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Albanien

Es ist ein Ereignis besonderer Art: Nach vierzig Jahre kommunistischer Diktatur in Albanien fand Mission »Ost-West« einige Gläubige im Lande mit dem »Doppelkopf-Adler« in der Staatsfahne. Wir sammelten diese Christen, gaben ihnen albanischsprachige Neue Testamente in die Hände und begannen ein Seminar. Uns erschien es als ein Wunder, dass wir in diesem Lande, von dem die Kommunisten einst sagten, er sei der »erste atheistische Staat der Welt«, zehn junge Männer fanden, die mich um biblischen Unterricht baten. Die göttliche Liebe des Herrn Jesus für uns Menschen faszinierte sie. Aber wo sollten wir uns treffen? In Albanien gab es bekanntlich keine Kirchen mehr. Keine Gemeindehäuser. Die kommunistischen Machthaber hatten sie entweder zerstört oder zu landwirtschaftlichen Lagerstätten, Sporthallen oder Kulturhäusern umfunktioniert. Gottesdienste finden heute in öffentlichen Parks, in den Bergen oder – bei Regenwetter – in den Nebenräumen von Gasthäusern statt. Für unser erstes Seminar mieteten wir einen kleinen Raum in einem Gasthof. Wir haben den Glaubensmut der ersten Christen, die auch über keine Gotteshäuser verfügten.


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ie erste Doppelstunde ist soeben beendet. Der Unterricht kreiste um die Liebe Gottes zu uns – und unsere Liebe zum himmlischen Vater. Welch gewaltige Kraft hat uns Menschen erreicht, als sich die göttliche Liebe einen Weg zu uns bahnte! Nun stehe ich in der Unterrichtspause draußen und höre, wie sich das Gespräch der Studenten um dieses Thema »Liebe« weiterdreht. Ja, sie haben richtig gehört, wie mein letzter Satz vor Pausenbeginn lautete: »Die Liebe Gottes zu uns Gläubigen ist nicht das Ziel unseres Lebens. Sicher nicht! Die Liebe Gottes ist unser Lebensfundament.« Hinter mir höre ich schnelle Schritte auf mich zukommen: Einer der Studenten – es ist Irfan aus Südalbanien – entschuldigt sich für die Störung in dieser Unterrichtspause und äußert die Bitte: »Professor, setzen wir das Thema über die göttliche Liebe in unserem Leben in der nächsten Unterrichtsstunde fort?« Irfan, der rothaarige Krauskopf, schaut mich erwartungsvoll an: »Wir Studenten brauchen noch ein Stück Nachhilfeunterricht. Und außerdem habe ich noch eine Frage an Sie.« 52


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Ich bin gleich einverstanden, denn für Fragen der Studenten bin ich immer offen. Irfan kommt aus den alpinen Bergen, wo sein Elternhaus hoch oben über den Pinienwäldern steht. Die Familie besitzt eine Herde aus Schafen und Bergziegen, deren Milch täglich von Irfans Mutter zu Butter und kernigschmeckendem Käse verarbeitet wird. Beide Produkte trägt Irfan jeden Donnerstag in der Frühe im voll beladenen Rucksack zum Markt – drunten im Tal. Für den steilen Ab- und Aufstieg braucht der junge, kräftige Bursche jedes Mal eineinhalb Stunden zu Fuß. Diesen wöchentlichen Gang zum Markt nutzt er nicht nur zum Verkauf der Milchprodukte. Er trifft sich jedes Mal auch mit Gleichaltrigen, um mit ihnen im Stadtpark die Bibel zu lesen und gemeinsam mit ihnen zu beten. In der folgenden Stunde gebe ich zuerst dem Schaf- und Ziegenhirten Irfan die Gelegenheit, sein Anliegen vorzutragen. Doch dann staune ich sehr, denn diese Frage habe ich von den Studenten nicht erwartet: »In der Offenbarung des Apostels Johannes steht geschrieben, dass der Herr Jesus sagt: ›Um 53


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meines Namens willen arbeitest du und bist nicht müde geworden. Aber ich habe gegen dich: Du verlässt die erste Liebe.‹ Professor, diese erste Liebe – wissen Sie davon? Kennen Sie sich damit aus?« »Haben Sie Erfahrung mit dieser ersten Liebe und wenn Ja, könnten Sie uns davon erzählen?« Kurz überlege ich, ob sich diese Geschichte aus meiner Kinderzeit für diese albanischen Studenten eignet. Innerlich höre ich ein Ja. Das heißt für mich: Der Geist Gottes erteilt mir grünes Licht, die Geschichte zu erzählen.

