weit! neue musik weingarten 2022 – Sarah Nemtsov

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NEMTSOV WEINGARTEN 18. – 20.11.2022


w e i t ! neue musik weingarten

Kooperationspartner

Unterstützt durch

Gefördert von Friederike Dellbrügge, Rose Ebner, Monika Häußler-Göschl, Ursula und Gerold Kaiser, Regina Pilz Medienpartner

Wir danken Sarah Nemtsov und dem Verlag RICORDI für die freundliche Überlassung der Notenbeispiele. Zur Gestaltung des Programmbuchs wurden Bildausschnitte aus verschiedenen Werken von Elisabeth Naomi Reuter verwendet. Copyright für diese Bildausschnitte und alle Bilder von Elisabeth Naomi Reuter (»Galerie« S. 44–51) : Sarah Nemtsov. Verwendung mit freundlicher Genehmigung.


w e i t ! neue musik weingarten 2022

Sarah Nemtsovs Werk kreist um Erinnerung und Gegenwart und wendet sich dabei immer wieder Themen wie Flucht und Vertreibung und den damit einhergehenden Verlusterfahrungen zu. Mit der Präsentation ihrer Musik stellt w e i t ! neue musik weingarten (nach Toshio Hosokawa und »Natur – Mensch – Umwelt« im Jahr 2021) erneut ein Thema in den Mittelpunkt, das – nicht erst seit dem Beginn des Russland-Ukraine-Kriegs – von gesellschaftlicher Relevanz ist und in einer breiten Öffentlichkeit diskutiert wird: »Flucht – Vertreibung – Exil | Erinnerung und Gegenwart«. Nemtsovs Musik ist so komplex wie die Wirklichkeit selbst. Letztere ist ein vielfach geschichtetes Konglomerat aus Erinnertem und Vergessenem, aus Realem und Imaginiertem, Konstruktion und Widerspruch. »Schichtungen«, sagt die Komponistin, »interessieren mich seit geraumer Zeit als kompositorische Reaktion auf bzw. als Annäherung an unsere Wirklichkeit. Schichtung nicht als Collage, sondern als lebendiger Organismus, atmend, pulsierend – mit der Vorstellung (Utopie), eine Art polydimensionales Gebilde zu schaffen.« Aus dieser Haltung heraus entsteht eine Musik, die in ihrer Komplexität und Ereignishaftigkeit ihresgleichen sucht: energetisch aufgeladen, laut, wirr und enervierend wie das wirkliche Leben, auch ein Abbild des Urbanen, wie es sich spannungsreicher nicht vorstellen lässt. Aber auch eine Musik, die die eigene Biografie und die vielfältigen – beispielsweise literarischen und musikalischen – Erfahrungen der Komponistin aufnimmt und künstlerisch verdichtet. Auch beim diesjährigen Festival werden Interpretationen herausragender Solist:innen und Ensembles zu erleben sein. Ihr Auftritt in Weingarten wird möglich durch die Unterstützung vieler – unserer Mitglieder, unserer Kooperationspartner, unserer Sponsoren und Anzeigen-Partner und nicht zuletzt unserer Medienpartner. Ihnen allen, dem gesamten Team von w e i t ! neue musik weingarten und unseren Helfer:innen im Hintergrund danke ich an dieser Stelle sehr herzlich für ihr Engagement. Ich wünsche Ihnen ein erlebnis- und begegnungsreiches Festival-Wochenende! Ihr Künstlerischer Leiter w e i t ! neue musik weingarten

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Grußwort

CLEMENS MOLL Oberbürgermeister von Weingarten

Sehr geehrte Damen und Herren,

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jede Zeit bringt ihre künstlerischen Ausdrucksformen hervor. Auf musikalischem Gebiet waren und sind das 20. und 21. Jahrhundert besonders fruchtbar: unseren Alltag dominieren zweifellos die historisch gewordenen Musiken einer großen klassisch-romantischen Vergangenheit, aber auch die zahllosen Spielarten der Popmusik und des Jazz. Einen ganz eigenen Raum nimmt die Neue Musik ein, die sich eine Erweiterung der Hörerfahrungen und eine Schärfung der Wahrnehmungsfähigkeit zum Ziel setzt. Seit vielen Jahren schon hat diese Musik einen festen Platz im Kulturleben unserer Stadt. Ihre bedeutendsten Vertreter:innen waren in Weingarten zu Gast und trafen hier auf ein stets hoch interessiertes und aufnahmebereites Publikum – und die Unterstützung der Kooperationspartner. Ich freue mich sehr, dass das Festival w e i t ! neue musik weingarten in Zusammenarbeit mit der Stadt und der Pädagogischen Hochschule auch in diesem Jahr stattfinden kann. w e i t ! präsentiert im Jahrgang 2022 mit Sarah Nemtsov eine Komponistin der jüngeren Generation. Die programmierten Konzerte stellen ihre Musik in den Kontext, in dem sie entstanden ist; Vorträge, Gespräche und Konzerte herausragender Interpret:innen werden vielfältige Begegnungen mit dieser Komponistin, ihrer Musik und ihrer Vorstellungswelt ermöglichen. Ich danke dem Künstlerischen Leiter Rolf W. Stoll, der auch 2022 wieder ein vielversprechendes Programm zusammengestellt hat, und seinem gesamten Team, das die Durchführung des Festivals erst ermöglicht. Den Künstler:innen wünsche ich viel Erfolg und uns allen spannende Begegnungen mit einer Musik, die uns wach macht und uns fordert. Ihr


Grußwort

PROF. DR. KARIN SCHWEIZER Rektorin der PH Weingarten

Liebe Gäste, es ist wieder soweit: die Neue Musik ist in der Stadt. Ihr Epizentrum liegt erneut in den Räumen der Pädagogischen Hochschule, die wir den Festival-Macher:innen auch in diesem Jahr gerne zur Verfügung stellen. Mit diesen und anderen Veranstaltungen betont die Hochschule einmal mehr ihre Bedeutung, die sie auch im kulturellen Bereich für die Stadt Weingarten hat. In diesem Jahr geht mit dem Festival ein quantitativ und qualitativ besonderes pädagogisches Projekt einher, das vom Fachbereich Musik der PH initiiert und durchgeführt wurde. Sarah Nemtsovs Hörstück Helm auf! und ihre Wolfsgesänge für Violoncello-Solo wurden in der unterrichtlichen Auseinandersetzung zu neuen Hör- und Erfahrungswelten für Schüler:innen der Grund- und Sekundarstufe. Blinde Grundschüler:innen der Klosterwiesenschule Baindt haben sich in einem zweiten Projekt mit der Geschichte des Hörstücks auseinandergesetzt und ein eigenes Theaterstück daraus entwickelt, das im Rahmen des Festivals zur Aufführung gelangt. Lehramtsstudierende wiederum haben eine Klanginstallation konzipiert sowie einen Kurzfilm über das Projekt gedreht. Dies alles zeigt nicht nur, welches gesellschaftliche und soziale Potenzial in Neuer Musik steckt, es macht auch deutlich, wie sehr die Neue Musik auch in der Arbeit einer Pädagogischen Hochschule angekommen ist, der einst auch die Initiative zu unserem Festival entsprang. Ganz besonders ist an dieser Stelle allen Beteiligten dieses Projekts zu danken: den Festival-Macher:innen, den engagierten Lehrer:innen und Schüler:innen und nicht zuletzt den Akteur:innen des Fachbereichs Musik unserer Hochschule! Die Pädagogische Hochschule Weingarten unterstützt w e i t ! neue musik weingarten sehr gerne – nicht zuletzt auch deshalb, weil sie ihrerseits immer wieder neue Impulse für die Ausbildung künftiger Lehrer:innen erhält. Ich wünsche dem Festival einen guten Verlauf und Ihnen, meine Damen und Herren, vielfältige musikalische Anregungen. Ihre

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© Sarah Nemtsov

PRO GR A M M


GRUSSWO RTE

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ESSAY

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Elisabeth Schwind

» D I E S E B U N T E W E LT U M A R M E N « Die Komponistin Sarah Nemtsov

KONZERT I Freitag, 18. November 2022, 20:00 Uhr PH Weingarten, Aula

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» … E R AS E D « Sara Cubarsi | Violine Florentin Ginot | Kontrabass Benjamin Kobler | Klavier Dirk Rothbrust | Percussion, Drumset Peter Veale | Oboe Hannah Weirich | Violine Ensemble Musikfabrik | Leitung: Christian Eggen Konzertmitschnitt

KONZERT II Samstag, 19. November 2022, 11:00 Uhr PH Weingarten, Aula

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» E R I N N E R U N G | G E G E N WA R T « Christoph Grund | Klavier, Keyboard VORTR AG Samstag, 19. November 2022 | 14:00 Uhr PH Weingarten, Aula Jascha Nemtsov: »Vertreibung, Flucht, Exil – Erinnerung und Gegenwart«

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KINDERKONZERT Samstag, 19. November 2022, 16.00 Uhr Kulturzentrum »Linse«

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»HELM AUF!« LiveMusikHörBuch für Leute ab 10 für Bass- und Piccoloflöte, Kontrabassklarinette, Cello, Harfe, Schlagzeug, Elektronik und Objekte Finn-Ole Heinrich | Sprecher Ensemble Adapter

G E S PR ÄC H Samstag, 19. November 2022, 18:00 Uhr KUKO Weingarten, Staufersaal Rolf W. Stoll im Gespräch mit Sarah Nemtsov

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KONZERT III Samstag, 19. November 2022, 19:00 Uhr KUKO Weingarten, Welfensaal

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» K A L E I D O S KO P « Andrey Godik | Oboe Münchener Kammerorchester, Ltg. Bas Wiegers Konzertmitschnitt

KONZERT IV Sonntag, 20. November 2022, 11:00 Uhr PH Weingarten, Festsaal

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»IM ANDENKEN« Arditti Quartet L E CT U RE Sonntag, 20. November 2022, 14:00 Uhr PH Weingarten, Festsaal Sarah Nemtsov: »Wirklichkeit und Konstruktion«

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GALERIE Bilder von Elisabeth Naomi Reuter (1946-2017)

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KONZERT V Sonntag, 20. November 2022, 15:30 Uhr PH Weingarten, Aula

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» ( V E R L AS S E N E ) O R T E « Kristjana Helgadóttir | Flöten Ingólfur Vilhjálmsson | Klarinetten Gregoire Simon | Violine, Viola Zoé Cartier | Violoncello Caleb Salgado | Kontrabass Antonis Anissegos | Klavier Agnieszka Karpińska | Cembalo Matthias Engler | Schlagzeug Ensemble Adapter | Ltg.: Manuel Nawri KÜNSTLER:INNEN

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FESTIVALRESTAURANTS

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IMPRESSUM

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© Rut Sigurdardottir

» D IE SE BU N T E WE LT UM A R M E N «


»DIESE BUNTE WELT UMARMEN« Die Komponistin Sarah Nemtsov Elisabeth Schwind

Was treibt Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen? Im Jahr 2017 lebten 257,7 Millionen Menschen in Staaten, in denen sie nicht geboren wurden. Das sind 3,4 Prozent der Weltbevölkerung. Der Prozentsatz ist seit 1990 leicht angestiegen, auf längere Sicht aber in etwa konstant geblieben – bereits 1960 betrug er 3,1 Prozent. Zahlen besagen freilich wenig über die Gründe der Wanderbewegung. Klar ist nur: Migration ist so alt wie die Menschheit selbst. Und sie ist ein globales Phänomen. Der Migrationshistoriker Dirk Hoerder betrachtet Migrationsprozesse und den durch sie ausgelösten kontinuierlichen transkulturellen Wandel nicht einmal als historische Ausnahmeerscheinungen, sondern als ein konstituierendes Element der Menschheitsgeschichte. Generell unterscheidet man zwischen freiwilliger Migration und Flucht oder gar Vertreibung. Doch die Grenzen sind fließend, und die Lage ist nicht immer so eindeutig wie derzeit in der Ukraine, wo die Menschen seit Beginn des russischen Angriffskriegs vor den Bomben fliehen. De facto ist die Unterscheidung zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Migration schwierig, weil fast immer gewisse Zwänge mit hineinspielen, etwa eine Ressourcenknappheit oder eine wie auch immer geartete unsichere Situation. Zudem nimmt die Komplexität des Migrationsgeschehens mit Globalisierung, Digitalisierung und Klimaerwärmung zu. Der Versuch, im Kontext von Debatten um Asyl und Asylrecht dennoch Trennlinien zu ziehen, erhält unversehens eine politische Dimension, die sich in Begriffen wie »echter« oder »politischer Flüchtling« (für unfreiwillige Migration) versus »Wirtschaftsflüchtling« (für »freiwillige« Migration) widerspiegelt – wobei das abwertend benutzte Schlagwort des »Wirtschaftsflüchtlings« suggeriert, dass es sich hier im Grunde um nicht gerechtfertigte Migration handle.

