1 „Du hast es geschafft, Schatz!“ Jonica Granger wurde von ihrer Mutter etwas zu stürmisch umarmt und ihr Absolventenbarett fiel zu Boden. „Natürlich hat sie es geschafft, Laura. Hast du jemals daran gezweifelt?“ John Granger beugte sich nach unten und hob das Barett seiner Tochter wieder auf, bevor jemand aus Versehen darauftrat. Er setzte es wieder auf die Locken seiner Tochter. Johns braune Augen funkelten, als er sie stolz betrachtete. „Unser Mädchen hat doch bisher immer ihr Ziel erreicht.“ Sein breites Grinsen zeigte, wie stolz er auch darauf war, dass Jonica sich immer wieder neue Ziele setzte und zielstrebig versuchte, diese zu erreichen. „Ein Master in Betriebswirtschaft!“ Jetzt umarmte auch er seine Tochter und fuhr dann fast ehrfurchtsvoll mit der Hand über die braune Ledermappe, in der Jonicas Zeugnis und Urkunde steckten. Wie sehr sie ihre Familie doch liebte. In den letzten Jahren, die sie von zu Hause entfernt verbracht hatte, war ihr aufgefallen, dass ihre Eltern langsam älter wurden. Grau zog sich durch das braune Haar ihres Vaters und um die Augen ihrer Mutter waren nun permanent ihre Lachfältchen zu erkennen. Aber sie waren immer noch ein beeindruckendes Paar. Niemals in ihrem Leben hatte Jonica an der Liebe der beiden zueinander oder zu ihr gezweifelt. Während ihre Eltern immer noch ihre Leistungen bestaunten, nagten Zweifel an Jonica. Habe ich den größten Fehler meines Lebens gemacht? Sie sah sich auf dem voll gedrängten Hof des Unigeländes um und fragte sich, ob einer ihrer Kommilitonen die gleiche Verunsicherung spürte. Zuerst war es für sie nur ein Spiel gewesen, sich immer neue Ziele zu setzen – den Buchstabierwettbewerb in der fünften Klasse zu 5
gewinnen, in der Mittelstufe nur Einsen zu haben, als Jahrgangsbeste die Abschlussrede bei der Abiturfeier zu halten, einen Bachelor in Musik zu machen und schließlich den Master in Betriebswirtschaft zu erreichen … Je mehr Ziele sie sich gesetzt hatte, desto aufgeregter waren ihre Eltern geworden. Ihr Vater hatte ihre Liste an seine Pinnwand gehängt, als sei sie eine begehrte Trophäe und hakte jedes Mal einen Punkt ab, wenn Jonica ihn erfüllt hatte. Obwohl sie Gott sehr dankbar für ihren Erfolg war, fragte sie sich, ob sie nicht seinen Weg für sie aus den Augen verloren hatte. „Danke, dass du dir die Messlatte so hoch gehängt hast, Joni“, beschwerte sich Jonicas jüngerer Bruder Tom. „Ich bin im ersten Semester und sie haben schon Riesenpläne für meine Studienzeit. Das ist alles deine Schuld“, fügte er zwinkernd hinzu. Auch er umarmte sie fest, so fest, dass ihr fast die Luft wegblieb. Wann war er nur so groß geworden? Er überragte sie mittlerweile um einen Kopf. Als er seine Umarmung löste, stichelte Jonica: „Du weißt doch, mein wichtigstes Ziel war immer, dir das Leben schwer zu machen.“ „Und natürlich hast du auch in dieser Hinsicht nicht versagt“, lachte Tom. Lisa rollte mit den Augen und schob Jonicas kleinen Neffen auf ihrer Hüfte zurecht. Ihr Lächeln ließ Jonica wissen, wie stolz auch ihre ältere Schwester auf sie war. Doch die Zweifel ließen sich durch die Zuneigung ihrer Familie nie ganz in den Hintergrund drängen. Vielleicht habe ich mir ja die falschen Ziele gesetzt? Sie wollte wirklich kein Geschäft eröffnen – sie wollte Musik schreiben. Ihre Mutter und ihre Großeltern hatten ihr eine tiefe Liebe zu Büchern und zur Musik vererbt, und Jonica wusste genau, wie sie beides miteinander vereinen konnte. Sie wollte Lieder schreiben. Doch die linke Seite ihres Gehirns, diejenige, die für das logische Denken zuständig war, sagte ihr, dass sie ihre kreativen Ziele hintenan stellen musste. Erst muss man einen Weg finden, Geld zu verdienen, dann kann man seine Träume erfüllen. „Ein gehobener Antiquitätenladen mit einer kleinen Kunstgalerie 6
