Issuu on Google+

1. Kapitel

Kindheit, Jugend und Berufung zum geistlichen Dienst Familienhintergrund Gegen Ende des 19. Jahrhunderts geboren zu werdena, bedeutete für viele Kinder in Deutschland Mühe, Arbeit und einfaches Leben. Als HEINRICH VIETHEER am 27. Januar 1883 in Uetersen (Holstein) zur Welt kam, hatte die Auswanderungswelle in die USA einen neuen Höhepunkt erreicht. Die aufstrebende Industrialisierung brachte zwar neue Arbeitsplätze mit sich, aber oft auch einfachste Lebensverhältnisse für die kinderreichen Arbeiterfamilien. Nicht so bei Vietheers. Mit zwei Brüdern und vier Schwestern gehörte Heinrich zwar nicht unbedingt zu einer kinderarmen Familie, aber er hatte das Glück, in eine intakte und am Ort fest verwurzelte Familie hineingeboren zu werden. Sein Vater war ein kräftiger, fleißiger Gerbermeister, der eine Ledergerberei im Familienbetrieb führte. Daneben war er zeitweise auch Stadtverordneter und über viele Jahre Mitglied im Kirchenvorstand der evangelisch-lutherischen Kirche. Der Gemeindepastor war ein enger Freund und verkehrte öfters im Hause Vietheer, einer Familie, die bodenständig, gutbüra

Eine tabellarische Übersicht zu Heinrich Vietheers Leben findet der Leser im Anhang.

11

Inh Gekaempft Korrigiert.indd 11

14.09.2007 11:53:44 Uhr


gerlich und angesehen war. Bis heute ist der Familienname im Umland von Uetersen weit verbreitet. Die Mutter, die Heinrich sehr liebte und von der er sagte, dass er durch keinen andern Menschen so gesegnet worden sei, war eine tief gläubige Frau und besuchte die „Landeskirchliche Gemeinschaft“ am Ort.b Ihr Mann betrachtete dies trotz seines kirchlichen Engagements mit großer Skepsis und bezeichnete die Gemeinschaft als Sekte. Auch wenn die Ehe der Eltern ansonsten glücklich war und Heinrich eine unbeschwerte Jugend hatte, erlebte er hier doch von Kindesjahren an Konflikte und Kampf um des Glaubens willen. Seine vier Schwestern fanden alle früh zum Glauben und gingen mit der Mutter in die Gemeinschaft. Besonderen Eindruck machte dabei die Entschiedenheit seiner ältesten Schwester auf ihn. Als sie 18 oder 19 Jahre war, bestand der Vater darauf, dass sie zu einem Ball mitkam: „‚Eine gute Bürgerstochter kann auf einen anständigen Ball gehen‘, sagte er. […] Meine Schwester, die ja ein Gotteskind war, sagte zu ihrem Vater: ‚Du weißt doch, ich liebe den Heiland und bin ein Gotteskind, da kann ich nicht hingehen.‘ Mein Vater sagte aber zu ihr: ‚Du sollst mitgehen, ihr sollt euch nicht so absondern, sonst wird euch kein vernünftiger Mensch heiraten.‘ […] Endlich lag meine Schwester auf den Knien vor meinem Vater und sagte: ‚Ich kann nicht mitgehen.‘ Das hat doch tiefen Eindruck auf mich gemacht.“1 Auch wenn die Familie nicht im eigentlichen Sinne wohlhabend war, ging es den Vietheers nicht schlecht. Heinrich konnte sogar die Mittelschule besuchen, was bei sieben Kindern wegen der höheren Schulkosten nicht selbstverständlich war. Als er mit 15 Jahren die Schule beendete, erlernte er im väterlichen Betrieb mit viel Freude das Gerberhandwerk und die Lederfabrikation.

b

Die Landeskirchlichen Gemeinschaften sind freie Werke innerhalb der Evangelischen Kirche und Ortsgruppen unterschiedlicher Gemeinschaftsbewegungungen. Sie sind seit 1888 in einer Dachorganisation, dem „Gnadauer Verband“ mit Sitz in Kassel, organisatorisch zusammengeschlossen.

12

Inh Gekaempft Korrigiert.indd 12

14.09.2007 11:53:44 Uhr


Mit 18 Jahren meldete er sich freiwillig zum Militärdienst, was wegen der allgemeinen Wehrpflicht nicht nötig gewesen wäre, auch wenn natürlich nie alle Männer eines Jahrgangs gezogen wurden. Gedient zu haben, galt aber im Kaiserreich als wichtiger Ausweis einer patriotischen, vaterländischen Gesinnung, die auch Vietheer zeitlebens besaß. Als kräftiger, gesunder und forscher junger Mann hatte er Gefallen an den körperlichen Herausforderungen beim Heer. Bei den damals üblichen Rangeleien unter Soldaten konnte er auch mal kräftig zuschlagen und sich Respekt verschaffen. Schon damals zeichnete sich eine für ihn typische Unerschrockenheit und Unverwüstlichkeit ab. Nach der Militärzeit ging Vietheer auf die für Handwerker typische „Walz“. Dabei lernte er Land und Leute, verschiedene Temperamente und Mentalitäten kennen. Diese Zeit bezeichnete er im Nachhinein als prägend für seine volkstümliche Verkündigungsart.

