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PRÄAMBEL Die gegenwärtige Lage Europas

Zwei Momentaufnahmen: In Zeiten der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise hört man, der Euro sei eine Frage von Krieg und Frieden. Und: Mit ihm stehe und falle das Schicksal Europas. Schon 1994 bemerkte nüchtern und klug der damalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank: »Eine Währung ist eine Währung ist eine Währung.« Das heißt mit anderen Worten, dass die Identität Europas anderswoher kommen muss. Geld und Währung können nicht Sinn stiften. Im Anschluss an die berühmte Formel von Ernst-Wolfgang Böckenförde ließe sich sogar sagen: Wenn Europa sich nicht der Voraussetzungen versichert, die es selbst nicht garantieren kann, dann fehlt ihm auch ökonomisch das Rückgrat. Magisches Datum: 1918 Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs fragten sich in unterschiedlichen europäischen Nationen die bedeutendsten Geister: Was ist Europa? Kann es Bestand haben, nachdem ein vernichtender Krieg zwischen den Kulturnationen getobt hatte, nachdem die größten technischen Innovationen nicht zu zivilisatorischem Fortschritt führten, sondern als Giftgas und Dynamit verheerende Wirkungen auslösten? Edmund Husserl gab damals eine faszinierend einfache, zugleich weitreichende Definition: Europa sei »Einsicht«. Und der große 9


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französische Dichter Paul Valéry fügte hinzu: Wenn Europa nicht jenen tieferen Sinn erkenne und entdecke, dann schmelze es auf einen lächerlichen geografischen Begriff zusammen. Es sei dann ein kleines, Asien vorgelagertes Kap. In der Zwischenkriegszeit konnte man trotz Reparationen ein »Weltalter des Ausgleichs« (Scheler) erwarten. Doch dann wurde Europa zwischen den totalitären Blöcken zerrissen und zerrieben. Magisches Datum: 1945 Nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg, Hitlers verbrecherischem Krieg und der nie zuvor gekannten Zerstörungskraft eines Bürgerkriegs der Ideologien, war Europa durch Stacheldraht und Betonmauern getrennt. Auf der einen Seite der Westen, auf der anderen Seite der von den Sowjets dominierte Osten. Gegenläufige Gesellschaftssysteme hielten sich wechselseitig in atomarem Schach. Ein Krieg wäre für die Menschheit tödlich gewesen. Der strategische Codename für die »wechselseitig garantierte Vernichtung«, Mutual Assured Destruction, heißt MAD, »Irrsinn«. Dies war es. Denn das fragile Gleichgewicht konnte jederzeit implodieren. Der französische Philosoph und Politologe Raymond Aron brachte die Sachlage auf den brillant formulierten paradoxen Nenner: Krieg unwahrscheinlich – Friede unmöglich. Magisches Datum: 1989 Nachdem mit dem Jahr 1989 die Mauern durchlässig wurden, der »Ostblock« wie Eis im März aufbrach, wurde auch Europa wieder gegenwärtig. Als »Mitteleuropäer« und »An-

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tipolitiker« hatten sich Philosophen und Literaten aus Ungarn oder Tschechien definiert. Die Europa-Idee war ein anderer Name für konkrete Freiheit. Nun sollte die Idee Europas Gegenwart werden. Europa endete ja nicht an der innerdeutschen Grenze. Die Freiheitsbewegungen hatten sich auf europäisches Erbe berufen. Damit verband sich nicht zuletzt ein christlicher Ton. Die Runden Tische und die Bürgerrechtsbewegung der DDR gediehen im Schutz kirchlicher Gemeinden. Die Montagsdemonstrationen in Leipzig und das Engagement der Pfarrer Schorlemmer und Führer bleiben ein eindrucksvolles Aufbruchssignal. Auch wer nicht glaubte und sich nicht als Christ verstand, in den Kirchengemeinden fand er Rückhalt. Noch evidenter war die Lage in Polen, wo Nation und katholischer Glaube die beiden gewaltfreien Divisionen waren, die Stalins Erben fürchteten wie nichts sonst. Das legendäre Abkommen zwischen der Gewerkschaft SOLIDARNOŚĆ (»Solidarität«) und der Staatsmacht unterschrieb der Arbeiterführer Lech Walesa mit einem riesigen Kugelschreiber, auf dem Maria und Papst Johannes Paul II. abgebildet waren – sie unterschrieben mit. Magisches Datum: 2011 Zwei Jahrzehnte später zeigt sich eine ernüchternde Bilanz. Die einheitliche Währung gerät in Turbulenzen. Verbindliche Rahmenrichtlinien für Wirtschaft und Finanzmärkte sind nicht geschaffen worden, eine starke gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik ist nicht in Sicht. Das Europa der EU ist, wie Jürgen Habermas zu Recht gesagt hat, ein 11