ist genau der richtige Weg, um sich alle Träume zu erfüllen“, schwärmte Laura. Jonica biss sich auf die Lippen. Es ist genau der richtige Weg – aber nicht für mich. Ihre Mutter liebte Antiquitäten, aber Jonica konnte damit nicht so viel anfangen. Als Jonica vorgeschlagen hatte, dass sie Unternehmerin werden könnte, hatte ihre Mutter sofort an ein Antiquitätengeschäft gedacht. Weil ihr selbst auch nichts Besseres eingefallen war, hatte sie erst einmal zugestimmt. Und dabei war es dann auch geblieben. Jonica hob das Kinn und atmete tief ein. Sie könnte ihre Lieder nachts schreiben und tagsüber Antiquitäten verkaufen. Wenn sich ihre Lieder eines Tages verkaufen würden, könnten sich ihre Eltern zur Ruhe setzen, nach Tucson ziehen und ihr Antiquitätengeschäft übernehmen. Sie wäre dann in Nashville oder irgendeiner anderen Hochburg der Musikszene und würde Lieder schreiben, die die Herzen der Menschen berührten. Vorerst musste sie sich in Tucson einen Laden suchen, der ihr gefiel, und damit anfangen, Antiquitäten zu sammeln. Sie hatte ihren Geschäftsplan fertig und in sechs Monaten würde der Laden laufen. Dank des Erbes, das sie von ihrem Großvater erhalten hatte, würde das kein Problem werden. Ja – das war das Richtige. Lieder zu schreiben war ein wunderbares Hobby, aber man konnte davon keine Miete bezahlen. Ein Geschäft zu führen würde ihr den Lebensunterhalt sichern und ihre Eltern glücklich machen, weil sie sich für etwas Bodenständiges entschieden hatte.
„eBay ist die perfekte Plattform, um an Schnäppchen für dein Geschäft zu kommen“, versicherte Sheryl Jonica, als sie beim Essen waren. Sie und ihre beiden Mitbewohnerinnen saßen an einem Tisch im Retrostil. Ihre gemeinsame Küche sah aus wie ein 50erJahre-Restaurant. Anna, die Dritte im Bund, nickte zustimmend. Nachdem sie die Nudeln hinuntergeschluckt hatte, fügte sie hinzu: „Viele Leute 7
wissen rein gar nichts über Antiquitäten, deshalb geben sie wertvolle Dinge zu einem Spottpreis ab. Dinge, die du für dein Geschäft gebrauchen kannst.“ Jonica dachte über die Worte ihrer Freundinnen nach, zuckte dann aber mit den Schultern. „Vielleicht habt ihr recht. Ich dachte mehr an Haushaltsauflösungen und dergleichen, aber das scheint es in Tucson nicht so häufig zu geben. Mein Problem ist nur, dass ich nicht gern im Internet surfe.“ Sie nahm sich noch ein bisschen Salat auf ihren Teller. „Wir helfen dir“, schlugen Anna und Sheryl gleichzeitig vor. „Heute kann ich aber nicht. Ich habe Küchendienst“, versuchte Jonica sich aus der Affäre zu ziehen. „Das dauert ja nicht lange, bei unserer kleinen Küche. Sobald alles sauber und ordentlich ist, melden wir dich an“, versicherte Sheryl, bevor sie sich den Rest ihrer Nudeln in den Mund schob. „Wenn wir dir helfen, geht es schneller.“ Jonica wusste nicht, ob sie überhaupt wollte, dass es schneller ging. „Habt ihr jemals etwas bei eBay ersteigert?“, fragte sie und stand auf, um ihr Geschirr zum Waschbecken zu bringen. „Ja, hab ich.“ Sheryl nickte und ihr langes blondes Haar fiel ihr ins Gesicht. „Ich finde da manchmal Sachen für meinen Klassenraum.“ „Ich habe mich schon oft für Dinge interessiert, aber ersteigert habe ich noch nichts“, erklärte Anna und kam zu Jonica an die Spüle. „Du brauchst einen Namen, um dich anzumelden.“ Sheryl reichte Jonica ihren Teller. Jonica fing an, das Geschirr in die Spülmaschine zu räumen. „Wie wäre es mit Tucsons Antiquitätenkönigin?“ „Auf keinen Fall. Du willst doch nicht, dass jemand weiß, wo du wohnst“, erklärte Anna. „Oder dass du dich für Antiquitäten interessierst und vielleicht etwas davon verstehst“, mischte sich Sheryl ein. „Inkognito also?“ Jonica füllte noch Geschirrreiniger in die Spülmaschine, schloss sie und stellte sie an. „Warum?“ 8
