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Ausgabe 4 • Dez 2013

JPN Journal Thema

Die JPN schaut fern

+ BuTaWaReSe!

www.deinejpn.de

Das Magazin der Jungen Presse Niedersachsen Landesverband der Jugendpresse Deutschland


Prolog Liebe MedienmacherInnen, we proudly present you: das vierte und letzte Journal in diesem Jahr! Rückblickend war das Jahr für die JPN turbulent, spannend und wieder einmal sehr abwechslungsreich! Um zwei Themen dreht sich dieses Journal ganz besonders. Das erste ist Scripted Reality. In Köln haben wir recherchiert, wie vorgeschriebene Reality-Sendungen entstehen, also das, was umgangssprachlich als asi-TV bezeichnet wird. Wir haben bei dem Seminar einen Schauspieler befragt (S. 10). Und Constanze hat hinterher treffend Reality-Fernsehen beschrieben, und zwar in der Originalsprache: Was geht, Bruda? Einer der Höhepunkte im 2013-Kalender der JPN war sicher auch das BuTaWaReSe oder auch in Langform: das Bundestagswahlreportageseminar. Im zweiten Teil des Journals könnt ihr eine Menge Artikel lesen, die bei dem Seminar entstanden sind. Wir haben Jörg Schönenborn getroffen (S. 20) und sind am Wahlabend natürlich zu den Wahlpartys ausgeschwärmt, um live zu erleben, wie die PolitikerInnen nach den Hochrechnungen Stellung beziehen und was für eine Stimmung dort herrscht. Am Ende dieses Hefts findet ihr wie immer Rezensionen. Diesmal könnt ihr auch einen Bericht von Ramona über ihr Praktikum beim Hamburger Abendblatt lesen und einen Artikel von Meret über eine Ausstellung des Verfassungsschutzes. Im November gab es übrigens auch mal wieder ein Aktiventreffen, diesmal im Antikriegshaus in Sievershausen bei Hannover. Wir planen wieder eine Menge spannender Seminare für euch, lasst euch überraschen! Eine Menge Spaß beim Lesen und einen guten Start ins neue Jahr wünscht euch eure JPN

Impressum JPN Vorstand Petr Legkov IT & Technik

petr@jungepresse-online.de

Patrick Tölle

Finanzen & Öffentlichkeitsarbeit patrick@jungepresse-online.de

Meret Haack

Seminare meret@jungepresse-online.de

Luisa Meyer Seminare Junge Presse Niedersachsen e.V. Borriesstraße 28 30519 Hannover Fon (05 11) 83 09 29 buero@jungepresse-online.de www.deinejpn.de www.twitter.com/deinejpn & bei facebook Die namentlich gekennzeichneten Artikel geben nicht die Meinung der Redaktion bzw. des V.i.S.d.P. wieder. Für Mitglieder der JPN ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrag enthalten. Alle anderen können das JPN-Journal für EUR 10,- im Jahr abonieren. Bestellungen bitte direkt an die JPN. Titelfoto: Falk M. Drescher

luisameyer@jungepresse-online.de

Marvin Uhde Journal

marvin@jungepresse-online.de

Ramona Lienhop

JPN-Journal 4/13 4. Quartal 2013 Herausgeberin & Verlag Junge Presse Niedersachsen e.V. (JPN) Borriesstraße 28 30519 Hannover Auflage 600 & Online Druck Papierflieger Telemannstr. 1 38678 Clausthal-Zellerfeld Redaktion: Luisa Meyer Theresa Kruse Meret Haack

Finanzen & Öffentlichkeitsarbeit ramona@jungepresse-online.de

Layout & Illustration uhdebuff wuag

Nele Hüpper

V.i.S.d.P. Marvin Uhde Findorffstr. 68 28215 Bremen

JugendPresseTreff & Regionalsachen nele@jungepresse-online.de

Lukas Paap

Foto & Regionalgruppe Bremen lukas@jungepresse-online.de

Eike Schröter

Bundesangelegenheiten

eike@jungepresse-online.de

Bankverbindung Konto-Nr.: 7001-306 Postbank Hannover BLZ: 250 100 30 Erscheinungsweise Einmal pro Quartal


Titelthema: Scripted Reality

BuTaWaReSe

Inhalt Scripted Reality..................................................................... 4

Cranker Shit! ................................................................................................................................... 5 Fernsehmüll mit Mehrwert......................................................................................................... 6 Traumberuf Media Celebrity ..................................................................................................... 8 Das Goldene Kalb ........................................................................................................................... 9 PRO: „Mehr als Verdummungsfernsehen“........................................................................... 10 CONTRA: „Die Sender betonen zu wenig, dass nichts echt ist“ . . . . . . . . . . .11

BuTaWaReSe......................................................................... 12

An Tagen – äh Abenden – wie diesen!................................................................................... 13 Medien bei der Bundestagswahl............................................................................................. 14 Der Bundeswahlleiter................................................................................................................. 15 Ein Abend, der Leiden schafft................................................................................................... 16 Wahlparty der CDU ..................................................................................................................... 18 Auf die Jubelprobe gestellt......................................................................................................... 19 Grauer Mann mit Farbe ........................................................................................................... .20 2017 entern wir den Bundestag! ........................................................................................... . 22

Kennste das schon?...........................................................24

Ausgespäht?................................................................................................................................. . 24 Ein Klassiker über das Interview........................................................................................... . 24 Aus der Geschichte lernen......................................................................................................... 25 Mein Praktikum beim Hamburger Abendblatt ������������������������������������������������������������26


Alles Scripted Reality. nur erfunden Unterhaltung oder Lügenfernsehen?

Scripted Reality. Unterhaltung oder Lügenfernsehen?

von Johannes Booken

Fotos: Falk Martin Drescher

Die Fangemeinde von Scripted Reality wächst stetig. Meistens begegnet man ihr am Nachmittag mit einem kleinen Snack auf dem Sofa vor dem Fernseher. Themen dieser Sendeformate sind alltägliche Situationen, die mittels planmäßiger dramaturgischer Inszenierung durch ein Drehbuch oder ein Skript beim Zuschauer den Anschein einer Dokumentation oder Reportage erwecken sollen. Sie haben einen Marktanteil von bis zu 25 Prozent unter den jungen FernsehzuschauerInnen und werden immer beliebter: die Gerichtsshows und Doku-Soaps im Nachmittagsprogramm. Sie heißen „Frauentausch”, „Köln 50667”, „Berlin Tag und Nacht”, „Richter Alexander Hold”, „Die Schulermittler” oder „Familien im Brennpunkt”. Um diesen Fernsehtrend „Scripted Reality“ auf den Grund zu gehen, recherchierten junge MedienmacherInnen mit der JPN in der Medienhauptstadt Köln. In Gesprächen mit

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einer Medienjournalistin des Kölner Stadtanzeigers, dem Pressesprecher von filmpool, der Produktionsfirma von „Köln 50667” und „Berlin Tag und Nacht”, und einem Darsteller wurde sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Dabei wurde nachgefragt, welche Gründe für den Erfolg von Scripted Reality unter den jungen Zuschauern ausschlaggebend sind.

Viele Jugendliche wissen nicht, dass die Handlung fiktiv ist So manche scheinbar wahre Fernseh-Geschichte ist in Wirklichkeit frei erfunden, betonte Pressesprecher Felix Wesseler. „Im Abspann weisen wir nach jeder Soap darauf hin, dass alles gestellt ist”, sagte er. Nach Angaben von filmpool ist sich der Großteil der ZuschauerInnen darüber im Klaren, dass die Fälle und Geschehnisse im Fernsehen fiktiv sind. Dies konnte jedoch von Panorama, dem Politik-Magazin

der ARD, nicht bestätigt werden. Das Magazin berichtete mit dem Titel „Das Lügenfernsehen” über die Soaps und stellte in Frage, ob gerade die jungen ZuschauerInnen erkennen, dass alles frei erfunden ist. Eine Studie der Gesellschaft zur Förderung des internationalen Jugend- und Bildungsfernsehens ergab im Jahr 2011 nach der Befragung von 861 Schülern, dass nur 22 Prozent der ZuschauerInnen zwischen 6 und 18 Jahren Scripted-Reality-Sendungen als fiktiv erkennen. Knapp die Hälfte meinte, es würden echte Fälle nachgespielt und 30 Prozent glaubten sogar, es würden die tatsächlichen Erlebnisse der gezeigten Menschen dokumentiert. Insbesondere häufig Zuschauende und jüngere ZuschauerInnen erkennen die Inhalte nicht als Fiktion. Wesseler Argument dagegen ist, dass die Fälle zwar mit SchauspielerInnen gedreht werden, aber die Ideen und Handlungen aus normalen Familien stammen. JPN Journal 13-4


