"die beste Zeit", April-Juni 2022

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Regie: Julian Benedikt + Axel Kroell, 2018, 56 Minuten

EXPERIMENTELLES MUSIK- UND TANZTHEATER » EINTRITT FREI

SA * 9 APRIL 2022 * 19H FILIDONIA

Open Impro-Session mit Musik, Tanz und Theater mit 11 Künstler*innen

JAZZ IM ORT SA * 23 APRIL 2022 * 20H HENDRIKA ENTZIAN QUINTET SANDRA HEMPEL Gitarre MATTHEW HALPIN Saxofon SIMON SEIDL Piano HENDRIKA ENTZIAN Bass FABIAN ARENDS Schlagzeug

NRW

LOOK INSIDE

SOUNDTRIPS NR. 57

MI * 4 MAI 2022 * 20H RHODRI DAVIS RHODRI DAVIS E-Harfe

Gäste: GUNDA GOTTSCHALK Violine UTE VÖLKER Akkordeon

CINE:ORT » EINTRITT FREI DO * 5 MAI 2022 * 20H EMBRYO: THE JOURNEY OF MUSIC AND PEACE Regie: Michael Wehmeyer, D 2018, 98 Min.

all female im ort SA * 14 MAI 2022 * 20H DOUBLE EXPOSURE

SALOME AMEND Vibraphon, Elektronik, Präparationen RAISSA MEHNER

CD RELEASE-KONZERT

FR * 13 MAI 2022 * 20H FLEISCHWOLF PLUS JONAS GERIGK

LOOK INSIDE

DO * 16 JUNI 2022 * 20H SIDORA EDWARDS & NINA DE HENEY ISIDORA EDWARDS Violoncello NINA DE HEY Kontrabass

E-Gitarre, Elektronik, Präparationen

JAZZ IM ORT SA * 28 MAI 2022 * 20H KAUFMANN – GRATKOWSKI – DE JOODE FRANK GRATKOWSKI

NRW

SOUNDTRIPS NR. 58

Altsaxophon, Klarinetten, Flöten ACHIM KAUFMANN Klavier WILBERT DE JOODE Kontrabass

und Gäste

all female im ort SO * 19 JUNI 2022 * 20H ENSEMBLE AY FEAT. NINA DE HENEY BO SUNG KIM Percussion SAADET TÜRKÖZ Vocal GUNDA GOTTSCHALK Violine UTE VÖLKER Akkordeon NINA DE HEY Kontrabass

GUNDA GOTTSCHALK violine ACHIM KONRAD Laptop/electronics JONAS GERIGK bass Karten können nur im Vorverkauf unter: wuppertal-live.de/Ort/207 erworben werden.

Peter Kowald Gesellschaft/ort e.V. _ _ Luisenstr 116 www.kowald-ort.com

www.kowald-ort.com Gefördert von:

NRW

SOUNDTRIPS

SKULPTURENPARK WALDFRIEDEN WUPPERTAL

VO N D E R H EYDT W U PPE RTAL MUSEUM

10.4.22 –– 16.7.23

Robert Indiana, Four, 1964 © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

FO KU S VO N D E R H E Y DT: Z E RO, P O P U N D M I N I M A L – D I E 1 96 0 E R U N D 1970 E R JA H R E

Die Ausstellung wird gefördert durch

LOOK INSIDE

TONY CRAGG 01.03. – 01.05.2022 DANIEL BUREN 19.03. – 22.05. 2022 WILHELM MUNDT 19.03. – 31.07.2022 ANDREAS SCHMITTEN 28.05. – 01.01.2023 TATSUO MIYAJIMA 04.06 – 21.08.2022 ANISH KAPOOR 13.O8. – 01.01.2023 BETTINA POUSTTCHI 03.09.– 06.11.2022

www.von-der-heydt-museum.de

Hirschstraße 12 · 42285 Wuppertal www.skulpturenpark-waldfrieden.de

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ISSN 18695205

CINE:ORT » EINTRITT FREI DO * 7 APRIL 2022 * 20H KARL BERGER – MUSIC MIND

JUNI

Das Kulturmagazin im Bergischen Land 02/2022 April–Juni

MAI

die beste Zeit

APRIL

Ausstellung I „Unklumpen“ von Wilhelm Mundt im Skulpturenpark Literatur Michael Zeller und „Die Kastanien von Charkiw“ Wettbewerb Architektur-Olympiade in Wuppertal: der „Solar Decathlon“ Ausstellung II „Ein Jahrzehnt der Revolte“ im Von der Heydt-Museum Bühne Ein Riesenspaß: „Die Piraten“ entern die Wuppertaler Oper 0 2 / 2 0 2 2 A p r il – Ju ni / 5. 8 0 €


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Orpheus und Eurydike Tanzoper von Pina Bausch Musik von Christoph W. Gluck 9. 10. 12. 13. 14. 16. 17. 18. April 2022 'Sweet Mambo' Ein Stück von Pina Bausch 26. 27. 28. 29. Mai 2022 Vorverkaufsbeginn 31. März 2022

Stilio Uno· Werksverkauf in Solingen

Julie Shanahan, Andrey Berezin © Bettina Stöß

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Blaubart. Beim Anhören einer Tonbandaufnahme von Béla Bartóks Oper »Herzog Blaubarts Burg« Ein Stück von Pina Bausch 3. 4. 5. 6. Juni 2022 Vorverkaufsbeginn 8. April 2022

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The art of tool making

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Editorial Liebe Leserinnen, liebe Leser, Erst ließ die Corona-Pandemie die Kultur verstummen. Konzert- und Theaterveranstaltungen fielen aus, Museen und Galerien schlossen. Kaum öffneten diese Kulturorte zaghaft und angepasst an die sich wandelnde pandemische Situation ihre Pforten, geschah das Unvorstellbare: Krieg! Das Entsetzen verschlägt uns die Sprache, auch den Künstlerinnen und Künstlern, den Kulturschaffenden. Gerade ihnen. Der Blick auf die eigene kleine Kulturwelt scheint so bedeutungslos, so belanglos im Angesicht des Schreckens, ausgelöst durch die permanent auf uns niederprasselnden verstörenden, beängstigenden Bilder. Doch müssen wir verstummen? Nora Gomringer, die am 20. Mai den Else Lasker-SchülerLyrikpreis erhält, hat in einem ihrer Posts dazu etwas sehr Kluges geschrieben: Sie wundert sich darüber, dass sich die Menschen darüber wunderten, dass ausgerechnet ein Schauspieler wie Wolodymyr Selenskyj als Präsident der Ukraine sein Land so tapfer, so würdig repräsentiere, ihm Mut mache, in diesen schweren Zeiten Widerstand zu leisten und den Glauben an sich selbst nicht zu verlieren. Denn wo sonst, so Gomringer, könne man lernen, einen Standpunkt zu beziehen, Haltung zu bewahren, mit Würde zu agieren, wenn nicht in den Künsten. Und hinzufügen möchte ich, dass auch das Lachen, das uns diese Autorin mit ihren zuweilen so spaßigen Gedichten zu schenken weiß, ein Stück geschenkter Lebensmut ist. Würde als Ausfluss ästhetischer Praxis, so übersetze ich den Gedanken Nora Gomringers: ein ebenso verblüffender wie großartiger Gedanke. In all den aufgeregten tagespolitischen Diskursen und Streitereien um die richtige Reaktion auf diesen Krieg vermag uns die Teilhabe am kulturellen Leben einen Augenblick der Ruhe und stoischen Haltung zu schenken, Momente des Innehaltens, der Reflexion, der Selbstvergewisserung, aus der heraus wir eine Haltung zu diesem Krieg einnehmen und durchhalten können.

Wuppertal. Mit seinem sehr persönlichen Erinnerungsbuch „Die Kastanien von Charkiw“ können wir noch einmal eintauchen in die Welt dieser Millionenstadt vor dem Bombardement durch die russische Luftwaffe. Über seine persönlichen Erinnerungen an Charkiw sprach beste-zeitRedakteurin Anne-Katrin Reif mit dem Autor. Die Erinnerung ist die eineiige Schwester der Poesie. Doch Kunst und Kultur blicken nicht nur zurück, sondern sorgen sich auch um die Zukunft. Wie das exemplarisch für die Kunst selbst gehen kann, zeigt die Ausstellung „Unklumpen“ im Skulpturenpark mit Werken von Wilhelm Mundt, der Ende der 1980er-Jahre angefangen hatte, aus Atelierrückständen abstrakte Formen zu generieren und so den „Abfall“ seiner künstlerischen Arbeit in eine neue künstlerische Form zu transformieren. Kunst, Kultur und Natur zusammenzubringen, hat sich in Wuppertal die partizipative Kunst- und Mitweltaktion [plan · e]: planet erde vorgenommen. Die Verantwortlichen berichten im Gespräch mit beste-Zeit-Redakteurin AnneKathrin Reif über die Erfahrungen im Laufe des Jahres 2021. Martin Hagemeyer schaut auf den wichtigsten universitären Bauwettbewerb „Decathlon“: ein „Kampf“ um die besten Ideen im klimagerechten Bauen in zehn Disziplinen. Monatelang liefen auf dem sogenannten UtopiastadtCampus am Mirker Bahnhof auf rund 44 000 Quadratmetern die Bauarbeiten, um für den „Solar Decathlon Europe“ vom 10. bis 26. Juni 2022 das rechte Terrain zu bieten. Der Blick auf dieses für die bergische Region so wichtige Großprojekt macht deutlich, dass die Erforschung klimagerechten Bauens auch ein aktiver Beitrag zum Weltfrieden ist, da der Kampf um die Ressourcen einer der Treibsätze für Kriege weltweit ist. Heiner Bontrup

So setzt auch die beste Zeit trotz oder gerade wegen der dunklen Zeiten, in denen wir leben, ihre Schlaglichter auf das kulturelle Leben im Bergischen Land. Michael Zeller, ein Autor mit einer starken Affinität zu Osteuropa, lebt in

Foto: Anna Schwartz


Inhalt 4 Klimabau als Großevent: „Solar Decathlon Europe“ in Wuppertal

Vom Reißbrett zum „Hereinspaziert“ Unklumpen

Wilhelm Mundt im Skulpturenpark One Window

Daniel Buren im Skulpturenpark

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ZERO, Pop und Minimal – Die 1960er und 1970er Jahre

Ein Jahrzehnt der Revolte Jankel Adler im Von der Heydt-Museum

Metamorphosen des Körpers

Festival Pina Bausch Zentrum under constrution

„underdogs and role models“

Literaturhaus e.V. unter neuer Leitung

Austausch und Teilhabe

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Ein weites Land, viel zu schön zum Sterben

Magische Wahlverwandtschaft

2

12 18

20 25 26 30

Michael Zellers „Die Kastanien von Charkiw“

Else Lasker-Schüler und Nora Gomringer

32

4

32 36


39 Live-Hörspiel mit Video-Bühnenbild über Else Lasker-Schüler von Heiner Bontrup

Längst lebe ich vergessen im Gedicht Eine deutsch-französische Dichterfreundschaft in Zeiten des Exils, erzählt von einer polnischen Malerin

Der schwierige Tod

Lutz-Werner Hesses Quintett für Horn, zwei Violinen, Viola und Violoncello op. 84 (2019)

Untiefen und Überraschungen

Ein Riesenvergnügen! Und endlich wieder im Opernhaus!

37

39

42

Gilbert und Sullivan: Die Piraten

46

Kulturtipps für Kinder und Jugendliche

50

Kulturnotizen

Neues aus der Kulturszene

54

Die Kunst- und Mitweltaktion [plan · e]: planet erde

„Die Kunst ist der nächste Nachbar der Wildnis“ Neue Kunstbücher vorgestellt von Thomas Hirsch

Leicht und so viel

Ausstellungen, Bühne, Musik, Kino

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Kulturtipps

66

Verkaufsstellen

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Impressum

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Vom Reißbrett zum „Hereinspaziert“ Klimabau als Großevent: „Solar Decathlon Europe“ in Wuppertal

Da nimmt etwas Gestalt an, und zwar gewaltig: Monatelang liefen auf dem sogenannten UtopiastadtCampus am Mirker Bahnhof auf rund 44 000 Quadratmetern die Bauarbeiten, um für den „Solar Decathlon Europe“ vom 10. bis 26. Juni 2022 das rechte Terrain zu bieten.

Als wichtigster universitärer Bau-Wettbewerb der Welt gilt der Decathlon, sprich Zehnkampf, und die Bedeutung spiegelt sich schon im erwarteten Zustrom: Mit bis zu hundertfünfzigtausend Besucherinnen und Besuchern rechnet die Bergische Uni als Mitveranstalter. Die Zahl sei einmal ausgeschrieben, um sie einen Moment auf sich wirken zu lassen. Solar Decathlon meint klimagerechtes Bauen in zehn Disziplinen. Und was sich damit hier formieren soll, das ist ja eines der Zukunftsthemen schlechthin. Heute deutlich mehr als im Jahr 2002, als der Wettstreit in den USA zum ersten Mal stattfand. Seit 2010 gibt es auch die europäische Version, wobei das nur den Austragungsort meint, nicht

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Team MIMO (Hochschule Düsseldorf): Aufs Dach des Café Ada kommen 15 hölzerne Wohnmodule. Die Energie einer Photovoltaikanlage wird durch ein spezielles Steuerungssystem verteilt. Die Lamellen einer „Klimahülle“ erzeugen Sonnenenergie und sorgen für frische Luft. Copyright MIMO / SDE 21/22

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Team SAB (Universität Bangkok): Der Entwurf für das Objekt in der Bandstraße konzentriert sich auf umweltschonenedes Bauen: Als Baustoff zum Einsatz kommt so leicht Verfügbares wie Milchtüten und Braurückstände. Ein komfortabler Wintergarten wird durch die Erwärmung der Glaswände zum „Sonnenraum“. Copyright SAB / SDE 21/22

die Herkunft der Teilnehmenden. Für den Klimaschutz, zwischenzeitlich zum weltweiten Thema Nummer eins avanciert, ist das Bauen ein Feld von enormer Bedeutung. Bauen ist ein sensibles Zukunftsthema - auch beim Antritt der neuen Bundesregierung wurde das deutlich. Auf erste Äußerungen von Bauministerin Klara Geywitz kam sinngemäß die Kritik: Wichtiger als schnelles Bauen sei nachhaltiges, und zwar mit kreativer Mischnutzung. Der „Solar Decathlon“ könnte so gesehen kaum aktueller sein. Und die Beiträge sind hier an der Nordbahntrasse keineswegs nur zu betrachten, sondern zu betreten und sollen ausdrücklich durchforstet werden. 6

Wie kann Architektur dem Klima dienen? Mit dem Wort „Solar“ ist im Titel nur eine der nachhaltigen Energieoptionen benannt, was daran liegt, dass sie in der Frühzeit des Wettbewerbs besonders präsent war. Immerhin taucht aber der Energieaspekt hier namentlich auf – anders als weitere Anforderungen, die es auszutarieren gilt: Irgendwie muss man es sich auch leisten können. Und „Bezahlbarkeit“ wird als Bedingung unzweideutig verlangt. Insgesamt lauten die Disziplinen (eine weitere Sportmetapher neben „Decathlon“): Architektur, Gebäudetechnik und Bauphysik, Energieperformance, Realisierbarkeit und sozialökonomischer Kontext, Kommunikation und Bildung, Nachhaltigkeit, Komfort, Funktion, urbane Mobilität, Innovation.


Drei Grundaufgaben gab es für die Studierenden in aller Welt, vom schwedischen Göteborg bis zu Taipeh in Taiwan: Aufstockung, Baulückenschließung oder „horizontale Nachverdichtung“. Alles also Ergänzungen zu schon existierenden Gebäuden. Beim Objekt gab es die Wahl: Entweder entwickelte man Lösungen für ein existierendes Gebäude am Heimatort oder aber für ein vorgegebenes am fernen Austragungsort, von dem bis dahin kaum ein Teilnehmer viel gehört haben mochte: Wuppertal. Schräg vielleicht, doch sicher täglich Brot von Architekten: Option für Entwürfe auf dem Reißbrett von Bangkok bis Budapest waren Objekte im fremden Bergischen Land. Genauer: Auf der Straße Höchsten, in der Bandstraße und auf dem Dach des Café Ada.

Dass das Spielfeld in spe noch recht karg da lag, hatte natürlich damit zu tun, dass die „Hauptakteure“ viel Platz brauchten, aber erst spät eintreffen würden. Im Mai sollten die Bauten aus den Teilnehmerstädten herantransportiert werden. Und hier nun zur Einordnung: Was hier antritt, das will mehr sein als bloßer Sportkandidat. „Module“ werden die 18 Beiträge zuweilen genannt, doch das Wort Team Schweden (Technische Hochschule Chalmers): Zur Sanierung und Aufstockung eines Göteborger Supermarkts kommt hier das Haus aus dem 3D-Drucker, und zwar mit dem Abfallprodukt Zellulose - einfach und kostengünstig. Viel Augenmerk gilt dem Gebäudedesign, das optisch Wachstum vermittelt. Copyright Team Sweden / SDE 21/22

Dass im Februar auf dem Areal außer Baumaschinen in Aktion noch nicht viel mehr zu erkennen war, entsprach sicher ganz dem Plan. Nur in puncto Bekanntheit schien da der Boden noch nicht recht bereitet: Zwar suchte man Kontakt zu lokalen Medien, die auch ein paar Berichte brachten. Doch wirklich im Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger angekommen war der Zukunfts-Großtermin vor Ort vorab lange nicht. 7


Team Deeply High (Hochschulen Istanbul/Lübeck): Bodentiefe Fenster nützen dem Lichteinfall, nachwachsende Materialien der Ökobilanz beim Bauen. Ein besonderes Element sind Algen: Sie bereiten Abwasser neu auf und machen dabei CO2 nutzbar. Im Sinne des „Schwammstadt“-Konzepts kommt gespeicherter Regen der Abkühlung zu Gute und entlastet die Kanalisation. Copyright Deeply High / SDE 21/22

hält Dr. Daniel Lorberg für grundfalsch: „Das sind voll funktionierende Gebäude.“ Der Wirtschaftswissenschaftler ist Projektdirektor des Decathlon. Er hat sein Büro in der „Alten Glasfabrik“ mit Panoramablick aufs Gelände, und auch aus ihm spricht die Überzeugung: Das wird hier kein Gedankenspiel, es geht um echtes Bauen. Mehr: um unser aller Zukunft. Wer wollte und davon wusste, konnte sich dem Ereignis schon seit Längerem nähern. Einen guten Schritt Richtung Konkretisierung gab es nämlich schon seit einem Jahr, als die Entwürfe als Kleinmodell eintrafen. Viele Teams waren persönlich angereist, um ihre Antwort zu den gestellten Aufgaben an den Ort des Geschehens zu bringen, wo sie im da noch etwas entfernten Sommer 2022 ihren Zukunftsentwurf ins Rennen schicken würden. Zum Beispiel das Team der Uni Stuttgart, in deren Entwurf man also im Juni wie in allen anderen real herumspazieren kann: Zum Aufstocken eines heimischen Campusgebäudes setzt man dort auf Photovoltaik, und karoförmige Elemente an Decken und Wänden sollen das Sonnenlicht speichern. Für die Verteilung im Haus wollen die Studierenden sich das Phänomen Aufwind zunutze machen – Energie wird dann nicht bloß nachhaltig gewonnen, sondern auch nur sparsam benötigt.

Team coLLab (Hochschule für Technik Stuttgart): Wichtiger Gedanke bei diesem Aufstock-Entwurf ist, dass es auf viele Gebäude übertragbar sein soll. Diesem Ziel kommt ein Skelett aus variablen Holzgittern zu Gute; Räume zwischen den Gittern werden unter anderem mit Kollektoren gefüllt. Copyright coLLab / SDE 21/22

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Und für Interessierte hieß das nun: Die Ideen waren da – klein, aber in 3D. Erst ausgestellt auf dem noch kaum existenten Gelände, dann verteilt in der Stadt, ließ sich jeder Entwurf in Augenschein nehmen und ein guter Eindruck von jedem Konzept gewinnen. Im Cinema in Barmen, der Laurentiuskirche in Elberfeld und weiteren Adressen quer durchs Tal waren sie zu finden. Und Appetit mochte sich regen: Was da in Vitrinen maßstabgerecht zu betrachten war, würde man im Sommer in Lebensgröße betreten. Ein Reiz, der nun auch Lorberg merklich kitzelt: „Da können Sie drin wohnen.“


Team firstlife (Tschechische Technische Universität Prag): Aufbauten auf alte Studierendenheime sollen studentisches Wohnen auf energieeffiziente Art verbessern. Rund um die Photovoltaikmodule gibt es ein flexibles System zum Speichern der Energie und zum Steuern ihrer Verteilung. Ein Zwangslüftungs-Konzept misst die CO2-Konzentra-tion und hilft dem Wohnklima. Copyright FIRSTlife / SDE 21/22

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Team roofkit (Karlsruher Institut für Technologie): Diese Lösung fürs Café Ada betont unter anderem soziale Qualitäten: durch Gemeinschaftsräume für Bewohner verschiedenen Alters und Einkommens. Abfallnutzung oder „Solarbaum“ verfolgen das Ideal, möglichst den kompletten Energiebedarf erneuerbar zu decken. Copyright RoofKit / SDE 21/22

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Team sum (Technische Universität Delft): Es geht um Sanierung und Aufstockung großer Mietgebäude an einem bestehenden Beispiel in Den Haag. Im Erdgeschoss entstehen Räume, die öffentlich nutzbar sein sollen, etwa durch eine Kreativwerkstatt. Ein Teil des bisherigen Wohnraums dort wandert dafür aufs Dach. Solarelemente sind über die gesamte Fassade verteilt. Copyright SUM / SDE 21/22

Spannung war bestimmt die richtige Einstellung vorab – und ein aufregendes Erlebnis soll es werden, nicht zuletzt mit einer guten Spur Entertainment. Mit Festival-Feeling darf man rechnen, wenn die Bauten sich nicht nur für die Jury zur Wahl stellen, sondern auch für neugierige Bürger; Bühnenaktion mit lokalen Musikerinnen soll ihr Übriges tun. Ein Beispiel für ein Tagesprogramm, wie im „Eventplaner“ auf der Homepage komplett einzusehen: Der Mittwoch, 22. Juni, startet mit einem Tagesprogramm u.a. mit dem Verein deutscher Ingenieure, als Ländertag widmet er sich Ungarn, verliehen werden heute die Preise in den Disziplinen Energieperformance, Komfort und Funktion. Im Blick hat man natürlich die Pandemielage: Die Zahl zugleich anwesender Personen auf dem Areal wird beschränkt, ein Ticketing-System soll für Übersicht sorgen. An- und Abreiseverkehr werden ebenso geregelt wie mögliche Schlangenbildung. Mit Eventualitäten, weiß auch der Direktor, ist derzeit immer zu rechnen – aber: „Wir haben ja Sommer, wir haben viel draußen. Die Bedingungen sind zumindest potenziell ganz okay.“ Gehört es zu den Qualitäten von Architektur nicht immer auch, nach der Nutzbarkeit zu fragen? Die Frage stellt sich beim Umstand, dass „Architektur“ hier eben nur als eine Disziplin neben neun weiteren firmiert – als wären all die

praktischen Faktoren klar von Baukunst zu trennen. In Lorbergs Antwort wird ein Aspekt des Decathlon deutlich, der über den Wettbewerb selbst weit hinausweist: Als eine der zehn Disziplinen meint Architektur vor allem Ästhetik – denn auch den Schauwert braucht das Bauen. Zu energetischen Vorzügen kann das querliegen: „Vielleicht bringt eine aufgeständerte Solarzelle eine bessere Ausrichtung. Die sieht aber fürchterlich aus.“ Mit Folgen: „Das wäre dann kein Vorbild für irgendwen.“ Das aber rührt ans Selbstverständnis des Solar Decathlon: Bau- und Wohnkonzepte wie die hier erarbeiteten sind demnach für die beschlossene Klimawende unverzichtbar. Die Forschung fordert breite Transformation, und das muss auch ansprechen und darf nicht durch Kosten abschrecken. Lorberg: „Wenn wir das nicht schaffen, brauchen wir uns um das Erreichen der Klimaziele kaum noch Gedanken zu machen.“ Eine entscheidende Qualität soll also sein, dass die Stein gewordenen Visionen Vermieter und Mieter überzeugen – und zum Muster werden. Mit Ehrgeiz, Spaß und „Siegertreppchen“: Im Tal wird im Sommer der Klimaschutz real, bereit zum Betreten und Nachahmen. Das ist aufregend. Aber es ist auch nötig. Martin Hagemeyer 11


Wilhelm Mundt Unklumpen

Ende der 1980er-Jahre hat Wilhelm Mundt angefangen, aus seinen Atelierrückständen abstrakte Formen zu kreieren. Anstatt das Material zu offenbaren, transferiert der Künstler es zu einer neuen ästhetischen Form.

Wilhelm Mundt, Ausstellungsansicht (c) VG Bild-Kunst Bonn 2022 12


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Wilhelm Mundt, Trashstone 762, 2021 (c) VG Bild-Kunst Bonn 2022 Wilhelm Mundt, Trashstone 689, 2017 (c) VG Bild-Kunst Bonn 2022

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Wilhelm Mundt, Trashstone 765, 2021 (c) VG Bild-Kunst Bonn 2022

Die Verbindung der Inhalte ist ein mühseliger und langwieriger Prozess. Er umwickelt die Gegenstände und beschichtet sie mit unzähligen Schichten von Fiberglas. Diese Ebenen färbt der Künstler vielfältig ein. Nach dem additiven Verbinden öffnen sich neue Farbkulminationen. Das Kolorit im Material verändert sich mit der Kombination auf der Form. Final schleift der Bildhauer die Oberflächen, und es tauchen diverse Farbebenen auf, die die äußere Struktur verzerren. Wilhelm Mundt kreiert auf diese Weise amorphe Formen, die unter dem Titel Trashstones bekannt sind.

