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Ausgabe N°11 • Januar 2011 • Jahrgang 2 • trafficnewstogo.de

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FREE

PRESS!

NEWS TO–GO

TRAFFIC n

Zeitgeschehen S. 6

Sport S. 10

Fiktion S. 28

Arrogant Bastard S. 29

PR Leaks

Der Fluch der Schönheit

Serpent of Fashion

Die Mode-PR ist im Umbruch. Das Wirtschaftswachstum ermöglicht so große Budgets wie lange nicht mehr und die Umwälzungen durch das Internet erfordern ganz neue Kompetenzräume, die gefüllt werden müssen. PR wird zum Spannungsgebiet. Das PR-Business hat es heute mit den aufgeklärtesten, abgeklärtesten und interessiertesten Konsumenten und Mediennutzern zu tun, die es jemals gab. Wenn eine Agentur ihre Konsumenten nicht bei ihnen zuhause abholt – und das bedeutet heute Facebook, Blogs und Twitter – dann sind sie draußen. Beherrschen sie dieses Geschäft, sind sie plötzlich weiter oben denn je… von Timo Feldhaus

Zu Beginn der Olympischen Winterspiele 2010 waren mit Lindsey Vonn die höchsten Erwartungen verknüpft, die in der Neuzeit je an einen amerikanischen Skisportler herangetragen wurden. Nach der dominanten Leistung von Michael Phelps bei den Sommerspielen zwei Jahre zuvor in Peking suchten die amerikanischen Medien einen Athleten, der die Aufmerksamkeit Amerikas während der Spiele in Vancouver auf sich ziehen und erneut eine solche Quotensensation erzeugen könnte… von Andrew Lawrence

Die immens glückseligen deutschen Flüsse

Wirtschaft – Julia Knolle über E-Commerce, Dahlia Schweitzer über das Netz als Begräbnisstätte der Individualität S.12 Das Wetter S.13 8-Page-Editorial­Anita Bressers Fotostrecke zeigt die Mode in Bewegung S.22 Fashion – Vier Designer über ihre Kunst und den​ Kommerz S.24 Gourmet – Berlins Imbiss-Cuisine S.25 Design – Happy Shopping mit Smeilinener S.26 Kunst – Ein Dokumentarfilm wirft neues Licht auf JMB, Jim Rakete porträtiert deutsche Filmstars S.29 Kultur – Bücher über Mode und Moden S.30 English Appendix S.8

CHAPTER IV FREQUENCY: The Movement of Fashion

… Als Kind habe ich geglaubt, dass es einen Ort gibt, zu dem all unsere Sätze fliegen, nachdem sie ausgesprochen wurden. Wenn jemand diesen Ort findet, wird er allen Gesprächen, die jemals seit Beginn des Sprechens geführt wurden, auf einmal zuhören. Auch Selbstgesprächen einsamer Menschen oder Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter oder strategischen Beratungen von Entführern eines Öltankers oder Schreien von Leuten, die auf einen Berg klettern und dann runterfallen … von Sasa Stanisic

…I take umbrage with those who discount fashion as completely useless and obnoxious. Granted, there are some in the industry who are pugnacious and have clearly lost sight of reality and probably live in a house of mirrors. However, let us acknowledge that at least there isn’t any illusion about what they are selling. For women at least, it seems to be a chocolate fix that provides a pleasure that is completely enjoyable and permanent. Where else does a woman make substantially more money in the same field as a man?… von Adrian Stanley Thomas


Stephen Galloway | Creative, Ballet Dancer, Extraordinaire | Frankfurt, Paris The : 10 people 10 cities at closed.com


Ada Kokosar | Fashion Stylist, Fashion Consultant | Milan The : 10 people 10 cities at closed.com


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Contributors

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Contributors © Daisy Rast

© Trevor Good

Julia Knolle

ˇ Stanisi ˇ c´ Sasa

Dahlia schweitzer

Die Begegnung mit Scott Schuman, The Sartorialist, ließ Julia Knolle, damals noch gelangweilte BWL-Studentin mit Liebe zum World Wide Web, fest daran glauben, dass auch ihr Modeblog Les Mads eine Daseinsberechtigung hat. Zusammen mit ihrer Freundin Jessica Weiß baute sie innerhalb von drei Jahren das größte Modeblog Deutschlands auf, ausgezeichnet mit dem Lead Award. Mittlerweile ist sie freie Beraterin für Social Media und Online-Strategien und hat im Berlin Verlag ihr erstes Buch „Modestrecke – Unterwegs mit Les Mads“ herausgebracht.

Sa sa ˇ Stani siˇ c,´ 1978 in Bosnien-Herzegowina geboren, schreibt und macht Fotos. Er lebt seit 1992 in deutschsprachigen Ländern und schreibt seit 1997 auf deutsch. Sein Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ wurde in 30 Sprachen übersetzt. In seinen dramatischen Werken überlässt Stani siˇ c´ meist Puppen oder sehr alten Leuten die Bühne. Er hat eine Anzahl an Preisen erhalten, nur den, bei dem man ein Jahr lang sehr guten Wein geliefert bekommt, hat er leider knapp verpasst. Oft lebt er in Berlin.

Dahlia Schweitzer ist Schriftstellerin, Lehrerin und ein früherer deutscher Cabaret-Star. „Seduce Me“, ihre Anthologie erotischer Fiktion, erschien in den USA bei Avon Red und in Deutschland beim Maas Verlag. Ein zweiter Erzählband, „I’ve been a Naughty Girl“, wird bei Ravenous Romance verlegt. Die deutsche Auflage von „Lovergirl“, einem enthüllenden Bericht über die Sinnsuche einer jungen Frau in der Sexindustrie, erschien beim Heyne Verlag. Dahlia lehrt derzeit Schreiben in Los Angeles.

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VERLEGER Jacques C. Stephens V.i.S.d.P. Co-VERLEGER Murat Suner DESIGN Superbo REDAKTION Carlina Rossée NEW YORK Liaison Jacques Magloire MITARBEITER DIESER AUSGABE Anita Bresser, Ajoh Chol, Timo Feldhaus, Juliane Gringer, René Gruél, Jennifer Hahn, Anne Hansen, Maria Hinzmann, Julia Knolle, Manuela Kopp, Andrew Lawrence, Gunnar Lützow, Jacques C. Stephens, Verena Schulemann, Dahlia Schweitzer, Nina Seckel, Sa sa ˇ Stani siˇ c,´ Murat Suner, Greta Taubert, Adrian Stanley Thomas, Linda-Luise Tüting, Anne Zdunek, Theresa Zerck Titelbilder fotografiert von Anita Bresser, Model: Ajoh Chol, Kleid von Butterflysoulfire, Diadem von Jennifer Hahn Druck Druckhaus Schöneweide ISSN 1869-943 X


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Zeitgeschehen

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PR leaks Die Mode-PR ist im Umbruch. Das Wirtschaftswachstum ermöglicht so große Budgets wie lange nicht mehr und die Umwälzungen durch das Internet erfordern ganz neue Kompetenzräume, die gefüllt werden müssen. PR wird zum Spannungsgebiet von Timo Feldhaus Das Fleischkleid, das Lady Gaga bei den letztjährigen MTV VMAs und zuvor schon auf dem Cover der Vogue Hommes Japan trug, ist deswegen ein schlechtes Beispiel für Mode-PR, weil es dabei kaum um die Bewerbung des Umhangs aus rohem Fleisch, sondern um den Menschen darunter ging, die fantastische Lady Gaga. Eigentlich wohnte man einer Situation bei, die nicht mehr in unsere, von Web 2.0 veränderte Welt zu passen schien, denn kaum etwas im Popbetrieb fühlt sich in der starren Konstellation Marke, Medium und Konsument so alt an wie die Music Awards selbst. Lady Gagas PR-Berater hat bezeichnenderweise einmal gesagt, er produziere Videos eigentlich nur noch für YouTube. Medien, kein Wort wird soviel benutzt und das Verständnis kaum eines Wortes hat sich in den letzten Jahren derart verändert wie eben dieses. Auch gute Mode-PR muss sich stets

den aktuellen Realitäten dieses Wortes anpassen, denn sonst kann sie nicht mithalten. Das PR-Business hat es heute mit den aufgeklärtesten, abgeklärtesten und interessiertesten Konsumenten und Mediennutzern zu tun, die es jemals gab. Wenn eine Agentur ihre Konsumenten nicht bei ihnen zu Hause abholt – und das bedeutet heute Facebook, Blogs und Twitter – dann sind sie draußen. Beherrschen sie dieses Geschäft, sind sie plötzlich weiter oben denn je. Beispiel Burberry: Der klassische Trenchcoat-Macher brach bereits im vorletzten Jahr mit seiner Internetseite eine Lanze für gekonnten Umgang mit den neuen Medien, als er seine Konsumenten dazu aufrief, sich in britischen Trenchcoats der Marke zu fotografieren und ihr Foto später auf der Seite hochzuladen. Ins Boot holte man sich außerdem Scott Schuman, der noch ein paar hochkarätige Streetstyle-Bilder von Trenchträgern dazu schoss. Fertig war der Internetaufritt der Marke. Macht man es so gut, braucht man

sich nicht weiter um die Blogs zu kümmern. Die werden sich weltweit in ihren Mädchenzimmern des Themas annehmen, einfach weil die Geschichte so gut ist. Klassische Produktpräsentation und die Schaltung von Anzeigen in Magazinen sind zwar weiterhin wichtig, kommen aber an ihre Wirksamkeitsgrenzen. Sie müssen heute vor allem Verbindungen schaffen, Verbindungen ins Internet, aufeinander aufbauen und erweiterbar sein. 2011 sind die PR-Budgets so hoch wie noch nie. Und Gelder fließen von der Werbung und dem Marketing gezielt in die PR, weil hier kreativer, spezialisierter und zielgruppenorientierter gearbeitet werden kann und muss. Die Marken wollen teilhaben und suchen kompetente Partner in den Agenturen; diese müssen ihre Methoden professionalisieren und in den Kommunikationskreislauf einbinden. Wichtige Felder sind: Brandstory, Limited Editions, Kollaborationen, Partys und Kunstkontext. Ein neues Feld bezeichnet das so genannte Hau-

ling, wo Konsumenten in kurzen Videobeiträgen ihre letzten Käufe vorstellen. Für eingeführte Marken mit einer traditionsreichen Geschichte kommt das alles noch immer einer Revolution gleich, denn sie waren jahrelang daran gewöhnt, dass sie alles, vor allem ihre produzierten Bilder, ihre Images zu 100 Prozent besitzen, streuen und kontrollieren konnten. Das ist nun vielleicht vorbei. Heute heißt es, onlineaffine Jungs und Mädels einzustellen, bevor die Kunden das mit den Produzenten von Online-Inhalten selbst machen. Der Gehalt der Frage potenziert sich, wenn der Konsument ein Celebrity ist. Die Kollaborationen, die Kanye West im letzten Jahr mit Nike und Louis Vuitton erarbeitete, sie zählen nicht zuletzt deshalb zu den heißesten PR-Stunts der Geschichte, weil der Hip-Hop-Musiker die virale Selbstvermarktung durch Blog und Twitter wie kein Zweiter beherrscht. zeitgeschehen@trafficnewstogo.de


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Gefangener Star

Der Jahresbeginn in drei Akten

Gefallene Stare Die Welt steht Kopf, wenn Vögel nicht mehr am Himmel kreisen, sondern als schwarze, fedrige Klumpen am Boden kleben. 100 tote Dohlen in Schweden, 700 Turteltauben in Italien, tausende Rotschulterstärlinge in den USA. „Wie Steine“ seien sie einfach vom Himmel gefallen, sagen Augenzeugen – obwohl Steine ja nun auch nicht gerade übliche Flugobjekte sind. Jedenfalls hat das „Massensterben“ der alles in allem wohl um die 6000 Vögel weltweit zu wilden Spekulationen angeregt. Grund für die

toten amerikanischen Vögel könnten geheime militärische Giftgas-Tests der USA sein, die von den Russen enttarnt wurden. Ob die Vögel allerdings nun russische Spionage-Vögel sind oder amerikanische Spionage-Opfer, ist noch unklar. In Schweden versuchte die Wissenschaft aufkeimende Gerüchte über den bevorstehenden Weltuntergang damit zu ersticken, dass sie entweder das Wetter oder Silvesterraketen für den plötzlichen Vogeltod verantwortlich machte – ohne zu beantworten, warum nur die Flugtiere im schwedischen Falköping besonders kälte- oder lärmanfällig sind. Am überzeugendsten in Sachen Vögel-Krimi sind die Erklärungen der Italiener: Die Tiere hätten zu viele Sonnenblumenkerne gefressen.

