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ANNOdazumal W

enn auch die Wiener Opernliebhaber ein bisschen mit dem Wermutstropfen leben müssen, dass Mozarts Don Giovanni nicht hier, sondern in Prag das Licht der Bühnenwelt erlebt hat, so markiert genau dieses Werk immerhin den Beginn der Geschichte der Wiener Staatsoper: Nach längerem Hin- und Her entschied man sich dafür die prunkvolle Eröffnung des neuen Hauses am Ring vor nunmehr fast 150 Jahren, genauer am 25. Mai 1869, mit dem damals populärsten Stück der Da Ponte/Mozart-Trias zu begehen. Und so prangte auf den ersten Abendplakaten: „Erste Vorstellung im neuen Opernhaus: DON JUAN“ – denn das hiesige Publikum konnte das Werk in den ersten Jahrzenten unter diesem Namen (und nur in deutscher Übersetzung gesungen) erleben. Übrigens kann man gerade an der Staatsopern-Aufführungsgeschichte des Don Giovanni sehr schön den sich im Laufe der Jahre ändernden Besetzungsgeschmack ablesen: So wurden die Partien der Donna Elvira und Donna Anna zunächst von hochdramatischen Sängerinnen gegeben und erst nach dem Zweiten Weltkrieg von leichteren Stimmen, was zwangsläufig dazu führte, dass vor 1945 die jeweils koloraturhältigeren zweiten Arien im Allgemeinen gestrichen waren – ich selbst habe beispielsweise noch eine Anny Konetzni oder Helena Braun als Donna Anna erleben dürfen. Gestrichen war für viele Jahre auch noch das Schlusssextett der Oper, also das Finale und so war die Verwunderung bei der Premiere 1940 sehr groß, als nach der Höllenfahrt der Hauptfigur der Vorhang nicht fiel, sondern die Vorstellung weiterging. Wobei Regisseur Oscar Fritz Schuh damals eine szenisch eher ungewöhnliche Lösung für dieses für viele „neue Finale“ wählte: Die Lichter im Zuschauerraum wurden eingeschaltet und die Sänger traten an die Rampe und sangen den verbleibenden Rest der Oper gewissermaßen konzertant. Ich selbst lernte den Don Giovanni schon als Zehnjähriger im Jahr 1935 kennen und lieben und zwar durch eine Radioübertragung aus Salzburg. Das noch faszinierendere Live-Erlebnis an der Staatsoper folgte zwei Jahre später am 28. Oktober 1937 – das Datum hat sich mir für immer fest eingeprägt: Beeindruckend waren neben den sän-

gerischen Leistungen von Alfred Jerger als Giovanni, Ella Flesch als Donna Anna, Luise Helletsgruber als Donna Elvira und dem jungen, fabelhaften Anton Dermota als Ottavio das von Alfred Roller gestaltete Bühnenbild mit den sogenannten seitlich positio­nierten „Rollertürmen“. Diese nicht nur optisch wirksamen, sondern auch zweckmäßigen Dekorationsaufbauten ermöglichten durch regelmäßige Drehungen rasche Umbauten und unterstrichen das große praktische Talent dieses begnadeten Bühnenbildners. Die für mich beste Donna Anna war Ljuba Welitsch – sie sang unter anderem die Premiere des ersten Nachkriegs-Giovanni im Staatsopernausweichquartier Theater an der Wien. Neben ihrem tadellosen Gesang bestach sie durch jene Sinnlichkeit, die man schon von ihrer Salome kannte. Bei der Welitsch hatte man immer ein bisschen auch das Gefühl, dass Donna Anna jene nächtliche Zusammenkunft mit Giovanni am Beginn der Oper als gar nicht so unschön empfand … In der stimmlichen Qualität und der charismatischen Wirkung vergleichbar war George London. Ein Parade-Giovanni der Extraklasse – erstmals durfte ich ihn mit dieser Partie 1955 im Zuge des Premierenreigens bei der Wiedereröffnung der Staatsoper erleben, und tatsächlich war seine Wirkung auf die Frauen – nicht nur auf der Bühne – eminent!˝ Hubert Deutsch www.wiener-staatsoper.at

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Bühnenbildentwurf Don Giovanni von Alfred Roller

Reg. Rat. Professor Hubert Deutsch wurde 1955 als Korrepetitor und Bühnenmusikdirigent an die Wiener Staatsoper verpflichtet, war dann Archiv­ direktor, später Betriebs­ direktor und zuletzt, in den 1990er-Jahren, Vizedirektor der Wiener Staatsoper

Prolog Jänner 2017 | Wiener Staatsoper  

Monatsmagazin der Wiener Staatsoper

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