In der Ausstellung „Unklumpen“ im Skulpturenpark Waldfrieden werden die jüngsten Werke dieser Serie gezeigt. Der Titel der Werkschau bezieht sich ironisch auf die Ausstel-

lung Klumpen in der Buchmann Galerie, Berlin 2015. Der Künstler spricht von seinen Werken selbst gern als „Klumpen“. Der Titel „Unklumpen“ verweist auf eine neuartige Form seiner Skulpturen innerhalb der Ausstellung. Während seine Trashstones üblicherweise liegend präsentiert werden, hängen diese neuen Arbeiten im Raum und bilden eine strenge vertikale Setzung. Formal und inhaltlich prägend für diese Hänge-Plastiken ist das Werk Weihnachten 95 von 1996 . Es besteht aus einem nach unten hängendem Tannenbaum, der mit einer Schicht aus Silikon, Latex und Mullbinden umwickelt ist. Die Form erinnert dabei an ein Stück Fleisch oder einen Dönerspieß. Zentral ist auch hier die Idee, persönliche Gegenstände zu verpacken und zu konservieren. Auf diese Weise werden gleichsam auch die 15


Erinnerungen und Emotionen, die für den Künstler mit den Objekten verbunden sind, mumifiziert.

dige Wesen, allerdings können die Zusammenstellungen Beziehungen aus unserem Alltag repräsentieren.

Die im Ausstellungsraum hängenden Skulpturen unterscheiden sich auch insofern von Wilhelm Mundts früheren Arbeiten, als ihr Innenleben sichtbar ist. Den Betrachterinnen und Betrachtern offenbart er dadurch persönliche Objekte, die in eine kompakte Form gebracht sind und farblich miteinander korrespondieren. Die Materialien innerhalb der gepressten Formen erscheinen aus der Entfernung abstrakt und malerisch. Aus der Nähe betrachtet vermitteln die eingeformten Gegenstände Informationen über ihre eigene Geschichte und frühere Verwendung. Innerhalb der anorganischen Materialien tauchen ein Zelt, Autoreifen, eine rote Jacke und andere persönliche Objekte auf, die eine Bedeutung für den Künstler besitzen und auf seine Biografie verweisen.

In den letzten Jahren hat sich Wilhelm Mundt verstärkt auf eine kontrastreiche malerische Oberflächengestaltung fokussiert. Der schwarze Trashstone 765 ist mit einer breiten weißen Linie überzogen, die der Wölbung der Oberfläche folgt. Diese Markierung bildet eine weitere spielerische Ebene auf dem Objekt. Die Linie lenkt den Blick über das Kunstwerk und kreiert einen Kontrast zu den plastischen Auswölbungen auf der Skulptur. Wilhelm Mundt nutzt den Trashstone, um malerische Potenziale im plastischen Raum zu präsentieren.

In das Innere der beiden transparenten Plastiken sind auch Bildschirme integriert, auf denen kurze Videos mit Sound wiedergegeben werden. In den Kurzvideos ist der Künstler selbst zu sehen, der beim Autofahren „Fichten, Tannen, Lärchen, Kaninchen, Fleisch“ in die Kamera brüllt. Es handelt sich hierbei um eine Beobachtungsstudie während der Fahrt, die einen Kontrast zur ruhigen natürlichen Idylle auf dem Land bildet. Auch hier im Skulpturenpark erscheint die Stimme des Künstlers inmitten der Werke aggressiv und brutal. Der Bildhauer schafft so einen bewussten Gegensatz zum Wald mit seiner Flora und Fauna um den Pavillon herum.

In der Ausstellung sind unterschiedliche Trashstones aus den letzten Jahren zu sehen. Die Plastiken aus Aluminium reflektieren durch das Material die Umgebung. Sie verweigern den Blick auf das Innere durch die spiegelnde Oberfläche des Materials. Sie sind „unsichtbar“ und verdeutlichen eine spezielle Ästhetisierung des anorganischen Materials. Die Skulpturen erscheinen je nach Präsentation des Ortes und des jeweiligen Lichteinfalls divergent. Einige Skulpturen fallen durch eine geometrische, flächige Farbgestaltung auf. Diese sind als Gruppe oder Duo konzipiert und stehen auch farblich in Beziehung zueinander. Diese Werke sind voneinander abhängig und doch singulär getrennt in der eigenen Formkulmination. Ohne das „Gegenstück“ erscheint die Arbeit vereinsamt, singulär. Der Künstler zeigt in seiner Kunst und deren Präsentation ein soziales Gefüge. Es handelt sich hier nicht um leben16

Ein Gestell mit neun kleinen Werken ist parallel zur Ausstellungswand positioniert. Ein genauer Blick auf die Oberfläche offenbart bei diesen Steinen eine individuelle grafische Bearbeitung des Künstlers. Feine Linien, eine gezeichnete Spritze sind zu erkennen und bilden einen linearen Dialog zu den allgemeinen organischen Formen. Das Fiberglas konserviert hier den zeichnerischen Gestus des Künstlers. In der Präsentation als Ensemble korrespondieren die jeweiligen Linien miteinander und bilden eine Art grafische Akzentuierung des Raums.

Allgemein verweist der Künstler mit seinen Werken auf die überbordende Müllproduktion der Menschheit. Müll findet sich heute in allen Bereichen der Natur, im Ozean und sogar in der Luft. Der Künstler verbindet das künstliche, giftige Material und formt dieses kontinuierlich und konsequent zu Objekten, die durch den Titel und ihre Form auf Elemente der Natur hinweisen. Der Stein und der hängende Tannenbaum sind Teile der Natur, die neu interpretiert sind. Essenziell innerhalb der Präsentation ist die formale Kommunikation der Arbeiten untereinander. Hier ist das gleichbleibende Konzept in unterschiedlicher Ausführung sichtbar. Die Serie der Trashstones bündelt eine konzeptuelle Transformation zu einem malerischen, skulpturalen Objekt mit narrativem Inhalt. Systematisch und konsequent führt Wilhelm Mundt die Werkserie fort und nummeriert alle seine Kunstwerke mit ihrer eigenen Zahl, die als Signatur gilt. Diese Ziffer ziert die Oberfläche der organischen Plastik und führt zu einem narrativen Kontrast, der auf Kontinuität und Individualität verweist. Wilko Austermann Alle Fotos: Michael Richter


Wilhelm Mundt, Regal III, 2015 (c) VG Bild-Kunst Bonn 2022 Wilhelm Mundt, Regal III, 2015 (c) VG Bild-Kunst Bonn 2022

Ausstellung im Skulpturenpark Waldfrieden Hirschstr. 12, 42285 Wuppertal

Wilhelm Mundt – Unklumpen 19. März bis 31. Juli 2022 17


Ausstellungstermine Daniel Buren 19. März bis 22. Mai 2022 Tatsuo Miyajima 4. Juni bis 18. August 2022 Bettina Pousttchi 3. September bis 6. November 2022

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One Window – Daniel Buren 2022 wird im Skulpturenpark Waldfrieden die Architektur einer Ausstellungshalle zum künstlerischen Ausgangspunkt. Zum Projekt One Window Three Artists lädt Tony Cragg drei Künstlerinnen und Künstler aus drei Generationen ein, die jeweils für ein eigenständiges künstlerisches Werk stehen, das seit vielen Jahren international wahrgenommen wird. In Wuppertal werden sie erstmals im Rahmen die-

ser Ausstellungsreihe in Zusammenhang gebracht. Bis 22. Mai 2022 zeigt Daniel Buren seine Arbeit Architektur und Farbe: Innen und Außen, Arbeiten in situ. Bereits seit den 1970er Jahren realisiert Buren Arbeiten auf und in Architektur. Prägnantes visuelles und stets wiederkehrendes Detail seiner Arbeit ist die Verwendung von 8,7 cm breiten vertikalen weißen Streifen. Damit verbindet er seine weltweit realisierten Werke in einen Gesamtzusammenhang. (red) Alle Fotos: Michael Richter 19


George Segal, Ruth in der Küche, 1964, Gips, Eichenholz, Stoff, Aluminium, Von der Heydt-Museum Wuppertal, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Ein Jahrzehnt der Revolte ZERO, Pop und Minimal – Die 1960er und 1970er Jahre

Das Von der Heydt-Museum eröffnet mit dieser Ausstellung die neue Reihe „Fokus Von der Heydt“, in der immer neue Aspekte der Sammlung präsentiert werden sollen. Die 1960er-Jahre waren ein Jahrzehnt der Revolte: Künstlerinnen und Künstler politisierten sich und setzten mit ihren Werken provokative Statements. Jenseits von Leinwand und Ölfarbe erschlossen sich Malerinnen wie Bildhauer neue Materialien. Mit Objekten, basierend auf Licht und Bewegung, machte die Gruppe der ZERO-Künstler wie Günther Uecker, Otto Piene und Heinz Mack international Furore. Neue Kunstgattungen wie Installationskunst und Land Art entstanden. Die Pop Art eignete sich die Alltagskultur an, machte aus dem Trivialen Kunst. Die Fotografie wurde sozusagen „salonfähig“. Künstler besetzten den 20 12

öffentlichen Raum außerhalb der Museen und Galerien in Projekten der Gruppe B1 und den ersten Straßenkunstfestivals (in Monschau und Hannover). Performances mit Publikumsbeteiligung verunsicherten den Museumsbesucher, der gewohnt war, Kunst aus sicherer Distanz zu genießen. Die Museen waren in dieser Zeit an der kritischen Auswahl von Werken, die einen Beitrag zum Zeitgeschehen leisten konnten, beteiligt. Gerade das Von der Heydt-Museum war ein Zentrum für alles Neue. Kein Wunder also, dass das Wuppertaler Museum nun eine neue Ausstellungsreihe mit einem Fokus auf die 1960er- und 1970er-Jahre eröffnet. Anika Bruns und Beate Eickhoff kuratieren die neue Ausstellung. In der Reihe Fokus Von der Heydt werden künftig immer neue Aspekte der Sammlung präsentiert.


Gerhard Richter, Scheich mit Frau, 1966, Von der Heydt-Museum Wuppertal, © Gerhard Richter

Die Protagonistinnen und Protagonisten der Kunstszene der 1960er- und 1970er-Jahre waren lokale, aber auch internationale Kunstschaffende, die noch ohne den Nimbus des „abgesicherten Wertes“ dem Publikum vorgestellt wurden. Erst ab Ende der 1960er-Jahre machte der sich formierende Kunstmarkt Namen wie Gerhard Richter, George Segal, Robert Indiana und Konrad Klapheck, die alle seit den 1960er-Jahren als frühe Ankäufe in der Wuppertaler Museumssammlung vertreten sind, weltbekannt. Wuppertal war zu dieser Zeit bereits mit der Galerie Parnass (1949-1965) und zahlreichen Sammlerinnen und Sammlern, die von Galeristen wie Rudolf Zwirner und Alfred Schmela umworben wurden, ein Zentrum neuer Kunst. So gelang es dem Von der Heydt-Museum, aus heutiger Sicht ganz besondere Schätze zu erwerben, etwa von Nicolas Schöffer, Jesús Rafael Soto und vielen anderen. „Die Ausstellung ,ZERO, Pop und Minimal‘ will spannende Aspekte einer Epoche beleuchten, die in den zurückliegenden Jahrzehnten im Von der Heydt-Museum nur in kleinen Ausschnitten gezeigt wurde, die aber bis heute einen großen Einfluss auf das aktuelle Kunstgeschehen hat“, sagt

Beate Eickhoff. ZERO, Pop Art, Minimal- und Konzeptkunst hätten nichts an ihrer Faszination verloren, meint die Kuratorin, denn sie gehen über das Visuelle hinaus, da sie das Publikum einbeziehen, die Raumwahrnehmung sensibilisieren, spielerisch oder subversiv die Distanz zum Werk verringern. „So regen sie zur Kommunikation an.“ Der Italiener Lucio Fontana inspirierte viele der Künstlerinnen und Künstler mit seinen Raumkonzepten und deren gesteigerter Empfänglichkeit für Licht. Er perforierte Oberflächen und öffnete sie damit für den realen Raum. Adolf Luther erzeugte mit Spiegeln und Ludwig Wilding mit überlagerten Linienstrukturen optische Täuschungen. Der Venezolaner Jesús Rafael Soto forderte das Sehen und die Wahrnehmung mit seinen „Vibrationsbildern“ – Objekte aus dünnen Pendelstäben – heraus. „Ihre Werke fordern zur Bewegung im Raum auf“, sagt Anika Bruns, die beim Von der Heydt-Museum auch für Skulpturen im öffentlichen Raum zuständig ist. Gerhard von Graevenitz und Jean Tinguely bauten Maschinen in ihre Reliefs ein. Ausstellungshighlights sind für die Kuratorin die Lichtkunstwerke von Nicolas Schöffer und Julio Le Parc. Mit 21 13


Nicolas Schöffer, Lux 9, 1959, Von der Heydt-Museum Wuppertal, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

„Lux 9“ ist Ende der 1960er-Jahre ein charakteristisches Werk von Nicolas Schöffer in die Museumssammlung gelangt. Raum, Licht und Zeit bilden eine Harmonie, die die Betrachtenden zu einem Teil des Kunstwerks werden lässt. Le Parc interessierten von Beginn an optische Effekte. Die Konstruktion, durch die das Lichtspiel entsteht, bleibt häufig verborgen und ist nicht auf den ersten Blick verständlich. Mit ihren provokativen, oft witzigen Ideen richteten sich die international agierenden Fluxus-Künstlerinnen und -Künstler gegen die Wertvorstellungen der Wohlstandsgesellschaft. Sie stellten Musik, Theater und Kunst infrage. Joe Jones hat sein Klavier präpariert: Einige Tasten sind mit pianofremden Geräuschen belegt, der größte Teil der Tastatur aber ist stumm. Dick Higgins durchlöcherte Musikpartituren. Wolf Vostell, vormals Student der Wuppertaler Werkkunstschule, verbreitete die Fluxus-Ideen im Rheinland. So realisierte er mithilfe von Rolf Jährling, der seit 22 14

1949 die legendäre „Galerie Parnass“ in Wuppertal betrieb, 1963 sein Happening „9-Nein-Décollagen“: eine vierstündige Busfahrt zu neun Orten in Wuppertal, wo er die Teilnehmenden aufsehenerregenden, teilweise zerstörerischen Situationen aussetzte. Die spektakulären Events von ZERO, Land Art, Konzeptkunst und Fluxus zogen damals alle Aufmerksamkeit auf sich. Aber auch in der Malerei kamen neue Ideen auf. Begriffe wie radikale, analytische, fundamentale, elementare oder essentielle Malerei bezeichneten das reflektierte Arbeiten einer Reihe von Kunstschaffenden, die bewiesen, dass die Malerei eben nicht, wie so oft verkündet, tot war. „Radikal bedeutete in diesem Zusammenhang auch, dass die Malerei auf ihre Wurzeln zurückgeführt wurde, das heißt auf ihre Mittel und Methoden“, erläutert Beate Eickhoff: Die Beschaffenheit der Leinwand und der Pigmente, der Farbauftrag oder der Arbeitsprozess rückten in den Fokus der Betrachtung. „Die Farbe betrachteten die Maler


Günter Fruhtrunk, 5 Grün, 1968/69, Von der Heydt-Museum Wuppertal, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

und Malerinnen nicht als Mittel zum Ausdruck, sondern als eine Energie, die über die Rahmenbegrenzung der Leinwand hinausgeht.“ Als Beispiel dafür nennt sie etwa die Grüntöne des Bildes von Günther Fruhtrunk. Rupprecht Geiger erfasste in Farbraumbildern die Atmosphäre von Räumen, die in seiner Erinnerung existierten, ähnlich wie der Amerikaner Leon Polk Smith. Zahlreiche Bildhauerinnen und Bildhauer setzten sich mithilfe von „neuem“ Material mit der Konstruktion von Raumkörpern auseinander – meist geometrische Formen und Volumina, die die Gegebenheiten des tatsächlichen Raums einbeziehen und ihn durchdringen. Die Entdeckung des vergänglichen und scheinbar wertlosen Materials Karton geht auf Erwin Heerich zurück. Die Kartonplastiken gehören wie die von ihm entworfenen Gebäude – „Architekturen in vollendeter Harmonie“ – des Gesamtkunstwerks „Museum Insel Hombroich“ zu Heerichs Markenzeichen. Gerlinde Beck spielte in ihrer „Doppelstele“ mit den Grenzen des Gleichgewichts. „Auch sie stellte 1964 in der Wuppertaler Galerie ,Parnass‘ aus“, sagt Anika Bruns. In den Rohrbildern von Rune Mields werden Perspektive, Dynamik und geometrische Grundformen miteinander verbunden. Bruns: „Sie war Teilnehmerin und Mitorganisatorin beim ersten Straßenkunstprojekt in Monschau 1970 – dem ersten umfangreichen Ausstellungsprojekt von Kunst im öffentlichen Raum.“

Gerlinde Beck, Doppelstele Nr. II, 1964, Von der Heydt-Museum Wuppertal, © Gerlinde-Beck-Stiftung, Schloss Dätzingen, Grafenau

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Robert Indiana, Four, 1964, Von der Heydt-Museum Wuppertal,

Konrad Klapheck, Die Sexbombe und ihr Begleiter, 1963, Von der Heydt-Museum

© VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Wuppertal, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Unter dem Motto „Kunst für alle“ begannen Kunstschaffende, Ausstellungsmachende und Kommunalpolitiker vieler Städte, Kunst auf die Straße direkt zu den Menschen zu holen. 1970/71 zeigte das Von der Heydt-Museum eine Ausstellung mit großformatigen Röhrenskulpturen von Friedrich Gräsel in den Anlagen am Opernhaus (heute Engelsgarten).

Gerade in den 1960er-Jahren war die Kunstszene erstaunlich heterogen und divers. „Mit ,ZERO, Pop und Minimal: Die 1960er und 1970er Jahre‘ wollen wir deutlich machen, wie reich und komplex die Sammlung des Von der HeydtMuseums ist, jenseits der vielfach gezeigten, zu Recht berühmten Exponate insbesondere der Klassischen Moderne“, sagt Eickhoff. Beide Kuratorinnen freuen sich darauf, mit der Schau zu einer Begegnung mit hochrangigen Werken international renommierter Künstlerinnen und Künstler einzuladen und es gleichzeitig zu ermöglichen, zahlreiche weniger bekannte Positionen wiederzuentdecken, deren Neubewertung lohnt.

Zum Thema der Kunst wurde in den 1960er- und 1970erJahren immer wieder das Problem der Relation von Bild und Wirklichkeit. Ob Bilder sicher und wahrhaftig etwas über die Wirklichkeit aussagen können, stellte Gerhard Richter infrage, wenn er nach Fotovorlagen aus Zeitungen und Illustrierten malte und dabei das Bild durch Verwischungen der Gewissheit entzog. Ähnlich entstand Wolf Vostells „Kennedy vor Corham“ nach einem Pressefoto von der Ermordung des amerikanischen Präsidenten. Durch stellenweise Übermalungen löschte er die für das Ereignis wichtigen Details aus. Eine gegenstandsbetonte Malweise pflegten auch Maler wie Konrad Klapheck und Domenico Gnoli, die auf diese Weise humorvoll die Magie banaler Dinge beschworen. Ähnlich verwandelte Robert Indiana das simple Bild einer Zahl nach allen Regeln der Kunst in ein Gemälde. 16 24

Fokus Von der Heydt:

ZERO, Pop und Minimal – Die 1960er und 1970er Jahre 10. April 2022 bis 16. Juli 2023

Von der Heydt-Museum Turmhof 8, 42103 Wuppertal www.von-der-heydt-museum.de


Metamorphosen des Körpers Jankel Adler im Von der Heydt-Museum

Die Ausstellung rückt erstmals überhaupt in Deutschland Jankel Adlers (1895 (Polen) – 1949 (England)) grafisches Werk ins Zentrum und setzt es in Beziehung zu Arbeiten aus der Sammlung des Von der HeydtMuseums. Sie wirft gezielt den Blick auf die Frage des Menschenbildes in der Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und stellt Adlers Werken ausgewählte Arbeiten seiner Zeitgenossen wie Pablo Picasso, Paul Klee, Willi Baumeister und Hans Arp gegenüber.

Dem Von der Heydt-Museum Wuppertal war es 2020 gelungen, ein umfangreiches Werkkonvolut von Jankel Adler zu erwerben. Die 548 Grafiken und vier Gemälde konnten mithilfe der Von der Heydt-Stiftung, des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, der Kulturstiftung der Länder sowie mit einer Spende angekauft werden. Das Konvolut stammt überwiegend aus dem Nachlass des polnisch-jüdischen Künstlers und wurde im Rahmen eines zweijährigen Forschungsvolontariats, ermöglicht durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, wissenschaftlich bearbeitet und für weitere Forschungen zugänglich gemacht. Die Darstellung des Menschen war zentral für Jankel Adler: Oft präsentierte er seine melancholisch wirkenden Figuren frontal, den Betrachter direkt anblickend. Bewusst ließ er den Menschen ohne einen narrativen Kontext. Dabei war der Künstler immer auf der Suche nach neuen Formen und verwandelte die ursprüngliche Menschenfigur in deformierte oder dekonstruierte Gestalten. Diese Metamorphosen des Körpers sind unter anderem vor dem Hintergrund der Weltkriege und politischen Unruhen des 20. Jahrhunderts zu betrachten – in einer Zeit, in der die menschliche Existenz als äußerst fragil und beschädigt wahrgenommen wurde. Die Erwerbung des Adler-Konvoluts ist für das Von der Heydt-Museum von besonderer Bedeutung. Sie etabliert in der Sammlung einen neuen Schwerpunkt und verstärkt die Kompetenzen des Hauses bei der Dokumentation der Künstlervereinigung „Junges Rheinland“. Das Von der Heydt-Museum verfügt bereits über einen wertvollen Bestand zu Jankel Adler. Schon 2018 würdigte eine umfassende Retrospektive Adlers Schaffen und stellte sein Œuvre in den Kontext seiner Künstlerfreunde, Weggefährten und Vorbilder. Jankel Adler

Metamorphosen des Körpers 8. Mai bis 28. August 2022

Jankel Adler, Stehende mit Obstschale, um 1943,

Von der Heydt-Museum Turmhof 8, 42103 Wuppertal www.von-der-heydt-museum.de

Von der Heydt-Museum Wuppertal

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26 Projektionen auf das Schauspielhaus in Kooperation mit Fridays for Future , Foto: Bastian Hessler


On the House

Festival „under construction underdogs and role models“ Drei Wochen vor dem Starttermin am 10. Dezember 2021, kurz vor dem Höhepunkt der sogenannten „zweiten Welle“, kam die Notbremsung für das Festival „under construction underdogs and role models 2021“ des Tanztheater Wuppertal Pina Bausch. Am 6., 7. und 8. Mai 2022 findet es jetzt statt.

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Sonia Bel Hadj Brahim, Arnaud Duprat, Pascal Luce, Foto: Patrick_Berger

Das Konzept des jährlichen Festivalformats „under construction“ ist ein Brückenschlag zur Programmarbeit des zukünftigen Pina Bausch Zentrums, dessen Eröffnung nach dem Um- und Neubau des ehemaligen Wuppertaler Schauspielhauses für 2028 geplant ist. Aktuell wird der Architekturwettbewerb vorbereitet,

und Bettina Milz hat im März die künstlerische Leitung der Vorlaufphase übernommen. Die aktuelle Ausgabe des Festivals wird mit dem Programm vom Dezember geplant, von Bettina Wagner-Bergelt, Intendantin des Tanztheaters und Stefan Dreher, Dramaturg und Kurator, geleitet.

Ein Programmpunkt ließ sich im Dezember unmöglich verschieben: die gemeinsame Aktion mit Fridays for Future Wuppertal. Der Klimawandel macht schließlich auch keine Pause. Für die Zusammenarbeit von Kunstschaffenden, Kuratoren und Aktivistinnen standen im Dezember sämtliche Fassaden des zukünftigen Pina Bausch Zentrums als Projektionsflächen zur Verfügung. So, wie sie im Mai auch wieder bereitstehen werden. Ein Open-Space-Format, das der bildende Künstler Knut Klaßen entworfen hat, ließ 28

Worten und Gedanken der Beteiligten freien Lauf, die sich zu Slogans und Nachrichten verdichteten und drei Nächte lang auf dem zukünftigen Pina Bausch Zentrum in riesiger Schrift zu lesen waren, siehe Foto. Auch wenn es sich um eine (fast) geheime Aktion gehandelt hat - schließlich durften keine Menschenansammlungen provoziert werden -, haben die Bilder im Netz bei der Klimabewegung und allen daran Interessierten deutschlandweit ein breites Echo ausgelöst, das zur Nachahmung aufruft. Die Schriften, die vom gegenüberliegenden IBIS-Hotel auf das Schauspielhaus projiziert wurden, zeichnete und digitalisierte in akribischer Arbeit Knut Klaßen und layoutete seine Mitarbeiterin Karolin Wallowy. Bild und Text bekamen als Projektionen in architektonischer Größe, zwischen den Häusern und der Schwebebahn, eine poetische Tiefe und einen körperlichen Bezug. Das 40m hohe Bühnenhaus des Pina Bausch Zentrums bei nächster Gelegenheit einmal zu umschwimmen ist ein inzwischen naheliegender Gedanke. Der Retro-Touch der Fonds verweist auf die 60erJahre und damit auf den Baustart des Wuppertaler Schauspielhauses.


