Vorwort Viele haben mein Buch „Reise nach Jerusalem“ gelesen. Viele Kinder, aber auch viele Erwachsene. Manche, weil ihre Kinder noch nicht lesen konnten, so mussten sie es notgedrungen vorlesen. Aber so mancher wurde dabei selber von den Erlebnissen eines kleinen Jungen in Jerusalem gefangen genommen. Und dann wurde ich immer wieder gefragt: Wie ging es denn weiter? Und wie war das Zurückkehren? Bei Lesungen, die ich hatte, und Projekttagen in Schulen und bei Veranstaltungen mit den unterschiedlichsten Zuhörern wurde mir immer wieder die Frage gestellt: „Wann kommt ein zweiter Band?“ Aber es war gar nicht so einfach, ein zweites Buch zu schreiben. Erlebnisse? Ja, davon hatten wir noch so manche! Aber nun sind wir auch schon einige Jahre wieder in Deutschland. Ein Tagebuch aus der Sicht eines 5- bis 9-Jährigen kann es nicht mehr geben. Aus Klein Benito ist ein Teenie geworden. Seine Geschwister sind auch sehr gewachsen, und Klein-Marvin hat Jerusalem noch nie gesehen. Aber alle unsere Kinder erinnern sich. Alle unsere Kinder sind stark geprägt von dem, was vier Jahre ihr Zuhause war. Durch den Kontakt mit Freunden im Johanniterhospiz und sonst wo in Israel bleibt der Draht heiß. Sie haben noch immer Fernweh, unsere Kinder vergleichen immer noch. 9
Dieses Buch ist eine Erinnerung unterm Zitronenbaum. Dieser Baum, neben dem ich jetzt gerade sitze und tippe, hat mir geholfen, mich zu erinnern und zu reflektieren. Die Sprache dieses Buches ist etwas „cooler“ geworden. Nicht weil Deutschland so kühl ist, sondern weil die Sprache meiner Kinder „cooler“ geworden ist, und es sind ihre Gefühle, Eindrücke und Gedanken, die ich versuche in diesem Buch wiederzugeben. Ich glaube, es wird ein Abenteuer, sich darauf einzulassen.
Margit Pflüger, Januar 2005
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Irgendwie anders Im Schlafzimmer meiner Eltern steht ein Zitronenbaum. Draußen im Garten, wo er sonst stand, ist es zu kalt für ihn geworden. Es ist sowieso erstaunlich, dass er den Sommer überlebt hat, der nicht gerade warm war. Eigentlich ist dieser Zitronenbaum schuld daran, dass ich hier sitze und schreibe. Sonst lese ich nämlich lieber. In Büchern gibt es so viele fremde Welten zu entdecken, abenteuerliche Dinge zu erleben. Man kann selbst der Held sein. Aber dann habe ich diesen Zitronenbaum gesehen, und er hat mich so sehr an alles erinnert, was ich selbst mal an Abenteuern erlebt habe – damals. Und jetzt sitze ich hier und versuche, das alles aufzuschreiben, weil ich es nicht vergessen will. Diese ganzen Dinge, die es in Israel gab und hier nicht. Zitronenbäume, denen es gut geht, weil sie draußen in der Natur stehen können, zum Beispiel. Na ja, und eine Menge anderer Sachen ... Vier Jahre habe ich in Israel gelebt, und vier Jahre ist das jetzt schon wieder her. Als ich dort war, habe ich ja ein Tagebuch geschrieben über mein erstes Jahr, und manche von euch haben es gelesen und sich vielleicht gewundert, wie es wohl mit uns allen weiterging. Wir kamen als Familie nach Israel, um dort ein Gästehaus zu leiten. Na ja, Mama und Papa haben geleitet, und meine Geschwister und ich haben 11
gelitten, nein Unsinn, das war nur ein Scherz. Eigentlich waren wir von Anfang an sehr glücklich. Wir lebten in Jerusalem, genauer gesagt in der arabischen Altstadt von Jerusalem, noch genauer gesagt, auf der heiligsten Straße der Christenheit, der Via Dolorosa. Unser Haus gehört dem Johanniter-Orden und ist uralt. Schon zur Zeit der Kreuzritter wurden dort Kranke gepflegt. Unser Haus war genau an der 8. Station der Via Dolorosa. Die Station heißt: Station der weinenden Frauen, also die Stelle, wo Frauen, die Jesus gekannt haben, weinten, weil er ans Kreuz geschlagen werden sollte. Ihr merkt schon, irgendwie ist das alles anders, als wenn man hier in Deutschland so beschreibt, wo man wohnt. Da wohnt man in der Nähe eines Parks oder gegenüber von einer Tankstelle, in einer Reihe von Einfamilienhäusern oder sonst wo, aber nicht an der Station