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weltgeschichtlich völlig neuartiges Gebilde: ein Bürgerbund und eine Föderation, kein Megastaat. De Gaulle sprach in den 1950er-Jahren von dem Europa der Vaterländer. Dies hieß Einmütigkeit, Wertekonsens bei gleichzeitiger Differenz der Kulturen und Prägungen. In den 1990er-Jahren noch bekräftigte der Philosoph Hermann Lübbe: »Vereinigte Staaten von Europa wird es nicht geben.« Heute träumt man von jenen »Vereinigten Staaten«. Es ist ein Bürokratentraum, ohne rechte Richtung, ohne Kompass. Doch was ist das Verbindliche in Europa? Der Verfassungsvertrag bezieht sich abstrakt auf die Aufklärung und auf »religiöse Traditionen«. Ein eindeutiger Gottesbezug, eine Praeambula fidei indes wurde nicht in den Kontrakt aufgenommen; Europa dürfe kein »Christenclub« sein, bemerkte der türkische Ministerpräsident. So wurde es ein »cold project« (Ralf Dahrendorf ). Selbstverständlich scheint die Reisefreiheit und die definitive Bannung eines Konfliktes in der Mitte Europas. Dass es dies keineswegs ist, sondern Tag für Tag ein Grund zu Staunen und Freude, würde ein Blick in die Geschichte lehren. Doch die Einzelheiten werden Bürokraten und Technokraten überlassen und die existenzielle Bedeutung Europas ist vielfach nicht mehr bewusst. Deshalb soll in diesem kleinen Buch gefragt werden: Was macht Europa aus? Kann es ohne sein christliches Fundament oder gar in Entgegensetzung zu ihm überhaupt bestehen? Die Frage nach der Identität Europas wird man überzeugend beantworten müssen, wenn Europa in der Welt des 21. Jahrhunderts etwas bedeuten soll, und dies ist wohl nicht nur für Europa, sondern für die globalisierte One

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World insgesamt von Interesse. Die christliche Prägung scheint im Rückgang. Derzeit kursieren Hochrechnungen, dass allein in Deutschland eine Million Menschen sich mit der Erwägung tragen, die Kirche zu verlassen. Religionslosigkeit, aber auch nur Entchristlichung ist daraus nicht ohne Weiteres zu folgern. Ersteres deshalb nicht, weil eklektizistische Sinnsuche weite Teile der europäischen Bevölkerung erfasst; Experimente mit Inkarnation, importierte fernöstliche Meditations- und medizinische Praktiken verbinden sich mit christlichen Relikten. Innerchristlich zeigt sich, dass vielen Suchenden die arrivierten Amtskirchen zu lau sind. Sie treten aus, weil sie die Weisung Gottes und die Verbindlichkeit seines Wortes nicht finden, und wenden sich Freikirchen zu. In der Nachkriegszeit wurde der europäische Einigungsprozess politisch vorangetrieben. Er betraf aber, von der Montanunion bis zur EG, nur den Westen. Bis zum Jahr 1989 war ihm an der Demarkationslinie zwischen westlicher Welt und den Satellitenstaaten der Sowjetunion eine Grenze gesetzt. Das Neue der letzten zwanzig Jahre für die Gestalt Europas kann man gar nicht genug betonen: Erstmals in der Geschichte sind Kriege zwischen europäischen Nationen unvorstellbar geworden. Man kann dank des Schengener Abkommens zwischen den Staaten ohne Passkontrollen reisen. Man kann sich, zumindest theoretisch ohne allzu große Hürden, auch auf Zeit im Ausland niederlassen, studieren, seinem Beruf nachgehen. Was für eine Veränderung das ist, wird man im Gegenblick auf die Jahrhunderte der Konflikte erkennen, die der jungen Generation nicht viel näher sind 13


