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ISSN 18695205

Porträt Von der Heydt-Kulturpreisträger Eugen Egner Museum Dr. Gerhard Finckh verabschiedet sich Ausstellung „Der flexible Plan“ im Museum Morsbroich Musik Jan Ehnes, Dozent an der Musikhochschule Literatur Heimatroman „Ruhrstraße 33“

0 4 / 2 018 O k t o b e r - D e z e m b e r / 5. 8 0 €


Kalender 2019

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Editorial Das Computerprogramm hieß PageMaker. Im Dezember 1989 zeigte mir ein Freund, wie man damit ganze Texte verschieben kann. Das ist die Lösung, dachte ich, und kaufte meinen ersten Computer mit dem Betriebssystem MS-DOS. Das Schreibprogramm hieß Word, noch ohne Pulldown-Menüs. Gespeichert wurde auf Floppy Disks, die man mit [format A:] formatieren musste. Wenn man sich vertat und [format C:] eingab, löschte man die Festplatte. Bis dahin hatte ich mit Bleistift in Notizbücher geschrieben. Improvisieren hatte ich beim Jazz gelernt. Das Ergebnis war ein Sammelsurium von Wörtern und Texten. Dieses zum Veröffentlichen nicht geeignete Rohmaterial tippte ich mit der Schreibmaschine ab, entfernte alles Überflüssige und fügte hinzu, was fehlte. Wie ein Bildhauer haute ich alles weg, was nicht nach Kunst aussah. Mein Meißel war das Radiergummi, später die Löschtaste des Computers. So entstanden Textfragmente, die zwar um ein Thema kreisten, aber noch nicht die Geschichte waren, die ich erzählen wollte. Ich kopierte die Texte, zerschnitt die DIN-A4-Blätter und montierte sie mit UHU in der richtigen Abfolge, falsche Wörter deckte ich mit Tipp-Ex ab und schrieb richtige darüber, so lange, bis die Geschichte die richtige Form hatte. Dieser mühseligen Arbeit setzte der Computer ein Ende. Stift oder Computer – das Schreibgerät beeinflusst den Text. Als es noch keine Schreibmaschinen gab, mussten Schriftsteller alles mit der Hand schreiben und den kompletten Ablauf ihrer Romane im Kopf haben. Meine Texte wären dagegen ohne die Hilfe von Maschinen nicht entstanden. Wenn mir nach 300 Seiten der Name des Prota-

gonisten nicht mehr gefällt, rufe ich die Suchfunktion auf, gebe den neuen Namen ein, klicke auf „Alle ersetzen“ und schon heißt die Frau nicht mehr Maria, sondern Vilma. Wenn mir das richtige Wort nicht einfällt, greife ich nicht zum Duden, sondern gehe ins Internet. Dadurch ist das Schreiben, bei dem man ja zwangsweise stundenlang alleine sitzt dasitzt, nicht mehr ganz so einsam. Zwar ist das Internet nicht, was ich mir unter Geselligkeit vorstelle, aber ein Unterschied zu Carl Spitzwegs „Der arme Poet“ ist es schon. Die Produktion von Literatur, von Kunst schlechthin, geht nicht mehr ohne Maschinen. Mancher fragt sich, ob Künstlerinnen und Künstler bald nicht mehr gebraucht werden? Keine Panik! Kunst braucht das Urteilsvermögen eines Menschen. Maschinen machen Musik, generieren Bilder, produzieren Texte, indem sie Algorithmen abarbeiten. Improvisieren können sie nicht. Eugen Egner macht seine Zeichnungen, seine Texte, weil er als Mensch die Kunst des kontrollierten Wahnsinns beherrscht. Weil er ein Mensch war, konnte John Coltrane Jazz in „Both Directions at Once“ spielen. Im Schwelmer Haus Martfeld sagen Grit und Will Sensen mit ihren Bildern: Hier sind Menschen. Und was zeigt Heiner Bontrup in seinen literarischen Revuen? Menschen. In der besten Zeit werden Sie Menschen begegnen, die der Digitalisierung ihre Kunst entgegensetzen. Was sonst? Dietrich Rauschtenberger Musiker, Autor und Schauspieler

Foto: Brigitte Gregor


Inhalt 12 Von der Heydt-Kulturpreisträger Eugen Egner

Egner, die Stadt und der Preis

4

Bogomir Ecker in der Von der Heydt-Kunsthalle und im Skulpturenpark Waldfrieden

Expedition ins Unentdeckte

12

Mit „Blockbuster Museum“ verabschiedet sich Dr. Gerhard Finckh vom Von der Heydt-Museum

18

Ein Kehraus der ganz persönlichen Art 18 Ein Ausstellungsbesuch vor der Eröffnung im Museum Morsbroich

Der flexible Plan

Die kleine Geschichte von der

Kunst aus dem LOCH

Grit und Wil Sensen im Haus Martfeld

Ein Künstlerleben zu zweit

24 29 32

Eckehard Lowisch in seinem „Haus der Geschichte“

24

Wenn dem Stein die Stunde schlägt

40

Kenbo ist „Artist in Residence“ im „ort“

Ost-West-Begegnung mit Kunst und Löwentanz

44

Jan Ehnes, Dozent an der Musikhochschule:

„Wie weit wage ich Musik zu denken?“ 46 Musikstipendiatin 2018 des Lions Clubs

Die Cellistin Mariana Taipa

46 2

50


52 Das verlorene Album des John Coltrane

Both Directions at Once

52

Umjubelte Aufführung

Wuppertal hat wieder eine Carmen ... 54 Paula Modersohn-Becker. Aus Michael Zellers Roman: Die Sonne! Früchte. Ein Tod

Parler Peinture

Literarische Revue zu Mascha Kaléko und Irmgard Keun

Nach Mitternacht

Eine inklusive Musik-Tanz-Theater-Produktion

Ich bin ein Prinz

Ein regionales Gebäck von kulturgeschichtlicher Bedeutung

Die Burger Brezel

Heiner Bontrup über Rauschtenbergers Roman

Ruhrstraße 33

Petrichor – eine Kolumne von MC Graeff

Uuurrrrrbs!

Neue Kunstbücher vorgestellt von Thomas Hirsch

Viel vom Selbst Paragrafenreiter

Kunst im digitalen Zeitalter Ausstellungen, Bühne, Musik

56

© Chuck Stewart Photography, LLC

54

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69 70 72

Kulturtipps Verkaufsstellen

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Impressum

80

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62 3


Selbsterklärende Zeichnung ohne Titel

Egner, die Stadt und der Preis Anläßlich der Verleihung des Wuppertaler Von der Heydt-Kulturpreises an Eugen Egner porträtiert André Poloczek den Großmeister der Groteske Ich erinnere mich noch recht gut an die erste Begegnung mit Eugen Egner. Es war der 2. Mai 1986, ich arbeitete als Journalist für die Wupper-Nachrichten; der „Kulturpalast“, eine Galerie und Kleinkunstbühne in der Luisenstraße 100, hatte zur Ausstellungseröffnung und Buchpräsentation eingeladen. Der Sisyphos Verlag stellte seine dritte Publikation vor: „Als die Erlkönige sich Freiheiten herausnahmen“ von Eugen Egner. An den Wänden des von Stützbalken durchzogenen Ausstellungsraums hingen, fein gerahmt, Schwarz-Weiß-Pinselzeichnungen: 4

Der Preisträger beim Tee


Nicht faul gewesen während der letzten 30 Jahre

Grisaillen, die, in altmeisterlicher Manier gezeichnet und das A4-Format kaum verlassend, deutlich erkennen ließen, dass es nicht nur die Erlkönige waren, die sich hier Freiheiten herausnahmen. Die meinen Artikel einleitenden und bildbeschreibenden Zeilen lesen sich so: „Am Tisch sitzen drei clownhaft anmutende Gestalten. In der Rechten halten sie Becher. Flaschentragende Zwerge betreten das Zimmer. Deren Auftritt wird aufmerksam verfolgt von einem im Bettchen liegenden Königspaar. Von der Zimmerdecke baumelt ein maskiertes, nicht näher zu bestimmendes Wesen, und ein Indianer auf dem Schaukelpferd schickt sich an, durch den Raum zu schwingen.“ Der Artikel blieb kurz und bot nicht hinreichend Raum, meine mit Verwirrung gepaarte Bewunderung auszudrücken. In späteren journalistischen Würdigungen Egners habe ich das nachgeholt. Immerhin hatte ich im weiteren Verlauf des Erlkönig-Textes die Worte absurd, skurril, surreal und privatmythologisch untergebracht. Was weder Eugen Egner noch ich als Rezensent seiner ersten Buchveröffentlichung damals ahnten, war, dass die Erlkönige dem 1951 in Ingelfingen geborenen Künstler die Tür aufhalten würden. Denn in dieser Tür stand auch und sehr früh Vicco von Bülow - also Loriot. Der machte den Züricher Verleger Gerd Haffmans auf den Zeichner und Textautor aufmerksam. Egner wurde zur Mitarbeit eingeladen, und in der Folge erschienen erste Bilder und Texte in der von Haffmans herausgegebenen Literaturzeitschrift „Der Rabe“; Egner wurde fester Autor des kleinen, aber sehr feinen Schweizer Verlages, in dem bereits Autoren wie Robert Gernhardt, F. K. Waechter und F. W. Bernstein veröffentlichten, die Großmeister der „Neuen Frankfurter Schule“.

Ob da noch was hinzukommt?

Egners rauschhaftes „[...]Tagebuch eines Trinkers“ erschien 1991 – bei der Erstveröffentlichung des kleinformatigen Bandes war freilich noch nicht abzusehen, dass das Büchlein eine fünfstellige Auflagenzahl erreichen würde und dass über 20 Jahre später Harry Rowohlt den beinahe im Telegrammstil verfassten Säufer-Memoiren seine whiskeygetränkte Stimme leihen würde, für eine bei Zweitausendeins erschienene Hör-CD, auf der auch der Autor als Vorleser akustisch konserviert ist. Ähnlich unvorhersehbar verlief die Rezeptionsgeschichte des 1993 erschienenen Romans „Der Universums-Stulp“, und ich kann es nicht anders als die Folge der Verknüpfung glücklicher Umstände bezeichnen, dass „Der UniversumsStulp“ als musikalische Bildgeschichte in drei Heften mit der Musik von Stephan Winkler im Februar 2014 im Opernhaus Wuppertal seine Uraufführung hatte.

Egner auf der Opernbühne – das war in mancherlei Hinsicht eine faustdicke Überraschung; erst recht, wenn man weiß, dass frühe künstlerische Äußerungen 5


„Der Radfahrer und sein Feind“, 1986

des Mehrfachbegabten zwar musikalisch waren, aber – wir sind in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre – ehe Elvis, die Beatles und später Jimi Hendrix bleibende Musikerlebnisse bei dem jugendlichen Radio- und Vinylplattenhörer hinterlassen haben. Aber auch der Ausnahmemusiker Frank Zappa soll hier erwähnt werden. Zum einen, weil dessen Musik, seine satirisch oder auch dadaistisch-absurden Texte durchaus starken Eindruck auf den Hörer Egner machten und dessen Gitarrenspiel durchaus Parallelen mit Egners „Art brut“-Instrumentalsprache aufweist; zum anderen, weil bei der Uraufführung des musikgewordenen „Universums-Stulps“ kein anderer am Pult stand als Peter Rundel. Der Dirigent, der gemeinsam mit dem Ensemble Modern gut 20 Jahre zuvor Frank Zappas „Yellow Shark“ – gemeinsam mit Zappa – einstudiert und kurz vor dem Tod des Komponisten aufgeführt und eingespielt hat. 6

Überraschend war das Zustandekommen der Operninszenierung auch, weil der Romanautor zunächst nichts von einer musikalischen Umsetzung wissen wollte. Gründe für die anfängliche Weigerung bleiben im Dunkeln. Schließlich geht es im „Universums-Stulp“ um die zentralen, immer wiederkehrenden Grundmotive der Literatur Egners: die Beschäftigung mit den Fragen „Was ist Realität? Was ist Bewusstsein?“ und den zentralen Themenkomplex Traum, Rausch und Wahn. Es war der Schulfreund RME Streuf, ein im besten Sinne ausufernder Geist wie Eugen, der das Skurrile und Absurde in Egners Grundanlagen stärkte und befeuerte. So fanden sie sich Saite an Saite [sic] in der Rockband „Armutszeugnis“, machten Lärm und sangen Texte, die für die damalige Verhältnisse „unerhört“ waren. (Damals, das war, als Loriot


„Große Stunde“, 2013

noch für den „Stern“ zeichnete und die britische ComedyTruppe Monty Python in Deutschland kaum bekannt war.) Warum ich hier so weit in der Geschichte zurückgehe? Zum einen, weil diese Zeit prägend für den jungen Egner war, zum anderen, weil sich der Eigensinn – weit passender ist das Wort Eugensinn – bei dem Musiker, Schriftsteller und Zeichner und Maler schon so früh zeigte. „Armutszeugnis“ spielte „Krig in den Niagarafällen“, und unter dem Pseudonym Eugen Euler zog sich der Texter und Komponist „nur noch im Dunkeln aus“ oder stellte dem Gletscher die Frage, wo denn dessen Spalte sei. Bei der LPEinspielung stand Jan Kazda an der Gitarre. Auch sollen die musikalischen Anfänge hier einige Beachtung finden, weil die Musik, genauer gesagt die eigenhändig gespielte

Stromgitarre, seit einigen Jahren zunehmend wichtig wird. Dass Egner die Begeisterung für elektrisch verstärkte Musik nie verloren hat, ist auch literarisch belegbar. So zeigt die Titelzeichnung des 1999 erschienen Romans „Androiden auf Milchbasis“ die Mädchenband „Die Fleischfressenden Fetischziegen“ – inklusive E-Gitarren; das im selben Jahr im Lexikon Imprint Verlag erschienene „Lexikon der Rockgitarristen“ titelt ebenfalls mit einer nicht unironischen Rock-Bühnenzeichnung Egners, und wer auf das Jahrzehnte überspannende und umfangreiche Cartoonschaffen des diesjährigen Von der Heydt-Preisträgers schaut, stößt immer wieder auf E-Gitarren, auf gerissene Saiten und Röhrenverstärker. Eingangs erwähnte ich meinen ersten Zeitungsartikel über Eugen, und es fiel das Wort privat-mythologisch. Heute, 7


Cartoon, erschienen in „Titanic“, Februar 2018

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über 30 Jahre später, und mit ein paar Einblicken in das seither entstandene Egner’sche Œuvre, kann ich die beinahe historisch zu nennende Selbstaussage bestätigen. Häufig sind es Erlebnisse aus dem Alltagsleben, die sich, wenn auch ins Skurrile gedreht, in der grotesken Fantastik der Egner’schen Kunstwelt wiederfinden lassen. Misslichkeiten des täglichen Lebens wie Sorgen und Ängste, Reisen, technische Defekte oder eine Motteninvasion in der Wohnung und – immer wieder – eigene Fehlleistungen spiegeln sich unweigerlich in seinem Werk.

Trotz aller biografischen Bezüge klafften und klaffen Fiktion und Realität weit auseinander. Ich kenne keinen gewissenhafter geführten Haushalt als den des hier Porträtierten; alles hat seinen festen und sauber gehaltenen Platz: die Bücher, die zahlreichen Musik-CDs, die Tassen und Teller und das Besteck und nicht zuletzt die 14 (in Worten: vierzehn) Stromgitarren. Die meistgespielten bilden eine vorbildliche Reihe, die, wären es nicht Instrumente und somit Mittel der Kunst, beinahe militärisch genannt werden könnte.

Ebenso geordnet geht es auf den ArbeitsTeile seiner Leserschaft vermuteten autotischen zu: Ihren festen Platz dort haben ein biografische Bezüge ganz anderer Art. DaBildschirm, eine Computertastatur und... nach müsse ein Besuch bei dem Autor dem das Zeichenbrett. Besuch bei einem vom Konsum halluzinogener Drogen derangierten, verwahrlosten Dessen Größe lässt erkennen, dass die koMenschen gleichen, der, anstatt den Abmische Grafik, die hier entsteht, einem wasch zu erledigen, das schmutzige Gealten, aus analogen Zeiten stammenden schirr zertrümmert und dann aus dem woGrundsatz der Printmedien-Zeichner folgt, möglich noch geschlossenen Fenster wirft. nämlich dass das Original in einer dem Vielleicht hat der von Enno Hungerland gedrehte und vom WDR 1992 ausgestrahl- Eugen Egner 1954 am Güterbahnhof in Druck sehr ähnlichen Größe angelegt werde. An dem bereits bei den Erlkönigen erte Kurzfilm „Aus dem Tagebuch des Eugen Wuppertal-Langerfeld kennbaren Format hat sich in den über 30 Egner“ zu dieser Fehleinschätzung beigetragen. Danach haust der sich selbst spielende Autor in ei- Jahren nichts geändert, und das gestattet es, die Originale nem Eisenbahnwaggon, führt einen chaotischen Haushalt, platzsparend in Papierschubladen aufzubewahren. sagt rätselhafte Sätze und lässt sich von seltsam bekleideten Menschen besuchen, die noch seltsameres Zeug erzäh- Seit 1988 finden sich Egner-Cartoons und Comics unter anlen. Zudem legt der für WDR-Verhältnisse mit einigem derem in der Titanic (hier zählt er bis heute zu den festen Aufwand gedrehte Film nahe, dass der Autor – der tatsäch- Mitarbeitern) und in der damals in Hamburg erscheinenlich seine erste Zeit im Nachkriegs-Wuppertal in einem den Kowalski. Das Hamburger Satiremagazin gehörte zum ausrangierten Eisenbahnwagen verbrachte – regelmäßigen Semmel Verlach; in dem durch Brösels WERNER groß gewordenen Verlag in Kiel erschien auch „Glücklich ist, wer Kontakt zu nordamerikanischen Indianern pflegt. Im Arbeitszimmer. Links oben: Wieder interessante Gitarrenteile bei Ebay entdeckt. Links unten: Das Zeigen der Instrumente (rechts im Bild: André Poloczek). Rechts: Der Künstler vor einem Teil seiner Spielzeugsammlung.

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Ohne Titel, aus dem „Phrenesie-Album“, 1994

vergißt, daß er nicht zu retten ist“. Das war 1991 und damit das Jahr, das Eugen und mich zu Verlagskollegen machte. Aber auch ohne den Umstand, dass ein Egner- und ein Polo-Cartoonband in jenem Jahr zu den Herbst Neuerscheinungen aus Kiel gehörte, hatten wir – wenn auch nur losen – Kontakt. Schließlich kannte sich die Autorenschaft des Wuppertaler Programm- und Satiremagazins iTALien, für das wir beide bis heute arbeiten.

schienenen iTALien-Samplers wäre, für den selbstverständlich Egner die Titelzeichnung lieferte. Ich hätte mir den Stolz-Satz wohl auch verkniffen, wenn ich mir nicht vorgenommen hätte, in einem Porträt des Kulturpreisträgers unserer Stadt für ein städtisches Kulturmagazin – eben für „die beste Zeit“ – all jene Aspekte besonders zu betonen, die Eugen Egner mit dieser Stadt verbinden. (All die anderen Ehrungen und Preise, eine Liste der Buchveröffentlichungen und die

Ja, „Wir sind stolz, Wuppertaler zu sein!“ – ein Satz, den ich nie geschrieben hätte, wenn er nicht der Buchtitel eines 1992 bei dem Buchhandlungsverlag Graeff & Heinrich er10

Reihe der für den WDR verfassten und dort produzierten Hörspiele seien hier nur erwähnt – schließlich lassen sie sich in einem, offenkundig von einem Egner-Fan stets aktualisierten und kenntnisreich geschriebenen, Wikipedia-Eintrag nachlesen.)


Wenn E. E. heute auf sein bisheriges schriftstellerisches Werk zurückblickt und konstatiert, dass dem eigentlich nichts mehr hinzuzufügen sei, wenn ihm seine komische Kunst auf Papier und die sehr kurzen komisch-grotesken Texte, die weiterhin entstehen und regelmäßig in Onlineund bundesweit erscheinenden Printmedien publiziert werden, so selbstverständlich geworden sind, dass sie in Gesprächen nur eine nebengeordnete Rolle spielt, dann ...?!

Ja, dann bleibt die Musik Den Sound und die zumeist improvisierten Tonfolgen, die der E-Gitarrist heute aus diversen verstärkten Saiteninstrumenten herausholt, verdankt er seinen Kontakten zu der freien Musikszene dieser Stadt. Hier waren die frühen 2000er-Jahre, in denen Egner im Westen Elberfelds sein Zuhause hatte, ausschlaggebend. Von den Anfängen bei „Armutszeugnis“ – wo außer RME Streuf auch Jan Kazda und Tim Buktu für qualitätvolle Musik sorgten – bis hin zu den wechselnden Jazz-Formationen, die seit 2006 aus bis zu einem Drittel Eugen bestanden und bestehen, lässt sich eine Entwicklungslinie erkennen – wenngleich der Musiker E. E. eine 20-jährige Pause in seiner Musikerbiografie verzeichnet. Das waren dann wohl die Jahre, in denen Gitarren verstärkt als Bildmotive zwar unhörbar, dafür aber gut sichtbar in der komischen Grafik auftauchten und lediglich die Tonträger von diversen Gitarrenvirtuosen die Arbeit am Schreib- und Zeichentisch begleiteten. Der Hörer Egner - ich verdanke ihm zahlreiche Empfehlungen in Sachen Musik; so hat er mich zum JeffBeck-Begeisterten gemacht. Ein Konzert der Violinistin Gunda Gottschalk sorgte bei Egner für den Initialfunken, um aktiv in die improvisierte Musik einzusteigen, und im Sommer 2006 wurde mit Dietmar Wehr am Bass und Dietrich Rauschtenberger am Schlagzeug das Trio „Gorilla Moon“ gegründet. Mit ein wenig Stolz und größerer Verwunderung konnte Egner zur Kenntnis nehmen, dass sich seither schon einige gestandene Protagonisten der improvisierten Musik mit ihm zusammengetan haben. Die eigenen Fähigkeiten an seinem Instrument relativiert er gerne, auch wenn er fast täglich spielt und systematisch Skalen - das sind festgelegte Tonfolgen – „und andere Schweinereien“ übt.

Vor ziemlich genau 30 Jahren: Aus dem Booklet zu „5600 Wuppertal – Die CD zur Stadt“

Erwartungsgemäß sind es die ungewöhnlichen Tonleitern, die es ihm angetan haben: Symmetrische Skalen wie die Ganzton-, Ganzton-Halbton- und Halbton-Ganzton-Skala etwa gehören zum bevorzugten Tonmaterial. Wo ein Halbton-Intervall zu groß erscheint, kommt der Vibratoarm – geringschätzend auch „Jammerhaken“ genannt – der den eigenen Bedürfnissen entsprechend umgebauten Gitarren zum Einsatz. Eine jüngst in Eigenarbeit entstandene bundlose Gitarre (Interessierte können „fretless“ googeln) mit einem auf kindliche Bedürfnisse zugeschnittenen Korpus gestattet – hakenlos und bügelfrei – überganglose Tonabstände. Was für sein Schreiben und Zeichnen gilt, behält in der Egner’schen Musik seine Gültigkeit. Er macht das, was er für richtig hält, was nicht passt, wird passend gemacht. Das mag skurrile, absurde, unerwartete, surreale und mehrfach komische Ergebnisse zeitigen und genau so geartete Egner-Auftritte erwarte ich anlässlich der Preisverleihung im November. Ich erwarte das Unerwartete, ich erwarte Eugenart. André Poloczek Freitag, 2. November 2018 Allerletzte Lesung mit Eugen Egner, City-Kirche, Wuppertal-Elberfeld Sonntag, 4. November 2018 Preisverleihung, ebenda Donnerstag, 22. November 2018 Preisträgerkonzert mit dem Eugen-Egner-Quintett, Jazzclub LOCH, Wuppertal-Elberfeld 11


Bogomir Ecker, Aufbau des Areals, 2018, Foto: Michael Richter © VG Bild-Kunst, Bonn, 2018

Ausstellungsraum in der Von der Heydt-Kunsthalle, vorne: Bogomir Ecker, Big Bang, 1999, Foto: Michael Richter © VG Bild-Kunst, Bonn, 2018

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Expedition ins Unentdeckte Von der Heydt-Kunsthalle und Skulpturenpark Waldfrieden: Bogomir Ecker an zwei Orten

Bogomir Ecker, Foto: Michael Richter

Bogomir Ecker (geb. 1950) ist bekannt für seine skulpturalen Interventionen im Stadtraum, für raumfüllende Installationen und seine hintergründigen Objekte. Eckers Skulpturen haben die Anmutung technoider Objekte, die als Instrumente zur Wahrnehmung der Welt interpretiert werden können. Er beschäftigt sich mit Phänomenen der Technik und der Kommunikation und erschafft Apparaturen, die, archaisch und futuristisch in einem, unser Bedürfnis, die Welt fundamental und wissenschaftlich zu begreifen, thematisieren. In seinem Werk gerät man in ein zusammenhängendes Geflecht aus Bedeutungen, Sinnzusammenhängen und Fragestellungen, welche unsere zivilisatorischen und technologischen Grundlagen, unseren Umgang mit Natur und die Möglichkeiten und Grenzen, uns über sie zu verständigen, betreffen.

Seit Jahrzehnten setzt Ecker sich auch mit der Rolle der Fotografie auseinander. Sein Zugriff auf die Fotografie geschieht immer mit einer skulpturalen Absicht. Herausragende Bilder aus seiner Sammlung anonymer Pressefotos hat er in großformatigen „Tableaus“ zueinander in Beziehung gebracht. Die Von der Heydt-Kunsthalle und der Skulpturenpark Waldfrieden widmen dem Bildhauer eine Doppelausstellung an zwei Standorten. Während sich die Kunsthalle in Barmen vornehmlich seiner Auseinandersetzung mit der Fotografie, seinen frühen Nachtfotos und den „Tableaus“ widmet, setzt der Skulpturenpark Waldfrieden parallel das skulpturale Werk in Szene. Im Interview erklärt Bogomir Ecker, was ihn an Pressefotos interessiert und warum die Montagetechnik für ihn wichtig ist.

