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Eine Frischzellenkur für unsere Gesellschaft
dengänge, bieten Hausaufgabenhilfe für Kinder an, deren Eltern nachmittags nicht zu Hause sind. Wenn sie 99 Nena’s sind, dann wollen sie 99 Luftballons steigen lassen. Sie erinnern sich!
»Wir sind die ›Nena’s‹.« Vor mir standen unternehmungslustige, gut gelaunte Männer und Frauen ab 60 aufwärts. »Nena steht für nette Nachbarn«, wurde ich aufgeklärt. So wirkten sie auch. »Für das Sofa fühlen wir uns viel zu jung und zu fit. Wir möchten etwas in Gang bringen, möchten uns engagieren, damit es an einem kleinen Ort auf diesem großen Globus ein bisschen freundlicher und menschlicher zugeht.« Klasse!
Die Nena’s haben mich infiziert mit ihrer Begeisterung und Freude, erschienen mir wie das lebendige Vorbild einer Frischzellenkur für unsere Gesellschaft. Auf sie passt eine Beschreibung, wie sie Turnvater Jahn vor 200 Jahren geprägt hat: »Frisch-fromm-fröhlich-frei«. Das sind für mich Persönlichkeiten, wie sie heute gebraucht werden! Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen und gleichzeitig eine gehörige Portion Himmelswissen in sich tragen. Menschen, die mit einer gesunden Mischung aus Gottvertrauen und Tatendrang unterwegs sind, die wissen, dass Freiheit und Verantwortung ganz eng zusammengehören! Und allesamt hatten die Nena’s die Erfahrung gemacht, dass ihr Engagement sie selbst bereichert, ihnen Flügel wachsen lässt!
Die Nena’s wollten morgens nicht aufwachen mit der Einstellung: »Na, den Tag kriegen wir auch noch rum!« – Die Zeit wird immer kostbarer, je älter wir sind! Sie schaffen in ihrem Umfeld Voraussetzungen dafür, damit Menschen sich begegnen können: Zum Spielenachmittag oder Singen, zum Kaffeetrinken mit oder ohne Programm. Sie organisieren Einkaufshilfen im Dorf – für alle, die den Einkauf allein nicht mehr schaffen. Sie planen Busfahrten, übernehmen Behör-
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Wenn wir an unsere Gesellschaft denken, dann wird
die Liste lang mit dem, was wir verändert haben möchten. Sehr lang! Jahrelang haben wir über unsere Verhältnisse gelebt und wissen, dass wir von einem überhöhten Anspruchsdenken wieder zu einem gesunden Maß finden müssen, zu einer »Ethik des Genug«; dass wir von Herzen fröhlich sind über 65 Jahre Frieden und volle Kühlschränke haben – anstatt aufzuzählen, was im Argen liegt! Wir wünschen uns, dass junge Leute wieder Lust auf Kinder und auf Zukunft haben, dass sie wissen, wofür sich das Aufstehen am Morgen lohnt! Es müsste doch möglich sein, dass die einen nicht immer reicher und die anderen immer ärmer werden, dass in dieser Gesellschaft nicht auseinanderdriftet, was doch zusammengehört. Wir sind entsetzt darüber, dass Milliardengewinnen auf der einen Seite Massenentlassungen auf der anderen Seite gegenüberstehen. Wir hoffen, dass wir vom Ich wieder zum Wir finden – zum dem Wissen, dass wir alle in einem Boot sitzen, alle verwoben und aufeinander angewiesen sind! Wir wünschen uns, dass Menschen stabil sind oder werden für die Herausforderungen des Lebens, dass nicht immer mehr mit psychischen Problemen behandelt werden müssen. Es ist auffallend, wie sehr psychosomatische Krankheiten zunehmen, wenn also der Körper reagiert, weil die Seele des Menschen nach Hilfe schreit! Wir möchten gerne, dass Kinder von an-
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Es ist Zeit, dass sich was dreht Sind Sie zufrieden mit dem, was ist, oder wünschen Sie sich die eine oder andere Veränderung in Ihrem persönlichen Bereich und in der Gesellschaft? Ein harmloses Beispiel sind jene Frauen, die gerne die »berühmten« fünf Kilo abnehmen möchten, um wieder besser in ihre Hosen zu passen. Der Schüler träumt, in Mathe von einer wackeligen Vier auf eine solide Drei zu klettern. Männer in den mittleren Jahren möchten etwas für ihre Fitness tun, seitdem sie beobachten, wie schnell ihnen beim Treppensteigen die Puste ausgeht. Wer ständig überfordert ist, möchte kürzertreten und endlich Nein sagen lernen. Wir möchten Beziehungen, die ihren Glanz verloren haben, neu beleben. Wir möchten Gewohnheiten, die uns nicht guttun und Situationen, mit denen wir schon lange nicht mehr zufrieden sind, verändern. Wer viele Verpflichtungen hat, wünscht sich mehr Ruhe, und wer viel allein ist, der sehnt sich nach mehr Farbe und Lebendigkeit in seinen Tagen. Ach ja, da ist so manches!