der weinenden Frauen. Das klingt schon abgedreht. Ich glaube ja, dass dieser Ort die Frauen meiner Familie stark geprägt hat. Mama weint sogar bei Disneyfilmen wie Tarzan, oder bei irgendetwas halbwegs Traurigem, na, und meine Schwester sowieso. Oma nicht, aber die war ja auch nur kurz zu Besuch, das reichte wohl nicht. Ach so, wir wohnten im arabischen Suq, das ist ein orientalischer Markt, und das war einfach super. In meinem ersten Tagebuch könnt ihr genau nachlesen, wie wir dahin kamen und warum. In diesem Buch fange ich meine Geschichte später an. Ich mache die Augen zu und erinnere mich an Ge12
sänge in den verschiedensten Sprachen. Unsere Straße war immer voller Menschen, die die heiligen Stätten besuchen wollten, Pilger nennt man die, und morgens weckte uns der Muezzin, der alle Muslime zum Gebet aufruft. Das erste Jahr hatte ich alle Zeit der Welt, um diese neue fremdartige Stadt zu entdecken. Spielplätze, Parkanlagen, Kirchen, eben alles Neue. Aber dann begann der „Ernst des Lebens“.
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Die Schule fängt an Eigentlich war ja alles anders geplant. Meine Eltern wollten nur zwei Jahre in Israel bleiben. Aber wir waren von Anfang an so glücklich dort, dass wir wussten: Zwei Jahre sind zu wenig. Also musste langsam eine Schule für mich gefunden werden. Eines Abends bekam ich mit, wie Mama und Papa sich im Wohnzimmer unterhielten. Na ja, unterhalten ist nicht ganz richtig. Streiten würde ich auch nicht sagen, aber sie waren ganz und gar nicht einer Meinung. Das kommt bei meinen Eltern öfters vor, ist aber nicht so schlimm. Sie sind einfach beide ziemlich impulsiv. Auf Mamas altem Zeugnis habe ich mal gelesen, sie sei manchmal „etwas zu lebhaft“, okay, sagen wir also, sie hatten eine lebhafte Unterhaltung. Es ging um eine Schule für mich. Da gab es drei zur Auswahl. Die arabische Schule, die sehr billig und sehr nahe bei uns war, aber einen Erziehungsstil hatte, der wohl besser ins Mittelalter passt. Die hebräische Schule, die nicht so teuer, relativ modern, und nicht so weit weg war. Was gegen beide sprach, waren die Sprachen. Was bitte schön sollte ich mit Arabisch oder Hebräisch anfangen und wie es so schnell lernen und überhaupt wozu? Wir wussten ja nicht, wie lange wir in Jerusalem bleiben würden. Es blieb also nur die Anglican International School. Eine geniale Schule, die auch einige meiner Freunde besuchten. Dort war die Unterrichts14
sprache Englisch, und das konnte ich immerhin schon ein bisschen. Also alles genau richtig. Wäre da nicht das Schulgeld gewesen. Das Gespräch meiner Eltern war mittlerweile unterbrochen, meine Mutter weinte. Auch das war noch nicht so schlimm. Ich hab’s ja schon gesagt, nach zwei Jahren Leben an der Station der „weinenden Frauen“ war Mama schon etwas angesteckt, und das Weinen fiel ihr leichter. Trotzdem, langsam wurde ich sauer. Wieso bitteschön wurde ich nicht in das Gespräch einbezogen? Es ging doch um mich. Ich hörte Papa gerade sagen: „Schatz, wir müssen da einfach beten!“ Nun, es ist nicht so, dass Mama nicht betet, im Gegenteil, sie betet für alles Mögliche, an allen noch so unmöglichen Orten, aber jetzt grad wollte sie nicht beten. Aber dann irgendwann hörte ich sie doch beten. Ich erinnere mich noch genau. Mama betete ungefähr Folgendes: „Also Herr, du hast uns versprochen, dass du dich um unsere Kinder kümmerst und dass sie nicht zu kurz kommen werden, wenn wir für dich nach Israel gehen. Also bitte, hier ist deine Gelegenheit, dein Versprechen zu halten!“ Ein paar Tage später war das Geld da, das wir brauchten. Eine Erbschaft, die unbedingt schon sofort und monatlich ausgezahlt werden musste. Sie deckte genau das Schulgeld. Für mich öffnete sich das Tor in die große weite Welt. Kinder aus allen Ländern dieser Erde gingen 15
zur Anglican School. In meiner Klasse gab es die verschiedensten Nationen und Religionen, und die Lehrer waren wirklich spezial. Kurze Zeit später kamen auch meine Geschwister auf die Schule.