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Wo, etwa im Zuge der Flüchtlingskrise 2015, gar Begriffe wie »Überfremdung« oder »Umvolkung« reaktiviert werden, wird schlagartig auch der ideologische Kontext wieder lebendig: Joseph Goebbels lud den Begriff, der erstmals 1929 im Duden auftauchte, in einer NSDAP-Parteitagsrede 1933 polemisch auf und sprach von einer »Überfremdung des deutschen Geisteslebens durch das Judentum«. Seither ist der Begriff nie mehr ganz verschwunden – 1993 wurde er sogar zum »Unwort des Jahres« gewählt. Und auch wenn er heute insbesondere auf die Ausgrenzung von Migrant:innen aus den muslimischen Ländern zielt, verbindet er sich in den einschlägigen rechtsextremen Kreisen stets mit einem antisemitischen Weltbild und entsprechenden Verschwörungsmythen.

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Es ist sicherlich kein Zufall, dass der Begriff der »Überfremdung« Anfang der 1990er Jahre in Deutschland eine Renaissance erfuhr – ausgerechnet dann nämlich, als jüdische Traditionen an einigen Orten in Deutschland wieder auflebten und sichtbar wurden. Ein solcher Ort war Oldenburg, wo Sarah Nemtsov aufwuchs. Sie wurde hier 1980 als Tochter der alleinerziehenden Malerin Elisabeth Naomi Reuter geboren. Reuter war zu ihren jüdischen Wurzeln zurückgekehrt und gehörte einer Gruppe an (es waren vorwiegend Frauen), die die Neugründung der jüdischen Gemeinde in Oldenburg vorantrieb. Seit 1992 besteht sie offiziell. In dieser Aufbruchsstimmung wuchs das Kind Sarah auf. Eine prägende Zeit – nicht zuletzt für die werdende Musikerin und Komponistin, für die die Musik, die Melodien und Gebete der Oldenburger Gemeinde noch heute eine ganz besondere Aura haben. Ebenfalls Anfang der 1990er Jahre brach der Pianist und Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov, Sohn eines Gulag-Überlebenden, aus Russland nach Deutschland auf. Eine Regelung mit dem sperrigen Titel »Gesetz über Maßnahmen für im Rahmen humanitärer Hilfsaktionen aufgenommene Flüchtlinge (HumHAG)« ermöglichte damals die Zuwanderung jüdischer Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion. Zu diesen so genannten »Kontingentflüchtlingen« gehörte Jascha Nemtsov (geb. 1963). Heute ist er der Ehemann von Sarah Nemtsov. Das Paar lebt in Berlin. So verschieden die Biografien von Jascha und Sarah Nemtsov auch sind, beide mussten sich auf je eigene Weise mit Migration und Zugehörigkeit auseinandersetzen. Während Jaschas Familie teilweise ausgelöscht wurde, teilweise auch in die USA auswanderte, ist Sarah Nemtsov von Flucht und Vertreibung zwar nicht persönlich betroffen, muss aber


© Camille Blake

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mit dem Widerspruch leben, gleichzeitig eine jüdische und eine deutsche Identität zu haben – ein Widerspruch, den sie heute jedoch nicht mehr so stark empfindet wie in ihrer Jugend, als die Generation der Täter noch präsenter war und als sie bei Israel-Besuchen gefragt wurde, wie sie als Jüdin überhaupt in Deutschland leben könne. Nun war und ist Deutschland ihre Heimat – insbesondere das Oldenburg ihrer Kindheit mit der jüdischen Gemeinde und der kleinen Wohnung, in der sie mit ihrer Mutter lebte und wo sie von den Bildern der Mutter umgeben war. Noch heute nimmt sie auf längere Reisen Fotos von Bildern mit, die ihre Mutter gemalt hat, und klebt sie sich an die Wände. Sie sind


ihr eine emotionale Heimat. Und auch eine künstlerische: Bilder ihrer Mutter tauchen immer wieder in ihren Kompositionen auf, so wie Malerei generell einen der Bezugspunkte ihrer Musik bildet. Daneben prägt aber auch die komplexe und jahrhundertealte Geschichte jüdischer Migrationen Nemtsovs Selbstverständnis – in letzter Konsequenz auch ihr künstlerisches Handeln. Schließlich ist die Diaspora »im Grunde ein ständiges Exil«, wie sie es formuliert. Aufgehoben ist dieses Exil nur in Israel, wo sich auch bei Sarah Nemtsov ein Gefühl des Ankommens einstellt, auch ohne hier aufgewachsen zu sein und auch ohne die Landessprache fließend zu sprechen. Denn anders als in Deutschland gehört sie hier nicht zur Minderheit.

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Das Gefühl, anders zu sein und nicht so richtig dazuzugehören, begleitet Sarah Nemtsov schon seit ihrer Kindheit – nicht nur, weil sie das einzige jüdische Kind an ihrer Schule war. Auch ihre musikalische Begabung war außergewöhnlich, sie gewann Preise bei »Jugend musiziert« und »Jugend komponiert«. Außerdem litt sie seit ihrer Geburt an einer seltenen Krankheit, die sie zu häufigen Krankenhausaufenthalten und damit Abwesenheiten in der Schule zwang. Das Außenseitergefühl ist dadurch zu einem Teil ihres Selbstverständnisses geworden, doch anders als im Kindesalter empfindet sie es nicht mehr als problembehaftet. Es macht sie sogar freier und unabhängiger, nicht zuletzt von Gruppenzwängen. Vielleicht, so sieht es Nemtsov selbst, sei sie deswegen sogar Komponistin geworden – und nicht etwa Orchestermusikerin, obwohl sie ja Oboe studiert hat. Sarah Nemtsovs erstes Instrument war allerdings die Blockflöte. Unterricht bekam sie von Ilse Reil, der Vermieterin der kleinen Wohnung, in der sie mit ihrer Mutter lebte. Über Reil kam sie in Berührung mit Barockmusik und wirkte schon früh in deren Trio bei Auftritten mit. Mit 14 Jahren wechselte Nemtsov zur Oboe. Mit 18 Jahren wurde sie Jungstudentin für Komposition in Hannover. Ab 2000 setzte sie ihr Kompositionsstudium bei Johannes Schöllhorn fort, parallel dazu studierte sie Oboe, zunächst ebenfalls in Hannover und ab 2003 bei Burkhard Glaetzner in Berlin, dessen besonderer Ton sie bereits als Jugendliche sehr berührt hatte. 2005 schloss sie beide Fächer mit einem Diplom ab. Bis dahin hatte sich Nemtsov also beide Wege offengehalten – den der freischaffenden Komponistin mit den entsprechenden Unwägbarkeiten und den der Oboistin, der mit Berufen wie Orchestermusikerin oder Instrumentallehrerin eine stärkere Absicherung versprach. Dass


sie sich schließlich für den riskanteren Weg entschied und als Meisterschülerin von Walter Zimmermann in Berlin einige weitere Jahre Komposition studierte, verdankt sie nicht zuletzt dem Vorbild ihrer Mutter. Deren Kraft und Arbeitsethos, ihren Mut, den Weg als freischaffende Künstlerin einzuschlagen, zumal in einer Zeit, in der sich Frauen diesen Weg noch erkämpfen mussten, und ihre Bereitschaft, dafür auch Entbehrungen hinzunehmen – all das hat Nemtsov darin bestärkt, ihrem Beispiel zu folgen: »Man macht, was man liebt – das hat sie mir vorgelebt. Das klingt jetzt romantisch, denn es war auch schwer und entbehrungsreich. Aber ich habe bei ihr gesehen, dass es sich lohnt, das in Kauf zu nehmen.« 2007 beschloss Nemtsov, die Oboe zugunsten des Komponierens endgültig zur Seite zu legen. 2012 besiegelte sie diesen Abschied mit der Komposition Wolves für Oboe und präpariertes Klavier mit RohrbauUtensilien. Sie schrieb das Stück für ihren ehemaligen Oboen-Professor Burkhard Glaetzner, der damit seinerseits Abschied nahm von seiner Lehrtätigkeit an der Universität der Künste. Das fordernde Werk – es erklingt auch in Weingarten – offenbart ein überraschend ambivalentes Verhältnis der Komponistin zur Oboe. Den Weg zum Komponieren hatte Nemtsov über das Klavier gefunden. Schon als Kind improvisierte sie an dem Instrument, noch bevor sie es wirklich erlernt hatte. Als sie dann mit 14 Jahren erstmals an »Jugend komponiert« teilnahm, gewann sie den Wettbewerb ebenfalls mit einem Stück für Klavier. Etwa in diesem Alter entdeckte sie CDs von Miles Davis und dem frühen Keith Jarrett. Ihr Interesse am Jazz war geweckt. Sie meldete sich bei einem Jazzkurs an der Uni Oldenburg an und machte – selbst noch ein Teenager – mit den Student:innen Musik. Während sie bis dahin barocke Stilkopien geschrieben hatte, ging ihre Musik jetzt ins Freitonale. Dass viele ihrer auch reifen Werke wie improvisiert wirken, mag auf die Jazz-Erfahrung zurückgehen. Fast nie allerdings sind sie tatsächlich improvisiert, sondern sehr genau notiert. Was sich spontan anhört, ist in Wirklichkeit das Resultat detailreicher Konstruktion. Zu viele Freistellen sind ein Einfallstor für Beliebigkeit. Davon ist Nemtsov überzeugt. Sarah Nemtsov ist eine ungeheuer produktive Künstlerin. Bereits mehr als 150 Kompositionen verschiedenster Gattungen umfasst ihr Werkverzeichnis. Auch die Schwelle zwischen Konzert und Musiktheater lotet sie aus. Dass ihre Musiksprache so unterschiedliche Einflüsse wie Barock-

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musik, Jazz, jüdische Musik und Elektronik aufnimmt, mag angesichts ihrer Biografie nicht verwundern. Ganz glücklich ist Nemtsov mit dieser häufig anzutreffenden Beschreibung jedoch nicht. Weil sie etwas Zitathaftes suggeriert, das bei ihr in der Regel nicht gegeben ist. »Natürlich sind diese Einflüsse da, ebenso wie Literatur und Malerei, aber sie werden nicht einfach an der Oberfläche sichtbar«, erklärt sie. Komponiert sie ein Werk für Oboe, Streichorchester und Cembalo (wie Kaleidoskop), so mag man allein in der Besetzung eine Referenz an die Barockmusik erkennen. Doch genauso gut kann sich ein solcher Bezug dort auftun, wo niemand ihn erwartet – oder auch nicht unbedingt hörend erkennt, beispielsweise in einem Fugato für Pappkarton und Eimer. Ähnlich verhält es sich mit Einflüssen aus der jüdischen Musik oder mit Werken, in denen sie sich mit Begriffen jüdischer Traditionen auseinandersetzt. Drei solcher Werke mit hebräischen Titeln werden auch in Weingarten aufgeführt: Shesh für Streichorchester, Kadosh für Violine solo sowie Chesed, ein neues Werk, das in Weingarten seine Uraufführung erfährt. Chesed bedeutet »Barmherzigkeit« und bezeichnet eine von zehn Sephirot, den göttlichen Emanationen im kabbalistischen Lebensbaum. Dennoch muss man kein vertieftes Wissen über die Kabbala mitbringen, um das Stück zu verstehen. Ähnlich verhält es sich mit Kadosh (hebräisch für »heilig«). Hier hat Nemtsov sogar ein kleines melodisches Zitat aus ihrer Oldenburger Gemeinde versteckt. Die religiösen Bezüge sind also da, und wer sich mit dem jüdischen Ritus auskennt, mag davon profitieren. Doch ebenso wenig, wie ein Barockmusik-Hörer:innen Kenntnis von der rhetorischen Figurenlehre des 17. und 18. Jahrhunderts haben muss, sind Kenntnisse jüdischer Synagogalmusik beim Hören von Nemtsovs Musik vonnöten. Nemtsov ist dieser Aspekt sehr wichtig. Stets prüfe sie ihre Stücke sehr genau darauf, dass sie auch rein als Musik funktionieren, auch ohne jegliches Hintergrundwissen. Das mag erstaunen angesichts des Raums, den ihre Auseinandersetzung mit Werken anderer Disziplinen einnimmt. Immer wieder reagiert sie auf Literatur von Paul Celan, Edmond Jabès oder Emily Dickinson. In dem Zyklus A LONG WAY AWAY. Passagen hat sie sich gar für jeden der sieben Sätze mit einem anderen literarischen Text beschäftigt. Sie spricht von einer »musikalischen Lektüre«, denen sie die Texte von Walter Benjamin, Marcel Proust, W.G. Sebald und Mirko Bonné unterzogen hat. Der Umgang mit den Texten fällt dabei unterschiedlich aus. Hier ebenso wie in anderen Werken. Mal reagiert sie assoziativ darauf, mal überträgt sie formale Aspekte in die Musik, mal fokussiert sie die Dramaturgie. In


