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Andreas Raas

WĂ„NGI

Der Weg von der Gerichtsherrschaft zur politischen Gemeinde


Inhalt Vorworte 1 Von den Gerichtsherrschaften zur politischen Gemeinde 3 Der Anfang: erste Erwähnung von Wängi 4 Vom Mittelalter bis zur Helvetik 5 Die niedere Gerichtsherrschaft Wängi 5 Das verschwundene Toggenburgerschloss Die hohe Gerichtsherrschaft in Anetswil, Krillberg und Tuttwil 10 Das Murgtal als Verkehrshindernis Die integrierende Rolle der Pfarreien 16 Von der Helvetik und Mediation bis in das 21. Jahrhundert 17 Die komplizierte Gemeindevielfalt im Thurgau 21 Die Munizipalgemeinden 21 Die Ortsgemeinden 26 Die Dorfgemeinde und die Korporationen 31 Die Bürgergemeinden 33 Die Schulgemeinden 35 Die Vereinigung der Schulgemeinden Die Kirchgemeinden 38 Vorwärts zur Einheitsgemeinde 40 Die Sulzbergerkarte und die Ortsgemeinden Mitte des 19. Jahrhunderts 40 Die Gemeinden vor der Vereinigung, 42 Bevölkerungsstatistik 43

Die letzten Ortsvorsteher Die Vereinigungskommission Der Kanton ist gefordert Verhandlungen und Beschlüsse Die Krillberger Beschwerde an das Bundesgericht Ob Anetswil mitmacht? Das Bundesgerichtsurteil Der Regierungsratsbeschluss Die Steuerharmonisierung Leiden und Freuden eines Steuersekretärs Die Wahl des Gemeindeammanns Eine feige Tat? Es gibt keine Ruhe Das Verschwinden der Ortsvorsteher – die Ablösung der Bauern Der «Löwe von Krillberg» – das letzte Lebenszeichen Was war mit Heiterschen?

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Zeittafel

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Anhang 1 «Frauenpower» 70 Anhang 2 «Herrliche Zeiten um 1900 herum»  – ein Beobachtungsspiel 76 Anhang 3 «Liste der Gemeindeammänner und Ortsvorsteher» 80 Quellenverzeichnis 83


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Grusswort des Gemeindeammanns Am Neujahrstag 2009 dürfen wir gemeinsam «40 Jahre Einheitsgemeinde oder politische Gemeinde Wängi» feiern! Wahrlich Grund genug, diesen Festtag würdig zu begehen und zu feiern! Unser Jubiläum reiht sich sehr passend in die Reihe weiterer Jubiläen des Jahres 2008 ein: 150 Jahre evangelische Kirchgemeinde, 50 Jahre Bau der katholischen Kirche, 50 Jahre Glocken der evangelischen und der katholischen Kirche, 125 Jahre Musikverein Alpenrösli. Aus heutiger Optik darf festgestellt werden, dass die Einheitsgemeinde Wängi vorausschauend gebildet worden ist. Die damals aktiven Behördenmitglieder und weitere staatspolitisch interessierte Kreise waren ihrer Zeit weit voraus. Erst die Kantonsverfassung von 1990 verlangte die Bildung von politischen Gemeinden, mit der gleichzeitigen Abschaffung des Gemeindedualismus. Man hätte also in den 1960er Jahren die Einführung der neuen Kantonsverfassung abwarten können. Der Blick zurück zeigt, dass sich die Gründerväter mit

zum Teil erheblichen Widerständen gegen die Bildung der Einheitsgemeinde zu befassen hatten. Schlussendlich musste in dieser Sache das Bundesgericht entscheiden. Wängi hat damals also kantonale und überregionale Geschichte geschrieben! Die Wogen sind längst geglättet und das Gebilde der politischen Gemeinde von mittlerer Grösse bewährt sich. Ich freue mich, dass Andreas Raas und Ruedi Götz zu diesem Jubiläum eine umfangreiche Festschrift erarbeitet und verfasst haben. Dank eigenem Wissen und aufbewahrten Dokumenten sowie nach zeitaufwändigen Recherchen in der Geschichtsliteratur und in den Archiven der Gemeinde und der beteiligten Kantone ist eine Schrift entstanden, die es verdient, gelesen zu werden! Als Autor zeichnet Andreas Raas verantwortlich. Er versteht es, spannend und informativ zu schildern und zu erzählen. Manche Textpassage ist dabei zuweilen träf, aber gleichzeitig auch treffend verfasst. Ruedi Götz hat für diese Schrift die Bilder aus seinem eigenen umfangreichen Fotoarchiv zur Verfügung gestellt und ergänzendes Bildmaterial aus unserem Ortsmuseum und von privater Seite einfliessen lassen. Den beiden engagierten Verfassern und Gestaltern der Festschrift gebührt der herzliche Dank und die verdiente Anerkennung! Die Gemeinde ist stolz darauf, über das vorliegende Zeitdokument zu verfügen. Liebe Leserin, lieber Leser, ich freue mich, wenn Sie dieser Jubiläumsschrift Ihre Aufmerksamkeit schenken und den Inhalt mit Freude geniessen! Benno Storchenegger · Wängi, im Herbst 2008


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Vorwort des Verfassers

«Hetted ihr dä alt Plunder doch verbrenne loh!» brummte mein Schwiegervater Georg Gnehm (1911 – 1985), als Ruedi Götz und Dölf Josef ihm triumphierend mitteilten, sie hätten am frühen Morgen des 27. März 1976 aus dem lichterloh brennenden «Schäfli» unter Lebensgefahr die Bilder gerettet, die seit Jahrzehnten in der Gaststube hingen. Es waren zwei vom Künstler Emil Isler geschaffene Kohlezeichnungen, die den Vater Georg Gnehms und dessen Schwager, den Wagner Müller, darstellten. Als schwer arbeitender Kleinunternehmer hatte Georg Gnehm keine Zeit, sich um Vergangenes zu kümmern; es war schon hart genug, die Gegenwart und die Zukunft zu bewältigen. Es würde mich brennend interessieren, was er – wenn er denn noch lebte – zu dieser Schrift sagen würde, die in einer Mischung von Geschichte und Geschichten den politischen Werdegang unseres Gemeinwesens skizziert. «Alter Plunder?» Wann ist Vergangenes vorbei? Andreas Raas · Wängi, im Herbst 2008 Die geretteten Bilder Georg Gnehm (1875 – 1923), Schmied, kaufte das Bauernhaus an der Tuttwilerstrasse und baute es zur Schmiede um, die sein Sohn gleichen Namens später übernahm. 1995 wurde das Gebäude abgebrochen und durch die Wohnanlage «Alti Schmitte» ersetzt.

Wilhelm Müller kam als Handwerksgeselle aus Deutschland, heiratete, nachdem er von der Polizei nach Wängi zurückgebracht worden war, die schwangere Schwester Georg Gnehms, richtete neben der Schmiede eine Wagnerei ein, hörte mit 50 Jahren auf zu arbeiten und ergab sich dem Trunk.


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Von niedriger und hoher Gerichtsherrschaft zur politischen Gemeinde Im Rückblick erscheint die Entwicklung zur Einheitsgemeinde logisch und einfach: Die Zeit war reif; ohnehin waren damals die späten 1960er Jahre, wo die Protestgeneration den Aufstand gegen die Tradition probte; das behördliche Milizsystem hatte sich überlebt, die komplexen Anforderungen an das Gemeinwesen riefen nach Professionalisierung, Präsenz und Zentralisierung. Und nicht zuletzt ging es um die Steuerharmonisierung. In Tat und Wahrheit war die Gemeindevereinigung ein Geschehen, das sich zwar vordergründig auf der politischen Ebene abspielte, auf der persönlichen Ebene jedoch die Köpfe und Herzen unerwartet stark berührte und bei Siegern und Unterlegenen etliche Narben zurückliess. Wappen des «von Wengen» aus der Manessischen Liederhandschrift, um 1300. Das Wappen wurde mit vertauschten Farben von der Orts- und der Munizipalgemeinde Wängi übernommen. Die Ortsnamen Wangen, Wengen und einige mit ähnlicher Endung leiten sich vermutlich ab von «Wange», was eine sanft abfallende Wiese beschreibt. Die Verschiebung von Wengen nach Wengi ist eigenartig, da wenige Ortsnamen auf - i enden. Vielleicht eine ähnliche Entwicklung, wie wir sie im Nachbarkanton Zürich «Züri» heute noch finden, wo in der Umgangssprache z.B. Winterthur als «Winti», Oberwinterthur als «Oberi» und Seuzach als «Seuzi» verwendet werden. Im thurgauischen Staatskalender finden sich: 1806: Wenge; 1810: Wänge; 1831: Wängi.

Am 1. Januar 1969 wurden die Ortsgemeinden Anetswil, Krillberg, Tuttwil und Wängi aufgehoben. Ihre Rechte und Aufgaben übernahm die Munizipalgemeinde Wängi, vorübergehend als Einheitsgemeinde und schliesslich als politische Gemeinde bezeichnet.

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Der Anfang: erste urkundliche Erwähnung von Wängi, 818

Die Urkunde vom 29. Januar 818, ein Schenkungsvertrag in lateinischer Sprache, der in der Kirche von Wängi gefertigt wurde «actum wengiu», befindet sich im Stiftsarchiv St. Gallen. Der Verfasser der «Geschichte von Wängi», Karl Tuchschmid, hält sie für die älteste urkundliche Erwähnung der Ortschaft.

Nicht verschwiegen sei, dass Johann Adam Pupikofer in der «Geschichte der Alten Grafschaft Thurgau» (S. 134) ein anderes Datum liefert: «791 in Wängi (Wangas) Adalolds Vergabung seiner Besitzungen zu Tegerschen (Tekarascahi) an Abt Werdo und das Kloster St. Gallen.» Abt Werdo regierte von 784 – 812, was die Glaubwürdigkeit dieser Angabe erhöht. Vielleicht muss man vor dem nächsten Jubiläum nochmals über die Bücher.

« . . . vor dem nächsten Jubiläum nochmals über die Bücher?»


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Vom Mittelalter bis zur Helvetik Die niedere Gerichtsherrschaft Wängi Die alte Landgrafschaft Thurgau, ursprünglich im Besitz der Herzöge von Schwaben, dann der Grafen von Kyburg und von Habsburg-Österreich, seit 1460 Untertanengebiet der Eidgenossenschaft, zerfiel in etwa 130 «niedere» Gerichtsherrschaften, von deren Gebühren, Bussen und Beschlagnahmungen rund 50 Gerichtsherren profitierten, insbesondere Klöster, Bistümer, Städte, Adelige und reiche Privatleute. Die niedere Herrschaft Wängi war dem «gemeinen Gerichtsherrenvertrag» unterworfen. Unter St. Gallischer Herrschaft präsidierte der äbtische Hofammann zu Wil das Gericht, an das gehörten: Wängi, Hunzikon, Möriswang, Wilen, Tausenlist, Scheurli, Stägen, Bommershäusli, Achenbach (vermutlich Eichlibach).1 Dem Gerichtsherrn stand auch das Leibeigenschaftsrecht zu. Noch Mitte des 18. Jahrhunderts wurden in Wängi 148 Leibeigene gezählt.2

« . . . die Offnung von Wängi  – 

Leibeigenschaft bedeutete grundsätzlich die Verpflichtung, dem Herrn bestimmte Abgaben zu entrichten, das Leben nach seinen Vorschriften zu führen, Frondienste zu leisten, den Wohnort ohne seine Erlaubnis nicht zu wechseln und sich seiner richterlichen Gewalt zu unterwerfen. Dazu kamen Abgaben bei Todesfällen. Andrerseits war der Herr zum Schutz seines Leibeigenen verpflichtet. So weit die Theorie. In der Praxis waren Willkür und Ausbeutung sehr häufig. Die Herrschaft Wängi wechselte ihren Besitzer verschiedene Male, gehörte um 1226 den Grafen von Toggenburg, kam durch Schenkung an das Kloster St. Gallen, war ab 1423 ein Lehen der Freiherren von Wengi und wurde vom letzten dieses Geschlechts 1494 an Junker Giel von Glattburg verkauft, der ein Jahr darauf die «Offnung von Wängi» einführte, ein erstes Gemeindegesetz. Fast 100 Jahre später erwarb die deutsche Freifrau Maria von Hirschhorn die Herrschaft. Ihr Enkel, der Junker Landschad, verkaufte sie 1525 wiederum dem Kloster St. Gallen. So blieb es, bis der Einmarsch der Franzosen um 1798 die alte Ordnung zerschlug.

ein erstes Gemeindegesetz»

1 Hasenfratz, S. 89 2 Knoepfli, S. 56

In hohen oder in niederen Gerichten. Am Tuttwilerberg und auf den Höhen von Anetswil war das Recht anders geregelt als in Wängi.

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Der Burghügel im Grundstückplan von 1930. Der alte Murglauf folgte noch der Böschung des Weidlis.

Der Schlosshügel mit dem Burggraben, wie er sich noch gegen 1950 präsentierte. Von der einstigen Burg der Grafen von Toggenburg, umspült vom alten Lauf der Murg, war bis 1823 noch eine hohe Mauer zu sehen, deren Steine dann von den neuen Herren von Wängi, den Industriebaronen, zum Fabrikbau verwendet wurden.

Den Standort der Burg vermutete der in Tuttwil aufgewachsene Historiker Pupikofer im Weiler Rengetswil, etwas südlich der Landstrasse von Lachen nach St. Margarethen. Das ist umso erstaunlicher, als er selber in seiner Jugend die hohe Mauer der Ruine in Wilen-Wängi gesehen und die Burg in seinem Werk erwähnt hat. Wäre er je nach Rengetswil gekommen, wäre ihm auch klar geworden, dass niemand diesen Standort für einen Schlossbau hätte wählen können. In der Schweizer Chronik von 1554 erklärt Johannes Stumpf: «Das Schloss Reinhartschwil oder Reingersswil lag gegen Wengi hin.»

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Das verschwundene Toggenburgerschloss Die Burg war durch einen Herrn von Rengetswil erbaut worden und behielt diesen Namen, als die Toggenburger sie vor 1226 übernahmen.3 Hier geschah am 12. Dezember 1226 eine Mordtat, die grosses Entsetzen hervorrief und während Jahrzehnten im Gedächtnis der Menschen verhaftet blieb. Es war die Wiederholung des Dramas von Kain und Abel. Graf Diethelm II von Toggenburg hatte zwei Söhne. Der Ältere, der als Diethelm III sein Erbe hätte antreten sollen, war wegen seiner Härte und Gewalttätigkeit bei den Untergebenen und der eigenen Familie so gefürchtet, dass ihm der Vater das Erbteil entzog. Das Toggenburger Stammschloss bei Lichtensteig erhielt der jüngere Sohn Friedrich, ein liebenswürdiger Mann, trotz seiner Jugend schon vom Kaiser zum Ritter geschlagen. Ausserdem stand eine glückliche Heirat mit einer Tochter des reichen Grafen Montfort bevor. Für Diethelms Frau war das beleidigend, denn offenbar hatte Friedrich zugesagt, ihre Schwester zu heiraten. Der St. Galler Mönch Conradus de Fabaria, ein Chronist der


Vom Mittelalter bis zur Helvetik

damaligen Zeit, schilderte die üble Rolle dieser Frau mit besonderer Lust. So sass Diethelm III statt in der stolzen Stammburg im sumpfigen Schloss Rengerswil und brütete Rache. Scheinheilig lud er seinen Bruder zu einem Versöhnungsgespräch ein und liess ihn nach einem üppigen Mahle von gedungenen Knechten erwürgen, während er selbst schon mit seinen Gefolgsleuten nach Wil ritt, um sich diese Stadt zu sichern. Das gelang ihm nicht, da offenbar schon vorher Flüchtlinge aus Rengerswil eingetroffen waren. Der schwer geprüfte Vater schenkte die Herrschaft Wengi als Sühne für die schreckliche Tat und zum Dank für seine guten Dienste dem Abt von St. Gallen, der den Ermordeten im Kloster hatte beisetzen lassen. Nach zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen Diethelms III mit St. Gallen wurde Rengerswil 1332 von Abt Albrecht, dem 600 Mann aus der Innerschweiz zu Hilfe kamen, während 4 Wochen belagert, schliesslich eingenommen und zerstört, ebenso das Dorf Wengi.4

Der vermutlich nach der Murgkorrektur von 1832 ausgetrocknete Burggraben war bei den Kindern unter der Bezeichnung ”Wiege“ beim Schlitteln und Skifahren besonders beliebt: eine Half Pipe. Diese wurde allerdings von Jahr zu Jahr kleiner, da sie als bequeme Grube für Schutt und Abfälle diente und schliesslich ausgeebnet und überbaut wurde.

Die Natursteinmauer an der Weidlistrasse könnte an die Burgstelle erinnern. Der Name Rengerswil lebt im heutigen Ortsteil Wilen fort. Im frühen 20. Jahrhundert gab es noch die Adresse «Wylen bei Wängi».

Als bescheidener Fund liegt im Ortsmuseum Wängi eine becherförmige Ofenkachel, wie sie damals zur Vergrösserung der Heizfläche eingemauert wurden.

Eine ganze Reihe namhafter Historiker haben sich bis in die Neuzeit mit dem Brudermord von Rengerswil-Wängi befasst, u.a. J. Adam Pupikofer, Johann Nater, Dr. Bruno Meyer und Hans Bühler.

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«Die Faszination der Toggenburgischen Vergangenheit . . . »

Die Steine der Schlossruine wurden 1823 zum Bau der Spinnerei mit später angeschlossener Weberei verwendet. Als das mächtige Gebäude, für 160 Arbeiter und 10‘000 Spindeln gebaut, 1911 durch einen Grossbrand völlig zerstört wurde und abgetragen werden musste, bildeten diese Steine das grösste Hindernis. Die Zeichnung von 1848 zeigt rechts im Vordergrund den von Ziegen beweideten Burghügel und jenseits der kaum sichtbaren Murg die «Mechanische Spinnerey», im vorgelagerten Gebäude rechts die heute noch erkennbare «Mahl Mülli» (die spätere mechanische Weberei), das kleine Waschhaus und eine weitere «Mülle».

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In späterer Zeit wurde das zerfallende Gemäuer der Burg als willkommener Steinbruch benützt. Im Jahr 1953 schrieb Tuchschmid in seiner «Geschichte von Wängi»: «Heute gemahnt nur noch die Form des überbauten Hügels an die gewaltige Festung der Toggenburger Grafen.» In unserer Zeit ist auch das nicht mehr möglich. Trotzdem – die Faszination der Toggenburgischen Vergangenheit in Theaterstücken und Festspielen ist geblieben, letztmals 1953 bei der Einweihung des Steinlerschulhauses. Die Wängener Pistolenschützen führen jährlich das «BrudermordWettschiessen» durch, was hoffentlich von allen Teilnehmern historisch verstanden wird. So haben die Toggenburger vor allem dank einer Mordtat noch lange überlebt.

Inserat in der Thurgauer Zeitung vom 21. Mai 1864: Die «Grafen von Toggenburg» auf vielseitiges Verlangen von der Schule kath. Wängi bei günstiger Witterung abermals aufgeführt. Das Stück mit dem frei erfundenen Tod des Vaters an der Leiche seines ermordeten Sohnes ist wohl inspiriert von Schillers «Räubern». Da blieb kein Auge trocken.

Die Bleistiftzeichnungen verdanken wir dem musisch hochbegabten Johann Alfons Berkmüller (1802-1879). Von Bayern her kommend, fand er 1823 eine Stelle als Buchhalter in der Spinnerei. Seine zahlreichen lebendigen Skizzen entschädigen dafür, dass es von Wängi keine alten Stiche gibt wie z.B. von Lommis, Stettfurt und Aadorf.


Vom Mittelalter bis zur Helvetik

« . . . wurde es von den Krillbergern und Bernern geplündert und angezündet.»

Die Vögte der Abtei St. Gallen und die späteren Herren von Wängi bewohnten «Turm und Behausung zu Oberwängi mit dem Wassergraben» – das heutige Weiherhaus. Wie es wirklich aussah, ist unbekannt, da es im Schwabenkrieg 1499 in Flammen aufging.5 Vom Weiher weiss man, dass er 1639 noch bestand, der Turm bis 1807. Das massive Mauerwerk im Keller lässt vermuten, dass die Villa auf den Fundamenten des Turmes steht. Nach Pupikofer I (S. 95) wurde es von den Krillbergern und Bernern geplündert und angezündet.

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Die Karte der Landgrafschaft Thurgau von 1750 zeigt die «Umklammerung» der gemeinen Herrschaft Wengi durch das mit stolzem Gelb gefärbte Gebiet der «Hohen Gerichte». Da auch Eschlikon und Münchwilen dazu gehörten, wäre eine Orientierung zu diesen Gemeinden durchaus möglich gewesen.