Sie sammeln seit Jahren Pressefotos. Was fasziniert Sie daran? Das Unentdeckte im Bild, das, was man übersieht, das, was am Rande geschieht, die Ränder, die Unschärfe, Knicke, Risse, die Notizen und Kritzeleien auf den Rückseiten, die Retuschen, alle diese materiellen Spuren. Pressefotos wurden immer schlecht behandelt. Es sind auch größtenteils anonyme Bilder. Wie viele besitzen Sie mittlerweile? Ca. 15 000 bis 20 000 Fotografien. Nie gezählt. Warum ist die haptische Qualität von Fotos für Sie auch wichtig? Es kommt immer auf die Berührung an. Die Berührung ist entscheidend. Die Fotos sind dünne Objekte mit ihrer eigenen Geschichte. Nach welchen Kriterien stellen Sie die Tableaus zusammen? Es gibt keinen Plan. Die Bilder selber stellen die Bedingungen zu ihrer Kombination, sie suchen sich selber ihr überraschendes Gegenüber, ihre Gesprächspartner und Familien, ihre Streitigkeiten, Dialoge und Ablehnungen. Es entsteht eine vollkommen andere Erzählung. Ein Bildpanorama. Eine andere Erinnerung, die sich vollkommen unabhängig von ihrem ursprünglichen historischen Bild-Nachrichten13


Bogomir Ecker, aus der Werkgruppe „Ton“, 2014-2018, Foto: Michael Richter © VG Bild-Kunst, Bonn, 2018

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Bogomir Ecker, „Gloria Holden”, 1935, NBC Photo, übermaltes Pressefoto, Repro: Michael Richter © VG Bild-Kunst, Bonn 2018


Ausstellungsraum in der Von der Heydt-Kunsthalle, vorne: Bogomir Ecker, Mikrophon (für X.X.) I-IX, 2013, Foto: Michael Richter © VG Bild-Kunst, Bonn, 2018

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Bogomir Ecker, Ecker, Name Gargoz,der 2013, Foto: Michael RichterRichter © VG Bild-Kunst, Bonn, 2018 Bogomir Skulptur, Foto Michael


Sie haben 1979 bis 1982 selbst „Nachtfotos“ gemacht – fotografieren Sie auch heute noch selbst? Wozu? Es ist alles bereits vorhanden. Es ist alles bereits zu Tode fotografiert. Hat sich Ihr Verhältnis zur Fotografie geändert – auch durch die Möglichkeiten der digitalen Fotografie (und ihrer Bearbeitungsmöglichkeiten)? Siehe vorherige Antwort. Wir leben in einer fotosüchtigen Gesellschaft, jeder versucht, sich seine eigene Existenz durch Fotos zu beweisen. Misstrauen Sie der Fotografie? Ich misstraue zunächst jedem Medium, der Fotografie besonders, weil es so leicht ist, ein Bild zu machen. Es wird bis zum Erbrechen fotografiert. Wie gehen Sie bei Ihren Übermalungen vor? Was ist Ihre Intention dabei? Reine Verzweiflung. Wie spielen Fotografie und Skulptur ineinander? Beide können ausgehend vom Realen zum Imaginären gehen. Beide beginnen beim Material des Alltägli-chen. Das, was bei einem Flaneur einfach auf der Straße liegt und man nur greifen muss. Immer wieder das Imaginäre suchen! Meine Verwendung des Realen ist sowohl in der Skulptur wie auch im Umgang mit der Fotografie ähnlich. Montagetechnik. Bildkombinatorik und Dingkombinatorik folgen einer ähnlichen strikt kritischen Auseinandersetzung und einer gleichzeitigen Suche nach Spuren des Besonderen, des Unentdeckten. Es ist wie eine Expedition. Das Gespräch führte Marion Meyer

noch bis Sonntag 17. Februar 2019 Bogomir Ecker

Was das Foto verschweigt Von der Heydt-Kunsthalle (im Haus der Jugend Barmen) Geschwister-Scholl-Platz 4-6 42275 Wuppertal Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr www.von-der-heydt-kunsthalle.de Bogomir Ecker

Skulptur

Skulpturenpark Waldfrieden Hirschstraße 12 42285 Wuppertal bis Oktober: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 19 Uhr November bis Februar: Freitag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr www.skulpturenpark-waldfrieden.de Künstlergespräche Skulpturenpark Waldfrieden 3. Oktober, 15 Uhr Von der Heydt-Kunsthalle 22. November, 19 Uhr Kombi-Führungen: Skulpturenpark Waldfrieden/Von der Heydt-Kunsthalle Die Kombi-Führung bietet die Möglichkeit, beide Ausstellungen hintereinander zu besichtigen. Bei Bedarf steht ein kostenpflichtiger Taxi-Shuttle zur Verfügung. Sonntag, 9. Dezember, und Sonntag, 20. Januar 13 Uhr im Skulpturenpark Waldfrieden 14.30 Uhr in der Von der Heydt-Kunsthalle Barmen Anmeldung: Petra Lückerath, 0202 478981212 oder lueckerath@skulpturenpark-waldfrieden.de

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13.12.17 10:01

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Museumsdirektor Dr. Gerhard Finckh beim Aufbau seiner letzten Ausstellung „Blockbuster Museum“, Fotos (3): Willi Barczat

Ein Kehraus der ganz persönlichen Art Mit der Ausstellung „Blockbuster Museum“ verabschiedet sich Dr. Gerhard Finckh vom Von der Heydt-Museum Anne-Kathrin Reif sprach mit dem scheidenden Museumsdirektor über seine letzte Schau, über 13 Jahre erfolgreiche Arbeit in Wuppertal und darüber, wie er die Zukunft des Museums sieht. Die Wände voller Löcher. Vitrinen, noch in Plastik verpackt, stapeln sich in der Raummitte. Nebenan sind Papiermaterialien auf einem Tisch ausgebreitet. Stellwände, bei denen das rohe Sperrholz sichtbar ist, davor Holzabfälle auf dem Boden. Lang ist es am Tag meines Besuches nicht mehr hin bis zur Eröffnung „Blockbuster Museum“ im Von der Heydt-Museum, und ganz offensichtlich gibt es noch jede Menge zu tun. Dass ich mit 18

dieser Einschätzung ziemlich auf dem Holzweg bin, wird mir beim Rundgang mit Museumsdirektor Dr. Gerhard Finckh jedoch schnell klar: Was ich da sehe, ist nämlich bereits Teil der Ausstellung. „Wenn man als Besucher in eine Museumsausstellung geht, nimmt man es als selbstverständlich hin, dass alles schön aussieht und gut präsentiert ist“, sagt Gerhard Finckh. „Wir wollen einmal zeigen, was es für ein Aufwand ist, bis eine solche Präsentation überhaupt zustande kommt. Wie viel Detailarbeit dazu gehört. Wie viele Menschen daran beteiligt sind. Und wir wollen zeigen, was es braucht, damit sich die Faszination, die von bedeutenden Kunstwerken ausgeht, beim Betrachter auch


einstellt. Eine Ausstellung besteht ja nicht aus einer beliebigen Aneinanderreihung von Objekten – dazu ist schon sehr viel an Überlegung und Vorbereitung nötig.“ Natürlich wird die Schau, mit der sich der Museumsdirektor nach 13 Jahren in Wuppertal in den Ruhestand verabschiedet, aber nicht nur unrenovierte Räume zeigen sondern auch jede Menge hochkarätige Kunstwerke aus der eigenen Sammlung – nur eben in irritierend ungewohntem Ambiente. Eine spannende Sache mit einem einwandfreien didaktischen Ansatz also. Aber auch eine intelligente Replik des Museumsdirektors auf eine Situation, die ihm einen glanzvolleren Abgang verwehrt. Denn eigentlich hatte Finckh zum Abschluss die Schau „Aufbruch zur Freiheit“ über das Zeitalter der Aufklärung im Frankreich des 18. Jahrhunderts geplant. Drei Jahre Arbeit steckten bereits in der Vorbereitung. Zu den Leihgebern hätten unter anderem das Schloss von Versailles und der Pariser Louvre gehört. Vorstand und Beirat der Museums-gGmbH befürchteten jedoch, dass die Schau nicht genügend Besucher anziehen würde, um die Kosten zu decken, und sagten sie wenige Monate vor der Eröffnung ab. Finckh bekam auf die Frage, wie jetzt auf die Schnelle eine andere Ausstellung zu stemmen sei, ein lapidares „Dann zeigen Sie doch einfach die Sammlung!“ zu hören. Genau das tut er jetzt – und führt zugleich vor, dass auch dies ganz und gar nicht „einfach“ zu haben ist. Statt einer prächtigen Bilderparade mit Werken von Watteau,

Boucher, Fragonard nun also Franz Marcs „Blauer Fuchs“, Kandinskys „Kirche in Riegsee“, Picassos „Liegender Frauenakt mit Katze“ und andere museumseigene Kostbarkeiten zwischen Dachlatten und Sperrholzwänden. Auch der Besen, mit dem sonst die Spuren der Handwerksarbeiten beseitigt werden, bleibt stehen. Ein Kehraus der ganz persönlichen Art. Vergällt ihm diese Geschichte nach 13 Jahren überaus erfolgreicher Arbeit als Direktor des Von der Heydt-Museums nun den Abschied von Wuppertal? „Man könnte sagen, sie macht es mir leichter“, erwidert Finckh trocken. Aber im Rückblick auf seine Zeit in Wuppertal überwiegt dann doch das Positive, wie unser Gespräch zeigen wird. Erinnert er sich noch daran, wie er das Museum vorgefunden hat und mit welchen Erwartungen er angetreten ist? Gerhard Finckh: Ich erinnere mich gut daran. Ich kannte das Museum ja lange vorher, war von Bayern aus öfter schon hierhin gefahren. Bereits in Emden und dann in Essen habe ich mit Frau Dr. Fehlemann zusammengearbeitet.* Ab 2000 war ich dann in Leverkusen und habe auch von dort aus das Museum immer beobachtet, geschaut: Was machen die an Ausstellungen, was ist da los? Und habe gesehen, dass das eine unglaublich prächtige Sammlung ist, die damals auf starkfarbigen Wänden – so richtig gelb, richtig blau oder rot – präsentiert und nach Themen gehängt war. Also ein Saal mit Stillleben, einer mit Porträts, Landschaften, Tier-

19 Gerhard Finckh beim Museumsrundgang. Der Entscheidung, wo die Kunstwerke platziert werden, geht viel Vorarbeit voraus.


bildern und so weiter. Als ich im Mai 2006 hier anfing, entschied ich mich als Erstes, die Bilder wieder chronologisch nach Epochen zu hängen und die Wände weiß oder hellgrau zu streichen. Bei der Gelegenheit habe ich die Sammlung auch erst richtig kennengelernt, vieles in den Depots entdeckt. Der Eindruck war überwältigend. Und was war die erste Ausstellung, die Sie organisiert haben? Die erste Ausstellung war zu Lyonel Feininger, was aber Frau Fehlemann noch angebahnt hatte. Allerdings musste ich das dann innerhalb eines halben Jahres umsetzen. Als die Ausstellung ein schöner Erfolg wurde, war eigentlich recht schnell ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, und ich konnte die Ausstellung über die „Schule von Barbizon“ machen, damals unterstützt von der Brennscheidt-Stiftung. Sie haben dann über die Jahre vor allem mit den großen Impressionismus-Ausstellungen dem Museum zu großer Strahlkraft verholfen. War das von Anfang an ein Schwerpunkt, den Sie im Sinn hatten? Überhaupt nicht. Ich bin hergekommen mit der Idee, aus den verschiedenen Bereichen der Sammlung immer wieder Themenausstellungen zu machen. Es gibt die Niederländer, es gibt die Biedermeiersammlung, die Impressionisten, die Expressionisten und die Gegenwartskunst. Die Idee war, diese verschiedenen Stränge zu verfolgen und jeweils etwas daraus zu machen. Aber dann hat sich eines aus dem anderen ergeben – nach dem Erfolg der „Barbizon“-Ausstellung kam die noch eher kleine Ausstellung zu Renoir, dann Sisley, Pissaro, Monet. Diese sehr teuren Ausstellungen haben wir immer im Herbst gemacht, weil man dann mit mehr Besuchern rechnen kann. Und weil dann auch tatsächlich sehr viele Menschen kamen, hat das dazu geführt, dass das Museum fast so ein Image als „Impressionismus-Museum“ bekommen hat. Aber das war gar nicht so intendiert. Intendiert war, auch alle anderen Epochen abzubilden. Und das ist auch passiert – es ist nur bei vielen in der Erinnerung nicht so präsent. Und natürlich haben wir auch die Gegenwartskunst sehr intensiv betrieben – wobei ich zunächst dachte, das auch hier im Haus machen zu können, was aber nicht so die richtige Resonanz gefunden hat. Daraufhin haben wir das getrennt und das Neuere, Experimentellere in der Kunsthalle in Barmen gezeigt. Hier im Haus haben wir auch viel zum Expressionismus gemacht, wir haben „Das goldene Zeitalter“ gemacht mit den Niederländern des 17. Jahrhunderts und danach die große Rubens-Ausstellung – und eine Menge anderer Dinge. Insgesamt war es, glaube ich, ein sehr buntes Programm. Aber festgesetzt hat sich in den Köpfen die Impressionsmus-Reihe. 20

Die ja – wie einiges andere auch – in der Tat außergewöhnlich ist für ein Museum dieser Größenordnung. Wie haben Sie das finanziell gestemmt? Mit großen Anstrengungen und mit der Unterstützung von großen Sponsoren wie der Brennscheidt- und der Jackstädt-Stiftung. Und mit vielen ehrenamtlichen Kräften, etwa im Museumsshop. Aber sicher auch, weil wir mit den Pfunden unserer Sammlung wuchern und hochklassige Werke zum Tausch anbieten konnten. So konnten wir Ausstellungen realisieren, die es so in der Zeit in Deutschland kaum gab, das muss man schon sagen. Es hat sich kaum ein Museum an Impressionismus-Ausstellungen herangetraut, weil das einfach sehr teuer ist. Da kann ein einzelnes Bild schnell hundert Millionen Euro wert sein und muss entsprechend versichert werden. Aber wir haben gesagt: Wir kriegen das hin. Und das in einer Zeit, die alles andere als einfach war, weil die Stadt gerade begann, sich finanziell aus dem Museum mehr und mehr zurückzuziehen. Andererseits konnten wir dadurch aber auch freier agieren. Dazu muss man wissen: Der Kunst- und Museumsverein (KMV), die Brennscheidt-Stiftung und die JackstädtStiftung haben 2008 die gemeinnützige Von der HeydtgGmbH gegründet. In einem Kooperationsvertrag hat die Stadt festgelegt, dass sie noch das Gebäude inklusive Unterhalt, also Strom und Wasser etc., unterhält und 19 der ehemals 30 Stellen an Personal. Die Museums-gGmbh kümmert sich um das Ausstellungsgeschäft und hat eigenes Personal, zum Beispiel für die Pressearbeit, eingestellt. Finanziert wird das aus einem eigenen Etat, der sich aus den Zuwendungen der Brennscheidt- und der JackstädtStiftung sowie des KMV speist, die auch Gesellschafter der gGmbH sind, plus weiteren Spenden sowie den Eintrittsgeldern und den Einnahmen aus dem Museumsshop.

Nun haben Sie ja bewiesen, dass man auch auf diese Art viel bewegen kann. Lässt sich denn so das Niveau auch in Zukunft halten? Kann Ihr Nachfolger oder Ihre Nachfolgerin auf diesem Level weiterarbeiten? Das wird wohl leider nicht möglich sein. Da müsste man jetzt schon ganz gewaltige Anstrengungen unternehmen. Wir hatten bis jetzt die Situation, dass die Stadt sich zehn Jahre lang quasi zurücklehnen konnte – das Museum lief gut. Aber in den zehn Jahren ist das Geld, das wir mit der gGmbh erwirtschaftet haben, auch wieder abgeschmolzen. Wir haben es in Ausstellungen gesteckt, in Personal, auch in die Ausstellungen in Barmen, die weniger eingebracht haben, aber auch nicht billig waren. Das war durchaus so geplant, das Geld, das wir erwirtschaften, auch wieder für


die Kunst auszugeben. Aber nun ist es eben auch weg, und man muss sehen, wie man diesen Museumsdampfer wieder flott macht. Da muss die Stadt jetzt kreativ und tätig werden und sehen, dass wieder Geld und Personal in das Museum hineinfließen. Und die gGmbh muss zusehen, über Mäzene und Sponsoren wieder neues Geld zu aquirieren, sodass man da wieder eine Handbreit Wasser unter dem Kiel hat und wieder weiterschwimmen kann mit diesem Kreuzfahrtriesen. Im Moment ist die Situation sehr schwierig, das kann man nicht anders sagen. Im Rückblick auf 13 Jahre in Wuppertal zufrieden: Dr. Gerhard Finckh im Gespräch

Wenn es so schlecht steht um die Finanzierung, muss man sich um die Zukunft des Von der Heydt-Museums Sorgen machen? Die Stadt pflegt ja große Blütenträume von Seilbahn, Bundesgartenschau oder Pina Bausch Zentrum, ohne zu wissen, wie sie die finanzieren soll. Befürchten Sie, dass das Museum dabei unter die Räder kommen könnte? Die Sorge habe ich durchaus. Denn es ist natürlich ein Leichtes, das eine gegen das andere Projekt auszuspielen, und da könnte das Museum hinten runterfallen. Was man aber sagen kann, ist: Wir haben in den letzten zehn Jahren gezeigt, was wir können und welche Strahlkraft das Museum entfalten kann. Wir haben in dieser Zeit mit diesem Museum fast zwei Millionen Menschen in diese Stadt gebracht. Und die haben im Schnitt 30 Euro in der Stadt gelassen – das kann man über die sogenannte Umwegsrentabilität berechnen. Das sind 60 Millionen Euro, die das Museum der Stadt eingebracht hat. Auf solche Zahlen kann ein Theater gar nicht kommen, selbst wenn es noch so spektakulär ist. Das kann aber das Museum, wenn es gute Arbeit macht. Das Von der Heydt-Museum könnte weiterhin sehr zum Ruhm Wuppertals beitragen. Man kann nur hoffen, dass die Stadt das einsieht und alles daransetzt, die jetzige kleine Durststrecke zu überwinden und das Museum unter meinem Nachfolger, meiner Nachfolgerin wieder zum Blühen zu bringen. Woran fehlt es denn genau, was müsste getan werden? Dringend notwendig wäre eine Aufstockung des Personals. Wir haben zu wenig Leute – das fängt an bei den Aufsichten, es geht weiter über den Kassenbereich und die Sicherheitszentrale. Auch für den einzigen Restaurator, den wir haben, sind die Aufgaben nicht zu schaffen. Wir brauchen eine Verstärkung in der Museumspädagogik und im Bereich Presse und Marketing und auch dringend Kräfte im wissenschaftlichen Bereich, die Projekte mitbetreuen können. Wir wollen in Zukunft das Museum auch digital besser aufstellen, auch dafür brauchen wir Leute. Natürlich bräuchten wir eigentlich auch ein neues Museum. Das

Haus ist eben ursprünglich ein Rathaus, es kommt mit so einer hoheitlichen Geste daher, schon im Eingangsbereich. Von einem Museum heute erwartet man, dass es demokratischen Verhältnissen entspricht, es muss offener und freier sein. Und man braucht natürlich mehr Raum. Wenn wir unsere Schätze entsprechend ausbreiten könnten, würde man auch schnell sehen, wie bedeutend dieses Museum ist. Jetzt können wir ja immer nur kleine Ausschnitte zeigen. Ein Neubau ist natürlich ein Traum. Vielleicht sollte sich die Stadt aber doch einmal entschließen, diesen Schatz zu heben. Aber auch ohne das brauchen wir mehr Geld. Die Versicherungssummen steigen ins Astronomische, die Transportkosten verschlingen ein Vermögen – wir brauchen schlichtweg Bares. Wenn wir noch mal zurückschauen – was waren Ihre persönlichen Ausstellungs-Highlights? Deckt sich das mit den großen Publikumsrennern? Es sind verschiedene Sachen. Einerseits freut man sich natürlich wahnsinnig, wenn man so eine Monet-Ausstellung machen kann, und da kommen 300 000 Besucher, das ist schon ein tolles Gefühl. Aber mir geht es eigentlich mehr darum, ob eine Ausstellung in sich stimmig ist und ob sie das erfüllt, was ich mir am Anfang vorgestellt hatte. Und da ist häufig etwas gelungen, das sehr schön war. Auf der anderen Seite fand ich es unglaublich beglückend, dass wir abgesehen von den Ausstellungserfolgen auch das Museum selber voranbringen konnten. Wir haben zwar nicht viel Geld gehabt für Ankäufe**, aber wir haben viele wunderbare Schenkungen bekommen. Und das ist schon großartig, wenn da jemand aus Berlin ein Kunstwerk nicht an ein Berliner Museum gibt, sondern an das Von der Heydt-Museum, weil er sagt: „Ihr seid was Besonderes, ihr habt eine besondere Art, mit den Dingen umzugehen.“ Das finde ich sensationell, wenn so etwas passiert, und es ist mehrfach passiert. Diese Anerkennung der Menschen dem Museum gegenüber, das hat mir viel Freude gemacht. 21


Francis Bacon, Studie für ein Selbstbildnis, 1981, The Estate of Francis Bacon, Von der Heydt-Museum Wuppertal, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

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Pablo Picasso, Liegender Frauenakt mit Katze, 1964, Succession Picasso, Von der Heydt-Museum Wuppertal, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Was ist denn dieses Besondere, das die Menschen offenbar wahrnehmen? Wir sind besonders sorgfältig. Wir lieben die Dinge. Wenn ich dem Restaurator ein neues Bild zeige, sehe ich, wie seine Augen leuchten. Bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern spürt man einfach eine Freude an den Dingen. Und wir haben immer versucht, diese neuen Werke auch gleich zu integrieren, etwas damit zu machen – auch wenn das nicht immer möglich war. Jetzt, bei Ihrem Abschied: Was wünschen Sie dem Museum für die Zukunft? Ich wünsche dem Museum natürlich, dass es weiter wachsen kann. Dass es eben wieder mehr Geld, mehr Personal, mehr Raum hat. Dass es sich entwickelt – das ist ungemein wichtig für ein Museum. Ein Museum wird oft wahrgenommen als etwas Statisches, was seit hundert Jahren so ist und sich nicht bewegt. Das ist aber nicht der Fall, im Gegenteil. Abhängig davon, wie die Menschen sind, die im Museum arbeiten, kann das eine unheimlich dynamische Angelegenheit sein, die für die Stadtgesellschaft viel bringt. Und das haben wir ja hier gesehen, die Menschen kamen, und sie haben das Museum geliebt. Also das wäre mein großer Wunsch, dass das Museum sich so positiv weiterentwickelt, dass die Wuppertaler auch weiterhin Freude daran haben und sagen: „Das ist unser Museum. Wir tun alles dafür, dass es da vorwärtsgeht.“

Lieber Herr Finckh, herzlichen Dank für das Gespräch. Das Team der „besten Zeit“ wünscht Ihnen alles Gute für die Zukunft! Anne-Kathrin Reif

Blockbuster Museum Eröffnung: Sonntag, 7. Oktober 2018, 11.30 Uhr Von der Heydt-Museum, Turmhof 8, 42103 Wuppertal Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr www.von-der-heydt-museum.de * Gerhard Finckh, geb. 1952 im bayerischen Bruckmühl, studierte Kunstgeschichte in München. Von 1987 bis 1990 war er Leiter der Kunsthalle Emden, 1990 bis 2000 Ausstellungsleiter des Museum Folkwang in Essen. Anschließend leitete er das Museum Morsbroich in Leverkusen. 2006 wurde er Direktor des Von der HeydtMuseums als Nachfolger von Dr. Sabine Fehlemann. ** Geld für Ankäufe fließt nur aus den jährlichen Ausschüttungen der Freiherr Von der Heydt-Stiftung und, speziell für Gegenwartskunst, von der Renate und Eberhard Robke-Stiftung.

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Karla Black installiert „Story Of A Sensible Lenght“, 2014.

Der flexible Plan

Das Rokoko in der Gegenwartskunst Ein Ausstellungsbesuch vor der Eröffnung im Museum Morsbroich

Anke Eilergerhard, Detail „Annalotta“, 2018

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Dr. Fritz Emslander, Heike van den Valentyn, Ausstellungskuratorin, und Dr. Stefanie Kreuzer, Hauptkuratorin des Museums Morsbroich, führen durch die Ausstellung.

Üppig stand sie vor mir, mit rundem, rosafarbenem Bauch, aus dem eine Vielzahl an Kaffeekannendeckeln ragen und den Eindruck von unzähligen kleinen Brüsten mit goldenen Nippeln erzeugen. Darüber bildet sich ein langer Hals aus keramischen Gefäßen. Als Abschluss formt eine Kombination aus Tassen und Kannen ein Gesicht, das die ganze Skulptur zu einer üppigen, vor sinnlichem Leben strotzenden Frau werden lässt. Drei solcher Skulpturen stehen in einem Raum, genannt „Annalotta“, „Annabeth“ und „Anastasia“, und geben einen Hinweis auf ihre Schöpferin Anke Eilergerhard, geboren 1963 in Wuppertal. Türkisfarbene, rosa und pastellgelbe Sahnehäubchen überziehen die stramme Wölbung des Bauches und alle Zwischenräume der Tassen und Kannen. Porzellan, das in Europa um 1708 entdeckt wurde, steht wie kaum ein anderes Material für das Zeitalter des Rokoko, wogegen hier die Sahne aus Silikon besteht und einen Verweis auf das moderne Leben gibt.

Aber beginnen wir von vorne. Der stellvertretende Direktor Dr. Fritz Emslander hatte uns, die Redaktion der „besten Zeit“, eingeladen, an einer Führung durch die halbfertige Ausstellung „Der flexible Plan“ teilzunehmen, und wir sind der Einladung gerne gefolgt. Empfangen und durch die Ausstellung geführt wurden wir von Dr. Stefanie Kreuzer, der Hauptkuratorin des Museums Morsbroich, und von Heike van den Valentyn, der Ausstellungskuratorin. Die Ausstellung befand sich noch im Aufbau, überall standen Kisten, technisches Personal bemühte sich um die richtige Präsentation der Skulpturen, legte Stromkabel usw. Im ersten Raum hörten wir hinter fließenden Folienbahnen, die mit rosa- und türkisfarbenem Puder überzogen von der Decke hingen und ineinanderverknüpft zu schweben scheinen, die Stimme von Karla Black. Sie gab noch letzte Anweisungen zur Installation ihrer Arbeit, die sie „Story Of A Sensible Lenght“ nennt.

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Pia Stadtbäumer, „Weitere galante Szenen“, 2006/10 , die Skulpturen warten auf ihre Installation.

Die Materialien, die Farben Rosa und Türkis, gaben bereits hier zu Beginn der Ausstellung einen Vorgeschmack auf die Sinnlichkeit des Rokoko.

Diese Sinnlichkeit begegnete uns auch auf dem weiteren Rundgang der Ausstellung. Sei es in der Arbeit der portugiesischen Künstlerin Leonor Antunes, in der eine flexible Metallbahn, aus Messing gewebt, stoffähnlich in mehreren Bögen durch den Raum schwebt, oder im Werk des Weißrussen Alexej Koschkarow mit seiner Interpretation eines Tisches, der 1941 von Truppen der Deutschen Wehrmacht aus dem Rokoko-Schloss Gattschina entwendet wurde. Der Tisch zeigt auf beinahe schon pornografische Weise weibliche und männliche Geschlechtsteile, die auf die amourösen Abenteuer der Zarin Katharina die Große verweisen. Dem Tisch zugeordnet sind Munitionskisten der Einheit Edelweiß, die den Tisch geraubt haben könnte. In seinen Alexej Koschkarow, „Beutekunst“, 2005

historisierenden Objekten, ausgeführt in höchster handwerklicher Präzision, versteht es Koschkarow, Zeitläufe und historische Verflechtungen aus der Gegenwart in Beziehung zu seiner eigenen Geschichte und der Europas zu setzen. Die Skulpturen von Pia Stadtbäumer sind von einer betörenden Erotik. Sie verführen den Betrachter zum reizvollen Erkunden des Dargebotenen. Sein Blick schweift über die sich in großen Gesten offerierenden Körper, wandert über die lustvoll entblößte Haut der zur Schau gestellten Posen bis in die aufgewühlten Faltenwürfe der Kleider, die eher dazu dienen, die Nacktheit zu inszenieren als den Leib zu bedecken. Eine Gestalt bewundert sich selbst im Schwarz einer glattpolierten Platte, eine andere wirkt, als übe sie eine Geste der Scham ein. Beschäftigt sind sie allemal – ausschließlich mit sich selbst. Sie sind sich dabei ihrer Selbstinszenierung bewusst. Entrückt und verzückt wirken sie in ihrer Isolation seltsam aktuell. Während Kleidungsstil, Frisuren und frivole Handlungen ganz in der Tradition des Rokoko verhaftet sind, verweist die Inszenierung des Privaten und die Betonung des Sexuellen direkt auf die Gegenwart der digitalen Welt, sprich die sozialen Medien. Im Rokoko fand ein Rückzug ins Private statt. An die Stelle monumentaler Machtentfaltung und kraftvoller Dyna-

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mik des Barock traten kultivierte Lebensführung und ein leichtfüßiges, feinsinniges Lebensgefühl, gepaart mit vornehm-zarter Sinnlichkeit und galanten Umgangsformen. Es wird vom Zeitalter der „décadence“ gesprochen; Voltaire bezeichnete es als „le siècle des Petitesses“ (das Jahrhundert der Kleinigkeiten). In das Zeitalter des Barock drängte sich aber auch die Epoche der Aufklärung hinein. Als wichtige Kennzeichen der Aufklärung gelten die Berufung auf die Vernunft als universelle Urteilsinstanz, mit der man sich von althergebrachten, starren und überholten Vorstellungen und Ideologien befreien will. Entsprechend der römischen Göttin Minerva, die der Menschheit das Licht der Erkenntnis spendet, heißt diese ab 1700 einsetzende Epoche auch „Le siècle des Lumières“ (Zeitalter des Lichts).

