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G Samstag der SechsundZwanzigste November

NUMMER DREI

zweitausendelf „die Erfolge sind unsichtbar.“ Der Castor 2011 ist vorerst der letzte Transport. Matthias Korb sprach mit Jochen Stay dem Sprecher der Organisation “ausgestrahlt.” Jochen Stay, in den nächsten zwei Jahren gibt es keinen CastorTransport. Was macht die Anti-Atom-Bewegung in der Zwischenzeit? Der eigentliche Konflikt ist das Endlager-Projekt, was mit dem bleibenden Atommüll passiert. Es gibt ja zur Zeit die Kampagne „Gorleben365“. Viele kleine Gruppen blockieren das Bergwerk und hindern die Bergleute daran, zu arbeiten. Sicher wird es nächstes Jahr auch größere Aktionen geben im Konflikt um das Bergwerk. Der Castor-Transport bringt euch viel Öffentlichkeit. Wird es euch in den kommenden Jahren auch ohne ihn gelingen, so viele Leute zu mobilisieren? Im Wendland sind viele kreative Köpfe. Ich erinnere an 2009, es gab keinen Castor-Transport nach Gorleben. Da haben

So voll wird es auch heute werden: Großkundgebung Dannenberg. Fotograf: Christian Werner (Archivbild 2010) die Bauern gesagt: „Wir fahren nach Berlin“. 50 000 Leute waren dann dort, ein riesiges Ding. Es war in allen Medien und die Aufmerksamkeit war da. Für viele Beteiligte ist das hier ein “Familientreffen” und sie finden es fast schade, wenn sie nächstes Jahr nicht mehr kommen. Aus diesem Gegen-WasSein ist auch ein Für-Was geworden. Das EndlagerProjekt hat auch etwas Positives. Diese Region

versorgt sich zum Beispiel selbst heute zu über 100% mit erneuerbaren Energien. Auch deshalb gibt es dieses Durchhaltevermögen. Gibt es Spannung zwischen Befürworter und Gegner von Gorleben? Die Befürworter sind hauptsächlich Leute, die für das Projekt arbeiten. Und die beiden finanziell profitierenden Gemeinden Gorleben und Gartow. In der Zeit des Gorleben-Konfliktes ist die CDU hier von 60 auf 29 Prozent abgerutscht. Es gibt die aktiven

Gegner und die Leute, denen Politik egal ist. Von daher gibt es hier im Alltag nicht viel Streit. Was ist eigentlich aus dem Dialog mit Röttgen geworden, immerhin war er zwei Mal hier? Nichts! Es passt nicht zusammen, wenn er sagt, bundesweite Suche bei Null, um dann den Dialog hier zu wollen. Entweder geht es um Alles oder um Gorleben, er muss sich entscheiden. Bisher kostete die Erkundung 1,6 Milliarden Euro. Da kann man nicht bei Null Weiter auf Seite Drei

Co neunundzwanzigtausendvierhunderteinundfuenfzig Dannenberg Breese in der Marsch zwoelf


DEINE STIMME

REPORTAGE

Fotograf und Interviewer: Alexander Kopp Jonas aus Bremen Für Jonas - 19Jahre - ist der Atomkonsens noch nicht erledigt. Er ist hier um mehr als nur ein Zeichen zu setzten. Er will Widerstand leisten.

Isabel aus Bielefeld Isabel – 52 Jahre- will den Widerstand in der Region unterstützen. Sie ist zum dritten Mal hier. Die Vielfalt des Protestes findet sie überwältigend.

Mikkie aus utrecht Mikkie kocht in der Volksküche weil sie gegen Castortransporte ist. Sie findet es wichtig Widerstand zu leisten. Diesen will sie unterstützen.

Achim aus Bremen Für Achim – 18 Jahre - ist die Atompolitik einer der Themen in der Politik, in der man sieht was falsch läuft in unserer Gesellschaft. Beschlüsse werden gegen eine Mehrheit der Bevölkerung durchgesetzt. Das will er nicht akzeptieren, deswegen ist er hier. Marco aus Hamburg

Hans aus HAmburg Hans – 25 Jahre – ist hier um den Castor Transport aus Sicht der Demonstranten zu dokumentieren. In Form von Bildern will er ein Statement gegen den Castor setzten.

