daher gerade von dem Propheten abgelehnt, dem das Christentum nachzufolgen behauptet. Der Islam, wo es weder Kreuz noch Retter gibt, bewahrt demnach die wahre Botschaft des Propheten Jesus.


Vorwort

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Die arabischen Christen des Nahen Ostens ringen schon seit mehr als tausend Jahren mit diesem Auslegungsproblem. Die moderne Welt sieht sich nun auf verschiedene Arten mit dem gleichen Problem konfrontiert. Als Folge von Auswanderungen und einer Reihe internationaler Konflikte sehen wir uns vor eine Auseinandersetzung zwischen Christentum und Islam gestellt, ob wir nun darauf vorbereitet sind oder nicht! Wie kann man zu dieser Tatsache Stellung beziehen? R. C. Trench schreibt in seinem berühmten Notes on the Parables of Our Lord (Hinweise zu den Gleichnissen unseres Herrn), dass die Erzählung vom verlorenen Sohn schon seit Jahrhunderten Evangelium in Evangelio (das Evangelium im Evangelium) genannt wurde. Trench bestätigt, dass dieser Titel absolut gerechtfertigt ist.1 Wenn die Kirche dieses Gleichnis im Verlauf der Jahrhunderte so betrachtet hat, wie kommt es, dass sowohl die Menschwerdung (Gott kommt zu uns in Jesus) als auch das Sühneopfer (das Kreuz als rettende Kraft) zu fehlen scheinen? Wenn das Kreuz für die Vergebung unentbehrlich ist, warum scheint es in diesem Gleichnis zu fehlen? Als jemand, der vier Jahrzehnte lang den Kirchen der arabischen Christen diente, musste ich auf diese und andere damit verbundene Fragen eine Antwort finden. Ein Teil dieses Buches stellt eine Zusammenfassung der Antworten dar, die ich auf die oben genannten herausfordernden Fragen gefunden zu haben meine. Quer durch die arabische Welt sprach ich ausführlich mit Wissenschaftlern, Pastoren, Ältesten und analphabetischen Bauern über die drei Gleichnisse vom verlorenen Schaf, vom verlorenen Groschen und vom verlorenen Sohn und bemühte mich dabei, sie im kulturellen Kontext des Nahen Ostens zu verstehen. Des weiteren las ich die jahrhundertealten Kommentare zum Lukasevangelium, die in der arabischen und syrischen Sprache verfasst wurden, sowie die Kommentare zu diesen Gleichnissen in der Tradition des Westens. Ich bezog mich auch auf die relevante frühe Literatur der jüdischen Gemeinschaft in der Mischna und den beiden Talmuds. Ein halbes Jahrhundert der Beschäftigung mit diesen Texten gaben mir eine Reihe neuer Einsichten, die entstanden, als ich mich bemühte, diese Gleichnisse mit nahöstlichen Augen zu betrachten. Das Ergebnis ist eine neue Art, über den Kern unseres Glaubens zu sprechen, welche die Muslime des Ostens ansprechen kann und hoffentlich


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auch die säkular denkenden Menschen des Westens. Es ist mein Gebet, dass diese Art des Sprechens über den Glauben auch hilfreich sein kann, um den auf der südlichen Halbkugel lebenden Menschen den christlichen Glauben zu erklären. Seit Jahren schon trug Musik unendlich viel dazu bei, den emotionalen Inhalt der Psalmen zu kommunizieren. Der zweite Teil dieses Buches beinhaltet ein Drama, mit dem der theologische und emotionale Inhalt dieses Gleichnisses ausgedrückt werden soll. Das Theaterstück »Nicht einen Sohn habe ich« wurde geschrieben, um gelesen (einzeln oder in einer Gruppe) und aufgeführt zu werden. Seit Jahrhunderten nahmen Schriftsteller immer wieder biblische Geschichten, formten sie um, um so ihre eigenen Ideen auszudrücken. Dabei ignorierten sie oft absichtlich die Erzählintentionen des biblischen Autors. Dies war nicht meine Absicht. Das Schauspiel versucht vielmehr in dramatischer Form, den theologischen Inhalt darzustellen, den der ursprüngliche Verfasser, Jesus von Nazareth, nach meiner Überzeugung in diese Geschichte legte. Denjenigen, die seinen kulturellen Hintergrund teilten, waren die Inhalte des Gleichnisses unmittelbar zugänglich. Das Theaterstück kann hoffentlich dazu beitragen, den Menschen aus anderen Zeiten und Kulturen die gleiche Bedeutung zu erklären und verständlich zu machen. Gleichzeitig sollen die dramatische Spannung und die Gefühle vermittelt werden, die im Zentrum der Geschichte stehen. Jesus sprach zu ländlichen ungebildeten Menschen des Nahen Ostens. Selbst die Gebildeten hatten dieselben bäuerlichen Wurzeln. Was zwischen den Zeilen steht, was gefühlt wird, aber unausgesprochen bleibt, ist von gröβter Wichtigkeit. In der Tat kann es fast nicht ausgesprochen werden, weil es nicht bewusst aufgenommen wird. Das, was »jeder weiβ«, wird nie erklärt. Im Nahen Osten »weiβ jeder«, dass es viel wichtiger ist, seinem Vater mit Ehrerbietung zu begegnen, als ihm zu gehorchen. Jesus ist anderer Meinung. Deshalb erzählt er eine Geschichte von einem Vater und seinen zwei Jungen, in der er erklärt, dass der gute Sohn der ist, der gehorcht, obwohl er unverschämt gegenüber seinem Vater war (Matthäus 21,28–32). Wenn wir die dörflichen Ansichten nicht kennen, die hinter dieser Geschichte liegen, dann verpassen wir leicht die revolutionäre Natur dieses Gleichnisses.