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ein Elternhaus steht in den Niederlanden, wo ich eine herrliche Kinderzeit erlebte. Die Eltern haben mir eine großartige Erziehung zukommen lassen – ohne mich zu verwöhnen. Im großen Haus sind Wim, Margret und Jenny, die Kinder unseres Gärtners Joop, zum Spielen immer willkommen. Sie kommen gerne, obwohl sie älter sind als ich. Sie gehen bereits zur Schule und wissen 54


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mir viel über Rechnen und Erdkunde, über Schönschreiben und das Auswendiglernen von Gedichten zu erzählen. So machen sie mich nicht nur neugierig auf die Schule, sondern wecken in mir den Wunsch, bald eingeschult zu werden. Was dauert das lange, bis ich sechs Jahre alt werde! Ich sehe eines Tages, wie Wim und Margret mit meiner Mutter sprechen und höre aus den Wortfetzen, die ich aufschnappe, das Wort »Schule«. Genauer: »Sonntagsschule«. Die Gärtnerskinder machen geradezu Luftsprünge, als sie von Mutter die Zusage erhalten, mich am kommenden Sonntag mitnehmen zu dürfen. Unvergessen bleibt für mich der Augenblick, als wir vor dem eisernen Schulzaun auf Einlass in das Schulgebäude warten, wo bereits fünfzig, bald siebzig Kinder in ihren schönen Sonntagskleidern laut miteinander schnattern. Das gefällt mir. Sie zeigen einander ihre mitgebrachten Geldstücke. Auch Mutter hat mir ein kleines 10Cent-Silberstück mitgegeben, das nachher für die armen, schwarzen Kinder in Afrika eingesammelt wird. Darum halte ich es fest in der Faust. Zwei Lehrerinnen kommen aus dem Schul55


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gebäude, um das Tor zu öffen. Margret nimmt mich an die Hand. Die Kinder stürmen in die Klassen. Ich sitze zum ersten Mal im Leben in einer richtigen Schulbank – neben Margret, die mir ins Ohr flüstert: Das ist Frau Hobbelink. Die Lehrerin unserer Klasse hat mich entdeckt, begrüßt mich und entscheidet, dass ich als Fünfjähriger in dieser Klasse bleiben darf, obwohl sie eigentlich für Kinder von acht bis zehn Jahren ist. Nun wird ein Lied gesungen, das ich halbwegs schon von Wim und Magret kenne, weil sie es mir beim Spielen im Garten vorgesungen haben. Dann wird es ganz still: Wir falten die Hände, schließen die Augen – die Lehrerin betet zu Jesus, dem Heiland. Nach dem »Amen« erzählt Frau Hobbelink, wie der Herr Jesus in einen großen Garten vor den Stadtmauern Jerusalems geht, um zu beten. Es ist schon dunkel geworden. Drei Jünger sind mit ihm: Petrus, Johannes und Andreas. Doch statt mit Jesus zu beten, schlafen sie ein. Das passiert ihnen dreimal. Wie verlassen kommt sich Jesus, der Herr, vor! Dann klirren plötzlich im Garten Waffen. Fackeln kommen immer näher. Das sind Solda56


