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Ernst Trachsler

Das Ortsmuseum Wängi 1960 – 2017

Wängener Heft 5


Umschlagbild: Ausschnitt aus der Ausstellung «Neueingänge 2005»


Ernst Trachsler

Das Ortsmuseum Wängi 1960 – 2017 Geschichte und Geschichten

Wängener Heft 5


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Inhaltsverzeichnis

Grusswort des Gemeindepräsidenten

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Vorwort des Verfassers

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Die Anfänge im Schulhauskeller 1960 – 1970 Ernst Wiesmann – Sein Wirken

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Vom Anschauungsunterricht zur Schulsammlung

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Eröffnung der ersten Ausstellung im Keller des Steinlerschulhauses

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Erste rechtliche Grundlagen

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Das Museum etabliert sich: Schrittweiser Aufbau

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Übergang und Fortsetzung: Ernst Trachsler

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Das Museum gerät in Vergessenheit 1970 – 1980 Die Suche nach neuen Ausstellungsräumen

30 33

Neue Hoffnung 1980 – 1986

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Eine Lösung zeichnet sich ab

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Die Pläne konkretisieren sich

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Gründung der Stiftung Ortsmuseum Wängi

43

Die Gemeinde steigt ein

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Die Bevölkerung engagiert sich

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Neuanfang in der Adlerscheune 1986

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Standortbestimmung

53

Das Konzept für den Neuanfang

54

Die Scheune als bauliche Herausforderung

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Die Neueröffnung des Ortsmuseums in der Adlerscheune

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Erstes Thema: Wandel

63

Thematische Gliederung der ständigen Ausstellung

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Inhaltsverzeichnis

Das Museum lebt – 1986 bis heute

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Die Sammlung wächst und wächst

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Das Sammlungskonzept

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Die Sammlung heute – eine kritische Zwischenbilanz

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Das Werkverzeichnis von Johann Alphons Berkmüller

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Archäologische Funde aus dem Dorf

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Ein Blick hinter die Kulissen eines modernen Museums

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Der Stiftungsrat und seine Aufgaben

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Die Aufgaben der Museumskuratoren

113

Das Ortsmuseum als Sammler und Bewahrer von Geschichten

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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

128

1987 · 1100 Jahre Kirche Wängi

129

1987 · 100 Jahre Frauenfeld-Wil-Bahn

130

1988 · Landwirtschaft im Wandel

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1989 · Brot

134

1989 · Dreschen

136

1989 · Johann Jakob Zemp (Mosaizist)

138

1990 · Wängi und seine Vereine

140

1990 · Lurche und Amphibien

143

1991 · Wirtschaften und Weinberge in Wängi

144

1992 · Vom Futter zur Butter

148

1993 · Wängi auf alten Fotos und Wängemer Fotoalben

150

1994 · Wängi vor 50 Jahren. Geschichten aus der schwierigen Zeit zwischen 1939 und 1945

156

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4

Inhaltsverzeichnis

1995 · Kleider und Klamotten

163

1996 · Vom Detektor zum Walkman – die Entwicklung des Radios. Sammlung Jean Pierre DeBrot

166

1997 · Von Johann Alphons Berkmüller bis Hermann Walder. 12 Portraits von Wängemer Persönlichkeiten aus zwei Jahrhunderten

168

1998 · Wängi, Tuttwil, Eggetsbühl – unsere Dorfschulen/100-Jahr Jubiläum Sekundarschule Wängi

180

1999 · Sekundarschule und Realschule – die Klassenfotos des 20. Jahrhunderts

183

2000 · Schriften · Siegel · Stempel

186

2001 · Schriften und Bilder. Bilderschriften und Schriftbilder

188

2002 · Waschen · Bügeln · Flicken

190

2002 · Jakob Stutz 1801 – 1877. Volksdichter aus dem Zürcher Oberland mit familiären Beziehungen zu Wängi

194

2003 · Thurgauerinnen haben eine Geschichte

195

2003 · Wo sind die Frauen in der Geschichte von Wängi?

196

2004 · Menschen aus Wängi – Fotoportraits von Ruedi Götz aus der Zeit von 1968 bis 2003

200

2005 · Wertvoll oder wertlos?

204

2006 · Landmaschinen (Sammlung von Paul Krapf, Wilhof)

209

2007 und 2008 · Aus Wängemer Fotoalben Teil I und Teil II

210

2008 · Christlicher Glaube in Kirche und Haus

216

2009 – 2010 · Weberei Wängi AG – Aufstieg und Niedergang. Geschichte der Weberei von 1823 bis 2004

220

2010 · Dorfzentrum im Wandel. Die baulichen Veränderungen rund um die Schäfli-Kreuzung. Fotoausstellung

227

2011 · Sammeln zwischen Sachinteresse und Sammelwut

232

2012 · Schülerinnen und Schüler fotografieren Wängi

238

2013 · Vom Flachssamen zum Leinenstoff

240

2014 · Freizeit – damals und heute

242

2015 · Wängi und seine Vereine

244

2016 · Wängi und seine Schulen

246

2017 · Essen und Trinken

249


Inhaltsverzeichnis

Ein Ausblick in die Zukunft

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Konzept und Ziele

255

Ausstellungen und Betrieb

255

Besucherinnen und Besucher

256

Statistische Zusammenstellung der Besucherzahlen von 1987 bis 2017

261

Literaturverzeichnis

263

Sponsoren

269

Impressum

271

Wängener Hefte

272

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Grusswort des Gemeindepräsidenten

Das Wängener Heft 5 über die Geschichte des Ortsmuseums Wängi setzt die erfolgreiche und für unsere Gemeinde wertvolle Schriftenreihe fort. Das Ortsmuseum hat diese Betrachtung verdient, steht es doch im Mittelpunkt der Erzählung und der Bewahrung der Geschichte von Wängi. Dabei versteht sich das Museum als bescheidener Vermittler der Geschichte, was auch im Titel «Geschichte und Geschichten» zum Ausdruck kommt. Dazu bedarf es jedoch engagierter Personen, eigentlicher «Macher», welche dem Ortsmuseum bzw. der Geschichte von Wängi immer wieder neues Leben einhauchen. All diesen Personen und der Stiftung Ortsmuseum gebührt der aufrichtige Dank von uns Wängenerinnen und Wängenern. Die Gemeinde Wängi kann stolz dar-

auf sein, ein solch gut geführtes Ortsmuseum in seinem Dorf zu wissen. Ernst Trachsler danke ich herzlich für die Realisation dieses 5. Wängener Heftes. Wer käme als Verfasser besser in Frage, als er, der das Museum während 46 Jahren als Kurator geleitet hat? Ein Dank gilt auch Ruedi Götz, welcher wiederum die Fotos aus seiner umfangreichen Wängener Fotosammlung zur Verfügung gestellt hat. Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünsche ich nun anregende Unterhaltung bei der Lektüre dieses Heftes. Tauchen Sie in die Geschichten rund um die Geschichte des Ortsmuseums ein. Thomas Goldinger im Herbst 2017


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Vorwort des Verfassers

Liebe Leserinnen und Leser Zugegeben, zunächst wars ein Zufall. Als man in Wängi gewahr wurde, dass 2018 das 1200-jährige Jubiläum fällig wird, war dieses Heft bereits zur Hälfte geschrieben. Die Herausgabe zu Beginn des Jubiläumsjahres macht nun aber sehr viel Sinn. Im Ortsmuseum kommen Gegenwart und Vergangenheit zusammen. Was heute in Wängi geschieht, ist morgen schon Geschichte und fürs Ortsmuseum interessant. So ist denn auch die Geschichte des Ortsmuseums selbst untrennbar mit einem Stück Geschichte der Gemeinde Wängi verknüpft. Und überall dort, wo über die Gegenwart hinaus in die Zukunft gedacht wird, liefert die Geschichte unverzichtbare Grundlagen. Auch wenn das vorliegende Wängener Heft 5 schwergewichtig Geschichten rund um die Geschichte des Ortsmuseums erzählt, berichtet es doch manches über die Gemeinde. So ist zwar das vorliegende Heft zum Ortsmuseum keine eigentliche Jubiläumsschrift, aber doch in mancherlei Hinsicht ein Spiegel des lokalen Geschehens. Wer über das Ortsmuseum und seine Sammlung mit den Tausenden von Objekten aus bis zu sieben Jahrhunderten (einmal abgesehen von den prähistorischen und römischen Funden) schreiben will, steht vor ein paar Herausforderungen. Da wäre etwas zu sagen über den Weg Wängis von der Gerichtsherrschaft zur politischen Gemeinde oder über den Übergang von der ländlichen Geborgenheit in die Neuzeit oder

über die Entwicklung der Armenanstalt zum Wohn und Pflegezentrum Neuhaus oder über die Geschichten der Vereine wie etwa der Naturschutzvereinigung Grütried oder über die Geschicke der Dörfer Hunzikon und Rosental. Darüber ist aber bereits in früheren Wängener Heften schon berichtet worden. Aber sie hätten nicht geschrieben werden können ohne Unterstützung des Ortsmuseums. Und trotzdem ist das Ortsmuseum nicht nur Archiv oder Lager, wo sich Geschichtsschreiber nach passenden Dokumenten, Fotos oder Objekten umsehen können. Im Gegenteil: Das Ortsmuseum Wängi lebt! Auch wenn es in einer Scheune zu Hause und von aussen besehen wahrlich kein aussergewöhnlicher Bau ist! Ein Überbleibsel landwirtschaftlichen Dorflebens. Und doch, gerade diese äusserliche Unscheinbarkeit steigert den Wert der Dinge im Inneren. Ein Blick hinter das Scheunentor lohnt sich. Es gibt viel zu entdecken: Wertvolles, Seltsames, Berührendes, Unerklärliches, Lehrreiches, Unterhaltendes. Vielleicht weckt dieses Heft Ihr Interesse an unserem Ortsmuseum von Neuem! Ernst Trachsler im Herbst 2017


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Die Anfänge im Schulhauskeller 1960 – 1970

Abgestempelter Briefumschlag, adressiert an Herrn Gottfried Pupikofer in «Untertutwyl». Zu beachten ist im Zuge der französischen Verwaltungsreform die Schreibweise «Avril». 1834


Die Anfänge im Schulhauskeller 1960 – 1970

Ernst Wiesmann – Sein Wirken Seine Entstehung verdankt das Ortsmuseum Wängi zwei ganz unterschiedlichen Ursachen: Erstens den intensiven Bildungsbemühungen von Sekundarlehrer Ernst Wiesmann (1903 – 1964) und zweitens der 500-jährigen Zugehörigkeit des Kantons Thurgau zur Eidgenossenschaft im Jahre 1960. Ernst Wiesmann war ursprünglich Buchhändler. Auf dem zweiten Bildungsweg holte er die Matura nach und absolvierte ein Studium zum Sekundarlehrer für Sprachen und Geschichte. Ernst Wiesmann verstand sich nicht nur als Lehrer der Schuljugend. Er war Jugend- und Erwachsenenbildner zugleich. Er vermittelte auch der erwachsenen Dorfbevölkerung Bildung und Kultur. Ihm schwebte eine Art Volkshochschule Wängi vor. Interesse­losigkeit und Kulturabstinenz waren ihm ein Gräuel. Sein Ideal war der gebildete und vielseitig interessierte Bürger. In sein Weltbild flossen reformpädagogische und anthroposophische Grundsätze mit ein. Sein Bildungs- und Kulturbegriff reichte vom Naturerlebnis über die Auseinandersetzung mit Literatur, Musik und bildender Kunst bis zur Geschichte und zur Geologie. Er organisierte kulturelle Veranstaltungen und hielt selber Vorträge zu geschichtlichen und kunstgeschichtlichen Themen. Im Protokollbuch der Vereinigung für Kulturpflege1 wird zum Beispiel für 1960 von folgenden Anlässen berichtet: · Italien. Lichtbilderabend von Orlando De Martin · Wie findet das Buch den Weg zum Leser? Plauderei mit R. Pfister, Buchhändler, Frauenfeld

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Heute «w.u.k» (Wängi und Kultur)

Ernst Wiesmann. Aufnahme vermutlich1960 anlässlich der Einweihung des Anbaus Steinlerschulhaus

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Die Anfänge im Schulhauskeller 1960 – 1970

· D as Mosaik aus Geschichte und Werkstatt. Vortrag mit Lichtbildern von Johann Jakob Zemp, Küsnacht · Vorlesung im Walliserdialekt. Marco Volken, Dussnang · Die süditalienische Frage. Überbevölkerung und Armut. Prof. Dr. Theo Osterwalder, Frauenfeld · Deutsche Erzähler der Gegenwart. Vorgetragen von Ernst Wiesmann, Dr. Walter Vontobel und anderen

Pferde­skulptur im Garten der Bild­hauerin Frau Elfriede Gremli in Scherzingen

· Jugoslawische Literatur. Frau Prof. Milici · Kirchliche Wandmalereien des späten Mittelalters. Exkursion in die Region Winterthur. Leitung Ernst Wiesmann. · Die Bedrohung durch den Kommunismus. Vortrag von Oskar Reck, Redaktor Frauenfeld · Weihnachtssingen im Hause Dr. Vontobel Zusammen mit den Besitzern des Weierhauses, Ursula und Hugo Sulzer-Stierlin, organisierte die Vereinigung für Kulturpflege darüber hinaus jedes Jahr im Garten des Weierhauses eine Serenade des Frauenfelder Stadtorchesters. Daneben engagierte sich Ernst Wiesmann im Verkehrs- und Verschönerungsverein sowie in der Naturschutzvereinigung Grütried. Hier gehörte er dem Gründungsvorstand an und amtete manche Jahre als Kassier. Im Weiteren gründete er den Verein zur Förderung der Kulturpflege sowie die Volksbibliothek. Und schliesslich stellte er das Ortsmuseum auf die Beine. Mit unbeirrbarer Überzeugung und unermüdlichem Engagement setzte er sich ein für Dorf und Heimat. Dass heute, immerhin gut 60 Jahre später, alle diese Institutionen – wenn auch zum Teil unter anderem Namen – noch am Leben sind, zeugt von grosser Voraussicht und verdient uneingeschränkten Respekt!


Die Anfänge im Schulhauskeller 1960 – 1970

Nicht immer waren seine Initiativen von Erfolg gekrönt und nicht immer schuf er sich mit seinen Vorstössen in der Gemeinde nur Freunde. So engagierte er sich 1957/58 für den Kauf einer Sandsteinskulptur der Bildhauerin Elfriede Gremli aus Scherzingen. Sie sollte auf den Pausenplatz vor der Steinlerturnhalle zu stehen kommen. Die Pferdeskulptur gefiel nicht allen und wurde per Schulgemeindebeschluss zurückgewiesen. Pferd und Reiter blieben in Scherzingen stehen. Einige Jahre später platzierte die Schule an der vorgesehenen Stelle einen markanten, beinahe mannshohen Findling aus dem Aushub für das Autobahntrassee. Dieser Findling ergänzte die ebenfalls von Ernst Wiesmann initiierte geologische Sammlung von Findlingen gleich nebenan bei den beiden Birken. Der Stein nimmt dort heute noch seinen Platz ein und die ursprünglich für die Pferdeskulptur ausgesparte Rondelle im Hartbelag des Pausenplatzes fand doch noch eine Funktion. Von den kleineren Findlingen, welche zur Zeit an ihrem jetzigen Standort etwas verloren wirken, finden sich im Ortsmuseum Bruchstücke. Diese sind geologisch nach Herkunft und Gletscherverlauf analysiert. Auch Ernst Wiesmanns Kampf im Jahre 1958 um den Erhalt der baugeschichtlich schützenswerten Bogenbrücke bei Heiterschen endete in einer bitteren Niederlage. Er wollte «ein gutes, altes Bauwerk vor dem falschen Ideal eines hindernisfreien Verkehrs» bewahren. In einer Stellungnahme zuhanden der Presse und

Heiterscher Brücke von 1836 Linolschnitt von Ernst Wiesmann um 1958

der Öffentlichkeit schreibt er mit resoluter Entschlossenheit: «Sollte die Brücke tatsächlich zum Tode verurteilt werden, so werde ich es als meine Pflicht ansehen, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln weiter für sie zu kämpfen: Appell an die Gemeinde, Presse, Anrufung des Heimatschutzes usw. Ich hoffe, dass es nicht nötig sein wird.» Der Erfolg blieb ihm versagt. Die 1836 aus Tuffsteinquadern erbaute Bogenbrücke wurde 1958 abgerissen und durch eine Brücke aus Beton ersetzt.

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Die Anfänge im Schulhauskeller 1960 – 1970

Ernst Wiesmann kritisierte auch den sorglosen Umgang mit Abfalldeponien. Ebenfalls erfolglos. Gemäss mündlicher Überlieferung lag eine solche am hangseitigen Ufer der Murg im Weidli.2 Die verunreinigten Abwässer sickerten in die Murg und setzten der Tierwelt zu. Anzumerken ist noch, dass just an jener Flussstrecke Ernst Wiesmanns Lehrerkollege Albert Schreiber einen Badeplatz für seinen Schwimm­unterricht eingerichtet hatte. Man stelle sich heute eine offene Mülldeponie am Ufer eines fliessenden Gewässers vor! Ernst Wiesmann war in solchen Belangen seiner Zeit weit voraus.

Stauvorrichtung für den Badeplatz in der Murg. Bei Hochwasser brach das Verbindungsstück und gab die aufgestauten Wassermassen frei. Zeichnung von Albert Schreiber 1948.

Im Jahre 1960 feierte der Kanton Thurgau seine 500-jährige Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft.1460 hatten sieben der acht alten Orte der Eidgenossenschaft den damaligen Thurgau erobert.3 Der Kanton Thurgau feierte mit einem grossen Fest in Frauenfeld, verbunden mit der Einrichtung eines kantonalen historischen Museums im Schloss Frauenfeld. Zusätzlich regte die Regierung in den Dörfern lokale kulturelle Projekte an. Ernst Wiesmann war für Wängi der richtige Mann. Er packte die Gelegenheit. Was dem Kanton sein Schlossmuseum, sollte Wängi sein Ortsmuseum im Steinlerschulhaus werden.

Waldpartie im Weidli. Im Hintergrund die Murg. Im Untergrund liegt vermutlich die von Ernst Wiesmann bekämpfte Abfalldeponie.

2

Noch in den 1960er Jahren existierte in jener Gegend am Ende des Röhrhaldenweges eine zweite Deponie.

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Bern hatte seine politischen Präferenzen in der Westschweiz und beteiligte sich nicht an den Eroberungsfeldzügen im Osten.


Die Anfänge im Schulhauskeller 1960 – 1970

Vom Anschauungsunterricht zur Schulsammlung Ernst Wiesmann startete mit seinem Museums­ projekt nicht bei Null. Für seinen Unterricht in den Fächern Geografie und Geschichte hatte er im Laufe der Jahre manche Demonstrationsobjekte und reichhaltiges Anschauungsmaterial gesammelt. Er verfolgte in seinem Unterricht das didaktische Prinzip der Realanschauung. Seine Schülerinnen und Schüler sollten bestimmte Dinge im eigentlichen Sinne «begreifen» können.

Javanische Batik und afrikanische Kalebassen aus der ethno­grafischen Schulsammlung von Ernst Wiesmann

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Die Anfänge im Schulhauskeller 1960 – 1970

Im Zusammenhang mit dem Geografie­unterricht umfasste die Wiesmann’sche Schulsammlung fernöstliche Zeremoniendolche, javanische Batikdecken und afrikanische Kalebassen. Seine Ausführungen im Geschichts­ unterricht veranschaulichte er mit Gipsabdrücken von assyrischen Rollsiegeln, mit frühgriechischen Keramikscherben aus Kreta, afrikanischen Bewässerungsbrunnen im Spielzeugformat aus Blech, alten Büchern, historischen Dokumenten und anderem mehr.

Zur Schulsammlung gehörte aber auch Bildund Fotomaterial, welches Ernst Wiesmann aus Illustrierten ausschnitt und auf Halbkarton aufklebte und – passend zum aktuellen Unterrichtsthema – für eine gewisse Zeit im Schulzimmer aufhängte. Schriftliche Dokumente wie etwa Urkunden, Buchausschnitte oder alte Fotos projizierte er mit dem Epidiaskop an die Wand.

Fernöstliche Dolche. Vermutlich bei Zeremonien eingesetzt. Der mittlere ist aus chinesischen Münzen gefertigt. Auch wenn diese fremd­ ländischen Objekte nicht ins aktuelle Sammlungskonzept passen, so sind sie doch wert­ volle Belege für die Geschichte des Ortsmuseums.


Die Anfänge im Schulhauskeller 1960 – 1970

Beispiel einer Erläuterungstafel von Ernst Wiesmann zum Thema Gemeindegrenzen. Im Zusammen­ hang eines möglichen Zusammen­ gehens der Ortsgemeinden Wängi, Tuttwil, Krillberg und Anetswil wurde damals engagiert über die Grenzen diskutiert. Vor allem die Gemeinden am Tuttwilerberg empfanden die «Eingemeindung» eher im Sinne einer «Einverleibung» und wehrten sich. 1969 wurde die Einheitsgemeinde Tatsache; allerdings erst auf Anordnung aus Frauenfeld.4

Vgl. Andreas Raas (2008). Wängi – Der Weg von der Gerichtsherrschaft zur politischen Einheitsgemeinde. S. 40 – 67.

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Die Anfänge im Schulhauskeller 1960 – 1970

«Manche Leute werden uns spöttisch fragen, was denn eine Ansammlung alten Gerümpels in einem Kellerraum überhaupt für einen Wert habe. Darauf soll hier kurz geantwortet werden. Die Sammlung ist in Verbindung mit dem Unterricht entstanden. Es sollten, da ein Museumsbesuch in Frauenfeld, Wil oder Zürich umständehalber nur selten möglich ist, im Geschichtsunterricht doch dann und wann Dinge aus der Vergangenheit selber zu den gegenwärtigen Menschen sprechen können, z.B. ein Steinbeil, ein Dreschflegel, eine alte Waffe. Es ist etwas anderes, so einen Gegenstand in Händen zu halten als nur davon zu hören. Ausserdem kann manches Gerät auch als malerisches Objekt im Zeichen­unterricht dienen. Epidiaskop der Sekundarschule Wängi. Damit konnten schwarz-weisse Diapositive vom Format 9 cm x 9 cm und flache Papierdokumente oder Buchseiten projiziert werden.

Damit war ein Grundstock für eine Sammlung bereits vorhanden. Neben diesem unterrichtsbezogenen Anschauungsmaterial sammelte Ernst Wiesmann schon während Jahren gezielt auf eine historische Sammlung hin. Mit Unterstützung der Bevölkerung trug er Objekte für sein Museumsprojekt zusammen. Mehrfach rief er im Anzeiger von Wängi die Leute dazu auf, ihre Estriche, Keller und Scheunen nach nicht mehr gebrauchten Objekten zu durchsuchen und diese dem Ortsmuseum zu übergeben. In einem Aufruf vom 14. September 1956 heisst es:

Dadurch, dass nur noch vereinzelt vorhandene alte Sachen hier zusammenkommen, erhalten sie wieder ein wenig Sinn. Das Interesse an ihren Zusammenhängen weckt Ehrfurcht vor der Vergangenheit, und manches, was sonst unrettbar verloren ginge, findet hier eine Zufluchtsstätte. Wie vieles ist doch schon untergegangen, weil sich niemand darum kümmerte oder kein Platz dafür vorhanden war. Vor 20 Jahren war hier in Wängi noch das Handwerksgerät eines Seilers vorhanden.5 Das Kantonale Museum hatte keinen Platz dafür, hier war auch keine Gelegenheit zur Aufbewahrung; es fiel dem Untergang anheim. Heute haben wir glücklicherweise Raum zur Verfügung, der uns erlaubt, solche Dinge in Obhut zu nehmen. Wie viel liegt wohl noch

Sowohl im Thurgauischen Adressbuch von 1883 als auch im Adressbuch des Kantons Thurgau von 1899 ist für Wängi der Seiler Karl Glatz vermerkt.

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Die Anfänge im Schulhauskeller 1960 – 1970

unbeachtet herum, verdirbt und geht verloren! Wir hoffen, dass durch die Schaustellung des bisher Gesammelten ein Anstoss gegeben wird, auch Gefährdetes noch zu retten!»6 Die Aufrufe fanden in der Bevölkerung ein breites Echo. Mögen die schulischen Argumente auch eher wenig beeindruckt haben, so wurde doch der Aufruf zum Bewahren und Sichern vor Zerstörung und Verfall verstanden. Zahlreiche Objekte kamen so zusammen. In einem blauen Schulheft listete Ernst Wiesmann diese fein säuberlich auf. Die frühesten Einträge stammen aus dem Jahre 1953 und ziehen sich über zehn Jahre bis 1963 hin. Auch nach der Eröffnung des Ortsmuseums setzte Ernst Wiesmann diese Sammeltätigkeit fort. Für das Jahr 1963 finden sich im Inventar 23 Neueingänge von insgesamt 12 Donatorinnen und Donatoren verzeichnet. Aus Distanz betrachtet folgte Ernst Wiesmann einem weit verbreiteten Muster bei der Gründung von Orts- oder Heimatmuseen: Initianten waren in der Regel Lehrpersonen. Den ersten Grundstock für die Sammlung bildete das didaktische Anschauungsmaterial aus dem Unterricht. Erster Ausstellungsort war ein Raum im Schulhaus, vorzugsweise im Keller oder im Estrich. In aller Regel handelte es sich bei allen diesen Kleinmuseen zunächst um private Initiativen. Dahinter steckten viel Begeisterung und wenig finanzielle Mittel.

Zwischenbericht zum Stand der Schulsammlung und Aufruf zur Benützung der Volksbibliothek. Textentwurf für den Anzeiger von Wängi vom 4. Jan. 1958

Unser Ortsmuseum. Typoskript vom 14. September 1956 zur Veröffentlichung. Ernst Wiesmann vermerkt lediglich «für die Zeitung». Ob damit das «Volksblatt vom Hörnli» oder der «Anzeiger von Wängi» oder beide gemeint sind, ist unklar.

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Die Anfänge im Schulhauskeller 1960 – 1970

Eingangs­ inventar von Ernst Wiesmann in einem blauen Schulheft aus den Jahren 1962/1963

Erst mit den Jahren erkannte die öffentliche Hand die Bedeutung dieser Projekte für Dorf und Gemeinde. Aus den privaten Einzelinitiativen wurden öffentlichrechtliche Vereine oder Stiftungen. Die Gemeinden engagierten sich finanziell und mit der Zeit konnten komfortablere Räumlichkeiten bezogen werden. Die grossen Herausforderungen bestanden jeweils darin, geeignete Nachfolger zu finden, ein eigenständiges Sammlungsprofil zu entwickeln und bei der lokalen Bevölkerung das Interesse über Jahre hinweg aufrecht zu erhalten.


Die Anfänge im Schulhauskeller 1960 – 1970

Eröffnung der ersten Ausstellung im Keller des Steinler­schulhauses Die erste Ausstellung und damit die Eröffnung des Orts­ museums Wängi fand 1960 im damaligen sogenannten Luftschutzkeller des Steinlerschulhauses statt. Handwerker hatten die Betonwände mit gelochten Pavatexplatten verkleidet und den Wänden entlang Konsolen für Tischplatten montiert. Die Gemeinde übernahm die Kosten. In der Mitte des Raumes stapelten sich Böcke, Keile, Balken und Bretter, welche für die Verstärkung von Lichtschacht und Türe im kriegerischen Bedarfsfall im Schutzraum bereit liegen mussten. Sie dienten als Tisch. Der ganze Raum machte zunächst einen etwas behelfsmässigen Eindruck. Die ausgestellten Objekte fesselten aber sogleich die Aufmerksamkeit und manche Besucher suchten ohnehin zunächst jenen Gegenstand, welchen sie selber zur Sammlung beigetragen hatten.

Oben Schusswaffen. Vorderlader-Gewehre zum Teil mit aufgesetztem Bajonett. Unten Hieb- und Stoss­ waffen. Verschiedene Säbel. Oben links (schlecht erkennbar) ein Pulverhorn. Gut sichtbar ist die Wandverkleidung mit gelochten Pavatexplatten.

Ofenkacheln von diversen Öfen. Oben rechts schwarz glasiertes Kachelfragment aus der Ruine Spiegelberg bei Wetzikon (1455 von den Appen­ zellern zerstört). Rechts darunter zwei Arbeiten von Johann Alphons Berkmüller

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Die Anfänge im Schulhauskeller 1960 – 1970

Ausschnitt aus dem Besucherheft von Ernst Wiesmann 1960 – 1963


Die Anfänge im Schulhauskeller 1960 – 1970

Die eingehenden Objekte wurden in aller Regel auch gleich in die Ausstellung integriert. Das Bisherige wurde etwas zusammengerückt. Thematische Zusammenhänge liessen sich bei soviel Zufälligkeit nur bedingt herstellen. Dazu war die Sammlung vor allem während der ersten Zeit noch zu lückenhaft. So hingen denn Gewehre neben Uhren, Puppen sassen neben Münzen, Vereinsfahnen hingen über Tücheln und die schweren Sackwaagen standen neben einem Taufstein. Leider sind aus dieser ersten Zeit kaum noch Fotos zu finden. Lediglich einige Abbildungen aus Zeitungsberichten vermitteln einen ungefähren Eindruck. Das Museum war viermal pro Jahr zur Besichtigung geöffnet. An diesen Wochenenden hängte Ernst Wiesmann jeweils seine bereits erwähnten Kartons mit Kommentaren und Erläuterungen auf. Die Feuchtigkeit im Keller liess es nicht zu, diese über längere Zeit hängen zu lassen. Dasselbe galt für papierene Sammlungsobjekte wie Briefe oder Dokumente.

Die Besucherzahlen hielt Ernst Wiesmann fein säuberlich in einem blauen Schulheft fest. Damit konnte er sich selbst, aber auch der Öffentlichkeit gegenüber das bestehende Interesse an einem Wängemer7 Ortsmuseum belegen.

Erste rechtliche Grundlagen Ernst Wiesmanns Ortsmuseum existierte bereits einige Jahre und noch immer war unklar, wer nun in rechtlicher Hinsicht Träger der Sammlung sein sollte. War es die Schule, wo sich das Museum eingerichtet hatte? Oder eher der Verkehrs- und Verschönerungsverein, in dessen Rahmen Ernst Wiesmann die Idee eines Ortsmuseums aufgegriffen und realisiert hatte? Am 5. Februar 1964 legten dann die Primarschulgemeinde Wängi und der Verkehrs- und Verschönerungsverein verbindliche Rahmenbedingungen für eine Zusammenarbeit fest.

Sind die Bewohner von Wängi eigentlich «Wänger», «Wängener» oder «Wängemer»? Der Sprachatlas der deutschen Schweiz, das sogenannte Idiotikon, hält auf Grund seiner Erhebungen Mitte des 20. Jahrhunderts fest, dass die Einwohner von Wängi eigentlich «Wänger» seien. Anscheinend sei aber auch «Wängener» im Umlauf. Die im heutigen Alltag ebenfalls gebräuchliche m-Ableitung «Wängemer» hält das Idiotikon für eher jung. Allerdings werden Analogien aufgezählt: Uster > Ustermer oder Meilen > Meilemer. Ernst Wiesmann setzte sich seinerzeit bei jeder Gelegenheit und mit Nachdruck für die Formulierung «Wängemer» ein. Der Historiker Bruno Giger hält dies ebenfalls für richtig. Andreas Raas kommt in seinem Wängener-Heft 1 allerdings zu einem anderen Schluss und stützt sich dabei auf den in den St. Galler Lehensbüchern um 1400 erwähnten «Hans der Wänginer». Hier wird in der Folge die Version «Wängemerin» und «Wängemer» verwendet. Lediglich im Zusammenhang mit dieser Heftreihe wird aus Gründen der Kontinuität von «Wängener Heft 5» gesprochen.

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Die Anfänge im Schulhauskeller 1960 – 1970

Verschiedene Mostkrüge. Zeitungsbericht über die erste Ausstellung. Bei Pupikofer heisst es: «Eine Haushaltung, die jährlich nicht 20 Eimer Most ver­ braucht, gehört schon zu den ärmeren. Ein Bauer aber wird in seinen obstreichen Jahren auf jeden seiner angestellten Arbeiter 40 Eimer sauren Most rechnen müssen.»8 (Ein Eimer fasste ca. 45 Liter.)

Apfelschälmaschine. Früher wurden die Äpfel geschält, zu Schnitzen geschnitten und im Dörrofen haltbar gemacht. Als «Öpfelstückli» wurden sie während der vitaminarmen Winters­zeit verzehrt. Die Stückli wurden in Leinensäcken an einem kühlen Ort aufbewahrt, zum Beispiel im Trog im Tenn. Die Tröge enthielten dazu ein separates Fach. Aufnahme 2017.

Pupikofer, Johann Adam. (1837). Gemälde der Schweiz. Band Thurgau

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Die Anfänge im Schulhauskeller 1960 – 1970

Darin wird festgehalten, dass der Verkehrsund Verschönerungsverein sämtliches Inventar plus die Möblierung (Museumsstücke, Gestelle, Wandverkleidungen usw.) der Schule zu Eigentum übergibt und im Gegenzug die Schulgemeinde nach Möglichkeit die wünschbaren Räume zur Verfügung stellt. Pflege, Unterhalt und Mehrung des Museumsgutes waren Aufgabe des Verkehrs- und Verschönerungs­ vereins, welcher zu diesem Zwecke einen Museumsverwalter bestellte.9

Das Museum etabliert sich: Schrittweiser Aufbau Was Ernst Wiesmann eher abging, war handwerkliches Geschick. Er hatte zwei linke Hände. Ihm war dies durchaus bewusst. Im Museum hätte es an verschiedenen Orten etwas handwerkliche Fertigkeit gebraucht. So wandte er sich 1963 an den damals eben nach Wängi gekommenen Primarlehrer Ernst Trachsler und bat ihn um entsprechende Unterstützung.

Gedenkstein für Ernst Wiesmann vor dem Ortsmuseum: «Ernst Wiesmann 1905 – 1964 · Im Dienste unserer Heimat · VVW»

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Vereinbarung vom 5. Februar 1964 zwischen der Primarschulgemeinde Wängi einerseits und dem Verkehrs- und Verschönerungsverein Wängi andererseits betreff Abtretung des Dorfmuseums Wängi an die Schulgemeinde und die Regelung der Zusammenarbeit

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Die Anfänge im Schulhauskeller 1960 – 1970

Als erstes waren die Münzen und Medaillen sicherer und präsentabler auszustellen. Bisher hatten diese lose auf dem Tisch gelegen. Jedermann konnte sie zur Hand nehmen. Vom Schweiss oxydierte das Münzmetall aber in kurzer Zeit. Nun kamen sie in einen verschliessbaren Glaskasten, ausgelegt mit dunkelbraunem Samt mit passgenauen Vertiefungen. Die Münzen wurden chronologisch und die Medaillen thematisch geordnet und beschriftet. Im Weiteren konnte sich Ernst Wiesmann zwei alte Archivschränke der Bürgergemeinde Frauenfeld vermutlich aus dem vormaligen Thurgauischen Historischen Museum an der Freie­ strasse sichern. Es handelte sich dabei um raumhohe Schränke mit wenig Tiefe und grossen Flügeltüren aus Glas. Vermittelt hatte ihm die Schränke Albert Knöpfli, der vom Kanton damit beauftragt war, im Schloss Frauenfeld das neue historische Museum einzurichten. Die Vitrinen wurden damit frei und kamen mit Albert Knöpflis Vermittlung in den Schulhauskeller nach Wängi.10 In der Folge wurden in der einen Vitrine Objekte aus Küche und Haushalt ausgestellt: Apfelschälmaschine, Milchtopf, Essbesteck usw. In die andere Vitrine kamen zum Thema Textilien und Kleider handgewobene Hemden, Hüte, Schuhe sowie Nähkörbchen mit Stricknadeln, Strumpfkugeln und Fingerhut. Die Einrichtung der Vitrinen überliess Ernst Wiesmann – nun

auch schon krankheitsbedingt – seinem Kollegen Ernst Trachsler. 1964, vier Jahre nach der Eröffnung seines Ortsmuseums, verstarb Ernst Wiesmann. Der Verkehrs- und Verschönerungsverein errichtete ihm nach seinem Tode einen Gedenkstein, einen Findling mit bronzener Schrifttafel. Dieser stand zunächst an der Strassengabelung Dorfstrasse – Wiesengrundstrasse. Bei der Neugestaltung des Platzes vor dem Haus zur Krone wurde der Stein entfernt und in der Hauswiese des Hauses Adler direkt vor dem Ortsmuseum neu aufgestellt.

Übergang und Fortsetzung: Ernst Trachsler Nach dem Tode Ernst Wiesmanns waren Volksbibliothek, Naturschutzvereinigung Grütried, der Verkehrs und Verschönerungsverein Wängi, der Verein zur Förderung der Kulturpflege und das Ortsmuseum plötzlich verwaist. In einer Sitzung des Lehrerkonvents wurden die verschiedenen Aufgaben verteilt. Jeder übernahm ein Amt. Zwei Reallehrer gingen bei dieser Runde leer aus, sie dirigierten bereits den Männer- respektive den katholischen Kirchenchor. Das Ortsmuseum landete bei Ernst Trachsler. Dieser verfügte als Junglehrer kaum über ein überdurchschnittliches historisches Interesse. Auch der unbeirrbare Glaube an Volks-

Inwiefern sich die Geschichte mit den Vitrinen genau so zugetragen hat, lässt sich heute nicht mehr belegen. Die vorliegende Schilderung beruht auf Überlieferung und Erinnerung.

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bildung verbunden mit dem entsprechenden Pflichtgefühl wie Ernst Wiesmann es vorgelebt hatte, gingen ihm eher ab. Aber wie heisst es doch? Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er den Verstand. Ernst Trachsler hat das Museum in der Folge während 46 Jahren von 1966 bis 2012 als Kurator geleitet. Zunächst 20 Jahre in alleiniger Verantwortung. Restaurierung des Taufsteins In diese Zeit fällt unter anderem die Restaurie­ rung des Taufsteins aus der Kirche. Zwei Jahre nach dem Neubau der katholischen Kirche in den Jahren 1957/58 erfolgte der Umbau der vormals paritätischen in eine reformierte Kirche. Eines Tages entdeckte der historisch interessierte Bauunternehmer Karl Wüthrich im Schutt des Ausbruchs aus dem Kirchenschiff den Taufstein. Besser gesagt dessen oberen Trogteil aus Sandstein. Ringsum lief die Inschrift: «Laßend die Kindlein Zu mir komen und wehret es Ihnen nicht denn Solchen ist das reich Gotes. Marci X.» Der Taufstein stammt aus dem Jahre 1693 und war damit gegen 300 Jahre alt. Bodenplatte und Sockel sowie das kupferne Taufbecken und die hölzerne Abdeckung fehlten oder lagen in Trümmern. Karl Wüthrich behändigte den Trog und brachte ihn ins Ortsmuseum. Auf einem Stück Zementröhre und unterlegt mit einem Holzkeil fristete er dort während einiger Jahre ein ziemlich unstandesgemässes Dasein. Der Zementsockel wirkte ausgesprochen lieblos. Ernst Trachsler konnte die beiden Kirchgemeinden dafür gewinnen,

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Taufstein von 1693 aus der paritätischen Kirche. Heute im Magazin des Ortsmuseums. Deutlich zu lesen ist die Inschrift: «Laßend die Kindlein Zu mir komen und wehret es Ihnen nicht denn Solchen ist das reich Gotes. Marci X.» Der verlorene Sockel und die Bodenplatte wurden später ergänzt.


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Paritätische Kirche mit Taufstein. Aufnahme in den 1920er Jahren nach der Renovation von 1914. Links Ulrich Gnehm als Mesmer von 1900 bis 1935. Anschliessend ging das Amt an seinen Sohn Eugen Gnehm über. Der Chor ist vermutlich zum Fronleichnamsfest prächtig geschmückt.

den Taufstein zu restaurieren und die Kosten zu teilen. Auf alten Fotos der paritätischen Kirche liess sich der Originalzustand in Umrissen erkennen und die Denkmalpflege lieferte die kunstwissenschaftlichen Hintergründe. So zeigten etwa Material- und Stilvergleiche der Taufsteine Wängi, Lommis und Affeltrangen, dass alle drei mit grosser Wahrscheinlichkeit

aus demselben Steinbruch am Immenberg stammen und vom selben Steinmetz gehauen worden sind. Ob der Wängemer Taufstein ursprünglich ebenfalls ein Akanthusrankenmuster aufwies wie derjenige aus Affeltrangen, liess sich nicht erkennen.


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Bildhauer Hotz von Weinfelden übernahm die Arbeit. Er ersetzte die verlorene Bodenplatte und den Sockel in den richtigen Proportionen und bearbeitete sie in historischer Schlagtechnik. Auf dem alten Sandstein fanden sich noch Spuren einer früher aufgetragenen Bemalung. Mit einer Marmorimitation täuschte man am Ende des 19. Jahrhunderts einen vornehmeren Stein vor. Dieser Anstrich wurde entfernt, der Sandstein wie ursprünglich üblich neu gekalkt und die Inschrift frisch vergoldet. Auf die Wiederherstellung des kupfernen Taufbeckens und der hölzernen Deckplatte wurde aus Kostengründen verzichtet. Am Lommiser Original kann man den ursprünglichen Zustand noch sehen. Der restaurierte Wängemer Taufstein kam anschliessend wieder ins Museum im Steinlerschulhaus und machte nunmehr eine gute Figur. Allerdings nur für kurze Zeit! Aus Platzgründen musste der restaurierte Taufstein auf dem Gang und damit wiederum ungeschützt, aufgestellt werden. Dort diente er den Schülern in den Pausen ihres Werkunterrichts als Papierkorb. Später wurde er auch als Auflage für Malerarbeiten benutzt. Ein dauerndes Ärgernis! Der kleine Schutzraum vermochte die ständig wachsende Sammlung längst nicht mehr zu fassen. Vor allem die grossen Objekte wie Getreide-Windmühlen, Pferdefuhrwerke und Mostpressen benötigten viel Raum. Das Museum füllte allmählich die Gänge des Schulhauskellers bis zur Treppe. Jede Nische wurde

in Beschlag genommen Den Wänden entlang wurden Gestelle für kleinere Objekte wie etwa Getreidemasse, kleine Waagen sowie allerhand Werkzeug montiert. Geeignete Magazinräume gab es damals nicht. Eine spätere Anfrage an die reformierte Kirchgemeinde, ob sie den spätbarocken Taufstein zurückhaben und in der Kirche wieder aufstellen möchte wurde abschlägig beantwortet. So steht er heute in einem der Magazine des Ortsmuseums. Der Einsturz des Horberschen Geräteschuppens an der Chüechligasse In diese Zeit fällt auch folgende Geschichte: An der oberen Chüechligasse stand ein Wagenschopf im Besitz der Erbengemeinschaft Horber. Ursprünglich bewirtschaftete die Familie Horber den Hof an der Chüechligasse 9. Später wohnten dort die Familie Scheibli und darauf Walter und Trudi Meier mit ihren Kindern. Im Schopf standen verschiedene Gefährte wie Pferdeschlitten für sonntägliche Vergnügungsfahrten im Winter, ein- und zweispännige Kutschen sowie eine sogenannte Chaise. Insgesamt etwa ein halbes Dutzend Gefährte. Allesamt vornehme und gepflegte Stücke. Sachwalter der Erbengemeinschaft war damals Fritz Horber.11 Ernst Trachsler wurde nun vorstellig und fragte, ob einige der Schlitten und Kutschen allenfalls vom Museum übernommen werden könnten. Er wurde aufs geplante Zusammentreffen der Erbengemeinschaft Ende

Mit der gleichnamigen Erbengemeinschaft war Fritz Horber aber nicht verwandt.

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Windmühle, Sensen, Gabeln usw. Im Hintergrund ein Fenster mit Butzen­ scheiben. Links die erwähnten Aus­ stellungskästen aus dem Museum in Frauenfeld mit (schwer erkennbaren) Haushalts- und Küchenutensilien. Aufnahme um 1970

Bügeleisen mit Rauchabzug auf Taufstein. Thurgauer Zeitung vom 31. August 1973

Standort des Horber’schen Geräteschuppens an der oberen Chüechligasse. Ausschnitt aus einer Karte anlässlich der Güterzusammenlegung von 1935

Sogenannte Mostmühle zum Quetschen der Äpfel. Thurgauer Zeitung vom 31. August 1973

Jahr vertröstet. Dort ging die Sache dann allerdings vergessen. In der Folge wurde wieder gestupft. Diesmal mit dem Hinweis, dass die Objekte gefährdet seien. Sie seien im undichten Schopf der Witterung ausgesetzt. Die Farbe beginne zu blättern und die Lederpolster seien stellenweise bereits spröde. Zudem würden Mäuse und Marder in den Samt­polstern hausen und Vögel in den Faltdächern nisten. Auch Kinder würden im Schuppen spielen. Wieder ergebnislos. Dann plötzlich erledigte sich die Sache: Ein strenger Winter brachte viel Schnee. Der Schopf brach unter der Last zusammen und drückte Schlitten und Wagen flach.


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Lediglich ein einziger Schlitten liess sich noch aus den Trümmern befreien. Sein Holm war in der Mitte gebrochen und musste mit geschmiedeten Eisenstangen wieder stabilisiert werden. Zwei Kutschenlampen konnten ebenfalls noch gerettet und wieder etwas zurechtgedrückt werden. Der Schlitten steht heute in einem der Magazine des Ortsmuseums. Die ursprünglich vornehme Ausstrahlung des Gefährts mit seinen rubinroten Samtpolstern, dem dunkelgrünen Anstrich mit den goldenen Zierlinien und der aufgemalten Winterlandschaft auf dem Schutzschild mit den beidseitigen bronzenen Adlerköpfen war für immer verloren.

Zwei Kutschenlampen. Ursprüngliches Zubehör zum Schlitten

Der Schlitten in seinem aktuellen Zustand in einem Magazin des Ortsmuseums

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Das Museum gerät in Vergessenheit 1970 – 1980 Bestellung von Amlung bei Amlungfabrikant Ammann in «Wittenweil». 1855 Amlung ist Stärkepulver, hergestellt aus Kartoffeln oder Getreide. Das weisse Pulver fand Verwendung in der Baumwollweberei zum Versteifen von Fäden oder als Knitterschutz nach dem Waschen bei Hemdenkragen, Manschetten oder Blusenrüschen.


Das Museum gerät in Vergessenheit 1970 bis 1980

Zwar nahm der Betreuer des Museums von Amtes wegen als Ressortverantwortlicher Einsitz im Vorstand des Verkehrs- und Verschönerungsvereins. Dieser befasste sich jedoch in jener Zeit im Zusammenhang mit dem geplanten Autobahnbau vor allem mit den Auswirkungen auf das Dorf und dessen Naherholungsgebiet und stritt sich unter anderem mit den Strassenplanern auf Kantons- und Bundesebene um die Führung der Wanderwege. Das Ortsmuseum rückte in den Hintergrund. Dazu kam, dass dieses allein auf Ernst Trachslers Schultern lastete und dieser für alles und jedes verantwortlich war. Mit der Zeit zeigten sich Ermüdungserscheinungen. Das Museum öffnete seine Türen nicht mehr regelmässig. Die Besucher blieben immer mehr aus. Das Interesse schwand. Längst hatte man die Ausstellung im Schulhauskeller schon ein- oder mehrere Male gesehen. Neue Anreize für einen wiederholten Besuch blieben aus. Der Museums­betrieb schlief zehn Jahre nach seiner erfolgreichen Eröffnung langsam ein. Allerdings, ganz vergessen ging das Museum nicht. Was nämlich nie ganz versiegte, waren die Neueingänge. Vor allem grosse Objekte aus der Landwirtschaft wurden dem Ortsmuseum ab und zu angeboten und in der Folge in den Gängen des Schulhauskellers aufgestellt.

Mausefallen. Rechts das gestohlene Modell, wo die Maus mit einer Drahtschlinge stranguliert wurde.

Dieser stetig zunehmende Raumbedarf führte mit der Zeit zu Schwierigkeiten. Es wurde eng. Im Keller befanden sich die Werkräume für Holz- und Metallbearbeitung der damaligen Realschule. Die Schüler zirkulierten in den Gängen. Und dies in der Regel unbeaufsichtigt. Die Museumsobjekte waren ungeschützt. Es kam zu Beschädigungen: Ein Mostkrug mit seltener Reliefverzierung ging zu Bruch. Er konnte weder geflickt noch ersetzt werden. Auf dem Taufstein lagerten sich Farbschlieren ab. Schliesslich kam es auch zu Diebstählen. Eine goldene

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Sackuhr von Pfarrer Herzog verschwand spurlos. Ein Paar gut erhaltene und noch schusstüchtige Vorderlader-Duellierpistolen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sowie eine Zürcher Zwingli Bibel vom Ende des 17. Jahrhunderts verschwanden spurlos. Zudem blieb eines Tages ein seltener Apparat zur Erdrosselung von Mäusen unauffindbar. Nur eine Foto ist noch vorhanden.

Mitglieder des Stiftungsrates beim Zügeln der Museumsobjekte aus dem Zehnder-Werkhof. Links Annelies Engeler, rechts Gertrud Krumm.

Ende der 1970er Jahre folgte zudem die schrittweise Mechanisierung des Werkunterrichts. Die Fräsen, Hobel- und Schleifmaschinen benötigten zusätzliche Räume und brachten Staub. Holz- und Metallvorräte brauchten Lagerraum. Das Nebeneinander von Schule und Museum wurde zunehmend schwieriger. Die Friktionen mehrten sich. Schliesslich musste das Museum auf Geheiss der Schulbehörde ausziehen. Das war allerdings einfacher gefordert als bewältigt. Schliesslich wurden die kleineren Objekte in einem Schutzraum in der Mehrzweckhalle eingelagert, wobei die Liegen des Zivilschutzes sich als ausgesprochen praktisch erwiesen. Für die grossen und sperrigen Objekte wurde im Werkhof der damaligen Bauunternehmung Heinz Zehnder im Wilen Platz gefunden. Mit einem grossen Hubstapler wurden die schweren Objekte (Maschinen, Wagen, Langholzschlitten, Sackwaagen, grosse Geräte usw.) auf den ersten Stock gehoben und gegen Feuchtigkeit und Staub mit Planen abgedeckt. So blieb es während mehrerer Jahre. Erst als 2010 der Kanton als Hauptmieter die ganze Halle für sich beanspruchte, musste das Lager wieder geräumt werden. Die Gemeinde stellte einen Schutzraum im Dorf zur Verfügung. Dieser wird bis heute genutzt und die Objekte sind sachgerecht und sicher gelagert.


Das Museum gerät in Vergessenheit 1970 bis 1980

Die Suche nach neuen Ausstellungsräumen Das Museum im Keller des Steinlerschulhauses hatte ausgedient. Mindestens mittelfristig waren die Probleme mit dem Einlagern der Objekte gelöst. Nun musste nach neuen Ausstellungsräumen gesucht werden. Die vielleicht etwas vermessene Fantasie von einem Museum im Weierhaus löste sich nach mehreren Besuchen bei den Besitzern Ursula und Hugo Sulzer-Stierlin bald einmal in Luft auf. Aber eine interessante Geschichte kam dabei zum Vorschein. Bei einem Rundgang durchs und ums Weierhaus wurde auch die Garage östlich des Hauses begutachtet. Die parkinterne Zufahrt führt heute von der Dorf­strasse übers Trottoir durch den Haupteingang mit dem schmiedeeisernen Flügeltor und folgt der Nordseite des Weierhauses. Diese Zufahrt wurde erst so gelegt, als die Fabrikantenfamilie Stierlin für den beabsichtigten Kauf ihres ersten Autos eine Garage errichten musste. Die natürliche Erschliessung dieser Garage hätte auf die Chüechligasse hinaus geführt. Dies hätte aber einen zusätzlichen Zugang zur Liegenschaft – quasi einen Hintereingang – bedeutet. So kaufte die Fabrikantenfamilie der Gemeinde das untere Stück der Chüechligasse ab. Die Gemeinde verlegte die Strasse etwas nach Norden.