jedem Fall sind die Texte mehr als eine bloße Vorlage, sondern gehen als eine Schicht in das Werk ein. Vielschichtigkeit im Sinne der Schichtung von Gleichzeitigem gehört zu den Wesensmerkmalen von Nemtsovs Musik. Hatte sie in den Jahren als Meisterschülerin von Walter Zimmermann eher introspektiv gearbeitet und in ihren Stücken den inneren Klängen nachgespürt, so begann sich ihre Musik danach zu verdichten, radikaler und auch lauter zu werden. Komplexe Schichtungen bis hin zur Überforderung, oft in Verbindung mit elektronischen Mitteln wie Verstärkung, Kaoss-Pad – einem Effektgerät aus der DJ-Szene – oder MIDIKeyboards sind nun häufiger anzutreffen. Für Nemtsov ist die scheinbar chaotische Außenseite dieser Musik, die freilich bis ins Kleinste kalkuliert ist, ein Abbild unserer Welt, nicht zuletzt einer urbanen GroßstadtWirklichkeit – vielleicht aber auch ein Ausdruck der Vielschichtigkeit von Nemtsovs eigener Biografie. Einen Kulminationspunkt findet diese Überforderungs-Ästhetik in dem Stück White wide eyes, in dem Nemtsov gleich vier Ensembles aufeinander los lässt und dessen kleine Schwester White eyes erased in Weingarten zu erleben ist. Wie in einem Stroboskop-Gewitter tauchen hier auf einer Leinwand zwischen etlichen anderen Erinnerungsstücken die Gemälde der Mutter auf. Obwohl deren Bilder, von denen Nemtsov sagt, sie habe sie als Kind »gewissermaßen eingeatmet«, in der Regel gegenständlich sind – stilistisch lassen sie sich zwischen magischem Realismus und neuer Sachlichkeit einordnen –, sieht sie hier viele Verbindungslinien zu ihrer eigenen Ästhetik, beispielsweise in der Arbeit mit Schichtungen. Andere Bezugspunkte wurden ihr erst nach dem Tod der Mutter im Jahr 2017 deutlich. Wie sehr diese außergewöhnliche Mutter-Tochter-Beziehung auch eine künstlerische gewesen sein muss, erkennt man auch daran, dass sich beide Frauen gegenseitig Literatur empfahlen oder sich von denselben Dingen inspirieren ließen. Inspirationsquellen können sich für Nemtsov dabei überall auftun. In der Malerei und der Literatur genauso wie in den Zimmern ihrer inzwischen drei Kinder, in deren Spielzeug oder in Alltagsgegenständen. In den letzten Jahren hat insbesondere die Elektronik Nemstovs Musik in eine neue Richtung geschickt. Doch letztlich kann alles einfließen, sublimiert werden, Assoziations- und Erinnerungsräume öffnen: Geschichte wie Gegenwart, kollektive wie individuelle Erinnerungen, kulturelle Traditionen und radikale Neuerungen. »Und über jeden Einfluss, der hinzukommt, freue ich mich«, sagt Sarah Nemtsov. »Weil ich diese bunte Welt mit meiner Musik umarmen möchte«. n

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© Sarah Nemtsov

» … E R AS E D«


Freitag, 18. November 2022 | 20:00 Uhr | PH Weingarten, Aula

»… ERASED« white eyes erased für Keyboard und Drumset | Projektion Wolves für Oboe und Klavier – mit Rohrbau-Utensilien Tür für Pseudo-Drumset solo deconstructions I für Violine und Klavier Chesed für Ensemble, UA Sara Cubarsi, Violine Florentin Ginot | Kontrabass Benjamin Kobler | Klavier Maxime Morel | Tuba Dirk Rothbrust | Percussion, Drumset Peter Veale | Oboe Hannah Weirich | Violine Ensemble Musikfabrik | Ltg.: Christian Eggen Konzertmitschnitt

white eyes erased (2014/2015) für Keyboard und Drumset aus dem Jahr 2014 ist die Duo-Reduktion eines Stücks für 23 Musiker:innen von vier Ensembles: white wide eyes (2015). Das Werk besteht aus vielfachen Schichtungen, einem musikalischen Spiel zwischen Chaos, System, Individualität und Gruppe – auch als Echo auf urbane Phänomene. In diesem Werk »hatten das Keyboard und das Drumset noch einen besonderen Part. Dieses Duo habe ich rausgezogen – quasi destilliert bzw. kondensiert und fast alles Übrige der ursprünglichen Konstellation ausradiert. Die 88 Tasten des Keyboards sind mit Samples belegt: mit Synthesizersamples, mit Samples aus zwei Alben (Strawberry jam von 2007 und Centipede Hz von 2012) der Band Animal collective (diese Samples habe ich aber fast alle elektronisch nochmals stark verbogen – es sind keine Zitate mehr) und einer Mischung von verfremdeten Schnipseln aus Cages Sonatas and Interludes – sowie aufgenommenen und bearbeite-

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Sarah Nemtsov white eyes erased für Keyboard und Drumset | Projektion (2014/15) | Partitur, Seite 1 © Ricordi, Berlin


ten Momenten von Klavierpräparation (als Aktion). In letzter Zeit wurde ich mehrfach gefragt, was denn Cage für mich für eine Bedeutung hätte. Spontan habe ich immer geantwortet: Eigentlich keine so große! (Aber es stimmt wohl nicht?)« Mit den Tasten des Keyboards sind Bilder verbunden, die beim Spiel projiziert werden: neben film stills aus Freaks von Tod Browning (1932) und Meshes of the afternoon von Maya Deren (1943) werden Bilder von Mauern verwendet und Bilder der Malerin Elisabeth Naomi Reuter, Sarah Nemtsovs Mutter, darunter ihr Ölgemälde Der Hungerkünstler zu einer Erzählung von Franz Kafka – die Augen ausgelöscht, weiß übermalt. Der Schlagzeuger (Drumset) hat ein Megaphon, über das von den Musiker:innen gesprochene Zitate aus Songtexten der Band Animal collective abgespielt werden. white eyes erased ist für Ernst Surberg und Roland Neffe entstanden. Wolves (2012) für Oboe und Klavier – mit Rohrbau-Utensilien entstand 2012 für ein Abschiedskonzert des Oboisten und Lehrers von Sarah Nemtsov, Burkhard Glaetzner. In dem Stück geht es auch um Abschiede. Nahezu das gesamte Klavier ist mit Rohrbaumaterialien inkl. Hobelmaschine präpariert, wodurch sich der Klavierklang maßgeblich verändert. Der/die Oboist:in schneidet zweimal im Verlauf des Werks das Rohr mit einer theatralen Geste ab (um ein »Konzertrohr« zu zerstören, bedarf es einiger Überwindung). Klangliche Veränderungen sind die Folge: durch den ersten Schnitt wird der Klang heller, unberechenbarer, dem einer Schalmei ähnlich. Nach dem zweiten Schnitt können dann nur noch Luftgeräusche produziert werden. Wolves ist ein Stück zwischen Freiheit und Strenge, Zorn, Freude, Schmerz und Zartheit. Am Ende steht nicht nur eine Trennung, sondern auch ein Frei-Sein. Die Komposition besteht aus jeweils sieben Teilen, die musikalisch eigenständig sind, sich aber aufeinander beziehen: Oboe: I WOLF II WOOLF III WAVES IV DRAGON-FLIES V RAYS VI CUTS VII AIR Klavier: I HURT II HUNT III LOVE IV LAUGH V LOSE VI BREAK VII BREATH

Wolves ist Burkhard und Felicitas Glaetzner »in Dankbarkeit und Zuneigung (und Bewunderung) gewidmet«. Tür (2020) für Pseudo-Drumset solo ist für das Projekt Roses for my funeral in Zusammenarbeit mit dem Decoder Ensemble und der Schauspielerin Heinrich Horwitz entstanden. Eine »Tür« soll in einen inszenierten, multimedialen Abend (über Trauer, Träume, Verlust und Wieder-

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gefundenes) führen. Das kurze Stück kann aber auch für sich stehen. Mit Sticks in Händen und Füßen werden – Drumset-gleich – nur Becken und Tam-Tam (auch Bass drum und Snare) bespielt, die Resonanzen sind wichtig, ein dunkel-goldenes Setup. Tür ist für Jonathan Shapiro geschrieben und ihm in Freundschaft und Bewunderung gewidmet.

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deconstructions I – Zwei Sätze für Violine und Klavier – »›Dekonstruktion‹ bezeichnet u.a. eine Strömung in der (philosophischen) Literaturkritik, bei der versucht wird, Worthülsen aufzubrechen und diese so lange auseinander zu nehmen, bis quasi nichts mehr übrig ist – sie zu de-konstruieren, was aber natürlich auch eine Form der Konstruktion ist, nur mit einem anderen Ergebnis. Als einer der wichtigsten Vertreter dieser Richtung ist Jacques Derrida anzusehen, den Sarah Nemtsov intensiv rezipiert hat. »Wenn die dekonstruktive Kritik eine Suche nach Differenzen ist – nach Differenzen, deren Verdrängung die Bedingung jeglicher besonderen Entität oder Position ist -, dann kann sie niemals zu einer endgültigen Schlussfolgerung gelangen, sondern sie hört auf, wenn sie die Differenzen nicht mehr identifizieren und enthüllen kann, die andere Differenzen enthüllen.« (aus: Jonathan Culler: Dekonstruktion – Derrida und die poststrukturalistische Literaturtheorie) Sarah Nemtsov zu ihrem Stück: »Im ersten Satz gibt es eine Art ›Hülse‹, einen a-Moll-Dreiklang, mit dem ich das Stück ursprünglich einmal begonnen und von dem ausgehend ich bis zu einem gewissen Punkt komponiert hatte. Diesen musikalischen Moment habe ich dann an den jetzigen Anfang gestellt und dekonstruiert – bis in etwa wieder der a-Moll-Dreiklang herauskam, freilich in anderer Gestalt – und darüber hinausgehend. Im zweiten Satz habe ich ein Prinzip genommen (in diesem Fall Attacke und Triller), das immer wieder variiert und aus verschiedenen Perspektiven gezeigt wird. Dieser Satz entwickelt sich eigentlich nicht, er fährt sozusagen ›gegen die Wand‹.« Chesed für Ensemble – ein Kompositionsauftrag von Ensemble Musikfabrik und Kunststiftung NRW ist Teil einer Trilogie für das Ensemble Musikfabrik, die sich mit einigen mystischen Vorstellungen im Judentum auseinandersetzt. Darunter die vielfachen Bedeutungen und Schichten von Schrift sowie das Konzept des ez Chajim, des Baum des Lebens, mit den zehn Sefiroth (Sphären). Zentrales Bild der Sefiroth ist das eines mystischen Baumes mit den Zweigen (oder Wurzeln, je nachdem wie


man ihn »liest«) quasi im Himmel (Keter – Krone – darüber ist nur das Unendliche und Unbekannte) und den Früchten (oder Wurzeln) in der Erde (Malchut – Herrschaft, Königtum, die Sefira der Manifestation im Diesseits). Dabei wird jeder der zehn Sefiroth nicht nur ein Name und ein Ort im Baum- bzw. Wurzelgeäst mitgegeben, sondern jede trägt viele Bedeutungen, über die viel zu studieren, lange zu philosophieren oder zu diskutieren ist. Auch die Geschichte des Baums und der Sefiroth ist verzweigt. Chesed bedeutet im Hebräischen Güte, Barmherzigkeit oder Liebe (untereinander). Chesed durchstrahlt das Licht der Schöpfung, meint die grenzenlose Liebe des Schöpfers gegenüber allen Geschöpfen. «Gnädig und barmherzig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.« (Psalm 145:8). Sarah Nemtsov: »Chesed ist die vierte Sefira und beschreibt auch eine Tugend zwischen Menschen. Güte oder Barmherzigkeit sind keine Nettigkeit, es geht tiefer, es ist eine Liebe und Anteilnahme zwischen Menschen, die bedingungslos und »grundlos« (ohne einen Zweck zu verfolgen, ohne Nutzen für einen selbst) großzügig gegeben wird. Das Prinzip von Chesed ist leider oft rar in unserer Gesellschaft. Und auch in unseren persönlichen Leben fühlen wir uns nicht immer von diesem Licht bedacht. Aber erinnern wir uns daran, dass es doch da ist, zumindest momentweise. Oder wir diese Möglichkeit auch selbst in uns tragen. So vermessen und unmöglich eine Vertonung kabbalistischer Ideen ist, so ist die Musik in diesem Werk vielleicht der Versuch dieses Erinnerns.« Chesed ist Hannah Weirich gewidmet und dem Andenken an Ulrich Löffler.