Die Wirkung der gestalteten spektakulären Aufrufe zum Klimaschutz war im Dezember schon überwältigend und bestätigte diese geradezu utopisch anmutende Zusammenarbeit. In kleinen wechselnden Gruppen erarbeiteten die Teilnehmenden Slogans und positive Formeln. Aber die Welt steht nicht still, und nun gibt es am 6., 7. und 8. Mai auch für die Besucherinnen und Besucher des Festivals die Gelegenheit, 48 Stunden lang non-stop über das Klima zu diskutieren, persönliche Erfahrungen, Meinungen auszutauschen und neue Slogans zu entwickeln. All diese Gedanken und Forderungen können in die Nacht projiziert werden und sind dann auf dem Schauspielhaus zu lesen.

Denn die Wirklichkeit holt uns ein, und es gibt immer neue Wendungen und Bezüge. Der Wald in Osterholz ist inzwischen abgeholzt, und Putins Krieg hat – neben Tod und Verderben - Nordstream 2 ein Ende beschert, was den Umwelt-Protesten über Jahre nicht gelungen ist. Es gibt viel Redebedarf. Sina Bublis von Fridays for Future erzählt im Februar bei einer Nachbesprechung von Menschen, die sich entschieden haben, bei 4 Grad in strömendem Regen in einem Baumhaus zu sitzen. „Drei Tage lang da nicht runter zu können, weil sie eben für die Sache stehen und brennen. Da geht es gar nicht mehr so sehr um Osterholz, sondern ums Prinzip. So einen neuen Input aus vielen Richtungen zu haben, hat auch bei uns zu ganz anderen Standpunkten geführt als eben noch vor einem halben Jahr, wo wir in den Startlöchern zu dem Projekt mit dem Tanztheater waren.“ Klimaschutz ist ein existentielles Anliegen, kein wohlfeiles Hobby. Die Forschungsdaten, die mit dem Klimabericht des Weltklimarats der Vereinten Nationen im August 2021, vier Monate vor dem geplanten Festivalbeginn, veröffentlicht wurden, beweisen, dass sich die Welt wesentlich schneller als erwartet auf eine Unumkehrbarkeit des menschengemachten Klimawandels zubewegt. Nach dieser Einschätzung wird die Erderwärmung den Planeten voraussichtlich noch in diesem Jahrhundert zu großen Teilen unbewohnbar machen, wenn nicht sofort radikalste Maßnahmen ergriffen werden. Vor diesem Hintergrund hat sich das Veranstaltungskonzept und die Vision Under Construction Wir bauen zusammen ein Haus der Frage gestellt, von welcher Zukunft wir sprechen, wenn die Ergebnisse des Klimaberichts jede Zukunft eindeutig in Zweifel ziehen? Es ist klar, dass Klimaschutz weder lebens- noch kulturfeindlich ist, sondern Kunst überhaupt erst wieder möglich macht, und das ist

wirklich ein Grund zum Feiern! In diesem Sinne setzt eine permanente Installation den Grundton des Festivals und schlägt, ähnlich einem kosmischen Hintergrundrauschen, eine Brücke zu einer anderen KunstRaumZeit. Individuell erlebbar verteilen sich die Kunst-Interventionen über das ganze Haus: In der neuen Kreation von Fabien Prioville mit Tänzerinnen und Tänzern seiner Company und des Tanztheaters erleben Zuschauende eine Parallelwelt. Ein Tauchgang, in dem sich Kopf und Körper trennen, um sich in zwei Welten gleichzeitig wiederzufinden. In Underdogs, der Arbeit von Anne Nguyen, widmet sich eine Trio-Formation, eine Frau, zwei Männer, denjenigen, von denen erwartet wird, dass sie verlieren, die niemals eine sichere Wette sind. Das Stück von Anne Nguyen ist für den urbanen Raum konzipiert und passt sich damit den aktuellen Gegebenheiten des Schauspielhauses an, ebenso wie das Non-Stop Konzept des Festivals mit Rainer Behr, Richard Siegal, Zuzana Zahradnikova, Justyna Niznik, Martina La Ragione, Pau Aran Gimeno, Oona Doherty, Anne Nguyen, Nora Chipaumire u.v.a.m. Neu dazu kommt ein Gemeinschaftsprojekt von Jorge Puerta Armenta, Anna Wehsarg, Milton Camilo, Horst Wegener und Thomas Daemgen mit einer sehr bewegenden Arbeit junger Flüchtlinge des Berufskollegs Kohlstraße. Die Nacht läuft durch und wird vom LOCH im Rausch, Dach der Stadt, Oma Lilli, der Börse und einer Gruppe von Jam Skatern geprägt. Dr. Uta Atzpodien organisiert früh morgens zwei Klima-Frühstücksformate. Ein besonderes Highlight ist die Aktion: Wanderbäume fürs Talbuddeln. Obstbäume für die Essbare Stadt der Interessengemeinschaft Wuppertals urbane Gärten. Durch die Veränderung des Klimas gewinnt das Grün zunehmend an Bedeutung. Auch wenn Wuppertal als eine der grünsten und waldreichsten Großstädte in Deutschland gilt – neue (Obst-)Bäume in den Straßen, auf den Plätzen, in Hinter- und Schulhöfen, am Fußballplatz oder wo auch immer, das ist das Ziel von Talbuddeln. Zusammen mit Urban Gardening Wuppertal rührt under construction die Werbetrommel für mehr Bäume in der Stadt. Das Tanztheater selbst hat 15 Bäume gekauft – kaufen Sie auch welche! Dazu suchen wir im Rahmen des Festivals Organisationen, Vereine oder Firmen, die sich als Patinnen und Paten eines „Wanderbaumes“ oder eines Stadtbaums zur Verfügung stellen. Infos: under-construction-wuppertal.de Stefan Dreher Dramaturg Tanztheater Wuppertal Pina Bausch 29


Austausch und Teilhabe Interview mit Birte Fritsch und Matthias Rürup

Mit Matthias Rürup und Birte Frisch hat das Literaturhaus Wuppertal eine neue Leitung: Wohin die Reise in eine neue Literaturzeit gehen soll, darüber sprach Heiner Bontrup mit den beiden Vorsitzenden des Literaturvereins. die beste Zeit: Bevor wir zu den Perspektiven des Literaturhauses kommen: Wie sind Sie beide zur Literatur gekommen, was treibt Sie an, sich ehrenamtlich für die Literatur in Wuppertal zu engagieren? Birte Fritsch: Die Liebe zur Literatur begann für mich schon während der Schulzeit. Interessanterweise nicht nur im Deutschunterricht, sondern insbesondere über den Französischunterricht. Da eröffnete sich mir der Zugang zu einer neuen Kultur. Literatur lädt zu Perspektivwechseln an und weitet den Horizont ungemein. Diese Erfahrung intensivierte sich dann im Studium. Da begegnete ich dann neben der französischen auch der spanischsprachigen Literatur. Das war faszinierend, und ich hoffe, dass wir im Literaturhaus den Blick für die nicht-deutschsprachige Literatur offen halten können. Matthias Rürup: Literatur, das möchte ich vorausschicken, ist für mich eine eigene, kreative Tätigkeit. Ich komme vom Geschichten erzählen und selber schreiben. Das geht weit zurück bis in Vorschulzeit. Als stark stotterndes Kind wurde ich von der behandelten Ärztin zum Sprechen angehalten, indem mir Bilderkarten vorgelegt wurden. Später entdeckte ich, dass ich beim Schreiben und gerade auch Vortragen von Gedichten, meine Atemfluss immer besser kontrollieren konnte. Insofern ist meine Liebe zur Literatur vor allem eine zur geformten, nuanciert fließenden Sprache. Das zeichnet sicherlich auch die Autorinnen und Autoren aus, die ich über die Jahre für mich entdeckt und lieben gelernt habe. Und das ist sicher auch eine Erfahrung, die ich gerne weitergeben möchte. Das Literaturhaus feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen. Gegründet wurde es von der Kulturjournalistin, Filmemacherin und Publizistin Anne Linsel. Sie treten 30

mithin ein bedeutendes Erbe an. Was haben Sie an ihrer Vorgängerin besonders geschätzt, welche Traditionslinien möchten Sie unbedingt fortsetzen? Birte Fritsch: Anne Linsel hat bei den Anmoderationen sehr präzise, konzis formuliert. Wenige Worte genügten, schon standen Autor, Buch und Thema dem Publikum sehr genau vor Augen. Wie bei einer Portraitzeichnerin entstand mit wenigen Strichen ein genaues Bild. Anne Linsel hat sich zurückgenommen, nicht sie sollte strahlen, sondern die Autorinnen und Autoren. Und die Literatur. Das war vorbildlich. Mathias Rürup: Das habe ich genauso erlebt: eine besondere Fähigkeit zu konzentrierter Genauigkeit und Einfühlung. Und durchaus neidvoll blicke ich zurück auf die vielfältigen, guten und langjährigen Kontakte zu Autorinnen und Autoren aus ganz Deutschland und darüber hinaus, die Anne in das Programm des Literaturhauses einbringen konnte. Da ist eine beachtliche Liste an Namen und Veranstaltungen, die uns in unserer Arbeit auf jeden Fall Vorbild ist und Modell. Das Motto des Literaturhauses ist ja ein Wort der Elberfelder Dichterin Else Lasker-Schüler: Ich streite für mich und alle Dichter, vor allen Dingen für die Dichtung…. Birte Fritsch: Dem wollen wir treu bleiben. Literatur, das ist Freiheit. Freiheit von Weltanschauungen, Instrumentalisierungen, Festlegungen. Literatur, das ist um es in Abwandlung eines Wortes von Peter Kowald zu sagen: a open sky. Matthias Rürup: Dieses Motto gehört sicherlich auch in Zukunft zum Literaturhaus. Unbedingt. Es ist eine ideal zugespitzte Formulierung, für das, wofür wir stehen und arbeiten wollen. Dafür nämlich das Literatur Raum hat und Aufmerksamkeit findet, auch ohne eindeutig nützlich oder massentauglich zu sein. Literatur braucht in diesem Sinne besonderen Einsatz, Engagement und Kampf um Zeit, Anerkennung oder auch Geld. Das alles hat uns Else Lasker-Schüler sehr prägnant ins Stammbuch geschrieben. Die beste zeit: Sicherlich haben Sie sich, nachdem Sie den Vorsitz des Literaturhauses übernommen haben, zusammengesetzt und darüber nachgedacht, welche Perspektiven Sie für das Literaturhaus eröffnen wollen…


Heiner Bontrup, Mathias Rürup und Birte Fritsch, Fotos: Anna Schwartz

Birte Fritsch: Nun, wir haben uns auch zuvor schon zusammengesetzt und verständigt, wir wie uns unsere gemeinsame Arbeit für das Literaturhaus vorstellen können und sie anlegen wollen. Das erste größere Resultat konnte man schon am Tag nach unserer Wahl sehen und erleben, nämlich mit dem Flanierfestival „Literatur in der Stadt“ auf dem Laurentiusplatz. So ungefähr wollen wir generell das Literaturhaus gestalten. Nicht nur einladen, sondern auch hinausgehen. Aktiv zu Begegnungen einladen, zu Austausch und Teilhabe. In der „Ära Linsel“ gab es das engagierte Projekt „Schulhausroman“. Da haben etablierte Wuppertaler Autorinnen wie Safeta Obhodjas und Michael Zeller jungen Menschen einen Einblick in die Literaturwerkstatt gegeben und mit ihnen gemeinsam einen Roman geschrieben. Birte Fritsch: Ja, diese Tradition wollen wir wieder aufleben lassen oder auch zu einem eigenen Arbeitsschwerpunkt des Literaturhauses machen. An eine Wiederbelebung dieses oder eines ähnlichen Formates dachten wir auch schon. Matthias Rürup: Es ist wichtig, gerade Schülerinnen und Schüler für Literatur zu begeistern. Oft geht das besser durch ästhetische Praxis als durch einen kognitiv orientierten Deutschunterricht. Ich bin hauptberuflich Erziehungswissenschaftler an der Bergischen Universität. Kinder und Jugendliche darin zu bestärken und zu unterstützen, eine eigene Stimme zu finden und sie – literarisch – zu schulen, ist somit nicht nur ein persönliches Anliegen. Es ist auch eine Chance, Kooperationen zu vertiefen und neu zu gestalten – zwischen Schulen, Autorinnen und Autoren, einer wissenschaftlichen Begleitung und nicht zuletzt Verlagen. Man könnte mit einem gewissen Augenzwinkern und einem Sinn für Bonmots sagen, dass die Literatur in Wuppertal ein Haus hat, nämlich das Literaturhaus. Nun sind die beiden Räume in dem Haspelhaus von der Substanz her attraktiv, könnten aber doch eine Auffrischung gebrauchen…

Birte Fritsch: Auf Dauer, wahrscheinlich, und wohl schon recht bald, werden diese Räumlichkeiten nicht mehr für Literaturhaus zur Verfügung stehen. Die Stadt hat sie schon verkauft, demnächst werden sie umgebaut. Zu unseren vielen Aufgaben gehört also auch, dem Literaturhaus selbst und nicht nur der Literatur neuen Raum zu geben. Oder Räume. Matthias Rürup: Der Verlust der Haspelhäuser bietet ja auch eine Chance, hinauszugehen, sehr zu verbreiten. Mehrere Orte für verschiedene Formate von Veranstaltungen zu haben. Und auch sich zu vernetzen mit anderen Literaturvereinen und -initiativen. Wie wir ja auch schon bei Literatur in der Stadt mit der Stadtbibliothek, dem Katholischen Bildungswerk oder der Bergischen VHS kooperiert haben. Oder dem Netzwerk Literatur Rheinland, mit einer wunderbaren Website, dem das Literaturhaus angehört. Gegründet 1997 hat das Literaturhaus seit 2005 eine feste Adresse und ist im Erdgeschoss des westlichen der beiden Haspelhäuser beheimatet. Dort finden regelmäßig Lesungen, Vorträge, Werkstattgespräche, musikalisch-literarische Soireen statt. Prominente sind darunter und Musiker, literarische Debütanten, arrivierte Autorinnen und Autoren, Regisseure und Intendanten: Andrzej Szczypiorski, Eugen Gomringer, Carola Stern, Helma SandersBrahms, Mechthild Großmann, Hanna Marron, Cornelia Froboess, Ingrid Noll, Michael Zeller, Hermann Schulz, Karl Otto Mühl, Hansgünther Heyme, Fritz Beer, Eugen Egner, Anna Badora, Judith Kuckart, Prof. Dr. Joseph Anton Kruse sowie Lutz Seiler, Jan Wagner, Ursula Krechel (die alle drei den Deutschen Buchpreis bekommen haben). Die erfolgreiche Reihe „kunsthochdrei“, in Zusammenarbeit mit dem Von der Heydt-Museum und der Musikhochschule Köln/ Standort Wuppertal, geht auf die Idee und Initiative des Literaturhauses Wuppertal e.V. ebenso zurück wie die Literarische Teezeit im Skulpturenpark Waldfrieden

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Dimensionen einer Millionenmetropole: Freiheitsplatz in Charkiw, Foto: Wikipedia/Konstantin Brizhnichenko

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Ein weites Land, viel zu schön zum Sterben

„Die Kastanien von Charkiw“ heißt das vor kurzem erschienene Buch des Wuppertaler Autors Michael Zeller. Jetzt wurde es unversehens zu einer Gedenkschrift für eine zerstörte Stadt. Aufmerksamkeit für sein Buch hat sich Michael Zeller zweifellos gewünscht – welcher Autor täte das nicht? Aber doch nicht so. Im Herbst 2021 erschien sein Buch „Die Kastanien von Charkiw“ zunächst in ukrainischer Sprache, dann erst auf Deutsch im Oberhausener Asso-Verlag. Wem war, Hand aufs Herz, vor wenigen Monaten diese mit 1,5 Millionen Einwohnern zweitgrößte Stadt der Ukraine, Technologieund Bildungszentrum des Landes mit mehr als 40 Universitäten und Hochschulen, ein Begriff? Heute kennt sie jeder, der Nachrichten hört, liest, schaut als eines der ersten Ziele von Putins Eroberungskrieg. Kennt die Berichte und Bilder von schrecklicher Zerstörung, von Menschen auf der Flucht, von furchtbarem Leid. Vieles von dem, was Michael Zeller in seinem „Mosaik einer Stadt“ untertitelten Buch beschreibt, gibt es schon nicht mehr. Dieses Wissen grundiert heute jede Lektüre dieses Buches und macht sie geradezu physisch schmerzlich. Denn man erfährt so viel von der Schönheit und Eigenart, vom kulturellen Reichtum der Stadt und des Landes, von seiner Geschichte und von seinen Menschen, dass man am liebsten selber hin gefahren wäre. 2019 hat Michael Zeller einen Monat dort verbracht, als erster internationaler Gast einer vom ukrainischen PEN-Club gegründeten Literaturresidenz. Er hatte sich auf eine Ausschreibung hin beworben und war ausgewählt worden, zu seiner großen Freude. „Ich hatte mir sehr gewünscht, einmal längere Zeit dort verbringen zu können“, erzählt er. Zum ersten Mal war er bereits 1994 in die Ukraine gereist, danach noch mehrmals, hatte schon

Eine Allee in Charkiw in der Abendsonne, Foto: Volker Gläser

beim ersten Aufenthalt im Literaturmuseum von Charkiw eine Lesung gehalten. Etliche seiner Bücher sind ins Ukrainische übersetzt, nicht nur die „Kastanien“. Nun also hatte er Zeit, sich wirklich auf diese Stadt einzulassen. Jeden Tag spaziert er durch Stadtviertel, über die Boulevards, sitzt im Café unter den Kastanien, in einem Park oder auf dem Platz des 23. August, in Sichtweite der gigantischen Statue eines Soldaten der Roten Armee, ein schwarzes Kriegsmonstrum „in Wohnblockgröße“, das den Sieg über die deutsche Wehrmacht am 23. August 1943 feiert. Jetzt ist die ukrainische Flagge um den Gewehrlauf gewickelt – Zeichen dafür, „dass diese Befreiung den Beginn einer nächsten Despotie bedeutete.“ Von der es sich wiederum zu befreien galt – hin zu einer Freiheit, die in unseren Tagen erneut unter Beschuss steht. Unter Beschuss stand sie freilich auch schon 2019 zur Zeit von Zellers Aufenthalt, als Russland bereits die Hand nach der Ostukraine, nach Donbass und Krim ausgestreckt hatte – aber die Kämpfe scheinen im kaum 100 Kilometer entfernten Charkiw noch erstaunlich weit entfernt und zeigen kaum sichtbare Spuren im Alltagsleben. 33


Auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Charkiw, Fotos: Vasyl Iwanow

Zeller beobachtet das Alltagstreiben in der Stadt, hält kleinste Details fest, staunt angesichts der Ausmaße von Straßen und Plätzen immer wieder über den verschwenderischen Umgang mit Raum. Der Eindruck von Weite, Größe, Helligkeit, von einer anderen Dimension der Lebensverhältnisse zieht sich wie ein roter Faden durch seine Aufzeichnungen. Doch auch, wenn Zeller das Sichtbare beschreibt: Seine Aufzeichnungen bleiben nicht am Äußeren hängen. Es ist kein touristischer Blick, mit dem der Autor durch die Stadt geht. Aus Zellers Beschreibungen, auch wenn sie sich auf Äußerlichkeiten beziehen, spricht sein tiefes Erleben, eine innere Bewegung, und in diese Bewegung nimmt er seine Leser mit hinein. Man spürt, dass alle Sinne auf Empfang gestellt sind, dass er sich weit aufmacht für Eindrücke jedweder Art, auch wenn sie zwiespältig sein mögen. Wie zum Beispiel beim Besuch eines Konzertes mit ukrainischer Volksmusik in der Philharmonie, zu dem er geradezu hingedrängt worden war von Ola und Ihor, zwei enthusiasmierten jungen Mitarbeitern des Literaturmuseums. Zeller erlebt eine inbrünstige, Musiker wie Publikum verbindende nationale Begeisterung, die ihn befremdet, und die zu verurteilen er sich hütet. Die ihn vielmehr das eigene Verhältnis zum Geburtsland als Nation reflektieren lässt. Nachdenken lässt über das anti-nationale Ressentiment, das er, in den letzten Monaten des Krieges geboren, als Nachkriegsdeutscher mit sich herumträgt als ein zweites Ich, so selbstverständlich, dass die mit solchem Ressentiment einhergehenden Defizite auf eine für die Seele vielleicht ungesunde Art verdrängt blieben. „Wir schleppen schon zu lange diese Defizite mit uns herum“, sagt er heute. Die Begegnung mit dem Fremden, wenn man sich ihm öffnet, verändert den Blick auf sich selbst – auch davon erzählen diese Geschichten.

Was wird aus den Menschen, die wir in Zellers Erzählungen kennengelernt haben, was wird bleiben von dieser Stadt, die ihm ans Herz gewachsen ist? Vor die Bilder kühner Baukunst, die sich beim Lesen eingestellt haben – „Inku34

nabeln konstruktivistischer Architektur aus den 20er- und 30er-Jahren, die wohl jeden Bildband moderner Baukunst schmücken würden, stünden sie in New York oder Chicago“ – schieben sich die Fernsehbilder von brennenden Wohnblöcken und Trümmerbergen. Auch das Gebäude des Maydan-Verlags, in dem seine Bücher erschienen sind und lagerten, ist inzwischen vollständig zerstört, hat der Autor erfahren. „Das habe ich noch nicht erlebt, dass mich etwas so mitnimmt wie dieser Krieg“, bekennt Zeller im Gespräch, und seine Erschütterung ist ihm in Gesicht und Stimme geschrieben. „Da kommt das eigene Leben hoch.“ Michael Zeller ist 1944 in Breslau, heute Wroclaw/Polen geboren. Seinen Vater hat er nie kennengelernt, er kam im Krieg um und blieb vermisst. Seine Mutter, eine Rheinländerin, floh mit ihm und den beiden älteren Brüdern in den Westen. Die Erkenntnis, nach Jahren des Wartens und Hoffens, dass der Vater nicht wiederkommen würde, sei ein Auslöser für den Freitod seines Bruders Hellmut mit 17 Jahren gewesen, glaubt er. In seinem Buch BruderTod. Ein Kinderleben hat er das zum Thema gemacht (Verlag Brockmeyer 2014). Für den jüngeren Bruder war auch diese Lebenserschütterung noch Auswirkung des Krieges. „Ich weiß, was Krieg ist, auch wenn ich keinen Tag Krieg bewusst erlebt habe“, sagt Zeller. Als Flüchtling in diese Welt hineinzuwachsen, die Vaterlosigkeit, das Gefühl der Heimatlosigkeit haben sein Leben geprägt. „Dergleichen will Ihr Land jetzt wieder über die Welt bringen, wegen eines politischen Spleens Ihres Präsidenten. Können Sie es verantworten, ihm in diesen moralischen Morast zu folgen?“, fragt Zeller in einem flammenden Brief an den russischen Botschafter in Deutschland, den er gleich am ersten Tag des Angriffs der russischen Armee auf die Ukraine abgesandt hat. Nicht, dass er glauben würde, damit etwas zu bewirken. Aber wehren muss man sich gleichwohl. Und als deutscher Schriftsteller ist seine einzige Waffe nun mal das Wort. Zeller hat im Laufe seines Lebens an vielen Orten gewohnt, seit gut zwanzig Jahren nun in Wuppertal. Aber das Gefühl


von Heimat kenne er nicht. Zwar läge darin auch eine gewisse Freiheit, findet er, aber sie sei erkauft. „Ich bin in eine ziemlich fiktive Existenz hineingewachsen“, sagt er, „mein ganzes Leben besteht aus Worten.“ Vielleicht ist gerade deshalb die Suche nach Spuren der eigenen Biografie immer wieder ein Thema in seinem Schreiben – und für seine Reisen. Anders als beim Vater, der im Nirgendwo verschwunden ist, lässt sich der Tod von dessen Bruder Hermann immerhin verorten: 1943 in der Ukraine vor den Toren von Kharkow, wie die Stadt damals noch hieß. Letztlich war dieser ihm unbekannte Onkel Hermann schon der Impuls für Zellers erste Reise in die Ukraine 1994 gewesen. 2019 spürt er dieser Verbindung erneut nach. Besucht den riesigen deutschen Soldatenfriedhof; sucht den Ort Rogun, zehn Kilometer südöstlich der Stadt, wo der Onkel laut offiziellem Dokument 1943 gefallen sein soll. Kein Grab findet er, nur endlose grüne Hügel und eine weite Hochfläche. „Viel zu schön zum Sterben hier, noch dazu im späten Sommer“, ist sein Gedanke.