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als die Steinzeit. Das gilt vor allem für das 19. Jahrhundert, wo die Rechts- und Ordnungsidee des Nationalstaates verabsolutiert und Erbfeindschaften gesät wurden. Hegemonie, nicht Gleichgewicht war die Devise. Sie schrieb sich als Drachensaat in das 20. Jahrhundert hinein fort. Wenn man dagegen die geistige Revolution des Einigungsprozesses betont, wird man auch fragen müssen, ob die Freiheit, die vor zwanzig Jahren als Wind of Change besungen wurde und buchstäblich in der Luft lag, genutzt wurde. Die Währungskrise zeigt, dass alte Ressentiments nur oberflächlich verdeckt worden sind und sich mitunter erschreckend schnell mobilisieren lassen. Und: Europa ist auch der jüngeren Politikergeneration kaum mehr ein Herzensanliegen und ständiges Wunder. Dass die europäische Idee ein Synonym für Freiheit ist, wird in Detailbestimmungen und einer überbordenden EU-Bürokratie leicht erstickt. Versteht man, dass Europa »Einheit in Vielheit«, »Vielheit in Einheit« sein muss: friedliche Kooperation von differenzierten Kulturen? Oder überträgt man unter dem Slogan »Fit für die Zukunft« einen nivellierenden Egalismus auf alle Bereiche? Nicht nur die Krümmung der Bananen, auch die Studienabschlüsse sollen gleich sein. Dabei ergibt sich aber eine atemberaubende Defizitbilanz. Spezifika gehen verloren. Erst die Ergänzung verschiedener nationaler und regionaler Kulturen macht Europa aus, lässt Kompetenzen zur Entfaltung kommen, die nicht monokulturell identisch sind. EU-Europa scheint oft Geschichte als Ballast anzusehen und abwerfen zu wollen. Gerade diese Eurokratien, die Hans Magnus Enzensberger scharf kritisiert hat, lassen Erinnerun14


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gen an den großen Max Weber wach werden. Der schrieb, in den modernen Bürokratien werde die Bevölkerung wieder wie die Fellachen unter der ägyptischen Pharaonenherrschaft. Das waren kleine Hirten und Bauern am Fuß der beeindruckenden Herrschaftspyramide, unmündig, ohne einen politischen Willen. Dass Fortschritt zugleich Freiheit bedeuten muss – das versteht sich nach Max Weber keineswegs von selbst! Europas geschichtliche Prägungen sind sein größtes Kapital. Goethe seufzte gegen Ende seines Lebens einmal: »Amerika, du hast es besser […], hast keine verfallene Schlösser«. Doch ist Europa schlechter dran, weil es dies alles hat? Und wenn es in der Zukunft mehr sein soll als das Museum der One World, als ein großer Friedhof, dann wird es nicht nur technokratisch gemanagt, sondern aus seiner vielstimmigen Vernunft begründet werden müssen. Nicht schwärmerisch, doch mit Nüchternheit und Leidenschaft. Christlicher Glaube im Mahlstrom der Gegenwart Es gibt eine Reihe von Anzeichen, die trotz der religiösen Bedürfnisse dafür sprechen, dass die christliche Wurzel in West- und Mitteleuropa rapide an Einfluss verliert. Diese Symptome treten beschleunigt auf: Manche Nationen wie Tschechien haben eine weithin religionslose Bevölkerung. Ein traditionell katholisches Land wie Spanien erlebte binnen eines Jahrzehnts einen rapiden Säkularisierungsschub. In Deutschland gilt Religion weitgehend als Privatsache, obgleich das Grundgesetz aus guten Gründen nach dem Nationalsozialismus die »Verantwortung vor Gott und den Menschen« in seiner Präambel festschrieb. 15


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Neuere Untersuchungen zeigen, dass die Zahl der Christen in Europa zurückgeht. Eine starke Einwanderung aus nicht christlichen Weltteilen verändert Europa. Der Islam in verschiedenen Gruppierungen und ein offensiver Atheismus sind längst Teil des öffentlichen Lebens. Eine weitergehende Entchristlichung wird wohl auch Ankerpunkte europäischer Identität nicht unangetastet lassen. Ein Phänomen, das mehr Beachtung verdient, als es gemeinhin erfährt, ist jener aggressive neue Atheismus, der sich als Folge von naturwissenschaftlicher Rationalität anpreist. Er wird durch die Doktrin der Giordano-Bruno-Stiftung in Deutschland auf unterschiedlichen Feldern, in einer intensiven Publizistik, mit Vortrags- und öffentlichen Aktionen, wie den Atheistenbussen mit dem Slogan (»Glaubst du noch oder denkst du schon?«), vertreten. Die Beeinflussung erfasst auch Pädagogik und Erziehung. Das Kinderbuch von den drei kleinen Schweinen, die dem »Religionswahn« entkommen sind und am Ende renaturalisiert, nackt und fröhlich herumtollen, oder der gallige Satirefilm Religiolous (eine Mischung aus ridiculous, »lächerlich«, und religious) flankieren die Aktionen. Namhafte Wissenschaftler, vor allem Logiker und Naturwissenschaftler, gehören dem Beirat der Stiftung an. Dass der bekannte Philosoph Norbert Hoerster mittlerweile diese Vereinigung verlassen hat, weil sie seines Erachtens einen differenzierteren Blick auf das Phänomen der Religionen vermissen lasse, ist nicht repräsentativ. Seine Bibel fand jener neue Atheismus der selbst ernannten Brights, also der »Aufgeklärten«, mit dem millionenfach verbreiteten Bestseller von Richard Dawkins Der Gotteswahn. 16