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ten. Was wollen die hier mitten in der Nacht? Und steht da nicht Judas, den die drei Jünger gut kennen? Fackellicht erhellt sein Gesicht. Ja, das ist unverkennbar Judas, der Jünger Jesu. Er begrüßt den Herrn mit einem Kuss. Es ist ein Verräterkuß! Nun packen die Soldaten den Heiland und führen ihn ab zum Haus des Hohenpriesters Kaiphas. Alle Jünger fliehen. Jesus steht vor Gericht. Allein – vor Feinden, die ihn töten wollen. Die Lehrerin fragt zum Schluss: »Würdet ihr Jesus verraten, der doch der Sohn Gottes ist?« »Nein!«, rufe ich in die Klasse hinein. Alle Kinder schauen zur Bank, wo Margret und ich sitzen. »Nein?«, fragt die Lehrerin. »Warum kannst du Jesus nicht verraten, du kleiner Geert Jan?« Ich stehe von der Schulbank auf. Erst schaue ich Margret an. Sie drückt mir fest die Hand, in der sich noch immer das 10-Cent-Geldstück befindet. Frau Hobbelink ist zu unserer Bank gekommen und fragt erneut: »Geert Jan, warum kannst du Jesus nicht verraten?« Ich schaue Frau Hobbelink an und sehe in ihren freundlichen Augen, dass sie auf meine Antwort wartet. »Frau Hobbelink, niemand verrät andere, wenn sie 57


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sich gut kennen.« Sie streicht mit ihrer Hand über meinen blonden Haarschopf: »Das war eine gute Antwort, Geert Jan. Kommst du nächsten Sonntag wieder mit Margret zur Sonntagsschule?« »Aber sicher, Frau Hobbelink! Komme ich dann wieder in Ihre Klasse?« »Aber klar doch!« Während die Kinder ein anderes Lied anstimmen, geht ein Kästchen von Schulbank zu Schulbank. Auf dem Kästchen sitzt ein zehn Zentimeter großes Püppchen mit einem beweglichen Kopf: Ein schwarzer Mann aus Afrika. Margret wirft ein 2½-Cent-Kupferstück ins Kästchen. Der bewegliche Kopf nickt und scheint zu sagen: Danke! Auch ich werfe mein 10-Cent-Silberstück in den Missionskasten – aber meine Silbermünze ist leichter als das Kupferstück, das Margret hineinwarf, obwohl mein Geldstück dreimal mehr Wert ist. Warum dankt der schwarze Mann aus Afrika mir nicht nickend zu? Jeder in der Klasse bekommt ein Zettelchen mit einem Liedvers darauf, den wir bis zum nächsten Sonntag auswendig lernen sollen und 58


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dann werden wir ihn zusammen singen. Die Sonntagsschulstunde ist zu Ende. Wim wartet schon auf uns. Er hat meiner Mutter versprochen, mich nach Hause zu begleiten.

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ie nächste Sonntagsschulstunde wird noch interessanter. Das Singen macht mir nämlich Spaß. Der »schwarze Mann aus Afrika« nickt mir wieder nicht dankend zu. Frau Hobbelink erzählt von der Gerichtsstunde beim Hohenpriester. Der Herr Jesus wird verhört. Und nicht nur das: Einige spucken den unschuldigen Jesus ins Gesicht. Bah! Andere schlagen ihn mit Fäusten. Au! Niemand greift ein und kommt Jesus zur Hilfe. Er steht einsam da, wie ein Schaflamm – und ist doch der Sohn Gottes. Er wird wieder und wieder beschuldigt, obwohl er nichts Unrechtes getan hat. »Könntet ihr Jesus anspucken?«, fragt Frau Hobbelink. »Oder ihn ins Gesicht schlagen?« »Nein, Frau Hobbelink«, ist meine schnelle Antwort. »Und warum nicht, Geert Jan?« 59


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»Weil … weil … weil ich den Herrn Jesus lieb habe!« »Darüber freut sich der Heiland, wenn ihn jemand liebt. Das hat er gern von dir gehört!«