„Ich war nicht der erste meiner Familie, der sich in dieser Stadt aufhielt. Nein, stolz musste ich darauf wahrhaftig nicht sein. Aber auslöschen konnte und wollte ich das Vergangene ebenfalls nicht“, schreibt Zeller in der Geschichte mit dem doppeldeutigen Titel „Im Schatten des Schwarzen Soldaten“, mit Blick auf das kolossale Kriegerdenkmal auf dem Platz des 23. August. Auch Kriege seien Berührungen zwischen Völkern, wenn auch die unerwünschtesten. Berührungen der intensiven Art, die sich in das Leben der Einzelnen eingraben, und die Spuren ziehen, über mehrere Generationen hinweg. – Für Zeller gehört untrennbar zu seiner mit offenen Sinnen und ebensolchem Herzen unternommenen Annäherung an die Ukraine die andere Seite, die deutsche Seite der Geschichte. Welche die große Geschichte einer erdrückenden Schuld ist, aber auch die von zahllosen Menschen mit ihren individuellen Erlebnissen. Die des Vaters, die von Onkel Hermann lassen sich nicht mehr wiederfinden. Andere können noch erzählt werden. So erklärt sich vielleicht der für den Leser womöglich überraschende Perspektivwechsel in den Aufzeichnungen von „Die Kastanien von Charkiw“. Zeller greift hier zurück auf Berichte von Zeitzeugen, die er nach seiner ersten Reise in die Ukraine in den 1990er-Jahren gesammelt hat, an seinem damaligen Wohnort Nürnberg, wo als Partnerstadt von Charkiw ein gut ausgebautes Netz von bürgerschaftlichen Aktivitäten besteht. Vokabeln wie Schuld, Feindschaft,

Vergeltung kommen in diesen Aufzeichnungen nicht vor. Wohl aber Hunger, harte Arbeit, Heimweh. Und immer wieder die Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit der einfachen Leute gegenüber den einstigen, jetzt gefangen gesetzten Invasoren. Und Dankbarkeit, die nicht verjährt. So setzt sich Zellers Mosaik einer Stadt aus vielen Facetten zusammen, ohne den Anspruch auf ein vollständiges Bild. Aus kleinen Steinchen, die aus früheren Zeiten aufgesammelt sind, und solchen, die noch den Glanz der frischen Beobachtung aufweisen. Dass auch diese – und so schnell – zu etwas werden würden, das Vergangenes bewahrt, hat Zeller beim Schreiben noch nicht ahnen können. Als der Autor unlängst in der Wuppertaler Stadtbibliothek, moderiert und kommentiert vom Vorsitzenden des Literaturhaus e.V. Matthias Rürup und dem Wuppertaler Bundestagsabgeordneten Helge Lindh, aus seinem Buch las, meldete sich zum Abschluss die seit 18 Jahren in Wuppertal lebende Ukrainerin Iryna Shtern vom deutsch-ukrainischen Verein Lerche zu Wort: Sie und die vielen jetzt hier ankommenden Charkiwer wüssten nicht, was von ihrer Heimatstadt überhaupt noch da sei. Und sie wüssten nicht, ob sie irgendwann dahin zurückkehren könnten. Aber ihre Erinnerungen seien jetzt aufgehoben in diesem Buch von Michael Zeller. Ein schöneres, traurigeres Kompliment kann man dem Autor wohl nicht machen. Anne-Kathrin Reif Die Kastanien von Charkiw. Mosaik einer Stadt Asso-Verlag, Oberhausen 2021, 152 Seiten, broschiert, 14 Euro (ISBN 978-3-949461-02-6). Michael Zeller bei der Lesung in der Stadtbibliothek Wuppertal Foto: Birte Fritsch

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Magische Wahlverwandtschaft Else Lasker-Schüler und Nora Gomringer

Nora Gomringer, Foto: Judith Kinitz

Nora Gomringer erhält den Else Lasker-Schüler-Lyrikpreis 2022. Die mit 3 000 Euro vom Literaturbüro NRW finanzierte Auszeichnung wird ihr von der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft am 20. Mai in Wuppertal in einem Festakt übergeben. Einen Tag später schlüpft die frisch gekürte ELS-Preisträgerin im Solinger Zentrum der verfolgten Künste in die Rolle der Elberfelder Dichterin. Selten wohl hat eine Preisträgerin eines Literaturpreises so gut zu der Dichterin gepasst, in deren Namen sie geehrt wird: Nora Gomringer verehrt Else Lasker-Schüler und hat schon zahlreiche Gedichte der Elberfelder Dichterin in ihre Textkonzerten eingewoben. Sowohl für Else Lasker-Schüler als auch für Nora Gomringer gilt, dass für sie Leben und Schreiben untrennbar miteinander verbunden sind. Beiden ist gemeinsam, dass es ihnen ein existenzielles Bedürfnis ist, das Gedichtete auch vorzutragen. Wobei vortragen zu kurz greift: Beide versuchen, im Vorlesen eine magische, archaische Nähe zum Gedicht herzustellen. Text und Performance, manchmal auch Musik, verschmelzen zu einer ästhetischen Einheit. So erscheint die Verleihung des Else Lasker-Schülerpreises an Nora Gomringer fast zwingend. Umso spannender wird es zu erleben sein, wie die Preisträgerin in dem Live-Hörspiel Längst lebe ich vergessen im Gedicht am 21. Mai in die Rolle der Elberfelder Dichterin schlüpft. In der Begründung für die Verleihung des Else-LaskerSchüler-Lyrikpreises heißt es u.a.: „In ihrer Lyrik reflektiert die Autorin ihre eigene Existenzsituation immer wieder neu und überraschend. Nora Gomringers Sprache ist geprägt von verstörenden, sich dem unmittelbaren Verständnis entziehenden chiffrenhaften Sprachbildern, die wie von innen die Verse erleuchten. Mit ihren Gedichten appelliert sie weniger an die Vernunft, dafür mehr an das in den inneren Tiefen ihrer Leserschaft verortete Weltverständnis. Ihre Gedichte evozieren eine verstörend-betörende Magie. Dabei verdichtet Nora Gomringer ihre Gedankenempfindungen häufig in dezidiert kurzen Versen und Sentenzen.“ 36

Mit dem Else Lasker-Schüler-Lyrikpreis wurden bislang Thomas Kling, Friedrike Mayröcker, Safiye Can, afghanische Jugendliche, die ihre Flucht poetisch verarbeitet haben, und die deutsch-amerikanische Dichterin Geertje Suhr ausgezeichnet. In der Urkunde für die aktuelle Preisträgerin wird darauf hingewiesen, dass die Dichterin Gomringer ähnlich wie die Malerpoetin Else Lasker-Schüler „auch als Performerin erfolgreich“ und als Filmemacherin gefragt sei. Else LaskerSchüler selbst nannte sich „Kinoniterin“ und träumte davon, Filme zu drehen. Die thematische Spannbreite – so heißt es im Urkundentext – ihrer Gedichte und kurzen Filme umfasse Krankheit, Glaube, Trauerarbeit, Einsamkeit, Ironie und immer eine hintergründige Verspieltheit, die dem Rezipienten in Mary-Poppins-Manier die bittere Medizin versüße. So sei es wohl auch zu verstehen, „dass Nora Gomringer als eine der heitersten Dichterinnen ihrer Zeit gilt.“ Nora Gomringer belebt das Gedächtnis an andere Dichter mit Programmen zu Mascha Kaléko, Wolfgang Borchert und Dorothy Parker - an Else Lasker-Schüler erinnert sie zusammen mit ihren musikalischen Kollegen Philipp Scholz und Günter ‚Baby‘ Sommer. Heiner Bontrupp

Festakt in der Stadtsparkasse Freitag, 20. Mai 2022, 19 Uhr, Forum der Stadtsparkasse Wuppertal, Islandufer 15, 42103 Wuppertal Begrüßung: Gunther Wölfges Grußwort: Oberbürgermeister Professor Dr. Uwe Schneidewind Gesang: Margaux Kier Vertonungen von Gedichten Else Lasker-Schülers Piano: Jura Wajda und Uli Johannes Hommage an Else Lasker-Schüler Laudatio: Heiner Bontrup Rezitation von Gedichten Nora Gomringers: Luise Kinner Moderation: Hajo Jahn


Katharina Sommer und Bernd Kuschmann, Foto: Willi Barzcat

„Längst lebe ich vergessen im Gedicht“

Live-Hörspiel mit Video-Bühnenbild über Else Lasker-Schüler von Heiner Bontrup

Gemeinsam mit Günter „Baby“ Sommer und Bernd Kuschmann lässt die frisch gekürte ELS-Preisträgerin Nora Gomringer Leben und Lyrik der Dichterin Else Lasker-Schüler lebendig werden. Was für ein Leben! Sie geht noch zur Schule, da wird sie schon als Jüdin von den Mitschülern gemobbt. Ihre beiden Ehen scheitern, Liebesbeziehungen zu anderen Männern halten nicht lang. Sie ist 58 Jahre alt, als ihr einziger Sohn an Tuberkulose stirbt. 1933 wird sie auf offener Straße vom SA-Mob geschlagen. Sie geht

in die Schweiz ins Exil. Dort erhält sie – für die Schreiben wie Atmen ist – Publikationsverbot. Dreimal fährt sie in dieser Zeit nach Jerusalem, von der letzten Reise wird sie nicht zurückkehren. Am 22. Januar 1945 stirbt Else Lasker-Schüler. Nora Gomringer, frisch gekürt mit dem Else-Lasker-Schüler Preis, begann ihre literarische Karriere als Slam-Poetin. Durch ihre große Sprechkunst haucht sie Texten Leben ein und lässt Gedichte strahlen wie Edelsteine. Hier schlüpft sie in die Rolle der jungen Else Lasker-Schüler, die in ihren Gedichten, aber auch Prosatexten Zeiten und Räume zu einem magischen und dunklen Amalgam verdichtet. Dieser Ästhetik folgt auch die Konzeption des Live-Hörspiels, 37


Günter „Baby“ Sommer, Foto: Willi Barzcat

das die Momentaufnahmen aus dem Jerusalemer Exil der Dichterin in einer Art literarischen Fuge mit den Bildern ihrer Kindheit und Jugend in Elberfeld verschränkt. Bernd Kuschmann spricht die „alte Else“, Nora Gomringer die „junge Else“. Die literarische Collage wird von den Klangwelten des Dresdener Duos Günter „Baby“ Sommer und Katharina Sommer begleitet und zu einem Bühnenkunstwerk gestaltet. Günter Baby Sommer ist einer der bedeutendsten Vertreter des zeitgenössischen europäischen Jazz. Als Teil der jungen Wilden startete Sommer seine Jazzer-Karriere in der DDR; Konzertreisen führten ihn erst in das osteuropäische Ausland, später auch in den Westen, wo er Kontakt zu Musikern wie Schlippenbach, Brötzmann, Evan Parker, Peter Kowald oder Leo Smith fand. Für das Textkonzert „Längst lebe ich vergessen im Gedicht“ komponierten Günter Baby Sommer und die Flötistin Katharina Sommer eine ebenso zarte wie variantenreiche Klangwelt. Mit den Spielpraktiken der zeitgenössischen ethnischen Musik und des Jazz vertraut, lassen die Musiker die verschiedenen Flöten in einen Dialog mit dem Schlagwerk treten. Es entstehen archaische, düstere oder lyrische Töne - Klangflächen von expressiver Breite, die das Kaleido38

skop der Erfahrungen, Gefühle und Dichtungen der Else Lasker-Schüler in Töne übersetzen. Wiederholt arbeitet Theater Anderwelten in dieser Produktion mit dem renommierten Wuppertaler Medienkünstler Gregor Eisenmann zusammen. Das Video-Bühnenbild greift auf die Zeichnungen der Dichterin, auf Fotos von Freunden und Wegbegleitern der Schriftstellerin zurück, die zu einem den Text und die Musik selbständig begleitenden Film werden. Ihr Fluss ist wie das Vergehen der Lebenszeit der Dichterin. Jan Dieker

Live-Hörspiel mit Video-Bühnenbild Samstag, 21. Mai 2022, 17 Uhr, Zentrum für Verfolgte Künste, Wuppertaler Straße 160, 42653 Solingen Konzeption und Textcollage: Heiner Bontrup Rezitation: Nora Gomringer, Bernd Kuschmann Perkussion, Schlagwerk: Günter „Baby“ Sommer Flöten: Katharina Sommer Licht- und Videoinstallation: Gregor Eisenmann Die Pariser Komponistin und Sängerin Caroline Tudyka eröffnet die Veranstaltung mit drei Vertonungen von Else Lasker-Schüler Gedichten.


Bernt Hahn, Margaux Kier, Bernd Kuschmann, Julia Wolff (v.l.n.r.) in der Uraufführung von „Der Schwierige Tod“ in Sanary sur Mer, Foto: Anna Schwartz

Der schwierige Tod

Oder: Eine deutsch-französische Dichterfreundschaft in Zeiten des Exils, erzählt von einer polnischen Malerin

Surreal verfremdete, das innere Erleben sichtbar machende Bilder des Ersten Weltkriegs flackern auf. Dazu erklingt Musik, direkt aus der Hölle; eine Komposition des Wuppertaler Vibrafonisten Mathias Haus. Dann friert das Bild ein. Ein Kirchturm liegt auf einem Haufen Schutt. Die Kirchturmuhr steht still, die Zeit steht still, für einen Moment. Gespenstische Stille. Julia Wolff tritt auf; sie spricht das dadaistische Lautgedicht Die Karawane von Hugo Ball. So als ob sie erst noch sprechen lernen müsste - nach dem Unfassbaren, das der Krieg an Leid und Tod gebracht hat.

So beginnt das Stück „Der Schwierige Tod“. Im Mittelpunkt steht die tiefe, aber auch tragische Freundschaft zwischen dem deutschen Schriftsteller Klaus Mann und dem surrealistischen Dichter René Crevel. Beide Schriftsteller waren homosexuell. Beide waren auf ihre je eigenwillige Art und Weise Exponenten einer verlorenen Generation. Sowohl René Crevel als auch Klaus Mann wählten den Freitod, der für sie auch eine Revolte war gegen den Zivilisationsbruch, der mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten einherging. In dem Live-Hörspiel werden das Leben und die Freundschaft der beiden Schriftsteller lebendig. Zugleich nimmt das Stück die Zuschauer mit auf eine Zeitreise in die sogenannten goldenen 1920er-Jahre: ein hedonistisch-surrealer Totentanz zu Chansons von Charles Trenet und Josephine Baker sowie den traumhaft-ent39


Roman Babik und Wolfgang Schmidtke, Foto: Manfred Brusten

rückten Selbstmordvisionen Crevels am Abgrund des zeitgeschichtlichen Vulkans. Sie wirken wie ein Vorspiel zu dem, was nach 1933 folgen sollte. Die abstrahierenden und gerade deswegen berührenden Bildimprovisationen des Videokünstlers Gregor Eisenmann schaffen dazu einen Text und Musik selbständig begleitenden Film und expressiven Resonanzraum. Die schwierige Freundschaft zwischen Klaus Mann und René Crevel wird aus der Perspektive einer polnischen Malerin erzählt, die 1920 nach Paris auswandert und sich dort der surrealistischen Bewegung anschließt. So kann sie als „Geist der Erzählung“ authentisch berichten. Ihre fiktive Biografie greift Elemente aus dem Leben der polnischen Malerin und Dichterin Erna Rosenstein auf, die 91 Jahre alt wurde und eine Zeitzeugin des 20. Jahrhunderts war. Dieser Kunstgriff ermöglicht es, den Surrealismus transnational als Reaktion auf die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, den Ersten Weltkrieg, zu zeigen. Uraufgeführt wurde das Stück in Sanary-sur-Mer, einem Hotspot der deutschsprachigen Exilliteratur nach 1933, im Rahmen des XXIII. Else Lasker-Schülerforums. Dank der Förderung durch die Staatskanzlei Düsseldorf im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Weimarer Dreieck“ sowie der Unterstützung durch die Stadtsparkasse Wuppertal und den Caritasverband Wuppertal/Solingen kann dieses 40

Stück nun wieder aufgenommen und dem Wuppertaler und Solinger Publikum zugänglich gemacht werden. Die Veranstaltungsreihe Weimarer Dreieck fördert den Kulturaustausch zwischen den Ländern im Herzen Europas: Frankreich, Polen und Deutschland. Die Schicksalsgemeinschaft dieser drei Länder spiegelt auch das Live-Hörspiel. Jan Dieker


Margaux Kier vor dem Hintergrund der Videoinstallation von Gregor Eisenmann, Foto: Anna Schwartz

Live-Hörspiel mit Videobühnen-Bild Mittwoch, 25. Mai 2022, 19 Uhr, City-Kirche Elberfeld, Kirchplatz 2, 42103 Wuppertal Konzeption und Textcollage: Heiner Bontrup Sprecher: Bernd Kuschmann, Bernt Hahn, Julia Wolff, Margaux Kier Musik: Wolfgang Schmidtke Saxofon, Roman Babik Piano,

Mathias Haus Schlagwerk, Perkussion, Margaux Kier Gesang, Theremin, Julia Wolff Gesang Video-Livebühne: Gregor Eisenmann Eine Produktion des Theaters Anderwelten (theater-anderwelten.de) im Auftrag der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft. Gefördert durch Staatskanzlei Düsseldorf, Else Lasker-Schüler-Gesellschaft, Stadtsparkasse Wuppertal und den Caritasverband Wuppertal-Solingen 41


Untiefen und Überraschungen

Lutz-Werner Hesses Quintett für Horn, zwei Violinen, Viola und Violoncello op. 84 (2019)

Es war ein fulminantes Gedenkkonzert für den Musikmäzen Detlev Muthmann, der im Dezember 2020 verstorben war. Unvergessen die Kammermusikreihe „Saitenspiel“ mit 150 Konzerten, die Muthmann ins Leben rief und finanzierte – ein Kulturgeschenk an die Wuppertaler Bürger. Die Hornsolistin Prof. S. Mahni, der Pianist R. M. Klaas und das Schumann-Streichquartett konzertierten am Sonntag, dem 27. Februar, im Mendelssohnsaal der Historischen Stadthalle Wuppertal auf Weltniveau (das sagt man nicht leicht dahin)! Es wurden neben dem Kaiserquartett von Haydn und dem Amerikanischen Quartett von Dvorak, die beide sehr bekannt sind, zwei Uraufführungen geboten: von Stefan Heucke Fünf Fantasiestücke für Horn und Klavier Des Baches Wiegenlieder sowie von LutzWerner Hesse ein Quintett für Horn, zwei Violinen, Viola und Violoncello. Die „Fünf Stücke für Horn und Klavier“ von Heucke wurden von beiden Künstlern aufs Feinste und brillant vorgetragen. Den Stücken (ohne Gesang) liegen die fünf Strophen des gleichnamigen Gedichtes von Wilhelm Müller als programmatische Bilder zugrunde, die Franz Schubert als letzte in seinem Zyklus „Die schöne Müllerin“ einstmals vertont hatte. Beim Rückgriff auf solchen Text stellt sich die Frage, was dieser uns Heutigen noch sagen kann. Die Korrespondenz zwischen Text und Musik ist wenig erhellend, wie auch die in der Moderation angesagten Anklänge an Schubert nicht wirklich zu erkennen waren. Beides tut jedoch der Komposition selbst keinen Abbruch. Mit seinem Hornquintett legt andererseits der weit über Wup42

pertals Grenzen hinaus bekannte Komponist Lutz-Werner Hesse ein wahrlich originelles Werk vor. Dieses Werk entstand im Auftrag des verstorbenen Musikmäzens Detlev Muthmann. Das gut 17-minütige Werk wartet auf mit einer selten anzutreffenden Besetzung von Horn und Streichquartett. Das bekannteste dieser Art dürfte das Hornquintett KV 407 von Wolfgang Amadeus Mozart sein, dies allerdings mit einer Violine, zwei Violen und Violoncello. In beiden Kompositionen, so verschieden sie sind, geht es nicht um Virtuosität, sondern zwischen den Instrumenten stehen motivische Dialoge im Vordergrund. Wenn das Horn im Mozart-Quintett deutlich konzertanter Widerpart zu den Streichern ist, so sind es stattdessen Instrumente bei Hesse, die gleichberechtigt musizieren. Die Werke beider Komponisten haben einen durchaus „unterhaltsamen“ Charakter; indes im Quintett von Lutz-Werner Hesse zeigen sich einige „Untiefen und Überraschungen“, die im Folgenden aufgezeigt werden. Schauen wir uns das Hornquintett genauer an, vielleicht auch ein wenig hinter die Kulissen der Komposition.

Prolog Der vom Horn in freier Improvisation und ohne festes Metrum ruhig vorgetragene Prolog stellt eine Reihe von Motiven vor, die merkwürdigerweise im weiteren Verlauf Abb.1, Eingangssolo, Hornmotive (klingen eine Quinte tiefer)


Die Hornsolistin Prof. S. Mahni und das Schumann-Streichquartett, Foto: Karl-Heinz Krauskopf

kaum wieder aufgegriffen und verarbeitet werden, sondern erst ganz am Ende. Das Eingangssolo wirkt wie der Beginn eines klassischen Hornkonzertes (Abb. 1). Ist das erste Motiv m1 ein klassischer Hornruf (c-g), wird dieser im zweiten Motiv aufgegriffen, erweitert und beantwortet. Dieses zweite Motiv erinnert an das „Motiv des Übergangs“, das in Hesses „Sinfonischem Gedicht – Ich habe dich gewählt“ op. 82 aus dem gleichen Jahr dessen einzelne musikalische Sätze verbindet und vom Horn auch dort im Prolog erstmalig erklingt. Das dritte Motiv schlägt den moll-Modus an und endet auf der Mediante „as“ als falscher Halbschluss. Im vierten Motiv als sich schließender Themenbogen wird dieser Modus weiter befestigt oder auch ins Phrygische gewendet? Im fünften und sechsten Motiv ist es dann doch ganz c-moll. Die folgenden Motive m1‘ bis m4‘‘ sind Varianten dieser Motive. Alle Motive haben untereinander im Übrigen große Verwandtschaft. Aber so schön das Motivmaterial ist, das Horn greift in den weiteren Abschnitten kaum darauf zurück. Der Prolog steht gewissermaßen für sich allein.

Es entspinnt sich zwischen erster Violine und Horn ein fröhliches Zwiegespräch von – nicht immer strengen – Imitationen, das sodann von Viola und Horn fortgesetzt wird. Später übernimmt die zweite Violine und schließlich das Violoncello. So haben nun alle vier Streicher hintereinander mit dem Horn zu zweit musiziert. By the way: Bevor das Cello sein Zwiegespräch mit dem Horn beginnen kann, übernimmt die Viola dessen Zupfrhythmus und das Horn schaltet cellogerecht kollegial in sein tiefstes Register. Der Übergang zum zweiten Teil wird von einem Presto gestaltet. In den hohen Lagen der Violine beginnt eine schlichte c-moll-Tonleiter und stürzt in einem langen Sechzehntel-Lauf im Fortissimo hinab bis in die tiefsten Lagen des Violoncellos. Das „rumort“ dort eine Zeit lang mit großer Emphase auf C-D. Schließlich aber steigt das musikalische Geschehen im kecken Pizzicato wieder durch alle Streicherstimmen aufwärts, um dann in sechs „bedeutungsvollen“ Unisono-Strichen mit dem ersten Teil „Schluss zu machen“. Hier entsteht ein offenbar beabsichtigter Bruch, der die bisherige Stimmung des Werkes stört.

Erster Teil

Zweiter Teil

Der nun folgende erste Teil, ein Andante commodo, steht im ungewöhnlichen 7/8-Takt, der mit seinen 2+2+3-Gruppen in einer Phrase zu je vier Takten, die sich stets wiederholen, eine unruhige Klangfläche in den Streichern erzeugt und erst im gezupften Violoncello rhythmisch so recht bewusst wird (Abb. 2).

Dieser Teil, Moderato, steht zwar im 4/4-Takt, weist aber ebenfalls einen eigenwilligen Rhythmus auf und eine besondere Spielweise, die beide den Streicherpart charakterisieren.

Abb. 2, Rhythmische Klangfläche

Die Besonderheit liegt in der Synkope mit der Betonung auf Zählzeit 3+ – einer an und für sich völlig unbetonten Taktzeit im 4/4-Takt –, mit dem Bogen gespielt und dem Abschluss auf der folgenden Zählzeit 1, die wiederum die am stärksten betonte Zählzeit wäre, hier aber mit flüchtigem pizzicato zu spielen ist. Dieser ganz gegen das gerade 4/4-Metrum gebürstete Rhythmus verwirrt, wirkt er doch 43


Abb. 3, Beginn zweiter Teil, Besonderheiten mit Pfeilen gekennzeichnet

fast, als wäre im ungeraden 6/8-Takt zu spielen. Kaum ist dieser seltsame Rhythmus aufgenommen, setzt das Horn in gleichem Rhythmus ein, jedoch um ein gefühltes Achtel zu spät (Abb. 3). Sodann aber entspinnt sich mit dieser Rhythmusfigur ein Swing zwischen Horn und Streichern, in dem das Horn in schönen Gesangsbögen sein Solo entfaltet. Dieser Swing bleibt präsent. Das recht lange Thema von dreimal vier Takten wird von der Bratsche wiederholt, begleitet von einem Gegenthema in der ersten Violine mit auf- und absteigenden Linien. Man könnte meinen: ein ganz klassisches Gegenthema, wenn da nicht die Kadenz auf der Mediante „es“ anstatt auf dem Grundton „c“ enden würde. – Was aber macht das Horn derweil? Es scheint seinen Synkopenrhythmus zu halten (vgl. Abb. 3 mit Abb. 4a); doch weit gefehlt: Durch eingeschobene Achtel (Abb. 4b) wird er zu einem geraden Rhythmus im Vierertakt. Dem Horn fällt zudem an dieser Stelle die ungewöhnliche Rolle eines schlichten Begleitinstruments zu. Abb. 4, Rhythmusverschiebung a), b), c)

Wieder folgt eine Generalpause, danach fünf akzentuierte Streichertutti, dann nochmals zehn solche im pianissimo mit Horn. Dies will, so scheint es, mit dieser wenig musikalischen Rede „alles wieder ins (metrische) Lot“ setzen. Im Übergang dann ein „mysteriöser“, ganz leiser StreiAbb. 5, Dritter Teil, erstes und zweites Thema

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chercluster „f-g-a-cis“, der sich dissonant mit geschärfter Klangfarbe in Vierteltönen nach oben und unten ausdehnt. Dieser nur fünf Takte lange Einfall ist überraschend, weiß man ihn doch nicht recht einzuordnen, und in seiner Geräuschhaftigkeit irritierend. Die folgende, lange Generalpause wirkt wie ein Szenenschnitt.