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Hier wird eine bessere, schönere und humanere Welt anvisiert, die sich dadurch auszeichnen soll, dass Gott und Religion aus ihr endgültig verschwunden sind. Es ist Vulgäraufklärung, wie sie im 18. Jahrhundert eine gewisse Originalität gehabt haben mag, die hier noch einmal feilgeboten wird. Sie verbindet sich mit einem reduktionistischen Menschenbild: Der Mensch soll nichts sein, seine Gene alles. Dawkins sprach in einer früheren Publikation von dem »egoistischen Gen«. Verhaltensweisen wie Liebe, Zuwendung, Verzeihung oder auch nur die Bindung an Recht und Moral, die über den Eigennutzen hinausgehen, haben keinen Platz. Der französische Philosoph Henri de Lubac sprach schon nach dem Zweiten Weltkrieg von der »Tragödie eines Humanismus ohne Gott«: Muss sich nicht dieser Humanismus am Ende selbst abschaffen? Wenn man Dawkins liest, kann man dies nur bejahen. Der – auch durch bedeutende Arbeiten hervorgetretene – analytische naturalistische Philosoph Dennett widmet eine umfangreiche Monografie dem Thema Den Bann brechen und darunter versteht er eine »wissenschaftliche« Behandlung von Religion. Gemeint ist, dass man durch Weihrauch erzeugte Halluzinationen untersuchen oder die Psychologie des Religiösen wie ein Insekt sezieren solle. Am Ende werde die Wissenschaft die Religion schon widerlegen. Christlicher Glaube und Religion werden vor diesem Hintergrund stets wie Gegensätze behandelt. Dies ging als Selbstverständlichkeit in die allgemeine Wahrnehmung ein. Es hält einer tieferen Prüfung aber nicht stand. Deshalb muss man zeigen, welche Vernunft im christlichen Glauben 17


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liegt und wie eine nur auf endliche Fragen eingegrenzte Verstandesrationalität gerade nicht vernünftig ist. Die neuen Atheisten sind den Beweis schuldig geblieben, dass eine nicht christliche Welt mehr zur Humanität beiträgt. Zunächst kann man ihnen entgegenhalten, dass die großen totalitären Strömungen des 20. Jahrhunderts keineswegs die Humanität befördert haben; wohl aber brachten sie Terror und Vernichtung in die Welt. Sie zeigen auch in besonders drastischer Weise, dass an die Stelle religiöser Glaubensauffassungen, Dogmen und Riten keineswegs Religionslosigkeit trat, sondern die Pseudoreligion und »politische« Religion von Klassenbewusstsein oder rassischer Reinheit. Die Totalitarismen nehmen ein seit der Französischen Revolution tief in der Moderne verankertes Ideal auf und machen es sich zu eigen: das Ideal vom »Neuen Menschen«, der den Menschen als Geschöpf Gottes in seiner Fehlbarkeit und Endlichkeit überbieten soll. Die Ideologie vom »Neuen Menschen«, der zum Übermenschen werden soll, hat es jedoch an sich, dass sie die Unveräußerlichkeit und Heiligkeit der Person gerade nicht akzeptieren kann. Sie spricht sie einzelnen Personengruppen zu und anderen ab. Verstärkt stellt sich damit die Frage, ob es einen »Humanismus ohne Gott« überhaupt geben kann. Brechen die neuen Atheisten tatsächlich einen Bann, wenn sie vom Gotteswahn philosophieren? Eher scheint es ein Tabu zu werden, frei und öffentlich über den Glauben und dessen Errungenschaften und Bedeutung zu sprechen. Neben dem neuen Atheismus sind wir in der Gegenwart auch mit dem Phänomen anderer Religionen in der Mitte 18