Die hohe Gerichtsherrschaft in Anetswil und Tuttwil

Wurden in den niederen Gerichtsherrschaften die alltäglichen Streitigkeiten geregelt und die kleinen Vergehen und Frevel geahndet, so war es der hohen Gerichtsbarkeit vorbehalten, sich mit den so genannten «malefizischen» Verbrechen zu befassen und «bis ans Blut» zu richten. Nun gab es – zerstreut über die ganze Landgrafschaft – einige Gebiete, in denen überhaupt keine niedere Gerichtsherrschaft bestand. Sie waren unmittelbar dem hohen Gericht unterstellt. Das war in Anetswil und Tuttwil der Fall. Klagen konnten direkt an den Landvogt in Frauenfeld gerichtet werden. Die Gebiete «in hohen Gerichten» erfreuten sich verschiedener Vorteile und man darf annehmen, dass sie gegenüber den niederen Herrschaftsgebieten ein gewisses Überlegenheitsgefühl entwickelten. In Fortsetzung der seit 1621 bestehenden «äusseren Gemeinde am Tuttwilerberg», gehörte die Ortsgemeinde Anetswil noch bis 1812 zur Ortsgemeinde Tuttwil. Die wichtigen Verkehrsund Handelswege führten über die Hügel, während im Tal der Murg bis 1841 weder eine Strasse noch ein gefahrloser Flussübergang vorhanden war.

Karte nach Heinrich Nötzli, Stiftsarchiv St.Gallen

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Ein Markstein der Landgrafschaft Thurgau, der die Grenze zur hohen Gerichtsherrschaft vermutlich nach der Revision von 1735 markierte, im Ortsmuseum Wängi

Angesichts der historischen Ausgangslage ist es nicht selbstverständlich, dass die Orte am Tuttwilerberg und auf den Höhen von Anetswil sich gegen die Senke von Wängi orientierten.


Vom Mittelalter bis zur Helvetik

So erhaben es tönt, es war nicht nur ein Vorteil, «in Hohen Gerichten» zu leben. Als der wohlhabende Adam Gubler aus Tuttwil im Jahre 1682 von groben Gerichtsknechten nach Frauenfeld geschleppt wurde, ahnte er nichts Gutes. Er war von einer Bekannten, die ihn erfolglos um Geld angegangen hatte, beim Landvogt beschuldigt worden, gegen die Madonna von Dreibrunnen mit einem Witz gelästert zu haben. Da das Seidengewand der Statue ersetzt werden musste, wurde sie gänzlich entkleidet, «warum sie da nicht um Hülfe geschrien habe?» Ein «niedriger» Gerichtsherr hätte es möglicherweise riskiert, die Angelegenheit herunterzuspielen und dem Mann einfach eine Busse aufzubrummen. Nicht so der Landvogt - zufällig gerade ein Katholik, Josue Iten von Ägeri von Zug. Sein Urteil lautete auf Pranger, Zungenschlitzen und 400 Gulden Busse. Um sich von der grässlichen Verstümmelung durch das Zungenschlitzen und vom entehrenden Pranger loszukaufen, musste Adam Gubler neben der Busse und teuren Geschenken an die Frau Landvögtin weitere 250 Gulden aufbringen, wodurch er völlig verarmte.6 Einen Eindruck des damaligen Rechtsverständnisses vermittelt auch die Weisung der eidgenössischen Orte vom 17.9.1555 an den Thurgau, wonach die bei Hinrichtungen anwesenden Kinder zu beschenken waren. Im Wortlaut: «So ein arm Mensch für Hochgericht gestellt wird, wird den 24 Urtheil Sprechenden jedem ein Costenzer (Konstanzer) Bazen, und soviel Kind dazu kommen, jeglichem ein Pfennigwert Brod oder Mutschelen geben.»7

Das Schloss Frauenfeld, Sitz des eidgenössischen Landvogts (Kupferradierung von Johannes Merian (1593-1650), Ausschnitt) Nach Nater S. 541; Staatsarchiv TG: Liste der Landvögte Eidg. Abschiede, Band 4, Abt.1.e., Seite 1404

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Das Gnadenbild von Dreibrunnen nach der Restauration von 1986

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Das Murgtal als Verkehrshindernis Das wilde Murgtal östlich von Wängi wurde erst in den 1840er Jahren so weit saniert, dass eine Strasse gebaut werden konnte. Ihr geplanter Verlauf ist als schwache braune Linie bereits eingezeichnet. (Schwarzwald ist 1857 zu Rosental geworden.) Im detaillierten Verzeichnis der thurgauischen Landstrassen von 1769 sucht man Wängi vergeblich.8

Die Sulzbergerkarte von 1830-38 zeigt den Murgübergang Wängi (links) optimistisch als Strasse, während in Münchwilen (rechts) eine Brückensignatur erkennbar ist.

Wie gefährlich das Überschreiten der Furt oder des schwachen Steges war, wird deutlich, wenn man liest, dass am 13. Dezember 1836 die 25-jährige Lisabeth Wegmann vom Wilhof beim Übergang über die Murg ertrank, als sie den Jahreszins auf die Ersparniskasse bringen wollte. Das Begräbnis fand, entgegen damaligem Brauch, erst 5 Tage später statt, was vermuten lässt, dass die Leiche lange nicht gefunden wurde.9 Hasenfratz S. 196 Protokoll der Gemeinnützigen Gesellschaft vom 29. Mai 1837 Sie übernahm den verloren gegangenen Jahreszins von 70 Gulden.

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Trotz der durchgeführten Korrektur verwüstete im Jahre 1876 ein verheerendes Hochwasser das Murgtal. Eine deutsche Zeitschrift dokumentierte dies mit einer dramatischen Bilderserie, u.a. die Überschwemmung in Frauenfeld, wo sogar mit dem Einsatz eines Artilleriegeschützes das Beseitigen eines Hindernisses versucht wurde.10 Besonders betroffen war auch die vom Wängener Industriellen Schweizer gegründete Aktienspinnerei Murkart.11 Der Steg von Wängi verschwand in den Fluten. Die Schäden wurden auf 1 100 Franken geschätzt. Die Vorstudien für die Frauenfeld-Wil-Bahn wurden verschoben. Noch im eigenen Elend, überwies die Ortsgemeinde Wängi beachtliche 97 Franken, als 1879 die ungarische Stadt Szegedin durch Hochwasser praktisch vernichtet wurde.

Am 22. September 1831 hatten die Bauern von Hunzikon wieder einmal ein Gesuch an den Regierungsrat gerichtet, die Korrektion der in wilden Strömen fliessenden Murg endlich einzuleiten, da ihre Felder und Wiesen sowie die Verkehrswege erneut durch Überschwemmungen ruiniert worden waren. «Weilen ferner öfters der Besuch der Kirche ohnmöglich und die Kinder unter Angst und Kummer der Eltern oft mit Lebensgefahr und selten die Schulle besuchen können und auch in dieser Hinsicht die jetzige Lage, wenn nicht menschenfreundliche Hülfe erfolget, für die Zukunft ein noch grösserer Schaden erfolgen muss, empfehlen wir uns in dero geneigtes Wohlwollen und verbleiben mit aller geziemenden Hochachtung.» Aus dem Gruppenblatt des Malers Karl Jauslin (1842 – 1904), in einer deutschen Illustrierten Dr. Walder

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Die 1785 ausgebaute Strasse Winterthur-St. Gallen führte von Aadorf über Obertuttwil zur Murgbrücke von Münchwilen. Für die schweren Lastwagen waren von beiden Seiten Vorspann-Pferde nötig, mit denen die Obertuttwiler gut verdienten. Die stattlichen Häuser zeugen von ihrer Wohlhabenheit. Die Stephanskapelle ist ebenfalls Wahrzeichen einer selbstbewussten Gemeinde. Genau genommen liegt der höchste Punkt der Strasse mit 622 Metern nicht in Obertuttwil, sondern am nördlichen Ortsrand von Krillberg, das somit der ideale Standort für die Fuhrhalterei gewesen wäre. Warum diese Chance nicht wahrgenommen wurde, ist unbekannt.

Wann die Kapelle, vermutlich von der Gemeinde und den Klöstern, die hier über Grundbesictz verfügten, gebaut wurde, ist unbekannt. In der Reformationszeit wurde darin ein Schenkebetrieb geführt. 1872 bechloss die katholische Kirchgemeinde den Verkauf. Jakob Stutz erwarb sie zuhanden der Freien Christengemeinde.12 Im Jahr 2006 wurde sie von der evangelischen Kirchgemeinde gekauft. Kunstdenkmäler der Schweiz, Bd. 34, S. 354

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Die beiden Galionsfiguren der Wängener Geschichte waren auf dem Tuttwilerberg aufgewachsen. Johann Adam Pupikofer (1797 – 1882), Meister der kantonalen Geschichtsschreibung, und Ulrico Hoepli (1847 – 1935), grösster italienischer Verleger in Mailand. In Krillberg wuchs auch der populäre Regierungsrat und Ständeratspräsident Jakob Müller auf. Obwohl Krillberg nicht den «Hohen Gerichten», sondern dem Tannegger Amt des Bischofs von Konstanz unterstellt war, führte die enge Nachbarschaft fraglos zur Identifikation mit den übrigen Siedlungen am Tuttwilerberg. Die besondere Rechtsstellung «in hohen Gerichten», der erworbene Reichtum und der Stolz auf die berühmten Söhne sind charakteristische Merkmale des Tuttwilerbergs. Aus seiner Jugendzeit in Tuttwil erzählt Pupikofer: «Im Frühling, wenn die Sommerfrüchte bestellt und die Zelgen eingehegt waren, dann scharte sich Jung und Alt zu einem Zuge und folgte unter klingendem Spiel den Grenzen des Dorfbannes entlang den Dorfvorstehern, welche die Marksteine besichtigten, feststellten oder neu einsetzten und ab und zu einem Jungen eine schallende Ohrfeige gaben, damit er zeitlebens bis ins hohe Alter sich an die Stelle erinnere, wo in seiner Jugend sich die Dorfmark befand.» Johann Adam Pupikofer 1797-1882

Ulrico Hoepli 1847-1935

Aus einem Brief des 78-jährigen Ulrico Hoepli an Alt-Bundesrat Heinz Häberlin, Frauenfeld: «Inzwischen fahre ich mit ungeschwächter Passion fort, von früh 5 bis abends ½ 8 Uhr an meinem literarischen Webstuhl zu arbeiten, solange es die Vorsehung bestimmt hat; denn ich finde, dass ein arbeitsreiches Alter mit Kopfeshelle und reinem Gewissen die schönste Epoche des Lebens ist.» (Häberlin im TG Jahrbuch 1936, S. 37)

Psychologische Langzeitwirkung in der Politik Der Gegensatz zwischen Berg und Tal hat möglicherweise auch auf den späteren Prozess der Gemeindevereinigung eingewirkt.

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Die integrierende Rolle der Pfarreien

Gegenüber den verschiedenartigen Rechts- und Lebensformen wirkten die Pfarreien und die von ihnen betreuten Schulen als gemeinschaftsbildende Kräfte, da sie sowohl das Dorf Wängi als auch die Siedlungen auf den Höhen umfassten. In Wängi wurde man getauft, verheiratet und schliesslich ins Grab gelegt. Während Jahrhunderten vermittelten die Pfarreien die einzige

Begegnung mit geistigen Werten und spendeten Trost im Jammertal des harten Daseins. Es war ein nahe liegender Gedanke der späteren Helvetik, die Gebietseinteilung der Munizipalitäten nicht nur aus den herkömmlichen Gerichtsherrschaften, sondern auch aus der kirchlichen Zugehörigkeit abzuleiten.

Die Kirche von Wängi war seit 1401 der Johanniter-Komturei Tobel unterstellt, was in der Reformationszeit zu besonderen Schwierigkeiten führte. Das Bild zeigt sie nach der grossen Renovation von 1865. Links das alte Pfarrhaus, dazwischen die vom Zeichner etwas eigenmächtig nach links verschobene Kapelle, das ehemalige Beinhaus, in der Bildmitte links das 1869 erstellte Murgschulhaus an der Frauenfelderstrasse. Ganz oben links das Schloss Sonnenberg, dessen Herren vor dem Übergang an das Kloster Einsiedeln (1678) ihre Grabkapelle an der Südseite des Chors der Kirche Wängi hatten.

Chronik des Bäckers David Gamper, Stettfurt, bei Stutz S. 145 Herdi, Geschichte des Thurgaus, S. 267 (Fussnoten zur Seite 17) 13 14


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Von der Helvetik und Mediation (1798-1803) bis in das 21. Jahrhundert Die Helvetik Die Helvetik brachte den Thurgauern zwei beträchtliche Vorteile: die unveräusserliche Freiheit des Menschen, also die Abschaffung der Leibeigenschaft und weiterer Untertanenverhältnisse; ausserdem die Gleichberechtigung der Kantone, damit das Ende der eidgenössischen Herrschaftsrechte. (Genau genommen, waren diese Errungenschaften noch unter dem alten Regime erreicht worden, doch geschah das unter dem Druck des drohenden Franzoseneinfalls.) Dem gegenüber stand der extreme staatliche Zentralismus. Ausserdem spielte der geforderte Bürgereid auf die neue Verfassung eine verhängnisvolle Rolle. In der Folge kam es zu brutalen Aktionen der helvetischen und französischen Truppen gegen die Aufständischen, vor allem in Schwyz, Unterwalden und im Wallis. Dauernde Erhebungen und Staatsstreiche erschütterten das Land, und schliesslich führte der Einbruch der Österreicher und Russen dazu, dass die Helvetische Republik zum Kriegsschauplatz wurde und mit ihren Truppen an der Seite der Franzosen schwere Verluste erlitt. Die Helvetik war besonders bei den Geistlichen verhasst. Der katholische Wängener Pfarrer Nepomuk Deucher schrieb am 18. Mai 1801, als ein Knabe kurz nach der Geburt starb, sarkastisch ins Totenregister: «Er kam in die Welt, aber er lernte die Welt nicht kennen, am wenigsten die helvetische Verfassung, sondern kehrte zu seinem Schöpfer zurück.» (In mundum venit, sed mundum, eo minus Constitutionem helveticam, non cognovit, sed ad Creatorem suum rediit.) Den grössten Widerstand gegen die helvetische Verfassung leisteten die katholischen Hinterthurgauer. Kaum hatte man an

Der Freiheitsbaum mit den drei Frauen: liberté, égalité, fraternité. Das Tragen der dreifarbigen Cocarde ist in der Helvetik obligatorisch, sogar für Mönche und Nonnen. Die katholische Schrift «Thurgovia sacra» bezeichnete das 1879 ironisch als «interessante Kombination mit dem Ordenskleide».

einem Ort einen Freiheitsbaum errichtet, wurde er schon wieder umgehauen. In der Kapelle Obertuttwil, später auch in Wängi und Matzingen, wurde am 27. März 1798 Sturm geläutet, da eine bei Krillberg aufgestellte Schildwache einen feindlichen Angriff aus Fischingen und dem Toggenburg gemeldet hatte, so dass hunderte von Menschen bewaffnet herbeiliefen. «Lüt hat es keine gekostet, nur einige sind blessiert und das Militär hat noch 3 Tag in der Wenger Pfarrey müssen wachen.»13 In Frauenfeld war sogar der Landsturm aufgeboten worden.14

In der Helvetik sollten nach französischem Vorbild die bestehenden kleinräumigen Ortsgemeinden in grösseren Munizipalen zusammengefasst werden, was jedoch vom Volk heftig abgelehnt wurde. Die anschliessende Mediation ermöglichte die Vermischung neuer und traditioneller Strukturen.

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Die Mediationsurkunde vom 19. Februar 1803. Eingangsformel: «Napoléon, premier Consul de la République, Président de la République italienne, AUX SUISSES!»15

Die Mediation Die Mediation war ein Meisterwerk Napoleons, der den Volkscharakter der Schweiz genial erfasste und sich 1802 entschloss, den Vermittler zu spielen. Diese Absicht unterstrich er auf seine eigene Weise, indem er wieder eine Armee von 12 000 Mann in die Schweiz einrücken liess. Die zusammen mit Vertretern der Schweiz besprochene, aber von ihm klar diktierte Mediationsverfassung enthielt föderalistische Ideen, insbesondere die erhöhte Souveränität der Kantone und die Zulassung traditioneller Strukturen. Facsimiledruck des Bundesarchivs, 1978 Schoop III, S. 52

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Napoleon wollte eine stabile Schweiz als Nachbarland und als zuverlässige Lieferantin von Soldaten; er sicherte sich das Recht, 4 Regimenter à 4000 Mann anzuwerben; später zwang er die helvetische Regierung, dieses Kontingent selbst bereitzustellen. Im «Gesetz über die Einteilung des Kantons in Distrikte, Kreise und Munizipalitäten» von 1803 wurden 8 Bezirke, 32 Kreise, und 62 Munizipalgemeinden geschaffen. Die historisch gewachsenen Ortsgemeinden gewannen ihre früheren Aufgaben indessen mehr und mehr zurück. In einer späteren Statistik der Schweiz (1865) wurden erwähnt: «74 Munizipalgemeinden, 214 Orts- und Bürgergemeinden, je 194 (konfessionelle) Schulgemeinden und je 112 Kirchgemeinden, mit so vielen Funktionären, dass 1869 jeder fünfte Thurgauer ein Beamter war.»16 Die 8 Bezirke (Gottlieben wurde 1874 durch Kreuzlingen ersetzt) werden an dieser Stelle nicht besprochen, obwohl sich auch hier Veränderungen ankündigen. Wängi gehörte zum Bezirk Tobel, der seinen Namen und die Bezirksverwaltung 1871 nach heftigen Diskussionen und zwei Volksabstimmungen an Münchwilen abgeben musste. Sirnach als weitere Bewerberin blieb auf der Strecke, was bis heute noch nicht ganz verdaut ist. Die 32 Kreise – urspünglich Wahlkreise für den Grossen Rat – verfügten bis 1849 über ein eigenes Gericht, verloren jedoch allmählich ihre Bedeutung. Während einiger Zeit gehörte Wängi zum Kreis Lommis, Tuttwil zum Kreis Stettfurt. Die Aemter des Friedensrichters und Betreibungsbeamten, das Notariat


Von der Helvetik und Mediation (1798-1803) bis in das 21. Jahrhundert

und die Zuteilung des Grundbuches kennzeichnen die zweitletzte Phase der Kreisorganisation. Ab 2008 gilt eine neue Einteilung mit nur noch 20 Kreisen. Diese Veränderung ist trotz heftiger Kritik durchgezogen worden. Damit gehört Wängi nicht mehr zum aufgehobenen Kreis Lommis, sondern zu Münchwilen. Die Zusammenlegung von Kreisen war schon früher versucht worden, allerdings ohne Erfolg. So gab die Munizipale Wängi am 30. Mai 1920 zu Protokoll: «Nach Diskussion wird beschlossen, die Gemeindeversammlung protestiere energisch gegen eine Vereinigung des Grundbuchamtes Lommis mit Sirnach oder Tobel und verlange von der hohen Regierung die sofortige Anordnung der Grundbuchführerwahl für den Kreis Lommis.» Normalerweise arbeiteten die Amtsinhaber in ihrem Wohnhaus, vor allem die Ortsvorsteher und Kreisbeamten. Wer im Jahr 1960 den Notar des Kreises Lommis suchte, musste sich nach Rosental zu Max Schmid begeben, den Grundbuchverwalter August Bachmann fand er an der Brühlstrasse und den Friedensrichter Fritz Horber an der Tuttwilerstrasse in Wängi. Nur im Kreisort Lommis, nach dem diese Ämter benannt wurden, befand sich keines!

Aus Gemälde der Schweiz, St. Gallen und Bern 1837

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Der Kreis Lommis im Bezirk Tobel im Jahr 183717 Die römischen Ziffern hinter den Ortsgemeinden bezeichnen die Höhe der Einkaufstaxen, die zwischen 1000 und 200 Franken lagen. Anetswil, Krillberg, Tuttwil und Wängi gehörten zu den billigsten Gemeinden. Nach der Einbürgerung in der Ortsgemeinde folgte noch der Einkauf in die Kirchen-, Schul- und Armenfonds, ausserdem die kantonale Taxe.


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Einbürgerung In der Ortsgemeinde Wängi ist zwischen 1850 und 1900 ein einziger Einbürgerungsversuch bekannt. Laut Protokoll vom 1. Juli 1894 wünschte ein Herr Dr. Dreux das Bürgerrecht. Nach langer Diskussion wurde beschlossen, auf das Geschäft erst einzutreten, wenn der Gesuchsteller neben der gesetzlichen Taxe noch eine «Gratifikation» leiste. Dafür konnte er sich nicht begeistern und die Angelegenheit verlief im Sande. Traurig erging es dem Martin Schmied, der am 30. März 1845 an einer speziell einberufenen Gemeindeversammlung in Anetswil bekannt gab, dass er neben der vor 5 Jahren bezahlten Einkaufstaxe der Ortsgemeinde die anschliessende Taxe des Kantons von 300 Franken nicht mehr aufbringe. Er bat daher um die Rückgabe der bezahlten Gemeindetaxe von 200 Franken. Die Versammlung beschloss jedoch nur 100 Franken, so dass Martin Schmid laut «eigenhändiger Unterschrift zu Protokol erklärt, auf das Bürgerrecht der Gemeind Anetschwil sowie an alle Fondsantheilhabesrechte der Kirchen und Armen und Schulgemeinde für sich und seine nachkommende zu verzichten.»

Beamte Die auf Seite 18 erwähnte hohe Zahl von Amtsinhabern brachte den Vorteil mit sich, dass die Volksverbundenheit und Bodenhaftung der Funktionäre gesichert war, andrerseits war es nicht immer möglich, die Ämter mit fähigen Leuten zu besetzen. In seinem Journal vom 3. Juli 1830 schreibt Regierungsrat Freyenmuth von einer nicht namentlich genannten Gemeinde: «Sie hat eine sehr unwissende Vorsteherschaft, da Ammann und Sekretär der deutschen Sprache sozusagen ganz unkundig sind und, wenn sie etwas Schriftliches von sich geben, ein wahrer Unsinn herauskommt, ohne dass sie auch nur ahnen, dass es Unsinn sei.» Soweit aus den vorhandenen Protokollen ersichtlich, waren die Amtsinhaber in den Wängener Gemeinden sprachlich genügend ausgebildet. Die Texte sind verständlich, sobald man es einmal geschafft hat, die mit fantasievollen persönlichen Schnörkeln versehene deutsche Schrift zu entziffern.