«Doktor Amans Haus bewohnt von Dr. Walder in Wengi.» Weierhaus um 1870. Zeichnung von Johann Alphons Berkmüller. Die Chüechli­ gasse führt noch unmittelbar am Weierhaus vorbei. Vor der Haustüre überreicht der Arzt Dr. Walder einer Patientin ein Medikament. Links das alte Spritzenhaus. Vor dem Schloss und entlang der Dorfstrasse stehen Maulbeerbäumchen. Ein Bruder des Fabrik­ besitzers Oberst Stierlin wollte eine Seidenraupenzucht aufziehen. Die Seidenweberei hatte zu jener Zeit vor allem im Zürcher Oberland Hochkonjunktur und führte dort zu teilweise beträchtlichem Wohlstand. Der Versuch mit den Maulbeerbäumen und den Seidenraupen in Wängi misslang aber. Der Lehrer Edwin Herzog pflanzte um 1955 vor dem Steinlerschulhaus einen Maulbeerbaum und verfütterte die Blätter seinen Seidenraupen. Das war Anschauung im Naturkundeunterricht und zugleich Reminiszenz an eine Episode der Dorfgeschichte. Der Maulbeerbaum gedieh derart prächtig, dass er die Fenster verdunkelte und später abgeholzt werden musste.

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Dieser Situationsplan der Ortsgemeinde Wängi aus dem Jahre 1906 zeigt deutlich die ursprüngliche Führung der Chüechligasse und deren Fortsetzung südlich am Haus Krone vorbei. Auch das alte Spritzenhaus ist eingetragen. Das neue kam auf die Parzelle «Dorfgemd» zu stehen. Nördlich des Hauses Krone fliesst ein Bächlein.

Luftaufnahme des Weierhauses aus dem Jahre 2016. Die verlegte Chüechligasse ist deutlich zu erkennen.


Das Museum gerät in Vergessenheit 1970 bis 1980

Die Zufahrt zur Garage konnte so parallel zum bisherigen Eingang gelegt werden. Später – wohl in den 1970er Jahren – wurde die Abgrenzung zur Chüechligasse noch mit einer mannshohen Mauer betont. Damit ist nun klar, warum die Chüechligasse in ihrem untersten Bereich einen leichten Schwenk nach rechts macht und geradewegs auf die Liegenschaft Krone zielt. Früher führte sie südlich am Haus Krone vorbei. Das alte Spritzenhaus, welches dieser Strassenverlegung im Wege stand, wurde abgebrochen und auf der Parzelle der Dorfgemeinde westlich der Krone neu eingerichtet. Dort stand es noch bis der Feuerwehr im neu errichteten Gemeindehaus zeitgemässere Räume zur Verfügung standen. 1970/72 baute die Schulgemeinde ihr neues Sekundarschulhaus Imbach I. Im Untergeschoss

ergab sich ein ungenutzter Raum von Schulzimmergrösse. Eine Möglichkeit, um aus dem Keller des Steinlerschulhauses ins Imbachschulhaus zu wechseln? In einen gut zugänglichen, angemessen beleuchteten, staub- und immissionsfreien Raum? Eine nähere Überprüfung ergab indessen, dass die Grundfläche merklich kleiner war als der Bedarf. Die bestehende Sammlung hätte um gut die Hälfte verkleinert werden müssen. Landwirtschaftliche Geräte hätten sich zudem kaum durchs Treppenhaus in den Raum transportieren lassen. Zudem liess sich der Raum schlecht in einzelne Themenbereiche unterteilen. Die Idee musste fallen gelassen werden. Später wurde dort nach engagierter Debatte an der Schulgemeindeversammlung ein Sprachlabor eingerichtet. Dieses wurde einige Jahre darauf aufgehoben und zu einem normalen Schulzimmer zurückgebaut.12

Festschrift zur Eröffnung des Schuhauses Imbach II 1993. S. 25.

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Ende der 1970er Jahre kam plötzlich neue Hoffnung auf. Die Familie Fuhrer gab ihren Landwirtschaftsbetrieb mitten im Dorf im Haus Krone aus Altersgründen auf. Die Liegenschaft, bestehend aus Wohnhaus und Scheunenanbau mit einer rückseitigen Fahrrampe auf die Höhe des Heubodens, wurde frei. Der Besitzer Heini Horber aus Weiern bei Wittenwil nahm Kontakt auf mit Ernst Trachsler. Die Nutzung der Scheune für ein Ortsmuseum stand zur Diskussion. Der Besitzer war bereit, mit dem Umbau bis zur definitiven Klärung der Frage zuzuwarten. In der Folge wandte sich Ernst Trachsler mit einem schriftlichen Gesuch an die Gemeindebehörde. Er bat diese um Unterstützung der Idee, einen Umzug des Ortsmuseums aus seiner aktuell unglücklichen Situation in die Kronen­ scheune zu prüfen. Aus den Verhandlungen im Gemeinderat ist ein Votum durchgesickert, wonach es nicht Aufgabe der Gemeinde sein könne, private Hobbys zu finanzieren. In seiner Antwort regte der Gemeinderat dann eine Kooperation mit den anderen Hinterthurgauer Gemeinden an. Keine dieser Gemeinden würde über ein eigenes Dorf- oder Ortsmuseum verfügen. Möglicherweise liessen sie sich für ein gemeinsames Projekt mit Standort Wängi gewinnen. Die Absicht war leicht zu durchschauen: Ein Museum in Wängi ja, aber die finanziellen Lasten auf möglichst viele Schultern verteilt. Dass

Haus Krone. Rechts das Wohnhaus und links gegen Westen die Scheune. Zeichnung von Johann Alphons Berkmüller ca. 1870

Haus Krone. Anstelle der Scheune befinden sich heute Wohnungen und der Coiffeursalon Sabrina. Aufnahme 2016

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ein Ortsmuseum ein ausgesprochen lokales Unterfangen ist und deshalb aus der Sicht der Hinterthurgauer Gemeinden ein Standort in Wängi widersinnig ist, wurde nicht bedacht. Die konkrete Umsetzung dieser regionalen Idee überstieg die Möglichkeiten des damaligen Museums als Einmann-Unternehmen bei weitem. Das Projekt versandete. Die Kronenscheune wurde abgebrochen und der heutige Neubau (Parterre Hairstyling Sabrina, Dorfstrasse 27) erstellt. Das Museum fiel wieder in seinen Dämmerzustand. Das Raumproblem blieb ungelöst – allerdings nicht mehr für lange Zeit.

Eine Lösung zeichnet sich ab

Pfarrer Werner Volkart als Initiant der Idee, die Adlerscheune zu einem Museum zu machen. Aufnahme April 1982

Wenig später kam Unterstützung von unerwarteter Seite. Die evangelische Kirchgemeinde machte sich Gedanken über die künftige Verwendung der Adler-Scheune. Dem bisherigen Mieter Karl Rieser Landmaschinen Kalkbühl-Wängi wurde vorsorglich gekündigt. Ein paar letzte Farbspuren am Boden im Tenn zeugen noch heute von seiner Arbeit. Die mächtige und gut erhaltene Adlerscheune stand plötzlich leer. Auf Antrag der Kirchenvorsteherschaft wurde entschieden: Renovation des Hauses Adler und Abriss der Scheune und Nutzung des freien Platzes als Parkplatz für die sonntäglichen Kirchgänger, oder besser gesagt für die Kirchfahrer. Mit diesem Entscheid tat sich unter anderen Pfarrer Werner Volkart schwer. Er suchte das Gespräch mit Ernst Trachsler: Liesse sich in der Scheune nicht ein Ortsmuseum einrichten? Allenfalls sogar mit der Volksbibliothek zusammen? Und bliebe der zu erwartende Aufwand in einem vertretbaren Rahmen?


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Nun kam Bewegung in die Geschichte. Bereits ein Jahr später wurde der Kirchgemeindeversammlung ein Rückkommensantrag vorgelegt. Ernst Trachsler warb für die Idee des Ortsmuseums in der Scheune und damit für deren Erhalt. Der Entscheid fiel klar aus: Die Scheune bleibt stehen und wird einer zu gründenden Stiftung Ortsmuseum Wängi im unselbständigen Baurecht für die Dauer von 50 Jahren überlassen. Nur die Garage auf der Nordseite bleibt im Besitz der Kirchgemeinde.13 Die Protokollauszüge aus den Sitzungen der Jahre 1980 bis 1985 der evangelischen Kirchenvorsteherschaft und der Kirchgemeindeversammlungen lesen sich wie ein Krimi: 12.03.1980 An der Sitzung der Kirchenvorsteherschaft gibt Pfarrer Werner Volkart seiner Hoffnung Ausdruck, dass «mit dem Urteil über die Scheune noch gewartet wird, bis er mit Herrn Trachsler die Frage betreffend das Museum besprochen hat.» 16.03.1980 An der Kirchgemeindeversammlung stellt Gottlieb Höpli den Antrag, die Scheune abzubrechen. Er befürchtet, dass die Scheune nach dem Ausbau des Adlers in ein Kirchgemeindehaus «das Dorfbild als Fremdkörper stören würde».

22.03.1980 Die Baukommission besichtigt die Adlerscheune und deren Umgebung. Sie ist der einhelligen Meinung, dass «der Miststock und der Kaninchenstall (des Bauernhofes Krone) sofort weg müssen» da «der bestehende Zustand unhaltbar» sei. Weiter wird festgehalten, dass «wenn das Interesse an einem Museum wach wird, der Kirchgemeinde keine zusätzlichen Kosten entstehen dürfen». 25.03.1980 Die Kirchenvorsteherschaft beschliesst einstimmig das weitere Vorgehen: «1. Suche nach einem Interessenten, der die Scheune abkaufen und abtransportieren würde. 2. Abbruchkosten der Fundamente schätzen lassen. 3. Eine oder zwei Varianten der Gestaltung der gewonnen Fläche studieren lassen.» 19.05.1980 Die Kirchenvorsteherschaft diskutiert mit dem Architekten Christoph Herzog, dem Gemeindeammann Fritz Horber und einem Vertreter des Kantons die Möglichkeit, «auf dem Gelände der Adlerscheune eine Luftschutzbaute zu erstellen. Die kantonale Denkmalpflege stellt nach einem Augenschein dem Abbruch der Scheue nichts in den Weg.»

Vertrag zur Begründung eines unselbständigen Baurechtes zwischen der Evang. Kirchgemeinde und der Stiftung Ortsmuseum Wängi vom 11. März 1985.

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08.06.1980 Für den Abbruch und die Umgebungsarbeiten (Parkplatz für 20 Autos) genehmigt die Kirchgemeindeversammlung bei offener Abstimmung einstimmig Fr. 45 000.–. 10.08.1981 Die Kirchen­vorsteherschaft nimmt Kenntnis, dass die Liegenschaft Krone zu einem Mehrfamilienhaus umgebaut wird und dabei auf der Nordseite gegen die Adlerscheune 6 Parkplätze entstehen, welche zeitweise benutzt werden dürfen. 10.06.1982 Der Pachtvertrag für die Adlerscheune mit Karl Rieser Landmaschinen wird unverzüglich gekündigt, «um eine weitere Verlängerung der Pachtdauer zu vermeiden.» 03.01.1983 Die Kirchenvorsteherschaft nimmt zu Kenntnis, dass «E. Appert, O. Lippuner sowie E. Trachsler sehr daran interessiert wären, die Museumsgegenstände in der Scheune aufzubewahren. … Die Kirchenvorsteherschaft ist froh, dass diese Abklärungen in letzter Minute noch erfolgen konnten und ihr damit ein allfälliger Vorwurf mangelnder Umsicht erspart bleibt. Einstimmig wird genehmigt, mit dem Abbruch der Scheune bis Ende Februar zuzuwarten.»

06.02.1983 An der Kirchgemeindeversammlung wird bekannt gegeben: «Im Februar 1983 läuft der Pachtvertrag für die Adlerscheune, deren Abbruch die Kirchgemeindeversammlung vom 8. Juni 1980 beschlossen hatte, ab. Letzthin wurde die Anregung an die Vorsteherschaft herangetragen, das Gebäude ohne Kostenfolgen für die Kirchgemeinde als Ortsmuseum zu verwenden. Die Angelegenheit wird geprüft.» 19.06.1983 Die Kirchenvorsteherschaft stellt der Kirchgemeindeversammlung einen Rückkommensantrag. «Die Kirchgemeinde stellt der Trägerschaft des Ortsmuseums Wängi die Adlerscheune unter folgenden Bedingungen im Benutzungsrecht zur Verfügung: · Die Kosten für Aussenrenovation und Innenausbau fallen zu Lasten der Trägerschaft. · Die laufenden Betriebskosten fallen zu Lasten der Trägerschaft. · Die Kirchgemeinde beansprucht den Remisenraum im nördlichen Scheunenteil für den Einbau einer Garage. · Die Kirchgemeinde benutzt die Plätze unter den Vordächern zum Abstellen von Fahrrädern und Motorfahrrädern.»


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In der Diskussion bittet Ernst Trachsler die Anwesenden, «den Weg zu einem ordentlichen und gefälligen Museum zu öffnen.» In der anschliessenden offenen Abstimmung wird der Rückkommensantrag einstimmig gutgeheissen.

Protokollbuch der evangelischen Kirchgemeinde. Der Rückkommensantrag war offenbar derart aussergewöhnlich, dass der Aktuar ihn im Original einklebte.

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05.07.1983 «Mieter Rieser hat die Scheune endgültig geräumt.» 15.08.1983 Der Vertrag mit dem Verkehrs- und Verschönerungsverein betreffend einer Abtretung des Baurechts wird einhellig gutgeheissen, «sofern die Bauarbeiten zu 100% vom Museum getragen werden.»

Bruno Bischofberger Ihm verdankt das Ortsmuseum seinen finanziell soliden Start und den sorgfältigen Umgang mit den zunächst ausgesprochen bescheidenen Mitteln. Als ehemaliger Schulpräsident genoss er im Dorf Ansehen und gegenüber Geldgebern hohe Integrität. Aufnahme 1987

Oskar Lippuner Aufnahme 1987

17.03.1984 «Die Fenster der Adlerscheune sollen mit Spanplatten überdeckt werden, da die Gassenjugend laufend Scheiben einschlägt.» 27.02.1985 «Die Baugesuche Ortsmuseum und Garage in der Adlerscheune werden von der Kirchenvorsteherschaft eingesehen und genehmigt und Präsident und Aktuar zur Unterschrift ermächtigt.»


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Das war knapp! Aber am Schluss hatte die Kirchgemeinde ein renoviertes Kirchgemeindehaus zum Adler und das Museum hatte einen hervorragend geeigneten Raum an zentraler Lage. Und die motorisierten Kirchgänger üben sich beim Parkieren bis heute in christlicher Rücksichtnahme und Nachsicht.

Fritz Horber Aufnahme 1987

Die Pläne konkretisieren sich Das Vorhaben nahm nun eine Grösse und Dynamik an, die von einem einzelnen Museumsbetreuer in seiner Freizeit und dazu noch ohne öffentliches Mandat nicht mehr zu bewältigen war. Drei bekannte Wängemer Persönlichkeiten, nämlich Oskar Lippuner, Bruno Bischofberger und Gottlieb Höpli, nahmen sich der Sache an. Man entschied sich für die Gründung einer Stiftung. Zusammen mit Ernst Trachsler wurden die inhaltlichen und rechtlichen Eckwerte festgelegt. Auch der Gemeindeammann Fritz Horber konnte ins Boot geholt werden.

Gründung der Stiftung Ortsmuseum Wängi Die bisherige Form des Einmannunternehmens hatte ausgedient. Der Weg von Ernst Wiesmanns privater Initiative über den Verkehrs- und Verschönerungsverein und die Vereinbarung mit der Primarschule mündete nach langen Jahren endlich in eine rechtlich abgesicherte und vom Kanton formell genehmigte Stiftung. In einer ausserordentlichen Hauptversammlung des Verkehrs- und Verschönerungsvereins vom 29. September 1983 wurde der Gründung einer Stiftung Ortsmuseum Wängi einstimmig zugestimmt.

Gottlieb Höpli Aufnahme ca. 1980

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In der Stiftungsurkunde14 ist im Zweckartikel festgehalten: «Die Stiftung fördert das Verständnis für Geschichte und Kultur von Wängi und Umgebung. Zu diesem Zweck sorgt sie für die Unterbringung, Gestaltung und Erweiterung des Ortsmuseums Wängi, fördert dessen Betrieb und organisiert Ausstellungen, Veranstaltungen usw. (...) Sie kann im Rahmen des Stiftungszweckes auch Immobilien erwerben oder veräussern.» In einer Verfügung vom 21. Dezember 1983 gewährt das Finanzdepartement des Kantons Thurgau der Stiftung Ortsmuseum zudem Steuerbefreiung. Bedingung ist, dass die Stiftungsratsmitglieder ihre Arbeit ehrenamtlich versehen und kein Stiftungsgut veräussert werden darf. Dem ersten Stiftungsrat gehörten neben den bereits erwähnten Personen Jakob Jufer, Landwirt aus Heiterschen als Vertreter der Kirchenvorsteherschaft und Ursula Sulzer als Vertreterin von Industrie und Gewerbe sowie Bernhard Graf, Kleinklassenlehrer in Wängi an. Ernst Trachsler erhielt eine 10%-Anstellung als Kurator. Man ging von einer Arbeitsbelastung von 200 Std. pro Jahr aus und setzte ein Kostendach von Fr. 6000.– fest. Diese Regelung gilt übrigens bis heute. Ernst Trachsler kündigte seine Stelle als Primarlehrer und ergriff an der Universität Zürich ein Studium, unter anderem in Museumswissenschaft.

Als erstes wurde mit der Kirchgemeinde ein 50-jähriges sogenannt unselbständiges Baurecht vereinbart. Dieses besagt, dass der Baurechtsberechtigte das Recht hat, in der bestehenden Scheune Räume für die Unterbringung des Ortsmuseums auszubauen. Sämtliche Ausbaukosten gehen zu Lasten der Stiftung. Darüber hinaus ist diese verpflichtet, die Scheune und das eingerichtete Ortsmuseum während der ganzen Dauer des Baurechts in betriebsfähigem und sauberem Zustand zu halten.15

Die Gemeinde steigt ein In den 1980er Jahren prägte eine kritische Frage die Museumsdiskussion in der ganzen Schweiz: Braucht eigentlich jedes Dorf sein eigenes Museum? Was ergibt sich da für eine Museumslandschaft, wenn überall dieselben Holzkohlebügeleisen, Spinnräder und Dreschflegel ausgestellt werden? Fachleute warnten vor einer Inflation und damit einhergehender Trivialisierung. Sie fürchteten landauf landab dilettantische Ausstellungen, welche in erster Linie nostalgische Gefühle bedienen statt einen Beitrag zu einem konstruktiven und offensiven Umgang mit der eigenen Lokalgeschichte zu leisten. In Wängi wurde diese Auseinandersetzung nicht geführt. Zum einen hatte man ja schon seit gut 20 Jahren ein Ortsmuseum. Und zum andern entdeckte die Gemeindebehörde die

Stiftungsurkunde der Stiftung Ortsmuseum Wängi vom 21. November 1983. S. 2.

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Vertrag über die Begründung eines «Unselbständigen Baurechtes» vom 11. März 1985 . S. 1 – 2.

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Chance, mit einem eigenen Museum die kulturelle Reputation der Gemeinde zu steigern. So ist denn auch aus einer Tagung der Hinterthurgauer Gemeindebehörden zum Thema der dörflichen Identität in den späten 1970er Jahren die Episode überliefert, dass der Wängemer Gemeindeammann von etlichen Kollegen auf «sein Ortsmuseum» angesprochen und darum beneidet wurde. Auch andere Gemeinden hätten gerade aus Gründen der kulturellen Identität gerne eine derartige Einrichtung in ihren Dörfern gehabt. Eschlikon hat es später versucht, musste das Projekt aber nach dem Tode des Initianten Norbert Enz vor einigen Jahren abbrechen und alle Objekte verschenken respektive entsorgen. Ob nun tatsächlich diese mündlich berichtete Episode bei den Wängemer Gemeindebehörden zu einem Umdenken führte oder ob der neue Zeitgeist einfach in diese Richtung wies, sei dahingestellt. Eine entscheidende Rolle spielte der Druck seitens der bereits erwähnten lokalpolitischen Schwergewichte Oskar Lippuner, Bruno Bischofberger und Gottlieb Höpli, welche als Stiftungsinitianten die Sache energisch und zielbewusst an die Hand nahmen. Tatsache ist: Nur wenige Jahre nach dem Nein auf die Anfrage zur Verlegung des Museums in die Liegenschaft Krone wurde die erneute Anfrage mit grossem Wohlwollen aufgenommen. Der Gedanke an ein Ortsmuseum, welches sich sehen und auch vorzeigen lässt und

welches in der Region beachtet wird, setzte sich in den Köpfen der Entscheidungsträger durch. Die kulturelle Identität und der regionale Auftritt Wängis sollten um einen präsentablen Museums­bau bereichert werden. Auch in der Bevölkerung begann sich die bisherige wohlwollende Interesselosigkeit zu wandeln. Zahlreiche Zeitungsartikel in der lokalen und regionalen Presse weckten die öffentliche Aufmerksamkeit und verbreiteten die Idee eines neuen Ortsmuseums. Der Gemeinderat entschied sich, das Projekt schrittweise anzugehen. An der Rechnungsgemeindeversammlung vom 14. Juni 1984 schlug er den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern vor, aus dem Rechnungsüberschuss des Jahres 1983 einen Betrag von Fr. 100 000.– für das Ortsmuseum zurückzustellen. Damit waren die Weichen für die finanzielle Realisation des Projektes gestellt. Der Kostenvoranschlag für den Umbau der Adlerscheune von Ruedi Isenring vom 11. Oktober 1984 sah Kosten in der Höhe von Fr. 299 800.– vor. Zusammen mit der Möblierung mussten Fr. 320 000.– aufgebracht werden. Der Spendenaufruf ergab in kürzester Zeit die stolze Summe von gut Fr. 26 000.–. Dazu kamen namhafte Beiträge der Weberei Wängi AG, der Ulrico Hoepli-Stiftung und des Kulturprozents der Migros u.a.m. Alle Gönner wurden in ein Gönnerbuch eingetragen und dieses später im Museum aufgelegt.

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Am 30. Januar 1985 war es dann soweit: Der Gemeindeammann erläuterte den Budgetposten für ein Ortsmuseum von Fr. 200 000.–: «Aus Spenden und Beiträgen können nach bisherigen Zusicherungen rund Fr. 90 000.– erwartet werden. Ferner ist beabsichtigt, zugunsten des Ortsmuseums ein Dorffest zu veranstalten. Der Erlös ist für die Finanzierung der erforderlichen Einrichtungsgegenstände vorgesehen. Ungedeckt sind im Moment noch Fr. 200  000.–. Die Stiftung Ortsmuseum Wängi gelangte deshalb an die Munizipalgemeinde zur Übernahme dieses Baubeitrages. Mit der Rechnung 1983 konnten für diesen Zweck bereits Fr. 100 000.– bereitgestellt werden. Es dürfte ein dankbarer Auftrag sein, für diese kulturelle Aufgabe den notwendigen Kredit zu sprechen.»16 Das Wort wurde freigegeben. Es folgten keine Wortmeldungen, der Beitrag war diskussionslos genehmigt. Im Protokoll der Budgetgemeinde vom 20. Februar 1986 heisst es unter der Rubrik Kultur: «Das Ortsmuseum soll im kommenden Jahr eröffnet werden, weshalb im ersten Betriebsjahr ein Beitrag aufgenommen werden musste». Damit wurde dem Ortsmuseum der Status einer offiziellen Gemeindeaufgabe im Bereich Kultur zuerkannt.

Munizipalgemeinde Wängi. (1985). Botschaft zum Budget 1985.

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Regierungsrat des Kantons Thurgau. Protokoll vom 7. August 1984. S. 1.

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Der Regierungsrat des Kantons Thurgau beschloss an seiner Sitzung vom 7. August 1984: «Die Stiftung Ortsmuseum Wängi besitzt 700 – 800 Gegenstände, die in einem neuen Rahmen präsentiert werden sollen. Der Umbau der ehemaligen Adlerscheune wird laut provisorischem Kostenvoranschlag rund Fr. 300 000.– kosten. Die Finanzierung ist mit freiwilligen Spenden, dem Erlös aus einem Dorffest im nächsten Sommer und einem Gemeindebeitrag vorgesehen. An freiwilligen Spenden sind bisher ca. Fr. 26 000.– zugesichert. An der Gemeindeversammlung wurde einem Beitrag der Gemeinde zugestimmt, sodass die Restfinanzierung gesichert ist. Damit der Gemeindebeitrag auf ca. Fr. 200 000.– begrenzt werden kann, rechtfertigt sich ein Beitrag aus dem Lotteriefonds von Fr. 40 000–. Dieser wird erst ausbezahlt, wenn die Finanzierung gesichert ist.»17 Diese war alsbald gesichert und die Handwerker machten sich an die Arbeit. Die Gemeinde engagierte sich über die Umbaukosten hinaus von Beginn weg mit jährlichen Unterstützungsbeiträgen. Diese betrugen 1986 noch Fr. 5000.– und wurden in der Folge schrittweise erhöht auf heute Fr. 20 000.–. Auch die privaten Beiträge, welche Jahr für Jahr eingehen, helfen mit, den Betrieb in seinem heutigen Ausmass zu gewährleisten.


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Die Bevölkerung engagiert sich Am 29. und 30. Juni 1985 fand ein grosses Dorffest zugunsten des neuen Museums statt. In zahlreichen Workshops wurden während Wochen Blumengestecke arrangiert, Patchworkdeckeli und Stofftiere genäht, Glückwunschkarten gedruckt und geklebt, Konfitüre gekocht, Guetzli gebacken, Holzspielsachen, Flechtkörbchen und Schalen aus Tiffany-Glas hergestellt. Im Grusswort des Gemeinde­ ammanns Fritz Horber in der Thurgauer Zeitung hiess es:

Stand des Museums am Dorffest: Geschicklichkeit beim Chacheli­ bohren. Mit dem Bohrer Bernhard Graf, Mitte Barbara Küttel und verdeckt Marianne Jufer, rechts Ernst Trachsler

«Am kommenden Wochenende findet das von langer Hand sehr gut vorbereitete Fest «Es Dorf – es Fäscht – es Museum» statt. Die Gemeinde­behörde freut sich, dass die seinerzeitige Idee zur Organisation eines Dorffestes zugunsten unseres Museums bei der Bevölkerung auf so fruchtbaren Boden gefallen ist. Es ist mir bei dieser Gelegenheit ein Bedürfnis, allen, die zur Verwirklichung und Organisation beigetragen haben, bereits heute zu danken. Oberstes Ziel dieser Idee war die Förderung der zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb unserer Gemeinde, nachdem in

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Männerchor vor dem Durchgang des Steinlerschulhauses V.l.n.r.: Heinz Lezius, August Abderhalden, Röbi Almer, Walter Meier usw.

Blumengebinde von Ruth Bänninger. Daneben Rosmarie Krähenmann-Brunner

Klassische Musik mit dem Flötenduo Letitia Restle und Caroline Müller

Tiffany-Glas mit Monika Baumgartner und Tochter Irene


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Verkauf von selbstgestalteten Gratulationskarten durch Schüler. V.l.n.r.: Lukas Figi, Daniel Fuchs, Mario Almer und Roman Neff

Verkauf von selbstgebackenem Bauernbrot und Zöpfen. Anni Jufer und Hedi Höpli

den letzten Jahren ein durchschnittlicher Zuwachs von 240 Bewohnern festgestellt werden durfte. Nachdem in unserer Gemeinde das bestehende Museum einen verbesserten Stellenwert einnehmen soll, die entsprechenden Kredite hiefür gesprochen sind, soll der mit dem Grossanlass als Nebenzweck erwartete Erlös für die Einrichtung des Museums Verwendung finden. Auf diese Weise ist jedem Bewohner – aber auch den in unseren Gemarkungen herzlich willkommenen Besuchern – Gelegenheit geboten, an das Museum einen freiwilligen Beitrag zu leisten.»18

Leider ist es nicht möglich, hier von sämtlichen Attraktionen Fotos zu zeigen. Eine knappe Auswahl muss genügen. Josef Sager gab ebenfalls in der Thurgauer Zeitung einen Ausblick auf das zu erwartende Fest: «Reich an Attraktionen für gross und klein ist das Dorffest in Wängi. Es beginnt am Samstag um 13 Uhr. Auf einem ‹Johrmärt› werden handgefertigte Gegenstände und Wängemer Spezialitäten angeboten. Bänkelsänger und Dorfgruppen treten im Freien und in den Fest-

Wängi feiert: «Es Dorf – es Fäscht – es Museum.» Thurgauer Zeitung vom 28. Juni 1985. S. 21.

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wirtschaften auf. Eine Museumsausstellung, Spielplausch und Wettbewerbe sind weitere Attraktionen des Festes. Um 13:30 wird der Festlauf durchgeführt. Ab 20 Uhr gemütliches Beisammensein in der Steinlerturnhalle mit dem ‹Original Thurland-Echo› sowie Auftritten von Vereinen. Im Vereinshaus ist die Disco Fireball mit der Aumühle-Band zu hören. Am Nachmittag wird das Theater ‹Der rechte Barbier› aufgeführt. Der Sonntag beginnt mit einem Buurezmorge. Mit dabei sind ein Jodelduo und Alphornbläser. Um 10:30 findet auf

dem Dorfschulhausplatz oder bei schlechtem Wetter in der katholischen Kirche ein ökumenischer Gottesdienst statt. Ab 11:45 gibt es in der Dorfbeiz ‹Spatz› zum Mittagessen. Das Theaterstück wird um 14 und 15 Uhr nochmals aufgeführt und um 15 Uhr wird ein Ballonflugwettbewerb durchgeführt.»19 Das Dorffest erbrachte den stolzen Betrag von gut Fr. 36 000.– und übertraf damit die Erwartungen. Die erforderlichen Ausstellungsvitrinen konnten angeschafft werden.

Standvitrine mit dem Thema Ochsen- und Pferdezug. Im Hintergrund Caféteria (seit 2016)

Wängi feiert: «Es Dorf – es Fäscht – es Museum.» Thurgauer Zeitung vom 28. Juni 1985. S. 21.

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Tischvitrine vor Stellwand mit dem Thema Geld, Strassenzoll und Reisen

Hängevitrine mit dem Thema Essen und Hungersnot

Aus dem Prospekt der Firma Dollier-Rothstein, Spezialfirma für Museums­ ausrüstung: Das Heimatmuseum Wängi wird als gelungenes Beispiel erwähnt

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Zahlung einer Rechnung: «einer Banknota, 7 Stük 5 Fränkler das übrige an Münz». 1855


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Standortbestimmung Die bisherige Geschichte des Ortmuseums Wängi verlief in zwei Schüben: Zunächst der Gründungsschub und später der Konsolidierungsschub. Dazwischen lag eine Ruhephase. Blickt man zurück in die Gründungszeit im Jahre 1960, fallen ein paar interessante Dinge auf. Das historische Bewusstsein anlässlich der 500-jährigen Zugehörigkeit des Kantons Thurgau zur Eidgenossenschaft und die damit verbundene Gründung des Ortsmuseums machte in einer breiten Öffentlichkeit die Vergangenheit zum Thema. Nicht nur die kollektive Geschichte, sondern auch die persönlichen, subjektiven Erinnerungen wurden wach. Der zweite Weltkrieg lag ja erst 15 Jahre zurück! Nur die Kinder hatten keine Kriegserfahrungen! Die historische Rückbesinnung weckte bei der Aktivdienstgeneration eine Welle des (Selbst-)Bewusstseins. Das Ortsmuseum von Ernst Wiesmann bot sich an als ein Ort, diese Erinnerungen zu dokumentieren und der nächsten Generation weiterzuerzählen. Das Museum machte diese Erinnerungen öffentlich und damit zum Gesprächsthema. Es wurde zu einem Ort kollek­tiver Erinnerung. Die ehemaligen Aktivdienstsoldaten brachten Karabiner und Uniformen, Munition, den Marschbefehl zur Mobilmachung, den Soldateneid sowie gerahmte Fotos des Generals ins Museum. Die Frauen brachten Objekte des mühsamen Alltags rund ums Kochen, Waschen, Flicken und Gärtnern:

den Apfelschälapparat, den alten Kabishobel, den Steinguttopf für die Eier im Wasserglas und den alten Waschherd. Und ganze Couverts voller Rationierungskarten; längst wertlos, aber mit Erinnerungen an magere Zeiten verbunden. Gut 20 Jahre später mochten die Gründe für ein neues Museum in der Adlerscheune anders gelagert sein. Doch gerade das Beispiel Wängi zeigt eindrücklich, wie sich das Bedürfnis nach einem Ort der Rückschau oder der Besinnung im Kontext der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen (mit-)verändern konnte. Seit dem Sommer 1983 wusste man: In der Schweiz stirbt der Wald. Am 26. April 1986 explodierte eine Nuklearanlage in Tschernobyl und seither fielen radioaktive Niederschläge. Am 1. November 1986 brannte eine Lagerhalle der Sandoz in Schweizerhalle und Giftwolken breiteten sich aus. Solche Ereignisse lösten eine allgemeine Verängstigung aus und beförderten den Willen, sich über die Zukunft Gedanken zu machen und an dem festzuhalten, was wichtig und erhaltenswert schien. Ein Ortsmuseum konnte ein solcher Ort der Findung sein. Über Wängi hinaus zeigte ein Blick in die damalige Umgebung: Neben den seit langem schon etablierten städtischen Museen schossen in den 60er und 70er Jahren die lokalen Orts-, Dorf- und Heimatmuseen wie Pilze aus dem Boden. «Jedem Dorf sein Museum!» schien die Devise zu heissen. Im Kanton Zürich wur-

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den in jener Zeit jährlich ein bis zwei neue Ortsmuseen eröffnet. Alle mit Apfelschälapparat, Kabishobel, und Waschherd. Überall Spinnrad und Nähmaschine, Holzkohlebügeleisen und Wäschestössel. Überall die Ausrüstung der Aktivdienstsoldaten. Die Museen glichen sich wie ein Ei dem andern. Es war vorauszusehen, dass das Interesse an diesen häuslichländlichen Grossmutterwelten bald einmal abklingen würde. Für die Zukunft galt es daher, für das Ortsmuseum Wängi Schritt für Schritt ein eigenes Profil zu entwickeln. Nicht die gute alte Welt sollte im Vordergrund stehen. Vielmehr sollte im konfrontativen Gegeneinander von Apfelschälmaschine und Stabmixer, von Holzkohle- und Dampfbügeleisen, von Waschherd und Waschautomat das Nachdenken über Veränderungen und deren Auswirkungen angeregt werden. Zum Beispiel mit der Frage: Was fangen wir eigentlich mit den eingesparten Kräften oder mit der gewonnenen Zeit an? Wie gehen wir mit den vorhandenen Ressourcen um usw.

Das Konzept für den Neuanfang Die Erfahrungen aus den ersten beiden Jahrzehnten legten nahe, die künftige Entwicklung des Ortsmuseums konzeptionell zu überdenken und fokussierter als bisher anzugehen. Dies erst recht, als sich nun räumlich ganz andere Möglichkeiten boten. In der Folge entstand eine intensive Zusammenarbeit mit dem volkskundlichen Seminar der Universität Zürich.

Vor allem die beiden Museumsfachleute Peter Bretscher und Kathrin Hubeli-Buchmann leisteten wertvolle theoretische und praktische Unterstützung. In einer umfangreichen Seminararbeit «Ausstellungskonzept zur Geschichte von Wängi im Zusammenhang mit der Verkehrserschliessung des Murgtales» erarbeitete zudem Andri Janett 1984 wiederum in Zusammenarbeit mit dem Ortsmuseum Grundlagen für ein Ausstellungskonzept. Er stützte sich zum einen auf das Inventar der bestehenden Sammlung und zum andern auf theoretische Konzepte und Modelle aus der aktuellen Museumstheorie. In Zusammenarbeit mit Ernst Trachsler wurden die zentralen Leitgedanken im Hinblick auf Ziel, Zweck und Ausrichtung des Ortsmuseums Wängi festgelegt und künftige Entwicklungsmöglichkeiten aufgezeigt.20 Mit diesen Leitlinien wollte man zweierlei erreichen. Zunächst sollte in der Wängemer Bevölkerung das Interesse an der Auseinandersetzung mit der dörflichen und kulturgeschichtlichen Vergangenheit geweckt werden. Zweitens wollte man der Nostalgiefalle entgehen. War es doch damals Mode, die Wohnungen mit allerhand antiken Gegenständen zu dekorieren. Das Ortsmuseum stellte sich in der Folge bewusst gegen romantisch verklärte Rückblenden in eine vermeintlich heile Welt und vermied es, einfach das kritiklose Heimweh nach einer Zeit zu bedienen, wo vermeintlich alles noch einfach und geordnet war und das Leben noch seinen gewohnten Lauf nahm. Der

Janett, Andri. (1984). Ausstellungskonzept zur Geschichte von Wängi im Zusammenhang mit der Verkehrserschliessung des Murgtales. S. 5-6.

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naiven Sehnsucht nach der «guten alten Zeit» sollte eine rationale und aufgeklärte Auseinandersetzung mit andern Zeiten und andern Lebensbedingungen entgegengestellt werden. Immer mit dem Ziel, letztlich die Gegenwart besser zu verstehen und damit für die Zukunft gewappnet zu sein.

Die Scheune als bauliche Herausforderung Die Adlerscheune ist ein reiner Zweckbau und auf landwirtschaftliche Nutzung ausgelegt. Sie ist vermutlich kaum viel älter als 100 Jahre. An einem Brett bei den Futterlöchern des Rossstalles fand sich eine Bleistiftinschrift: «Heinrich Isenring 8. Juli 1914». Es könnte sich dabei um das Baudatum handeln. Aus dieser Scheune nun ein Museum zu machen war eine Herausforderung. Zunächst wurden die künftige Raumnutzung und der erforderliche Innenausbau festgelegt. Als Grundsatz galt: Die Scheune sollte eine Scheune bleiben. Zudem mussten Fragen der Sicherheit und des Brandschutzes berücksichtigt werden. So wurde die offene Raumgestaltung beibehalten und Holz als dominantes Material für Konstruktion, Wandverkleidungen und Bodenbeläge übernommen. Zwischenwände wurden keine eingebaut. Der bestehende, und immer noch funktionierende Heuaufzug und die Rollbühne wurden belassen.

Welchen Zweck soll das Ortsmuseum erfüllen? Welche Absichten werden mit einem neuen Ortsmuseum verbunden? · Erstens soll aus dem Museum ein soziokulturelles Zentrum entstehen, welches auch anderen weiter­ reichenden Aktivitäten dient.21 · Die Selbstdarstellung der Bevölkerung soll durch das Museum gewährleistet werden und es soll der Förderung der Identität dienen und diese stärken. · Einfach «den Sinn für die Vergangenheit wecken» ist zu wenig. Das Museum soll vielmehr Mittel zum Zweck sein, um das Verständnis für Gegenwart und Zukunft zu wecken, d.h. die Geschichte soll zum Verständnis der Gegenwart und der Zukunft beitragen. · Zum Zielpublikum gehören vor allem auch die Kinder. Deren Heimatgefühl soll gestärkt werden und zwar nicht nur im geografischen Sinn. Vor allem im Hinblick auf die Frage «Wohin gehöre ich» soll die Zugehörigkeit zur dörflichen Gemeinschaft gestärkt werden. Das Museum soll mithelfen, die eigenen Wurzeln zu finden. · Die Wahrung von Traditionen spielt eine untergeordnete Rolle, da Wängi kaum besondere Traditionen im Sinne von lokalem Brauchtum aufweist.

Gedacht war damals der Einbezug der Volksbibliothek in die Adlerscheune. Die Scheune hätte so intensiver belebt werden können. Die Idee liess sich indessen nicht realisieren, da Edwin Herzog mit seiner Volksbibliothek bereits plante, sich im Untergeschoss des Dorfschulhauses einzurichten. Wo sie sich ja heute noch befindet.

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Heuaufzug. Unter einer Heuladung lagen quer zum Wagen zwei Balken. Diese wurden an den insge­ samt vier Haken des Aufzugs in die Höhe gezogen. Deutlich zu sehen ist die Übersetzung vom gros­ sen Rad auf den Haspel mit dem beidseitig abge­ henden Drahtseil. Angetrieben wurde das grosse Rad über ein Drahtseil (auf der Aufnahme schlecht zu er­kennen), welches durch die Scheunenwand und zwei Umlenkrollen nach aussen führte. Dort wurde dann ein Pferd angespannt. Dieses zog das Drahtseil in Richtung Wiesengrundstrasse und da­ mit das Heufuder in die Höhe. Die Anlage ist heute noch funktionstüchtig, bleibt jedoch aus Sicherheits­ gründen fixiert.

Mit dieser Kurbel konnte die Heubühne («Rolli») unter die hochgezogene Ladung Heu gefahren werden. Auch diese Anlage ist noch funktions­ tüchtig. Sie bleibt aber ebenfalls fixiert. Über die Rolle an der horizontal angebrachten Feder liess sich ursprünglich die Seilspannung konstant halten.


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Neu wurde ein zusätzliches Obergeschoss eingezogen. Die Stütz- und Tragbalken blieben sichtbar. Nicht ganz einfach war die Festlegung eines Besichtigungsrundgangs mit Treppen und Brücken. Diese wurden im offenen Raum über dem Tenn aufgehängt. Auf einen Lift musste leider verzichtet werden. Das erschwert zwar den Museumsbetrieb und den Besucherinnen und Besuchern den Zugang, lag aber ausserhalb der finanziellen Möglichkeiten. Bei der Ausführung wurde Wert darauf gelegt, die Konstruktionsdetails sicht- und ablesbar zu belassen. Aus der Scheune sollte kein Wohnraum werden. Die Atmosphäre des ursprünglichen Nutzbaus blieb erhalten und macht heute den speziellen Charme des Ortsmuseums Wängi aus.

Konstruktionsdetail der Zimmermannsarbeit. Deutlich zu erkennen ist die Aufhängung des neuen Obergeschosses. Treppe und Brücke an der Ostwand. Sie erschliesst den Zugang zum zusätzlich eingezogenen Obergeschoss.

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Blick in den ehemaligen Pferdestall. Gut zu sehen sind noch die Futterkrippe so­ wie die seitliche Holz­ verschalung als Iso­ lation. Heute wird der Raum als Büro ge­ nutzt. Auf dem Pult war­ ten Ausrüstungsgegen­ stände der Feuerwehr Tuttwil auf ihre Inventari­sierung. Ruedi Isenring anlässlich der Eröffnungsfeier am 8. November 1986

Im Pferdestall wurde ein Büro und im Kuh- und im Rinderstall wurden Archiv- und Lagerräume mit entsprechenden Gestellen eingerichtet. Die Beleuchtung wurde im Stil einer Scheune sichtbar installiert. An Stromschienen lassen sich die Scheinwerfer in die jeweils erforderliche Position verschieben. Auf eine Heizung musste in der Scheune verzichtet werden. Um allerdings die Museumsobjekte nicht allzu grossen Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen auszusetzen, wurden das Dach und die Aussenwände samt der Scheunentore isoliert. Einzig das Büro und die Magazine sind heizbar. Planung und Bauführung lagen bei Ruedi Isenring. Heute nach gut 25 Jahren Betrieb kann gesagt werden, dass sich das räumliche Konzept, die gewählten Materialien und die Besucherführung bewährt haben. Auch finanziell hatte die Bauleitung alles im Griff. Der Umbau konnte leicht unter dem Kostenvoranschlag abgerechnet werden. Neben den baulichen Herausforderungen stellten sich solche der Gestaltung. Zu diesem Zweck wurde Jacqueline Trachsler, eine professionelle Produktedesignerin, beigezogen. Art und Design der Vitrinen, das Farbkonzept, die Beschriftungen und die Beleuchtung wurden aufeinander abgestimmt. Die damals renommierteste Firma für Museumsausrüstungen im gesamten deutschsprachigen Raum nahm unser Museum gleich in ihren Katalog als ästhetisch herausragend gestaltetes Beispiel auf.22

Dollier-Rothstein (ca. 1985). 10 Jahre Tätigkeit in CH-Museen. S. 10.

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Der Webautomat auf dem Heuboden Die Einrichtung des Ortsmuseums nahm in der Folge langsam Fahrt auf. Die ersten Schritte der baulichen, thematischen und zeitlichen Umsetzung stimmten zuversichtlich. Was man damals noch nicht wusste: Die Weberei Wängi AG feierte 1973 ihr 150-jähriges Jubiläum. Aus diesem Anlass startete sie unter anderem ein Lehrlingsprojekt unter der Leitung des Werkstattchefs und Lehrlingsbetreuers Adolf Läubli. Der erste Vierfarbenwebautomat aus den Jahren 1910/1915 in der Weberei Wängi AG (Marke Rüti) sollte restauriert und wieder funktionsfähig gemacht werden. Mit diesem Automaten gelangen der Weberei damals grosse Erfolge. Aber nun gab es ein Problem: Es war kein solcher Webstuhl mehr aufzutreiben, der sich restaurieren liess. So wurde Ersatz aus dem Vorarlbergischen beschafft. Das Werk gelang. Mit dem restaurierten Webstuhl konnte wieder gewoben werden. Leider liess sich kein Lochstreifen mit einem Vierfarbenmuster mehr finden, so dass nun das angewobene Stück Stoff keine Musterung aufweist. Der Zettel ist schwarz und der Schuss abwechslungsweise weiss, gelb und grün. Nun schenkte die Weberei die Maschine dem Ortsmuseum. Kein einfaches Geschenk! Wo sollte in der Adlerscheune eine Webmaschine aufgestellt werden? Wie liess sich ein industrieller Webautomat in die Sammlung einbauen? Der Entscheid fiel schliesslich auf den Themenbereich «Häusliche und industri-

Blick vom Eingang her ins Tenn. Gut erkennbar ist das räumliche Konzept: Durchblick nach allen Seiten und nach oben bis unters Dach.

Webautomat Marke Rüti mit auf­ gesetzter Schaftmaschine der Maschinenfabrik Stäubli Horgen. Es handelt sich hier um den ersten Vier-FarbenWebautomaten der Weberei.

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elle Fertigung von Textilien». In diesem Rahmen sollte der Kontrast zwischen der häuslich privaten Herstellung von Leinenstoffen, vom Flachsanbau bis zum Hemd einerseits und der Textilindustrie andererseits aufgezeigt werden. Als Ausstellungsraum kam dafür das zweite Obergeschoss in Frage. Allerdings wog der Webautomat zusammen mit der aufgesetzten Schaftmaschine beinahe 1.5 Tonnen. Der Boden musste entsprechend verstärkt werden. Das liess sich machen. Schwieriger war allerdings das Hochheben der Maschine auf die Höhe des zweiten Obergeschosses. Jakob Jufer aus Heiterschen war der richtige Mann dafür. Zusammen mit seinem Bruder konstruierte er zunächst für den alten Heuaufzug einen tragfähigen Boden. Mit einem Palettrolli wurde der Webautomat darauf manövriert und abgesenkt. Mit dem Traktor zog Jakob Jufer dann das Drahtseil des alten Heuaufzugs die Wiesengrundstrasse hinab. Die Übersetzung des Aufzugs bedingte einen langen Weg gemäss dem physikalischen Gesetz, dass was man an Kraft gewinnt, man an Weg verliert. Oben angekommen, wurde die Webmaschine wieder auf den Palettrolli mit seinem schmalen Radstand gehoben. Mit dem Effekt, dass sich die Bühne ob der schmalen Auflage bedrohlich durchbog und so wieder einige Zentimeter zum Niveau des Bodens fehlten. Nochmals setzte sich Jakob Jufer in seinen Traktor und fuhr sorgfältig Zentimeter für Zentimeter weiter. Das Gebälk ächzte. Das Drahtseil quietschte und bewegte sich am Anschlag.

Das Unterfangen gelang schlussendlich und die Webmaschine vermittelt heute einen guten Eindruck einer komplexen und dennoch rein mechanisch funktionierenden Maschine. Leider sind die Vibrationen der laufenden Maschine derart stark, dass die Statik der Scheune sie nicht aushalten würde. Der Webautomat ist auf immer stillgelegt. Eine unerwartete Schenkung 1987 verkaufte Ursula Sulzer-Stierlin ihre Zwirnerei in Rosental an Karl Raas. Dem Ortsmuseum hinterliess sie die gesamte und vollständig erhaltene Geschäftskorrespondenz ihrer Fabrik. Die Hinterlassenschaft umfasste sämtliche Briefe, Rechnungen und sonstigen Dokumente von 1900 bis 1987 und war abgelegt in gut 50 Bundesordnern sowie in 60 bis 70 grossformatigen Folianten. In den frühen Jahren wurde noch jeder Brief mit Kohlepapier auf dünnes Seidenpapier durchgeschlagen und abgelegt. Die Einträge in die Inventar-, Personal- und Rechnungsbücher erfolgten von Hand. Die Geschäftsbeziehungen reichten bis Leipzig und darüber hinaus. Der ganze Nachlass dokumentiert lückenlos ein Stück Wängemer Textilindustrie­geschichte. Zu einem späteren Zeitpunkt lieferte Karl Raas noch alte Baupläne aus der Entstehungszeit des heute denkmalgeschützten Fabrikgebäudes. Eine systematische Aufarbeitung und eine entsprechende Präsentation dieser Schenkungen konnten so kurz vor der Eröffnung nicht mehr geleistet werden. So ist das reichhaltige


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Bernhard Graf anlässlich der Eröffnung in der Adlerscheune

Ernst Trachsler anlässlich der Eröffnung in der Adlerscheune

und lückenlos vorhandene Material bis heute nicht erforscht. Vielleicht findet sich irgendwann eine interessierte Studentin oder ein Student und arbeitet das Material wissenschaftlich auf. Einstweilen ist es im Ortsmuseum sicher aufgehoben.

Die Neueröffnung des Ortsmuseums in der Adlerscheune Am 9. November 1986 war es dann soweit: Am Vorabend der Neueröffnung wurden die Gön-

Rechnungsführer Bruno Bischofberger

nerinnen und Gönner persönlich begrüsst. Oskar Lippuner als Gründungspräsident der Stiftung führte in seiner Rede aus: «In den letzten Jahren sind uns ja Zweifel gekommen, ob das was wir heute tun, und wie wir es tun, der Weisheit letzter Schluss sei. Ob unsere Art zu leben die richtige Voraussetzung sei, um unseren Nachfahren eine lebenswerte Welt hinterlassen zu können. Wenn wir uns damit auseinandersetzen, wie frühere Generationen mit ihrer Welt umgegangen sind, hilft uns das, uns in diesen Zweifeln ein Urteil zu bilden; auch zu verstehen, wie sich die Dinge entwickelt ha-

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ben und warum sie heute so sind, wie sie sind, und damit unseren Standpunkt notfalls revidieren zu können. Das war der Leitgedanke bei der Gestaltung unseres Museums.»23 Am Tag darauf öffnete das neue Ortsmuseum seine Scheunentore für die breite Öffentlichkeit. Neben Oskar Lippuner begrüssten Bruno Bischofberger als Rechnungsführer und Fritz Horber als Gemeindeammann die zahlreichen Besucherinnen und Besucher. Bernhard Graf erläuterte die Ausstellung und Ernst Trachsler äusserte sich zu Museumsfragen im Allgemeinen. Er warf insbesondere die Frage auf, was es wohl mit dem Bedürfnis nach einem Ortsmuseum auf sich habe. In seinen Ausführungen sagte er: «Wir leben in einer bedrohlichen Welt. Neben spektakulären Ereignissen wie Waldsterben, Tschernobyl und Schweizerhalle schleichen sich fast unbemerkbar weitere aber nicht minder bedrohliche Veränderungen in unser Leben. Dorfgemeinschaften lösen sich auf. Familienbande werden lockerer. Vereinzelung greift um sich. Immer mehr Leute leben allein und vereinsamen. Die Arbeit verändert sich. Sitten und Glaube verlieren ihren normativen Stellenwert. Da wächst doch das Bedürfnis nach Beständigkeit und Sicherheit. Wir sehnen uns nach einer Welt, die uns nicht täglich bedroht, die noch intakt ist, wo noch alles zusammenpasst, wo noch Ordnung herrscht. Paradiesträume kommen hoch. Und dieses Pa-

radies suchen viele in der Vergangenheit. Die Geschichte dient als Projektionsfläche. Die Vergangenheit wird romantisch verklärt. Zwar mögen wir alle unsere Träume haben, daneben gilt es aber auch die historischen Wirklichkeiten anzuerkennen. Glorifizierung nützt nichts. Im Gegenteil, sie ist eine problematische Flucht. Schon am Sonntagabend nach dem Museumsbesuch oder spätestens am Montagmorgen ist die Welt dann nämlich wieder anders. Das Ortsmuseum Wängi soll kein ‹romantisches Museum› werden. Information und Aufklärung stehen im Vordergrund. Das Ortsmuseum ist ganz im Sinne seines Gründers Ernst Wiesmann eine Bildungseinrichtung. Es sollen Brücken geschlagen werden zwischen unseren Vorfahren in ihrer Zeit und uns Menschen von heute. Als Besucherin oder Besucher des Museums sollen Sie sehen, wie man vor 100 Jahren in Wängi Verkehrsfragen gelöst hat – und dann vergleichen, wie wir es heute machen. Oder Sie sollen sehen, wie Frauen den Flachs vor 150 Jahren miteinander bearbeiteten – und sich bewusst werden, wie ein Arbeitsplatz in der modernen Weberei heute aussieht. Wir wollen Ihnen den Wandel bewusst machen.» Und genau diesen Wandel thematisierte dann die erste Ausstellung im neu eröffneten Ortsmuseum. Vorerst aber galt es, die Scheune zu

Lippuner, Oskar. (1986). Begrüssungsadresse zur Museumseröffnung. Typoskript. S. 2.

