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G Montag der AchtundZwanzigste November

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NUMMER FÜNF

„Ich bin nur eine Mutter, die ihre Kinder schützen will.“ Kanako Nishikata und ihre Kinder Kaito (11) und Hu (9) lebten in FukushimaCity als der Tsunami über Japan rollte und das AKW Fukushima-Daiichi explodierte. Ihr Leben hat sich seitdem verändert. Frau Nishikata ist Mitglied des „Fukushima Network to Protect Children from Radioactivity“. Greenpeace hat sie und ihre Familie, sowie eine Delegation aus Japan ins Wendland eingeladen. Sie wohnen bei Elke Mundhenk, der Bürgermeisterin von Dannenberg. Haben Sie vor der Katastrophe im März Atomkraft auch als Gefahr gesehen? Nein, nicht im Geringsten. Wie war es ein paar Tage nach der Explosion? Ein paar Tage nach dem Unglück wusste ich noch immer nichts über die Gefahren des Unfalls. Ich habe mein Alltagsleben normal aufrecht erhalten. Das einzige was sich geändert hatte, war, dass wir Gesichtsmasken

Fotografin: Natalie Becker

getragen haben. Aber wir sind weiterhin rausgegangen und so. Ich habe erst nach ungefähr einem Monat die verheerenden Auswirkungen realisiert. Sie und ihre Kinder haben ihr Zuhause im Mai verlassen. War das eine schwere Entscheidung? Ich wollte meine Kinder vor den Strahlungen schützen. Obwohl wir nicht in der Sperrzone lebten, bin ich ca. 100 Kilometer weiter nach Norden gezogen. Mein Sohn wollte nicht ohne seine Freunde gehen. Er

weinte viel und bat mich, dass wir nicht umziehen. Wie haben Sie ihm erklärt, dass er gehen muss? Von vorne herein habe ich meinen Kindern die Wahrheit erzählt über den Unfall im Atomkraftwerk, die Gefahren und Folgen. Mein Sohn ist noch zu jung, um das so richtig zu verstehen. Für ihn war die Gefahr nicht real. Aber vor einiger Zeit hat die Schwester von meinem Vater die Diagnose „Krebs“ bekommen. Als mein Vater diese Nachricht bekam, weinte er heftig.

Meine Kinder sahen ihren Großvater so traurig und haben dadurch besser verstanden. Sie meinten, sie wollten nicht krank werden, damit ich nicht traurig sein muss. Also sind wir zusammen umgezogen. Hat die erlebte Atomkatastrophe ihre Einstellung verändert? Ich muss sagen ich bereue es sehr, dass ich nie über die Gefahren von Atomenergie nachgedacht habe. Ich habe die Gefahren nicht ernst genommen. Jetzt denke ich, dass es extrem Weiter auf Seite Drei

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DEINE STIMME

REPORTAGE Fotografin: Isabel Winarsch - Interviewerin: Luisa Meyn - Übersetzung: Hisayo Takada Fortsetzung von Seite Eins

Deine Stimme zählt!

wichtig ist, sich selbst zu informieren. Wenn man das Gefühl hat, dass etwas nicht stimmt oder gefährlich ist, sollte man darüber investigativ recherchieren und sich dann eine eigene Meinung bilden. Es ist dann natürlich wichtig, für die eigene Meinung auch einzustehen. Protest und Information müssen parallel verlaufen. Als Aktivistin muss man ja auch informiert sein, da man immer neue Dinge plant. Aber ich denke, ich bin keine Aktivistin im klassischen Sinne. Ich bin einfach eine Mutter, die ihre Kinder beschützen will.

Wir möchten diese veröffentlichen! Schicke uns daher diese Seite mit deinem Statement und deinem Feedback und zeige uns mit einem Text, Bild, Zeichnung oder Collage wer du bist. Du kannst diese Seite einscannen, kopieren oder als Original an uns zurückschicken oder am Infopoint in Breese einwerfen. Infopoint Breese/the gorleben project In der Marsch 12 29451 Dannenberg

Ist es Ihr Ziel die großen Anti-Atom-Proteste auch nach Japan zu bringen? Ich werde den Menschen in Japan unbedingt von meinen Erfahrungen hier erzählen. Was ich bemerkt habe ist, dass die Freiheit im Ausdruck des Protests sehr hoch ist. Insbesondere im Wenland. Das ist in Japan anders. Ich denke, dass diese Freiheit den wirklichen Unterschied ausmacht.