Alice Channer, „Crustacean Satellites“, 2018

In diesem Kontext ist die Arbeit „Enlightenment“ (Aufklärung, 2002) von Jeppe Hein zu sehen. Wie zahlreiche Werke des dänischen Künstlers verbindet diese Arbeit Merkmale der kinetischen, beweglichen Kunst mit Interaktivität. So tauchen die fünf kugelförmigen, von der Decke hängenden Neonkonstruktionen den Raum zunächst in ein intensiv helles Licht. Nähert sich der Betrachter diesen schwebenden Körpern, erlischt das Licht, entfernt er sich, nimmt die Lichtintensität wieder zu. Der Betrachter kann also aktiv ins Geschehen eingreifen. Heike van den Valentyn, Ausstellungskuratorin, Dr. Fritz Emslander

Muschelgehäuse oder Krabbenpanzer bilden das organische Ausgangsmaterial der Skulpturen der englischen Künstlerin Alice Channer. In einem industriellen Produktionsprozess wurden die Gehäuse alle bis auf jeweils eines mit einer silbernen Aluminiumschicht überzogen. Paradoxerweise erscheint das unbehandelte Gehäuse im Vergleich zum silberfarbenen Pendant fast künstlich. In der Bewegung und im Glanz des Ornaments sowie im Studium der Produktionsprozesse und der Naturphänomene überführen die Werke der Künstlerin die divergierenden thematischen Pole des 18. Jahrhunderts, Rokoko und Aufklärung, in die Aktualität.

und Dr. Stefanie Kreuzer, Hauptkuratorin des Museums Morsbroich

hohen roten Stiefeletten bilden jedoch unterschwellig Anhaltspunkte, die völlig andere Lesarten eröffnen. So könnte es sich bei dem Kleidungsstück, das hell unter dem Mantelsaum hervorlugt, auch um einen Verweis auf die freizügigen Cancan-Tänzerinnen des Pariser Moulin Rouge handeln. Der Blick ihrer Augen irritiert ein weiteres Mal. Sie scheinen nach innen gerichtet zu sein. Vielleicht reflektieren Sie noch einmal die gesehene Ausstellung „Der flexible Plan“, die auf sowohl amüsante als auch nachdenkliche Art Markus Schinwald, „Solange“, 2005

Die letzte Skulptur der Ausstellung scheint noch einmal abschließend die beiden Hauptströmungen des 18. Jahrhunderts aufzugreifen. Seltsam gefangen sinnt die auf der Schaukel sitzende Frau „Solange“ (2005) des österreichischen Künstlers Markus Schinwald. Die zum Dutt hochgebundene Frisur als auch der lange braune Mantel wirken, als entstammten sie der Nachkriegszeit oder gar dem 19. Jahrhundert. Der rüschige zartrosa Unterrock und die 27


und Weise eine Zeit im Umbruch, zwischen dekadentem Amüsement und Aufklärung, zeigt und abschließend die Frage provoziert: Ist die Welt, in der wir heute leben, denn so viel anders? Helmut Steidler Fotos: Willi Barczat

Der flexible Plan – Das Rokoko in der Gegenwartskunst bis zum 6. Januar 2019 Künstler: Leonor Antunes, Cornelia Badelita, Karla Black, Thierry Boutemy, Glenn Brown, Alice Channer, Edith Dekyndt, Anke Eilergerhard, Katharania Grosse, Jeppe Hein, Rachel Kneebone, Alexej Koschkarow, Lois Renner, Anri Sala, Markus Schinwald, Anj Smith und Pia Stadtbäumer Museum Morsbroich Gustav-Heinemann-Straße 80, 51377 Leverkusen Dienstag bis Sonntag 11 bis 17 Uhr Öffentliche Führungen jeden Sonntag 15 Uhr Gruppenführungen nach Vereinbarung Angela Hoogstraten: 0214 855 56 15, angela.hoogstraten@museum-morsbroich.de

Markus Schinwald, „Solange“, 2005

Stu_Anz_BesteZeit_Sturies_Anz_Akademie.qxp 20.09.18 16:01 Seite 4

D r. Andreas S t u r i e s M o d e r n e K u n s t & Au k t i o n e n »Das Beste für die Kunst ist es, als ein Hobby, eine Nebensache behandelt zu werden. Denn was haben wir Künstler, wir unbedeutenden kleinen Ameisen, letztlich zu sagen? Wir, die doch nichts weiter als aufgeblasene Frösche sind? Wo ist unser Einfluss? Wo unsere Bedeutung? Verändern wir das allgemeine Bild nur im Geringsten?« George Grosz, »A Little Yes and a Big No«, New York 1946. Im Dienste Ihrer Nebensachen: Auktion 40, Samstag, 17. Nov. 2018, 14 Uhr, Steigenberger Parkhotel, Düsseldorf Einlieferungen für die Auktion 41 am 4. Mai 2019 sind bereits freundlich erbeten.

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George Grosz, Grimmiger Mann. 1918. Aus: Ecce Homo, 1922/23. © Estate of George Grosz, Princeton, N. J./ VG Bild-Kunst, Bonn 2018


LOCH, Foto: Talitha Lahme

Die kleine Geschichte von der

Kunst aus dem LOCH Wie stopft man ein LOCH, das man gerne hat? Man gibt etwas hinein, das einem am Herzen liegt. Zum Beispiel all das, was woanders keinen Platz zur Entfaltung findet. Ein Vorschlag aus Wuppertal:

Dieser Eindruck deckt sich mit dem spartenübergreifenden Programm. Wer Jazz mag, dem könnte auch zeitgenössische Kunst gefallen, wem zeitgenössische Kunst gefällt, der hört sicher auch elektronische Musik. Und kalte oder warme Getränke schmecken doch sowieso jedem.

Es war einmal …

Doch wie entstand dieser Ort, an dem scheinbar nicht in Sparten gedacht wird, sondern ein semi-experimentelles Probierfeld den Tagesablauf bestimmt? Er ging aus der Aktion des Sommerlochs hervor, die sich zwischen 2011 und 2014 in einer Stadtvilla nahe des RobertDaum-Platzes und in den Elbahallen ereignete. Das Sommerloch verband alles, was den Machern wichtig war, zu einem dreimonatigen Projekt mit Festivalcharakter: Pop und Jazz wurden begleitet von Medienkunst und einer Party des „Tortenclubs“; der breit angelegte Ausstellungsbereich für Künstler teilte sich seinen Platz mit Alltagskultur, etwa Flohmarkt, Kino und dem Minigolf-Spektakel „Supagolf“.

... das LOCH. Befindlich in der Peripherie des Wuppertaler Luisenviertels ist es inzwischen dem ein oder anderen als Konzertstätte und Heimat des Jazz Clubs ein Begriff. Steigt man jedoch hinab (oder besser: hinein) ins LOCH, so offenbaren sich dem Kunst- und Kulturbegeisterten noch ganz andere Schätze: Nachdem man sich weder vom steilen Aufstieg noch vom Bauzaun hat aufhalten lassen, wird man im LOCH von einem bunten Konglomerat alter Möbelstücke und Selbstgebautem empfangen. Zahlreiche Grünpflanzen säumen einen langen Fenstergang, der (wie auch die Damentoilette) schon mal als Ausstellungsort für Kunstwerke diente. Eine Diskokugel dreht sich und lässt ihre Lichter über die Röhren an der Decke und die im ganzen Raum verteilten Bücher tanzen. Ein Ort wie ein Wimmelbild - in jeder Ecke findet sich etwas Spannendes, Schräges und Liebevolles.

Anfang 2015 fand dann erstmalig in den Räumlichkeiten des Bücherschiffs eine ebenfalls temporär begrenzte Aktion statt, die weitestgehend dem Charakter des Sommerlochs entsprach. Allerdings war es nicht mehr Sommer: Der Titel wurde kurzerhand auf „LOCH“ reduziert. Die 29


Hakan Eren, Sala Seddiki, Polar #3, Foto: Maik Ollhof

Hakan Eren, Cousine, Polar #3 Foto: Maik Ollhof

Festivalstimmung hatte, trotz kalter Märzluft, im Vergleich zum Namen jedoch keine Einbußen zu verzeichnen und so wurde das Projekt LOCH verlängert.

Abend kann es durchaus passieren, dass Menschen, die üblicherweise nicht in Ausstellungen gehen, mit nicht üblicher Kunst konfrontiert werden.

Nach einer konzeptuellen und kuratorischen Atempause eröffnete das LOCH im März 2017 in seiner heutigen Form. Die Entwicklung führte zu einer „dauerhaften Zwischenlösung“, wie Mira Sasse, Kuratorin der POLAR-Ausstellungsreihe, es scherzhaft nennt. In der Location an der Bergstraße und seit nunmehr anderthalb Jahren tut sich einiges in den alten Lesesälen.

„Immer wieder werden Erwartungen unterwandert“, betont Sasse. „Und das Wuppertaler Publikum schwankt nicht selten zwischen Enttäuschung und Euphorie.“

… und wie kam die Kunst ins LOCH? Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Hier, dem Jetzt, dem Vergangenen, dem Eigenen und der Gesellschaft stellt ein wichtiges Element beim Füllen des LOCHS dar.

Ganz gleich, wie die Erwartungen der Besucher auch sein mögen, die Kunst ist im LOCH unmittelbar erfahrbar. Dabei stehen nicht nur die rauschenden Feste und ProgrammHöhepunkte, wie zum Beispiel die Ein-Jahr- LOCH-Geburtstagsfeier, im Vordergrund. Laut Sasse findet man den „LOCH-Spirit“ auch in den stillen Arbeiten und Abenden. Und vielleicht am deutlichsten im Umgang miteinander.

Und weiter? Nicht nur die POLAR-Reihe bietet der

So wurden in den vergangenen Monaten im Rahmen der Reihe POLAR – Kräftefelder aktueller Kunst, fünf Ausstellungen erfolgreich realisiert. Mira Sasse, die in Wuppertal lebende Künstlerin, kuratierte die Ausstellungsreihe, die verschiedenste künstlerische Spannungsfelder aufeinandertreffen ließ. Zwei Künstler oder Künstlerkollektive wurden während der Ausstellung gegenübergestellt. Sie symbolisierten die Enden eines Stabmagneten, und ihre Arbeiten, die Pole, erschufen in den Ausstellungsräumen ein energiegeladenes Feld.

Kunst ein Zuhause im Loch: Das Artist-in-Residence-Programm „LOCH im LOCH“ im August 2018 schien wie eine Essenz des lebendigen Treibens an diesem Ort zu sein: Die ausgesprochen offen formulierte Ausschreibung für einen temporären Austellungs- und Arbeitsplatz im LOCH besagte: „Die Aktion kann als KUNST verstanden werden. Noch besser: Sie ist KUNST.“ Angesprochen fühlten sich viele junge Künstler und Performer, und es wurden vier spannende und sehr unterschiedliche Projekten verwirklicht.

Das hört sich ungewöhnlich an und ist es auch. So standen im vergangenen Jahr im Rahmen von POLAR #3 auf der einen Seite die Ballonage-Objekte des jungen Remscheiders Hakan Eren, auf der anderen die kinetischen Kunstwerke aus gefundenen Objekten von Sala Seddiki. An so einem

Zum einen entstand das Filmprojekt Sonder(n) der Künstler Arne Schramm, Fabian Nette und Su-Jin Zieroth, welches Musik und Performance auf Super-8-Film festhielt. Die Tänzerin und Videokünstlerin Anne Weyler erhielt einen Raum zur Installation und zum performativen

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Vernissage Polar #1, Marlon Boesherz, Mira Sasse, Maik Olhoff,

Anne Weyler, Loch im Loch, Foto: Maik Ollhof

Foto: André Valente

Erforschen der Körperlichkeit. Für die junge Künstlerin Denisa Trnavska begann im LOCH wortwörtlich ein neuer Lebensab-Schnitt, denn bisher arbeitete sie mit erneuerbaren Energien, doch wegweisend für ihren zukünftigen Weg im Bereich der Kunsttherapie fertigte sie einen Monat lang Collagen an. Das letzte Künstler-Duo bestand aus Tänzerin Brigitte Huezo und dem Noise-Musiker Israel Flores Bravo, die der klassischen Kombination aus Musik und Tanz auf unvorbelastete Art etwas Neues abgewinnen konnten.

Und in Zukunft? Es ist damit zu rechenn, dass das LOCH weiterhin als Heimat des Unerwarteten, des genreübegreifenden und interessenmischenden Kulturbetriebs auffallen wird. Für die Kunst im LOCH bedeutet das: Die etablierte POLAR-Ausstellungsreihe wird unter dem Titel POLAR advanced – CARTE BLANCHE LTD. ab September weitergeführt. Auch hier wird nicht einfach ein erfolgreiches Konzept fortgesetzt, sondern neu gedacht: Vier Wuppertaler Künstlerinnen und Künstler erhalten eine sogenannte „Carte blanche“, das heißt, ihnen wird freie Hand bei der Ausstellungsgestaltung gelassen. Es gibt dabei nur kleine, aber wegweisende Einschränkungen: Keine Soloshow eines einzelnen Künstlers wird zu sehen sein, auch wird keine Werkstransplantation aus den Ateliers im LOCH stattfinden. Die Künstler setzen sich aktiv mit den Räumen auseinander, zeigen darüber hinaus Präsenz und treten so mit Anwesenden in Kontakt. Ein Dialog soll entstehen sodass, nach Wunsch der jungen Kuratorin „die weiße Karte sich in eine vielfarbige verwandle“.

Und wenn Sie nicht im LOCH sind ... Das LOCH bietet Platz. Platz zum Sitzen und Trinken, zum Zuhören, zum Anschauen, zum Austauschen. Platz zum Ausprobieren. Platz für Kunst. Es bewegt sich ständig etwas in diesen Räumen. Der sensible Balanceakt aus respektvollem Umgang miteinander und Vertrauen ineinander schafft ungewohnte Freiheit für Künstler. Er ermöglicht das Erschaffen außergewöhnlicher Dinge, die sich nicht nur um sich selbst drehen, sondern ständig auf der Suche nach neuen Kontakten, Möglichkeiten und Formen sind. Das LOCH füllt erfolgreich ein Vakuum im Wuppertaler Kunst- und Kulturbetrieb. Es ist sowohl Veranstaltungsstätte als auch eine Art Think Tank für neue Bewegungen, Projekte und Impulse. Die Grenzen zwischen Genres und Strömungen sind hier genauso fließend wie die Grenzen zwischen Gast, Teilnehmer und Macher und es ist durchaus möglich, das LOCH als Kunstinteressierter zu betreten und als Künstler wieder zu verlassen. Aber keine Angst, man kann auch einfach nur einen Kaffee trinken und sich das alles mal in Ruhe angucken. „Man kann im Loch alleine sein, ohne alleine zu sein.“ ist nur eines der Komplimente, die dem LOCH gemacht wurden und es zeigt einmal mehr, welch besondere Wertschätzung dieser Ort erfährt. … dann gehen Sie mal hin! Désirée Angelkorte Rasmus Zschoch LOCH Ekkehardstraße/Plateniusstraße, 42105 Wuppertal Öffnungszeiten: immer samstags ab 19 Uhr oder zu Veranstaltungen kontakt@lochloch.de 31


Wil Sensen, Nocturne Extrem stilles Stück, 1994, Gouache und Acryl und Asche auf Holz, 51 x 62 cm

Ein Künstlerleben zu zweit Grit und Wil Sensen

Ein Sonntagmorgen in Schwelm. Ausstellungseröffnung im historischen Haus Martfeld des Künstlerpaares Grit und Wil Sensen mit dem Titel „Zu Zweit“. Die japanische Pianistin Maki Hayashida setzt sich an den Flügel, spielt einen Ton, lässt ihn verklingen, dann den nächsten, schließlich den dritten. Es folgen langsame und schnelle Variationen aus diesen Tönen, die wie Tropfen fallen. Keine

Grit und Wil Sensen in ihrer Aussellung im Haus Martfeld

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Grit Sensens Baguettes und Wil Sensens Skizzenbücher in der Vitrine


Grit Sensen, Le Citron, 2009, Monotypie auf Leinwand, 4-teilig, 60 x 80 cm

Musik könnte besser zu den schwarzen Bildern mit seinen geometrischen Punktreihen von Wil Sensen passen als diese minimalistischen Tonreihen des berühmten estnischen Komponisten Arvo Pärt. Ein faszinierender Gleichklang. Grit und Wil Sensen stammen beide aus Wuppertal. Seit den 1960er-Jahren gehört der Maler, Zeichner, Radierer und Plastiker Wil Sensen zur Kunstszene dieser Stadt. Später wurden Name und Werk auch über die Grenzen Wuppertals hinaus deutschlandweit und international bekannt. Dann zogen Grit und Wil Sensen nach Frankreich, ins Medoc, in die Nähe von Bordeaux. Nach über 20 Jahren sind sie zurückgekehrt, nicht nach Wuppertal, aber ins Bergische, nach Radevormwald, wo sie zusammen mit Sohn Folko und seiner Familie ein 200 Jahre altes Haus bewohnen.

Wil Sensen, Jahrgang 1935, studierte an der damaligen Werkkunstschule in Wuppertal, wurde dort 1958 selbst Dozent und 1974, als die Werkkunstschule in die Bergische Universität integriert wurde, zum Professor für Freie Grafik ernannt. Schon früh wurde Sensen mit Stipendien (Kulturkreis im Bundesverband der Deutschen Industrie) gefördert. Neben seiner Lehrtätigkeit gab es regelmäßig Ausstellungen von ihm in Wuppertaler Galerien und im Von der Heydt-Museum. Seine Arbeiten an Gebäuden, Straßen und auf Plätzen sind bis heute noch zu sehen. Viele Studienreisen führten ihn zusammen mit seiner Frau Grit vor allem nach Südostasien und nach Australien, wo er zeitweise als Gastprofessor lehrte. Als die Sensens Wuppertal verließen, erwartete sie ein geräumiges Haus in Frankreich mit großem Atelier und einem Garten von 7 000 Quadratmetern. Ein Paradies für das Künstlerpaar. Doch den Kontakt zu Deutschland und Wuppertal haben beide Künstler nie ganz verloren. Sie beteiligten sich hier regelmäßig an Gruppenausstellungen und wurden zu Einzelausstellungen eingeladen, ob es in Bonn oder in Wuppertal war. 33


Grit Sensen ist ausgebildete Gold- und Silberschmiedin. Sie hat ebenfalls an der Wuppertaler Werkkunstschule studiert. In ihren ersten Ausstellungen Anfang der 60erJahre zeigte sie Schmuck. Aber nicht alle Teile waren wirklich tragbar. Sie waren mehr künstlerisches Objekt denn Schmuck, den man tragen können sollte. Daneben hat Grit Sensen schon immer mit künstlerisch geschultem Auge in der Natur und auf Reisen die Besonderheiten und Schönheiten entdeckt und gesammelt – Steine, Blätter, Wurzeln, Muscheln, Fundstücke, die künstlerisch verarbeitet wurden in sogenannten Objektkästen. Einige dieser KunstKästen sind auch im Haus Martfeld zu bewundern.

Grit Sensen, La Langoustine, 1999, Monotypie auf Leinwand, 170 x 75 cm

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Grit Sensen, Objektkasten Pulau Sepa, 1993

Wil Sensen ist nach eigenen Worten „Landschaftsmaler“. Aber er ist kein Realist, sondern steht bis heute in der Tradition seiner Generation: von Informel und Tachismus. Landschaft heißt für ihn: Strukturen, Rhythmus, Farbe, Stimmung, Klang und Licht, das Blühen und Vergehen mit dem Zeichenstift einzufangen oder mit der Tusche wie auch der Radierung. Sensen ist ein Meister dieser Technik. Er versteht es, Raum für alle Sinne, auch „für Räume des Unbewussten“ (Sabine Fehlemann), zu öffnen und niederzu„schreiben“ aus dem Gestus der Hand – Schraffuren, Punkte, Linien im Wechselspiel von Sehen, Fühlen und Zeichnen. So sind ganze Serien entstanden, viele Skizzenbücher und über die Jahrzehnte unzählige Blätter und Tafelbilder.


Wil Sensen, L‘Amelie III, 2002, Öl auf Leinwand, 160 x 75 cm

Hinter die Kulisse geschaut: L‘Amelie III, 2002, Öl auf Leinwand, 160 x 75 cm, die Rückseite

Hat Wil Sensen Vorbilder? Stark beeinddruckt sei er als Student von Emil Schumacher gewesen, dem Meister des deutschen Informel. Außerdem habe es in Wuppertal damals wichtige Ausstellungen neuer Kunst gegeben, im Studio des Archiktekten Rasch und später in der legendären Galerie Parnass. Anregungen und Austausch genug für Studierende und nach Orientierung suchende junge Künstler.

Zu den Bildserien gehören auch monochrome Bilder ganz in schwarz. Er habe, so Sensen, immer schon eine Vorliebe für Schwarz gehabt. Schwarz ist für ihn keineswegs die Farbe der Trauer oder von Melancholie. Die schwarzen Bilder dokumentieren das Ende eines Wegs von gestischer Malerei zur „Einfachheit“ oder auch „Bescheidenheit“ (Sensen). Schicht für Schicht trägt er Farbe auf, übermalt, wischt 35


Wil Sensen, Nocturne – Requiem, 2006, Aschekreuz, Öl und Asche auf Holz, 120 x 120 cm

Wil Sensen, das Werk neben dem Werk, aus einem Skizzenbuch

Wil Sensen, das Werk neben dem Werk, aus dem Skizzenbuch „Poesie Visuelle“


Grit Sensen, Obstschale blau, 2016, Öl auf Leinwand, 80 x 80 cm

weg, bis Schwarz dominiert, aber doch so delikat, dass man den Malprozess hinter der schwarzen Fassade ahnen kann. Oftmals drückt er während des Arbeitsprozesses in geometrischen Reihen Finger oder Daumen auf die schwarze Leinwand. So ergeben sich reliefartige Punkte, die Licht und Schatten einfangen und die Fläche lebendig werden lassen. Irgendwann hat auch Grit Sensen zu zeichnen und zu malen begonnen. Auf meine Frage, ob sie den Zeitpunkt und den möglichen Anlass für ihre Malerei noch wisse, gab es zwei verschiedene Antworten. Eine kam von Ehemann Wil, die andere von ihr selbst. Wil Sensen erinnert sich an einen Galeriebesuch, bei dem der Galerist bei Arbeiten von Frauen ein wenig abfällig von Hausfrauenkunst redete – wobei Grit nicht gemeint war. Da aber habe sie beschlossen,zu zeigen, dass sie keine Hausfrauenkunst mache. Grit Sensen selbst erinnert sich ganz anders an den Funken, der übergesprungen sei und sie zum Malen gebracht habe: eine Ausstellung von holländischen Künstlern des 17. Jahrhunderts – diese herrlichen Stillleben mit all den Früchten, Blumen, Tieren, toten wie lebendigen, mit Gläsern, Vasen, Krügen.

Es waren diese holländischen Stillleben-Maler, die nicht mehr, wie die Porträt- und Gesellschaftsmaler, nach Aufträgen arbeiteten. Sie wählten frei die Gegenstände ihres Geschmacks, ihrer Vorlieben und ordneten sie auf den Tischen so an, wie es ihnen gefiel. So wurde – Zitat des großen Kunsthistorikers Ernst H. Gombrich – „die Bildgattung Stilleben zu einem wunderbaren Experimentierfeld für malerische Probleme.“ Denn der Gegenstand wurde Mittel zum Zweck, etwa zum genauen Beobachten und Malen der Reflexe und Brechungen des Lichts auf den Gläsern, der Kontraste, Klänge und Harmonien von Farben und Formen. Ohne es zu wissen und ohne Vorsatz begannen diese Stillleben-Maler zu beweisen, dass die Gegenstände der Malerei viel weniger wichtig sind, als man denken sollte. Auch bei Grit Sensen sind sie Anlass für Malerei. Ihre Themen hat sie in ihrem großen Garten in Frankreich gefunden und auf den französischen Märkten: Gemüse, Obst, Fisch, Brot – Spargel, Artischocken, Zitronen, Hummer oder Baguette, „Essbares“ (so auch der Titel ihrer Bilder), das sich auf den Leinwänden zu übergroßen Gebilden verwandelt und ein Eigenleben führt. Ebenso wie auf den 37


Grit Sensen, Alose, 1996, Monotypie, 50 x 70 cm

Grit Sensen, L‘ Artichaut, 1997, Linolätzung, 48 x 66 cm

Grit Sensen, Les Hortensias, 1997, Monotypie, 45 x 61 cm

Grit Sensen, Baguette, 2009, Öl auf Leinwand,

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180 x 30 cm


die „klare Luft“ in der Nähe des Meeres, an erfüllte Jahre mit Ausstellungen – zum Beispiel in einem Kloster oder im Park eines alten Schlosses, den beide mit farbigen und punktbemalten Fahnen in einen Kunstraum verwandelten.

Blättern, die in einer speziellen Drucktechnik entstehen. Grit Sensen schneidet nicht wie üblich mit dem Messer in Linolplatten, sondern benutzt eine ätzende Säure, um eine andere Wirkung zu erzielen: nicht harte Umrisse wie beim traditionellen Linolschnitt, sondern umrisshafte Linien mit malerischen Effekten. Die Wahl der Gegenstände bei Grit Sensen – und ihre frühe Faszination für die holländische Stillleben-Malerei – hat sicher manchen Grund. Einer aber ist bestimmt ihre Liebe zum Kochen. Sie beherrscht auch die Kunst des Kochens in bewundernswerter Weise. Das heißt aber beileibe nicht, dass ihre Bilder und Objekte „Hausfrauenkunst“ seien.

In Radevormwald haben Grit und Wil Sensen inzwischen freundschaftlichen Kontakt mit den Nachbarn, können zu Fuß die wichtigsten Geschäfte und den Markt erreichen, und auch das Krankenhaus habe einen sehr guten Ruf. Außerdem hält sie das Zusammenleben mit den beidenEnkelkindern jung. Der Fünfjährige kommt oft zum Malen, lieber mit der Oma als mit dem Opa. Das sei langweilig, weil der „immer nur Punkte malt“. Grit und Wil Sensen werden ihre künstlerische Arbeit auch in Radevormwald fortsetzen. Die Technik der Radierung, die Wil Sensen so meisterhaft beherrscht, wird er allerdings nicht mehr ausüben. Das sei zu mühsam und aufwendig. Aber er wird weiter „zeichnen, sehen, denken, vergleichen, erinnern, minimieren, selektieren – und zeichnen, zeichnen, zeichnen ...“ Anne Linsel Fotos: Willi Barczat

Bereuen die beiden Künstler manchmal die Rückkehr aus ihrer langjährigen Wahlheimat Frankreich nach Deutschland, in ihre bergische Heimat? Die klare Antwort lautet: Nein. Zwar vermisst Wil Sensen sein geräumiges Atelier. Hier in Radevormwald dient ihm der große Esstisch zugleich als Atelier. Das sei, sagt er, wie ein Jockey ohne Pferd. Aber beide Künstler wissen, dass Haus und Garten in Frankreich nicht mehr zu bewältigen waren. So bleibt die lebendige Erinnerung an das „unglaublich schöne Licht“,

Esstisch und Atelier zugleich im neuen Zuhause in Radevormwald

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Kunststation im Bahnhof Vohwinkel, Foyer, Fotos (4): Willi Barczat

Wenn dem Stein die Stunde schlägt Ora et lab… – Eckehard Lowisch arbeitet im „Haus der Geschichte“ für uns: am Marmor, an der Stadt und an sich selbst Der Stein ist seit der durch ihn bezeichneten menschheitsgeschichtlichen Epoche das Material, das wie kein anderes für das Abarbeiten der Menschen an der Welt und am Dasein an sich steht. Seit sagenhaften 3,4 Millionen Jahren versuchen wir uns daran, dem naturgegebenen Material Formen zu verleihen, die uns nicht nur für unzählbare Aufgaben und Funktionen, sondern auch zur Unterscheidung von den Tieren dienlich sein können. Die Ausstellung „Haus der Geschichte“ des Bildhauers Eckehard Lowisch könnte eigentlich also gigantische Raummasse einnehmen. Durch die Fokussierung auf sein eigenes Werk in der Kunststation im Bahnhof Vohwinkel und die kluge erzählerische Öffnung der dargestellten Arbeitssituation wird sie inhaltlich zwar angemessen weitläufig, bleibt im Umfang aber überschaubar und erfassbar. Die eigentliche Arbeit, die das Betrachten auslösen kann, haben die Besucher erst nachher, in ihrem eigenen Leben, wenn der Stein zu Gedanken wird, die es zu bewegen und zu bearbeiten gilt. 40

Es muss als ungewöhnlich bezeichnet werden, dass ein Galerist sein eigenes künstlerisches Werk ausstellt. Unter normalen Bedingungen mag dies zu recht als ebenso verpönt gelten wie das anmaßende Selbstverlegen angeblich weltbewegender Gedichte, nachdem man dafür nur Absagen von Verlagen bekam. Hier jedoch – es sei ausdrücklich erwähnt – verhält es sich anders, und dies unter gleich mehreren Aspekten. Eckehard Lowisch, Jahrgang 1966, studierte als gelernter Steinmetz Industriedesign und Bildhauerei in Wuppertal und erweiterte bereits dadurch seine Parameter der künstlerischen Formgebung in konkrete Anwendungsbereiche hinein. Neben seinem eigenen beständigen künstlerischen Arbeiten realisierte er über ein Viertel Jahrhundert lang eigenverantwortlich und als künstlerischer Dienstleister über hundert Steinskulpturen für Tony Cragg, die heute auf der ganzen Welt zu finden sind. Im Jahr 2014 eröffneten seine Frau Tine Lowisch und er die „Kunststation“ als Projektraum für Gegenwartskunst in der alten Gepäckabfertigung des Bahnhofs Vohwinkel. In zwei großen, charmant rustikalen Galerieräumen, ei-


Kunststation im Bahnhof Vohwinkel, Gepäcktunnel

Eckehard Lowisch

Kunststation Im Bahnhof Vohwinkel, Ausstellungshalle

nem weiteren Raum im Obergeschoß, einem Nebenraum und vor allem dem so mächtigen wie finsteren geklinkerten Gepäcktunnel unter den Gleisen zeigten sie vier Jahre lang gültige Einzel- und Gruppenausstellungen aktueller Künstler*innen, wobei die Vielseitigkeit der Räume und die jeder Eitelkeit eines relevanzheischenden Kunsthandels enthobene inhaltliche Aussagekraft stets ausgeschöpft wurde. Natürlich sehen sich die beiden Lowischs auch als handlungsfähige seriöse Galeristen und müssen die Bude am Laufen halten. Zuvorderst stand und steht jedoch die Arbeit am Gesamtzusammenhang, am besonderen Standort in einem funktionierenden Bahnhof sowie an der Funktion eines Durchlauferhitzers für einen wunderbaren, lebendigen und etwas aus dem überregionalen Blick gefallenen Großstadtteil. Und so wurden nicht nur Verkaufswerke präsentiert, sondern auch Akteure miteinander vernetzt, ungewöhnliche Lehrveranstaltungen durchgeführt und nebenbei noch – auch in Zusammenarbeit mit dem „Bürgerbahnhof Vohwinkel“ – eine unbekannt große Menge von Besuchern für das Kunsttreiben interessiert, welche die Schwelle zu einem klassisch schicken Showroom kaum überschritten hätten. Jede Menge Arbeit also, spielerisch scheinend und so verbindlich wie nachhaltig den Menschen vor Ort wie auch den Reisenden aus theoretisch aller Welt zugewandt. 41


Bildbeschreibung, Foto: ???????