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einem Museum umzugestalten und da waren ein paar Grundsatzfragen zu klären. Ausstellung und Betrieb Die Ausstellungen in der Adlerscheune wurden etappenweise eröffnet. So konnte jedes Jahr etwas Neues gezeigt werden. Zudem sollte die zu Beginn noch grossenteils leere Scheune dazu anregen, nächstes Jahr wieder zu kommen und den Fortschritt zu sehen. Zweitens sollte jedes Jahr eine Sonderausstellung zu einem speziellen Thema die Besucherinnen und Besucher von Neuem wieder ins Museum holen. Die Räumlichkeiten dieser Sonderausstellungen lagen auf dem obersten Stock im hinteren Bereich. Wer die Sonderausstellung sehen wollte, musste auf dem Weg dorthin die ständige Ausstellung durchwandern. Auf dem Rückweg konnte man auf bislang unbeachtete Objekte stossen oder auf andere Besucherinnen und Besucher treffen und sich mit diesen austauschen.

Erstes Thema: Wandel Auf dem Heuboden oberhalb des Kuhstalls entstand gemäss dem Museumskonzept als erstes eine Ausstellung zum Thema «Wandel». Anhand einiger Themenfenster wird aufgezeigt, dass sich über die Jahrhunderte Dinge verändern, von denen man gerne annimmt, sie seien schon immer so gewesen und müssten daher auch immer so bleiben.

Ortsmuseum aus der Luft. Links das Haus Adler Situation des Ortsmuseums im Oberdorf. Aufnahme Frühling 2016. Rechts das Haus Krone. Hinter dem Museum das Haus Adler und links die evangelische Kirche. Vor dem roten Auto mit dem geöffneten Kofferraumdeckel sind Ruedi Götz und der Drohnenpilot Konstantin Fuchs zu erkennen.

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Manessische Lieder-Handschrift um 1300. Der Künstler der Manessischen Liederhandschrift zeigt den Minnesänger Burkhard von Wengen bei seiner Heimkehr zu seiner Gemahlin auf der Burg zu Wengen (Weierhaus). Dass der Ritter von seiner Gemahlin Wange an Wange begrüsst wird, ist zwar eine hübsche Assoziation. Etymologisch, d.h. wort­ geschichtlich jedoch völlig falsch. «Wange» ist eine Landschaftsbezeichnung und meint eine sanft ab­ fallende Wiese. Aber das Wappen ist verkehrt dargestellt. Aus Versehen? Oder wurde das Wappen damals so getragen?

Wappendarstellung der Freiherren von Wängi. Wappen und Turnier­ helm weichen von der mittelalterlichen Farbgebung ab. Darstellung vermutlich anfangs des 20. Jahrhunderts.


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Der Ortsname Wängi Sprachgeschichtlich ist der Name Wängi vom alemannischen Wang oder Wange hergeleitet. Wange bedeutet sanft abfallendes Gelände und kommt in zahlreichen Ortsnamen vor: Aawangen, Aarwangen, Hüntwangen, Möriswang, Wangen, Wengen usw.. Bei der erstmaligen Nennung des Ortes Wängi auf einer Urkunde aus dem Jahre 818 findet sich die Schreibweise «uuengiu».24 (w wurde als uu geschrieben und erinnert an das «double-u» im Englischen). In der Manessischen Liederhandschrift aus Zürich aus dem Mittelalter um 1300 ist ein Minnesänger «von Wengen» aufgeführt. Im Besitz des Ortsmuseum befinden sich zahlreiche Briefe aus dem 19. Jahrhundert. Wängi wird da auch als «Wenchi», «Wengy» oder «Wengi» geschrieben. Der offizielle Poststempel von 1856 lautete auf «WENGY». Heute heisst es «9545 Wängi». Das Gemeindewappen Soviel weiss bei uns jede und jeder: Unser Gemeindewappen ist viergeteilt in rote und goldene Flächen. Wo aber sind die roten und wo die goldenen Viertel? Links oder rechts? Verwirrend ist das Ganze auch deswegen, weil die Wappenkunde, oder Heraldik wie sie in der Fachsprache heisst, immer vom Wappen- oder Schildträger her schaut. Was wir von vorne links sehen, ist heraldisch korrekt rechts.

Wappen von Wängi

Das hat immer wieder zu Unsicherheiten geführt. In der frühesten Darstellung des Wängemer Wappens, in der Manessischen Liederhandschrift von 1300, sind vom Betrachter aus gesehen links oben und rechts unten die goldenen oder gelben Viertel. Aus heutiger Sicht ist dies aber das Wappen von Braunau. Das Wappen von Wängi ist umgekehrt: Oben rechts und unten links gelb oder golden. Zu

Die Urkunde befindet sich in der Bibliothek des Klosters St. Gallen. Interessant ist die Erwähnung eines früheren Dokumentes aus dem Jahre 791 bei Andreas Raas in «Wängi – Der Weg von der Gerichtsherrschaft zur politischen Gemeinde». Der Autor regt denn auch eine Klärung der Ersterwähnung anlässlich des nächsten Jubiläums an.

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welcher Zeit der Ort Wängi das mittelalterliche Wappen gedreht hat, darüber besitzt das Ortsmuseum keine Dokumente. Ebenso wenig ist bekannt, wie das ursprünglich persönliche Wappen «des von Wengen» auf den Ort Wängi übertragen wurde. Die heute gültige Version nach dem Thurgauer Wappenbuch25 orientiert sich am Wappen der St. Gallischen Herrschaft Wängi. Die Herren von Wängi waren im Mittelalter Dienstleute des Klosters St. Gallen. Korrekt ist also: Gold oben rechts und unten links – heraldisch oben links und unten rechts; Rot oben links und unten rechts – heraldisch oben rechts und unten links. Ganz einfach, oder? Die Grenzen Sehr aufschlussreich ist die Sammlung alter Marksteine im Ortsmuseum. Sie sind Zeugen der wechselnden Machtverhältnisse zwischen dem späten Mittelalter bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts. Verschiedene Steine mit einem Malteserkreuz verweisen auf Landbesitz der Komturei Tobel rund um Wängi. Die Mal-

teser waren ein Kreuzritterorden mit einem Stützpunkt auf der Mittelmeerinsel Malta. Daher der Name. Dem Orden gehörte unter anderem die Komturei Tobel. Dort lebten Adelige unter klosterähnlichen Bedingungen, welche in der Erbfolge zurückgesetzt worden waren. Ihre Besitztümer reichten bis Wängi. Auf dem sogenannten Widumgut26 im Oberen Stegenhof war als klösterlicher Lehensmann ein Vogt eingesetzt, welcher bei den ansässigen Bauern die Steuern eintrieb und sie nach Tobel lieferte. So zahlte etwa der Leibeigene Jörg Felix 1522 als Lehensbauer 18 Mütt Kernen, 3 Malter Haber, 2 Pfund 10 Schilling, 4 Hühner und 100 Eier nach Tobel. Etwas unsicherer ist die Deutung eines zweiten Marksteins. Die eingeritzte Zeichnung könnte ein Hirschgeweih darstellen. Dann ergäbe sich ein Zusammenhang zur kurpfälzischen Freifrau Maria von und zu Hirschhorn, welche 1591 die Gerichtsherrschaft Wängi erworben und bis zu ihrem Tode 1625 inne hatte. Der Kauf umfasste «Haus, Schloss und andere Gebäulichkeiten, mit Gericht, Zwing und Bann, mit 250 Jucharten Ackerland, 80 Mannmad Heuwachs, 13 Jucharten Rebland, 80 Jucharten Wald»

Meyer, Bruno. (1960). Die Gemeinde des Kantons Thurgau. Herausgegeben zum Jubiläum der fünfhundertjährigen Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft.

25

Die Bezeichnung «Widum» stammt ursprünglich von «widmen». So wurden im Mittelalter Höfe bezeichnet, welche z. B. von einem Kloster an einen zinspflichtigen Lehensmann ausgeliehen wurden.

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Links: Markstein der Freifrau von und zu Hirschhorn (Hirschgeweih) um 1600. Mitte: Markstein der Komturei Tobel (Malteserkreuz) 17. oder 18. Jahrhundert, auf alle Fälle vor 1848. Rechts: Markstein der drei Gemeinden Wängi, Tuttwil und Krillberg vor 1968

usw.27 Persönlich allerdings weilte die adlige Freifrau nie in Wängi. An ihrer Stelle setzte sie den Obervogt Schlör ein, der im Weierhaus residierte und von dort aus die Steuern eintrieb.28

Markstein zwischen der Landgrafschaft TG (gemeine Herrschaft der Eidgenossen) und der Gerichtsherrschaft Tänikon (Gerichtsbarkeit in Klosterbesitz), vermutlich aus dem 18. Jahrhundert.

Ein weiterer Markstein stammt aus der Zeit, als der Kanton Thurgau eidgenössisches Untertanenland war. Das Kantonsgebiet war in zahlreiche Gerichtsbezirke eingeteilt, wo je ein verantwortlicher Vogt die niedere Gerichtsbarkeit ausübte und Steuern erhob. Dazwischen gab es Bezirke, die dem eidgenössischen Land-

Tuchschmid, Karl. Geschichte von Wängi. S. 90.

27

Die historischen Erläuterungen zu den beiden Marksteinen basieren auf Angaben von Ernst Wiesmann, welche dieser vermutlich in Zusammenarbeit mit Karl Tuchschmid festgehalten hat. Die genauen Quellenangaben sind unbekannt oder leider verschollen.

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vogt in Frauenfeld direkt unterstellt waren. Der grösste Markstein im Museum stammt aus dieser Zeit und trägt die Bezeichnungen LT (Landgrafschaft Thurgau) und GD (Gerichtsherrschaft Denikhon, heute Tänikon). Aus neuerer Zeit stammt der Markstein mit den Bezeichnungen «W / T / K» (Wängi / Tuttwil / Krillberg). Die drei Orte waren eigenständige Gemeinden mit markierten Grenzen. 1968 erfolgte nach einem denkwürdigen, politisch hart umkämpften Prozess der Zusammenschluss zur Einheitsgemeinde Wängi.29 Der Markstein verlor seine Bedeutung. Die Geschichte hatte ihn überholt. Verschiedene Münzen aus der Zeit zwischen 1730 und 1863 aus den Zwischenböden des alten katholischen Pfarrhauses.

Das Geld Beim Umbau des alten katholischen Pfarrhauses30 1976 kamen in den Zwischenböden Münzen zum Vorschein. Der Baumeister Karl Wüthrich avisierte sofort Ernst Trachsler. Der Schutt zwischen Balken und Brettern wurde sorgfältig abgetragen und gesiebt. Das Ergebnis waren Münzen verschiedenster Herkunft aus der Zeit zwischen 1630 und 1863, welche im Laufe der Zeit zwischen den Bodenbrettern verloren gegangen waren. Die Münzen vermitteln ein eindrückliches Bild der wechselhaften Geschichte der jeweils gültigen Währungen.

Vgl.: Raas, Andreas. (2008). Wängi – Der Weg von der Gerichtsherrschaft zur politischen Gemeinde. S. 40–57.

29

Haus unmittelbar westlich der reformierten Kirche. Heute von der evangelischen Kirchgemeinde als Mesmerhaus genutzt.

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Jahr

Herausgeber der Münze

Wert

1730/1743/1745

Canton Zürich

1 Schilling

Ohne Jahr

Canton Zürich

Moneta Republi. Tigurina

1813

Canton St. Gallen

1 Kreuzer

1814

Canton St. Gallen

1 Bazen

1813

Canton Lucern

½ Batzen 2 Rap.

1846

Canton Schwyz

2 Rappen

1737 – 1738

Kanton Appenzell Sogenannte Spottjetons. Die Appenzeller prägten diese einseitig geschlagenen Kupfermünzen zum Spott auf die St. Galler, welche zuvor Appenzeller Nachahmungen ihres Geldes für ungültig erklärt hatten. Die Münzen waren ohne Geldwert und daher nicht im Umlauf. Warum sie trotzdem nach Wängi kamen ist unklar.

Kantonale Münzen

Helvetische Republik 1799

Helvetische Republik

1 Batzen

1825

Kanton Graubünden

1 Schweizer Batzen

Eidgenössisches Münzkonkordat 1830

Canton de Vaud

Les Cantons de Concordants la Suisse.1 Batz

1857

Confoederatio Helvetica

1 Rappen

1859

Confoederatio Helvetica

20 Rappen

1705

Köln

Albus

1702

Frankreich Ludwig XV

Ecu

1740

Kurpfalz

1 Kreuzer

1792

Österreich

1 Heller

1786

Grossherzogtum Baden

2 Pfenning

1820

Grossherzogtum Baden

Kreuzer

1822

Herzogtum Nassau

1 Kreuzer

1863

Bayern

1 Kreuzer

Ausland

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Skizzen von schmiedeeisernen Grabkreuzen aus einer früheren Schuttgrube im Schopf nördlich des alten katholischen Pfarrhauses. Fund um 1976

Umbau des alten katholischen Pfarrhauses 1967. Skizze der Fundschicht zwischen Decke und Boden im Obergeschoss. Im Erdgeschoss lagen drei Bö­ den übereinander. Fundorte der Münzen: 3 Stück im Südost-Zimmer im 1. Stock, 8 Stück im NordostZimmer im 1. Stock, 8 Stück im Nordwest-Zimmer im Parterre sowie 5 sonstige von den Bauarbeitern gefundene Münzen.

Im Zusammenhang mit dem Umbau musste auch der Boden unmittelbar ums Haus aufgebrochen werden. Dabei kamen unter anderem in einer früheren Abfallgrube im Schopf nördlich des Hauses handgeschmiedete, eiserne Grabkreuze zum Vorschein. Sie konnten allerdings weder einem genauen Datum noch bestimmten Gräbern zugeordnet werden. Die Grabkreuze wurden zeichnerisch festgehalten und dann entsorgt. Die Verkehrswege und das Reisen Im Zusammenhang mit dem Thema Verkehr zeigt die Ausstellung unter anderem, wie die Verkehrswege rund um Wängi in der Vergan-


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genheit immer wieder neu angelegt wurden. Bis ins frühe 19. Jahrhundert führten zwei Landstrassen an Wängi vorbei. Die sogenannte «alte Landstrasse» verlief von Frauenfeld nach Matzingen, Ruggenbühl und Sonnenhof, dann am Schürli, am Scheidweg und am unteren Stegenhof vorbei bis zum Schönenberg. Dort befand sich eine Zollstation. 1825 legte die Finanz- und Strassenbaukommission des Kantons Thurgau die Tarife wie folgt fest.31 Von jedem beladenen Pferd

1 Kreuzer

Von jedem Pferd oder Zugvieh, so vor einer geladenen Kutsche, Chaise, Wagen oder Karren gespannen

2 Kreuzer

Von einem unbeladenen Pferd

2 Schilling

Von einem Pferd oder Zugvieh, so vor einer unbeladenen Kutsche, Chaise, wagen oder Karren gespannen

1 Kreuzer

Von Schafen, Schweinen, Kälbern und von jedem Stük für 2 Stund

2 Schilling

lichen Überschwemmungen durch die Murg in ihrem unkorrigierten Lauf undenkbar. Anstelle der heutigen Strassenbrücke mit beidseitigen Trottoirs führte eine Furt durch den Fluss.

Murgverlauf bei Rosental um 1831 vor der Korrektion. Gut sichtbar sind frühere Wasserläufe und Kiesinseln. Zwei Anstösser protestierten gegen die Korrektion. Sie besassen ein sogenanntes Strandrecht und hatten Anspruch auf das von der Murg angeschwemmte Gut. Abbildung aus Geschichte von Wängi von Karl Tuchschmid S. 157.32 Vgl. auch Bruno Kocherhans S. 12 – 15.33

Zwar waren die zahlreichen Steigungen der alten Landstrasse von den Fuhrwerken nur mühsam zu bewältigen, aber eine Strassenführung in der Talsohle war wegen der alljähr-

Tarifordnung der Strassenkommission des Kantons Thurgau über das «Weggeld von Mazingen nach Wyl». Frauenfeld, den 3. Mai 1825. Das Originaldokument ist lange Jahre von der Familie Schönholzer noch aufbewahrt worden.

31

Tuchschmid, Karl. (1948). Geschichte von Wängi. S. 157.

32

Kocherhans, Bruno. (2013). Hunzikon – Rosental. Zwei Dörfer – eine Geschichte. S. 12 – 15.

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Drehbank zur Herstellung unter anderem von Radnaben

Kombination der beiden Drehbänke. Bei genauem Hinsehen sind die Aufdoppelungen aus hellem Holz gut zu erkennen.

Auch auf der andern Talseite wurde die Fernverkehrsstrasse von Zürich nach St. Gallen zwischen Aadorf und Münchwilen hoch am Tuttwilerberg geführt. Mit einem steilen Anstieg von Wittershausen nach Obertuttwil. Die Obertuttler stellten Vorspannpferde zur Verfügung. Diese holten die schweren Textilfuhren der Firma Zellweger von Lyon nach St. Gallen unten in der Ebene ab und zogen sie das Steilstück hinauf. Für ein schwer beladenes Fuhrwerk waren zehn bis zwölf Pferde erforderlich!

Das führte in Obertuttwil zu einem gewissen Wohlstand. Dieser ist heute noch an den stolzen Riegelhäusern aus der damaligen Zeit abzulesen. Dass die renommierte Firma Stutz Transporte mit ihren mächtigen Kippern und Speziallastwagen sowie ihren Tiertransportern mit Mehrachsanhängern ausgerechnet in Obertuttwil zu Hause ist, ist sicher auch historisch zu erklären. Verkehrstechnisch wäre ein anderer Standort wohl praktischer.


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Beim Planen der Ausstellung zum Thema Wandel der Verkehrswege, erinnerte sich Ernst Trachsler, dass ihm vor einiger Zeit jemand aus Obertuttwil eine Drehbank aus einer Wagnerwerkstatt angeboten hatte. Allerdings ging die Sache dann vergessen und auch an Name und Adresse erinnerte er sich nicht mehr. Monate später begab er sich nach Obertuttwil und fragte beim erstbesten Haus, bei der Familie Ernst Stutz, ob hier möglicherweise eine alte Drehbank fürs Museum zu haben sei. Man führte ihn auf den Estrich und wurde bald einig, dass die dort vorhandene Drehbank in den nächsten Tagen nach Wängi gebracht werden sollte. Wieder auf der Strasse kam jemand vom Hofe Paul Gampers schräg gegenüber und erinnerte daran, dass vor einiger Zeit nachgefragt worden sei, ob die alte Drehbank hinten im Schopf etwas fürs Museum wäre. Man hätte damals zugesagt, dann aber nichts mehr von sich hören lassen. Also wurde auch dieses Objekt begutachtet und ein gemeinsamer Transporttermin vereinbart. Beim genauen Hinsehen zeigte sich dann, dass beide Drehbänke nicht mehr ganz vollständig waren. Mit kleinen Nachhilfen liess sich aber daraus wenigstens eine funktionsfähige Maschine kombinieren. Sie steht nun im Museum als Zeuge einer Zeit, als Postkutschen und schwere Pferdefuhrwerke ihren Weg über den Tuttwiler Berg nahmen. Ein ansehnliches Wagnereigewerbe fand damit sein Auskommen.

Auf einer Landkarte aus dem Jahre 1867 ist im Murgtal noch keine Bahnlinie zu erkennen. Die Linie von St. Gallen nach Wil hingegen ist bereits eingezeichnet. Zuerst schien es, als würde die Linie St. Gallen – Winterthur durch das Murgtal via Wil – Frauenfeld (mit Anschluss nach Schaffhausen) geführt. Später dann wurde der Verlauf von Wil über Oberhofen, Wilhof und Aadorf nach Winterthur projektiert. Für Wängi war eine Station im Bereich der heutigen Überführung der Tuttwilerstrasse über die Autobahn vorgesehen. Schliesslich erwies sich aber die Linienführung über Sirnach und Eschlikon (trotz des dort zu durchquerenden Sumpfgebiets) als die günstigere Variante und wurde gebaut.34 Wängi wurde später durch die Frauenfeld-Wil-Bahn erschlossen. Die Tätigkeiten und die Berufe Karl Tuchschmid nennt in seiner Geschichte von Wängi eine «Zusammenstellung von 1590». Darin sind in Wängi «Bäcker, Schreiner, Schuhmacher, Wagner, Weber, Küfer, Maurer, Schmied, Metzger, Schneider und Zimmermann» aufgeführt. 1623 findet sich zudem ein Krämer. Die meisten Berufsleute betrieben nebenbei noch Landwirtschaft. Eine besondere Klasse bildeten die sogenannten Ehehaften. Für die Ausübung ihrer Tätigkeit bedurfte es einer obrigkeitlichen Bewilligung des Gerichtsherrn oder des Landvogtes. Unter die Ehehaften fielen die Mühlen, Badstuben, Wirtschaften, Metzgen und Schmitten.35

Vgl. Tuchschmid, Karl. (1948). Geschichte von Wängi. S. 156.

34

Vgl. Tuchschmid, Karl. (1948). Geschichte von Wängi. S. 150.

35

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Eine «Tabelle behufs der Eintheilung der Handwerksbezirke» aus dem Jahre 1826 führt dann für Wängi 5 Bäcker, 3 Metzger, 3 Drechsler, 1 Küfer und Kübler, 5 Schreiner, 3 Wagner, 10 Zimmerleute, 13 Schuster, 1 Schlosser, 3 Schmiede, 2 Uhrmacher, 8 Schneider, 1 Seiler, 2 Dachdecker, 2 Maurer und 1 Mühle­macher auf.36

Blick vom zweiten Stock ins Tenn mit der Ausstellung zum Thema Obst- und Weinbau

Um 1880 kommen auf einer «Liste der verzeichneten Berufe» weitere Berufsbezeichnungen dazu: Bauer, Knecht, Landarbeiter, Melker, Senn, Tagelöhner, Käser, Korbmacher, Säger, Möbelschreiner, Gerbereiarbeiter, Sattler, Dreher, Eisendreher, Feilenhauer, Hammerschmied, Hufschmied, Mechaniker, Spengler, Bleicher, Carderiearbeiter, Schifflisticker, Seidenweber, Spinner, Commis, Fabrikarbeiter, Handlanger, Heizer, Hülfsarbeiter, Kaufmann, Magaziner, Packer, Decker, Glaser, Kaminfeger, Maler, Bahnangestellter, Gepäckträger, Stationsvorsteher, Tierarzt und Wirt. Neu gegenüber früher sind vor allem Berufe im Zusammenhang mit dem Aufkommen der Textilindustrie und des Verkehrs. Andere Handwerksberufe beginnen sich zu spezialisieren. Was noch 60 Jahre früher in die Kategorie «Schlosser» fiel, ist 1880 differenziert in Schlosser, Schmied, Hammerschmied, Eisendreher, Feilenhauer, Mechaniker und Spengler. Abschliessend zusammengefasst: Mit den fünf erwähnten thematischen Fenstern «Name, Grenzen, Geld, Verkehr und Berufe» wird der Wandel aufgezeigt. Der Besucherin und dem Besucher wird bewusst gemacht, dass auch frühere Generationen sich mit Veränderungen auseinandersetzen mussten. Es gilt die altbekannte Wahrheit: Die ständige Veränderung ist die einzige Konstante.

Diese Tabelle der Handwerksbezirke und die nächstfolgende Liste von verzeichneten Berufen sind von Ernst Wiesmann überliefert. Allerdings ohne genauere Quellenangaben.

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Thematische Gliederung der ständigen Ausstellung Zurück zur Scheune als Ganzes. Deren thematische Gliederung, wie sie 1987 geplant und unterdessen längst realisiert ist, präsentiert sich wie folgt: Im Tenn finden sich Geräte und Dokumente zum Thema «Obst und Weinbau». Gezeigt werden Aspekte betreffend Anbau und Pflege, Ernte und Verarbeitung von Obst und Reben. Ergänzend finden sich einige historische Hinweise auf die Entwicklung z.B. des Rebbaus in unserer Gegend. Abschliessend dann eine Übersicht über die Wirtschaften in und rund um Wängi. Die auffällige, schräg aufsteigende Stange mit dem Haken am oberen Ende ist eine Rüttelstange zum Ernten von Mostbirnen. Sie ist 6.10 m lang und reicht vom Tenn bis zum zweiten Stockwerk. Der erste Stock im südlichen Bereich ist – wie bereits berichtet – dem Thema «Wängi im Wandel» gewidmet, mit dem einzelnen Themenfenstern Name, Wappen, Grenzen, Geld, Tätigkeiten und Berufe sowie Verkehrswege und Reisen. Ins Auge springen vor allem die erwähnte Drehbank sowie der alte Wegmacherkarren von Tuttwil.

Blick in den ersten Stock gegen Süden mit der 2016 neu eingerichteten kleinen Cafeteria. Die Ausstellung dokumentiert auf verschiedene Weise das Thema Wandel.

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Blick vom obersten Boden über das Tenn hinweg auf den gegenüber­ liegenden Heuboden. Ausgestellt sind Objekte zum Thema Landwirtschaft und Ernährung. Das leere Podest rechts ist die erhöhte Decke über dem Pferdestall (heute Büro).

Im ersten Stock im nördlichen Bereich folgt dann «Landwirtschaft im Wandel». Schwerpunkte sind hier die Milchwirtschaft und der Ackerbau mit entsprechenden Geräten und Hinweisen auf die technische, ökologische und gesellschaftliche Entwicklung der Landwirtschaft. Einige Erklärungen zum Beitrag der Landwirtschaft zur Ernährung runden das Thema ab.

Ein Objekt verdient hier besondere Beachtung: der Bindemäher von 1940/1950. Schon manche Besucherinnen und Besucher haben sich gefragt, was denn dieses Ungetüm im Museum zu suchen habe. Zugegeben: Ausgesprochen alt ist er nicht und schön sowieso nicht. Aber vielleicht wertvoll? Auch kaum. Und trotzdem: Der Bindemäher ist ein unverzichtbar wichtiges Objekt! Er markiert den Übergang von der Handarbeit zur Mechanisierung im Getreideanbau, welche mit dem Mähdrescher in den 60er-Jahren seinen Abschluss respektive seine Perfektion erreichte. Nach dem mühsamen Getreidemähen mit Sichel oder Sense und dem Aufnehmen von Hand, wurde der getrocknete Weizen zu Garben gebunden und im Tenn bis zum Dreschen gelagert. Vor dem zweiten Weltkrieg ersetzte die von Pferden gezogene Mähmaschine mit Ableger die Handmahd, was eine spürbare Erleichterung brachte. Der Bindemäher revolutionierte alle aufwändigen Arbeitsvorgänge: Als Schlussresultat lagen kleine Garben auf dem Stoppelfeld. Diese wurden zu Puppen aufgestellt. Dadurch waren die Ähren vor der Bodenfeuchte geschützt, und das Getreide konnte bei zweifelhafter Witterung besser trocknen. Darüber hinaus macht der Bindemäher bewusst, dass mit der Anschaffung einer solchen Maschine der Bauernberuf eine Wende zum landwirtschaftlichen Unternehmer vollzog. Und letztlich sind diese Zeiten des zweiten Weltkrieges in der Erinnerung der älteren Generationen noch verknüpft mit dem Bild der Ährenleserinnen, welche durch das


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Mähmaschine mit Ableger: Die Aufnahme von hinten (Herr Büchi, Mosterei, mit seinem Knecht) zeigt die Funktion sehr gut: Hinter dem Mähbalken sammelt sich das geschnittene Getreide auf einem Lattenrost. Nach einigen Sekunden wird der geordnete Haufen vom Beifahrer mit Spezial­gabel und Fusspedal auf den Acker nach hinten geschoben, respektive «abgelegt».

Sammeln von Ähren die knappe Brotzuteilung der Rationierung etwas aufbessern konnten. Überall auf frisch abgeernteten Weizenäckern schwärmten Frauen mit ihren Leinensäcken aus und suchten in gebückter Haltung das Feld nach zurückgebliebenen Ähren ab. Den barfüssigen Kindern schmerzten die Fusssohlen beim Gehen über die Stoppeln. Am Rande des Feldes standen Leiter- oder Kinderwagen zum Heimtransport des Sammelgutes. Nach dem Trocknen der Ähren liess man diese dreschen, die Körner wurden später beim Müller gemahlen. Ein Kuchen aus Mehl von selbst gesammeltem Getreide war zu Kriegszeiten ein Fest. Zusammengefasst: der Bindemäher gehört als bedeutsames Objekt in die Ausstellung.

Blick in den zweiten Stock Richtung Norden. Gut sichtbar ist die fahrbare Heubühne mit den beiden Laufschienen links und rechts. Und wer genau hinsieht, vermag noch zwei der vier Haken des Heuaufzugs sowie das Zugseil zu erkennen. Die momentane Sonderausstellung zum Thema «Sammeln» zeigt unter anderem eine Kollektion religiöser Darstellungen.

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Thema Textilherstellung Blick in den zweiten Stock gegen Süden. Die Ausstellung zeigt das Thema der häuslichen (links) und der industriellen Herstellung von Textilien (rechts). Besonders dominant wirkt auf der rechten Seite der Webautomat.

Blick in den zweiten Stock mit den saisonalen Ausstellungen. Zur Zeit ist die Sonderausstellung 2016 zum Thema «Wängi und seine Schulen» zu sehen.

Im zweiten Stock dominiert das Thema «Häusliche und industrielle Herstellung von Textilien». Die Spanne reicht von der häuslichen Flachsverarbeitung bis zum industriellen Webautomaten aus der Weberei Wängi AG. Nähmaschinen mit Hand- oder Fussantrieb sowie einige Kleider geben Einblick in die handwerklichen Fertigkeiten unserer Grossmütter. Einige Fotos der Belegschaft der Spinnerei um 1895 und ein Verzeichnis der Arbeiterinnen und Arbeiter in der Spinnerei Stierlin & Schweizer von 1837 bis 1918 vermitteln einen Eindruck vom nicht selten beschwerlichen Dasein als Textilarbeiterin oder als Textilarbeiter im vorletzten Jahrhundert. Auf der Nordseite des zweiten Stockwerks mit der Heurollbühne finden jeweils die erwähnten saisonalen Sonderausstellungen zu bestimmten Themen statt.


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Schreiner- und Küferhobel. Von oben links nach unten rechts: Backenhobel (gewölbte Sohle, Eisen einseitig randoffen), Schlichthobel (ebene Sohle), Grundhobel 1743 (aus einem Stück Nussbaumholz herausgearbeitet, seitliche Griffe, Kerb­schnitzerei), Nuthobel mit verstellbarem Rand­abstand (Kerbschnitzerei an den Griffen), Falzhobel 1866, Schropphobel mit rundem Eisen. (Bei genauem Hinsehen sind gepunzte Ver­zierungen sichtbar. Punzen sind metallene Schlagstempel. Hier als Abfolge von runden Rosetten.)


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Teilweise handgeschmiedete Schneckenbohrer. Verschiedene Bohrwinden, eine mit Zentrumsbohreinsatz.


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Handgeschmiedete Nägel vorwiegend fßr Schreinerei und Zimmerei.


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Rechnung über das Vermögen der Evangelischen Kirchgemeinde «Wengy». 1825


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Die Sammlung wächst und wächst Die Sammlung des Ortsmuseums wächst stetig. Dies ist aus zweierlei Gründen erfreulich. Zum einen schliessen sich bisherige Sammlungslücken oder es tauchen bislang gänzlich unbekannte Objekte auf. Zum andern ist der nie versiegende Zuwachs an Objekten ein Zeichen dafür, dass das Museum im Bewusstsein der Dorfbevölkerung verankert ist. Vor allem bei der Auflösung von Haushalten wird das Museum oft gerufen. Es vergeht praktisch kein Monat, ohne dass dem Museum irgendwelche Objekte zugetragen werden. Für das Jahr 2014 verzeichnet das Inventar beispielweise 123 Neueingänge. So gesehen ist die Sammlung des Ortsmuseums letztlich ein Gemeinschaftswerk der Wängemerinnen und Wängemer. Bei diesem dynamischen Wachstum stellt sich immer wieder die Frage nach dem Sammlungskonzept. Was soll gesammelt werden und wo sollen allenfalls Sammlungsschwerpunkte gesetzt werden? Das hiesse dann aber konsequenterweise auch: Worauf soll verzichtet oder was soll abgelehnt werden? Es geht

beim Sammeln immer um die Frage, was ausgewählt und was ausgeschieden werden soll. Möglichst klare Vorstellungen über das zentrale Sammlungsanliegen sind da hilfreich.

Das Sammlungskonzept Sammeln will überlegt sein! Museen mit kulturhistorischen oder volkskundlichen Samm­ lungen wie das Ortsmuseum Wängi stecken immer in einem Dilemma. Einerseits haben sie die Aufgabe, Objekte im Zusammenhang mit der kulturgeschichtlichen Entwicklung zu sammeln und vor dem Verlorengehen zu bewahren. Die Objekte sind Zeugen des Wandels und stellen eine Art Gedächtnis dar. Aus dieser Sicht muss eine Sammlung so umfassend wie möglich sein. Andererseits sind aber die Möglichkeiten begrenzt. Es gibt nicht genügend Raum, nicht genügend Personal und nicht genügend Mittel, um wirklich alles sammeln zu können. Fazit ist: Museen sind immer irgendwie unvollständig.37 Das gilt auch für Wängi. Alle diese theoretischen Überlegungen lassen sich sehr schön mit einem Beispiel illustrie-

Thurgauische Museumsgesellschaft. (2008). Im Museum – Sammeln will überlegt sein.

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ren. Eines Tages wurde dem Ortsmuseum von Elisabeth Siegfried-Soller ein Harmonium aus dem Hause ihres Grossvaters, Mesmer Ulrich Gnehm an der Chüechligasse 5, angetragen.38 Ihre Mutter Aline Soller-Gnehm hatte noch oft auf dem Harmonium musiziert und die Kinder waren vor allem von den Registern begeistert. Zog man nämlich bestimmte Registerknöpfe, so senkten sich beim Anschlagen einer Taste andere gleich mit (Terz, Quint oder Oktave). Das faszinierte immer wieder von neuem. Nun stellten sich dem Ortsmuseum Fragen: Passt das Harmonium in die Sammlung? Ist es nicht zu speziell? Hat ein Harmonium Platz im Sammlungskonzept, den Normalalltag unserer Vorfahren zu dokumentieren? Welche kulturhistorische Bedeutung kommt einem Harmonium zu? Hat es im Museum überhaupt Platz? Oder soll es womöglich einem andern Museum weitervermittelt werden?

Die Überlegungen waren dann folgende: In den bisherigen Beständen gibt es bereits eine hölzerne Querflöte, eine Trompete, diverse Zithern, eine Mandoline und eine Laute. Dazu kommen von Johann Alphons Berkmüller in der Mitte des vorletzten Jahrhunderts selbst komponierte und handgeschriebene Noten für Männerchor. Dann sind Vereinsdokumente des Gemischten Chors Tuttwil, des Männerchors Sängerbund sowie des Musikvereins Alpenrösli vorhanden. Im Weiteren findet sich eine ansehnliche Sammlung von 78er SchelllackSchallplatten in den Beständen. Und im Bereich der Kirchenmusik umfasst die Sammlung nebst einigen Orgelpfeifen aus Zinn zahlreiche Kirchengesangbücher bis ins 18. Jahrhundert zurück. Es ist klar: In Wängi ist zu allen Zeiten und bei verschiedensten Gelegenheiten musiziert worden. Was zwar nicht belegt ist, im grossen Ganzen damals aber durchaus üb-

Eugen Gnehm, Ulrich Gnehms Sohn und Nachfolger als Mesmer, wohnte ebenfalls im Haus an der Chüechligasse 5. Elisabeth Siegfried-Soller erinnert sich noch an folgende Familiengeschichte aus der Zeit ihrer Grosseltern: Jeweils zu Silvester versammelten sich die Läuterbuben am Abend bei der Mesmerfamilie Ulrich und Elisabeth Gnehm-Hofmann zum gemeinsamen Spiel und zu Speis und Trank. Um Mitternacht galt es dann, das alte Jahr aus- und das neue Jahr einzuläuten. Vier Glocken hingen im Turm der zu jener Zeit noch paritätischen Kirche. Die grosse Glocke musste von zwei Läuterbuben in Bewegung versetzt werden. Einer packte das Seil von einem höher gelegenen Zwischenboden aus und der zweite unten im Turm. Drei weitere Läuterbuben bedienten die Seile der je anderen drei Glocken ebenfalls vom Turmboden aus. Dieses Mitternachtsläuten war Aufgabe der Protestanten. Warum das so war, weiss niemand mehr. An dieser Stelle ist noch eine andere Silvestergeschichte zu berichten: Als nämlich etwa um 1975 die Silvesterkinder vom Weinberg die Quartiergrenzen missachteten und schon vor morgens sechs Uhr mit ihren Pfannendeckeln und Schellen auf dem Schäfliplatz Radau machten, sperrte der damalige Dorfpolizist Alois Knobelspiess sie kurzerhand in den Wartsaal der Bahn­ station. Sie kamen erst wieder frei, als Stationsvorstand Paul Schneider den Frühzug abfertigen musste.

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Das Museum lebt – 1986 bis heute

lich war, ist die Verwendung des Harmoniums bei häuslichen Andachten anstelle einer Orgel.

Harmonium Marke Chicago Cottage

Das angebotene Harmonium wurde schliesslich in die Sammlung des Ortsmuseums aufgenommen. Einer gelegentlichen Sonderausstellung zum Thema des dörflichen Musizierens steht nichts im Wege. Neben den thematischen Bezügen können weitere Kriterien für zielgerichtetes Sammeln gelten. Die naheliegendsten sind: Bezug zum Dorf, Alter der Objekte, deren Erhaltungszustand oder etwa der pekuniäre Wert. In der praktischen Anwendung sind die an sich klaren Kriterien dann aber alles andere als klar. Hier ein paar konkrete Beispiele. Der Bezug zum Dorf Der Bezug eines Objektes zum Dorf spielt eine wichtige Rolle. Die Sammlung soll einen möglichst klaren Bezug zur Geschichte von Wängi aufweisen. Objekte wie etwa die Baupläne des Dorfschulhauses 1903, die Erinnerungstafel der internierten französischen Soldaten aus dem zweiten Weltkrieg, die Stösse von WängiAnzeigern aus der Zeit zwischen 1953 und 1971, persönliche Schulzeugnisse, Ansichtskarten und Pläne des Dorfes, Dokumente zu bekannten Persönlichkeiten und vor allem Fotos haben diesen Lokalbezug und müssen deshalb erhalten bleiben.

Verschiedene Musikinstrumente aus der Sammlung: Laute, Mandoline, Zither, Flöte

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Wängemer Bauern droschen ihr Getreide mit Dreschmaschinen der Firma Rauschenbach aus Schaffhausen. Wie alle andern Bauern in der Gegend auch. Zwar existierte in Wängi eine bekannte Maschinenfabrik und diese stellte unter anderem auch sogenannte Zapfendreschmaschinen her, welche mit dem Göpel angetrieben wurden. Aber: sollte nun allein deshalb die technisch identische Dreschmaschine aus Schaffhausen nicht in die Sammlung des Ortsmuseums Wängi aufgenommen werden? Zumal bis dahin kein Exemplar aus der Maschinenfabrik Wängi zu haben war?

Bemalter Vorratstrog für Getreide und Apfelschnitze. 18./19. Jahrhundert aus Sirnach

Aber bereits bei Gegenständen wie etwa einer Nähmaschine, einer Suppenschüssel oder einem Paar Schuhe gibt es den Bezug zu Wängi nicht per se. Dieser ist allenfalls über die ehemaligen Besitzerinnen und Besitzer gegeben. Wurde die Suppenschüssel in der Schul­ küche gebraucht? Assen bekannte Wängemer daraus Suppe? usw. Ernst Wiesmann ging während der ersten Sammelphase pragmatisch vor. Dachte er zunächst noch daran, nur Gegenstände mit einem nachweisbaren Bezug zu Wängi zu sammeln, zeigte sich rasch, dass diese Eingrenzung wenig Sinn machte.

Ein anderes Beispiel: Sollte etwa ein Holzkohle­ bügeleisen aus Lommis zurückgewiesen werden? Wo doch die Bügeleisen unserer Wängemer Urgrossmütter nicht anders aussahen als jene aller andern Urgrossmütter auch? Der strikte Lokalbezug als ausschlaggebendes Sammlungskriterium erwies sich als zu eng. So steht denn heute im Tenn der Adlerscheune gleich beim Eingang ein Getreidetrog mit barocker Bemalung aus dem 18./19. Jahrhundert aus Sirnach. Und er macht sich dort gut. In praktisch allen Wängemer Bauernhäusern standen vergleichbare Tröge im Tenn. Ein Trog aus Wängi ist bisher nicht aufgetaucht.


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Das Alter der Objekte Dachte man zunächst noch daran, nur wirklich alte Objekte zu sammeln, zum Beispiel solche über 100 Jahre, zeigte sich auch hier bald, dass damit wichtige Objekte ganz einfach ausgeschlossen würden: Der Markstein der drei ehemaligen Ortsgemeinden Wängi, Tuttwil und Krillberg aus der Zeit vor 1968. Oder der herrschaftliche Stossschlitten aus dem Weierhaus aus den 1930er Jahren, womit sich die Herrschaft im Winter von Bediensteten durch den Schnee stossen liess? Oder die maschinengeschriebenen Dorferinnerungen «Memorabilia Wengensia», verfasst vom Dorfarzt Dr. Hermann Walder aus den späten 1920er Jahren? Alle diese Objekte sind weniger als 100 Jahre alt, haben aber im Zusammenhang mit der Ortsgeschichte ihre Bedeutung. Der Erhaltungszustand der Objekte Was, wenn jemand dem Museum ein beschädigtes Objekt anbietet? Zurückweisen? Trotz allem in die Sammlung aufnehmen? Reparieren? In den Neuzustand zurück versetzen?

Arbeitsstiefel mit Flickstelle aus einem alten Autoluftschlauch. Der orangerote Gummi zersetzt sich mit den Jahren und fliesst ab.

Die geflickten Gummistiefel sind ein eindrückliches Beispiel dafür, dass früher nichts fortgeworfen wurde, was sich noch einigermassen reparieren liess. Die Flickstellen zeigen zudem, wie erfinderisch der Schuster Samuel Häseli in der Waldegg an der Wilerstrasse 43 (heute Plattenbeläge Marcel Bosshard) vorging, wenn eine Reparatur wohlfeil sein musste. Er ver-

klebte den Riss an der Ferse mit einem Stück Gummi aus einem alten Autoluftschlauch. So werden die geflickten Stiefel zu einem aufschlussreichen Zeugnis für einen sehr sparsamen Umgang mit Dingen des täglichen Gebrauchs. Ein beträchtlicher Unterschied zu den Gewohnheiten unserer heutigen Wegwerfgesellschaft!

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Obst- oder Heuzerrhaken mit gebrochenem Stiel. Gut lesbar ist die eingebrannte Aufschrift «BÜRGERHEIM».

Links Wasenaxt zum Aushauen zugewachsener Wege und Entwässerungs­gräben. Rechts: Behelfsmässige Wasenaxt aus einer Zimmermannsbreitaxt und einer Wagendeichsel hergestellt und damit unbequem zu handhaben.

Ein weiteres Beispiel ist der Obst- oder Heuzerrhaken. Zunächst ist ersichtlich, dass er von den Holzwürmern durch und durch zerfressen und daher zerbrochen ist. Ist so ein Objekt erhaltenswert? Aber da ist die eingebrannte Aufschrift «BÜRGERHEIM». Sie weist auf ein Stück Geschichte des heutigen Wohn- und Pflegezentrums Neuhaus hin, als die Insassen noch in der Landwirtschaft beschäftigt wurden und zum Teil für die eigene Versorgung aufkamen. So waren frühere Verwalter noch Landwirte und besorgten einen respektablen Hof mit Viehzucht und Gemüseanbau. Noch etwas anderes fällt bei genauem Hinsehen am Zerr­ haken auf: sein Haken. Dieser ist nämlich aus der Zinke einer Heu- oder Mistgabel hergestellt. Auch der Gabelstiel wurde wieder verwendet. Gut zu sehen ist die abgesägte Querleiste. Der Zerrhaken ist ein weiteres Beispiel dafür, wie man früher erstens sparsam und zweitens in der Lage war, aus Unbrauchbarem wieder Brauchbares herzustellen. Zu diesem Thema noch ein letztes Beispiel: eine sogenannte Wasen- oder Grabenaxt. Solche Geräte benötigte man zum Aushauen verkrauteter Entwässerungsgräben. Fällt Ihnen beim genauen Betrachten der Axt rechts im Bild etwas auf? Der Stiel ist aus Eschenholz. Vorn finden sich zwei querlaufende Löcher. Der Zweck dieser Löcher ist nicht klar. Die Axt selber ist aus Eisen geschmiedet. Seltsam ist aber, dass Stiel


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und Axt nicht auf dieselbe Flucht ausgerichtet sind. Die Axt liegt leicht schräg. Zum Hauen ist das ausgesprochen unpraktisch. Warum das? Bei der Axt handelt es sich um eine frühere Breitaxt für Zimmerleute. Sie schlugen damit rohe Baumstämme zu vierkantigen Balken. Der Stiel der Breitaxt war entsprechend kurz und mass nur etwa 30 cm. Damit beim Behauen der Stämme die Hände nicht am Holz schrammten, wurde der Schaft für den Griff leicht nach oben geknickt. Was bei der Breitaxt Sinn machte, ist bei der Wasenaxt unpraktisch. Der Besitzer mochte die Breitaxt trotz eines Risses (auf der Foto nicht zu erkennen) nicht wegwerfen und bastelte damit eine Wasenaxt. Auch wenn er sich beim Hauen immer leicht verdreht hinstellen musste, für die Freilegung der Entwässerungsgräben taugte das Gerät noch manche Jahre. Eine weitere Frage in diesem Zusammenhang ist auch, ob Objekte mit Gebrauchsspuren gereinigt oder gar poliert und wieder frisch bemalt werden sollen. Auch dafür ein Beispiel. Jemand sammelte für sein Ferienhaus Antiquitäten und hängte diese in den Gängen und Zimmern an die Wand. Zum Beispiel ein Truhen- oder Kastenschloss. Dieses war beim Erwerb rostig und fettig. Also wurde es tüchtig gereinigt, sandgestrahlt und schliesslich patiniert. In hygienisch einwandfreiem Zustand wurde es hernach an die Wand genagelt. Allerdings wurden mit der ganzen Behandlung

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Truhenschloss sand­ gestrahlt. Durch die Bearbeitung mit dem Sandstrahler ging die ursprünglich ziselierte Oberfläche verloren.

Truhenschloss gebürstet. Die während gut 200 Jahren erfolgten farb­ lichen Veränderungen des Metalls durch Rost oder Fett sind erhalten und vor allem sind die ziselierten und gepunzten Blumen- und Pflan­ zenornamente noch deutlich zu erkennen.


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auch gleich die ziselierten Gravuren vernichtet. Nur bei Streiflicht lassen sich heute noch letzte Spuren erkennen. Der ästhetische Wert der Schlosserarbeit ist unwiederbringlich zerstört. Im Vergleich dazu ein ähnliches Schloss, aber lediglich etwas gebürstet und geölt. Die kunstvollen Verzierungen sind alle noch sichtbar und verleihen dem Schloss sein unverwechselbares Aussehen. Tradition und Stolz des Schlossers, dass nämlich seine Schlösser nicht nur einwandfrei funktionieren müssen, sondern auch noch schön aussehen sollen, kommen hier noch zur Geltung. Etwas poetisch gesagt: Das lediglich leicht gereinigte Schloss hat etwas zu erzählen, während das andere verstummt ist. Aussehen wie neu ist kein Sammlungskriterium. Im Gegenteil: Sind am Objekt Gebrauchsspuren zu sehen, sind diese in aller Regel besonders aufschlussreich betreffend der früheren Verwendung. Beispiele sind etwa: Stich- und Kratzspuren an einer Mistbenne vom Be- und Entladen, der hundertmal nachgeschliffene und daher nur noch wenige Zentimeter lange Stechbeitel, Flickstellen auf Schuhen oder Kleidungsstücken usw. Solche Abnutzungen erzählen von der Art des Gebrauchs oder von der Sorgfalt im Umgang und machen ein Objekt erst interessant. Der Wert der Objekte Und dann immer wieder die Frage: Was ist dieses oder jenes Objekt eigentlich wert? Da

ist zunächst die Unterscheidung hilfreich, ob der finanzielle oder der historisch volkskundliche Wert gemeint ist. Gold und Silber sind im Ortsmuseum Wängi nicht zu finden. Der Wert eines Objektes erschliesst sich aus seinem Informationspotential. Was heisst das? Kann eine Sichel Auskunft geben über ihre Herstellung? Ist die Klinge handgeschmiedet? Kann der Schuhmacherhammer etwas erzählen über seinen Gebrauch? Hat er vom ständigen Hinlegen seitliche Abnutzungsspuren? Gibt ein alter Markstein Auskunft über unbekannte Grenzen und Besitzerverhältnisse? Zum Beispiel der Markstein mit dem Kreuz des Malteserordens, gefunden unter dem heutigen Fussballplatz? Oder weist ein Zinnteller mit einer persönlichen Aufschrift auf die Art und Weise hin, wie die Weberei ihre Jubilare feierte? Die Beispiele liessen sich beliebig vermehren. Aber bereits so ist klar: Der Wert eines Objektes ergibt sich daraus, welche Auskünfte es uns zu liefern vermag. Das heisst allerdings auch, dass man solche zunächst oft versteckten Hinweise zu «lesen» und zu deuten weiss. Es gehört zur Kompetenz eines Kurators, jedes Objekt auf dessen mögliche Informationen zu «befragen». So kann ein zunächst scheinbar wertloses unvermittelt zum wertvollen Objekt werden. Finanziell wertvolle Objekte sind im Ortsmuseum nicht sehr zahlreich. Und wenn doch, liegen sie sicher in einem Safe.