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Schwestern sind irgendwie anders Es war die Vorweihnachtszeit. Meine kleine Schwester kam pünktlich zum Weihnachtsspiel in die Schule. Das heißt, sie kam natürlich in den Kindergarten der Schule. Ihre „teacher“ waren entzückt. Die Gruppe der Kleinsten sollte als Engel auftreten. Marlen sah definitiv aus wie ein Engel. Vor allem wenn sie schmollte, und das tat sie oft genug. Na ja, ich gebe zu, es war auch kein einfacher Einstieg für sie. Kaum eine Woche nach Eintritt in den Kindergarten sollte sie schon auf der Bühne vor hunderten von Eltern als Engel erscheinen. Sie verstand kein Wort Englisch, wurde ständig geküsst, was sie schon gar nicht leiden konnte, und die sonst sehr geduldigen Lehrer waren natürlich auch ziemlich gestresst. So heulte sie sich durch das halbe Krippenspiel, bis Mama gebeten wurde, sich so unauffällig wie möglich mit auf die Bühne zu schleichen und den Engel auf den Schoß zu nehmen – wo er erschöpft einschlief. Meine Schwester ist irgendwie anders, und das liegt sicher daran, dass sie schon als Baby nach Jerusalem kam. Als Baby sah sie aus wie ein Engel. Vor allem italienische Touristen gerieten fast in Ekstase, wenn sie Marlen sahen. Ich konnte das nicht verstehen. Für meinen Geschmack war sie echt ein bisschen 17
zu fett, jedenfalls an ihren Beinen. Bis ich eines Tages eine Putte sah, das sind so dicke italienische Engelsfiguren. Da plötzlich dämmerte es mir: Meine Schwester sah aus wie eine Putte! Deshalb diese Begeisterung. Auch unsere arabischen Nachbarn teilten diese Begeisterung. Blond, das ist höchstes arabisches Schönheitsideal. Und so wurde Marlen immer wieder auf den Arm genommen, mit Süßigkeiten vollgestopft und in die Wange gekniffen, ob sie das wollte oder nicht, und sie wollte nicht, das war klar. Mit knapp zwei Jahren wechselte sie schnell wie ein Wiesel die Straßenseite im Suq, sobald sie arabische Frauen auf sich zukommen sah. Es half ihr nichts. Sie wurde verfolgt, geküsst und in die Wange gekniffen. Nur eines nahm man ihr übel. Marlen hatte keine Ohrringe. Ohne Ohrringe aber ist ein arabisches Mädchen kein Mädchen. Dabei war an Marlen alles rosa. Schon in der ersten Locke meiner Schwester wurde eine rosa Schleife befestigt. Selbst ihre ersten Turnschuhe waren rosa. Trotzdem, wenn nette, neugierige Nachbarn in den Kinderwagen oder später auf das Rädchen schauten, auf dem sie saß, war ihre Frage an Mama: Is it a boy? Ist das ein Junge? Wie konnte man diesen rosa Zwerg mit Schleife im Haar für einen Jungen halten? Es lag an den fehlenden Ohrringen. Um dem ein für alle Mal ein Ende zu bereiten, 18
bekam sie mit drei ihre ersten Ohrringe. Damit hรถrte dann auch diese dumme Fragerei sofort auf.
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