Vorwort

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Das dörfliche Leben im Nahen Osten blieb durch die Jahrhunderte fast völlig unverändert. In abgelegenen Dörfern sah ich kleine Mädchen, die Tonpüppchen herstellten, die den Fruchtbarkeitsgöttinnen alttestamentlicher Zeit äuβerst ähnlich sahen. Sprechmuster, Kleidungs- und Familienstrukturen überdauerten fast unverändert die Zeit. Vater Henry Ayrout schreibt in seinem berühmten anthropologischen Werk über das ägyptische Volk mit dem Titel The Fellaheen: Die Fellachen wechselten ihre Meister, ihre Religion, ihre Sprache und die Feldfrüchte, die sie anbauten, aber nicht ihre Lebensart ... gewalttätige und wiederholte Schicksalsschläge fegten ganze Völker dahin, was heute in den Ruinen Nordafrikas oder Chaldäas sichtbar wird ... aber die Fellachen blieben standhaft und lieβen sich nicht unterkriegen ... Sie sind so unzugänglich und beharrlich wie der Granit ihrer Tempel und sie verändern sich genau so wenig ... Dies ist nicht nur ein Eindruck. Wir können bei den Fellachen die gleichen Werkzeuge sehen – den Pflug, den Schaduf, die Saqia, ... die gleichen Behandlungsmethoden für Krankheiten, viele der gleichen Hochzeits- und Beerdigungsbräuche. Überall auf den Seiten des Herodotus, Diodorus, Siculus, Strabo, Maqrizi, Vansleb, Pere Sicard und Volney finden wir die gleichen Fellachen. Keine Revolution und keine Evolution.2

Fast jeder, ob aus alter Zeit oder zeitgenössisch, der das Vorrecht hatte, über eine längere Zeit in den Dörfern des Nahen Ostens arbeiten zu dürfen, bestätigt die gleiche Tatsache: Der stahlharte Konservatismus der ländlichen Bevölkerung. Auch heute noch ist eines der gröβten Komplimente, das ein Dorfbewohner einem anderen erweisen kann, der Titel: »Bewahrer der Tradition«. Daher blieben die meisten Einstellungen der Dorfbevölkerung seit uralten Zeiten unverändert. Wenn ein japanischer christlicher Künstler ein Portrait der Madonna mit Kind malt, dann lässt er die Figuren japanisch aussehen. Sollte jemand auf Wirklichkeitstreue bestehen, dann wurden diese Figuren durch Kultur und Kontext verzerrt. Und doch drückt ein solches Bild etwas Wesentliches und Bedeutungsvolles aus. In der Tat sind es gerade die japanischen Eigenschaften, die dem Bild seine Bedeutung verleihen. Die im Westen erstellten Auslegungen der biblischen Schriften sind in gleicher Weise von westlicher Geschichte und Kultur beeinflusst. Hier gibt es keinen Ausweg. Ich kann den Bus, in dem ich sitze, nicht gleichzeitig schieben. Niemand, gleichgül-