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Die Sammlung heute – eine kritische Zwischenbilanz Nach gut 50 Jahren Betrieb ist es angebracht, einmal einen Schritt zurückzutreten und die Sammlung aus Distanz selbstkritisch zu betrachten. Das Ortsmuseum Wängi hat kein Geld für die gezielte Beschaffung von Objekten. Vielmehr ist es darauf angewiesen, dass die Leute im Dorf ans Museum denken, bevor sie etwas wegwerfen. So erwünscht dieses Überbringen von Objekten auch ist, so entsteht auf diese Weise mit der Zeit doch eine Sammlung rein nach Zufall. Das ist zwar nicht grundsätzlich problematisch, bringt aber ein paar Heraus­forderungen mit sich. Beim einen Thema kommen viele Objekte zusammen – beim anderen bleiben Lücken. Mit der Zeit entstehen so Ungleichgewichte in der Sammlung und sie vermittelt ein falsches Bild. Um dem zu begegnen hat das Ortsmuseum Wängi zwei Strategien. Zum einen wird im Sinne des Sammlungskonzeptes ständig weiter gesammelt, um mit der Zeit die eine oder andere Sammlungslücke zu schliessen. Zum anderen können mit saisonalen Sonderausstellungen bestehende Ungleichgewichte aufgefangen werden. Nur schon ein Vergleich nach Berufsgruppen zeigt eindrücklich eines der Ungleichgewichte. Die Sammlung enthält zahlreiche Objekte aus der Landwirtschaft: Nicht selten handelt es

sich dabei um grosse und sperrige Objekte wie Dreschmaschinen, Heuwender, Pflüge, Bindemäher, Wagen usw. Man könnte den Eindruck gewinnen, Wängi sei in den letzten 200 Jahren ein reines Bauerndorf gewesen. Aus der Arbeiterschaft der Textil- und Maschinenindustrie sind praktisch keine Objekte vorhanden. Auch wenn diese Bevölkerungsgruppe wenigstens zeitweise zahlenmässig mit der Landwirtschaft vergleichbar war. Wängi ist schon längst kein Bauerndorf mehr. Es ist ebenso Handwerkerund Arbeiterdorf. Ganz zu schweigen von den modernen Berufen im Dienstleistungssektor, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten auch in Wängi entwickelt haben. Gerade aus diesem letzten Wirtschaftssektor sind lediglich vereinzelte Objekte wie etwa Schreib- und Rechenmaschinen, eines der ersten Laptops oder ein frühes Handy vorhanden. Die Ursachen für diese Ungleichverteilung lassen sich nur vermuten. Die Bauernschaft ist eine traditionell ausgerichtete, eher konservative Bevölkerung. Sie lebt auf dem eigenen Hof, zum Teil seit Generationen und arbeitet mit den selbst erstandenen Werkzeugen, Geräten und Maschinen. Bauern haben daher eine andere Beziehung zu ihrem Arbeitsgerät als etwa Arbeiter. In der Fabrik gehört alles dem Arbeitgeber und bei Defekten wird für Ersatz gesorgt. In der Landwirtschaft funktioniert das nicht so und nicht selten wurden ältere Geräte an neue Bedingungen angepasst. Indem etwa eine Dreschmaschine vom pferdebetriebenen

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Die beiden Mitglieder des Stiftungsrates Walter Bösiger und Ernst Trachsler bei Einräumarbeiten im Magazin im Gemeindehaus. Hier befinden sich Objekte zur Landwirtschaft: Forst, Fischerei, Acker­ bau, Gross- und Kleinviehzucht, Imkerei, Obstbau. Dazu kommen verschiedene Wagen und Schlitten. Drittens sind hier Objekte der Nahrungsmittelver­ arbeitung untergebracht: Bäcker, Metzger, Käser, Imker usw. Das Foto vermittelt einen Eindruck, wie­ viel Arbeit hier noch erforderlich ist. Reinigung, In­ ventarisation und systematische Lagerung sind erst in Ansätzen geleistet. Diese Arbeiten werden in den nächsten Jahren angepackt.

Göpel auf elektrischen Riemenantrieb umgebaut wurde. An einem ausgestellten Beispiel im Ortsmuseum ist genau dies sehr schön zu sehen. Darüber hinaus findet sich in landwirtschaftlichen Liegenschaften in der Regel viel Stapelraum in Scheune und Schopf. Da kann auch ausgemustertes Gerät über lange Zeit gelagert werden bis dann eines Tages die Dreschmaschinen, Langholzschlitten, Brückenwagen, Karren, Staubmühlen usw. doch noch den Weg ins Museum finden. Solcher Stapelraum fehlt in den Mehrfamilienhäusern der Weberei. Und nicht zuletzt zeigt die Mobilitätsstatistik, dass Arbeiter und Angestellte ihren Arbeitsort rascher wechseln. Beim Zügeln nimmt man jeweils nur das Notwendige mit. Alles andere wird entsorgt.

Mit der übergrossen Anzahl an landwirtschaftlichen Geräten hatte das Ortsmuseum lange Zeit ein Problem. Vor allem die grossen Geräte und Maschinen konnten nicht übersichtlich und sachgerecht magaziniert werden. Unterdessen sind nun aber die sachgerechte Einlagerung und die systematische Erfassung an die Hand genommen worden. Auch mit den saisonalen Sonderausstellungen liess sich immer wieder thematisches Gegengewicht geben. So zeigte 2009 und 2010 die Ausstellung «Geschichte der Weberei – Aufstieg und Niedergang» die Entwicklungen des industriellen Wängi und legte einen starken Akzent auf das Zusammenwirken zwischen Gemeinde und Industrie. Die Ausstellung machte bewusst, dass unser Dorf während der letzten


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150 Jahre bei weitem nicht nur von der Landwirtschaft geprägt wurde, sondern dass hier Hunderte Industriearbeiterinnen und –arbeiter lebten. Der finanzielle, bauliche und bevölkerungspolitische Beitrag der Weberei an die Entwicklung der Gemeinde war beträchtlich. Ein weiteres Beispiel ist die Ausstellung 1997 «Von Johann Alphons Berkmüller bis Hermann Walder. 12 Portraits von Wängemer Persönlichkeiten aus zwei Jahrhunderten». Unter den portraitierten Persönlichkeiten liess sich lediglich eine Person ursprünglich dem bäuerlichen Milieu zurechnen. Auch die bisherigen Ausstellungen von Wängemer Privatsammlungen können als Hinweise auf thematische Lücken in unseren eigenen Beständen gesehen werden. 1996 «Vom Detektor bis zum Walkman – Die Entwicklung des Radios» von Jean-Pierre DeBrot und 2011 die Handy-Sammlung von René Thalmann. Vor einigen Jahren standen beim Auktionshaus Schuler in Zürich an einer Auktion zwei Zeichnungen von Johann Alphons Berkmüller aus der Zeit um 1870 im Angebot. Die eine stellte die reformierte Kirche von Wängi mit Kirchgängern dar. Die andere das Arzthaus von Münchwilen. Beide Zeichnungen waren von hoher künstlerischer Qualität und in sehr gutem Erhaltungszustand. Der Stiftungsvorstand entschied, Ernst Trachsler an die Auktion zu entsenden. Er sollte für die beiden Werke bis zu einem Betrag von Fr. 1000.– mitbieten.

Mit dem damaligen Bewohner des Arzthauses in Münchwilen war zudem vereinbart, dass er bei einem allfälligen Zuschlag die eine Zeichnung übernehmen würde. Zu Beginn der Auktion erzielten vergleichbare Werke Preise um Fr. 200.– bis Fr. 500.–. Für die beiden Berkmüller Zeichnungen, welche zusammen versteigert wurden, lagen die Gebote zur allgemeinen Überraschung bald einmal bei Fr. 1000.–. Das Ortsmuseum und ein Mitbieter steigerten sich gegenseitig in rasantem Tempo. Die vorgegebene Limite des Stiftungsrates war längst erreicht. Ein paar zusätzliche hundert Franken, die sich hinterher wohl irgendwie noch hätten auftreiben lassen und ein privater Zustupf von Ernst Trachsler waren auch bereits geboten. Die beiden Zeichnungen gingen schlussendlich zu einem stolzen Preis nach Kreuzlingen an einen Privatsammler. Das Ortsmuseum Wängi hatte das Nachsehen. Im Anschluss an die Versteigerung konnte mit dem Käufer wenigstens noch vereinbart werden, dass die beiden Zeichnungen in den vom Ortsmuseum geführten Berkmüller-Werkkatalog aufgenommen und fotografiert wurden. Von einem Erfolgserlebnis ist dennoch zu berichten. Ein Altstoffhändler aus Arbon bot dem Ortsmuseum einmal zwei Zeichnungen von Johann Alphons Berkmüller zum Kauf an. Sie wurden angeschafft. Der geforderte Preis konnte aufgebracht werden.

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Das Werkverzeichnis von Johann Alphons Berkmüller Das Ortsmuseum Wängi führt das Werkverzeichnis von Johann Alphons Berkmüller (1802 – 1879). Keines der bisherigen fünf Wängener Hefte seit 2008 und auch nicht Karl Tuchschmid mit seiner 1948 geschriebenen Geschichte von Wängi ist ausgekommen, ohne auf Johann Alphons Berkmüller hinzuweisen und seine Zeichnungen oder Aquarelle zu verwenden.

Chornoten mit dem Titel «Der Name Vaterland». Dreistrophiges Lied mit Refrain. Die erste Strophe beginnt mit: «Vaterland, dein holder Name klingt so freundlich unserm Ohr …»

Soviel zur Ankaufsstrategie. Das Ortsmuseum musste in diesem einen Fall erfahren, was heute für alle Museen betrübliche Tatsache geworden ist. Gerade im Bereich der Kunst bietet der Markt heute Preise, bei welchen die öffentlichen Museen nicht mehr mithalten können. So verschwinden immer mehr Kunstwerke in den Tresoren vermögender Privatpersonen oder finanziell potenter Stiftungen.

Zur Zeit sind im Werkverzeichnis rund 150 bekannte Werke aufgeführt. Festgehalten sind jeweils Sujet, Technik, Masse, Signatur und soweit auszumachen das Entstehungsjahr. Spezielle Bemerkungen sowie Hinweise zum Besitzer der Werke ergänzen die Angaben. Alle bekannten Werke sind von Ruedi Götz fotografisch inventarisiert. Im Besitz des Museums befinden sich zur Zeit etwas mehr als die Hälfte aller bekannten Originale. Das Ortsmuseum ist bestrebt, den Bestand nach Möglichkeit zu mehren. Im Weiteren umfasst die Berkmüller-Sammlung zahlreiche handgeschriebene Chornoten aus der Zeit von 1850 bis 1870. Darunter sind etliche Eigenkompositionen. Johann Alphons Berk­müller leitete den Gesangverein am Immenberg zu einer Zeit, als die Männerchöre nicht nur kulturelle, sondern ebenso politische Bedeutung hatten. Berkmüller pflegte regen


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Kontakt zu Pfarrer Thomas Bornhauser.39 So ist denn auch in den Liedern viel von Freiheit und Vaterland die Rede. Die Noten wurden beim Umbau des ehemaligen Wohnhauses der Familie Berkmüller gefunden. Sie dienten dort als Isolation gegen den kalten Estrich. Zwischen den Chornoten fanden sich auch Schriftstücke, welche ein wenig Licht ins ansonsten grösstenteils unbekannte Leben der Familie Berkmüller bringen. Neben persönlichen Briefen aus der Zeit zwischen 1832 und 1860 fand sich eine Rechnung eines Schneiders aus Paris. Darauf wird der Bezug eines Gilets in Rechnung gestellt. Inwiefern sich daraus Rückschlüsse auf Berkmüllers Lebensstil ziehen lassen, ist allerdings ungewiss.40 Auch zu seiner Frau Katharina Berkmüller-Stutz besitzt das Museum eine Anzahl Dokumente. Wie ihr Bruder Jakob Stutz, ein bekannter Zürcher Oberländer Dichter, war Katharina Berkmüller-Stutz schriftstellerisch tätig.

Rechnung des «Tailleur» Wegmann aus Paris, «Rue de Grétry Nr. 1, près la place des Italiens Paris le 12 Octobre 1842 un gilet», ausgestellt auf «Monsieur Bergmüller».

Auch wenn über das Leben von Johann Alphons Berkmüller sehr wenig bekannt ist, so würde es sich lohnen, über ihn und sein Werk ein eigenes Wängener Heft zu publizieren.

Thomas Bornhauser (1799 – 1856) war ein eifriger Reformer und wirkte massgeblich an einer neuen Verfassung des Kantons Thurgau mit, welche letztlich zum Sturz der thurgauischen Aristokratie führte.

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Otto Bischof-Weideli trug die wenigen überlieferten Fakten in einem Artikel über Berkmüller im Thurgauer Jahrbuch 1941 zusammen. Der Umfang des Werkverzeichnisses und die später gefundenen Chornoten und persönlichen Dokumente waren ihm unbekannt.

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der Fundumstände. Zwar sind die gefundenen Objekte nicht immer spektakulär. Trotzdem können sie wichtige Informationen liefern. Zu Zeiten als Karl Wüthrich in Wängi noch sein Bauunternehmen betrieb, achtete er bei jeder Baugrube auf Auffälligkeiten. So kam manches zu Tage, was sonst für immer verloren gegangen wäre. Hier ein paar Beispiele.

Keramikscherben. Funde aus der Baugrube entlang der Südfassade des Gebäudes im Jakobsbad (heute Peter und Esther Stark).

Archäologische Funde aus dem Dorf Literaten können sich beim Schreiben, auch oder gerade wenn ihre Erzählung in der Vergangenheit spielt, auf ihre Fantasie und ihre Erfindungsgabe stützen. Historiker können das nicht. Sie müssen ihre Aussagen belegen und beweisen. Der Historiker sucht daher auf Estrichen, in Bibliotheken und Archiven nach Beweismaterial, nach Fakten. In bestimmten Fällen kann auch die Archäologie hilfreich sein. Und genau hier fällt dem Museum eine spezielle Aufgabe zu: nämlich das Sammeln von archäologischen Funden und die Beschreibung

Scherben aus dem Jakobsbad Das Jakobsbad war im 19. Jahrhundert ein weit herum bekannter Erholungsort mit einer Heilquelle. Vermögende Gäste aus den Städten badeten hier in grossen Holzzubern. Das schwefelhaltige Wasser wurde etwas westlich des Jakobsbades in einem Schacht gefasst. 1976 förderten Bauarbeiter aus einer Baugrube südlich des Hauses Gefässscherben zutage. Darunter fanden sich fein getöpferte Irdenware und bemalte Porzellanscherben. Der Zusammenhang mit dem früheren Gästebetrieb liegt nahe. Das Bad soll über 10 bis 12 Gästezimmer verfügt haben. Der Bedarf an Geschirr war entsprechend gross. Adam Bischof erwähnt noch den Tonplattenboden einer Badekammer als letzten Zeitzeugen aus der Bäderzeit. Möglicherweise der Standort eines oder mehrerer Badezuber.41

Bischof-Rüfenacht, Adam. (2005). Das Heilquellenbad Jakobsbad bei Wengi. S. 15.

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Mauerreste im Weidli 1998 wurde in der Weidlistrasse eine Kanalisation verlegt. Beim Anschluss der Liegenschaft Hedi Lüthi (Weidlistrasse 6) durchschnitt der Bagger Reste einer Mauer aus Bollensteinen und Kalkmörtel. Es handelte sich um die ungefähr 900 Jahre alte östliche Ringmauer der Burg Rengerswil. Ernst Trachsler kam zu spät und den sofort aufgebotenen Fachleuten der Kantonsarchäologie blieb nur die fotografische Aufnahme der Situation. Einige Zufallsfunde wie Keramikscherben und Knochenfragmente liessen keine weiteren Schlüsse zu. Die Behörden hatten es verpasst, das Bauunternehmen darauf hinzuweisen, dass im dortigen Wiesenbord Reste der Burg Rengerswil vermutet werden mussten. Dies obwohl an einigen Stellen sogar an der Oberfläche Mauerreste zwischen Grasbüscheln sichtbar waren. Ein weiterer Hinweis auf die Burg befand sich lange Jahre noch ein paar Meter weiter. Karl Lüthi stiess in den 1960er Jahren bei der Neugestaltung seines Gartens ebenfalls auf Mauerreste. In Absprache mit dem Museum ergänzte er diese mit vorgefundenen Steinen zu einem Mäuerchen auf den ursprünglichen Abmessungen. Unterdessen musste dieses aber einem Garagenbau weichen und ist nicht mehr zu sehen. Auch der genauere Mauerverlauf ist nicht mehr bekannt. Die geschichtsbewussten Wängemerinnen und Wängemer beschäftigte die Burg Rengers­wil

Badebetrieb rund um das Jakobsbad um 1870. Zu sehen sind städtisch vornehm gekleidete Damen mit Sonnenschirmen beim nach­ mittäglichen Flanieren. Im Vordergrund eine Magd mit einem Wäsche­ korb auf dem Kopf. Zeichnung von Johann Alphons Berkmüller aus dem Jahre 1869.

Aufnahmen vom Durchstich durch die Ringmauer der Burg Rengerswil gegen die Murg. Die Mauer aus Flusskieseln (aus der Murg) ruht auf dem gewachsenen Sand­ stein. Als Bindemit­ tel wurde Kalkmörtel verwendet. Aufnahme Juni 1998

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Ofenkachel, vermutlich um 1100 aus der Burg Rengerswil. Handge­ strichene irdene Bodenplatte, Datierung nicht möglich. In den 1930er Jahren soll zudem von Kindern beim Schlitteln eine eiserne Speerspitze gefunden worden sein. Bestätigen lässt sich dieser Fund jedoch nicht mehr. Bollensteinmauer an der Wiesengrundstrasse aus Steinen von der mittelalterlichen Ringmauer der Burg Rengerswil

seit jeher. Zum einen ist da die Geschichte vom Zwist zwischen den beiden Söhnen des Grafen von Toggenburg. Diethelm als Besitzer der Burg Rengerswil lud seinen Bruder Friedrich im Jahre 1226 zu sich zur Jagd, liess ihn aber nachts meuchlings ermorden. Karl Tuchschmid schildert das Ereignis in seiner Geschichte von Wängi ausführlich.42 Ältere Leuten erinnern sich noch an Erzählungen ihrer Eltern, welche im Burggraben bis in die Mitte des 20. Jahrhundert noch schlitteln konnten. Im Ortsmuseum befindet sich neben einigen Bodenplatten noch eine frühmittel­alterliche Ofenkachel aus dem Schutthügel der Burg. Insgesamt sind damit die archäologisch gesicherten Zeugen für das ehemalige Toggenburger Schloss sehr dünn. Immerhin ist noch eine nette Geschichte überliefert: Die Bollensteine der Burgmauern wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom Ruinenhügel weg geschafft und zum Bau der Grundmauern für die Spinnerei respektive Weberei auf der andern Seite der Murg verwendet. Als die Mauern bei einem Umbau in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgebrochen und die Bollensteine wieder frei wurden, behändigte sie der damalige Werkmeister Johann Hasler. Er baute damit in seinem Garten an der Wiesengrundstrasse eine Stützmauer. Sie ist heute noch zu sehen (Wiesengrundstrasse 8) und wurde erst später nochmals erhöht.

vgl. auch Raas, Andreas. (2008). Wängi – der Weg von der Gerichtsherrschaft zur politischen Gemeinde. Wängener Heft 1. S. 5 – 8.

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Das ursprüngliche Aussehen der Burg Rengerswil ist ungewiss. Der Situationsplan von Albert Schreiber mit einer Burganlage mit einem Turm in der Mitte und zwei seitlichen Palaceanbauten sind Fantasie. Vielleicht liess er sich inspirieren von alten Hinweisen auf eine «Doppelburg» Rengerswil. Korrekt gezeichnet sind der damalige Murgverlauf und die Position der Burg auf einem Geländevorsprung, welcher nach Westen mit einem sogenannten, von Hand ausgehobenen, Halsgraben geschützt wurde. Die im 20. Jahrhundert beim Bau von Einfamilien­ häusern vorgefundenen Mauerreste wurden von Ernst Wiesmann und Albert Schreiber jeweils auf einem nicht massstäblichen Skizzenblatt nachgeführt. Die Mauerreste bestätigen aber weder Albert Schreibers Darstellung noch ergeben sie eine sinnvolle bauliche Gesamtstruktur einer Burganlage. Klärung brächte hier nur eine sachgerechte Grabung durch Fachleute. Grabungsfunde aus dem Sodbrunnen vor dem Restaurant Linde Die Entdeckung und Restaurierung des Sodbrunnens vor dem Restaurant Linde begann mit einer erstaunlichen Geschichte: 1973 parkierte vor dem Restaurant ein Lastwagen. Der Chauffeur wollte dort zu Mittag essen. Wie schon immer parkierte er sein Gefährt zwischen den Baum und das Haus, um auch andern Autos noch Platz zu lassen. Beim Aussteigen gab plötzlich der Boden unter seinen Füssen nach und er sank bis zum Knöchel ein. Im Boden

Auf diesem Skizzenblatt wurden die im Laufe der Jahre gefundenen Mauerreste eingetragen.

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Backsteingewölbe. Links Sandstein, rechts Backsteine mit einer Eisen­ schiene als Auflage für den eingebrochenen Schachtdeckel. Lagerplatte eines Göpels als Abschluss des Brunnens gegen unten. In den drei radialen Ver­ tiefungen wurde die Deichsel für den Antrieb befestigt. Links die Spuren des eisernen Saugrohrs.

tat sich ein schuhgrosses Loch auf. Die Stelle wurde abgesperrt und Ernst Trachsler gerufen. Beim Ausgraben zeigte sich schon dicht unter der Oberfläche eine Setzung aus Backsteinen. Diese bildeten eine gewölbeähnliche Ab­ deckung über einem Sodbrunnen. Der Schacht aus Bollensteinen erwies sich als gut erhalten und stabil. Auch Wasser war noch da. Die Existenz eines solchen Brunnens unmittelbar neben dem Lindenbaum war bis dahin unbekannt. Fachleute der Kantonsarchäologie konnten das Alter des Brunnens nicht genau bestimmen, empfahlen jedoch, ihn auszupumpen und den Schutt herauszuholen. Viel Aufschlussreiches kam allerdings nicht zutage: einige Scherben und ein paar Knochen. Erwähnenswert ist einzig der Lagerstein eines Göpels, welcher den unteren Abschluss des Schachtes bildete. Darauf sind noch Spuren des Saugrohrs einer früheren Wasserpumpe sichtbar.43 In der Folge wurden die schadhaften Stellen im oberen Teil der Brunnenwand ergänzt und der Brunnenrand bis auf Kniehöhe aufgemauert. Sicherheitshalber wurde der Schacht mit einem Gitter versehen. An den Kosten beteiligten sich neben der Ortsgemeinde auch der Heimatschutz, der Dr. Emil Bosshardt-Fond sowie der Verkehrs- und Verschönerungsverein. Übrigens wurde ein solcher Sodbrunnen auch in der Höplischeune in Tuttwil entdeckt. Seine Tiefe bis zur Sohle betrug 4.55 m. Der Wasserstand lag bei 1.35 m. Beim Ausräumen des Schachts kam eine hölzerne Wasserpumpe

Der Lagerstein des Göpels ist heute im Museum ausgestellt.

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zum Vorschein. Auch wenn sie nicht mehr sehr gut erhalten ist, sind doch alle mechanisch erforderlichen Bauteile einer Saugpumpe wie Ansaugsieb, Saugrohr, Muffe, Hohlkolben mit Ledermanschette sowie die eiserne Zugstange noch vorhanden. Die Pumpenbestandteile befinden sich heute im Ortsmuseum. Ofenkacheln in den Mauern des alten katholischen Pfarrhauses 1967 renovierte die evangelische Kirchgemeinde das alte katholische Pfarrhaus. Es sollte zu Wohnzwecken vermietet werden. Mit dem Umbau war zum Glück das Baugeschäft Wüthrich beauftragt. Beim Abschlagen des Verputzes stiess nun ein Maurer auf unerklärliche farbige Scherben. Karl Wüthrich rief Ernst Trachsler und man entschied, ein Stück probeweise sorgfältig herauszulösen. Zum Vorschein kam eine Ofenkachel. Zwar wies sie Meisselspuren auf, war aber insgesamt noch gut zu erkennen. In der Folge kamen weitere 26 Stücke zum Vorschein; einige noch praktisch unbeschädigt, andere in Bruchstücken. Vor allem Kacheln vom oberen Abschluss des Ofens erwiesen sich als gut erhalten. Offenbar liessen sie sich beim Abbruch leichter wegbrechen als Kacheln aus dem Ofenkörper. Neben weiss glasierten und in barocker Weise bunt bemalten kamen auch grün glasierte Kacheln mit Reliefmustern zum Vorschein. Nachforschungen der kantonalen Denkmalpflege ergaben im Jahre 1651 einen Ofenkauf der Kirchgemeinde bei einem Hafner in Elgg für 30 Gulden. Bei

Göpel in Betrieb. Ganz rechts der Lagerstein mit der befestigten Deichsel.44

Wyss. P. (o.J.). Arbeit in der Heimat. Volkskundliche Bilder.

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Blick in den Sodbrunnen in der Höpli­ scheune in Untertuttwil

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einem späteren Umbau wurde der alte Ofen abgebrochen. Dabei gingen leider die meisten Kacheln zu Bruch. Die Stücke wurden als Mauersteine wieder verwendet.

Ofenkachel von 1651. Teil eines Simses. Ornamentale Motive, handgemalt.

Ofenkachel von 1651. Oberer Abschluss. Florale Motive mit Putten. Im mittleren Medaillon eine Gambenspielerin. Bei genauem Hinsehen sind Meisselspuren vom Abschlagen des Verputzes zu sehen.

Hölzerne Wasserleitungen Interessante Zeugen der früheren Wasserversorgung sind die hölzernen Wasserleitungen oder Tüchel. Das sind der Länge nach durchbohrte Baumstämme, welche im Erdreich zu Leitungen verlegt wurden. Die Stösse zwischen zwei Tücheln überbrückte in der Regel ein Verbindungsrohr aus Eisen. Das Bohren eines Tüchels erforderte grosses handwerkliches Geschick. Das Loch musste genau zentriert gebohrt werden, und das über eine Länge von bis zu drei Metern. Im Ortsmuseum befindet sich ein Tüchelbohrer mit einer Länge von 3.24 m. Im Laufe der Jahre wurden im Untergrund von Wängi ab und zu Tüchel gefunden. Ein besonders gut erhaltenes Exemplar kam 1970 bei der Erstellung des Turnplatzes beim Imbachschulhaus zum Vorschein. Ob der Tüchel etwas mit dem früheren Wassergraben rund um das Weierhaus zu tun hatte, konnte allerdings nicht geklärt werden. Dazu fehlten Zeit und Geld. Eindeutiger war hingegen der Zusammenhang zwischen einem Tüchel in der Tuttwilerstrasse und dem Brunnen Ecke Tuttwiler­ strasse– Aadorferstrasse (heute zurückversetzt). Die hölzerne Wasserleitung lieferte das Brunnen­ wasser.


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Tüchel mit Tüchel­bohrer. Gut sichtbar ist der ringförmige Spalt, in welchem das eiserne Verbindungs­stück zum nächsten Tüchel steckte. Das Eisen ist verrostet, das Holz blieb erhalten.

Das Bohren eines Tüchels erforderte grosse Geschicklichkeit und Genauigkeit, um das Loch auf der ganzen Länge des Baum­ stammes genau zu zentrieren.45

Wyss, P. (o.J.). Arbeit in der Heimat. Volkskundliche Bilder.

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Profil mit Tiefen­angaben der Fundstelle der Stein­ setzung und des Randsteins beim Stationsgebäude

Blick auf die Steinsetzung mit dem behauenen Steinquader. Die Steinsetzung liegt 1.50 m unter dem heutigen Strassen­ niveau.

Reste der ersten Strasse durchs Murgtal Bei Grabarbeiten in der Wilerstrasse ungefähr vor dem Stationsgebäude stiessen die Arbeiter in einer Tiefe von 1.50 m auf eine Steinsetzung aus Bollensteinen. Etwas später fanden sie einen rechteckig behauenen Steinquader, welcher aus einer Mauer ragte. Der Quader lag quer zum mutmasslichen Strassenverlauf. Dessen genauer Zweck ist unklar. Bei der Steinsetzung hingegen könnte es sich um Überreste der


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ursprünglichen Murgtalstrasse handeln. Während Jahrhunderten existierte keine Strasse in der Talsohle. Zu häufig waren die Überschwemmungen. Erst in der Folge der Murgkorrektion in den Jahren 1841/42 konnte eine befestigte Strasse längs der Murg angelegt werden. Die Steinsetzung wäre ein Stück davon. Die erstaunliche Tiefe von 1.50 m unter dem heutigen Niveau liesse sich damit erklären, dass die Murg zunächst mittels einer Furt überquert werden musste und eine höher liegende Brücke erst später erstellt wurde. Und tatsächlich schreibt Tuchschmid, dass im Nachgang zum Bau der neuen Strasse 1856 die Brücke von Wängi gebaut wurde «wobei die Frauenfelderstrasse erhöht werden musste».46 Damit wäre das auffallend tief liegende Strassenniveau erklärt, unklar bleibt der Zweck des Steins. Gräberfunde in Obertuttwil Im Frühjahr 1968 sollte in Obertuttwil östlich der Kapelle eine Stützmauer gebaut werden. Beim Graben kamen menschliche Knochen zum Vorschein. Offensichtlich waren alte Grabstätten angeschnitten worden. Die Toten lagen in West-Ost-Ausrichtung. Die ungefähre Lage der Knochen wurde von Ernst Trachsler skizziert und eingemessen. Einige Knochen und Schädelfragmente fanden in der Folge den Weg ins Ortsmuseum. Im Tuttwiler Volksmund war schon immer von geheimnisvollen «Franzosengräbern» die Rede. Genaueres wusste hingegen niemand. 2011 wurden etwas näher an der Kapelle weitere Gräber durch

Skizze der Fundstelle der Knochenfunde in Obertuttwil östlich der Kapelle

Tuchschmid, Karl. (1948). Geschichte von Wängi. S. 155.

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Schädelfragmente aus den Gräbern östlich der Kapelle Obertuttwil

Kantons­archäologen ausgehoben und ausgewertet. Aber auf Franzosen stiess man nicht; das heisst, man fand weder französische Uniformknöpfe noch Rangabzeichen. Im sogenannten Fundstellenarchiv des kantonalen Amtes für Archäologie findet sich folgender Eintrag zu den Bestattungen bei der Kapelle Obertuttwil: «Gemäss Aussage des ehemaligen Gemeindeammanns Herrmann Bommer sind nahe

der Kapelle und östlich davon beim Bau einer Strasse und von Gebäuden zwischen 1780 und 1800 Skelette freigelegt worden. Später wird von Grablegungen ‹mit den Füssen gegen Sonnenaufgang› und in der Folge von fraglichen völkerwanderungszeitlichen Gräbern gesprochen. Bei einem Bauvorhaben (Neubau Scheune Graf) östlich der Kapelle 1968 wurden mehrere Gräber erfasst, die von Ernst Trachsler grob dokumentiert wurden (Skizze). Eine Meldung von Alfons Kressbach 2004 nennt zusätzlich die Entdeckung von Stoffresten und Uniformknöpfen ‹vor 40 Jahren› weshalb auf sogenannte ‹Franzosengräber› geschlossen werden könnte, die 1799 wohl im bekannten, aber nicht mehr genutzten Friedhofsareal beigesetzt worden waren. Nördlich der Kapelle wurden zudem 2004 beim Bau einer Werkstatt/Fahrzeuggarage von Rolf Hug etwa 17 Bestattungen freigelegt. Angeblich lagen sie innerhalb der – im genauen Verlauf nicht mehr bekannten – Friedhofsmauer.» Die grosse Mehrzahl der hier geschilderten Beispiele archäologischer Funde in Wängi – und es sind noch weitere – gehen auf den Baumeister Karl Wüthrich zurück. Mit der Auflösung seines Baugeschäfts hat das Ortsmuseum einen wichtigen Informanten verloren. Die archäologischen Quellen sind seither versiegt. Wie die verschiedenen Beispiele beweisen, ist dies sehr bedauerlich!


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Webautomat Rüti: Übertragung der Kraft mittels Zahnradgetriebe mit Übersetzung. Die Ketten übertragen auf Zug ebenfalls Drehkraft.


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Windmühle zur Reinigung des gedroschenen Getreides: Übertragung und gleichzeitige Übersetzung der Drehbewegung vom vertikalen Kronenrad auf das horizontale Kammrad. Deutlich zu sehen sind Abnützungsspuren.


Obstmühle: Übertragung der Drehbewegung vom handgetriebenen Antriebsrad auf eine Kurbelwelle, an der verschiedene Schubklötze das Mahlgut in die Mühle schieben.

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Schuldverschreibung 1804. Ein «Steinemann von Hagenbuch» leiht einem «Bürger Conrad Ammann vierhundert und fünfzig Gulden». Gefertigt vor dem «versammelten Gericht des Kreises Mazingen».


Ein Blick hinter die Kulissen des Museumsbetriebs

Der Stiftungsrat und seine Aufgaben Ein Museum in der Grössenordnung des Ortsmuseums Wängi ist im Alleingang nicht zu bewältigen. Pflege und Aktualisierung der permanenten Ausstellung sowie die Gestaltung der saisonal wechselnden Sonderausstellungen sind das eine. Aus Sicht der Besucherinnen und Besucher sind sie gewissermassen das sichtbare Schaufenster. Hinter den Kulissen aber leisten zahlreiche Leute mit ihrem freiwilligen Engagement ihren Beitrag zum Gelingen des Ganzen. Da ist zunächst der Stiftungsrat. Ihm gehören zur Zeit (2016) sieben Personen an. Hermann Stamm amtet als Präsident, unterstützt vom Vizepräsidenten Bruno Giger. Die Rechnung führt Walter Bösiger und das Protokoll schreibt Annelies Engeler. Margrit Bösiger vertritt den Gemeinderat und Rolf Baumann die Kirchenvorsteherschaft. Als Vertreter der Kuratoren nimmt Ernst Trachsler Einsitz im Stiftungsrat. Hansruedi Aeberhard ist als aktueller Kurator ohne Stimmrecht, nimmt jedoch aus naheliegenden Gründen an allen Sitzungen teil. Die Mitglieder des Stiftungsrates übernehmen abwechslungsweise auch Aufsichtsaufgaben während der Öffnungszeiten. Kontrolliert werden die personelle Zusammensetzung und die Arbeiten des Stiftungsrates von der kantonalen Stiftungsaufsicht.

Oskar Lippuner 1984 – 1999

Ruedi Götz 1999 – 2008

Gertrud Krumm 2008 – 2012

Hermann Stamm 2012 – heute

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Für das Präsidium liessen sich immer gleichermassen qualifizierte als auch engagierte Personen finden. Oskar Lippuner brachte als Gründungspräsident zusammen mit dem Rechnungsführer Bruno Bischofberger das ganze Projekt auf die Beine. Juristische, organisatorische und bauliche Probleme waren zu bewältigen. Oskar Lippuner bewies neben seinem politischen Gespür ein ausgeprägt unternehmerisches Denken und ein pragmatisches Durchsetzungsvermögen. Ihm verdankt die Stiftung heute ihren soliden Status. Ruedi Götz führte das Projekt weiter. Seine Stärken waren seine Vernetzung im Dorf und seine persönlichen Beziehungen. Sein Anliegen war die Verankerung des Ortsmuseums im öffentlichen Bewusstsein. Seine Spezialität, nämlich das Fotografieren von Wängemerinnen und Wängemern und das Sammeln alter Fotos baute er stetig aus und gestaltete mit der Zeit eigene Ausstellungen. Die ausgesprochen hohen Besucherzahlen waren der Lohn für seine Arbeit. Gertrud Krumm erwies sich als die grosse Macherin. Rasch realisierte sie, dass einige Pro-

bleme zwar schon mehrmals traktandiert, aber aus verschiedenen Gründen nicht angegangen werden konnten. Sie nutzte ihre Verbindungen zum Gemeinderat. Unter ihrer Führung wurden die Lagerung des Materials und die Sicherung der Finanzen an die Hand genommen und erfolgreich gelöst. Die Räumung und Neuorganisation der verschiedenen Magazine (Kuhstall Adlerscheune, Materialhalle Zehnder, Mehrzweckhalle, Schutzraum der Gemeinde) erforderten vom Stiftungsrat auch schon mal tatkräftiges Zupacken. Darüber hinaus zog Gertrud Krumm den personellen Wechsel des Kuratoriums von Ernst Trachsler zu Hansruedi Aeberhard durch. Hermann Stamm versieht das Präsidium seit 2012 mit grosser Umsicht und organisatorischem Geschick. Zunächst packte er einige Verbesserungen im Bereich der Sicherheit an. Dann initiierte er unter Beizug eines externen Fachmannes die Überprüfung des ursprünglichen, unterdessen fast 30 Jahre alten Museumskonzeptes. Als erstes Ergebnis dieser Überprüfung wurde im ersten Stock eine kleine Cafeteria eingerichtet, welche bei den Besucherinnen und Besuchern grossen Zuspruch findet. Die Realisation dieses Wängener Heftes erfolgte ebenfalls unter seiner Leitung. Inwiefern dies auch für folgende Hefte gilt, wird zur Zeit abgeklärt.


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Die Aufgaben der Museumskuratoren Die fachliche Museumsarbeit bleibt den jeweiligen Kuratoren übertragen. Deren Aufgaben sind vielfältig und umfassen Sammlung, Systematik, Inventar, Restaurierung, Lagerung sowie Präsentation und Öffentlichkeitsarbeit. Zu diesen sieben Kernaufgaben kommen eine ganze Reihe zusätzlicher Dienstleistungen. Dazu gehören zunächst die Führungen. Im Weiteren ergehen immer wieder Anfragen ans Museum betreffend Unterstützung, zum Beispiel beim Schreiben von Familien- oder Vereinsgeschichten. Auch Verfasser wissenschaftlicher Arbeiten zu unterschiedlichsten Themenbereichen sind oft auf Auskünfte, Dokumente oder Objekte aus unserem Museum angewiesen. Auch Andreas Raas als Autor einiger bereits erschienener Wängener Hefte fand im Ortsmuseum immer wieder Dokumente oder Objekte für seine Texte. Die Kuratoren verfügen über eine spezifische Ausbildung. Sie wurden im Laufe der Zeit und werden heute noch in ihrer Arbeit von verschiedenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterstützt. Deren Aufgabenbereiche variieren je nach Notwendigkeit oder persönlichen Präferenzen.

Die Präsidentin Getrud Krumm inmitten ihrer Stiftungsräte während einer Pause anlässlich einer Magazinräumung. V.l.n.r.: Walter Bösiger, Ernst Trachsler, Getrud Krumm, Rolf Baumann, Peter Stark. Es fehlen Annemarie Engeler, Bruno Giger und Toni Scheuchzer. Aufnahme 2011 Ernst Trachsler Kurator 1964 – 2012

Hansruedi Aeberhard Kurator seit 2012

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Bernhard Graf war der Mitdenker und Mitarbeiter der ersten Stunde und arbeitete von 1982 bis 1989 im Ortsmuseum. Er unterstützte die Sichtung der Sammlung im Hinblick auf den Umzug aus dem Keller des Steinlerschulhauses zunächst in die Mehrzweckhalle und dann in die Adlerscheune. Dort gestaltete er den Ausstellungsbereich über die häusliche und industrielle Textil­ produktion. Auch die Ausstellung «Brot» war zu wesentlichen Teilen sein Werk. Sein Verdienst ist die Mitgestaltung der Aufbauphase des neuen Ortsmuseums in organisatorischer und fachlicher Hinsicht.

Daniel Sproll arbeitete von 1990 bis 2007 während 17 Jahren mit grossem Einsatz im Ortsmuseum. Er gestaltete mehrere Ausstellungen massgeblich mit. Sein Spezialgebiet waren Hin­ tergrund-Recherchen in Biblio­ theken und Archiven. Auf diese Weise bereicherte er das jewei­ lige Ausstellungs­thema um Einbli­ cke in andere Zeiten und andere Kulturen und ermöglichte so den Besucherinnen und Besuchern aufschlussreiche Vergleiche.

Heidi Raas engagierte sich ab 1987 von der Reinigung bis zur Ausstellungsgestaltung und betreute bis 2001 die Foto­ sammlung. Dort inventarisierte und beschriftete sie mit grosser Hingabe weit über 1000 Fotos. Vor allem das Identifizieren der abgebildeten Personen war ihr ein Anliegen.


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Regina Müller arbeitete 1987 bis 1995 eng mit Heidi Raas zusam­ men. Die beiden bildeten ein ver­ lässliches Team.

Lydia Rohr fotografierte auch nach ihrem Rücktritt aus dem Stiftungsrat im Jahre 2011 zu Handen des elektronischen Inventars Hunderte von Objekten. Sie unterstützt die foto­grafische Inventarisation bei Bedarf bis heute.

Nach seinem Rücktritt als verantwortlicher Kurator nimmt auch Ernst Trachsler die Rolle eines Mitarbeiters ein. Seine Aufgabenbereiche sind in erster Linie die Aktualisierung und Vervollständigung des Inventars sowie die Archivierung respektive die Magazinierung der Objekte. Daneben ist er eingebunden in konzeptionelle Überlegungen hinsichtlich einer Aktualisierung der ständigen Ausstellung.

Josefine Raschli arbeitete bis 2014 mit Lydia Rohr zusammen. Vor allem fügte sie die alten Inventarkarten und die Fotos der Objekte in die Datenbank ein.

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Annahme von Neueingängen In aller Regel melden sich Leute und fragen, ob ihre Objekte für das Ortsmuseum von Interesse seien. Bei einer Besichtigung vor Ort oder im Museum geht es dann zunächst um Fragen wie: Passt das Objekt ins Konzept unserer Sammlung? Sind Bezüge zu Wängi oder allenfalls zu Wängemer Personen nachweisbar? Kann eine bisherige Sammlungslücke gefüllt werden? Besteht ein Bezug zu einem historischen Ereignis oder kommt dem Objekt sonst eine bestimmte Bedeutung zu? Es ist wichtig, vom Objektgeber auf all diese Fragen möglichst viele Informationen zu erhalten. Als nächstes muss im Inventar geklärt werden, ob in der Sammlung schon entsprechende Objekte vorhanden sind. Manchmal ist es sinnvoll Duplikate anzunehmen. Und manchmal lassen sich bereits vorhandene Objekte durch allenfalls besser erhaltene ersetzen. Nicht in jedem Fall ist das Ortsmuseum Wängi der richtige Ort für die Aufbewahrung eines bestimmten Objektes. In solchen Fällen werden die Objektgeber weiter verwiesen, zum Beispiel an die kantonalen Museen, an das Schulmuseum Amriswil oder an das Schau­ depot für Volkskunde des Kantons Thurgau in St. Katharinental. Zuletzt muss das Ortsmuseum über den erforderlichen Stauraum verfügen und die Objekte sinnvoll lagern können. Gerade bei grossen

Objekten etwa aus der Landwirtschaft erweist sich dies immer wieder als Problem. Auch hier kann aber möglicherweise mit dem Hinweis auf das Agrotechnorama im Tänikon weitergeholfen werden. In aller Regel gehen die Objekte jedoch ins Eigentum der Stiftung Ortsmuseum Wängi über. Können sich aber die Objektgeber aus irgendwelchen Gründen nicht definitiv vom Objekt trennen, stellen sie dieses als Dauerleihgabe zur Verfügung. Die näheren Umstände werden in solchen Fällen vertraglich geregelt. Bestimmen Ist dann das Objekt erst einmal im Ortsmuseum gelandet, durchläuft es mehrere Etappen der Aufnahme in die Sammlung. Beim genauen Bestimmen der Objekte werden zunächst Fragen geklärt wie: Worum handelt es sich? Woher stammt das Objekt? Wo wurde es von wem hergestellt? Wer hat es wann wozu und wie verwendet? Sind weitere Umstände bekannt? Existieren Geschichten zum Objekt? Zur systematischen Sicherung all dieser Basisinformationen wird seit neustem ein standardisierter Fragebogen eingesetzt. Manchmal sind die Angaben unklar wie zum Beispiel: «Das habe ich auf dem Estrich gefunden. Was es ist, weiss ich nicht. Wir haben als Kinder glaub ich damit gespielt. Es könnte noch von meiner Grossmutter sein». Erinnerungen können täuschen. Beim Bestimmen


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werden allerdings grundsätzlich alle Informationen aufgenommen. Sollten sich später in irgendwelchen Zusammenhängen neue Erkenntnisse oder Korrekturen ergeben, werden diese ebenfalls protokolliert. Ob diese dann endgültig richtig sind, bleibt nicht selten wiederum offen. Hilfreich können auch entsprechende Fachbücher sein.

Ausgewählte Beispiele aus einem Fachbuch über Arbeitsgeräte47: · Nr. 2 Bügeleisen aus Eisen für Holzkohle · Nr. 9 Bolzeneisen mit Eisenkern · Nr. 13 Eisen mit abnehmbarem Griff · Nr. 18 Spirituseisen · Nr. 21 Bolzeneisen zum Ausbügeln von Ärmeln und Halskrausen

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Siuts, Hinrich. (2002). Bäuerliche und handwerkliche Arbeitsgeräte in Westfalen.

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Ausschnitt aus einem Fachbuch über Küchengeräte.48 Ausgewählte Beispiele zum Thema Schneebesen und Quirle

Und zuletzt gibt es immer wieder mal Objekte, welche sich nicht genau bestimmen lassen und deren Verwendungszweck unbekannt ist. Hier sind zwei Beispiele. Wissen Sie etwas Genaueres?

Hier handelt es sich um eine Zwinge, Klemme oder Kluppe zum Festhalten. Unten sind die beiden Schenkel leider abgesägt worden. Wer hat dieses Werkzeug zu welchem Zweck verwendet? Die Zwinge ist 20 cm breit und im jetzigen Zustand 30 cm hoch.

ten Kate-von Eicken, Brigitte. (o.J.). Küchengeräte um 1900.

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Wer hat zu welchem Zweck dieses Sieb benutzt? Der obere Durchmesser beträgt 25 cm und die Höhe 18 cm.


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Inventarisieren In den Anfängen des Ortsmuseums vermerkte Ernst Wiesmann die Neueingänge in einer Art Journal mit der Bezeichnung des Objektes, dem Namen des Objektgebers und dem Eingangsdatum. Anschliessend übertrug er die Angaben auf Karteikarten. Von Fall zu Fall wurden diese Angaben durch bestimmte Hinweise zum Objekt ergänzt. Jede Karte erhielt eine Inventarnummer. Die Karten ordnete Ernst Wiesmann bestimmten Themenbereichen zu: Alte Kulturen, Haushalt, Heizung, Kirche und Religiöses, Licht und Beleuchtung, Münzen, Musik und Vereine, Schreiben und Rauchen, Hiebwaffen und Schusswaffen, Werkzeuge sowie Zeitmessung. Diese Sammellogik wies allerdings viele Zufälligkeiten auf. Bei der systematischen Sichtung der Sammlung im Hinblick auf den Umzug in die Adlerscheune und im Zusammenhang mit der Neuorganisation der Magazine erwiesen sich Ernst Wiesmanns bisherige Karteikarten als zu undifferenziert. Ein Problem waren unter anderem die Überlagerungen der Themenbereiche wie etwa bei Haushalt, Küche und Masse. So konnten zum Beispiel ein Litermass oder ein Gewichtsstein allen drei Bereichen zugeordnet werden.

Karteikästchen mit Inventar­ karten von 1960

In den Jahren ab ca. 1980 wurden daher zunächst die Neueingänge und später auch die ursprünglichen Karten neu erfasst. Zusätzlich wurden von nun an auch die Masse des Objektes sowie dessen Alter aufgenommen. Das Objekt wurde stichwortartig beschrieben (Material, Form, Auffälligkeiten, Zustand) und mit Skizzen zusätzlich illustriert. Der entscheidende Fortschritt gegenüber Ernst Wiesmanns Inventar lag indessen darin, dass

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das Ordnungs- und Klassifizierungssystem für Sachgüter des Schweizerischen Landes­ museums übernommen wurde. Die bisherigen Grobkategorien hatten ausgedient. Die Zuordnung der Objekte folgte von nun an einer übergeordneten Sachlogik.

Auszug aus der Systematik aller Sachgüter von Walter Trachsler vom Schweizerischen Landesmuseum.49 In der Praxis sind immer wieder neue Differenzierungen nötig.

Kartei­kasten von 1982. Hier exem­ plarisch die Inventarkarten zum Bereich 4: Handwerk und Gewerbe

Trachsler, Walter. (1981). Systematik kulturhistorischer Sachgüter.

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Mit dem ständigen Anwachsen der Sammlung auf mehrere Tausend Objekte erwies sich aber auch diese Version als unzureichend. Die Suche nach einem bestimmten Objekt zum Beispiel für eine Sonderausstellung gestaltete sich nicht selten als zeitraubend. Auf den Inventarkarten fehlten Angaben zum genauen Aufbewahrungsort sowie Fotos zur schnellen Identifikation. Der nächste Schritt zu einer digitalen Inventarisierung war fällig. Kam dazu, dass der neue Kurator Hansruedi Aeberhard zum Zwecke eines raschen Überblicks auf ein schnelles und zuverlässiges Suchsystem angewiesen war. Nach Rücksprache mit Fachleuten fiel die Wahl auf ein professionelles Museumsprogramm namens DADA. Sämtliche Karteikarten mussten nun auf dem Computer erfasst werden. Das dauerte viele Monate. Geleistet wurde diese immense Übertragungsarbeit vor allem von Lydia Rohr und Josefine Raschli. Nach der schriftlichen Erfassung fotografierten sie sämtliche Objekte und fügten die Aufnahmen ebenfalls in die Dateien ein.


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Die erste «Karte» enthält die Grunddaten. G 3321 ist die Inventarnummer. Diese wird auch auf dem Objekt angebracht. 3.118.6.9 ist die Systematiknummer und besagt in diesem Fall: 3 = Hauswirtschaft, 118 = Tafelzubehör, 6 = Zucker-, Konfekt- und Früchteschalen, 9 = Objektnummer innerhalb dieser Kategorie. Bildschirmaufnahme 2016

Auf der zweiten «Karte» wird das Objekt in knapper Form beschrieben. Bildschirmaufnahme 2016

Die Vorteile des neuen Systems sind immens: Schnelle und zielsichere Suche mit spezifischen Suchbegriffen, Altersangaben zum Objekt, fotografische Wiedergabe, Hinweise auf momentanen Standort des Objektes, Querverweise auf Fachliteratur usw. Dazu können je nach Bedarf Listen erstellt werden, was die Arbeit des Kurators entscheidend erleichtert.

Am Beispiel des beliebig ausgewählten Objektes «G 3321» wird hier die beschriebene Inventarisierung aufgezeigt. Es handelt sich dabei um eine Konfektschale auf Unterteller aus geschliffenem, rosa und rauchig eingefärbtem Glas.

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Die Herkunft des Objektes wird auf der dritten «Karte» festge­ halten. Hier wird auch vermerkt, ob es sich um ein Geschenk, einen Kauf oder eine Leihgabe handelt. Bildschirmaufnahme 2016

Auf weiteren Seiten lassen sich der Zustand, die genaue Platzierung der Inventarnummer auf dem Objekt (bei grossen Objekten wie z.B. einem Bindemäher sehr nützlich), Hinweise auf Fachliteratur, die temporäre Ausleihe an externe Ausstellungen usw. eintragen.

Grossaufnahme des Objektes in Dokumentar-Qualität. Bildschirmaufnahme 2016

Lagern und archivieren Nach dem Inventarisieren werden die Objekte in ihrem Erhaltungszustand gesichert. In der Regel heisst das, dass zunächst der gröbste Schmutz entfernt wird. Dann werden Holzteile gegen Holzwürmer, Eisenteile gegen den Rost und wollene Sachen gegen Motten behandelt. Zuletzt werden die Objekte in Boxen gelagert. Auf der Vorderseite werden die Inventarnummern der inliegenden Objekte angebracht. Auf diese Weise sind Übersicht und rascher Zugriff gewährleistet.


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Jedes Objekt wird fotografiert und die Foto in die Datenbank eingefügt. Hier eine barocke Ofenkachel von 1651 aus dem alten katholischen Pfarrhaus

Die Objekte werden in Boxen gelagert. Gelb ist der in­haltliche Bereich z.B. «Coiffeur – Perückenmacherei - Haarpflege» vermerkt. Die Inventarnummern der einzelnen Objekte sind weiss. Bei aktuell etwa 8000 Objekten ist eine solche Ordnung unabdingbar.

Der Kampf gegen die Holzwürmer. Alle Neueingänge werden gegen Holzwurm- und Insektenbefall behandelt. Darauf folgt wo nötig noch eine Rostschutzbehandlung.