Die deutsche Schrift war bis etwa 1900 allgemein gebräuchlich und wurde dann allmählich durch die lateinische Schrift ersetzt, mit vielen kuriosen Mischformen. Wer die deutsche Schrift nicht entziffern kann, obwohl er (oder sie) im Thurgau die Primarschule besucht hat, muss beim Lehrer reklamieren, der sich nicht an die betreffende Bestimmung des 1907 in Kraft gesetzten «Provisorischen Lehrplans für die thurgauische Primarschule» gehalten hat. Dieser war bis 1978 gültig. C’est le provisoire qui dure!


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Die komplizierte Gemeindevielfalt im Thurgau Die Munizipalgemeinden Start unter schwierigsten Umständen Die nach französischem Diktat geschaffenen Munizipalgemeinden waren anfänglich von schweren Sorgen geplagt, mussten sie doch die enormen Kosten für die Verpflegung, die Requisitionen und die Vandalenakte fremder Truppen aufbringen. Die schlimmsten Erfahrungen machten die Gemeinden, als der Thurgau 1799/80 zum Kriegsschauplatz französischer und österreichischer Heere wurde. In Anetswil ermittelte man Verluste von etwa 25 000 Gulden, nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass die geschlagenen Österreicher sich nach dem Gefecht von Frauenfeld 1799 plündernd und mordend bis nach Lachen zurückzogen. In Tuttwil betrugen die Verluste etwa 13 000 Gulden. Von Wängi fehlen entsprechende Angaben, ausser spärlichen Hinweisen im kaum lesbaren zerfledderten Rechnungsbuch des Gasthofs Schäfli von 1799, wo ein kaiserlicher Soldat und eine von der Gemeinde erhobene Kriegssteuer von 55 Gulden erwähnt werden. Die schlechte Verkehrslage der Ortschaft Wängi brachte wohl den unschätzbaren Vorteil mit sich, dass sie strategisch unwichtig war und deshalb von den Kriegshandlungen nur am Rande gestreift wurde. Ein gewisses Glück lag darin, dass 1799 die russische Armee, die unter Suworow von Norditalien her in den Raum Thurgau-Zürich hätte vorstossen sollen, schon in Flüelen nicht mehr

weiter kam und die Schweiz nach verlustreichen Passüberquerungen verliess. Ihr Einsatz hätte wohl auch in unserer Gegend zu Kampfhandlungen geführt, die weitaus intensiver gewesen wären als die endlosen Scharmützel zwischen relativ kleinen Truppenteilen.

Gemälde von W. Surikow, in: Syrow, Stranizy istorii, Moskau 1981, S. 132

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Der Alpenübergang des 70-jährigen Suworow – in Russland bis heute eine Legende. Es gibt die Vermutung, die Franzosen hätten dem Russen eine gefälschte Karte zugespielt, auf der die noch nicht bestehende Axenstrasse eingezeichnet war.18


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«Im Jahr 1807 musste auch Wängi 8 Rekruten stellen.»

Neben den schweren Opfern durch die fremden Besatzer verlangten die kantonalen und helvetischen Behörden noch weitere beträchtliche Abgaben, die oft durch Exekutionstruppen eingefordert wurden, so beispielsweise 1800 in Tuttwil, wo 50 Soldaten aufmarschierten.19 In späterer Zeit erzeugten Napoleons ausgreifende Eroberungszüge einen rasch zunehmenden Druck auf die Helvetische Republik, jedes Jahr die erforderliche Anzahl von Rekruten zur Auffüllung der 4 Regimenter zu stellen. Diese immer schwieriger werdende Aufgabe wurde den Munizipalgemeinden überbunden. Beispielsweise musste 1807 jede Gemeinde im Bezirk Tobel 8 Rekruten ausheben.20 Im Dekret des Grossen Rates vom 23. Dez. 1812, welches durch die Pfarrer auf den Kanzeln verlesen werden musste, wurden zur Pressung für den 4-jährigen Dienst unter dem Kaiser signalisiert: Müssiggänger und Bettler, Verschwender, Nachtschwärmer, Raufbolde, Hurer, rückfällige Frevler ganz allgemein. Manche der ausgehobenen Milizen starben vor Heimweh, bevor sie im Rekrutendepot Besançon anlangten, schreibt Pupikofer in seinen Erinnerungen. Die Verluste waren unvorstellbar. Der Arzt Johannes Gräflein aus Steckborn, der 1812 Napoleons Feldzug nach Russland mitmachte, schrieb: «Unser Regiment bestand aus 3000 Mann und 86 Offizieren; nun sind noch übrig 50 Soldaten und 20 Offiziere.»21 Angesichts solcher Perspektiven lastete auf den Behörden der Munizipalen und den Einwohnern ein ungeheurer Druck. In den Wängener Sterberegistern wurden keine Gefallenen auf-

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Pupikofer II, S. 76 Rosenkranz S. 203 Thurgauer Beiträge Heft 95, S. 44 Thurgauer Zeitung 1817, Nr. 28

geführt, lediglich vereinzelte Soldaten (milites in Gallia), die in ausländischen Spitälern gestorben waren. 1815 standen 40 000 eidgenössische Krieger in verschiedenen Armeen unter Waffen.22 Am 18. Juni wurde Napoleon in der Schlacht von Waterloo endgültig geschlagen. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass 1300 Schweizer in der Schlacht an der Beresina 1812 dem Kaiser und dem kläglichen Rest der Grossen Armee das Leben retteten und dass es andrerseits Schweizer Truppen waren, die 4 Jahre vorher an der Seite der Spanier die angeblich unbesiegbaren Franzosen geschlagen hatten, was als Signal für die Erhebung anderer Nationen wirkte und den Untergang der Napoleonischen Herrschaft einleitete.

Napoleons Rückkehr von Russland. Gemälde von Friedrich Walthard, 1818-1870, in: Dürrenmatt S. 531


Die komplizierte Gemeindevielfalt im Thurgau

Die Aufgaben der Munizipalgemeinde Die Munizipalen verlegten sich vor allem auf die Vollziehung der staatlichen Aufträge und die Aufsicht über die Erfüllung der Gesetze. Sie übten auch die niedere Polizeigewalt aus und kontrollierten die Dokumente der Fremden und reisenden Handwerksburschen, nicht zuletzt deren Umgang mit Weibspersonen, und mussten ihr Gebiet immer wieder durch Betteljagden von unerwünschten Besuchern säubern. Die Munizipale fühlte sich neben den konfessionellen Sittengerichten (Kirchenvorsteherschaften) als eigentliche Hüterin von Ordnung und Moral. Die Hüter der Moral waren auf allen Stufen fleissig und unerbittlich. So tauchte der Wängener Weiler Möriswang am 30. Mai 1817 in der Thurgauer Zeitung auf: «Da die hierseitige ledige – schon früher als schwanger verzeigte – Katharina Meyer von Mörenschwang, Amtsbezirk Tobel, sich mit dem angegebenen Schwängerer, Joseph D’aujourdhui, Maurergesell, gebürtig von Vatlinhausen, heimlicher Weise davon gemacht, und der Aufenthaltsort dieser Individuen bisher nicht konnte in Erfahrung gebracht werden; so werden selbe hiermit bey strenger Verantwortung aufgefordert, vor dem Präsidio des Lobl. Katholischen Consistorial-Gerichts allhier, unverzüglich zu erscheinen und sich behörig zu verantworten. Zugleich werden auch alle obrigkeitlichen Behörden geziemend ersucht, auf erwähnte Meyer, die schon niedergekommen seyn muss, und den D’aujourdhui genau achten zu lassen, und im Entdekungsfall in ihre Heimath zu verweisen.»

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Leumundszeugnis für die «Postgehülfin» Susanne Ammann. Ohne Bestätigung des guten Rufes durch eine autorisierte Behörde konnte kein verantwortungsvolles Amt angetreten werden.


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Im Weiteren waren die Aufgaben der Munizipale weniger dramatisch, aber immer noch gut für etlichen Zündstoff. Die wichtigsten waren: · Steuerbezug für den Kanton und den eigenen Bedarf, später auch für die andern steuerberechtigten Körperschaften ihres Gebietes · Militär-Einquartierungen, Schiesswesen · Aufsicht über Strassen und Bauten, Vermessungen · Durchsetzung der kant. Feuerordnung, Feuerwehreinrichtungen · Gewerbepolizei, Aufsicht über die Wirtschaften, Masse und Gewichte · Zivilstandsamt, in Zusammenarbeit mit den Kirchgemeinden · Waisenamt, Fürsorgewesen, Krankenpflege, Arbeitslosenunterstützung · Aufsicht über Handänderungen und Schulden · Durchführung von Abstimmungen und Wahlen

Die Rechnung der Munizipale wurde an der Gemeindeversammlung verlesen und genehmigt. Erstmals wurde sie 1906 gedruckt. Sie schloss bei 109 919 Einnahmen und 110 870 Ausgaben mit einem «Guthaben des Gemeindeammanns Jak. Früh von Fr. 951.22».

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Die Aufgaben von Orts- und Munizipalgemeinden überschnitten sich häufig, besonders krass im Strassenbau und im Feuerwehrwesen; Probleme wurden gern von einer Instanz zur anderen verschoben. Es kam auch vor, dass der Regierungsrat die Entscheidung treffen musste. Die Leitung der Munizipale war dem Gemeindeammann und den Gemeinderäten übertragen. Die 4 Ortsvorsteher waren von Amtes wegen Mitglieder des Gemeinderates. Die 3 bis 4 jährlichen Gemeindeversammlungen mit etwa 250 Teilnehmern – grob ¾ der Stimmberechtigten – fanden in der Kirche statt und wurden mit Glockengeläute eröffnet.

Die Kantonsverfassung vom 1. Januar 1990 verlangte die Bildung von politischen Gemeinden, also die Neubenennung der Munizipalgemeinden und die endgültige Abschaffung der Ortsgemeinden.


Die komplizierte Gemeindevielfalt im Thurgau

In der Gemeindeversammlung fanden auch die kantonalen und eidgenössischen Abstimmungen statt. Nach gewalteter Diskussion wurde in der Regel offen abgestimmt. Seit 1905 erfolgten die Sachabstimmungen an der Urne. Damit entfielen die Diskussionen über diese Vorlagen, und es wurden praktisch nur noch Gemeindegeschäfte behandelt. Die Häufigkeit der Versammlungen ging zurück. Waren die Stimmbürger im Jahr 1904 noch 4-mal zusammengerufen worden, so später nur noch einbis zweimal. Dass der Regierungsrat auch in wenig bedeutsamen Fragen als Schiedsrichter angerufen wurde und aus schierer Verzweiflung gelegentlich beinahe salomonische Urteile fällte, zeigt das Protokoll der Ortsgemeinde Wängi vom 13. Januar 1877: «Beschlussnahme des Regierungsrates in Beantwortung einer Beschwerde der Kirch- und Schulpflichtigen der Ortsgemeinde Wittenwil bezüglich des bisher benützten Fusswegs. Laut dieser Schlussnahme wird genannter Weg als Kirchweg abgesprochen, aber als Schulweg anerkannt.» In unklaren Situationen war der Seelsorger zur Stelle. So lesen wir im Protokoll der Munizipale vom 20. August 1893: «Die Diskussion wird benützt von Herr Pfarrer Heim indem er der Versammlung Aufschluss erteilt wie die Stimmzeddel auszufüllen seien wann man für und wie wenn man gegen die zur Abstimmung gelangende Vorlage stimmen wolle.» Schön, dass auch das Abstimmungsergebnis – das Verbot, Tiere zu schächten – durchaus der Meinung des Pastors entsprach.

Ein Ausschnitt aus dem 8-seitigen Dokument

Hermann Heim, bedeutender evangelischer Pfarrer von 1879 – 1920.

«In unklaren Situationen war der Seelsorger zur Stelle.»

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Die Ortsgemeinden Die Ortsgemeinde war Trägerin des Bürgerrechts, die eigentliche Heimatgemeinde des Bürgers. Im 19. Jahrhundert wurde noch unterschieden zwischen den Bürgern und «Ausländern», welche die Versammlung verlassen mussten, wenn Wahlen vorzunehmen waren.23 Das Bundesgesetz von 3. Dezember 1850 verlangte, dass mit finanzieller Hilfe des Staates die Heimatlosen und Geduldeten eingebürgert werden sollten, mit Ausnahme der «Männer über sechzig und Weiber über fünfzig Jahre». Bei der damaligen kurzen Lebenserwartung sehr realistisch! Findelkinder sollten automatisch das Bürgerrecht der Ortsgemeinde erhalten, wo sie gefunden wurden. Bei ausserehelicher Geburt war neben einer Einkaufstaxe für das Bürgerrecht des Kindes noch eine gerichtlich festgelegte «Unzuchtsbusse» zu bezahlen, sicher von der ledigen Mutter, im besten Fall von beiden «Parteien».24 In den Ortsgemeindeversammlungen wurde das Alltagsleben der bis in die Neuzeit bäuerlichen Bevölkerung25 organisiert. Neben der zentralen Figur des Ortsvorstehers gab es eine stattliche Zahl von Amtsträgern und Commissionen, die sich spätestens nach 3 Jahren zur (oft geheimen) Wiederwahl stellen mussten: Sekretär, Hirte, Mauser oder Schermauser, Waldund Flurhüter, Brunnenmeister, Fleischauswäger, Zuchtstierhalter, Viehleihkassenverwalter, Strassenmeister, Armenfürsorger, Wächter und Löschmannschaft.

Faktotum war der Weibel, der die Steuern und Liebesgaben – z.B. nach einem Brandfall – sowie die Bussen einzog und die Gemeinde innert Stunden zur Versammlung rief. Im Protokoll der Ortsgemeinde Wängi vom 11. April 1863 ist ein interessanter Fall von Ämterkumulation verzeichnet, indem der Nachtwächter Hauser zusätzlich als Mauser gewählt wurde, mit dem Auftrag, «innerhalb der Gemeinde Gränzen nach besten Kräften dahin zu wirken, die schädlichen Insekten zu fangen». Pro Maus erhielt er 20 Rappen. Ob er – wie einigen seiner Berufskollegen nachgesagt wird – zur Erhöhung seines Einkommens im eigenen Keller Mäuse gezüchtet hat, ist nicht bekannt. Der Zuchtstierhalter erhielt 1862 pro Kuh Franken 1.93 und es war ihm vorgeschrieben, dass das edle Tier höchstens 3 Tage pro Woche zum Ziehen eingespannt werden durfte, um seine Kräfte für das Kerngeschäft zu schonen.

«In den Ortsgemeindeversammlungen wurde das Alltagsleben der bis in die Neuzeit bäuerlichen Bevölkerung organisiert.»

Protokoll der Ortsgemeinde Wängi vom 23. Februar 1896 Amtsblatt vom 15. Januar 1853 u.a. 25 Als ideal betrachtet Dr. Walder (1855-1931) die Situation, «wo neben der Industrie noch Landwirtschaft betrieben wurde, wo alle Ersparnisse im ländlichen Besitz angelegt wurden, wo Vater und Mutter nur so lange in die Fabrik gingen, bis sie ein kleines Heimwesen erwerben und ihrerseits wieder Kinder in die Fabrik schicken konnten.» 23 24


Die komplizierte Gemeindevielfalt im Thurgau

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Das von Andreas Raas, Pfarrer von 1858  – 78, zusammen mit den katholischen Kirchgemeinden Aadorf und Tänikon 1864 erworbene und als Armenhaus verwendete «Neuhaus» an der (alten) Landstrasse, heute Wohn- und Pflegezentrum (Bild 1955).

Das Armenwesen gab immer viel zu reden, indem es darum ging, die Armen in Privathaushalten billig zu «verkostgelden», allenfalls in Anstalten wie Kalchrain zu versetzen oder ins Armenhaus zu «spedieren». Auch das «Umessen» wurde bis 1861 angewandt, d.h. eine arme Person durfte oder musste jeden Tag in einer andern Haushaltung mitessen. Das Armengesetz von 1861 enthielt eine Mischung der obligatorischen konfessionellen mit der heimatlichen und wohnörtlichen Armenpflege. In den einheimischen Ortsgemeinden bestanden nur bescheidene Armenfonds, so dass die Hauptlast von den beiden Kirchgemeinden getragen wurde: · 1858: für eine unbekannte Zahl von Personen Fr. 2 617 · 1900: für 100 Personen Fr. 8 031 · 1945: für 137 Personen Fr. 48 619.26 Musste Ulrich Frei die 400 Franken zurückgeben? Wer für das Armenwesen wirklich zuständig war, entschied nicht das Gesetz, sondern die Person, die es anwendete. So laut Protokoll der Kath. Kirchgemeinde vom 6. Januar 1899: Witwe Schuler, einst in Tuttwil wohnhaft, vermachte ihrer früheren Wohngemeinde zugunsten der dortigen Armen 500 Franken. Gemeindeammann Ulrich Frei steckte es in das Armengut von Tuttwil, wo er selbst

Düssli, S. 41 und 100

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Pfarrer Andreas Raas

Gemeindeammann Ulrich Frei

wohnte. Der Pfarrer erklärte brieflich der Frau, dass das Armenwesen konfessionell organisiert sei, darauf vermachte sie 400 Franken der Kath. Armenpflege und nur 100 Franken dem Armengut Tuttwil. Gemeindeammann Frei wollte mit den 400 Franken nicht herausrücken. Man beschloss, die Angelegenheit gerichtlich zu erledigen. (Keine weiteren Informationen).


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Versammlungsorte Die Krillberger fanden Platz im Restaurant Landsberg. (Bild 2008)

Die Versammlungen der Ortsgemeinde Wängi fanden mit etwa 100 Teilnehmern im Saal zum «Schäfle» statt, der links am Gasthof angebaut war; darunter befand sich jahrelang ein Coiffeurladen. Ab 1879 war das Rauchen vor und während der Gemeindeversammlung bei Bussandrohung von ½ Franken verboten. (Postkarte von etwa 1890)

Eine Heirat vermeiden! Aus dem Protokoll der katholischen Kirchgemeinde vom 18. Oktober 1858: Die Heirat eines wenig sparsamen Gemeindegliedes mit einer evangelischen Person, die drei Kinder hat, soll möglichst vermieden werden, um nicht bald eine Armenlast mehr zu haben. Vom Nachtwächter erzählt der 1863 geborene Postbote Konrad Ammann: Stündlich machte der Nachtwächter Halt zum Stundenruf, z.B. um 11 Uhr: «Elf Apostel blieben treu / Gib, dass hier kein Abfall sei!» Die Mutter unseres Nachbars aber verstand immer fort: «Gib, dass hier kein Apfel sei!» Da rief sie einmal: «Nützt alles nüd, das Rüefe do, die Böm sind wider ganz voll Öpfel!»

Die Ortsgemeinde Anetswil führte ihre Versammlungen ab 1848 im alten und 60 Jahre später im neuen Schulhaus durch, ebenso Tuttwil. (Bilder ca. 1940).


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Das älteste erhaltene Bürgerregister von 1859, Ortsgemeinde Tuttwil. Namen: Wegmann (7), Kocherhans (6), Frei (5), Gubler (5), Ammann (4), Hügli (4), Sprenger (3), Graf (2), Hafner (2), Gamper, Pupikofer (Gottfried), Stutz, Stahl

Station Wängi auf Holz als Wandschmuck

Ein beherrschendes Thema waren zu allen Zeiten die Verkehrswege, sowohl in den Ortsgemeinden wie in der Munizipale. Dazu gehörten neben den Strassen insbesondere die Brücken und ab 1887 die Strassenbahn Frauenfeld-Wil – ein bescheidener Ersatz für die ursprünglich geplante Eisenbahnlinie WilWängi-Winterthur. Für die Elektrifizierung im Jahre 1921 wurde beschlossen : «Die Munizipalgemeinde Wängi übernimmt dem Bund gegenüber eine Zinsgarantie von Fr. 5 125; die Verzinsung des alten Obligationenkapitals von Fr. 23 000 darf aber vorher in keiner Weise in Rechnung gezogen werden.» Der Beschluss galt nur mit dem Zusatz, dass die beiden Züge, die Rosental bis jetzt durchfahren hatten, in Zukunft dort anhalten würden.27 Der Bundesbeitrag liess lange auf sich warten. «Böse Zungen behaupteten, dass sich Vorsteher Bommer in Wängi als Bürge bereits auf den Handel mit Eisenbahnschienen einrichte. Doch stimmte Wängi als erste Gemeinde der Elektrifizierung der Wilerbahn zu, bewilligte den recht erheblichen Baubeitrag, und die Schäfliwirtin kredenzte bei der Einweihung des elektrischen Betriebes den Fahrtteilnehmern Küchli, wie man sie besser und grösser nirgends bekommen konnte.»28 Protokoll vom 29. Mai 1921 Hürlimann, S. 24

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Aktie der Frauenfeld-Wil-Bahn


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Feuerwehrprobe, etwa um 1870. Objekt ist das katholische Schulhaus, heute Wiesengrundstrasse 3. Selbst der Pfarrherr, dem nach damaliger Sitte die Kinder die Hand geben, kommt von der Kirche her, um sich die Sache anzusehen. Rechts neben dem Gebäude vermutlich die Pumpenmannschaft.