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in seiner härtesten Woche eine Maschine nach Pakistan. Die „Challenger“ war allerdings dem herausfordernden Nebel in der Hauptstadt Islamabad nicht gewachsen und so musste der Vogel 400 Kilometer entfernt landen. Ganz unten angekommen, bestieg Guido mit seiner Entourage klapprige Kleinbusse, die nach Aussage eines Journalisten „wenig Profil auf den Reifen“ hatten und sich mit Eselskarren und Rikschas die Straßen teilten. Die Busfahrer machten genauso gern Wettrennen wie Pausen. Auf einer solchen stellte sich Guido an einer pakistanischen Provinztankstelle in Positur und dozierte über die Notwendigkeit einer soliden Außenpolitik – ausgerechnet vor einem Plakat des Vogelbräters Kentucky Fried Chicken.

1,2,3 von Greta Taubert

Zeitgeschehen

Gefallener Star Wie es ist, überraschend von ganz oben nach ganz unten zu rauschen, weiß dieser Tage keiner besser als FDP-Chef und Außenminister Guido Westerwelle. In der Koalition konnte er sich mit seinen versprochenen Steuersenkungen nicht durchsetzen, die Partei ist in der Wählergunst von 14,6 Prozent während der Bundestagswahl auf mittlerweile 3 Prozent abgestürzt. Und sogar seine früheren Parteifreunde bezeichnen Westerwelle öffentlich als „Klotz am Bein“ und raten ihm zum Rücktritt. Das kommt freilich für die selbsternannte „Kämpfernatur“ nicht in Frage. Wie um seine Belastbarkeit zu zeigen, bestieg er ausgerechnet

Komische Vögel, die mal ganz weit oben waren und dann ganz tief gefallen sind, haben immer noch eine letzte Neststatt: das Dschungelcamp von RTL. Dorthin begibt sich jetzt auch der ewige Kommunarde Rainer Langhans, der vor über vierzig Jahren dadurch bekannt geworden ist, dass er zusammen mit anderen APO-Anhängern den „Psycho-Amok“ erfunden hat. Das Prinzip: Der Mitkommunarde wird so lange psychologisch fertiggemacht, bis er sich als autoritätsfixiert und kleinbürgerlich bekennt. Im Dschungelcamp, hofft Langhans, werden die Ideen von damals neu aufleben. Es sei nämlich, so diktierte er es Medienvertretern in den Block, „die Urkommune“. Damit er in den australischen Urwald zieht, bot RTL ihm ein Honorar von etwa 50 000 Euro an und verpflichtete sich, ihm keine tierischen Ekligkeiten vorzusetzen. Langhans ist nämlich Veganer und ausgesprochener Körnerfreund. Ob er damit aber bis zum Ende durchhält, ist ungewiss. Denn Körner können – wie wir wissen – ja auch zu schlimmen Abstürzen führen.

In der Hauptstadt sind die Zeiten des günstigen Wohnens vorbei. Berliner wehren sich auf ungewöhnliche Art – indem sie etwa nackt tanzen

der nackte wahnsinn von Anne Hansen Zwei Balkone, Flügeltüren und Wohnzimmer, die so groß sind, dass man in ihnen Walzer tanzen kann? Bisher war das in Berlin alles gar kein Problem. Vor allem kein finanzielles. Es gab unvorstellbar große Wohnungen zu unvorstellbar kleinem Preis. Hamburgern oder Münchnern trieb es die Tränen in die Augen, wenn ihre Berliner Freunde darüber jammerten, dass der zweite Balkon ab dem Mittag ganz im Schatten liege. Auch Ausländer entdeckten den Wohnungsmarkt der Seligen für sich. Skandinavier, Iren oder auch Amerikaner richteten sich hier ihren Zweitwohnsitz ein oder freuten sich

über eine rentable Geldanlage. Mit einem Durchschnittspreis von 4,83 Euro kalt ist Berlin zwar immer noch die günstigste Metropole Deutschlands, doch die fetten Jahre scheinen vorbei zu sein. In Mitte, Prenzlauer Berg oder Charlottenburg weichen die Mieten für frei werdende Wohnungen oftmals drastisch vom Mietspiegel ab. Selbst in Kreuzberg sind Mieten von zehn Euro pro Quadratmeter keine Seltenheit. Münchnern und Hamburger Verhältnisse ziehen in die Hauptstadt ein. Eine Gruppe von Aktivisten hat dieser Entwicklung nun den Kampf angesagt. Die Mitglieder durchforsten das Internet nach sogenannten Miethaien und kontrollieren die Wohnungsanzeigen in den Tageszeitun-

gen. Erscheint der Preis zu hoch, kommen sie zum öffentlichen Besichtigungstermin. Angezogen, aber nur, um sich in der Wohnung sofort wieder auszuziehen. Sie holen mitgebrachte CD-Player aus ihren Taschen und tanzen splitternackt zur Musik. „Mietwucher“ haben sie sich auf die Haut gemalt oder „zu teuer“. Nach ein paar Minuten ist der Spuk vorbei. Dann ziehen sie wieder ab und hinterlassen Makler mit offen stehenden Mündern. „Viele Wohnungen sind inzwischen so teuer, dass die Mieter fast ihr letztes Hemd geben müssen, um sie bezahlen zu können. Genau das wollen wir mit unserem Protest zeigen, darum machen wir uns nackig“, sagt Peter, einer der Aktivisten. Er will weder Nachna-

me noch Beruf in der Zeitung lesen, man könne aber gerne schreiben, dass sich Makler auch in diesem Jahr auf nackte, ungebetene Gäste einstellen müssen. Sie wollen sich noch solange ausziehen, bis ein Mietwuchergesetz greift. Danach sind Preise, die den im Mietspiegel verzeichneten ortsüblichen Satz um mehr als 20 Prozent übersteigen, unwirksam. Das Gesetz tritt aber erst dann in Kraft, wenn die Stadtverwaltung erklärt, dass es zu wenig Wohnungen gibt. Die Zeichen stehen schlecht, dass es in absehbarer Zeit dazu kommt. Ingeborg Junge-Reyer, Berliner Senatorin für Stadtentwicklung, spricht von 100 000 Wohnungen, die derzeit in Berlin sogar leer stehen würden. Es wird also noch viele nackte Tänzer in Berlin geben.


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Wirtschaft

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Mode ist tot, Lang lebe das netz von Dahlia Schweitzer, Los Angeles übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Nina Seckel Winter 2011: Die Saison des Stiefels. Sie sollten schwarz und kniehoch sein, mit flachem Absatz und einer geschmackvollen Schnalle. Serena van der Woodsen aus Gossip Girl würde sie tragen. Sie waren Reitstiefel mit einem Hauch Motorradschlampe. Ich würde sie mit Leggings (von Lululemon oder American Apparel) und einem großen Boyfriend-Sweater (von Zara oder Eddie Bauer) tragen. Ich wusste, dass es sie irgendwo da draußen gab; ich musste sie nur finden. Ich fing an, Blogs durchzulesen, auf der Suche nach den „besten kniehohen Stiefeln“. Ich wusste, dass mein Wunsch nach einem flachen Absatz in Kombination mit meinen dünnen Unterschenkeln die Situation schwierig gestaltete, also las ich Rezensionen wie eine Irre. Wenn Stiefel dafür kritisiert wurden, dass sie zu eng waren, studierte ich sie eingehend. Wenn Stiefel toll für Frauen mit starken Beinen waren, wusste ich, dass sie nichts für mich waren. Internetseiten wie possessionista.com haben klare Kategorien für Stiefel, die sich nach der gewünschten Absatzhöhe und dem Wadenumfang richten und betonen zusätzlich, welche Modelle Rachel Zoe empfiehlt; deshalb waren sie ein idealer Ausgangspunkt. Von dort ging es weiter zu richtigen Läden. Ich meine keine physisch vorhandenen Läden; ich meine shopping.google.com. Ich schaute mir Bilder von Stiefeln aus allen möglichen Blickrichtungen an und las noch mehr Rezensionen. Das erste Paar bestellte ich bei amazon.com, doch die Stiefel waren so weit am Bein, dass sie aussahen wie Gummistiefel. Die nächsten kamen von nordstrom.com. Sie waren noch größer. Ich fühlte mich wie ein Feuerwehrmann. Ich schickte sie zurück. Das dritte Paar war von aerosoles.com. Diese Stiefel waren an der Fessel weit und sahen

Tw

Wir neigen dazu, das Internet als etwas wahrzunehmen, das unsere Individualisierung befördert. Immerhin können wir nun alle, ohne den Hauch einer Ahnung von HTML zu haben, unsere eigenen Blogs, Flickr Accounts, unsere eigenen Facebook-Seiten haben. Aber in Wirklichkeit hat diese Globalisierung die Grenzen der Mode verwischt. Laut Dana Weiss, Redakteurin und Autorin von possessionista.com, „ist es viel einfacher, sich wie andere anzuziehen, als sich etwas einfallen zu lassen.“ Es ist so viel einfacher, sich wie Ashley und Mary-Kate Olson anzuziehen – dank Internetseiten wie der von Dana, die uns sagen, welches Label die Olsen Zwillinge tragen, wo man die Kleider selbst finden kann und auch, wo man erschwinglichere Alternativen findet – als herauszufinden, wie man total einzigartig sein kann. Und wenn man glaubt, man sei schlau und anders als die anderen? Dann hat irgendjemand dieses Blog auch schon gesehen. Es ist eine Illusion, dass die Technologie es erlaubt, uns mehr voneinander zu unterscheiden, unabhängiger zu sein, denn in der Realität macht sie uns einander ähnlicher. Wegen des Internets gibt es keine klaren Unterschiede mehr zwischen Untergrund- und Mainstreamkultur, zwischen Stars und dem „gemeinen Volk“. „Bis vor ein paar Jahren wurde die Mode, die wir in einer Zeitschrift sahen, drei bis sechs Monate vorher fotografiert, was bedeutete, dass ein Artikel zum Zeitpunkt, an dem man die Bilder sah, oft schon ausverkauft war“, erklärt Dana. „Dank Internet kann man seinen Lieblingsstar heute etwas tragen sehen und es am nächsten Tag geliefert bekommen (natürlich versandkostenfrei).“ Die Zeit zwischen dem Entwerfen der Mode, dem Fotografieren, dem Bloggen und dem Berichten über sie, der Entwicklung zu einem Trend, der Vermarktung und dem Verkauf wird immer kürzer und das macht beliebte Artikel immer zugänglicher für jene, die Couture nicht vorbestellen können.

Die schnelle Ausbreitung von Trends heutzutage – und die oft ebenso schnelle Erschöpfung derselben – steht in direkter Verbindung mit der Internetnutzung. Je schneller die Internetverbindung in einem Land ist, desto schneller tragen seine Teens Röhrenjeans und Trucker-Kappen. Es ist sehr viel schwerer zu definieren, was „deutsche Mode“ oder „New Yorker Mode“ ausmacht. Stattdessen kleiden sich die Hipster in Berlin genauso wie die Hipster im New Yorker East Village, die sich genauso anziehen wie die Silverlake Hipster in L.A. Der Dress Code ist nicht mehr geheim, er ist online. Solange man online gehen kann, sieht man nicht nur, wie sich andere anziehen, sondern man kann auch alles kaufen. Sogar wie wir einkaufen, hat sich durch das Internet verändert. „Man musste früher nach London, New York, Mailand oder Berlin gehen, um Zugang zu Labels, Marken und Trends zu haben,” erklärt Dana. „Jetzt hat fast jeder ein E-Tail Outlet. Man muss also nicht urban sein, um sich urban zu kleiden.” Das Internet fördert Zugänglichkeit an beiden Enden. Es ist nicht nur für Teenager in Iowa möglich geworden, sich so anzuziehen wie jene, die in Downtown Manhattan aufwachsen und die die gleichen Blogs und dieselben Make-Up Tipps lesen, sondern auch für mehr Designer, ihre Kollektionen zu vermarkten. „Kleine unabhängige Labels haben jetzt die gleiche Chance, mit den riesigen Modehäusern zu konkurrieren, was bedeutet, dass es mehr Auswahl und größere Preisspannen für Fashionistas gibt“, sagt Dana. Das bedeutet, dass wir gewinnen und verlieren. Es ist leichter als je zuvor, jene perfekten schwarzen Stiefel zu finden, aber die Wahrscheinlichkeit war nie so groß, dass alle anderen sie auch finden. Was einmal als Mode galt, ist reduziert worden auf eine Uniform für alle, die ein bisschen Geld und eine Internetverbindung haben.