DJU Hochschulgruppe/TGP Expo Plaza 2 30539 Hannover hinweise@thegorlebenproject.org

Erwarten Sie von der japanischen Regierung den Ausstieg aus der Atomenergie?

Kaito, 11 Jahre Ja, natürlich. Wir sind das Land, in dem diese enorme Katastrophe stattgefunden hat. Ich denke, wir sollten unter denjenigen sein, die vor Kernkraft warnen. Was möchten Sie den Menschen sagen? In Japan wechseln die Premierminister sehr häufig. Es ist daher kein

Verlass auf ihre Aussagen. Ich würde mir wünschen, dass die Welt starken Druck auf Japan ausübt, die Atomkraft einzustellen. Von Deutschland im Besonderen wünsche ich mir, dass es ein gutes Vorbild ist und weiterhin auf erneuerbare Energien umbaut. Ich denke, wir brauchen neben japanischen Stimmen auch viele Aufforderungen aus der ganzen Welt. Das ist sehr wichtig, um unsere Kinder zu schützen. Wir Japaner würden uns sehr unterstützt fühlen, wenn andere Länder unsere Kinder zu sich einladen würden. Zum Beispiel hier ins Wendland, damit sie sich dekontaminieren können und lernen, dass es auch andere Sichtweisen und Protestbewegungen gibt. Ich meine das sehr ernst. Auch wenn nicht wirklich Besuch aus Japan kommen würde, wäre alleine das Angebot eine emotionale Unterstützung. Manchmal bin ich so verzweifelt über die Zukunft meiner Kinder, dass ich ernsthaft überlege auszuwandern.

Kanako Nishikata, 34 Jahre, stammt aus Fukuschima

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THEGORLEBENPROJECT.ORG/LIVE

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REPORTAGE Fotografin: Nina Weymann-Schulz - Text: Göran Halit

Gorleben 365 – friedlicher Protest in der Nebensaison

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Die Landmaschinenschau in Metzingen war der Auftakt für die Protestaktionen im Wendland, die in der Woche des Castortransports ihren Höhepunkt erreichen. Die Kampagne ‚Gorleben 365‘ startete

am 14. August diesen Jahres und deckt den Raum zwischen der Hauptsaison ab. Kreativ, anders, vor allem friedlich sollen Protestaktionen ablaufen. Vor den Toren der Salzstöcke feierte Heidi ihren 68. Geburtstag und unterstützt so die Ideologie der jungen Kampagne jenseits der bekannten Sitzblockade: gewaltfrei blockieren, gerne auch mit gewaltiger Torte. „Manchmal spielen wir auch Karten oder häkeln“, sagt Vera, Mitinitiatorin der Kampagne. Angedacht war – wie es der Name schon impliziert – 365 Tage anwesend zu sein. Vera bedauert es, dass die ursprüngliche Zielvorgabe bislang noch nicht umsetzbar war. Sie hofft aber auf fleißige Helfer und kreative Ideen seitens der Atomkraftgegner, die derzeit im Wendland ihrer Einstellung zum Castor-Transport Ausdruck verleihen. Seit Kampagnenstart wären die Tore jedes Wochenende, zumindest einen Tag blockiert gewesen, verrät Vera, die seit gestern mit ihrer Familie in Gedelitz quartiert, um bis zum Ende mit zu protestieren. „Wir gehen erst Heim, wenn wir von der Straße getragen werden.“ Doch auch dann werde Vera keinen Gewalt-Widerstand leisten.

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REPORTAGE Fotograf: Gabriel Poblete Young - Autor: David Stumpp

Polizei räumte die Gleise. Proteste in Sammelstelle. Harling. Sonntag, um 7:30 Uhr trug die Polizei den letzten Demonstranten von den Gleisen.

In der Nacht richtete die Polizei eine Gewahrsamstelle auf einem Feld nahe den Schienen ein. Auf dem Areal wurde aus Polizeiwagen eine Wagenburg eingerichtet. Gegen 8:30 Uhr kam es zu einer spontanen Demonstration innerhalb der Sammelstelle. Die Polizei setzte daraufhin Pfefferspray ein.

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Es befanden sich 1800 Menschen im Außengewahrsam, was dazu führte, dass die Decken knapp wurden. Am Morgen herrschten, bei um die 2º C Außentemperatur, starke Windböen und es nieselte. Hauke Nissen von der Organisation „Widersetzen“ übte scharfe Kritik an der Polizei.