Abb.

5Nischenprojekt am Bahnhofsvorplatz in Wuppertal Vohwinkel, Fotovision von Süleyman Kayaalp

So muss es sich auch als logische Dringlichkeit darstellen, dass Eckehard Lowisch fasziniert vor einer Bahndammunterbauung stand, die 2014 an der Flanke des weiträumigen Bahnhofsvorplatzes freigelegt wurde. Bisher durch eine alte Ladenzeile verbaut, traten nun fünf Nischen mit halbrundem Grundriss wieder ans Tageslicht, Zeugen einer einst lebendigen Nutzung heute so oft verwaister öffentlicher und urbaner Verkehrsräume und zugleich architektonisch-ästhetische Zeitzeugen der Wachstumszeit Vohwinkels, die in unserer Stadt stets weniger mit glänzender Präsentation als mit knochenharter Arbeit und der Sicherstellung ihrer Voraussetzungen zu tun hat. Es war Eckehard Lowisch einfach nicht möglich, die nun leeren Nischen täglich jeder Funktion enthoben brach liegen zu sehen. So lancierte er ein zunächst temporäres Kunstprojekt von eigener Hand und baute fünf gewaltige Plastiken, deren Oberflächen zwar aus Marmor-Elementen bestehen, die durch eine extraordinäre Arbeitsweise jedoch hohl sind und zugleich stabil genug für ungeahnte Zweitnutzungen im öffentlichen Raum. In der Formgebung sind sie solitäre moderne Studien zur Spannung zwischen Statik und Dynamik, Behauptungen von Schwere ohne Last, und im Ensemble bilden sie den Kontrast zwischen dem hehren Rahmen des Mauerwerks und einer fast leichten, schwingenden Bewegung ab. Aus der Aktion wurde mehr; die Objekte schlugen so belebend und gestaltend Wurzeln im Stadtraum, dass sie inzwischen 42

in den Besitz des Kunst- und Museumsvereins des Von der Heydt Museums übernommen wurden. Zugleich belegen sie damit auch eine sehr zeitgemäße Variante des Arbeitsbegriffes, in dem ein bürgerliches, freiwilliges, zwar gefördertes, aber nicht eigentlich bezahltes Engagement sich in einen offiziellen Akt der Kulturpflege und Stadtgestaltung verwandelt hat. Im vergangenen Jahr stand der Künstler plötzlich vor einer persönlichen Misere, denn er verlor sein seit vielen Jahren reich mit Werken, Halbfertigem und Materialien gefülltes Atelier. Wenn dies nun einem Aquarellmaler widerfährt, ist vergleichbar leicht Abhilfe zu schaffen. Ein Bildhaueratelier, in dem „nebenbei“ auch die gewaltigen CraggSkulpturen entstanden, gleicht hingegen einer Werkhalle – mit Transportvorrichtungen, Flaschenzügen, Unterbauungen, stabilen Regalgerüsten und verschiedenen Maschinen zur Steinbearbeitung. So entstand in relativ kurzer Zeit der Plan, die Kunststation zum Zwischenraum und als „Reenactment“ zu einem Haus der Geschichte umzunutzen, als Ausstellungsraum der tatsächlichen Werke Eckehard Lowischs sowie als Labor und Erzählort für die große Überschneidung, Kunst zur Arbeit und Arbeit zur Kunst zu erklären. Noch vor der Eröffnung im vergangenen April war bereits die erste Berufsschulklasse vor Ort, eine Gruppe der Fachklasse Grafik in Luzern, die sich in Wuppertal mit den


fünf Nischen

Wandlungen der „Arbeit“ im Lauf der (industriellen) Zeit beschäftigte. Und seither geht es Schlag auf Schlag, wie es beim Behauen des Steines eben üblich ist: Die Kunststation wird im einjährig eingefrorenen Werkstatus (wobei sich die Ausstellung stets im Wandel befindet) zum Labor für die Erarbeitung neuer Arbeitsbegriffe, zur offenen Raumbühne für Musik und Literatur, zur Außenstelle innerstädtischer (und damit meist Elberfelder oder Barmer) Kulturprogramme – und natürlich zu dem, was sie auf Zeit eben ist, zum Atelier. Zwar werden hier derzeit keine Marmorlippen oder Marmorkippen gehauen, geschliffen oder poliert (das Wortspiel mit den Jünger’schen “Marmorklippen“ hat der Künstler bisher verpasst), jedoch vollzieht sich die Arbeit am Stein, die uns seit dem Pleistozän so schweißtreibend wie entwicklungsfördernd fasziniert, auf eine andere Art: Das Labor macht viel mehr sichtbarer, als eine normale Ausstellung es tun kann – mit Worten, Klängen und Erforschungen zum Stein, zu Formgebungen und Texturen, zu Positionen und Gewichten, zu den Rollen der Kunst im gegenwärtigen öffentlichen Raum. Es wandelt das schwere Material zu einem leichten Vergnügen, anspruchsvoll, partizipativ und mit noch unbekanntem Ausgang. Und nebenbei wird es die weitere Arbeit von Eckehard Lowisch in einem neuen Atelier mit neuen schweren Brocken und scharfen Eisen auf zukünftig gültige Wege lenken, mit denen er das nahezu Undenkbare schafft: den Stein neu für uns zu erfinden. Max Chr. Graeff

Haus der Geschichte von Eckehard Lowisch – ein reenactment 13. April - 31. Dezember 2018 Sonntags und Montags 14 - 18 Uhr Sonderöffnungszeiten zu den laufenden Veranstaltungen und auf Einladung. Interessierte Besuchergruppen können sich gerne unter info@lowisch.de anmelden.

Gäste im Haus der Geschichte: Das Tal nach der Flut: BuGa X Klima - Ausstellung mit Studierenden des Fachbereichs Architektur der Bergischen Universität Wuppertal, Lehrstuhl für Architekturgeschichte und -theorie, Prof. Christoph Grafe. Donnerstag, 18. Oktober 2018, Vernissage ab 18 Uhr Samstag, 20., Sonntag 21., Montag, 22., Samstag 27. Oktober 2018, 14 - 18 Uhr Sonntag, 28. Oktober 2018, Finissage, 14 - 18 Uhr WOGA Wuppertal West Samstag, 10. und Sonntag 11. November 2018 Samstag, 14 - 20 Uhr und Sonntag, 12 -1 8 Uhr mit Norbert Martin Skulptur und Zeichnung Meritxell Aumedes Video Installation im Gepäcktunnel Kunststation im Bahnhof Vohwinkel Bahnstraße 16, 42327 Wuppertal www.buergerbahnhof.com/kunststation 43


Liang Guojiang, genannt Kenbo, bezieht sich in seiner Arbeit oft auf Traditionen der chinesichen Kultur. So arbeitet er bei seinen Installationen mit Papier oder mit Feuer. (Bild rechts). Foto: privat

Ost-West-Begegnung mit Kunst und Löwentanz

Der chinesische Künstler Kenbo ist diesjähriger „Artist in Residence“ im „ort“ Kenbo bringt chinesische Traditionen mit nach Wuppertal. Er freut sich auf die Begegnung mit den Menschen vor Ort – bei Kunstaktionen und einer Tasse Tee. Den „ort“ in der Wuppertaler Luisenstraße kennt man weltweit als Heimstätte der improvisierten Musik. Hier veranstaltet die Peter Kowald Gesellschaft/ort e.V. mehrmals im Monat Konzerte, Filmabende, manchmal auch Ausstellungen und Gesprächsrunden. Einmal im Jahr aber wird er für vier Wochen zum Wohnort: Vier Wochen lang zieht eine auswärtige Künstlerin, ein auswärtiger Künstler als Artist in Residence ein. Und das muss durchaus nicht immer eine Musikerin oder ein Musiker sein. Nachdem der französische Bassist Pascal Niggenkemper den „ort“ 44

2018 bei seiner Residency mit einem dichten Programm zu einem quirligen kreativen Kraftzentrum gemacht hat, wird es in diesem Jahr nicht weniger spannend aber vermutlich stiller zugehen: Der aus China kommende Künstler Kenbo will neben anderen Aktionen den „ort“ während seiner Residency als offenes Teehaus betreiben. Kenbo, mit bürgerlichem Namen Liang Guojian, ist ein äußerst vielseitiger bildender Künstler, dessen Arbeit sich breit ausspannt zwischen Tradition und Avantgarde. Geboren in Foshan in der südchinesischen Provinz Guangdong, lernte er schon als Kind die traditionelle chinesische Malerei und Kalligrafie. „Meine Großmutter war meine erste Lehrerin, die mich in den Traditionen der chinesischen Kultur unterwies“, schreibt Kenbo. Sie machte ihn zum


Kenbo arbeitet oft raumgreifend. Als Malmittel benutzt er neben Farbe auch chinesischen Tee. Foto: privat

Die Wuppertaler Musikerin und „ort“-Aktivistin Gunda Gottschalk hat Kenbo über ihre Kollegin, die chinesische Guzheng-Spielerin Xu Feng Xia, kennengelernt und den Kontakt nach Wuppertal vermittelt. Die beiden Frauen spielen seit vielen Jahren zusammen, waren beide schon Mitglieder in Peter Kowalds „Global Village“-Ensemble. 2017 waren sie gemeinsam mit dem Bassisten Peter Jacquemyn auf einer zweiwöchigen China-Tournee. Mit großem Erfolg: „Unsere CDs wurden uns regelrecht aus den Händen gerissen“, erzählt Gunda Gottschalk. Kenbo, der in seiner Heimat auch viel als Veranstalter aktiv ist, konnte den Bürgermeister von Foshan für die Idee einer musikalischen Ost-West-Begegnung im Rahmen eines großen Volksfestes begeistern. Unter anderem sollte es ein Drachenbootrennen und eine Löwentanz-Aufführung geben. Aber wenige Stunden vor Beginn wurde das Ganze von den Behörden abgeblasen. „Die Verbindung von chinesischer Tradition mit westlicher Avantgarde war der Obrigkeit dann wohl doch suspekt“, vermutet Gottschalk. So ist gewissermaßen noch eine gemeinsame Performance offen geblieben, die nun womöglich in Wuppertal nachgeholt werden soll. Hundert Prozent in trockenen Tüchern, da noch nicht komplett finanziert, war sie bei Drucklegung der „besten Zeit” zwar noch nicht, aber Gunda Gottschalk ist optimistisch. Das Düsseldorfer KonfuziusInstitut konnte sie jedenfalls schon für die Idee gewinnen: Das Institut übernimmt die Kosten für den Auftritt einer Löwentanzgruppe, die Gottschalk in Bonn ausfindig gemacht hat. Außerdem wird Kenbo am Düsseldorfer Institut während seiner Residency einen Workshop geben.

Beispiel mit dem Gebrauch von Räucherwerk im familieneigenen Tempel vertraut. Kenbos Mutter ist eine Kennerin der chinesischen Heilkunst, sein Vater war traditioneller „Löwentänzer“. „Kenbo ist sehr traditionsbewusst. Er versucht, das Wissen der Eltern und Großeltern zu bewahren, und er erteilt Unterricht in Kalligrafie, wobei es ihm immer wichtig ist, den gesamten Bedeutungshorizont zu vermitteln. Gleichzeitig nimmt er Impulse der Tradition auf und überführt sie in seine eigene, sehr zeitgenössische Arbeit“, beschreibt Gunda Gottschalk den Künstler. So benutzt er zum Beispiel Tee als Malmittel oder arbeitet mit Feuer. Seine von der Land-Art inspirierten Installationen sind oft raumgreifend, und er verbindet Malerei mit Video, mit Klängen, mit Poesie.

Den Gastkünstlern zu solchen Kontakten zu verhelfen und Kooperationen zu stiften, gehört mit zum Kern des Artistin-Residence-Programms der Peter Kowald Gesellschaft. Das andere ist die Begegnung und der Austausch mit dem Publikum vor Ort. In der Gestaltung ihrer Residency sind die Gäste aber vollkommen frei. „Wer will, kann den ,ort’ auch als kreativen Rückzugsraum für sich nutzen“, betont Gottschalk. Kenbo hat aber bereits angekündigt, dass er ein „offenes Haus“ pflegen will und ihm die Begegnung mit den Wuppertalern sehr am Herzen liegt. Kenbo bezieht vom 16. November bis zum 15. Dezember Quartier im „ort“. Was währenddessen zu welchem Zeitpunkt genau stattfinden wird, erfährt man kurzfristig unter www.kowald-ort.de und auf der „ort“-Facebook-Seite. Anne-Kathrin Reif 45


Jan Ehnes probt mit der Studentin Mai Inoue die Sonate fis-Moll von J. Brahms.

Jan Ehnes: „Wie weit wage ich Musik zu denken?“ Neue Konzepte und neue Konzertreihen in der Musikhochschule Seit dem Wintersemester 2017 werden in der Hochschule für Musik und Tanz Köln / Standort Wuppertal außergewöhnliche Konzertreihen vorgestellt. Sie sind Ergebnisse eines neuen Profils, das am Standort Wuppertal angeboten wird. Einer der Lehrenden, die daran mitwirken und die Konzerte konzipieren, ist Jan Ehnes, Dozent für Klavier, Klavierpraxis und Ensemble. Januar, ein verregneter Montag. Im Konzertsaal der Musikhochschule probt Jahn Ehnes mit den Studentinnen Anna Thomas und Mai Inoue für das Konzert „Klavier 4- bis 12-händig“ den ersten Satz aus den „Sinfonischen Tänzen“ von Sergei Rachmaninow. Dieses Werk für Orchester hat der Komponist 1942 für zwei Klaviere bearbeitet. Anna und 46

Mai studieren im 3. und 4. Semester Instrumentalpädagogik und Elementare Musikpädagogik. Die Klavierfassung der „Sinfonischen Tänze“ hatte Anna als Kind während eines Konzertes „Jugend musiziert“ gehört – diese Stücke wollte sie unbedingt selbst einmal spielen. Nun wird ihr Wunsch wahr! Wie viele Jahre Arbeit stecken dahinter − Anna und Mai haben im Alter von sechs Jahren mit dem Klavierspiel begonnen und seither zielstrebig geübt. Nun nehmen sie auf der Bühne der Musikhochschule an zwei einander gegenüberstehenden Konzertflügeln Platz. „Habt ihr euch eingespielt? Habt Ihr Bleistifte?“, fragt Jan Ehnes und bleibt vor dem Podium stehen. Schon beginnt


die Probe. Das ganze Stück wird vorgetragen, ohne dass der Dozent unterbricht. Man sieht, wie er mitatmet, wie die Musik durch den ganzen Körper geht. Nach einem Lob erfolgen die Korrekturen. Ehnes hat sich keine Notizen gemacht, die Korrekturen gibt er auswendig. Es ist immer besonders aufschlussreich, wie Musiker sprachlich, durch Vorsingen oder mittels Körperbewegungen verständlich machen, wie die Musik klingen soll: „Die letzen beiden Takte sind pizzicato (gezupft)*. − Hier brauchen wir die Viertelnoten, dann klingt es wie ein Glockenspiel. – Bitte die versteckte Melodie herausholen. – Bleib klangintensiv. – Die Ganztonleiter (vom Komponisten gut in der Mittellage versteckt) möchte ich deutlich hören, denn sie leitet zur neuen Tonart über. – Hier bitte die Unterstimme (in der Orchesterfassung eine Flöte) deutlicher und sehr leicht spielen. – An dieser Stelle müsst ihr ‚keifen’, spielt da kein Duett, sondern ein Duell. – Die Wiederholung braucht mehr Ausdruck. – An dieser Stelle ist die Solostimme wichtig, denn sie wird später zur Begleitung, da soll sie eine ganz andere Farbe haben. – Hier bewegt sich alles ein bisschen nach vorn, bitte rubato spielen (unmerklich schneller und wieder langsamer werden). – Es ist gut, dass du die Stelle gliederst, aber es dürfen keine Pausen entstehen. – Hier müssen die Sechzehntel weiterströmen. – Bei Takt 14 geht die Luft ganz raus, ausatmen, ausklingen lassen und dann wieder aufblühen. − Zeig die chromatische Linie, alles andere ist hier weniger wichtig. – Setz Impulse beim Wechsel der Tonart, um zu strukturieren. – Bereite die Reprise mit einem triumphalen Übergang vor.“

Jan Ehnes probt mit der Studentin Mai Inoue die Sonate fis-Moll von J. Brahms (oben) und mit Yaru Song die Sonate op. 7 Es-Dur von Ludwig van Beethoven (unten)

Auch technische Hinweise gibt der Dozent wie: „Raus aus den Tasten“ oder: „Bleib näher an den Tasten, dann kannst du schneller reagieren.“ Viele Stellen singt er vor oder dirigiert sie, es geht eine unglaubliche Energie von ihm aus. Mit „Danke, das klingt schon sehr gut“ ist die Probe beendet, die eineinhalb Stunden sind im Nu vorbei. Wie genau die Position der Flügel und die Öffnung der Deckel für das Konzert festgelegt werden, steht noch aus. Bevor Jan Ehnes eine solche Probe ansetzt, hat er sich intensiv vorbereitet: „Ich lese das Werk gründlich. Erst wenn ich selbst eine klare Vorstellung habe, brennt sich die Musik ein.“ Die „Sinfonischen Tänze“ sind die letzten Werke Rachmaninows. Die Stücke dieses Komponisten sind bei den Studierenden beliebt. „Vielleicht“, meint Ehnes, „können sich besonders Menschen mit jugendlichem Emotionsüberschuss mit dieser spätromantischen Klangwelt identifizieren.“ * in Klammern: Anmerkungen der Autorin

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Die Konzertreihe Klavier 4- bis 12-händig im Januar 2017 stellt einen von neuen Wegen vor, „die Pianisten aus der instrumentalen Einzelhaft zu befreien.“ So empfinden es auch die beiden Studentinnen: „Nicht nur als Pianist ist man einsam, sondern überhaupt als Musikstudent, weil man viel Zeit mit sich und mit seinem Instrument verbringt.“ Unter vier Stunden Üben pro Tag geht nichts. Umso mehr Freude haben die Studierenden beim Zusammenspiel. Dazu hat Jan Ehnes noch viel mehr Ideen. Stimme und Instrument heißt eine weitere Konzertreihe. Eine Spezialität des vielseitigen Musikers sind Konzerte mit sehr selten aufgeführten Stücken und ausgefallenen Besetzungen. Diese Reihe war ursprünglich eine Idee der inzwischen ausgeschiedenen Gesangspädagogin Professor Barbara Schlick und der Professorin für Cello, Susanne Müller-Hornbach. Nach über zehn Jahren hat Jan Ehnes dieses Konzertformat aufgegriffen: „Am Standort Wuppertal lässt es sich ideal realisieren, weil unter den Dozenten eine sehr gute, kollegiale Atmosphäre herrscht. Gerade an den Schnittstellen merkt man, dass konstruktiv zusammengearbeitet wird.“

Jan Ehnes ist es ein besonderes Anliegen, Singstimmen und Instrumente in verschiedensten Ensembles zusammenzuführen, unter anderem damit sich auch die Instrumentalisten mit Sprachtexten auseinandersetzen: „Die intensive Beschäftigung mit der Sprache geschieht ja nicht nur bei der Liedbegleitung am Klavier, sondern ein Großteil der Musik ist ‚sprechende’ Musik, deren ‚Klangsprache’ sich aus der Rhetorik ableitet. Denn der Instrumentalist spielt gleichsam die Syntax eines gesprochenen Satzes mit Akzenten, Silbentrennung oder Pausen in einem bestimmten Tempo und in einer bestimmten Dynamik. So ging Claudio Monteverdi beim Komponieren von einer Sprachform aus, die in seiner Zeit gedacht war als musikalische Deklamation. Diese wurde im Barock aufgenommen und bis zur ‚Affektenlehre’ erweitert. Auch die Instrumentalmusik wurde in weiten Teilen gesanglich empfunden und lehnte sich ästhetisch an den Klang der menschlichen Stimme an.“ Johann Sebastian Bach machte es häufig umgekehrt: „Viele Sänger empfinden Bach als besonders schwierig zu singen, weil er seinen Vokalstil sehr instrumental gestaltet hat. So muss der Sänger etwa singen wie eine Violine oder wie eine Flöte. Das alles lernen Sänger und Instrumentalisten beim Ensemblespiel voneinander zu verstehen und übernehmen es in ihr eigenes Spiel. Das bekomme ich dann als Echo aus der Arbeit zurück.“

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Die Arbeit mit Ensembles sieht Jahn Ehnes als Bausteine, die er in einen umfassenden Kontext einbinden möchte bis hin zur Aufführung eines großen Werkes für Solisten, Chor und Orchester unter der Prämisse: „Was können wir an dieser Hochschule gemeinsam aus eigenen Kräften realisieren?“ Mit Studierende spielen mit Lehrenden hatte im Januar noch eine dritte Konzertreihe Premiere. Anlässlich der Konzerteinführung sagte Jan Ehnes: „Es geht darum, die Chance wahrzunehmen, an der Hochschule in Wuppertal das Wirgefühl noch intensiver zu erleben und zu stärken: Sich auf Augenhöhe zu begegnen, war der übereinstimmende Wunsch von Lehrenden und Studierenden. So entstand die Idee, Werke gemeinsam einzustudieren und aufzuführen. Es geht um einen Wandel im Rollenverständnis, um das Teilen von Gemeinsamkeiten, von Können, Wissen und Erfahrung. Dass Lehrende und Studierende miteinander auf dem Podium stehen, reißt mit und beflügelt.“ Diese neuen Konzertreihen gehen einher mit dem Profil individuale, mit dem die Musikhochschule Wuppertal seit Oktober 2017 ein ganz neues, eigenständiges Konzept entwickelt hat. Es ist darauf ausgerichtet, die Studierenden zu vielseitigen Musikern auszubilden. Außer dem Hauptund Nebenfachinstrument oder dem Gesang können sie eine Fülle von weiteren Angeboten zur individuellen Professionalisierung wahrnehmen. So sollen die in Wuppertal Studierenden befähigt werden, später beruflich so vielseitig zu sein, dass sie in der musikalischen Früherziehung ebenso wie mit älteren Menschen arbeiten oder Musik auf der Bühne lebendig vermitteln können. Jan Ehnes, einer der Dozenten, die das Konzept und seine Umsetzung erarbeitet haben, ist für eine solche Aufgabe prädestiniert, weil er wegen seiner eigenen ungemein vielseitigen Ausbildung und Erfahrung weiß, wie wichtig es ist, über den individuellen musikalischen Tellerrand hinauszuschauen. Jan Ehnes’ musikalische Grundausbildung begann mit dem damals modernen, von Carl Orff entwickelten „Schulwerk“, das darauf ausgelegt war, elementare Musikalität bei Kindern zu fördern. Erst im Alter von 13 Jahren erhielt der begabte Schüler Klavierunterricht. Dabei blieb es nicht, schon bald spielte Ehnes als Oboist in einem Jugendsinfonieorchester große Werke der Musikliteratur. Von da durchlief er alle erdenklichen musikalischen Institutionen: Mit der Kantorin der Kirchengemeinde hatte er ein Abkommen


− sie gab ihm den Schlüssel zum Gemeindehaus, wo sich ein Klavier zum Üben befand, als Gegenleistung sang Ehnes als Chorist in der Kantorei. An der Hochschule für Musik in Köln studierte er Klavier bei dem großen Pädagogen und Pianisten Pavel Giliov: „Die Ausbildung war exzellent und befruchtend, nicht nur wegen des Klavierunterrichtes, sondern weil ich an der Hochschule alle möglichen Instrumentalisten begleiten konnte und auch in Chor- und Orchesterkonzerten den Klavierpart übernahm.“ So lernte der junge Pianist während des jeweiligen Instrumentalunterrichtes nicht nur die technischen und künstlerischen Möglichkeiten der verschiedenen Instrumente kennen, sondern auch die dazu gehörige Fachsprache. Dann eröffnete sich durch die Begegnung mit einem Korrepetitor der Oper in Köln auch diese ganz neue Welt: Unter seiner Aufsicht konnte Ehnes in den Opernbetrieb hineinschnuppern und mit Sängern arbeiten. Bereits durch die Korrepetition mit Instrumentalisten hatte er sich intensiv mit der sprachlichen Vermittlung von Musik auseinandergesetzt: „In der Arbeit mit Sängern etwas in Sprache umzusetzen, ist etwas ganz anderes, als eine Sonate für Geige zu erarbeiten. Man muss die jeweiligen Schlüsselbegriffe kennen, denn jedes Instrument und der Gesang haben ihre eigene Begrifflichkeit.“ Ehnes’ besonderer Sinn für Sprache verdankt sich seinem literarischen Hunger: „Ich bin ein Büchernarr. Stilistische Strömungen einer Epoche gingen oft von der Literatur aus. Ich interessiere mich für die Querverbindungen zwischen den künstlerischen Disziplinen. Was wir in einem guten Gedicht als Einheit von Klang und Bedeutung schätzen, hören wir genau so in einer musikalischen Formulierung. Sprache entwickelt sich auch aus ständiger Reflexion der Kommunikation. Wie kann ich Sachverhalte ansprechen in Worten, Gesten, Haltungen, welche die Studierenden verstehen und annehmen können? Der Schlüssel liegt im Individuellen, ich muss die Sprache für jeden Studierenden etwas modifizieren. Besonders angesichts der kulturellen Unterschiede ist es wichtig, dass ich meine Studierenden auch vor ihrem biografischen und kulturellen Hintergrund kenne und weiß, wodurch ich ein Verstehen erleichtern kann.“ Da Ehnes bereits während seiner eigenen musikalischen Ausbildung Klavierunterricht erteilte, hat er früh gelernt, sich auf verschiedene Charaktere einzustellen: „Der Strom der künstlerischen Erfahrung lief zeitgleich mit pädagogischen Erfahrungen mit Kindern und Jugendlichen und mit Lehraufträgen für Korrepetition an Musikhochschu-

len. Daneben habe ich noch ein privates Dirigierstudium absolviert. Das alles führte in die breite Ausrichtung, die ich heute vertrete. Ich bin das Gegenteil eines Spezialisten.“ Der Einstieg in die Welt der Musik war für Jan Ehnes nicht selbstverständlich: „Ich empfand es als großes Glück und bin den Menschen dankbar, die mich gefördert haben.“ Begabung und Förderung allein reichen nicht aus, es gehören Neugier, Zielstrebigkeit und unbedingter Fleiß dazu. Weiterbildung ist für den Dozenten bis heute unerlässlich, und er ist ständig auf der Suche nach neuen Wegen in der Vermittlung von Musik. Gerade wird in Zusammenarbeit mit einem Psychologen ein neues Lehrprojekt erprobt: Üben im Flow. Jan Ehens startete vor 21 Jahren an der Musikhochschule in Wuppertal als Dozent für Klavier im Nebenfach und für Korrepetition. „Im Laufe meiner Tätigkeit konnte ich meine Erfahrungen und unterschiedlichen Kompetenzen in den Lehrbetrieb einbringen, besonders, als vor zehn Jahren die Bologna-Reform umgesetzt wurde und ich in die Konzeption und Umsetzung der Klavierpraxis-Module eingebunden wurde.“ Da Jan Ehnes einige dieser Fächer im Gruppenunterricht lehrt, stehen in seinem Unterrichtsraum neben zahlreichen Schlaginstrumenten auch zwei Flügel und zwei Keyboards. Geübt werden alle Gesangsformen der Klavierbegleitung, wie z.B. Volkslied, Kunstlied oder Chor. Neben Generalbassspiel, Transponieren, Partiturspiel und Improvisation werden auch Stilistiken wie Folklore, Jazz und Pop vermittelt. Die Improvisation ist Jan Ehnes besonders wichtig: „Improvisation ist das Gefäß, das man mit persönlichem Ausdruck füllen kann. Wir verlassen zum Beispiel die Tastatur und gehen in den Innenraum des Flügels. Mit Zupfen, mit Schlägeln oder mit den Händen lassen sich ganz neue Klänge entwickeln. Gerade für eine gute Improvisation muss man sehr viel üben. Wie weit wage ich Musik zu denken, wenn ich auch Klänge akzeptiere, die vom üblichen musikalischen Wohllaut abweichen?“ Am 25. November 2018 um 11 Uhr werden im nächsten Konzert der Reihe Stimme und Instrument Werke für Ensembles u. a. von Antonio Vivaldi, Jaques Offenbach, Jules Massenet, Charles Ives und Màtàs Seiber zu hören sein. Ort: Hochschule für Musik und Tanz Köln / Standort Wuppertal, 42275 Wuppertal, Sedanstraße 15 Wie immer ist der Eintritt frei. Text: Marlene Baum Fotos: Willi Barczat 49


Die Cellistin Mariana Taipa Musikstipendiatin 2018 des Lions Clubs Wuppertal-Mitte

Bei den Lady Killers sind Banknoten im Cellokasten versteckt, bei Al Capone Schusswaffen. Das können wir natürlich sofort vergessen, wenn wir uns mit Mariana zum Gespräch treffen. In einem weißen Etui aus Fiberglas trägt sie ihr geliebtes Cello auf dem Rücken. Seit 2015 studiert sie das Instrument Violoncello an der Hochschule für Musik und Tanz hier am Standort Wuppertal. Fünf Jahre war sie alt, als ihr Vater dem sechs Jahre älteren Bruder die Noten erklärte und sie da nicht zurückstehen wollte. Sie lernte gleich mit. Mariana ist aufgewachsen in einem Ort in der Umgebung von Lissabon. Musik war ihr seitens der Familie schon in die Wiege gelegt worden. Beide Eltern spielen als Berufsmusiker (Horn bzw. Posaune) in einem staatlichen Sinfonieorchester, der Banda Sinfónica da Polícia de Segurança Pública. Sie haben es toleriert, dass ihre Tochter das Violoncello dem musikalischen Blech der Familie vorzog. In der örtlichen Musikschule konnte man eben nur Geige und Cello lernen. Sie wählte das Cello und hat das nie bereut. In Lissabon besuchte sie ein musisches Gymnasium, regelmäßig von 9 bis 21 Uhr, wurde unterrichtet in allen gymnasialen Fächern, vor allem aber auch auf dem Cello, übte auf ihrem Instrument, probte und spielte mit dem Schulorchester. Alle ihre Freundinnen und Freunde gingen auf 50

Mariana Taipa im Skulpturenpark, Foto: Karl-Heinz Krauskopf

dieses Gymnasium. Später bekam sie Cellounterricht am Nationalen Konservatorium Portugals. Bald spielte Mariana im Auswahlorchester aller portugiesischen Konservatorien. 2013 gewann sie in der Kategorie „Kammermusik“ den portugiesischen Wettbewerb „Jugend musiziert“. Nach dem Abschluss der Ausbildung am Konservatorium besuchte sie Meisterkurse (u. a. bei Peter Bruns in Deutschland) und spielte in verschiedenen Jugendorchestern. Auch über die CD-Sammlung der Eltern bekam Mariana Zugang zur Musik, vor allem auch zur deutschen Musik, und liebt insbesondere Johann Sebastian Bach und Richard Wagner schon seit ihrer Jugend. Sehr früh stand ihr Berufswunsch fest. Sie wollte gerne Cello spielen in einem der deutschen Sinfonieorchester, aus dieser Position heraus auch die Kammermusik pflegen und unterrichten. 2015 gewann sie ein Stipendium vom Jugendsinfonieorchester Lissabon, mit dem sie 2016 mit großem Erfolg das Cellokonzert von Edward Elgar als Solistin aufführte.