Marco – 31 Jahre - ist hier, weil er findet, dass es eine grundlegend falsche Atompolitik gibt. Gorleben ist für ihn eine besondere Art des Widerstandes.

anfangen. Außerdem gibt es die Vereinbarung zwischen Bund und Länder, dass es in Gorleben weiter geht. Dafür stehen 73 Millionen Euro im nächsten Haushalt bereit, für die Suche nach alternativen Standorten 3 Millionen. Das ist die weiße Landkarte, von der Röttgen spricht. Erschüttert das deinen Glauben an die Demokratie? Glaube ist eine spannende Kategorie. Worauf ich setze ist, dass sich Menschen einmischen. Es ist nicht entscheidend, wer gerade regiert. Entscheidend ist, ob es den Druck aus der Bevölkerung gibt, für eine bestimmte Richtung. Ob ein Gericht etwas entscheidet, oder die Wirtschaft einen Rückzieher macht, es ist nicht wesentlich, wo die Entscheidung getroffen wird. Hauptsache, wir sind stark genug, dass es passiert. Was ist denn passiert? Der vorerst letzte Transport ist auf dem Weg und die Verträge sind erfüllt. Was hat die Anti-AKW denn die letzten 30 Jahre geschafft? Was war hier in den 70er Jahren geplant? Ein nukleares Entsorgungszentrum, Wiederaufbereitungsanlage, Kernelementefabriken und ein AKW an der Elbe, um die ganzen Anlagen mit Energie zu versorgen. Heute haben wir vielleicht ein Endlager. Das einzige das bisher durchgesetzt wurde ist dieses Zwischenlager. Alles andere wurde verhindert oder um Jahrzehnte verzögert. So gesehen ist Gorleben eine große Erfolgsgeschichte. Das Problem bei der AntiAKW-Bewegung ist, dass die Erfolge unsichtbar sind. Und diese Region wird sich weiter wehren, wird nicht klein bei geben, davon kann man ausgehen. Das ist gesetzt! Es gibt Familien, da ist die vierte Generation am Start.

Aktionstraining – ABC für Demonstranten „Bitte einmal mit Blickrichtung nach vorne hinsetzen“, ruft Sebastian, Aktionstrainer im Camp X-tausendmal quer. Die Gruppe kommt in Bewegung und formiert sich neu. Felix sitzt im Rollstuhl und braucht Hilfe. Seine Räder hat er in der gestellten Sitzblockade abgeschraubt, um die Blockade zu verhärten. 15 Teilnehmer zählt die Gruppe heute. In den kommenden Tagen sollen es aber mehr werden, verrät Julia von Stade, Pressesprecherin der Widerstandsgruppe. Sie deutet auf ein Zelt, in dem Strohsäcke bis zur Decke lagern und als Matratzenersatz eingesetzt werden. Dass Demonstranten bei ihren Protestaktion mit der Polizei in Konflikt geraten, ist kaum zu vermeiden. Aktionstraining soll den Neulingen, aber auch den Erfahrenen, helfen, sich deeskalierend zu verhalten und sie über Rechte und Pflichten zu informieren. Ohne Kamera und

Pressevertreter im Rückhalt, kann es auf den Sitzblockaden um Gorleben bekanntlich robust zugehen. Felix sitzt inzwischen richtig herum und schaut – wie die anderen Teilnehmer auch – direkt auf die Gemeinschaftsscheune Phillipsburg. Er wirkt konzentriert, trotz roter Clownsnase und rosa Schriftzug der Tarnjacke: CIRKA, kurz für Clandestine Insurgent Rebel Clown Army - eine linkspolitische Organisation, die gezielt gewaltfrei protestiert. „Wir müssen die Erde bewahren, wenn nicht für uns, dann für unsere Kinder!“, sagt er energisch, während der erste Hubschrauber der Bundespolizei das Camp überquert. Behutsam tragen zwei Teilnehmer Felix von der fiktiven Straße. In der Realität wird es voraussichtlich anders ablaufen, doch das wissen Felix und die anderen Teilnehmer. Autor: Niklas Golitschek

Fotograf: Christian Werner

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REPORTAGE Fotograf: Lennart Helal - Autor: Göran Halit

REPORTAGE Fotograf: Nick Jaussi - Autor: Niklas Golitschek

Monte Göhrde Rallye - Das Katz-undMaus-Spiel

Polizisten lösen eine Waldblockade auf.