MedienexpertInnen fordern eine Kennzeichnungspflicht

Scripted Realitiy ist auch für die Landesmedienanstalten, die die Privatsender kontrollieren und deren Informationsanteil messen, ein heikles Thema. Weil viele ZuschauerInnen glauben, die Inhalte wären real, fordern MedienexpertInnen und PolitikerInnen eine Kennzeichnungspflicht für Scripted Reality Shows und sprechen hierbei von Unterschichtenprogramm. Dem Bericht von Panorama ist zu entnehmen, dass auch der ehemalige Bundesminister Christian SchwarzSchilling, in dessen Amtszeit das Privatfernsehen in Deutschland eingeführt wurde, überrascht darüber ist, wie Information in Teilen des Privatfernsehens aussieht. Er fordert daher eine klare Kennzeichnung von Fiktion im Informationsprogramm. Rechtliche Maßnahmen kann die Bundesregierung jedoch nicht ergreifen, da die Zuständigkeit für die Privatsender in den Händen der jeweiligen Länder liegt.

Für Wesseler steht hingegen fest, warum sich das Politik-Magazin Panorama das Format von Scripted Reality ausgesucht hat. „Unsere Soaps werden am Nachmittag bei den Privatsendern gesendet. Und da sind die öffentlich rechtlichen Sender neidisch, wenn wir die hohen Quoten einfahren”, so Wesseler. Dass die ProduzentInnen von filmpool mit ihren Reality-Soaps möglichst viele ZuschauerInnen erreichen wollen, ist kein Wunder. Und dies gelingt ihnen, indem sie die Handlungen so aufbauen, dass jede/r ZuschauerIn sie nachvollziehen kann. Firmen wie filmpool bezeichnen daher ihre Scripted-Reality-Formate als „Scripted Entertainment“ (geschriebene Unterhaltung). Im Allgemeinen scheint das Konzept von Scripted Reality durchaus erfolgreich zu sein. Die Fangemeinden von „Köln 50667” und „Berlin – Tag und Nacht” wachsen von Tag zu Tagen, auch in den sozialen Netzwerken.

-------–- Cranker Shit!

Da lernste was fürs Leben: Die wirklich echte freshe Wahrheit über Asi-TV. von Constanze von Veen

Scripted Reality

Ey, Kollegen, ihr kennt doch wohl alle diese Serien da. Scheißegal, ob RTL, Pro7, Sat1 oder Vox, fast den ganzen Tag kann ich die Glotze einschalten und BÄÄM voll die miesen Storys überall. Es ist so, ne, da sind tagtäglich krasse Krisen ganz gechillter Leute zu sehen. So zum Bleistift gestern, da war die Schäässika (Jessica), die ein Kind vom Tschastin (Justin) haben tut. Der hat aber ne andere Perle am Start und somit haben die voll den heftigen Beef in der Family. Tschastin denkt sich aber nur „yolo dies das“ und verlässt Schäässika. Die ist dann forever alone und lebt dann halt von Hartz 4. Vielleicht noch Kloputzen, aber mehr nicht. Reicht gerade so für Kippen. Halt n richtiges Antigirl. Na ja, ist halt voll die knackige Ansage von dem Tschastin gewesen, ziemlicher Babo!

Du denkst immer nur so „WTF, was da los?!“ Auf jeden kann ich euch sagen, Asi-TV ist leider geil. Richtig gutes Inter… ähh Entatey… Enterteinm… ach vergesst es, richtig lässige Unterhaltung eben. Ey, und das ist so real, glaub’ mir Bro! Du denkst immer nur JPN Journal 13-4

so „WTF, was da los?!“. Aber ist halt alles so, „true story dies das“. Wenn ich nachmittags, oder morgens, oder abends nicht malochen muss (okay Leute, ich arbeite nicht, ich bin eben n derber Hochleistungschiller), dann kann ich zu jeder Sekunde einschalten, kein Ding. Weil immer was läuft. Und Alter, kein Scheiß, ist auch wohl witzig, was da Phase ist im TV. Die Wesen da sind so hohl, haha. Bitter, wenn meine Type auch so wäre. Glücklicherweise bin ich aber ein pfiffiges Stück DNA. Ich denke mir immer nur so „ey, was geht bei euch, ihr Affen?“ und geier’ mir einen ab. Kann auch mega checken, dass so viele People Asi-TV gucken. Weißt du nämlich, Bro, da lernste für’s Leben, kein Scheiß! Nicht irgendwo in den Nachrichten, wo die vom Südpol oder so schnacken. Nein, nein, im Asi-TV wird Real Life gezeigt für uns Deutsche. Das, was uns anspricht, quasi wie n sweetes Chick. Das ist das Ding, Bruder!

Echte People, so wie Priscilla K. (16) Manche antigeilen Leute, halt Lehrer und so, meinen auch immer einen auf dicke Hose zu machen und tun so, als würden die kein AsiTV gucken. Aber ohne Witz, ne, auf jeden tun die das. Tzz, angeblich ist das alles n mieser Fake und das soll gespielt sein. So wie in Hollywood mit Schauspielern, you know? Aber als wenn, Bruda, das sind doch echte People mit echt kranken Krisen. Die zeigen ja auch immer so einen Schriftzug bei den Interviews mit den Menschen. So zum Beispiel „Priscilla K. (16) – erwartet ihr 3. Kind vom 3. Freund“. Die kommen also aus dem Real Life und sind nun voll fame wegen Fernsehen halt. Na ja, Kollegah, das zeigt irgendwie auf ne crazy Art wie fresh Asi-TV ist, echt ne richtig korrekte Scheiße! 5


Fernsehmüll mit Mehrwert [15 Uhr] Michelle hat es nicht leicht. Sie ist 17, arbeitslos und schwanger. Das Kind könnte von ihrem Freund Kevin sein oder von Tom, ihrer Party-Affäre während einer wilden Diskonacht. Während ihre Mutter und ihr Stiefvater darauf drängen, dass Michelle endlich ihren Schulabschluss nachholt, zündet die sich erstmal eine Zigarette an und durchwühlt ihren Kleiderschrank nach einem passenden Partyoutfit für morgen – da ist nämlich "Catch the Millionaire"- Mottoparty in der Disco und sie hofft auf einen guten Fang.

Scripted Reality

Scripted Reality hat es in die meisten deutschen Wohnzimmer geschafft. Den ganzen Tag kann man sich mit den Problemen fremder Menschen herumschlagen. Und das auf allen Kanälen. Scripted Reality-Formate und Doku-Soaps sind Filmproduktionen, bei denen Regisseure Geschichten erfinden, die dann von Laienschauspielern nachgespielt werden. Die Geschichten sind einfach aufgebaut und sollen „normale“ Alltagsprobleme stereotyper Menschen darstellen. Infolgedessen entsteht eine Authentizität, die den Zuschauer dazu bewegt, sich mit den fiktiven Figuren zu vergleichen. Obwohl die Scripted Reality Formate oft belächelt werden, sind sie der Quotenrenner der letzten Jahre.