„Es gibt viele Spinner da draußen. Anonymität ist da besser.“ Anna und Sheryl gingen schon einmal zu dem Computer in ihrem kleinen Wohnzimmer, den sie alle drei gemeinsam benutzten, während Jonica noch den Tisch und die Arbeitsplatte abwischte. Dann ging auch Jonica zu ihnen. Anna setzte sich vor den Bildschirm, ging auf die eBay-Webseite und klickte auf ‚Neu anmelden‘. Nachdem sie Jonicas persönliche Daten eingegeben hatte, fügte sie auch noch deren E-Mail-Adresse ein. Danach kam die schwere Aufgabe, sich einen Benutzernamen zu überlegen. Nach einigen Überlegungen entschied sich Jonica schließlich für ‚Shoppingirl007‘. Anna stand auf und überließ Jonica den Platz. Sie klickte sich bis zu den Antiquitäten vor und war schließlich überwältigt von der Vielzahl der Angebote und davon, wie wenig Ahnung sie eigentlich von Antiquitäten hatte. Sie hatte noch viel Arbeit vor sich. Würde sie ihr Geschäft überhaupt in der geplanten Zeit eröffnen können? War sie verrückt genug, es zu versuchen? Dann dachte sie wieder an die Liste, die zu Hause bei ihren Eltern an der Pinnwand hing. Es wäre das letzte Kästchen, in das ihr Vater einen Haken setzen müsste. Konnte sie ihm diese Freude nehmen?
Mark James ging noch einmal die Zahlen seines Antiquitätengeschäftes in Quicken durch. Wieder und wieder untersuchte er jede Spalte, um sich ganz sicher sein zu können, dass er wirklich nicht vergessen hatte, irgendeine wichtige Ausgabe einzutragen. Sein Herz schlug immer schneller. Es stimmte – die Zahlen logen nicht. Sie hatten ein gutes Geschäftsjahr hinter sich – ein sehr gutes sogar. „Vater, wir haben es geschafft!“ Während Mark immer aufgeregter wurde, wurde auch sein texanischer Akzent immer ausgeprägter. Sein Vater sah vom Tresen auf, wo er neben der Kasse stand. „Was haben wir geschafft?“ Eine seiner grauen Augenbrauen hob sich fragend. 9
„Wir haben genug Gewinn gemacht, um unser Geschäft in Tucson zu eröffnen, ohne unsere Reserven anzugehen.“ Das breite Lächeln seines Vaters spiegelte sein eigenes wider. Mark stand vom Computer auf und ging zu seinem Vater hinüber, der ihm anerkennend auf die Schulter klopfte. „Das ist ja wundervoll. Du hast einen guten Job gemacht – und das in nur fünf Jahren.“ Marks Vater schüttelte den Kopf. „Tja, das sollte unsere Kritiker lehren, sich nicht mit meinem Sohn anzulegen.“ In seiner Stimme schwang eine gehörige Portion Stolz mit. Sein Vater spielte auf den Angestellten der Bank an, der ganz und gar nicht davon überzeugt gewesen war, Mark einen Kredit einzuräumen, um sein Geschäft zu eröffnen. Der Mann hatte nur die Statistiken über gescheiterte Geschäftsgründungen in der Gegend zitiert. Deshalb hatte sein Vater alle Ersparnisse seiner früheren Rodeokarriere zusammengekratzt und in den Traum seines Sohnes investiert. Mark hatte seinem Vater das Geld so schnell wie möglich wieder zurückgezahlt und trotzdem war er jetzt so weit, dass er expandieren konnte. Er konnte einfach nicht aufhören zu lächeln. Er sah sich in dem kleinen, aber sehr gut gefüllten Geschäft um. Mark kaufte die Antiquitäten und sein Vater restaurierte sie, wenn nötig. Zusammen waren sie ein großartiges Team. Nach einigen Nachforschungen hatte Mark