Libelle März 2017

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FREMDSPRACHE LATEIN

Das große Sprach-Puzzle Ohne Einsatz geht es nicht. Aber in Algebra und Badminton auch nicht. Üben, verstehen und wiederholen sind Bestandteil jedes Schulfachs. Was aber macht die besondere Stellung aus, die das Fach Latein häufig einnimmt – zumindest in der Wahrnehmung? Wenn ich gefragt werde, was ich unterrichte, ist es immer dieses meiner drei Fächer, auf das die Leute reagieren …

Text: Petra Baten Kein Kind beschäftigt sich als Erstes mit einem 200-TeilePuzzle. Puzzles sind anfangs äußerst überschaubar. Dennoch machen sie Kindern Spaß, denn sie bescheren erste, wichtige Erfolgserlebnisse. Immer wieder. Verlässlich reproduzierbar. Erhöht man die Anzahl der Puzzleteile, wird es zunehmend wichtig, Strategien einzuüben, die zielführend sind: mit dem Rand zu beginnen, in der Schachtel zu sortieren, nach Farben, gelegentlich auch nach Formen. Wer einfach nur drauflospuzzelt, wird ab einer gewissen Puzzlegröße scheitern und die Sache frustriert hinwerfen. Wer hingegen sortiert, überlegt, vergleicht und auch, wenn es einmal aussichtslos erscheint, beharrlich dabeibleibt, wird nicht nur mit dem fertigen Bild, sondern auch mit einer gehörigen Portion Zufriedenheit belohnt. Und Spaß macht es auch.

Innehalten und sortieren Warum ich das erzähle? Na, weil Latein genau so funktioniert. Wie ein Puzzle mit zunehmender Teilezahl, der Progression im Lernprozess entsprechend. Die ersten Texte sind banal und

lassen sich als Aneinanderreihung erster Vokabeln auch strukturlos erschließen. Doch wenn die Sätze länger werden und man am Ball bleiben will, muss man sich die Mühe machen, innezuhalten. Innezuhalten und nicht gleich loszuübersetzen. Innezuhalten und erst zu sortieren. Innehalten und zu überlegen. Innezuhalten und vielleicht auch noch gar nicht zu ahnen, wie das fertige Bild aussehen könnte. Und innezuhalten, das fällt nicht nur dem Lateinschüler schwer. Innezuhalten ist asynchron. Es ist in unserer schnelllebigen Zeit eine vernachlässigte Fähigkeit. Wir googeln mal eben, was wir wissen wollen, und wehe, uns trennen zu viele Klicks von der Antwort. Dann sind wir genervt. Wir chatten über WhatsApp und erwarten sofortige Antwort. Wir laden uns eine App herunter und löschen sie kurzerhand wieder, wenn sie nichts taugt. Wir shoppen, was wir brauchen, im Onlineversand, weil’s schneller geht. Wir essen Fast Food, denn auch für Esskultur fehlt uns die Zeit.

Strategien erarbeiten Latein ist Kultur, klar, weiß ja jeder. Aber eben nicht nur als Mutter der europäischen Kultur, sondern auch dessen, was wir heute zu unserer Kultur machen wollen. Wer sich für Latein entscheidet, zeigt seinen Blick für das kulturelle Ganze. Was wir als Werte und Verhaltensweisen pflegen und von unseren Kindern gepflegt wissen wollen. Was

LATEIN IN DÜSSELDORF Alle Düsseldorfer Gymnasien (und auch die meisten Gesamtschulen) bieten das Fach Latein an, die meisten ab der sechsten Klasse, eine Handvoll startet in Klasse fünf damit. Die Frage, ob Latein auch später noch neu gewählt werden kann,

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hängt meist ab vom Wahlverhalten eines jeden Jahrgangs. An verschiedenen Schulen wird Latein auch nach Erwerb des Latinums in der Oberstufe als Grundoder Leistungskurs angeboten, denn gute Lateinschüler merken, dass sie in Sa-

chen Grammatik hier nicht mehr viel schocken kann. Die Basis ist gelegt und gute Leistungen am Ende der Sekundarstufe eins lassen sich in der Regel in Richtung Abitur fortführen und bringen hier wertvolle Punkte.


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