Was ist der Reiz am Trash-TV? Die Spurensuche beginnt in DER Medienstadt schlechthin: Köln! Die viertgrößte Stadt in Deutschland gilt als Brennpunkt der Medienbranche. Hier tummeln sich große Fernsehfirmen wie die RTL Group oder die WDR Studios. Auch das Unternehmen filmpool hat mitten in Köln seinen Hauptsitz. Deren Autoren schreiben fleißig Geschichten, die gecastete Laienschauspieler in angemieteten Privatwohnungen nachspielen. Für eine circa 45-minütige Folge wird nur wenige Tage gedreht. Da nimmt man es auch nicht ganz genau, wenn mal das Mikrofon halb ins Bild hängt. Time ist Money. Das weiß auch Felix Wesseler. Der Pressesprecher von filmpool kommt 20 Minuten zu spät zu unserem Termin. Nun sitzt er Cola trinkend in der hipp eingerichteten filmpool-Lounge im neunten Stock auf einem riesigen grauen Sofa mit grauen Kissen, das auf einem rohen grauen Betonboden steht. Der kulissenhafte Industrielook vermittelt 6

den Eindruck, in einem Film-Set zu sitzen. Dann beginnt Wesseler zu reden und es wird schnell klar: Der Pressesprecher lebt Scripted Reality, beziehungsweise Scripted Entertainment, wie man bei filmpool zu sagen pflegt. Er versichert, dass zwar alle Geschichten aus dem echten Leben stammen könnten, aber letztlich ausgedacht sind. Um Ideen zu sammeln bedient man sich gerne bei der Bild-Zeitung, dem Internet oder im

Bekanntenkreis. Scripted Entertainment lebt von der Authentizität. „Die Menschen möchten sich mit den Personen identifizieren“, erzählt der Pressesprecher und fügt nahtlos ein: "Daher sind Berlin Tag und Nacht und Köln 50667 auch so erfolgreich". Tatsächlich regiert filmpool mit „Berlin - Tag und Nacht“ und „Köln 50067“ die Quoten am Vorabend. Täglich können die Zuschauer jeweils von 18 bis 19 Uhr in Köln und von 19 bis 20 Uhr in Berlin mitverfolgen, ob sich Maike für Marcel oder Alex entscheidet oder Sophie es endlich schafft, eine erfolgreiche Sängerin zu werden. Und wem das noch nicht genug ist, kann sich im Internet auf Facebook berieseln lassen. Dort wird auf eigens eingerichteten Seiten munter weiter getrasht. So werden Ereignisse, Vorschauen und Probleme einzelner WG-Mitglieder gepostet und unter der Fangemeinde ausdiskutiert. Vor allem bei Problemen einzelner Charaktere steht die Fangemeinde treu hinter ihr und gibt manchmal sinnvolle und manchmal weniger sinnvolle Ratschläge.

Eine fiktive Figur aus einer Reality Soap leidet – und die ganze Fangemeinde leidet mit Menschen, die sich das Leben von anderen Menschen angucken, wie sie verlieren, gewinnen, betrogen werden und oftmals auch den letzten Rest Würde verlieren. Ist das der Reiz an Scripted Reality Formaten? Fremde Leben durchs Schlüsselloch beobachten? Sich belustigen an der Dummheit und Naivität vermeintlich dümmerer Menschen? Das sieht Felix Wesseler natürlich anders. Er bezeichnet Geschichten wie zum Beispiel Michelles Vatersuche als gute Geschichten, die die Zuschauer unterhalten und auch in ihrem JPN Journal 13-4


eigenen Leben unterstützen sollen. Unterstützen? Der Pressesprecher führt gerne aus: „Eine Hausfrau zum Beispiel, die geschlagen wird, kann durch eine Folge Familien im Brennpunkt sehen, wie eine Frau in einer ähnlichen oder derselben Situation einen Weg heraus findet. Es werden ja auch staatliche Einrichtungen als Hilfe gezeigt“. Scripted Reality, äh Entertainment, als Retter in der Not? Warum nicht? Genug Beispiele, wie man NICHT handeln sollte, werden ja gezeigt.

[15 Uhr 47] Michelle versucht mühsam, ein königliches Mahl zu kochen, um ihren Freund Kevin zu besänftigen. Viel kann beim Aufwärmen von Fertigkost glücklicherweise nicht schief gehen.

Doch was ist mit den (meist jüngeren) Zuschauern, denen nicht so klar ist, dass alles nur Fake ist? Denn im Gegensatz zu Wesselers Aussage gibt es auch andere Umfragenergebnisse. Laut einer Umfrage der Gesellschaft zur Förderung des internationalen JPN Journal 13-4

Scripted Reality

Die Sonne geht langsam über den Dächern von Köln unter. Wesseler lehnt sich zurück und nimmt noch einen Schluck aus seiner Colaflasche. Der Pressesprecher scheint auf etwas zu warten. Michelle wartet auch: Nämlich auf das Vaterschaftsergebnis. Als das Gespräch auf die gespielte Echtheit kommt und die vielen Zuschauer, die tatsächlich glauben, dass Scripted Reality die Wirklichkeit darstellt, reagiert Wesseler enthusiastisch und der letzte Rest an Angespanntheit verfliegt. Nein, Familien im Brennpunkt seien kein Betrug, die meisten Zuschauer wüssten, dass es sich hierbei nur um eine erfundene Geschichte handelt, das habe eine repräsentative Umfrage ergeben. „Es steht ja auch im Abspann, dass alle Handlungen und Figuren erfunden seien“, rechtfertigt sich der Pressesprecher. „Und außerdem tut man keinen weh, wenn man Geschichten, die tatsächlich so stattgefunden haben könnten, nachspielt“. Kurz kommt der Gedanke auf: Sind Scripted Reality in der Medienbranche wie das Pferdefleisch in der Lasagne? Ist zwar irgendwie Betrug, aber tut ja niemandem weh und ist zudem eindeutig billiger. Etwas Verwerfliches ist das Nachspielen von möglichen Geschehnissen aus dem Leben nicht, so zeigen Soaps wie zum Beispiel GZSZ, wie man trotz realer Darstellungsweise eine gewisse Distanz zum Zuschauer beibehält.

Jugend- und Bildungsfernsehens wissen zwar knapp die Hälfte der befragten Sechs- bis 18-jährigen, dass die Geschichten bei „Familien im Brennpunkt“ gespielt sind, aber nur 22 Prozent aller Befragten wussten, dass die Geschichten zudem frei erfunden sind und nicht auf wahren Begebenheiten beruhen. Der Rest glaubt also, dass die Situationen, die sie täglich im Fernsehen sehen, vom normalen Alltag ganz normaler Menschen handeln. Doch wie kann man dem vorbeugen? Die Aufklärungsmaßnahmen der Produktionsfirmen wie filmpool scheinen jedenfalls nicht zu reichen. Schnell wird klar: Die Aufklärung über den Umgang mit Medien muss durch die Schule und in den Familien intensiver gefördert werden, um schon jüngere Kinder dazu zu bewegen, das Gesehene zu verstehen und zu reflektieren. Da aber für unsere Kanzlerin sogar das Internet Neuland ist, wird dies jedoch ein langer Weg sein. Aber vielleicht erledigt sich das Problem auch von selber, wenn das verschwenderische Einsetzen von Scripted Reality Trash zu einem Overkill führt. Vielleicht lässt man dann den Fernseher einen Nachmittag mal aus und kümmert sich um sein eigenes Leben. Denn: Dem Einzelnen mangelt es nicht an eigenen Problemen.

A propos Happy End… Es ist mittlerweile 15 Uhr 59. Michelle ist selig: Kevin ist doch der Vater. Jetzt haben sie es Schwarz auf Weiß! Beide stehen glücklich um das Bettchen des kleinen Pierre-Noel und nehmen sich in den Arm. Michelle trägt dabei ihre neuen silbernen Gucci High-Heels. Glück gehabt! 7


Traumberuf Media Celebrity von Konrad Materne

In Zeiten, wo es eine riesige Schwemme an Scripted-Reality-Formaten gibt, haben Laiendarsteller immer mehr zu tun. Menschen verdienen sich mit Auftritten in TrashFormaten nur ein Zubrot, sollte man meinen. Doch es kommt vereinzelt vor, dass Laiendarsteller von ihrer „Zunft“ leben können. Einer von ihnen ist Benny White. Benjamin Weiß alias Benny White ist eine Erscheinung. Der kleine und schmale 26-jährige trägt grelle Schuhe von Adidas, auffälligen Schmuck und eine rote Kappe – sein Markenzeichen. Der Laiendarsteller und selbsternannte Mediencelebrity hat viel zu erzählen. Er berichtet, dass er bei „Alles was zählt“ einen Doktor gespielt hat und einen Satz sagen durfte. Von seinen Erlebnissen mit It-Girl und Dschungelcamp-Teilnehmerin Georgina Fleur, die er auf einer Medienparty kennen lernte, erzählt er auch eine Menge. In seinem Erzählschwall geht fast unter, dass er gleich zu Beginn unseres Gesprächs eine bedeutungsschwangere Feststellung macht: „Im Fernsehen ist alles gescripted. Eigentlich kann man gar nichts mehr glauben.“

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Benny White muss es wissen. Der gelernte Web-Designer trat vor einigen Jahren bei Stern TV das erste Mal im Fernsehen auf