Viel zu reden gab auch das Löschwesen - bei der damaligen Holzbauweise und den schwachen Spritzen eine fast unlösbare Aufgabe. Dennoch soll sich die Wängener Spritze beim Brand von Elgg 1876 besonders bewährt haben. Als die Dorfgemeinde Wängi 1891 den Bau einer Wasserversorgung in Angriff nahm, hätte die Munizipalgemeinde die Anschaffung eines Hydrantenwagens mit einem Standrohr, 2 Wendrohren und 300 Metern Schlauch genehmigen sollen. Das wurde ganz klar abgelehnt: Es sei Sache der Ortsgemeinde. Die Renovation des baufälligen Spritzenhauses kam nicht zustande. Das Gesuch Anetswils um einen Beitrag an eine neue Spritze wurde so lange vertagt, bis die Anetswiler selber eine solche anschafften und aus dem Munizipalverband des Feuerlöschwesens austraten. Die Folge war, dass der Verband sich im Jahr 1900 auflöste und die Feuerwehrgeräte auf die Ortsgemeinden verteilte. Im gleichen Zeitraum beschloss die Munizipale, die «Hidranten-Corps» von Wängi, Hunzikon, Obertuttwil, Untertuttwil und Krillberg für 2 «nasse» Übungen jährlich mit einem Franken pro Mann zu unterstützen. Das kantonale Gesetz über die Gebäudeversicherung von 1903 lehnte die Gemeinde klar ab, ebenso das Brandassekuranzgesetz von 1909. Massiver Anstieg der Gemeindeaufgaben Mit der Zunahme der Bevölkerung wurden Armenunterstützung, Bauordnung, Verkehrswesen, Kanalisation und Kehrichtabfuhr zu Dauerthemen. Die auftretenden Probleme nahmen bald einmal eine Dimension an, welche die Ortsgemeinden sowohl finanziell als auch administrativ überforderte. Doch darf festgehalten werden, dass im bestehenden Milizsystem von den Behörden in der Regel ein uneigennütziger und sehr kostengünstiger Einsatz erbracht wurde. Aus einem Schulbuch etwa 1900


Der Wasserturm von Eggetsbühl, hierzulande eine Seltenheit, in flachen Ländern häufig. Fassungsvermögen 100 m3.

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Die Dorfgemeinde und die Korporationen

In diesen gemeindeähnlichen Organisationen wurden die Bezüger von Wasser und Elektrizität zusammengefasst. Elektrische Energie war in Wängi seit 1907 vorhanden. Die Behörde wurde demokratisch gewählt, und die regelmässigen Versammlungen entschieden über Anlagen und Tarife. Bis 1969 brachte der Weibel die Einladungen persönlich ins Haus und zog bei Nichterscheinen später die Busse ein. Die Gebietseinteilung ergab sich aus der Bautätigkeit, den verfügbaren Eigenmitteln und den technischen Möglichkeiten. Neben der Dorfgemeinde Wängi bestanden so genannte Korporationen in Rosental-Eggetsbühl, Tuttwil, Krillberg, Hunzikon und im Wilhof. Der Errichtung eines kantonalen Elektrizitätswerks stimmte die Munizipale im Jahre 1911 zu. Auch für Kenner der Situation war es nicht einfach herauszufinden, wo die Grenzen der Korporationen verliefen. Nicht einmal die Dorfgemeinde Wängi umfasste ein zusammenhängendes Gebiet, waren doch im Schilten-Achti-Quartier die Häuser östlich des Wuhrhaldenwegs der Elektra Rosental-Eggetsbühl angeschlossen, als Resultat eines harten Kampfes um Marktanteile. Nach der Gründung der Elektra Rosental 1908 waren zwei Trafostationen und die ersten Freileitungen gebaut worden. Die KWh Lichtstrom kostete 45 Rappen, der Elektroinstallateur erhielt einen Stundenlohn von 80 Rappen.Vergleich: Im Jahr 2008 war der Preis der KWh auf 17 Rappen gesunken; der Stundenansatz eines Elektromonteurs hingegen hatte sich auf 80 Franken erhöht.29 Manuskript Hans Müller, Lachen, und Mitteilung von Peter Hörnlimann, ehem. Ortsmonteur

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Trafostation zwischen Krillberg und Obertuttwil, Baujahr 1950, auch bald eine Sehenswürdigkeit, da die Freileitungen allmählich durch Erdkabel ersetzt werden. Im Hintergrund Krillberg


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Die Korporationen haben zwar den Zusammenschluss zur Einheitsgemeinde noch um 20 Jahre überlebt. Es war jedoch klar, dass auch hier eine Vereinheitlichung auf die Dauer unumgänglich war. Beim Bau neuer Strassen war es zu grotesken Vorfällen gekommen, indem die Ortsgemeinde Pläne für die Strassenführung und die Kanalisation genehmigt hatte, welche mit denjenigen der Dorfgemeinde für Strom- und Wasserzufuhr nicht übereinstimmten. Es war auch nicht ideal, dass die Munizipalgemeinde für die Hydranten verantwortlich war, die Dorfgemeinden und Korporationen hingegen für die Zulieferung des Wassers. Glimpflich abgelaufen: Die Munizipalgemeinde beschloss am 15. Februar 1971 den Ausbau der Lommiserstrasse. Glücklicherweise entschied die Dorfgemeinde zwei Monate später, auch die Wasser- und Stromleitungen anzupassen und die Strassenbeleuchtung zu erneuern. Weniger glücklich verlief die Tieferlegung der Weinbergstrasse durch die Ortskommission in den 1960er Jahren. Ohne die vergleichenden Studien von Architekt Krähenmann wäre es wohl dazu gekommen, dass sich die Wasserleitung, gemäss den Plänen der Dorfgemeinde, 30 cm über den Strassenbelag erhoben hätte. Erst der Bau des Gemeindehauses schaffte 1979 die Voraussetzungen für die Einrichtung der Technischen Gemeindebetriebe. Zwischen 1988 und 1990 wurden die Korporationen in die Verwaltung der Einheitsgemeinde übergeführt. Nach dem Eintritt von Heiterschen in die Munizipalgemeinde Wängi, 1996, blieben die dortigen Wasser- und Elektrokorporationen noch selbstständig. Mit etwas Nachhilfe des Kantons kam die Wasserkorporation am 1. Januar 2007 zu Wängi. Die Elektra Jakobstal hingegen brachte es fertig, weiterhin unabhängig zu bleiben. Schön, dass es auch das noch gibt!

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So wurde Wängi erstmals eines Blickes gewürdigt! In der Wasserversorgung traten immer wieder Störungen auf, so auch im Januar 1964. Verschiedene Quellen waren verschmutzt, und das 1929 errichtete Grundwasserpumpwerk bei der Weberei musste verlegt werden. Nach einer raschen Chlorierung wurde in der Riesi mit dem Bau eines neuen Pumpwerks mit Ozonierungsanlage begonnen. Gleichzeitig nahm das Pumpwerk Schürli den Betrieb auf, ersetzte mit dem zugekauften Wasser von Hunzikon die Quellen und überbrückte die Bauphase.

Der Umgang mit dem Wasser war allgemein fahrlässig. Der Schutt - vom Haushaltabfall bis zum abgefahrenen Autopneu wurde grundsätzlich in oder an Gewässern abgelagert. Aus einem Schüleraufsatz: «Ich fragte den Präsidenten, ob es nichts mache, wenn die Schutti im Hexentöbeli gerade an der Murg sei. Er sagte, das mache nichts. Wängi fasse das Wasser oberhalb.» Die Murg, in der das Baden seit 1950 unmöglich war, kam eines Tages blutrot schäumend daher. Eine Delegation des Gemeinderates Wängi ging der Sache nach und stellte fest, dass die Verunreinigung von der Nagelschmiede Münchwilen stammte. Der Direktor war sehr entrüstet: «Das ist eine gewaltige Sauerei. Ich habe ausdrücklichen Befehl gegeben, das Zeug nur in der Nacht abzulassen.»

Ein steter Warner gegen den gedankenlosen Umgang mit dem Wasser und der Natur war der Sekundarlehrer Ernst Wiesmann (1905 – 1964). Dafür dankte ihm niemand! Im Gegenteil: Als er an einer Gemeindeversammlung in den 1950er Jahren über dieses Thema sprach, musste er vom nächsten Votanten hören, wer kein Vermögen versteuere, solle gefälligst den Mund halten.


Die komplizierte Gemeindevielfalt im Thurgau

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Die Bürgergemeinden Bürgergemeinden existierten in Anetswil, wo im 19. Jahrhundert etwa die Hälfte der rund 80 Bürger dazu gehörten, in Krillberg und in Tuttwil. Sie verwalteten ihr Vermögen und verteilten aus den Einkünften den Bürgernutzen. Rein politisch sind die Bürgergemeinden seit der Kantonsverfassung von 1869 ohne Bedeutung, haben sich jedoch vielerorts dank beträchtlichen Vermögens und der Pflege geselliger Traditionen erhalten. Die Bürgergemeinde Anetswil bescheinigte die Aufnahme auf offiziellem Stempelpapier. An der letzten Sitzung im Jahr 1940 nahmen noch 11 der 16 Bürger teil.

Auszug aus dem Protokol der Bürgergemeinde Anetschwÿl, (Stempel 5 cts eingeprägt). Hatte die Bürgergemeind Anetschwyl unter am 25ten Herbstmonath des Jahr beschlossen das Jacob und Ulrich Aman von Thallmannshaus, von heute an als Bürger in der Bürgergemeind Antschwÿl auf und angenohmen worden sind. Antschwÿl d 13t Novber 1852 Bescheint der Bürger President A. Sprenger und Secritär Vorsteher Sprenger Der Stimmerzähl. Jakob Gamper.

«Rein politisch sind die Bürgergemeinden seit der Kantonsverfassung von 1869 ohne Bedeutung.»

Von Tuttwil findet sich eine Bekanntmachung von 1853, wonach auswärts wohnende Bürger unter Strafandrohung aufgefordert wurden, sich innert Monatsfrist beim Verwaltungsrat der Bürgergemeinde zu melden, zwecks Bereinigung des Bürgerregisters.30 Amtsblatt des Kantons TG vom 3. September 1853

30


34

Die Schulklasse von Lehrer Otto Bischof-Weideli oder Arnold Hardmeier, etwa 1920, in Wängi. Fast alle Schulfotos der früheren Zeit weisen eine Eigenart auf, welche die damalige Bedeutung des Vorgangs markiert: den ernsten, unverwandten Blick zum Fotografen und den geschlossenen Mund. Von der Klassengrösse her kann man sich den Alptraum des Lehrers – die (seltene) Schulreise – vorstellen, an der in der Regel ebenso viele erlebnishungrige Erwachsene teilnahmen wie Kinder.

Im gleichen Jahr, da die Helvetische Legion im Gefecht von Frauenfeld gegen die Österreicher einen Sieg errang und ihren General verlor, veröffentlichte der helvetische Minister Stapfer (Bild) eine erste Übersicht über die Volksschule – die so genannte «Stapfer’sche Schul-Enquête» von 1799.


Die komplizierte Gemeindevielfalt im Thurgau

35

Die Schulgemeinden

Ebenso bewegt wie die Entwicklung der politischen Körperschaften ist diejenige des Schulwesens. Sie kann hier nur angedeutet werden. Die Klassengrösse war und blieb ein Diskussionsobjekt. Die Zahl der Lehrkräfte wurde bis in die 1960er Jahre von der Gemeindeversammlung festgelegt. Wieder einmal war das der Fall. Ein Redner protestierte gegen die vorgeschlagene neue Lehrstelle und begründete seine Meinung: «Bim Lehrer Hartmeier simmer meistens über 60 Schüeler gsi, und es sind au nöd alles Tübel worde.» Da schrie einer von hinten: «Aber es paar scho!» Grosses Gelächter – die Lehrstelle war bewilligt. Über die Schulen vor 1799 ist aus Tuchschmids Geschichte einiges bekannt, aber leider nicht dokumentiert, da das gesamte Quellenmaterial, das der Verfasser in der Kantonsbibliothek deponierte, nicht mehr aufzufinden ist. Demnach bestanden um 1660 in Wängi eine katholische und 1730 eine evangelische, in Tuttwil um 1767 eine vermutlich evangelische Schule, ausserdem die erwähnte Schule von Eggetsbühl.

Die ausführlichen Manuskripte der Schul-Enquête sind für die Schulen «Egenspühl» und «Underdutweil» vorhanden, während das von Wängi weder im Staats- noch im Bundesarchiv zu finden ist. Ein Rätsel.

Auszug aus dem Bericht über Eggetsbühl, wo der 27-jährige Lehrer H. Jakob Sprenger, verheiratet, kinderlos, von Beruf Weber, seit 5 Jahren für einen Jahreslohn von 37 ½ Gulden wirkte: «Die Schul wird überhaubt von 70 Kindern besucht: Knaben 32, Mägtlein 38. Was die Sumer Schulle anbetrift, so wird sie auch gehalten, jm Frühjahr wöchentlich 2 Tag u. im Spähtjahr 1 Tag. Auch wird zu Egetspühl in dem Winter wuchendlich eine Bätstund gehalten von dem Schullmeister: da werden die Psalmen Davids gelesen u. vor u. nach denselben gebettet. Auch muss der Schullehrer die Kinderlehr halten in der Kirche Wengi, alle 14 Tag. Auch wird der Singschull gedacht; es wird in dem Winter auch wuchendlich 2 mahl Singschulle gehalten, namlich Samstag u. Sonntag zu Nacht jedes mahl 3 Stunden. Dieselbe besuchen überhaubt: Knaben und Töchtere 44; auch wird die Musig von dem Generalbass gebraucht.» Anmerkungen: Die katholischen Kinder besuchten die Schule in Wängi. Es versteht sich, dass die 70 Schülerinnen und Schüler von einem einzigen Lehrer betreut oder dressiert wurden. Sein Tuttwiler Kollege lebte dagegen mit 40-50 Schulkindern in fast paradiesischen Verhältnissen. Noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts galt die gesetzliche Vorschrift, wonach eine Schule erst geteilt werden durfte, wenn sie 4 Jahre lang über 100 Kinder aufwies. Im Schulgesetz von 1875 wurde diese Zahl auf 80 reduziert.


36

Sehr früh kam Wängi zu einem Kindergarten, den Frau Stierlin-Hanhart 1923 in ihrem Haus eröffnete. Als Kindergärtnerin stellte sie ihre 20-jährige Enkelin Dorothea Kappeler an, die dann bis zu ihrem Rücktritt, 1968, getreulich jeden Tag per Bahn, Fahrrad oder Velosolex von Frauenfeld nach Wängi fuhr, um eine erstaunliche Zahl von Kindern zwischen 3 und 6 Jahren zu betreuen.

Durch die Unterrichtsgesetzgebung mussten die konfessionellen Schulen von Wängi 1870 vereinigt werden. Die enge Verknüpfung mit den kirchlichen Institutionen blieb bis in die Neuzeit erhalten. «Der Herr Pfarrer und die Schulvorsteher» war eine übliche Formulierung. Erst gegen die Mitte des 20. Jahrhunderts wurden die Geistlichen allmählich abgelöst, nicht selten durch Aerzte. Unterdessen haben sich auch die Medizinmänner aus den Präsidien und Behörden weitgehend zurückgezogen. Während die Schulvorsteherschaften mit schöner Regelmässigkeit vom Erziehungsdepartement getadelt wurden, weil sie die vorgeschriebenen Schulbesuche nicht durchführten, darf doch erwähnt werden, dass Pfarrer Hermann Heim als Sekundarschulpräsident insgesamt 230 Schulbesuche absolvierte.31 Eine Sekundarschule wurde um 1835 gegründet, ging aber 10 Jahre später wieder ein. Nach 1857/58 besuchten die Wängener und Tuttwiler die neu gegründete Sekundarschule Aadorf, die Eggetsbühler diejenige von Eschlikon, natürlich zu Fuss! Im Jahr 1898 wurde die Sekundarschule wieder eröffnet. Sie umfasste neben den Schulorten Wängi (inkl. Heiterschen), Eggetsbühl und Tuttwil auch Matzingen, das erst 1971 zusammen mit Stettfurt und Thundorf in Halingen ein neues Schulhaus bezog. Die geringe Zahl der Mädchen ist für die damalige Zeit normal. Das Unterrichtsgesetz von 1853 regelte, dass die Mädchen mit 14 Jahren aus der Schulpflicht entlassen werden konnten. In schön symmetrischer Aufstellung präsentieren sich die 6 Mädchen und 18 Knaben der Sekundarschule etwa um 1908 mit ihrem Lehrer Adolf Leutenegger. Stolz werden die wissenschaftlichen Geräte vorgeführt: Influenzmaschine, Vakuumpumpe, Geometriegeräte und (rechts aussen) der Jalonierstab für das Feldmessen. Einzelne Kinder wohnen in Münchwilen, wo erst 1916 eine eigene Schule eröffnet wird.

Nach Alois Giger in «125 Jahre Thurgauische Sekundarlehrerkonferenz»

31


Die komplizierte Gemeindevielfalt im Thurgau

Charakteristisch ist auch der § 168: «Der Unterricht in fremden Sprachen wird nur denjenigen Schülern ertheilt, welche dafür gehörig vorbereitet sind und daran Theil zu nehmen wünschen. Den Mädchen können auch noch andere mathematische und in die Technik einschlagende Unterrichtsfächer erlassen werden.» In der Neuzeit sind die Gleichberechtigung der Geschlechter und die Vereinheitlichung der Sekundarschule Wegmarken einer Entwicklung, die neben dem Anwachsen der staatlichen Einflussnahme eine lokale Souveränität durch örtliche Schulleitungen schaffte, dies im Bereich der ganzen Volksschule. Auch die frühere Mädchen-Arbeitsschule und Kochschule passten ihr Profil den neuen methodischen Möglichkeiten und gesellschaftlichen Forderungen an. Die Vereinigung der Schulgemeinden Obwohl dieser Zusammenschluss erst nach der Bildung der Einheitsgemeinde erfolgte, soll er hier aus thematischen Gründen vorweggenommen werden. Die Schulgemeinden Eggetsbühl und Tuttwil sträubten sich gegen die Vereinigung zu einer Volksschulgemeinde Wängi, einerseits aus Unmut über die noch nicht weit zurückliegende gewaltsame Bildung der politischen Einheitsgemeinde, anderseits aus Angst, mit der Gemeindeautonomie auch ihre Schulhäuser zu verlieren.

37

Die Schulgemeinden verfügten über die Steuerhoheit ihres Gebietes, das sich jedoch nicht mit den Ortsgemeinden deckte. Die Sekundarschule bildete einen so genannten Kreis (der wiederum nicht mit den Grenzen der Munizipalgemeinde übereinstimmte) und bestritt ihre Aufgaben, indem sie ihr jährliches Defizit den Primarschulgemeinden nach einem komplizierten Schlüssel auferlegte. Die Schulgemeindeversammlung vom 25.2.1971 erteilte der Wängener Behörde die Kompetenz, Verhandlungen mit Tuttwil und Eggetsbühl aufzunehmen, um eine Vereinigung zu prüfen. Eine Kommission unter der Leitung von Primarschulinspektor R. Schwarz erarbeitete in 8 Sitzungen ein Konzept, das die Vereinigung auf den 1. Januar 1974 datierte. Der Regierungsrat sicherte einen Staatsbeitrag von 600‘000 Franken zu, zahlbar in drei Jahresraten. Dann schlief die Sache ein, ohne dass eine Abstimmung durchgeführt wurde. Erst ein Jahrzehnt später legte eine Kommission unter Leitung von A. Raas ein neues Projekt vor, das in den Schulgemeinden zur Abstimmung gebracht wurde. Es wurde mit grossen Mehrheiten angenommen, obwohl der Staatsbeitrag mit Fr. 616 000.– nicht wesentlich höher war als der früher versprochene. Der Schulsteuerfuss, der in Eggetsbühl und Wängi je 105 % und in Tuttwil 115 % betrug, wurde einheitlich auf 105 % festgelegt.32

Die Resultate der Abstimmung über die Schulvereinigung vom 2. Oktober 1981: Eggetsbühl 70 : 4 angenommen Tuttwil 72 : 40 angenommen Wängi 117 : 21 angenommen

32

Die Volksschulgemeinde Wängi vereinigte ab dem 1. Januar 1982 die drei Primarschulgemeinden und die Sekundarschule. Es war die dritte derartige Körperschaft im Thurgau.

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Heimkehr von der Kirche, eine einmalig schöne Postkarte, die der Zimmermann Heinrich Isenring im Jahre 1911 dem Schmied Georg Gnehm ins Krankenhaus Uster sandte. Die Hierarchie ist deutlich: voran der von zwei Begleitern flankierte Herr mit Zylinder und unübersehbarer Uhrkette, in gebührendem Abstand die Frauengruppen mit üppigen Hutmodellen. Vorne rechts der Weg zum 1905 erbauten Dorfschulhaus, auf derselben Strassenseite die Masten mit den parallel geführten Telefondrähten (erster Anschluss 1896, Ortszentrale seit 1909), links die höheren Masten mit versetzten Isolatoren für die Stromversorgung, seit 1907.