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deren Inhalten gelockt werden, als viele Stunden täglich vor dem Computer oder Fernsehgerät zu verbringen. Was wäre es, wenn sie die Bildungschancen, die ihnen geboten werden, wieder als Privileg begreifen und nicht als lästige Pflicht. Wir erkennen, wie wichtig es ist, zwischen den Kulturen und Religionen keine Mauern zu bauen, sondern aufeinander zuzugehen, weil nur so ein friedliches Miteinander möglich ist. Es kann sehr nachdenklich machen, dass die Einwohner der EU-Mitgliedsstaaten in einem Sommer soviel Geld für Eiscreme ausgeben, wie die Länder der vierten Welt jährlich bräuchten, um ihren Kindern zwischen 6 und 15 Jahren eine solide Schulbildung zu ermöglichen.
Es entsteht manchmal der Eindruck, als sei uns in unseren Tagen einiges durcheinandergeraten. Es ist, als würden wir regelmäßig den zweiten Schritt vor den ersten setzen – ein sonderbares Gangbild! Es ist, als würden wir in unseren Wohnräumen Designer-Tapeten an die Wand kleben und nicht merken, wie marode das Fundament ist, auf das wir gebaut haben.
Es ist Zeit, dass sich etwas dreht! Das spüren wir. Das Wesentliche mag uns wieder wesentlich sein. Was belanglos ist, soll uns nicht mehr als unbedingt nötig in Beschlag nehmen.
Es ist Zeit, dass sich etwas dreht! Aber wie? Kluge Gedanken und Worte haben wir genug. Wir haben viele gescheite Bücher gelesen, Seminare besucht – und trotzdem bewegt sich herzlich wenig. Das Wissen verdoppelt sich alle paar Jahre, forciert durch die neuen Medien, z. B. Google und Wikipedia. Noch nie waren die Menschen so gut informiert wie heute und hatten Zugang zu den Quellen der Weisheit. Aber: Haben Sie den Eindruck, dass sich die Welt in ebenso rasanter Weise zum Guten hin verändert? An Stammtischen und in Talkrunden wird auf unterschiedlich hohem Niveau analysiert, was in unserer Gesellschaft im Argen liegt und wo man ansetzen müsste. Es wird geschimpft auf »die da oben«. Große Töne können wir vernehmen. Und dann? Meistens bleibt es dabei. Wir haben viele kluge Menschen unter uns, mit Scharfsinn und Weitblick. Warum bewegt sich dennoch so herzlich wenig?
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Bei allem Relativismus, in einem Zeitgeist des »anything goes« brauchen wir Verlässlichkeit, verbindliche Spielregeln, einen gemeinsamen Nenner. Mit dem Relativismus ist das ja so: Wenn jemand nur noch fünf Haare auf seinem Kopf hat, dann ist das relativ wenig. Wenn jemand fünf Haare in seiner Suppe findet, dann ist das relativ viel.
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Sonntagsreden gibt es genug Es gibt, wie der Soziologe Ulrich Beck es in einem anderen Zusammenhang ausdrückte, »eine verbale Aufgeschlossenheit bei gleichzeitiger Verhaltensstarre«. Reden ist das eine, losgehen und anpacken ist das andere. »Der gute Vorsatz ist ein Gaul, der oft gesattelt, aber selten geritten wird.« Besserwisser haben wir genug unter uns. Was wir brauchen, das sind Bessermacher! Leute, die anklagen, bissig kritisieren, die sich empören und gegen etwas rebellieren, die haben wir reichlich. Leute, die für das einstehen, was ihnen richtig und wichtig erscheint, die Verantwortung übernehmen, die sind rar. Leute vom Typ »gesagt, getan«, die fehlen uns! Auch bei den Christen finden nur wenige der großen Lebe-Worte des Evangeliums eine Gestalt und Umsetzung im Alltag. Der dänische Philosoph und Theologe Sören Kierkegaard (1813–1855) hat dazu eine Geschichte geschrieben, die mich stets aufs Neue beunruhigt, von der ich mich ertappt fühle. Er schreibt von Gänsen, die es sich auf ihrem Hof bequem gemacht haben.
Einmal in der Woche wird eine Parade abgehalten. Der wortgewandte Gänserich steht dann auf dem Zaun und schnattert über das Wunder der Gänse. Er erzählt von den Vorfahren, die einst zu großen Flügen aufbrachen und lobt die Größe des Schöpfers, der den Gänsen Flügel und den Instinkt zum Fliegen gab. Jedes Mal sind die Gänse tief gerührt, senken ergriffen ihre Köpfe und loben die gute Predigt. Aber das ist auch alles. Eines tun sie nicht – fliegen! Denn das Korn ist gut, und der Hof ist sicher.
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