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© Sarah Nemtsov

» E R INNE R U N G | GEGENWART«


Samstag, 19. November 2022 | 11:00 Uhr | PH Weingarten, Aula

»ERINNERUNG | GEGENWART« Walter Zimmermann Beginner's Mind für Klavier Sarah Nemtsov Mountain & Maiden für Sample-Keyboard und Videoprojektion Morton Feldman Palais de Mari für Klavier Christoph Grund | Klavier, Keyboard Beginner's Mind für Klavier – Walter Zimmermanns bekanntestes Werk – dauert insgesamt ca. 60 Minuten. Das Werk entstand 1975 unter dem Einfluss von Shunryu Suzukis Zen-Traktat Zen Mind, Beginner's Mind, das von einer dreiteiligen spirituellen Reise zur wahren Erleuchtung handelt. Als Ausgangsmaterial verwendet Zimmermann eine fünfteilige Improvisation, die er, angeregt durch eine Schubert-Biografie, gespielt, aufgenommen und anschließend in Notenschrift transkribiert hat. Die Musik entwickelt sich aus kleinsten Anfängen; Tongruppen vergrößern sich sukzessive und breiten sich im Tonraum aus; der Rhythmus belebt sich zunehmend. Das Werk, das der »Neuen Einfachheit« zugehört und an die Musik des amerikanischen Komponisten Morton Feldman erinnert, schließt verlöschend in C-Dur. Sein Formprozess artikuliert sich als »fließende Zeit«, indem das ursprünglich Getrennte Schritt für Schritt zusammengebracht und zu einer Einheit verschmolzen wird. Es erklingen die Teile II und III. II Clean the Mind: Let images come and go | Find perfect existence through imperfect existence | Change mindweeds into mental nourishment | Limit your activity | Dissolve obstacles by constancy | Burn yourself completely | Create from emptiness | Continue in calmness | Move the swinging door | Repeat it over and over again III Alter the Consciousness: Adapt yourself to stimuli | Shake up your automatic responses | Change your emotions into extremes | Contract and expand your time sense | Suspend your time boundaries | Find stimuli you feel at one with | Grab the emerging ideas | Use up the unity feeling | Merge it into overpowering emotion | Let it release you

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Sarah Nemtsov Mountain and Maiden für Klavier (2019) | Partitur, Seite 3 © Ricordi, Berlin

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Mountain & Maiden ist eine Art experimenteller Dokumentarfilm (von Anton von Heiseler und Shmuel Hoffman) über ein zehnjähriges Mädchen, Aaspiya, das in Neu-Delhi (Indien) nahe der Müllhalde lebt. Es geht nicht zur Schule, sondern sammelt Müll. Dennoch scheint Aaspiya ein vergnügtes Kind zu sein, hellwach und gescheit. Sarah Nemtsov schreibt dazu: »Wir sehen im Film mitunter poetische Bilder, menschliche Silhouetten, besonderes Licht, neblige Gase. Tatsächlich ist dieser Dunst reines Gift, die Menschen dort gehen ohne jeden Schutz. 40 Prozent der Kinder leiden an Atemwegserkrankungen. Das Trinkwasser ist verseucht. Gewissermaßen landet auch unser Müll auf diesen Müllkippen – diese Zustände fallen also auch in unsere Verantwortung.« Der Film ist stumm. Statt des Stummfilmpianisten gibt es einen Keyboarder (mit etwas verstärktem Klavier). Für das Keyboard hat Sarah Nemtsov entsprechend der 88 Tasten 88 Samples kreiert: zum Teil sind es Bearbeitungen der O-Töne, die sie von den Filmemachern erhielt, zum Teil elektronische Sounds, sog. field recordings, neue Aufnahmen oder verfremdete Funde aus dem Netz. Diese Klänge (inklusive einiger Schubert-Anklänge – worauf auch der Titel anspielt: »Death and the Maiden«/»Der Tod und das Mädchen«) begleiten den Film. Das Stück hat also einen starken Traditionsbezug, den man allerdings hörend nicht wahrnimmt. Eine langsame Kamerafahrt über den Müll wird von einer strengen Fuge für Sample-Keyboard begleitet. Die Aktion des Pianisten/Keyboarders, der auch Passagen aus einem Interview mit dem Mädchen zu sprechen und simultan zu übersetzen hat, schließlich der Konzertflügel vor der Müllhalde lassen das Ganze so absurd erscheinen wie die soziale Wirklichkeit des Mädchens. Das Werk wurde für den Pianisten Christoph Grund geschrieben. Morton Feldmans Palais de Mari (1986), wurde von Bunita Marcus in Auftrag gegeben. Sie bat ihn, ein 10-minütiges Werk zu schreiben, das inhaltlich alle Elemente und Eigenschaften seiner langen Stücke in geraffter Form einbringen sollte. Am Ende wurden es etwa 22 Minuten – Feldmans letztes Klavierstück, wenige Monate vor seinem Tod vollendet. Die Inspiration zu Palais de Mari erhielt Feldman durch eine Fotografie antiker Ruinen, die er im Louvre besichtigt hatte. Es entstand ein langsames, schwebendes, nach innen gekehrtes Stück, das sich stets an der Grenze zwischen Aufblühen und Verstummen bewegt. Immer wieder im Verlauf des Stücks tauchen Variationen früherer Motive wie Echos aus der Vergangenheit auf – aufblitzende Erinnerungen.

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© Sarah Nemtsov

VO RT R AG LE CT U R E


Samstag, 19. November 2022 | 14:00 Uhr | PH Weingarten, Aula

VORTRAG Jascha Nemtsov: »Vertreibung, Flucht, Exil – Erinnerung und Gegenwart« Seit Ende der 1980er Jahre wird die sogenannte »verfemte Musik« – deren Verbreitung im 20. Jahrhundert durch Auswirkungen des Nationalsozialismus verhindert wurde – wissenschaftlich erforscht und künstlerisch aufgearbeitet. In den vergangenen Jahren wurden ungeahnte musikalische Schätze gehoben – zahlreiche bis dahin vergessene oder gänzlich unbekannte Kompositionen, deren Wiederaufführungen und zum Teil sogar Uraufführungen das deutsche und internationale Musikleben enorm bereicherten. Die Themen »Flucht, Vertreibung, Exil« sind leider auch heute noch in verschiedenen Teilen der Welt extrem aktuell und haben nach wie vor starke Auswirkungen auf das künstlerische Leben und Schaffen.

Sonntag, 20. November 2022 | 14:00 Uhr | PH Weingarten, Festsaal

LECTURE Sarah Nemtsov:»Wirklichkeit, Imagination, Konstruktion« Anhand einiger Werke der letzten Jahre möchte ich einen Einblick in meine Kompositionsweise und kreative Prozesse geben, zeigen, wie Werke entstehen, imaginiert werden, wie Kontexte sich auswirken: unsere Wirklichkeit, die sich »abdrückt« und ästhetisch auf unterschiedliche Weise gespiegelt oder gefiltert wird. Abdrücke oder Spuren hinterlassen auch andere Erfahrungen, Eindrücke, Themen oder Kunstwerke in meiner Musik. Eine Begegnung wird hier oft bewusst gesucht – gleichsam konstruiert. Es geht oft um die Spannung zwischen Vision – Imagination – Konstruktion. Außerdem werde ich über Einflüsse anderer Künste sowie Kollaborationen mit Künstler:innen sprechen und konkrete Beispiele hierfür zeigen.

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© Karin Krämer

» H EL M AU F ! «


Samstag, 19. November 2022 | 15:00 Uhr (Kinderaufführung, kleiner Saal), Samstag, 19. November 2022 | 16:00 Uhr (Aufführung des Stücks durch das Ensemble Adapter, großer Saal) Ausstellung im Foyer | Kulturzentrum »Linse«

»HELM AUF!« LiveMusikHörBuch für Leute ab 10 für Bass- und Piccoloflöte, Kontrabassklarinette, Cello, Harfe, Schlagzeug, Elektronik und Objekte Finn-Ole Heinrich | Sprecher Ensemble Adapter Ein Kooperationsprojekt von w e i t ! neue musik weingarten, Klosterwiesenschule Baindt und Pädagogischer Hochschule Weingarten

»Ich habe ein Schloss gekauft, ein kräftiges Vorhängeschloss. Und eine Kette, feuerverzinkt, Edelstahl, bombenfest und unkaputtbar. Rostet nicht, hat der Verkäufer gesagt. Im Baumarkt kann man Ketten kaufen, meterlang, von einer Rolle, ich brauchte nur ein kurzes Stück, vierzig Zentimeter. Vierzig Zentimeter, was willst du damit denn, hat mich der Verkäufer gefragt, und warum hast du einen Helm auf, und er schnitt ein Kettenglied mit einer riesigen Zange durch und gab mir das kurze Stück Kette. Einen Meter musst du trotzdem zahlen, hat er gesagt. Mir doch egal. Dafür kriegt den Helm niemand mehr von meinem Kopf. Wie lange hält so eine Kette, habe ich gefragt, da hat der Verkäufer gepfiffen und mit der Hand gewinkt und gesagt: Sankt Nimmerleinstag.« Die Kurzgeschichte Helm auf! von Finn-Ole Heinrich erzählt die Gedanken eines Kindes, das sich auf ganz individuelle Weise mit dem Erlebnis von Verlust auseinandersetzt. Finn-Ole Heinrichs Geschichte ist düster, aber zugleich voller Kraft. Beeindruckend und berührend ist die Stärke des Kindes, einen Weg für sich zu finden, mit dem Verlust umzugehen – oder besser: ihm entgegenzutreten.

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Das »LiveMusikHörBuch« arbeitet mit einer abstrakten und freien Form. Text und Klang funktionieren als eigenständige Elemente, mit denen in unterschiedlichen Kombinationen gearbeitet wird. Wort und Musik erklingen in der Komposition von Sarah Nemtsov gemeinsam oder getrennt, unterstützen einander oder löschen einander aus. Der Autor Finn-Ole Heinrich übernimmt selbst die Rolle des Sprechers als gleichberechtigter Bestandteil des Instrumentalensembles. Ein Blick hinter die Kulissen verbildlicht die Szenerie: Soundcheck und letzte Vorbereitungen. Wir befinden uns in einem Retro-FutureMultimedia-Radio-Fernsehstudio. Auf der Bühne die Musiker:innen, die ihre Instrumente stimmen, anspielen, pegeln. Die Aufnahmeleiterin erklärt dem Publikum die Situation: Live-Radio-Aufzeichnung. Es wird genau so aufgenommen, wie es gleich aufgeführt wird. »Get ready for recording. Fertig in fünf, vier, drei, zwei. Bitte.« Und los. Sarah Nemtsov: »Es wird auf Interaktion gesetzt, sowohl zwischen Wort und Musik als auch zwischen Bühne und Publikum. Das junge und alte Publikum wird aktiv in das Geschehen eingebunden. Junge Menschen werden musikalisch oft unterschätzt, werden selten an anspruchsvolles Hören herangeführt. In der Tat sind Kinder häufig aber sogar offener als Erwachsene. Klang und Wort als Phänomen – nicht nur auf der Konzertbühne, sondern überall um uns herum – dafür wollen wir Kinder (und Erwachsene) interessieren und begeistern.« … »Ich hatte den Anspruch, den Kindern etwas zum Hören mitzugeben, dass sie die Ohren öffnen, sich selbst öffnen, und vielleicht hinterher ein wenig anders hören.« Matthias Engler (Ensemble Adapter) ergänzt: »Erwachsene haben oft ihre festen Kategorien: Popmusik, Jazz, Klassische Musik; das haben Kinder noch nicht. Deshalb, glaube ich, können Kinder viel besser zuhören.« Education-Projekt w e i t ! 2022: Sarah Nemtsov (Andreas Höftmann) Im Zusammenhang mit dem Festival w e i t ! neue musik weingarten gab es 2021/22 ein zweiphasiges Education-Projekt. In der ersten Phase erarbeiteten Studierende des Lehramtsstudiengangs Musik der Pädagogischen Hochschule Weingarten im Wintersemester 2021/22 niveaudifferenzierende und kreative Unterrichtsmaterialien zum Hörstück Helm auf! und zu den Wolfsgesängen der Komponisten Sarah Nemtsov. Diese Arrangements dienten dazu, dass sich Schüler:innen aus Grundund Sekundarschulen der Region Weingarten die Musik Nemtsovs künstlerisch-sinnlich zueigen machen konnten.


Die praxisbezogene zweite Projektphase startete im Frühsommer 2022 und wurde von Fachlehrer:innen und PH-Studierenden im Musikunterricht aktiv begleitet. Durch die Einbeziehung von blinden Schüler:innen der Klosterwiesenschule Baindt erhielt das Education-Vorhaben zudem eine inklusive Dimension und unterstreicht die gesellschaftlich soziale Bedeutung von Neuer Musik. Die Kinder der Klosterwiesenschule haben sich mit der Geschichte auseinandersetzt und ein Theaterstück daraus gemacht. Auch dieses ist an dem Nachmittag zu erleben. Gerahmt wird die spannende Doppelaufführung durch eine Ausstellung mit Arbeiten der Kinder. Lehramtsstudierende der PH Weingarten präsentieren außerdem eine Klanginstallation sowie einen Kurzfilm über das Projekt. Ein Werkstattgespräch und der Konzertbesuch der Schüler: innen rundet das pädagogische Projekt ab.