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Die Kirchgemeinden Nach wie vor verfügen sie über die Steuerhoheit gegenüber ihren Bürgerinnen und Bürgern. Wer keiner der beiden Landeskirchen angehört, bezahlt keine Kirchensteuern. Die so genannte Dissidentensteuer «für Turmuhr und Geläut» wurde Anfang der 1970er Jahre abgeschafft. Man konnte wohl nicht verlangen, dass der, den das Läuten ärgerte, noch dafür bezahlen sollte. Die Fürsorge wurde durch die Einführung der wohnörtlichen Betreuung der Munizipalgemeinde übertragen, die dafür 1967 erstmals Fr. 31 274 ausgab, ebenso das Begräbniswesen. Doch kann in beiden Bereichen auf den idealistischen Einsatz der kirchlichen Funktionäre und Organisationen nicht verzichtet werden. In der Reformationszeit, die in der zweiten Schlacht von Kappel 1532 mit einem Sieg der katholischen Orte und dem Tod Ulrich Zwinglis einen einstweiligen Abschluss fand, war den

Die Kirchgemeinden, während Jahrhunderten geistige Heimat der Menschen und unumschränkte Gestalterinnen der Lebensführung, haben einen Teil ihres Einflusses und ihrer öffentlichen Aufgaben abgegeben.


Die komplizierte Gemeindevielfalt im Thurgau

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«Der pausenlose, erbitterte Kampf der Neugläubigen um eine eigene Pfarrei beschäftigte während drei Jahrhunderten zahlreiche kirchliche und weltliche Instanzen.» Protestanten zwar die Mitbenützung der Kirche möglich, nicht aber die Anstellung eines Predigers. Der pausenlose, erbitterte Kampf der Neugläubigen um eine eigene Pfarrei beschäftigte während drei Jahrhunderten zahlreiche kirchliche und weltliche Instanzen, insbesondere die Komturei Tobel, die seit 1401 das Recht der Stellenbesetzung innehatte, die Landvögte und sehr häufig die eidgenössische Tagsatzung. Ohne Erfolg! Evangelisch Wängi wurde eine Filiale der Pfarrei Aadorf und blieb es bis 1858. Die katholische Kirchgemeinde veränderte sich nicht wesentlich. Gebietsmässig umfasste die ursprüngliche Pfarrei Wängi auch Matzingen und Stettfurt. Für die katholische Kirchgemeinde gilt das bis heute, obwohl Matzingen seit 1972 über eine eigene Kirche verfügt. Von der protestantischen Kirchgemeinde trennte sich Matzingen schon 1586. Stettfurt löste sich unter komplizierten Rechtsverhältnissen erst 1785 von Wängi, hatte aber schon seit 4 Jahrzehnten eine eigene Kirche. Die Berichte über die gegenseitigen Behinderungen, Auseinandersetzungen und Zwischenfälle bei der gemeinsamen Kirchenbenützung kann man heute nicht ohne gelegentlichen Lachreiz lesen, doch ändert das nichts daran, dass es blutiger Ernst war.

Es war vor allem den versöhnlichen und freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Seelsorgern zu verdanken, dass der Friede in der Neuzeit nicht mehr gefährdet war. Die Gründung der Darlehenskasse, der späteren Raiffeisenbank, im Jahr 1907 war das Gemeinschaftswerk der beiden Pfarrherren Heim und Herzog, welche sogar die Leitung des Vorstandes und des Aufsichtsrates übernahmen. Ihre Nachfolger und die Kirchenbehörden pflegten dieses gute Verhältnis weiter. Indessen spielte in Wängi die Konfessionszugehörigkeit eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Wahlen und Abstimmungen wurden bis in die 1970er Jahre im Evangelischen Gemeindeverein besprochen. Auf der andern Seite standen die KatholischKonservativen und Christlich-Sozialen. Durch das Auftreten und den zunehmenden Einfluss der politisch und ständisch orientierten Parteien verlor der Evangelische Gemeindeverein seine Bedeutung, bestand formell aber noch bis etwa 2004. Die örtliche Sektion der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei, die zur Zeit der Gemeindevereinigung die Kantonsräte Gottlieb Höppli und Otto Müller stellte, war zwar noch mehrheitlich protestantisch, aber ohne bewusste konfessionelle Ausrichtung.

In die Auseinandersetzung um die Einheitsgemeinde mischten sich die Kirchgemeinden offiziell gar nicht ein, aber es war keineswegs überraschend, dass bei Wahlen in politische und schulische Ämter immer wieder einmal konfessionelle Argumente ins Spiel gebracht wurden.

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40

Vorwärts zur Einheitsgemeinde Die Sulzbergerkarte von 1838 Im 18. Jahrhundert gab die Karte des in Weinfelden wohnhaften Zürcher Vermessers Johannes Nötzli (1680-1753) eine recht zuverlässige Darstellung der Situation. Der Plan der Herrschaft Wängi auf Seite 10 ist darauf zurückzuführen. Die Thurgauer Regierung erteilte 1830 dem vielseitigen Frauenfelder Ingenieur Johann Jakob Sulzberger (1802-55) den Auftrag, mit Hilfe der Dreiecksvermessung eine genaue Karte des Kantons zu erstellen. In den vorgegangenen 3 Jahren hatte er die Triangulation im Viereck Hörnli - Schauenberg - Hessenbohl - Braunauer Höhe durchgeführt und eine Musterkarte erarbeitet. Nach 8-jähriger Arbeit erschienen diese Karten 1838 als Kupferstiche im Massstab 1:80 000. Ein Kunstwerk! (Angaben aus der Dokumentation der Faksimileausgabe, Frauenfeld 1997)

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Vorwärts zur Einheitsgemeinde – oder wie ein von seiner Sache überzeugter Mann es schaffte, den thurgauischen Grossen Rat und den Regierungsrat sowie das Bundesgericht nachhaltig in Bewegung zu setzen.


Vorwärts zur Einheitsgemeinde

41

Die Ortsgemeinden um 1837

Ort

Einwohner

Häuser

Hausbewohner

Anetswil

391

57

7

Krillberg

165

42

4

Tuttwil

400

82

5

Wängi

554

113

5

Wenn man die Häuserzahlen von 1837 mit der Einwohnerzahl von 1831 vergleicht, kann man ganz grob die Anzahl der in einem Haus wohnenden Personen schätzen. Die Zahlen widersprechen der allgemeinen Annahme, früher sei die geburtenreiche Grossfamilie die Regel gewesen. Man vergisst dabei die bei der Geburt und im Säuglingsalter Verstorbenen. Die Wängener Totenregister sprechen im Jahr 1840 von 70 Geburten und 26 Todesfällen vor Erreichen des ersten Lebensjahres. Der «Kindersegen» war zwar vorhanden, aber um welchen Preis bei Mutter und Kind! J.A. Pupikofer: Gemälde der Schweiz, 1837

Die Statistik von 1835 nennt als auffälligste Todesursache die «Gichter» (nicht zu verwechseln mit ”Gicht“): epilepsie-ähnliche Krampfanfälle von Kleinkindern, vor allem nach Infektionskrankheiten und Dehydrierung. Aus Theodor Storms Novelle «Eekenhof»: «Lasst mich, Herr Hennicke!» sagte die alte Frau. «Ihr seid ein grosser Herr, aber der Toten Angesichter versteh ich besser als Ihr! Harret eine Viertelstunde an Eures Kindes Wiege, so werdet Ihr die Gichter kommen sehen.» – Herr Hennicke blieb und sah die Gichter in dem kleinen Antlitz zucken. Dann schritt er aus der Kammer und durch den Saal; aber er sah nicht auf, wo seines Weibes Bildnis hing.


42

Die Gemeinden vor der Vereinigung Die Karte ist auf den ersten Blick verwirrend. Das liegt aber nicht an der Darstellung, sondern an der Situation selbst. Die Farben gelten für die 4 Ortsgemeinden. Die Linien bezeichnen die Grenzen der Primarschulgemeinden. Beispiele: Der Wilhof gehört zur Ortsgemeinde Tuttwil und zur Schulgemeinde Wängi. Hunzikon gehört zur Ortsgemeinde Wängi und zur Schulgemeinde Eggetsbühl. Heiterschen gehört zur Ortsgemeinde Wittenwil und zur Schulgemeinde Wängi.

Jakobstal gehört zur Ortsgemeinde Wittenwil und zur Schulgemeinde Matzingen. Um das Verwirrspiel voll zu machen, könnte man noch die Grenzen von Dorf- und Kirchgemeinden sowie des Sekundarschulkreises einfügen, nicht zu vergessen die Grenze gegen den Bezirk Frauenfeld, die entlang der NW-Grenze von Wängi und Tuttwil verläuft.


Vorwärts zur Einheitsgemeinde

43

Die Bevölkerungsentwicklung 1831 – 2006 1831

1850

1880

1900

1910

1920

1930

1941

1950

1960

Anetswil

391

335

352

352

427

400

388

447

457

465

Krillberg

165

184

134

128

155

136

122

149

149

133

Tuttwil

400

411

337

329

310

333

361

298

309

309

Wängi

554

636

710

887

1090

1146

1211

1245

1466

1681

1510

1566

1533

1696

1982

2015

2082

2139

2381

2588

Munizipale

1970

2006

2724

4185

4500 4000 3500 3000 2500 2000 1500 1000 500 0

1831 1850 1880 1900 1910 1920 1930 1941 1950 1960 1970 2006

Wirtschaftsgeschichte des Kantons TG, S. 354 und Jahresbericht 2006 der Gemeinde Wängi

Die Tabelle ist etwas trügerisch, da die Zeitabstände unterschiedlich sind. Während die Ortsgemeinde Wängi ziemlich gleichmässig wuchs, veränderten sich die Aussengemeinden wenig. Es fällt auf, dass in Krillberg und Tuttwil der Höhepunkt etwa im Jahr 1850 erreicht war, von da an bis 1880 sind auf tieferem Niveau nur noch geringe Verschiebungen festzustellen . Das könnte mit der Verkehrslage zusammenhängen, indem mit dem Bau der Strasse im Murgtal (1841 – 42) das einträgliche Fuhrgeschäft am Tuttwilerberg zurückging. Auch Anetswil wurde zwischen 1831 und 1850 wahrscheinlich vom Rückgang des Verkehrs betroffen.


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Für Erwerbslose wusste der Badwirt im Jakobsbad trügerischen Rat. Inserat in der Thurgauer Zeitung vom 9. April 1864. Besonders Amerika benötigte Männer, da der Sezessionskrieg von 1861 – 65 beiden Seiten enorme Verluste brachte.

Hinter der Bevölkerungsstatistik stehen menschliche Schicksale . . . Im ganzen 19. Jahrhundert wanderten tausende von Thurgauern aus, vor allem nach der Wirtschaftskrise von 1845 und der grossen Teuerung von 1853 – 56.

Die letzten Ortsvorsteher

Hans Müller *1931, Anetswil

Emil Thalmann 1914-1993, Tuttwil

Am Schützenfest 1961, zwei gut gelaunte Ortsvorsteher, Hermann Bommer (1907-1995), Wängi (links), Otto Müller (1901-1974), Krillberg


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«Am 15. April 1964 wurde in der Munizipalgemeindeversammlung Wängi die Bildung der Vereinigungskommission beschlossen.»

Die Vereinigungskommission Erstmals hatte Johann Hasler 1945 die Frage einer Einheitsgemeinde aufgeworfen. Damit hatte er den Stein ins Rollen gebracht, doch er rollte nicht weit. Denn erst am 8. April 1964 richteten die Vorstände der politischen Vereinigungen und Parteien ein entsprechendes Begehren an die Gemeinde. Haslers Vorstoss vom 21. Oktober 1945 und der Auftrag an die Behörde, einer späteren Versammlung Bericht und Antrag zu stellen, war wohl beeinflusst durch die Entwicklung beim südlichen Nachbarn. Die aus 10 Ortsgemeinden bestehende Munizipalgemeinde Sirnach war in voller Auflösung begriffen. Am 25. November 1944 beschlossen die Stimmbürger der Ortsgemeinden Oberhofen, Münchwilen und St. Margarethen, zusammen eine Einheitsgemeinde Münchwilen zu bilden. Zwei Wochen später folgte die Ortsgemeinde Sirnach mit der Absicht, sich als eigene Munizipalgemeinde zu formieren. Die bestehende Munizipalgemeinde Sirnach lehnte die Aufspaltung mit 1118 gegen 513 Stimmen ab. Doch der Grosse Rat stimmte dem Vorhaben mit 58 gegen 45 Stimmen knapp zu. Die Beschwerde der bestehenden Munizipalgemeinde an das Bundesgericht wurde abgewiesen, so dass der Neuordnung ab dem 1. Januar 1950 nichts mehr im Wege stand.33 Am 15. April 1964 wurde in der Munizipalgemeindeversammlung Wängi in geheimer Abstimmung mit 104 : 39 Stimmen die Bildung der Vereinigungskommission beschlossen. nach Künzler S. 307

33

Johann Hasler (1900 – 1983), langjähriger Schulpräsident Hier anlässlich der Einweihung des Steinlerschulhaus-Anbaus 1960 bei der Präsentation einer Erinnerungstafel an die Brückenwache im 2. Weltkrieg.

Otto Sax (1898 – 1971), von 1938 – 64 Lehrer an der Abschlussklasse Wängi, Organist und Dirigent

Sie wurde präsidiert von Otto Sax und bestand aus 8 frei gewählten Mitgliedern und den 4 Ortsvorstehern, von denen Otto Müller als Gemeindeammann auch die Munizipale vertrat. Schon ein Jahr später lag der Bericht samt Vertragsentwurf für die Gemeindevereinigung vor. Die Kommission befasste sich primär mit der finanziellen Lage und erstellte auf Grund der Zahlen der Jahre 1953 – 1963 die Modellrechnung für eine Einheitsgemeinde.


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Die Vermögenslage von 1963 liess bei Ort Steuererträge à 100 % bei Aktiven von Fr. 461 736 und Passiven 33 933 von Fr. 384 709 erwarten, dass die Einheits- Anetswil gemeinde ohne Schulden hätte starten kön- Krillberg 10 330 nen, dies vor allem dank der guten SituaTuttwil 21 244 tion der Munizipale. Die Vergleich der Steuerkraft der Orts- Wängi 233 702 gemeinden ergab, dass diejenige von Wängi grösser war als die der drei andern zusammen. Unter Berücksichtigung neuer Aufwendungen für eine zentrale Gemeindeverwaltung und weiterer Veränderungen erstellte die Kommission das Budget für eine fiktive Einheitsgemeinde 1963. Daraus ergab sich, dass durch eine Bisherige Neu relativ geringe Anhebung der Steuern in Ort Veränderung Steuerfüsse * Einheitssteuer ** Wängi eine kräftige Reduktion in den Aussengemeinden zu erreichen war. Anetswil 120 % 77.8 % -  42.2 % Das finanzielle Übergewicht von Wängi 100 % 77.8 % -  22.2 % entstand durch die Industrie, die in den Krillberg 1960er Jahren dank der landesweiten Tuttwil 140 % 77.8 % -  62.2 % Hochkonjunktur stark zulegte. 75 % 77.8 % +  2.8 % Die Weberei als grösste Steuerzahle- Wängi rin produzierte mit 350 Arbeitskräften um * Orts- und Mjunizipalsteuer 1966 herum jährlich rund 9 Millionen Quadratmeter Gewebe, be- ** Der Einheitssteuerfuss basierte auf den bekannten Angaben des teiligte sich an zwei Zürcher Firmen und plante einen ZweigbeJahres 1963. Das effektive Budget der Einheitsgemeinde 1969 trieb in Matzingen. Der Unternehmer Valentino DeMartin baute verlangte dann einen Steuerfuss von 90%. 1967 – 68 seine erste Metallveredelungsfabrik, die Innendekorationsfirma Riloga (später Silga) erweiterte ihre seit 1931 bestehende Anlage in der ehemaligen Aktienstickerei, Hans Laubscher hatte 1966 seine Möbelfabrik von Eggetsbühl in die Anlage « . . . dass durch eine relativ geringe der eingegangenen Belmo in Wängi verlegt und baute sie 1970 aus, Johann Bommer erweiterte 1966 seine Rohrbiegerei, die Anhebung der Steuern in Wängi eine

kräftige Reduktion in den Aussengemeinden zu erreichen war.»


Vorwärts zur Einheitsgemeinde

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Maschinenfabrik lieferte Geländer für Autobahnbrücken, in Rosental standen die Zwirnerei unter Ursula Sulzer-Stierlin und die Polsterfabrik von R. Willi in voller Produktion. In den Aussengemeinden bestanden bereits Ansätze industrieller Entwicklung, « . . . eine deutliche so beim Innendekorationszulieferer Schadegg in Eggetsbühl und Aufbruchstimmung.» beim Zerspanungstechniker Beusch in Tuttwil. Die Auftragsbücher der Baufirmen und Gewerbebetriebe waren voll, was natürlich ins gesamte Geschäfts- und Wirtschaftsleben des Dorfes ausstrahlte. Nicht zufällig wurde auch die Darlehenskasse an der Dorfstrasse 1966 erweitert und ausgebaut. Es herrschte eine deutliche Aufbruchstimmung. Man sprach von zwei 12-stöckigen Hochhäusern, welche die Weberei im Die Betriebszählung von 1965 ergab folgendes Bild: Brühl erbauen wollte; eine gewaltige nicht landwirtschaftliche landwirtschaftliche Kehrichtdeponie vom Autobahndamm Ort Betriebe Beschäftigte Betriebe Beschäftigte bis ins Härenloo war im kantonalen Richtplan vorgesehen; es bestanden Anetswil 15 54 48 67 Pläne für eine Expressstrasse Frauen5 11 21 31 feld-Wil am Ostrand von Wängi; be- Krillberg reits träumten die ersten von einem Tuttwil 8 16 41 54 Hallenbad. Wängi 89 915 57 76 Eine gegenläufige Bewegung zeigte sich, als 1970 über die erste (erfolglose) Schwarzenbach-Initiative abgestimmt werden musste, die den AusländerDie Kommission entwarf auch den «Vertrag über den Zusambestand auf 10% der Bevölkerung reduzieren wollte. Auf die In- menschluss aller Ortsgemeinden und der Munizipalgemeinde zur dustrie in Wängi hätte sich das verheerend ausgewirkt. Einheitsgemeinde Wängi». Nach der detaillierten Darstellung der finanziellen Folgen zählte die Kommission weitere Gründe auf, welche für die GeÜber den Vertrag sollte in allen vier Ortsgemeinden zum selmeindevereinigung sprachen, insbesondere die topographische ben Zeitpunkt in ausserordentlichen Gemeindeversammlungen Einheit und die bereits bestehenden Gemeinsamkeiten. Der diskutiert und geheim abgestimmt werden, später ebenfalls in Verlust an Bürgernähe der Verwaltung wurde zwar bedauert, der Munizipalgemeinde. aber angesichts der kleinräumigen Verhältnisse nicht als tragisch betrachtet. An der Munizipalgemeindeversammlung vom 2. Oktober 1965 wurden die Anträge der Kommission zum Abstimmungsverfahren genehmigt.

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Die Auseinandersetzung fand in verschiedenen Orientierungsversammlungen und vor allem in der Presse statt. Hier stand mit dem «Anzeiger von Wängi» eine Plattform zur Verfügung, wie sie nicht jede Gemeinde besass. Gleichzeitig ist nicht zu bestreiten, dass die Existenz eines solchen Sprachrohrs die Diskutierfreude kräftig anregte. Die Zeitung erschien jeden Freitag und wurde meist persönlich von Herrn Büchi in Elgg gesetzt, der gleichzeitig als Redaktor den Inhalt souverän bestimmte. Er führte den Volksverlag Elgg und publizierte die meisten Bücher seines Schwiegervaters, des Bauerndichters Alfred Huggenberger. Irgendwie scheint es, als ob der «Anzeiger von Wängi» im Vereinigungskampf seine letzte Energie verbraucht hätte: Das seit 1951 bestehende Blatt erschien nur noch bis zum Jahr 1972. Anzeiger von Wängi, nach der Installation der Einheitsgemeinde

Bei Annahme des Vertrages durch alle Gemeinden wäre dem Regierungsrat der Beschluss zu unterbreiten zur anschliessenden Genehmigung durch den Grossen Rat. Bei teilweiser Ablehnung des Vertrags wäre ein Situationsbericht an den Regierungsrat zu senden. Als Abstimmungstag für die Ortsgemeinden wurde der 27. November 1965 festgelegt. In den Monaten Oktober und November 1965 verdichtete sich die vorher eher beiläufig geführte Diskussion in der Presse und an den Stammtischen. Bereits war auch erkennbar, dass es nicht nur um die Vereinigung an sich ging, sondern auch um die künftige Leitung der Gemeinde.

Gegen den 27. November wurde der Tonfall unter den Einsendern, die teils mit vollem Namen, teils mit Initialen oder Fantasienamen unterschrieben, etwas gereizter. Die Initialen führten jeweils zu sofortiger Suche im Telefonbuch und zu bestimmten Verdächtigungen. Neben Leserbriefen erschienen ausführliche Betrachtungen, u.a. von Gemeindeammann Jakob Scheuber, der dann 1970 durch seine Motion die Gemeindestruktur des Kantons wesentlich beeinflusste. Seinem Kantonsratskollegen Otto Müller warf er vor, wider besseres Wissen unwahre Angaben betreffend die Steuerkraft der Ortsgemeinden zu verbreiten. Scheuber referierte auch an einem von den Wängener Parteien veranstalteten Orientierungsabend.