herausgefunden, dass es in Tucson eine Marktlücke gab. Zwar gab es den einen oder anderen Secondhandladen, aber kein Geschäft arbeitete mit dem Konzept, das sein Vater und er anboten. Viele Menschen, die sich heutzutage für Antiquitäten interessierten, hatten nicht die Zeit, ihre erworbenen Gegenstände selbst zu restaurieren. Sie wollten sie gleich im Topzustand kaufen. Und genau das boten sein Vater und er an. „Wer hätte gedacht, dass du mit nicht einmal dreißig Jahren deinen Traum verwirklichen und dein Leben nach deinen Wünschen leben würdest?“ Wieder schwang Stolz in der Stimme seines Vaters mit. „Na ja, fast“, stimmte Mark zögernd zu. Er hatte beinahe alles erreicht – abgesehen davon, dass er weder Frau noch Kinder hatte. 10
Bei dem Gedanken verspürte er einen Stich in seinem Herzen. Er hätte sich sein Leben niemals so vorgestellt. So allein. Er hatte darauf gehofft, die Frau fürs Leben an der Uni kennenzulernen, sie nach seinem Abschluss zu heiraten und mindestens zwei Kinder mit ihr zu haben. Aber aus irgendeinem Grund hatte das nicht funktioniert. „Eines Tages wirst du deine Traumfrau finden, mein Sohn. Es ist ja nicht so, als würdest du dich gar nicht mit Frauen treffen.“ Mark nickte, aber er war sich nicht sicher. Er traf sich zwar mit Frauen, aber nach dem ersten Date folgte niemals ein zweites. Er wollte seine Zeit nicht damit verschwenden, eine Frau wieder zu treffen, wenn es nicht schon beim ersten Date zwischen ihnen gefunkt hatte. „Ich kenne einige Frauen aus unserer Gemeinde, die sich ein Bein dafür ausreißen würden, um mit dir ausgehen zu können.“ „Ja, aber die meisten von ihnen sind nur darauf aus, einen Mann vor den Traualtar zu ziehen – egal wen. Sie scheinen da nicht so wählerisch zu sein. Wenn er atmet, ist ihnen das schon genug. Ich will mehr als das. Warum ist es nur so schwer, seine Traumfrau zu finden?“ Mark durchquert den kleinen Raum mit langen Schritten. „Ich glaube nicht, dass du sie findest, wenn du dich mit jeder Frau nur ein einziges Mal triffst. Warum gibst du nicht einer von ihnen die Möglichkeit, dein Herz zu erobern?“ Sein Vater staubte eine wunderschöne alte Kommode ab, während er mit ihm redete. Ein wirklich seltenes Stück aus Mahagoni, mit Intarsien und Schnitzereien. „Bei der dritten Verabredung erzählen sie mir schon von ihren Familien und ich weiß noch nicht einmal, ob ich sie überhaupt küssen will. Wenn ich also nicht interessiert bin, warum soll ich mich dann so oft mit ihnen treffen?“ Nein, statt dieser ewigen Suche hatte er vor einem Monat beschlossen, Gott die Sache zu überlassen. Er würde ihm die Richtige schon zeigen. Und wenn nicht … nun ja, er würde sich erst einmal um sein Geschäft kümmern. 11
Mark ging zurück zum Computer und Froglips1980 loggte sich in eBay ein, um seine täglichen Recherchen durchzuführen. Vielleicht gab es wieder einige Antiquitäten, die zu erschwinglichen Preisen angeboten wurden. „Wenn nur nicht neuerdings immer diese schreckliche Bieterin dabei wäre, dieses Shoppingirl007. Leute, die neu sind, haben keine Ahnung und treiben nur die Preise in die Höhe.“ „Bitte was?“, fragte sein Vater verständnislos. „Ach, ich beschwere mich nur gerade über diese neue Bieterin. Seit letzter Woche treibt sie die Preise in die Höhe. Sie scheint keine Ahnung vom Bieten zu haben. Am liebsten würde ich ihr eine E-Mail schicken und fragen, was das soll.“ „In einer lieben, christlichen Art und Weise, natürlich. Nicht wahr, mein Sohn?“, lächelte sein Vater. „Ja, na klar.“ Er wollte sie ja nicht beleidigen. Sie sollte nur wissen, was er von ihrem Verhalten hielt.