© Karin Krämer

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Abbildungen S. 34 und links aus: Finn-Ole Heinrich: Helm auf! Erzählung, 2013 Illustriert von Karin Krämer, vollfarbig, transparenter Schutzumschlag. Limitiert & handnummeriert. ca. 25 Seiten 13 Euro


© Sarah Nemtsov

»K ALEIDOSKOP«


Samstag, 19. November 2022 | 18:00 Uhr | KUKO Weingarten | Staufersaal

GESPRÄCH Rolf W. Stoll im Gespräch mit Sarah Nemtsov

Samstag, 19. November 2022 | 19:00 Uhr | KUKO Weingarten | Welfensaal

»KALEIDOSKOP« Alessandro Marcello Konzert für Oboe und Streichorchester Sarah Nemtsov SHESH für Streichorchester Sarah Nemtsov Kaleidoskop für Solo-Oboe, Streichorchester und Cembalo Arnold Schönberg Verklärte Nacht, op.4 für Streichorchester // 33 Andrey Godik | Oboe Münchener Kammerorchester, Ltg. Bas Wiegers Konzertmitschnitt

Der Venezianer Alessandro Marcello (1673-1747) war als Dichter, Philosoph, Mathematiker, Geiger, Komponist und Jurist ein Universalgelehrter des Barock. Unter dem Pseudonym Eterio Stinfalico schrieb er zahlreiche Violinkonzerte, Solosonaten, Kantaten und Orchestermusiken. Sein bekanntestes Werk aber ist sein dreisätziges Konzert für Oboe und Streicher in d-moll, das in der Forschung als Archetypus eines Oboenkonzerts gilt. Marcellos Konzert wurde vor allem durch die Bearbeitung Johann Sebastian Bachs für Cembalo berühmt. Heute gehört es zum festen Repertoir einer/s Oboist:in. Shesh bedeutet im Hebräischen »sechs«. Im Judentum hat die Zahl »6« viele Bedeutungen. Das Werk ist ein dunkles, nächtliches Stück, aber diese Dunkelheit bedeutet Wärme, nicht nur Düsterkeit. Sarah Nemtsov stellt mit ihrer Komposition keinen direkten Holocaust-Bezug her, thematisiert gleichwohl das Loslassen und Überwinden des Schmerzes. Zentrales Thema ihres Stücks ist das Verhältnis von Individuum und Kollektiv.


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»Mit Kaleidoskop für Solo-Oboe, Streichorchester bzw. Streichquintett und Cembalo unternahm ich einen Versuch: entsprechend einem Kaleidoskop isolierte ich musikalische Gedanken, um sie dann fast zufällig und stets neu miteinander zu kombinieren. Das Stück besteht – einfach ausgedrückt – aus mehreren ›kleinen, bunten Steinen‹, die durch Drehen und Wenden immer anders aufeinander treffen und so unterschiedliche Bilder erzeugen. Entsprechend den auf Zufall beruhenden Bildern eines Kaleidoskops ergibt sich im Verlauf des Stücks scheinbar zufällig und unvermittelt ein Walzer, der an dieser Stelle auch ein Spiel mit verschiedenen historischen Perspektiven bedeutet. Die Besetzung Oboe, Streichorchester und Cembalo ist ja assoziativ sehr beladen: schon wenn man die Besetzung liest, scheint die Musik der italienischen Meister des Barock zu klingen. So ›veraltet‹ heute die Barock-Musik scheint, so war sie es auch bereits in früherer Zeit, z.B. vor 150 Jahren. In der Barockmusik spielten Tanzformen eine große Rolle. Der erst im 19. Jahrhundert entstandene Walzer stellt daher eine Art ›Zwischen-Blickwinkel‹ dar. Ein – aus heutiger Sicht ebenso veralteter – Walzer ist vom Cembalo gespielt eine klangliche Vorwegnahme. Wenn dann der Kaiser-Walzer von Johann Strauß rhythmisch zitiert wird, ist das sozusagen ein umgekehrtes Zitat.« Arnold Schönberg (1874-1951) war ein österreichischer Komponist, Musiktheoretiker, Kompositionslehrer, Maler, Dichter und Erfinder. Er stammte aus einer jüdischen Familie, emigrierte 1933 in die USA und nahm 1941 die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten an. Schönberg gilt als einer der einflussreichsten Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts und war die zentrale Gestalt der Zweiten Wiener Schule. Ihr Bestreben, die Tonalität in ihrer spätromantischen Erscheinungsform konsequent zu Ende zu denken, brachte ihn zunächst zur Aufgabe der Dur-Moll-Tonalität und schließlich 1921 zur Zwölftontechnik. Verklärte Nacht, op.4 entstand 1899 während eines Ferienaufenthalts mit seinem Kompositionslehrer Alexander von Zemlinsky und dessen Schwester Mathilde (die Schönberg 1901 heiraten sollte) im niederösterreichischen Payerbach. Programmatische Vorlage dieser ersten größeren Komposition Schönbergs bildet das Gedicht Verklärte Nacht von Richard Dehmel, dessen Gedichte Schönberg bereits in seinen Klavierliedern op. 2 und op. 3 vertont hatte. Die Uraufführung des Werks fand


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Sarah Nemtsov Kaleidoskop für Solo-Oboe, Streichorchester bzw. Streichquintett und Cembalo (2004) | Partitur, Seite 11 © Ricordi, Berlin

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1902 statt. Schönberg selbst erstellte 1917 eine Fassung für Streichorchester, die er 1943 nochmals revidierte. Verklärte Nacht ist einsätzig, besteht jedoch aus fünf nahtlos ineinander übergehenden Teilen, die den wechselnden Stimmungen des Gedichts folgen. Das Werk entstammt der ersten, tonalen Schaffensphase Schönbergs. Das an Brahms orientierte Verfahren, das Schönberg hier zur Anwendung bringt, bezeichnet er später als »entwickelnde Variation«. Harmonisch steht das Werk freilich der Musiksprache Richard Wagners nahe.

Richard Dehmel Verklärte Nacht

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Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain; der Mond läuft mit, sie schaun hinein. Der Mond läuft über hohe Eichen, kein Wölkchen trübt das Himmelslicht, in das die schwarzen Zacken reichen. Die Stimme eines Weibes spricht: Ich trag ein Kind, und nit von dir, ich geh in Sünde neben dir. Ich hab mich schwer an mir vergangen; ich glaubte nicht mehr an ein Glück und hatte doch ein schwer Verlangen nach Lebensfrucht, nach Mutterglück und Pflicht – da hab ich mich erfrecht, da ließ ich schaudernd mein Geschlecht von einem fremden Mann umfangen und hab mich noch dafür gesegnet. Nun hat das Leben sich gerächt, nun bin ich dir, o dir begegnet. Sie geht mit ungelenkem Schritt, sie schaut empor, der Mond läuft mit; ihr dunkler Blick ertrinkt in Licht. Die Stimme eines Mannes spricht:


Das Kind, das du empfangen hast, sei deiner Seele keine Last, o sieh, wie klar das Weltall schimmert! Es ist ein Glanz um Alles her, du treibst mit mir auf kaltem Meer, doch eine eigne Wärme flimmert von dir in mich, von mir in dich; die wird das fremde Kind verklären, du wirst es mir, von mir gebären, du hast den Glanz in mich gebracht, du hast mich selbst zum Kind gemacht. Er faßt sie um die starken Hüften, ihr Atem mischt sich in den Lüften, zwei Menschen gehn durch hohe, helle Nacht.

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Richard Dehmel (1863-1920) Fotografie, 1910

Arnold Schönberg, Gemälde von Richard Gerstl, 1906


© Sarah Nemtsov

» IM ANDE NKE N «


Sonntag, 20. November 2022 | 11:00 Uhr | PH Weingarten, Festsaal

»IM ANDENKEN« Sarah Nemtsov Kadosh für Violine solo mit Effektpedalen Sarah Nemtsov Im Andenken für Streichquartett Maksim Kolomiiets Streichquartett Sarah Nemtsov Wolfsgesänge für Violoncello solo mit Zuspiel und Video Sarah Nemtsov weggeschliffen für Streichquartett Arditti Quartet

Kadosh für Violine solo mit Effektpedalen – geschrieben für die Geigerin Mayah Kadish. »Anfang 2021 hatte ich einen sehr klaren und intensiven Traum, dass ich ein Stück für Mayah mit dem Titel Kadosh schreiben würde. Ich wachte auf und wusste, dass ich es schreiben muss. Der Titel Kadosh (hebräisch ›heilig‹) bezieht sich auf einen Bibelvers, der im täglichen Amidah-Gebet auftaucht, als Antwort der Gemeinde an den Kantor: ‫ֹודֹובְּכ ץֶרָאָה לָכ אֹלְמ תֹואָבְצ 'ה ׁשֹודָק ׁשֹודָק ׁשֹודָק‬ Kadosh Kadosh Kadosh Adoshem Tz'vaot M'lo Khol Ha'aretz K'vodo Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen! Die Fülle der ganzen Erde ist seine Herrlichkeit. (Jesaja 6:3)

Schatten und Fragmente der kurzen Melodie, die ich aus der Synagoge meiner Heimatstadt Oldenburg kannte, finden sich im Geigensolo.« Das Stück ist Mayah Kadish in Verbundenheit und zugleich auch der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg gewidmet. Im Andenken … setzt sich mit der Musik Schuberts, speziell dem Fragment des 2. Satzes aus seinem Streichquartett c-moll, sowie mit dem Fragment-Begriff generell auseinander. Bereits 2002 habe ich mich kompositorisch mit einem Fragment Schuberts beschäftigt: dem Lied

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Johanna Sebus. »Damals entschied ich mich für einen radikalen Bruch zwischen den musikalischen Sprachen – was an der ›Schnittstelle› mit gesprochenen statt gesungenen Worten verdeutlicht wurde. Mit Im Andenken ging ich einen anderen Weg. Zum einen wollte ich einen möglichst fließenden Übergang zwischen den verschiedenen musikalischen Sphären schaffen. Es gibt also einen Teil, der gewissermaßen als ›Brücke› fungiert. Zum anderen habe ich mich in meiner Musik (wenn auch nicht immer offensichtlich) fast durchgängig auf Schubert bezogen. Voraussetzung dafür war u. a. eine intensive Beschäftigung mit seinen Kompositionen – insbesondere seine Kammermusik studierte ich genau. Das Bezugnehmen bestand dann etwa darin, dass ich Schuberts allgemeine kompositorische Prinzipien sowie die in dem Fragment angelegten Elemente abstrahierte, um sie als Bausteine für mein eigenes Schreiben zu verwenden. Ab der Stelle innerhalb meines Quartetts, an der ich sozusagen ›bei mir angekommen‹ war, ließ ich untergründig eine von Schubert verwendete Form laufen: die nachfolgende Entwicklung stützt sich auf den formalen Aufbau des Durchführungsteils, bzw. B-Teils – bis hin zur Reprise – aus dem Andante un poco moto (2. Satz) des Streichquartetts G-Dur D 887. Auf diese subkutane Form verweise ich strukturell, mitunter inhaltlich, stärker oder schwächer. Die Musik begegnet diesem Leitfaden, reagiert, konterkariert ihn, kann ihn in Auszügen zitieren und ebenso ignorieren. Überhaupt geht es auch um die Thematisierung von Nähe und Ferne: es ist doch so, dass die Musik Schuberts uns heute als das Vertraute erscheint, wenngleich sie mit ihrem historischen Kontext weit entfernt von uns sein müsste und vielmehr das Zeitgenössische, das Aktuelle Nähe aufweisen sollte. (Gleichzeitig werden bekanntlich die Meister ob der ›Zeitlosigkeit‹ ihrer Werke als solche gerufen.) Zuletzt erklingt daher der Beginn des Schubertschen Fragments con sordino und fast doppelt so langsam gespielt – der Zeit entrückt, von Ferne.« Eine Kritik beschrieb das Stück so: »Zart, zerbrechlich, in einem Piano an der Grenze des Wahrnehmbaren erklang der Beginn von Schuberts Andante-Fragment aus dem Streichquartett c-moll D 703. Mit Dämpfer gespielt und fast doppelt so langsam notiert wie im Original wirkte es, als kämen die Töne aus einer anderen Welt. Eng verflocht die 1980 geborene Sarah Nemtsov das romantische Fragment mit ihrer eigenen modernen Musiksprache. Musik aus Schuberts Streichquartettfragment hatte die Komponistin […] schon an den Anfang ihres Quartetts gestellt. Aus der Formensprache des Romantikers abstrahierte sie die


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Sarah Nemtsov Im Andenken für Streichquartett (2007) | Partitur, Seite 9 »Nach dem Fragment des Andante (2. Satz) aus dem Streichquartett c-moll D703 von Franz Schubert« © Sarah Nemtsov