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MACHT DER BILDER

Castor 2011 - Demonstranten schauen in die Dunkelheit Zwei Demonstranten schauen während der Hitzacker-R#aumung in die Dunkelheit. Fotograf: Konrad Lippert

Pyramide bei Harlingen/Hitzacker wird von Polizisten vom Gleis entfernt, nachdem die angeketten Aktivisten der bäuerlichen Nothilfe befreit wurden Fotograf: Patrick Slesiona

SEITE Sechs

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MACHT DER BILDER

Brennender Strohballen auf der Straße zwischen Dannenberg und Metzingen Fotograf: Nick Neufeld

Polizeikräfte bei der Raeumung der Sitzblockade auf den Gleisen bei Harlingen. Fotograf: Nick Neufeld

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SEITE Sieben


Eine Nacht, zwei Protestkulturen Der Castor steht in Maschen. Seit Tagen ruft er Menschen auf die Straßen und Gleise – viele Protestler haben nach all den Jahren ihre eigene Tradition des Protestes gefunden. Zwei treffen sich in der Nähe von Lüneburg an der B4: angekettete GreenpeaceAktivisten an der einen Brücke, ein kerzenbeleuchteter Infostand an der anderen. Von Viviane Petrescu Auf den Gleisen strahlt ein Flutscheinwerfer auf die sieben angeketteten Aktivisten. 30 Sekunden habe es gedauert, sich auf den Gleisen zu verankern – mit Rohren, die unter den Schienen liegen. Regungslos liegen sie unter den Rettungsdecken und sehen wie goldene Larven aus, die an den Schienen nisten, um sich langsam durch das Transportsystem zu fressen. Es ist 22.30 Uhr: Seit drei ½ Stunden liegen sie bäuchlings auf den Schienen, seit 3 ¼ Stunden leisten ihnen rund 50 Einsatzkräfte Gesellschaft. Sanitäter, Festnahmeeinheiten, Seelsorger und Techniker wurden an die Gleise gerufen und

stehen zusammengedrängt zwischen Schiene und Wald. Außerdem unterstützen 13 weitere Aktivisten von Greenpeace ihre Kollegen, kommunizieren mit den Sanitätern und reden mit den Angeketteten, die jedoch wenig Reaktion zeigen. In Wendisch Evern leuchtet bereits die erste Adventskerze. Es gibt Suppe, Glühwein und eine ganze Menge gelber Kreuze. Vor ein paar Jahren fand hier eine Sitzblockade auf den Gleisen statt, das brachte die Anwohner auf die Idee, ihren kleinen Ort der Wendland-Bewegung anzuschließen. Auf der 10 Meter entfernten Brücke stehen Einsatzwagen der Polizei und passen auf, dass sich dort niemand zu lange aufhält. Mit dem Stand haben sie nichts zu tun – sie wollen die Gleise beobachten, die unter der Brücke verlaufen. „Wir hatten schon Angst, wir sind vielleicht zu brav“, sagt Ursula, die Standbesucher mit Lebkuchen versorgt. An sich gehe es ihnen aber nicht um Protest: „Wir wollten etwas machen, das sich an alle Bürger hier richtet, wenn der Castor schon mal durch unsern Ort rollt.“ Den Castor hat hier noch niemand gestoppt – dafür würden

mittlerweile auch die konservativen Mitbürger auf einen Glühwein vorbei schauen und sich über Atomkraft und die Endlagerproblematik informieren. Auch die Greenpeace-Aktivisten haben den Castor nicht aufgehalten: Er stand und steht in Maschen, 35 Kilometer vor Lüneburg. Stattdessen erreicht um elf Uhr der Instandsetzungszug der Deutschen Bahn in Schrittgeschwindigkeit das besetzte Gleisstück. Er liefert das Gerät zum Durchtrennen der Schienen, um dann die Aktivisten inklusive ihrer Rohrvorrichtung wegtragen zu können. Laut Polizeisprecherin Wiebke Henning, die Methode mit dem geringsten Aufwand und Sicherheitsrisiko. Eine Stunde später sind die Aktivisten aus dem Gleisbett entfernt. Welche Konsequenzen sie jetzt erwartet, sei noch unklar. Laut Henning liege der Straftatbestand in einer unangekündigten und ungenehmigten Versammlung mit „offensichtlichem politischen Hintergrund“ - was das bedeutet, entscheidet dann der Staatsanwalt. Die Pressemitteilung von Greenpeace war zwei Stunden später im Netz.

IMPRESSUM Reaktion: the gorleben project c/o breese in der marsch 12 29451 Dannenberg

Handy: 0170 - 100 70 20 Email: hinweise@thegorlebenproject.org

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the gorleben project 27.11.11