Vorwärts zur Einheitsgemeinde

Die Auseinandersetzungen in der Presse liefen bis unmittelbar vor der Abstimmung und waren im Tonfall sarkastisch, gelegentlich auch ironisch-humorvoll. Seltsamerweise verschärften sie sich später, während und besonders nach der Installation der Einheitsgemeinde, als – agrartechnisch ausgedrückt – «der Mist bereits geführt war». Wie vorgesehen fanden am 27. November 1965 die Abstimmungen in den Ortsgemeinden statt.

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Die Abstimmungsresultate in den Ortsgemeinden Anetswil

34 Ja

58 Nein

Ablehnung

Krillberg

15 Ja

23 Nein

Ablehnung

Tuttwil

49 Ja

16 Nein

Annahme

Wängi

118 Ja

53 Nein

Annahme

Total

216 Ja

150 Nein

In Krillberg waren von 43 Stimmberechtigten 39 anwesend. Die Abstimmung in der Munizipalgemeinde am 19. Februar 1966 ergab 216 Ja und 111 Nein, also Annahme. Damit hatten rein rechnerisch 3 Gemeinden die Vereinigung angenommen, 2 hatten sie verworfen. Natürlich wirkte diese Kombination etwas schlitzohrig, da sich das Resultat der Munizipale schon aus den vorangehenden Abstimmungen ableiten liess. Immerhin waren die Nein-Stimmen schwächer geworden. Edwin Herzog Präsident des Evangelischen Gemeindevereins Anzeiger von Wängi, 26. November 1965 Wappenbearbeitung Anina Thalmann

Nach der Einführung der Einheitsgemeinde, so befürchtete ein Einsender, würden auch die Wappen der Ortsgemeinden verschwinden. Ihm entgegnete Edwin Herzog, der Präsident des evangelischen Gemeindevereins: «Vielleicht finden eine Tuttwiler Rose und eine Krillberger Bärentatze sowie ein Anetswiler Hundekopf Platz im neuen Wängener Wappen. Nur eine Bedingung müsste man dem Heraldiker stellen: Der Hund müsste fortan nicht mehr rückwärts, sondern vorwärts schauen.» Schlagartig folgte die Reaktion des angepeilten Anetswiler Ortsvorstehers: «Wenn Sie es schon vom rückwärtsblickenden Anetswiler Hund haben, so machte ich auch schon die Feststellung, dass wenn der eine Hund dem andern auf den Schwanz tritt, dass er dann bellt!»


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Der Kanton ist gefordert

Nun war die Angelegenheit auf der Ebene der Gemeinde soweit erledigt und wurde zur Sache des Kantons. Die Eingabe an den Regierungsrat erfolgte am 5. Mai 1966. Dieser verfasste die Botschaft an den Grossen Rat, in welcher er die Vereinigung befürwortete. Die entscheidende Gesetzesgrundlage fand sich in § 2 des Gemeindeorganisationsgesetzes (GOG), wobei der Absatz 2 den Kern der Diskussion bildete:

Änderungen der Gebietseinteilung können vom Grossen Rat beschlossen werden, wenn alle beteiligten Orts- und Munizipalgemeinden zugestimmt haben. Wo sich aus triftigen Gründen Änderungen der Gebietseinteilung aufdrängen, kann der Grosse Rat solche auf Antrag des Regierungsrates auch dann beschliessen, wenn nicht alle beteiligten Gemeinden zustimmen. Der Grosse Rat regelt auf Antrag des Regierungsrates die rechtlichen Wirkungen der Änderungen.

Verhandlungen und Beschlüsse des Grossen Rates und des Regierungsrates (anhand der Protokolle im Staatsarchiv)

2. Oktober 1967 – die Stunde der Juristen Die Botschaft des Regierungsrates ist in der vorberatenden Kommission unter Dr. Hans Frei behandelt worden. Die Kommission beantragt dem Rat Zustimmung. Otto Müller tritt als Mitglied der Kommission in den Ausstand, da er das Anliegen der Ortsgemeinde Krillberg persönlich im Rat vertreten will. Die wichtigsten rechtlichen Grundlagen werden erwähnt.

Dr. Hans Frei Romanshorn

Dr. Arthur Haffter Weinfelden

Dr. Eugen Bühler Sirnach

«Wo sich aus triftigen Gründen Änderungen der Gebietseinteilung aufdrängen, kann der Grosse Rat solche auf Antrag des Regierungsrates auch dann beschliessen, wenn nicht alle beteiligten Gemeinden zustimmen.»


Vorwärts zur Einheitsgemeinde

In seinem umfänglichen Eintrittsreferat befasst sich Dr. Frei mit der Auffassung des Bundesgerichts über die Gemeindeautonomie und führt wörtlich aus: «Die verfassungsmässig garantierte Gemeindeautonomie steht hier nicht im Spiel. Sie garantiert nach Auffassung des Bundesgerichts der Gemeinde ihren eigenen Wirkungskreis, die Selbständigkeit der inneren Verwaltung, nicht aber ihren Gebietsumfang oder ihren Bestand.» Dr. Arthur Haffter kritisiert die regierungsrätliche Botschaft, welche die finanzpolitische Seite zu stark betone, und stellt den Ordnungsantrag auf Verschiebung der Diskussion. Er wird von Dr. Eugen Bühler unterstützt, der hier «eine wichtige staatspolitische Entscheidung» sieht. Die Diskussion wird verschoben. 17. Oktober 1967 In der Eintretensdebatte wird mehrfach festgestellt, dass die saubere Unterscheidung zwischen Eintreten und materieller Beratung schwierig sei, da die gesetzliche Formulierung «wenn nicht alle beteiligten Gemeinden zustimmen» offen lasse, ob es sich hier nur um eine einzige oder mehrere nicht zustimmende Gemeinden handeln dürfe. Entgegen der Auffassung einzelner Kantonsräte, das GOG habe bei seiner Entstehung nur an eine einzige ablehnende Gemeinde gedacht, überwiegt die gegenteilige Meinung. Eintreten wird mit grosser Mehrheit beschlossen. Nachdem nun der erste Punkt betreffend die Zuständigkeit des Grossen Rates geklärt ist, geht es weiter darum, die «triftigen Gründe» zu definieren. Dr. Hans Frei versucht das anhand des Bundesgerichtsentscheids von 1949 betreffend die Bildung der Einheitsgemeinde Münchwilen. Er zitiert: «Triftig sind Gründe, die zutreffen, die

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richtig sind. Sie drängen sich auf, wenn sie in die Augen springen und ihnen erhebliches Gewicht beizulegen ist.» In zahlreichen weiteren Voten wird vor allem die Steuerharmonisierung angesprochen, welche die «untragbare» Steuerlast der Aussengemeinden beseitigen sollte. Dies nicht zuletzt im Blick auf das Wachstum der öffentlichen Aufgaben. Zusammengefasst ergibt sich, dass die Gründe gegen die Vereinigung als wesentlich schwächer beurteilt werden als diejenigen für eine Vereinigung. 2. November 1967 – jetzt reden die Bauern Als erster Redner ergreift Otto Müller, Ortsvorsteher von Krillberg und bis vor einem halben Jahr Gemeindeammann von Wängi, das Wort. Grundsätzlich meint er, die an sich verständlichen Gründe für eine Vereinfachung der Gemeindestrukturen sollten nicht am Fall Wängi «durchexerziert» werden. Er bestreitet oder relativiert verschiedene Behauptungen der Befürworter betreffend die enge Verbindung zwischen Krillberg und Wängi, beispielsweise die Zugehörigkeit zur Landwirtschaftlichen Genossenschaft und zur Darlehenskasse sowie die

Paul Tanner Neukirch

Gottlieb Höppli *1916) Wängi

« . . . sollten nicht am Fall Wängi durchexerziert werden.»

Jakob Scheuber Hefenhofen


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Gemeinsamkeiten im Kirchen- und Schulbereich. «Zwischen Wängi und Krillberg beträgt die Distanz 2,5 Kilometer, die Höhendifferenz liegt bei 200 Metern.» Mit der Bildung der Einheitsgemeinde ist das ganze «Durcheinander» von Instanzen noch lange nicht behoben. Vor allem weist er darauf hin, dass Krillberg inkl. Landreserve über ein Vermögen von Fr. 70 000 verfüge, demgegenüber betrage die Passivschuld von Wängi Fr. 800 000. Was die Gemeindeaufgaben betreffe, sei in Krillberg der Bau einer eigenen Kläranlage geplant. Als nächster erklärt Paul Tanner, prominenter Bauernvertreter und Nationalrat, er staune über den Optimismus seines Berufs- und Parteikollegen Otto Müller. Als stärkster Befürworter der Einheitsgemeinde tritt Gottlieb Höppli, Wängi, auf, ebenfalls Bauer und profilierter Politiker. Er berichtigt etliche «Fehler» im zwischenzeitlichen Schreiben der Ortskommissionen Anetswil und Krillberg an die Kantonsräte. Er wäre «im Sinne christlicher Nächstenliebe» bereit, eine kleine Steuererhöhung in Kauf zu nehmen, um den Einwohnern der Aussengemeinden eine wesentliche Entlastung zu bieten.

Nach weiteren Voten, u.a. von Jakob Scheuber und einer zusammenfassenden Betrachtung von Regierungsrat Ballmoos, beschliesst der Rat, nachdem er einen Rückweisungsantrag von Alfred Abegg abgelehnt hat: «Die Ortsgemeinden Anetswil, Krillberg, Tuttwil und Wängi sowie die Munizipalgemeinde Wängi werden auf den 1. Januar 1969 zu einer Einheitsgemeinde Wängi vereinigt.» Nun sollte ein volles Jahr vergehen bis zum nächsten obrigkeitlichen Entscheid. Denn jetzt wurde die höchste juristische Instanz der Eidgenossenschaft angerufen – das Bundesgericht.

Walter Ballmoos Regierungsrat

Alfred Abegg Kreuzlingen

«Mit der Bildung der Einheitsgemeinde ist das ganze Durcheinander von Instanzen noch lange nicht behoben.»


Vorwärts zur Einheitsgemeinde

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Das Bundesgericht in Lausanne (Foto Internet)

Die Krillberger Beschwerde an das Bundesgericht Als Verfasser der Beschwerdeschrift war der Rechtsanwalt Dr. Kurt Reber, St. Gallen, bestimmt worden. Sein Honorar betrug laut Kassabuch der Ortsgemeinde Fr. 1 346.20. Als weitere Kosten sind nur noch vermerkt: Fr. 74.– für Bahnbillete zur Urteilseröffnung in Lausanne am 18. Oktober 1968. Die Einreichung einer staatsrechtlichen Beschwerde der Ortsgemeinde Krillberg war offenbar in der ausserordentlichen Ortsgemeindeversammlung vom 2. November 1967 – also am Abend nach der entscheidenden Sitzung des Grossen Rates – mit 32 zu 2 Stimmen beschlossen worden, ebenso der Kredit von 2 500 Franken. Indessen erwies es sich, dass über die Erteilung dieser Vollmacht an die Krillberger Ortskommission einige Unklarheiten bestanden. Da bezweifelt wurde, ob die Einladung zur Versammlung und die Traktandierung korrekt erfolgt waren, verlangte das Bundesgericht vom Anwalt eine schriftliche Stellungnahme, ob die Gemeindeversammlung wirklich einen gültigen Beschluss gefasst habe. Auf die Stellungnahme könne indessen verzichtet werden, wenn (nochmals) eine ausserordentliche Versammlung die Durchführung der staatsrechtlichen Beschwerde und die Vollmachterteilung beschliessen würde. Das geschah dann am 23. Februar 1968. Von 43 Stimmbürgern nahmen 37 an der Versammlung teil. Der Antrag der Ortskommission über die Beschwerdeführung und die Vollmacht

wurde bei 2 Enthaltungen mit 27 Ja gegen 8 Nein angenommen; also mit einem eindeutigeren Ergebnis als in der Vereinigungsabstimmung vom 27. November 1965, wo die Einheitsgemeinde mit einem Stimmenverhältnis von 23 zu 15 abgelehnt worden war. Ob Anetswil mitmacht? Die Ortsgemeinde Anetswil hatte die Bildung der Einheitsgemeinde ebenfalls abgelehnt. Am 13. November 1967 kam es zwischen den Ortskommissionen Anetswil und Krillberg zu einer Aussprache. Die Anetswiler beschlossen, dass über ihre Beteiligung am Rekurs in einer geheimen Abstimmung der Ortsgemeinde entschieden werde. Diese Versammlung fand am 21. November 1967 statt. Vorsteher Hans Müller orientierte über die bisherige Entwicklung der Lage. Von 13 Stimmbürgern war der schriftliche Antrag eingereicht worden, vom Rekursrecht Gebrauch zu machen. Die Ortskommission lehnte den Antrag ab. Es folgte eine ausgiebige Diskussion über die Vor- und Nachteile einer Einheitsgemeinde. Insbesondere wurde gerügt, dass der Grosse Rat die Beschlüsse von zwei Ortsgemeinden missachtet hatte. In geheimer Abstimmung wurde – gemäss dem Antrag der Ortskommission – mit 31 Ja gegen 45 Nein der Rekurs gegen die Gemeindevereinigung abgelehnt.

Krillberg beschliesst die Beschwerde mit 27 Ja gegen 8 Nein; Anetswil lehnt die Beschwerde mit 31 Ja gegen 45 Nein ab.

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B

A

Die Dörfer am Tuttwilerberg. Im Vordergrund Krillberg, links Obertuttwil, rechts Tuttwil. Der Verlauf der Landstrasse Münchwilen-Aadorf ist mit A-B markiert. (Foto vor 1950)

B

A

Der östliche Höhenzug mit den Siedlungen Anetswil, Eggetsbühl, Lachen, Berg und Rosental. Die alte Landstrasse ist mit A-B markiert. Im Gasthaus Schönenberg, unter B, wurde bis Mitte des 19. Jahrhunderts der Wegzoll erhoben, den die Ortsgemeinde an Zins legte. (Foto Ruedi Götz 2008)


Vorwärts zur Einheitsgemeinde

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Das Bundesgerichtsurteil vom 18. September 1968 Das Bundesgericht anerkennt das Beschwerderecht einer Gemeinde, «wenn sie ihren Gebietsbestand verteidigt, und ganz besonders, wenn sie sich um ihre Existenz wehrt.» Daher ist die Ortsgemeinde Krillberg legitimiert zur Anfechtung des Entscheids. Sie wirft dem Regierungsrat Verletzung des § 45 der Kantonsverfassung und willkürliche Auslegung des § 2 des Gemeindeorganisationsgesetzes vor und beantragt durch staatsrechtliche Beschwerde, den Grossratsbeschluss vom 2. November 1967 aufzuheben. Der Grosse Rat beantragt die Abweisung der Beschwerde. Es folgen die Darstellung des bisherigen Verfahrens und die Erwägungen des Bundesgerichts: Der § 45 der Kantonsverfassung erwähnt zwar die Ortsgemeinden, enthält aber keine Bestandesgarantie. Veränderungen sind ausdrücklich vorbehalten. Die im § 2 des Gemeindeorganisationsgesetzes verlangten «triftigen» Gründe sind dann vorhanden, «wenn die Abwägung der Gründe und Gegengründe ein klares Übergewicht der für die Änderung sprechenden Argumente ergibt.» Die Ortsgemeinde Krillberg hat diese Feststellung nicht bestritten. Die Beschwerdeführerin erklärt – unter Hinweis auf die regierungsrätliche Botschaft zur Volksabstimmung über das GOG – dass der angefochtene Beschluss höchstens gegen den Widerstand einer einzigen Gemeinde gefasst werden dürfe.

Das Bundesgericht stellt aber auf den Wortlaut des § 2 GOG ab und erklärt, dass dieser Paragraph Gebietsveränderungen sogar gegen den Widerstand der Mehrheit der beteiligten Gemeinden zulasse. «Von dieser Auffassung abzugehen besteht im vorliegenden Falle umso weniger Anlass, als sonst die nur aus 8 Stimmberechtigten bestehende Mehrheit in der kleinsten Ortsgemeinde eine Änderung verunmöglichen könnte, die selbst die Beschwerdeführerin im sachlichen Ergebnis nicht kritisiert. ...» Entscheid: «Demnach erkennt das Bundesgericht: Die Beschwerde wird abgewiesen.» (BGE 94 I 351)

«Der § 45 der Kantonsverfassung erwähnt zwar die Ortsgemeinden, enthält aber keine Bestandesgarantie.»

Das Bundesgericht weist die Krillberger Beschwerde ab.

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Der Beschluss des Regierungsrates vom 15. November 1968 Das Protokoll (Nr. 2643) zitiert zuerst den Beschluss des Grossen Rates vom 2. November 1967. Weiter wird ausgeführt: Dieser Beschluss wurde am 24. Dezember 1967 von der Ortsgemeinde Krillberg durch staatsrechtliche Beschwerde beim Bundesgericht angefochten, dessen staatsrechtliche Kammer die Beschwerde aber mit Beschluss vom 18. September 1968 abwies. Der Regierungsrat beschliesst: Die Bildung der Einheitsgemeinde Wängi ist gemäss Grossratsbeschluss vom 2. November 1967 auf den 1. Januar 1969 zu vollziehen. So richtig glücklich über den Ausgang der Sache war vorerst niemand. Den Grossen Rat plagte offensichtlich das schlechte Gewissen; alle juristischen Haarspaltereien und Vernunftsgründe konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass wieder einmal der Stärkere dem Schwächeren gezeigt hatte, «wo Barthli den Most holt». Die Presse befasste sich wiederholt mit der Frage, ob die Zwangseingemeindung wirklich nötig war, und Ausdrücke wie «Vergewaltigung» und «Zwangsehe» waren zu lesen oder, etwas freundlicher, «Geburtswehen einer Einheitsgemeinde». Immer wieder einmal erschallte bei späteren Auseinandersetzungen der Alarmruf, man solle «kein zweites Krillberg» schaffen.

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«In beinahe feierlichen letzten Versammlungen beschworen sie auf den Hügeln nochmals die alten Zeiten . . . »

In praktischer Hinsicht konnte man mit dem Ergebnis zufrieden sein: Der umständliche Gemeindedualismus war beseitigt und die Behörden konnten sich der weiteren Vereinfachung und Ausgestaltung der Administration widmen. Die Ortsgemeinden führten ihre Geschäfte noch bis zum letzten Termin durch und markierten «business as usual», lösten unter einander noch Grenzstreitigkeiten, obwohl klar war, dass die Grenzen demnächst verschwinden würden. In beinahe feierlichen letzten Versammlungen beschworen sie auf den Hügeln nochmals die alten Zeiten und luden die Versammlungsteilnehmer zu einem Imbiss ein, der nun schon auf Kosten der Einheitsgemeinde ging.

Die Bildung der Einheitsgemeinde Wängi ist auf den 1. Januar 1969 zu vollziehen.


Vorwärts zur Einheitsgemeinde

Die Steuerharmonisierung

Alfons Hugentobler 1919 – 2007

Leiden und Freuden eines Steuersekretärs Mit dem praktischen Ergebnis der Einheitsgemeinde war vor allem ein Mann zufrieden, dessen Berufstätigkeit nachhaltig beeinflusst wurde – der Steuersekretär. Alfons Hugentobler (1919-2007) war von 1945-85 Steuersekretär der Munizipalgemeinde. Bis zur Anschaffung einer Buchungsmaschine im Jahr 1968 war das eine aufwändige Tätigkeit, die mit handschriftlichen Listen und mit Hilfe von einfachen Schreib- und Rechnungsmaschinen bewältigt werden musste. «Der unermüdliche Einsatz des Steuersekretärs» wird vom Gemeinderat in der Regionalzeitung vom 29. Juni 1981 besonders erwähnt. Vor der Bildung von Einheits- und Volksschulgemeinde brauchte es einen detektivischen Spürsinn, um herauszufinden, wer was wo zu bezahlen hatte. Die alten Gemeindebüros im Hochparterre an der Brühlstrasse. Hugentobler belegte das Büro links, ihm gegenüber arbeitete der Gemeindeammann.

« . . . brauchte es einen detektivischen Spürsinn, . . . »

Das am 19. Mai 1979 eingeweihte Gemeindehaus. Die Bausumme betrug 2 578 342 Franken. Daran leistete der Bund eine «Konjunkturspritze» von 155 146 Franken, da er nun vom Konjunkturdämpfungsprogramm auf Konjunkturförderung umgestellt hatte.

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Vergleich der Steuerfüsse und Steuereinnahmen zwischen 1945 und 1985 1945 Steuerart

1985

Steuerfuss

Betrag

Steuerfuss

Betrag

Staatssteuer

110 %

96 800

140 %

3 183 724

Munizipalsteuer

50 %

44 000

65 %

1 478 157

Anetswil

70 %

9 000

Krillberg

90 %

3 000

Tuttwil

140 %

9 000

Wängi

55 %

36 000 97 %

2 205 866

Ortsgemeindesteuern

Schulsteuern Eggetsbühl

120 %

20 400

Tuttwil

150 %

12 000

Wängi

110 %

70 500

Steuerbares Einkommen

3 115 000

39 709 100

Steuerbares Vermögen

15 235 000

146 434 000

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Es fehlen die frühen Angaben betreffend Kirchensteuern, die ja auch noch ermittelt werden mussten, ganz zu schweigen von der Feuerwehrsteuer für Nicht-Dienstleistende.

