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Ausgabe N°15 • Mai / Juni 2011 • Jahrgang 2 • trafficnewstogo.de

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The Geometry of Conscience, Museum der Erinnerung und der Menschenrechte, Santiago 2010

Metaphorisch gesprochen beruht mein Interesse für Alfredo Jaar gerade auf seiner Fähigkeit, die Diskrepanzen zwischen räumlichen Konfigurationen, die uns die Geschichte liefert, und den narrativen Mustern, die von menschlichem Verhalten geprägt sind, auszuloten. Und um dies wirkungsvoll zu tun, braucht es keinen Architekten, sondern einen Poeten.

Die Konstruktion von Erzählungen von Lorenzo Fusi, Liverpool Übersetzung: Dominik Fehrmann Alfredo Jaar sieht sich selbst als Architekten, der Kunst macht. Mit einem Architektur-Diplom im der Tasche, freilich ohne jemals als Architekt gearbeitet zu haben, stand Jaar vor der Schwierigkeit, das beste Ausdrucksmittel für das zu finden, was ihn beschäftigt. Fraglos prägen seine Kenntnisse in Architektur und sein Raumverständnis die Entwicklung und endgültige Form seiner Kunstprojekte. Besonders stark aber macht sich das Studium der Architektur, wie Jaar selbst sagt, im Schaffensprozess bemerkbar – jener heiklen Phase, in der er sich derselben Strategien und Handlungsmuster im Hervorbringen, Systematisieren und Ausarbeiten seiner Ideen bedient, die auch ein Architekt nutzen würde. Jaar beginnt seine Projekte jedes Mal mit dem Sammeln von Informationen und Wissen rund um ein bestimmtes Thema. Hat er eine hinreichende „kritische Masse“ an Erkenntnissen beisammen, kommt mittels Synthese und Reduktion (per via di levare, wie Leonardo da Vinci sagen würde) allmählich das Wesen des Projekts zum Vorschein. Erst zu diesem

Zeitpunkt stellt sich auch die Frage nach der Form der Umsetzung. Nun ist Jaar offenbar kein herkömmlicher Architekt, der einen vorgegebenen Raum mit Wänden umbaut. Was genau ist es also, das Alfredo Jaar konstruiert? Vielleicht lautet die richtige Antwort: Sinn. Genauer gesagt: Erzählungen und Diskurse. Er liefert textliche Interpretation von Lücken in der Geschichte und verschafft zum Schweigen gebrachten Stimmen Gehör. Natürlich spielt die Form (antizipiert in einem langen Reifeprozess, der kristallisierte oder aber vergängliche Gebilde hervorbringt) in seinem Oeuvre eine wichtige Rolle. Denn sie bildet ein lyrisches Gegenstück zur Menge harter Fakten (Informationen), die seine Projekte in aller Regel vermitteln. Jaars Kunst verweist oft auf einige der unbehaglichsten und schrecklichsten Ereignisse der Geschichte. Um historische Lücken mit Nacherzählungen zu füllen, muss der Künstler sich in gefährliche und sensible Bereiche vorwagen, sich zum Beispiel mit kollektiven Erinnerungen oder Traumata auseinandersetzen. Auf diesem heiklen Terrain lauern allerlei semantische und psychologische Fallen - ständig wird man hier zu paternalistischem Mitgefühl und Sentimentalitäten verlei-

tet. Um diese Fallen zu umgehen, braucht es eine gewisse emotionale Distanz zum behandelten Gegenstand. Weitet sich allerdings der Raum zwischen erzählendem Selbst und den Ereignissen zu sehr, droht das lyrische Moment verloren zu gehen. Auf die Gefahr hin, eine ziemlich komplizierte Sache übermäßig zu vereinfachen: Am besten bestimmt man den mentalen Raum, den Jaar durch sein Werk konstruiert, als jene Distanz, die Analyse von Affektivität trennt. Will man diesen Gedanken in Begriffen der Architektur fassen und theoretisch fundieren, kann man auf das Konzept des räumlichen Wissens zurückgreifen. Bill Hillier zufolge besteht das räumliche Wissen, das wir zum Verstehen von Städten und Gebäuden nutzen, nach verbreiteter Ansicht aus drei wesentlichen Elementen: den Orientierungshilfen – also visuellen Raummarkierungen; den Routen – also erinnerten Wegen von Ausgangspunkten zu bestimmten Zielen; und den Karten – die insofern konfigurierenden Charakter haben, als sie die ersten beiden Elemente zu einem allozentrischen Bild oder „Überblick“ zusammenfügen. Alle drei Elemente sind für Architekten und Städteplaner von unmittelbarem Interesse, die dritte –

die Konfiguration – aber ganz besonders, da das, was Architekten entwerfen und Planer planen, nun mal räumliche Konfigurationen sind. Und ob diese gelingen oder misslingen, hängt oft davon ab, wie gut die räumliche Konfiguration den tatsächlichen Verhaltensmustern der Menschen entspricht. Metaphorisch gesprochen beruht mein Interesse für Alfredo Jaar gerade auf seiner Fähigkeit, die Diskrepanzen zwischen räumlichen Konfigurationen, die uns die Geschichte liefert, und den narrativen Mustern, die von menschlichem Verhalten geprägt sind, auszuloten. Und um dies wirkungsvoll zu tun, braucht es keinen Architekten, sondern einen Poeten. Im Hinblick auf die Rolle des Intellektuellen in der Zivilgesellschaft sagte mir Jaar einmal: „Ich wurde ein Künstler, um die Welt zu verstehen, in der ich lebe.“ Seine Beharrlichkeit, diesem Anspruch treu zu bleiben, ist durch Hoffnungen wie auch durch Enttäuschungen gestärkt worden. Seinen Pessimismus letztlich bezwungen hat der (von William Carlos Williams stammende) Gedanke: „Es ist schwer, aus Gedichten Neuigkeiten zu erfahren, und doch sterben täglich Menschen kläglich an einem Mangel dessen, was dort zu finden ist.“

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