Dritter Teil Der Teil beginnt mit einem Presto im 9/8-Takt. Die Triolen haben alle vorn einen Schwerpunkt. Dies wirkt zusätzlich treibend auf das Presto. Die Viola formt hier in schnellen Achteln als erstes Thema eine durchgehende Wellenfigur in tiefer Lage (Abb. 5). Die Violine 2 fällt ein mit einem zweiten Thema in einem synkopierten Rhythmus, der an einen Schluckauf erinnert. Dieser wird weitergereicht an die erste Violine und das Violoncello. Beide Themen wetteifern in mutwillig dissonantem, ja geradezu frechem Spiel eines Fugato miteinander. Man ist ob der Frechheit ein wenig an das „1. Klavierkonzert mit Solotrompete“ von Schostakowitsch erinnert, das wir Mitte Januar diesen Jahres im 5. Sinfoniekonzert der Wuppertaler Sinfoniker hören konnten. – Dann werden Motive aus beiden Themen in diesem Fugato zusammengekoppelt, bevor das Horn mit einstimmt und bald auch den Solopart in großer Emphase vorträgt, während die Streicher in kurzen, trockenen Schlägen nur noch das Grundmetrum markieren. Bald aber erscheint ein weiteres drittes Thema in Horn und Viola, das Duolen-Viertel gegen den pulsierenden Dreier-Rhythmus setzt (Abb. 6).


Abb. 6, zweites Thema, Duolen gegen Triolen in Terzparallelen von Horn und Viola

Mit diesem auch im Jazz bekannten Mittel wird im Spiel Viola vs. Horn – später auch in allen Streichern – ein herrlicher Swing im Presto erzeugt. Das wird, weil es so herrlich swingt und so herrlich dissonant frech daherkommt, auch musikalisch richtig ausgekostet. Das ganze temperamentvolle Spektakel geht über in so etwas wie eine Durchführung, in der das zweite Thema in einem Fugato, beginnend mit der Bratsche, durch die Streicher gereicht wird, dann aber nur noch Themenköpfe inklusive „Schluckauf“ und Fugen-Engführungen das Geschehen bestimmen. Es scheint wieder eine Gruppe von vier Tutti-Akkordschlägen im dreifachen Forte das Abschnittende markieren zu wollen, doch nach einer großen Generalpause folgen stattdessen weitere neun Schläge und dann ganz im leisesten piano ein merkwürdiges, chromatisches Tremolo (mysterioso) aus den Tiefen des Violoncellos bis in die höheren Lagen der Violine und genauso wieder hinab. Fünf Tuttischläge beenden dann diesen Spuk.

Vierter Teil Dieser Teil ist eine Reprise, die den ganzen ersten Andante-commodo-Teil um einen Ganzton-Schritt nach oben transponiert wiederholt. Dies wirkt zudem als Moll-Verschattung und Eintrübung der ansonsten in heiterem Dur gesetzten Komposition. Nur an wenigen Stellen wird modifiziert, etwa in der Mitte dieses Teils, in dem das Horn seinen Part mit kleinen, kecken Umspielungen auflockert.

Fünfter Teil Übergangslos schließt sich ein Andante an, das unvermittelt einen ganz anderen Ton anschlägt als alles Bisherige in diesem Quintett. Es kehrt Ruhe ein! Violinen und Viola bilden eine in sich wiegende Klangfläche, die gestützt wird durch ein Zupfbass-Ostinato. Interessant dabei sind die unterschiedlichen Bindungen von Violine 1 gegen Violine 2 und wiederum gegen die Bratsche. Dies führt zu zusätzlichen Verwebun-

gen innerhalb der Klangfläche und verstärkt den Eindruck von „Wiegenlied“. Dieses so in sich schwebende und webende Klanggeschehen böte dem Horn die Gelegenheit, weite, ruhige Kantilenen zu entfalten. – Ja, und das Horn setzt zu solchen Bögen auch an, bricht aber – und das ist sehr merkwürdig – nach wenigen Tönen immer wieder ab (Abb. 7). Kein einziger dieser Kantilenen-Bögen wird ungestört durch Pausen zu Ende geführt, auch die etwas längeren nicht. Schließlich bricht dieses Solo ab in sogenannten Quintfällen über zwei Oktaven, als sei alles, was nicht gesagt werden konnte, durch die Abbrüche gesagt. In der Tat eine emotionale Wende in der sonst so launigen musikalischen Rede des Quintetts! Was geschieht nun im mit „Epilog“ überschriebenen Schluss dieser Kammermusik? – Nachwort, als sei doch noch nicht alles gesagt, ausgeweitete Schlusskadenz? Es ist so etwas wie ein schwaches Erinnern, das langsam vorbeizieht. Alte Motive tauchen auf, verweben miteinander. Das Klanggeschehen dehnt sich immer weiter zu großen Akkordflächen. Das Horn reiht – unterbrochen von großen Pausen – nur noch kleine Motive in kleinem Ambitus einer kleinen Terz aneinander; ein letztes Motiv erinnert in dreifach verlängerten Notenwerten an das alte „Motiv des Übergangs“ zu Beginn des Quintetts und endet (sanglos) über einem Oktavfall „f‘–f–F“ auf seinem tiefsten möglichen Ton „F“ (dahinsterbend) im allerleisesten morendo-Piano. – Ein geradezu tragisches, depressives, aber dennoch durchaus schlüssiges Ende eines durchweg so leicht und fröhlich daherkommenden Stückes. Gleichwohl, die Musikliteratur ist durch dieses herrliche Stück hörbar bereichert worden. Karl Bellenberg Abb. 7, Andante, Hornsolo (Ausschnitt)

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Gilbert und Sullivan: Die Piraten

Ein Riesenvergnügen! Und endlich wieder im Opernhaus! Begeisterter Beifall für die „Piraten“ von Gilbert und Sullivan, Publikum, Chor, Solisten und alle Mitwirkenden in Sektlaune (den

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gab es aber nicht, wegen Corona), ein toller Abend, der erste wieder im Wuppertaler Opernhaus. Die Technik der Unterbühne ist noch lange nicht nutzbar, es funktioniert aber schon sehr viel. Ein Glück! Aber warum hat man von Gilbert und Sullivan noch nie etwas gehört? Nach einem so gelungenen Abend müsste eigentlich wesentlich mehr von diesem Autorenduo aufgeführt werden. Das Programmheft verrät dann doch einige wesentliche Dinge: „William Schwenck Gilbert stellt sein komisches Schreibtalent in den Dienst der Musik, die Arthur Sullivan zu den absurden Dialogen komponierte.“ Gilbert bevorzugt eine absurde Ausgangssituation, genannt „topsy-turviness“, die dann im Sinne von „Wahnsinn mit Methode“ weiterentwickelt wird. Bekannt von ihm ist sein Hass auf derbe Schenkelklopfer, denn Texte und Handlungselemente sollen zusammen mit der Musik auch ein intellektuelles Vergnügen sein. Mit diesen Absichten fand er in Arthur Sullivan den idealen Partner. Das war so zuerst einmal nicht zu erwarten, denn dieser widmete sich zuerst der „ernsten“ Musik, studierte in Leipzig, sog dort die europäische, zuerst vor allem die deutsche Musik, in sich auf, um nach seiner Rückkehr die seiner Meinung nach unterentwickelte musikalische Infrastruktur in England zu verbessern, komponierte fleißig ernste Musik, darunter auch Ivanhoe als englische Nationaloper. Für diese Kompositionen wurde er 1883 zum „Sir“ geadelt, nicht etwa für seine Operetten, die er ab 1870 mit Gilbert im Team schrieb. Sullivans Operettenmusik ist aber alles andere als seicht, sondern intelligent und vergnüglich. Sullivan schöpft dabei aus dem reichen Schatz seiner musikalischen Kenntnisse, die er im Laufe der Zeit immer wieder erweiterte, z.B. durch die Freundschaft mit Rossini. Meinte man bei den ersten Tönen noch eine Art englischen Offenbach zu hören, konnte man bald merken, dass er noch andere Pfeile im Köcher hatte. So verwendete immer wieder Stile und Stimmungen anderer Komponisten, auch typische musikalische Gesten und Charaktere, aber nicht als pure Kopie, sondern als Hintergrund für eigene kompositorische Ideen in Abstimmung mit den Absichten Gilberts. Sullivan überdreht die Schraube dann aber so weit, dass Satire und Parodie deutlich werden und Vergnügen bereiten. So kann man z.B. im Liebesduett der beiden Hauptpersonen Frederic und Mabel die romantische Freischütz-Atmosphäre spüren, ehe sie sanft umkippt. Besonderen Wert legt er auf die Rezitati48

ve in der Händel-Mozart-Tradition, in denen er das Pathos überzieht, sehr wirkungsvoll vor allem dann, wenn der gesungene Text absolut banal ist. Einmal werden die Rezitativakkorde sogar gesummt, die Handlung gleitet kurz ab in eine Parodie einer religiösen Zeremonie. Das sinnvolle Verfahren, dass der Chor die Worte eines Solisten wiederholt und dadurch bestätigt, wird konterkariert, indem es überstrapaziert und dadurch ins Lächerliche gezogen wird. Einige Ensembles erinnern an Aktschlüsse italienischer Opern, immer wieder überrascht ein Nebeneinander von nicht zusammenpassenden Elementen. Die Zusammenarbeit der beiden muss sehr eng gewesen, greifen doch Text und Musik immer wieder ineinander. Bemerkenswert ist auch, dass die beiden Autoren die Art ihres Vorgehens in dieser Operette selbst thematisieren, und zwar im „Paradox-Terzett“. Wer zum ersten Mal ins Opernhaus geht – und dafür ist diese Operette sehr zu empfehlen - wird sein Vergnügen haben, auch weil Sullivans Instrumentation exzellent ist. Wer schon öfter drin war, wird die Musik noch mehr genießen, wenn er die vielfältigen Anspielungen erkennt. Über die Handlung der „Piraten“ sollen Andeutungen genügen. Ausgangspunkt ist das Ende der Piratenlehre eines gewissen Frederic an dessen 21. Geburtstag. Die musste er machen, weil sein Kindermädchen Ruth Piraten- statt Privatlehre verstanden hatte. Die Geschichte entwickelt sich dann in absurdfolgerichtiger Weise. Frederic verliebt sich in Mabel, eine von etwa 14 gleichaltrigen Töchtern des Generalmajors Stanley, gerät aber in Schwierigkeiten, weil er wegen seiner Geburt am 29. Februar seinen Geburtstag erst fünfmal feiern konnte. Am Ende kämpfen Piraten und Polizisten gegeneinander. Als kein Mensch mehr durchblickt, bemühen Gilbert und Sullivan den barocken Theatereffekt des „deus-ex-machina“ – ein urplötzlich auftauchendes höheres Wesen regelt alles zum Guten. Hier ist der deus allerdings die Queen, standesgemäß mit Handtasche und rosa Mantel und Hut.

Sullivan hat immer wieder die schlechte Qualität der englischen Sänger zu seiner Zeit beklagt, zudem hatte er mit dem Vorurteil zu kämpfen, dass die sogenannte leichte Muse auch einfacher zu singen sei. Darauf hat er aber keinerlei Rücksicht genommen. Alle Sängerinnen und Sänger haben komplexe und keineswegs einfache Partien zu bewältigen. So hat Simon Stricker als Generalmajor Stanley in seiner Auftrittsarie ein Presto-extrem-Parlando a la Rossini zu bewältigen, was ihm glänzend gelingt.


Von oben nach unten: Piratenkönig (Sebastian Campione) und Frederic (Sangmin Seon) Polizisten und Piraten (Männerchor und Statisten) Stanley (Simon Stricker) und Piratenkönig Piraten, Queen (Joslyn Rechter) und Stanley Alle Fotos: Jens Grossmann

Und Mabel singt unvermittelt an Verdi erinnernde Koloraturen. Bei Verdi haben sie ihren Sinn, hier nicht. Aber die müssen erstmal so gekonnt sein wie bei Ralitsa Ralinova mit ihrem glockenreinen Sopran. Auch die übrigen Rollen waren exzellent besetzt. Dem schwarzen Bass des Piratenkönigs Sebastian Campione stand der strahlende Tenor Sangmin Jeons als Frederic gegenüber. Und Joslyn Rechter als Ruth war nicht nur als Sängerin, sondern auch als Darstellerin ein Gedicht, brillierte in der letzten Szene noch einmal besonders als Queen. Überhaupt war deutlich zu merken, dass alle Mitwirkenden – Solisten, Chor, Ballett – nicht nur mit höchster Qualität, sondern auch mit allergrößter Spielfreude bei der Sache waren. Und Johannes Witt machte die subtile Instrumentation Sullivans mit dem Wuppertaler Orchester bestens hörbar, fand auch immer die angemessene Lautstärke, um die Solisten nicht zu übertönen. Ein Regieteam hat es bei einem solchen Stück leicht, könnte man denken. Hat es aber nicht, und Regisseur Cusch Jung hatte sich die Arbeit auch nicht leicht gemacht. Jede Sekunde jeder Szene war genau überlegt, um allergrößte humoristische Wirkung zu erzielen, größeren Menschenmengen wurden perfekt und auch noch rasant bewegt, Gesang und Bewegung passten genau zusammen, keine Sekunde kam so etwas wie Langeweile auf, der Abend steigerte sich bis zum Schluss. Beate Zoff hatte die Bühne eingerichtet und für die historisierenden, aber peppigen und leicht überdrehten Kostüme gesorgt. Dabei setzte sie auf starke Kontraste. Generalmajor Stanley trug im 1. Akt eine blaue Uniform, im 2. Akt einen hellen Morgenrock mit Schlafmütze. Den aufwendigen schwarzen Piraten-Outfits standen die unschuldig-weißen Kleider mit züchtigen langen Pumpunterhosen der 14 Stanley-Töchter gegenüber. Das allein war schon ein Riesenspaß! Fritz Gerwinn Weitere Aufführungen: 29.4., 14.5., 12.6., 25.6.2022 49


Kulturtipps für Kinder und Jugendliche

Infos zum Programm gibt es auf www.jtf-wuppertal.de. Eine Veranstaltung des Vereins zur Förderung der Wuppertaler Schultheaterwoche e. V. in Kooperation mit dem Haus der Jugend Barmen Sonntag 29. Mai 2022, 12 bis 17 Uhr

Kinder- und Familienfest auf der Hardt – umsonst und draußen Musik, Sport, Theater, Tanz, Akrobatik, Abenteuer und Feiern beim Kinder- und Familienfest „Die Hardt bewegt“: Zwischen Bismarck- und Elisenturm, Waldbühne und Botanischem Garten, Rollschuhbahn und Spielplatzhaus Hardt werden von 12 bis 17 Uhr viele Aktionen und Spiele zum Mitmachen geboten, nicht nur für Kinder. Getränke und frisch Gegrilltes, Kaffee, Waffeln und Kuchen stehen für Hungrige und Durstige bereit. Auf der Bühne wechseln sich Musik, Tanz und Akrobatik ab. Verantwortlich für das bunte Fest auf der Hardt zeichnen der Fachbereich Jugend & Freizeit im Geschäftsbereich Soziales, Jugend & Integration in Kooperation mit allen städtischen Kinder- und Jugendeinrichtungen, dem Botanischen Garten, Kinder- und Jugendwohngruppen sowie vielen Jugendverbänden, sozialen und kulturellen Einrichtungen und Vereinen.

Hybrid Close up, Foto: Susanne Lenz

LCB | Haus der Jugend Barmen Geschwister-Scholl-Platz 4-6 42275 Wuppertal Aktuelle Infos über www.hdj-online.de Sonntag, 15. bis Sonntag, 22. Mai 2022

Junges Theaterfestival Wuppertal im Haus der Jugend Barmen Wer wissen möchte, was Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Schulen und soziokulturellen Zentren, an den Wuppertaler Bühnen, der Bergischen Musikschule und anderen Orten auf die Bühne bringen, dem sei das Junge Theaterfestival Wuppertal empfohlen. Zum zehnten Mal bietet die Theaterwoche eine Plattform für die ganze Bandbreite der darstellenden Kunst: von Schauspielklassiker bis Musical, von Tanztheater bis Eigenproduktionen zu Themen, mit denen sich junge Menschen künstlerisch auseinandersetzen wollen. Am Samstag, dem 21. Mai, lädt der Theatermarkt der Möglichkeiten ein, an Workshops teilzunehmen, sich über Angebote zum Theaterspielen in der Stadt zu informieren, Teil der interaktiven Kistenoper zu werden und vieles mehr.

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Foto: Haus der Jugend Barmen


K 4 | Theater für Menschlichkeit

Wuppertaler Kinder- und Jugendtheater

Neuenteich 80, 42107 Wuppertal Weitere Infos: www.k4theater.de oder telefonisch unter 0202 44 77 66

Theater im Berufskolleg Bundesallee 222, 42103 Wuppertal Aktuelle Infos und Anmeldung über: www.kinder-jugendthe

Akademie für Darstellende Kunst Westfalen Neuenteich 80, 42107 Wuppertal Aktuelle Infos: www.adkwestfalen.de oder telefonisch unter 0202 44 77 66

Kulturelle Jugendbildung

Die Stagefreaks kommen nach Wuppertal!

Ein buntes und interessantes Programm für Kinder und Jugendliche quer durch alle Stadtteile Wuppertals findet ihr auf der Internetseite www.jugend-freizeit.de.

Schauspiel, Tanz und Gesang ist unsere Leidenschaft. Wir unterrichten dich in allen drei Bereichen und zeigen dir, wie du sie eindrucksvoll kombinieren kannst. Jeden Samstag bieten wir dir ein geschütztes Umfeld. Peinlich gibt’s nicht. Hier hilft jeder jedem und ist für den anderen da. Gemeinsam gibt es für uns keine Grenzen! Egal ob du gerade erst einsteigst oder schon auf dem Weg bist. Wir holen dich ab, wo du stehst, nehmen dich mit deinen ganz persönlichen Eigenschaften auf und bringen dich weiter. Auf der Bühne und im Leben!

Junior Uni Wuppertal Forscherplattform Bergisches Land Am Brögel 31, 42283 Wuppertal Kursprogramm, auch mit eigener Sparte „Kunst & Kultur“: www.junioruni-wuppertal.de

Samstag, 14. Mai 2022

Gemeinsames Forscherfest von Junior Uni und Wuppertaler Stadtwerken Die Wuppertaler Junior Uni und die Wuppertaler Stadtwerke (WSW) laden zum gemeinsamen Forscherfest entlang der Schwebebahn ein. An fünf Schwebebahnhaltestellen können Nachwuchsforscher experimentieren, tüfteln und kreativ werden. Eine vorherige Anmeldung ist nicht nötig. Sonntag, 12. Juni 2022, 11 Uhr

Familienvortrag

Am Sonntag, dem 12. Juni, findet der erste Familienvortrag seit Beginn der Corona-Pandemie statt. Das beliebte Veranstaltungsformat richtet sich an die ganze Familie. Weitere Infos zum Referenten, seinem Thema und der Anmeldung gibt es unter www.junioruni-wuppertal.de.

Kursinformationen und Anmeldungen über www.jugend-kult.de oder 0202 563 26 45

Von der Heydt-Museum Wuppertal Turmhof 8, 42103 Wuppertal www.von-der-heydt-museum.de

Angebote für Kinder und Familien April/Mai/Juni 2022 Für alle Angebote ist eine Anmeldung erforderlich. Buchungen im Onlineshop auf der Website des Museums per E-Mail an vdh.kunstvermittlung@stadt.wuppertal.de Tel. 0202 563 66 30 oder 563 69 00 Anmeldungen am Wochenende nur an der Museumskasse, Tel. 0202 563 22 23 Aufgrund der aktuellen Pandemie-Situation bitte auf der Webseite über kurzfristige Änderungen informieren.

Kinderführungen Zweistündig mit Atelierarbeit, für Kinder ab 5 Jahren ohne Begleitung der Eltern. Kosten: 7 €/Kind Sonntag, 29. Mai 2022, 15 bis 17 Uhr

Geheimnisvolle Landschaften Grün und Blau schimmern die Wälder in den zum Teil riesigen Fotografien des Künstlers Hans-Christian Schink. Wer kommt mit in einen märchenhaften Urwald und taucht in geheimnisvolle Unterwassserlandschaften ab? Nach einem zauberhaften Rundgang durch die Ausstellung entstehen im Atelier magische Zauberwälder aus Papier und Farbe.

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Kulturtipps für Kinder und Jugendliche

Sonntag, 26. Juni 2022, 15 bis 17 Uhr

4 3 2 1 Zero

Gemeinsam werden Werke der ZERO-Künstler entdeckt, die in den 60er-Jahren neuartige, noch nie gesehene Kunst gemacht haben. Dazu benutzten die Künstlerinnen und Künstler ungewöhnliche Materialien wie Plastik, Aluminium oder Sand und arbeiteten mit Licht und Feuer. Im Atelier wird im Anschluss ein eigenes ZERO-Kunstwerk aus Spiegelplättchen, Tablettenblistern und Folien gestaltet.

Familiensonntage Pro Kind können max. zwei erwachsene Begleitpersonen für den Familiensonntag angemeldet werden. Kosten: Erwachsene 10 €/Kinder 5 € Sonntag, 24. April 2022, 15 bis 17 Uhr

Kinetische Kunst – Kunst, die Bewegt Wer hat gesagt, dass Bilder immer stillstehen? Im Museum gibt es aufregende Werke, die sich bewegen, drehen, vibrieren oder schwingen; sogar ein mechanisches Klavier und eine klingende Standgitarre. Im Anschluss an den Museumsbesuch entstehen tolle bewegliche Mobiles.

Foto: Von der Heydt-Musum

Kreativangebot für Kinder ab 5 Jahren Anmeldung erforderlich! Am Wochenende nur direkt an der Museumskasse, Tel. 0202 563 22 23 Samstag, 16. April 2022, 14 bis 16 Uhr

Osterwerkstatt- Hasen In Pop Art Hasenalarm im Museum: Die Spur des Osterhasen führt zu vielen bunten Bildern und Werkgruppen. Nach einer rasanten Kurzführung durch die Sammlungspräsentation werden im Atelier mit selbst entworfenen Moosgummistempeln große und kleine Hasen in knalligen Farben auf Karton gedruckt. Kosten: 8 €/Kind

Ferienangebote jeweils 10 bis 14 Uhr Dienstag, 12. bis Donnerstag, 14. April 2022

Landschaften durch die Linse – Fotorallye Workshop für Jugendliche und Kinder ab 9 Jahren Landschaften finden sich im Museum als riesige Fotografien und als kleine gemalte Kunstwerke. Nach Erkundungstour durch die Ausstellungsräume führt die Suche nach spannenden Landschaften hinaus in die Stadt. Die entstehenden Fotos werden im Atelier bearbeitet, gedruckt und anschließend in Gemälde verwandelt. Kursleitung: Celia Maria Schmidt Kosten 58 €/Kind inkl. Material Foto: Von der Heydt-Musum

Dienstag, 19. und Mittwoch, 20. April 2022

Sonntag, 15. Mai 2022, 15 bis 17 Uhr

Zweitägiger Kurs für Kinder ab 7 Jahren Unter den Zero- und Minimal-Art-Künstlerinnen und Künstlern geht es auf die Suche nach spannenden Strukturen! Im Atelier werden dann auf Holzplatten mit Seidenpapier und Verpackungsmaterial dreidimensionale Muster gefertigt. Kursleitung: Solveig Schuppler Kosten 65 € / Kind inkl. Material

Heim nach Arkadien

Zum Internationalen Museumstag wird sich zwischen den Fotografien von Hans-Christian Schink auf die Suche nach dem Land des Glücks und der Seligkeit begeben. Im Anschluss gestalten Kinder mit den Erwachsenen eine räumliche bühnenbildartige Landschaft. 52

Muster in Weiss


Medienprojekt Wuppertal

Sinfonieorchester Wuppertal

Hofaue 59, 42103 Wuppertal-Elberfeld Infos und Kontakt: www.medienprojekt-wuppertal.de Tel. 0202 28 31 98 79, Teilnahme kostenlos Filme machen, Filme schauen für junge Menschen ab 14 Jahren, Teilnahme an Filmprojekten (Doku, Kurzspielfilm, Musikvideo u.a.)