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ie ganze Woche hindurch freue ich mich auf die kommende Sonntagsschulstunde. Mutter hat mir beim Auswendiglernen des Liedverses geholfen, denn mein Lesen ist noch stümperhaft. Das ABC bereitet mir keine Schwierigkeit mehr, aber der Inhalt der Liedverse muss Mutter mir erklären, weil ich sie sonst nicht verstehe. Das Hersagen klappt prima und Frau Hobbelink lobt mich für die gute Betonung des Reimverses. In der Klasse ist es ganz still geworden. Ich meine, das Holpern des Kreuzholzes auf dem Pflaster der Altstadt von Jerusalem zu hören, von dem Frau Hobbelink erzählt: Rummrumm-rumm-rumm! Der Herr Jesus trägt schwer an dem Kreuz. Seine Kräfte versagen, er strauchelt. Raue Soldatenhände haben vorhin 60


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eine Dornenkrone geflochten und auf Jesu Haupt gepresst, das aus vielen Wunden blutet. Der wundgeschlagene Jesus fällt mitsamt dem Kreuz aufs Pflaster. Menschen stehen am Wegesrand und grölen ihm zu: »Du willst Gottes Sohn sein?« – »He, Jesus, du bekommst, was du verdient hast!« Der Spott bleibt nicht nur in den Ohren hängen, er verletzt die Seele. Frau Hobbelink schließt die Stunde mit der Bemerkung: »Und nächsten Sonntag wird Jesus gekreuzigt.« Jesus – gekreuzigt? Während Frau Hobbelink betet, schleiche ich auf Zehenspitzen aus der Klasse. Auf – nach Hause! Ich renne. Kein Gedanke an Wim, Margret und Jenny, die drei Gärtnerkinder, die mich ja eigentlich nach Hause begleiten wollen. So schnell mich meine kleinen Beinchen tragen, renne ich heim. Im Dauerlauf rufe ich bereits, was ich unbedingt meinem Vater sagen muss: Das darf nicht passieren! Das darf nicht passieren! »Was ist nur mit dem Jungen los?«, höre ich 61


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Passanten auf dem Bürgersteig fragen, an denen ich vorbeirenne. »Was ruft er ständig?« – »Gibt es irgendwo ein Unglück, einen Unfall in der Stadt?« – »Was darf da nicht passieren?« Endlich – keuchend stehe ich vor der schweren Eichentür des Hauses. Die Türklinke ist zu hoch, um sie fassen und öffnen zu können. »Das darf nicht passieren!«, schreie ich wiederholt und trete mit den Füßen an die Haustür. Oben im ersten Stock öffnet sich ein Fenster. Nina, unsere Haushälterin und gute Fee des Hauses, hat mich schreien hören und ruft mir zu: »Geert Jan, beruhige dich! Ich komme herunter und öffne dir die Tür. Ich hole auch deine Mutter!« Dann schließt sie das Fenster. Alles dauert mir zu lange. Ich muss schnell meinen Vater sprechen. Vater kann das nämlich verhindern, dass Jesus nächsten Sonntag gekreuzigt wird von Leuten, die ihn anklagen, die ihn verraten haben, die ihn hassen. Vater hat einflussreiche Freunde, die das verhindern können. Mein Vater kann alles. Aber eines kann er nicht: Mich enttäuschen. Die schwere Eichentür öffnet sich einen Spaltbreit, da drücke ich sie 62


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mit letzter Kraft weiter auf und renne ins Haus: »Vater! Vater! Das darf nicht passieren! Das darf nicht passieren!« Mutter ist entsetzt und versucht, mich einzufangen: »Junge, Geert, was darf nicht passieren?« Vater ist nicht in der Bibliothek, wo ich ihn vermute. Auch nicht im Herrenzimmer. Mutter stellt sich mir in den Weg: »Geert, sag mir, was nicht passieren darf!« Mutter hockt sich im Flur neben mich, als mein Herz sich verkrampft und versagt. Ich schlinge meine Arme um ihren Hals und gebe ihr einen Kuss: »Mutter, wo ist Vater? Er kann es verhindern!« »Junge, was kann Vater verhindern?« »Dass der Herr Jesus nächsten Sonntag in Jerusalem gekreuzigt wird!« Während Mutter mir die dicken Tränen aus dem Gesicht wischt, falle ich mit den einsetzenden Herzkrämpfen in Ohnmacht. Mutter und Nina heben mich von den kalten Steinfußplatten hoch und tragen mich aufs Sofa in der Bibliothek. Als ich aufwache, dreht sich mir alles im Kopf, als ob ich in einem Karussell sitzen würde. »Vater wird gleich hier sein. Er ist mit Cora 63