Mit dem praktischen Ergebnis der Einheitsgemeinde war vor allem ein Mann zufrieden, dessen Berufstätigkeit nachhaltig beeinflusst wurde – der Steuersekretär.


Vorwärts zur Einheitsgemeinde

Wängi publizierte letztmals 1941 das 16-seitige Steuerregister, nachdem das seit 1925 nicht mehr geschehen war und ein Antrag, dasselbe jährlich zu veröffentlichen, von der Gemeindeversammlung abgelehnt worden war. Die Steuerzahler konnten auch später Einblick in das Register des Steueramtes nehmen, ohne sich jedoch Notizen zu machen. Obwohl theoretisch bis 1991 möglich, verschwand dieser Brauch schon früher, da er weder den dörflichen noch den inneren Frieden des Lesers förderte.

Die Entwicklung des Gemeindesteuerfusses in % 1969 1974 1979 1981 1982 1983 1990 2002 2008 90

85

80

72

67

65

60

55

49

« . . . verschwand dieser Brauch schon früher, da er weder den dörflichen noch den inneren Frieden des Lesers förderte.»

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Die Wahl des Gemeindeammanns Noch bevor der Grosse Rat mit den Beratungen über die Gemeindevereinigung begann, fand in Wängi die reguläre Wahl des Gemeindeammanns statt. Eine deutliche Warnung an Gemeindeammann Otto Müller bedeutete es, dass die am 4. Februar 1967 mit dem Budget beantragte Steuererhöhung von 20 % auf 30 % abgelehnt wurde. Zudem hatte Vize-Gemeindeammann Werner Meyer nach 19-jähriger Tätigkeit im Gemeinderat seinen Rücktritt erklärt. Es war bekannt, dass er als ausgewiesener Kaufmann mit der Finanzführung nicht mehr einverstanden war. Der Einsender «tt» stellte am 7. April pauschal fest, «dass auf dem Büro unseres Gemeindeammanns ausser der Raumnot noch wesentlich andere Mängel bestehen.» Er ortete eine seit längerem bestehende Vertrauenskrise. Otto Müller wurde auch in seiner eigenen Ortsgemeinde kritisiert, wo er sich während 3 Jahrzehnten offenbar eine gewisse Selbstherrlichkeit angewöhnt hatte. «War es in Ordnung, wenn ein einziger Mann jahrzehntelang in unserem Rayon, sogar darüber hinaus regiert hat, keine Opposition duldete – weder bei Freunden noch bei einer schwachen Minderheit?» schrieb sein Mitbürger Martin Berther, ein temperamentvoller Bündner.34 Am 14. April 1967 veröffentlichte der Evangelische Gemeindeverein seine Stellungnahme zu den Gemeinderatswahlen. Als Kandidaten für den Gemeinderat und als Gemeindeammann schlug er den Friedensrichter Fritz Horber vor. Auch Anzeiger vom 6. November 1970

34

die Vorstände der katholischen Parteien hatten Zustimmung signalisiert. Die nachfolgende Wählerversammlung sprach sich in geheimer Abstimmung relativ knapp mit 31 Stimmen für die Kandidatur Horber aus, während 27 Wähler für Stimmfreigabe waren und 3 leer einlegten.

Fritz Horber, geboren 1928 in Schönenberg-Anetswil, landwirtschaftliche und kaufmännische Ausbildung, 1956 Friedensrichter, 1959 Zivilstandsbeamter und Schulpfleger, 1968 – 88 Kantonsrat, 1967 – 95 Gemeindeammann.


Vorwärts zur Einheitsgemeinde

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Die grosse Zahl von Leserbriefen zeigte, wie sehr die Frage die Öffentlichkeit bewegte. Einerseits wurde festgestellt, dass gegen Otto Müller «ein Feldzug geführt wird, der einen verletzenden Charakter trägt.» Man dürfe den haushälterischen Umgang mit Steuergeldern nicht als Rückständigkeit abtun. Unter dem Titel «Doch ein guter Hausvater» wurde auf die Bildung verschiedener Fonds (Baufonds 106 000 Franken; Steuerfonds 73 000 Franken) hingewiesen, während sich ein anderer darüber ärgerte, dass Otto Müller nach der Ablehnung der Steuererhöhung lächelnd erklärt habe, man habe ja noch Fondationen und werde nun halt das Geld dort nehmen. Poetisches war von Johann Hasler zu lesen: «Lerne ohne Groll zu sehen andere an deiner Stell Ihre Zeit wird auch vergehen. Wieder andre folgen schnell.» Mit dieser Prophezeiung lag er nicht weit daneben.

Am 30. April 1967 wurde Fritz Horber mit 375 Stimmen als Gemeinderat und mit 320 Stimmen als Gemeindeammann gewählt.

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Inserate, Flugblätter und Briefe füllten die Briefkästen.

An der Abstimmung nahmen 570 Bürger teil. Das absolute Mehr betrug 278 Stimmen. Auf den ebenfalls als Gemeindeammann kandidierenden Otto Müller entfielen bemerkenswerte 236 Stimmen. Als Ortsvorsteher von Krillberg blieb er von Amtes wegen Mitglied des Gemeinderats. Schon damals ahnte man, dass es nicht einfach sein würde, die im Entstehen begriffene Einheitsgemeinde zu führen und auszubauen. Von Horbers Können und Einsatzbereitschaft her stellten sich keine Probleme, wohl aber in psychologischer Hinsicht, sahen doch viele Enttäuschte in ihm die Verkörperung der erzwungenen Gemeindevereinigung und der Abwahl seines Vorgängers. Noch lange blies ihm vom Berge her ein eisiger Wind ins Gesicht.

«Noch lange blies ihm vom Berge her ein eisiger Wind ins Gesicht.»


Vorwärts zur Einheitsgemeinde

Eine feige Tat? Wenn auch das Ergebnis der Wahl nicht überraschte, so war das Echo doch gewaltig. In der Lokalsendung von Radio Ostschweiz am 7. Mai 1967 äusserte sich Redaktor Jürg Tobler, nicht gerade objektiv, aber wirkungsvoll: Sicher isch er en eigewillige Gmeindamme gsi, aber niemert hät em öppis Uugrads chöne vorwärfe. Im Gegeteil: Er hät währed 17 Johr mit eme vorbildliche Pflichtbewusstsii de Gmeind z’diene versuecht. D’Arbeiterzitig hät zu däre Wahl klar und eidütig Stellig bezoge: Es sig kei Ruehmesblatt für d’Gmeind, denn hetti de Ständerot Müller no gläbt, so wäri kein Mensch uf d’Idee cho die Wägwahl vorzschloh. «Kaum war der grosse Bruder tot, folgte diese feige Tat», hät si wörtlich gschribe.35 «Der grosse Bruder» – Regierungs- und Ständerat Dr. Jakob Müller (1895 – 8. März 1967), bekannt unter dem Namen «Sprudel» – einer der volkstümlichsten Politiker, die der Kanton je hatte. Beliebt wegen Menschlichkeit, Geselligkeit und Humor. Sprüche: «Das Leben ist zu kurz, um offene Weine zu trinken.»  – Als Erziehungschef: «Wenn es uns gelingt, unsern Rückstand noch fünf Jahre zu halten, sind wir wieder an der Spitze.» Zu Otto Müller pflegte er ein offenes, brüderlich-kritisches Verhältnis. Dass ausgerechnet die sozialistische Arbeiterzeitung, die stets den Kampf gegen den politischen «Filz» führte, hier ihrer Rolle untreu wurde, zeigt den Aufruhr der Gefühle, die der Fall Krillberg erzeugte.

Regierungs- und Ständerat Dr. Jakob Müller

Auszug aus der schriftlichen Bestätigung der Programmstelle St. Gallen

35

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«. . . zeigt den Aufruhr der Gefühle, die der Fall Krillberg erzeugte.»


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Es gibt keine Ruhe Ein weiteres juristisches Nachspiel beschäftigte das Bezirksgericht Münchwilen, das Obergericht, das Bundesgericht und wiederum das Obergericht. Das «Thurgauer Volksblatt» in Sirnach hatte eine Einsendung veröffentlicht, in welcher dem Vorsteher Otto Müller Irreführung der Gemeinde und Amtsmissbrauch vorgeworfen wurden. Da der Name des Verfassers nicht bekannt gegeben wurde, erhob Müller Strafklage gegen den Redaktor Urs von Schröder. Auf dem Weg durch die Instanzen ging es um Tatbestände von Amtsehrverletzung, übler Nachrede und Verleumdung.

Was den Ortsvorsteher nicht nur ärgerte, sondern offensichtlich tief kränkte, war die Behauptung, die Zahlen über die effektiven Einnahmen der Ortsgemeinde seien manipuliert; in den vergangenen Jahren seien sie stets unter 10 000 Franken gelegen, jetzt würden einseitig die Einnahmen von 1966 hervorgehoben, die indessen nur wegen 6 000 Franken aus einer Grundstückgewinnsteuer auf 15 000 Franken angestiegen seien. Die effektive Höhe dieser Beträge und der Schulden von Wängi war zwar für die Bildung der Einheitsgemeinde völlig nebensächlich, aber sie wurden für einige Zeit zum beherrschenden Thema offizieller und privater Stellungnahmen.

Am 26. Juni 1969 sprach das Obergericht den Redaktor der üblen Nachrede schuldig und auferlegte ihm eine bedingte Geldbusse, einen Teil der Verfahrenskosten und eine Entschädigung von 400 Franken an Otto Müller für Umtriebe und als Genugtuung.36

« . . . Tatbestände von Amtsehrverletzung, übler Nachrede und Verleumdung.»

Nach dem Korrespondentenbericht in der Thurgauer Volkszeitung vom 3. Juli 1969

36


Vorwärts zur Einheitsgemeinde

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Das Verschwinden der Ortsvorsteher – die Ablösung der Bauern

Noch während seiner Amtszeit als «höchster Thurgauer» erlebte Otto Müller die Abwahl als Gemeindeammann sowie die absehbare Abschaffung seiner Ortsgemeinde, damit auch den bevorstehenden Verlust des Vorsteheramtes. Von diesen Schlägen erholte er sich nicht mehr. Der Untergang der Ortsgemeinde Krillberg wurde zum beherrschenden und bedrückenden Gedanken seiner letzten Jahre. An der letzten Ortsgemeindeversammlung am 10. Juli 1969 erwähnte er die Reihe der 4 Ortsvorsteher, die Krillberg in einem Jahrhundert regiert hatten, insbesondere seinen Vater, der dieses Amt 1907 angetreten hatte und dem er selbst im Jahr 1934 nachfolgte. Otto Müllers verlorener Kampf symbolisiert den unaufhaltsamen Wandel von den kleinräumigen Gemeinschaften zu komplexen Organisationsgebilden. Noch vor dem politischen Bereich fand diese Entwicklung im wirtschaftlich-industriellen Sektor statt und führte schliesslich in die weltweite Verflechtung, die wir als Globalisierung bezeichnen. In personeller Hinsicht wird die historische Ablösung der Bauern sichtbar. Die dörflichen Gemeindevorsteher waren Bauern gewesen wie schon ihre Vorgänger und wurden nun allmählich durch Funktionäre ersetzt, von der Sache her unvermeidlich, aber ein unersetzlicher Verlust an Bodenständigkeit und staatsbürgerlicher Stabilität.

Thurgauer Zeitung vom 24. Mai 1966

37

Am Montag, 23. Mai 1966 wählte der Grosse Rat des Kantons Thurgau Otto Müller zu seinem Präsidenten. Nach dem feierlichen Empfang durch Behörden, Vereine und Volk fand im «Schäfli» das Nachtessen mit den Gästen aus Regierung, Parlament und Parteien statt.37

Es war auch kein Zufall, dass 1972 die stolze Waffengattung der Bauern – die Kavallerie – abgeschafft wurde. Tradition, Symbolkraft und Corpsgeist dieser Truppe waren legendär, doch war ihr Kampfwert umstritten, vor allem seitdem die mutigen polnischen Ulanen 1939 von Hitlers Panzern vernichtet worden waren.


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Den Blick von ihrem örtlichen Zentrum, dem Landsberg, hinunter nach Wängi wollten die Krillberger in ihrem Zonenplan freihalten. Dass dies infolge eines Missverständnisses nicht gelang, war vermutlich Otto Müllers letzter grosser Ärger. (Postkarte etwa 1960)

Der Löwe von Krillberg – das letzte Lebenszeichen Als «Löwe von Krillberg» wurde Otto Müller nicht selten –  gelegentlich ironisch – bezeichnet, wohl in Anlehnung an den Löwen von Winterthur, Bundesrat Forrer, und den Löwen von Siders, Nationalrat Delleberg – eigenwillige, hartnäckige Kämpfer. Im Zonenplan von 1967 hatte die Ortsgemeinde Krillberg die Parzelle Nr. 283 gegenüber dem Restaurant Landsberg freihalten wollen - eines der wenigen heute noch nicht überbauten Grundstücke. Irrtümlicherweise war es als öffentliche Zone statt als Freihaltezone deklariert worden. Im Gegensatz zur Freihaltezone kann der Besitzer eines Grundstücks in der öffentlichen Zone die Umteilung in die Bauzone verlangen, wenn kein Bedarf der Öffentlichkeit besteht. Das war hier der Fall. Der Besitzer wollte das Grundstück nun überbauen, und der Gemeinderat beantragte der Versammlung vom 24. September 1974 die Umteilung in die Bauzone.

A. Raas stellte den Gegenantrag, das Land neu als Freihaltezone zu deklarieren, mit dem Argument, es stünde der Munizipalgemeinde Wängi als Rechtsnachfolgerin wohl an, den früheren Irrtum der Krillberger zu korrigieren, auch wenn das ins Geld gehe. Das wurde mit 117 zu 34 Stimmern so beschlossen. Schon am nächsten Morgen erhielt A. Raas einen Anruf von Otto Müller, der ihm dafür dankte, dass er sich für Krillberg eingesetzt habe. «Wenn ich wieder gesund bin, müssen Sie unbedingt vorbeikommen. Ich kann Ihnen dann etwas sagen, was Sie bestimmt noch nicht wissen.» Zu dieser Begegnung kam es nicht mehr. Der «Löwe von Krillberg» wurde einen Monat später auf dem Friedhof von Wängi begraben, nur wenige Schritte von seinem ungeliebten Gegenspieler Otto Sax entfernt. Und nun wächst schon der von der politischen Gemeinde bestens gepflegte Rasen über den ehemaligen Grabstätten.

«Zu dieser Begegnung kam es nicht mehr.»


Vorwärts zur Einheitsgemeinde

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Heiterschen 1991 Aus dem Bildband «Ortsgemeinde Wittenwil» Neben dem aus Bauernhäusern und kleinen Industriebetrieben bestehenden Ortskern wirken die Wohnhäuser am Michelsbühl und die Fabrik- und Gewerbegebäude entlang der Autobahn wie eine eigenständige Siedlung.

Was war mit Heiterschen? Die Kommission Kramer veröffentlichte 1977 – 78 ihre Arbeitsberichte zur Neugestaltung der Gemeinden. Dabei ging sie von einer Angleichung von politischen Gemeinden und Sekundarschulkreisen aus. Heiterschen bildete einen Teil der Ortsgemeinde Wittenwil und der Munizipalgemeinde Aadorf, gehörte aber schulisch und kirchlich zu Wängi. Die Kommission schlug vor, die Autobahn als Gemeindegrenze festzulegen. So geschah es auf Grund der ab 1. Januar 1990 geltenden neuen Kantonsverfassung. Die 1812 durch Dekret des Grossen Rates erfolgte Zuweisung von Heiterschen, Jakobstal und Jakobsbad an Wittenwil wurde aufgehoben und das Gebiet kam 1996 an die politische Gemeinde Wängi. Eine gehaltvolle Broschüre begleitete das Ende der Ortsgemeinde Wittenwil unter ihrem letzten Vorsteher Gerold Krähenmann.

Schulisch war die Lage ursprünglich noch komplizierter, weil das Erziehungsdepartement den Weiler Jakobstal inkl. Alp schon 1993 von der Schulgemeinde Matzingen nach Wängi umgeteilt hatte, und zwar entsprechend einem Gesuch der Ortsgemeinde Wittenwil. Alles klar?

Walter Kramer 1925 – 1992 Obergerichtspräsident


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Zeittafel vor 1798

Niedere und hohe Gerichtsherrschaften im Gebiet der heutigen politischen Gemeinde Wängi.

1803

Die Mediation bringt die nach französischem Vorbild eingeführten Munizipalgemeinden, ohne indessen die Ortsgemeinden aufzuheben. Die Munizipalgemeinde Wängi besteht aus den Ortsgemeinden Anetswil, Krillberg, Tuttwil und Wängi.

1945

21. Oktober

Die Munizipalgemeindeversammlung beschliesst, die Frage einer Einheitsgemeinde zu prüfen.

1964

15. April

Die Munizipalgemeindeversammlung wählt eine Kommission zur Prüfung der Bildung einer Einheitsgemeinde.

1965

2. Oktober

Die Anträge der Kommission betreffend das Abstimmungsverfahren werden in einer ausserordentlichen Munizipalgemeindeversammlung genehmigt.

27. November

in allen Ortsgemeinden finden zeitgleich die Abstimmungen über die Bildung der Einheitsgemeinde statt. Wängi und Tuttwil nehmen an, Anetswil und Krillberg lehnen ab.

1966

19. Februar

Die Munizipalgemeindeversammlung nimmt ebenfalls an.

1967

30. März

Der Regierungsrat befürwortet die Einheitsgemeinde in seiner Botschaft an den Grossen Rat.

30. April

Fritz Horber wird neuer Gemeindeammann; der ebenfalls kandidierende bisherige Otto Müller wird nicht gewählt.

2. Oktober 17. Oktober 2. November

Sitzungen des Grossen Rates. Die Bildung der Einheitsgemeinde wird beschlossen.

15. November

Der Regierungsrat legt die Bildung der Einheitsgemeinde auf den 1. Januar 1969 fest. Die Ortsgemeinde Krillberg beschliesst, den Entscheid des Grossen Rates mit einer staatsrechtlichen Beschwerde beim Bundesgericht anzufechten. Die Ortsgemeinde Anetswil, obwohl dazu aufgefordert, beteiligt sich nicht an diesem Vorhaben.

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Damit hat die politische Gemeinde Wängi ihre heutige Gestalt und Struktur erreicht. Auch der Kanton Thurgau hat durch die Verfassung vom 1. 1. 1990 und das «Gesetz über die Gemeinden» vom 1. 1. 2000 mit einer Verzögerung von 2 Jahrhunderten die grundsätzliche territoriale Idee der Helvetik vollzogen.


69

1968

1969

1970

18. September

Eröffnung des Bundesgerichtsurteils

14. Dezember

In einer ausserordentlichen Versammlung der Munizipalgemeinde wird das Organisationsreglement ohne Gegenstimme angenommen.

1. Januar

Start der Einheitsgemeinde

18. September

Der Autobahnabschnitt Wängi-Breitfeld (St. Gallen) wird eröffnet. Wängi ist 1 Jahr lang Anschlusspunkt.

11. November

Eröffnung der Autobahn Winterthur-St. Gallen. Ein Abschnitt der künftigen Gemeindegrenze von Wängi zeichnet sich ab.

1970

Einreichung der Motion Scheuber im Grossen Rat

1971

Einsetzung einer Kommission zur Vereinigung der Schulgemeinden Eggetsbühl, Tuttwil und Wängi. Abbruch der Arbeit nach 8 Sitzungen

1979

19. Mai

Einweihung des Gemeindehauses: Voraussetzung für den Ausbau der technischen Gemeindedienste

1982

1. Januar

Bildung der Volksschulgemeinde Wängi entsprechend der Vorlage der 2. Vereinigungskommission

1988 – 1990

Die Dorfgemeinde Wängi sowie die Wasser- und Elektrokorporationen werden von der Munizipalgemeinde übernommen.

1990

Die neue Kantonsverfassung hebt die Ortsgemeinden auf und schafft die politische Gemeinde.

1996

Heiterschen wird von Aadorf gelöst und der Munizipalgemeinde Wängi zugeteilt.

2007

Der Regierungsrat genehmigt die Auflösung der Wasserkorporation Heiterschen und die Übernahme durch die Gemeindewerke Wängi (TZ 25.5.07).

Wenn nun schon die Rede davon ist, den Thurgau mit benachbarten Kantonen zu verschmelzen, ist auch das nicht neu, wollte doch neben andern, teilweise abenteuerlichen Vorschlägen der helvetische Vollziehungsausschuss 1801 die Kantone Schaffhausen und Thurgau vereinigen.

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70

Anhang 1 «Frauenpower»

Wo blieben denn die Frauen? Nur männliche Porträts sind bisher in dieser Schrift zu finden. War es überhaupt korrekt, in dieser Studie jeweils nur die männliche Form zu verwenDatum den? Ja, denn die Frauen Bereich existierten in der Auseinan- Schule 26. 01. 1969 dersetzung um die Einheits07. 02. 1971 gemeinde politisch noch gar Bund nicht. Nicht eine einzige Ein- Kanton 12. 12. 1971 sendung oder Stellungnahme von weiblicher Seite ist bekannt.