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(Thema „Junge Workaholics“) und hat seitdem das Arbeiten vor der Kamera für sich entdeckt. Der immer schon medienaffine Bayer ist mehrmals im Monat im Einsatz. Egal ob „Achtung Kontrolle!“, „Sat1 Frühstücksfernsehen“ oder „Punkt 12“. Kaum ein Format im Privatfernsehen, wo er nicht als zufälliger Passant oder auch mal als Drogendealer in Erscheinung tritt. Davon leben kann er gut. Er will bald sogar seine eigenen Kopfbedeckungen vermarkten. Ein Personality-Format mit ihm in der Hauptrolle sei auch geplant. Immerhin hat White, der ab und an für das Modemagazin „InTouch“ schreibt, schon 1.500 Facebook-Fans. Gewissensbisse hat Benny White nicht. „Wenn es nicht gescripted ist, wird es schnell langweilig“, konstatiert er. Doch noch wichtiger ist seine Feststellung: „Wenn ich zu irgendeinem TV-Produzenten sagen würde, dass er mit Scripted Reality aufhören soll, würde er sofort sagen: Da ist die Tür.“

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Das Goldene Kalb

Was Privatfernsehen mit Massentierhaltung zu tun hat. von Konrad Materne

„Fiction geht auch für die Hälfte!“ Warum sollen die Fernsehsender denn auch gute AutorInnen engagieren, wenn es am Nachmittag auch eine Story über einen 52-jährigen tut, der im Lotto gewonnen hat und seiner Familie verheimlicht, dass er das Geld längst verspielt hat? Oder eine Story über eine käsesüchtige und/oder nackt putzende Hausfrau? Den ZuschauerInnen scheint das zu reichen. Den Quoten nach zu urteilen, die Formate mit derartigen Geschichten einfahren, scheint es ihnen sogar zu gefallen. Der Sparwahn der TV-Branche gipfelte im vergangenen Juli in einer Aussage des ehemaligen Moderators und heutigen Produzenten Frank Schmidt (bekannt als „Franklin“), der die Ansicht vieler Produzenten klar macht: „Fiction geht auch für die Hälfte!“. Billig produzierter Trash, der nur die Hälfte kostet, kann jedoch trotzdem unterhalten, meint Burgmer. Sie bekennt sich zum leidenschaftlichen Konsum der Reality-Show „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“, die beim Start in Deutschland JPN Journal 13-4

Die industrielle Tierhaltung funktioniert n a c h folgendem Prinzip: Bei so wenig Kosten wie möglich soll ein größt------möglicher Nutzen erreicht w e r d e n .

2003 als Ekel-Fernsehen verschmäht und trotz vieler kritischer Stimmen dieses Jahr für den Grimme-Preis nominiert wurde. Fernab von der Notwendigkeit, es für ihren Beruf als Medienjournalistin zu schauen, hält sie dieses Format für gut gemachten und unterhaltsamen Trash. In diese Reihe gehören für sie auch „Bauer sucht Frau“ und „Schwiegertochter gesucht“, was sie – wie sie zugibt – auch öfter mal schaut. Oft auch mit dem Hintergedanken, dass es zu ihrem Job dazugehört, über viel diskutierte Formate informiert zu sein. Einen Großteil der im Nachmittag laufenden Programme hält sie jedoch schlichtweg für „zu doof“. Die neuen Formate im Vorabend von RTL II gehören für sie genauso in diese Kategorie. Wäre sie Vorsitzende der FernsehpreisJury, hätte „Berlin-Tag und Nacht“ keine Nominierung in der Kategorie „Docutainment“ bekommen. Für Anne Burgmer liegt das Hauptproblem von „BTN“ und seinem ebenso erfolgreichem Ableger „Köln 50667“ darin, dass die Menschen es für Realität halten. Die Begründung ist nicht weit her geholt: Wenn man sich die Facebook-Seiten der beiden Formate mit Einträgen der Charaktere anschaut und die Kommentare öffnet, merkt man schnell, was Burgmer meint: „Sofi du lügen sau schäme dich echt“ oder „die kann doch nur lügen“.

Scripted Reality

Nun fragt man sich, was das Ganze mit der Fernsehbranche zu tun hat. Jede oberflächliche Betrachtung der Mechanismen des Fernsehgeschäfts macht ersichtlich, dass vor allem das Privatfernsehen nach genau dem gleichen Prinzip arbeitet wie die Massentierhaltung. Übersetzt in die Fernsehwelt heißt das: So billig wie möglich Quote einfahren. Ein Gespräch mit einer Medienjournalistin in Köln offenbart, wie elementar dieses Prinzip wirklich ist. Die Frage, warum Scripted Reality bei ProduzentInnen und Fernsehsendern so beliebt ist, kann Anne Burgmer, Kulturredakteurin beim Kölner Stadt-Anzeiger, präzise beantworten. Es sei zum einen unheimlich billig und zum anderen schnell zu produzieren. Dieser Umstand käme den FernsehmacherInnen gerade in den heutigen Zeiten recht, wo das Fernsehklima mehr vom Sparwahn der Sender geprägt ist als von deren Experimentierfreude. „Scripted Reality ist ein Goldenes Kalb. Es ist billig und bringt gute Quoten“, stellt Burgmer trocken fest.

Wie lange noch, bis auch ARD und ZDF gescriptete Formate senden? Abgewendet wurde bisher, dass Scripted Reality auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Einzug hält. Frau Burgmer hat jedoch die starke Vermutung, dass es bei den Öffentlich-Rechtlichen auch durchaus Verantwortliche gibt, die sich Scripted Reality in der ARD oder ZDF wünschen würde. Quotenstärker als Zoo-Dokumentationen wären die Formate wahrscheinlich ohne Zweifel. Doch noch ist es nicht soweit. Für die Zukunft von Scripted Reality im Privatfernsehen gibt Anne Burgmer ein klares Statement ab: „Solange es gut geht, stellt sich niemand dagegen.“ 9


PRO

„Mehr als Verdummungsfernsehen“ von Frauke Tammen Für Scripted-Reality-Formate spricht, dass sie Anspruch auf Authentizität haben und es ZuschauerInnen leicht gelingt, sich in die ProtagonistInnen hineinzuversetzen Man hasst sie oder man liebt sie. Aber auf jeden Fall macht man es sich zu einfach, „Scripted- Reality”Serien von vornherein als Verdummungsfernsehen abzustempeln. Für viele Menschen bietet Scripted Reality eine einzigartige Möglichkeit ins Fernsehen zu kommen – ohne Studium oder Ausbildung. Die Möglichkeit, „berühmt“ zu werden. Für die Produktionsfirmen dagegen birgt das Format einen weiteren Vorteil: Die Filme sind billig und schnell zu produzieren.

Scripted Reality

Doch wie bei jedem anderen Genre auch gibt es gute und schlechte Scripted Reality. Das zeigt sich unter anderem in der Kameraführung und der Qualität der Schauspieler. Bei Serien wie „Berlin - Tag & Nacht“ spielen zwar ebenfalls Laienschauspieler mit, doch diese sind fest angestellt und werden fortgebildet. In vielen Fällen werden bei den Castings Charaktertypen gesucht, beispielsweise nach schwangeren Teenagern oder Bodybuildern mit Herz. Eingestellt werden diejenigen, die diesen

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Vorstellungen am ehesten entsprechen. Die LaienschauspielerInnen sollen sich so wenig wie möglich verstellen und ihre Rollen natürlich verkörpern. Neben den LaienschauspielerInnen ist der Anspruch auf Authentizität ein wesentliches Merkmal. Es werden mehr oder weniger alltägliche Situationen gefilmt; statt in Studios dreht man häufig in echten Wohnhäusern, die von den BewohnerInnen zur Verfügung gestellt werden. Das hat zur Folge, dass die Scripted-Reality-Serien realistisch und beinahe dokumentarisch wirken. Der/die ZuschauerIn kann sich leicht in die handelnden Figuren hineinversetzen. Die Storys sind so aufgebaut, das man die Handlung nachvollziehen kann – auch wenn man einige Folgen nicht gesehen hat. Es ist leichte Kost. Die Produktionsfirmen erheben nicht einmal den Anspruch, Bildungsfernsehen zu produzieren. Firmen wie „filmpool“ bezeichnen die Scripted-Reality-Formate deshalb auch als „Scripted Entertainment“.