Weg zum Glauben Von herausragender Bedeutung für Vietheers Weg zu Christus war ohne Zweifel seine Mutter. Obwohl einfach und schlicht, beeindruckte sie vor allem durch ihre große Liebe zu Jesus, ihre Bereitschaft, Spott und Nachteile um des Glaubens willen in Kauf zu nehmen und ihre Hingabe im Gebet. Lange widerstand Heinrich jedoch dem Drängen der Mutter zur Bekehrung, wenngleich sein empfängliches Herz immer wieder von Gott angesprochen wurde. Später berichtet er: „Ich weiß noch sehr gut, als wir im Religionsunterricht […] von unserem Lehrer die Geschichte von Golgatha hörten, da wurde mein kleines Herz tief bewegt ob der Liebe Gottes zu uns Menschen. Der Lehrer war ein gläubiger Mann, darum konnte er uns in aller Wärme die Liebe Gottes schildern. Unwillkürlich schossen mir die Tränen aus den Augen. Ich mußte bitterlich weinen. Als dann der Lehrer mich fragte, warum ich denn weine, da habe ich mich geschämt, und als dann die Schulkameraden mich fragten auf dem Nachhauseweg, warum ich geweint 13

Inh Gekaempft Korrigiert.indd 13

14.09.2007 11:53:44 Uhr


habe, da habe ich mich noch mehr geschämt. Ich wollte nicht sagen, daß ich innerlich von der Liebe Gottes so bewegt worden sei.“2 Im Alter von sechzehn Jahren wurde er durch den Tod eines seiner besten Freude aufgerüttelt. Der war zum Vergnügen auf das Zugpferd eines Wagens gesprungen und dann aus irgendeinem Grund vom Rücken des Tieres hinuntergerutscht. Er wurde vom eigenen Wagen zerquetscht. „Dann haben wir bei seiner Beerdigung seinen Sarg getragen, die wir seine Freunde waren. Da hieß es immer in mir: Wenn dir das passiert wäre? Dein Freund ritt morgens froh in die Welt hinein und zwei Stunden später war er tot. Ich mußte mir sagen, dann wäre ich ewig verloren, denn ich ging ja auf dem breiten Weg. Da konnte ich einige Nächte nicht schlafen. Der Herr Jesus klopfte bei mir an.“3 In diesen Jahren zog es ihn heimlich immer wieder an die angelehnte Tür, wenn seine Mutter mit den Schwestern Glaubenslieder sang. Das durfte natürlich keiner merken, aber er hörte diese Lieder so gern. Wie bewegte und ergriff ihn das innerlich! Eines Morgens war er ohne anzuklopfen in das Zimmer seiner Mutter getreten. Da wurde er durch ihr Gebet überwältigt. Er fand sie am Boden kniend, ohne dass sie ihn bemerkte. Sie betete laut für die ganze Familie und auch für ihn: „Mache mit meinen Kindern, was Du willst, aber laß sie nicht verloren gehen, daß, wenn ich zu Dir komme, ich zu Dir sagen kann: ‚Hier bin ich und die du mir gegeben hast!‘ Sie nannte jedes Kind mit Namen. Dann kam ich dran […]. Du kennst meinen Heinrich und weißt, wie er die Welt liebt und die Sünde liebt, o rette seine Seele!“4 Und dann fing sie an zu weinen und schrie zu Gott für ihren Sohn. Das war ein tiefergreifendes Erlebnis für ihn, wusste er jetzt doch, dass seine Mutter jeden Morgen so für ihn rang. Wahrscheinlich war es mehr ihre Liebe, die ihn so berührte, als der eigentliche Glaubens14

Inh Gekaempft Korrigiert.indd 14

14.09.2007 11:53:44 Uhr


inhalt. Später hat er selbst in dieser ergreifenden Weise für Verlorene beten können. Als Heinrich Anfang zwanzig war, musste er beruflich länger nach BERLIN. Beim Abschied trug sich wieder eine Szene zu, die ihn ins Herz traf: Seine Mutter weinte und war ganz verzweifelt. „Ich fragte sie: ‚Warum weinst du denn, Mutter?‘ – ‚O‘, sagte sie, ‚jetzt kommst du in die Großstadt, und da hat schon mancher junge Mensch Schaden genommen an seiner Seele fürs ganze Leben. Ich habe solche Angst um dich, du liebst die Welt und die Sünde!‘“5 Damit sie sich wieder beruhigte, versprach er ihr, den CVJM in der Wilhelmstraße 34 zu besuchen. Damals leitete Forstmeister VON ROTHKIRCH den dortigen CVJM. In seiner Zeit kamen Hunderte von jungen Männern zum Glauben. Als Vietheer den Berliner CVJM dann tatsächlich besuchte, lief gerade eine Evangelisation. Der Saal war mit 500 jungen Männern voll besetzt. An diesem Abend geschah es, dass Gott in durchdringender Weise zu seinem Herzen redete. Während er der Predigt zuhörte, spürte er, wie es in ihm klang: „Ich habe so oft bei dir angeklopft, ich habe dir eine gläubige Mutter und gläubige Schwestern gegeben, aber immer hast du dein Herz nicht auftun wollen, und heute Abend klopfe ich zum letzten Mal bei dir an. Wenn du dich heute Abend nicht bekehrst, dann wird es auf ewig zu spät sein.“6 Plötzlich erkannte Vietheer, dass sein Leben in der Sünde verfangen war, und Angstschweiß trat auf seine Stirn. An diesem Abend blieb er zurück und ließ mit sich beten. Gewissheit des Heils empfing er aber nicht. Abends zu Hause angekommen, griff er nach der Bibel, die seine Mutter ihm eingepackt hatte, und las darin bis zum frühen Morgen. Drei Tage und Nächte las er im Wort Gottes und betete und kam endlich zum Frieden, zur Gewissheit, zur Ruhe. Von dem Tag an war Vietheer wie ausgewechselt. Seine Bekehrung ging tief und war radikal. Auch das war typisch für seine Persönlichkeit: ganz oder gar nicht! 15

Inh Gekaempft Korrigiert.indd 15

14.09.2007 11:53:45 Uhr


547028