Die Berufsaussichten schrecken die junge Cellistin nicht. 2015/16 studierten nach Angaben des Deutschen Musikinformationszentrums ca. 33 500 junge Menschen in Deutschland Musik, so viele wie noch nie, rund 9 000 davon Instrumental- und Orchestermusik, die meisten an einer der 24 Staatlichen Musikhochschulen. Viele streben über Studiengänge der Musikerziehung den Beruf eines Musiklehrers an. Beim chronischen Geldmangel deutscher Städte werden nicht nur Straßen nicht repariert und Kitas mangelhaft ausgestattet, sondern auch die Bedingungen der großen Sinfonieorchester immer wieder diskutiert, was Existenzsorgen durchaus schürt. Noch gibt es in Deutschland mehr als 130 Berufsorchester (etwa 80 Theaterorchester, 30 Konzertorchester, 13 Rundfunkorchester und renommierte Kammerorchester, aber 1992 waren es noch 168 öffentlich finanzierte Berufsorchester. Die Künstlersozialkasse registrierte 2013 ca. 50 000 selbstständige Musiker. Zur gleichen Zeit waren laut Bundesagentur für Arbeit ca. 25.000 Musiker sozialversicherungspflichtig angestellt, darunter auch Sänger, Komponisten und Dirigenten. Ob ein nach spielerisch-künstlerischen Kriterien geeigneter Kandidat auch das anschließende Probejahr überstehe, sei völlig offen. Erst im Orchesterdienst zeige sich, ob ein Musiker auch andere nötige Qualitäten wie Teamfähigkeit mitbringe, sagte uns Mariana.

Was sie sich wünscht? Sie habe ihr Cello von den Eltern gekauft bekommen. Es klingt und singt unter ihren Händen und Armen sehr schön. Aber ein Cello fürs Leben ist es noch nicht. Wert und Gebrauchswert stimmen beim Streichinstrument nicht immer überein. Es muss also kein Cello von Stradivari oder Vuillaume sein. Auch moderne Geigenbauer bauen wunderbare Instrumente, die den Saal füllen. Vier arme Saiten – es klingt wie ein Scherz- für alle Wunder des Schalles! Hat doch der Mensch nur ein einziges Herz und reicht doch hin für alles (Grillparzer) Also ein Cello fürs Leben, das wünscht sich Marina für die Zukunft. Und sie lässt sich jedenfalls von den am Orchesterhimmel drohenden Unwetterwolken nicht abhalten und übt jeden Tag vier bis fünf Stunden. Nach dem Studium – das Bachelor-Examen gilt als Eingangsqualifikation für die Tätigkeit in einem der großen Sinfonieorchester – wird sie sich bewerben. Das Probespiel um eine Stelle gegen zig Mitbewerber vor dem gesamten Orchester in der 1. Runde

kostet Nerven. Aber erst einmal wird sie im Dezember 2018 mit dem Orchester der Wuppertaler Musikhochschule, sozusagen der hiesigen Banda Sinfónica, das herrliche, aber auch schwierige und heikle Cellokonzert in C-Dur von Josef Haydn spielen. Nahezu alle Konzerte der Musikhochschule werden dem Interessierten kostenlos angeboten. Also nix wie hin! Lions fördern sozial Schwache und benachteiligte, aber auch hochtalentierte junge Menschen, deren zukünftige Entwicklung für unsere Gesellschaft bedeutungsvoll sein kann. Seit 2016 schreibt das Hilfswerk des Lions Clubs Wuppertal-Mitte für Studierende der Musikhochschule Wuppertal im letzten Studienjahr vor dem Examen ein Stipendium aus, damit sich Begabte frei von finanziellen Zwängen auf ihr Examen vorbereiten können. Christa Müller-Schlegel unterstützte dieses Stipendium in diesem Jahr sehr großzügig. Auf die Ausschreibung vom Mai 2018 haben sich neun Studierende beworben und der Jury des Lions Clubs Wuppertal-Mitte (Norbert Brenken, Bernd Mönkemöller, Dr. Johannes Vesper) am 2. Juni künstlerisch und im persönlichen Gespräch vorgestellt. Es ist beeindruckend, mit welchem Ernst und welchem Engagement sich die jungen Studierenden ihrem Instrument und ihrer beruflichen Zukunft widmen. Anderswo haben Musiker mit dem Examen einer deutschen Musikhochschule bessere Berufsaussichten als in Deutschland. So kommen sie aus der ganzen Welt wegen des Studiums nach Wuppertal, wo eine praxisbezogene Ausbildung sowohl künstlerischer Instrumental- und Gesangsfächer als auch der Musikpädagogik geboten wird. Praxisbezogenheit bedeutet für die Studierenden Kooperation und Mitwirkung bei den Wuppertaler Bühnen, der Bergischen Musikschule und der Bergischen Universität, um nur die Wichtigsten zu nennen. Vor der Jury des Lions Clubs Wuppertal-Mitte spielte Mariana sonor, warm und nobel den 1. Satz der 2. Sonate e-Moll für Violoncello und Klavier von Johannes Brahms und eine Studie für Violoncello solo von Bernd Alois Zimmermann, mit der sie sich frei und souverän äußerte.

Unter Berücksichtigung der Vergabekriterien (Künstlerpersönlichkeit, musikalische Qualität und soziale Situation) fiel die Wahl auf Mariana Taipa, von der man im Tal noch hören wird. Johannes Vesper 51


Both Directions at Once Das verlorene Album

Es ist nur wenige Wochen her, da tauchte der Name John Coltrane plötzlich in allen wichtigen Zeitungen der Republik auf, 51 Jahre nach seinem Tod im Juni 1967. Grund war die Veröffentlichung eines neuen Albums, und das wahrlich besondere an der Sache: Es erschien nicht irgendein unverwerteter Konzertmitschnitt, sondern eine komplette Studiosession, aufgenommen am 6. März 1963 in dem legendären Studio von Rudy van Gelder in Englewood Cliffs, New Jersey. Da war tatsächlich eine komplette Studiosession verloren gegangen, erst nach über 50 Jahren tauchte in der Familie des Musikers eine Kopie der Masterbänder auf, die über Coltranes Sohn, den Saxofonisten Ravi Coltrane, an die Plattenfirma Impulse weitergereicht wurde. Der Rezensent der Süddeutschen ließ sich gar zu dem Vergleich hinreißen, es sei, „als hätte man die 10. Beethoven Sinfonie entdeckt“, ein Vergleich, den es zu prüfen gilt. Die schöne Geschichte des Auffindens und Veröffentlichens der Bänder ist, wie gesagt, vor einigen Wochen in der deutschen Presselandschaft flächendeckend bedient worden. Wer das genau wissen will, möge unter dem Titel googeln, das müssen wir hier nicht nachbeten. Beschäftigen wir uns lieber mit dem unvergleichlichen Musiker und seinem brand new album … Jazz lebt oft von viel musikalischer Energie. Wer sich improvisierend ausdrücken darf, tut dies oft mit deutlich mehr Energie als Musiker, die einen Gutteil ihrer Konzentration darauf verwenden, den Notentext seriös rüberzubringen (das ist keine Missachtung der klassischen Musik, aber neurophysiologisch nicht zu bestreiten). Wenn Coltrane (Trane) spielt, hören wir in jedem Moment einen Musiker, der seine Grenzen sucht. Die Virtuosität ist extrem, sein Ton wird ausgesprochen laut gewesen sein, und die Länge seiner Soli übersteigt die Dauer seiner Zeitgenossen auch mal um das Vierfache. Auf etlichen Aufnahmen legt er das Horn erst nach 25 Minuten zur Seite – das schaffen andere Saxofonisten oft rein physisch nicht. Coltrane, der ansonsten ein sehr smoother Typ gewesen sein soll, sagt über sich selbst: „I can’t do nothing, if it’s not in the extreme.“ Als Saxofonist prägte er eine ganze Generation, war also der wegweisende Stilist nach Charlie Parker. Seine allgemeine musikalische Bedeutung ist in zweifacher Hinsicht relevant. 52

Coltrane hat durch die Nutzung vor allem pentatonischer Skalen den größten Teil des Vokabulars im sogenannten modalen Jazz als Erster formuliert. Durch seine Hinwendung zu nicht westlichen Musikkulturen, vor allem der indischen, war er vermutlich der wichtigste Pionier dessen, was heute Weltmusik genannt wird. Wenden wir uns dem Album zu. Den Titel „Both Directions At Once“ können wir eigentlich programmatisch sehen. Die Stücke zeigen einen Trane, der auf dem Weg ist, vom Bebop zu neuen Ufern zu finden. „Both Directions At Once“ präsentiert auf vielen Stücken unterschiedliche Möglichkeiten, den Jazz zu spielen, manchmal noch stark vom gestern geprägt, immer wieder forsch ins Morgen schauend. Zwei Musiken des Albums haben gar keinen Titel, sondern sind quasi unter den Archivziffern veröffentlicht, so heißt der erste Titel der neuen Trane-Platte tatsächlich „Untitled Original 11383“. Das Stück ist ein typisch energischer Coltrane-Blues und eröffnet mit einem Charakteristikum, das auf dem Album immer wieder evident wird – Coltrane und sein Pianist, der große McCoy Tyner, spielen häufiger nacheinander als zusammen. Sehr besonders bei der Eröffnungsnummer ist auch das Bass-Solo: Jimmy Garrison streicht den Kontrabass in einer Weise, die stark an Paul Chambers erinnert. Der hatte ja ein paar Jahre zuvor sehr oft mit Trane gespielt. Am stärksten in der Bop-Tradition verwurzelt ist „Vilia“, orientiert an einer Arie von Franz Lehar. Dieses Stück würde man bei der Vorstellung des Themas eher auf den beiden alten Atlantic-Platten „Coltrane Jazz“ und „Coltrane Sound“ verorten. Bei Tranes Solo ist die zeitliche Verortung dann aber klar, denn auch bei „Vilia“ ist er schon bald in den irisierend vituosen „sheets of sound“- Tonkaskaden


in einer derart schnellen Reihung und dazu rhythmisch nicht streng periodisch, sodass man weniger einer Melodie folgt, sondern verwundert eine unaufhaltsam sprudelnde Klangwolke wahrnimmt. Thematisch noch weicher als die Lehar-Adaption ist Tranes Version des Latin-Klassikers „Nature Boy“, eine Komposition, die in ihrer zarten Schlichtheit gar nicht im Repertoire dieses ständig brennenden Spielers vermutet wird, aber Vorsicht! Coltrane präsentierte häufig Stücke, die in der originalen Vorlage lieblich bis seicht sind. Das Volkslied „Greensleeves“ fällt mir da ein oder natürlich sein größter kommerzieller Erfolg „My Favorite Things“, ein Song, der im Original, fast – Entschuldigung – dämlich ist. Hatte er tatsächlich eine Neigung zu einfachsten Melodien, oder war es der Ehrgeiz, damit etwas ganz anderes zu machen? Das bleibt vermutlich im Zeitennebel. Zumindest unterstreicht es die Sicht der Dinge, dass es im Jazz nicht darauf ankommt, was man spielt, sondern wie man es tut. Sensationell ist, dass 51 Jahre nach Coltranes Gehen zum ersten Mal eine Studioversion von „Impressions“ erscheint. Von dem Stück gibt es zig Liveversionen, und im Chor seiner Kompositionen ist es eine der wichtigsten. „Impressions“ war eins der Paradestücke des damals jungen modalen Jazz. Die 32-taktige Form ist identisch mit dem Miles-Davis-Stück „So What“ und beinhaltet harmonsich lediglich zwei Mollseptakkorde. Zu hören, was der Meister aus diesem extrem reduzierten Material macht, war und ist eine Pflichtübung für alle nachwachsenden Jazzmusiker. Im Zusammenhang mit der identischen Form von „So What“ sei auch der völlig unromantische Hinweis gestattet, dass die Entscheidung, eine Melodie auf eine bestehende Form zu schreiben, ökonomisch ganz einfach schlau ist. Coltrane fand für eine Akkordfolge, die er jahrelang in der Band von Miles Davis gespielt hat, eine „Zweitverwertung“. Ähnliches hat er häufiger gemacht. Der Piansit Kelvin Sholar zeigte mir neulich bei einer Probe, dass das zur „A Love Supreme“-Suite gehörende Stück „Resolution“ nur eine leichte Bearbeitung von Thelonious Monks „Bernies Tune“ darstellt. Wem das nicht ganz geheuer vorkommt, der sei mit der Information beruhigt, dass es im Schaffen von Johann Sebastian Bach an „Zweitverwertungen“ nur so wimmelt (ach ja, ebenso bei Charlie Parker).

spielt zumindest in der ersten Hälfte und auch gegen Ende genau in der Form, etwaige Klavierakkorde würden seine Linien harmonisch also nicht stören. Allerdings sind seine Linien dynamisch so eruptiv und rhythmisch gegen den Strich gebürstet, dass das anschließende McCoy TynersSolo wieder sehr traditionell klingt. Nach dem Klaviersolo kommt es zu einem der spannendsten Momente des Albums, wenn Trane ein zweites Solo spielt, diesmal mit McCoy Tyners Begleitung, und hier ist das Stück deutlich dichter als zuvor, vielleicht der beste Moment des ganzen Albums. Mein Freund Harald Eller sagte mal vor Jahrzehnten beim Anhören eine Coltrane-Platte: „Der springt gleich aus dem Anzug.“ „One Down One Up“ ist ein Burner, uptime, also schnell und nach dem Thema spielt Trane erst mal eine Weile nur im Duo mit Elvin Jones, der eine Energie an den Tag legt, die ebenfalls atemberaubend ist. Witzig und vielsagend ist das, was Trane mal zu seinem Drummer gesagt hat: „Spiel einfach so laut, dass man sonst nichts mehr hört.“ Jeder, der schon mal die Diskussionen im Proberaum erlebt hat, dass das Schlagzeug wieder mal viel zu laut ist, kommt da ins Grübeln, zu hören, wie geniale Bands auch entstehen können. Nach dem Tenorsolo spielt Jimmy Garrison in der Art, wie es zur gleichen Zeit auch Ron Carter im „Miles Davis’ Quintet“ tat, der Drumgroove geht ohne Zäsur weiter, und die Linien des Kontrabasses verlassen nur hie und da die walkin’-bass-Periodik, d. h. es wird nicht plötzlich ganz leise und friedlich, Energie und Druck sind das wichtigste an dieser Musik. Ich will nicht chronologisch durch das Album gehen und alle Stücke beschreiben, gebe aber gern die dringende Empfehlung: Besorgt euch dieses Album, es ist nicht gut, sondern fantastisch. Aber um die Kurve zu den einleitenden Gedanken zu schaffen: Ist es so etwas wie die 10. Beethoven-Sinfonie? Ich meine bei aller Begeisterung sagen zu dürfen: Das ist nicht so. In Coltranes sehr reichem Schaffen gibt es kein schlechtes Exemplar, aber es gibt einige, ohne die die Jazzhistorie anders verlaufen wäre. z. B. „A Love Supreme“ und „Ascension“. Wir können uns also über ein Album freuen, das in jeder Hinsicht wunderschön ist, aber die Jazzgeschichte muss nicht neu geschrieben werden. Wolfgang Schmidtke

Auch in „Slow Blues“ ist die unterschiedliche Spielweise von Trane und McCoy Tyner frappierend. Trane soliert zunächst auch hier ohne Klavierbegleitung, wobei wichtig ist, dass ihn diese harmonisch nicht einschränken würde. Er

Wolfgang Schmidtke hat am 7. September 2018 ein Coltrane Programm in der Elbphilharmonie gespielt. 53


Die litauische Mezzosopranistin Ieva Prudnikovaite als Carmen und der schwedische Tenor Joachim Bäckström als Don José, Foto: Jens Grossmann

Umjubelte Aufführung

Wuppertal hat wieder eine Carmen... ... und zwar eine, die sich sehen lassen kann. Als letzte Premiere kurz vor Ende der letzten Saison herausgekommen, wird sie in der jetzt beginnenden Saison wiederaufgenommen. Auf dem Plakat zur Oper ein Blick in eine Stierkampfarena. Und aus den hohen, den Kampfplatz umgebenden Holzbarrieren, in einzelne Elemente geteilt, besteht das Bühnenbild (Luis Carvalho). Durch Herunterlassen und Umgruppierung dieser Elemente können die wechselnden Schauplätze sehr schnell dargestellt werden, am Schluss bildet sich sogar tatsächlich eine Stierkampfarena. Die Handlung spielt sich also in einer Arena ab, ist ja auch ein blutiger Kampf mit tödlichem Ausgang. 54

In diesem Sinne fokussiert die Regisseurin Candice Edmunds das Geschehen auf die vier Hauptpersonen – Carmen, Don José, Micaela, Escamillo. Die anderen Personen treten demgegenüber etwas zurück, erfahren aber doch geschärftes Profil. Und die beiden Chöre singen nicht nur, sondern werden von Regie und Choreografie (Neil Bettles) auch exzellent bewegt. Worauf vollkommen verzichtet wird, ist z. B. die realistische Darstellung des Volksgewusels in der ersten Szene vor der Zigarettenfabrik und im letzten Akt vor der Arena, im Mittelpunkt stehen die aktuelle Handlung und Kommunikation und Konflikte zwischen den Personen. Die Übergänge zwischen den einzelnen Szenen sind nicht fließend, sondern klar markiert:


Die einen verlassen die Bühne (bzw. die Arena), die anderen kommen. Das ist ein Verfremdungseffekt, der jegliche Illusion und Identifikation ausschließt. Das führt auch dazu, dass realistische Elemente handlungsmäßig nicht umgesetzt werden: Die Wachablösung im 1. Akt wird nur gesungen, später sind wieder dieselben Soldaten auf der Bühne. Wenn der Offizier Zuniga im 2. Akt davon singt, dass er die Tür aufbrechen will, ist da gar keine; und der Messerkampf im 3. Akt zwischen Don José und Escamillo findet ohne Messer statt. Benutzt werden häufig auch Rollwagen, auf denen mehrere Personen Platz haben. Zwei davon stehen sich beim Streit der Zigarettenarbeiterinnen im 1. Akt gegenüber, garantieren nicht nur viel Bewegung, sondern auch guten Kontakt zur Dirigentin und damit präzises Singen. Einer dieser Rollwagen wird schon während der Ouvertüre mehrfach hin- und hergefahren und deutet, einem Trailer ähnlich, mit kleinen Szenen die folgende Handlung an. Einiges wird auch symbolisch dargestellt: So wirft Carmen die zur Verführung benutzte Blume nicht selbst Don José vor die Füße, sondern lässt das von drei Zigarettenarbeiterinnen erledigen. Schließlich passen zu dieser Vorgehensweise auch noch einige RevueElemente: Bei Carmens Auftrittslied bilden Zigarettenarbeiterinnen und Soldaten tanzende Paare, in Lillas Pastias Kneipe bewegen sich die Besucher synchron mit flamencoähnlichen Bewegungen und trinken im Akkord, und wenn Carmen im 2. Akt für Don José tanzt und singt, findet im Hintergrund ein angedeutetes Ballett von drei auf Stühlen sitzenden Frauen statt. Wenn so vorgegangen wird, funktioniert das natürlich nur, wenn die Personenregie stimmt. Und in dieser Hinsicht hat Candice Edmunds präzise gearbeitet. Schon bei den kleineren Rollen werden die Personen genauestens charakterisiert, umso mehr bei den Hauptpersonen. Lediglich der Torero Escamillo schien mir etwas zu konventionell dargestellt. Brillant auch die Chorführung durch Regie und Choreografie: Im 1. Akt kommen zuerst einzelne Personen des Kinderchors auf die Bühne und ärgern die Soldaten, formieren sich dann, immer singend, zuerst zu einer Kampfszene mit Toten und spielen dann eine Hinrichtung nach. Eine Szene – sonst gerne positiv als kindliche Imitation des Marschierens inszeniert –, die schockiert und auf das Leid der Kindersoldaten heutzutage hinweist. Auch der Chor hat große Auftritte. Ein besonderes Kabinettstückchen liefert er im 4. Akt. Nur durch Drehen des Kopfes, Positionswechsel und intensives Spiel wird die An-

kunft der Picadores und der anderen Stierkämpfer äußerst lebendig und dazu noch humorvoll dargestellt. Chordirektor Markus Baisch hatte in musikalischer Hinsicht bei beiden Chören für hohes Niveau gesorgt. Vor allem beim Kinderchor konnte man Sicherheit und Selbstbewusstsein in Gesang und Aktion bewundern, was bei Kindern in diesem Alter nicht selbstverständlich ist. Die gesanglichen Leistungen waren ebenfalls sehr hoch. Die kleineren Rollen wurden vom Wuppertaler Ensemble mit Leben gefüllt. Die Besetzung der Hauptrollen war international, alles junge Sängerinnen und Sänger, die diese Rollen schon öfter gesungen hatten. Der machohafte Escamillo wurde mit sonorer Stimme vom russischen Bariton Dmitry Lavrov gesungen, Micaela von der tasmanischen Sopranistin Bryony Dwyer, die nicht nur eine wunderbare lyrische Stimme hatte, sondern auch hervorragend spielte. Dies gilt auch für die Darsteller Don Josés und Carmens. Der schwedische Tenor Joachim Bäckström produzierte ganz frei und ohne jegliche Ermüdungserscheinungen strahlende hohe Töne, und die litauische Mezzosopranistin Ieva Prudnikovaite überzeugte von ihrem Auftrittslied an. Last but not least das Orchester, das unter der Leitung von Julia Jones schon nach der Pause einen Sonderbeifall bekam. Es spielte intensiv und lebendig, war vor allem immer genau mit der Handlung verzahnt, bewältigte Fermaten und Tempoänderungen brillant und hatte einen riesigen Lautstärkeambitus von ganz leise bis extrem laut. Ein Beispiel für lyrisch-leises Spiel war das Vorspiel zum 3. Akt, andererseits wurden an anderen Stellen grelle Blechbläserakzente genau auf den Punkt gebracht, Fortissimo-Spannungsakkorde wurden oft kürzer als erwartet, aber sehr präzise gespielt. Und sängerfreundlich war Jones´ Dirigat ebenfalls. So machte auch das Orchester den Gegensatz vom häufig unbeherrschten José und der coolen, selbstsicheren Carmen perfekt deutlich. Und schließlich sei noch der musikalisch hervorragend herausgearbeitete Zusammenprall zweier musikalischer Welten im Kartenterzett im 3. Akt genannt, in dem die träge, fast nicht vom Fleck kommende Musik der todgeweihten Carmen dem fröhlichen Gezwitscher von Frasquita und Mercédès gegenübersteht. Von allen Beteiligten also eine hervorragende Leistung. Kein Wunder, dass das Wuppertaler Premierenpublikum im Stehen minutenlang klatschte. Fritz Gerwinn 55


Parler Peinture Aus Michael Zellers Roman: Die Sonne! Früchte. Ein Tod

Paris, Frühling 1906, im Atelier von Paula Modersohn-Becker. Zu Besuch ist der deutsche Schriftsteller Hans Anderland. Er erzählt: Ein Bild stand auf der Staffelei, und ich nahm es als ein Zeichen ihres gewachsenen Vertrauens, dass Paula es nicht wieder sofort beiseiteräumte. Sie stand davor in einem ihrer langen, dunklen Kleider, auf denen ich sofort nach Malspuren suchte. Wortlos lud sie mich zum Mitschauen ein.

Paula Modersohn-Becker, Selbstbildnis vor grünem Hintergrund mit blauer Iris, 1900-1907, Öl auf Leinwand, 40,7 x 34,5 cm Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen Foto: Lars Lohrisch

Das erste Bild, das ich von Paula sah: sie selbst. Meine Augen wanderten zwischen Paula und ihrem Abbild. Die Gesichter ähnelten einander und waren doch höchst verschieden. Auf den ersten Blick schien mir Paula ikonenhaft starr zu sein, aber bei längerem Betrachten sog es mich geradezu in diese großen braunen, offen hingehaltenen Augen hinein. Dieser Blick – nur blickend. Diese Augen lächelten nicht, sie sehnten sich nicht, sie waren weder hart noch weich, gingen nicht nach innen und suchten nichts außerhalb. Es war das Sehen selbst, das sich in ihnen sammelte, aus leicht gedrehten Pupillen. Die gänzliche Abwesenheit eines Gefühls irritierte mich. Schauen Tiere nicht ebenso? Nein, sie wittern, sind immer hinter etwas her, blankäugig – und dieser Blick … Ja, so war es: Er wollte nichts. Wie kann man nur so leben, in solcher unbeteiligten Kühle, dachte es in mir, und um mein Schweigen zu brechen, das auf mir zu lasten begann, sagte ich: „Ihre Augen, Paula, sehen Sie das wirklich so, oder …?“ Paula, glaube ich, amüsierte sich über meine Frage. Sie legte den Zeigefinger auf die Lippen. „Sie sind einer der wenigen, Herr Nachbar“, lächelte sie mich an, „die von sich behaupten können: Ich habe ein Bild von Paula Becker gesehen. Das ist so, ob es Ihnen gefällt oder nicht.“

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„Nein, es gefällt mir, doch, nein, oh, es gefällt mir gut!“, beeilte ich mich, aus Angst, etwas Falsches zu ihrem frischen Bild gesagt zu haben. „Aber ich muss mich erst an Ihre Sicht der Dinge gewöhnen“, fuhr ich fort, immer noch zu hastig, und meine Stimme schien mir kläglich zu klingen. „Ich hatte nur nicht erwartet, dass eine Frau …, nein, verzeihen Sie, dass Sie so …“ „Was haben Sie denn erwartet, Doktor?“, lachte Paula. „Veilchen und Vergissmeinnicht, einen Sonnenuntergang oder ein paar schwebende Engelchen gar, mit rosaroten Backen?“ … Der Hintergrund ihres Porträts war in hellem Grün gehalten, fleckig gemalt, und da hinein waren mit einem eher groben Pinselstrich mehrere blaue Blüten hineingesetzt, ja, es sollten wohl Iris sein. Paula war vor ihrem Bild stehen geblieben. Ich stellte mich an ihre Seite. Wie sie verschränkte ich die Arme vor der Brust. „Entschuldigen Sie, Paula, ich sehe keine Iris hier im Raum, wir haben ja auch gerade erst Frühling …“ „ Ach, das ist nur Psychologie oder auch nur so ein kleiner handwerklicher Trick“, sagte Paula obenhin mit ihrem flinken norddeutschen Mundwerk. Aber sie ließ sich dann doch ernsthafter auf meine Bemerkung ein.

alle Frauen sind, wie Sie ja wohl bestens wissen, alle samt und sonders schrecklich eitel.“ Zunächst wollte ich diese Koketterie natürlich überhören. Im Nachklang aber öffnete sie mir einen ganz neuen Blick. Paula hatte sich auf diesem Bild weiß Gott nicht geschönt. Die schmale Oberlippe war nicht unterschlagen, die volle, hängende Unterlippe ohne Schonung erfasst. Teigig breit lag das Gesicht in der Fläche. Aber da war auch diese Kette, diese Halskette mit den schwarzen Steinen, pupillengroß. Ich trat einen Schritt von dem Porträt zurück und kniff die Augen zusammen. Mit diesem reduzierten und zugleich geschärften Blick erkannte ich, wie Paula es wohl meinte: dieser Farbdreiklang, diese Steigerung der Brauntöne! Anhebend mit ihrem umbrischen Goldhaar, hingetragen über die nussbraunen, runden Augen, einsinkend dann im Schwarz der Steine um den Hals. Das musste es sein. Das war es! Ich war froh, ja glücklich – und auch stolz. „Paula, ich glaube, ich sehe, wie Sie es meinen!“ Unsere Oberarme berührten sich leicht vor ihrem Abbild. „Ich sehe es groß, mit jenem Blick vielleicht, mit dem Sie auf der Leinwand schauen, dem reinen Blick, dem Kunstblick. Die große Einfachheit …, die groß gesehene, vereinfachte Form …“ So steht es in Michael Zellers Roman DIE SONNE! FRÜCHTE. EIN TOD. 1987 erschien er zum ersten Mal, seither in mehreren Auflagen. Der Schriftsteller Ander-

„Die Farbe zeichnet. Sehen Sie: Was mache ich denn, wenn ich male? Ich setze Farben auf die Leinwand. Mehr nicht. Farben, verstehen Sie? Den Gedanken einer Stirn drücke ich – sagen wir, durch das Leuchten eines hellen Tons auf einem dunklen Grund drück ich den aus. Die Hoffnung vielleicht durch einen Stern … oder so in etwa.“ „Wollen Sie damit sagen, Paula, Sie sehen sich auf diesem Bild – Sie sehen Ihr Gesicht dort nur als ein Verhältnis von Farben?“ „Wären Sie denn sehr enttäuscht von mir, wenn es so wäre?“, lächelte Paula mich an, und ihr rundes Gesicht zeigte dabei wieder dieses unergründlich Satte, das mir die Frau allen Annäherungen zum Trotz immer wieder unheimlich machte, wie eine völlig Fremde. „Früher hat man gemalt: ich liebe dieses hier, statt zu malen: Hier ist es! Aber vergessen Sie eines nicht, verehrter Nachbar“, und sie kniff mir ein Auge, das mich in die nächste Verwirrung tauchte, „ich bin auch ein Weib, und

land ist erfunden, Paula Modersohn-Becker zum Glück nicht.