Dass der Inhalt der Serien fiktiv ist, wird im Abspann durch den Hinweis „Alle handelnden Personen sind frei erfunden“ kenntlich gemacht. Auf viele ZuschauerInnen haben die Filme den Effekt, dass sie sich besser fühlen: „So schlecht wie bei denen ist mein Leben doch nicht.“ Das entspricht zwar nicht der feinen englischen Art, kann aber durchaus aufbauend wirken. Insgesamt scheint das Konzept „Scripted Reality“ durchaus erfolgreich zu sein: Bei „Berlin - Tag & Nacht“ steigen die Quoten mit jeder Folge, die Fangemeinde in den sozialen Netzwerken wächst täglich.

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CONTRA

„Die Sender betonen zu wenig, dass nichts echt ist“ von Maya Duitscher Ein Nachteil von Scripted Reality: die Qualität leidet wegen der billigen Produktion.

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werden, an einer ausreichenden Schauspielausbildung. Dies wird oft mit der Ausrede, man wolle damit die „Authentizität der gezeigten Situationen verstärken“, vertuscht. Doch das wohl größte Problem ist, dass die ZuschauerInnen viel zu oft nicht wissen, dass das, was sie am Nachmittag im Fernsehen schauen, nicht echt ist. Wie der Name „Scripted Reality“ schon sagt, ist eben alles, was zu sehen ist, „gescriptet“, sprich: nach Drehbuch gespielt. Viele Menschen sind sich dessen einfach nicht bewusst. Dieses Unwissen hat ebenfalls zur Folge, dass es passieren kann, dass die Darsteller mit ihren gespielten Rollen in Verbindung gebracht werden und sogar für diese gehalten werden. Das ist besonders problematisch, wenn sie peinliche oder beschämende Situationen spielen mussten. Wie kann so etwas sein? Das hängt zum einen damit zusammen, dass von Seiten der Sender zu wenig betont wird, dass

nichts vom Gezeigten echt ist, eine entsprechende Anmerkung im Abspann nicht auftaucht oder nur kurz zu sehen ist. Zum anderen stehen die AutorInnen der Formate unter großem Druck, was sie oft dazu veranlasst, kompromittierende Szenen zu schreiben, in die sich die Darsteller begeben müssen. Alles in allem können Sendungen des „Scripted Reality“-Formats nicht mit Serien konkurrieren, die mit hohem technischen Aufwand und ausgebildeter Besetzung produziert wurden.

Scripted Reality

„Scripted Reality“-Formate bieten einen Vorteil: Sie sind kostengünstig zu produzieren. Doch davon profitieren lediglich die Sender, die sie ausstrahlen. Denn was für die einen ein Segen ist, ist für die anderen ein Fluch. So leidet vor allem die Qualität der Sendungen darunter, dass bei Kamera-Equipment, Kulissen und der Auswahl der Darsteller und deren Bezahlung kräftig eingespart wird. Gemietete Wohnungen, die als Locations gewählt werden, bieten oftmals nicht genügend Platz, um eine hochwertige Beleuchtung und somit Aufnahme zu gewährleisten. Dazu bieten günstigere Kameras nicht immer die Möglichkeit, mit einer hohen Bildqualität aufzuzeichnen. Ein weiteres Problem sind die Darsteller für die benötigten Rollen. Häufig findet nicht mal ein Casting statt. Menschen werden einfach auf der Straße angesprochen und gefragt, ob sie denn nicht mal Lust hätten, in einer Serie mitzuspielen. Dazu mangelt es den Protagonisten, die auch Laiendarsteller genannt

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BuTaWaReSe AM ENDE

WIRDS DIE GROKO Siegerin der Bundestagswahl ist eindeutig Angela Merkel. Am Montag nach der Wahl strahlt sie mit Gewinnerlächeln von allen Titelseiten

der

Zeitungen.

Niemand

hätte

erwartet, dass die CDU einen derartigen Erfolg feiern kann – zeitweise deuteten die Hochrechnungen

sogar

auf

eine

absolute

Mehrheit hin. Womit auch niemand gerechnet hätte ist, dass sowohl die FDP als auch die AfD an der 5-Prozent-Hürde scheitern würden. Jetzt sieht alles nach einer großen Koalition aus. Die Verhandlungen haben sich zäh bis in den Dezember hinein gezogen. Abwarten, wie es weitergeht. Wie die TeilnehmerInnen des Bundestagswahlreportageseminars den Wahlabend erlebt haben, könnt ihr auf den folgenden Seiten lesen. Luisa Meyer

Das endgültige Ergebnis des Bundeswahlleiters auf einen Blick: CDU/CSU: 41,5% — SPD: 25,7 % — FDP: 4,8 % — Die LINKE: 8,6 % — GRÜNE: 8,4 % — Piraten: 2,2 % — AfD: 4,7 % 12

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An Tagen – äh Abenden – wie diesen! Ein Blick auf die „Wahlpartys“ der Parteien. von Joshua Pigorsch

Hätte sich gern mehr gefreut: die FDP. Foto: Luisa

Nicht, dass ich unbedingt zur Wahlparty der CDU hätte gehen wollen. Aber die nette Frau hatte Recht. Die CDU war der Gewinner des Abends. Und eines musste man der CDU-Wahlparty auch lassen: Es war eine Party. Was man von den anderen Parteien nicht gerade behaupten konnte. Die SPD hatte sich natürlich „mehr erhofft“, betont aber, drei Prozent zugelegt zu haben. Die Linke hat zwar über zwei Prozent verloren, ist aber zukünftig die drittstärkste Kraft im Bundestag. Doch bei beiden Parteien ist nach spätestens einer Stunde Schluss mit lustig. Bei den Grünen ist die „Party“ sogar noch schneller beendet. Zu groß ist die JPN Journal 13-4

Ernüchterung über 8,4 Prozent. Nur die Wahlparty der FDP kann das noch toppen. Dort war der Höhepunkt wohl der Moment, als die erste Hochrechnung angezeigt wurde und den anwesenden FDP-AnhängerInnen ein lautes „ohhhhh“ entwich. Für rund 600 FDP-MitarbeiterInnen bedeutet das Wahlergebnis nämlich auch die Kündigung. Da kann man nur sagen: Glück gehabt, dass es die Jobagentur noch gibt. Die FDP wollte sie ja einst abschaffen.

Alles gut?! Also – zurück zu der einzigen Wahlparty. Das Bier fließt und wie viel Volker Kauder davon schon getrunken hat, als er sich gegen 23 Uhr das Mikrofon nimmt, bleibt unbekannt. Jedenfalls muss der Unionsfraktionschef sehr euphorisiert gewesen sein, denn er beginnt ernsthaft, „Tage wie diese“ von den „Toten Hosen“ zu singen. Oder besser gesagt, zu grölen. Angela Merkel strahlt über das ganze Gesicht. So sehen also GewinnerInnen aus. Mutti lächelt sämtliche Probleme einfach weg. Eurokrise? Millionen perspektivlose Arbeitslose in Südeuropa? Interessiert doch keinen. Lieber ein neues Rettungspaket für die Banken.

Finanzmarktregulierung, Bekämpfung der Steueroasen oder sonstige Lehren aus der Krise? Brauchen wir nicht, läuft doch alles prima weiter. Wir können ja noch einmal die Steuern für Unternehmen und Besserverdienende senken. Straßen, Krankenhäuser oder Schulen brauchen ja keine öffentlichen Gelder. Energiewende und Klimaschutz? Wird schon irgendwie passen. Acht Millionen Menschen im Niedriglohnsektor, die am Ende des Monats oftmals noch auf Hartz IV Niveau aufstocken müssen? Egal. Sind doch nur Milliarden an Lohnsubventionen. An Altersarmut und andere Spätfolgen dieser Entwicklung denkt ja zum Glück noch keiner. Außerdem: Wann hatte Deutschland zum letzten Mal eine so geringe Arbeitslosenquote wie jetzt? Dass das Arbeitsvolumen einfach nur durch prekäre Arbeit auf mehr Köpfe verteilt wurde, muss ja nicht jeder wissen. Und dass es weiterhin eine Umverteilung von unten nach oben gibt, interessiert doch auch niemanden. Uns geht es ja gut.

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Auf welche Wahlparty man zu gehen hatte, wusste die nette Frau von der CDU-Parteizentrale schon Wochen vor der Bundestagswahl. „Die Menschen wollen natürlich zu den Gewinnern“. Und deswegen wurde auch der Zugang zur Wahlparty streng limitiert. Da konnte nicht einfach jeder rein. Lutz van der Horst von der Heute-Show scheiterte an der Eingangstür. Da ist es fast ein Wunder, dass die nette Frau von der CDU der JPN doch noch widerwillig drei Akkreditierungen gegeben hat.