Einige Objekte stellen an Temperatur, Luftfeuchtigkeit und/oder Frischluft besondere Ansprüche. In den meisten Magazinen wird dies durch entsprechende Apparate sichergestellt. Das Ortsmuseum verfügt über insgesamt vier Magazinräume. Einer befindet sich im ehemaligen Kuhstall in der Adlerscheune. Gelagert werden dort Objekte zu den Bereichen Bauen und Wohnen, Textilien, Haushaltarbeiten, Spiel und Sport sowie Gesundheit. Als zweites, etwas kleineres Magazin wird der frühere Rinderstall genutzt. Dort befindet sich der gesamte

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Blick ins Magazin Rinderstall. Rechts der Arbeitstisch mit verschiedenem Material in Bearbeitung Blick ins Magazin Kuhstall

Themen­bereich Obrigkeit. Darunter fallen Dokumente zur Gemeinde und deren Verwaltung, Objekte zu Schule, Militär, Feuerwehr, Verkehr, Post und Fernmeldewesen. Ebenfalls im Rinderstall eingelagert sind die Themen Kirche und Religion, Vereine sowie die Spinnerei und spätere Weberei Wängi. Auch Unterlagen zu einzelnen Wängemer Personen sind hier archiviert. Zusätzlich zu diesen beiden Magazinen nutzt das Museum in der Mehrzweckhalle einen Schutzraum. Dort sind Objekte zu den Themen Handwerk und Gewerbe untergebracht. Und zuletzt ist in der Zivilschutzanlage im Gemeindehaus der Materialraum belegt mit Objekten zu Forst und zu Landwirtschaft: Obstund Weinbau, Feld-, Acker- und Gartenbau, Gross- und Kleinvieh sowie Bienen und Fischzucht. Dazu kommt die gesamte Fahrhabe wie Schlitten, Wagen und Karren. Sichern und schützen Die Archive und Lagerräume sowie das Museum selbst sind konventionell gegen Diebstahl und Feuer geschützt und videoüberwacht. Unter erhöhten Sicherheitsbedingungen werden die speziell wertvollen Zeichnungen von Johann Alphons Berkmüller (1802 – 1879) aufbewahrt. Sie sind in einem Banksafe eingelagert. Die Originalzeichnungen sind – im Gegensatz etwa zu einem Hobel oder einem Hammer – nur als einziges Exemplar vorhanden und bei einem Verlust unersetzlich.


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Ausstellen und präsentieren Zur Zeit umfasst das Inventar des Ortsmuseums mit seinen vier Objektgruppen «Sach­ güter», «Bücher», «Fotografien» und «Bildende Kunst» insgesamt rund 8000 Objekte. Davon befinden sich ein paar Hundert in der permanenten Ausstellung. Die Mehrzahl aller Objekte ist eingelagert. In der Regel wird jährlich eine neue Sonderausstellung präsentiert, welche jeweils im zweiten Jahr um Teilaspekte ergänzt wird. So bringen die Sonderausstellungen Objekte ans Licht, welche sonst dem Publikum nicht zugänglich sind. Wollte man sämtliche Objekte ausstellen, so müsste die Scheune bis unters Dach vollgestopft werden. Die Besucherinnen und Besucher würden förmlich überschwemmt und das einzelne Objekt ginge in der Masse unter.

Das Ortsmuseum als Sammler und Bewahrer von Geschichten Das Ortsmuseum Wängi sammelt nicht nur physische Objekte. Oft sind es auch Geschichten, welche auf keinen Fall vergessen gehen sollten. Da gibt es zum Beispiel Geschichten über Häuser oder Bauwerke wie etwa über den alten Gasthof Schäfli, das Restaurant Ochsen, das sogenannte Glarnerhaus bei der Neubrücke,

Blick ins Magazin Mehrzweckhalle. In den Gestellen rechts lagert die komplett abgebaute Schuhmacherwerkstatt Samuel Häseli in der Waldegg (Wilerstrasse 43), ergänzt durch Material aus der Schuh­ macherei Abderhalden an der Aadorferstrasse. Im Weiteren werden hier Objekte der Bereiche Handwerk und Gewerbe gelagert. Die land­ wirtschaftlichen Geräte im Hintergrund müssen noch gereinigt und in­ ventarisiert werden; dann werden sie ins entsprechende Magazin verlegt.

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das abgebrannte Vogthaus an der alten Landstrasse in Lachen, die Murgbrücke samt der Schäflikreuzung mit der Linde, die Brücke bei Heiterschen usw.

Sogenanntes «Glarnerhaus» an der Wilerstrasse um 1880. Nach dem Brand von Glarus 1861 wurden für die obdachlose Bevölkerung Baracken als Notunterkünfte errichtet. Nach dem Wiederaufbau des Ortes Glarus erwarb der Wängemer Fabrikant Stierlin zwei Stück und liess sie in Wängi als Arbeiterhäuser aufstellen. Das eine brannte ab, das andere wurde mit der Zeit etappenweise umgebaut.

Andere Geschichten erzählen von Wängemer Persönlichkeiten. Wie etwa Flugblätter der umstrittenen und denkwürdigen Gemeinde­ ammannwahl von Fritz Horber im Jahre 1966.50 Oder Pressemitteilungen und Zeitungsberichte von der Fastwahl von Hansjörg Walter zum Bundesrat im Jahre 2008.51 Weniger politisch ist dann der Briefwechsel von 1934 zwischen dem Thurgauer Dichter Alfred Huggenberger und der Schäfliwirtin Traude Mumenthaler.

Dasselbe Glarnerhaus zu einem späteren Zeitpunkt. Über die alte Baracke wurde kreuzweise ein Erweiterungsbau gelegt. Das Haus steht (nach weiteren baulichen Veränderungen) noch heute an der Wilerstrasse 27 (Einmündung des Wuhr­ haldenweges in die Wilerstrasse). Die ursprüngliche Barackenform lässt sich allerdings kaum mehr erkennen.

Vgl.: Raas, Andreas. (2008). Wängi. Der Weg von der Gerichtsherrschaft zur politischen Gemeinde. Wängener Heft 1. S. 61.

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Vgl.: Raas, Andreas. (2012). Von ländlicher Geborgenheit in die Neuzeit. Wängener Heft 3. S. 3 – 8.

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Ein Blick hinter die Kulissen des Museumsbetriebs

Aber auch im Zusammenhang mit der Dorfentwicklung kursieren Geschichten, welche im Museum gesichert werden: Geschichten aus der Weberei, aus der Maschinenfabrik am Murg­ ufer, Geschichten der Frauenfeld-WilBahn usw. Nicht selten kommen solche Geschichten ganz unerwartet zum Vorschein. In einer Schuhschachtel mit alten Briefen oder allerhand Souvenirs; in Tagebüchern oder in persönlichen Erinnerungstexten. Im Ortsmuseum befinden sich einige solcher persönlicher Texte. Der verstorbene Maler Otto Gubler zum Beispiel hat Häusergeschichten «Wängi vor 100 Jahren – Verzeichnis der alten noch bestehenden Gebäudeobjekte» sowie «Erinnerungen des Meldefahrers Otto Gubler an den Aktivdienst» festgehalten. Von Johann Hasler stammen reichhaltige «Aufzeichnungen zur Ortsgeschichte zwischen 1939 und 1949». Andri Janett hat einen Bauphasenplan des Dorfes mit einzelnen, verschieden eingefärbten Bauphasen erstellt. Sehr lesenswert sind auch die Aufzeichnungen von Eugen Adolf Gnehm aus Hunzikon: «Was mein Leben prägte – Berichte und Beschreibungen aus dem kleinbäu-

erlichen Alltag um 1950» mit zahlreichen Fotos (Herausgeber Kurt Gnehm). Schiesslich hat Georg Wiesmann einen Aufsatz «Zur Geschichte meines Dorfes» verfasst. Im Rahmen eines sogenannten Oral-HistoryProjektes haben Mitglieder des Stiftungsrates versucht, mit älteren Dorfbewohnern ins Gespräch zu kommen und deren persönliche Erinnerungen festzuhalten. So besitzt das Museum unterdessen eine Reihe von Tonaufnahmen zum Leben in Wängi während früheren Zeiten. Die Erzählungen sind zum Teil sehr ergreifend und vermitteln eine Direktheit, die mit einer auch noch so reichhaltigen Ausstellung schwerlich zu erreichen ist. Gerne würde das Ortsmuseum diese Gespräche mit älteren Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern intensivieren. Mit deren Ableben gehen auch ihre Geschichten für immer verloren. Besonders eindrücklich erlebte dies Daniel Sproll beim Gespräch mit einer betagten Frau in Obertuttwil zum Thema «Leben während des zweiten Weltkriegs». Sie verstarb während des Gesprächs.

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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Erbinventar der Witwe Anna Barbara Frey, «geborni» Wetter. 1829


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Die ersten beiden Sonderausstellungen 1987 und damit zugleich der Start in der Adlerscheune standen ganz im Zeichen zweier Jubiläen. Die Kirche Wängi feierte ihr 1100-jähriges und die Frauenfeld-Wil-Bahn ihr 100-jähriges Bestehen. Beide mit Ausstellungen im Ortsmuseum in seiner neuen Adlerscheune. Mit diesen beiden Jubiläumsausstellungen geriet dem Ortsmuseum Wängi wahrlich ein fulminanter Start! Im Dorf und im Kanton wurde bekannt, dass in Wängi ein aktives und ein attraktives Ortsmuseum im Entstehen war.

Pfarrherren, gegenwärtige und ehemalige Kirchenpräsidenten anlässlich des Kirchen­jubiläums. Von links nach rechts: Otto Bischof, Jakob Gamper, Ernst Christinger, Pfarrer Hans Geyl, Pfarrer Otto Frölich, Umberto DeMartin, Hermann Bommer, Norbert Krähenmann.

1987: 1100 Jahre Kirche Wängi Im Juni und Juli feierten die beiden Kirchgemeinden gemeinsam das 1100-jährige Jubiläum der Kirche Wängi. Die damaligen Kirchenpräsidenten Paul Pfaffhauser und Umberto De Martin organisierten neben verschiedenen Feier­lichkeiten eine reichhaltige Ausstellung zur Geschichte der Kirche und der beiden Kirchgemeinden. Auf grossformatigen Tafeln dokumentierten sie die Geschichte von der ersten Erwähnung im Jahre 887 bis 1987. Die Tafeln dienten später als Grundlage für eine Kirchengeschichte. Diese ist jedoch nie ganz fertig geschrieben geworden. Das Material befindet sich zum grossen Teil im Ortsmuseum.

Karfreitagsrätsche. Drehte man die Kurbel, klopften die Hämmer auf den Hohl­ raum im unteren Teil des Kastens. Das geschah in der Karwoche ab dem Gloria in der Messe zum Hohen Donnerstag bis zum Gloria in der Osternacht­ feier am Karsamstag, wo die Kirchenglocken der Legende nach zur Segnung in Rom weilten und daher nicht läuteten. Das Klopfen der Rätsche vom Kirchturm herab war weitherum zu hören.


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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Der Sammelteller ist aus Zinn. Der Griff brach wohl einmal weg und wurde nachträglich etwas unsach­ gemäss wieder angelötet. Dabei wurde ein Teil der Inschrift auf dem Rand beschädigt und hernach – leider nicht orginalgetreu – wieder ergänzt: ZUM · IN · LEG · GELT · DEN · · BEREN · GMEIND · WENGI EFANGELISCHEN · BEI · . Mögliche Deutung: Zum Einlegen von Geld der ehrbaren Gemeinde der Evangelischen. WENGI wurde später zusätzlich ein­ gefügt. Dies könnte ein Hinweis dafür sein, dass der Teller früher in einer anderen Kirche stand.

Wilerbahn mit Dampflokomotive vor der Station Wängi. Die Bahn wurde 1921 elektrifiziert. Links das Restaurant Schäfli, wo sich ursprünglich die Billett-Ausgabe befand.

1987: 100 Jahre Frauenfeld-Wil-Bahn Im August 1987 feierte die Frauenfeld-WilBahn ihr 100-jähriges Bestehen. Dies unter anderem mit einer Ausstellung zu ihrer Geschichte. Die damals erst teilweise genutzte Adlerscheune erwies sich als gleichermassen zentraler wie attraktiver Ausstellungsraum. Die Ausstellung wurde durch die Bahn erstellt, das Ortsmuseum bot für die Dauer der Ausstellung gewissermassen Gastrecht. Die Ausstellung war an zwei Wochenenden geöffnet und wurde ausgesprochen rege besucht. Neben der feier­lichen Eröffnung mit geladenen Gästen aus Politik und Verkehr fanden separate Presseanlässe und Führungen statt und am 22. August lud die Direktion der Frauenfeld-Wil-Bahn das gesamte Personal, insgesamt 130 Personen, zu einer gemeinsamen Besichtigung der Ausstellung ein.


Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Fahrplantafel der Frauenfeld-Wil-Bahn aus dem Jahre 1985. Der Fahr­ plan zeigt die Sonderzüge anlässlich des Festes «Es Dorf – es Fäscht – es Museum» vom Samstag, 29. und Sonntag 30. Juni 1985. Die Tafel befindet sich heute im Museum.

Abschied vom alten Bahnhöfli im Jahre 1993. Am Güter­ schuppen hängt ein Trauertuch mit einer Abschiedstafel: Bahnhof gestorben / 29. Mai 1993  / Letzter Gruss / Deine treuen Wängemer

Station Rosental mit der «Fahrkarten-Ausgabe». Links die hölzerne Brücke, welche beim Verlad von Gütern zwischen Bahnwagen und Rampe gelegt wurde. Ulrich Stutz, Stationsvorstand und Posthalter in einer Person, betreute die Station in den 1920er und 1930er Jahren. Sein Bein verlor er um 1928 bei einem Rangierunfall, wo er zwischen zwei Wagen geriet. Ruth Hirter-Ammann wohnte als Kind im selben Haus wie Ulrich Stutz und erinnert sich noch lebhaft an ihn. Mit seinen Krücken soll er sich sehr gewandt bewegt haben. Aufnahme um 1935.52

Näheres zur Station und Post Rosental findet sich in Kocherhans, Bruno. (2013). Hunzikon-Rosental zwei Dörfer – eine Geschichte.

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diesen Zwiespalt auf. Die unmittelbare Gegenüberstellung zwischen Vergangenheit und Gegenwart machte bewusst, dass die Arbeit auf dem Felde immer schon harte Arbeit war. Ob noch mit Pflug, Haue, Sense und Dreschflegel oder bereits mechanisiert mit Bindemäher und Dreschmaschine oder noch später mit dem Mähdrescher gearbeitet wurde. Immer waren die Bauern von morgens bis abends gefordert. Romantische Verklärungen des Landlebens wie etwa das Bild des majestätisch dahinschreitenden Sämanns im Sonnenaufgang gaben immer ein Zerrbild der Realität ab. Mit Schlagzeilen aus der damaligen Tagespresse machte die Ausstellung zudem auf die schwierige Situation des Bauernstandes und auf die unsichere Zukunft der Landwirtschaft aufmerksam: «Agrarpolitik wohin?», «Hat Bauersein noch Zukunft?», «Ist Landwirtschaft mitschuldig am Waldsterben?» oder «Wie gesund ist der Bauernstand?» Für heutige Leserinnen und Leser: Das sind Schlagzeilen aus der Presse von 1987! Könnten sie nicht auch von heute sein?

Dreschflegel und Getreidewanne. Geflegelt wurde gemeinsam von zwei, drei, vier oder sechs Personen. Mit gesprochenen oder gesungenen Versen wurde der Takt ge­halten. Daneben Getreide­säcke von Wittenwil und Untertuttwil aus dem 19. Jahrhundert

1988: Landwirtschaft im Wandel 1988 wurde im Ortsmuseum ein weiterer Themenbereich «Landwirtschaft im Wandel» eröffnet. Auch bei dieser Ausstellung ging es wie schon 1987 bei der Eröffnung um die Grundfrage nach dem Verhältnis der heutigen Menschen zu ihrer Vergangenheit. «Wir leben in einer modernen Zeit mit einem merkwürdigen Hang zur Vergangenheit», so Ernst Trachsler in seiner Eröffnungsrede. Die Ausstellung zeigte

100 Fotos von Bauernhäusern, welche in unserer Gemeinde während der letzten zwei Jahrzehnte zu Wohnhäusern mit umfunktionierten Scheunen umgebaut worden waren, belegten die gravierenden Umwälzungen auch im Dorfbild. Die Erinnerung an das gemütliche Bauerndorf Wängi mit seinen Bauernhäusern womöglich mit blühenden Geranien vor den Fenstern entsprach schon lange nicht mehr der Realität. Hubert Bommers Kuhherde, welche bis 1987


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Windmühle zum Ausblasen des frisch gedroschenen und noch mit Grannen und Spelzen durchsetzten Körnerguts. Die schweren Körner fielen durch den Luftzug hindurch nach unten, die Grannen und die leichten Spelzen wurden aus dem Kanal geblasen. Windmühlen mit liegendem Windrad und hölzerner Kraftübertragung sind selten.

noch jeden Morgen von seinem Hof (heute COOP) die Dorfstrasse hinab und die Steinlerstrasse hinauf auf den Dammbühl getrieben wurde, war ein letzter Zeuge dieser vergangenen Zeiten. Die Ausstellung zum Thema Wandel in der Landwirtschaft ist bis heute Teil der ständigen Ausstellung und soll demnächst in Teilbereichen aktualisiert werden.

Schnittzeichnung durch einen Mähdrescher um 1975. Unter dem Führersitz befindet sich die Dreschwalze, dahinter der schräg nach oben laufende Rüttler, welcher das Stroh nach hinten befördert und schliesslich ausstösst.

Zapfendreschmaschine und Rüttler. Ursprünglich wurden solche Dreschmaschinen mit einem Göpel angetrieben. Später wurden sie oft auf Transmission mit einem fahrbaren Elektromotor umgebaut. Die offen laufenden Transmissionsriemen waren nicht selten Ursache schrecklicher Unfälle.

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Werbeplakat für die Ausstellung, von einer Schulklasse gestaltet. Für das Bild wurden aus­schliesslich Getreide­körner verwendet.

Schlitten mit Kastenauf­ bau zum Austragen des Brotes. Vorne Deichsel für einen Zughund (z. B. Berner Sennenhund) oder ein Pferd. Damit soll Bäcker Krähenmann sein Brot nach Tuttwil geliefert haben. Davor eine «Brotchräze».

Tuchschmid, Karl. (1948). Geschichte von Wängi. S. 150 – 151.

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1989: Brot Im Zusammenhang mit dem umfassenden Thema «Landwirtschaft im Wandel» wurde ein Jahr darauf mit der Ausstellung «Brot» ein konkretes Teilthema herausgegriffen. Ein erster Bereich der Ausstellung widmete sich dem Mahlen; vom Reibstein der nomadisierenden Völker bis zur Mühle der sesshaften Bauern. Schon 1618 im sogenannten «Legerbuch der Herrschaft Wengi» wurden Mühlen erwähnt: «… Item die Müli samt der Behausung daran, hat zwei Malmühlen und ein Röllen (Spezielle Mahlsteine zur Entfernung der Spelzen). Item ein wenig unter(halb) solcher Müli ist noch ein kleine Mül, hat zwei Malmülen und dann ein Rad, treibt ein Stampfen und drei Pleuel (zur Bearbeitung des Flachses), sonst hat solche kleine Müli keine Gemächer. Item der Bau der Segen (Sägerei) hat ein Wasserrad und treibt eine Segen.»53 Die letzte Nachricht über die Mühle Wängi stammt von 1823. Fabrikherren aus nah und fern kauften damals im ganzen Murgtal die mit den Mühlen verbundenen Wasserrechte, um Spinnereien und Webereien zu betreiben. Die Mühle Wängi samt all ihren Wasserrechten erstand der Schaffhauser Unternehmer und Regierungsrat Michael Stierlin zusammen mit J. Bachmann, wohnhaft in Schönenberg-Anetswil. Das Wasser wurde dann für die «Spinnerey Wengi» genutzt.


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Zwei schöne Gebildbrote, her­ gestellt von Wängemer Bäckern. Gebildbrote nennt man Brote, welche zu bestimmten Festen oder traditionellen Anlässen ge­ backen werden.

Im Weiteren zeigte die Ausstellung die Entwicklung der Bäckereien im Dorf und die Bedeutung des Brotes im Alltag der Bevölkerung. Auch wann sich in der Vergangenheit Mangeljahre und in der Folge Hungersnöte einstellten, wurde aufgezeigt. Abgerundet wurde die Ausstellung mit sogenannten Gebildbroten. Das sind besonders gestaltete Brote in Zusammenhang mit heidnischem und christlichem Brauchtum wie etwa Weihnachts- oder Ostergebäcke, Fasnachtschüechli usw. Diese wurden von den beiden Dorfbäckern Christian Nafzger und Peter Kamin speziell hergestellt. Ersterer bereicherte die Ausstellung zudem mit einem Vortrag «Brot durch die Jahrtausende». Darin schlug er einen geschichtlichen Bogen von den ersten Brotnachweisen bis in die Neu-

zeit und hin zu seinem Beruf als Bäcker. Unvergessen der Augenblick, als der Referent gegen Schluss seines Vortrags vor versammeltem Publikum sein Hemd auszog und darunter ein Leibchen (heute hiesse das T-Shirt) mit dem Aufdruck zum Vorschein kam: «Ich ha guet lache, ich ha glernt bache». Die Ausstellung wurde speziell gut besucht. Die beiden Pfarrherren wählten in ihren Sonntagspredigten das Thema Brot und verwiesen dabei auf die Ausstellung im Museum. Auch die Vereinigung zur Förderung der Kulturpflege nahm die Ausstellung in ihr Jahresprogramm auf und sorgte damit für zusätzliche Aufmerksamkeit.

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1989: Dreschen Im selben Jahr wurde auch der landwirtschaftliche Bereich um das Thema Dreschen erweitert. In Ergänzung zur Ausstellung im Museum legte Ruedi Götz auf der Adlerwiese einen kleinen Getreideacker mit verschiedenen Getreidesorten an, darunter Emmer und eine alte Weizenart. In der Ausstellung konnten dann die Körner auf Reibsteinen zu Mehl gemahlen werden. Das Brot aus diesem Mehl war allerdings stark mit Abrieb des Mahlsteins durchsetzt. Übrigens mit ein Grund, dass frühere Völker regelmässig gravierende Zahnschäden aufwiesen. Mahlsteine. Hergestellt von Schülern der 6. Klasse im Werkunterricht. Platte aus Sandstein, Reibstein aus Quarz. Backenzahn aus den Grabungen bei den Pfahlbausiedlungen am Egel­ see bei Niederwil. Die Kaufläche ist stark abgeschliffen. Daneben Schale einer Haselnuss. Beides stammt aus der Jungsteinzeit 6500 – 4000 v.Chr. und wurde von einem Wängemer Primarschüler im Grabungsabraum gefunden und ins Museum gebracht.

Am Thema Dreschen lässt sich sehr schön zeigen, wie in der Bauernschaft die kollektive Selbsthilfe und der Gemeinsinn seit jeher Tradition hatten. Nachdem die mechanisierten Dreschmaschinen den Handdrusch abgelöst hatten, schlossen sich die Bauern zu Dresch­ genossenschaften zusammen. Gemeinsam erwarben sie eine Dreschmaschine und liehen sie dann von Hof zu Hof aus. Die Dresch­ genossenschaft Hunzikon-Rosental ist ein Beispiel dafür. Bei Bruno Kocherhans finden sich zahlreiche interessante Einzelheiten aus dem Leben der Dreschgenossenschaft.54

Kocherhans, Bruno. (2013). Hunzikon – Rosental. Zwei Dörfer – eine Geschichte.

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Buch über die Landwirtschaft: «Das Sibende Buch vom Feld­ baw: Inhaltend von Wisen / Matten / Weihern und Fischteuchen. Das 1. Capitel. Dass zweyerlei Wisen und Matten seien.» Landwirtschaftliches Lehrbuch aus dem Jahre 1653. Im Besitz des Ortsmuseums

Dreschmaschine von 1947. Fotografiert von Hermann Gnehm.

Protokollbuch der Dreschgenossenschaft HunzikonRosental von ihrer Gründung am 29. September 1918 bis zu ihrer Auflösung am 15. Mai 1973 mit dem Verkauf sämtlicher Maschinen.


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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Probemosaik 60cm x 90cm in Originaltechnik mit gebrochenen Na­ tursteinen. Das Engels­ gesicht gehört im Ori­ ginal an der Chorwand zum Engel oben links mit Sichel und Trauben. Er steht für das Gericht beziehungsweise die Ernte, wie sie im Neuen Testament in der Offen­ barung des Johannes erwähnt wird. Der En­ gel mit Sichel und Trau­ ben findet sich in Kapi­ tel 14, Verse 14 – 20. Er soll uns ermahnen, Gott dereinst eine gute Ernte vorweisen zu können. Für die ganze Chor­ wand benötigte Johann Jakob Zemp 24 Tonnen Steine in 100 verschie­ denen Farbtönen.56

1989: Johann Jakob Zemp (Mosaizist) Der katholische Pfarrer Josef Isenegger engagierte sich bereits vor und dann vor allem während der Bauphase vehement dafür, dass die katholische Johanneskirche mit neuzeitlicher Kunst ausgestattet werde. Architektur und Kunst sollten von Beginn weg aufeinander abgestimmt sein. Was ja dann mit der Chorwand auch eindrücklich gelungen ist. Josef Isenegger selbst brachte den Namen des damals noch jungen Künstlers Johann Jakob Zemp aus Küsnacht in die Diskussion.55 Zemp war zu dieser Zeit noch wenig bekannt und seine MosaikEntwürfe stiessen in Wängi zunächst nicht auf ungeteilte Begeisterung. Trotzdem wurden sie schlussendlich ausgeführt: Den Seitenwänden entlang die Stationen des Leidenswegs Christi als Stein- und das Dach über der Taufkapelle als Glasmosaik. Bei der Einweihung der Kirche noch nicht fertig war das monumentale Steinmosaik an der Chorwand. Mit der Setzung des grossflächigen Hintergrunds war Werner Eberli, Maler und Bildhauer aus Gottlieben in monatelanger Kleinarbeit beschäftigt. Die Innenseite der Wand musste leicht schräg gestellt werden, damit sie das Gewicht des Mosaiks aufzunehmen vermochte. Johann Jakob Zemp machte in seinem Atelier Versuche mit dem Brechen und dem Setzen der Steine. Zur Prüfung der Grössenverhältnisse fertigte er ein Engelsgesicht im Massstab von 1:1 an. Dieses

Spitze Wängemer Zungen behaupten heute noch, der Architekt Fritz Metzger habe die Kirche rund um Zemps Mosaiken gebaut oder bauen müssen.

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Festschrift Katholische Kirchweihe Wängi 13. Juli 1958

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stellte er anschliessend in sein Estrichfenster und betrachtete es von der Strasse aus, um Erkennbarkeit und Wirkung aus grosser Distanz zu testen. Er befand das Ergebnis als gelungen und realisierte die Figuren gemäss Vorlage. Auch den auffallend sorgenvollen oder gar bekümmerten Gesichtsausdruck des Engels übertrug er ins Original. Es ist der Engel mit Sichel und Trauben oben links. Auf Initiative von Josef Sager aus Heiterschen nahm das Ortsmuseum mit dem Künstler Kontakt auf und organisierte zu seinem 80. Geburtstag eine umfassende Werkschau. Ein Vortragsabend von Johann Jakob Zemp mit dem Titel «Aus meiner Werkstatt als Maler, Mosai­ zist und Glasmaler» rundete die Ausstellung ab.57 Als Dank für die Ausstellung vermachte Johann Jakob Zemp das erwähnte Probemosaik zusammen mit einem Entwurf des Glasmosaiks über der Taufkapelle dem Ortsmuseum. Entwurf für die Glasdecke der Taufkapelle. Acrylfarbe auf Papier

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Johann Jakob Zemp wurde später nicht zuletzt auf Grund der vielbeachteten Arbeiten in Wängi ein bekannter Kirchenkünstler. Er fertigte zahlreiche Werke auch in Übersee.

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Fahne Turnverein von 1905. Kunstvolle Stickerei auf Seide. Die Seide wurde mit dem Alter spröde und reisst nun allein schon vom eigenen Gewicht. Die ursprünglich vor­ handene Speerspitze auf der Fahnenstange ist verschollen.

Fahne Gesangverein Waengi, auf Seide gemalt

1990: Wängi und seine Vereine Aus der Anzahl und der Art der Vereine eines Dorfes lässt sich immer etwas aussagen über die kulturellen und sozialen Interessen sowie über den Gemeinsinn der Dorfbewohner. Die Ausstellung «Wängi und seine Vereine» machte bewusst, wie reichhaltig das Vereinsleben in Wängi ist. Viele Vereine gestalteten ihren Auftritt in der Ausstellung denn auch weitgehend selbstständig. Allgemein gut bekannt waren schon immer jene Vereine, welche ihre Vereins­ tätigkeit auf den öffentlichen Auftritt ausrichteten und ohne die Dorffeste jeglicher Art nicht denkbar wären. Dazu gehören etwa die verschiedenen Chöre, die Blasmusik, der Theaterverein oder bedingt auch die Turnvereine. Auch der Skiclub Tuttwil mit seinen – wenn die Witterung es zuliess – jährlichen Skiwett­bewerben mit Abfahrt, Langlauf und Skispringen am Tuttwilerberg gehörte 1990 noch ins öffentliche Bewusstsein. Daneben existiert aber eine Vielzahl von Vereinen, welche ihr Vereinsleben eher im Stillen pflegen. Mit der Ausstellung traten auch sie an die Öffentlichkeit und machten auf sich aufmerksam. Die Ausstellung zeigte zudem, dass einige Vereine sich aus verschiedenen Gründen im Laufe der Zeit wieder aufgelöst hatten, so etwa der Männerverein oder der Veloverein.


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Mit der Sammlung von Objekten zum Wängemer Vereinsleben leistet das Ortsmuseum einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Gedächtnis des Dorfes. Es ist daher wichtig, dass die Vereine ihre Akten und Insignien sicher aufbewahren oder gleich dem Museum anvertrauen. Als Temporär-Leihgaben können sie etwa für das Abfassen von Vereinsbroschüren oder für Feste jederzeit wieder ausgeliehen werden.

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Fahne Sängerbund von 1907. Handstickerei auf Seide

Verschiedene Vereinsinsignien des Turnvereins: Kränze von eidgenössischen und kantonalen Turn­ festen von1959 bis 1971, ein Pokal von 1955 und ein Füllhorn von 1899 Standarte des Schützen­vereins Tuttwil aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Masse: 65 cm x 65 cm.


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Gründungsprotokollbücher. Evangelischer Frauenverein 1914 und Männer-Verein 1884.

Diplom 1919 für den Veloclub Wängi. Er erkämpfte sich den 13. Rang im Preis-Korso in Flawil.


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Bergmolchpaar in Hochzeitsfärbung. Aufnahme Ruedi Götz

1990: Lurche und Amphibien Im Frühjahr 1990 beherbergte das Ortsmuseum für zwei Wochen eine Wanderausstellung des kantonalen Naturmuseums zum Thema einheimischer Lurche und Amphibien. Remo Volpez eröffnete die Ausstellung mit einem Diavortrag. In mehreren Terrarien waren lebende Tiere aus der Nähe zu beobachten. Sie wurden von Wängemer Lehrern betreut.

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1991: Wirtschaften und Weinberge in Wängi 1991 wurde die Ausstellung im bislang noch leerstehenden Tenn eröffnet. Sie wurde hinterher nicht mehr abgebaut und prägt bis heute den ersten Eindruck beim Betreten des Ortsmuseums. Erst 2016, nach 25 Jahren, wurde nun das Thema Wein- und Obstbau teilweise neu gestaltet.

Siegfried Karte von 1883. Die Weinberge in und rund um Wängi sind farbig markiert. Der Weinberg im heutigen «Weinberg-Quartier» existiert 1883 schon nicht mehr. Um 1870 hat Johann Alphons Berkmüller ihn noch gezeichnet.

Die Ausstellung Wirtschaften und Weinberge in Wängi zeigte zum einen anhand von Karten und Gerätschaften die historische Entwicklung des Wein- und Obstbaus in unserer Gegend. Vor allem der Weinbau wurde noch im 19. Jahrhundert an zahlreichen Hängen betrieben, bevor dann die aus Amerika eingeschleppte Reblaus dem Rebbau den Garaus machte.58 Flurnamen wie Weinberg oder Wingert (Weingarten) erinnern noch daran. Die Siegfried-Karte von 1883 verzeichnet in Wängi noch zahlreiche Rebberge. Dann zeigte die Ausstellung einen Überblick über die zahlreichen verschwundenen Schankstuben und die noch existierenden Wirtschaften und erlaubte damit einen sozialhistorischen Einblick in das Freizeitverhalten unserer Vorfahren.

Die Reblaus befiel die Wurzelstöcke der Reben und konnte mit den damaligen Mitteln nicht bekämpft werden. Die zahlreichen Rebberge verschwanden fast gänzlich aus dem Thurgauer Landschaftsbild.

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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Handbetriebene Obstmühle zum Zerkleinern des Obstes. Mit einem raffinierten Getriebe wurden die Äpfel zur Walze hin geschoben. Der Trichter war von Holzwürmern zerfressen und musste ersetzt werden.

Schwere Mostpresse. Das zerquetschte Obst wurde in Tücher gepackt und unter Brettern ausgepresst. Der Most floss in die Mostwanne. Darüber auf dem Tablar eine Beerenpresse

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Wirtschaft und Metzgerei Ochsen. Davor noch die Stange zum Anbinden der Pferde sowie eine Benzinzapfsäule. Abgebrochen 2010. Der Ochsen florierte und profitierte wie auch das Schäfli und bedingt noch der Hirschen von der günstigen Lage an der viel­befahrenen Kreuzung. Alle drei verfügten auch über Aussenbereiche oder Gartenwirtschaften. Aufnahme um 1930 (Neubau Brücke 1948).


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Ausschank- und Trinkgeschirr für Most und Wein

Selbstverständlich wurde nicht nur Wein und Most getrunken. Kaffeeservice aus dem Jahre 1850

Das korrekte Anrichten und das Trinken wollten geübt sein. Puppen­ service aus Aluminium aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hersteller SIGG Frauenfeld

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Zuchtbücher für Stiere und Kühe

Klassischer Milchhafen und Chacheli

1992: Vom Futter zur Butter Im Jahr darauf wurde die ständige Ausstellung im Bereich Landwirtschaft um ein weiteres Kapitel erweitert. Themen waren die Viehzucht und die Verarbeitung von Milch zu Butter und Käse. Auf einer Statistik wurde die Milchleistung von Kühen dargestellt. Diese lag 1970 bei 3600 Litern und 1990 bei 4700 Litern. Setzt man die Statistik in die heutige Zeit fort, so lagen die Werte 2000 bei 6100 Litern, 2007 bei 7000 Litern und 2013 bei 7400 Litern. Amerikanische Hochleistungskühe in Wisconsin und Idaho sollen schon 2001 9750 Kilo Milch geliefert haben. Die weltweit höchsten Milchleistungen werden derzeit in Israel mit fast 12 000 Kilo erbracht. In Indien liegen sie aktuell zwischen 2000 Kilo und 5500 Kilo. Nur schon diese wenigen Zahlen lassen einen die unglaublichen Veränderungen in der Landwirtschaft während der zwei letzten Generationen erahnen. Der Bauer von früher hat nichts mehr mit dem Bauern von heute zu tun; und der Bauer von hier nichts mit dem Bauern von anderswo. 1955 arbeiteten in Wängi 435 Personen in der Landwirtschaft. 1975 waren es noch 228 und zehn Jahre später noch 146. Der Schrumpfungsprozess schritt unbarmherzig weiter: 1985 waren es noch 124. Seither sind die Zahlen in vergleichbarem Ausmass weiter zurückgegangen.


Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

In der Mitte ein Rahmschöpfer aus einem Stück Holz geschnitzt. Links Rahmbecken, ebenfalls aus einem einzigen Stück Holz (Durchmesser 50 cm). Darin wurde die Milch über Nacht ruhen gelassen. Am Morgen hatte sich der Rahm an der Ober­fläche gesammelt und konnte mit dem flachen Rahm­ schöpfer abgeschöpft werden. Im Hintergrund irdener Rahmhafen.

Zwei sogenannte Butterfässer. Der Rahm wurde darin solange bewegt (gestossen oder gedreht) bis er zu Butter gerann und fest wurde.

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1993: Wängi auf alten Fotos und Wängemer Fotoalben

Atelieraufnahme Kinder der Familie Isenring-Gamper. Links Marie. Rechts Heinrich, später Zimmermann an der Chüechligasse. Aufnahme Fotograf Jacob Bär, Frauenfeld 1911

Anna Walder mit einem Kind der Familie Puppikofer. Aufnahme 1912, Fotograf Jacob Bär, Frauenfeld

Mit der Ausstellung ermöglichte Ruedi Götz den Besucherinnen und Besuchern einen Blick in zahlreiche private Wängemer Fotoalben. Die Funktion von Fotoalben – so zeigte sich sehr deutlich – hat sich im Laufe der letzten 100 Jahre vollständig geändert. In der bürgerlichen Familie des 19. Jahrhunderts lösten die Familienalben zunächst die früheren in Öl gemalten Portraits von Familienmitgliedern ab. Familienalben hatten die Funktion einer fotografischen Familiengalerie und waren in diesem Sinne immer auch Ausdruck eines selbstbewussten Familiensinns und damit Vorzeigestücke. Diese Art Alben blieb zunächst den vermögenderen Schichten vorbehalten. Die nicht selten in kostbare Stoffe gebundenen und mit allerlei Ornamenten und metallenen Beschlägen ausge­ statteten Alben lagen auf dem Salontischchen und wurden den Besuchern vorgelegt. In sozial weniger gehobenen Schichten existierten zu dieser Zeit solche Familienalben nicht. Es fehlte entweder der bürgerliche Familiensinn mit seinem Hang zur Tradition. Oder es mangelte das Geld für den Fotografen. Schlägt man solche Alben auf, so finden sich in aller Regel – ganz im Stile der in Öl gemalten Portraits – fotografische Frontalaufnahmen, sogenannte «cartes de visites». Für solche Aufnahmen begab man sich sorgfältig gekleidet ins Atelier eines professionellen Fotografen.


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Atelieraufnahme «Lieutenant» Willi Büchi. 1910 bis 1918 «Secundarlehrer» in Wängi. (Man beachte die Schreibweise!). Er soll von eher kleinem Wuchs gewesen sein und seine Klassen mit militärischer Zucht geführt haben. Büchi war zudem Pistolen­ vizeweltmeister. Der Rang eines Leutnants verhalf schon immer zu gesellschaftlichem Ansehen. Auf alle Fälle sind auf einem Situationsplan der Gemeinde Wängi von 1902 59 die Bewohner mehrerer Liegenschaften mit «Lieutenant» bezeichnet («Lieutenant» Bommer, «Lieutenant» Felix, «Lieutenant» Früh).

Dieser liess die Personen in vorteilhafter Haltung vor einer gemalten Kulisse posieren. Die Aufnahmen wirken auf uns in der Regel etwas steif. Allerdings musste man sich bei den damaligen Belichtungszeiten für ein paar Momente möglichst unbeweglich verhalten. «Und jetzt nicht bewegen!» hiess jeweils die Anweisung. Die abgelichteten Personen wurden in der Regel mit entsprechenden Attributen ausgezeichnet, welche zu erkennen gaben, welchem Stand sie angehörten, welchen Rang sie bekleideten oder welchen Beruf sie ausübten. Dazu gehörten etwa Schärpen, Uniformen und Kostüme sowie Bücher oder romantische Landschaften im Hintergrund. Solche Fotos waren ohne Ausnahme sorgfältig komponierte «Bilder». Fotografische Schnappschüsse waren damals nicht denkbar. Allerdings aus technischen Gründen auch schwer machbar.

Situationsplan der Gemeinde Wängi von 1902. Klärung möglicher Standorte für das künftige neue Dorfschulhaus 1903. Heute an der Dorfstrasse.

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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Verschiedene Familienalben um 1900

Was für ein Unterschied zwischen diesen biedermeierlich fotografischen Familienchroniken und den Fotoalben unserer Grosseltern und Eltern aus der Zeit des 20. Jahrhunderts! Nun hatte man einen eigenen Fotoapparat. Nun wurden die Fotos bei wichtigen Gelegenheiten selbst geknipst. Die Alben hatten den Stellenwert von fotografischen Familienchroniken. Sie dienten der Erinnerung: Ist das nicht Onkel Albert? Und die da gleich dahinter? Tante Heidi? Oder doch Susi? Die Alben hielten biografische Episoden fest und dokumentierten Ereignisse. Geplante wie etwa Familienanlässe oder zufällige wie etwa ein Unwetter oder den Zeppelin. Sie waren eine Hilfe gegen das Vergessen und eine Stütze für das Erinnern: eine Art fotografische Chronologie des Lebens. Und die Reisefotos waren stolze Belege für die «Eroberungen» in der näheren oder weiteren Welt. Nicht selten wurden Reisefotos mit zusätzlichen Hinweisen versehen: «Töfffahrt über den Susten» oder «Rudern auf dem Untersee». So ergibt sich eine Art Mischform zwischen Fotoalbum und (Reise-)Tagebuch. Blättert man in diesen Alben, so erfährt man – so reichhaltig die Fotos auch sein mögen – wenig bis nichts über den normalen Alltag unserer Vorfahren. Wie haben sie gelebt? Wie den


Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Tag verbracht? Wie gewohnt? Wie gegessen? Wie gearbeitet? Aufgenommen wurden immer nur ausserordentliche Situationen. So ziehen sich stereotype Sujets quer durch die Alben aller Familien: Die Mutter und ihr Kind, das Kind in der Badewanne, die ersten Schritte. Später dann Kind und Stofftier oder Puppe, Kind im Sandhaufen, Kind mit Puppenwagen oder Kind beim Fussballspiel. Später dann Klassenfotos, Schulreisen, Pfadilager, Fasnacht oder Theateraufführungen, Geburtstage oder Hochzeiten und noch später Ausflüge und Reisen. Da sieht man dann den Rheinfall, die Rigi oder den Eiffelturm. Auch Aufnahmen aus dem Militärdienst gehören unabdingbar zum Repertoire der Familienalben unserer Eltern und Grosseltern. Heutige Alben enthalten viel eher auch Privates und Intimes. Die Sujets werden spontaner gewählt und sind oft zufälliger. Man greift heute schnell zum Apparat. Man hat die Kamera ja auch jederzeit dabei. Mit dem Handy ist das praktisch. Immer weniger Leute fotografieren heute noch im eigentlichen Sinne, die meisten knipsen nur noch. Die bildnerische oder kompositorische Qualität der Fotos hat gegenüber den früheren professionellen Portraitaufnahmen merklich abgenommen. Unschärfen, schlechte Belichtungen oder unüberlegte Bildausschnitte nehmen zu. Wichtig ist allein der Augenblick. Die Fotodateien der modernen Knipsergeneration sind nur noch bedingt fürs Vorzeigen bei Verwandtenbesuch ge-

Typische Seite aus einem Familienalbum. Anonym um 1920

Beispiel eines stereotypen Sujets: Mutter mit Kind. Anonym 1941

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Beispiel einer Aufnahme eines bestimmten Anlasses: Klassenzusammenkunft. Anonym um 1930

Beispiel einer spontanen Auf­ nahme: Kinderhochzeit. Der Hochzeitszug wurde zufällig von einem Journalisten fotografiert und in der Zeitung veröffentlicht. Erst auf diesem Umweg fand die Aufnahme den Weg ins Familien­ album des Bräutigams. Um 1955


Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Beispiele von Fotos von Ausflügen und Reisen. Anonym um 1920

eignet. Allerdings sind angesichts der heutigen Mengen an Fotos die Besucherinnen und Besucher dafür ja auch dankbar. Und in Zukunft? Sind die Familienalben nach 200 Jahren am Aussterben? Immer mehr finden sich in den Büchergestellen angefangene und nicht fertig gestellte Alben. Mit dem Schul­ eintritt hört die Zeit des intensiven Fotografierens in den Familien langsam auf. Die letzten Fotos liegen lose hinten im Album und fallen beim Öffnen jedes Mal heraus. Wer klebt an einem verregneten Sonntag noch Fotos ein? Fotografiert nicht längst jedermann digital? Mit dem Handy? Und wo landen dann die Fotos?

Links ein Handy der ersten Generation. Nokia um 2001. Einzige Funktion: Telefonieren. Rechts Smartphone von heute mit unzähligen zu­ sätzlichen Funktionen, die mit einem Telefon nichts mehr zu tun haben.

Und zu welchem Zweck eigentlich? Ist das selbst montierte Fotobuch bei einem der vielen Internet-Verlage die Zukunft? Viele offene Fragen! Gerade auch für Leute, welche überall und bei jeder Gelegenheit Selfies schiessen und diese der Öffentlichkeit gedankenlos zur Verfügung stellen. Markieren die Selfies vielleicht eine neue Epoche im Umgang mit der Fotografie? Dass man sich selbst jederzeit ins Zentrum rückt? Ausdruck einer Art Selbstverliebtheit? Die Ausstellung bot insgesamt eine treffliche Gelegenheit, auf Grund eines Blickes in die Vergangenheit über seine eigenen Gewohnheiten und deren Sinn und Zweck nachzudenken.

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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Ausrüstungs­ gegenstände eines Füsiliers um 1940: Tornister mit Brotsack und Gamelle, Helm, Patronentaschen, Karabiner und Bajonett

Militärischer Marschbefehl für Sanitätssoldat Walter Hörnlimann anlässlich der Mobilmachung im Jahre 1945

1994: Wängi vor 50 Jahren. Geschichten aus der schwierigen Zeit zwischen 1939 und 1945 Diese Ausstellung deckte die Spuren auf, welche der zweite Weltkrieg in unserem Dorf hinterliess. Es wurde nicht nach den grossen politischen und kriegerischen Ereignissen auf der Bühne der Weltgeschichte gefragt. Die Frage der Ausstellung lautete: Was geschah damals in Wängi als rundum der zweite Weltkrieg tobte? Wie bildete sich dieses grossräumige Geschehen im Mikrokosmos unseres Dorfes ab? Daher auch der Titel «Geschichten aus der schwierigen Zeit zwischen 1939 und 1945». Die Ausstellung zeigte Soldatenausrüstungen von der Uniform über den sogenannten Grabstein60 bis zur Bewaffnung, persönliche Mobilmachungsaufgebote, Soldateneide und Dankesurkunden für den geleisteten Aktivdienst. Im Weiteren waren Dokumente zur Ortswehr oder zur Brückenbewachung zu sehen. Dazu kamen Rationierungsmarken, Rezeptbücher zum Haushalten in knappen Zeiten, Fotos zu den in Wängi internierten Franzosen, Unterlagen und Anweisungen an die Bauern im Zusammenhang mit der nationalen Anbauschlacht usw. Ein eindrückliches Beispiel für die Auswirkungen des Geschehens auf den europäischen Politbühnen und Schlachtfeldern auf das Dorf Wängi ist die berührende Geschichte von Sämi Lehmann, dem Pflegesohn der Familie Leh-

«Grabstein» heisst im Volksmund die persönliche Erkennungsmarke des Soldaten. Ein ovales Metallschild mit doppelt aufgeführten Personaldaten und einer Sollbruchstelle in der Mitte.

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Ein RĂźckblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Weihnachtsbotschaft General Guisans an die Truppen. 1940

Eid eines Soldaten des FĂźsilier-Bataillons 80

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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Erinnerungstafel der in­ ternierten Franzosen. Sie ist aus Marmor und wiegt 17 kg. Ursprünglich hing die Tafel an der Nordwand des Schäflisaales, wo die Internierten während ihrer Wängemer Zeit untergebracht waren. In der Nacht vom 26. auf den 27. März 1976 brannte das Restaurant Schäfli nieder. Beim Abbruch wurde die Tafel beschädigt. Der Tierarzt Adolf Josef jun. nahm die Tafel samt der abge­ brochenen Ecke an sich und übergab sie 2001 der Gemeinde. Von dort gelangte die Tafel schliesslich ins Ortsmuseum.

mann. Im Tagebuch von Johann Hasler, einem wichtigen Wängemer Dorfchronisten, findet sich am 16. November 1940 der Eintrag von Sämis Tod. Ein Todesfall, der das Dorf aufwühlte. Internierte Franzosen trugen den Sarg zum Friedhof. Die Dorfbevölkerung schloss sich dem Trauerzug an oder stand am Strassenrand Spalier. Sämi stammte aus Frankreich

und war vom Vater in die Schweiz zu seinem Onkel in Sicherheit gebracht worden. Nach Wängi. So wurde er mit erst 16 Jahren zum Übersetzer und zum Vermittler zwischen dem Dorf und den französischen Soldaten. Er starb an geplatztem Blinddarm. Am gleichen Tag starben auf den Schlachtfeldern Europas Tausende Soldaten, alles auch Söhne, Brüder und


Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Väter. Davon findet sich in Johann Haslers Tagebuch kein Eintrag. Um Sämi aber konnte man trauern. Er war einer von hier. Er hatte den Kriegstod ins Dorf gebracht. Das grosse Sterben irgendwo auf Europas Schlachtfeldern aber war längst zum abstrakten Geschehen geworden.61 Nach dem Krieg kehrten einige der internierten Franzosen in die Schweiz zurück. André Viard zum Beispiel heiratete hier und zog später nach Kreuzlingen. Die Versorgungsengpässe machten es notwendig, die Anbauflächen zu vergrössern. Die Bauern wurden verpflichtet, mehr Ackerflächen anzulegen. Das erforderte da und dort eine Umstellung des Betriebs. Nicht alle waren damit einverstanden und sie wehrten sich. Auch in Wängi kam es zu entsprechenden Strafverfahren und Zwangspachten.62

Vgl. Raas, Andreas. (2012). Von ländlicher Geborgenheit in die Neuzeit. Wängener Heft 3. S. 154.

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Protokoll der Ackerbaukommission Wängi vom 13. Mai 1943.

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Gedenktafel mit den Namen der 57 internierten Franzosen. Einige sind nach dem Krieg zurück­ gekehrt. Deren Namen finden sich heute noch im Thurgau.


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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Besonders eindrücklich ist die Geschichte des Bauern K. G. aus Anetswil. Er weigerte sich, der Anbaupflicht nachzukommen und seine Wiesen in Äcker umzupflügen. Ein Strafverfahren wurde eingeleitet. Zunächst erfolgte eine Mahnung und der Schuldige hatte zur Strafe Heu abzuliefern. Schliesslich wurden 160 Aren seines Bodens in Zwangspacht genommen. Dafür erhielt er eine Entschädigung. Allerdings mochte er sich auch weiterhin den Anordnungen nicht fügen. Bei Besuchen der Kontrollkommission soll er sich in seinem Haus verbarrikadiert haben. Schlussendlich verfügte das Waisenamt Wängi eine psychiatrische Untersuchung. 1944 wurde sein Hof verpachtet und K. G. in die psychiatrische Anstalt Münsterlingen eingewiesen. Nach dem Krieg weigerte er sich, die Anstalt wieder zu verlassen. Er starb in Münsterlingen.63

Auch andere Sachverhalte verlieren sich im Nebel der Geschichte und es liessen sich keine Belege finden. So etwa die Geschichte der braunen Fröntler, welche sich regelmässig im Hinterzimmer einer Wängemer Wirtschaft trafen. Oder die Geschichten jener tapferen Patrioten, welche, als es brenzlig wurde, als erste ihre Sachen aufs Auto packten und sich in die Innerschweiz davon machten. Eine andere Geschichte dreht sich um einige Splitter von explodierten Geschossen aus Schweizer Flugabwehrkanonen. Die entsprechenden Geschützstellungen befanden sich zwischen Wängi und Aadorf. Der Überbringer eines solchen Splitters berichtete, dieser hätte, während er sich zufällig in seinem Schopf aufhielt, mit einem hörbaren Pfeifen das Dach durchschlagen und sei in die Nähe der Holz-

Splitter eines Flugabwehr­ geschosses

Die Geschichte ist mündlich überliefert und wurde 1993 dem Ortsmuseum von ehemals involvierten Amtsträgern aus jener Zeit bei Interviews im Zusammenhang mit den Lebensbedingungen im zweiten Weltkrieg erzählt.