Am Sonntag, dem 6. Januar, endet die Ausstellung Paula Modersohn-Becker – Zwischen Worpswede und Paris im Von der Heydt-Museum Wuppertal. Aus diesem Anlass liest Michael Zeller um 15 Uhr aus seinem dritten Roman Die Sonne! Früchte. Ein Tod. Während eines einjährigen Stipendiums in Worpswede 1984/85 hatte sich Michael Zeller in Arbeit und Lebensspuren der Malerin vertieft. In seinem Roman imaginiert er ihren letzten Aufenthalt in Paris – künstlerisch eine Offenbarung, im Persönlichen ein Scheitern. Vor der scheinbar so gutbürgerlichen Kulisse der vorletzten Jahrhundertwende führt er der Leserschaft vor Augen, wie unverändert aktuell die Entscheidungsnot einer Frau zwischen Ehe, Mutterschaft und Berufskarriere geblieben ist. 57


Nach Mitternacht

Literarische Revue zu Mascha Kaléko und Irmgard Keun Die bewegende Wiederbegegnung mit zwei großen Autorinnen der Neuen Sachlichkeit im Zentrum der Verfolgten Künste erinnert an ein Live-Hörspiel. In Zeiten von #MeToo wird weibliches Selbstbewusstsein widerständiger definiert als in den Jahrzehnten zuvor. Die attraktiven selbstbewussten Frauen im Nachkriegsdeutschland wurden in den USA in den 1950er-Jahren als das „Deutsche Fräuleinwunder“ bekannt. Nur wenige Jahre später hatte die Generation der 68er für diesen Frauentypus nur noch Spott übrig. Daher erstaunte es, dass in den späten 1990er-Jahren intellektuelle junge Autorinnen wie Juli Zeh, Judith Hermann und Zoë Jenny vom Feuilleton als Fräuleinwunder bezeichnet wurden.

Fräuleinwunder Wenn das strapazierte Wort vom literarischen Fräuleinwunder je gepasst hat, dann in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts, als Mascha Kaléko und Irmgard Keun einen neuen Sound in der Literatur schufen: perlend leicht wie Champagner, leicht zu verstehen für jederfrau und -mann, aber doch mit einem Röntgenblick in das Seelenleben der Zeitgenossen der Weimarer Republik.

mutigte die junge Frau zu schreiben. 1931 erscheint „Gilgi, eine von uns“, Keuns erster Roman. Gilgi laviert sich durch das Leben, schielt nach Erfolg und Karriere, träumt sich on the top of the world und geht, obwohl sie die damaligen Zwänge intuitiv erkennt, doch immer wieder ihrer Sehnsucht nach einer heilen Welt, den Männern und der Liebe auf den Leim. Das Buch macht die Keun über Nacht berühmt. Mit Gilgi hatte Irmgard Keun ihr Thema gefunden: die neue Frau. Die neuen Frauen verdienen nicht viel, allenfalls 110 Mark im Monat. Für Freizeit, damals Theater, Kino, Konzert, bleibt da fast nichts übrig. Der Zeitgenosse und Soziologe Sigfried Kracauer beschreibt die Situation der jungen berufstätigen Frauen: „Wenn die Mädchen solche luxuriösen Bedürfnisse haben, deren Befriedigung in Wahrheit kein Luxus ist, sind sie einfach darauf angewiesen freigehalten zu werden. Der Freund ist eine erotische und materielle Notwendigkeit zugleich.“ Ihr zweiter Roman, der sie berühmt machte, „Das kunstseidene Mädchen“, bringt den Lesern diese Lebenserfahrung durch die Protagonistin Doris nahe.

Zwischen Sehnsucht und Desillusion Gemein-

1929 werden die ersten zwei Gedichte Mascha Kalékos in der Zeitschrift „Querschnitt“ veröffentlicht. Ein Jahr später wird Monty Jacobs, Redakteur der „Vossischen Zeitung“, auf die Lyrikerin aufmerksam. Regelmäßig werden nun ihre Gedichte in der renommierten Zeitung veröffentlicht. Sie, im Brotberuf Büroangestellte und Stenotypistin, hört genau hin und versteht die Sorgen und Nöte der sogenannten „kleinen Leute“. Maschas Zeitungsgedichte schufen eine Gegenwelt zu den bedrückenden politischen Nachrichten und Börsenberichten der am Abgrund taumelnden Weimarer Republik. Man nannte sie die Großstadtlerche, und der zwischen Ironie und Melancholie schwebende Ton verzauberte viele Deutsche. 1933 erschien ihr erster Gedichtband, das „Lyrische Stenogrammheft“. Aus dem Stand war Mascha Kaléko die auflagenstärkste Lyrikerin deutscher Sprache.

sam ist beiden Autorinnen, dass sie genau hinschauen auf das Leben und den Alltag. Den großen, auch politischen Zusammenhang der Dinge erkennen sie im scheinbar Kleinen. Beide leben von der eigentümlichen Spannung zwischen Sehnsüchten und Desillusionierung. In ihrer Haltung zum Leben und ihrem literarischen Ton unterscheiden sich die Autorinnen. Satirisch, spitz-ironisch, pointenreich die Keun und mit einem Blick für das Tiefsinnig-Abgründige mitten in der Banalität des Alltags. Kaléko ist als Lyrikerin auf eine feine Art witzig. In Alltagsthemen spiegelt sich in ihren Gedichten das große Ganze, die Frage nach Sinn und Sein. „Man hat Mascha Kaléko verglichen mit Morgenstern, Kästner, Ringelnatz, aber das trifft es nicht. Sie hat deren Verspieltheit, satirische Schärfe und Sprachwitz, aber es kommt ein Sehnen hinzu, eine zarte Zerbrechlichkeit, die den Atem nehmen kann …“, beschreibt Jan Schulz-Ojala im „Tagesspiegel“ (Juni 2007) den Ton der Kaléko.

Ähnlich kometenhaft verlief der Aufstieg von Irmgard Keun zur Autorin, wenn auch erst nach einer kurzen gescheiterten Karriere als Schauspielerin. Alfred Döblin er-

Anhand einer fiktiven Begegnung lässt der Wuppertaler Autor Heiner Bontrup die beiden Dichterinnen lebendig werden. In einem Doppelporträt der beiden werden das Le-

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Henning Brand, Margaux Kier, Nina Hoger und Olaf Reitz (von links nach rechts)

bensgefühl der Weimarer Zeit, ihre Gemeinsamkeiten, Unterschiede deutlich, treten die Umrisslinien der Identität vor dem Hintergrund des anderen Lebens umso plastischer hervor. Geschickt wird aus Gedichten, Tagebüchern, Briefen und Romanauszügen ein Textgewebe geschaffen, das den Eindruck eines lebendigen Gesprächs zwischen den beiden Autorinnen hervorruft: Was hätten sie einander zu sagen, wären sie sich nach dem 2. Weltkrieg begegnet: über Berlin, die Literatur, das Zeitgeschehen, die Liebe? So wurde die Literarische Revue des Theaters Anderwelten im Solinger Zentrum der Verfolgten Künste zu einer Zeitreise durch 30 Jahre deutsche Geschichte und zu einer Wiederbegegnung mit zwei Literatinnen, deren Lebenswege durch die NS-Zeit in unterschiedliche Richtungen gingen. Mascha Kaléko wanderte mit ihrer Familie im buchstäblich letzten Moment in die USA aus. Sie lernte schnell englisch und hielt ihre Familie als Werbetexterin über Wasser, für ihren Sohn Steven schrieb sie wunderschöne Gedichte wie das vom Mamagei und Papagei, das damals außer Steven niemand zur Kenntnis nahm. Irmgard Keun ging in die Niederlande und tauchte, als die Nazis auch dieses Land besetzt hatten, unter falschem Namen in Köln unter. Angenehm unaufgeregt, sehr sensibel für Spannungsbögen und mit einem ausgeprägt feinen Gespür führt der Wuppertaler Schauspieler und Sprecher Olaf Reitz durch das Handlungsgeschehen. Oder tritt in die Rolle eines sub-

alternen Beamten der NS-Reichsschrifttumskammer, der in einem scheinbar lapidaren, in Wahrheit aber sadistisch gefärbten bürokratischen Sprachstil Ernst Rowohlt in einem Brief mitteilt, dass mit sofortiger Wirkung alle Lyrikbände Mascha Kalékos eingestampft werden sollen. Natürlich ist es für das freie Theater Anderwelten ein Glücksfall, dass mit Nina Hoger eine renommierte Schauspielerin in die Rolle der Irmgard Keun schlüpft. Ausgezeichnete Vorleserinnen erwecken existenzielle Momente in der Literatur zum Leben: Wenn etwa die Hoger spricht, wie das Liebespaar Sanna und Franz im Keun-Roman „Nach Mitternacht“ mit dem Zug über die Grenze in ein anderes, freies Land fahren will, obwohl Gestapo und Grenzpolizei alle Reisenden kontrollieren, dann ist die atemlose Stille des Auditoriums hörbar und die anschließende Erleichterung über das Glück der Rettung mit Händen zu greifen.

Olaf Reitz

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Mädchens aus dem Leben der Berliner Hautevolee mitzuerleben. Von diesen Emotionen, ihren Gegensätzen und deren Fallhöhen bezieht die Literarische Revue ihren Reiz.

Nina Hoger

Timbre und Tempi - Nina Hogers Sprechkunst Beeindruckend auch, wie Hoger dem kunstseidenen Mädchen Leben einhaucht. Die FAZ hat den typischen KeunSound unlängst so beschrieben: „Was die Keun aus der schon nicht mehr ganz Neuen Sachlichkeit machte, das war eine artistische Popliteratur: eine rasante Melange aus Schlager und Schreibmaschine, aus innerem Monolog, zarten Lyrismen und genau gehörter Umgangssprache, aus Werbeplakaten und Revuenummern.“ Und genau wie die Keun den Ton ihrer Zeit trifft, zieht Nina Hoger diese unterschiedlichen Register: mal mit dunkel gefärbter Stimme seelenvoll, mal gurrend und erotisch, dann heiter-ironisch oder auch melancholisch: „Ich gehe auf Teppichen. Mein Fuß versinkt, indem ich das Radio anstelle: Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht Und ich bin ja sooo schön. Und muss fast weinen. Für wen bin ich schön? Für wen?“

Henning Brand und Margaux Kier

Das ist zunächst lustig, auch belustigend für die Zuschauer und Zuhörer, aber auch mit Gänsehautfeeling verbunden. Jeder erinnert Momente tiefer Sehnsucht nach Anerkennung und Geborgenheit. In „Nach Mitternacht“ antwortet ein Lied. „Parlez moi d‘amour“ von Jean Lenoir – eines der schönsten Lieder über Liebeshoffnungen, gesungen von der Kölner Schauspielerin und Sängerin Margaux Kier, begleitet von Henning Brand am Flügel. Kier singt mit wunderbar warmer, weicher und lyrischer Stimme, nie angestrengt und vertraut auf die Kraft des Lieds. Sofort ist man in der Zeit, in the mood, um nur kurze Zeit später aus dem Traum zu erwachen und den Absturz des kunstseidenen

Unvermittelt groovt so ein Kaléko-Gedicht, als ob es aus der Zeit ins Hier und Heute gefallen wäre. Überhaupt spielt die Musik dank des Konzepts des Kölner Theatermusikers Henning Brand (u. a. für das Rheinische Landestheater Neuss und die Bielefelder Oper) eine herausragende Rolle. Von den Goldberg-Variationen Bachs über das französische Chanson bis hin zu Vertonungen von Kaléko-Gedichten spannt sich der musikalische Bogen, und Brand manövriert die Revue souverän durch diese unterschiedlichen musikalischen Welten. Das tief bewegende „Stabat Mater“ etwa des polnischen Komponisten Karol Szymanowski ist ein musikalischer Nachruf auf eine bessere Welt, die endgültig mit der Machtergreifung Hitlers endet und die beiden Autorinnen jäh aus ihrem Leben katapultiert; Mascha Kaléko wird diese Zeit vor 1933 im Rückblick „die paar leuchtenden Jahre“ nennen. Frappierend, wie zeitgemäß manche Gedichte Kalékos heute noch wirken und wie sie sich in den Vertonungen in ein Blues- und Jazzgewand kleiden lassen, das Brand und Kier gekonnt swingen lassen: Unvermittelt groovt so ein Kaléko-Gedicht, als ob es aus der Zeit ins Hier und Heute gefallen wäre. In der Literarischen Revue singt Margaux Kier nicht nur die Kaléko, sie verkörpert sie auch als Sprecherin. Mit dem vielleicht bewegendsten Gedicht Mascha Kalékos endet die Revue: „Letztes Lied“. Das hatte die Lyrikerin für ihren Sohn in ihren amerikanischen Jahren geschrieben, eine Elegie und Hymne an das Leben und die immerwährende Hoffnung, dass nach dem Dunkel der Nacht ein heiterer Morgen folgen möge. Da ahnte Kaléko noch nicht, dass ihr Sohn vor ihr sterben würde. Kier verleiht diesem Gedicht, aus dem man auch Kitsch machen kann, einen scheinbar sachlichen und ruhigen Ton, der umso tiefer geht, weil er die stoische Würde und Haltung spiegelt, mit der Mascha Kaléko ihrem Schicksal begegnete. Betroffene Ruhe und Stille hallen nach; dann lang anhaltender Applaus und Standing Ovations für eine beeindruckende Ensembleleistung. Weitere Informationen über die Projekte und Aufführungen des Theaters Anderwelten finden Interessierte unter www.theater-anderwelten.de und www.facebook.com/ theateranderwelten/ Ulla Backes Alle Bilder aus dem Trailer „Nach Mitternacht“, von Emma Lipphaus,

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Medienprojekt Wuppertal und Theater Anderwelten


Gunda Gottschalk, Ute Völker, Wolfgang Suchner, Leoba Ullrich, Foto: Andre Scollick

Kenji Takagi und Leoba Ullrich, Foto: Andre Scollick

Ich bin ein Prinz

– von Verrücktheiten und Normalitäten Eine inklusive Musik-Tanz-Theater-Produktion

Verrücktheit – was ist das eigentlich? Und was ist Normalität? Wie viele Verrücktheiten und Normalitäten gibt es und wie unterschiedlich sind die? Von diesen Fragen geht das Stück Ich bin ein Prinz – Normalität 3 bis 5 aus, das am 5. Oktober in Dortmund uraufgeführt und auch in Wuppertal und Bochum zu sehen sein wird. Die MusikTanz-Theater-Produktion, die ein inklusives Ensemble aus Wuppertal und Bochum gemeinsam erarbeitet hat, macht sich auf eine Entdeckungsreise mit Bewegung, Sprache und Musik. Die Mitwirkenden suchen auf der Bühne nach Normalitäten und ebenso nach dem Verwirrten, dem Sonderbaren und dem Wahnsinn. Die Figuren umkreisen sich und zeigen ihre Befindlichkeiten beim Wechsel von Nähe und Distanz. Dabei wird auch an den Vorurteilen gerüttelt, die den Personen gegenüber bestehen, denen oft irgendeine Art von Verrücktsein zugeschrieben wird: Menschen mit seelischer und geistiger Behinderung. Sie stehen mit auf der Bühne. Wer die vermeintlich Verrückten und die angeblich Normalen sind, das wird nach diesem MusikTanz-Theater-Stück nicht mehr eindeutig sein. Zum inklusiven Ensemble gehören bekannte Künstler der freien Szene in Wuppertal wie die Musikerinnen Gunda Gottschalk, Ute Völker und Dorothea Brandt, der Musiker und Schauspieler Wolfgang Suchner und der Tänzer Kenji Takagi. Gemeinsam mit ihnen stehen darstellende Künstler mit Behinderung auf der Bühne, die auch schon in verschiedenen Theaterprojekten mitgewirkt haben. Jakob Fedler versteht sich bei diesem Gemeinschaftsstück weniger als Regisseur, sondern mehr als Ideensammler. Zur Aktion auf der Bühne gehört die Musik unmittelbar dazu. Geigerin Gunda Gottschalk und Akkordeonistin Ute

Völker sind als Darstellerinnen im Einsatz und setzen auch mit experimenteller Musik Akzente. Sopranistin Dorothea Brandt, ebenfalls als Darstellerin dabei, lässt spezielle Gesangseinlagen hören, die aus verschiedenen Wahnsinnsund Leidenschafts-Arien der Opernliteratur zusammengesetzt sind. Die inklusive Band Studio 14 begleitet das Stück mit verschiedenen Songs atmosphärisch, doch nicht nur das. Wenn sie spielt, verschieben sich die Rhythmen erst fast unmerklich, dann verwirrend deutlich. So verspinnt auch sie sich in ihre eigene kreative Verrücktheit. Was vermeintlich verrückt und angeblich normal ist, das wird nach diesem Musik-Tanz-Theater-Stück nicht mehr eindeutig sein. Und es wird klar sein, dass es das auch vorher nicht war. Meike Nordmeyer Das inklusive Ensemble Dorothea Brandt, Kirsten Edelhagen, Gunda Gottschalk, Sabine Kreiter, Leo Nitas, Michael Stock, Wolfgang Suchner, Kenji Takagi, Leoba Ullrichs, Ute Völker Ideensammlung und Montage Jakob Fedler, Leitung der Band „Studio 14“ Björn Krüger, Claudia Schmidt Kostüme und Bühne Sabine Kreiter Organisation und Idee Ute Völker Uraufführung Fr., 5. Oktober 2018, 20 Uhr, Theater im Depot, Immermannstraße 29, Dortmund Weitere Aufführungen Sa., 6. Oktober 2018, 19.30 Uhr Theater am Engelsgarten, Engelsstraße 18, Wuppertal Do., 11. Oktober 2018, 20 Uhr Anneliese Brost Musikforum Ruhr, Marienplatz 1, Bochum 61


Sabine und Rüdiger Hösterey – Brezelbäcker aus Leidenschaft

Die Burger Brezel Regionales Gebäck von kulturgeschichtlicher Bedeutung Das von Fachwerk- und Schieferhäusern geprägte Burg an der Wupper zieht das ganze Jahr über zahlreiche Ausflügler an. Viele von ihnen besuchen die einstige Residenz der Grafen von Berg, um im dortigen Museum in die mittelalterliche Geschichte und Kultur der hiesigen Region einzutauchen. Doch niemand sollte den Ort verlassen, ohne eine Burger Brezel gekostet zu haben. Hierbei handelt es sich um ein sogenanntes Gebildebrot, ein Gebäck in Form einer figürlichen Darstellung. Brezel nämlich symbolisieren zum Beten verschränkte Arme. 62


Beten ist nicht an bestimmte Körperhaltungen gebunden. So war in den Ländern rund um das Mittelmeer einst ein Beten üblich, das sich an die Haltung der Bettler anlehnte: Die Arme wurden ausgestreckt. Ab etwa 1150 kam im Abendland ein Beten auf, bei dem man die offenen Handflächen aufeinanderlegte. Das Falten der Hände wurde erst zur Zeit der Reformation zur Regel. Bevor man die Handflächen aufeinanderlegte oder die Hände faltete, verschränkte man die Arme zum Beten. Dies war eine Form des Betens, die aus dem Orient nach Europa gelangte und in den Brezeln dargestellt wurde. Kommen wir von der kurzen allgemeinen Betrachtung über die Brezeln zur Geschichte der in Burg produzierten. Diese beginnt mit einer Revolution und einem dieser folgenden Kriege, ja mit den wohl folgenreichsten Ereignissen der neuzeitlichen europäischen Geschichte. Am 14. Juli 1789 erstürmte die Pariser Bevölkerung das Gefängnis der Metropole, die Bastille. Dieses Ereignis gilt als Beginn der Französischen Revolution. Anfang August wurden sämtliche Privilegien des Adels abgeschafft, und am 26. des Monats kam es in der französischen Nationalversammlung zur Verabschiedung einer Erklärung der Menschenund Bürgerrechte, deren zentrale Forderungen liberté (Freiheit des Einzelnen), égalité (Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz) sowie fraternité (Brüderlichkeit aller Menschen) waren.Der französische König Ludwig XVI. erhoffte sich die Niederschlagung der Revolution durch die anderen Herrscher Europas. Den Revolutionären war diese Bedrohung bewusst. Sie wollten den Königen und Fürsten zuvorkommen und die Ideen der Revolution auch in deren Länder tragen. So kam es im April 1792 zum Krieg. Die Folgen der Revolution und die Auswirkungen dieses Krieges bekamen die Rheinlande eher zu spüren als andere, entfernter gelegene Regionen Deutschlands. Die im Bergischen Land lebenden Menschen befürchteten schon zum Jahreswechsel 1794/1795, dass französische Truppen über den Rhein kommen und ihre Dörfer und Städte besetzen würden. Ab dem 22. Dezember war es in der Region zwischen Rhein und Ruhr, Wupper, Agger und Sieg so kalt, dass alle Bäche und Flüsse, selbst der Rhein zugefroren waren. Es dauerte aber noch bis zur Nacht vom 5. zum 6. September 1795, bis die auf linksrheinischem Territorium versammelte französische Armee ins Rechtsrheinische einrückte. So kamen die Franzosen über Uerdingen, Neuss und Düsseldorf auch ins Bergische Land.

In einem Bericht über dessen Besetzung durch die Franzosen steht das Folgende zu lesen: „Die Franzosen erwiesen sich als eine zuchtlose Bande. Zerfetzt und zerlumpt, wie sie ankamen, dabei ohne Zehrung, lebten sie von Raub und Plünderung.“ Wenn es in der Folge vielerorts, insbesondere in den heutigen Städten Langenfeld und Leverkusen, in Burscheid, Leichlingen und Odenthal, auch zu solchen Exzessen kam, so hier und da auch zu menschlichen Begegnungen. So verliebte sich der französische Marschall und spätere Kriegsminister Nicolas Jean-de-Dieu Soult (1769-1851) in die einer Solinger Kaufmannsfamilie entstammende Louisa Johanna Elisabeth Berg und heiratete sie. Einer von den französischen Soldaten niederen Ranges, in alten Berichten Andrée genannt, war in der damaligen Freiheit Burg erkrankt und fand Quartier bei dem Burger Bäcker Peter Hösterey, der im Hause Müngstener Straße 7 wohnte. Was sich dann zutrug, ist schnell erzählt: Dieser Soldat, der in Friedenszeiten wie Hösterey das Bäckerhandwerk ausübte, überließ diesem zum Dank für gute Bewirtung und Pflege das Rezept zum Backen der Brezeln. Wo mag der französische Bäcker Andrée beheimatet gewesen sein? Leider gibt es darüber keine gesicherten Informationen. Nirgends in unserem Nachbarland sind Brezeln bekannt, die den in Burg gefertigten in Beschaffenheit und Geschmack ähneln. Zwar gibt es im östlichsten Teil Frankreichs bis in unsere Tage hinein eine Brezeltradition, die über die Oberrheinische Tiefebene, das Badische und Schwäbische bis nach Bayern reicht. Bei den in diesen Regionen produzierten Brezeln handelt es sich jedoch allesamt um Laugenbrezeln. Mit diesen Brezeln haben die Burger Brezel nur eines gemeinsam: die mittels eines Teigstrangs hergestellte Symmetrie der Backware. Bei der Burger Brezel handelt es sich um kein Laugengebäck. Sie ist aus einem süßen Teig hergestellt und erinnert in Geschmack und trockener Beschaffenheit ein wenig an einen Zwieback. Die Vermutung, dass es in Teilen unseres Nachbarlandes eine Brezeltradition gegeben hat, die der in Burg ähnlich gewesen sein dürfte, wird dadurch erhärtet, dass einige Hugenotten, also französische Protestanten, die sich ab 1685 der Verfolgung durch ihren König Ludwig XIV. ausgesetzt sahen, zwei Jahre später in dem am Südhang des Taunus gelegenen Friedrichsdorf niederließen und dort als Bäcker zur Verbreitung eines Zwiebacks beitrugen, dessen Geschmack dem der Burger Brezeln sehr ähnlich ist. 63


Alles Handarbeit: Der geknetete Brezelteig (Hefeteig) wird auf einer historischen

Die fertigen Hefeteigballen warten auf ihre Weiterverarbeitung.

Bäckerwaage zu 1150-Gramm-Ballen abgewogen.

Seit der Burger Peter Hösterey die ersten Brezeln herstellte, ist die Brezelbäckerei ununterbrochen betrieben worden. In dem Kleinod des Bergischen Landes, in dem um das Jahr 1840 gerade einmal 1700 Menschen lebten, gingen beachtliche 30 Männer dem Handwerk des Brezelbackens nach. Von insgesamt 94 im Jahr 1841 in Burg lebenden Hausierern, wie man in früher Zeit Handelsvertreter nannte, waren zwölf Brezelhausierer. In langen leinenen Kitteln und mit hohen Seidenmützen trugen diese in hohen Kiepen das lieblich duftende Backwerk landauf, landab von Haus zu Haus. Das Ausliefern war recht beschwerlich, denn die Wege und Stege, die von Burg nach Wermelskirchen, Remscheid und Solingen führten, waren mit den Straßen unserer Tage nicht zu vergleichen.

In politisch bewegten Zeiten war das Austragen der Brezeln nicht ungefährlich. Nach dem Ausbruch der bürgerlich-demokratischen Pariser Februarrevolution 1848 kam es zu Unruhen auch in Köln, Düsseldorf und Elberfeld, Mitte März auch im Stadt- und Landkreis Solingen. Auch in dieser Zeit wurden Brezeln in die Krisengebiete geliefert. Die politischen Unruhen, die bürgerliche Revolution, setzten sich auch 1849 fort. Es ist von einem Hausierer namens Markus überliefert, dass er am 10. Mai des Jahres von Burg aus eine Kiepe voll mit Brezeln nach Elberfeld zu liefern hatte. Wenige Tage zuvor, am 29. April, hatten sich im Tal der Wupper Tausende zusammengefunden, die gegen die politischen Verhältnisse in Deutschland aufbegehrten. Als am 9. Mai Soldaten in Elberfeld einmarschierten, reagierten große Teile der Bevölkerung mit der Errichtung von Barrikaden. Am folgenden Tag kam es dann zu Straßenkämpfen, an denen mehr als 2000 Freiwillige aus benachbarten Städten und Gemeinden teilnahmen. Mehrere Menschen ließen bei diesem Aufstand ihr Leben. Markus, der Burger Hausierer, geriet mitten in den Tumult, in dem ihm die Aufständischen die mit Brezeln gefüllte Kiepe entrissen und sich über das Gebäck hermachten.