„The World is Ready for Change so here we come“, tippte er dazu und wahrscheinlich war ihm gar nicht bewusst, welchen Stein er da eigentlich gerade ins Rollen brachte. Die PR-Branche war sicher nicht amused. Der sich hier anbahnende Kontrollverlust – weg vom kommerziellen Absender hin zu den selfmade editors – stellt eine ganze Branche vor neue Herausforderungen. Die Zeiten, in denen fingerdicke Lookbooks auf Hochglanzpapier mit beiliegender CD dazu beigetragen haben, dass die Schluppenbluse von Chloé unten rechts in einer Trendcollage auf Seite 46 in der Grazia eine Erwähnung findet, vielleicht noch mit Preis, aber ohne Auskunft darüber, wo man das gute Stück kaufen kann, sind vorbei. Wird Juliette Binoche damit bei einer Filmpremiere fotografiert und landet danach auf einer Handvoll Modeblogs, die wiederum Links zu Online-Shops nach Look-A-Likes oder gar dem Originalstück ausfindig machen und diese verlinken, ist der Kaufimpuls vorbildlich in eine Handlung transferiert; auch der älteste Hase im PR-Bereich muss angesichts dessen einge-

stehen, dass der klassische Habitus in selektierten Bereichen einer Erfrischungskur bedarf. Was bei Kleidung, Büchern und Reisen online blendend funktioniert, muss nicht für Luxusgüter oder gar Autos gelten. Doch von der ambivalenten Abgrenzung, was geht und was nicht, profitiert diese neue Denkweise eben auch. In einem Geschäftsfeld, das sich halbwegs selbst neu definiert hat, ist der Austausch untereinander essentiell. Denn wie geht es richtig? Blogs als elektronischen Kommunikationskanal zu betrachten, durch den man mit scheinbar wenig Aufwand eine relativ große Reichweite ansprechen kann, ist recht mutig und leider auch zu kurz gedacht. Geht die Authentizität einer persönlich geführten Seite einmal aufgrund eines Korruptionsverdachts verloren, ist das Vertrauen der Leser so leicht nicht mehr zurückzugewinnen. Der kurze Weg von redaktioneller Aufbereitung zum unmittelbar möglichen Kauf verdient aufgrund seiner Einzigartigkeit einen Umgang mit Samthandschuhen und eine gute Prise Common Sense. Und so richten sich mittlerweile große Luxuskonzerne an Social-Media-Profis, die immer größere Anteile des Marketingbudgets in ihre eigene Tasche stecken können. Was im hausei-

genen Webshop nicht verfügbar ist, wird sicher beim Onlineshop Net-A-Porter zu finden sein (Umsatz in 2009 nach eigenen Angaben: 145 Mio. Euro). Bei 73000 Follower auf Twitter und 250000 Fans bei Facebook lohnt es sich, für den großen Sale am zweiten Weihnachtstag den Wecker zu stellen. Die Goldstücke sind hier spätestens nach zwei Stunden ausverkauft. Wer sonntags Langeweile verspürt, kann versuchen im Online-Outlet yoox.com alle Teile der Damenbekleidung aus der Winter- (40.000) oder Sommerkollektion (34.000 – je ohne Taschenund Schuhsortiment) durchzuklicken. Wenn die Kreditkarte funktioniert, nicht urplötzlich der Winter eingebrochen ist und man tapfer den mir immer noch unerklärlichen Montag Wartezeit ausgehalten hat, kann das gute Stück schon am Dienstag vorm heimischen Spiegel anprobiert werden (und im Idealfall natürlich fotografiert und gebloggt, um weitere Folgekäufe auszulösen). Es sei denn, es ist wie im Falle des Reebok-Sondermodells von Swizz Beatz nicht schon nach einer Woche ausverkauft. Soviel kontrollbefreite Selbstbestimmung hätte sich meine Mutter als Fashion Victim vor 20 Jahren mit der Vogue in der Hand sicher nicht träumen lassen.

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aus, als ob der Weihnachtsmann sie anziehen würde – ich beeilte mich, sie vor Weihnachten zurückzuschicken, damit er sie rechtzeitig hätte. Ich verlor jede Hoffnung, jemals meinen Serena van der Woodsen-Winter Look zu bekommen. Am Ende beschloss ich, das Internet aufzugeben. Ich ging in Kaufhäuser in Los Angeles, Outlets in Vororten von Los Angeles. Nichts passte. Alles war zu klobig oder zu billig. Nichts schrie Serena. Nichts schrie lässig-elegante Kultiviertheit. Meine ersehnte neue Identität war gefährdet. Die Wintersaison 2011 hing in der Schwebe. Als Übergangslösung kaufte ich ein Paar Overknee-Wildlederstiefel. Sie waren nicht aus dem Leder, das ich mir vorgestellt hatte, aber sie waren schwarz. Sie hatten nicht die geschmackvolle Schnalle, aber sie hatten dezente Nieten, also gab ich mich fürs Erste zufrieden. Mit ihnen konnte ich die Zeit überbrücken, während ich weiter suchte. Bald war es Zeit, ans Institut zurückzukehren. Ich lehre am Fashion Institute of Design and Merchandising in der Innenstadt von Los Angeles und das Wintersemester fing gerade an. Ich war erstaunt, als ich bemerkte, dass jede zweite Frau auf dem Campus offensichtlich die gleiche Vision gehabt hatte. Jedes zweite Paar Beine war in kniehohe Stiefel mit flachem Absatz gekleidet. Manche gingen mehr in Richtung Seabiscuit, manche mehr in Richtung Hell’s Angels, aber eines war klar: Alle trugen meine Schuhe. Ich habe mich noch nie so gekränkt gefühlt oder so froh, etwas nicht zu besitzen. Und da wurde mir klar, dass wir 2011 unsere Identität nicht durch das ausdrücken, was wir haben, sondern durch das, was wir nicht haben, und dass eine persönliche Vision sehr selten ist. Man fällt mehr auf, wenn man kein Handy oder iPod hat als durch das Modell, das man besitzt. Und diese gloriosen Bilder, die du online gesehen hast? Alle anderen haben sie auch gesehen. Anscheinend macht es einen im Winter 2011 einzigartig, keine schwarzen kniehohen Lederstiefel zu haben.

! n o i t u l o v é r a l t e e von Julia Knolle

Um eine ganze Industrie aufzurütteln, bedarf es meist eines einzigen Vorfalls, der so einleuchtend ist, dass ihn jeder Dumme versteht. Und so ereignete sich eines Morgens in einem Showroom in Brooklyn etwas scheinbar ganz Natürliches, das den umstehenden Experten ihr lauwarm temperiertes Schwimmbecken in eine gefrierpunktkalte Schlittschuhbahn umfunktionierte. Initiator war der Hiphop-Produzent Swizz Beatz, der in den 90ern Namen wie Eve und Ruff Ryders bekannt machte. Nach soviel ungreifbarem Geträller lag nichts näher als ein eigener Sneaker, den man richtig in die Hand nehmen kann. In dem Sportartikelhersteller Reebok fand er einen geeigneten Kooperationspartner. Als er dann eines Tages zur „Besichtigung“ des Prachtstücks gerufen wurde, schickte er das per Handy geknipste Foto sofort an seine Twitter-Follower und erreichte damit innerhalb kürzester Zeit 350000 Menschen. Eine Weile später kamen 1500 Blogposts zustande. Was passiert ist: Swizz Beatz zwitscherte vier Tweets, in denen er zwei Fotos der neuen Classic Schuhe postete und seine Kooperation mit Reebok verkündete: http://bit.ly/aZK6Xe THEREALSWIZZ X REEBOK 2011 COMING SOON STAY TUNNED! THE WORLD IS READY FOR CHANGE SO HERE WE COME! FYI REEBOK IZ BACK.

Anzahl der Swizz Follower bei Twitter, die er mit jedem Tweet direkt erreichte

Anzahl der Retweets, die innerhalb der ersten Stunde auf die ursprünglichen vier Tweets antworteten

Anzahl der Blogspots, die die Kooperation ebenso verkündeten und Fotos zeigten

Quelle: Twitter

Quelle: Twitter

Quelle: Google Blog Search „Swizz Beatz x Reebok“


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Sport

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© Gerwig Loffelholz

Der Fluch der Schönheit von Andrew Lawrence, New York übersetzt aus dem amerikanischen Englisch Da die Spiele in Vancouver stattfanden, sahen NBC und die amerikanischen Sportmedien eine Gelegenheit, ein breiteres amerikanisches Publikum für die Winterspiele zu gewinnen, als es das seit Salt Lake City in 2002 gegeben hatte. Alles, was sie noch brauchten, war ein Star, der die amerikanische Aufmerksamkeit auf sich zog und ihre beträchtliche Investition in die Spiele in Kapital umwandelte. Sie konzentrierten all ihre Medaillenhoffnungen auf die alpine Skirennfahrerin Lindsey Vonn. Die Wahl hätte nicht leichter fallen können. Vonn war (und ist noch immer) so dominant in ihrem Sport wie kein anderer amerikanischer Skifahrer seit Picabo Street, quasi ein Garant für einen Medaillengewinn der US-amerikanischen Skimannschaft. Ihre Leistungen, die ihr den Sieg in den letzten zwei Weltmeisterschaften im Super-G und zwei Goldmedaillen bei der Weltmeisterschaft 2009 in Val d’Isere eingebracht hatten, machten sie zu einem Glanzlicht für die amerikanische Mannschaft und weckten die Hoffnung, dass sie als meistdekorierte Skifahrerin überhaupt aus den Olympischen Spielen hervorgehen könnte. Es half noch

mehr, dass Vonn fantastisch im Bikini aussah und ihre Kurven definierter waren als die Pisten, auf denen sie fuhr. Vor den Spielen zierte sie das Cover der Sports Illustrated mit der Überschrift „Amerikas beste Skifahrerin aller Zeiten“, Projektionsfläche für die Amerikaner. Als talentierte, junge Frau mit Sexappeal wurde Vonn von Amerika freudig als Aushängeschild und Sexsymbol der Spiele akzeptiert. Doch einseitig berichtende Medien (die meist nur ihren Körper zum Thema machten) und hoffnungsvolle Fans unterschätzten Risiko und Unberechenbarkeit des alpinen Leistungssport: Die kleinsten Fehler können olympisches Gold in gebrochene Herzen verwandeln. Lindsey Vonns olympische Leistung 2010 wurde im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen und dem alpinen Skisport von vielen als Scheitern bewertet, was den Fakten widerspricht. Ihre Leistung in den zermürbenden und unvorhersehbaren Ereignissen und ihre Medaillen im Downhill und Super-G sollten ihren Status als eine der Großen des Sports festigen. Die drei Jahre, in denen sie im Downhill dominierte, können als Hochphase des alpinen Skisports angesehen werden. Angesichts der übertriebenen Beobachtung und des Drucks der amerikanischen

Medien wirkt ihre Leistungen noch eindrucksvoller. Vonn stellte sich den hohen Erwartungen der Amerikaner, nicht nur ein olympischer Champion und die Verkörperung leidenschaftlichen Wettkampfgeists zu sein, sondern mehrfache Medaillengewinnerin – zudem mit Model-Appeal. Und sie schaffte dies mit einer Anmut und Bescheidenheit, die man selten bei Sportlern findet, die zu Sexsymbolen stilisiert werden. Lindsey Vonn brachte dem Downhill und Super-G, den unvorhersehbarsten und unkontrollierbarsten Disziplinen im Wintersport, beständige Höchstleistungen und eine anspruchsvolle Ausführung ein, die jene Bewunderung wachrufen, die man ihr zu Beginn der Olympischen Spiele entgegen brachte – eine Bewunderung, die im Nachinein mehr ihrem attraktiven Äußeren als ihrem Talent und ihrer Einsatzbereitschaft geschuldet zu sein schien. Dass übertriebene Erwartungen und die unangemessene Lobhudelei der amerikanischen Medien nicht in jedem ihrer Läufe in Medaillen umgesetzt wurden, sollte Vonns Status als olympischem Ausnahmetalent keinen Abbruch tun, sondern verdient Bewunderung – und vielleicht ein klein bisschen Neid. sport@trafficnewstogo.de