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2 Jonicas Frustration wuchs mit jeder Stunde. In den letzten Wochen hatte sie jeden Tag sehr viel Zeit vor ihrem Computer verbracht und die Auktionsangebote bei eBay geprüft. Sie hatte unzählige Angebote gefunden, die sie interessierten, aber jedes Mal war sie überboten worden. „Das ist das Frustrierendste, was ich jemals getan habe.“ Sie stieß einen langen Seufzer aus. „Es muss irgendein Geheimnis geben, das ich noch nicht entdeckt habe. Ich habe auf 400 Artikel geboten und keinen einzigen habe ich bekommen. Ein Typ namens Froglips scheint sich immer für genau die gleichen Dinge zu interessieren wie ich – nur, dass er sie auch bekommt.“ „Das war bei mir am Anfang auch so“, rief Sheryl aus der Küche. „Lass dich nicht unterkriegen. Irgendwann findest du das richtige Timing.“ Jonica wandte sich wieder frustriert dem Bildschirm zu und rief ihre E-Mails ab. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Sie hatte eine neue Nachricht – und zwar von Froglips. Mit einem nervösen Gefühl im Magen klickte sie auf die E-Mail und fing an zu lesen: Schätzchen, wenn du wirklich hier mitmachen willst, dann lern die Regeln. Du treibst unnötig die Preise in die Höhe und das bringt keinem etwas. Froglips „Was denkt der sich eigentlich! Er nennt mich Schätzchen! Das ist ja wohl absolut unverschämt.“ Entrüstung sprach aus jedem ihrer Worte. Sie legte ihre Stirn in Falten. 13
„Wer?“ Sheryl und Anna stellten sich hinter sie und sahen ihr interessiert über die Schulter. „Dieser Mr Froglips hier. Einfach nur unverschämt.“ „Dann schreib ihm zurück, was du davon hältst“, schlug Anna vor. „Nur weil im Internet Anonymität herrscht, muss er ja nicht so herablassend sein.“ „Ich antworte doch niemandem, der mich Schätzchen nennt und glaubt, er allein habe die Weisheit mit Löffeln gefressen.“ Jonica erhob sich und ging in Richtung ihres Zimmers. Im Flur blieb sie stehen, sah ihre Mitbewohnerinnen noch einmal an und stützte energisch ihre Hand in die Hüfte. „Ich meine, was denkt sich dieser Typ eigentlich? Er kennt mich nicht und kritisiert mich einfach so. Habe ich ihn etwa nach seiner Meinung gefragt?“ „Vielleicht ist er genauso frustriert wie du“, schlug Sheryl vor. „Wenn ich du wäre, würde ich zurückschreiben und ihn fragen, was du besser machen könntest. Ich meine, du hast doch wirklich keine Ahnung, wie man sich bei einer Onlineauktion verhält. Vielleicht kann er dir etwas beibringen. Warum fragst du ihn nicht einfach?“ „Weil er eingebildet und besserwisserisch ist. Ich werde ihm diese Befriedigung nicht geben.“ Mit diesen Worten schloss Jonica ihre Zimmertür hinter sich und kämpfte gegen das Bedürfnis an, sie einfach zuzuschlagen.