Acht Jahre „Mutti“ liegen jetzt hinter uns. Mit ihrem Juniorpartner geht es jetzt wohl noch vier Jahre „weiter so“. Bis zur nächsten Wahlparty. 13


Medien bei der Bundestagswahl von Mats Wiborg

Die letzten im Reichstag

Bei den Grünen herrscht angespannte Stimmung. Die Halle brummt vom Stimmengewirr der Menschen. Es ist warm. Die Menge drängt sich vor der Bühne, doch in dieser scheinbar undurchdringbaren Masse tun sich immer wieder Lücken auf, in denen emsig NachrichtensprecherInnen verschiedener Sender die neuesten Ergebnisse oder einfach nur die Stimmung der Wahlparty in die Welt tragen. Neben uns taucht plötzlich so eine Lücke auf. Hier dreht das ZDF gerade einen Beitrag über den Abend, den Babara Hahlweg moderiert. Kurz darauf erklärt sie uns, was für ein großes Privileg es für sie sei, wählen zu können. In anderen Ländern kämpften die Menschen dafür, und hier machten es viele nicht. Das mache sie „fuchsig“, sagt sie.

Medien vor Ort

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Vor der Bühne stehen große Kameras, die die Stimmung live einfangen und auf allen Kanälen verbreiten. Oben, auf einer Balustrade, stehen neben Claudia Roth und Cem Özdemir Mengen an PressevertreterInnen, die im Blick über die Menge den perfekten Hintergrund für ihren Bericht sehen. Pünktlich um 18 Uhr flimmert nun Jörg Schönenborn über die riesigen Bildschirme auf der Bühne und verkündet die Ergebnisse der ersten Hochrechnung. Kurz darauf ist das Treiben der ModeratorInnen noch hektischer als vorher, denn jeder von ihnen möchte möglichst schnell die besten Meinungen zum Ergebnis haben und so ist es jetzt noch lauter als vor der Verkündung. Während die Medienschaffenden bei den Grünen in der Menschenmenge eingeschlossen sind, stehen die MedienvertreterInnen bei der CDU in kleinen Grüppchen abseits der Masse. Die allgemeine Stimmung der JournalistInnen ist hier verschlossener als bei anderen Parteien. Der Platz direkt vor der Bühne, auf der Angela Merkel stehen wird, ist nur denen vorbehalten, die eine zweite Akkreditierung, speziell für diesen Bereich, besitzen. Die Zelte, in denen sich die CDU-Anhänger drängen, sind heiß und stickig. Der Qualm von hunderten Zigaretten 14

liegt über allem, und das scheint gewollt, gibt es doch schließlich in einem Zelt eine extra Bar, an der nur Zigaretten angeboten werden. Vor der Zeltstadt der CDU ist die Straße voll mit Übertragungswagen der Fernsehsender. Ein Mitarbeiter von Phoenix erklärt uns, dass hier die Berichte gesammelt und ungeschnitten direkt zum Hauptsitz der Sender weitergeleitet werden.

Weiter geht es zum Reichstagsgebäude. Auf dem Weg dahin will uns jemand unsere Akkreditierungsbänder abschwatzen. „Nein, wir wollen noch einmal rein!“, ist schließlich unsere Antwort, die ihn abziehen lässt. Es ist halb zwölf als wir am Reichstagsgebäude ankommen. Die großen Flaggen wehen anmutig und leicht wie eine Feder im Wind, und bis auf ein paar einsame PolizistInnen ist kein Mensch zu sehen. Am Seiteneingang werden wir mit der Bemerkung: „Einlass nur bis 23 Uhr“ abgespeist. Na wunderbar, und was jetzt? Ein freundlicher Sicherheitsbeamter auf der anderen Seite gibt uns den Tipp, es am Osteingang zu versuchen. Also schieben wir den Absperrzaun zur Seite und laufen durch das völlig leere Gebiet zum Eingang, wo wir nach kurzer Diskussion und zwei Telefonaten dann tatsächlich eingelassen werden. Jetzt gehen wir durch die leeren Gänge des Bundestags, um uns schließlich in der Abgeordnetenlobby auf den Sofas wieder zu finden. Hier herrscht angespannte Stille, ein paar VertreterInnen von Fernsehsendern sind da, ein paar TechnikerInnen ebenfalls. Wir kommen mit dem japanischen Journalisten Fukumoto Masao ins Gespräch. Er erzählt uns, dass sogar in Japan live übertragen wird, wie Angela Merkel ihren Zettel in die Wahlurne wirft. Er lebt schon seit über zwanzig Jahren in Deutschland und ist schockiert über die Atompolitik des eigenen Landes. Anti-Atomkraftdemos unterstützt er tatkräftig. Auch Bundeswahlleiter Roderich Egeler spricht lange mit uns und erklärt uns jedes Detail zum Thema Parteiengesetz und zur Wahl. Um kurz vor zwei machen wir uns auf dem Weg zurück. „Ihr habt es gut, ihr seid nur freiwillig hier und könnt gehen, wann ihr wollt. Gute Heimfahrt euch!“, werden wir von den JournalistInnen verabschiedet. Ein letztes Mal schreiten wir durch die riesigen Gänge, die Türen schließen sich hinter uns automatisch. Der Wahlabend ist für uns zu Ende.

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Der Bundeswahlleiter von Sonja Bakes

„Drei Millionen Erstwähler gibt es bei dieser Bundestagswahl“. Die Information erscheint gemeinsam mit Fotos von strahlenden Jugendlichen auf dem Bildschirm. Dann wird sie vom nächsten Wissenshäppchen abgelöst. In der Lobby des Reichstags ist am Samstag, den 21. September, schon alles für die Wahl am nächsten Tag vorbereitet. Am Ende des Raums ist ein Pult für den Bundeswahlleiter aufgebaut. Die BesucherInnen können es sich auf kugelförmigen Kissen in Deutschlandfarben gemütlich machen, während zu ihrer Linken die Bundesländer mit den jeweiligen Wahlergebnissen angezeigt werden. Nicht die echten. Noch ist alles Probe, und die Prozentzahlen für die FDP in Mecklenburg-Vorpommern haben nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Von diesen Probewahlen und vielem mehr erzählt Roderich Egeler, der Bundeswahlleiter. Er ist eine Stunde zu spät. Sein Flieger hatte Verspätung, aber trotzdem wirkt er entspannt.

Auch der Bundeswahlleiter wählt

Für den Notfall Wenn er sich nicht gerade um Wahlen kümmert, ist Egeler der Präsident des Statistischen Bundesamtes – genau wie seine Vorgänger. In der Geschichte der Bundesrepublik hat sich in seinem Job als Bundeswahlleiter viel getan. Nach jeder Wahl wird auch das Wahlgesetz immer ein Stück überarbeitet. So gibt es ab dieser Wahl zum ersten Mal Ausgleichsmandate und einige Bundesländer verlieren oder gewinnen Wahlkreise hinzu.

Auch wird alles getan, um die Auszählung der Ergebnisse zuverlässiger und schneller zu machen. 630.000 HelferInnen werden dafür bundesweit benötigt. Um die Daten der einzelnen Wahlkreise über die LandeswahlleiterInnen letztlich in den Reichstag zu befördern, gibt es ein eigenes Behördennetzwerk, das nicht mit dem Internet verbunden ist. Auch vor Stromausfällen fürchtet sich dank Notstromvorrichtungen und einer zweiten Wahlzentrale in Wiesbaden niemand. Eine Tatsache findet Egeler besonders bemerkenswert: „Seit den 1950ern bekommen wir die Endergebnisse nur etwa zwei Stunden schneller!“ Entscheidend ist trotz aller technischen Neuerungen immer noch das Auszähltempo in den Wahlkreisen. Und wenn der letzte fehlende Wahlkreis sich entschließt, neu auszuzählen, kann es passieren, dass Egeler erst um sechs Uhr morgens ein Endergebnis verkünden kann. Eine Deadline gibt es nämlich nicht. Bei der Bundestagswahl 2013 wird das Zählen der Stimmen in Hessen besonders lange dauern, denn dort wird gleichzeitig ein neuer Landtag gewählt. Egeler wünscht sich, dass die Bundestagswahl auch dort Priorität hat. Er freut sich, als sein Gesicht auf dem großen Infobildschirm auftaucht. Die Bilder hat er selbst noch nicht gesehen. „Es gibt einen Bundeswahlleiter“ steht neben seinem Porträt.