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istanbul

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Harads

heiter bis wolkig

Starker Schneefall

41°1'57.73"N / 28°58'35.36"E

66° 9'18.33"N / 21°17'23.44"E

360Istanbul

Treehotel

Warum noch über einen Ort schreiben, der längst nicht mehr zu entdecken ist? Warum,wenn es dort seit langem von Neureichen, Touristen und Szene wimmelt und man mittlerweile erst einmal 50 Neue Türkische Lira lässt, bevor man überhaupt seinen Fuß aufs Rooftop setzt? It’s the view, stupid! Der Fußweg durch die Istiklal Caddesi – vorbei an den alten Botschaften, dem französischen Lyceum Galatasaray, hinauf durch das Treppenhaus aus dem 18. Jahrhundertin den achten Stock zum Dach, wo man völlig unvermittelt offenen Mundes auf die katholische Kirche St. Antoine, die Hagia Sophia, die Blaue Moschee, den Galataturm und den Bosporus blickt - führt einen durch die Welten Istanbuls und offenbart vieles, was die Stadt ist: jahrtausendschwer, kosmopolitisch, widersprüchlich, modern, atemberaubend schön. MS

Man sollte nicht allzu oft darüber nachdenken, wo man im Laufe seines Leben schon genächtigt hat. Auf harten FlughafenBänken, in siffigen Nachtclubs, auf platten Luftmatratzen in irgendeiner WG. Glücklicherweise häufen sich mit zunehmendem Alter die angenehmen Erinnerungen. Zum Beispiel an das Luxus-Ressort in Brasilien. Oder das Adlon, dem in die Jahre gekommenen Schlachtschiff deutscher Hotellerie. Nicht zu vergessen das bezaubernde SpaHotel auf dem Lande. Niemand jedoch, den wir kennen, hat jemals in einem Vogelnest, einem Ufo oder einem Spiegel-Würfel hoch oben im Baumwipfel geschlafen. Ein Erfahrungs-Manko, das sich beheben lässt: Das Treehotel in Nordschweden hat genau diese Designobjekte als Hotelzimmer konstruiert und sie in die Baumkronen eines einsamen schwedischen Waldes gesetzt. LT

Mısır Apt., Istiklal Cad. No.163, Beyoglu, ˇ Istanbul, www.360istanbul.com

Treehotel, Edeforsvägen 2A, 960 24 Harads, Schweden, www.treehotel.se

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zürich

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Überwiegend sonnig

57°27'35.59"N / 14°34'21.56"E

48°32'4.98"N / 9°34'58.40"E

Wax in the City

de la Reh – concept store for green clothing

Wenn jemand Ahnung von Beauty hatte, dann Kleopatra. Doch Eselsmilch war nur der Anfang, denn sie ging weiter, viel weiter – und beseitigte mit warmem Bienenwachs sämtliche Körperhaare. Um es vorwegzunehmen: Ja, das erste Waxing tut weh. Und: Ja, es macht den Sex heißer. Die Studiokette „Wax in the City“ beendete die Ära der hairy frauleins in Deutschland und eröffnet nun ihr erstes Waxing-Studio in der Schweiz. Zum Glück wissen die Depiladoras, was sie tun. Mit feinstem Warmwachs auf Bienenwachs-Basis entfernen sie lästige Haare überall dort, wo sie nicht hingehören. Ohne Vlies-Streifen, ohne Terminvereinbarung, schnell und gnadenlos gründlich. LT

„Ändere die Welt, sie braucht es.“ Bertolt Brecht

Wax in the City Zürich (auch in Berlin und anderen deutschen Großstädten), Mo – Fr 10.3020 Uhr, Samstag 9.30-18 Uhr, Talstr. 58, 8001 Zürich, wax-in-the-city.com

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berlin

Durchwachsen

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Malinka Remé mag den Brechtschen Sinnspruch, sie möchte nämlich die Welt verbessern. Da lag es durchaus nahe, am 11. September vergangenen Jahres einen Fashion-Shop aufzumachen: „de la Reh – concept store for green clothing“ heißt ihr Laden im Herzen von West-Berlin. Dort, wo einst David Bowie Frauen und Männer liebte und Iggy Pop die Nächte durchfreakte. Bowie heute würde „de la Reh“ vermutlich gefallen: Die ausgesuchten Labels setzen auf faire Produktion, Nachhaltigkeit oder die Unterstützung lokaler Industrien – und sehen tatsächlich nach Fashion aus. Schön, wenn weltverbessern so einfach ist. LT de la Reh – concept store for green clothing, Mo – Fr 11-19 Uhr, Samstag 10-18 Uhr, Nürnberger Str. 23, 10789 Berlin, www.delareh.de wetter@trafficnewstogo

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© Nigey Boy

das wetter 1

Das Wetter

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Chapter 1v

Kleid: Butterflysoulfire Diadem: Jennifer Hahn

FREQUENCY The Movement of FashioN


Top: mono.gramm Hose: Bless Korsage, Schuhe und Armreif: Jennifer Hahn


Hut: Starstyling Kleid: LeVer Couture


Kleid: Kilian Kerner Brille: Mykita


Overall: Augustin Teboul


Kleid: Boessert/Schorn Halskette: Milka Manifesto


Kleid: Frida Weyer Korsage: Jennifer Hahn Pelz: Schacky and Jones


20 lorem Kleid: Butterflysoulfire

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Diadem: Jennifer Hahn

Fotograf: Anita Bresser www.anitabresser.com Model: Ajoh Chol www.izaio.de Styling: Jennifer Hahn www.jennifer-hahn.de Hair & Make-Up: Manuela Kopp www.ninaklein.com/manuela www.manuelakopp.com Assistenz: René Gruél www.dekotainment.de Styling Assistenz: Theresa Zerck


MYKITA SHOP BERLIN Rosa-Luxemburg-Strasse 6, 10178 Berlin, Germany, + 49 (0)30 67308715 MYKITA SHOP VIENNA Neuer Markt 14, 1010 Vienna, Austria, + 43 (0)1 5128852 MYKITA SHOP ZURICH Langstrasse 187, 8005 Zurich, Switzerland, + 41 (0)43 8182730 MYKITA SHOP PARIS 2 Rue du Pas de la Mule, 75003 Paris, France, + 33 (0)1 42714819 MYKITA SHOP TOKYO 5-11-6 Jingumae, Shibuya-ku Tokyo 150 0001, Japan, + 81 3 6427 5232 MYKITA SHOP MONTERREY Jose Vasconcelos 150 PB-6D, 66257 San pedro Garza Garcia NL, Mexico, + 52 (0) 818 378 2547


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Fashion

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Reich und Sexy von Verena Schulemann

Berlin sei arm, aber sexy, hat der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit verkündet und für ein Weilchen war unprätentiöses, unwirtschaftliches Denken eine verbreitete Attitüde der Neo-Bohème. Doch inzwischen fragen sich auch die coolsten Köpfe: warum nicht sexy und reich? Das Potential ist da und nebenbei ist es ja so schlecht nicht, seine Miete pünktlich zahlen und Träume verwirklichen zu können. Vier harte Fragen an vier wirklich kreative Mode-Köpfe zu Wirtschaft, Vermarktung, Konsum: 1. Die einen nennen es Zielgruppe, andere den Traumkunden. Für wen machen Sie Mode? 2. Mode und Show gehören zusammen. Mit welchem Event haben Sie zuletzt von sich hören lassen? 3. Welche globalen Möglichkeiten nutzen Sie, um Ihr Label erfolgreicher zu machen? 4. Stehen für Sie Kreativität und wirtschaftliches, konsumorientiertes Denken im Widerspruch?

mongrels in common, © Cathleen Wolf


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Fashion

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mongrels in common Die Designerinnen Livia Ximénez-Carillo und Christine Pluess 1. Wir stellen uns eine selbstbewusste Frau vor, die ihre Persönlichkeit und Individualität durch Kleidung unterstreicht. Sie möchte gerne Grenzen und Konventionen überschreiten, ohne sich dabei zu verkleiden. 2. Im Mittelpunkt steht immer die Mode. Atmosphäre und Show müssen zur Arbeit passen. Da für unsere aktuelle Kollektion der Glamour der 80er-Jahre-Serie Denver Clan als Inspiration diente, präsentieren wir am 20. Januar im ehrwürdigen Bärensaal des alten Stadthauses. 3. Facebook und Twitter sind feste Programmpunkte in unserem täglichen Ablauf. Wir haben eine Kooperation mit Blackberry, sind stetige Nutzerinnen der Online-Medien. 4. Nein, das gehört zusammen. Wir wollen von unserer Kreativität leben, da muss man konsumorientiert denken. Zudem ist es eine wesentlich größere Herausforderung, kreative Kleidung zu schaffen, die auch tragbar und damit verkäuflich ist. www.mongrelsincommon.com

franzius Designerin Stephanie Franzius 1. Bevor ich an die Traumkundin denke, fange ich bei mir an. Ich habe Ansprüche und versuche, ihnen gerecht zu werden. Das ist meist die härteste Probe, da ich sehr kritisch bin. Inspirieren lasse ich mich von intellektuellen, individuellen, sensiblen Frauen, wie z.B. Tilda Swinton. Erst am Ende der kreativen Phase kommt der Zielgruppencheck, um zu sehen, ob sich meine Idee auch verkaufen lässt. 2. Ich setze auf Kooperationen mit Künstlern, arbeite multimedial u. a. mit Bureau Mario Lombardo, Ken-Tonio Yamamoto. Meine größte Show war im alten Palast der Republik. 3. Ich habe eine Vertriebs- und Presseagentur, die das Branchennetzwerk in ihrer gesamten Bandbreite nutzen. Darüber hinaus sind Erwähnungen in Blogs unerlässlich geworden. Ich arbeite an einem Onlineshop. Dennoch muss der persönliche Kontakt immer bestehen bleiben. 4. Ich baue auf einen gesunden Mix aus beidem. Ohne wirtschaftliches Denken kann ein Label nicht bestehen. Es ist eine logische Konzequenz Key-Items auszubauen, um ein nachhaltiges Image zu prägen. www.franzius.eu Franzius, © Piet Truhlar

boris bidjan saberi 1. Meine Kleidungsstücke entwerfen sich über mein Gefühl, meine Ästhetik und meinen Style. Erst wenn ein Kleidungsstück für mich perfekt ist, kann ich die Arbeit abschließen. Mein Traumkunde ist der, der das spürt und zu schätzen weiß. 2. Ich probiere immer eine Form zu finden, die neu und anders ist. Der einfache Catwalk ist für mich überholt. Auf meiner Show in Berlin präsentierte ich meine Arbeit im unterirdischen Gewölbekeller im dunklen Licht, die Modelle hingen an der Decke, die eigentliche Show war eine Performance feinster Sub-Kultur mit Rap und Streetart. 3. Ich nutze da wenig, mir macht das ganze keinen Spaß. Sicher, mit Geld und Marketing kann man ein Produkt aufblasen, Nachfrage schaffen – dafür gibt es viele Beispiele in der großen Modewelt. Meine Devise ist eine andere: Ich arbeite hart, damit Produkte entstehen, die für sich selbst sprechen können. 4. Nein, wenn man durchdacht konsumiert und sich die Zeit nimmt, darüber nachzudenken, was und wie man konsumiert, ist man ja kreativ. www.borisbidjansaberi.com