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im Park. Bist du ihm nicht begegnet?«, höre ich Mutter wie aus der Ferne fragen. Da höre ich auch schon, wie Cora, unsere Berner Sennenhündin, draußen aufgeregt anschlägt. Ahnt sie, was passiert ist? Ich höre von meinem Sofa her, wie Vater die schwere Haustür öffnet und beruhigend auf Cora einredet. Schon hat Cora mit ihrer Schnauze die Bibliothekstür, die nur einen Spaltbreit angelehnt war, weit geöffnet. Sie springt auf mich zu, um mir die Hände zu lecken. »Junge, was ist passiert?«, fragt Vater mit seiner tiefen Stimme und beugt sich über mich. »Vater! Ich weiß: Du hilfst mir.« »Gern, aber wobei?« Ich hole tief Luft, richte mich auf und freue mich, bei Vater zu sein: »Der Herr Jesus wird am nächsten Sonntag in Jerusalem gekreuzigt. Das hat Frau Hobbelink in der Sonntagschule erzählt.« Ich sehe, wie Vater und Mutter sich vielsagend anschauen. Nina zieht ihre Schultern hoch, verschwindet aus der Bibliothek, um nach wenigen Augenblicken mit einem heißen Zitronengetränk zurückzukehren, das sie mir verabreicht. 64


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Vater hat sich in einen der ledernen, rotbraunen Chesterfield-Sessel gesetzt und winkt mich zu sich. Cora bleibt wachsam in meiner Nähe. Es tut mir gut, wenn ich zwischen Vaters Knie stehen kann. Das darf ich immer, wenn mich irgendetwas bedrückt, oder er mit mir reden möchte. Bei ihm fühle ich mich geborgen. Mutter sieht es gern, wenn Vater und Sohn ernstlich, aber herzlich miteinander sprechen. Nun sprudelt mein ganzes Erlebnis mit Jesus aus mir heraus. Von Judas muss ich reden, der mit Kriegsknechten in dem Garten Gethsemane erscheint, um den Herrn Jesus zu verraten. Wie ich diesen Jünger deshalb ablehne! Ich erzähle dem aufmerksamen Vater, wie der Herr vor Gericht steht – einem Schaflamm gleich, das sich nicht wehrt – und angespuckt wird, ja ins Gesicht geschlagen wird. Das ist ungerecht! Ich bin empört. Noch immer hört Vater aufmerksam zu, als ich ihm mein kleines Herz ausschütte, wie der Herr Jesus das Kreuz trägt und unter der schweren Last zusammenbricht. Und keiner steht ihm bei. Frau Hobbelink hat uns gefragt: Wer hilft dem Heiland, sein Kreuz zu schleppen? 65


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Selbstverständlich möchte ich es tun. Wenn ich nur größer und stärker wäre. Aber die Sache eilt. Denn nächsten Sonntag wird der Herr Jesus auf einem Hügel vor der Stadt Jerusalem gekreuzigt. »Vater, ich bin klein. Aber du … Du kannst es verhindern. Du hast es oft erzählt, dass du Leute kennst, die bedeutend sind – in der Regierung in Den Haag, oder im Stadtkrankenhaus. Du kennst so viele Anwälte und Arztkollegen.« Vater packt meine Schultern und schaut mich lang und schweigend an, um dann wohlwollend zu fragen: »Geert, sage mir: Warum soll ich Jesus beistehen? Warum ihm helfen?« »Vater, weil ich ihn mag. Weil ich Jesus lieb habe. Weil …« Weiter komme ich nicht. Vater zieht mich an sich. Ich spüre seinen Herzschlag. »Komm, mein Junge, Mutter und ich erzählen dir jetzt etwas ganz Wichtiges, das du nie wieder vergessen solltest.« Schon schiebt Vater einen der schweren Ledersessel zwischen sich und Mutter: »Komm, setz dich zu uns.« Ich nicke, bleibe aber ungeduldig: 66