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Europas konfrontiert. Tief reichende Veränderungen ergeben sich durch Arbeitsmigration und dauerhaften Zuzug von Muslimen in der mitteleuropäischen, besonders der deutschen Gesellschaft. Es sollte sich von selbst verstehen, dass Phobie gegen eine Religionsgemeinschaft, auch wenn sie fremd ist, weder europäischem Ethos noch christlicher Überzeugung gemäß sein kann. Ebenso sind die Zuwanderer nicht einfach in die Schublade des Islam einzuordnen. Zu unterscheiden ist weiterhin zwischen Islam und einem politisierten Islamismus, der eine Folge der modernen Welt, eine auf die Kolonialisierung folgende Terrorbewegung ist. Der 11. September 2001 machte ihn zum Symbol für eine Welt, auf die man keine Antworten hatte. Ebenso klar ist aber auch, dass der Islam eine Trennung von Religion und Politik nicht kennt, wie sie sich in Europa über Jahrhunderte ausgebildet hat. Im Mittelalter hat der Islam eigenständige Wege der Vernunft eingeführt, die den Gehalt des Koran unabhängig vom Offenbarungstext entwickeln sollten. Diese Schulen wirkten auch auf die Debatte über Religion und Vernunft für Judentum und Christentum ausgesprochen inspirierend. Zwischen den drei abrahamitischen Religionen brandete vor allem im Süden Spaniens eine große Debatte auf. Sie konnte sich allerdings nicht dauerhaft durchsetzen. Mehr noch: Sie wurde nur für begrenzte Zeit überhaupt geduldet. Islamische Herrscher suchten den Weg nach Westen. Dennoch prägte der Islam Europa nicht. Was es für die europäische Kultur und für ihn selbst bedeutet, wenn er hier heimisch wird, erfordert tiefes Nachfragen: in Struktur, Ge19


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schichte, Gegenwart; offene Debatten, ohne Hass und ohne Tabus. Dazu muss Europa wissen, woraus es selbst lebt. Trojanische Pferde: Selbstsäkularisierung des Christentums Man spricht von »Religionen« in abstrakter Allgemeinheit. Tatsächlich aber zielt man primär gegen das Christentum. Die neuen Atheisten treten im Habitus von bekehrenden Missionaren auf, die den »Religionswahn« brechen wollen. So werden im Anhang von Dawkins’ Buch Adressen von Organisationen aufgelistet, an die sich derjenige wenden kann, der sich vom religiösen Wahn gelöst hat. Es ist wie mit den Anonymen Alkoholikern. Solche Vorstellungen spitzen eine unterschwellige Ranküne zu, die in weiten, sich für aufgeklärt haltenden Bevölkerungsgruppen besteht. Sie treffen auf eine Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen Religion bei Menschen, die sich im Allgemeinen für »religiös« halten, die aber über das spezifisch Christliche kaum Rechenschaft zu geben wissen. Was die Menschwerdung Gottes, die unbegrenzte Zuwendung in Christus, die Gottebenbildlichkeit des Menschen, was erst recht Kreuz und Auferstehung bedeuten, das bleibt auch unter den Gläubigen blass. Dass dieser Glaube mehr als eine Privatmeinung sein könnte, dass er einen anderen Rang als Naturmagie oder der »Glaube« an den Weihnachtsmann hat, dass er gar eminente und lebendige öffentliche Bedeutung haben könnte, dies ist kaum präsent. Und das kirchliche Leben bietet kaum ein überzeugenderes Bild. Man spricht, vor allem im Blick auf den neueren Protestantismus, zutreffend von einer »Selbstsäkularisierung«. Jeder Kirchenbesucher und Predigt20


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hörer kennt die missglückten Balanceversuche: Einerseits wird die Historisierung der Wissenschaft unmittelbar auf Lehre und Predigt übertragen mit dem Ergebnis, dass Gottes Wort in Distanz gehalten wird. »Was will es uns noch sagen?« Dies ist ähnlich inspirierend wie die Deutschlehrerfrage: »Was will der Dichter uns damit sagen?« Andererseits wird eine allgemeine religiöse Sehnsucht formuliert. Sie ist unbestreitbar, bei allem deklamatorischen Atheismus. Doch sie bedient sich eklektizistisch und nimmt, was der Markt hergibt. Verschiedene Elemente werden wie in einem Patchwork zusammengeführt. Buddhistische Meditationskunst (oder was im Westen dafür gehalten wird) und der Wiedergeburtsgedanke verbinden sich mit einer allgemeinen Sozialmoral, die für christlich gehalten wird. Freikirchen und Evangelikale wenden sich zu Recht gegen diese Lauheit. Doch auch in freikirchlichen Kreisen gibt es große Defizite. Unstrittig kennen sie die Bibel besser und bleiben ihr treu, unstrittig gibt es einen lebendigeren Glauben und einen engagierteren Gemeindeaufbau. Jedoch werden die Problemlagen der modernen Welt, die politischen Erosionen oftmals nicht mit der erforderlichen Klarheit wahrgenommen. Dass und inwiefern christlicher Glaube – diesseits der Mission – in die Gesellschaft hineinzuwirken, Europa sein genuines Fundament zu geben vermag, das eben wird viel zu wenig gesehen. Hinzu kommt, dass freie Kirchen zu Abspaltungen und Sektiererei neigen. Dies ist der Preis dafür, dass sie umgekehrt nicht an den Verhärtungen der etablierten Kirchen teilhaben. Zwischen Evangelikalen und Charismatikern kommen Differenzen 21