Boris Bidjan Saberi

Fashion

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Gourmet

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imbiss vom feinsten

Ray Ban Read-in-between-the-lines www.ray-ban.com/germany

Junghans Max Bill Armbanduhr No.1 Minimum Einrichten Kantstraße 17, im Stilwerk, 10623 Berlin, T.+49 (0) 30 31 99 850 55, Mo – Fr 10 –19 Uhr, www.minimum.de

von Juliane Gringer

© Jourtor

Yamyam Bei so viel Weiß auf Boden, Bank und Wand wird jedem Schneemann warm ums Herz. Mit den metallenen Essstäbchen arbeitet man sich durch die vielen Gefäße auf dem blanken Tisch. Eine Schale mit Reis, eine mit Gemüse, dazu Ei und Rindfleisch – macht „Bibimbab“, Koreas Lieblingsreisspeise, „hot“ dank Red-Pepper-Paste. Moment, Kimchi fehlt noch, das Sauerkraut der fernen Volksrepublik. Die Dumplings werden im Korb gedämpft, klar. Das Dessert: süße rote Bohnen mit Reiskuchen. Und dazu ein kühles „Hite“-Bier – yummie... Aufgeräumter Luxus-Imbiss, angenehm leger und authentisch urban. YamYam, Alte Schönhauser Str. 6, 10119 Berlin, T. +49 (0)30/24632485, Mo – Sa 12 – 24 Uhr (Küche bis 23 Uhr), So 12 – 23 Uhr (Küche bis 22 Uhr)

Hecking Mulackstraße 26, 10119 Berlin, T. +49 (0) 30 28 04 75 28, Mo – Fr 13 – 19 Uhr, Sa 13 – 18 Uhr, Dienstags geschlossen www.hecking-shop.com

The Bird Brot, Käse, Sauce, ein grünes Blatt und allerbestes Fleisch, Fleisch, Fleisch! Direkt aus dem Wolf fällt es auf den Grill. Selten wurde so ehrlich gegessen. Besteck benutzen ist für Mädchen, durchgebraten sowieso. Nur „medium rare“ macht Spaß – genau wie die Tattoos der Kellner, der Hund, die dämliche Uhr über der Bar, die die Zeit spiegelverkehrt anzeigt und die Musik, die viel zu laut gespielt wird. Ein ehrlicher Laden, auf seine Art modisch. Die Burger kommen auf Platten, mit Pommes, die noch direkt von der Kartoffel stammen. Genial: der „Patty Melt“ auf gegrilltem Roggenbrot. Puristen nehmen das Steak pur. Hunger war gestern! Aber manchmal braucht man es ja richtig derbe: noch Cheese Cake zum Dessert…!? Wood Wood Rochstrasse 4, 10178 Berlin, T: +49 (0) 3028047877 Mo – Sa 12 – 20 Uhr, www.woodwood.dk

The Bird, Am Falkplatz 5, 10435 Berlin, T. +49 (0)30/51053283, Mo – Do 18 – 23 Uhr, Fr 17 –24 Uhr, Sa 12 –24 Uhr, So 12 – 23 Uhr

Eve & Adam’s

Skywalker III ROOS @ Colette Paris 213 rue Saint-Honoré, 75001 Paris www.colette.fr

To-Go Boutique

Zwiebeln raus, Sprossen rein. Mango an Feldsalat. Oder doch Ziegenkäse mit Ahorn-Balsamico-Dressing? Salat ist ein heikles Thema – manche Zutaten können richtig nerven. Nur die eigene Zunge entscheidet, was gut ist. Bei eve&adam’s kreiert jeder seinen eigenen grünen Teller wie einen maßgeschneiderten Anzug. Alles hier hält schlank, schön und gesund, ist bio, auf die Saison abgestimmt und unter der großen Glastheke live zu sehen. „Etwas von dem, ein paar Blätter davon und noch von diesem bitte…“ – oder einen der Haus-Vorschläge wie „Hippie Couscous“ und „Nizza Amour“. Dazu Smoothies, Shakes oder Organic Tea. Das knackige Mahl kann in kugeligen Korbsesseln vor Ort eingenommen werden. Gegen ein paar Euro „Umweltbeitrag“ wird es aber auch ins private Paradies geliefert – wo immer das gerade sein möge... eve&adam’s, Rosa-Luxemburg-Str. 22-24, 10178 Berlin, T. +49 (0)30 / 28047977, Mo – Sa, 9 – 20 Uhr


Design

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Ein Club im Badezimmer von Juliane Gringer NEUE ODESSA BAR

© Achim Hatzius

Eine Bar ist wie ein guter Freund. Jeden Tag für dich da, immer etwas Wohltuendes auf dem Tisch und attraktiv ist sie auch. Die Neue Odessa Bar in der Torstraße ist „Mitte“, aber nicht Klischee. Weder Ramsch noch steriler Purismus. Sie sucht gezielt Kontraste. Vorn am Tresen, dem grundsätzlich aufregendsten Ort in einer Bar – wo man sich betrinkt, wo angebandelt wird – sind es strenge Streifen auf der Tapete, die Halt geben. Und dann hängen da einen Blick weiter fast kitschige goldene Vogelkäfige an dicken schwarzen Quasten aus Frankreich. Im vorderen Raum provoziert die feine Seidentapete mit schmalen Samtrauten neben schlichten Holztischen mit Kneipenstühlen einen spannenden Gegensatz. Die Flaschen reihen sich auf einem blanken Industrieregal auf, darüber hängen Spiegel mit Goldrand. Und erst das Bad: ein komplett matt-schwarzer Raum mit 14 hohen Spiegeln dicht an dicht – jeder über eine andere Achse kippbar, was das Klo zum Club macht. Der zu seiner romantischen Seite steht: Beim Händewaschen speien Drachenköpfe das Wasser auf eine goldene, randlose Platte. Auf dem schnörkeligen Konsolentisch daneben sprießt ein üppiges Blumenbouquet. Die Räume dieser sichtbar gewordenen Vision von Inhaber Alexander Lagemann entwickeln sich stetig weiter. Immer wird irgendwo im

Hintergrund ganz dezent ein bisschen gebaut, geschraubt, gewerkelt. Keine Angst, eine Baustelle ist es dabei nie. Ganz im Gegenteil. Eigentlich ist alles schon stimmig und auf seine Weise „fertig“ – und gleichzeitig nun eben doch nicht. Die Zutaten sind zusammengetragen aus aller Welt, vieles ist aber auch selbst entworfen und handgefertigt. Lagemann will kompromisslose Ästhetik. Und weiß, dass man die nicht im Katalog bestellen kann, sondern dass sie wachsen muss. „Mitte“, wo Inspiration Alltag ist, ist dabei die ideale Kulisse für sein sich fortwährend entwickelndes Gesamtwerk. Es ist seine erste Bar. Der Gastronom hat einst Kunst gesammelt und ließ sich nur von den Arbeiten packen, die die Energie spüren ließen, die der Künstler hineinsteckte. Daraus hat er gelernt. Schon unscheinbare Lieblosigkeiten können alles zerstören. Während es natürlich auch nie perfekt sein darf. Diese Bar sucht und offenbart die Seele im Nachtleben – zwischen Trinken, Feiern, Gesprächen und den vier Wänden drum herum. Das Publikum weiß das zu schätzen. Mancher Stammgast hat hier sogar ebenfalls schon kreative Fingerabdrücke hinterlassen. Vor der Tür rauscht die rauhe Torstraße vorbei, die das angestrengte Linienviertel vom noch gelasseneren Norden trennt. Was wird aus dieser Straße, aus diesem Kiez? Was wird noch alles aus dieser Bar? Die Spannung bleibt. Zum Glück. Torstraße 89, 10119 Berlin , täglich ab 19 Uhr

Happy shopping von Verena Schulemann Happy bedeutet glücklich. Und dass shoppen, zumindest vorübergehend, glücklich machen kann, hat wohl jeder schon mal erlebt. Also warum nicht einen Happy Shop eröffnen? Aber Mischa Woeste, Designerin von Smeilinener, Kreativ-Direktor Marck Windekilde und das Architekten-Team von Fingerle&Woeste wollten mit ihrem neuen Laden dann doch etwas mehr erreichen, als nur den schnöden Konsum zu fördern. Eigene Wände, eigenes Haus, eigene Idee, eigenes Gefühl – das war der Anfang. Und weil man lange gesucht, aber nichts gefunden hatte, wurde schließlich kurzerhand eines der letzten leerstehenden Grundstücke in Mitte gekauft, an der Torstraße ein Holz-Pavillon nach eigener Vorstellung errichtet und tatsächlich etwas ganz neues, eigenes geschaffen. Windekilde: „Es ist, als wäre ein Ufo zwischen den sanierten Gründerzeit-Bauten gelandet.“

Ein Schmuckkästchen diente als Vorbild für die Innenraumgestaltung: bis zu sieben Meter hohe Decken, Wände in starken Farben, zahlreiche Eckchen und Zimmerchen und erstaunlich viel Stauraum bis unter die Dachterrasse. Deckenwinden, an die Leinwände, Modepuppen oder Kleiderstangen montiert werden können, sorgen für zahlreiche Raumteilungsund Gestaltungsmöglichkeiten. Präsentiert werden eine handverlesene Auswahl in Berlin und Deutschland bislang nicht erhältlicher Stücke hierzulande teils unbekannter internationaler Designer (vornehmlich aus Japan, außerdem Skandinavien, Großbritannien, Frankreich, Italien, USA). Und, seid ihr happy? Windekilde: „Humorvoll, farbenfroh, fröhlich. Das ist unser Gefühl. Das möchten wir vermitteln.“

Happy Shop, Torstraße 67, 10119 Berlin Eröffnung am 19. Januar, ab 19 Uhr


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Kunst

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a radiant child von Gunnar Lützow Auch, wenn an der Oberfläche alles so schön bunt schien: Ganz so simpel und fröhlich war die Kunst des im Alter von nur 27 Jahren an einer Überdosis verstorbenen New Yorker Künstlers Jean-Michel Basquiat dann doch nicht. Aber nicht nur das zeigt Tamra Davis’ Dokumentarfilm „ Jean-Michel Basquiat: The Radiant Child“ sehr genau anhand kunsthistorischer Vorbilder. Auch die Schattenseiten des frühen Ruhms werden peinlich genau ausgeleuchtet: Schnorren, Drogen, Einsamkeit ganz oben – das komplette Programm, dessen Risiken und Nebenwirkungen erst nach dem Hype deutlich werden. Formal überzeugt diese rohe Collage aus Material unterschiedlicher Qualität und Provenienz – wie zum Beispiel Outtakes eines frühen Jim Jarmusch – nicht immer. Aber alleine die Liste der Interviewpartner verdient Respekt: Ein ansonsten nicht gerade gesprächiger Larry Gagosian gibt bereitwillig Auskunft, Oldschool-Heroen wie Graffiti-Künstler Fab 5 Freddy lassen es noch mal blitzen und auch ein supercooler Thurston Moore plaudert entspannt aus dem Innenleben der sogenannten „Downtown 500“. Dazu stammt der Soundtrack von Ad Rock und Mike D. Zumindest für Fans ein Muss. Tamra Davis: „Jean-Michel Basquiat: The Radiant Child“ (Arthouse Films) USA 2010; R: Tamra Davis; Digibeta 92 Minuten, OmU © Pretty Pictures

Mario Adorf, 2010; Jim Rakete, Kunsthalle Koidl

Der Stand der Dinge von Gunnar Lützow Was Jim Rakete an Berlin liebt? Er schlendert auf Einladung Volker Schlöndorffs eines Tages durch einen alten Schuppen in Babelsberg und spürt: „Fritz (Lang) was here!“ Und der inzwischen 60jährige Starfotograf und Rock’n’ Roll-Manager schätzt großes Kino wirklich nicht erst seit gestern: Schon in jungen Jahren begeisterte er sich für alles, was Veränderung versprach – hungriges, aufgeregtes junges Kino von der britischen Insel, „New American Cinema“, die Kult-Filmer der „Nouvelle Vague“ und natürlich die neuen deutschen Autorenfilmer. Wim Wenders hat ihm dann auch den Titel seiner aktuellen Ausstellung in der privaten Kunsthalle Koidl geborgt: „Der Stand der Dinge“. Zu entdecken sind einhundert von Jim Rakete mit Requisiten ihrer wichtigen Werke wie beispielsweise der Original-Blechtrommel inszenierte Gesichter des deutschen Films – darunter Größen wie Hanna Schygulla oder