Elemente für ihren sinnlichen, lyrisch anmutenden Mittelteil: eine mit zeitgenössischen Mittel erzeugte berührende Seelenmusik.« Maxim Kolomiiets Streichquartett ist wie musikalische Schöpfung Frankensteins, zusammengefügt aus einzelnen Stimmen und Fragmenten, die Devastatio, einem älteren Stück für Streichorchester, entnommen wurden. »Mein Ziel war es, daraus ein völlig neues Werk zu schaffen und dem alten Material neues Leben einzuhauchen. In eine andere Form gebracht, begannen die Stimmen auf vielen verschiedenen Ebenen auf eine ganz neue Weise zu interagieren. Damit hat sich die Grundstimmung des Werkes zum Teil radikal verändert. Als hätte des Material selbst am Aufbau des Dramas mitgewirkt, aber meinen kompositorischen Visionen nicht immer folgen wollen, ja sich ihnen mitunter widersetzt.«

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Bezüge zur Tierwelt finden sich in Wolfsgesänge für verstärktes Violoncello, Elektronik und Video (von Rosa Wernecke und Heinrich Horwitz). Hier interagiert der Cellist mit zugespielten Popmusik-Schnipseln, Atemgeräuschen und synthetischen Klängen. Verarbeitet sind u.a. Feldaufnahmen von realen und transkribierten Wolfsgesängen. weggeschliffen für Streichquartett setzt sich mit Mozarts Streichquartett in C-Dur KV 465 (»Dissonanzenquartett«) auseinander. »In meinem neuen Quartett versuche ich, der Frage von Dissonanz und Auflösung (für mich) nachzuspüren - und zwar auf verschiedenen Ebenen: harmonisch, aber auch in Spieltechniken, Klanggestalten und formal. – ›Schwerer werden. Leichter sein.‹ (Paul Celan) Das Quartett entwickelt Strukturen aus der Quarte d'-g' heraus - der Klang ist gepresst, verzerrt, doch obertonreich und die Musiker sollen hier dem ihm innewohnenden Reichtum nachspüren, das Schöne im Hässlichen finden. Im Verlauf des Stücks werden Türen in andere Räume und andere Klänge geöffnet; plötzlich werden die Bögen ausgewechselt oder Hall setzt ein, Klänge werden weggeschliffen.« Das Quartett hat 5 Abschnitte. Es folgt darin dem hebräischen Alphabet, in dem jeder Buchstabe zugleich einen Zahlenwert hat, eine Wortbedeutung und auch eine sprituelle (kabbalistische) Bedeutung: Aleph – Anfang, Ewiger Gott, Stierkopf; Beit - Haus, Dualismus, Teilung; Gimel – Kamel, wichtige Ideen, göttliche Vollkommenheit; Dalet - Tür, Schöpfung, Diesseits; He - Fenster, Ewigkeit, die andere Seite (Jenseits).


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Sarah Nemtsov Wolfsgesänge (2019) für Violoncello solo (mit Elektronik und Zuspiel) | Partitur, Seite 11 © Sarah Nemtsov


»GALERIE« E LISABET H N AO M I REUTER

Elisabeth Naomi Reuter studierte Grafik und freie Malerei an der Werkkunstschule Hannover mit einem Stipendium der Stadt Hannover. Zu ihren Lehrern zählten Umbo (Otto Maximilian Umbehr), Raimund Girke sowie Friedensreich Hundertwasser. Studienreisen führten sie nach Amsterdam, wo sie insbesondere im Rijksmuseum Werke Alter Meister studierte, außerdem nach Wien und Paris. Nach dem Studium arbeitete sie als freischaffende Künstlerin und wirkte als Illustratorin für Schul- und Bilderbücher. Von 1974 bis 2004 lebte sie in Oldenburg. In den Jahren 1976 und 1977 war sie Tutorin für Illustration an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg. Von 1981 bis 1985 leitete sie die »Werkstattgalerie« in der Bergstraße in Oldenburg. Ab Mitte der 1980er Jahre war sie Mitglied der Jüdischen Gruppe in Oldenburg und 1992 Gründungsmitglied der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg. Seit 2004 lebte Reuter in Berlin und arbeitete seither ausschließlich im Bereich Freier Malerei. 2015 erschien beim Berliner Verlag Hentrich & Hentrich ein Katalog zu ihrem Werk Im Mittelpunkt der Mensch. Ebenfalls 2015 eröffneten ihre Tochter Sarah Nemtsov und deren Ehemann Jascha Nemtsov in Berlin-Charlottenburg die Galerie und den Veranstaltungsraum »Raum für Kunst und Diskurs«, der in wechselnden Ausstellungen die Werke Reuters präsentiert.


Paul C. Öl, Oilsticks und Ölkreiden auf Leinwand, 100x80cm, 2015 (zu Paul Celan)

The Moon has no door Öl, Oilsticks und Ölkreiden auf HSF-Platte, 100x80cm, 2015 (zu Sylvia Plath)

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Der Hungerkünstler Öl auf Canvas Board, 60x80cm, 2011 (zu Franz Kafka)

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Auf dem Weg zum Schloss Öl auf Canvas Board, 80x60cm, 2007 (zu Franz Kafka)


Fragile Öl auf Leinwand, 50x70cm, 2014

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Virginia W. – Dir will ich mich entgegenwerfen Öl auf Leinwand, 50x70cm, 2013 (zu Virginia Woolf)


Vor dem Gesetz – Suche Öl auf Canvas Board, 60x60cm, 2008 (zu Franz Kafka)

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Araber und Schakale Öl auf Canvas Board, 80x70cm, 2014 (zu Franz Kafka)


Später Öl auf Canvas Board, 60x80cm, 2014

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Leerstellen XII – Überlebender Öl und Ölkreide auf Canvas Board, 60x80cm, 2015


Jiskor Öl auf Canvas Board, 80x60cm, 1994

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Yukel / Yukels Rückkehr Öl auf Canvas Board 40x50cm, 2007 (zu Edmond Jabès)


Selbst Öl auf Canvas Board, 40x50cm, 2014

// 51 Sarah N. Öl, Oilsticks und Ölkreide auf HDF-Platte, 80x100cm, 2015


© Sarah Nemtsov

»(VERL ASSENE) ORTE«


Sonntag, 20. November 2022 | 15:30 Uhr | PH Weingarten, Aula

»(VERLASSENE) ORTE« A LONG WAY AWAY. Passagen Zyklus für Ensemble Ensemble Adapter + Gäste | Ltg.: Manuel Nawri

Der Zyklus A LONG WAY AWAY. Passagen (2010-2011) umfasst 7 Sätze von insgesamt mehr als 60 Minuten Dauer. Die einzelnen Sätze basieren auf der Lektüre von Werken Walter Benjamins, Marcel Prousts, W.G. Sebalds und Mirko Bonnés. Jeder Satz weist eine andere Besetzung auf und eine andere Aufstellung und ist verbunden mit einem realen oder fiktiven Ort. Dabei handelt es sich nicht um »Vertonungen«; von den Texten kommen allenfalls einzelne Sätze vor. Der zweite und der fünfte Satz des Zyklus sind »Passagen« – Übergänge zwischen zwei Sätzen. Sie sind deutlich kürzer als die übrigen Sätze. a long way away ist der vierte und längste Satz des Zyklus mit der größten Besetzung. Assoziiert man bei der Zahl 7 eine Menorah [7-armiger Leuchter], so ist der vierte Satz das Zentrum, das alles zusammenhält. I Verlassene Orte / Berlin (2010) – Zu Walter Benjamins Berliner Kindheit um neunzehnhundert für Altflöte, Bassklarinette, Harfe, präpariertes Klavier und Schlagzeug II Passage: Unscheinbare Pforten / Paris (2011) – Musikalische Reaktionen auf Walter Benjamins Zum Bilde Prousts für Violine, Cembalo und Schlagzeug III Laterna magica / Combray (2011) – Zu einem Ausschnitt aus Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit für präparierte Harfe solo, Klavier, Schlagzeug und Brummkreisel IV a long way away (2011) – Zu W.G. Sebalds vier Erzählungen Die Ausgewanderten für Flöte(n), Klarinette(n), Violine, Cello, Kontrabass, verstärktes Cembalo, Klavier, Schlagzeug und Assistenten V Passage: Central Park / Manhattan oder Landzunge / New Jersey (2011) – Musikalische Reaktionen auf Bilder W.G. Sebalds in Mirko Bonnés

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Herbst in New York für Klavier mit Melodica, Piccoloflöte, Viola (con sordino) und Schlagzeug VI Luftmacumba / Rio (2011) – Zu Mirko Bonnés vierteiligem Gedichtzyklus Luftmacumba für Schlagzeug solo, Bassflöte, Violine, Cello, Kontrabass, Harfe, präpariertes Klavier und zwei Assistenten VII landscapes / desert (2010) – Musikalischer Roadtrip durch SüdostKalifornien (Mojave desert) für Klarinette, Cello, Harfe, verstärktes Cembalo und Schlagzeug

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»a long way away (Teil IV) ist eine Art subjektive musikalische Lektüre von W.G. Sebalds Die Ausgewanderten. In seinem Buch beschreibt der Ich-Erzähler vier fiktive Biografien (deutsch-jüdischer Männer) im 20. Jahrhundert. Die Lebens- und Todesgeschichten sind sehr unterschiedlich und haben dennoch viele (tragische) Verknüpfungen. Henry Selwyn, den der Autor als Vermieter kennenlernt, erschießt sich. Paul Bereyter, der frühere Grundschullehrer des Autors in einem süddeutschen Dorf, legt sich vor einen Zug. Ambros Adelwarth, ein Onkel Sebalds, weist sich selbst wegen Depressionen in die Psychiatrie ein und lässt sich durch Elektroschocks die Erinnerung an sein Leben auslöschen. Max Aurach, der alte Maler, den der Autor in der in den Verfall treibenden Stadt Manchester zufällig kennenlernt, radiert seine Zeichnungen bis zu 40 Mal aus dem Papier, bis die nicht-verlorenen Gravuren seines Stifts ein Bild der Verschwundenen zeigen. […] Das Stück sollte – im Kontext des gesamten Zyklus – nicht länger als 15 Minuten dauern. Ich habe hier ein Konzept gewählt: ich habe die Seiten des Buchs und die jeweilige Länge der Biografie (die vier Geschichten werden interessanterweise immer länger!) umgerechnet auf 15 Minuten und erhielt so vier Teile (die entsprechend ebenfalls immer länger werden). Wann immer im Text ein Bild auftaucht, so tritt musikalisch quasi ein vertikales Ereignis ein. Ich habe dann versucht, in jedem Teil musikalisch einen eigenen Charakter zu entwickeln […] Es ging mir nicht darum, die Geschichten nachzuzeichnen, es sind eher Assoziationen (wie beim Lesen), so kommen auch Kindertröten vor, Zeichen für die (verlorene) Welt der Kindheit einerseits, aber es steht als Bild auch für das jüdische Fest Purim – die Kinder verkleiden sich und die Geschichte Esthers wird gelesen und wann immer der Name (des Bösen) Haman fällt, machen alle Kinder einen riesigen Krach, mit Tröten, Rasseln und Ratschen.«


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Sarah Nemtsov a long way away für Ensemble (2010/11) | »Laterna magica / Combray«, Partitur, Seite 6 © Sarah Nemtsov


© Sarah Nemtsov

K Ü NST L E R : I NNE N


Christoph Grund, Jahrgang 1961, ist sowohl als Komponist wie auch als Instrumentalist eine feste Größe in der Neue-Musik-Szene. Sein vielseitiges Engagement umfasst Solo-, Ensemble- und Orchesterauftritte bei renommierten Festivals und in den großen Konzertsälen der Welt sowie eine viele Sparten umfassende Liste an Kompositionen. Sein kompositorisches Handwerk lernte er bei Eugen Werner Velte, Mathias Spahlinger und Wolfgang Rihm, Stipendien erhielt er u.a. vom Internationalen Musikinstitut

© Anna Falkenstein

Andrey Godik wurde in Moskau geboren. Er begann seine musikalische Ausbildung 1996 in der Staatlichen Moskauer Gnessin-Musikschule. Von 2004 bis 2008 war er Jungstudent an der Zentralen Musikschule am Tschaikowski-Konservatorium in Moskau und erhielt Unterricht von Dmitri Kotenok. Meisterkurse u.a. bei Ingo Goritzki, Maurice Bourgue, Hansjörg Schellenberger, Jacques Tys, Jérôme Guichard, Ramón Ortega Quero und Marie-Luise Modersohn. Als Kammermusiker spielte Andrey Godik mit Emmanuel Pahud, Paul Meyer, Andrea Lieberknecht, Dag Jensen, Johannes Hinterholzer und vielen anderen. Von 2012 bis 2014 war er Mitglied der Orchesterakademie der Münchner Philharmoniker. In der Saison 2014/2015 war er Solo-Oboist an der Komischen Oper Berlin, bevor er 2015/2016 in gleicher Position an das Staatstheater Braunschweig wechselte. Seit der Saison 2017/2018 ist er Solo-Oboist der Bamberger Symphoniker.