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auf, die den jeweils anderen verketzern, ihnen gar das Christsein absprechen und in dem breiten Raum der Suchenden und Indifferenten keineswegs befeuernd wirken. Ernst Troeltsch hat bereits nach dem Ersten Weltkrieg eine bedrückende Prognose formuliert: Entweder werde das Christentum sich ganz und gar an die Strömungen der Moderne anpassen und sich in ihnen auflösen oder es werde in einzelne Sekten versinken. Für die christliche Dimension Europas wäre beides gleichermaßen verheerend. Wir erleben auch den Verlust christlicher Lebensformen. Oftmals, gerade in Mitteldeutschland, sind nur noch die Hüllen sichtbar. Ostern wird auf Ostereier und Weihnachten auf eine allgemeine Menschenliebe und die erzeugten Mythen vom Weihnachtsmann reduziert. Elementarste Kenntnisse christlichen Glaubens sind selbst bei nominell Getauften nicht mehr selbstverständlich. Allgemeingut, das man, je weniger man von Kenntnissen belastet ist, umso mehr vertritt, scheint dagegen die Auffassung zu sein, alle Religionen lehrten letztlich das Gleiche und dieser Kern sei ethisch. Wenn sich die Religionen darüber verständigen würden, dann – aber auch nur dann – würden sie zum Frieden in der Welt beitragen. »Konservativ« – also »rückständig« – auf der einen Seite, »progressiv« auf der anderen: Das sind die Kategorien, nach denen gemessen wird. Auch daraus sind manche Elemente des Wertewandels zu erklären: Einsichten, die für den christlichen Glauben zentral sind, wie der Schutz geborenen und ungeborenen Lebens, werden dann marginalisiert, wenn die christliche Stimme im öffentlichen Raum kaum mehr ver22


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nehmbar ist. Ist christlicher Glaube dann überhaupt noch eine der Voraussetzungen des freiheitlichen Verfassungsstaates, die er, frei nach Böckenförde, selbst nicht garantieren kann, auf die er aber umso stärker angewiesen ist? Im öffentlichen Leben bemerken wir den Mangel: Die Zivilreligion muss »politisch korrekt« und »fortschrittlich« sein. Worin ihre Wahrheit und Menschengemäßheit liegen, wird nicht gefragt. Eine Familienpolitik, die staatlicher Förderung den Vorrang vor dem Aufwachsen im Haus gibt und gerade nicht beide Wege eröffnet, den anderen vielmehr abqualifiziert (»Herdprämie«), ist ein besonders sprechendes Indiz. Ein anderes ist eine Genderpolitik, die top down geplant und unter dem Namen Gender-Mainstreaming europaweit durchgesetzt wird, die vom Kindergarten an eine Austauschbarkeit und Konstruierbarkeit der Geschlechter verkündet. Dass der Wertewandel oftmals faktisch ein Wertentzug ist, kann man an vielfachen Indizien bemerken: Eine hemmungs- und grenzenlose Spekulations- und Besitzgier gemäß dem Motto »Nach uns die Sintflut!« war es, die die gegenwärtige Immobilien-, Finanz- und Wirtschaftskrise überhaupt erst möglich gemacht hat. Es zeigt sich zudem mangelhafte Sensibilität für das, was man tut und was man nicht tut, mangelnde Treue in Familie, Beruf, Amt; aber auch eine mangelnde Achtung vor dem anderen. Eine weitere bedenkliche Erosion des europäischen Wertekanons sehe ich in der Unterminierung der Privatsphäre, aber auch in der Beleidigung der Würde des anderen, die in Facebook und Twitter wie selbstverständlich mitläuft. Wie in Fernsehsendungen und auf verschiedenen Kanälen, 23