Michael Ballhaus. Nach betriebsbedingten Ausflügen nach Hamburg und Los Angeles scheint Jim Rakete übrigens nun in Berlin seine Berufung in vergleichsweise unkommerziellen Projekten wie der Arbeit mit den Berliner Symphonikern oder obdachlosen und drogenabhängigen Jugendlichen wiedergefunden zu haben und schwärmt von der Radikalität der Jugend – und der des Alters. Ob Berlin seiner Einschätzung nach wohl eines Tages auch seine Berufung als Filmstadt von Weltrang wiederfindet? Einerseits ist er skeptisch angesichts der fortschreitenden weltweiten Arbeitsteilung, doch andererseits: „Ich glaube, dass Berlin an sich alle Möglichkeiten hätte.“ Jim Rakete: Stand der Dinge, Porträts für das Deutsche Filmmuseum, 10.2. - 11.3.2011, Kunsthalle Koidl, Gervinusstraße 34, 10629 Berlin, www.kunsthalle-koidl.com kunst@trafficnewstogo.de


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Fiktion

Ausgabe N°11 • Januar 2011 • Jahrgang 2 • trafficnewstogo.de Saša Stanišić, – Die immens glückseligen deutschen Flüsse

Mo und ich wollen zu den christlichen Menschenrechtsaktivisten stoßen, die auf einem Rheinfloß in einer Rheinstadt ein Rheinfest feiern. Wir ziehen Schuhe und Socken aus und krempeln die Hosenbeine hoch. Wir waten durch den schönen tragischen blöden Fluss. Mo hat panische Angst vor Fischen. Einmal haben wir die Evolution als Zeichentrickfilm gesehen, und als die Fische aus dem Wasser liefen und zu etwas anderem wurden, sprang Mo auf das Sofa, wie es afroamerikanische Haushälterinnen in nordamerikanischen Cartoons der fünfziger Jahre beim Anblick einer Maus tun. Auf dem Floß covern zwei Alleinunterhalter ein Lied gegen die Sklaverei. Man begrüßt uns mit Handschlag, aber auch mit zur Vorsicht zusammengekniffenen Augen. ›Vielleicht seid ihr zusätzliche christliche Menschenrechtsaktivisten‹, denken die Augen, ›vielleicht seid ihr aber auch mythologische germanische Wesen aus dem Flusse Rhein.‹ Misstrauen findet in den anwesenden sozialen Urteilssystemen statt. »Möglicher Weise hätten wir doch lieber den Steg nehmen sollen«, flüstert Mo. Wir wollten das aber nicht, weil uns Stege daran erinnern, dass wir nicht übers Wasser laufen können. »Um nicht weiter aufzufallen, müssen wir ernste Augen machen«, so Mo weiter, »und dazu einen mehrheitlich fröhlichen Mund.« Das sei das Basisgesicht von christlichen Menschenrechtsaktivisten. Es gibt aber keinen Häppchenkäse mehr. Die leeren Häppchenkäseteller und die arbeitslosen Zahnstocher machen mich augenblicklich traurig. Ich denke: ›Der Häppchenkäse ist schon nach Hause gegangen.‹ Weil ich traurig bin, kann ich mit meinem Gesicht keinen überzeugenden, mehrheitlich fröhlichen christlichen Menschenrechtsaktivisten mimen. ›Ich fühle mich beobachtet‹, fühle ich. Die Vorsicht der anderen Gäste uns gegenüber wird zu konkretem Misstrauen; bei einer harmlosen Konversation lässt man mich mit einem nicht zu Ende gesagten Satz außerhalb von meinem Mund dastehen. Hier ist der unvollendete Satz, der eine Zeit lang über dem Rhein schwebte: »Manchmal verliere ich angesichts völlig banaler Dinge die Kontrolle über meinen Traurigkeitshaushalt. Ich werde so unendlich traurig, dass …« Als Kind habe ich geglaubt, dass es einen Ort gibt, zu dem all unsere Sätze fliegen, nachdem sie ausgesprochen wurden. Wenn jemand diesen Ort findet, wird er allen Gesprächen, die jemals seit Beginn des Sprechens geführt wurden, auf einmal zuhören. Auch Selbstgesprächen einsamer Menschen oder Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten oder strategischen Beratungen von Entführern eines Öltankers oder Schreien von Leuten, die auf einen Berg klettern und dann runterfallen. Auf dem Floß unterhalten sich Prominente aus Medien und Wirtschaft mit den Menschenrechtsaktivisten über Moscheen, Großstadtwandel und Polynesien. Im Vergleich zu Sätzen von Leuten, die von einem Berg runterfallen, beginnen die Sätze auf dem Floß statistisch häufiger mit »In der Diskussion hat sich aber vor allem gezeigt, dass …« und mit »Die Türkei allerdings …«. Mo besorgt uns Wein und sagt: »Der Wein ist vom Rhein.« Das lasse ich mir mehrmals lautlos von meinem Kopf zurücksagen, weil Reime entspannen. Ein christlicher Menschenrechtsaktivist mit unauffälliger Krawatte erwischt mich bei der Entspannung, worüber ich erröte. Mo unterhält sich mit mehreren Leuten, die nicht ich sind. Ich gehe ein bisschen beleidigt weg zur Theke. An der Theke lassen drei gepflegte Männer einander ausreden. Ihr Thema sind Gefahren und Perspektiven elektronischer Lesegeräte. Ich versuche, zuzuhören, aber alles, was ich denken kann, ist: ›Dieses Wetter heute, auf dem Fluss, das würde man gemeinhin als mildes Wetter beschreiben.‹ Dieser Satz macht mich auf einmal sehr einsam und sehr selbstbewusst. Ich möchte die Aufmerksamkeit der drei gepflegten Männer auf meine Einsamkeit lenken, aber ich weiß nicht, welche Grußformel die Etikette vorschreibt. Ich versuche es mit einem dreistimmigen »Hallo« - »Guten Tag« - »Grüß Gott«. Ich bin erfolgreich - die drei Männer interessieren sich sofort für jemanden mit einem Sprachfehler. Hinter ihnen hat sich eine Rheinbrücke perspektivisch schön eingerichtet. Mit ihren drei Bögen liegt sie millimetergenau den drei Runden Köpfen an. Die Drei tragen die Brücke wie einen Hut! Aber wie sagt man jemandem so was? Die Brücke steht Ihnen ausgezeichnet? Ja. Aber bevor ich das sagen kann, verraten mir die Drei, dass sie Schriftsteller sind, ohne dass ich das überhaupt wissen wollte. Ihr Deutsch quält sich mühsam ins Sprechen hinaus. Ich kann

kaum verstehen, was sie meinen, wenn sie sagen: »Gehören Sie hier dazu?« Wozu? Zum Rhein? Zum Floß? Zu den Aktivisten? Zum Weinanbau? Ich wünschte, dass auch mir eine Brücke auf dem Kopf läge. Ob sie denn dazugehörten, gegenfrage ich die Schriftsteller strategisch. Sie lachen, als wäre meine Überforderung ein Scherz. Man habe ihnen gezahlt, damit sie kommen, erfahre ich, also kamen sie. ›Bei mildem Wetter‹, denke ich. Sie werden einen ›Auftritt‹ haben und für ›Fragen aus dem Publikum‹ ›zur Verfügung stehen‹. Ich nicke begeistert, weil ich mir auch für mich sofort ein Leben vorstellen kann, in dem ich bezahlt werde, um irgendwo hinzugehen. Ich stelle mir das schöner vor als mein Leben, in dem ich nicht bezahlt werde, um irgendwo hinzugehen. Die Schriftsteller sind betrunkener als die Menschenrechtsaktivisten. Einer fällt in den Rhein und ertrinkt ein bisschen herum. Die beiden anderen wiegen seine Bedeutung für die Weltliteratur ab, und ob sie ihn also retten sollen. Der Rhein hier ist aber unerheblich, und ich stelle mir das eh nur vor, weil ich nicht weiß, worüber man sich mit Leuten unterhält, die bezahlt werden, um irgendwo zu sein. Ich weiß auch nicht, worüber die sich mit mir unterhalten sollten. Polnischer Abgang. Bei Mo ist es immer am sichersten - da stelle ich mich hin. Mo erzählt gerade, er sei Polynesier mütterlicherseits. Niemand, außer mir, glaubt ihm das. Mo möchte, wie wir alle, einfach nur in Sicherheit und Normalität immer weitermachen. Mo ist verliebt in eine christliche Menschenrechtsaktivistin aus Köln namens Anna. Mo und ich sind nur wegen Mos Verliebtheit hier. Mos Verliebtheit trägt ein grünes Kleid und hat viel mehr Haare als Mo und ich zusammen. Ich bin verliebt in finnische Seen. Ein Leben, in dem man mir eine Reise zu den finnischen Seen zahlen würde, wäre angenehmer als dieses Leben, in dem mir niemand so eine Reise zahlt. »Ich habe vor Annas Schönheit Angst«, flüstert Mo mit seiner polynesischen Stimme. Ich wünschte, ich hätte ein Hemd wie alle anderen an. Ich habe ein T-Shirt an, mit Sylvester Stallone drauf. Die Form eines T-Shirts erscheint mir auf einmal grotesk. Ich denke: ›Wie konnte sich das je durchsetzen!‹ Die Sonne steht hoch am Himmel, der Heiligenschein des Mittags. Mo sammelt Mut. Mo ist kein schöner Mann. Mo muss da jetzt durch. Mo sagt »Jetzt oder nie«, und geht auf Anna zu. Jetzt, Mo, jetzt. Die beiden Alleinunterhalter stellen einander namentlich vor. Ich bin gerührt, wie freundlich sie das machen. Es ist einfacher jemanden zu mögen als jemanden nicht zu mögen. Und trotzdem das alles! Ich wünschte, ich wäre nicht der einzige hier mit einem T-Shirt, auf dem ein italo-amerikanischer Softporno-Akteur guckt. Die Sonneneinstrahlung macht mir zu schaffen. Die Alleinunterhalter behaupten, es folge nun ihr letztes Stück. Es ist ein kulturelles Stück ethnischer Weltmusik mit gleich drei Instrumenten, die aussehen wie Dinge beim Orthopäden. Das Sympathischste an den Fischen ist ihre konstante Niedergeschlagenheit. Es gibt den fröhlichen Fisch nicht. Der Fisch schaut immer so, als denke er gerade an den einen Moment, wo quasi seinesgleichen aus dem Wasser ans Land liefen. Für Amphibien heute ein unvergesslicher Glücksmoment, für die Fische ein großes Trauma. So was ist völlig unverarbeitbar. Mich ergreift ein GeoMitgefühl mit den Fischen. Mo zeigt Anna etwas in der Ferne. Ich hoffe, es ist etwas geographisch Intellektuelles. Ich weiß immer weniger, was ich mit mir auf dieser Feier anfangen soll. Mein Körper fühlt sich an wie eine Kinderzeichnung eines Körpers. Ich gerate in eine moderate Angst, da ich auf einmal nicht mehr weiß, was das Floß auf der Stelle hält. Warum nimmt uns der wilde Rhein nicht mit? Will er mit christlichen Menschenrechtsaktivisten nichts zu tun haben? Ein gütigeres Floß kriegt man doch kaum hin heutzutage! Ist der Rhein vielleicht vergrämt, weil die Aktivisten den ganzen Käse gefressen haben? Ich stelle mir vor: ›Das Floß treibt aufs Meer‹, und wir sind verloren, und irgendwann essen wir die beiden Alleinunterhalter. Oder die Menschenrechtsaktivisten essen Mo und mich, weil wir gesellschaftlich hier die am wenigsten Wertvollen sind. Ein Menschenrechtsaktivist sagt, er heiße Paul. Ich frage ihn, ob er wisse, warum wir nicht davonfließen. Paul lacht. Ich denke: ›Paul lächelt mich an.‹ Ich könnte mir vorstellen, mit Pauls Lächeln ein Hemd kaufen zu gehen, in einem anderen Leben. Wir unterhalten uns über ›dieses und jenes‹. Es fällt mir schwer, gebildeten und unironisch guten Menschen wie Paul zu folgen,