© Marian Lenhard

KÜNSTLER:INNEN

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Darmstadt und der Heinrich-Strobel-Stiftung des SWF. In Zusammenarbeit mit der Sängerin Birthe Bendixen entwickelte er eine zeitgenössische Form des Hörtheaters. Schwerpunkte seines pianistischen Repertoires sind die Werke von Beethoven, Schubert, Bartók, Schönberg, Satie, Boulez, Berio, Ives, Cage, Feldman, Nono und Kurtág. Außerdem verbindet ihn eine enge Zusammenarbeit mit vielen namhaften Komponisten, so mit Lachenmann, Rihm, R. Saunders, Andre, Bedrossian, Haas, ter Schiphorst, von Schweinitz, Nemstow und Odeh Tamimi. Grund wirkt als Instrumentalsolist bei zahlreichen Musik-Festivals (u.a. Salzburger Festspiele, Berliner Festwochen, Wiener Festwochen, Festival d´Automne, Paris, Warschauer Herbst, Schleswig-Holstein-Festival). Soloengagements führten ihn an die großen Konzerthäuser im Inund Ausland. Er konzertiert regelmäßig mit Spitzenensembles für Neue Musik wie dem Klangforum Wien, dem Kammerensemble Neue Musik Berlin, dem ensemble mosaik und dem ensemble recherche, ist aber auch ein gefragter Kammermusiker und Liedbegleiter. Zu seinen Partnern an den Pulten der großen Orchester zählen Michael Gielen, Pierre Boulez, Sylvain Cambreling, Christoph von Dohnányi, Kent Nagano, Ingo Metzmacher, Francois Xavier Roth und Teodor Currentzis. Seine umfangreichen Erfahrungen gibt Christoph Grund in Gastseminaren an europäischen Hochschulen weiter. www.christophgrund.de

© Denise Hennig

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Finn-Ole Heinrich, geboren 1982, wuchs in Cuxhaven auf. Bevor er in Hannover Filmregie studierte, absolvierte er seinen Zivildienst in Hamburg und las in dieser Zeit einem Mann neun Monate lang Tag für Tag die Zeitung vor. Als Autor debütierte Heinrich im Alter von 23 Jahren mit dem Erzählband »die taschen voll wasser« (2005). In neun Kurzgeschichten beobachtet er vor allem Twentysomethings und seziert deren Verhältnis zu den großen, oft ernsten Themen des Lebens: Freundschaft, Liebe und Sexualität, Sinnsuche und Tod. Seine Geschichten findet Heinrich in fragmentarischen Momentaufnahmen des Alltäglich-Unscheinbaren. Seine Protagonisten beschreibt er als komplexe Charaktere, deren Lebenswelten und Verhalten er so präzise wie sensibel beobachtet und unaufdringlich, aber doch dicht beschreibt.


Benjamin Kobler hat sich als gefragter Interpret der Werke von Lachenmann, Ligeti, Messiaen und Stockhausen und als leidenschaftlicher Anwalt der zeitgenössischen Musik einen Namen gemacht. Er konzertiert regelmäßig in den USA, Asien, Südamerika sowie in den größten Konzertsälen Europas, wobei er von renommierten Orchestern begleitet wird, u.a. den Berliner Philharmonikern, dem New-WorldSymphony Orchestra (Miami), dem Nederlands Kamerorkest, und mit Dirigenten wie Myung-Whun Chung, Peter Eötvös, Reinbert de Leeuw, Stefan Asbury, Peter Rundel, Ilan Volkov und Sir Simon Rattle zusammenarbeitet. Kobler studierte an den Musikhochschulen Köln und Karlsruhe und am Conservatoire de Paris bei Pierre-Laurent Aimard, Georges Pludermacher und Carmen Piazzini. Eine 10 Jahre währende freundschaftliche Zusammenarbeit verbindet ihn mit Karlheinz Stockhausen. Er ist Widmungsträger seiner letzten Klaviersolostücke – NATÜRLICHE DAUERN. Seit 2003 lehrt er als Dozent der Klavier-Klasse bei den StockhausenKursen in Kürten. Über die Lehrtätigkeit bei den Stockhausen-Kursen hinaus unterrichtet Benjamin Kobler an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Er ist gern gesehener Gast bei vielen internationalen Festivals. Seit Dezember 2007 ist Benjamin Kobler Pianist des Ensembles Musikfabrik.

© Hans Fahr

Heinrich wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Kranichsteiner Literaturförderpreis (2008), dem Deutschen Jugendliteraturpreis (2012), dem Deutsch-Französischen Jugendliteraturpreis (2014) und dem LUCHS von der ZEIT und Radio Bremen. Für seine Arbeit als Drehbuchautor wurde er 2018 mit dem Thomas-Strittmatter-Preis ausgezeichnet. Finn-Ole Heinrich lebt als freier Autor in Hamburg und Südfrankreich. www.finnoleheinrich.de

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© Nemtsov

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Jascha Nemtsov, Pianist und Musikwissenschaftler, wurde 1963 im sibirischen Magadan geboren. Er wuchs in St. Petersburg auf und absolvierte dort die Spezialmusikschule (mit Goldmedaille). Danach setzte er seine musikalische Ausbildung am St. Petersburger Staatlichen Konservatorium fort (Konzertdiplom mit Auszeichnung). Seit 1992 lebt er in der Bundesrepublik Deutschland. Nemtsov promovierte 2004 und habilitierte sich 2007. Er ist Mitglied des Instituts für Jüdische Theologie an der Universität Potsdam und des Instituts für Musikwissenschaft Weimar-Jena, Akademischer Direktor der Kantorenausbildung des Abraham Geiger Kollegs und Assoziiertes Mitglied des Max-Weber-Kollegs für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien an der Universität Erfurt. 2011 übernahm er eine Gastprofessur für jüdische Musik und Kultur an der Universität Lüneburg. 2013 wurde er als Professor für Geschichte der jüdischen Musik an die Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar berufen. Nemtsov ist Herausgeber der Schriftenreihe „Jüdische Musik. Studien und Quellen zur jüdischen Musikkultur. Seine wissenschaftlichen Arbeiten konzentrieren sich auf jüdische Musik und jüdische Komponisten im 19. und 20. Jahrhundert sowie Themen wie »Nationalismus und Musik«, »Religion und Musik« oder »Totalitarismus und Musik«. Er hielt zahlreiche Gastvorlesungen an verschiedenen deutschen Universitäten, in vielen europäischen Ländern, Israel, Kanada und in den USA. Er ist Mitglied verschiedener internationaler wissenschaftlicher Gremien, darunter das Editorial Board des Milken Archive of Jewish Music (Santa Monica/New York) und das Editorial Board der Zeitschrift Music and Contemporary Culture (Haifa, Israel). Als Pianist nahm Jascha Nemtsov insgesamt rund 40 CDs mit zahlreichen Weltersteinspielungen auf. 2015 hat Jascha Nemtsov zusammen mit Martin Kranz die ACHAVA Festspiele Thüringen ins Leben gerufen – ein Festival für interreligiösen und interkulturellen Dialog, dessen wissenschaftlicher Leiter er wurde. Nemtsovs Repertoire ist außerordentlich breit und vielseitig: neben dem klassisch-romantischen Repertoire (sowohl Klaviersolowerke als auch Kammermusik) widmet er sich besonders der Musik des 20. Jahrhunderts bis hin zum 21. Jahrhundert. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf


russischer Musik (speziell Schostakowitsch, aber auch Zaderatsky, Weinberg u.a.). Außerdem gestaltete er mehrere Programme mit Werken von jüdischen Komponisten, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Ein weiteres Spezialgebiet ist die jüdische Kunstmusik Anfang des 20. Jahrhunderts, die Jascha Nemtsov gleichermaßen als Pianist und als Musikwissenschaftler wiederentdeckt und so das erstaunliche Oeuvre einer ganzen Komponisten-Schule (der Neuen Jüdischen Schule) dem Vergessen entrissen hat.

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Dirk Rothbrusts Eltern wollten das Akkordeon, der Sohn wollte es anders. Geboren 1968 im saarländischen Illingen, ließ sich der Elfjährige auf einer Karnevalssitzung im Heimatdorf vom Schlagzeug begeistern – und stellte es gleich ins Zentrum seines weiteren Lebens. Weil alles andere dabei mehr und mehr an den Rand rückte, blieb ein paar Jahre später kaum eine andere Wahl, als die Obsession zur Profession zu machen. Das Studium absolvierte Dirk Rothbrust 1986-1994 an den Hochschulen in Saarbrücken und Karlsruhe unter anderem bei Franz Lang und Isao Nakamura. Hier wartete vor allem klassische Literatur und bald auch zeitgenössische Musik auf den Studenten – und nicht mehr die Trommelei in Rockbands oder dem »Blasorchester Illingen«. Doch die Vielfalt seiner musikalischen Interessen hat sich Rothbrust bewahrt. Jazz, Improvisation und all denkbaren Mixturen lassen nach wie vor sein Herz schneller schlagen, so wie er überhaupt gerne über musikalische Grenzen hinausdenkt. Seit 1995 Teil des »Schlagquartett Köln«, hat Rothbrust hier wie auch in der regelmäßigen Arbeit mit anderen Ensembles gerade in der Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Musik ein ideales Feld gefunden, um seine Neugierde und seine Interessensvielfalt zu bündeln und weiter zu gestalten. 2006 wurde Dirk Rothbrust festes Mitglied des Ensemble Musikfabrik.


© Klaus Rudolph © Klaus Rudolph

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Peter Veale – in Neuseeland geboren und in Australien aufgewachsen – entstammt einer Musikerfamilie. Mit 6 Jahren erlernte er zunächst Geige und Klavier; später sattelte er auf die Oboe um. Noch vor dem Studium bei Heinz Holliger in Freiburg spielt er im Rundfunkorchester von Adelaide. Unter Francis Travis erlernt er das Handwerk des Dirigenten. Seine Arbeit als Mitglied des ensemble recherche (1986-94), des Württembergischen Kammerorchester Heilbronn (1986-96) und des Ensemble Musikfabrik bereichert Veale durch seine Tätigkeit als Solist, Kammermusiker, Dozent, Buchautor (Die Spieltechnik der Oboe – gemeinsam mit Claus-Steffen Mahnkopf) und als Herausgeber der Reihe »Contemporary Music for Oboe«. Für Peter Veale wurden bis heute mehr als 50 Werke komponiert. Im Rahmen der Ruhrtriennaleproduktion Delusion of the Fury (2013) mit dem Ensemble Musikfabrik entdeckte Peter Veale seine Liebe zu dem Instrument Koto, später auch Bass-Koto, die ihn seitdem begleitet.

Hannah Weirich entscheidet sich bereis mit sechs Jahren für die Geige; mit 12 Jahren gründet sie ein Klaviertrio. Bis heute konzertiert sie im Trio Fridegk. Zu ihren Lehrern gehören Ingolf Turban, Igor Ozim und Franco Gulli. Hannah Weirich erhielt zahlreiche Auszeichnungen wie den 1. Preis und Avantgardepreis beim Jakob-Stainer-Violinwettbewerb 1997 und den 1. Preis und Beethoven-Preis beim Internationalen Beethoven-Wettbewerb in Hradec/Tschechien 2000 mit dem Trio Fridegk. Auch der so zeitig entwickelten Liebe zur Kammermusik ist die 1980 im Allgäu geborene Musikerin treu geblieben. Im Orchester zu verschwinden war für Hannah Weirich nie eine aussichtsreiche Perspektive; im Tutti, sagt sie „verliert man zu viel Verantwortung.“ Verantwortung trägt sie nun im Ensemble Musikfabrik, dessen Mitglied sie seit 2005 ist, mit jedem Einsatz und findet darin „eine wunderbare Balance zwischen Gemeinschaft und Solo.“


Adapter ist ein deutsch-isländisches Ensemble für Neue Musik mit Sitz in Berlin. Den Kern der Gruppe bildet ein Quartett aus Flöte (Kristjana Helgadóttir), Klarinette (Ingólfur Vilhjálmsson), Harfe (Gunnhildur Einarsdóttir) und Schlagzeug (Matthias Engler). Gemeinsam mit fest ausgewählten Instrumentalist:innen entstehen aus