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längst auch öffentlich-rechtlichen, mit Menschen gespielt wird und wie selbstverständlich das in Interaktionen des Alltags eingeht, ist erschreckend. Auch das allumfassende Geschwätz als »Hintergrundrauschen« kann sehr kontraproduktiv werden. Es veranlasst gerade nicht zu gründlichem Durchdenken, zur Reifung von Gedanken und Formulierungen. Und damit wird die Zeitwahrnehmung weiter reduziert: Sie schmilzt auf kürzeste Punkte zusammen. Hysterie im Augenblick, nach einem halben Jahr ist der Anlass vergessen, befördert eine rapide Geschichtsvergessenheit. Die neuen Medien sind Instrumente, um Revolutionen auszulösen, aber ebenso geeignet, ein flächendeckendes Überwachungsnetz einzurichten. Schlamperei in den Forderungen des Tages, eine unbegrenzte Anspruchshaltung, der Verlust der Fähigkeit zu dienen sind Phänomene, auf die man in zunehmendem Maße stößt. Nicht das Langfristige, Bleibende erfährt Aufmerksamkeit und Förderung, sondern der lächerliche Kurzauftritt, die Äußerlichkeit. Die langsame, gediegene Einsicht, die Reflexion, die Europa ausmachte, weicht pawlowschen Reflexen und Hysterien. Was dagegen hilft? Niemand kann wollen und erst recht nicht erwarten, dass eine einmal gewonnene technische Innovation zurückgedreht werden wird; sie bietet ungeheure Möglichkeiten. Doch sie bedarf des Maßes. Medienkompetenz kann sich nicht auf technische Fertigkeiten beschränken. Das Maß kommt nicht von gestern oder heute, sondern aus den Wurzeln. Dass eben hier die heilsamen, dem Menschen dienlichen Grenzen nicht durch Gesetzgebung gezogen werden, ge24


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nauso wenig wie im ökonomischen Bereich, kommt nicht von ungefähr. Dies sind nur einige wenige Symptome für eine Realität, die bedrohliche Züge hat. Sie wäre nicht unabwendbar, wenn man Zukunft aus Herkunft, das heute Nötige aus dem immer Wahren bestimmen würde. Wichtig wäre dies gerade nicht nur für Christen, sondern für die moderne rechtsstaatliche Welt selbst, jedenfalls insofern sie noch nach ihren eigenen Werten fragt. Ein unverdächtiger Zeuge wie der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt prognostiziert, dass das 21. Jahrhundert noch größere Schrecken gebären werde als das 20. mit seinen totalitären Höllenkreisen. Viele Menschen folgen scheinbar noch immer der Illusion, dass, wenn alle Bindungen brechen, die Freiheit vollkommen sei. Das Gegenteil ist leider wahr: Auf Anarchie folgt in der Geschichte zumeist die Tyrannis. Platon hat dies schon im 5. vorchristlichen Jahrhundert diagnostiziert. Auf völlige Wurzellosigkeit und Beliebigkeit folgen Barbarei und Verwilderung. Hier ballen sich die Eindrücke unserer Gegenwart zu der Frage zusammen: Ein Europa ohne christliche Prägung – und das heißt letztlich: ohne Christus –, ist das vorstellbar und was würde es bedeuten? Vieles spricht dafür, dass es Europa in Vergangenheit und Gegenwart ohne das Christentum zumindest in seiner heutigen Form nicht geben würde. Dies ist nicht nur ein Blick in die Vergangenheit. Orientierung aus der Geschichte ist immer Gegenwart. Deshalb kann es nur schwerwiegende und letztlich zerstörerische Folgen haben, wenn sich eine große Kultur wie jene Europas, die bis ins Innerste christlich geprägt und bestimmt ist, 25


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von dieser Prägung ihrer Herkunft meint ablösen zu können. Um hier klarer zu sehen, muss man zunächst darüber nachdenken, was Europa ausmacht.

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ERSTES KAPITEL Antike Wurzeln Europas

Europäische Werte? Man spricht heute viel von europäischen Werten. Wenn man fragt, wofür sie konkret stehen, so fragt man nach der Identität Europas. Denn Werte, isoliert genommen, sind ein problematischer Begriff. Ein jeweils »gesetzter« Wert bleibt interpretationsbedürftig. Damit beginnt erst der Deutungskampf um die einzelnen Werte. Wenn man nach der Basis für Werte fragt, kommt man nicht an der Erkenntnis vorbei, dass sie nicht vom Himmel fallen. Sie können nicht nach freier Imagination erfunden werden. Vielmehr sind diese Werte das Ergebnis der Geschichte Europas. Es ist eine reiche und bewegte Geschichte. Sie hat, wenn man die Dinge näher in Betracht zieht, eine griechische, eine römische und eine christliche Dimension.