weil ich mir fortwährend meiner eigenen Unzulänglichkeit und Unbrauchbarkeit klar werde. Paul hat keine Hautverunreinigungen. Paul fragt mich etwas. Die Abkürzung NGO kommt vor. Die Aufregung und die soziale Inkompatibilität machen es mir unmöglich, eine Unterhaltung ›wie ein normaler Mensch‹ zu führen. Paul geht weg. Mo und Anna sitzen am Rand des Floßes, ›ihre Beine baumeln im Fluss‹. Es ist rührend. Anna macht Mo die Fische vergessen. ›So geht Liebe‹, denke ich, ›wenn dich jemand nicht panisch werden lässt‹. Mo und Anna lachen über einen Witz, den entweder Mo oder Anna gemacht hat. Ich empfinde so etwas wie Hoffnung, als das passiert. Einer der Schriftsteller stellt sich vorne hin und liest laut vor. Da Literatur wichtig ist, hören die meisten zu. Ich denke: ›Alle Gespräche verstummen‹. Das ist bedauerlich, weil Mo und Anna sich doch gerade so ein bisschen fast verliebt zu unterhalten schienen aus der Entfernung. Ich würde jetzt gerne den Mut haben, nach vorne zu gehen und den Schriftsteller höflich zu fragen, ob er nicht doch etwas später vorlesen möchte, weil das jetzt nicht so ein guter Zeitpunkt ist. Aber ich bin noch nie in meinem Leben nach vorne gegangen, um etwas zu fragen. Mo stellt sich zu mir. Sofort weiß ich, dass er weiß, dass Anna weiß, dass er niemals genug sein wird für sie. Am Morgen hat sich Mo wegen Anna kein Sylvester-Stallone-T-Shirt angezogen. Am Morgen hat er mir eine statistische Erhebung vorgelesen, in der sich Akademikerinnen mehrheitlich nach einem Partner auf akademischer Augenhöhe sehnen. Mos polynesische Augenhöhe ist jetzt die eines niedergeschlagenen Fisches. Eine aggressive Mittelmäßigkeit befällt mich. Wir müssen weg hier, sofort. Ich nehme Mos Hand. ›Der Fluss unter uns gibt nicht sein Bestes‹. Ökologie, du Opium des Volkes. Solche Gedanken lasse ich zu, weil ich nicht über Mo traurig werden will. Ich gebe meistens nicht ›mein Bestes‹. Ich mache das, was ansteht, damit Dinge klappen, und das reichte bisher immer, weil es immer irgendwie klappte. Ich glaube, Mo hat bei Anna in der Kürze der Zeit ›sein Bestes‹ gegeben. Vielleicht bin ich ja deswegen nur ›mittelmäßig zufrieden insgesamt‹, weil ich nie ›mein Bestes‹ gebe. Ich müsste einen Profisportler finden, der mir beibringt, wie man ›sein Bestes gibt‹. Dann werde ich es Mo beibringen. Je mehr von uns wissen, wie sie ›ihr Bestes‹ geben können, desto mehr anderen können sie es wiederum beibringen, und am Ende wissen wir es vielleicht alle, und die Welt wird ›ein besserer Ort‹ mit weniger ›militärischen Auseinandersetzungen.‹ Ich sage Mo, ich könne es ihm gar nicht richtig klar machen, wie froh ich sei, dass es Menschenrechtsaktivisten gibt. Überhaupt Leute, die wissen, was sie tun müssen, was wir alle tun müssten. »Mir wird niemals etwas gelingen, auf das eine wohltätige Organisation stolz wird«, sage ich. Mo sagt, ich sei ›full of bullshit‹. Ich gluckse, weil Mos Englisch nicht das beste Englisch des Planeten ist. Einige Köpfe drehen sich nach uns um, weil wir in einer Situation, in der sozialer Weise zugehört wird, genau das Gegenteil machen, und das dann auch noch nicht in ihrer Muttersprache. Mo flüstert, er sei froh, dass es ›Statistische Erhebungen‹ gibt und ›Digitale Photographie‹ und ›Vereinsaktivitäten‹. Ich füge ›Mildes Wetter‹, ›Mit Füßen Baumeln‹ und ›Unser Bestes Geben‹ hinzu. Gemeinsam kommen wir noch auf ›Freundliche Zurückhaltung Wenn Uns Etwas Stört Das Nicht So Arg Schlimm Ist‹, und auf ›Küken‹ als gelungenes Exempel angenehmer Fauna. Die Liste beschließen wir mit ›Kleine Kekse Die Man In Vielen Cafés Überall Auf Der Welt Zum Kaffee Kriegt‹ sowie mit den Städten ›Hamburg‹ und ›Reykjavik‹. Ob er mit mir das Floß verlassen möchte, um in der rheinischen Innenstadt ein Hemd zu kaufen, frage ich Mo. Mo hört dem Schriftsteller einen Absatz lang zu. Mos schöne Zuhöraugen. »Gut«, sagt Mo. Und als wir wieder im Wasser sind, und Richtung Ufer waten: »Wo bleibt die Leidenschaft, wo bleibt Struktur? Und was wäre wenn sich der Rhein jetzt und hier erheben und der Stadt Köln eine schallende Ohrfeige knallen würde?« »Manchmal«, sage ich, »verliere ich angesichts völlig banaler Dinge die Kontrolle über meinen Traurigkeitshaushalt. Ich werde so unendlich traurig, dass die einzige Kommunikation, derer ich noch fähig bin, das Verreisen ist.« »Das verstehe ich nicht«, sagt Mo.


Kultur

Ausgabe N°11 • Januar 2011 • Jahrgang 2 • trafficnewstogo.de

Kenzo Der blumige Japaner Ein markanter Labelname hat der Karriere noch nie geschadet. Bei KENZO kommt noch ein auffälliger Stil hinzu, denn kein anderes Modehaus verfolgt wie das von Kenzo Takada gegründete Pariser Label seit Jahrzehnten so konsequent den Ethno-Look. Irgendwo zwischen Japan und Orient liegt die Inspirationsquelle für die exzentrischen, schrill-folkloristischen Entwürfe, die nicht selten mit weiten Kleidern in kunterbunten Mustern die Laufstege in ein farbgewaltiges Spektakel verwandelt haben. Daran hat auch der neue sardische Kreativdirektor Antonio Marras nichts geändert, unter dessen Regie KENZO in eine neue Ära überführt worden ist. Wer Blumenmuster nicht nur auf der Bettwäsche duldet, der wird sich auch mit diesem Buch im blumigen Stoff-Einband schnell anfreunden, in dem KENZO mit zahlreichen Fotografien und Zeichnungen eine Chronik seines Multikulti-Stils erschafft. Und seien wir mal ehrlich: Ein bisschen Ethno im Bücherregal kann nicht schaden. AZ Rizzoli, 299 Seiten, 62 Euro © KENZO, Rizzoli New York, 2010

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Berlin Inspiration to go New in Town

Modestrecke Unterwegs mit Les Mads Ausgebloggt und abgedruckt

„Ich seh den Wald vor lauter Bäumen nicht“, mag sich der Berlin-Neuling bei seiner Ankunft in der Stadt denken. Denn mehr Masse statt Klasse macht die Auswahl in Punkto Essen, Ausgehen und Shoppen für Berlin-Unerfahrene manchmal schwer. In diesem Fall kann der neue Berlin-Guide von Liganova, in Kooperation mit TRAFFIC News to-go, helfen. In diesem kleinen Guide verraten Berlin-Insider ihre Tipps für die Stadt, die sich nicht unbedingt als Geheimtipps, sondern für Berliner als gut bekannte Szene-Locations entpuppen. Chris Glass vom Soho House, die Designerin Clarissa Labin und viele andere geben zu Protokoll, wo sie am liebsten ihre Freizeit verbringen. Da der Guide speziell für die Winterzeit gedacht ist, enthält er auch besondere Winter-Tipps und verrät zum Beispiel, wo sich der nächste Kamin für heimelige Stunden befindet oder wie man das beliebte BorchardtSchnitzel zu Hause nachkocht. Als Extra enthält der Guide auch einen Gutschein für ein Getränk bei Luigi Zuckermann. AZ

Wer liest eigentlich Modeblogs? Im Fall von „Les Mads“ kann man auf diese Frage zumindest entgegnen, dass ausgesprochen viele dieses Modeblog lesen, denn zu Bestzeiten zählte man 500000 User. Die Idee Julia Knolles und Jessica Weiß’ im Internet zu posten, welcher Jacke sie gerade in New York hinterher jagen oder welches Outfit sie selbst momentan am Leib tragen, kann nebenbei auch als Ergebnis der erfolgreichen Überwindung des Perlenohrring-BarbourJacken-Style betrachtet werden – denn der gehörte in den Zeiten vor Les Mads zu Julia Knolles Standard-Outfit – und allein das ist ja vielleicht Grund genug für ein Modeblog. Seit kurzem ist Julia Knolle nun nicht mehr bei Les Mads dabei, dafür resümiert das Buch den gemeinsamen Erfolg im Internet. Wie schon im Blog, so auch im Buch, schildern die Mädchen von Les Mads im üblichen Tagebuch-Plauderton ihre persönlichen Begegnungen mit der Modewelt, Tipps für die richtige Einstellung beim Modekauf inklusive. Mal mehr, mal weniger interessant, dafür meist amüsant liefert das Buch neuen Stoff für Mädchenträume. AZ

Liganova, 108 Seiten, 5,95 Euro, erhältlich bei „Do You Read Me?!“, im achteinhalbwochen Store und online über www.liganova.com

Straulino Nr.2 Sexual Overtone Nackt, nicht entblößt „Sexual Overtone“ ist der Titel, den der Fotograf Alexander Straulino seinem neuen Bildband gegeben hat: Geöffnete Münder, von riesigen Wimpern umschlossene Blicke, nackte Brüste, lackierte Nägel fügen sich zu Motiven, die in ihrer exzessiven Farbigkeit und Plastizität zuweilen ins Poppig-Schrille kippen – erotisch, ohne vulgär, schön, ohne pathetisch zu wirken. Der Fotograf erforscht in Nahaufnahme die Textur der Körper, die zur Skulptur erstarren und doch Lebendigkeit bewahren. Gezierte Posen und symbolisch überladene Requisiten treiben die nur auf den ersten Blick plakative Bildsprache an ihre eigene Grenze – und darüber hinaus. Straulinos perfekt inszenierte Oberflächen faszinieren ohne zu berühren. AZ Seltmann + Söhne, 56 Seiten, 25 Euro © Reto Brunner

BvT, 176 Seiten, 9,95 Euro

Arrogant bastard von Adrian Stanley Thomas SERPENT OF FASHION Whether you choose to blame Adam or Eve for their weak mental state or lack of respect for a direct order from the Most High, you cannot discount the impact of the consequences that lay ahead following their dalliance with the “Tree of Knowledge”. Their nescience proved to be irresistible to Satan, and thus, he caressed their strong curiosity and the temptation was simply overwhelming. But perhaps there were other voices that had an influence on this mischief of indiscretion? Is it possible that the evil snake that promised wisdom brought along others to persuade Eve that not only would she become super smart, but her current style choices would increase enormously. Ladies and gentleman, is it possible that fashion played a role in Eve’s decision to taste the sweet nectar of the “Tree of Knowledge”? There is a part of me that does not want to be the one to bring this evidence to light. The believers blame Eve and, as a result, have treated her with such cruelty over the centuries that it saddens me that I have to release this information right before Berlins Fashion Week. This will surely put a damper on the festivities where all eyes will be on fabric that is sewn together with thread and put onto women who make more money than a teacher or nurse could ever dream of.