Brezelhausierer um 1840, Foto: Unbekannt

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Nachfahren der ersten Burger Brezelbäckerfamilie Hösterey hatten kurz nach diesen Ereignissen in den benachbarten Städten Remscheid und Elberfeld weitere Brezelbäckereien gegründet. Der im Jahr 1851 geborene Daniel Reinhard Hösterey konnte in dem heute zu Wuppertal gehörenden Elberfeld, und zwar auf der repräsentativen Königstraße, die später in Friedrich-Ebert-Straße umbenannt wurde, ein Haus erwerben, in dem er eine große Bäckerei einrichtete. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun-


Mit einer von Hand zu bedienenden Teigteilpresse formt Herr Hösterey

50 gesponnene Brezeln liegen auf dem Backblech bereit, um abschließend

50 kleine Brezelteigballen.

bei 270° bis 280° ihr bekanntes Aussehen zu erhalten.

derts wurde es im Bergischen Land üblich, bei Taufen dem Patenkind, bei Hochzeiten den Brautleuten eine große Burger Brezel zu schenken. Nach der Fertigstellung der nur wenige Kilometer entfernten Müngstener Brücke im März 1897 stieg die Zahl der Touristen sprunghaft an. Bei schönem Wetter, insbesondere an Wochenenden und Feiertagen, strömen bis in die Gegenwart hinein Besucher von Nah und Fern in den idyllisch gelegenen Ort Burg an der Wupper. Immer noch kann man dort Brezeln erwerben. Allerdings gibt es kaum mehr Bäcker. Das Aussterben der Burger Tradition des Brezelbackens zu verhindern, hat sich ein in Solingen gegründeter Freundeskreis Burger Brezel auf die Fahnen geschrieben. Neben Dieter Büscher, dem Betreiber der Bergischen ZwiebackManufaktur, Wermelskirchener Straße 2, Solingen-Burg, gehört Rüdiger Hösterey zu den Letzten seiner Art. In einem Hinterhof auf der Elberfelder Friedrich-Ebert-Straße 104 will der 73-jährige Brezelbäcker aus Leidenschaft mit seiner Ehefrau Sabine so lange weiterbacken, wie es die Gesundheit erlaubt. Bereits in achter Generation backt die Familie Brezeln. Mit Rüdiger Hösterey wird diese Tradition enden. Sein in der texanischen Stadt Dallas lebender Sohn ist bei einer Luftfahrtgesellschaft angestellt. Auszubildende im Bäckerhandwerk, die das Herstellen von Brezeln erlernen wollen, scheint es nicht mehr zu geben. Ein Muss: die Burger Brezel als Belohnung und Wegzehrung bei der

Die im Jahr 1996 gegründete internationale Slow Food Stiftung, die sich weltweit für den Schutz exquisiter lokaler und regionaler Lebensmittel einsetzt, hat die Burger Brezel in die „Arche des Geschmacks“ aufgenommen. Olaf Link Fotos: Karl-Heinz Krauskopf

Wanderung von Schloss Burg zur Müngstener Brücke

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Ruhrstraße 33

Haus der kollektiven Erinnerungen an die Kindheit

Mit „Ruhrstraße 33“ hat der Jazzmusiker Dietrich Rauschtenberger einen unterhaltsamen Roman geschrieben und den magischen Realismus ins Ruhrgebiet geholt. Um es gleich vorweg zu sagen: Dietrich Rauschtenberger ist mit „Ruhrstraße 33“ ein wundervoller, fesselnder Roman gelungen. In seinem nunmehr dritten Roman hat der Autor ein Werk vorgelegt, bei dem ihm das Kunststück gelungen ist, aus einer Vielzahl kurzer grotesker und bizarrer Geschichten einen überzeugenden, in sich geschlossenen Roman zu gestalten. An Skurrilität und an schwarzem Humor kaum zu überbieten etwa ist die Geschichte des Dackels Strolchi. Jülle, der von Technik begeisterte jugendliche Held des Romans, baut mit seinem besten Freund Monner das Modell einer Einschienenbahn und lässt es auf dem Handlauf des Treppengeländers fahren. Bei der Jungfernfahrt wird der Dackel von der eisernen Spitze des Fahrzeugs tödlich ins Auge getroffen. Die Jungen stecken die Hundeleiche in einen Sack und werfen ihn auf dem Schrottplatz in einen Waggon. Diese Episode wird später – auf dem Höhepunkt des Romans – wieder aufgegriffen. Strolchi wird so präpariert, als ob er gerade dabei wäre, mit erigiertem Penis eine Hündin zu besteigen. Wie diese Geschichte in den Handlungsverlauf verwoben wird, ist atemberaubend, hinreißend komisch und zugleich voller tiefer Symbolik. Doch der Reihe nach: „Ruhrstraße 33“ ist ein Roman über die Kindheit und das Erwachsenwerden, die in dem fiktiven und doch zugleich so real wirkenden Städtchen Wacke am Rande des Ruhrgebietes verortet ist. Mitte der 1950er-Jahre lebt Jülle dort mit seinen Eltern Martha und Adolf „Addi“ Ewaldt in einer Zweizimmerwohnung. Der Krieg und die Gefangenschaft haben aus dem Vater einen gebrochenen Mann gemacht, der sein Geld mit dem Verkauf von Haushaltgeräten verdient und es in der Kneipe Zum Scharfen Eck versäuft. Die Mutter arbeitet in einer Lampenfabrik und hält die Familie damit soeben über Wasser.

Die Weltuhr ist kaputt Jülle kennt ein „normales“ Familienleben nur aus den Erzählungen seiner Freunde. Von den Geschenken, die diese zu Weihnachten oder zum 66

Geburtstag erhalten, kann er nur träumen. Er flüchtet sich mit den Helden der Wildwest- und Science Fiction-Romane seiner Kindheit in Gegen- und Anderwelten: So rettet er etwa als Kommandant Lennox das „Mädchen mit den Honiglocken“ aus den Klauen des grauenhaften Marsmenschen. Das Mädchen aber offenbart ihm ein Unglück kosmischen Ausmaßes: „Die Weltuhr ist kaputt. Jetzt kann die Zeit nicht mehr vergehen. Wenn sie nicht vergeht, werden wir nicht erwachsen.“ Doch Jülle weiß Rat. Er fliegt durch die eisigen Galaxien und die Schwärze des Weltalls zur Zeitwerkstatt des genialen Ingenieurs Emilio Jakubinksi. Mit derlei fantastischen Einfällen gelingt es Jülle, der Armseligkeit der Verhältnisse und der Banalität des Daseins zu entrinnen: Tatsächlich hatte Jülle den Wecker seiner Mutter demoliert und ihn zur Reparatur in die UhrmacherWerkstatt von Opa Jakubeit gebracht. So verleihen Jülles Fantasien dem Handlungsgeschehen des Romans einen doppelten Boden und Abgründigkeit. Die Trivialmythen des Kindheit und die philosophischen Grundfragen nach der Zeit und dem Ursprung des Seins begegnen einander auf eine humorvolle und berührende Art und Weise.

Sex Der Roman schildert wie Jülle nach und nach seine Sexualiät entdeckt. Eben noch stand die „Bande“ mit Ötte, Fossi und Monner im Mittelpunkt, nun taucht Jülle ein in den Kosmos bezaubernder Weiblichkeit. Am Zeithorizont tauchen auf: die bezaubernde Evi, die üppig ausgestattete, unerreichbare Marlies, die zuckersüße, berechnende und verdorbene ältere Kusine Regine. Über Sex zu schreiben, gehört zu den schwierigsten Herausforderungen für Autoren. Sie müssen den Weg finden zwischen der Skylla pornografischer Schilderung und der Charybdis romantisch-symbolisch gefärbten Kitschs. Der Erzähler in „Ruhrstraße 33“ entdeckt wie Odysseus einen listigen Ausweg, dem Unglück zu entgehen: den Humor. Hinreißend komisch etwa ist der Dialog zwischen Jülle und Evi, die Jülle mit Doktorspielchen auf das weite Feld der Lust lockt. Mit der sexuellen Emanzipation entwickelt Jülle auch einen kritischen Blick auf die Gesellschaft und entdeckt Zu-


Dierich Rauschtenberger, Foto: Ernst Dieter Fränzel

sammenhänge. Er durchschaut die Tricks, Unwahrheiten und Lebenslügen der Erwachsenen. Der Fotograf Richard Hölter, genannt der Blaue oder Richie, und sein zwergwüchsiger Gehilfe Williken Wenzel, Saufkumpane des Vaters, ziehen über die Jahrmärkte – Williken im Kostüm von Mecki, dem Igel – und animieren die Leute, sich mit Mecki fotografieren zu lassen. Jülle kommt dahinter, dass Hölter pornografische Fotos macht und die Ruhrstraße mit geschmuggelten Zigaretten versorgt.

Menschen, denen man zur gerne begegnen würde Rauschtenberger schafft das Kunststück, das Personal seines Romans, die Jugendlichen und die Erwachsenen in ihren wechselseitigen und gesellschaftlich bedingten Abhängigkeiten, genau zu beobachten und mit kritischem Blick zu zeichnen und dennoch nicht zu „verraten“. Denn diese liebevoll, mitunter leicht überzeichneten Figuren erscheinen wie Menschen, denen man nur zu gerne „im wirklichen Leben“ begegnen würde. Etwa Vilma, der Exilrussin, die mit ihren Proportionen und mit ihrem slawisch gurrenden Akzent die erotischen Fantasien Jülles und der Männer der Ruhrstraße befeuert, und in ihrer sanftmütigen Art Jülle rettet, als der Vater ihn „mit doppelt gefaltetem Gürtel“ verprügeln will. Oder „Oma“ und „Opa“ Jakubeit, die immer ein offenes Ohr und tröstende Worte für Jülle haben, wenn der wieder einmal zu viel

Mist gebaut hat. Selbst der saufende Vater, eigentlich der Antiheld des Romans, gewinnt sympathische Züge, wenn er unvermutet wie aus dem Nichts bei der Konfirmation Jülles auftaucht. Im Hohlspiegel seines jugendlichen Helden Jülle rekonstruiert Rauschtenberger die Nachkriegszeit auf eine sehr plastische Art und Weise. Der Protagonist in Marcel Prousts Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ erlebt den intensivsten Augenblick der Vergegenwärtigung seiner Kindheit beim Geruch der Madeleine, die seine Mutter für ihn backt: eine scheinbar untergegangene Welt taucht wieder auf und wird im Inneren lebendig. Ganz ähnlich geschieht die Heimholung der Vergangenheit in „Ruhrstraße 33“. Der Roman wird durchglüht vom grünen Leuchten der Magischen Augen der Röhrenradios, durchstimmt von den Schnulzen und Rockabilly-Musik aus der Jukebox in Zum Scharfen Eck und durchströmt vom Geruch der allsamstäglichen Bohnen- oder Linsensuppe. Man hört (fast) verloren gegangene Dialekte. Die Mischung aus Westfälischem und Ruhrpöttischem, die Rauschtenbergers Figuren sprechen, taucht die älteren Leser in das Sprachbad ihrer Kindheit. Und so wird aus dem Bildungs- und Entwicklungsroman zugleich ein Zeitroman, der auch einen Blick zurück wirft auf die Nazizeit: Als das Klopapier in der Gemeinschaftstoilette im Haus der Ruhrstraße 33 aus67


geht, benutzen die Hausbewohner herausgerissene Seiten aus Hitlers „Mein Kampf“. Fernfahrer Bernd Bierkemper, den sich Jülle heimlich als Ersatzvater wünscht, sagt zu dem Jungen, dass „ihm sein Arsch eigentlich zu schade sei, sich damit abzuwischen“. Ehrlicherweise gibt er Jülle gegenüber zu, dass er bei der Hitlerjugend war und der NaziPropaganda auf den Leim gegangen sei. Mit „Ruhrstraße 33“ hat Dietrich Rauschtenberger den Kosmos seiner Kindheit liebevoll und anschaulich rekonstruiert und ihn damit für den Leser vor dem Vergessen bewahrt. Eine untergegangene Welt wird noch einmal heraufbeschworen. Dennoch – oder gerade deswegen – erinnert sie den Leser an die kollektive und universelle Erfahrung des Kindseins überhaupt als einer Zeit, in der sich Wirklichkeit und Traum, Realität und Utopie sowie Sehnsüchte und sexuelles Erwachen zu einem ununterscheidbaren Amalgam im seelischen Erleben vermischen. Denn mit dem Protagonisten und Helden der Ruhrstraße 33 taucht der Leser ein in die Erinnerung an seine eigene Kindheit und Adoleszenz – und das hebt den Roman weit über das hinaus, was er (selbst-)ironisch als Untertitel vorgibt zu sein: ein Heimatroman.

gen. Hamburg wird es nicht sein, wohl aber, und auch das ist eine feine Ironie dieses Romans, das ungleich kleinere Bremerhaven: Nicht alle Träume werden wahr, einige aber sehr wohl. Und so gehört es zur Schlusspointe dieses zwischen Realistik und Fantastik angelegten Romans, dass es ein schwarzer Engel ist, ein afroamerikanischer Soldat, den „ein immergrüner Song von George Gershwin umweht“, der Jülle den Weg in die Freiheit, zu sich selbst und zum Jazz weist: „Man braucht kein Experte für Boten zu sein, um zu verstehen, dass sie gewöhnliche Menschen sind“, heißt es zutreffend im Roman. Rauschtenberger ist vor allem als Musiker bekannt geworden. Gemeinsam mit dem Saxofonisten Peter Brötzmann und dem Bassisten Peter Kowald gründete er 1961 als Schlagzeuger ein Trio, das als eine der ersten Gruppen in Europa und Deutschland Free Jazz spielte. Seit Mitte der 1980er-Jahre arbeitete Rauschtenberger häufiger als Theatermusiker und verband so die Kunstformen Musik und Literatur miteinander. In seinen Kurzgeschichten kreisten seine Themen häufig um die existenziellen Erfahrungen als Musiker im Dunstkreis der spießigen Wirtschaftswunderjahre und der Emanzipation durch die Kuturrevolution der 68erBewegung. Ebenso in dem Theaterstück „Die Kunst ein Schlagzeug aufzubauen“, in dem sein Alter Ego Paul Trombeck die Geschichte des Schlagzeugs und seine eigene erzählt als eine Rebellion gegen Autoritäten und Regeln mit der Musik als

Apropos Heimatroman: Durch die Okkupation des Heimatbegriffs durch den Nationalsozialismus wurde dieser lange Zeit im politisch-gesellschaftlichen Diskurs tabuisiert. Tatsächlich aber ist der Begriff aus dem Denken und Fühlen der Menschen kaum zu verbannen. In jedem Menschen entstehen ganz eigene Bilder, wenn er an Heimat denkt: Szenen aus der Kindheit, Gerüche, Landschaften, Menschen, die Erinnerungen an die erste Liebe. Heimat ist etwas sehr Individuelles, Persönliches, ja fast Intimes: Im Zeitalter der Globalisierung, des medialen Overkills und des Verlustes guter Nachbarschaft hört sie auf zu sein und soll als künstliches politisches Konstrukt revitalisiert werden. Heimat ist etwas, das man zugleich als Erinnerung hat und tatsächlich als erlebte Wirklichkeit nicht mehr hat: ein Sehnsuchtsbegriff, der gefährlich wird, wenn man ihn politisch instrumentalisiert. Genau aus dieser Ambivalenz speist sich die Spannung dieses Romans. Denn schon zu Beginn des Romans will Jülle abhauen, den beengten, miefigen Verhältnissen entfliehen, die ihn doch so sehr geprägt haben; Hamburg soll für ihn das Tor zur großen weiten Welt der Abenteuer sein. Seine „Heimat“ will er verlassen, „meinwärts“ fliehen, wie Else Lasker-Schüler sagen würde, und dennoch hängt er an der Welt, in der er aufwächst, und den Menschen, die sie prä68

Ausdrucksmittel. Der Wuppertaler Hörbuchverlag guanako audio hat den überarbeiteten Bühnentext mit Rolf Becker als Sprecher 2006 als Hörspiel-CD veröffentlicht. Das Hörspiel ist vom Deutschlandradio, vom BR, vom Österreichischen ORF und vom Schweizer DRS gesendet worden. Der Bayerische Rundfunk wählte es 2006 zum Hörbuch der Woche.

Heiner Bontrup

Dietrich Rauschtenberger

Ruhrstraße 33 Heimatroman 354 Seiten, Hardcover, Nordpark Verlag 2017, 20,- €, ISBN 978-3-943940-39-8

Weitere Bücher von Dietrich Rauschtenberger:

Trombeck k&k-Verlag, 2015 Jazz & Ikebena Verlag Das fünfte Tier, 2009, von Max Christian Graeff Mit Kowald nach Sibirien Nordpark Verlag


Petrichor … ist die Bezeichnung des Geruchs, der von Regentropfen auf trockenem Boden hervorgerufen wird. Petros steht im Griechischen für Stein und

der anschließenden Serie von Korruptionsaffären zu einem flächendeckenden Vergessen all jener Ansätze führte.

ichor für das Blut der Götter. In Wuppertal kennt man den Duft schon viel länger als den Begriff. In der besten Zeit ist Petrichor eine Kolumne von

MC Graeff.

Uuurrrrrbs! (Oh, Verzeihung …)

„Schwierigkeiten, dass Leute vor einem stehen, die sagen, worüber man nachdenken will“ Diese schwer verständliche „Bemerkung aus dem Publikum“ glänzt als finaler Satz der Dokumentation Urbs89 – Staat machen mit Kultur zum Symposium vom 3. bis 5. 11. 1989 im Schloss Lüntenbeck. Fast 30 Jahre ist dies nun her, zwei soziologische Generationenabstände, und von den damaligen Akteuren sind nur noch wenige aktiv. In diesem Juni starb nun auch Hermann Glaser, der Vorkämpfer städtischer Soziokultur, der bei Urbs89 die Podiumsdiskussion zur Frage „Wirtschaft und Kultur derselbe Kampf?“ geleitet und einen Vortrag zur „Werk-Stadt – Ein Topos für die aufgehobene Postmoderne“ gehalten hatte. Die philosophischen, kulturpolitischen und demografischen Vorhersagen jener Jahre sind längst überholt, und kurz darauf wurde die Stadt aufgrund der fatalen wirtschaftlichen Lage einer umfassenden „Hiebelei“ unterzogen, eines durch den Unternehmensberater Technopart (Dr. Joachim Hiebel) geleiteten BPR (Business Process Reengineering), einer damals so schicken wie radikalen Methode, um ein Unternehmen fundamental von einer funktionalen zu einer prozessorientierten Organisation zu transformieren. Man entschied sich bewusst für den Top-Down-Ansatz dieses Modells im Gegensatz zu einem partizipativen Ansatz (wie zum Beispiel in Mannheim), und so wurde Wuppertal für vier Jahre beispielgebend in der Umgestaltung der Verwaltung – und anschließend im Stocken und Scheitern der vom Topmanagement projizierten Prozessergebnisse. Die Unternehmung wurde zur Beweisführung für den oft zitierten Satz von Laurence J. Peter: „In a hierarchy every employee tends to rise to his level of incompetence.“ Das Schlagwort vom lernenden Organismus kursierte folglich nur relativ kurz, und es mag bezeichnend sein, dass dieser Reengineering-Prozess, der laut Definition auf die Effizienz und Flexibilisierung der Geschäftsprozesse sowie auf Kundenzufriedenheit zielte, Hand in Hand mit

Unser Wuppertal, überreich an „Handel und Wandel“, an geschichtlichen Ereignissen und Meilensteinen, weist bezüglich dieser fast 30 Jahre zurückliegenden Bemühungen um eine zukunftsträchtige Stadtentwicklung fast eine Art Gedächtnisverlust auf. Wie anders ist es zu erklären, dass man heute über den tatsächlichen Gehalt des Urbs89-Symposiums kaum mehr etwas erfahren kann? Nichts davon ist öffentlich zugänglich; auch im Internet sind keine Archivalien zu finden. Erst recht vergessen und gleichwohl hochinteressant ist, dass es mit dem Mammut-Spektakel „urbs71“ bereits 18 Jahre zuvor eine soziokulturelle Markierung gegeben hatte, die Wuppertal vor allem als Skandal in die Presse und sogar den „Spiegel“ brachte, weil man politischen Gruppen erst etwas zugestand und es ihnen dann nicht mehr gestatten wollte. Dass Wuppertaler Schüler die einstige Kloake der Wupper symbolhaft von Sperrmüll befreiten, wurde damals noch viel belacht und ist heute eine partizipative Aktion eines selbstverständlich gewordenen Sinnes für Gemeinwohl. Anderes hingegen ist immer noch und wieder zumindest diskussionswürdig, wie das Gegenoder Miteinander von Unternehmerschaft und Kulturbetrieb bzw. deren ständige Verschränkung. – Ach ja, und das Projekt „Urbs86“ hatte es auch noch gegeben. Davon sind nur noch Fragmente zu finden. Lediglich in einem Buch zum Thema „Technik und Arbeitsmarkt“ stehen Anmerkungen, zum Beispiel, dass der Zukunftswerkstatt-Bereich „Neue Technologien in Wuppertal“ in der Bürgerschaft auf so geringes Interesse gestoßen war, dass er ersatzweise von einer Schülergruppe bearbeitet werden musste … Nun, ich selbst war 1989 noch zu jung für so viel Theorie. Damals war es für uns wichtiger, für Off-Theaterproduktionen in leeren Fabrikhallen heimlich die Feuerlöscher des Kulturamtes auszuleihen – darauf vertrauend, dass es dort nur inhaltlich brannte. Heute hat sich die Stadt mit vereinten Kräften und vehementem inoffiziellen Engagement zu einem tatsächlichen Wirkungsfeld gesellschaftlicher Innovationen ausgebildet. Sie erfüllt Hermann Glasers eigentlich banales und hier doch so oft missachtetes Statement aus seinem Urbs89-Vortrag: „Es geht nicht nur um das Wissen über Zukunft, sondern um den Willen zur Zukunft.“ Und gleichwohl wäre es doch interessant, Genaueres von den vergessenen, verdrängten Projekten jener Auf- und Zusammenbruchsjahre zu erfahren, damit ihre Titel wieder mehr sind als kulturpolitische Bäuerchen, als die Rülpser der Vergangenheit. 69


Georg Baselitz,

James Rosenquist:

265 Seiten, Hardcover

Eintauchen ins Bild,

mit Schutzumschlag,

332 Seiten,

31,5 x 28 cm,

Hardcover, 29,5 x 25,5 cm,

Hatje Cantz, 58,- €

Prestel, 49,95 €

Neue Kunstbücher vorgestellt von Thomas Hirsch

Viel vom Selbst Georg Baselitz gehört zu den jedenfalls hierzulande am meisten diskutierten Künstlern, bestimmt wegen seiner Ausstellungen in prominenten Museen, seiner Präsenz im Kunstmarkt und weil er als Maler und als Persönlichkeit greifbar ist, sich immer wieder engagiert zu Wort gemeldet hat und seine Bilder in ihrer mitunter lapidaren, ausfasernden gegenständlichen Schilderung und ihrer vermeintlich grobschlächtigen Malweise eben polarisieren. Bekannt wurde er als einer der „Väter“ des deutschen Neoexpressionismus und mit seinem Verfahren, die Motive seiner Bilder auf dem Kopf zu malen: Malerisch ist dies ein Verfahren der eigenen Distanznahme, das zudem das Motiv für den Betrachter abstrahiert und ihn neu schauen lässt. Aber Baselitz, der im Januar 80 Jahre alt wurde, eigentlich Kern heißt, sich als Künstler aber nach seinem Geburtsort Deutschbaselitz benannt hat, hat auf der Grundlage dieses Verfahrens einen weiten Kosmos an Figuren und Farb-Form-Lösungen entwickelt bis hin zum Noch-einmal-Malen der eigenen Bilder und zu unbeholfen wirkenden Holzfiguren. Das großartige Buch, das nun, verlegt bei Hatje Cantz, zu seiner Geburtstagsausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel erschienen ist, fächert in chronologischem Ablauf die verschiedenen Facetten auf und zeigt, wie eines aus dem anderen erwachsen ist – und was für ein virtuoser und konzeptuell präziser Maler Baselitz doch ist. Unaufgeregt, den Schwerpunkt auf die einzelnen Werke legend, erfährt man im Buch, was das Einzigartige seiner Kunst ausmacht. Man kommt seinem Denken nahe, ohne ihn zu durchschauen. 70

James Rosenquist (1933-2017) ist in der Wirkung seiner Gemälde das genaue Gegenteil von Baselitz. Die Oberflächen seiner noch monumentaleren Bilder wirken glatt, wie hinter einer Glasschicht, dazu trägt der Sprayauftrag der Farben bei. Die Motive entstammen, bildfüllend in den Vordergrund gerückt, der technischen Welt unserer fortschrittlichen Zivilisation; alles elementar Existenzielle oder Mythologische der Malerei von Baselitz liegt ihnen fern. Zugleich verzichtet die Malerei in Rosenquists Haupt- und Spätwerk auf den individuell fassbaren Duktus, der nur aus nächster Nähe zu erkennen ist: Die Bilder wirken anonym, ja, industriell gefertigt, sie sind perfekt „gemacht“. James Rosenquist gehört ebenfalls zu den (aus westlicher Sicht) großen Malerpersönlichkeiten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Von der einzigartigen technischen Fertigkeit und dem überwältigenden Sog seiner Malerei konnte man sich zuletzt in seiner äußerst opulenten Werkschau 2017/18 im Museum Ludwig in Köln überzeugen. Und so wie Baselitz mit der Brüchigkeit und Subjektivität seiner Kunst für die deutsche oder europäische Kultur repräsentativ ist, so ist Rosenquist der Inbegriff des US-Amerikanischen. Er wird zu den frühen Pionieren der Pop-Art gezählt – vielleicht trifft dieser Begriff auf sein Werk sogar noch mehr zu als auf Roy Lichtenstein, Robert Indiana oder Andy Warhol. Denn er begann als Reklamemaler, der die Konsumgüter auf die monumentalen Plakatwände Manhattans in größtmöglicher Perfektion gemalt hat. Von diesem sturen „Abmalen“ in der Totalen aber hat er sich in seiner Kunst


Not Vital:

O-Ton Pina Bausch.

univers private,

Interviews und Reden,

254 Seiten,

400 Seiten,

Hardcover, Halbleinen,

Softcover mit Schutzumschlag,

30,5 x 22,5 cm,

22,5 x 15,5 cm,

Scheidegger & Spiess, 48,- €

Nimbus, 29,80 €

sehr schnell gelöst, denn nun kommt die Montage hinzu. Rosenquist nimmt sich Details bekannter Konsumgüter vor und setzt in harten Schnitten disparate Motive daneben, mit denen er provoziert und seine Bilder gesellschaftskritisch auflädt. Er hat so auch ganze Räume aus diesen Versatzstücken gebaut, die den Betrachter rundum umfangen. Im Spätwerk wird für ihn die Malerei des Impressionismus wichtig, die er, kombiniert mit Himmelserscheinungen, gewissermaßen neu sieht. Deutlich wird: Die Vorlagen sind für ihn fundamental, und genau das arbeitet das sehr sorgfältige, von fundierten Texten begleitete Buch zur Kölner Retrospektive heraus. Also während das Buch über Baselitz die Betonung auf die Meisterwerke legt, so rückt bei Rosenquist nun der Entstehungsprozess in den Vordergrund. Dazu wird in zahlreichen Aufnahmen das Atelier gezeigt und, immer wieder, einmal alleine, dann mit mehreren anderen, Rosenquist selbst. Streckenweise nervt das, aber der Gewinn ist doch, die Zustände der Gemälde und die Skizzen und vor allem auch das Quellenmaterial zu sehen. Während das Buch zu Baselitz einfach nur schön ist, ist das zu Rosenquist unverzichtbar. Wer ist eigentlich Not Vital? Im exemplarischen Werküberblick des Zürcher Verlages Scheidegger & Spiess wird der Künstler ebenfalls schier endlos abgebildet, aber man kommt ihm nicht näher, und das hat nichts damit zu tun, dass die Abbildungen schwarz-weiß sind. Es hat mit dem extrem subjektiven Werk des 1948 im Engadin geborenen Künstlers zu tun, der die Zurückgezogenheit in der unwirtlichen heimatlichen Berggegend liebt und doch immer wieder in die Welt zieht, ob es zunächst Manhattan ist oder Kairo oder Westafrika oder, seit 2008 vor allem China, wo er sich in Peking ein Atelier mit einem vielköpfigen Betrieb eingerichtet hat. Dem Buch gelingt es überzeugend, die Konstanten des Werkes über fünf Jahrzehnte herauszu-

arbeiten: die Rolle der Bildhauerei, neben der immer wieder auch halbabstrakt expressive Zeichnungen entstehen, die Arbeit mit Fundstücken, das Grobe, mithin Verletzte der Oberflächen, die mitunter ein amorphes Volumen umfassen, die Serialität der plastischen Körper, das Intuitive und taktil Sensible. Not Vital arbeitet mit Gips, Bronze, Edelstahl und mittlerweile auch Marmor, und er reagiert in seiner Kunst auf die unterschiedlichen Kulturen und destilliert daraus eine „individual-mythologische Bildwelt“ (Stephan Kunz). Ich halte das Werk für überschätzt, aber das Buch ist für das Verständnis des weltweit gefragten Not Vital unverzichtbar. Wie wohltuend ist dagegen „O-Ton Pina Bausch“! Pina Bausch (1940-2009) war ganz und gar uneitel. Die große Choreografin und Pionierin des modernen Tanztheaters braucht in ihrem Interviewbuch so gut wie keine Abbildungen. In einer Wuppertaler Zeitschrift muss man nicht erklären, wer sie war und was das Besondere, Beeindruckende ihres Tanztheaters ist. Aber das macht das Buch, das bei Nimbus verlegt wurde, tausendfach. Wirklich treffend und anregend eingeleitet von Anne Linsel und abgeschlossen mit einer ausführlichen Biografie, sind hier etliche Interviews und Gespräche zusammengetragen, was um so bemerkenswerter ist, als Pina Bausch keine Freundin der verbalen Äußerung zu ihrer Kunst war. Deutlich wird eine Entwicklung ihres Denkens – also ihres choreografischen Werkes – indem die Interviews chronologisch abfolgen und durch kurze erklärende Sätze zu ihrem Anlass eingeleitet sind. Zudem sind auch ihre Vorträge zum Kyoto Prize 2007 abgedruckt. Das Buch ist handlich, gut leserlich gedruckt, und dann merkt man, wie unprätentiös es überhaupt ist, nämlich sehr fein, sehr genau und hoch konzentriert. Eben so, wie Pina Bausch selbst war.