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»Ja, Vater, der nächste Sonntag ist aber schon bald!« »Geert Jan, wir erzählen dir jetzt, was du heute schon wissen musst – und nicht erst nächste Woche erfahren wirst«, meint Vater bedächtig. Nina, die gute Hausfee, stellt auf den niedrigen Couchtisch ein Tablett mit heißem Schwarztee, den sie stets auf friesische Weise bereitet. In die kleinen Tassen aus feinem chinesischem Porzellan kommt erst ein dickes Stück weißer Kandiszucker, auf den sie den heißen Tee gießt. Das dicke Stück Kandis, das aus dem Tee herausschaut, knistert und zerspringt in der Tasse. Erst dann legt Nina die frische Sahne auf Kandis und Tee. Sie ist nicht wenig stolz darauf, wie herrlich dieser Friesentee mundet. Danach öffnet sie die Blechdose mit selbstgebackenen Plätzchen, die ich besonders gern mag, und verschwindet mit Cora aus der Bibliothek. »Mutter und ich freuen uns, wie sehr du den Herrn Jesus lieb gewonnen hast«, beginnt Vater. Solche Worte habe ich von ihm noch nie gehört. Aber sie tun mir gut. Mutter schenkt uns die zweite Tasse Tee ein, die Vater genüsslich 67


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austrinkt, um dann mit ruhiger Stimme zu erzählen: »Ein Engel kam zur Mutter Jesu und hat ihr gesagt: Du wirst einen Sohn bekommen, den sollst du Jesus nennen. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Er wird König sein. Und sein Königreich wird kein Ende haben.« Ich höre aufmerksam, aber doch mit Unruhe zu, auf die Vater kaum achtet – so meine ich zumindest. Denn Vater genießt die dritte Tasse Tee, und schaut mich zwischendurch verständnisvoll an, um dann weiterzuerzählen: »Ja, Jesus ist König. Einmalig groß! Er ist groß bei seiner Geburt: Da öffnet sich der Himmel und Engelchöre sagen: Nun ist Frieden auf Erden. Jesus ist groß in seinem Leben: Er heilt hoffnungslos kranke Patienten. Jesus ist groß, bei allem, was er sagt, und was Menschen zuvor noch nie gehört haben. Jesus ist groß in seiner Liebe zu uns, die wir doch von Natur böse sind. Seine Liebe erreicht uns und überwältigt – und hat nun auch dich erreicht und glücklich gemacht. Jesus ist aber auch groß in seinem Leiden: Vor dem Hohen Rat steht er als Gottes Sohn. Als königliche Hoheit – und 68


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ist doch einsam und leidet. Das ist eine souveräne Größe. Ja, Jesus ist wirklich groß …« Vater schaut mich wieder lang an und legt dann seine Hand auf meinen Kopf: »Junge, ich weiß, du liebst Jesus. Das ist gut. Er hat dich vom ersten Tag deines Lebens schon geliebt. Auch Mutter. Auch mich. Alle Menschen auf Erde liebt er: die guten und bösen Leute. Und er will sterben. Für uns alle. Für alles Ungute in mir – in Mutter – in dir. Für alles Böse, das alle Menschen regiert, gibt er sein Leben. Das hat mit Versöhnung zu tun, worüber ich dir später erzählen werde. Jesus ist gewaltig und groß, als er aus dem Grab herauskommt – und zwar lebend. Gott hat ihn von den Toten aufgeweckt und nun thront Jesus neben seinem himmlischen Vater im Himmel. Ja, Jesus ist groß in seiner Herrlichkeit …« »Vater! Vater! Du, du redest so viel, aber du willst Jesus nicht helfen! Und auch mir willst du nicht helfen! Vater, sag – warum hilfst du nicht?!« Ich kauere mit angezogenen Beinen im breiten Ledersessel und weine meine ganze Enttäuschung heraus: »Du … willst … nicht!« 69