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DER GANZ ANDERE VATER

tig aus welcher Kultur er oder sie kommt, ist ein frei schwebendes Auge, das die Welt vom Weltall aus betrachtet. Wenn also bei der Auslegung von Texten eine kulturelle »Färbung« unvermeidlich ist, dann sollten wir die Texte des ersten Jahrhunderts so weit wie möglich aus der Perspektive von Menschen betrachten, deren Kultur der Kultur Palästinas im ersten Jahrhundert ähnlich ist. Die einzige Alternative für alle, die nicht aus dem Nahen Osten kommen, ist, in die eigenen kulturellen Anschauungsweisen zurückzufallen. Ich kann die Welt nur mit meinen eigenen Augen betrachten. Der Hauptausgangspunkt dieser Studie ist also, dass Einsichten, die wir für die Auslegung des Gleichnisses vom verlorenen Sohn dadurch gewinnen, dass wir es mit den Augen einer bäuerlichen Kultur im Nahen Osten (ob aus alter Zeit oder zeitgenössisch) betrachten, hilfreicher sind, als wenn unsere Ausgangspunkte die Kulturen von Nordamerika und Europa sind. In dieser Studie wurde eine Menge traditionelles Material, wissenschaftliches und erklärendes, auβer acht gelassen. Ich versuchte auch nicht, mich mit den verschiedenen zeitgenössischen Kommentaren zu diesen Gleichnissen auseinander zu setzen. Der Schwerpunkt dieses Buches ist es, neue Einsichten zu vermitteln. Jesus sprach aramäisch, hebräisch und sicherlich etwas griechisch. Ich werde hier nicht zu diskutieren versuchen, ob die Quellen für die Gleichnisse im Lukasevangelium auf griechisch oder aramäisch, schriftlich oder mündlich überliefert wurden. An einigen Stellen werde ich mich jedoch auf die zwölf Jahrhunderte alte Tradition der arabischen Bibel beziehen, die wie ein See ist, in den die Auslegungsströme aus dem Koptischen, Griechischen und Syrischen flossen. Diese arabische Übersetzungstradition ist fast völlig unbekannt und deswegen auch unbeachtet. In der Bibelwissenschaft des zwanzigsten Jahrhunderts wurden verschiedene Formen der Sprachverwendung sehr ernstgenommen. Auch in diesem Punkt ist die Verwendung von Sprache im dörflichen Leben sehr aufschlussreich und an passenden Stellen wird darauf hingewiesen. Alle Bibelzitate wurden der Lutherübersetzung entnommen oder entstammen meiner eigenen Übersetzung des griechischen Originaltextes. Arabische Kalligraphie ist schon seit mehr als tausend Jahren eine Kunstform des Nahen Ostens. Der Islam verbietet jegliche Abbildung von Menschen oder Tieren in religiöser Kunst. Die dadurch entstandene Lücke


Vorwort

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wird oft mit schönem Schreiben gefüllt. Muslimische Künstler verzieren lediglich den Text. Auf den Bildtafeln, welche in die einzelnen Kapitel einführen, versuchte ich, diese Kunstform noch einen Schritt weiter zu führen, indem ich probierte, einen Teil der Bedeutung des Textes symbolisch darzustellen. Jede Tafel wird von einer Übersetzung und einem kurzen Kommentar ergänzt. Wo immer möglich, versuchte ich, inklusive Sprache zu gebrauchen, jedoch verwendete ich an manchen Stellen er statt er und sie, wenn das letztere den Satzbau zu kompliziert gemacht hätte. Es ging mir um Deutlichkeit, und ich beabsichtigte keine Geringschätzung irgendeines Lesers. Ich möchte Herrn Andrew Le Peau von InterVarsity Press danken, dass er mir die Gelegenheit gab, den Text für diese Neuauflage völlig neu zu überarbeiten. Mein Dank gilt auch Frau Elizabeth Hill, die in zwei aufeinander folgenden ägyptischen Sommern, mitten in unerträglicher Hitze, die ersten beiden Entwürfe der ersten Auflage dieses Buches tippte. Geduldig ertrug sie meine Handschrift und korrigierte meine miserable Rechtschreibung. Ich fühle mich auch Frau Evelyn Steele aus Pittsburgh zu Dank verpflichtet, die trotz vieler familiärer Verpflichtungen freundlicherweise bereit war, den dritten, genau so unleserlichen, Entwurf zu tippen. Sara Bailey korrigierte und überarbeitete den ganzen Text dieser neuen Auflage sorgfältig, und ich bin ihr zutiefst dankbar. Unaussprechlicher Dank gebührt meiner lieben Frau, ohne deren Partnerschaft im Leben dieses Manuskript nie hätte geschrieben werden können. Soli Deo Gloria!