© Miyata

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© Rut Sigursdardottir

Bas Wiegers – Im Anschluss an seine musikalische Ausbildung in Amsterdam und Freiburg widmete sich Bas Wiegers zunächst seiner erfolgreichen Karriere als Geiger mit Schwerpunkt in der historischen Aufführungspraxis. 2009 wurde er mit dem Dirigentenstipendium der Kersjes Foundation ausgezeichnet. Es folgten Assistenzen von Mariss Jansons und Susanna Mälkki beim Royal Concertgebouw Orchestra, die ihn darin bestärkten, sich gänzlich auf das Dirigieren zu konzentrieren. In seiner niederländischen Heimat arbeitete Bas Wiegers unter anderem mit dem Nederlands Philharmonisch Orkest, Rotterdam Philharmonic und an der Seite von Peter Eötvös mit dem Royal Concertgebouw Orchestra. Darüber hinaus gastierte er beim SWR Symphonieorchester, WDR Sinfonieorchester, Estonian National Symphony Orchestra, bei der Britten Sinfonia, dem Ensemble Modern, dem Münchener Kammerorchester, an der Oper Köln und auf Festivals wie November Music, Holland Festival, Wiener Festwochen, Wien Modern, Huddersfield Contemporary Music Festival, Aldeburgh Music Festival und Acht Brücken in Köln. Das Klangforum Wien dirigiert er zudem beim Ultima Festival Oslo, bei der Ruhrtriennale, den Donaueschinger Musiktagen, beim Warschauer Herbst und beim Prague Spring Festival. Auch gastiert er mit der Musikfabrik Köln in der Elbphilharmonie Hamburg und mit dem Ensemble Resonanz beim Mozartfest Würzburg. Bas Wiegers ist ein geschätzter Partner für Komponisten wie Georges Aperghis, Georg Friedrich Haas, Helmut Lachenmann, Salvatore Sciarrino und Rebecca Saunders.


diesem Kern Kammermusikbesetzungen mit bis zu zehn Spieler:innen. Neben zahlreichen Uraufführungen widmet Adapter sich in Konzerten und im Studio einem individuellen und internationalen Repertoire zeitgenössischer Musik. In eigenen Projekten und Koproduktionen erprobt das Ensemble außerdem grenzübergreifende Arbeitsweisen. In Workshops wird erworbenes Wissen über Komposition, Studium und Aufführung von zeitgenössischer Musik mit Komponist:innen, Instrumentalist:innen und anderen Kreativen weltweit geteilt. Mit einem progressiven und kraftvollen Stil bemüht sich das Ensemble Adapter um einen authentischen Beitrag zu aktuellen Entwicklungen der Kulturszene. Neben der Stammbestzung des Ensembles wirken mit: Gregoire Simon, Violine/Viola, Zoé Cartier, Cello, Caleb Salgado, Kontrabass, Antonis Anissegos, Klavier, Agnieszka Karpińska, Cembalo, Manuel Nawri, Dirigent sowie Finn-Ole Heinrich, Sprecher.

© Astrid Karger

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Arditti Quartet: Irvine Arditti, Violine/ Ashot Sarkissjan, Violine/Ralf Ehlers, Viola/Lucas Fels, Violoncello. Seine präzise Artikulation und die rhythmische Prägnanz seines Spiels machen das Arditti Quartet zu einer der bedeutendsten Formationen der Interpretation der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. Seit seiner Gründung 1974 durch den Geiger Irvine Arditti wurden dem Quartett mehrere hundert Streichquartette gewidmet. Durch ihre enge Zusammenarbeit und den kreativen Dialog mit den Komponist:innen aber auch durch ihr Engagement als Dozenten bei den Darmstädter Ferienkursen, in zahllosen Meisterkursen sowie Workshops für Interpret:innen und Komponist: innen auf der ganzen Welt wurde »Arditti« selbst zu einer musikgeschichtlich wirkmächtigen Kraft. Das Quartet ist weltweit bei allen bedeutenden Festivals der Neuen Musik zu Gast. Die Komponist:innen, deren Werke das Quartett uraufgeführt hat, sind Legion, unter ihnen Adès, Andriessen und Aperghis, Cage, Carter, Denisov und Dusapin, Ferneyhough, Francesconi und Gubaidulina, Hosokawa, Kagel, Kurtág und Lachenmann, Ligeti, Maderna, Manoury und Nancarrow, Rihm, Scelsi, Sciarrino, Stockhausen und Xenakis. Die inzwischen mehr als


200 CD-Einspielungen des Quartetts erhielten zahlreiche Preise. Außerdem erhielt das Quartett für seinen Beitrag zur Verbreitung der Musik unserer Zeit den »Coup de Coeur« der Académie Charles Cros und schließlich für sein »musikalisches Lebenswerk« 1999 den begehrten Ernst von Siemens Musikpreis.

meine stadtbuchhandlung weingarten Löwenplatz 11 88250 Weingarten Telefon 0751 7669602 Email: weingarten@meine-stadtbuchhandlung.de Onlineshop: www.meine-stadtbuchhandlung.de Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9 - 18 Uhr, Samstag 9 - 13 Uhr


© Katharina Dubno

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Das Ensemble Musikfabrik zählt seit seiner Gründung 1990 zu den führenden Klangkörpern der zeitgenössischen Musik. Dem Anspruch des eigenen Namens folgend, ist das Ensemble Musikfabrik in besonderem Maße der künstlerischen Innovation verpflichtet. Neue, unbekannte, in ihrer medialen Form ungewöhnliche und oft erst eigens in Auftrag gegebene Werke sind sein eigentliches Produktionsfeld. Alle wesentlichen Entscheidungen des Ensembles werden von den Musiker:innen in Eigenverantwortung getroffen. Die Auseinandersetzung mit modernen Kommunikationsformen und experimentellen Ausdrucksmöglichkeiten im Musik- und Performance-Bereich ist ihnen ein zentrales Anliegen. Interdisziplinäre Projekte unter Einbeziehung von Live-Elektronik, Tanz, Theater, Film, Literatur und bildender Kunst erweitern die herkömmliche Form des dirigierten Ensemblekonzerts ebenso wie Kammermusik und die immer wieder gesuchte Konfrontation mit formal offenen Werken und Improvisationen. Dazu gehören auch Gesprächskonzerte und das Experimentieren mit Konzertformaten, die das Publikum stärker integrieren. Dank seines außergewöhnlichen inhaltlichen Profils und seiner überragenden künstlerischen Qualität ist das Ensemble Musikfabrik ein weltweit gefragter und verlässlicher Partner bedeutender Dirigenten:innen und Komponist:innen. Die Ergebnisse dieser häufig in enger Kooperation mit den Komponist:innen geleisteten Arbeit präsentiert das in Köln beheimatete internationale Solistenensemble in jährlich etwa 80 Konzerten auf Festivals im In- und Ausland. Bei WERGO erscheint die eigene CD-Reihe »Edition Musikfabrik«. Das Ensemble wird vom Land Nordrhein-Westfalen unterstützt. Die Reihe »Musikfabrik im WDR« wird von der Kunststiftung NRW gefördert.



© Münchener Kammerorchester

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Das Münchener Kammerorchester ist weltweit für seine aufregenden und vielseitigen Programme, die Werke früherer Jahrhunderte assoziativ und spannungsreich mit Musik der Gegenwart kontrastieren, bekannt. Großen Wert legt das MKO auf die dramaturgische Konzeption seiner Programme. Als Kernaufgabe sieht das MKO das Engagement in der Musikvermittlung, das Kooperationen mit Kindergärten und Schulen, Orchesterpatenschaften sowie Angebote in der Erwachsenenbildung umfasst. Der Entdeckergeist und das unermüdliche Engagement des MKO für die zeitgenössische Musik zeigen sich an den zahlreiche Werken, die das Orchester in den letzten Jahrzehnten uraufgeführt hat. Komponist:innen wie Iannis Xenakis, Wolfgang Rihm, Tan Dun, Chaya Czernowin, Georg Friedrich Haas, Pascal Dusapin, Salvatore Sciarrino und Jörg Widmann haben für das MKO geschrieben. Den Kern des Ensembles bilden die 28 fest angestellten Streicher, die aus 13 verschiedenen Ländern stammen. Flexibel erweitert das MKO seine Besetzung im Zusammenwirken mit einem Stamm erstklassiger musikalischer Gäste aus europäischen Spitzenorchestern. Rund sechzig Konzerte pro Jahr führen das Orchester auf renommierte Konzertpodien in aller Welt. In den vergangenen Spielzeiten standen u.a. Tourneen nach Asien, Spanien, Skandinavien, Russland und Südamerika auf dem Plan. Bei ECM Records sind Aufnahmen des Orchesters mit Werken von Karl Amadeus Hartmann, Sofia Gubaidulina, Giacinto Scelsi, Thomas Larcher, Valentin Silvestrov, Isang Yun und Joseph Haydn, Toshio Hosokawa und zuletzt Tigran Mansurian erschienen.


Sa | 14.01.

Julia Biel Vocal Jazz

So | 15.01.

Der Klang der Stimme Film & Talk

Fr | 20.01.

Sedaa Mongolei meets Orient

Sa | 21.01.

Andreas Schaerer A Novel Of Anomaly

So | 22.01.

Young@Heart Ü-70-Chor im Filmporträt

Fr | 27.01.

Darling West Cosmic Folk

Sa | 28.01.

Sa | 14.01.

Estonian Voices

Julia Biel

A-cappella-Kunst

So | 29.01.

Vocal Jazz

Aus voller Kehle für die Seele

odeon-goeppingen.de

© Jenna Foxton

ODEON singt #7 im Alten E-Werk


1 BEST WESTERN PARKHOTEL WEINGARTEN Abt-Hyller-Strasse 37 – 39 | 88250 Weingarten Telefon 0751-5040 info@hotel-weingarten.bestwestern.de www.hotel-weingarten.bestwestern.de Mittagstisch Montag – Freitag von 11.30 Uhr bis 14.00 Uhr Gerne bieten wir unser Frühstücksbuffet auch für externe Gäste an!

HOTEL ALTDORFER HOF Warme Küche Montag–Samstag 17.30 – 21:30 Uhr

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Sonntag & Feiertag 11.30 – 14.00Uhr Burachstraße 12 | 88250 Weingarten Telefon 0751 50090 hotel@altdorfer-hof.de www.altdorfer-hof.de Frühstücksbuffet Montag–Freitag 06.30 – 10.00 Uhr Wochenende/Feiertage 07.00- 10.00 Uhr

HOTEL GASTHOF SONNE Tagungsräume, Nebenzimmer, Nichtraucherbereich Inhaber: Bozo Ivancic Liebfrauenstraße 26 | 88250 Weingarten Telefon 0751 560790 Fax 0751 5607999 info@sonnehotel.de www.sonnehotel.de

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FESTIVAL-HOTELS & RESTAURANTS Spielstätten: A Kulturzentrum »Linse« | B PH Weingarten | C KuKOZ

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ZUR POST AMRIT Indische Spezialitäten Postplatz 8 | 88250 Weingarten Telefon 0751 52575 Mobil 0173 2034279 www.zur-post-amrit.de

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IMPRESSUM w e i t ! neue musik weingarten Festival Künstlerische Leitung: Rolf W. Stoll Dramaturgie und Öffentlichkeitsarbeit: Dr. Elisabeth Schwind Organisation und Logistik: Elisabeth Häußler | Friederike Dellbrügge Dokumentation: Rudolf Kalthoff Programmheft Grafik: Engler & Schödel, Atelier für Gestaltung, Mainz Redaktion und Layout: Rolf W. Stoll Technische Ausstattung Licht & Ton: AudioConcept, Bad Schussenried Coverfoto: Elisabeth Naomi Reuter (Ausschnitt) © Sarah Nemtsov Alle Rechte vorbehalten © 2022 weit! weingarten e.V. und die Autor:innen weit! weingarten e.V. Doggenriedstraße 45 88250 Weingarten kontakt@weit-weingarten.de www.weit-weingarten.de



WERGO

Bernd Alois Zimmermann Recomposed

Sarah Nemtsov Amplified Imagination

Gauwerky/Greffin-Klein/Porath/Uhlig

WDR Sinfonieorchester/Heinz Holliger

Ensemble Adapter/Ensemble Mosaik/Sonar Quartett

WER 68712 (CD) Produktion: Ensemble Musikfabrik Unterstützt von Kunststiftung NRW

WER 74052 (CD) Unterstützt von Strecker-Stiftung

WER 65852 (CD) Koproduktion Deutscher Musikrat und Deutschlandfunk Kultur

Wolfgang Rihm Grat | Edge

Sarah Nemtsov A Long Way Away|Hoqueti

Harry Partch Delusion of the Fury

A Bu, piano

Ensemble Adapter/ Neue Vocalsolisten Stuttgart

Ensemble Musikfabrik

WER 20772 (2 CDs) Produktion: ZKM

WER 74012 (CD) – ca. Febr. 2023 Produktion: WDR / Nikel Unterstützt von Kunststiftung NRW

Nikolai Kapustin | A Bu New Memories

DIGITAL EDITION

Enno Poppe Filz|Stoff|Wald

Ludger Brümmer Spheres of Resonance

Conlon Nancarrow Quartets and Studies

Tabea Zimmermann/ Ensemble Resonanz

ZKM Hertz-Lab

Arditti Quartet

Koproduktion mit dem WDR Unterstützt von PRO MUSICA VIVA Maria Strecker-Daelen Stiftung

WER 74022 (CD) Koproduktion mit DLF Unterstützt von Kunststiftung NRW

WER 73872 (3 CDs) Produktion: WDR Unterstützt von Kunststiftung NRW und Strecker-Stiftung

WER 73662 (CD) Koproduktion mit Deutschlandfunk Kultur

Musik unserer Zeit

All CDs include premiere recordings. | Alle CDs enthalten Ersteinspielungen.

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