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vorräte gestürzt. Da der Splitter glühend heiss gewesen sei, hätten sich Holzspäne entzündet. Zum Glück habe er die Flammen rasch niederschlagen und so einen Brand verhindern können. Dieselbe Geschichte wurde später von anderer Seite ungefähr gleich erzählt. Eine wahrhaft dramatische Geschichte, aber ob sie stimmt? Eine wahre Geschichte ist hingegen diejenige des Wachhäuschens an der Murgbrücke. Im zweiten Weltkrieg gehörte die Sprengung der Brücken zum Verteidigungsdispositiv bei einem allfälligen Einmarsch der feindlichen Truppen. Die strategisch wichtigen Brücken wurden vorsorglich mit Sprengkammern versehen. Im akuten Bedrohungsfall wären diese mit Sprengstoff gefüllt und gezündet worden. So auch die Murgbrücke in Wängi. Auf der Westseite (heute Raiffeisenbank) stand das Wachlokal der Brückenwache, ein einfaches Häuschen aus Holz. Der Einfall der deutschen Truppen blieb aus, der Krieg ging zu Ende und das Wachhäuschen wurde nicht mehr benötigt. Da trat Albert Schreiber, der Wängemer Turnlehrer, auf den Plan. Er liess das Häuschen beim damaligen Badeplatz an der Murg (heute ungefähr Tennisplatz) als Umkleide­kabine für die Mädchen aufstellen. Dort versah es seinen Dienst noch mehrere Jahre. Mit der Aufhebung des Badeplatzes verlor das geschichtsträchtige Häuschen zum zweiten Mal seine Funktion. Aber da war es auch schon alt und morsch und wurde abgebaut.

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Verschiedene Munition der Artillerie, Minen­werfer und Flug­ abwehr aus der Zeit des zweiten Welt­krieges. Angebliche Herkunft aus der Gegend von Wängi. Verschossene blinde Munition wurde den Soldaten als Souvenir verschenkt. Aus diesem Grund ist die Herkunft teilweise etwas unsicher.


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Erinnerungstafel von Emil Isler. Die Tafel wurde 1960 bei der Einweihung des Steinlerschulhaus-Anbaus vom damaligen Schul­ präsidenten Johann Hasler präsentiert. Andreas Raas zeigt im Wängener Heft 1 eine entsprechende Foto. Allerdings wurde die Tafel nicht erst 1960 gefertigt. Warum Johann Hasler sie gezeigt hat, ist unklar. Ernst Wiesmann hat 1942 für die Mineure des «Selbstzerstörungs­detachements 58» ein Lied geschrieben. Darin heisst es: «Die Jüngsten und die Schönsten sind wir nicht mehr grad in unserer Armee. Doch wenn der General uns ruft, sind wir parat bei Regen und bei Schnee.» («Selbstzerstörungsdetachement» ist kein militärischer Begriff. Ernst Wiesmann meint das ironisch.)

Ein letzter Hinweis noch zu dieser Ausstellung: Da hing unter anderem ein eher unscheinbares Merkblatt mit einem Aufruf an die Bauern zur Erneuerung ihres Obstbaumbestandes.64 Verständlich in einer Zeit, wo die Selbstversorgung existentiell wichtig war. Bei genauerem Hinsehen allerdings irritieren Text und Wortwahl. Da ist etwa die Rede von solchen, «welche mehr schaden als nützen» oder vom «Entfernen alles Minderwertigen». Begriffe wie «nutzlos» und «nützlich», «solche, aus denen man gescheiter Brennholz macht, weil sie den andern in der Sonne stehen und denen sie die Nahrung wegbrauchen» kommen wörtlich oder sinngemäss vor. Natürlich sind Obstbäume gemeint. Trotzdem, der Bezug zum damaligen braunen Politsprech ist mehr als deutlich. Und tauchen nicht gerade heute solche Begriffe da und dort wieder aus der Versenkung auf? Auch dies ein Beispiel für die Aufgabe des Ortsmuseums, sich zur aktuellen Gegenwart auf dem Weg über die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Gedanken zu machen!

Das Merkblatt liegt dem Ortsmuseum nur noch als Kopie vor. Verfasser und Herausgeber sowie Jahresangaben fehlen.

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1995: Kleider und Klamotten Die Ausstellung «Kleider und Klamotten» stellte drei Themen in den Vordergrund: Die Mode, die Trachten und die Uniformen. Zunächst aber eine Vorbemerkung: Selten finden sich in Ortsmuseen Ausstellungen zum Thema Kleidung und Mode. Das hat Gründe. Ein Charakteristikum der Mode ist ihre ständige Veränderung. Immer wieder neu – immer wieder kaufen, lautet der Motor der Modebranche. Ein Ortsmuseum orientiert sich aber am Prinzip der Beständigkeit. Das geht schlecht zusammen. Mit wenigen Ausnahmen. Eine davon sind die Trachten. Diese sind längst zum Sinnbild für Tradition und Heimat geworden. Trachtennähkurse haben gerade heute wieder Konjunktur. Trachten verbreiten Heimatgefühl und Heimatstolz. Jedem Kanton seine unverwechselbare Tracht! Dabei ist die Zuschreibung der Trachten zu den heutigen Kantonen ein Irrtum. Zur Zeit der Entstehung vieler Trachten gab es die Kantone noch gar nicht. Mit ein Grund für die Herausbildung der Trachten waren zum einen die vorherrschenden regionalen Lebens- und Festformen. Mit den Trachten ahmte zudem die in der Regel traditionell orientierte Landbevölkerung die bürgerliche Stadtmode noch über Generationen nach und bewahrte sie so vor dem Verschwinden. Der städtischen Bürgerschicht sollte demonstriert werden, dass es auch auf dem Land eine habliche Bevölkerung gab, die

Bluse mit gestricktem Schultertuch, Schürzen und Socken zu einer Thurgauer Tracht

etwas auf sich hielt. Dies ist auch der Grund dafür, dass manche Trachten Merkmale aufweisen, welche im rauheren Landleben schlicht unpraktisch sind. Die oft luxuriöse Ausgestaltung der Hauben oder der Miederpartie mit silbernem Schmuckwerk, die filigran gehäkelten Handschuhe oder die auf Hochglanz polierten Schuhe mit ihren Silberschnallen taugten nicht fürs Landleben. Bald erfolgte ja dann auch die Differenzierung in eine üppigere Sonntags- und eine schlichtere Werktagstracht. Übrigens haben sich Trachten im Laufe der Zeit nicht selten auch verändert.

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Die Soldatenuniform macht aus einem friedlichen Familienvater einen tapferen Landes­ verteidiger. Briefträger Hermann Höpli Tuttwil. Aufnahme H. BeckWidmer Frauenfeld um 1925

Die eigentliche Trachten-Bewegung entstand aber erst im 19. Jahrhundert. Der damals aufkommende Nationalstaat mit seinen Kantonen suchte nach Symbolen der Identifikation. Die Trachten als kulturelle Projektionsflächen des noch ungefestigten Nationalstaates gehörten dazu wie der Nationalfeiertag am ersten August, Wappen und Fahnen, Wilhelm Tell und Rütlischwur, Fahnenschwingen und Treichelschütteln. Auch die Neuschreibung der Geschichte in eine ununterbrochene Erzählung politischer und militärischer Siege der Eidgenossen in ihrem steten Kampf um Freiheit gehört in diese Zeit der historischen Verklärung.65 Da passten die prächtigen Trachten gut ins Schema. Übrigens wurde die Freiburger Tracht als letzte erst nach erheblichen Streitereien in den schweizerischen Trachtenverband aufgenommen. Grund für die Auseinandersetzungen war, dass der Kanton Freiburg auch eine Tracht wollte, aber keine hatte und erst eine «erfinden» musste. Fazit: Trachten waren nie typisch schweizerisch. Auch wenn sie so verstanden wurden oder werden. Ein anderes Kleidungsstück, welches sich nicht nach dem jeweils letzten Modeschrei richtet, ist die Uniform. Uniformen funktionieren in grossen Teilen ähnlich wie die Trachten. Auch sie zeichnen sich durch Beständigkeit aus und un-

Vgl. Meier, Bruno. (2008). Von Morgarten bis Marignano. Bereits um 1800 bereitete der Schaffhauser Geschichtsschreiber Johannes von Müller die damals bekannten historischen Ereignisse für eine breite Leserschaft auf. Von Friedrich Schiller wurde die Geschichte in seinem Wilhelm Tell dramatisiert und von Gioachino Rossini im Jahre 1829 vertont und popularisiert. Im offiziellen Auftrag des Bundes formulierte der Historiker Wilhelm Oechsli im Jahre 1891 die Entstehungsgeschichte der Eidgenossenschaft neu und legte die Basis für die heutige Erzählung und den Bundesfeiertag. S. 7.

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terliegen keinen kurzfristigen saisonalen Modetrends. Schliesslich soll die Bevölkerung ja erkennen, ob sie es jetzt mit einem Polizisten oder einem Pöstler, mit einem Soldaten oder einem Heilsarmisten zu tun hat. Uniformen senden immer Signale in zwei entgegengesetzte Richtungen: Zugehörigkeit nach innen und Abgrenzung gegen aussen. In letzter Zeit ist zu be­obachten, wie auch Firmen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Uniformen ausstaffieren, damit sie gleich erkannt werden und sich von der Konkurrenz unterscheiden. Auch im Alltag sind immer wieder Zeichen von Uniformierung zu entdecken. Waren dies früher zum Beispiel Röhrlihosen, lange Haare oder Hotpants, sind es heute Tattoos oder High Heels. Aber auch Kahlköpfe und Springerstiefel senden solche Zugehörigkeits- und Abgrenzungssignale aus. Psychologisch betrachtet verleihen die Uniformen der Trägerin oder dem Träger eine bestimmte Bedeutung. Das Tragen ist durchaus mit Ehre und Stolz verbunden. So finden sich denn auch in zahlreichen Familienalben Aufnahmen des Vaters oder des erwachsenen Sohnes in ihren militärischen Ausgangsuniformen. Allerdings entpuppten sich der strapazierfähige Stoff der Hose und der faltenfreie Wurf der Jacke nicht selten als Kehrseite der Medaille:

Der Musikverein Alpenrösli 2015 in seiner früheren Uniform anlässlich der Marschmusikparade in Dussnang. Mit ihren Uniformen und dem perfekt eingeübten Gleichschritt gehen die einzelnen Musikantinnen oder Musikanten auf in ihrem Corps. Sie geben ein Stück ihrer Individualität auf. Gleichzeitig setzten sie sich sichtbar ab, sowohl von den Zuschauern als auch vom nächstfolgenden Musikverein im Umzug.

In einer Gesellschaft, welche zunehmend auf modischen Chic aus war, machten die Soldaten im Urlaub bezüglich Stoff und Schnitt ihrer Uniformen oftmals einen ziemlich «gstabigen» Eindruck.66 Während Musikvereine sich in ihrer Uniformierung seit jeher stärker an militärische Paradeuniformen anlehnten und einen Hang zum Prunk entwickelten, kennen Chöre diese Tra-

Bis 1970 durfte die Uniform im Ausgang und auf der Fahrt in den Urlaub nicht abgelegt werden. In den letzten Jahrzehnten hat sich vor allem die Soldatenuniform einer Art Funktionsbekleidung angenähert und damit ein gutes Stück ihres traditionellen Glamours eingebüsst. Dieser bleibt den Offizieren in ihrer Ausgangs-, respektive Paradeuniform vorbehalten.

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So stellte das Ortsmuseum mit seiner Ausstellung zum Thema Kleider und Klamotten die Besucherinnen und Besucher vor interessante Fragen in Bezug auf das eigene Kleidungsverhalten. Und wieder ging es um eine unvoreingenommene Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart. Die Frage des Umgangs mit Uniformen ist gerade 2016 wieder aktuell geworden, wo der Musikverein Alpenrösli sich neu uniformiert hat.

1996: Vom Detektor zum Walkman – die Entwicklung des Radios. Sammlung Jean Pierre DeBrot

Rundfunkapparat oder Radio aus der Zeit um 1950

dition hierzulande nicht. Ausser vielleicht die Jodelchörli. Eine entsprechende Studie beim Männerchor Wängi im Jahre 1988 ergab diesbezüglich ein paar interessante Erkenntnisse. So zeigten sich deutliche Hinweise auf einen Wandel in der Wahrnehmung des eigenen Auftritts und eine Annäherung an eine Uniformierung, welche über das bisherige Tragen uniformer Hemden mit aufgenähten Wängemer Wappen hinausging.67

Die Ausstellung 1996 war in mehrfacher Hinsicht speziell: Zum ersten Mal wurde ein technisches Thema aufgegriffen und zum ersten Mal wurde im Ortsmuseum eine Privatsammlung präsentiert. Der Sammler Jean Pierre DeBrot zeigte anhand von zahlreichen Rundfunk­ap­ paraten die vielfältigen technischen Entwicklungen sowohl der Sendeanlagen als auch der Empfangsapparate vom Detektor bis zum Walkmen. Ein faszinierendes Stück Technikgeschichte! Neben der Technik legte die Ausstellung einen zweiten Schwerpunkt auf die soziokulturelle Bedeutung des Radios. Da wurde bewusst gemacht, wie sehr das Radio in der Mitte des

Trachsler, Ernst. (1988). Lockere Gleichheit. Die Vereinsuniform als visuelles Symbol für Normen und Werte.

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letzten Jahrhunderts unverzichtbarer Teil der Alltagskultur geworden war. Man erfuhr die neusten Nachrichten: «Hallo Beromünster, hier spricht Heiner Gautschi aus New York.» Man folgte politischen oder kulturellen Diskussionen wie etwa der «Weltchronik» von Jean Rodolphe von Salis am Samstagmittag nach den Nachrichten. Das Radio brachte das Weltgeschehen in die Stuben. Am Samstagabend versammelte sich die ganze Familie rund um das Radio und lauschte den Hörspielen: «Polizischt Wäckerli» oder «Oberstadtgass». Man kann diese Geschichte auch umdrehen: Das Radio brachte die Möglichkeit, jederzeit in die letzten Winkel einzudringen. Wem das Radio gehörte, der hatte das Informationsmonopol und damit die Macht. Zur Zeit des zweiten Weltkriegs wurde denn erstmals der Rundfunk auch zur propagandistischen Kriegsführung eingesetzt. In den meisten deutschen Haushalten stand ein sogenannter Volksempfänger. Das war ein Radioapparat für den Empfang der staatlichen Mittelwellenprogramme des Reichs­propagandaleiters Joseph Goebbels.

Broschüre zur Geschichte des Rundfunks. Von Jean-Pierre DeBrot 1996 eigens für die Ausstellung zusammengestellt.

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Interessant ist heute die Frage, wie das Radio sich seither technisch weiter entwickelt hat und welche Bedeutung es in unserem Alltag eigentlich noch spielt. Konkret: Welchen Stellenwert haben Radioinformationen für den modernen Menschen von heute noch? Und welche für die künftigen Generationen?

Übersichtstafel über die Lebenszeiten der 12 Persönlichkeiten

1997: Von Johann Alphons Berkmüller bis Hermann Walder. 12 Portraits von Wängemer Persönlichkeiten aus zwei Jahrhunderten Anlass zu dieser Ausstellung waren zunächst zwei Jubiläen: Johann Adam Pupikofer wurde vor 200 Jahren und Ulrico Hoepli vor 150 Jahren geboren. Aus diesem Grund wollte der Historische Verein des Kantons Thurgau seine Jahrestagung in Wängi durchführen, verbunden mit einem Besuch des Ortsmuseums. Gleichzeitig plante die Ulrico Hoepli-Stiftung in Tuttwil eine grosse Gedenkfeier mit prominenten Gästen aus der Schweiz und aus Italien; ebenfalls unter Einbezug des Ortsmuseums. Wängi sollte für einen Moment in den Mittelpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit rücken. Im Ortsmuseum stellte man sich die Frage, was denn diese Feiern nun mit uns heutigen Wängemerinnen und Wängemern zu tun haben? Kennt man hier im Dorf die beiden offenbar wichtigen Persönlichkeiten? Welche Bedeutung haben solche Figuren für das Dorf? Auf der andern Seite: Jeder Ort verfügt über eine Galerie berühmter Namen. Deren historische Bedeutung färbt immer auch auf die Gegenwart ab. Das gilt selbst dann, wenn kaum jemand mehr weiss, inwiefern sie damals das Mittelmass überragten und Bleibendes hinterliessen.


Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Genau darin lag die Chance für das Ortsmuseum. Am Schluss waren es ein Dutzend Persönlichkeiten aus der Dorfgeschichte, welche den Besucherinnen und Besuchern mit ihrem Wirken und in ihrer Bedeutung über Ort und Zeit hinaus näher gebracht werden sollten. Darunter gab es welche, die in Wängi geboren und später in der Welt berühmt wurden. Andere kamen von auswärts und fanden hier eine Heimat. Und nochmals andere wurden hier geboren, verbrachten hier ihr Leben und starben schliesslich hier. Es gab drei Einschränkungen: Noch lebende Personen wurden ausgeschlossen. Zweitens mussten sie in ihrem Leben der Öffentlichkeit einen Dienst erwiesen und damit an der Geschichte des Dorfes mitgeschrieben haben. Und schliesslich mussten über die betreffenden Personen Unterlagen vorhanden sein. Ziel der Ausstellung war nicht, die 12 Persönlichkeiten zu Denkmälern zu machen, sondern die Frage aufzuwerfen, inwiefern denn nun sogenannt berühmte Persönlichkeiten Teil des dörflichen Selbstbewusstseins sind. Ulrico Hoepli (1847 – 1935) Er zog als Tuttwiler in die Welt und blieb trotzdem seinem Heimatdorf immer treu. Verschiedentlich kehrte er hierher zurück. Ein faszinie-

render Mann! Ein faszinierendes Lebenswerk! Als junger Unternehmer mit bescheidenen Italienischkenntnissen eröffnete er in Mailand einen Buchverlag und entwickelte diesen in der Folge zu einem der grössten in Italien. Der Verlag wird heute von der dritten Generation mit Erfolg geführt. Mailand hat eine Strasse nach Ulrico Hoepli benannt. Die Hoepli-Stiftung unterstützt das Ortsmuseum bis heute mit jährlichen Beiträgen.

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Johann Adam Pupikofer (1797 – 1882) Er wurde in Tuttwil, mitten in eine Zeit des historischen und politischen Umbruchs sowohl in Europa als auch im Thurgau, geboren. Zunächst studierte er Theologie und war einige Jahre in Güttingen Pfarrer. Bald aber engagierte er sich in der kantonalen Politik an vorderster Front. Als Mitglied des Erziehungsrats war er (mit-)verantwortlich für eine ganze Reihe bedeutender Reformen im Bildungswesen: Lehrerseminar Kreuzlingen, Sekundarschulen, Armenschule Bernrain, Korrektionshaus Kalchrain, Kantonsschule Frauenfeld. Daneben schrieb er 1828 eine zweibändige Thurgauer Geschichte und einige Kirchgemeindegeschichten; so unter anderen eine von Wängi (1844) und eine von Bussnang (1857). Für seine vielfältigen Verdienste erhielt Pupikofer den Ehrendoktortitel.

Gedenktafel am Geburtshaus in Tuttwil


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Katharina Berkmüller-Stutz (1804 – 1876)

Johann Alphons Berkmüller (1802 – 1879)

Sie stand als Zeichnerin und Dichterin stets etwas im Schatten ihres Mannes Johann Alphons Berkmüller. Dabei war sie ebenso kunstsinnig und begabt. Sie pflegte eine enge Beziehung zu ihrem Bruder Jakob Stutz, welcher als Zürcher Oberländer Dichter weit herum bekannt war. Im Ortsmuseum sind von Katharina Berkmüller-Stutz einige handgeschriebene Gedichte, ein Büchlein mit Gedichten für ihre Tochter Louise und ein gedrucktes Gedichtbändchen erhalten geblieben. Hermann Walder nennt Katharina Berkmüller in seinen Erinnerungen an Wängi «eine literarische Grösse».

Er wanderte als junger Mann aus dem Bayrischen ein und fand eine Anstellung als Buchhalter in der Weberei Wängi. In seiner Freizeit zeichnete und malte er in buchhalterisch exakter Manier und im Stile der biedermeierlich spätromantischen Kleinmeister. In aller Regel wählte er landschaftliche Motive aus dem Dorf und seiner Umgebung. Er gilt bis heute als gleichermassen detailversessener als auch liebenswürdig kommentierender Chronist. In der Sammlung des Ortsmuseums befindet sich eine bedeutende Anzahl originaler Zeichnungen von ihm.68

vgl. Kapitel «Das Werkverzeichnis von Johann Alphons Berkmüller».

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Hermann Walder (1855 – 1931)

zu tun. Neben seinem Beruf war er vielseitig naturwissenschaftlich interessiert und besass eine ausgesprochen umfangreiche Bibliothek. Er betrieb aber auch historische Forschung und verfasste um 1930 mit seiner «Memorabilia Wengensia» eine heute noch lesenswerte Ortsmonographie. Anna Walder (1894 – 1986)

Er entstammte einer hinterthurgauischen Landarztfamilie. Sein berufliches Wirkungsgebiet reichte denn auch von Elgg bis Affeltrangen. Er hatte einen guten Ruf und galt als «Landarzt von Format». Krankenbesuche machte er sommers und winters in seiner Pferdekutsche. Der Kutscher wohnte im sogenannten Kutscherhäuschen (heute Brigitte und Stefan Vontobel Dorfstrasse 19) gleich neben dem Doktorhaus. In seiner späteren Funktion als «Physikat» oder Bezirksarzt hatte er weit über Wängi hinaus

Sie war die Tochter von Hermann Walder. Sie wurde zur Kämpferin für die Sache der Frauen. Gerne hätte auch sie Medizin studiert. Aber die Kantonsschule Frauenfeld stand damals nur den Knaben offen. So schlug sie andere Wege


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ein und besuchte unter anderen die «Schule für soziale Fürsorge» in Zürich. In der Folge setzte sie sich im Kanton Thurgau tatkräftig und erfolgreich für Frauenanliegen ein. Für ihre Verdienste wurde sie von der Regierung mit einer Gedenktafel geehrt. Diese hängt in Frauenfeld am Haus der evangelischen Kirchgemeinde an der Freiestrasse 16. Ida Heim-Walser (1859 – 1933).

Ihre Rolle hätte die einer genügsamen Pfarrersgattin auf dem Lande sein können. Ihr Tatendrang reichte allerdings weiter. Unter anderem setzte sie sich für gesunde Ernährung ein und führte während vieler Jahre Kochkurse durch. Daneben engagierte sie sich für gute Umgangsformen und lehrte ihre Kursteilnehmerinnen die Grundregeln des guten Benehmens. Ihr Anliegen war die Vermittlung des traditionellen Tugendkatalogs mit Fleiss, Pünktlichkeit, Sauberkeit und Anstand. Sie war zudem Mitbegründerin des Frauenvereins Wängi. Jakob Müller (1895 – 1967)

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Er war ein Vollblutpolitiker und als Thurgauer Regierungsrat ein souveräner Magistrat. Zunächst studierte er die Rechte und betätigte sich im Thurgau als Rechtsanwalt. Mit der Zeit wurde er in verschiedene politische Ämter gewählt bis hin zum Regierungsrat und zum Vertreter des Thurgaus im Ständerat. Diesen präsidierte er auch. Jakob Müller zeichnete sich weniger durch die scharfsinnige Analyse als vielmehr durch intuitiven politischen Sachverstand aus. Sprichwörtlich war seine Redebegabung. «Sprudel» war denn auch sein Übername. Diese beiden Kompetenzen des politischen Gespürs und der Rede­gewandtheit bildeten die Grundlage seiner politischen Erfolge und förderten sein Ansehen; nicht zuletzt auch in der Westschweiz.

Johann Hasler (1900 – 1983)

Er war zum einen Saalmeister in der Weberei Wängi AG. Zum andern stellte er sich sein ganzes Leben lang in den Dienst der Öffentlichkeit. Er war einer, der selber Hand anlegte, so etwa im Naturschutzreservat Grütried oder im Verkehrs- und Verschönerungsverein, wo er eigenhändig Rabatten pflegte. Sein Velo und sein Anhänger mit dem Unkrautkorb gehörten zum Dorfbild. Während langer Jahre war er zudem Präsident der Primarschule Wängi und für den Neubau des Steinlerschulhauses 1953 verant-


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wortlich. Für die regionalen Zeitungen verfasste er zudem fast wöchentlich Berichte zum Dorfgeschehen. Fast alle Nachrufe aus jener Zeit stammen aus Johann Haslers Feder.

Dorothea Kappeler (1903 – 1978)

Sie war wohl die populärste Kindergärtnerin, welche je in Wängi wirkte. Generationen besuchten Tante Doras Unterricht. Jeden Tag und bei jedem Wetter fuhr sie auf ihrem schwarzen Velosolex von Frauenfeld nach Wängi und zurück. Ihre Tante Adele Stierlin hatte als Webereibesitzerin den Kindergarten auf privater Basis gegründet und die Aufgabe ihrer Nichte Dorothea übertragen. Der Unterricht fand in der Fabrikantenvilla (Stierlinhaus) an der Wilerstrasse statt. Dieses wurde 1977/78 beim Kurvenausbau von Strasse und Bahn abgebrochen. Die Führung eines Kindergartens wurde in der Folge zur öffentlichen Aufgabe der Schulgemeinde und ins Murgschulhaus an der Frauenfelderstrasse verlegt (um 2009 abgebrochen).

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Emil Isler (1907 – 1966)

Ernst Wiesmann (1905 – 1964)

Er war Kunstmaler und setzte sich mit dem Dorf auf seine besondere Art auseinander. Er schaute genau hin und bannte das Gesehene mit dem Stift auf Papier oder mit dem Pinsel auf Leinwand. Er machte auf idyllische Ecken aufmerksam. Das Ortsmuseum besitzt einige seiner Werke.

Ernst Wiesmann wirkte bis 1964 neben Albert Schreiber und Andreas Raas in Wängi als Sekundarlehrer für sprachliche Fächer und Geschichte. Über seinen Beruf hinaus setzte er sich im Dorfe unermüdlich für Bildung und Kultur ein. «Die Vereinigung zur Förderung der Kulturpflege», der «Verkehrs- und Verschönerungsverein», die «Naturschutzvereinigung Grütried», die «Volksbibliothek» sowie das «Ortsmuseum» sind denn auch weitgehend sein Werk. In Kapitel 1 ist über Ernst Wiesmann bereits ausführlich berichtet worden.


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Quartettkarten Schweizer Persรถnlichkeiten


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Murmeln 1900 – 1930: Irdene Murmeln aus Ton (teilweise gefärbt). Stählerne Murmel (nicht selten aus Kugellagern). Gläserne Murmeln (sog. «Katzenaugen» aus transparentem Glas mit teilweise mehrfarbigen Einschlüssen). Ein Exemplar «Regenbogen» (hellblau mattiert mit grüner Marmorierung).


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Eile mit Weile, ca. 1930.


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1998: Wängi, Tuttwil, Eggetsbühl – unsere Dorfschulen/100-Jahr Jubiläum Sekundarschule Wängi

Blick in die Ausstellung: Lehrer- und Schülerpult

Schulzimmermobiliar, Schulhefte und Lehrbücher aus dem frühen 20. Jahrhundert

Die Sekundarschule feierte 1998 ihr 100-jähriges Bestehen. Im Ortsmuseum griff man das Thema Schule gerne auf. Die Ausstellung zeigte Schulwandbilder, vielfältiges Anschauungsmaterial vor allem für den naturkundlichen Unterricht, didaktische Sammlungen verschiedener Lehrpersonen, Schüleraufsätze, Schulreiseberichte sowie Berichte über die Ferienkolonien. Verschiedene Pläne belegten die Diskussionen rund um den Bau des Dorfschulhauses. Wer erinnert sich nicht an seine eigene Schulzeit und weiss ohne gross nachzudenken noch zahlreiche Geschichten! So berichtete ein Besucher beim Anblick der Schiebedeckel über dem Tintengefäss in der Schulbank: Ans Tintenschreiben könne er sich noch genau erinnern. Die Tinte sei jeweils nur bis Mittwoch nachgefüllt worden. Ab Donnerstag habe es keine Tinte mehr gegeben. Das sei nämlich so gewesen: Die Abwartsfrau Marie Merki habe als fromme Frau jeden Sonntag den Gottesdienst besucht. Weil beim Ausschenken der Tinte aus der grossen Korbflasche jedesmal Tinte ausgeflossen sei, habe sie immer blau gefärbte Hände gehabt und jeweils drei Tage gebraucht, bis diese für den sonntäglichen Kirchen­besuch wieder sauber gewesen seien.


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Ist diese Geschichte nun wahr oder einfach gut erzählt? Aber es waren genau solche Geschichten, die zu einer zentralen Frage führten: Wie verlässlich ist unsere Erinnerung? Hat sich das, woran wir uns erinnern, auch tatsächlich so zugetragen? Oder neigt unsere Erinnerung nicht manchmal zum Fantasieren? In der Ausstellung konnten die Besucherinnen und Besucher ihre Schulgeschichten mit Kolleginnen und Kollegen vor früher austauschen und vergleichen. Und sich dabei nicht nur in alte Zeiten zurückdenken, sondern darüber hinaus sich Gedanken machen über den Wahrheitsgehalt des eigenen Erinnerns.

Auf dem Tisch ausgestopfter Säger. Daneben Widmung eines Schülers an seinen Lehrer. Am Boden Korbflasche mit Tinte und Papierkorb.

Verschiedene Schul­wand­bilder. Hier zu einer grossen Bilderwand kombiniert.


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Primarklasse in einem Klassenzimmer im Dorfschulhaus. Lehrerin: Sophie Zimmermann. Sie unterrichtete 1906 bis 1911 in Wängi und war die Vorgängerin von Anna Nater. Erster von links in der zweiten Knabenbank ist Heinrich Gubler. In der vordersten Mädchenbank sitzt als dritte von links Marie Isenring. Aufnahme 1910. Rechts sind weitere Schulbänke mit Schul­ sachen zu erkennen. Fotografiert wurde offenbar nur eine bestimmte Klasse. Zu den abgebildeten 32 Schülerinnen und Schülern muss eine weitere Klasse dazugehört haben. Es müssen insgesamt ein halbes Hundert gewesen sein. Zuviel für eine Foto, gerade genug für Unterricht.


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1999: Sekundarschule und Realschule – die Klassenfotos des 20. Jahrhunderts Die paar wenigen ausgestellten Klassenfotos in der Ausstellung im Jahr zuvor stiessen auf besonderes Interesse. Immer wieder blieben die Besucherinnen und Besucher davor stehen und versuchten, sich an die Namen ihrer Klassenkolleginnen und -kollegen von damals zu erinnern. Aus diesem Grund wurden für die folgende Sonderausstellung alle erreichbaren Klassenfotos der Sekundar- und der Realschule (früher Abschlussklasse) zusammengesucht. Soweit noch bekannt, wurden die Schülerinnen und Schüler mit Namen versehen. Klassenfotos sind eine sehr spezielle Sorte von Fotografien. Ihre Funktion ist für die Schule eine ganz andere als für die Schülerinnen und Schüler. Aus Sicht der Schule sind sie eine Art Beleg, wer in welcher Klasse durch wen geschult wurde. Die Schule bewahrte ihre Klassenfotos denn auch sorgsam beschriftet in ihrem Archiv auf. Allerdings ist diese Tradition in letzter Zeit da und dort löchrig geworden. Mit der Ausstellung im Ortsmuseum wurden die Lücken nach Möglichkeit wieder geschlossen. Nun sind Originale und Kopien sämtlicher Jahrgänge zwischen 1948 bis 1998 im Ortsmuseum aufbewahrt. Gleichzeitig wurden zahlreiche weitere Fotos im Zusammenhang mit der Sekundarschule archiviert.

Fotografierte man um 1900 die Schulklassen noch in den Schulbänken, wurden die Klassenfotos Mitte des letzten Jahrhunderts in aller Regel ausserhalb des Schulzimmers aufgenommen. Sorgfältig geordnet und nach hinten und oben gestaffelt wurden die Schülerinnen und Schüler aufgereiht. In der hintersten Reihe stand in der Regel die Lehrperson. Alles wirkt sehr kontrolliert und gezähmt. Als ob es in der Schule nicht oft auch ganz anders her und zugegangen wäre! Klassenfotos zeigen nicht den Schulalltag. Ein paar wenige Aufnahmen aus den 1960er Jahren mögen da die Ausnahme bilden. Klassenfotos sind in aller Regel inszenierte Gruppenaufnahmen. Sie zeigen lediglich Personen und nicht, was sich zwischen diesen alles ereignet hat. Daher wirken sie auf die Betrachterin und den Betrachter auch immer so eigenartig nüchtern. Klassenfotos sind in erster Linie Erinnerungshilfen. Sie ermöglichen einen Zugang zu emotionalen Geschichten, seien diese nun schön oder schlimm. Die Betrachterinnen und Betrachter finden durch die Klassenfotos hindurch ein Stück ihrer Lebensgeschichte wieder: Meilensteine des persönlichen Lebenswegs.

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Sekundarschule (3 Jahrgänge) mit Albert Schreiber und Ernst Wiesmann vor der damaligen Blutbuche beim Dorfschulhaus. Aufnahme aus den frühen 1950er Jahren. Die Schülerinnen und Schüler sind sorgfältig angeordnet. Die Mädchen in der vordersten Reihe wurden wohl vom Fotografen angewiesen, die Hände in den Schoss zu legen.


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Zwischen den hier abgebildeten Klassenfotos liegen je etwa 30 Jahre. Bei den ersten beiden fallen die strenge Ordnung und die kontrollierte Haltung der Schülerinnen und Schüler auf. Die dritte Aufnahme wirkt wesentlich lockerer, man fläzt auf dem Klettergerüst. Und wie sich die Kleidermoden und erst recht die Frisuren verändert haben! Bei der ältesten Aufnahme steht die Lehrerin im Hintergrund in der Mitte. Auf ihrer Position behält sie die Kontrolle über die Kinderschar. Bei der mittleren Aufnahme muss man die Lehrer fast suchen; sie stehen zurück. Bei der jüngeren Aufnahme thront der junge Lehrer zuoberst auf dem Klettergerüst. Er steht nicht mehr im Hintergrund. Er gibt sich als Teil der Gruppe. Übrigens: In der Ausstellung mit den Klassenfotos waren geordnete Gruppenführungen kaum möglich. Niemand hörte zu. Alle redeten selber. Und wer auf einer der Fotos seinen alten Schulschatz wieder entdeckte, brauchte sowieso keinen fremden Kommentar.

Sekundarschulklasse mit Werner Wyss. Aufnahme zwischen 1978 und 1981. Die Schülerinnen und Schüler verteilen sich locker auf einem Klettergerüst.

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Rapport des Landjägers Bornhauser von 1820

Brief an «Herrn Friedensrichter Gubler in Wengy». Bei den beiden Rayon-Briefmarken handelt es sich um die ersten, 1850 bis 1852 von der Schweizerischen Bundespost herausgegebenen Briefmarken. Die Rayon II kostete 10 Rp. und galt bis zu 10 Wegstunden des Postboten oder 48 km Wegstrecke innerhalb der Gemeinde. Für Philatelisten sind solche Mischfrankaturen von grossem Interesse.

2000: Schriften · Siegel · Stempel Das Ortsmuseum verfügt über eine respektable Sammlung von gegen 2000 schriftlichen Dokumenten vorwiegend aus der Zeit zwischen 1800 und 1850. Der Grossteil stammt aus der Familie Ammann in Wittenwil. Diese stellte dort während dieser Zeit den Friedensrichter. Die Ausstellung zeigte verschiedene thematische Fenster: Entwicklung der Handschriften bis hin zur Druckschrift, Briefe und Briefmarken, Siegel und Stempel, Schreiben als Kunst (Kalligrafie und Zierschriften), amtliche Dokumente, Schrift als Ausdruck von eigenwilliger Persönlichkeit (Charakterschriften) sowie analphabetische Unterschriften mittels dreier


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Kreuze. Die Besucherinnen und Besucher lernten auch, wie Briefe fachgerecht gefaltet und gesiegelt wurden. Unter den vielen ausgestellten Schriftstücken war folgender Rapport des Landjägers Bornhauser vom Oktober 1820 besonders vergnüglich zu lesen: «8br69 den 5. zeigt Landjäger Bornhauser an, dass Stathalter Lochmann von Adorf den 4. & 5ten Gbr ohne Erlaubnis Spielleute gehalten habe und wieder Verortnung die ganze Nacht gwirthschaftet habe, wobeÿ ohngeachtet seine Wahrnung laut G.A. Auftrag solches gleichwoll fortgesezt, auch in der Nacht am 4. einen förchtig Larmen nachts um 12 Uhr hieraus entstanden seye, so dass er wiederum aus seinem Quartier geholt worden um Ruhe zu verschaffen, an diesem Lerm haben Antheil gehabt: 4 Glashutten Arbeitter, 1 Franzos der aber nun abwesend & Huber Eschenmann … nebst Jacob Horber von Weyer, Mezger Bachmann von Stetfurt und die beiden hollandisch Werber70, Stahl von Hanberg und zwey von Häuslenen.»

Brief an «Herrn Friedensrichter Aman in Wittenwiel». 1834. Gut erhaltenes Siegel. Der Brieftext wurde auf die Rückseite geschrieben und dann das Blatt dreiteilig gefaltet, ineinandergesteckt und gesiegelt.

Unterschrift einer nicht schreibkundigen Person. 1850

Bedeutung der Abkürzung «8br»: Nach julianischer Zählung ist der Oktober der 8. Monat. Darum heisst er auch Oktober. September = 7, November = 9 und Dezember = 10.

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Die beiden holländischen Werber rekrutierten eidgenössische Soldaten für den niederländischen Kriegsdienst. Um jene Zeit leisteten ungefähr 40 000 Eidgenossen Dienst in fremden Armeen. Vgl. Raas, Andreas. (2008). Wängi – Der Weg von der Gerichtsherrschaft zur politischen Gemeinde. S. 22.

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2001: Schriften und Bilder. Bilderschriften und Schriftbilder

In den Monaten vor der Eröffnung der Sonderausstellung 2001 reiste Kurator Daniel Sproll mit dem Zug von Wängi nach Zürich und fotografierte all die Bildinformationen, welche einen Reisenden auf dieser Strecke über alles Mögliche informieren. Und die dieser verstehen muss, um zur richtigen Zeit mit dem richtigen Billett am richtigen Ort zu sein und sich richtig zu verhalten. Seine fotodokumentarische Ausbeute war beeindruckend! Er stiess auf Dutzende von Bildzeichen (sogenannte Piktogramme). Diese erklärten ihm den Weg, sagten ihm, was er tun und was er lassen sollte, wiesen ihn auf allerhand Wichtiges – und Unwichtiges – hin, warnten ihn vor Gefahren und drohten ihm bei Nichtbeachtung mit einer Busse usw. Piktogramme steuern unsern Alltag. Und zwar immer dichter. Bilder informieren uns. Und zwar immer häufiger. In der Thurgauer Zeitung vom 5. Mai 2001, am Tag der Ausstellungseröffnung waren 85 Bilder zu finden. Werbung nicht mitgezählt. In einer zufällig ausgewählten Thurgauer Zeitung aus dem Jahre 1953 waren es zwei und in einem Hörnliblatt von 1869 null! Beispiel eines frühen vorgedruckten Formulars des Sanitätsrathes des Kantons Thurgau aus dem Jahre 1817


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Der Titel Bilderschriften und Schriftbilder wies auf die verschwommenen Grenzen zwischen Bildern und Texten hin. Verschiedene Schriften sind für unsere westeuropäischen Augen der Zeichnung oder dem Bild näher als dem Buchstaben. An der Ausstellung zeigte Herr Giang Diec Yuong aus Vietnam das chinesische Schreiben und die Herren Dogdo Lachdo und Musa Yilmaz aus dem aramäischen Teil der Türkei schrieben – oder malten – die Namen der Besucherinnen und Besucher in aramäischen Lettern.

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Aramäisches Lesebuch aus dem Jahre 1976

So machte die Ausstellung auf verschiedene Art und Weise klar, dass Schriften immer nur orts- und zeitgebunden zu lesen und verstehen sind. Und dass sich auf der einen Seite die Mittel der Information und auf der andern Seite die «Lesegewohnheiten» im Laufe der Zeit ändern. Beispiel einer typogra­ fisch kunstvoll gestalte­ ten Urkunde aus dem ehemaligen Kloster Tänikon (bei Aadorf) aus dem Jahre 1798: «Ich Ignati Florian Ramsperger – Quartiers=Haubt Man und zur Zeit Staabhalter des Gerichts zu Denikhen bekenne ofentlich und thue kundt …»


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2002: Waschen · Bügeln · Flicken Man weiss es längst: Die Geschichtsschreibung wurde lange Zeit von Männern gemacht und sie lebt von Männerfiguren. Diese fällen die Entscheidungen, bestimmen die Geschicke und gehen letztlich ein in die Geschichte. Die Ausstellung Waschen Bügeln Flicken stellte eine vielleicht etwas polemische, mindestens aber provokative Frage an den Anfang: Was wären die Auftritte der grossen Herren ohne jederzeit frisch gewaschene und sorgfältig gebügelte Hemden? Vorbereitung der Ausstellung. Heidi Raas und Regina Müller bei der Begutachtung eines Frisiermäntelchens. Wäscheschaukel, Stössel, Reibbrettli, Waschbrett, Emailschüssel mit Kernseifen.

Die Ausstellung schlug den Bogen vom zur Zeit aktuellen Werbeslogan eines Waschmaschinenherstellers «Abzieh – inerüere – Chnopf drucke» zu den Waschtagen vor 50 oder 100 Jahren. Wie viel umständlicher und anstrengender war doch die Arbeit unserer Grossmütter und Mütter! Sie leisteten Schwerarbeit. Schon am Vortag weichten sie die Schmutzwäsche ein. Am Waschtag heizten sie den Waschhafen mit Holzscheitern ein und brühten die Wäsche in der Seifenflockenlauge. Die schweren und siedend heissen Barchentleintücher mussten mit hölzernen Zangen in den Spültrog gehoben werden. Glücklich, wer wenigstens schon eine «Schwingi» (Waschzentrifuge) hatte, welche das mühsame Auswringen von Hand ersparte und das Trocknen beschleunigte. Mit einem Seilhaspel und mit Stützstangen wurde im Sommer im Freien und im Win-


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Bügeleisen aus der Sammlung des Orts­ museums. Ganz rechts ein Spielzeug-Bügel­ eisen mit einem auf­ wärmbaren Eisenkern.

ter auf dem Dachboden ein Seil gespannt und die Wäsche mit Holzklammern zum Trocknen aufgehängt. Am nächsten Tag wurde gebügelt; bis vor 100 Jahren noch mit schweren Holzkohlebügeleisen. Eine mühsame Arbeit war auch das Flicken. Hier waren Sorgfalt und handwerkliche Fertigkeit gefragt. Besonders anspruchsvoll war

das Einfügen von Flickstücken bei Dreiangeln oder Löchern. War zum Beispiel bei einem Hemd der Kragen «blöd», so wurde am Hemdenstock ein Stück abgetrennt. Das fehlende Teil wurde durch ein anderes Stück Stoff von einem bereits aussortierten Hemd ersetzt. Unter der Hose blieb das unsichtbar. Mit dem gewonnen Stoff wurde der Kragen neu überzogen; eine ausgesprochene Feinarbeit.


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Deckeli mit Flickstelle. Der Flick ist eher etwas ungeschickt ausgeführt. Ein bisschen gewiefelt und ein bisschen geschnurpft. Umso mehr Eindruck macht der selbstverständliche Wille, das Deckeli nicht einfach wegzuwerfen, sondern zu erhalten und weiter zu verwenden.

Oder die Leintücher; immer waren sie zuerst in der Mitte abgenutzt. Sie wurden kurzerhand der Länge nach in der Mitte aufgeschnitten. Dann wurden die beiden Teile so zusammengenäht, dass die dünnen Stellen aussen zu liegen kamen. Die Naht in der Mitte störte beim Schlafen kaum. Oder das Sockenstopfen! Über dem hölzernen Stopfei wurde die schadhafte Stelle – in der Regel an der Ferse oder an der Spitze – gespannt und mit Stopfgarn kunstgerecht wieder gestopft. Dabei musste sorgsam darauf geachtet werden, dass die Socke nicht kleiner wurde; blosses «Zusammen­schnurpfen» ging nicht!

Beispiele von Arbeitsheften aus der Arbeitsschule mit verschiedenen Flicktechniken an einer Socke.


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Vorhängli für ein kleines Fenster. Rechte untere Ecke. Das mittlere Stück Stoff ist Teil einer ehe­ maligen Decke für ein Beistelltischen mit Stickereien in allen vier Ecken. Am unteren Rand mit Verzierungen (sog. Entre deux) mit heraus­ge­ zogenen Fäden und Stickereien. Seitlich ein an­ gesetzter Streifen mit breitem Saum. Am unteren Rand schliesslich verschiedene Häkelspitzen von alten Leintüchern. Was für ein Kunstwerk! Was für ein Kunsthandwerk! Was für eine Sparsamkeit!

Die Ausstellung machte bewusst, über welches Wissen und Können, über welche physischen Kräfte und anspruchsvollen Flicktechniken die Wasch- und die Hausfrauen von damals verfügen mussten. Stolz konnten sie am Schluss auf ihre Beigen sauberer, gebügelter und geflickter Wäsche blicken; zu einem Eintrag in die Geschichtsbücher reichte das allerdings nicht.

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2002: Jakob Stutz 1801 –  1877. Volksdichter aus dem Zürcher Oberland mit familiären Beziehungen zu Wängi Bereits in der Ausstellung zu den Wängemer Persönlichkeiten tauchte im Zusammenhang mit Katharina Berkmüller der Name ihres Bruders Jakob Stutz auf. In Zusammenarbeit mit dem Heimatmuseum Pfäffikon wurde Jakob Stutz aus Anlass dessen 200. Geburtstages im Ortsmuseum Wängi eine Ausstellung gewidmet. Jakob Stutz war ein vielseitig begabter Mensch. Er war Dichter, Prediger, Lehrer und Philantrop71 und wirkte als Sänger, Schauspieler, Theaterregisseur sowie Zeichner und Maler. Er lebte längere Zeit zurückgezogen als einsamer Klausner in seiner Jakobszelle im Sternenberg und war doch ein ewig Ruheloser und Gehetzter. Von seinen Zürcher Oberländer Zeitgenossen wurde er gleichermassen bewundert und verehrt als auch verachtet und

geschmäht. Letzteres unter anderem wegen seiner Homosexualität. Als Dichter meldete er sich zu Wort, als noch die mächtige Stadt Zürich auf dem Land das Sagen hatte. In seinen Werken kamen seine sozialkritische Sicht und sein Interesse für die einfachen Leute mit ihren Freuden und Sorgen zum Tragen. Im weitesten Sinne berichtete die Ausstellung nicht nur über einen Aussenseiter aus dem Zürcher Oberland im vorletzten Jahrhundert. Sie wies auch auf eine grundsätzliche Frage hin, nämlich wie eine Gesellschaft mit ihren Aussenseitern umgeht. Die Frage ist aktuell, auch heute noch!

Philantropen zeichneten sich durch Menschenliebe aus und unterstützten bedürftige Menschen und Einrichtungen, die dem Gemeinwohl dienten. Jakob Stutz wirkte während vieler Jahre als Lehrer an den Blinden- und Taubstummenanstalten in Zürich und Schwellbrunn.

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2003: Thurgauerinnen haben eine Geschichte

Bei dieser Ausstellung handelte es sich um eine Wanderausstellung des Thurgauer Frauenarchivs. Dieses machte mit der Ausstellung auf sich aufmerksam und einer breiten Öffentlichkeit bewusst, was Frauen früher und heute in allen Lebensbereichen leisteten und leisten. Zu diesem Zwecke sollte die Bevölkerung animiert werden, Dokumente im Zusammenhang mit Frauenanliegen dem Archiv zur Verfügung zu stellen. Geschichtsschreibung kann nur dort existieren, wo auf Belege zugegriffen werden kann;

Hanna Brack 1903 – 1995 war erste Lehrerin im Thurgau an der Mädchen­ sekundarschule Frauenfeld. Bild: Thurgauisches Frauenarchiv

auf Dokumente, Bilder, Fotos, Objekte, schriftlich festgehaltene Erinnerungen usw. Was nur in den Köpfen hängen bleibt, ist lediglich subjektive Erinnerung. Und diese verblasst rasch und wird – im besten Fall – später von Leuten weiter erzählt, welche selbst nicht dabei waren und lediglich das Gehörte weitersagen. Das sind dann zwar Geschichten; aber das ist noch nicht Geschichte. Das Gesagte oder das Behauptete lässt sich nicht mehr überprüfen. Das Thurgauer Frauenarchiv funktioniert wie das Ortsmuseum. Es sammelt und fügt die Puzzleteile hernach zu einem Stück Geschichte zusammen.

Dora Labhart-Roeder 1897 – 1992 ar­ beitete als erste Anwältin im Thurgau mit eigener Advokatur. Bild: Verena Stadler-Labhart

Irma Lucia Gabriele Edda von Huenefeld 1877 – 1965 schlüpfte mit 18 Jahren in Männerkleider und durch­ fuhr als «Schiffsjunge» mehrere Male den Suezkanal. Bild: Stiftung Bohlenständerhaus

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2003: Wo sind die Frauen in der Geschichte von Wängi? In den Archivbeständen des Ortsmuseums finden sich eher spärliche Hinweise auf Frauen in der Dorfgeschichte. Allerdings werfen einige Schriftstücke ein grelles Schlaglicht auf deren langen Weg hin zur Gleichbehandlung. Die ausgestellten Dokumente umspannten eine Zeit von etwa 1820 bis 2000. So musste zum Beispiel 1820 eine heiratswillige Frau vor einem (Männer-)Gremium glaubhaft ihre Ehefähigkeit bezeugen. In der entsprechenden Fähigkeitsbescheinigung heisst es: «Wir der Bresident und Mitglieder der Zivil Gmd. Bertschikon, und dahin gehörigen Ortschaften, bezeugen hiermit, dass unserer heutigen Sizung vordurch erschienen ist, Susana Peter von Liben... und uns geziemend vorgetragen hat, dass sey gesuhnen, sich mit Jacob Müller von Huzenschwil zu verehelichen, zu welchem Ende hein sey ein Zeugnus über ihre beisherige Auführung, und ein Testonium ihres Vermögens halben bedürfe, welchem Ansuchen zu entsprechen wir nicht ermanglen, und daher bezeugen, dass bemelte Susanna Peter von Rechtschafenen Eltern ehrlich erzeugt … » usw.

Ehefähigkeits­bescheinigung von 1820 für Susana Peter aus Bertschikon. Das Dokument wurde später am rechten Rand beschnitten.


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Aus ungefähr derselben Zeit stammt ein Neujahrsbrief vom 5. Jenner 1826 von Anna Maria Büchi aus Wittenwil an ihre Söhne Johann und Johann Conrad, welche zu dieser Zeit in Zürich einem Studium nachgingen. Er zeigt in berührender Weise die Mutter von damals: «Sehnlich erwarten ich letzen Samstag ein bahr Zeilen von der Ankunft meines lieben Sohn. Wo ihr zu sammen gekommen seid u. mit was für Vergnügen ihr ein andere angedrofen habet. Kum mochte ich die Stunde erwarten wo der bott komt aber die Freüde wurde mir nicht zutheil da dachte ich es komt eitz gewiss einen am mitwuchen allein es geschah nichts ich hatte geglaubt der ausgang des verflossenen jahr u. der ein Tritt in das neüe Jahr erweckte der Gedanken in eüch an die Liebe eüeren Eltern u. sey auch ein bahr Zeillen der Dankbahrkeit u. Glückwünschung fernerer Gesundheit aber alles geschah nicht ich hätte geglaubt wans eüch die Geschäfte nicht erlauben wäre es eüch nicht zu viel ... noch ein bahr Zeilen zu schreiben … Nun will ich enden und grüsse eüch vil tusend mahl u. verbleibe eüere treü besorgte Mutter Anna Maria Büchi». Neujahrsbrief der Mutter Anna Maria Büchi an ihre Söhne 1826

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nen werden in beiden Briefen lediglich indirekt angeschrieben. Aus der Anrede geht nicht einmal ihr Name hervor, wohl aber derjenige des verstorbenen Mannes samt dessen Beruf. Dabei handelt es sich hier nicht um private Post, sondern um amtliche Dokumente. Einen trefflichen Blick auf die Mutterrolle der damaligen Zeit vermittelt ein Gedichtbändchen von Katharina Berkmüller-Stutz an ihre Tochter Louise aus dem Jahre 1841.