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Für Egeler haben Wahlen naturgemäß eine große Bedeutung. „Sie erinnern die Bürger und Bürgerinnen daran: Ihr habt nicht nur Rechte, ihr habt auch Pflichten.“ Kommunalwahlen findet er besonders wichtig. Gerade für angehende PolitikerInnen

seien sie eine gute Möglichkeit zum Austesten. Auch auf dieser Ebene kann man schließlich etwas ändern. Zu Egelers Aufgaben gehört es, zu prüfen, ob Parteien zur Bundestagswahl zugelassen werden oder nicht. Ein fehlendes Programm oder zu wenige UnterstützerInnen können Gründe gegen die Zulassung sein. Auf die Inhalte kommt es bei der Entscheidung weniger an, selbst wenn diese absurd erscheinen. Egeler lässt sich bei dieser Aufgabe nicht von Sympathien leiten. Neutralität ist alles. „Aber ich hätte diesen Job nicht angenommen, wenn ich dann nicht mehr wählen dürfte“, erklärt er. Schließlich ist das sein Recht. Wie Millionen andere Deutsche hat er schon vor drei Wochen per Briefwahl abgestimmt.

Foto: Silke von Meding JPN Journal 13-4

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Ein Abend, der Leiden schafft

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Bei der FDP-Wahlparty ist von Partystimmung nichts zu spüren. von Arno Bratz und Luisa Meyer

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Wiebke Rösler scheint ihrem Mann den Rücken stärken zu wollen. „Es ist die bitterste, die traurigste Stunde in der Geschichte der Freien Demokratischen Partei“, verkündet Philipp mit starrem Gesichtsausdruck. Demonstrativ steht Wiebke hinter ihrem Mann, der „die notwendige Verantwortung“ für das Wahldebakel der FDP übernimmt. Ihr knallgelbes Top wirkt irgendwie fehl am Platz zwischen den Trauermienen der FDP-Führung. Politik sei für ihn nie ein Job gewesen. „Beruf im Sinne von Berufung“, zitiert der bisherige FDP-Chef den Soziologen Max Weber. Und geht noch weiter: „Es war meine Leidenschaft.“ War, nicht ist. Im Hintergrund wischt sich Birgit Homburger Tränen aus den Augen. Dirk Niebel starrt Löcher in die Luft, mit militärisch hinterm Rücken gefalteten Händen. Stumpf. Christian Lindner kratzt sich mit traurigem Gesicht die Nase. Es ist ein Abend, der Leiden schafft für die FDP. Noch wenige Minuten vorher sieht die Stimmungslage unter den geladenen Gästen ganz anders aus. Ein paar Mitglieder, die lieber nicht namentlich genannt werden wollen, bemängeln zwar Kommunikationsprobleme im Wahlkampf. Die meisten freuen sich aber über die wirtschaftlichen Erfolge der letzten Legislaturperiode – frei nach dem Motto „Gut gemacht, FDP!“ So viele Leihstimmen wie bei der Landtagswahl in Niedersachsen erwartet niemand. Überhaupt, das Wort „Leihstimmen“

mögen die Gefragten auch gar nicht: „Was ist das, eine Leihstimme? Die FDP ist nicht das geringere Übel für die Wähler und Wählerinnen, sondern ein Bekenntnis zur christlich-liberalen Koalition“, wollen zwei junge Männer in Anzügen richtig stellen.

Der Seufzer von hunderten Enttäuschten Um 18 Uhr gehen alle Anwesenden die Wendeltreppen hinauf in den großen Saal im Obergeschoss. Parteimitglieder, Vorstände und Junge Liberale blicken auf die große Leinwand. Die erste Hochrechnung. Gespannte Stille. Es ist so leise, dass sich nicht einmal die vielen FotografInnen trauen, auf den Kameraauslöser zu drücken. Die Balken steigen. Erst der schwarze. Höher, immer höher. Vereinzeltes Wispern. Dann zaghaft der rote. Vereinzeltes schadenfrohes Lächeln. Dann klettert der gelbe Balken. Stoppt. 4,7 Prozent. Stille. Ein kollektives „Uuuuuh.“, der Seufzer von hunderten Enttäuschten. Nur langsam kommen Gespräche auf. „Das ist nicht mehr normal! Das ist nicht normal!“, schüttelt ein frustrierter junger Mann den Kopf. „Die letzte Partei, die einigermaßen bürgerlich war!“, klagt eine Frau. Ein älterer Mann sagt mit gebrochener Stimme: „Die FDP war immer im Bundestag. Das ist ein harter Schlag für mich.“ Sein Gesicht zittert, er wendet sich ab. Es ist das erste Mal, dass die Liberalen JPN Journal 13-4


den Einzug ins Parlament verpassen. Im Hintergrund schlendern drei lachende Journalisten vorbei. Zwei Männer vom Rettungsdienst bedienen sich am Buffet. Sie scheinen nichts zu tun zu haben. Der FDP-Kollaps lässt sich mit keinem ErsteHilfe-Koffer behandeln. Dann betreten Philipp Rösler und der Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle die Bühne, gefolgt von Wiebke Rösler und der gesamten FDP-Prominenz. In ihren Augen glänzen Tränen. „Nur mit uns.“, verspottet die Werbewand hinter ihnen die FDP. Die zwei halten kurze Ansprachen, gratulieren CDU und SPD. In der „bittersten, traurigsten Stunde“ mahnt Rösler Kampfgeist an: „Die SPD hat in schwierigen Zeiten nicht aufgehört zu kämpfen. Das imponiert. Denn auch wir geben niemals auf, in schwierigen Zeiten gemeinsam zu kämpfen!“, ruft er laut unter tosendem Beifall. Außerhalb der parlamentarischen Opposition dürfte das schwierig werden. Die mediale Aufmerksamkeit wird in Zukunft mühevoll erkämpft werden müssen. Aber: „Die einzige Chance auf Regeneration ist Opposition. Im Parlament gibt es bei Merkel keine richtige Opposition“, behauptet ein FDP-Anhänger später. „Erst saugt sie der SPD die Wähler ab und jetzt uns! Wer lässt sich denn in Zukunft noch auf eine Koalition ein?“, ereifert sich ein anderer.

Lindner: „Die FDP muss neu gedacht werden“

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Nach den kurzen Ansprachen von Brüderle und Rösler wendet die FDP-Spitze den Anhängern den Rücken zu und verschwindet in einem Hinterzimmer. Es ist mit halbdurchsichtigen Jalousien von der Außenwelt abgeschirmt. Außerhalb des Gebäudes

versuchen eine Handvoll Kamerateams und FotografInnen an den Fenstern, die PolitikerInnen in einem emotionalen Moment abzulichten. Plötzlich laufen die ReporterInnen wieder hinein. Nach kurzer Zeit erscheint Rösler noch einmal, sagt etwas. Niemand versteht ihn. Im Zickzack läuft er durch den großen Saal, umringt von einem riesigen Pulk aus ReporterInnen. Es wirkt fast schon ulkig, wie sie vorwärts, rückwärts, seitwärts eilen, um eine finale Aufnahme von dem Mann zu ergattern, der möglicherweise gerade seinen Rücktritt angedeutet hat. „Bild TV“, ZDF, ARD, Deutsche Welle, alle sind sie dabei. ReporterInnen halten ihm Mikrofone und Diktiergeräte vor die Nase. Ein sarkastischer Lacher entfährt Röslers bis dahin noch versteinerten Gesicht. Endlich schafft er es, sich aus dem Pulk freizukämpfen. Hand in Hand mit seiner Frau verlässt er den Saal und schreitet die Wendeltreppe hinab. Kurze Zeit später wird Christian Lindner im Interview mit dem ARD sagen, ab morgen müsse die FDP neu gedacht werden. Ohne Rösler und ohne Brüderle, meint er damit. Und behält Recht. Die Partei wieder aufzubauen, wird eine harte Arbeit sein. Was jetzt kommt? „Die große Koalition“, sind sich die Befragten einig. „Das gibt Stillstand.“ Diejenigen, die mit einem Wahlsieg gerechnet hatten, wurden bitter enttäuscht. Es ist ein schwarzer Sonntag für die Freie Demokratische Partei, die von nun an in Zeitungen zum grauen Block der „Sonstigen“ zählen könnte. Wiebkes gelbes Top jedenfalls wird in Zukunft wohl nicht mehr zu sehen sein.