71


Paragrafenreiter

Kunst im digitalen Zeitalter KUNST – „Wenn ich wüsste, was Kunst ist, würde ich es für mich behalten.“ (P. Picasso)

Gemäß Artikel 5 Absatz 3 Grundgesetz ist die Kunst frei. Das Wesentliche der künstlerischen Betätigung ist die freie schöpferische Gestaltung, in der Eindrücke, Erfahrungen, Erlebnisse des Künstlers durch das Medium einer bestimmten Formensprache zu unmittelbarer Anschauung gebracht werden. Alle künstlerische Tätigkeit ist ein Ineinander von bewussten und unbewussten Vorgängen, die rational nicht aufzulösen sind. Beim künstlerischen Schaffen wirken Intuition, Phantasie und Kunstverstand zusammen; es ist primär nicht Mitteilung, sondern Ausdruck, und zwar unmittelbarster Ausdruck der individuellen Persönlichkeit des Künstlers (Leibholz/Rinck, Grundgesetz, Stand 08.2016 Art. 5 Rn. 1026 m. N. aus der Rspr. des BVerfG). Die Tätigkeit eines Künstlers lässt sich dementsprechend nicht so leicht schematisch einordnen, wie zum Beispiel die eines Bäckers, Friseurs oder auch Steuerberaters. Dies trifft sowohl auf das gesellschaftspolitische Ansehen als auch auf die steuerrechtliche Einordnung von Einkünften eines Künstlers zu. Im digitalen Zeitalter gibt es nicht mehr nur die klassischen Kunstwerke der bildenden Kunst in Form von Skulpturen, Gemälden oder Fotografien, welche in Museen oder Galerien ausgestellt werden, sondern auch Werke, die in digitaler Form im Internet oder in sozialen Netzwerken dargeboten werden. Kann es sich bei dem Veröffentlichen von Bildern oder Videos im Social-Media-Bereich um Kunst handeln? Sind Blogger, Youtuber und Influencer Künstler? Diese veröffentlichen Texte, Filme oder Fotos in sogenannten Blogs oder erstellen Clips für den eigenen Youtube-Kanal und vermarkten als Influencer über die Kreation des eigenen Werbeauftritts Produkte.

noch immer äußerst strittig. Aber auch im Steuerrecht gibt es keine klare Einordnung hinsichtlich der Art der Einkünfte, die daraus erzielt werden. Es können grundsätzlich gewerbliche Einkünfte oder auch Einkünfte aus selbstständiger Arbeit vorliegen, wenn eine künstlerische oder schriftstellerische Tätigkeit besteht. Gemäß Rechtsprechung des Bundesfinanzhofes liegt eine künstlerische Tätigkeit unter anderem dann vor, wenn die Arbeiten nach ihrem Gesamtbild eigenschöpferisch sind. Außerdem müssen diese Werke über eine hinreichende Beherrschung der Technik hinaus auch eine bestimmte künstlerische Gestaltungshöhe erreichen. Demnach kann die Leistung eines Künstlers im Bereich der Werbung durchaus künstlerisch sein, wenn sie eigenschöpferisch ist. Und somit handelt es sich um Einkünfte aus einer selbständigen Tätigkeit. Ebenso kann die Leistung eines Fotografen im Einzelfall als gewerblich zu klassifizieren sein, wenn dieser Werbeaufnahmen macht. Es bleibt demnach immer bei einer individuell zu betrachtenden und durchaus breit gefächerten Auslegung der Einordnung einer künstlerischen Leistung. Ist somit nicht folgerichtig festzuhalten, dass heute, zwei Jahrhunderte nach Picassos Geburt, eine klare Definition von Kunst noch immer nicht möglich ist? Julia Neusel-Lange

Julia Neusel-Lange,

Im gesellschaftlichen Kontext ist die Anerkennung dieser Tätigkeiten als Ausübung eines künstlerischen Berufes 72

Steuerberaterin, Prokuristin der RINKE TREUHAND GmbH


Kulturtipps AUSSTELLUNGEN:

lerei, Fotografie oder Film werden in der Ausstellung gezeigt. Der Frage, was Poesie heute sein kann und wie die spezifischen Qualitäten von Poesie in einer Welt der Informationsflut, Daten und Fake News eine neue Relevanz bekommen, wird auf den Grund gegangen.

Von der Heydt-Kunsthalle Geschwister Scholl Platz 4-6, 42275 Wuppertal-Barmen noch bis Sonntag, 17. Februar 2019 Bogomir Ecker

Was das Foto verschweigt Bogomir Eckers Ausstellung ist als Doppelausstellung an zwei Standorten in Wuppertal konzipiert. Während die Von der Heydt-Kunsthalle sich vornehmlich seiner Auseinandersetzung mit der Fotografie, seinen frühen Nachtfotos und den „Tableaus“ widmet und diese in Wechselwirkung zu einigen ausgewählten Objekten bringt, setzt der Skulpturenpark Waldfrieden ausschließlich das skulpturale Werk in Szene.

Bogomir Ecker, Idylle und Desaster, Tableau #16, Detail

Hengesbach Gallery

30. November bis 22. Dezember 2018

non finito

Lorcan O´Byrne, ohne Titel

Mit einer ungeheuren Schärfe, Klarheit und verblüffenden Distanz charakterisiert er in einer von Bild zu Bild varierienden sparsamen Farb- und Pinselgestik die ihm Nahestehenden. Aus der malerischen Durcharbeitung und der Konzentration auf den Ausdruckswert der Farbe, die er sich bei der Gestaltung eines menschlichen Kopfes mit seinen sinnlichen Modellierungen aneignete, hat sich bei ihm über Jahrzehnte ein freies Verhältnis zur Farbe und zu den vielfältigen Möglichkeiten von Pinselarbeit entwickelt. Dieses intime Verhältnis zu den malerischen Mitteln verleitet ihn seit einigen Jahren zu ganz anderen abstrakten Ausdrucksformen, die zuletzt in eine Gruppe von Bildern mündete, die in völlig offener Weise unserem Verhältnis zum Spätsommer mit seiner zur Neige gehenden lichten Farbpracht Ausdruck verleiht.

Vogelsangstraße 20, 42109 Wuppertal

Neuer Kunstverein Wuppertal

noch bis Freitag, 12. Oktober 2018 Lorcan O´Byrne

Hofaue 51, 42103 Wuppertal

Indian Summer

noch bis Freitag, 12. Oktober 2018

Der irische Maler Lorcan O’Byrne wurde bekannt durch seine Porträts und Gruppenporträts von Personen aus seinem direkten Lebensumfeld.

Die unterschiedlichen Formen von Poesie in verschiedenen künstlerischen Medien wie Performance, Ma-

Ende des Jahres wird wieder eine Mitgliederausstellung im Neuen Kunstverein stattfinden. Insgesamt 15 Künstlerinnen und Künstler sind der Einladung gefolgt und befinden sich seit Monaten in einem gemeinsamen Austausch und Arbeitsprozess. Ein Vorbereitungsteam aus der Mitgliederversammlung regt mit den teilnehmenden Künstlern einen gemeinsamen Dialog über das Auszustellende an. Damit wird ein Experimentierfeld eröffnet, in dem Fragestellungen gerade zu den noch unvollendeten, skizzenhaften, möglicherweise bisher gescheiterten Projekten oder Werken angeregt werden. Der Atelierbesuch gehört zum Konzept der Ausstellung dazu, um über die Arbeit und die Ideen ins Gespräch zu kommen. So steht nicht ein fertiges Werk im Vordergrund, sondern ein Sichtbar-werdenLassen des angeregten Prozesses. „non finito“ meint hier das Unvollendete, vor dem der Künstler selber steht und uns und den Betrachter bestenfalls an dem spannenden Prozess von der Idee zur Ausführung teilhaben lässt.

Poetry

73 Aufnahme im Atelier von Gabriele Barczik


menfiel und eng mit ihr verflochten war. Auch seine ideengeschichtliche und künstlerische Prägekraft bis in die jüngste Gegenwartskunst hinein werden nahezu ausgeblendet. Dem will die Ausstellung entgegenwirken. Ein breites Panorama an Werken wird im Schloss Morsbroich zu sehen sein, in dessen Mauern das Museum Morsbroich beheimatet ist. Es wurde in der Zeit des Rokoko gebaut und im Stil des Neo-Rokoko erweitert.

Bogomir Ecker, Foto: Michael Richter

Skulpturenpark Waldfrieden Hirschstraße 12, 42885 Wuppertal noch bis Sonntag, 17. Februar 2019 Bogomir Ecker

Skulptur

Bogomir Ecker (geb. 1950) ist bekannt für seine skulpturalen Interventionen im Stadtraum, für raumfüllende Installationen und seine hintergründigen Objekte. Eckers Skulpturen haben die Anmutung technoider Objekte, die als Instrumente zur Wahrnehmung der Welt interpretiert werden können.

Fr.-Engels-Allee 173, 42285 Wuppertal Sonntag, 25. 11., bis Montag, 31. 12. 2018

home sweet home

Gemeinschaftsausstellung Eröffnung: So., 25. 11. 2018, 11.30 Uhr

WUBA Galerie Friedrich-Engels-Allee 174 Sonntag, 26. 10. bis Mi., 21. 11. 2018

parallels

Eröffnung: Sonntag, 26. Oktober 2018, 12 bis 15 Uhr Der Wuppertaler Fotograf und Videokünstler Frank N zeigt seine fotografischen Arbeiten, die oft bewusst oder unbewusst Parallelen zu den Werken bekannter Künstler wie Hopper, Turner u. a. nahelegen.

Museum Morsbroich Gustav-Heinemann-Straße 80, 51377 Leverkusen noch bis Sonntag, 6. Januar 2019

Der flexible Plan

Das Rokoko in der Gegenwartskunst Das Rokoko war der Kunststil, der das 18. Jahrhundert bis zum Ende der Regierungszeit Ludwigs XV. dominierte. Trotzdem sind seine Leistungen nahezu vergessen und werden häufig mit herabsetzend gemeinten Adjektiven umschrieben: süßlich, lieblich, künstlich, prunkend, verspielt usw. Dabei wird gerne übersehen, dass er zeitlich mit der Aufklärung zusam-

K Hopper Revisited, © Frank N

Öffnungszeiten: Mittwoch und Donnerstag von 15 bis 18 Uhr und nach vorheriger Vereinbarung. 25. November bis Mitte Januar 2019

rotation 360°

Eröffnung: So., 25. 11., 12 bis 15 Uhr Brigitte Baumann, Cornelia Ernenputsch und Gisela Kettner zeigen 90 Arbeiten, die im Rotationsverfahren von allen drei Künstlerinnen bearbeitet worden sind. Es erscheint ein Katalog zur Ausstellung. 74

DruckStock Ort für freie Grafik

Anke Eilergerhard, „Annastasia“, „Annalotta“ und Annabeth, 2018

Holzschnitt von Anne Büssow, „Letztes Abendmahl“, Foto: Ulrike Hagemeier

„home sweet home“ oder, in der leicht ungenauen deutschen Übersetzung, „trautes Heim, Glück allein“ lautet der Titel dieser Ausstellung. Anne Büssow (Holzschnitt), Ulrike Hagemeier (Radierung), Stefanie Neumann (druckgrafische Collagen), Wolfgang Schmitz (Radierungen und Lithografien) und Stephan Werbeck (Hochdruck) Öffnungszeiten: Donnerstag und Freitag von 15 bis 18 Uhr


Villa Media Viehhofstraße 125, 42117 Wuppertal Do., 15. November 2018, um 19.30 Uhr

6. kunst kann´s

kunstauktion „Wuppertaler Künstler für Wuppertaler Kinder“ Bereits zum 6. Mal veranstaltet der gemeinnützige Verein „kunst kann‘s“ eine Kunstauktion mit Wuppertaler Künstlern. Mit dem Erlös, der Zuschlag geht zur Hälfte an den Verein und zur Hälfte an den jeweiligen Künstler, wird ein soziales Kinderund Jugendprojekt in Wuppertal unterstützt. Zur Versteigerung kommt ein breites Spektrum an Werken aus der Wuppertaler/Bergischen Kunstszene. Neben Arbeiten in Öl, Acryl oder Aquarell gibt es auch plastische Werke. Eine Vorbesichtigung der Werke ist am Tag der Auktion ab 18 Uhr möglich. Weitere Informationen und Einlass-/Bieterkarten unter www.kunstkanns.de

„zu zweit“ im Haus Martfeld, Foto: Willi Barczat

Haus Martfeld Haus Martfeld 1, 58332 Schwelm

Ins Blaue Kulturwerkstatt e.V. Verein für kulturelle Bewegung Siemensstraße 21, 42857 Remscheid Sonntag, 21. 10., bis Sonntag, 4. 11. 2018

Stille Post

Ein Kunstprojekt kuratiert von Sabine Flora, Köln, und Norbert Bücker, Recklinghausen Eröffnung: Sonntag, 21. 10. 2018, 15 Uhr Tanzperformance: 27. 10. 2018, 19 Uhr Das Kunstprojekt Stille Post geht in die 2. Runde. Geflüsterte Worte werden von Ohr zu Ohr weitergegeben ... oder auch Zeichnung, Collage, Malerei, Musik werden von einem Künstler zum anderen weitergereicht. Der Zauber des Projektes entsteht durch die Verknüpfung aller Arbeiten miteinander. Jede ist individueller Ausdruck und doch mit allen anderen verbunden. Am Tag der Ausstellungseröffnung kommen alle Werke von Künstlern aus dem ganzen Bundesgebiet zueinander und werden in chronologischer Reihenfolge gehängt. Donnerstag, 22. November, 19 Uhr

Kino Film-Eck

gelangt zur Aufführung, was Filmemacher Christoph Felder im Laufe von Bergisch Kunst gesammelt, festgehalten und zusammengestellt hat: Wo entsteht die Kunst im Bergischen? Ihm ist hier nicht an repräsentativer Auswahl gelegen, sondern eher an markanten Wegmarkierungen. So ist eine filmische Haltestelle zwischen Nord und Süd auch der Altenberger Dom, der für Bergisch Kunst nicht nur als kulturelles Erbe eine besondere Bedeutung hat, sondern den bergischen Künstlern vor allem als ausstrahlungsstarkes Zentrum, Monument und regionaler Impulsgeber wichtig ist. Dabei wird im Film-Eck Wermelskirchen auch das Unterirdische nach oben geholt – im schönen und bewahrungswürdigen Kino baut Tobias Löhde ein Stück Kanalisation nach und präsentiert dazu eine einzigartige Lichtinstallation. Er will Unsichtbares sichtbar machen.

Telegrafenstr. 1, 42929 Wermelskirchen noch bis Sonntag, 28. Oktober 2018

zu zweit

Wie Kunst ensteht

Grit Sensen – Stillleben Wil Sensen – schwarze Bilder Samstag und Sonntag 12 bis 17 Uhr Dienstags 14 bis 17 Uhr

Veranstaltungsreihe: Bergisch Kunst Unter dem Brennglas des Dokumentaristen geht Bergisch Kunst im November nach Wermelskirchen. Hier 75


BÜHNE: Wuppertaler Bühnen Opernhaus Wuppertal Kurt-Drees-Straße 4, 42285 Wuppertal Premiere: So., 14. Oktober 2018, 16 Uhr

Das Land des Lächelns

Romantische Operette in drei Akten von Franz Lehár, Libretto von Viktor Léon, Ludwig Herzer und Fritz Löhner-Beda Auf einem Ball ihres Vaters verlieben sich die junge Gräfin Lisa von Lichtenfels und ihr exotischer Besucher, der chinesische Prinz Sou-Chong, ineinander, und sie folgt ihm gegen den Willen ihrer Familie nach China. Dort trifft dann beider romantische Liebe auf die harte Realität höfischen Zeremoniells. Der Druck wächst, und beide müssen einsehen, dass ihre Liebe der Realität nicht standhält. Was also bleibt? Immer nur lächeln. 2., 6., 8., 9. und 10. November, 19.30 Uhr 4. und 11. November, 18 Uhr Café Müller und das Frühlingsopfer mit Livemusik Nach der Spielzeiteröffnung mit Vollmond im September präsentiert das Tanztheater Wuppertal im November als besonderes Highlight „Café Müller“ (Uraufführung 1978) und „Das Frühlingsopfer“ (Uraufführung 1975) mit dem Sinfonieorchester Wuppertal

unter der Leitung von Henrik Schaefer. Zum ersten Mal seit Bestehen des Tanztheaters ist auch „Café Müller“ in Wuppertal mit Musik von Henry Purcell mit Orchester und Gesangssolisten – Marie Heeschen (Sopran) und Lukas Jakobski (Bass) – zu sehen. Der Vorverkauf für die Aufführungen zwischen 2. und 11. November 2018 beginnt am 7. September um 10 Uhr. www.pina-bausch.de Premiere: Samstag, 8. Dezember 2018, 19.30 Uhr

Luisa Miller

Von Giuseppe Verdi Die Bürgerstochter Luisa Miller verliebt sich in den vermeintlichen Burschen Carlo, der sich bald als der Grafensohn Rodolfo zu erkennen gibt. Beide Väter sind – aus verschiedenen Beweggründen – gegen die unstandesgemäße Verbindung, und auf Betreiben des Intriganten Wurm wird unter Zuhilfenahme der Herzogin Federica eine Kabale gesponnen, an der die beiden Liebenden zugrunde gehen. Ausblick auf den Jahresbeginn: 17., 18., 19. und 20. Januar 2019 1980 – Ein Stück von Pina Bausch Vorverkauf ab 22. November 2018

Theater Hagen Elberfelder Str. 65, 58095 Hagen Premiere: Samstag, 30. Oktober 2018, 19.30 Uhr

Move on

Ensemble „Das Frühlingsopfer“, Foto: Ludovica Bastianini

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Ballettabend mit Choreografien von Cayetano Soto, Itzik Galili und Alfonso Palencia Für die erste Ballettpremiere in der Spielzeit 2018/19 ist es Ballettdirektor Alfonso Palencia gelungen, zwei weltweit anerkannte Choreografen zu verpflichten. Zum ersten Mal wird der israelische Tänzer und Choreograf It-

zik Galili am Hagener Theater wirken und mit der Compagnie sein zeitgenössisches Stück Ephemeron erarbeiten, das seinen kraftvollen, athletischen Stil eindrucksvoll präsentiert. Galilis Werke zeichnen sich vorallem durch seine Fähigkeit aus, Tanz aus verschiedenen Perspektiven zu sehen, zu verstehen und zu zeigen. Für die Eröffnung des Abends zeichnet der katalanische Choreograf Cayetano Soto verantwortlich, der zuletzt 2017 das Hagener Publikum mit Malasombra begeisterte. Der derzeitige Resident-Choreograf des Ballet BC in Vancouver stellt sein Stück Uneven vor, das er für das amerikanische Aspen Santa Fe Ballet kreierte und das 2011 für den russischen GoldenMask-Award nominiert wurde. Die dritte Choreografie wird von Alfonso Palencia neu für das Ballett Hagen geschaffen: In ¡Movinos! wird er Tänzerinnen, Tänzer und Publikum in abstrakter Darstellungsweise mit dem Thema Identität konfrontieren. Premiere: Samstag, 1. Dezember 2018, 19.30 Uhr

Rusalka

Antonín Dvo ák Oper in drei Akten In deutscher Sprache mit Übertexten Was macht eine Nixe, wenn sie sich im Wasser nicht mehr wohlfühlt? Wenn sie sich Beine wünscht, um an Land treten zu können? Wenn sie sich aus der Ferne in einen Menschen verliebt hat?

Teo Otto Theater Konrad-Adenauer-Straße 31-33 42853 Remscheid Sa., 3. November 2018, 19.30 Uhr Sorbisches National-Ensemble

Metamorphosen der Liebe Le sacre du printemps


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Choreograpfe: Mia Facchinelli und Juraj Šiška Metamorphosen der Liebe Geheimnis und Rätsel, Glück und Verzweiflung, Vereinigung und Trennung sind als physisches Ereignis erlebbar. Vom Solo- über Paar- bis hin zum Gruppentanz reichen die bewegten Bilder. Ekstase wechselt ab mit Ruhe, Beschleunigung mit fast quälender Verlangsamung. Die Zeit steht still, um im nächsten Moment rasend schnell Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenzuführen. Le sacre du printemps Nach einem heidnischen Ritus wird aus dem Kreis der jungen Mädchen eines ausgewählt, das sich in einem ekstatischen, zu tödlicher Erschöpfung führenden Tanz mit dem Sonnengott vereinigt, um die Fruchtbarkeit der Erde zu sichern.

MUSIK: Historische Stadthalle Johannisberg 40, 42103 Wuppertal Sonntag, 28. Oktober 2018, 11 Uhr Montag, 29. Oktober 2018, 20 Uhr

2. Sinfoniekonzert

Frederick Delius, Walk to the Paradise Garden aus der Oper A Village Romeo and Juliet Francis Poulenc, Concert champêtre für Cembalo und Orchester Joseph Haydn, Sinfonie Nr. 98 B-Dur Hob.I:98 Dirigent: Rory Macdonald Cembalo: Mahan Esfahani

Leonard Bernstein, Symphonische Tänze aus der ›West Side Story Dirigent: John Nelson Klavier: Teo Gheorghiu So. 16. Dezember 2018, 11 Uhr Mo. 17. Dezember 2018, 20Uhr

4. Sinfoniekonzert

György Kurtág, Grabstein für Stephan op. 15c Béla Bartók, Violinkonzert Nr. 2 Johannes Brahms, Sinfonie Nr. 4 eMoll op. 98 Dirigentin: Julia Jones Violine: Kerson Leong

Jazz Club im Loch Ecke Ekkehardstraße/Plateniusstraße 42105 Wuppertal Mittwoch, 17. Oktober 2018, 20 Uhr

Brötzmann/Hiby

Peter Brötzmann Saxofon, Hans Peter Hiby Saxofon „Tatsache ist, dass wir uns seit mehr als 50 Jahre kennen, ich wohl ‚schuld‘ an Hibys Liebe zum Saxofon bin und wir die 50 Jahre auch gebraucht haben, um zum ersten Mal zusammen zu spielen. Während ich in den letzten Jahren mit Heather Leigh, Keiji Haino und vielen anderen unterwegs bin, hat Hiby seinem alten englischen Freund und Trommler Paul Hession die Treue gehalten und das Duo mit dem englischen Kontrabassisten zum Trio wachsen lassen. Aber Brötzmann/ Hiby … eine echte Premiere!“ Peter Brötzmann Aktuelle Termine unter: www.lochloch.de

Sonntag, 18. November 2018, 11 Uhr Montag, 19. November 2018, 20 Uhr

ZAHLENMENSCHEN SIND KALT. VORURTEIL ODER WAHRHEIT?

EGAL. HAUPTSACHE MENSCHLICH. FÜR IHREN ERFOLG

3. Sinfoniekonzert

Maurice Ravel, Le Tombeau de Couperin Maurice Ravel, Klavierkonzert G-Dur George Gershwin, Rhapsody in Blue

Peter Kowald Gesellschaft/

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ort e. V. Luisenstraße 116, 42103 Wuppertal Donnerstag, 11. Oktober 2018, 20 Uhr cine:ort John Coltrane Chasing Trane von John Scheinfeld, USA 2017, 90 min. Der Film schildert das musikalisch reiche und menschlich wie politisch bewegende Leben des legendären Saxofonisten und Erneuerers des Jazz John Coltrane. Mittwoch, 7. November 2018, 20 Uhr

Hiby – Bardon – Hession Trio Das Trio um den Wuppertaler Saxofonisten Hans Peter Hiby arbeitet im Bereich des Free Jazz und der europäischen Improvisationsmusik. Die komplexen Strukturen ihrer Improvisationen verraten bei aller explosiven Dynamik einen hohen Grad an Sensibilität und erzählerischem Ausdruck. Donnerstag, 8. November 2018, 20 Uhr cine:ort

Schöne Poesie ist Krampf ... Essener Songtage 1968 Film von Joachim (1951-2016) und Michael Rüsenberg. Außerdem: Doldinger kontra Brötzmann (1967) – 45 min. Die Internationalen Essener Songtage 1968 waren ein legendäres Festival für Rock, Pop, Chanson, Folksong, Underground-Musik, Kabarett und Poesie. Deutsche Rockgruppen traten neben bekannten internationalen Größen auf, aber auch Jazzmusiker und Liedermacher. Der Dokumentarfilm wurde 1989 mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. Einführung: Michael Rüsenberg Mittwoch, 15. November 2018, 20 Uhr Performance Kenji Takagi 16. November bis 15. Dezember: Der chinesische Künstler Kenbo ist Artist in Residence im ORT (s. Seite 44). 78

Samstag, 1. Dezember 2018, 20 Uhr Soundtrips NRW –

Forum Leverkusen, Bayer Erholungshaus, Scala ...

Vilda & Inga (Norwegen) Vilde Sandve Alnaes (Violine), Inga Margrete Aas (Kontrabass). Das junge Duo spielt akustische, mprovisierte Musik, wobei es durch die Erforschung nichttraditioneller Zugänge zu den Instrumenten seine Klangfarbenpalette erheblich erweitert. Dadurch entstehen große Farbhorizonte, die eine sich langsam und organisch entwickelnde Musik mit einem ausgeprägten Sinn für kompositorische Form ermöglichen. Als Gäste wirken Sue Schlotte (Cello) und Christoph Irmer (Violine) mit.

Leverkusener Jazztage 2018

Look Inside 42

Donnerstag, 6. Dezember 2018, 20 Uhr

Alexander Schlippenbach Trio

Sie gehören zu den führenden Akteuren der frei improvisierten Musik in Europa, und das seit gut einem halben Jahrhundert: Alexander Schlippenbach (Piano), Evan Parker (Saxofon) und Paul Lytton (Schlagzeug). Ihr jährliches Dezemberkonzert im ort ist Tradition. Do., 13. Dezember 2018, 20 Uhr cine:ort Heart of a Dog Von Laurie Anderson, USA 2015, 75 Min. Die Musikerin, Künstlerin und Regisseurin Laurie Anderson reflektiert anhand persönlicher Erfahrungen über Leben und Tod, Liebe und Verlust, Terror und Freiheitsbeschneidung. Dabei geht es unter anderem um ihren Ehemann, den Sänger und Gitarristen Lou Reed, und um ihren Hund, den geliebten Terrier Lolabelle, die beide kurz vor der Filmproduktion verstorben sind. Anderson erklärt die Liebe, die sie zu ihrem Hund verspürte, und reiht eine weitreichende Assoziationskette aneinander, mit Kindheitserfahrungen und politischen Fragen.

Es ist wieder so weit: Die 39. Leverkusener Jazztage 2018 stehen vor der Tür. Zahlreiche Stars der Jazzszene gibt es zu sehen bzw. zu hören. Am 10. November 2018 kommt Gregory Porter, am 11. November dann Thomas Quasthoff und am 12. November Randy Brecker, Bill Evans, Simon Philips und Mike Stern ins Forum. Im Erholungshaus spielt am 18. November die Jan Garbarek Group feat. Trilok Gurtu. www.leverkusener-jazztage.de.

Schwebeklang Klangkosmos Weltmusik Internationale Musikkulturen in Wuppertal

Lutherstift Schusterstraße 15, 42105 Wuppertal Donnerstag, 11. Oktober 2018, 18 Uhr Same Suki Polen Neue Folk Saiten & Hexengesänge Sie singen und spielen im besten Sinne der populären Volksmusik über die sozialen und gesellschaftlichen Probleme und wollen die Themen lüften - vor allem die schwierigen! Ein Thema berührt die weibliche Sexualität, die Same Suki offen in ihren Stücken ansprechen. Dafür werden die Musikerinnen in Polen immer wieder beschimpft. Same Suki, 2018, Foto: Bartek Muracki


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"die beste Zeit", Ausgabe 04.2018  

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