Luischens Wiegenliedchen 1838 Gottes höchstem Schutze dich empfehlend, Leg ich liebes Kindlein dich zur Ruh; Liebend wacht er über deiner Wiege, Schliesse ruhig nur die Äuglein zu.

Weiteres Beispiel einer Anrede aus dem Jahre 1855: «Herrn Amann Mayor seel. Wittwe in Wittenweil!»

Aufschlussreich sind auch die Anreden in Briefen. Ein amtliches Schreiben der Gemeindebehörde an eine Frau Schellenberg aus Matzingen aus dem Jahre 1836 beginnt mit folgender Anrede: «David Schellenberg, Schreiner, selige Wittwe, in Mazingen … ». Oder ein anderes Beispiel: «Die Witwe des Anton Lüthi sel. in Stettfurt wird hiermit zum leztenmal aufgefordert … » (Wittenwil 1831). Die Adressatin-

Man ermüdet von des Tages Beschwerden, Auch das Mutteraug geschlossen ist, Und obgleich so nah an deinem Bettchen, Doch in tiefem Schlafe dich vergisst. Denkt doch er an dich, du liebe Kleine, Sorgt dass dir im Schlaf kein Unfall naht, Sendet seine lieben Englein nieder, Dich getreu zu hüten früh und spat. Nun so schlafe den in seinem Nahmen, Liebes theures Herzchen ruhig ein! Zwischen Eltern und von Gott behütet, Muss der Schlaf für dich gesegnet sein.


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Später lernst du dan den Vater kennen, Der dir unerkannt so Gutes thut, Ja, mein Kindlein, lerne früh ihm danken, Bleibe schuldlos, werde fromm und gut! Die ersten Frauen in einer Wängemer Behörde tauchen 1969 auf, bezeichnenderweise als Beisitzerinnen in der Schulbehörde.72 An die Schulgemeindeversammlung vom 15. Februar waren erstmals die Frauen eingeladen. Zwei wurden in die Behörde gewählt: Hanni Bischof und Leonie Thalmann. 2001 folgte dann mit Francine Gaggioli-Stacher die erste Schulpräsidentin. Ganz in der Logik des traditionellen Frauenbildes standen den Frauen zunächst die kirchlichen und sozialen Gremien offen. Von den politischen Behörden blieben sie noch länger ausgegrenzt. In die Gemeindebehörde wurde erst 1982 eine Frau gewählt: Maria Figi.73

Gedicht­bändchen der Mutter Katharina Berkmüller an ihre Tochter Louise. Um 1870

Die Ausstellung zeigte den grossen Spannungsbogen und die schleppend verlaufende Entwicklung der Rolle der Frauen in unserer Gesellschaft über zwei Jahrhunderte. Das Ortsmuseum konnte mit seinen Exponaten die Ausstellung des ThurgauerFrauenArchivs auf die lokale Geschichte herunterbrechen und damit konkret erfahrbar machen.

Gedicht­ bändchen von Katharina Berkmüller aus dem Jahre 1835. Aus der Bibliothek von Dr. Her­ mann Walder. Heute im Orts­ museum

72

Zwar bezeichneten sich bereits 1920 die Mitglieder der Arbeitsschulkommission als «Schulbehörde». Allerdings handelt es sich hier um keine amtliche Bezeichnung und die Aufgaben beschränkten sich auf Kommissionsarbeit in der Mädchenbildung (Textiles Werken und Kochen)

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Raas, Andreas. (2008). Wängi – Der Weg von der Gerichtsherrschaft zur politischen Gemeinde. S. 70-75

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Ruedi Götz Aufnahme 1980 von einem Wängemer Sekundarschüler

2004: Menschen aus Wängi – Fotoportraits von Ruedi Götz aus der Zeit von 1968 bis 2003

Ruedi Götz ist interessiert an Menschen und ein passionierter Beobachter. Und er ist ein hervorragender Fotograf. Gründe genug, seinem Werk einmal eine Ausstellung zu widmen. In seiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung ging Ernst Trachsler einigen Grundfragen nach:

Eine Ausstellung mit dem Titel «Menschen aus Wängi» und nicht «Die Menschen aus Wängi» oder gar «Die Wängemer» trifft immer eine bestimmte Auswahl. Es sind nie alle. Eine Ausstellung ist kein Inventar. Und genau diese Fragestellung ist interessant: Gibt die Ausstellung


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Hinweise auf «die typische Wängemerin und den typischen Wängemer»? Gibt es das überhaupt? Oder sind das klischeehafte Zuschreibungen? Kann man alle Menschen von Wängi in einen Topf werfen? Da sind Bedenken schon berechtigt! Der Umgang mit Stereotypen erfordert Vorsicht und Zurückhaltung. Sie greifen immer zu kurz! Also, den typischen Wängemer gibt es nicht! … Aber die von Tuttwil? Die «typischen Tuttler»? Sind die nicht manchmal etwas eigen? Ist nicht manchmal dort oben eine gewisse Distanz spürbar gegenüber dem, was von Wängi kommt? Haben sie dort oben nicht härtere Köpfe? Gibt's – wenn's den typischen Wängemer nicht gibt, am Ende den «typischen Tuttler»? Es ging in dieser Ausstellung nicht um ein Urteil, inwieweit die Wängi- und die Tuttwil-Stereotypen «etwas an sich haben» und inwieweit nicht. Es ging darum, aufmerksam zu machen, wie wir alle – vor allem in Bezug auf andere! – mit solchen Mustern schnell bei der Hand sind. Und wer auf dem Heimweg nach dem Ausstellungsbesuch noch etwas über diese Fragen nachdachte, dem wurde vielleicht bewusst, wie häufig in unserem Denken solche Stereo­ typen auftauchen: Die Fremden, die Linken, die in Bern oben, die Jungen usw. Ruedi Götz zeigte uns verschiedenste Menschen in verschiedensten Situationen. Aller-

dings: Discobesucher oder Fussball- und Tour de Suisse-Zuschauer suchte man vergebens. Oder den Wängemer Fasnachtsumzug. Auch Leute an der Arbeit im Websaal, beim Ackern oder beim Strassenbau kamen nicht vor. Ruedi Götz sucht seine Sujets nicht, – er trifft sie gewissermassen an. Er geht nicht auf die Pirsch, er macht nicht Jagd auf schrille Effekte; er ist kein Paparazzo, der hinter seinem grossen Schuss nachrennt. Vielmehr fotografiert er dort, wo auch er selber sich gerne aufhält. Er fotografiert jene, die er dort antrifft. Er lauert ihnen nicht auf. So dokumentiert er immer auch seine eigene Welt. Nie reisserisch, nie blossstellend, vielmehr rücksichtsvoll beschreibend. Im weitesten Sinne umfassen seine Themen die Schule, die beschauliche dörfliche oder dorfpolitische Öffentlichkeit vom Nachmittagsjass in der Wirtschaft, über Kirchen- und Gemeindeanlässe, bestimmte Feiern und dörfliche Feste bis hin zur Viehschau. Gelegenheiten, welche sich zwar durchaus vom normalen Alltag abheben, bei denen es sich jedoch nie um aufgeregte Events handelt. Wer sich auf diesen unspektakulären öffentlichen Bühnen bewegt, gerät Ruedi Götz früher oder später vors Objektiv. So gesehen ist er auch der Dokumentarist. Er hält fest, wer sich bei welchen Gelegenheiten wie gibt. So konzentriert sich die Götz’sche Fotogalerie auf bestimmte gesellschaftliche Bereiche. Und trotzdem ist die Ausstellung nie eintönig. Sobald man nämlich den Eindruck gewinnt,

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da seien lauter Bauersleute, findet man flugs einen Handwerker. Und hat man den Eindruck, irgendwie kämen alle so gsunntiget daher, trägt jemand auf der nächsten Aufnahme Arbeitskleider. Sobald man denkt, Ruedi Götz fotografiere mit Vorliebe ältere Leute mit Gesichtern in denen die Lebenserfahrung sich eingegraben hat, steht man unverhofft vor Portraits von Jugendlichen. Und unter die vielen Männer mischen sich Frauen. Und vereinzelt tauchen ausländische Gesichter und Namen auf. Ruedi Götz achtet sorgsam auf Ausgewogenheit. Die Gefahr des Ausgrenzens ist ihm bewusst. Felix Restle. Primarlehrer Tuttwil. Aufnahme 2001 Urs Krähenmann Architekt und Zeichner. Aufnahme 1987

Beim Fotografieren geht er sehr sorgsam und behutsam vor. Die fotografierten Personen zeigen sich durchwegs in ruhigen Posen. Sie wirken selbstsicher. Gesichter in Nahaufnahme oder Vergrösserungen füllen oft den ganzen Bildraum. Trotzdem tritt Ruedi Götz niemandem zu nahe. Allen belässt er ihre menschliche Würde. Und gerade auf diese Art gelingt es ihm, einen Einblick in die Charaktere unter der Oberfläche zu zeigen. Der Betrachter erahnt etwas von der inneren Statur der fotografierten Person. Ob diese ihm nun bekannt ist oder nicht. Hinter den Gesichtern werden Menschen


Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Margrit Trachsler, Logopädin und Tobias Mielsch, Aufnahme 2002

sichtbar, die unter uns leben oder gelebt haben. Die Fotografie eröffnet uns einen Zugang zu ihnen. Es lohnte sich daher, sich in der Ausstellung Zeit zu nehmen. Sonst verpasste man hinter den Fotografien die Menschen. Die Ausstellung 2004 lockte mehr Besucherinnen und Besucher ins Museum als jede andere Ausstellung zuvor. Eine schöne Anerkennung für Ruedi Götz!

Viehschau Wängi 1984. Vorne die ehemaligen Bauern Paul Bommer und Arnold Schmid

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2005: Wertvoll oder wertlos? Das Jahr 2005 geht in die Geschichte des Ortsmuseums ein: Noch nie konnten derart viele Neueingänge verzeichnet werden. Grund genug, dies der Öffentlichkeit einmal bewusst zu machen und aufzuzeigen, was im Museum mit all den neu eingegangenen Objekten geschieht: Vom Bestimmen und Inventarisieren übers Reinigen und Konservieren bis hin zum Aufbewahren und Lagern.

Blick in die Ausstellung der Neueingänge 2004. Mauserschaufel, Mörser, Filmprojektoren, Wandtelefonapparat, Butterquirl, Kreiselkompass usw.

Sammlung religiöser Wandschmuck. Massenbilddrucke. Oben rechts Blechtafel «Eisfeld Wängi» mit Verhaltensanweisungen der Gemeinde aus dem Jahre 1934. Als Eisfeld diente der heutige Webereiweiher.

Natürlich stellte sich im Zusammenhang mit Neueingängen jedesmal die Grundsatzfrage: Wertvoll oder wertlos?74 Auf diese Frage ging Ernst Trachsler in seinen Ausführungen zur Eröffnung der Sonderausstellung anhand einiger Beispiele näher ein. Er zeigte anhand einiger auf den ersten Blick unscheinbarer Dinge, wie diese bei genauerem Hinsehen Aussagekraft gewinnen. Das soll hier an ein paar wenigen Beispielen aufgezeigt werden: Anrichteschüssel, Teppichklopfer, Obstzerrhaken und Türband. Ältere Leute vermögen sich noch zu erinnern, an den Einbruch des Kunststoffs in den traditionellen Haushalt. Leicht, rasch zu reinigen, unzerbrechlich, schön bunt und erst noch wohlfeil waren diese Schüsseln. Betrachtet man das kulturkritisch, ist das Auftauchen solcher Kunststoffartikel eines der Einfallstore für die heutige Wegwerfmentalität. Das Flicken lohnte sich nicht mehr. Wegen des geringen Gewichts wa-

Am Beispiel des Bindemähers ist diese Frage in diesem Heft bereits einmal gestreift worden.

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ren solche Gefässe auch als Reisegeschirr prädestiniert. Das Auftauchen von Bakelit und Ornamin in den Geschirrläden nach dem zweiten Weltkrieg fällt ungefähr zusammen mit dem Beginn der Campingferien. Bis auf den Sonntagsoder Festtagstisch hat sich das Kunststoffgeschirr aber nicht durchgesetzt. Dort steht heute noch irdenes Geschirr oder gar Porzellan. Übrigens: Zu Zeiten, als man in den Haushalten noch ausschliesslich irdenes Geschirr kannte, da gab es noch den «Chacheliflicker» (in andern Regionen auch «Chachelihefter» oder «Beckibüetzer» genannt75). Dieser zog wie ein Hausierer von Haushalt zu Haushalt und flickte zerbrochenes Geschirr. Seine Ausrüstung trug er stets bei sich: Bohrer, Feindraht, Zange und Pech. Der Chacheliflicker gehörte zur Gruppe der sogenannten Störhandwerker wie die Schirmflicker, die Scherenschleifer, die Rechenflicker, die Störmetzger oder die Störschneiderinnen, oder wie auch andernorts erwähnt der Kirchturmuhrflicker.

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Velo, Kinderfahrrad mit Hartgummirädern, Puppenwagen aus Weidengeflecht Anrichteschüssel und Trinkbecher aus Ornamin

Die Begriffe «Chacheli» und «Beckeli» wurden regional unterschiedlich verwendet. Während das «Chacheli» in der Regel ein Gefäss in Form einer Halbkugel mit oder ohne seitliche Griffe meint, ist das «Beckeli» eine Tasse mit seitlichem Henkel. Ein «Becki» ist eine Schüssel.

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Geflickter Riss in einer Holzschüssel. Gut zu sehen sind die paarweise gebohrten Löcher und die Klammern aus feinem Draht.

Der Chachelibohrer ist ein sogenannter Drillbohrer. Mit einer Abwärts­ bewegung des waagrechten Joches wird der Bohrer in Schwung gesetzt. Er «bohrt» sich – oder besser gesagt: er «schabt» sich – ins Material. Mit dem Drehschwung wickelt sich die Schnur wieder auf. Dabei ändert der Bohrer die Drehrichtung. Vorn zwei hand­ geschmiedete Ersatzbohrer und zwei geflickte Tongeschirre. Was an diesen Beispielen fehlt, ist die Abdichtung mit Pech oder Harz.

Teppichklopfer Der Teppichklopfer besteht aus rotem Kunststoff, wie man sie heute noch ab und zu verwendet. Was an diesem Teppichklopfer besonders auffällt: Er ist geflickt, er ist mit einer Schnur behelfsweise zusammengeknüpft. Die frühere Besitzerin entstammt einer Generation, welche die Wirtschaftskrise in den Dreissigerjahren und den zweiten Weltkrieg erlebt hat.


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Sparen war nicht nur eine Tugend, sondern schiere Pflicht. Nur wer sparte, kam über die Runden. So gesehen verweist der Teppichklopfer mit seiner verschnürten Bruchstelle auf magere oder bittere Zeiten und entsprechend auf Sparsamkeit oder anders gesagt: auf Lebenstüchtigkeit. Der Teppichklopfer vermag eine Geschichte zu erzählen. Das macht ihn wertvoll. Obstzerrhaken Der Stiel ist zerbrochen. Von Holzwürmern erledigt. An einem Stück sitzt vorne ein Haken. Dieser Haken hat es in sich. Es lohnt sich, ihn genauer zu betrachten. Die Krümmung des Hakens ist unregelmässig. Kein Schmied hätte das so gemacht. Am Stiel ist zudem ein beidseits abgesägtes, flaches Querholz sichtbar. Alles macht einen etwas merkwürdigen Eindruck und man fragt sich, weshalb wohl. Des Rätsels Lösung ist nicht schwierig zu erraten: Der Heuzerrhaken war einmal eine Heugabel. Wahrscheinlich ging die Gabel zu Bruch. Aus den Resten liess sich immer noch ein Zerrhaken basteln. Auf dem Stiel ist zudem der Besitzername eingebrannt: BÜRGERHEIM. Der Haken stammt aus dem ehemaligen Bürgerheim Wängi und weist auf dessen Geschichte. Ursprünglich waren Bürgerheime oft mit einem Landwirtschaftsbetrieb gekoppelt. Die Insassen (wie man sie damals nannte) arbeiteten für ihr tägliches Brot. Es galt das System der weitgehenden Selbst-

Teppichklopfer aus Kunststoff mit Schnur geflickt Vorne selbst gefertigter, zerbrochener Obstzerrhaken. Eingebrannt «BÜRGERHEIM». Evtl. auch als Heuzerrhaken verwendet. Hinten intakte Heugabel aus Holz mit entsprechenden Metallzinken

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von Beschäftigungstherapie verstanden. Heute sind Altersheime soziale Dienstleistungsunternehmen, welche nicht mehr Arbeit fordern, sondern Pflege und Wohlbefinden anbieten.

Das obere Türband ist mit einer alten Technik aus zwei Stücken zusammen­gehämmert. Bei genauem Hinsehen sind sowohl die Naht als auch ein Loch von der früheren Verwendung des einen Stücks Eisen zu erkennen.

versorgung. Die Leitung solcher Einrichtungen wurde nicht selten von Landwirten zusammen mit ihren Frauen wahrgenommen. So wie Wängi es noch von der Familie Gebhard und Cäcilia Senn her in Erinnerung hat. Später wurde die Arbeit auf dem Hof eher im Sinne

Türband Was sofort auffällt: Das eine Türband ist zusammengesetzt. Aber die beiden Stücke sind weder autogen noch elektrolytisch geschweisst. Damals machte man das so: Beide Teile wurden auf der Esse bis zur Weissglut erhitzt (ca. 1300 bis 1400°. Nicht höher, denn ab 1500° beginnt Eisen zu schmelzen). Dann wurden die Teile mit harten Schlägen (d.h. mit hohem Druck) zusammengehämmert. Eine strenge Arbeit für den Schmied und seinen Gesellen am Amboss und dem Schmiedejungen am Blasebalg. Das Türband ist ein Zeuge für eine verlorene Handwerkstechnik. Und es erzählt von einer Zeit, als das Material noch teurer war als die Arbeit und jedes Stück Eisen wieder verwendet wurde. Das unerklärliche längliche Loch stammt vom früheren Verwendungszweck des einen Eisenstücks.


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2006: Landmaschinen (Sammlung von Paul Krapf, Wilhof) Diese Ausstellung machte die private Sammlung von Paul Krapf einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Paul Krapf an der Aadorferstrasse 37 ist ein faszinierender Sammler und er hat eine phänomenale Sammlung alter Landmaschinen. Einige besonders spektakuläre Exemplare stellte er im Ortsmuseum aus. Mit seinem Bulldogg Baujahr 1939 fuhr er – weitherum hörbar! – durchs Dorf. Zur Besichtigung des weitaus grössten Teils seiner Sammlung öffnete er bei sich zu Hause Scheune, Schopf und Stall. Paul Krapf geht es ums Bewahren und Erhalten. Er rettet Geräte, Maschinen und Fahrzeuge vor dem Verrosten oder vor dem endgültigen Verschrotten und richtet sie wieder her. Jeder Traktor, jede Maschine in seiner Sammlung ist nicht nur geputzt. Nein, alles funktioniert auch wieder. Ausrangierten Maschinen, die zum Teil jahrzehntelang still gestanden haben, verleiht er gewissermassen ein zweites Leben. Wenn er irgendwo ein Objekt aufgetrieben hat, kennt Paul Krapf keine Ruhe, bis der Motor wieder läuft und alles wieder so funktioniert und aussieht wie früher einmal im Neuzustand. Aus Harassen voller rostiger Bestandteile stellt er alte Traktoren modellgerecht und funktionstüchtig wieder her. Er ersetzt lotternde Gelenke oder fehlende Dichtungsringe. Allerdings ist das oft einfacher gesagt als getan. Wo nimmt man ein

Paul Krapf in seiner Ausstellungsscheune mit einem seiner Prunkstücke: Traktor Lanz Bulldogg aus dem Jahre 1939. Die Sammlung Paul Krapf ist ausserordentlich reichhaltig und gepflegt und umfasst eine Vielzahl sorgfältig restaurierter Landmaschinen. Ein Besuch lohnt sich unbedingt.

Gelenk her, wo eine Antriebswelle, wo ein Lager aus den 1930er Jahren? Von einer Marke, die es möglicherweise gar nicht mehr gibt? Immer wieder reist er deshalb an Messen mit antiken Landwirtschaftsmaschinen, vornehmlich nach Dorset in Südengland oder an die Ersatzteilmesse in Ulm. Dort findet er in der Regel, was er sucht.

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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Die Ausstellung machte klar: Sammler und Sammlung sind unzertrennlich. Paul Krapf ist ohne seine Sammlung nicht denkbar und seine Sammlung ohne ihn nicht. Er weiss alles über landwirtschaftliche Motoren und Maschinen. Er weiss Bescheid über Zündungssysteme aus vielen Jahrzehnten, über verschiedene Brennstoffe, über unterschiedlichste Arten von Kraftübertragungen. Er hört, wenn ein Motor nicht rund läuft und weiss, wo nachgebessert werden muss. Paul Krapf beherrscht die unterschiedlichsten Handwerke. Er ist Schlosser, Mechaniker, Schreiner, Maler. Eine seiner Spezialitäten ist das Linieren. Eine längst verloren gegangene Technik, wo mit dünnem Pinsel und ruhiger Hand Zierlinien gezogen werden. Paul Krapf sammelt mit grösster Leidenschaft und mit hohem Sachverstand. Dazu kommen handwerkliches Können und Geduld, Ausdauer und Beharrlichkeit. Das ist mehr als blosse Liebhaberei. Seine Sammlung ist längst zu einem Stück Lebensinhalt oder Lebenssinn geworden. Da passt auch ganz gut, dass er seine Sammlung bei sich zu Hause hat und von ihr gewissermassen permanent umgeben ist.

2007 und 2008: Aus Wängemer Fotoalben Teil I und Teil II Nach dem grossen Publikumserfolg der ersten Fotoausstellung im Jahre 2003 wurde das Thema Fotografie in zwei weiteren Sonderausstellungen nochmals aufgegriffen. «Aus Wängemer Fotoalben» lautete der Titel. Absicht war es, den privat gehorteten Fundus an allgemein interessanten Fotos einer breiten Öffentlichkeit zu erschliessen und über das Ortsmuseum zugänglich zu machen. Neben diesem nüchtern dokumentarischen Interesse schwang sicher auch der Gwunder mit, welche Schätze sich in den privaten Alben denn verstecken. Ruedi Götz suchte während der letzten Jahre intensiv nach privaten Alben und bat die Besitzerinnen und Besitzer, ihm diese leihweise für ein paar Tage zur Verfügung zu stellen. In Absprache mit den Eignerinnen und Eignern wurden Aufnahmen mit dorf- oder sozialhistorischem Bezug gescannt und digitalisiert. Die folgenden ausgewählten Beispiele zeigen, dass einige der Aufnahmen das Potential zu eigentlichen dorfhistorischen Ikonen haben.76

Andreas Raas hat eine grosse Auswahl der Fotos ins Wängener Heft 3 aufgenommen und mit erläuternden Kommentaren versehen. Er zeichnet fotografisch unterlegt den Übergang von ländlicher Geborgenheit in die Neuzeit nach. Wegen ihrer Einmaligkeit sind hier einige der Fotos, teilweise samt Bildbeschreibung, nochmals aufgenommen worden.

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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Kiesabbau 1934 mit Traktoren der Jahrgänge um1930. Vorderster Fahrer ist Emil Ammann.

Wängemer Töfffahrer auf dem Susten. Aufnahme aus den frühen 1950er Jahren. V.l.n.r. Sohn und Vater Albert Bommer, Heinrich Isenring, Willi Nafzger

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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Zeppelin über Wängi. Vom Heidelberg aus gesehen. Aufnahme der Familie Müller

Grundsteinlegung zur katholischen Kir­ che durch den Bischof Franziskus von Streng von St. Gallen 1958. V.l.n.r.: Bau­ führer Bärlocher, kirchlicher Würdenträger (hält Ornat des Bischofs zurück, dass das kostbare Kleid nicht mit Mörtel verschmutzt wird), Bischof Franziskus von Streng, Pfarrer Josef Isenegger sowie die Ministranten Ricardo De Martin, Bruno Christen und Josef Isler. Im Hintergrund links der Kirchenmusiker Orlando De Martin. Hinter Bauführer Bärlocher nicht sichtbar ist Gerold Krähenmann. Ihm fiel als Jüngstem auf der Baustelle die Auf­ gabe zu, den ersten Mauerstein über den Grundstein zu setzen. Die auf der Ober­ seite kunstvoll gravierte Mörtelkelle befindet sich im Ortsmuseum.


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Sturmschäden in einem Baumgarten bei Krillberg. 20. Juli 1935

Amerikanischer Benzinkanister. Am 2. April 1944 vor dem EichbĂźhl abgeworfen


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«Strasse gesperrt, Seuchengebiet». Das Maul- und Klauenseuche-Postbüro Tuttwil. Aufnahme 1920.

Zuschauer bei einem Brand am 1. September 1897 im Wilhof. Scheune und Wohnhaus wurden vollständig zerstört. Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass die zahlreichen Männer beisammen und vorn stehen und die eher wenigen weiblichen Zuschauerinnen hinten.

Die Fotosammlung Ruedi Götz Mit diesen beiden Ausstellungen legte Ruedi Götz den Grundstein für seine umfangreiche Fotodokumentation. Das öffentliche Interesse war überragend. Gründe dafür gibt es mehrere: Ruedi Götz’ Suche nach alten Alben und die daraus entstehenden Kontakte schürten bereits im Vorfeld der Ausstellung die Erwartungen. Dann gibt es ein urmenschliches Bedürfnis, Bilder oder Fotos von früher zu betrachten und dabei in die eigene Vergangenheit einzutauchen. Und nicht zuletzt bewegte wohl die Neugier, ob man möglicherweise selbst auf einer der Fotos zu erkennen sei, die Leute wiederum in Scharen ins Museum. Allerdings hatte gerade diese Medaille auch ihre Kehrseite: so ergingen Anfragen enttäuschter Besucherinnen und Besucher an das Ortsmuseum, warum ausgerechnet sie in der dörflichen Portrait­ galerie fehlten. Einige Jahre später, 2014, übergab Ruedi Götz seine gesamte Fotosammlung dem Ortsmuseum; eine Schenkung von unschätzbarem Wert! Über 1000 grossformatige Schwarzweiss-Fotos, wohl geordnet in 42 Mappen mit dazugehörender digitaler Speicherung auf CDs. Dazu ein Übersichtsregister. Während ungefähr zwei Jahren arbeitete Ruedi Götz an der Systematisierung seiner Sammlung. Das Ortsmuseum ist künftig in der Lage, bei der Suche einer bestimmten Aufnahme mit Suchbegriffen (Name, Ort, Jahr) zu arbeiten. Zudem ist die Systematik mit derjenigen des bereits be-


Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

stehenden Fotoinventars von Heidi Raas kompatibel. Die CDs wurden gleich mehrfach gesichert und die gespeicherten Daten sollen in Zukunft immer wieder den technischen Entwicklungen angepasst werden. Soweit zum Technischen! Was aber die Bedeutung der Fotosammlung zum eigentlichen Wängemer Kulturgut macht, sind die Aufnahmen selbst. Die Sammlung umfasst zwei Bereiche: erstens die Fotos von Wängemer Personen, aufgenommen von Ruedi Götz. Zweitens die kopierten Fotografien aus privaten Wängemer Fotoalben. Erstere erstrecken sich über einen Zeitraum von etwa 50 Jahren. Die aus privaten Alben gesammelten Fotos hingegen reichen weiter zurück und erfassen praktisch das ganze letzte Jahrhundert in Wängi.77 Dieses fünfte Wängener Heft – und auch schon die bisherigen! – hätte nicht realisiert werden können ohne den ganzen fotografischen Fundus.

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Ruedi Götz hätte in Ruhe seinem Hobby nachgehen und darin seine Befriedigung finden können. Er hätte mit Hingebung seine Fotoschachteln und CDs füllen und in aller Ruhe betrachten können. Aber er hat es anders gemacht. Er hat sein Hobby – und nach der Pensionierung seine Arbeit – in den Dienst der Öffentlichkeit gestellt. Er hat für diese Öffentlichkeit mit seinen Fotografien Dorfgeschichte geschrieben. Er hat als Chronist und Dokumentarist gewirkt und der Gemeinde selbstlos sein kulturhistorisches Vermächtnis übergeben. Dieses Götz’sche Erbe verpflichtet. Neben der technischen Sicherung stellt sich daher für die Zukunft die Frage, wer in diese Fussstapfen zu treten bereit ist und die fotografische Sammlung dereinst fortsetzt? Gesucht sind fotografische Dokumentaristinnen oder Dokumentaristen welche bereit und in der Lage sind, diese Aufgabe in Zukunft weiterzuführen.

Die beiden Sammlungsbereiche sind unter «2004 Menschen» und «2007/2008 Aus Wängemer Fotoalben» eingehender beschrieben.

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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

2008: Christlicher Glaube in Kirche und Haus Im Jahre 2008 fielen mehrere kirchliche Jubiläen zusammen: Die katholische Kirche feierte nach ihrer Einweihung im Jahre 1958 ihr 50-jähriges Bestehen. Die evangelische Kirchgemeinde feierte zum einen ihr 150-jähriges Bestehen und zum andern erhielt ihre Kirche 1958, also vor 50 Jahren, ein neues Geläut. Während die beiden Kirchgemeinden ihre Jubiläen eher in Form historischer Rückbesinnungen feierten, stellte das Ortsmuseum mit verschiedenen Objekten aus den eigenen Beständen eine kulturgeschichtliche Ausstellung zusammen. Wie äussert sich Glaube im privaten Alltag? Was für religiöse Bilder hängen in den Stuben oder in den Schlafzimmern? Was für religiöse Literatur wird gelesen? Und schlussendlich die Frage: Wo kippt Glaube in Aberglaube und wo liegt die Grenze zum Kitsch?

Religiöse Nippes und Mitbringsel von Wallfahrten. 20. Jahrhundert


Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Gerade in der ausgestellten Gebets-, Andachts- und Erbauungsliteratur tauchen Sätze auf, die nach sprachlichem Schwulst tönen. Hier ein Beispiel aus einem Gebetbuch für Kinder aus dem Jahre 1888: «Und weil es dir, o Herr! gefällig, dass wir unseren Eltern die allerbeste Ehre nach dir erweisen, so verleihe mir die Gnade, dass wann sie gute und heilsame Vermahnungen an mich thun, und mich lehren, wie ich dich rechtschaffen förchten, mich von der Welt unbefleckt bewahren, und durch kindlichen Gehorsam ihrem Herzen Freude erwecken solle, ich auf ihre Rede wohl aufmerke, und ihren Erinnerungen eiferig nachkommen, sie herrlich liebe, aufrichtig ehre, kindlich förchte, ihnen williglich gehorche, auch mich ihrer Strafe und Zucht demüthig­ lich unterwerfe ... » Von der etwas befremdend wirkenden Sprache einmal abgesehen, ist festzuhalten, dass es zu allen Zeiten ein menschliches Bedürfnis nach Religiosität gegeben hat und dieses Bedürfnis immer wieder – auch ausgesprochen zeit­ typische – Ausdrucksformen suchte.

Gebets- und Andachtsbücher aus dem 18. und 19. Jahrhundert

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In der Ausstellung wurde ein weiteres Objekt gezeigt, welches gerade im Zusammenhang mit dem Thema «Glaube im Alltag» seine ganz spezielle Geschichte hat: die sogenannte «Webereiglocke». Schon allein der Name irritiert. Was jetzt: Kirche oder Fabrik? Die Glocke trägt die Aufschrift H * IM 1595.

Sogenannte Webereiglocke aus dem Jahre 1595. Die Glocke hängt heute im Ortsmuseum im Themenbereich Textilien und Weberei.

Auf dieser Aufnahme der Spinnerei Wängi von vor 1911 ist das Glo­ ckentürmchen gut zu erkennen. Links die Spinnerei, Mitte die Weberei, rechts davon das Nachtwächterhäuschen und rechts im Vordergrund das Kosthaus. Im Hintergrund das Haus Schlossberg

Die Jahreszahl sagt es: 1595, also vor gut 500 Jahren wurde die Glocke gegossen. Von wem ist unklar. Eine Entzifferung der Buchstaben ist bisher nicht gelungen. Interessant ist aber auch weniger der Glockengiesser, sondern wie die Glocke ins Museum kam. Übergeben hat sie uns nämlich die Weberei Wängi AG. Die Glocke hing bis 1911 auf einem kleinen Glockenstuhl auf dem Fabrikgebäude. Ein ähnlicher Glockenstuhl ist heute noch auf dem Dach der ehemaligen Weberei Matzingen zu sehen. Diese Glocken auf den Fabrikdächern hatten einen Grund. Als die Textilindustrie zwischen 1800 und 1850 ins Murgtal einzog, wurden zuerst Stauwehre, Speicherweiher und Kanäle angelegt. Das Wasser trieb Wasserräder oder Turbinen. Dann wurden die Fabrikgebäude hochgezogen. Für den Antrieb der Zwirn- oder Webmaschinen wurden unter der Decke Antriebswellen montiert, welche die Rotation über offen geführte Transmissionsriemen hinunter zu jeder Maschine leiteten. Was jetzt noch fehlte waren die Arbeiterinnen und Arbeiter. Leute mit ausreichender Fachkenntnis in industrieller Textilfertigungstechnik gab es im ländlichen Murgtal nicht. Also musste die an-


Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

sässige Landbevölkerung für die Arbeit in der Fabrik gewonnen werden. Zwar war man sich harte Arbeit durchaus gewohnt. Die Bauersleute standen seit jeher auf, wenn der Hahn krähte. Und man arbeitete bis die Sonne unterging. Im Frühsommer begann das Mähen noch vor Sonnenaufgang. Und manchmal wurde es abends später, weil noch die Sensen gedengelt oder ein krankes Tier gepflegt werden musste. Im Winter konnte man es manchmal etwas ruhiger nehmen und bei Regenwetter und Schneetreiben etwas später zur Arbeit im Wald ausrücken. Und war man älter, nahm man es etwas gemütlicher. Das alles ging nun aber in einer Fabrik nicht! Die Maschinen starteten um 06:00 Uhr und stellten um 18:00 Uhr oder später ab. Keine Pause dazwischen. Keine Zeit für Znüni. Die fixen Arbeitszeiten galten im Sommer wie im Winter, bei Sonne oder Regen. Für Alte wie für Junge. Die Landbevölkerung musste in ihrem Arbeitsrhythmus umgewöhnt werden. Aber wie? Die Lösung waren Kirchenglocken. Ihr Läuten war seit je bekannt und respektiert und wurde befolgt. So kam eine Kirchenglocke auf jedes Fabrikdach. Ihr Geläute war den Menschen Befehl: Arbeitsbeginn, Arbeitsende. Ganz so wie die Maschinen und die Fabrikordnung es forderten.78 Mit diesen industriellen Arbeitsbedingungen veränderte sich die Beziehung der Bevölkerung zur Arbeit. Der Arbeits- und da-

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mit auch der Lebensrhythmus wandelten sich. Die Beziehung zur Natur ging verloren. Die Befriedigung an der eigenen Arbeit änderte sich: Ein Korb selbst angebaute und geerntete Kartoffeln war etwas anderes als ein Stück Stoff auf einer grossen Rolle. Neben der ansässigen Landbevölkerung entstand neu die Arbeiterschaft. Just einige Monate vor den kirchlichen Jubiläen gelangte Ruedi Götz bei der Räumung von Karl Wüthrichs Wohnung an der Steinlerstrasse durch dessen Söhne überraschend in den Besitz von ungefähr 200 8-Millimeter-Filmrollen aus den 1950er und 1960er Jahren. Sowohl der Bau der katholischen Kirche als auch der Glockenaufzug waren auf Zelluloid festgehalten. In den Archiven der beiden Kirchgemeinden kam in der Folge zusätzliches Filmmaterial zum Vorschein. Ruedi Götz stellte in Zusammenarbeit mit einem professionellen Atelier unter dem Projekttitel «Wängi an der Schwelle zur Moderne» drei je ungefähr 20-minütige Filme her. Zwei davon mit direktem Bezug zu den Kirchenjubiläen: «Der Glockenaufzug in der evangelischen Kirche 1958» und «Der Bau der katholischen Kirche 1957/58». Anlässlich der Jubiläumsfeiern wurden diese Filme der Öffentlichkeit erstmals vorgestellt. Dazu kam ein dritter Film mit dem Titel «Dorfleben».

Emil Zopfi schildert in einer Geschichte den Widerstand der Bevölkerung gegen diesen «Missbrauch» einer Kirchenglocke quasi als Fabriksirene.

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2009 – 2010: Weberei Wängi AG – Aufstieg und Niedergang. Geschichte der Weberei von 1823 bis 2004 Maschinenfabrik Rüti aus dem Jahr 1915, die Fabrikglocke, zahlreiche Stoffmuster, ein Arbeitsbuch sowie mehrere Fotos. Dazu lagert im Ortsmuseum der gesamte schriftliche Geschäftsnachlass der Zwirnerei Rosental aus der Zeit kurz nach 1900 bis zum 7. November 1987.

«Plan der Spinnery & Mülle in Wengi 1824». Der Murgverlauf ist noch nicht korrigiert. Schön sichtbar sind rechts die Murgschlaufe im Weidli und der Geländesporn mit der Ruine Rengerswil. In der Murg stehen zwei Stauwehre mit Kanälen zur Fabrik. Die Strasse im Murgtal existiert noch nicht. Am Dammbühl Südhang sind noch Reben zu sehen.

Schon immer war die Geschichte der Weberei eng mit der Geschichte des Dorfes verknüpft. Nach der Auflösung der Weberei Wängi AG vermachte der ehemalige Direktor Jürg Maurer dem Ortsmuseum zahlreiche Dokumente. Zudem verfügte das Ortsmuseum in seinen Beständen wie bereits berichtet über verschiedene Objekte aus der Geschichte der Weberei: den ersten Vierfarbenwebstuhl der

Man kann die Geschichte der Weberei Wängi gut in zwei Phasen gliedern: In die Ära Stierlin 1823 bis 1933 und in die Ära Maurer 1933 bis 1993. Was nachher noch folgt ist der unaufhaltsame Niedergang bis zum Ende 2003/2004. Zwischen die beiden familiären Dynastien drängte sich eine unrühmliche Zwischenphase, womit jedoch weder die Stierlins noch die Maurers etwas zu tun hatten. 1823 gründete der Schaffhauser Regierungsrat Georg Michael Stierlin-Joos zusammen mit einem J.C. Bachmann von Thundorf (an anderer Stelle wird als Wohnort Schönenberg-Anetswil angegeben) die «Gesellschaft der mechanischen Spinnerey in Wängi». Gebaut wurde ein fünfstöckiges Gebäude, welches für 10 000 «Halbselfaktor-Spindeln»79 und etwa 160 Arbeitskräfte ausgelegt war. Der Standort befand sich in unmittelbarer Nähe zur bestehenden Mühle mit ihren acht Wasserrechten (Wasserrädern). 1837 konnte die Firma die Mühle kau-

Der Begriff «Halbselfaktor-Spindeln» leitet sich wie zahlreiche andere Fachbegriffe der Textilindustrie aus dem Englischen her. Selfaktor bedeutet etwa selbst handelnd. Die betreffenden Spindeln funktionierten also halbautomatisch.

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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Vergrösserte Legende «Exblikacion» des Plans von 1824. Die Nummern 1 – 9 bezeichnen die verschiedenen Gebäude. 11 bezeichnet das «Alt gekaufte Schloss» und meint die Ruine des Schlosses Rengerswil. Die weiteren Nummern betreffen verschiedene Grundeigentümer. Der Plan wurde offenbar ausserhalb der ursprünglichen Legende im Sinne eines Grundbuchplans – wohl im Zusammenhang mit der eigenen Bodenpolitik – weitergeführt und laufend ergänzt. (Nummern 39 – 51)

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Etablissement und Gütergewerb der Herren Stierlin & Schweizer. Situationsplan 1 : 1000. Aus dem Jahre 1883. Der Murgverlauf ist korrigiert: «Corrigirte Murg». Die Murgtalstrasse «1. Klasse» ist gebaut. Bei der Neubrücke und beim Schäfli stehen Brücken. Ein Fabrikkanal verlässt die Murg in den Wuhrwiesen. Der heutige Webereiweiher fehlt noch. Dafür ist dem Dammbühl entlang ein kleines Ausgleichsbecken zu sehen. Auf der murgseitigen Strassenseite steht das Fabrikantenhaus Stierlin (ca. 1970 abgerissen).

fen. Im bestehenden Mühlengebäude an der Murg wurde eine kleinere Weberei eingerichtet. 1848 kauft die Firma aus dem Klostergut des Klosters Fischingen weite Landflächen östlich von Wängi. Bei der Neubrücke wurde ein

Staubecken (heutiger Webereiweiher unter Naturschutz) angelegt, um den gleichmässigen Zufluss von Wasser zu sichern. 1868 wurde die Spinnerei Jakobstal dazu gekauft und ebenfalls in eine Weberei umge-


Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

wandelt. Die Firma änderte während ihres Be­ stehens mehrmals den Namen: «Stierlin Joos & Cie», «Stierlin & Schweizer», «Stierlin & Co.» Am 16. November 1911, in der sogenannten Erdbebennacht, brannte das grosse Spinnereigebäude bis auf die Grundmauern nieder. Paul Stierlin, der Urenkel des Gründers, stellte die Spinnereiproduktion ein und baute an gleicher Stelle eine grosszügige Shedhalle.80 So konnte er die bisherige Weberei im alten Mühlegebäude erweitern. Die Ära Stierlin ging mit Ursula Sulzer–Stierlin, der Tochter der letzten Stierlin–Generation zu Ende. Zusammen mit ihrem Mann Hugo Sulzer leitete sie noch bis 1988 die Zwirnerei Rosental. Hermann Walder, Bezirksarzt in Wängi beschreibt in seinen Erinnerungen die Erdbebennacht wie folgt:81 «Unvergesslich wird mir immer die Nacht des 16. Nov. 1911 bleiben, als an einem Donnerstag, Abends 7 Uhr, die Spinnerei zu brennen anfing. Der Brand «mottete» längere Zeit, so viel ich weiss, im Kellergeschoss und von da ausgehend in den Zwischenböden. Ich war die ganze Zeit unten auf dem Brandplatz, umsomehr als Herr Stierlin-Hanhart schon damals sehr leidend war. Ich hatte zu Beginn den Eindruck, dass eine geschulte Feuerwehr, wie z.B. die von Frauenfeld, vielleicht diesen An-

fängen hätte wehren können. Aber das Publikum verhielt sich merkwürdig teilnahmslos, es war damals Hochkonjunktur in der Stickerei! Es hiess: «Es sei rächt, wenn dä alt Chaste abbrenni!» – Und doch konnte man diesen «alten Kasten» fast nicht umreissen – und doch hätte man mit diesem «alten Kasten» in den bald beginnenden Kriegsjahren schweres Geld gewinnen können (vgl. Aadorf), während die Stickerei von da an versagte. Ich ging dann gegen 10 Uhr nach Hause, wo Marieli in einem schweren Scharlach zu Bette lag. Kaum dort – wurde ich ans Telephon gerufen wegen einer Geburt in Lommis. Ich gehe vom Apparat weg – es ist ca. halb elf Uhr – da scheint das Haus von Südosten her auf mich zu fallen und Mariechen kommt mir im Hemd weinend entgegengesprungen. Ich gehe auf die Strasse: dort haben die Leute nichts bemerkt – «Die Fabrik steht noch» sagen sie, aber aus den Häusern springen die Insassen auf die Strasse – jetzt heisst es: «es war ein Erdbeben!» Ich fahre nach Lommis zur Geburt und offenbar empfindet das Pferd noch einmal einen Erdstoss und will nicht vorwärts. Es war also ein Weltbeben gewesen am 16. November Nacht halb elf und am Morgen des 17. war die Spinnerei abgebrannt – richtiger ausgebrannt; denn alle Mauern standen noch wie Felsen.»

Der Begriff «Shedhalle» stammt aus der englischen Industriearchitektur. Gemeint sind damit Hallen mit dem typischen asymmetrisch gezackten Glasdach.

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Walder, Hermann. (1925 – 1930). Memorabilia Wengensia. Erinnerungen an Wängi und Umgebung. S. 73 – 74.

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1918 wurde aus der Weberei die Aktiengesellschaft «Weberei Wängi AG». 1932 stand die Firma im Sog der damaligen Weltwirtschaftskrise und dem bereits erwähnten Missmanagement des damaligen Geschäftsführers vor dem Konkurs. Der Jahresverlust belief sich auf die damals horrende Summe von Fr. 588 022.49. Es folgte die Ära Maurer mit der Sanierung des Unternehmens ab 1933. Willy J. Maurer wurde von den neuen Aktionären mit der Geschäftsleitung betraut. 1938 wurde die Pensionskasse, der sogenannte Wohlfahrtsfond gegründet. 1942 begann die kontinuierliche Folge baulicher und maschineller Verbesserungen und Erweiterungen zur Erhöhung der Kapazität und zur Steigerung der Produktivität. 1943 feierte der Zimmermann Edwin Ammann Aufrichte im «Schilten-Achti» im Gunstel, der ersten Wohnkolonie der Weberei und 1944 wurden die Häuser bezogen. 1945 erfolgte die Gründung der Fürsorgestiftung. 1960 dann der Erwerb der Firma Adolphe Bloch Söhne AG in Zürich und 1967 die Beteiligung an der Schlossberg Textil AG ebenfalls in Zürich. In dieser Zeit beschäftige die Firma 456 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Anstellungsvertrag für Willy Maurer aus dem Jahre 1939. Er umfasste gerade mal eine A4-Seite.


Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Das Schilten-Nüni ist ein baugeschichtlich und ortsplanerisch beachtenswertes Siedlungs­ ensemble aus der Zeit des industriellen Wohnungsbaus. Leider wurde der bauliche Gesamteindruck durch spätere, ausgesprochen unsensible Architektur zerstört. 1969 ging die Leitung der Weberei Wängi AG von Willy Maurer an seinen Sohn Jürg über. 1971 wurde in Matzingen ein Zweig­betrieb errichtet. 1973 feierte die Weberei ihr 150-jähriges Jubiläum. Die Projektierung eines Weberei–Neubaus und eines neuen Verwaltungsgebäudes wurden an die Hand genommen. Zwischen 1950 und 1985 entstanden zahlreiche Wohnbauten: So unter anderen in den 1950er Jahren die Mehrfamilienhäuser an der Berkmüllerstrasse, 1973 eine neue Wohnsiedlung an der Kalkbühlstrasse und 1981/82 an der Brühlwiesenstrasse. Insgesamt besass die Weberei in Wängi über 40 Liegenschaften. Finanziert wurden sie mehrheitlich über die Fürsorgestiftung. 1985 galt die Weberei Wängi AG als drittgrösste Weberei der Schweiz. Zum gesamten Unternehmen gehörten noch die Schlossberg Textil AG mit 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 10 Mio Franken sowie eine 50%-Beteiligung an der Bloch Söhne AG mit nochmals 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und einem Jahresumsatz von 14 Mio Franken. Die Weberei Wängi AG produzierte zu dieser Zeit praktisch

Wohnhäuser der Weberei Wängi AG im Gunstel. Aufnahme um 1945. Die Wohnkolonie wurde im Volksmund «Schilten-Achti» und später nach deren Erweiterung «Schilten-Nüni» genannt. Das Thurgauer Namenbuch führt die Bezeichnung Gunstel auf eine Kombination aus «Gunt» und «Stal» zurück, Damit ist ein Ort gemeint, wo Holz mittels eines Guntels geschleift wurde. Ein Guntel ist ein Pflock, an welchem eine Kette befestigt wurde, um gefällte Bäume wegzuschleifen.82

Nyffenegger, Eugen & Bandle, Oskar. (2003). Thurgauer Namenbuch: Die Siedlungsnamen des Kantons Thurgau.

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nur noch sehr hochwertige Gewebe für Damen-Oberbekleidung, Haushalt und Technik. Bettwäsche, Gardinen und Dekorationsstoffe hatten an Bedeutung verloren. Die Weberei war sehr stark exportabhängig. Zwar betrug der Verkaufswert der in Wängi und Matzingen hergestellten Gewebe stolze 55 Mio Franken. Doch die Schwierigkeiten – nicht nur jene der Weberei Wängi AG, sondern der schweizerischen Textil­industrie generell – häuften sich. 1993 entliess der Verwaltungsrat den Direktor Jürg Maurer. Wenig später kündigten acht Kaderleute angesichts der Änderungskündigungen seitens des neuen Arbeitgebers. Der Niedergang der Weberei Wängi AG war nicht mehr aufzuhalten. Jürg Maurer beschreibt in seiner persönlichen Webereigeschichte, wie

er an einem kalten Aprilmorgen im Jahre 2004 aus dem Fenster seines gemieteten Büros im Kosthaus (Wilerstrasse 3) schaute und sah, wie aus dem kaum zehn Jahre alten Fabrikgebäude der vormals so stolzen Weberei Wängi AG Webmaschine um Webmaschine von Gabelstaplern in Hapag–Lloyd–Überseecontainer verfrachtet wurden. Reiseziel wohl irgendwo im nahen oder fernen Osten. «Mit kernig, kraftvollem Ton donnerte der Sattelschlepper davon, unaufhaltsam, beladen auch mit allem Einsatz, mit dem Schaffen und dem Können, dem Stolz und dem Verdienst textiler Generationen, immer bemüht um wirtschaftliche Entwicklung und Wohlstand. Ein Kapitel Industriegeschichte ist zu Ende.» Abgeschlossen war damit auch ein gut 150-jähriges Kapitel Wängemer In­ dustriegeschichte.


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2010: Dorfzentrum im Wandel. Die baulichen Veränderungen rund um die Schäfli-Kreuzung. Fotoausstellung Eine weitere Fotoausstellung von Ruedi Götz widmete sich dem Thema Veränderung. Mit einer Vielzahl von Fotos zeigte er am Beispiel des Schäfliplatzes, wie Veränderungen vor sich gehen und welche Auswirkungen sie haben. Oft machen erst die Gegenüberstellungen von Aufnahmen von vor 100 Jahren mit aktuellen Fotos die teilweise tiefgreifenden Veränderungen bewusst. Dabei ging es Ruedi Götz nicht nur um verkehrstechnische und bauliche Entwicklungen; immer suchte er nach den Menschen dahinter. Raum-, Siedlungs- und Verkehrsplanung hat es zu allen Zeiten gegeben. Angesichts der raschen Entwicklungen sind aber gerade heute Landschafts- und Verkehrsplaner allgegenwärtig. Und wie die Ausstellung von Ruedi Götz zeigte, trifft dies auch für Wängi zu. Die Planung grosser Siedlungsräume und Siedlungszonen sowie die Festlegung grossräumiger Verkehrsströme haben oft etwas Abstraktes. Das einzelne Gärtchen mit den geliebten Rosenstöcken kommt nicht vor. Den alten Haselbusch mit den alljährlich brütenden Rotkehlchen gibt es da nicht. Und das Schöpfli mit dem Apfelbaum und seinem Schatten für gemütliche Sommernachmittage existiert auf

den Plänen auch nicht. Erst bei der Umsetzung der abstrakten Pläne wird konkret erlebbar, was solche grossräumigen Veränderungen bedeuten; nämlich zunächst Zerstörung. Im Ortsmuseum liegen fotografische und dokumentarische Belege solcher Entwicklungen. Sie machen die baulichen Eingriffe verbunden mit Abrissen und Neubauten erlebbar. Gerade der Schäfliplatz ist ein besonders eindrückliches Beispiel. Er ist Brennpunkt des dörflichen Lebens. Bahngeleise und Strassenzüge, Murgbrücke und Kreuzung, Wirtschaften und Geschäfte, Post und Banken sowie bis vor kurzem die Weberei. Und in der Mitte der Strassenkreuzung jahrzehntelang als Fixpunkt die Linde. Sie stand dort als letzte Erinnerung an die ehemalige Gartenwirtschaft des früheren Restaurants Schäfli. Tempi passati! 1972 machte sich der damalige Gemeinderat Wängi Gedanken über die Zukunft des Dorfes. Zehn Jahre zuvor war die sogenannte Kneschaurek-Studie83 erschienen und die verhiess der Schweiz ungebremstes Wachstum. In Wängi wurden halböffentliche Arbeitsgruppen damit beauftragt, in verschiedenen Bereichen Zukunftsperspektiven für das Dorf zu

Prof. Dr. Francesco Kneschaurek verfasste in der Zeit zwischen 1968 und 1973 im Auftrag des Bundesrates Perspektivstudien über die Entwicklung der schweizerischen Volkswirtschaft.