Wuppertaler Bühnen Kurt-Drees-Str. 4, 42283 Wuppertal wwww.wuppertaler-buehnen.de

Sonntag, 22. Mai 2022, 11 Uhr Historische Stadthalle Wuppertal

Orgel-Check Orgel-Akzent für die ganze Familie Wie sieht die Orgel von innen aus? Welchen Weg nimmt ein einzelner Ton? Und wie verändern all die Register den Klang? Mit Checker Tobi finden wir es heraus! Der Orgel-Check ist geeignet für Kinder ab sechs Jahren. Sonntag, 29. Mai 2022, 11 Uhr, Historische Stadthalle Wuppertal

4. Familienkonzert „Naftule und die Kinder“

Oper Wuppertal Premiere: Freitag, 20. Mai 2022, Theater am Engelsgarten

Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat

Der kleine Maulwurf wacht eines Morgens auf, reckt seinen Kopf aus der Erde, und jemand setzt seinen Haufen drauf. War’s das Pferd, war’s der Hase oder war’s die Kuh? Der aufgewühlte Maulwurf zieht los und fragt nach. Dabei begegnet er den unterschiedlichsten Klecksen, Knöllchen, Fladen und Böhnchen … Dauer: ca. 30 Minuten

Ratlosigkeit in Sinfonien: Alle Sinfonier sind verstummt, denn ein böser Zauberer hat sämtliche Noten in eine magische Kugel gebannt. Um aber die Sprache der Musik zu sprechen, braucht man die sorgsam notierten und eingeübten Arrangements! Zum Glück stellt Naftule schnell fest, dass die Kinder der Sinfonier noch spontan und verspielt genug im Umgang mit Melodien und Rhythmen sind, um sich auch ohne Noten verständigen zu können. Ob Naftule und die Kinder es schaffen, die magische Kugel zu sprengen und den Zauberer milde zu stimmen? ...

Im Anschluss: Familienmusikfest Eintritt frei

Premiere: Dienstag, 21. Juni 2022, Opernhaus

Große Oper klein – Die Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart „Große Oper klein“ ist ein Format der Oper Wuppertal, welches große Opernstoffe in gekürzter Fassung für Schülerinnen und Schüler erlebbar macht. Aus der abendfüllenden Inszenierung werden die schönsten und wichtigsten Szenen übernommen, und eine Erzählerin führt durch die Geschichte. In dieser Spielzeit können Schülerinnen und Schüler von Klasse 3 bis 7 „Die Zauberflöte“ erleben. Vorbereitungsworkshops auf Anfrage bei Maria Stanke

Das Sinfonieorchester Wuppertal und die Bergische Musikschule Wuppertal laden zu einem Tag voller Musik in die Historische Stadthalle Wuppertal ein: Zahlreiche Instrumente werden im ganzen Haus vorgestellt und warten darauf, ausprobiert zu werden. Kleine und große Ensembles jeden Alters zeigen in ihren Präsentationen und Konzerten, warum es sooooo schön ist, ein Instrument oder Gesang zu erlernen, um gemeinsam Musik zu machen! Donnerstag, 2. Juni 2022, 10 Uhr, Historische Stadthalle Wuppertal 3. Schulkonzert, Karten bei der KulturKarte

„Beethovens 5. Sinfonie – Revolution!“

Kitakonzert bei den Wuppertaler Bühnen, Foto: Nadja Wiesemann

„Ta-ta-ta-taaa“ – ist das musikalische Aushängeschild Beethovens schlechthin. Muss man mehr dazu sagen? Ja! Wir hören die Sinfonie gemeinsam mit Juri Tetzlaff und finden heraus, was alles daran revolutionär ist, und zwar im Großen Saal der Historischen Stadthalle Wuppertal, natürlich auch mit Liveprojektionen auf Großleinwand, damit man von allen Plätzen aus viel mitbekommt … Empfohlen für 5. und 6. Klassen. Dauer etwa 60 Minuten 53


Neues aus der Kulturszene lich bei dieser Ausschreibung: Sie richtet sich einmal nicht an junge Künstler am Anfang ihrer Karriere – Kandidaten müssen zum Zeitpunkt der Bewerbung das 50. Lebensjahr vollendet haben. Außerdem müssen sie ihren Wohnsitz in der Mitgliedsstadt haben, in der sie sich bewerben. Alles zu den Ausschreibungsbedingungen auf der Seite des Wuppertaler Kulturbüros (www.wuppertal.de/kulturbuero). Wuppertaler Künstlerinnen und Künstler können Ihre Bewerbungsunterlagen ausschließlich digital bis zum 29. April 2022 beim Kulturbüro bei Jonathan.tschuschke@stadt.wuppertal.de einreichen. (red) Das Team von CoWerk18 – Jonas Müller, Pascal Merighi, Larissa Platz, Thusnelda Mercy und Kirsten Kurth, Foto: Stefan Fries

Kreatives Coworking in historischer Kulisse Das Team der Tanz Station – Barmer Bahnhof um Thusneldy Mercy, Pascal Merighi und Angela Köneke hat seine Aktivitäten erweitert und kürzlich einen kreativen Workspace in den denkmalgeschützten Räumen der ehemaligen PSW Knopffabrik in Wuppertal-Barmen eröffnet. Im „CoWerk18“ in der Alarichstraße 18 finden kreative SoloSelbstständige ebenso einen Platz wie Projektteams und haben die Möglichkeit zum Austausch und zur gegenseitigen Unterstützung. Eine enge Verbindung besteht mit der Tanz Station im Barmer Bahnhof. Dort können kreative Ideen aus dem CoWerk18 im Raum ausprobiert und mit der professionellen technischen Ausstattung der Tanz Station umgesetzt werden. Zu erreichen ist das CoWerk18 unter info@cowerk18.de. (red)

NRW sucht die CityARTists 2022 Gemeinsam mit seinen Mitgliedsstädten schreibt das NRW Kultursekretariat zehn Preise zur Förderung bildender Künstlerinnen und Künstler der Sparten Malerei, Skulptur, (Video-)Installation, zeitbasierte Medien und Fotografie in einer Gesamthöhe von 50000 Euro aus. Es werden insgesamt zehn Preisträger ermittelt, die dann ein Stipendium in Höhe von jeweils 5000 Euro erhalten. Ungewöhn54

Preis der Wuppertaler Literatur Biennale 2022: „Zuschreibungen“ Die Stadt Wuppertal schreibt zum fünften Mal den von der Kunststiftung NRW gestifteten „Preis der Wuppertaler Literatur Biennale“ aus. „Geschichten sind Kern unserer Identität. Der Literatur und ihrem Vermögen, die Perspektiven zu wechseln, kommt in diesem Zusammenhang eine herausragende Bedeutung zu. Sie vermag es, Zuschreibungen von außen zu hinterfragen; und auch das Schreiben auf ein fragmentiertes Selbst hin kann als ein Akt des Zuschreibens verstanden werden. Mit ihrem Motto, „Zuschreibungen“ lädt die Wuppertaler Literatur Biennale 2022 jüngere Autorinnen und Autoren ein, die Debatten zur Identitätspolitik um literarische Sichtweisen zu bereichern. „Denn sie alle schärfen den Blick eines jeden darauf, was es heißt, heute Mensch zu sein“, formulieren die Veranstalter. Der mit 3000 Euro dotierte Hauptpreis und zwei Förderpreise von je 1000 Euro werden am 4. September 2022 im Rahmen der Wuppertaler Literatur Biennale verliehen. Wer sich bewerben möchte, sollte bereits erste Veröffentlichungen vorweisen können und zum Zeitpunkt des Einsendeschlusses das 35. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Weitere Infos zur Ausschreibung beim Kulturbüro Wuppertal. Projektleiterin ist Julia Wessel (julia.wessel@stadt. wuppertal.de). Einsendeschluss ist der 15. Juni 2022. Die Wuppertaler Literatur Biennale findet statt vom 3. bis 10. September 2022. (red)


Personalwechsel im Wuppertaler Kulturbüro Das Kulturbüro der Stadt Wuppertal stellt sich personell neu auf. Denn zwei Urgesteine der Kulturverwaltung haben sich nach fast 20 und über 30 Jahren im Kulturbüro in den Ruhestand verabschiedet: Urs Kaufmann war nach seiner Karriere als Tänzer im Ensemble des Tanztheaters Pina Bausch zuständig für die Sparten Tanz, Theater und Film und hatte die stellvertretende Leitung des Kulturbüros inne. Der ehemalige Schlagzeuger Ulrich Marxcors war Ansprechpartner für die breite Musikszene in Wuppertal und hat während seiner Zeit im Kulturbüro – damals noch Kulturamt – große Veranstaltungen über die Bühne gebracht. Im neuen Stellenzuschnitt ist nun Julia Wessel, die bereits seit 2019 als Volontärin Teil des Teams war, zuständig für die Bereiche Literatur, Theater und Film sowie Grundsatzfragen des Freien Kultursektors und hat gleichzeitig die Stellvertretung der Kulturbüroleiterin Dr. Bettina Paust übernommen. Zum 1. April übernimmt Helmar Trompelt die Sparten Musik und Tanz, zunächst in Teilzeit, um in seiner letzten Tätigkeit an der Hochschule für Musik und Tanz Köln Projekte zu beenden, und ab Juni in voller Stelle. Weitere Verstärkung aus den Reihen der Stadtverwaltung hat das Kulturbüro im administrativen Bereich Anfang des Jahres durch Gabriele Neuhäuser-Hölter erhalten, die zuletzt im Projektbüro des Engels-Jahrs beschäftigt war. Auch versteht sich das Kulturbüro als Einstiegstür in die Berufspraxis, z.B. bei Petra Kossmann im Bereich des mittleren Verwaltungsdienstes und seit 2020 als Bundesfreiwilligendienststelle sowie als beliebte Anlaufstelle für Praktika.

v.l.n.r.: Julia Wessel, Christine Weinelt, Dr. Bettina Paust, Petra Koßmann, Jonathan Tschuschke. Auf dem Foto fehlen: Silvia Kolberg-Mensah sowie die neue Kollegin Gabriele Neuhäuser-Hölter und der Kollege Helmar Trompelt.

Enric Rabasseda

Weitere Einblicke (nicht nur) in die Arbeit des Kulturbüros bietet der diesjährige Kulturbericht der Stadt Wuppertal, der Ende März – erstmalig nur in digitaler Fassung – erscheint und natürlich immer die Website des Kulturbüros unter www.wuppertal.de/kulturbuero. (red)

Benefiz-Aktion: „kunst kann’s“ verkauft Werke von Enric Rabasseda Bekannt ist der 2013 gegründete Wuppertaler Verein „kunst kann’s“ bislang hauptsächlich durch seine jährlich im Herbst stattfindende große Kunstauktion, deren Erlös zu großen Teilen der Förderung von Kindern und Jugendlichen zugute kommt. In diesem Jahr gibt es nun auch im Frühling eine „kunst kann’s“-Aktion (keine Auktion): Mit einer großen Verkaufsausstellung erinnert der Verein an das Werk von Enric Rabasseda. Der katalanische Künstler (Jg. 1933) lebte und arbeitete von 1958 bis zu seinem Tod im Jahr 2016 in Wuppertal. „kunst kann’s“ hat das großes Glück, fast 150 Werke aus seinem Nachlass für den guten Zweck verkaufen zu dürfen“, berichtet Kerstin Spitzl von „kunst kann’s“. Mit der einen Hälfte des Erlöses unterstützt der Verein ukrainische Flüchtlingskinder in Wuppertal. Die zweite Hälfte wird über die RabassedaNachlassverwaltung der Coban-Stiftung zur Unterstützung junger Künstlerinnen und Künstler eingesetzt. Die Ausstellung mit Verkauf findet vom 28. bis 30. April 2022 in der Hofaue 59.2, 42103 Wuppertal statt (Do.+Fr. 18 bis 21 Uhr, Sa. 12 bis 15 Uhr). www.kunstkanns.de (red) 55


Jetzt aber: Von draußen nach drinnen Ausstellung in der Stadtsparkasse Wuppertal

Eigentlich sollte die große Ausstellung zum 200jährigen Bestehen der Stadtsparkasse Wuppertal schon im März stattfinden. Aber bei dem langen Vorlauf einer solchen Schau und unklarer Entwicklung der Pandemie, entschloss man sich, die Eröffnung zu verschieben. Im Mai ist es nun endlich so weit: Am 11. Mai werden 107 Künstlerinnen und Künstler mit ihren Werken in die Stadtsparkasse einziehen. Die 142. Ausstellung in der Serie „Kunst in der Sparkasse“ wird dabei die erste sein, die nicht im Kundenraum Islandufer, sondern in der Glashalle am Johannisberg durchgeführt wird. Der Titel der Ausstellung „Von draußen nach drinnen“ ist Programm: Arbeiten von Wuppertaler Künstlerinnen und Künstlern, die 2020 bei der viel beachteten, von Birgit Pardun und Frank N. organisierten Plakat-Kunstaktion „Out and about“ draußen im ganzen Stadtgebiet auf nicht genutzten Werbeflächen 56

zu sehen waren, wandern jetzt nach drinnen: Auf einer LED-Monitorwand werden alle Plakatwände in einer dynamischen Präsentation noch einmal zu sehen sein. Einige Arbeiten werden auch in Form der den Plakaten zugrunde liegenden Originale ausgestellt. Mit weiteren Arbeiten auf großen Planen bzw. Stoffbannern sollen Balkone und Brücken bespielt und so die gesamte Halle einbezogen werden. Das Gebäude am Islandufer ist zwar währenddessen wegen Umbauten geschlossen, wird aber dennoch in die Ausstellung einbezogen: Eine Arbeit von Frank N. wird sich über die gesamte Fenster-Außenfassade am Islandufer erstrecken. (akr) Eröffnung am 11. Mai 2022, 19.30 Uhr, Glashalle Johannisberg. Bis 22. Juni 2022 zu den Öffnungszeiten der Stadtsparkasse Wuppertal.


Von Fliegen im Dornröschen-Schloss und der Schlaflosigkeit der Dichter Neue Aufsätze von Heinz Rölleke

Seit einigen Jahren veröffentlicht Heinz Rölleke, emeritierter Professor für Literaturwissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal, Beiträge zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten im Internetmagazin www.musenblaetter.de. Ein solch reiches Wissen aber gehört zwischen Buchdeckel – vor allem, wenn es so mundgerecht und auch für den Laien gut verdaulich präsentiert wird. Es sollte in gedruckter Form neben dem Sofa, auf dem Nacht- oder dem Frühstückstisch liegen, sodass man sich immer mal wieder hinein vertiefen kann und darüber staunen, was einem bei der Lektüre alles an Lichtern aufgeht. Dankenswerter Weise hat der Musenblätter-Herausgeber und Rölleke-Schüler Frank Becker nun genau dafür schon zum zweiten Mal gesorgt. Nach einem ersten Band mit Aufsätzen aus den Jahren 2013 bis 2020 (Titel: „Die Magie von Wort und Zahl“) legt er mit einem zu Röllekes 85. Geburtstag herausgegebenen zweiten Band „Sprache und Sinn“ eine neue Auswahl der 2020 bis 2021 in den Musenblättern erschienenen Beiträge vor. Und wieder ist es ein Kompendium des Wissens aus Literatur, Etymologie, Märchen, Zahlen- und Volkskunde, das seinesgleichen sucht. Denn Heinz Rölleke ist beileibe nicht nur der „Märchenprofessor“, der als Kapazität auf dem Sektor der BrüderGrimm-Forschung weltweit be- und anerkannt ist – sein Wissensschatz in den oben genannten Gebieten, die er noch dazu mit leichter Hand verknüpft, scheint schier unerschöpflich. Natürlich dürfen Untersuchungen zu seiner ureigenen Domäne nicht fehlen, also werden auch Fragen zu populären Märchen aufgedröselt. Wir erfahren etwa, was es mit dem ungewöhnlichen Namen des Rumpelstilzchens auf sich hat, oder wie das Märchen vom Dornröschen im Laufe der Zeit immer weitere Ausschmückungen erfuhr, bis schließlich sogar die Fliegen auf der Wand in hundertjährigen Schlaf fallen (und dafür die als nicht jugendfrei angesehenen erotischen Anspielungen früherer Fassungen getilgt wurden). Ein ähnliches Schicksal ist nicht wenigen Originaltexten berühmter Opern widerfahren. Detailreich führt Rölleke am Beispiel von Don Giovanni, Figaros Hochzeit, Rigoletto und anderen vor, wie die traditionellen deutschen Übersetzungen häufig erotische oder sozialkritische Töne ihrer romanischsprachigen Vorlagen verharmlosen. Erhellend und vergnüglich sind auch die Erläuterungen zur Herkunft

bekannter Redewendungen wie der vom „Pferdefuß“ einer Sache oder den changierenden Bedeutungen vom „Duckmäuser“ oder vom „Hagestolz“. Dichter wie Friedrich Hölderlin, Conrad Ferdinand Meyer, Eduard Mörike, Sebastian Brant, Franz Kafka und Gotthold Ephraim Lessing werden mit interessanten Aspekten ihres Werkes gewürdigt, und längst aus der aktiven Sprache verschwundene Begriffe wie „Selbdritt“ und „Selbander“ dem Vergessen entrissen. Und wer das rastlose Kreisen von Gedanken in der Nacht kennt, der mag sich getröstet fühlen von der Schlaflosigkeit der Dichter („Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir…“), und, statt sich hin- und her zu wälzen, lieber zu diesem Buch greifen. Erschienen sind die 45 lesenswerten Abhandlungen unter neuem Verlagsdach, den uni editionen bei media consult buscher, der auch eine Neuauflage von Band 1 „Die Magie von Wort und Zahl“ anbietet. Anne-Kathrin Reif Heinz Rölleke

„Sprache und Sinn. Aufsätze für die Musenblätter 2020 bis 2021“, hgg. von Frank Becker. Hardcover, 308 Seiten, 14,95 Euro (ISBN 978-3-932896-16-3).

Kultur im Netz: Eine Fundgrube

In der Corona-Zeit haben viele Kulturschaffende und Freizeiteinrichtungen Angebote ins Netz gestellt. Das Kulturbüro Wuppertal hat jetzt eine Plattform installiert, auf der diese gesammelt werden. Lesungen für Kinder und Erwachsene, Musik, Theateraufführungen, Videos aus dem Marionettentheater, Filmbeiträge aller Art sind ebenso zu entdecken wie Konzerteinführungen von Prof. Lutz-Werner Hesse oder Videos aus dem Grünen Zoo, z.B. vom Seelöwentraining. Eine schier unerschöpfliche Fundgrube für Regentage, auch ohne Pandemie! (red) https://www.wuppertal.de/kultur-bildung/unterhaltungdigital/digitales-unterhaltungsangebot.php

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#wERDschätzung #Krautschau: Die Pflanzenwelt der Pflasterritzen – Michael Felstau, Uta Atzpodien, Mansa Sabaghian Fotos: Ralf Silberkuhl

„Die Kunst ist der nächste Nachbar der Wildnis“ Gemeinsam dem Genie der Natur mehr Raum geben

Kunst, Kultur und Natur zusammenzubringen, hat sich in Wuppertal die partizipative Kunst- und Mitweltaktion [plan · e]: planet erde vorgenommen. Das Kernteam besteht aus dem

in Wuppertals Urbane Gärten aktiven Michael Felstau, der Dramaturgin Uta Atzpodien und der bildenden Künstlerin Mansa Sabaghian, die aus dem Iran stammt. Sie berichten im Gespräch mit beste-Zeit-Redakteurin Anne-Kathrin Reif über die Erfahrungen im Laufe des Jahres 2021. 58


Fridays for future, Foto: Ralf Silberkuhl

Schon immer inspiriert die Natur die Kunst. Kunst vermag, die Natur für Menschen neu und sinnlich erfahrbar zu machen, Fragen zu stellen, Missstände aufzudecken. In unseren hochindustrialisierten Gesellschaften beuten Menschen vielseitig den Planeten Erde aus. Die vielfältigen Auswirkungen der Klimakatastrophe, der zunehmende Verlust der Biodiversität, das Artensterben zeugen davon. Was können Begegnungen von Kunst, Kultur und Natur dem entgegensetzen, bewegen oder anregen? Welche Ideen und Perspektiven können daraus entstehen? Solcher Art Fragen waren der Antrieb für die Aktion [plan e]: planet erde, die sich im vergangenen Jahr mit dem Kernteam und weiteren Akteurinnen und Akteuren auf Erkundungsreise durch Wuppertal begeben hat. Träger des Projekts ist das und.Institut für Kunst, Kultur und Zukunftsfähigkeit e.V. in Berlin, gefördert wurde es u.a. vom Programm „Neustart Kultur“ der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, dem Fonds Soziokultur und dem Wuppertaler Kulturbüro. Was genau war und ist die Motivation hinter dem Projekt [plan e]: planet erde? Michael Felstau: Angesichts der Klimakrise ist kein Plan B zu unserem bisherigen Handeln gefragt, sondern ein [plan · e] – das heißt einer, der die Erde als Akteur miteinbezieht. Als kleiner Teil der Natur überlasten wir Menschen die Erde, die uns trägt und ernährt. Als Handelnde prägen wir die Erdgeschichte, ohne das Leben auf unserem Planeten in seiner Gesamtheit zu verstehen. Dabei ist die Erde gemeinsame Heimat aller Lebewesen und gehört ihnen gleichermaßen. [plan · e] beruht auf der Ehrfurcht vor dem mannigfaltigen Leben auf der Erde, diesem umfassenden und

grenzenlosen Polylog. Auf die Gesellschaft bezogen heißt das, in einem andauernden und wertschätzenden Dialog miteinander zu sein und neugierig auf das andere, etwa unterschiedliche Kulturen und Lebensweisen, zu werden. Für uns geht es darum zu fragen, was wir mit unseren Mitteln tun können: Vielleicht können wir das Unbewusste erreichen, Vorstellungskraft wecken, Zusammenhänge sichtbar machen oder einfach einen emotionalen Zugang schaffen. Der zerbrechliche Zustand der Welt mag erschlagen, verwirren, lähmen: Doch Kunst und Kultur haben ihre eigenen Strategien, über die Wahrnehmung der Schönheit ein Bewusstsein für die Welt zu schaffen. Das Projekt [plan · e] war auf ein Jahr hin angelegt. Kann man in so kurzer Zeit überhaupt etwas für ein so großes Thema bewegen? Wie sind Sie dieses Jahr angegangen, und was haben Sie umgesetzt? Uta Atzpodien: Ziel von [plan · e] war zuallererst, einen offenen Austausch anzuregen, damit in Kunst, Kultur und Natur offene Begegnungsräume für alle geschaffen werden. Für das Projekt gab es in Wuppertal eine längere Vorgeschichte. Schon bei den Bergischen Klimagesprächen 2018 und wenig später war die Kulturwissenschaftlerin, Pionierin für „Ästhetik und Nachhaltigkeit“ Hildegard Kurt mit Vortrag samt Lebendigkeitswerkstatt in Wuppertal zu Gast (DbZ 2/2019). Als Gründerin vom und.Institut für Kunst, Kultur und Zukunftsfähigkeit e.V. mit Sitz in Berlin, das die Trägerschaft für das Wuppertaler Projekt übernahm, zitierte sie in einem Vorgespräch den Geografen und Stadtplaner Karl Ganser: „Die Kunst ist der nächste Nachbar der Wildnis.“ So wie Kunst und Natur nach eigenen Regeln wild wuchern, entwickeln sich unsere Gedan59


Erdinstallation wERDschätzung – Künstler Freifrank am „Tag des Guten Lebens“ am 20. Juni 2021, Foto: Ralf Silberkuhl

ken allmählich erst beim Miteinanderreden und bei der Begegnung mit der Welt. Diese Erfahrung durfte [plan · e] bei der Expedition in der Wuppertaler Stadtgesellschaft vielfältig erleben: Als Kernteam haben wir uns zusammen auf den Weg gemacht, verschiedene Orte besucht und Aktionen gemacht, vor allem aber auch Ansätze miteinander verbunden, die es schon gibt, wie den Friedengarten der Alevitischen Gemeinde und den Tag des Guten Lebens. Passend zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys 2021 war der Künstler Frank Fischer alias Freifrank mit seiner Erd-Installation „wERDschätzung“ auf unsere Einladung hin Gast in Wuppertal. Er ließ Beuys‘ „Soziale Plastik“ zur „Ökologischen Plastik“ werden – Mensch und Natur verbunden in gestaltender Lebendigkeit. Am „Tag des guten Lebens“ 60

am 20. Juni 2021 richtete er auf dem Platz der Republik am Ostersbaum den Blick nach unten auf den Boden, auf die Erde, voll Demut und Neugier dafür, was sich unter uns alles abspielt. Im Alltag treten wir unsere Erde gedankenlos mit Füßen. Bei der Kunstinstallation war das Betreten des Humus gewünscht und ein besonderes, sinnliches Erlebnis. Unter dem Motto: „Be-Achten, Be-Gegnen, Be-Staunen, Be-Wahren“ haben sich [plan · e]-Teams an jenem Tag auf den Weg gemacht, den Ostersbaum erkundet, Interessierte aufgefordert, mit Freifranks „wERDschätzungsrahmen“ loszuziehen, um Wuppertals besondere Erd-Flecken zu fotografieren. Ganz im Sinne von Beuys, für den „letzten Endes, wenn man utopisch denkt, die ganze Welt zur Akademie wird“, wie er sagte.