I. Das antike Griechenland – ein Neubeginn der Weltgeschichte »Die Demokratie ist nicht in Yunnan entstanden und die Menschenrechte nicht in Patagonien. Es ist keine Überheblichkeit, wenn wir feststellen, dass das wenige, was an Menschlichkeit, an Rechtsstaatlichkeit, an Demokratie sich im Laufe der Jahrhunderte auf der Erde durchgesetzt hat, 27


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ausgegangen ist von der explosiven Mischung des Alten und des Neuen Testaments, der griechischen Philosophie, dem römischen Ordnungs- und Rechtsdenken und der abendländischen Gemeinschaft«, so notierte vor nicht allzu langer Zeit der mittlerweile verstorbene französische Historiker und Publizist Joseph Rovan. Karl Jaspers schrieb im Zeichen des Untergangs Europas im Jahr 1946: »Europa birgt die heiligen Stätten des Abendlandes … Noch in wachsender Ohnmacht bewahren wir diese Kleinodien, noch in Ruinen den Ursprung des Abendlandes.« Im klassischen griechischen Stadtstaat, der Polis, bildete sich eine Öffentlichkeit aus, die auf Vernunft, den Logos, gegründet war. Diese vernünftige, der Rechenschaft fähige Rede unterscheidet sich vom Mythos. Als sich in Griechenland die Philosophie konstituierte, beginnt eigentlich die Geschichte dessen, was man Europa nennen kann. Was bleibt bis heute an diesem großen Anfang aktuell? Es sind nicht zuerst die Antworten, die damals gegeben worden sind, sondern die Fragen. So haben die Griechen erstmals konsequent nach der arché gefragt, also nach dem Ursprung und Grund von allem Seienden. Sie untersuchen, worin alles, was geworden ist, seinen Ursprung hat, und zugleich, wohin alles gerichtet ist, wo es sein Ziel oder seinen Zweck hat. Das All (ta panta), die Welt, wird also in den Blick gebracht und es wird gefragt, was ihr Anfang ist. Mit dieser Fragestellung, die auf das metaphysische Ganze geht, kann man den Anfang Europas datieren. Denn hier tut sich erstmals ein universaler Horizont der Vernunft auf. Man untersucht in Freiheit, in der theoretischen Haltung die Welt. 28


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Dies schafft Abstand von den alltäglichen Dingen und Sorgen. Warum ist das so wichtig für Europa? Weil diese Horizonterweiterung der Grund einer neuen Freiheit des Menschen ist, seiner Sicht auf die Wirklichkeit. Diese Freiheit muss man wie kaum etwas anderes mit der Identität Europas identifizieren. Sie erschöpft sich keineswegs in politischer Freiheit. Ideologien und Theorien schneiden sich dann aus dieser Orientierung am Ganzen der Welt einen Teil heraus – und mitunter setzen sie diesen Teil irrtümlich für das Ganze. Das Wesen der Ideologie besteht programmatisch darin, dass ein interessenbedingt gewählter Standpunkt für das Ganze ausgegeben wird. Die Wissenschaft wird selber zur Ideologie, wenn sie, ihre Grenzen überschreitend, sich zuständig erklärt für das Ganze. Mit Sokrates, dem Lehrer Platons, wird eine ganz neue Wendung formuliert, die den Kurs auf Europa bestimmt. Sokrates fragt nach dem Wesen des Seienden und nach dem Wesen des Guten. Und er untersucht, wie der Mensch am Guten selbst Anteil gewinnen kann. Dies ist der Sinn der Untersuchung der Tugenden, und es ist die Begründung der Ethik. Der Mensch, so wie er als Naturwesen und aufgrund seiner Geburt ist, ist nur potenziell ein Mensch. Erst indem er sich nach den Tugenden (griechisch areté, »Bestheit«) bestimmt, wird er ganz zum Menschen. Ohne Dinge nach Gut oder Schlecht zu beurteilen, kann der Mensch offensichtlich nicht leben. Wir fällen täglich Urteile, indem wir Sachverhalte, aber auch Menschen nach diesem Kriterium beurteilen. Dies ist die Prägung durch das 29


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