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skizzieren. Auch eine Gruppe «Verkehrsentwicklung» machte sich an die Arbeit und setzte sich mit Planungsunterlagen des Ingenieurbüros Müller aus Zürich auseinander. Darin war von Frauenfeld nach Wil eine vierspurige, richtungsgetrennte Autostrasse vorgesehen. Die bestehende Staatsstrasse (also die Frauenfelder- und die Wilerstrasse) wäre um das Doppelte verbreitert, ein paar Häuser abgerissen und der Verkehr über eine neue Schäflikreuzung geführt worden. Das schien der Wängemer Arbeitsgruppe allerdings etwas gar rabiat. Variante C zweigte ungefähr bei der Heiterscher Kreuzung ab und schwang sich in elegantem Bogen durch die Brühlwiese beim Weierhaus und der heutigen Mehrzweckhalle vorbei und senkte sich dann über die Halde wieder auf Talniveau. Auch diese Variante fand in der Arbeitsgruppe wenig Gnade. Nicht viel mehr Chancen hatte eine dritte Variante A, welche die Staatsstrasse bereits im Jakobstal verliess und über Schürli, Neuhaus, oberer Weinberg und Halde wieder in die dann vierspurig ausgebaute Staatsstrasse führte.

Diskussionsvorschläge des Kantons auf Grund einer Verkehrsstudie mit Autozählung für die Führung der geplanten Autobahn zwischen Frauenfeld und Wil von 1972. Die gelb nachgezogenen Linien stellen mögliche Führungen der vierspurigen Strasse auf Wängemer Gemeindegebiet dar

Im Sinne einer Bündelung der verschiedenen Verkehrsströme schlug die Wängemer Arbeitsgruppe eine Parallelführung zur heutigen A1 vor. Es ist nie dazu gekommen. Die drohende Zerstörung des Dorfkerns und des Dorfbildes konnte abgewendet werden. Der Schäfliplatz als ein Stück dörflicher Identität blieb bestehen. Der vom Kanton beauftragte Ortsplaner Possert von Frauenfeld wendete zwar ein, Wängi


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könne ja einen neuen Dorfkern im Oberdorf schaffen. Für Wängemer Ohren tönte das aber eher ketzerisch. Dabei hatte der Mann nicht einmal so unrecht. Historisch entstand Wängi nämlich aus zwei ehemals getrennten Dörfern, dem Oberdorf und dem Unterdorf.

– die Garage Wegmann – befand sich sogar unmittelbar am Schäfliplatz dort, wo heute die Raiffeisenbank steht. Auch die Post befindet sich – und befand sich schon immer – im Unterdorf. Im Oberdorf hats gerade mal einen Briefkasten.

Das Oberdorf; das waren im Wesentlichen das damalige Wasserschloss oder heutige Weierhaus als Sitz des Vogtes. Das weltliche Machtzentrum also. Und dann die Kirche. Das geistliche Machtzentrum. Dazu das stattliche Gasthaus Linde an der Ausfallstrasse in Richtung Lommis mit der Anbindung an die Land­ strasse von Frauenfeld nach Wil im Scheidweg.

Wo der Verkehr auf Strasse und Schiene fliessen kann, da siedeln immer auch das Gewerbe und die Geschäfte. Oder die Industrie mit der Spinnerei und späteren Weberei. Mit der Riloga. Der Maschinenfabrik. Dem Galvaniseur De Martin, der späteren Metallveredelung AG (bis 1967 an der Stelle des heutigen Parkplatzes der Post und Kantonalbank). Dann folgen öffentliche Einrichtungen wie die Post und seit 1979 die Gemeindeverwaltung. Dann die Raiffeisenbank und später die Thurgauische Kantonalbank. Rund 500 Leute gingen im Unterdorf noch Mitte des letzten Jahrhunderts tagtäglich ihrem Broterwerb nach und verteilten sich abends wieder im Dorf. Ältere Wängemerinnen und Wängemer erinnern sich noch gut an die Schichtarbeiterinnen, wenn sie jeweils frühmorgens oder abends in ihren blauen Arbeitsschürzen und den Baumwollfusseln im Haar aus der Webi kamen und nach Hause strebten. Im Unterdorf pulsierte das Geschäfts- und Erwerbsleben. Die Geschäfte des täglichen Bedarfs konzentrierten sich hier: Gemüsehändler, Metzger, Bäcker, Schuhmacher, Schuhladen, VOLG, COOP, Drogerie usw. Und wer unter den älteren Wängemern erinnert sich nicht

Ganz anders dagegen das Unterdorf. Hier in der Talsohle erschwerten zunächst die dauernden Überschwemmungen das Bauen. Ein paar wenige Häuser beidseits der Furt durch die Murg, das war alles. Die Wende kam 1841/42 mit dem Bau der Strasse und der Brücke. Nun fand der Verkehr seinen Weg durchs Unterdorf: Die Landstrasse Frauenfeld – Wil und die Landstrasse Winterthur – Weinfelden. Der Gasthof Schäfli und die Wirtshäuser Ochsen und Hirschen prägten das Bild des Unterdorfs.84 Als später dann noch die Bahn und die Bahnstation dazu kamen, war der Verkehrsknoten perfekt und die bauliche Entwicklung garantiert. Der Verkehr prägte die Siedlungsentwicklung. Auf alle Fälle gibt es im Oberdorf bis heute nirgends eine Autogarage oder eine Tankstelle. Die sind alle dort, wo der Verkehr fliesst. Eine

Als Daumenregel kann gelten: Wirtschaften mit Namen wie Ochsen, Schäfli, Sternen und Linde sind älter als solche mit Namen wie Frohheim, Frohsinn oder Säntisblick.

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Dorfleben vor dem Restaurant Schäfli. Ankunft des neuen Pfarrers Edgar Merz in Wängi. Bei genauem Hinsehen sind zwei Autos mit je offenem Verdeck sichtbar. Rechterhand die erwähnte Linde mit dem (etwas schlecht lesbaren) Wegweiser nach Matzingen und Frauenfeld. Aufnahme 1921

an Hans Muther mit seinem Coiffeur­ salon für Herren im alten Pferdestall des Gasthauses Schäfli. Wängi hatte im Schäfliplatz über Generationen seinen geschäftlichen und gesellschaftlichen Brennpunkt. Und die Strassenkreuzung mit der stolzen Linde mittendrin kannte man weit über den Thurgau hinaus.

Auch Ruedi Götz ist es bei seiner fotodokumentarischen Suche nach dem Dorfzentrum ähnlich ergangen. Aus der Luft hat er den heutigen Kreisel mehrmals fotografiert. Auf einer Aufnahme aus dem Jahre 1952 sind auf dem ganzen Schäfliplatz fünf Fussgänger, ein Velofahrer, ein Moped– oder Rollerfahrer und ge-


Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

rade mal ein einziges Auto zu sehen. Im Vergleich dazu: Auf der Aufnahme vom 3. Februar 2010 sind die Bahn, ungefähr 15 Autos und insgesamt etwa zehn Menschen zu erkennen. Knapp 100 Jahre früher zeichnete Johann Alphons Berkmüller den Schäfliplatz in verschiedenen Varianten. Eine zweispännige Postkutsche, ein einspänniges Fuhrwerk mit Stoffballen sowie ein zweispänniger Planwagen sind zu sehen. Dazwischen gehen etwa zehn Dorfbewohner ihren Geschäften nach oder tauschen Neuigkeiten aus. Nicht zu übersehen ist im Vordergrund hoch zu Ross ein stolzer Offizier in Uniform. Allerdings scheut gerade sein Pferd, weil ein Köter dem Herrn Offizier in die Parade kläfft. Auf seiner Suche nach heutigen und historischen Belegen für den Wandel des Dorfzentrums hat Ruedi Götz aber nicht nur die Strassenkreuzung festgehalten, sondern gewissermassen auch die Strassenzüge abgeschritten, welche sternförmig vom heutigen Kreisel wegführen. Er hat Wirtschaften, Geschäfte und Gewerbe dokumentiert und dahinter immer auch nach Menschen und ihren Gesichtern gesucht. Letztlich sind es ja die Menschen, welche die dörflichen Veränderungen mal rascher und mal gemächlicher voranbringen.

Das Haus Marie Lehmann in der Ecke Dorfstrasse-Frauenfelderstrasse, abgerissen 2008/09. Rechts dahinter die ehemalige Post.

Die Ausstellung war ausgesprochen gut besucht und das Ortsmuseum Wängi verfügt nun über eine herausragende Fotodokumentation zum Thema des dörflichen Wandels. Unsere Nachkommen können bei Fragen rund um die Veränderung des Dorfzentrums auf das Fotoarchiv von Ruedi Götz zugreifen.

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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

2011: Sammeln zwischen Sachinteresse und Sammelwut Die Ausstellung 2011 griff das Thema des privaten Sammelns nochmals auf und zeigte anhand einiger Beispiele die inhaltliche Bandbreite und die unterschiedlichen Interessen einiger Wängemer Sammlerinnen und Sammler.

Spontane Zufallsfunde eines 7-Jährigen. Sammlung Laurin Graef

Steinzeug- und Steingutgeschirr. Sammlung Margrit Trachsler

Dass Sammeln zum natürlichen Verhalten des Menschen gehört, zeigt die Auslage des 7-jährigen Knaben Laurin Graef. Zunächst sind es Zufallsfunde, welche bei Gelegenheit aufgelesen und mitgenommen werden. Mit der Zeit beginnt dann das Ordnen: Nüsse zu Nüssen, Blätter zu Blättern, Muscheln zu Muscheln. Schritt für Schritt entsteht so vorerst noch unbewusst eine naturkundliche Systematik. Ob daraus später ein spezifisches Interesse an der Biologie oder gar Sammelwut wird, wird sich zeigen. Im Zusammenhang mit der Sammlung von Steingut- und Steinzeuggeschirr ist eine interessante Geschichte zu berichten. Herr und Frau Estermann in ihrem Haus Friedberg am Scheidweg pflegten ihren Garten mit aller Sorgfalt. Ihre Gemüse- und Blumenbeete fassten sie rundum mit alter Töpferware ein. Dabei handelte es sich vorwiegend um braun glasierte, irdene Flaschen. Diese versenkten sie mit der Öffnung nach unten in der Erde, was zum Gemüse und zu den Blumen einen dekorativen Kontrast ergab. Aus irgendeinem


Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Grund entschieden sich Estermanns in den frühen 1970er Jahren, die Flaschen zu entfernen und durch Stellriemen aus Zement zu ersetzen. Beim Ausgraben halfen ihr zwei passionierte Geschirrsammlerinnen: Elfriede Neff und Margrit Trachsler. Bald zeigte sich, dass die irdenen Flaschen teilweise recht alt waren. Einige trugen Stempel wie «Königl. Preuss. Brunnenverwaltung» oder «Herzogthum Nassau». In solche Flaschen wurde am Ende des 19. Jahrhunderts Mineralwasser (zum Beispiel von Selters) abgefüllt. Es galt als besonders gesund und war weit herum beliebt. Die Quellen waren von grosser volksgesundheitlicher – oder anders gesagt gesundheitspolitischer – Bedeutung und daher im Besitz der Obrigkeit. Die Flaschensammlung befindet sich heute im Besitz des Ortsmuseums. Stempel auf einer Wasserflasche aus Selters. Herzogthum Nassau. Vermutlich um 1900

Stempel der Königlich Preussischen Brunnen­verwaltung auf einer Wasserflasche aus Niederselters. Vermutlich um 1900

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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

LEGO-Maschinen und Roboter. Sammlung Bruno Giger

Katzenfiguren. Sammlung Getrud Krumm

Glückwunschkarten. Anonyme Sammlung Ansichtskarten von Wängi. Bemerkenswert ist der Text auf der Karte oben links: «Bitte um umgehenden Bericht wan Sie zu mir auf die Stör kommen wollen». «Stör» ist ein Ausdruck für die Arbeit eines Hand­ werkers im Haus der Kunden. Die Störarbeit konnte mehrere Tage dauern. Der Störhandwerker logierte dann beim Kunden. Sammlung Kurt Neff


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Portemonnaies: Lederne Beutel mit Stahlbügelverschluss. Rechts Ketten­ strickerei mit spiralig gedrehten Anhängern.


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Sackuhren, ungefähr 1900 – 1940. Die auf dem Bild etwas schlecht erkennbare Kordel flocht die Braut aus ihren eigenen Haaren für ihren Geliebten. Links unten Schrittzähler.


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GlĂźckwunschkarten, um 1900.


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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

2012: Schülerinnen und Schüler fotografieren Wängi Hansruedi Aeberhard85 Als neuer Kurator hatte ich meine Arbeit erst vor kurzem angetreten und schon sollte ich auf den Frühsommer eine Wechselausstellung präsentieren. Mit dem Ziel, den Aufwand in Grenzen halten zu können, kam die Idee auf, eine Fotoausstellung zu gestalten. Fotoausstellungen hatten sich im Ortsmuseum früherer Jahre jeweils als eigentliche Renner erwiesen. Zudem hoffte ich, mit dem Thema die Jugend einerseits zum Fotografieren zu animieren und sie andererseits ins Museum zu locken. Beides gelang!

Nachtstimmung, Foto von Yanik Raas, 2. Sekundarklasse

Gleich von Anfang an schränkten wir die Teilnahmebedingungen in zweifacher Hinsicht ein: Erstens sollten nur Jugendliche aus der Schulgemeinde Wängi an der Ausstellung teilnehmen können und zweitens wurde die Themenwahl eingeschränkt; die Fotos mussten einen Bezug zu Wängi haben. So wurden etwas über 200 Fotos eingereicht, aus denen es nun die «besten» für die Ausstellung auszuwählen galt. Dies stellte sich als eine zu schwierige Aufgabe heraus, so dass wir uns schliesslich entschieden, von allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern mindestens ein Bild auszustellen. Zumindest wurde so ihre Teilnahme – unabhängig von der Fotoqualität – honoriert. Von einigen Fotografinnen und Foto­ grafen wählten wir mehrere Bilder aus, da sie

Ab dem Jahr 2012 wurden die jährlichen Wechselausstellungen vom neuen Kurator Hansruedi Aeberhard erstellt. Die folgenden Texte über die Ausstellungen 2012 bis 2017 stammen aus seiner Feder.

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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

von der Qualität her herausstachen. So entstand schliesslich eine Auswahl von 146 Fotos. Sie wurden alle in einheitlicher Grösse ausgestellt und mit dem Namen der Fotografin oder des Fotografen versehen. Einige besonders gelungene Aufnahmen wurden zudem in grösserem Format gezeigt. Obschon die Jugendlichen heute üblicherweise mit einfachen Digital- oder Handykameras fotografieren, entstanden Fotos, welche mehr als digitale Eintagsfliegen sind. Es zeigte sich, dass auch solche Bilder bleibende Eindrücke hinterlassen können! Wichtig ist eben nicht die Technik, sondern weiterhin das Auge des Fotografen oder der Fotografin, welche mit ihren Fotos etwas ausdrücken möchten. Zwei Schwarz-Weiss-Fotos wurden an der Vernissage miteinander verglichen. Beide zeigten einen Hund. Nur, das eine war ein Foto des weltbekannten französischen Fotografen Henri Cartier-Bresson, das andere das des Fünftklässlers Samuel Roth aus Lachen/Wängi. Welches war von wem? Die beiden Fotos wurden verglichen und Fragen wie «Was macht ein Foto zu Kunst?» erörtert.

Schwarz-Weiss-Foto von Samuel Roth, 5. Klasse aus Lachen, «Meine Schwester mit Hund»

Oskar Kattwinkel, 3. Klasse, aus Wängi zeigt den Ausstellungs­ besuchern sein Foto.

Der Vergleich zwischen den beiden Fotos zeigte deutlich, dass unser Museum für die Ausstellung Bilder von grosser Qualität und mit grosser Aussagekraft erhalten hatte, und das von Kindern und Jugendlichen. Dies war einfach grossartig!

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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

2013: Vom Flachssamen zum Leinenstoff Kleider sind heute ein Wegwerfartikel. Man trägt sie, bis sie irgendwo einen Defekt aufweisen oder sie nicht mehr gefallen, danach wirft man sie weg. Die Ausstellung über Flachs und Leinen griff diese Tatsache kritisch auf und zeigte, dass das Verhältnis zu Stoffen und Kleidern nicht immer gleich war.

Reich besticktes Leinenhemd für Frauen aus dem letzten Jahrhundert Unterkleider aus Leinen

Einzelne Kleidungsstücke aus Leinen, welche wir im Museum besitzen, sind einiges über 100 Jahre alt. Bevor sie ins Museum kamen, wurden sie während Jahrzehnten getragen. Bei einigen der Unterhemden beispielsweise konnte man feststellen, dass sie sehr häufig geflickt wurden. Es gibt Hemden, die aussehen wie ein Flickenteppich. Man sagte früher also nicht zu unrecht: «Für ein gutes Hemd arbeitet man insgesamt gut und gerne 200 Stunden, es hält dann aber auch 200 Jahre.» In der Ausstellung wurde den Ursprüngen von Leinen nachgegangen, von den Anfängen im Orient bis zu einem Stück verkohlten Leinenstoffes aus den Grabungen bei Niederwil in der Nähe von Frauenfeld, datiert auf 3650 vor Christus. Leinenstoffe entstanden vorwiegend in lokaler Hausarbeit. Man pflanzte, erntete, brach, hechelte, spann und wob zu Hause. Aus Flachs wurde jedoch nicht nur Leinen hergestellt, es gab und gibt immer noch eine Menge weiterer Verwendungszwecke. Bei der


Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Flachsverarbeitung entstanden keinerlei Abfallprodukte, alles wurde verwertet. Nebst der Baumwolle erfreut sich heute Leinen wieder vermehrten Interesses für die Kleiderherstellung. Die Schönheit und Eleganz von Leinenstoff wurde an der Ausstellung mit einem modischen Kleid aus aktueller Kollektion gezeigt. Was sonst bei Ausstellungen meist verboten ist, war diesmal erlaubt: Man konnte die Werkzeuge und Geräte anfassen und selber Hand anlegen, sei es beim Brechen, Hecheln, Spinnen oder beim Weben an einem Stück Gemeinschaftsstoff.

Ein Stück Leinenstoff, gemeinsam von Besucherinnen und Besuchern gewoben.

Geschickte Frauenhände zeigen anlässlich der Vernissage, wie aus Flachsfasern Fäden gesponnen werden.

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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

2014: Freizeit – damals und heute Während das Wort «Arbeit» schon seit Urzeiten bekannt war, wurde das Wort «Freizeit» sozusagen erst später erfunden: Im Jahr 1929 nämlich wurde der Begriff in den Duden aufgenommen und wie folgt beschrieben: «Es ist die Zeit, in der jemand nicht zu arbeiten braucht, keine besonderen Verpflichtungen hat; für Hobbys oder Erholung frei verfügbare Zeit». Selten also wurde in unserem Museum ein so junges Ausstellungsthema gewählt.

Die Vernissage fand grosses Interesse.

Interessante Diskussion zum Thema «Eine Skifabrik in Rosental, wo und wann war das?»

Früher gingen Arbeitszeit und freie Zeit in­ einander über, bestimmt durch den Rhythmus von Tag und Nacht oder der Jahreszeiten. Erst der mit der Industrialisierung erkämpfte AchtStunden-Tag bildete die Grundlage für eine entstehende Freizeitkultur. In der Ausstellung wurden als Beispiele von Freizeitbeschäftigungen Spiel, Sport, Musik und Gesang, Lesen, Theater und Kino sowie Freizeitarbeit gezeigt. Jassen im Wirtshaus oder Tauben züchten entwickelten sich übrigens zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der damaligen Männer­welt. Unter Frauen wurde oft an Kleidern für die Kinder oder für sich selber gestrickt, gestickt, spitzengeklöppelt, geflickt oder geschneidert. Diese Arbeiten wurden jeweils abends nach Feierabend zu Hause erledigt, während die Männer für ihre Freizeitbeschäftigungen meist aus dem Haus gingen. Übrigens stehen den Frauen bis heute eine bis zwei


Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Ausstellungsbereich zu den Themen «Theater», «Filmspiele» und «Lesen»

Stunden weniger Freizeit pro Tag zur Verfügung als Männern. Während früher die Freizeit vorwiegend in der Gemeinschaft verbracht wurde, gestaltet man heute die Freizeit zunehmend individueller nach eigenen Interessen. Immer mehr Menschen verbringen ihre Freizeit in den eigenen vier Wänden und Fernsehen, Computerspiele und Surfen im Internet sind die wohl am weitesten verbreiteten Hobbys der modernen Zeit.

Mit dem Aufkommen von Homearbeit per Computer und Netzwerken scheint eine neue Arbeits- und somit auch Freizeitkultur zu entstehen. Man arbeitet vermehrt von zu Hause aus, auch abends, an Wochenenden und sogar während der Ferien. Dies bleibt nicht ohne Folgen auf das Freizeitverhalten. Freizeitforscher warnen darum von einer Freizeit-Vereinsamung wegen der neuen Medien. Wir sind also gefordert, unser Freizeitverhalten kritisch zu überdenken.

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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Andreas Raas mit Agathe und Bernhard Ammann aus Wittenwil im Gespräch

2015: Wängi und seine Vereine Nach der Ausstellung über die Freizeit im vergangenen Jahr war es ein kleiner Schritt zum Thema «Wängi und seine Vereine». Die Aktivitäten in den Vereinen finden ja ausschliesslich während der Freizeit statt.

Eröffnet wurde die Vernissage – selbstverständlich von einem Verein – mit einem Liedervortrag des Männerchors «Sängerbund». So wie der vielstimmige, harmonische Chorgesang besondere Freude machte, so ist es auch in der Vereinstätigkeit: Teilt man seine Interessen zusammen mit Gleichgesinnten, bedeutet


Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

dies nochmals eine erhebliche Steigerung an Spass und positivem Erlebnis.

Der Männer­ chor «Sänger­ bund» eröffnet die Vernissage mit einigen Liedern.

Die ersten im Jahr 1872 in der Gemeinde Wängi gegründeten Vereine waren der Männerchor «Sängerbund» und der Musikverein «Alpenrösli». Im Laufe der Jahre kamen viele weitere Vereine dazu, andere verschwanden wieder, heute sind noch rund 40 Vereine aktiv. Unsere Gemeinde bildet mit dieser stattlichen Zahl keine Ausnahme, gilt doch die Schweiz als Land der Vereine. An erster Stelle stehen auch bei uns die Sportvereine. Die Vereine tragen ganz wesentlich zum guten Funktionieren unseres Wängener Gemeinwesens bei: Sportclubs, Chöre und Musikvereine (um nur einige Beispiele zu nennen) bieten sinnvolle Freizeitbeschäftigungen für junge und ältere Einwohner, Frauen- oder Elternvereine unterstützen fremde oder einheimische Menschen in Not, Samariter oder Spitex sind eine wichtige Hilfe für kranke oder gebrechliche Leute und schliesslich gibt es kulturelle oder dem Schutz der Natur verpflichtete Gruppierungen wie «Wängi und Kultur» (w. u. k), den «Verkehrs- und Verschönerungsverein Wängi» (VVW), die Naturschutzvereinigung «Grütried» (NVG) oder auch unser Ortsmuseum. Sie alle haben eine wichtige Aufgabe in unserer Gemeinde. Vereine verlieren heute aber im Zug der zunehmenden Anonymisierung an Bedeutung.

Vorstellung der Turnvereine Wängi

Viele traditionelle Vereine klagen übrigens auch in Wängi über schwindende Mitgliederzahlen. Man vergleiche nur die Vereinsfotos von früher und heute. Ja, man redet sogar zum Teil von einem regelrechten Vereinssterben. Das frühere Erfolgsmodell «Vereine» gerät heute in Probleme und muss sich neuen Umständen anpassen. Woran liegt dies? Man stellt fest, dass viele Menschen sich nicht mehr fest für etwas verpflichten wollen, man tut sich heute lieber projektartig und zeitlich beschränkt für einen bestimmten Anlass zusammen.

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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

1908 wurde das neue Schulhaus in Lachen gebaut.

2016: Wängi und seine Schulen «Wängi und seine Schulen» – Wohl von keinem anderen Ausstellungsthema kann man sagen, dass es alle gleichermassen betrifft, sogar die Ältesten unter uns. Mit Schule begann man in unserer Gemeinde nämlich bereits im frühen 18. Jahrhundert.

Aus einer Umfrage, der sogenannten StapferEnquête86 geht hervor, dass bereits 1799 in Eggetsbühl seit 5 Jahren unterrichtet wurde, und das, obschon es noch gar kein Schulhaus gab. Wie ging das? Unterrichtet wurde damals eben noch im Wohnhaus des Lehrers, wie aus der Umfrage hervorgeht. Es heisst dort drin über die Situation in der Schule La-

Aus der helvetischen Schulumfrage von Philipp Albert Stapfer im Jahre 1799, publiziert auf www.stapferenquete.ch, herausgegeben von Heinrich Richard Schmidt, Alfred Messerli, Fritz Osterwalder und Daniel Tröhler.

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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

chen: «Was das schulhaus anbetrift, so gehört es dem schulmeister: Er mus es auch im Baulichen stand erhalten: hingägen bekomt er nichts, weder viel noch wenig» Auch gab es keine eigentlichen Lehrer: Meist waren es die Geistlichen, welche ihre Fähigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen an die Kinder weitergaben. Der Eggetsbühler Lehrer jedoch war vorher Weber gewesen. Als erstes Schulgebäude wurde 1836 in Wängi das katholische Schulhaus gebaut, welches heute noch steht und bewohnt ist. Weitere Schulhäuser entstanden und wurden jeweils unter Einbezug der Schulkinder mit grossen Festlichkeiten eingeweiht. Doch waren es in der Ausstellung weder Schulgebäude, noch Lehrmittel oder Lehrpläne, welche das besondere Interesse der Besucherinnen und Besucher erweckten – es waren die Klassenfotos und die Schultagebücher. Man stand staunend vor dem ersten Klassenfoto aus dem Jahr 1893, aufgenommen in Tuttwil. Damals hatten die Schulkinder offensichtlich in der Schule nichts zu lachen, man muss nur die ernsten Mienen anschauen. Auch die Schultagebücher und Protokollbücher der Schulbehörden sind eine wahre Quelle von inte­ ressanten Informationen über das Schulleben von dazumal, über die man heute manchmal auch schmunzeln muss. So erfährt man in einem Protokolleintrag aus dem Jahr 1921, dass

Als neue Lehrerin wurde Fräulein Clara Reimer angestellt. Sie blieb der Schule 56 Jahre bis 1965 treu und zu ihrer Verabschiedung erschien sogar das Schweizer Fernsehen. Der damals gezeigte Filmbeitrag konnte nochmals in der Ausstellung angeschaut werden.

Die Besuche­ rinnen und Besucher schwelgen in Erinnerungen an ihre eigene Schulzeit.

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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Katholisches Schulhaus aus dem Jahre 1836, nach einer Zeichnung von Johann Alphons Berkmüller

man beschloss: «Im Abort der Lehrerwohnung im neuen Schulhaus soll eine Lampe angebracht werden.» Oder so lesen wir in einem Inspektorenbericht von 1913 über einen Lehrer Hardmeyer:

«Herr Hardmeyer lebt mit voller Hingebung und Aufwendung aller Zeit und Kraft ganz seinem hehren Amte. Sein Unterricht ist ruhig und ernst, eine stille Feier ohne blendendes Beiwerk, der Umgang mit den Schülern schlicht und herzlich.»


Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

2017: Essen und Trinken Essen und Trinken sind universelle Bedürfnisse, die untrennbar mit unserem Leben verbunden sind wie das Atmen. Entsprechend viel würde sich darüber berichten lassen. Die Ausstellung beschränkte sich jedoch darauf, was darüber im Museum aus Wängi und Umgebung vorhanden ist. Das breitgefächerte Thema «Essen und Trinken» wurde in elf Unterthemen aufgeteilt und an ebenso vielen Stationen präsentiert. Bereits das Foto auf dem Ausstellungsprospekt sagte viel aus darüber, was früher nebst breiartigen Speisen gegessen und getrunken wurde. Suppen wurden aus den jeweils aktuellen Gemüsen hergestellt und waren so reichhaltig, dass sie zusammen mit Brot als Hauptgericht dienten. Dazu trank man vergorenen Most, sei es aus Trauben oder Äpfeln. Überall, wo dies möglich war, galt das Prinzip der lokalen Selbstversorgung: Gemüse beispielsweise wurde im eigenen Garten angepflanzt und geerntet. Dies überrascht kaum, ist es doch heute vor allem in ländlichen Gebieten immer noch so. Überraschend jedoch ist sicher, dass es um 1877 in unserer Gemeinde Wängi noch über 20 Rebberge gab. In denen wuchsen die Trauben für den lokalen Wein. Die Hauptgetränke damals waren nebst Wasser der alkoholhaltige Wein und Most. Und dies galt für die ganze

Suppen aus saisonalem Gemüse mit Brot und saurem Most bildeten zusammen eine Hauptmahlzeit. Die Zeichnung von Johann Alphons Berkmüller zeigt den Weinberg Wängi mit dem Haus von Martina und Roman Allenspach-Isenring. Daran anschliessend einer der über 20 Rebberge, die um 1877 im Dorf existierten.

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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Familie: Die Kinder tranken den sauren Most einfach mit etwas Wasser oder Zuckerwasser verdünnt. Männlichen Erntearbeitern standen zusätzlich zum Lohn täglich 4 Liter saurer Most zu, den Frauen nur die Hälfte. Immer noch genug für einen kräftigen Rausch! Bei der Fleischherstellung war die Haus- oder Störmetzgete sehr verbreitet. Das Tier wurde von einem Störmetzger auf dem Hof geschlachtet und für den Konsum während der kommenden Monate hergerichtet. Alle Teile des Tieres wurden dabei verwertet, auch Gedärm, Innereien und Fett. Die meisten Speisen wurden nicht roh gegessen, sondern mussten zubereitet werden. Herd und Backofen wurden mit Scheitern («Schitli») beheizt. Wie sparsam man aber auch hier war, zeigt sich im Folgenden: Aus den Abfällen bei der Herstellung von Schnaps aus Kirschen und Zwetschgen wurden unter Zugabe von Sägemehl Briketts gepresst und den Sommer über getrocknet. Später wurden sie als sogenannte «Chäslibriketts» oder «Träschstöckli» als Kochenergie verwendet. Im Weiteren erfuhr man in der Ausstellung, wie früher Speisen haltbar gemacht wurden. Während heute das Tiefgefrieren am häufigsten verwendet wird, kennen wir von früher eine breite Palette an Konservierungsmethoden. Grosse Bedeutung hatte beim Gemüse und bei Früchten das Einmachen, Einkochen oder Einwecken

(nach dem Namen der dazu verwendeten, patentierten Gläser eines aus Österreich stammenden Herrn Weck). Fleisch und Fische wurden geräuchert oder gepökelt. Häufig wurde auch schon früher auswärts in Restaurants gegessen und getrunken. Oft bildeten Gasthäuser und Läden zusammen einen Betrieb, wie beispielsweise bei den Bäckereien und Wirtschaften «Zum Sternen» oder «Hirschen», letzterer heute geführt als Bäckerei-Konditorei-Café Nafzger. Auffallend viele besonders stattliche Gasthäuser fanden sich an den Landstrassen der Aussenorte Tuttwil und Lachen. Der Grund dafür lag darin, dass früher die Hauptwege wegen der mäandernden Murg im Talgrund über die seitlichen Hügel führten. Mit hungrigen Reisenden und Pferden liessen sich gute Geschäfte machen. Was das «Sterben» von Läden und Gasthäusern betrifft, waren sie oft vom gleichen Schicksal betroffen. Deren Anzahl nahm in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur in Wängi stark ab. Der Weiler Möriswang wird heute von etwa zehn Familien bewohnt. Früher gab es dort drei Schankstuben. Eine Schankstube also auf drei Familien! In der Ausstellung begegnete man einer grossen Zahl solch eingegangener Gasthäuser und Läden.


Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Ausschnitt aus der Ausstellung zum Thema «Wie man Speisen haltbar machte»

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Ein Rückblick auf die Sonderausstellungen der letzten Jahre

Vom Spezereiladen der Geschwister Müller in Lachen fand sich das alte Ladenschild in der Ausstellung. Dazu ein grossformatiges Foto von Fräulein Sophie Müller vor den Gestellen und Schubladen und einem Rabattmarkenspender. Man fühlte sich in längst vergangene Zeiten zurück versetzt. Den eher nachdenklichen Schluss bildete ein Ereignis, das vor 200 Jahren stattfand, bei uns aber kaum mehr im Bewusstsein ist. Es ist die Hungersnot der Jahre 1816/17 in Europa. Grund dafür war der Ausbruch des Vulkans «Tambora» in Indonesien, welcher Unmengen Asche in die Atmosphäre schleuderte und so den Himmel während Monaten verdunkelte. Das Klima kühlte ab, die Ernten verdarben oder reiften nicht aus. Die Zeit ging als «Jahr ohne Sommer» in die Geschichte ein. Besonders hart traf es die schon von der Textilkrise betroffenen Arbeiter in der Ostschweiz, die nicht selber Nahrungsmittel produzieren konnten. Menschen kochten in ihrer Not aus Gras und etwas Salz eine magere Suppe, wie eine alte Zeichnung zeigt. Tausende verhungerten. Fräulein Sophie Müller in ihrem Spezereiladen in Lachen. Aufnahme aus den 1980er-Jahren.

«Essen und Trinken sind universelle Bedürfnisse». Mit diesen Worten begann dieser Bericht. Aber auch Mangel an Essen, also Hunger kann uns – wie die Geschichte zeigt – plötzlich wieder treffen.


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Mehlsieb und Gebäckformen, in der Mitte ein Lotmassbecher. 1 Lot wiegt ungefähr 15 Gramm. Das alte Lotmass wurde 1875 durch das Dezimalmass Gramm abgelöst. Die Massbezeichnung Lot findet sich noch in alten Rezeptbüchern. Unter anderem wurden Hirschhornsalz oder Pottasche, die Trieb­ mittel vor der Erfindung des Backpulvers, in Lot angegeben.


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Ein Ausblick in die Zukunft

Rechnung für die Reparatur der Uhr der «baratetischen» (paritätischen!) Kirche in Wängi. 1836 Die Zeile «nebst Speis und Trank empfangen» könnte ein Hinweis dafür sein, dass hier ein Störuhrmacher am Werk war.


Ein Ausblick in die Zukunft

Konzept und Ziele Das Ortsmuseum Wängi ist über die letzten Jahrzehnte hinweg zu einem unverzichtbaren Baustein im kulturellen Leben von Wängi geworden. Das Konzept aus dem Jahre 1987 erfährt für die nächsten Jahre keine grundlegenden Änderungen. Die Zielsetzungen bleiben bestehen: Das Ortsmuseum will vor allem die Einwohnerinnen und Einwohner von Wängi erreichen und seinen Beitrag zur kulturellen Vielfalt und Identität im Dorf leisten. Dabei konzentriert sich das Museum auf die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und wirft darüber hinaus Fragen zum aktuellen gesellschaftlichen Zusammenleben auf. Auch am Sammlungskonzept wird festgehalten.

Ausstellungen und Betrieb Die Dauerausstellung zu den Themen Wandel, Landwirtschaft sowie Textilverarbeitung bleibt bestehen. Gesucht wird noch nach Möglichkeiten, dem Handwerk und dem Gewerbe mehr Raum zur Verfügung zu stellen. Daneben greifen auch in Zukunft die Sonderausstellungen unterschiedliche Themen auf und bieten immer wieder Anlass, das Ortsmuseum von Neuem zu besuchen.

In den nächsten Jahren wird die bestehende Dauerausstellung zudem den veränderten Sehund Wahrnehmungsgewohnheiten eines heutigen Publikums angepasst. Zu diesem Zweck kommen schrittweise neue Medien zum Einsatz. Bereits vor ein paar Jahren ist der Auftritt im Internet eingerichtet worden. Und im Sinne der heutigen Sensibilität für Energieeffizienz wurde zudem die bisherige Beleuchtung auf LED umgestellt. Die Öffnungszeiten gelten wie bisher. Geöffnet ist das Ortsmuseum jeweils am ersten Sonntag der Monate Mai bis Oktober. Spezielle Führungen auf Anfrage gibt es auch in Zukunft; dies dann gegen Bezahlung. Definitiv eingeführt wird der Kaffeeausschank. Zwar ist das Platzangebot beschränkt, aber für einen kurzen Austausch der Eindrücke zur Ausstellung reichen Zeit und Platz allemal. Eine Herausforderung wird das Auslaufen des Baurechtsvertrags mit der Kirchgemeinde im Jahre 2035 sein. Da müssen dann die Weichen im Hinblick auf den Fortbestand des Ortsmuseums Wängi neu gestellt werden.

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Besucherinnen und Besucher

M채ngelr체ge des Z체rcher Staatskassiers an einen Thurgauer Statthalter wegen schadhafter M체nzen. 1819


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Schülerinnen und Schüler lauschen den Ausführungen von Ruedi Götz 2006.

Dass unser Museum auch gut 50 Jahre nach seiner Gründung noch lebt, lässt sich mit der Besucherstatistik belegen. Schon immer wurden die Besucherzahlen festgehalten. Zu Zeiten als das Museum noch im Steinlerschulhaus untergebracht war, in blauen Schülerheften. In der Adlerscheune ging man langsam dazu über, die Besucherinnen und Besucher auf-

zufordern, sich in ein Gästebuch einzutragen. Das tun allerdings erfahrungsgemäss nicht alle gleich gerne. Die hier präsentierte Statistik hinkt daher zum Teil beträchtlich (allerdings nach unten und nicht nach oben). Auch die Zahlenschätzungen der Aufsichtspersonen ergeben lediglich ungefähre Werte. Auf die Person genau liesse sich die Besucherzahl nur mit


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Besucherinnen und Besucher

Eintrittsbilletten belegen. Der bislang geltende Gratiseintritt soll aber bis auf weiteres beibehalten werden. Wie bereits bis anhin werden auch in Zukunft auf Anfrage Führungen für Schulklassen, Klassentreffen, Familienanlässe usw. angeboten. In den Gesprächen bei Führungen ergeben sich nicht selten Auskünfte und Hinweise, welche bis anhin nicht bekannt waren. Sie tragen zur Erweiterung des Wissens rund um die Dorfgeschichte bei. Manchmal ergeben sich auch ergötzliche Situationen wie bei jener Klassenzusammenkunft von etwa 50jährigen ehemaligen Primarschülerinnen und -schülern in den frühen 1970er Jahren. Ernst Trachsler (damals knapp 30 Jahre alt) übernahm die Führung und wartete, bis alle Gäste eingetroffen waren. Einer der Teilnehmer trat auf ihn zu, schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter und meinte: «Du glatte Siech, wer bisch denn du? Du häsch ja überhaupt nid g’altet!» Besuchereintrag der Schulklasse Rosi Roeschli vom 29. September 2006


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Zum Schluss Die Verantwortlichen für das Ortsmuseum Wängi vom Stiftungsrat über die Kuratoren bis hin zu jenen Einzelpersonen oder Institutionen, welche das Museum jedes Jahr mit finanziellen Beiträgen unterstützen, hoffen auch weiterhin auf ungebrochenes Interesse. Nicht jedes Dorf von der Grösse Wängis kann sich rühmen, ein Ortsmuseum von vergleichbarem Format zu haben. Senioren besuchen das Ortsmuseum und lauschen den Ausführungen V.l.n.r.: Viktor Krähenmann, unbekannt, Paul Hasler, Johann Hasler, Notburga Hasler. Dahinter Otto Bischof

Besucher Vernissage 2000 Im Vordergrund Paul Zuppinger und Monika Baumgartner

Mitglieder der Familie Walder verfolgen die Ausführungen von Ruedi Götz zu ihrer Familiengeschichte am 11. September 2010


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Besucherinnen und Besucher

Besucherinnen und Besucher der Saisoneröffnung im Jahre 2000. Was wäre eine Vernissage ohne Apéro! Andreas Vontobel, Ernst Trachsler, Ruedi Jufer, André Annen und Ruedi Isenring

Klassenzusammenkünfte der Jahrgänge 1940 – 1943 Tuttwil und 1934 – 1935 Wängi am 29. Oktober 2005


Besucherinnen und Besucher

Statistische Zusammenstellung der Besucherzahlen von 1987 bis 2017 1987

Jubiläen Kirchen/FW-Bahn

590 · 100 · 70

1988

Landwirtschaft

110 · 80 · 50

1989

Brot

600 · 240 · 180

1990

Vereine

110 · 60 · 20

1991

Wein und Wirtschaften

510 · 20 · 0

1992

Vom Futter zur Butter

80 · 80 · 0

1993

Wängi auf alten Fotos

260 · 100 · 80

1994

Zweiter Weltkrieg in Wängi

320 · 10 · 50

1995

Kleider und Klamotten

160 · 70 · 0

1996

Rundfunk und Radio

270 · 120 · 40

1997

Wängemer Persönlichkeiten

250 · 190 · 70

1998

Dorfschulen

250 · 30 · 0

1999

Klassenfotos

250 · 130 · 0

2000

Schriften, Siegel, Stempel

150 · 20 · 0

2001

Schriften und Bilder

140 · 0 · 0

2002

Waschen, bügeln, flicken / Jakob Stutz

90 · 80 · 0

2003

Die Rolle der Frauen

300 · 40 · 0

2004

Menschen aus Wängi (Fotografien)

750 · 60 · 20

2005

Wertvoll oder wertlos?

170 · 90 · 0

2006

Landmaschinen

410 · 0 · 0

2007

Wängemer Fotoalben

400 · 130 · 0

2008

Christlicher Glaube in Kirche und Haus

320 · 80 · 0

2009

Weberei Wängi

240 · 100 · 0

2010

Dorfzentrum im Wandel

430 · 50 · 10

2011

Sammeln

Reguläre Besuche

200 · 40 · 20

2012

Schülerfotos

Gruppenführungen

330 · 10 · 0

2013

Flachs und Leinen

2014

Freizeit

2015

Vereine

270 · 190 · 50

2016

Wängi und seine Schulen

400 · 70 · 40

2017

Essen und Trinken / Fledermäuse

330 · 20 · 160

140 · 50 · 100

Schulklassen

0

200 200

400 400

600 600

800 800

220 · 50 · 70

1000 1000

261


262

Vorlage fĂźr Kreuzstichmuster


Literaturverzeichnis

Literaturverzeichnis

Amt für Archäologie des Kantons Thurgau. (2016). Eintrag zu den Bestattungen bei der Kapelle Obertuttwil. Kurzfassung. Bischof-Rüfenacht, Adam. (2005). Das Heilquellenbad Jakobsbad bei Wengi. Frauenfeld: Adam Bischof-Rüfenacht Selbstverlag. Bischof-Weideli, Otto. (1941). Johann Alphons Berkmüller. Geboren 6. Mai 1802, gestorben 24. November 1879. In Thurgauer Jahrbuch 1941. S. 32 – 34. Bretscher, Peter. (1986). Probleme der Ausstellungspraxis und Sachdokumentation in kleinen Museen. Lizentiatsarbeit. Zürich: Universität, Philosophische Fakultät I. Brugger, J.J. (1899). Adressbuch des Kantons Thurgau mit Beifügung der Gewerbs- und Berufstreibenden der Stadt Konstanz. Frauenfeld: Staatsarchiv. Finanz-, Forst und Militärdepartement des Kantons Thurgau. (1983). Steuerbefreiung der Stiftung Ortsmuseum Wängi vom 21. Dezember 1983. Janett, Andri. (1984). Ausstellungskonzept zur Geschichte von Wängi im Zusammenhang mit der Verkehrserschliessung des Murgtales. Seminararbeit. Zürich: Universität Bereich Volkskunde. Kocherhans, Bruno. (2013). Hunzikon Rosental – zwei Dörfer – eine Geschichte. Rosental: Bruno Kocherhans Selbstverlag. Landjäger Bornhauser. (1820). Anzeigen der Freffel Thaten & Pollicey Vergehen. Wängi: Ortsmuseum.

263


264

Literaturverzeichnis

Meier, Bruno. (215). Vom Morgarten bis Marignano. Was wir über die Entstehung der Eidgenossenschaft wissen. Baden: Verlag für Kultur und Geschichte GmbH. Munizipalgemeinde Wängi. (1985). Botschaft zum Budget 1985. Nyffenegger, Eugen & Bandle, Oskar. (2003). Thurgauer Namenbuch: Die Siedlungsnamen des Kantons Thurgau. Frauenfeld: Huber. Pupikofer, Johann Adam. (1837). Gemälde der Schweiz. Bd. Thurgau. Ruedi Götz. (2011). 75 Jahre Naturschutzvereinigung Grütried. Geschichtlicher Rückblick und aktuelle Bilder. Wängener Heft 2. Raas, Andreas. (2008). Wängi – Der Weg von der Gerichtsherrschaft zur politischen Gemeinde. Wängener Heft 1. Raas, Andreas. (2012). Von ländlicher Geborgenheit in die Neuzeit. Interpretationen von Bildern aus Wängener Fotoalben. Wängener Heft 3. Raas, Andreas. (2014). 1864 – 2014 · 150 Jahre Neuhaus Wängi. Wohn- und Pflegezentrum. Wängener Heft 4. Schulgemeinde Wängi. (1993). Festschrift zur Eröffnung des Schulhauses Imbach II.


Literaturverzeichnis

Siuts, Hinrich. (2002). Bäuerliche und handwerkliche Arbeitsgeräte in Westfalen. Münster: Aschendorff. ten Kate-von Eicken, Brigitte. (o.J.). Küchengeräte um 1900. Bern: Benteli. Thurgauisches Adress- und Geschäftshandbuch: mit Übersicht der thurgauischen Stickerei-Industrie. (1883). Frauenfeld: Staatsarchiv. Trachsler, Ernst. (2005). Sammeln im Ortsmuseum Wängi. Referat anlässlich Fachtagung «Sammeln in kulturhistorischen Museen im Thurgau». Manuskript Ortsmuseum Wängi. Trachsler, Walter. (1981). Systematik kulturhistorischer Sachgüter. Bern: Haupt. Verkehrs- und Verschönerungsverein Wängi und Primarschulgemeinde Wängi. Vereinbarung vom 5. Februar 1964 betreffend die Abtretung des Dorfmuseums Wängi an die Schulgemeinde und die Regelung der Zusammenarbeit. Vertrag zur Begründung eines unselbständigen Baurechtes zwischen der Evang. Kirchgemeinde und der Stiftung Ortsmuseum Wängi vom 11. März 1985. Walder, Hermann. (ca. 1930). Memorabilia Wengensia. Erinnerungen an Wängi und Umgebung. Wängi: Hermann Walder Selbstverlag. Wyss, P. (o.J.). Arbeit in der Heimat. Volkskundliche Bilder. Erlenbach: Baumann.

265


266

Hosenknöpfe, Hemdenknöpfe, Blusenknöpfe, Rockknöpfe: Aufbewahrt in einer mit Papier ausgekleideten Schatulle. Die Knöpfe wurden von ausgetragenen Kleidungsstücken abgetrennt. Denn eines war gewiss: Irgendwann ging wieder irgendwo irgendein Knopf verloren.


267

Gedrechselte Nadeletuis aus Holz. Daneben Stopfei oder Strumpfkugel.


268

Klöppelstäbchen


Sponsoren

Hauptsponsoren Politische Gemeinde Wängi

Raiffeisenbank Wängi-Matzingen

Stiftung Ortsmuseum Wängi

Mit Unterstützung von

Thurgauer Kantonalbank Jubiläumsstiftung

Ulrico Hoepli-Stiftung, Zürich

Übrige Sponsoren Evangelische Kirchgemeinde Wängi

Katholische Kirchgemeinde Wängi

De Martin AG Wängi

269


270

Sponsoren

Übrige Sponsoren (Fortsetzung)

Johann Bommer-Stiftung

Isenring Holzbau AG Wängi

Franz Norbert Bommer Weinfelden

Schadegg AG Wängi

Werder Schreinerei AG Wängi

Brändle Gebäudehüllen AG Wängi

Bäckerei Nafzger Wängi

Geretti Sanitärinstallationen Wängi

Störchli AG Wängi

Zimmerei Nägeli AG Wängi

Metzgerei Sturzenegger Wängi

Speise-Restaurant Frohsinn Wängi-Anetswil


271

Impressum

Ernst Trachsler wurde 1941 geboren und wuchs in Frauenfeld auf. Nach einer Ausbildung zum Primarlehrer war er 1963 bis 1982 an der Primarschule in Wängi tätig. Anschliessend studierte er an der Universität Zürich Erziehungs­wissenschaft, Soziologie und Volkskunde. Das Ortsmuseum Wängi betreute er nebenberuflich von 1964 bis 2011.

Ruedi Götz wurde 1936 geboren und wuchs in Oberneunforn auf. In der Zeit nach seiner Ausbildung zum Primar- und später zum Sekundarlehrer war er an verschiedenen Lehrstellen tätig, die längste Zeit am Gymnase Pestalozzi in Matadi (Kongo/ Kingshasa). 1966 kam er nach Wängi, wo er bis zu seiner Pensionierung als Sekundarlehrer unterrichtete. Von 1983 bis 2002 wirkte er als nebenamtlicher Sekundarschulinspektor des Kantons Thurgau. Von 1999 bis 2008 amtete er als Präsident des Stiftungsrates für das Ortsmuseum Wängi. In seiner Freizeit erstellte er eine einmalige Wängemer Fotosammlung, welche er 2015 dem Ortsmuseum übergab. Für die vorliegende Publikation lieferte er die Fotos.

Hansruedi Aeberhard ist der Verfasser der Ausstellungsberichte ab 2012. Herausgeber Stiftung Ortsmuseum Wängi Layout, Satz, Bildbearbeitung VMA Media AG · Ueli Mattenberger Affeltrangen Korrektorat Lydia Rohr, Wängi Druck Fairdruck AG, Sirnach Dezember 2017


272

Wängener Hefte

In der Reihe der Wängener Hefte sind bislang erschienen: Andreas Raas. (2008). Wängi – Der Weg von der Gerichtsherrschaft zur politischen Gemeinde. Wängener Heft 1. Ruedi Götz. (2011). 75 Jahre Naturschutzvereinigung Grütried. Geschichtlicher Rückblick und aktuelle Bilder. Wängener Heft 2. Andreas Raas. (2012). Von ländlicher Geborgenheit in die Neuzeit. Interpretationen von Bildern aus Wängener Fotoalben. Wängener Heft 3. Andreas Raas. (2014). 1864-2014. 150 Jahre Neuhaus Wängi. Wohn- und Pflegezentrum. Wängener Heft 4. Ernst Trachsler. (2018). Das Ortsmuseum Wängi – Geschichte und Geschichten. Wängener Heft 5. Die Wängener Hefte können, solange vorrätig, beim Ortsmuseum Wängi zum Preis von Fr. 20.– bezogen werden. Hermann Stamm: 052 378 19 76. Die Reihe soll fortgesetzt werden.


Das Ortsmuseum Wängi 1960 – 2017

Geschichte und Geschichten

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Ernst Trachsler: Das Ortsmuseum Wängi 1960 - 2017 · Wängener Heft 5  

Der ehemalige Kurator des Ortsmuseums Wängi hat ein einem 272-seitigen reich bebilderten Buch die Geschichte des Ortsmuseums Wängi geschrieb...

Ernst Trachsler: Das Ortsmuseum Wängi 1960 - 2017 · Wängener Heft 5  

Der ehemalige Kurator des Ortsmuseums Wängi hat ein einem 272-seitigen reich bebilderten Buch die Geschichte des Ortsmuseums Wängi geschrieb...

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