wERDschätzung – Yvonne Grabowski, Foto: Ralf Silberkuhl

Was müssen wir uns denn unter diesem „wERDschätzungsrahmen“ vorstellen – und was waren weitere Erfahrungen, die Sie gemacht haben? Michael Felstau: Der „wERDschätzungsrahmen“ ist ein Stoffrahmen, der dazu einlädt, den eigenen Flecken Erde zu rahmen, ihn zu porträtieren und der Erde damit wieder mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung zu geben. Es ist eine Idee von Frank Fischer, Freifrank, der übrigens in Kombination mit kurzen Texten wERDschätzungen in Form von Fotografien weltweit gesammelt hat. Seine Website zeugt davon. Beeindruckt hat uns auch der von Burcu Eke-Schneider initiierte Friedensgarten. Bei einem Treffen mit der Alevitischen Gemeinde lernte [plan · e] eine humanistische und universalistische Religion ohne Absolutheitsanspruch kennen, für die der Koran, die Bibel, die Thora alle den gleichen Stellenwert haben. Das „wichtigste Buch zum Lesen“ ist für die Aleviten „der Mensch selbst“, wie der Mystiker Hacı Bektal Veli (1209-1295) sagt. Ihr Verhältnis zur Natur beruht auf dem Glauben einer Beseeltheit derselben. Aus diesem Grund ist es die Pflicht jedes Aleviten, die Natur zu schützen und in Frieden zu leben. Mansa Sabaghian: Darum, Körperbewegungen direkt aus der Begegnung mit der Natur heraus entstehen zu lassen, ging es in einem Tanzworkshop unter dem Titel „Natur bewegt“, zu dem die Künstlerin Julia Ferrer Vilchez mitten in den Wald am Ehrenberg eingeladen hatte. Die Künstlerinnen Gisela Kettner und Andrea Franke erkundeten in der Ausstellung „das wERDEn aus dem nICHts ist leben“ das Zusammenspiel von Erde, Boden, Kunst und Leben. Bei der Vernissage brachte der Musiker André Füsser die Erde

in ihrer Materialität zum Klingen. Gisela Kettners Erdbilder machen Bodenreiche sichtbar, entdecken das verborgene Werden und Vergehen und die Farbe vergangener geologischer Zeiten. In meiner Arbeit als Künstlerin, die ich aus dem Iran stamme, manifestieren sich – von der iranischen Architektur inspiriert – filigrane Strukturen und Liniennetzwerke als Ausdruck für komplexe Zusammenhänge auf der Erde sowie deren Schönheit und Verbundenheit. Ich habe dazu das Konzept des Designs von Muqarnas in der iranischen Architektur erforscht. Muqarnas sind ein feingliederiges Gewölbesystem, mit dem in Moscheen und Mausoleen Kuppeln ausgebildet werden. Für [plan · e] habe ich das architektonische Konzept der Muqarnas dynamisiert mit sozialer Interaktion und lebendigem Austausch in Beziehung gesetzt und habe einen Dokumentarfilm über den interkulturellen Dialog zum Start von [plan · e] produziert, der vom Konzept der Einheit im vielgliedrigen Pluralismus der iranischen Architektur inspiriert ist. Um das Zusammenspiel von kulturellem Erbe und lebendiger Erde auch anderen nahezubringen, organisierte ich einen Workshop zum Thema „Pflanzliche Ornamentik, Geometrie und Kunst in iranischer Architektur“. Zusammen mit türkischen, chinesischen und deutschen Kindern und Erwachsenen genossen wir die Welt der Pflanzenornamente der iranischen Kunst im Café ADA. Aktuell sind übrigens bis Ende Mai/Juni Arbeiten von Gisela Kettner und mir wie auch eine Gesamtdokumentation von [plan · e] im Foyer des Wuppertal Instituts zu sehen. 61


plan e-Wünsche aus der Gruppe um Künstlerin Julia Ferrer Vilchez, Foto: Anonym

Ist – ganz im Sinne der Nachhaltigkeit – in dem zurückliegenden Projektjahr etwas entstanden, das auch in Zukunft weiterhin wirken wird? Wird [plan · e] in irgendeiner Form weiter aktiv sein? Uta Atzpodien: Das Anliegen unserer partizipativen Kunstund Mitweltaktion besteht weiterhin: Wir brauchen einen [plan · e], um all den aktuellen Herausforderungen zu begegnen. Darauf aufbauend öffnen sich Möglichkeitsräume: etwa ein INSEL-Kulturgarten hinter dem Café ADA gemeinsam mit dem Kulturverein Insel e.V. und konkrete nachhaltige Perspektiven für die anstehende Gestaltung des Pina Bausch Zentrums. Für [plan · e] ist die Unterschiedlich- und Vielschichtigkeit der künstlerischen Erzählungen wichtig. Dabei geht es nicht einfach um nette Geschichten, es geht um Herz, Kopf, Verstand, letztendlich um die Transformation der Gesellschaft. Unsere künstlerischen Aktionen und die Natur können zusammenfinden. Unser Problem ist oftmals, dass wir Menschen unnötig und zu schnell Grenzen ziehen. Das Denken in Disziplinen, Abteilungen und Bereichen ist nicht nur in der Politik und Verwaltung ein Problem, sondern leider auch in der Kultur. Weiterhin wollen wir in Wuppertal im positiven Sinn das Grenzüberschreiten und ein Miteinander wagen und vorantreiben. Nicht trennende Gegensätze und Kämpfe sind zukunftsfähig, sondern das Verbindende, das Dazwischen und das daraus Entstehende. Willkommen sind alle, die sich damit verbinden und sich weiter vernetzen wollen. 62

Glauben Sie eigentlich, dass Wuppertal ein besonders geeigneter Ort für Ihre Initiative ist? Michael Felstau: Die Themen, um die es [plan · e] geht, sind sicherlich für jeden Ort relevant, denn das Problem der Bedrohung unserer Lebensgrundlage Erde ist universal. Aber tatsächlich offenbart sich unsere grüne Großstadt Wuppertal bereits als vielfältige Bühne für die Begegnung von Kunst und Kultur mit der Natur. Weltweit bekannt ist der Skulpturenpark Waldfrieden als Kunstort mit Kunstwerken inmitten der Natur. Hier erklingen Wandelkonzerte als ein lebendiges Format, im Zusammenspiel von Musik, Skulptur und Natur. Und es gibt weitere Orte, die sich diesem Konzept verschrieben haben. Im Klopphauspark an der Wolkenburgtreppe steht das Oktogon, das seit 2003 Universitätsgalerie für junge Kunst ist (vgl. DbZ 1/2019). 2009 hat der Künstler Oswald Gibiec-Oberhoff das Skulpturenprojekt im Botanischen Garten auf der Hardt ins Leben gerufen. „Der Wald und der Sturm“ hieß 2020 eine Ausstellung im Wuppertal Institut mit Werken von Kunstschaffenden aus dem Bergischen Land. Die Reihe „Wechselwirkungen“ wird seit 2014 mit Musik im Park von Annette Robbert für den Förderverein Historische Parkanlagen Wuppertal e.V. organisiert. Und das Orchester des Wandels besuchte 2021 den Permakulturhof Vorm Eichholz und spielte auf der Obstwiese am Clausen für die Initiative talbuddeln, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, für das Klima im gesamten Stadtgebiet Bäume zu pflanzen.


Station 5 der plan e-Erkundungsreise mit dem Workshop „Natur bewegt“ mitten im Wald, Foto: Uta Atzpodien

Mansa Sabaghian: Ja, all dies zeigt, dass es hier in Wuppertal für das Zusammenspiel von Kunst, Kultur und Natur einen fruchtbaren Boden gibt. Wuppertal ist eine Stadt, die für einen hohen Anteil an Migrantinnen und Migranten bekannt ist. Die Schwebebahn ist nicht das einzige Wahrzeichen von Wuppertal. Die Stadt hat viele Jahre lang die Hauptrolle als Heimat für Einwanderer gespielt. Es hat sich viel verändert, und jetzt ist die richtige Zeit, um das bunte, tolerante, hörende Wuppertal zu sehen. Es ist an der Zeit, die andere Seite seines Gesichtes zu zeigen, die vielen Vorbildern als Inspirationsquelle diente. Das Projekt zielt darauf ab, eine Weisheit zu verbreiten, die die Lebensqualität der Menschen in sich wan-

delnden Gesellschaften verbessert. Darüber hinaus soll eine Zukunft dargestellt werden, in der Tradition und Moderne sowie Technologie die Möglichkeit bieten, sich unterschiedlichen Menschen zu nähern und sie anzuerkennen. Denken Sie daran, dass die Achtung der Artenvielfalt zur Achtung der Mitwelt und zum Schutz der Natur und schließlich der Erde, unserer Heimat, führt. Auf der Website http://plan-e.earth/ finden sich weitere Informationen, Momentaufnahmen und Filme, auch zu den Kunstwerken, die auf der Erkundungsreise entstanden sind.

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Helga Meister,

Jens Casper, Luise Rellensmann (Ed.),

Düsseldorf: Kunst im Freien,

Das Garagenmanifest,

232 Seiten mit 129 Farbabbildungen,

176 Seiten mit 18 Farbabbildungen

Broschur, flexibler Umschlag,

und 80 s/w-Abbildungen und Plänen,

24 x 16 cm,

Klappenbroschür, 20 x 13 cm,

Verlag Peter Tedden, 28,- €

Park Books, 25,- €

Neue Kunstbücher vorgestellt von Thomas Hirsch

Leicht und so viel

Welche Entwicklung nehmen Kunstbücher? Sind die Produzentinnen und Konsumenten – die Verlage, Museen, Künstlerinnen und das Publikum – das große Format, also die dicken schweren Kunstbücher, leid? Im Moment dominieren ganz eindeutig Hardcover-Bände, und schon das kann man als Verzicht verstehen: auf den Schutzumschlag, der dem Buch Volumen verliehen hat und althergebracht feierlich wirken mag, auch wenn er nur schön und angenehm zu halten ist. Vielleicht schwingt nun die Erkenntnis mit, dass Umfang und Aufmachung eines Buches kam noch Auskunft über die Bedeutung oder Anerkennung eines künstlerischen Werkes geben. Der Anlass zu einem Buch ist oftmals nicht mehr die Ausstellung, Verkaufsschlager sind Kunstbücher sowieso nicht, wenn wir von dem üblichen Dutzend Kunstschaffenden absehen. Kunstbücher sind Fachliteratur, obzwar sie visuell zu empfinden sind. Die Grenzen zwischen Ausstellungskatalog und dem vom Ausstellungsanlass unabhängigen Buch also sind fließend, und zunehmend setzt sich ein kollektiver Pragmatismus beim Büchermachen durch. Das Papier wiegt leichter. Die fest gebundene, flexible Broschur hat sich etabliert, mit dem glatten, belastbaren Umschlag. Bei dem Buch von Helga Meister „Düsseldorf. Kunst im Freien“ macht das zusätzlich Sinn. Vorgestellt wird eine Auswahl von 125 Skulpturen von 90 Kunstschaffenden auch vergangener Jahrhunderte im öffentlichen Raum der Landeshauptstadt, und zwar so anregend und inspirierend, dass man das Buch in die Hand nehmen, aufs Fahrrad steigen und direkt zu den Werken fahren möchte. 64 70

Man müsste nicht einmal wissen, dass Helga Meister die wichtigste Stimme der Kunstpublizistik in Düsseldorf ist. Dass sie seit mehr als einem halben Jahrhundert die Kunstszene der Stadt mitsamt ihrer berühmten Kunstakademie begleitet und sich nach wie vor engagiert den jüngsten Künstlerinnengenerationen widmet, ohne die vorausgehenden zu vergessen. Das aber wird im Buch zu den öffentlichen Skulpturen und ihren Produzenten deutlich, in dem Helga Meister die Künstlerinnen und Künstler selbst zu Wort kommen lässt, tief in der Entstehung der Werke recherchiert hat und sich differenziert zu den technischen Verfahren äußert. Und dann fällt auf, wie viel Kunst doch im öffentlichen Raum steht, wie konventionell diese aber inzwischen wirkt – und dass das wahrscheinlich auch auf andere Großstädte übertragbar ist. Der Kaufpreis des Buches? Gemessen an der Informationsdichte und der Arbeit, die drinsteckt, ein Schnäppchen. Ein weiteres Buch zu Denkmälern im öffentlichen Raum ist, mutig so von den Autoren benannt, „Das Garagenmanifest“. Es handelt sich um eine sachliche, weniger liebevolle als konstatierende Rekapitulation des Garagenbaus in der DDR anhand von neun Beispielen dieser Alltagsarchitektur, die einzelne Garagen zu Anlagen zusammenfasste, errichtet ab Mitte der 1960er-Jahre. Nüchtern im Taschenbuchformat wird der Bestand und die Nutzung beschrieben, also was sie außer dem Auto (oder stattdessen) beherbergten, wie der Raum aufgeteilt wurde. Die Garagen repräsentieren bedingt noch die Architektur und den


Yinka Shonibare CBE: End of Empire, Man Ray,

deutsch/englisch,

Magier auf Papier,

216 Seiten mit

deutsch/englisch, 160 Seiten,

137 Farbabbildungen,

mit 75 überwiegend farbigen

Klappenbroschur,

Abbildungen, Hardcover,

28,5 x 24,5 cm,

21 x 15 cm, Kerber, 26,50 €

Hirmer, 39,90 €

Städtebau im Sozialismus. Sie kennzeichnet das dezidiert Funktionale, und so wie sie im Verbund auf- oder nacheinander folgen, so repräsentieren sie zugleich Widerborstiges in der Konformität. Die Fotografien dieses Büchleins vermitteln das Marode, aber das ist ja klar, wenn die Gebäude über Jahrzehnte schon bestehen. Das kann man jetzt als Archäologie eines vergangenen Systems lesen, man kann sich Gedanken machen, ob und wie sich die Garagen von denen in der damaligen Bundesrepublik unterscheiden, und die Aufnahmen, darunter auch viele Details, wie eine Bildergeschichte ohne Pointen lesen. Oder: Die Pointe ist, dass es keine Pointe gibt. Auch solche Bücher haben ihren Reiz über die Fachwissenschaften hinaus, zumal wenn sie handwerklich so professionell gemacht sind wie das vorliegende. Nur wenige Zentimeter größer, aber erstaunlich gewichtig wirkt in seinem Hardcover eine Monografie zum Werk von Man Ray: Magier auf Papier und der Zauber der Dinge. Und so handlich sie doch bleibt, so schnell man durchblättern könnte, enthält sie doch immerhin 75 WerkAbbildungen, die in der Abfolge der künstlerischen Gattungen, als vorsichtige Mischung aus Chronologie und Formsprache, diesen besonderen Künstler zwischen Dadaismus und Surrealismus verdeutlichen. Man Ray, der – ein US-Amerikaner – eigentlich Emmanuel Rudnitzky hieß und von 1890 bis 1976 lebte, war befreundet mit Max Ernst und Marcel Duchamp, Paul Éluard und Hans Arp: In dieser Kombinatorik und Assoziationsfähigkeit ist sein Werk aus fotografischen Porträts, Zeichnungen, Malerei, Fotoexperi-

menten und Objekten angelegt. Im Katalog-Buch, das zur letztjährigen Ausstellung in der Kunsthalle Jesuitenkirche in Aschaffenburg erschienen ist, erschließt sich alles ohne allzu viele Worte. Wunderbar! Bei Yinka Shonibare: End of Empire liegt die Sache der Repräsentation in Buchform etwas anders. In der Hauptsache entwickelt der englische Künstler afrikanischer Herkunft theatralische Installationen, die das große Abbildungsformat bedingen. Seine Projekte, die auf der documenta ebenso wie auf der Biennale Venedig für fasziniertes Aufsehen sorgten, sind aufwendig, farbenprächtig, lassen Kutschen schweben und ihre Akteure in prächtigen Kostümen des Viktorianischen Zeitalters auftreten. Dieses dient dem 1962 geborenen, vielfach ausgezeichneten, in London lebenden Shonibare als Topos, um mittels installativer figurativer Inszenierungen und Skulpturen, Filme und inszenierter Fotografien Fragen des Kolonialismus, zum Zustand von Weltbildern mit ihren Verstrickungen, kollektiven Rollenzuweisungen und Machtstrukturen aufzuwerfen. Die Werke können als rein ästhetische, in Form gesetzte Erlebnisse und opulente Erzählungen bestaunt werden, ehe es an die Dekonstruktion geht. Dieser gedankliche Prozess lässt sich im Buch zur Ausstellung im Museum der Moderne in Salzburg – mit Schwerpunkt auf der letzten Dekade – gut nachvollziehen. Großzügig, gut lesbar und nicht belehrend, entspricht es dem Leichtfüßigen der visuellen Beiträgen. Es macht Spaß, sich mit dem ernsten Werk von Yinka Shonibare zu beschäftigen. 65 71


Kulturtipps

Sa., 7. Mai bis Do., 2. Juni 2022

Julio Rondo, Berlin Gary Stephan, NY

Benjamin Appel, Malerei

Ausstellungen

bis Samstag, 30. April 2022 Andreas Wünschirs, Fotografie

Galerie Grölle pass:projects

„Bilder eines Jungen“

Friedrich-Ebert-Str. 143e, 42117 Wuppertal

Er ist 13 Jahre alt, wohnhaft in Ost-Berlin, Hauptstadt der DDR, als man ihm seine Kamera schenkt. Bis Anfang seines 20. Lebensjahres belichtet Andreas Wünschirs mit großer Leidenschaft nahezu 20000 Bilder von Straßenbahnen, Lokomotiven und Menschen. 30 Jahre später sichtet er sein Frühwerk.

bis Samstag, 30. April 2022 Benjamin Appel

„Das Haus mit Beton füllen“ Malerei, Installation Benjamin Appel beschäftigt sich in seiner konzeptuellen Malerei seinen Skulpturen, Videos und Textarbeiten mit dem Rechteck und dem daraus folgenden rechten Winkel. Seine Untersuchungen konzentrieren sich auf das Wechselverhältnis von Mensch und Raum. Ein wichtiges Thema ist das Verhältnis des Subjekts zur Realität und wie dieses durch das Rechteck beeinflusst wird. Die Konstruierbarkeit einer Realität im rechteckigen Raum zeigt sich z. B. in einem Landschaftsfoto, einer Wand, einem Teppich, einem Bett, einer Tür oder einer Betonplatte. In seinen neueren Arbeiten mit Text erinnert er ironisch an das Werk von Rachel Whiteread und an Aufrisse und Grundrisse räumlicher dreidimensionaler Objekte. 66

Andreas Wünschirs, Foto

Die transparenten Hinterglasmalereien von Julio Rondo (Jg. 1952), die objekthaft aus zwei voneinander getrennten Ebenen bestehen, sind eine reine Inszenierung von Malerei: Farbe, Licht, gestisch-lyrische Abstraktion, analytisch-konzeptionelle Überlegungen, Material und paradoxe Prozesse – Geschwindigkeit und Stillstand zugleich. Feste, abstrakte Pinselsetzungen und Farbflächen stehen im Kontrast zu exakt kalkulierter und mit Airbrush ausgeführter scheinbar graffitihafter Gestik. Diese AirbrushTechnik hinter Glas lässt keine Fehler zu. In ihr sieht Rondo das ideale Medium, um gezielt die Illusion einer vermeintlichen Spontaneität und Zufälligkeit zu erzeugen. Der New Yorker Gary Stephan (Jg. 1942) arbeitete als Studioassistent von Jasper Johns, bis er 1970 in der David Whitney Gallery regelmäßig auszustellen begann. Seine Arbeit zählt zu den am stärksten beachteten Entwicklungen der frühen 1970er-Jahre. Er lehrt an der Fakultät der School of Visual Arts/N.Y.


Sammlung Philara Birkenstraße 47a, 40233 Düsseldorf noch bis Sonntag, 26. Juni 2022

Adjustable Monuments

Barbara Kroll

galerie#23 Frohnstraße 3, 42555 Velbert-Langenberg

Welche Formen der Erinnerung braucht die Zukunft? Ausgehend von Konflikten rund um unsere Erinnerungskultur erleben wir zurzeit in verschiedenen Teilen der Welt eine Neubewertung von Denkmälern. In diesem Kontext stellt die Gruppenausstellung Adjustable Monuments die Frage, an wen, woran und vor allem in welcher Form wir uns zukünftig erinnern wollen. Neun Positionen internationaler Künstlerinnen und Künstler bzw -Kollektive stellen Aspekte einer zeitgemäßen und zukunftsfähigen Erinnerungskultur zur Diskussion. Mit Werken von Azra Akšamija, Maximiliane Baumgartner & Alex Wissel, Black Quantum Futurism, Michael Blum, Danielle BrathwaiteShirley, Zuzanna Czebatul in

Kooperation mit Lazaro Rincón, Léa Mainguy, Jullie Bijoux, Zoé Couppé, Natália Drevenáková, Kristýna Gajdošová, Yuliya Herhalava, Marie Olšáková, Samuel Stano, Marie Zandálková, Aleksandra Domanovic, Petrit Halilaj, Ayrson Heráclito und Ülkü Süngün. Die Ausstellung wird mit Unterstützung der Kunststiftung NRW und des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds realisiert. www.philara.de Öffnungszeiten: Fr. 16 bis 20 Uhr, Sa.14 bis 18 Uhr und So. 14 bis 18 Uhr.

Galerie Nautilus Studio Osterfelder Str. 6, 42103 Wuppertal noch bis Sonntag, 24. April 2022

Im Wandel – Poul Dohle und Wladimir Vollmer Die Werke von zwei „Fantasten“ verwandeln die kleine Galerie Nautilus

Petrit Halilay, Very volcanic over this green feather, 2021, Installation view, Foto: Kai Werner Schmidt

So., 1. Mai bis So., 3. Juli 2022

EVAs Weg

Acht Künstlerinnen und Künstler zeigen ihre Lebenserfahrungen und Sicht zu „EVAs Weg“ in Form von Malerei, Skulptur, Fotografie, Installation und Kurzfilmen: Annette Balvert, Fatimah Hossaini, Barbara Kroll, Enoh Lienemann, Roger Löchterbach, Katharina Lökenhoff, Ahang Nakhaei und Helmut Warnke. Vernissage am So., 1. Mai, 12 bis 17 Uhr. Finissage am So., 3. Juli mit einer musikalischen Lesung „Spuren in den Iran – Feuer fragt nicht“ mit der Autorin Mitra Gaast, der Sängerin und Dichterin Sanaz Zaresani und Multiinstrumentalist und Komponist Benjamin Stein. Termine während der Ausstellungszeit können unter 02052/9258363 vereinbart werden. 67


Wladimir Vollmer

Studio im Wuppertaler Luisenviertel derzeit in eine Märchenwelt. Altmeisterlich detailreich zeichnet der in Münster lebende Illustrator Helmut „Poul“ Dohle seine von Trollen, Elfen und anderen Märchenwesen bewohnten fantastischen Welten, die an die Arbeiten der großen Wuppertaler Illustratorin Sulamith Wülfing erinnern. Den Werken des in Solingen lebenden Künstlers Wladimir Vollmer sieht man seine Affinität zum Fantasy Genre an – und seinen erlernten Beruf des Vergolders. Zauberhafte großköpfige Menschenwesen und freundliche Monster entführen in Traumwelten, die umgeben von Goldgrund eine kostbare Anmutung entfalten. Finissage mit den Künstlern am Sonntag, 24. April 2022, 16 Uhr. www.nautilusstudio.net

rischer Drucktechniken als immaterielles Kulturerbe reiht sich die Ausstellung der drei Künstlerinnen Ulla Riedel, Tati Strombach-Becher und Teresa Wojciechowska ein. Auf der Basis fundierter Kenntnis, handwerklicher Expertise und eines kreativen Umgangs mit heutigen technischen Möglichkeiten zeigen die drei Druckerinnen eine spannende Grafik-Schau. Eröffnung: Sonntag, 27. März 2022, 11 Uhr, www. schauraum-Wachszinshaus.com

Oktogon Wuppertal Wormser Straße 55, 42119 Wuppertal Eröffnung, Samstag, 23. April 2022 Finissage, Sonntag, 12. Juni 2022 jeweils 15 bis 18 Uhr Einzelausstellung

„Weiter gehend“

von Hannah Kons in Rahmen einer Kooperation mit der Kunstakademie Münster, Prof. Mariana Castillo Deball Künstlergespräch Dienstag, 10. Mai 2022, 18 Uhr Moderation: Prof. Katja Pfeiffer Individuelle Besichtigungen sind möglich. Anmeldung: oktogon@uni-wuppertal.de

Schauraum Wachszinshaus

Hengesbach Gallery

Kichplatz 14, 45525 Hattingen

Vogelsangstraße 20, 42109 Wuppertal

noch bis 27. Mai 2022

noch bis Freitag, 29. April 2022

Inspiration Druckgrafik In die Reihe der Würdigung künstle-

Christof John – Parallaxis So., 8. Mai bis Fr., 24. Juni 2022

Tristan Ulysses Hutgens – Stein im Haus Eröffnung, Sonntag, 8. Mai 2022, 11 bis 15 Uhr Im Fokus der bildhauerischen Aufmerksamkeit von Tristan Ulysses Hutgens steht nicht die individuelle Ulla Riedel, Tati Strombach-Becher und Teresa 68 Wojciechowska, Foto: Willi Barczat

Formfindung, sondern das Erforschen des Wesens des Materials. Hierfür muss er das Material bearbeiten, die Bearbeitungsmöglichkeiten auf ihre Konsistenz prüfen, die Prozesse der Bearbeitung immer und immer wieder vollziehen und sie dabei mitunter auch überreizen. In einer solchen Überreizung gibt das Material uns erstaunlich sinnliche Geheimnisse preis, nicht nur über sich selbst, sondern auch über unsere Beziehung, unsere Nähe zu ihm, unsere Empfindungsmöglichkeiten und auch über unser eigenes Selbstverständnis, darüber, wie wir uns als materielle Wesen inmitten der prozesshaften Natur verstehen. Ein grundlegender Schritt ist immer wieder, die Außenseite und die Innenseite des Materials zu vertauschen, es umzustülpen, es aufzuschließen und wieder zu verschließen, es zu verdrehen und zu wenden, es heiß werden zu lassen und es abzukühlen, ihm Nahrung zuzuführen, seine chemische Konsistenz mittels anderer Materialien wie Säuren und Laugen offenzulegen und in all dem Tun das Licht auf es zu werfen und das Licht durch es scheinen zu lassen und es wieder gegen das Licht zu verschließen, um von seinem Geheimnis etwas zu lüften und es doch als Geheimnis zu bewahren. www.hengesbach-gallery.com From-Top-Inside-Out, Tristan Ulysses Hutgens, 2021