The thing is, Satan realized that he would need to appeal to Eve’s sense of duty to convince her that the future of style was in her hands. She was certainly limiting her options by sticking with naked all the time. “You’re giving Adam to much of a good thing, you need to tease your man sometime”, said the serpent. I forgot to mention that Satan was dressed head to toe in a purple double-breasted suit with a matching fedora. He was really working it. The panel of fashion designers on hand to assist Satan were not shy about what she needed to change. The couture designer was very helpful and suggested that she would have to loose some belly weight in order to fit into one of his dresses. He intimated to her that couture and fat are not friends. The Ready-to-Wear designer was late but offered a bit more constructive criticism. She told Eve that the garden needed her sense of style; plus she wanted to give back to the community when she could with a garden gala perhaps. There was also an editor on hand to help Eve understand that fashion is not just clothes that you put on everyday, but a symbol of who you are and the trend you want to set for each season. I think this is what eventually broke Eve down and she just couldn’t resist the opportunity to be an “Arbiter of Style”. The enormous pressure that Eve must have felt to take on such a bold endeavor is really commendable. I know she must have realized there would be critics and judgements placed upon her that would indeed require a strong will. I should probably mention that there was an ac-

tress there as well. This wasn’t just any actress. She was a star of garden and universe. She was in the front row wearing shades and smoking a cigarette. They allowed cigarettes in the garden back then (No Consequences). She never spoke to Eve, she just kept whistling like a little bird perched on a tree limb on a nice summer morning. That must have been so cute. That one decision so long ago has given rise to a global obsession with clothes, magazines and shows about clothes, and all of its accessories that commands billions of dollars a year in revenue. Now I know that you all are expecting me to bash the fashion industry as juvenile and ludicrous. Aren’t these the people that think very highly of themselves and live incredibly well in an industry that requires women to look a certain way and sets the bar for beauty into the stratosphere? I have given some thought about this and since Fashion Week is approaching, it is the perfect time to talk about it. I take umbrage with those who discount fashion as completely useless and obnoxious. Granted, there are some in the industry who are pugnacious and have clearly lost sight of reality and probably live in a house of mirrors. However, let us acknowledge that at least there isn’t any illusion about what they are selling. For women at least, it seems to be a chocolate fix that provides a pleasure completely enjoyable and permanent. Where else does a woman make substantially more money in the same field as a man? True, the pressure to be a model and control weight and all the rest is probably

extremely difficult for some of these women. I can only imagine that the rejection must be brutal. Those who travel in the world of fashion make no apologies for the industry and what it supplies to the world. Eve must have known that her legacy would be more than knowledge, right from wrong, sexism. She was trying to help people! She recognized that once humans started killing one another over land and faith that they should at least feel good about their attire. Maybe fashion should be an official religion? We could be on to something that could once again change history. Eve was a revolutionary in her day and we should respect her decision to eat of the “Tree of Knowledge” and put some clothes on. With that one action, she has given the world a break from the noxious reality of life. As I continue to rant about everything that’s wrong with the world, I realize that fashion provides people with a fantasy and a pleasure that at its foundation is as innocent as can be. Because I spend a lot of time watching people, I can confidently say without reservation that you know immediately when a person has on an outfit they really like. The eyes are confident, they have “The Walk”, it is so apparent that we should stop that person and say something. I’m not sure what you would say, but probably something like: Are you “Eve Stepping”? You see, I have a heart; sometimes. arrogantbastard@trafficnewstogo.de


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English Appendix

Ausgabe N°11 • Januar 2011 • Jahrgang 2 • trafficnewstogo.de

Fashion is Dead, Long Live the Internet by Dahlia Schweizer, Los Angeles Winter 2011: the season of the boot. They were going to be black, knee-high, with low heels and a tasteful buckle. They were something Gossip Girl’s Serena van der Woodsen would wear. They’d be part equestrian boots with a little motorcycle-bitch thrown in. I’d wear them with leggings (from Lululemon or American Apparel) and a big boyfriend sweater (from Zara or Eddie Bauer). I knew the boots were out there; I just had to find them. I started looking through blogs, searching for “best knee high boots”. I knew my desire for a low heel, combined with my skinny calves, would make the situation a little tricky, so I read reviews like a fiend. If boots were criticized for being too tight, I studied them carefully. If boots were great for large legged ladies, I knew they weren’t for me. Websites like possessionista.com provide clear categories for boots, depending on desired heel height or calf circumference, in addition to emphasizing which ones had Rachel Zoe’s seal of approval, so they were an excellent starting point. From there, I moved on to actual storefronts. I don’t mean physical storefronts; I mean shopping.google.com. I poured over images of boots, scrutinizing multiple viewpoints and reading more reviews. The first pair I ordered came from amazon.com, but they were so big around the leg, they looked like galoshes. I sent them back. The next pair came from nordstrom.com. They were even bigger. I felt like a fireman. I sent them back. The third pair came from aerosoles.com. They were large around the ankle and looked like something Santa Claus would wear – I made sure to send them back before Christmas so he’d have them. I despaired of ever getting my Serena van der Woodsen winter look. Finally, I decided to give up on the Internet. I went to department stores in Los Angeles, outlet stores in the suburbs of Los Angeles. Nothing fit. Everything was too clumsy or too cheap. Nothing screamed Serena. Nothing screamed casually elegant sophistication. My desired new identity was being threatened. Winter 2011 was hanging in the balance. As a temporary solution, I bought a pair of over the knee suede boots. They weren’t the leather I’d envisioned, but they were black. They didn’t have the tasteful buckle, but they had discreet studs, so I settled. They’d tide me over while I kept looking. Soon, it was time to go back to school. I teach at the Fashion Institute of Design and Merchandising in downtown Los Angeles, and the winter term was just starting. Imagine my surprise to realize that every other woman on campus had apparently experienced my vision. Every other pair of legs was outfitted in low-heeled black knee high boots. Some were more Seabiscuit, some more Hell’s Angels, but one thing was constant: everyone was wearing my shoes. I never felt so violated, or have been more glad not to own something. And that’s when I realized that, in 2011, we express our identities not by what we have but by what we don’t have, and that a personal vision is hard to come by. Not having a cell phone or an iPod makes you stand out more than what kind you have. And those glorious images you saw online? Everyone else saw them, too. Apparently, in the winter of 2011, not having black, knee-high leather boots, makes you unique. We tend to think of the internet as encouraging individualization. After all, we can now all have our own blogs, our own Flickr accounts, our own Facebook pages, all without knowing a lick of html. But, in reality, this globalization has flattened fashion boundaries. According to Dana Weiss, editor and writer of posses-

sionista.com, “it’s much easier to dress like someone else than have to be resourceful.” It’s so much easier to dress like Ashley and MaryKate Olson – thanks to websites like Dana’s that tell you who the Olson twins are wearing, where to find it for yourself, and also where to find more affordable options – than figure out how to be totally unique. And when you think you’re being clever and different? Someone else saw that blog, too. There is the illusion that technology allows us to be more different, more independent, but, in reality, it makes us more the same. Because of the internet, there is no longer a clear distinction between underground and mainstream culture, between celebrities and “common folk”. “Up until a few years ago”, Dana explains, “the fashion we saw in a magazine was photographed three to six months in advance, which meant that, lots of times, by the time you saw the photos, an item was sold out. Thanks to the Internet, you can see your favorite celebrity wearing something today and have it shipped to you tomorrow (with free shipping, naturally).” The time between fashion being designed, photographed, blogged, reported on, turned into a trend, marketed, and then sold is steadily decreasing, and this makes popular items more and more available to those who can’t order couture in advance. The quick proliferation of trends these days – and often their just as quick exhaustion – is directly linked to internet use. The faster a country’s Internet connection, the faster its teens might be wearing skinny jeans and trucker hats. It’s now much harder to define what constitutes “German fashion” or “New York fashion”. Instead, Berlin’s hipsters dress the same as New York City’s East Village hipsters, who dress the same as L.A.’s Silverlake hipsters. The dresscode isn’t secret anymore, it’s online. As long as you can get online, you can not only see how other people are dressing, but you can also buy anything. Even the way we shop is different, thanks to the Internet. “You used to have to go to London, New York, Milan or Berlin to have access to labels, brands and trends”, explains Dana: “Now nearly everyone has an e-tail outlet. So you don’t have to be urban to have urban style.” The Internet promotes accessibility on both ends. Not only has it made possible for a teenager in Iowa to dress as stylishly as one growing up in downtown Manhattan, and she or he can also read the same blogs and get the same makeup tips, but it’s also made it possible for more designers to market their lines. “Little independent labels,” Dana says, “now have equal chance of competing with the huge design houses. Which means that there are more options and price ranges for fashionistas.” Which means we win and we lose. It’s easier than ever to find those perfect black boots, but the odds have never been so high that everyone else is going to find them, too. What was once considered fashion has been reduced to nothing more than a uniform for those with a little bit of money and an Internet connection.

The diminishment of lindsay vonn by Andrew Lawrence, New York How The Media Distorted The Accomplishments Of A Great American Athelete Lindsey Vonn entered the 2010 Winter Olympics with the highest expectations for any American skier in modern times. After the dominant performance of Michael Phelps in the summer Olympics two years before, the American media looked to a new athlete to carry America’s attention through the Vancou-

ver games and create the same ratings sensation that the summer games in Beijing had provided two years earlier. With the games being held in Vancouver, NBC and American sports media saw an opportunity to capture a wider American audience than the winter games had ever held since Salt Lake City hosted the games in 2002. The only thing they needed was a star to capture American attention and capitalize on their substantial investment in the games. They threw all their hopes onto the medal aspirations of alpine skier Lindsey Vonn. The choice couldn’t have been easier. Vonn was (and still is) as dominat in her sport as any American skier since Picabo Street, a virtual guarantee to place for a medal for the U.S. Ski team. Her performance in winning the last two World Cup seasons in the Super G and winning two gold medals at 2009 World Championships in Val d’Isere made her a shining light for the American team and pointed at her becoming the most decorated female skier of any Olympics. It helped even more that Vonn looked amazing in a bikini and had curves more defined than the slopes she battled. Before the games, she graced the cover of Sports Illustrated under the headline “America’s Best Woman Skier Ever” and projected herself into the American consciousness as the American threat in the Olympics. As a talented, young, and sexual woman, Vonn was readily embraced by America happy to make her the poster child and sex symbol of the games. What the media failed to acknowledge in their coverage (which sometimes barely went beyond her body) and American fans failed to embrace was the precarious and volatile nature of competitive alpine skiing, where the smallest mistakes and the tiniest amount of bad luck can turn Olympic gold to heartbreak. Lindsey Vonn’s 2010 Olympic performance is viewed by many as a failure, something to be forgotten in the Olympics and the sport of alpine skiing. Nothing could be farther from the truth. Her performance in the grueling and unpredictable events and medals in Downhill and Super G should solidify her status as one of the true greats of the sport. Her three year span of dominance in Downhill can be looked at as one of the greatest accomplishments of any alpine skier ever. Accomplishing this in the face of all the unnecessary scrutiny and pressure of the American media make these feats an ever greater achievement. With the American expectation for her to be not only an Olympic champion, but a multiple medal winner and to look like a model while doing it, Vonn rose to the challenge. Moreover, she succeeded with a grace and humility seldom seen by sports figures that become sex symbols. The truth of Vonn’s Olympic performance is that she accomplished both her own dreams of becoming an Olympic champion and met the expectations of the American media and the American people, who demanded more out of her than simply greatness in her sport. Nothing about her performance was anything short of the embodiment of the competitive spirit and captured the essence of what can be accomplished through training and dedication. The sports of Downhill and Super G skiing are among the most unpredictable and uncontrollable of all winter sport. To establish the type of consistent supremacy and high level of execution that Lindsey Vonn has brought to the sport evokes the type of admiration that she received going into the Olympics. It is just disappointing that this admiration was gained more for her attractive looks than her talent and commitment. The fact that the American media’s inflated expectations and overbearing adulation did not translate into gold medals in every event she participated in should not in any way take away from Vonn’s status as an incredible Olympic champion. In fact, her Olympic performance, and her entire skiing career speak volumes for themselves and should be looked at by competitive skiers around the world with admiration and perhaps a bit of envy.


Ausgabe No.10 TRAFFIC News to-go Anniversary Party at Amano Bar

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Fotos: Ina Schoenenburg, Jacques C. Stephens

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ORION

Neu: Orion mit unverschämt großem Datum. Selbst der Gast am Nebentisch sieht jetzt, ob die Tantiemen fällig sind oder endlich die Ferien beginnen. Daher heißt das neue Datum Fernsehdatum. Der patentierte NOMOS-Mechanismus ließ die ganze Uhr leicht wachsen. So wirkt sie noch flacher, schöner – und unverschämt elegant. 1640 Euro. Berlin: Christ KaDeWe, Lorenz; Hamburg: Becker; Lübeck: Mahlberg; Braunschweig: Jauns; Düsseldorf: Blome; Dortmund: Rüschenbeck; Münster: Oeding-Erdel; Köln: Berghoff, Kaufhold; Bonn: Hild; Koblenz: Hofacker; Darmstadt: Techel; Wiesbaden: Stoess; Stuttgart: Pietsch; Ludwigsburg: Hunke; München: Bucherer, Fridrich, Kiefer, Hieber; Augsburg: Bauer & Bauer; Ulm: Scheuble; Bamberg: Triebel; Dresden: Leicht. Und überall bei Wempe. www.nomos-glashuette.com

TRAFFIC News to-go #11  

TRAFFIC Issue #11 - Julia Knolle über E-Commerce, Dahlia Schweitzer über das Netz als Begräbnisstätte der Individualität, 8-Page-Editor...