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Mutter beugt sich über mich und legt ihre Hände auf meine Backen. Mit ihren Daumen wischt sie meine Tränen aus dem Gesicht: »Aber sicher doch – Vater und ich wollen dir helfen. Ohne Frage, denn du bist doch unser Kind, das wir lieben. Wir freuen uns darüber, wie sehr du den Herrn Jesus liebst. Das ist wunderschön. Jesus liebt dich noch mehr, als wir Eltern dich lieb haben. Wir Eltern haben dir das Leben gegeben. Die Geschichte von deiner Geburt kennst du, Geert. Wir haben sie dir vor einigen Wochen erzählt. Heute erzählen wir dir etwas völlig Neues: Jesus, der große Herr, hat sein Leben für dich geopfert. Weil er dich unsagbar liebt – darum tat er das. Junge, vergiss es dein Leben lang nicht: Niemand auf der Welt gibt sein Leben her – einfach so! Aber der Herr Jesus hat es so getan: Weil er Menschen unsagbar lieb hat. Und nun höre, wann der Herr Jesus damit angefangen hat, uns zu lieben: Es geschah vor zweitausend Jahren.« »Vor so langer Zeit?« Ich schaue meine Eltern kopfschüttelnd an und mir ist, als ob ich soeben etwas besonders Schönes verloren habe. Ich fühle mich so leer – 70


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innerlich. Es ist, als ob ich entdecke: Ich vermisse etwas. Neulich habe ich mein wertvolles Taschenmesser verloren, auf das ich so stolz war. Überall habe ich es herumgezeigt. Und dann war es weg. Da habe ich lange gesucht. Als ich es nicht mehr fand, war ich traurig und habe geweint. Und nun? Jesus – vor zweitausend Jahren? »Vater, wie lange sind zweitausend Jahre? Ist das eine sehr lange Zeit? Habe ich nun Jesus verloren? Werde ich ihn nie sehen?« Mutter ahnt wohl, was in meiner kleinen Kinderseele vor sich geht: »Kind, du hast den Herrn Jesus nicht verloren. Du brauchst auch deine erste Liebe zu ihm nicht verlieren. Geert, der Herr kennt deine Tränen, weil er hier im Hause wohnt. Zwar unsichtbar – aber er ist da. Er hat früher einmal zu seinen Jüngern gesagt: Ich bin bei euch alle Tage – bis ans Ende der Welt ! Alle Tage ist er um dich herum. Ja, er wartet auf deine Liebe. Sag sie ihm. Sag ihm, dass du ihn liebst.« Der Druck auf meiner Seele weicht und macht Raum für einen Trost, der in mir immer mehr Platz gewinnt. 71


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»Junge, es ist für dich schwer zu verstehen. Jesus will gekreuzigt werden – für uns, aber er steht schon nach drei Tagen vom Tode auf – durch Gottes Allmacht ist das passiert. Geert, dein Jesus lebt! Das macht nichts, wenn du das auch noch nicht verstehst! Ich finde es prima, dass du Jesus liebst. Geh – wenn du willst – nach oben in dein Zimmer. Du kannst am Bett niederknien und Jesus sagen: Jesus, ich liebe dich! Sage ihm vielleicht auch, wie du ihn für kurze Zeit vermisst und darum geweint hast, weil du meintest, ihn verloren zu haben. Sage ihm auf jeden Fall: ›Ich will stets bei dir sein, bei dir bleiben. Jeden Tag. Jeden Augenblick.‹ Wenn du ihm das sagst, dann spürst du, dass er da ist; so nahe, wie wenn ich dich als Mutter umarme!« Meine Eltern haben beide einen Kuss von mir verdient. Ich springe die Treppenstufen hoch. In meinem Zimmer knie ich nieder und sage es meinem Heiland: »Herr Jesus, ich liebe dich. Das verspreche ich dir: Immer will ich dich lieben – immer! Nie werde ich dich wie Judas verlassen.«

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