Jonica verbrachte die nächsten Wochen im immer gleichen Rhythmus. Bieten. Überbieten. Bieten. Überbieten. Nur um am Ende immer von Froglips geschlagen zu werden. „Dieser Typ bringt mich noch zur Weißglut!“, erklärte sie Anna und Sheryl beim Abendessen. „Er überbietet mich immer in letzter Sekunde.“ „Wir haben dir schon gesagt, was du tun könntest“, erinnerte sie Sheryl. „Ich weiß – aber ich glaube nicht, dass ich ihm schreiben kann. 14
Ich ärgere mich so über ihn, dass ich bestimmt unhöflich werden würde.“ „Dann lass eine von uns schreiben“, schlug Anna vor. Ihre beinahe schwarzen Augen funkelten lustig. „Auf keinen Fall! Ihr zwei würdet mich bestimmt in irgendetwas hineinreiten.“ Die beiden kicherten. „So wie damals, als wir Professor Smyth wegen eines Problems gemailt haben und du am Ende ein Date mit ihm hattest?“ Jonica sah Sheryl an, rollte mit den Augen und nickte. „Genau.“ „Gut, dann lesen wir deine E-Mail an Froglips einfach noch mal durch, bevor du sie sendest, damit sie nicht zu ausfällig wird“, schlug Anna vor. „Gute Idee“, stimmte Sheryl zu. „Du schreibst und wir schauen nachher drüber und machen Verbesserungsvorschläge. Keiner klickt auf ‚Senden‘, bevor nicht alle drei der Meinung sind, dass man die Nachricht so lassen kann.“ Jonica dachte über diesen Vorschlag nach. Sie musste etwas tun, das war klar. Sie hatte bereits einen Monat verloren und hatte weder ein Geschäft, noch irgendwelche Antiquitäten. Das Ziel, in sechs Monaten einen Laden zu eröffnen, rückte in immer weitere Ferne. Ihre Mitbewohnerinnen hatten recht. Vielleicht konnte Froglips ihr Tipps geben. „Okay, so machen wir es. Ich schreibe diesem Kerl und wir versuchen dann zusammen, die E-Mail höflich, aber bestimmt zu formulieren.“ Jonica stand auf und ließ ihr Abendessen fast unberührt. Dieser Mann schien sie nicht mehr loszulassen, obwohl sie ihn ja nicht einmal kannte. Sie setzte sich an den PC, stützte ihren Kopf in die Hand, spielte an ihren langen Locken und fragte sich, wie sie anfangen sollte. „Herr, zeig mir, wie ich am besten mit diesem Mann umgehen kann.“ Plötzlich erinnerte sie sich an einen Satz aus der Predigt ihres Pastors, die sie vor wenigen Wochen gehört hatte. Lachen ist eine gute Medizin und Humor kann fast jede schwierige Situation klären. „Das Problem ist nur, dass ich nicht sehr witzig bin.“ 15
Jonica las noch einmal über Froglips E-Mail und stolperte schon wieder über das ‚Schätzchen‘. Dann fing sie an zu schreiben: Sehr geehrter Mr Lips, ich war mir nicht sicher, ob ich so dreist sein soll, Sie einfach nur Frosch zu nennen, aber ich entschied mich dazu, höflich zu sein und Sie bei Ihrem Nachnamen zu nennen. Als ich Ihre E-Mail erhielt, war ich nicht sicher, ob sie wirklich an mich gerichtet war – immerhin ist mein Name nicht Schätzchen. Aber nachdem ich sie einige Male gelesen hatte, entschied ich mich dafür, dass sie doch für mich bestimmt war und Sie nur meinen Namen mit dem eines anderen verwechselt haben. Also, um allen weiteren Missverständnissen vorzubeugen, können Sie mich Miss Girl, Shoppin‘ oder SG nennen, wenn Sie es kurz haben wollen. Fühlen Sie sich frei in der Wahl Ihres Namens für mich. Ich habe vor, hier wirklich mitzumachen, wie Sie es so schön formuliert haben und ich würde mich freuen, wenn mir jemand beibringen würde, wie man sich hier zu verhalten hat. Gibt es irgendwelche Freiwilligen? Und es tut mir leid, dass ich die Preise in die Höhe getrieben habe. Ich hatte nur gehofft, einige Antiquitäten abzustauben und offensichtlich haben wir beide den gleichen Geschmack. Mit freundlichen Grüßen Shoppingirl Jonica wusste, dass der Versuch, witzig zu sein, fehlgeschlagen war, aber vielleicht hatte sie trotzdem den richtigen Ton getroffen – sie hoffte es jedenfalls. Nachdem Anna und Sheryl zugestimmt hatten, schickte Jonica die Nachricht mit nur einem kurzen Klick durch den virtuellen Raum direkt auf Froglips Computer.