Nikolai Klassen

Axel Mölkner-Kappl

Kunstmuseum Solingen Wuppertaler Str. 160, 42653 Solingen noch bis Sonntag, 24. April 2022

ZEITREISE 1817 – 2022 Friederich August De Leuw 1817 – 1888 und Hiroyuki Masuyama *1968 Bildern aus dem 19. Jahrhundert des aus Gräfrath stammenden Malers Friedrich August de Leuw werden Werke von Hiroyuki Masuyama gegenübergestellt, der seine Fotografien im 21. Jahrhundert digital bearbeitet. Beide Künstler haben an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert. Dabei war der 1968 in Japan geborene Künstler auf der Suche nach den gleichen Landschaftsvorbildern wie De Leuw, die er mit digitaler Technik zeitgemäß wiedergibt. Der bekannte Felsen „Rheingrafenstein“ an der Nahe diente zahlreichen Malern der Romantik als Motiv. Friedrich August De Leuw war 1876 an diesem markanten Ort, um zu malen. Zur gleichen Zeit hielt sich William Turner dort auf, um in der Natur zu skizzieren. Hiroyuki Masuyama fotografierte den Felsen aus gleicher Perspektive wie die Maler des 19. Jahrhunderts. Hunderte digitaler Fotografien fügte er zu einem Bild zusammen, das mithilfe von Licht und Leuchtkasten zu spektakulärer Wirkung gelangt. Neben der kunsthistorischen Analyse der

verschiedenen Epochen thematisiert Hiroyuki Masuyama die Ästhetik von Landschaft. Wie unterscheidet und wie gleicht sich das emotionale Verhältnis des Menschen zur Natur im Laufe der Jahrhunderte? Der Vergleich der beiden Positionen eröffnet zahlreiche spannende Perspektiven und stellt tiefgründige Themen in den Fokus: Was verbindet den digital geprägten Menschen mit der Romantik des 19. Jahrhunderts? Warum ist die Sehnsucht nach Landschaft und Natur durch alle Zeiten ein Grundbedürfnis menschlichen Empfindens? Wie vermittelt Kunst als Ausdrucksträger dieses Empfinden in der Gegenwart? Die Ausstellung gibt Antworten, die rational und emotional erlebbar sind und den Horizont erweitern. (red) www.kunstmuseum-solingen.de Plakat zur Ausstellung

noch bis Sonntag, 29. Mai 2022

Zukunft bedenken – Solingen lässt Mohnblumen blühen Blutroter Klatschmohn galt nach 1918 in Frankreich, in England und den Ländern des Commonwealth als Zeichen des Gedenkens für die Opfer des Ersten Weltkriegs. In Solingen installiert der Münchner Künstler Walter Kuhn gemeinsam mit Dieter Fervers 200 Mohnblumen auf dem Museumsvorplatz als Mahnung für den Frieden und die Freiheit. Auf dem Münchner Königsplatz waren es im November 2018 dreitausend hüfthohe Mohnblumen, mit denen Walter Kuhn den geschichtsträchtigen Ort in eine raumgreifende Installation mit Symbolkraft verwandelte: „NEVER AGAIN“ lautete das Motto. Für diese Kunst- und Friedensaktion wurde er mit dem Preis der „Münchner Lichtblicke 2018“ ausgezeichnet. In Solingen stehen die Mohnblumen als Mahnblumen für Vergangenes, aber auch als Sinnbild für eine menschenwürdige Zukunft. Das Motto lautet: „Aus Vergangenheit lernen, Zukunft bedenken“. Ergänzend zu den Blumen werden vor und im Museum vielfältige Texte und weitere Kunstwerke gezeigt, die mit dem Thema der Installation assoziiert sind. www.kunstmuseum-solingen.de 69


Bühne

Ensemble Filidonia, Foto: Filidonia 2021

Kultshock Stockter Straße 142-148, 42857 Remscheid Samstag, 16. April 2022, 20.30 Uhr,

„Wo wachsen Wurzeln?“

Eine performative Annäherung an das Thema Heimat mit dem Experimentellen Musik- und Tanztheater Filidonia Heimat – was verbindet jeder einzelne von uns mit diesem Wort? Finde ich meine Heimat in mir? Oder an einem Ort? Kann ich sie wechseln? Was passiert, wenn ich sie verlasse? Verliere ich sie oder kann ich sie mitnehmen? Wo möchte ich Wurzeln schlagen? Die Idee der Heimat kann unterschiedliche und sich widersprechende Gefühle auslösen. Gebräuche, Traditionen, gemeinsame Erlebnisse und Erzählungen können uns Heimatgefühle vermitteln. Die Künstler des Ensembles Filidonia stammen aus Korea, China, England, Österreich, Chile, Spanien, der Ukraine und Deutschland. Sie bringen ihre je eigenen Sichtweisen zu dem Thema mit. Die jungen Performer, die Musik mit Schauspiel, Tanz und Kunst gleichberechtigt verbinden, laden das Publikum ein, in den von Filidonia geschaffenen Erfahrungsraum einzu70

treten. Ganz nah an der Kunst oder auch inmitten kann der Besucher so mit seinen individuellen Erfahrungen die Performance bereichern und mitgestalten, im Wechselspiel von Impressionen und eigenen Erwartungen beeindruckt werden. Weitere Aufführung: Samstag, 23. April 2022, 20.30 Uhr, Kulturzentrum Immanuelskirche, Sternstraße 73, 42275 Wuppertal. Karten: www.wuppertal-live.de

Studio double c

nicht allzu oft, uns von dem unangenehmen, nicht planbaren Zufall zu befreien? Ich selbst nehme den Zufall als schöpferisches Werkzeug für meine Arbeit. Dabei führe ich kein dadaistisches Experiment durch, sondern erlebe, wie weit der Zufall uns bereichern und erleichtern kann“, erklärt die Tänzerin, Autorin und Choreografin Chrystel Guillebeaud. (red) Weitere Aufführungen: Samstag, 30. April, 20 Uhr, und Sonntag, 1. Mai, 18 Uhr. Karten: www.wuppertal-live.de

Hofaue 8a, 42103 Wuppertal Premiere Freitag, 29. April 2022, 20.30 Uhr

„Tanz-Poesie über Chaos und Kausalität“ Ein „Komödien-Ballet“ nennen die beiden Wuppertaler Tänzerinnen Bénédicte Billiet und Chrystel Guillebeaud ihre gemeinsame Kreation mit dem skurrilen Titel „Papillon in die beurre“ (Regie: Vanessa Radman). Das Stück zeigt eine poetische Auseinandersetzung mit Chaos und Kausalität. Zwei Experimentierende beschäftigen sich mit der Regelhaftigkeit der Welt und verirren sich im Labyrinth ihrer Theorien. Markante Motive, Tanz-Partikel sowie Texte von Chrystel Guillebeaud und Mitch Heinrich fügen sich zu einer bildstarken und absurden Labor-Welt. „Wie beeinflusst der Zufall unser Leben? Versuchen wir

Hendrika Entzian, Foto: Stefanie Marcus

Musik: Peter Kowald Gesellschaft/ ort e. V. Luisenstraße 116, 42103 Wuppertal Samstag, 23. April 2022, 20 Uhr

„Hendrika Entzian Quintet“ Sandra Hempel (Gitarre), Matthew Halpin (Saxofon), Simon Seidl (Piano), Hendrika Entzian (Bass), Fabian Arends (Schlagzeug) Die Musik des Quintetts um die Kontrabassistin Hendrika Entzian lockt mit akustischen Klängen, songsartigen Strukturen und einer offenen Spielhaltung, die Grenzen zwischen Komposition, Interaktion und Improvisation verschwimmen lässt. Die facettenreichen Stücke wirken gleichzeitig modern und zeitlos, setzen sich bewusst von kurzlebigen Trends ab, vereinen unaufdringliche Eleganz und subtile Energie.


„Ensemble Ay featuring Nina de Heney“ Foto: Marc Strunz-Michels

Samstag, 14. Mai 2022, 20 Uhr

„Double Exposure“

Salome Amend (Vibrafon, Elektronik, Präparationen), Raissa Mehner (E-Gitarre, Elektronik, Präparationen) Die „Double Exposure“ (dt. Doppelbelichtung) lässt in der Fotografie zwei Objekte füreinander durchlässig werden und hält so mehrere Realitätsebenen in einem Bild fest. In diesem Fall lassen sich die Wuppertaler Vibrafonistin Salome Amend und die Kölner E-Gitarristin Raissa Mehner klanglich auf die gegenseitige Überblendung und Durchleuchtung ein und schaffen gemeinsam Verwobenes und Kontrastierendes.

Samstag, 28. Mai 2022, 20 Uhr

„Kaufmann – Gratkowski – de Joode“ Frank Gratkowski (Altsaxofon, Klarinetten, Flöten), Achim Kaufmann (Klavier), Wilbert de Joode (Bass) Achim Kaufmann, Frank Gratkowski und Wilbert de Joode fanden als Trio zum ersten Mal Anfang 2002 in Amsterdam zusammen. Seither haben sie auf vielen Tourneen und Konzerten ihre Musik kontinuierlich weiterentwickelt und vertieft, nachzuhören auf bislang fünf CDs. Das Trio vereinigt die Transparenz zeitgenössischer Kammermusik mit der Energie, Pointiertheit und Unberechenbarkeit des Jazz und anderer rhythmisch aggres-

siverer Musiken. Die Musik des Trios war von Anfang an frei improvisiert, aus dem Moment geboren. Es gab und gibt keine Proben und Absprachen, keine konzeptionellen Vorabüberlegungen, und doch klingt vieles an der Musik des Trios „wie auskomponiert“ – eine Tatsache, die schon manche Zuhörer, Rezensenten oder Musikerkollegen verwirrt hat. Sonntag, 19. Juni 2022, 20 Uhr Reihe „all female“: „Ensemble Ay featuring

Nina de Heney“

Bo Sung Kim (Percussion), Saadet Türköz (Vocal), Gunda Gottschalk (Violine), Ute Völker (Akkordeon). Als Gast: Nina de Hey (Kontrabass). Vier charakterstarke Frauen formieren ein Quartett und widmen sich der freien Improvisation. Jede einzelne von ihnen bringt ihre Erfahrung und ihre musikalischen Wurzeln in diese Formation ein. Im Zusammenspiel entdecken sie archaische Ausdrucksformen und neue Klangwelten. Die Musik erzählt von Werden und Vergehen, von Lachen und Weinen und von Heimat und Fremde. Ihre Konzerte sind Reisen mit unbekannten Weltkarten. Ensemble Ay nimmt die Hörerinnen und Hörer mit auf kurvige Wege ins Ungewisse. Mehr Infos: www.kowald-ort.com Tickets: www.wuppertal-live.de

Kulturzentrum Immanuel e.V. Sternstraße 73, 42275 Wuppertal Freitag, 15. April, 18 Uhr

„Stabat Mater“ von Joseph Haydn Chor der Konzertgesellschaft Wuppertal, Mitglieder des Wuppertaler Sinfonieorchesters u.a. (Leitung: Georg Leisse) Der Chor der Konzertgesellschaft

Wuppertal e.V. lädt am Karfreitag 2022 zur Aufführung des Stabat Mater von Joseph Haydn in die Immanuelskirche ein. Als größter Oratorienchor Wuppertals konzertiert der Chor regelmäßig mit dem Sinfonieorchester Wuppertal im prachtvollen Großen Saal der Historischen Stadthalle. Auch dieses Konzert wird von Mitgliedern des Sinfonieorchesters Wuppertal mitgestaltet, gemeinsam mit bekannten Solistinnen und Solisten. Das Stabat Mater wurde 1768 in Wien unter Haydns Leitung uraufgeführt und entstand als Auftragswerk des Fürsten Esterhazy, dem großen Förderer Haydns in Eisenstadt. Das Werk wird trotz seiner Popularität zur Zeit seines Entstehens heute eher selten aufgeführt. Ergänzt wird das Hauptwerk des Abends durch ein Adagio und die Fuge c-moll für Streichorchester von Mozart sowie zwei A-cappella Beiträge. Freitag, 6. Mai, 20 Uhr Salon Knallenfalls präsentiert:

Max Uthoff „Moskauer Hunde“

„Natürlich gibt es an diesem Abend auch anderes zu tun. Wenn Sie sich nicht ernst genommen fühlen wollen, schalten Sie den Fernseher an. Wenn Sie die Sehnsucht nach Wahrnehmung plagt und Sie gerne auf ihre Funktion als Konsument reduziert werden, rein ins Netz mit Ihnen. Wenn Sie grundsätzlichen Zweifel an den Entscheidungen ihres Lebens verspüren wollen, schauen Sie doch einfach mal, wer da neben Ihnen im Bett liegt. Oder sie verbringen einen Abend mit Max Uthoff, der Ihnen alle diese Gefühle auf einmal verschafft. Ein Abend, der einen anderen Menschen aus Ihnen macht: Zwei Stunden älter und mit weniger Geld in der Tasche.“ So verspricht es die Presseankündigung für diesen Abend mit dem Kabarettisten Max Uthoff. 71


Es spielt das Orchester der Hochschule für Musik und Tanz Köln, Standort Wuppertal, unter Leitung von Prof. Dr. Barbara Rucha. Auf dem Programm: Johann Sebastian Bach: Violinkonzert in E-Dur, BWV 1042 (Solist: Casper Hesprich, Violine); Johann Baptist Georg Neruda: Konzert für Trompete und Orchester, Es-Dur (Solist: Manuel Torres Reyes, Trompete), Johann Sebastian Bach: Brandenburgisches Konzert Nr. 5, D-Dur, BWV 1050 (Solistinnen und Solisten: Sarah Yang, Violine, Elena La-Deur, Flöte, Elöd Ambrusz, Cembalo); Leo Brouwer: Tres danzas concertantes (Solistin: Émilie Fend, Gitarre); Jaques Hétu: Concerto pour guitare (Solist: Elio Laporterie, Gitarre). Der Eintritt ist frei.

Wolfgang Eichler. Als langjähriges Ensemblemitglied des Wuppertaler Tanztheaters beeindruckte Regina Advento nicht nur mit ihrem Tanzstil, sondern überraschte immer wieder mit Gesangseinlagen in verschiedenen Stücken von Pina Bausch. Dabei liegt der Schwerpunkt bei vertrauten Klängen ihrer Heimat wie dem Bossa-Nova und dem MPB (Música Popular Brasileira). Wolfgang Eichler ist nicht nur mit seinem eigenen Quartett, das seinen Namen trägt, sondern auch mit seinen Kompositionen im „German Book“ bekannt geworden. 2010 veröffentlichte er sein letztes Album „Entfernung vom Nullpunkt“. Auch Theaterproduktionen und Filme profitieren immer wieder von seinem musikalischen Zutun, und seine „Piano Café“-Reihe ist eine feste musikalische Einrichtung in Wuppertals Musiklandschaft.

Bandfabrik Kultur am Rand e.V.

Pasta & Sounds

Donnerstag, 9. Juni, 19.30 Uhr

Konzert der Talente II

Schwelmer Straße 133, 42389 Wuppertal-Langerfeld Freitag, 8. April 2022, 20 Uhr

Regina Advento – Gesang, Wolfgang Eichler – Piano Die brasilianische Sängerin Regina Advento und der Wuppertaler JazzPianist Wolfgang Eichler präsentieren bekannte und weniger bekannte, aber genauso schöne brasilianisch-südamerikanische Melodien im Jazz-LoungeStil und Latin-Jazz-Kompositionen von

72 Advento/Eichler, Foto: Frank Struckmeyer

Freitag, 29. April, 20 Uhr

Friday Night Jazz Club feat. Koi Trio Koi „Khabirpour, Oli und Ich“ wurde 2010 als Bandprojekt des Kölner Bassisten Matthias Akeo Nowak ins Leben gerufen. Eigene Kompositionen spielen, gemeinsam experimentieren, dem Gegensätzlichen Raum geben, komplementäre Verknüpfungen bilden, dabei die Jazztradition nicht aus dem Auge verlieren - nur ein Ziel, das sich die drei Musiker gesetzt haben, um dem Teufelskreis sich kopierender Jazztrios zu entkommen. Mit seinen Freunden Riaz Khabirpour (Gitarre) und Oliver Rehmann (Schlagzeug) hat Matthias ideale Partner gefunden, um diesen eigenen Bandsound zu kreieren. Rockeinflüsse, serielle Strukturen und improvisationsoffenes Material bilden Ausgangspunkte dieser zeitgemäßen Jazzmusik, deren Idee von Lebendigkeit durch den Bebop eines Charles Mingus inspiriert ist.

Kanahi Yamashita, Foto: Christoph Sauer

Sonntag, 29. Mai, 11 Uhr

Klassik am Rand – Matinee Kanahi Yamashita Katsuya Watanabe Kanahi Yamashita, mehrfache Stipendiatin und Preisträgerin internationaler Wettbewerbe für Konzertgitarre, und Katsuya Watanabe, Preisträger des Grand Prix im Oboen-Wettbewerb und von 1992 bis 1996 Solo-Oboist im Sinfonieorchester Wuppertal, bringen eine Zusammenstellung von Solostücken für Gitarre und von Werken für Gitarre und Oboe zu Gehör. Auf dem Programm stehen exquisite Kostbarkeiten von Komponisten des 19. bzw. 20. Jahrhunderts wie Napoléon Coste, Ferdinand Rebay, Karl Pilss und Jaques Ibert. Udo Mertens führt unterhaltsam durch das Programm. Zur Begrüßung gibt es ein Glas Prosecco. Im Anschluss an das Konzert besteht die Möglichkeit, mit den Musikern ins Gespräch zu kommen.

Samstag, 4. Juni, 20 Uhr Florence Launay & Michael Cook „Pour l‘amour de Piaf“ Florence Launay (Gesang) und Michael Cook (Klavier) entführen das Publikum in die Welt der großen Edith. Geträumtes Leben, gelebter Traum. Piaf, Heldin ihrer Lieder, mit Liedern, die sind wie sie: Die Romantikerin aus „L‘Hymne à l‘amour“ und „La Vie en rose“, die Prostituierte aus „Milord“, „C‘est à Hambourg“, „L‘Accordéoniste“, die leidenschaftliche Geliebte aus „Mon Dieu!“, das arme Mädchen aus „Les Amants d‘un jour“... Und überall die Männer, lebende oder erfundene: Fremde, Soldaten, Matrosen, Boxer, Sänger, Musiker… Auszüge aus Piafs zwei Autobiografien und Übersetzungen der Chansontexte ergänzen das Programm.


des globalen, demokratischen Sitzens montiert, die die abwertende westliche Sicht auf dieses Möbelstück revidiert. www.offstream.de

Peter Kowald Gesellschaft/ ort e. V. Luisenstraße 116, 42103 Wuppertal Donnerstag, 5. Mai 2022, 20 Uhr

„EMBRYO: The Journey Of Music And Peace“ Film Offstream Alte Feuerwache Gathe 6, 42107 Wuppertal Dienstag, 5. April, 19.30 Uhr

„Abteil Nr. 6“

Regie: Juho Kuosmanen (Finnland/Russland 2021) Man kann auch zueinander finden: In diesem klassischen Railmovie erzählt der finnische Filmemacher Juho Kuosmanen von einer Finnin und einem Russen, die sich Ende der 90er-Jahre auf einer langen Zugreise von Sankt Petersburg nach Murmansk begegnen und dabei gegen jede Wahrscheinlichkeit ihre kulturellen Gegensätze überwinden. (Großer Preis der Jury bei den Filmfestspielen in Cannes 2021). Dienstag, 26. April, 19.30 Uhr

„Monobloc“

Regie: Hauke Wendler (D 2021, 91 Min., teilweise OmdU). Ein schnöder Plastikstuhl ist das meistverkaufte Möbelstück der Welt: Der Monobloc, vielen Wuppertalern bestens vertraut auch vom Freiluftkino Talflimmern, ist zumeist weiß und nur einigermaßen bequem. Aber er ist leicht, stapelbar, stabil und wetterfest. Der Filmemacher Hauke Wendler ist um den Planeten gereist und hat eine überraschend spannende Soziologie

Regie: Michael Wehmeyer, (Deutschland 2018, 98 Min.) Seit 50 Jahren baut das Musikerkollektiv EMBRYO Brücken zwischen Jazz und indischen, afrikanischen und arabischen Musikwelten. Sie sind Pioniere der „World Music“, lange bevor es trendy wurde, dass Musiker aus Westeuropa und USA mit Kollegen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien zusammen spielen. Bei ihren Reisen von Europa nach Afghanistan, Indien, Nigeria, Ägypten und Marokko spielten sie mit lokalen Musikern, wodurch ein einzigartiger Sound entstanden ist – Resultat eines kulturellen Austausches auf Augenhöhe. Für den Film hat EMBRYO-Keyboarder und Regisseur Michael Wehmeyer eine Schatztruhe mit bisher unveröffentlichten Filmaufnahmen und Fotos geborgen, um die Entwicklung EMBRYOs vom Jazz-Rock der 1960erJahre zu einer World-Fusion in Bild und Musik zu vermitteln. In Interviews beschreiben Bandmitglieder und Weggenossen die Zeit von der Gründung im „Revolutionsjahr“ 1968 bis heute. Fünf Jahrzehnte mit Reisen, Begegnungen, aus denen Freundschaften entstanden sind, und Visionen einer neuen Form des Musikmachens im Geist der Unabhängigkeit von allen bestehenden gesellschaftlichen und kulturellen Normen. 73


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Titelbild: Skulpturenpark Waldfrieden, Wilhelm Mundt, Ausstellungsansicht (c) VG Bild-Kunst Bonn 2022, Foto: Michael Richter Druck: Offset Company, Wuppertal, Auflage: 1000 Erscheinungsweise: vierteljährlich, Erfüllungsort und Gerichtsstand: Wuppertal Trotz journalistischer Sorgfalt wird für Verzögerung, Irrtümer oder Unterlassungen keine Haftung übernommen. Texte und Fotos: Bildnachweise/Textquellen sind unter den Beiträgen vermerkt. Haftung oder Garantie für Richtigkeit, Aktualität, Schreibweise, Inhalt und Vollständigkeit der Informationen kann nicht übernommen werden. Kürzungen bzw. Textänderungen, sofern nicht sinnentstellend, liegen im Ermessen der Redaktion. Für unverlangt eingesandte Beiträge kann keine Gewähr übernommen werden.

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Regie: Julian Benedikt + Axel Kroell, 2018, 56 Minuten

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SA * 9 APRIL 2022 * 19H FILIDONIA

Open Impro-Session mit Musik, Tanz und Theater mit 11 Künstler*innen

JAZZ IM ORT SA * 23 APRIL 2022 * 20H HENDRIKA ENTZIAN QUINTET SANDRA HEMPEL Gitarre MATTHEW HALPIN Saxofon SIMON SEIDL Piano HENDRIKA ENTZIAN Bass FABIAN ARENDS Schlagzeug

NRW

LOOK INSIDE

SOUNDTRIPS NR. 57

MI * 4 MAI 2022 * 20H RHODRI DAVIS RHODRI DAVIS E-Harfe

Gäste: GUNDA GOTTSCHALK Violine UTE VÖLKER Akkordeon

CINE:ORT » EINTRITT FREI DO * 5 MAI 2022 * 20H EMBRYO: THE JOURNEY OF MUSIC AND PEACE Regie: Michael Wehmeyer, D 2018, 98 Min.

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SALOME AMEND Vibraphon, Elektronik, Präparationen RAISSA MEHNER

CD RELEASE-KONZERT

FR * 13 MAI 2022 * 20H FLEISCHWOLF PLUS JONAS GERIGK

LOOK INSIDE

DO * 16 JUNI 2022 * 20H SIDORA EDWARDS & NINA DE HENEY ISIDORA EDWARDS Violoncello NINA DE HEY Kontrabass

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JAZZ IM ORT SA * 28 MAI 2022 * 20H KAUFMANN – GRATKOWSKI – DE JOODE FRANK GRATKOWSKI

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Altsaxophon, Klarinetten, Flöten ACHIM KAUFMANN Klavier WILBERT DE JOODE Kontrabass

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all female im ort SO * 19 JUNI 2022 * 20H ENSEMBLE AY FEAT. NINA DE HENEY BO SUNG KIM Percussion SAADET TÜRKÖZ Vocal GUNDA GOTTSCHALK Violine UTE VÖLKER Akkordeon NINA DE HEY Kontrabass

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Robert Indiana, Four, 1964 © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

FO KU S VO N D E R H E Y DT: Z E RO, P O P U N D M I N I M A L – D I E 1 96 0 E R U N D 1970 E R JA H R E

Die Ausstellung wird gefördert durch

LOOK INSIDE

TONY CRAGG 01.03. – 01.05.2022 DANIEL BUREN 19.03. – 22.05. 2022 WILHELM MUNDT 19.03. – 31.07.2022 ANDREAS SCHMITTEN 28.05. – 01.01.2023 TATSUO MIYAJIMA 04.06 – 21.08.2022 ANISH KAPOOR 13.O8. – 01.01.2023 BETTINA POUSTTCHI 03.09.– 06.11.2022

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CINE:ORT » EINTRITT FREI DO * 7 APRIL 2022 * 20H KARL BERGER – MUSIC MIND

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Das Kulturmagazin im Bergischen Land 02/2022 April–Juni

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