Waldarbeiten Nahe Metzingen, in einem abgelegenen Waldstück formierte sich unter anderem die Hamburger Polizei und errichteten ihre Basis. Atomkraftgegner eines illegalen, nicht gemeldeten Demonstranten-Lagers, fühlten sich angesichts des Polizeiaufgebots zur Flucht gezwungen. Mit Infanterie, Reiterstaffel und „Unimog“ rückte die Polizei vor. In der näheren Umgebung der neuen Basis wurden von den Aktivisten errichtete Waldblockaden niedergewalzt.

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Polizeipatrouille am Rande der Zugstrecke.

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Metzingen/Göhrde/ Govelin. Im Wald rund um Metzingen fand heute Vormittag die bekannte Monte Göhrde Rallye statt. Früh angereiste Aktivisten verstreuten sich nach dem Aktionstraining in Gruppen von 10 bis 20 Leuten auf den Waldwegen und dazwischen. Der Zweck der Rallye ist, dass sich die Teilnehmer in der Region zu orientieren lernen und die Polizei auf Trab halten, sagten die Teilnehmer. Waldwege wurden durch Holzblockaden für Fahrzeuge unzugänglich gemacht. Die Polizei reagierte mit Zugangskontrollen und ließ über offizielle Wege niemanden mehr den Wald betreten. Fuß- und Reittrupps patrouillierten entlang der blockierten Wege und sprachen Platzverweise aus. Aktivisten kamen über die Felder und abseits der Wege trotzdem in und durch den Wald. An den Stellen, an denen keine Polizei unterwegs war, hebelten Rallye-Teilnehmer gefällte Bäume, die an den Wegrändern lagen, auf die Waldwege. Für besondere Aktionen, wie Blockaden oder Polizeikontakt,

erhielten die Gruppen Punkte. Solche Aktionen wurden auch über das Wendlandradio mitgeteilt. Um 14:00 Uhr wurde von ersten Aktivisten gemeldet, dass bereits geschottert wird. Teilnehmer berichteten außerdem von insgesamt 1000 Demonstranten. Die Polizei soll drei Wasserwerfer und zwei Räumpanzer vor Ort gehabt haben. Selbstbekennende Aktivisten der Aktion „Castor schottern“ lieferten sich kleine Kämpfe mit der Polizei. Um 14:20 Uhr bewarfen Demonstranten Polizisten mit Stöcken, Steinen und Böllern und flohen, als diese hochgestürmt kamen. Um 15:00 Uhr sollte es auf der „X-Wiese“ ein großes Plenum geben, auf dem sich die einzelnen RallyeGruppen versammeln wollten. Bevor dieses stattfinden konnte, wurde der Platz von berittenen Polizisten geräumt. Es wirkt, als wären die kleinen Gruppen besser organisiert als die Polizisten. Durch die vielen kleinen Gruppen, die überall im Wald und nicht auf den Wegen verteilt sind, können sie mit der Polizei spielen. Wo Polizisten sind, sind keine Demonstranten und wo keine Polizei ist, werden Blockaden errichtet. Es wird nach Lücken gesucht und Präsenz gezeigt. Desöfteren waren

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laute Knalle von Feuerwerkskörpern zu hören und Schotterarbeiten haben begonnen. Nach dem Auftakt in Metzingen gestern Abend ist klar, dass für beide Seiten ein sehr anstrengendes und langes Wochenende bevorsteht.

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MACHT DER BILDER

Ein Polizeibeamter greift einen der Demonstranten an. Fotograf: Philipp Breu

Camp Metzingen: Polizei und Demonstranten auf Konfrontationskurs. Fotografin: Jana Euteneier

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MACHT DER BILDER

Pferde ermöglichen ein schnelles Vorankommen im unwegsamen Gelände. Fotograf: Christian Werner