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Eine Nachricht von Shoppingirl war das Letzte, was er in seinem E-Mail-Eingang erwartet hätte. Immerhin hatte er seine Nachricht schon vor ein paar Wochen versendet. Sie hatte damit weitergemacht, die Preise in die Höhe zu treiben, also hatte er sie als Konkurrentin akzeptiert. Er öffnete die E-Mail und lachte über ihren Gruß – Sehr geehrter Mr Lips. Er las die Nachricht und bewunderte ihre Courage, fragte sich aber auch, ob er ihr wirklich helfen sollte. Sollte er ihr die Tricks verraten, die er selbst in vielen Jahren erlernt hatte? Denn eigentlich war sie seine Gegnerin. Wenn er ihr seine Kniffe zeigte, würde er vielleicht nie wieder eine Auktion gewinnen. Er wägte das Für und Wider ab, aber tief in seinem Inneren wusste er, dass er schon immer eine Schwäche für Frauen in Not gehabt hatte. Mark wollte eigentlich gerade den Laden dichtmachen und auf dem Nachhauseweg den Abendgottesdienst seiner Gemeinde besuchen, aber wie konnte er ihre ernst gemeinte, offene Bitte abschlagen? Sollte er in den Gottesdienst gehen oder Shoppingirl helfen, sich durch den eBay-Dschungel zu kämpfen? Wenn er sich beeilte, käme er gerade noch rechtzeitig in die Kirche und dann könnte er gleich morgen früh Shoppingirl schreiben. Genau so würde er es machen. Eins nach dem anderen.
Am nächsten Morgen um acht Uhr fuhr Mark seinen Computer hoch. Er stand im Schlafzimmer, denn in seinem winzigen Apartment hatte er sonst keinen Platz dafür. Schon lange hatte er sich eine größere Wohnung suchen wollen, aber es war nie dazu gekommen. Er öffnete seinen E-Mail-Account und tippte eine Antwort an Shoppingirl. Hallo Shoppingirl, ich möchte mich bei dir entschuldigen. Kannst du einem Jungen aus Texas seine Unhöflichkeit verzeihen? Da, wo ich herkomme, ist Schätzchen ein Kosename, kein abfälliges Wort. Ich wollte dich 17
damit also nicht beleidigen. Bitte vergib mir, falls ich dich gekränkt habe. Es war nicht so gemeint. Gerne kann ich Dir ein paar Tipps geben, aber ich würde das lieber per Telefon machen. So ist es doch viel einfacher und es gibt keine Missverständnisse mehr. Natürlich nur, wenn du damit einverstanden wärst. Ich würde dir meine Handynummer geben. Wenn du das nicht willst, könnte ich das auch verstehen. Wir leben in einer Welt, in der man sich Vertrauen erst verdienen muss. Liebe Grüße, Texas Er klickte auf ‚Senden‘ und beeilte sich unter die Dusche zu kommen, sonst käme er zu spät zur Arbeit.