Anmerkungen 1 R. C. Trench, Notes on the Parables of our Lord. John W. Parker, London 1857, S. 387. 2 Henry Habib Ayrout, The Fellaheen, übersetzt von Hilary Wayment, Neuauflage. R. Schindler, Kairo 1945, S. 19–20.


D

ie dekorative arabische Kalligraphie unterhalb des Titels für den ersten Teil lautet: »Und er sagte: Ein Mensch hatte zwei Söhne.« Die grauen Schriftzeichen auf der rechten Seite symbolisieren den jüngeren Sohn, der rebellierend abseits der Gemeinschaft mit dem Vater steht. Der ältere Sohn (die grauen Schriftzeichen auf der linken Seite) scheint eine dürftige Verbindung mit dem Haus zu besitzen, doch tatsächlich steht auch er auβerhalb. Zu Beginn sind beide Söhne im selben Maße anwesend.


TEIL EINS

Kommentar zu Lukas 15


KAPITEL EINS

Freut euch mit mir


D

ie letzte Reise Jesu nach Jerusalem beginnt im Lukasevangelium in Kapitel 9 und zieht sich bis Kapitel 19, wo Jesus dann dort eintrifft. In diesem Teil spitzt sich der gärende Konflikt mit den Pharisäern durch deren verhängnisvolle Beschwerde zu: »Dieser nimmt die Sünder an.« Auf dieser Bildtafel zeigt sich der eigentliche Charakter ihrer Worte (unten im Text). Durch das Hinzufügen zweier kurzer Schriftlinien erscheinen die emporsteigenden dicken Linien wie die Säulen eines Gebäudes, denn die Pharisäer sehen sich als die Säulen des Hauses Israel. Die äuβeren Linien sind kräftig und wirken unheilverkündend. Mittendrin in ihrer Beschwerde (hellgrau) erscheint der glückliche Ausruf des Hirten: »Freut euch mit mir!« Jesus will die Pharisäer durch diesen Hirten einladen, ihre Herzen für die Freude zu öffnen, einen heimkehrenden Sünder in ihrer Gemeinschaft willkommen zu heißen. Der Ruf des Hirten scheint offen, frei, und fröhlich. »Freut euch mit mir. Dieser nimmt die Sünder an.«


Bibliographie Zitierte Werke Aristotle: Nicomachean Ethics, 4.1.1119b, The Works of Aristotle 2, Great Books of the Western World, Robert Maynard Hutchins (Hrsg.). Encyclopaedia Britannica, Chicago 1952. Ayrout, Henry Habib: The Fellaheen. Übersetzt von Hilary Wayment, Neuauflage. R. Schindler, Kairo 1945. Bailey, Kenneth E.: Finding the Lost: Cultural Keys to Luke 15. Concordia, St. Louis 1992. Bailey, Kenneth E.: Jacob and the Prodigal: How Jesus Retold Israel’s Story. InterVarsity Press, Downers Grove, IL 2003. Bailey, Kenneth E.: Poet and Peasant and Through Peasant Eyes. Eerdmans, Grand Rapids 1980. Bishop, Eric F. F.: Jesus of Palestine: The Local Background to the Gospel Documents. Lutterworth, London 1955. Donahue, John R.: »Tax Collector«, Anchor Bible Dictionary, David Noel Freedman (Hrsg.). Doubleday, New York 1992. Griechisch-Deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur. de Gruyter, Berlin/New York 61988. Jeremias, Joachim: Die Gleichnisse Jesu. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 111998. Jeremias, Joachim: Jerusalem zur Zeit Jesu. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1958. Kittel, Gerhard (Hrsg.): Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Band 1. W. Kohlhammer, Stuttgart 1933. Moulton, James Hope and Milligan, George: The Vocabulary of the Greek Testament Illustrated from the Papyri and Other Non-literary Sources. Eerdmans, Grand Rapids 1963. Robertson, A. T.: A Grammar of the Greek New Testament in the Light of Historical Research. Broadman, Nashville 41934. Sperber, Alexander (Hrsg.): The Bible in Aramaic. Vol. 1, The Pentateuch According to Targum Onkelos. Brill, Leiden 1959. Trench, R. C.: Notes on the Parables of our Lord. John W. Parker, London 1857. von Slatin, Rudolf Carl: Fire and Sword in the Sudan: 1879–1895. Edward Arnold, London 1907.


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