Wie kamen die Frauen zu ihren Stimmrechten? Bund Ja : Nein

621 109 : 323 882

Kanton Ja : Nein

Wängi Ja : Nein

13 568 : 13 164

183 : 211

13 464 : 17 064

157 : 261

16 000 : 9 542

202 : 152

Nicht gerade ein Ruhmesblatt für Wängi und den Thurgau! Was die Bauersfrauen erzählten: Kurz nach der Einführung des Frauenstimmrechts fand eine gut besuchte Landfrauentagung statt. Als Redner trat ein populärer thurgauischer Staatsmann auf. In seinem Referat sang er das hohe Lied vom Wirken der Frau in Haus, Hof und am Herd, insbesondere aber in der Politik. Nach dem verdienten Applaus wurde die Diskussion zu diesem Thema eröffnet. Da meldete sich eine recht aufgebrachte Teilnehmerin und sagte, sie finde es charakterlos von einem Regierungsrat, wenn er jetzt das Frauenstimmrecht so in den Himmel lobe und man doch genau wisse, dass er vehement dagegen gewesen sei. Kurze peinliche Stille. Gänzlich ungerührt erwiderte der Angegriffene: «Nein, liebe Frau, das ist absolut keine Charakterlosigkeit – das ist eine saubere Kehrtwendung um 180 Grad!». Neuer Applaus.

Das Frauenbild im Schulbuch, etwa 1900


Anhang 1 «Frauenpower»

71

Doch halt – es gab doch eine Frauengemeinde am 12. Januar 1930! Es ging um ein Thema, wo die Männer zwar als Verursacher, aber sonst nicht beteiligt waren: Wahl einer Hebamme. 144 Frauen nahmen teil. Die Leitung hatte Gemeindeammann Ulrich Frei, das Protokoll führte Gemeinderatsschreiber Johann Bommer. Um die Frauen geistig nicht zu überfordern, hatte der Gemeinderat vorsorglich eine der beiden Bewerberinnen bereits gestrichen, so dass die einzige Kandidatin Frau Nussbaum-Traber problemlos gewählt werden konnte. Sie übte ihr verantwortungsvolles Amt während fast 4 Jahrzehnten bestens aus. Andrerseits hatten anno 1888 die Männer das Gesuch der Hebammen auf Erhöhung des jährlichen Wartgeldes von 50 auf 80 Franken mit grosser Mehrheit mutig abgelehnt.

« . . . wo die Männer zwar

Mit freundlicher Erlaubnis des damaligen Säuglings zeigen wir eine Hebammenrechnung von 1937 im Betrag von Fr. 68.30, inkl. Gummiflasche, Thermometer, Brustsalbe «Deber und Hafter», Puderdose, Hamolcreme, Badseife, Zwieback, Borwasser und Tee.

als Verursacher, aber sonst nicht beteiligt waren: Wahl einer Hebamme.»

Aus katholischer Sicht hatte die Hebamme bis etwa Mitte des 20. Jahrhunderts noch eine zusätzliche Aufgabe. Bei Fehlgeburten war oft kein Geistlicher rechtzeitig zur Stelle, um das Kind noch vor dem Eintritt des Todes zu taufen. Das war dann Sache der Hebamme. Die Befugnis, die so genannte Nottaufe durchzuführen, wurde auch andersgläubigen Hebammen nach einer entsprechenden Instruktion zuerkannt.


72

Frau Pfarrer Heim (1859 – 1930), inmitten ihrer Kochschülerinnen. Die evangelischen Pfarrherren von Wängi profitierten von einem Vorteil, der ihren katholischen Kollegen aus Zölibatsgründen nicht zustand, indem ihre Frauen sich bis in die Gegenwart als tatkräftige und erfolgreiche Mitgestalterinnen des kirchlichen und dörflichen Lebens betätigten. (Bild etwa 1920)


Anhang 1 «Frauenpower»

Nach all den männlichen Porträts, die ja von Natur aus nicht viel hergeben, publizieren wir mit besonderem Vergnügen Maria Figi-Sigg, die erste Gemeinderätin von 1982 – 1995. Seither sind die Frauen im 7-köpfigen Gemeinderat immer mit einer Person vertreten: Trudi Krumm-Jost (1995 – 2003), Brigitte Moser-Bohnenblust (2003 – 2007), Susi Gamper-Sennhauser (seit 2007).

Maria Figi-Sigg *1936 die erste Gemeinderätin von 1982 – 1995

An der Schulgemeindeversammlung vom 15. Februar 1969 waren erstmals die Frauen eingeladen. Zwei von ihnen wurden gleich in die Vorsteherschaft gewählt: Hanni Bischof-Isler und Leonie Thalmann-Wirth. Bereits zur Normalität gehörte es, dass 2001 Francine Gaggioli-Stacher als Nachfolgerin für Nationalrat Hansjörg Walter mit hoher Stimmenzahl zur Schulpräsidentin gewählt wurde. Im Jahr 2008 waren von 103 Schulpräsidien bereits deren 31 von Frauen besetzt.

«An der Schulgemeindeversammlung vom 15. Februar 1969 waren erstmals die Frauen eingeladen. Zwei von ihnen wurden gleich in die Vorsteherschaft gewählt.»

Francine Gaggioli-Stacher *1964 Schulpräsidentin seit 2001

73


74 Mit drastischen Mitteln traten die Frauen an der Gewerbeausstellung von 1989 auf, indem sie das Ersticken im Abfall durch die Verwandlung des sportlichen Menschen zum Totengerippe darstellten.

Eine typische Entwicklung von Frauenpower38 war die Plastic- und Aluminiumsammlung, die ohne jede Entschädigung von über 20 Frauen (ergänzt durch Gottlieb Höppli) während Jahren durchgeführt wurde. Von weit her kamen die Leute, um hier ihre Abfälle richtig entsorgen zu lassen. Der harte Kern der Gruppe: v.l. Maria Figi, Heidi Raas, Josée Ebner, Regina Müller, Annemarie Wüthrich, Vreni Roth Anna Walder (1894 – 1986)

Anna Walder (1894 – 1986) war die Tochter von Hermann Walder, der von 1880 – 1916 als Arzt in Wängi wirkte. Nach vielseitiger Tätigkeit im Fürsorgewesen übernahm sie 1922 die neu geschaffene kantonale Zentralstelle für die weibliche Berufsberatung und war massgeblich beteiligt am Entstehen von Frauenorganisationen. Ihre Verdienste um die weibliche Berufsberatung sind eindrücklich, jedoch konnte sie als Tochter aus bestem Hause ein gewisses Vorurteil gegenüber Mädchen von bescheidener Herkunft nicht immer überwinden.

Hermann Walder (1855 – 1931)

«Eine typische Entwicklung von Frauenpower war die Plastik- und Aluminiumsammlung . . . »

Auf den neudeutschen Ausdruck «Frauenpower», der an das Powerplay im Eishockey erinnert, sind wir nicht gerade stolz, da er das Typische der weiblichen Wirkungsweise vergröbert.

38


75

Frauen, die ein eigenes Geschäft führten, gab es schon seit langem. Sie betrieben Läden, Ateliers, Kosmetik-, Coiffure- und Gesundheitseinrichtungen, Heime aller Art, Gaststätten, Bauernhöfe, Agenturen, Beratungsstellen, etc. Selbstständige Unternehmerinnen in der Industrie fand man selten. Als Exoten wurden sie in den Medien gern erwähnt. So kam auch Ursula Sulzer-Stierlin einmal zu einem längeren Fernseh-Interview. In der Zwirnerei Rosenthal AG, die ihr Vater 1924 eingerichtet hatte, arbeitete sie aktiv im Betrieb mit, zuerst als Prokuristin, später als Mitglied und schliesslich als Präsidentin des Verwaltungsrates, bis zur Übergabe der Firma an Karl Raas im Jahr 1988. Das Weiherhaus und den prächtigen Park pflegt sie mit Liebe und trägt damit zur Qualität des Dorfbildes bei. Bei der Nennung von Frauen, die durch ihr Wirken und ihre Stellung öffentlich bekannt sind, ist man sich bewusst, dass nur der beharrliche Einsatz einer grossen Zahl unbekannter Frauen die Entwicklung von Wohlfahrt und Wohlstand überhaupt ermöglichte. Wie mancher Kleinunternehmer war auf die Arbeitskraft seiner Ehefrau angewiesen, die neben dem Haushalt das Büro besorgte. Der Handwerker verstand sein Metier, führte aber oft einen hoffnungslosen Kampf mit Schreib- und Rechnungsmaschine, hasste das pedantische Ausfeilen von Offerten und schob die Rechnungsstellung vor sich her. Die Frau machte das flinker, wusste über viele Einzelheiten bald besser Bescheid als der Mann und trieb das ausstehende Geld mit unerbittlichem Charme ein. Ebenso war ein Bauernhof ohne Bäuerin kaum vorstellbar.

Ursula Sulzer-Stierlin *1925

Und was wäre unser Dorf beispielsweise ohne SPITEX, Pflegerinnen im Wohn- und Pflegezentrum, Lehrerinnen, kirchliche Frauenorganisationen und weiblich dominierte Elternvereinigungen? Der Ansturm der Frauen auf die politische Tätigkeit in der Gemeinde hielt sich in Grenzen, was im ganzen Kanton festzustellen war. An der letzten «Männer»gemeinde (12. Dezember 1971) waren von 636 Stimmberechtigten 151 anwesend. An der folgenden Versammlung (28. Juni 1972) hatte sich die Zahl der Stimmberechtigten auf 1 349 erhöht, es waren jedoch nur 129 anwesend. In den folgenden Jahren waren im Schnitt 3-mal mehr Männer anwesend als Frauen; ab 1976 wurden diese Angaben nicht mehr erhoben. Frauenpower – wohl eher eine Sache von Qualität als von Quantität.

«Frauenpower – wohl eher eine Sache von Qualität als von Quantität.»


76

Anhang 2 «Herrliche Zeiten»

Postkarte 1905

«Herrliche Zeiten» hatte Kaiser Wilhelm II. (deutscher Kaiser von 1888 – 1918) seinem Volk versprochen. Tatsächlich war die Zeit um die Jahrhundertwende von Zuversicht und Optimismus geprägt, auch in Wängi, wo die Bautätigkeit merklich zunahm. Zwei Postkarten, die etwa um 1905 und 1910 vom Schlossberg aus aufgenommen worden sind, zeigen 9 bauliche Veränderungen. Lösungen auf den Seiten 78/79.


Anhang 2 ÂŤHerrliche ZeitenÂť

Postkarte 1910

77


78

Postkarte 1910 (Lรถsungen)


Anhang 2 «Herrliche Zeiten»

79

1 Fassadenrenovation der Kirche 2 Das neue Postgebäude, nach dem Abbruch der Scheune 1907 erbaut, ebenfalls Büro der Darlehenskasse; rechts vom Kamin schwach erkennbar der Turmaufsatz mit den Telefondrähten 3 Der Wirt zur «Brücke», später «Ochsen», hat die Terrasse ausgebaut . . . 4 . . . dazu noch eine grosse Mansarde 5 Stalleinbau (heute Raiffeisenbank) 6 Das neue Türmlihaus an der Dorfstrasse 7 Anschluss an das Stromnetz, weitere Masten 8 Erweiterung des Anbaus 9 Das neue Wartheim an der Steinlerstrasse Vielleicht gibt es noch weitere Unterschiede.

Das stattliche Haus hinten links an der Brühlstrasse, auf dem ersten Bild nicht erfasst, wurde – wie der Lindenhof an der Aadorferstrasse – vom Stararchitekten Albert Rimli (1871 – 1954) erbaut. Er schuf 20 Schulhäuser und 35 Kirchen im typischen «Rimli-Barock». Seine schönsten Kirchen finden sich in Frauenfeld und Kreuzlingen-Emmishofen, das nächste Schulhaus ist vermutlich Wallenwil-Eschlikon.


80

Anhang 3 «Die Gemeindeammänner» 1819

Bommer, Tuttwil

1825 – 1833

Höpply Joh. Heinrich, Untertuttwil

1833

Ammann Adam, Vorsteher, Wängi

1853

Bruggmann Adam, Wängi

1853 – 1874

Ammann J., Wängi, zeitweise im Kreisgericht Lommis

1874 – 1875

Gubler Werner, Wängi, nachher Friedenrichter Kreis Lommis

1875 – 1877

Ammann Adam, Wängi

1877 – 1883

Bruggmann Jakob, Wängi, nachher Friedensrichter Kreis Lommis

1883 – 1906

Ammann Ferdinand, Wängi

1906 – 1908

Früh Jakob, Wängi, nachher Notar Kreis Lommis

1908 – 1945

Frei Ulrich, Obertuttwil

1945 – 1950

Walter Emil, Grossonkel von Nationalrat Hansjörg Walter

1950 – 1967

Müller Otto, Krillberg, Grossratspräsident 1966 – 1967

1967 – 1995

Horber Fritz, Wängi

1995 – 2003

Neff Kurt, Wängi

2003

Storchenegger Benno, Wängi

Ulrich Frei

Emil Walter

Otto Müller

Fritz Horber

Kurt Neff

Benno Storchenegger


81

Die Ortsvorsteher Anetswil

Tuttwil

1843 – 1864

Sprenger, Eggetsbühl

1863 – 1875

Wegmann A., Untertuttwil

1865 – 1886

Gamper J. Jakob

1875 – 1895

Höpli

1887 – 1918

Sprenger Gottfried, Eggetsbühl ab 1918 Friedensrichter

1895 – 1919

Frei Ulrich auch Gemeindeammann

1918 – 1932

Horber Walter, Schönenberg

1919 – 1932

1932 – 1950

Walter Emil, Grüthof auch Gemeindeammann im Amt verstorben

Höpli Alois Wegzug

1932 – 1961

Wegmann

1961 – 1969

Thalmann Emil

1950 – 1961

Schwarzer Ernst, Ebenholz

1961 – 1969

Müller Hans, Lachen

Krillberg

Wängi

1863 – 1870

Wirth im Amt verstorben

1858 – 1868

Bruggmann

1870 – 1884

Künzli Johann, Ragatz

1868 – 1886

Kocherhans Jakob im Amt verstorben

1884 – 1907

Wirth Konrad, im Hüsli

1886 – 1908

Früh Jakob, nachher Notar

1907 – 1934

Müller Jakob, Krillberg

1908 – 1934

1934 – 1969

Müller Otto, Krillberg auch Gemeindeammann

Bommer Johann im Amt verstorben

1934 – 1969

Bommer Hermann (Sohn Johanns)


82

Der Gemeinderat von Wängi 2008

Susi Gamper-Sennhauser

André Anner

Robert Beusch

Werner Hofstetter

Patrick Krähenmann

Markus Nägeli

Benno Storchenegger Gemeindeammann


83

Quellenverzeichnis Wichtigste gedruckte Quellen Anzeiger von Wängi, privat und im Ortsmuseum Wängi Aus der Arbeit der Kommission Kramer, Frauenfeld 1978 Bandle Max, TG in Mediationszeit, TZ 26.6.1953 Brüllmann Fritz, Die Befreiung des Thurgaus, Weinfelden 1948 Bundesgericht: Sammlung der Entscheidungen, Bd. 94 1968 Dürrenmatt Peter, Schweizer Geschichte, Bern 1957 Düssli Hans, Das Armenwesen des Kantons Thurgau, Frauenfeld 1948 Eidgenössische Abschiede (Beschlüsse der Tagsatzung) Erziehungsdepartement TG, 125 Jahre TG Sek.lehrerkonferenz, Frauenfeld 1982 Greyerz Th., Herzöge von Schwaben, Frauenfeld 1917 Hasenfratz Helene, Die Landgrafschaft Thurgau, Frauenfeld 1908 Herdi Ernst, Geschichte des Thurgaus, Frauenfeld 1943 Hürlimann Heinrich, Geschichte einer Sekundärbahn, Frauenfeld 1942 Knoepfli Ernst, Geschichte von Aadorf, Frauenfeld 1987 Kunstdenkmäler der Schweiz, Band 34 Künzler Viktor, Gemeindegeschichte von Münchwilen, St. Margarethen 1999 Leutenegger Albert, Geschichte der thurg. Gebietseinteilung, Frauenfeld 1930 Nater Johann, Geschichte von Aadorf, Frauenfeld 1898 Ortsgemeinde Wittenwil, Bildband, Elgg 1991 Pupikofer, Geschichte der Kirchgemeinde Wängi, Frauenfeld 1844 do., Gemälde der Schweiz XVII, St. Gallen und Bern 1837 Reglemente und Berichte der beteiligten Gemeinden Rosenkranz Paul, Die Gemeinden im TG bis ... 1872. in TJB 107 Schoop Albert u.a., Wirtschaftsgeschichte des Kantons Thurgau, Weinfelden 1971 do., Geschichte des Thurgaus, Frauenfeld 1994 Stutz Jakob, Stettfurter Chronik, Frauenfeld 1946 Thurgauer Beiträge zur Geschichte (TB) Tuchschmid Karl, Geschichte von Wängi, Sirnach 1948


84

Quellenverzeichnis

Ungedruckte Quellen Ammann Emil, Chronik, Wängi 1963 Ammann Konrad, Chronik, Wängi 1940 Bischof-Weideli Otto, 100 Jahre Evangelische Kirchgemeinde, 1958 do, Schulgeschichtliches aus Wängi, ca. 1940 De Martin Umberto, Protokoll-Splitter Kath.Kirchgemeinde, Wängi, 1993 Nägeli Carlo, Wängi - eine Thurgauergemeinde, Studie 1976 Protokolle Grosser Rat und Regierungsrat, Staatsarchiv TG Protokolle im Gemeindearchiv Wängi Staatsarchiv des Kantons Thurgau, Pfarreiakten, Staatskalender, u.a. Stiftsarchiv des Kantons St. Gallen (Karte und Urkunde von Alt-Wängi) Thalmann Annina, Die Entstehung der Einheitsgemeinde Wängi, Studie 2006 Walder Dr. Hermann, Memorabilia Wengensia, ca 1900 Wiesmann Gladys, Aus der Geschichte des Kindergartens, ca. 1965 Auskunftspersonen (soweit nicht im Text erwähnt; wenn ohne weitere Angabe: Wohnort Wängi) Käthi Alder Otto Bischof Ida Bommer Hansulrich Brenner, Matzingen Umberto De Martin Markus Dick Dr. Adrian Dubs, Zürich Andreas Gemperli, Kantonsbibliothek H. Philipp und Monika Geyl Dr. Karl Frehner Dr. Bruno Giger Thomas Goldinger Stephan Gossweiler, Kantonsbibliothek Marianne Götz Paul Hasler Emil Heeb, Kreuzlingen

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Lorenz Hollenstein, Stiftsarchivar SG Dr. Adolf Josef Barbara Kammacher, Kreuzlingen Margrit Morgenthaler, Kantonsbibliothek Dr. Max Müller., Frauenfeld Otto Müller jun. André Salathé, Staatsarchivar TG Linus Schwager Manfred Spalinger, Staatsarchiv Adrian Stäheli Rolf Thalmann Susanne Tobler, Staatsarchiv Ernst Trachsler Hans Walter Christian Wanner Walter Zuppinger

Den erwähnten Persönlichkeiten und den Verfassern der benützten Literatur gilt unser herzlicher Dank! Die zahlreichen Begegnungen waren stets anregend und menschlich bereichernd.


Impressum Autor Andreas Raas, Wängi Fotos Ortsmuseum und Privatbesitz

Diese kleine Festschrift widme ich im Besonderen meiner im Jahre 2001 verstorbenen Frau Heidi. Als Tochter des Schmieds Gnehm in Wängi aufgewachsen, verfolgte sie die Geschichte des Dorfes mit zunehmendem Interesse. Vor allem hat sie die Fotosammlung des Ortsmuseums aufgebaut und durch ihre vielen persönlichen Beziehungen erweitert.

Bildbearbeitung Ruedi Götz, Wängi Layout/Satz Ueli Mattenberger, Affeltrangen Produktion VMA Media, Affeltrangen im November 2008

Es ist das Schicksal des Fotografen, dass er selber am wenigsten auf den Fotos erscheint. Deshalb hier noch ein Bild von Ruedi Götz, dem ich aus jahrzehntelanger Freundschaft vieles verdanke. Die Zusammenarbeit bei der Gestaltung der Festschrift war ein weiteres schönes Erlebnis.

Zu guter Letzt: Die Erklärungshoheit, ob die Bewohner von Wängi als «Wängemer» oder als «Wängener» zu bezeichnen sind, habe ich mir nicht selber angemasst. Nicht etymologisch, aber historisch stütze mich auf den in den St. Galler Lehensbüchern um 1400 herum erwähnten «Hans der Wänginer» – nicht «Wängimer». Bis zum Vorliegen eines rechtsgültigen Entscheids des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte bleibe ich dabei. Diese Schrift zum 40-jährigen Jubiläum der politischen Gemeinde soll im Verlauf der folgenden Jahre durch weitere Hefte ergänzt werden, je nach der Verfügbarkeit von Materialien, Finanzen und bearbeitenden Personen.

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Andreas Raas

WĂ&#x201E;NGI

Der Weg von der Gerichtsherrschaft zur politischen Gemeinde

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Andreas Raas: Wängi · Der Weg von der Gerichtsherrschaft zur Politischen Gemeinde · Wängener Heft 1  

Andreas Raas schrieb dieses Buch aus Anlass des 40-jährigen Bestehens der Politischen Gemeinde Wängi.

Andreas Raas: Wängi · Der Weg von der Gerichtsherrschaft zur Politischen Gemeinde · Wängener Heft 1  

Andreas Raas schrieb dieses Buch aus Anlass des 40-jährigen Bestehens der Politischen Gemeinde Wängi.

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