Clownaktivisten bespaßen auch die Journalisten. Fotograf: Patrick Slesiona

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Interview Dorothee Menzner Bist du hier als Vertretung fr die Linke oder privat als Anti-Atomkraftprotesteierende? Ich bin primär hier für die BI LüchowDannenberg und als Atomkraftgegnerin, die im Moment eine Funktion in der Politik hat. Von daher habe ich manchmal Chancen, die andere nicht haben. Zum Beispiel jetzt bei Demonstrationen wenn irgendetwas eskaliert auch auf Polizeikräfte einzuwirken und hinterher im Parlament das Problem zu thematisieren. Ich war aber auch ohne Mandat hier. Es war eher so, dass eines meiner drei Standbeine aus der Politik diese außerparlamentarische Aktivität war. In den ersten Jahren habe ich auch viel Unverständnis in der Partei für das Thema bekommen. Ist die Atompolitik nach Fukushima die radikale Kehrtwende? Also erstens glaube ich, dass das was beschlossen ist kein Ausstieg ist. Die Koalition arbeitet daran alles wieder zurückzudrehen. Es wurde noch für kein einziges abgeschaltetes Kraftwerk ein Stilllegungsantrag gestellt.

Was kannst du über den Castor 2011 und die Organisation der Bewegung sagen? Wie ich bisher gesehen habe, ist die Bewegung erwartungsgemäß sehr gut organisiert. Es bewährt sich, dass es nicht eine Person bzw. eine Gruppe gibt welche alles bestimmt.

Die Gruppen organisieren sich autonom. Ich glaube deshalb ist die Antiatombewegung in Deutschland so erfolgreich, da sie halbwegs geschützt ist korrumpiert oder vereinnahmt zu werden von anderen politischen und vor allem wirtschaftlichen Strömungen. Es gibt nicht die eine Struktur, bei der man ansetzen kann, um den Laden zu drehen. Was ich feststelle ist, das Equipment wird besser, die Organisation wird besser, die Erfahrung der Leute wächst.

Befürchtest du, dass der Widerstand dieses Jahr kleiner Ausfallen wird, da der Ausstieg beschlossen wurde? Ich habe nicht die Angst das der Widerstand kleiner wird. Ich habe eher die Angst, dass das Vorgehen von Seiten der Polizei brutaler wird. Sie glauben sie können im Idealfall jetzt radikalere Maßnahmen rechtfertigen. Metzingen gestern hat klar gemacht, dass die Hemmschwelle Techniken zu benutzten, wie Wasserwerfern, Pfefferspray und Schlagknüppeln gesunken ist.

Wie würde hypothetisch deine Lösung für das Zwischenlager Gorleben aussehen? Erst einmal muss klar sein, dass Gorleben und Schacht Konrad nicht die Lösung sind und somit beerdigt werden müssen. Ich glaube, es ist sehr wichtig aufzuarbeiten, was in den letzten dreißig, vierzig Jahren aus politischer Opportunität für ein Blödsinn betrieben wurde. Nicht um die Leute zu bestrafen sondern einfach um zu klären, welche Fehler sind gemacht worden, welche dürfen sich nicht wiederholen. Es braucht ein gesamtgesellschaftliche Debatte mit Fachleuten diverser Initiativen aber ohne die „Weisen“, die seit

Abgeordnete der Linken Jahren Gorleben schön reden. Erst wenn man mit einer öffentlichen Debatte heran gegangen ist und wissenschaftliche Belege hinzugezogen hat, kann man mit der Standortsuche beginnen. Jedoch wurde in der Vergangenheit immer von hinten angefangen. Der Standort wurde solange untersucht, bis die Ergebnisse passten. Das kann nicht gehen.Wir tragen die Verantwortung für den Müll, der hier seit über vierzig Jahren produziert wurde. Es kann nicht sein, dass wir auf Länder zurückgreifen, die uns für möglichst wenig Devisen das Problem abnehmen. So eine Tendenz erkenne ich im Moment in der Politik und das kann nicht unser Anliegen und unser Ansatz sein. Es ist unsere Aufgabe zu sehen, dass der Müll hier möglichst sicher untergebracht wird. Vor allem aber sollten wir aufhören weiterhin Zeug zu produzieren, dann wissen wir auch endlich mit welcher Menge wir es zu tun haben. Dieses Interview führten Luisa Meyn und Frederic M. Bozada für the gorleben project.

IMPRESSUM Reaktion: the gorleben project c/o breese in der marsch 12 29451 Dannenberg

Handy: 0170 - 100 70 20 Email: hinweise@thegorlebenproject.org

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the gorleben project 26.11.11  

Dritte Ausgabe des the gorleben projects.