Am nächsten Abend checkte er vor dem Zubettgehen seine E-Mails, um zu schauen, ob Shoppingirl geantwortet hatte. Zu seiner Überraschung hatte sie das. Hallo, danke für deine Entschuldigung. Ich hatte das mit dem Schätzchen wohl falsch verstanden, aber ich komme eben aus Kalifornien. Tja, hier sind die Sitten anders als in Texas. Ich wollte dich mit meiner Frage wegen der „Nachhilfe“ nicht unter Druck setzen. Mein Problem ist, dass ich Computer generell nicht leiden kann, noch schlimmer finde ich das Internet und ich weiß gar nicht, warum ich überhaupt E-Mails schreibe. Also muss ich mich wohl fragen: Warum sitze ich vor dem Computer und schreibe einem völlig Fremden, den ich über das Internet kennengelernt habe, eine E-Mail? Ich weiß es selber nicht. Aber ich glaube, dass du mir helfen kannst, das mit dem Internet und den Antiquitäten auf die Reihe zu bekommen. Ich würde dich sehr gerne anrufen. Wirklich. Ich hätte es so gerne, dass du mir am Telefon das beibringst, was du weißt, aber meine 18
Mitbewohnerinnen haben mir abgeraten. Ich musste ihnen versprechen, dass ich nicht mit einem wildfremden Mann telefoniere. Also geht das leider nicht. SG Ihre E-Mail klang ein bisschen melancholisch und Shoppingirl hatte es geschafft, ihre Emotionen nur durch ihre Worte auszudrücken. Er schrieb ihr eine kurze Nachricht zurück. Hey Mädchen aus Kalifornien, ist Kalifornien nicht ein Ort zum Träumen? Gib nicht auf. Biete nur nicht so früh. Warte bis kurz vor Ablaufen des Angebotes. Aber ich bin neugierig. Woher kommt dein plötzliches Interesse für eBay und Antiquitäten, wo du doch Computer hasst? Texas
Erst nach drei Tagen bekam er endlich eine Antwort. Hey Texas, ich eröffne ein Antiquitätengeschäft. Ich habe gerade meinen Master in Betriebswirtschaft gemacht und versuche jetzt, genug Dinge zusammenzubekommen, um mein Geschäft damit zu füllen. Allerdings stehe ich immer noch ganz am Anfang – wie du dir sicher denken kannst. Was ist mit dir? Bist du Sammler? Kalifornien Mark musste lächeln. Kein Wunder, dass sie sich für die gleichen Sachen interessierte. Sie war ein verwandter Geist. Hallo Kalifornien, jetzt weiß ich, was uns verbindet. Ich habe auch ein Antiquitätengeschäft. Deshalb all die Käufe bei eBay. Also bist du doch eine 19
kalifornische Träumerin. Und dein Traum ist ein eigenes Geschäft. Texas Dieses Mal dauerte es noch länger, bis er wieder etwas von ihr hörte. Mark dachte schon, sie würde sich nie wieder bei ihm melden, als nach einer Woche doch eine Antwort eintraf. Texas, soll ich dir etwas sagen? Etwas, was ich noch keinem gesagt habe? Ich bin eine kalifornische Träumerin, aber das ist nicht mein Traum. Ich möchte Musik schreiben. Das ist mein Traum. Ein Antiquitätengeschäft ist nur ein Ziel, das ich mir gesetzt habe. Was ist dein Traum? Kalifornien Mark wurde bei ihren Worten traurig. Er wartete einige Tage ab, bevor er zurückschrieb. Kalifornien, mach das nicht. Verfolge deinen Traum, nicht dein Ziel. Das eine mag dir Befriedigung verschaffen, das andere aber wird deine Seele mit Liebe und Leidenschaft erfüllen. Ich glaube, dass Gott uns unsere Träume ins Herz pflanzt. Unsere Aufgabe ist es, sie zum Blühen zu bringen. Ich bin fast dreißig und lebe meinen Traum – zumindest das meiste davon. Er entschied sich dagegen, ihr davon zu schreiben, dass er es vermisste, eine Frau und Kinder zu haben. Meine Großeltern haben mich aufgezogen und ihretwegen verspüre ich eine tiefe Liebe und großen Respekt vor antiken Dingen. Nichts bewegt mein Herz so sehr, wie etwas Altes, Schönes zu finden und es zu restaurieren. Dann kann ich das richtige Zuhause für den Gegenstand finden und weiß, dass er dort geehrt 20
und geschätzt wird – wie ein Familienmitglied. Das macht mich wirklich froh und glücklich. Ich hoffe, dass du das, was dich froh macht und von Herzen erfüllt, auch bald findest. Morgen bin ich den ganzen Tag weg, aber ich würde mich freuen, abends wieder von dir zu hören. Bis dann – träume süß. Texas Morgen würde er nach Tucson fahren, um sich dort mit seinem Makler zu treffen. Sie würden sich gemeinsam einige interessante Objekte anschauen. Aber Shoppingirl hatte etwas an sich, das ihn faszinierte und er freute sich schon darauf, wieder von ihr zu hören.
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