Fotos: Luisa Meyer & Arno Bratz JPN Journal 13-4

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Wahlparty der CDU Cool bleiben und Kanzlerin wählen? von Denise Eisenbeiser

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Ein Land. 82 Millionen Einwohner. 62 Millionen Wahlberechtigte. Die Stadt Berlin. Der Berliner Tiergarten, einer von 299 Wahlkreisen. Eine Parteizentrale: Das Konrad Adenauer Haus. Die Welt blickt nach Deutschland, wegen diesem einen, wichtigen Anlass: Den Tag der Bundestagswahl – der 22.September 2013. Vor dem Presseeingang des Konrad Adenauer Hauses machen sich die JournalistInnen fleißig Notizen, filmen und fotografieren. Die drei roten Buchstaben „CDU“ mit einer Größe von etwa zweieinhalb Metern stechen aus der Menge heraus. Hinter ihnen befindet sich ein großes weißes Zelt, welches als Empfangsraum für die Gäste und JournalistInnen dient. Der Innenraum des Zeltes ist mit rotem Teppich ausgelegt, überall sind Getränke-und Essensstände sowie Stehtische aufgebaut. Die „BrezelCompany-Berlin“ serviert warme Brezeln, mit und ohne Käse, ein weiterer Catering-Service Würste, Hackbällchen und Kartoffelecken. Der laute Geräuschpegel, der aus einem allgemeinen Gemurmel der Gespräche besteht, wird durch die Wahlsendung des ZDF übertönt, die überall auf den Bildschirmen an der Wand flimmert. Sowohl kleine Kinder im Alter von wenigen Monaten als auch Damen und Herren im hohen Alter sind zusammengekommen. Gemeinsam warten sie auf die erste Hochrechnung um 18 Uhr. Währenddessen sind die Blicke immer wieder zu den Bildschirmen gerichtet. Dort wird zwischen den Sendern ZDF, ARD und Phoenix hin und her geschaltet – je nachdem, wer momentan über die CDU berichtet. Bemerkenswert ist die Gelassenheit der, meist in den Farben schwarz und weiß gekleideten, Gäste, die sich fröhlich mit Wein und Bier zuprosten. Sie scheinen sich ganz dem Motto, das auf dem ein oder anderen T-Shirt und Poster abgedruckt ist, hinzugeben: „Cool bleiben. Kanzlerin wählen.“

Balkone zusammengefunden. Doch die Blicke sind nicht zu der leeren Bühne, sondern immer noch auf die zahlreichen Bildschirme gerichtet. In der Menge befindet sich eine Gruppe von Jugendlichen der Jungen Union (JU), die lautstark, ähnlich wie auf öffentlichen Veranstaltungen an Silvester, von zehn bis null einen Countdown herunter zählt. „42 Prozent für die CDU“ verkündet der Moderator Jörg Schönenborn in der ARD. Die Menge beginnt zu jubeln und zu klatschen, ähnlich wie auf einem Konzert. Dass die FDP es nach der ersten Hochrechnung mit 4,7 Prozent vorerst nicht in den Bundestag geschafft hat, scheint vor lauter Freude kaum jemand wahrgenommen zu haben.

FDP ist raus. Was nun? Wie eine Umfrage unter den Gästen zeigt, scheinen diese einem Einzug der FDP skeptisch gegenüber zu stehen. Für Jonathan Frank, Mitglied der JU, ist ein Einzug der FDP ausgeschlossen. „0,3 Prozent, das schafft die FDP nicht. Trotzdem finde ich es schade, da nun eine liberale Kraft im Bundestag fehlt.“ Marlon Völzke, ebenfalls Mitglied in der JU, sagt: „Ich bete für die FDP, aber ich habe keine Hoffnungen.“ Die Gäste Wolfgang Krewel und Thorsten Köring sehen die Schuld für das Versagen in den aufgestellten KandidatInnen. Diese seien zu jung, hätten kein Profil und seien nicht fähig sich zu profilieren. Am Ende des Abends steht es dann offiziell fest: Die FDP hat den Einzug in den Bundestag um 0,3 Prozent verpasst. Nun liegt es an Angela Merkel und ihrer Partei. 71,5 Prozent der 62 Millionen Wahlberechtigten haben gewählt. Jetzt ist die CDU an der Reihe.

Die Ergebnisverkündung Um kurz vor 18 Uhr haben sich die Gäste und JournalistInnen in der Empfangshalle im Konrad Adenauer Haus sowie auf drei der sechs 18

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Auf die Jubelprobe gestellt von Jana Smela

Fotos: Denise Eisenbeiser

Alle Kameras sind auf sie gerichtet Die meisten Gäste wirken gelassen, als hätten sie ihren Wahlspruch „Cool bleiben und Kanzlerin wählen“ nach dem langen Wahlkampf tief verinnerlicht. Oder sie haben schon eine Vorahnung, wie das Ergebnis der Wahl aussehen wird. In dem Raum, in dem nachher Angela Merkel ihren Unterstützern danken wird, drängen sich die Menschen auf vier Rängen, um einen Blick auf die Bildschirme werfen zu können, die eine ZDFÜbertragung senden. Im Zentrum der grau gekleideten Masse aus CDU-Mitgliedern und Journalisten hebt sich deutlich eine Gruppe junger Menschen hervor, deren orangene T-Shirts sie als JPN Journal 13-4

„teAM“ ausweisen. Sie haben den Platz eingenommen, um den sie jeder Journalist im Raum beneidet: ganz vorne an der Absperrung, mit idealem Blick auf das Podium, dem Geschehen am dichtesten. Diese privilegierte Gruppe zieht die Aufmerksamkeit auf sich und von ihr werden später am Abend nicht nur von der Tagesschau, sondern auch von der britischen BBC Fotos veröffentlicht. Es handelt sich bei dem „teAM“ („AM“ steht für Angela Merkel) hauptsächlich um junge Parteioder Junge-Union-Mitglieder, die speziell den Wahlkampf unterstützt haben. Bei der Bundestagswahl 2009 umfasste die Organisation nach eigenen Angaben 28 000 Mitglieder. Die Aufgaben dieser motivierten Wahlkämpfer liegen darin, an der Öffentlichkeitsarbeit mitzuwirken und Wahlkampfveranstaltungen zu organisieren. Das Sendungsbewusstsein der anwesenden „teAM“-Mitglieder ist hoch, denn alle Kameras sind kurz vor Bekanntgabe der ersten Hochrechnung um 18 Uhr auf sie gerichtet. Doch schon fünf Minuten früher beginnen sie zu jubeln. Wie sich herausstellt, ist dies jedoch nur eine Probe für den Ernstfall.

Feiern dürfen wir heute schon Schließlich bekommen sie aber ihre Chance und nutzen sie mit Beifallsstürmen, die es unmöglich machen, die Erläuterung der Hochrechnung zu verstehen, die die Erwartungen von vielen Anwesenden übertrifft. Diese lassen sich von der Begeisterung des „teAMs“ in ihrer Mitte mitreißen und stimmen in den Gesang „Oh, wie ist das schön“ ein. Um diesen Moment fest zu halten, beginnen die Kameras der Journalisten inflationär zu klicken. Die ausgelassenen jungen Menschen in orangenen Shirts ziehen alle Aufmerksamkeit auf sich und dominieren die Atmosphäre. Auf diese Weise profitieren nicht nur die Medien von der Anwesenheit des „teAMs“, sondern auch die CDU. Die jungen Wahlkämpfer verleihen ihr vor allem an diesem Abend ein erfolgreiches und begeistertes Gesicht. Nicht umsonst stehen sie mit Deutschlandflaggen ausgestattet und umringt von Fernsehteams in der ersten Reihe und applaudieren wie im Fußballstadion, als schließlich Angela Merkel auf das Podium tritt. „Wir werden morgen alles besprechen, wenn wir das endgültige Wahlergebnis kennen, aber feiern dürfen wir heute schon“, teilt sie ihrer Partei mit. Und das lässt sich das „teAM“ nicht zwei Mal sagen.

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22. September, kurz vor 18 Uhr: Die Atmosphäre im Konrad-Adenauer-Haus, in dem die CDU-Wahlparty stattfindet, hat Ähnlichkeit mit der eines beliebten Nachtclubs, in den am Samstagabend die Massen strömen. Lange Schlangen vor den Eingängen, Herumgeschubse, Frauen auf hohen Absätzen, Ausweiskontrollen und Türsteher, die jedem den Zutritt zum Haupthaus verweigern, der nicht das geforderte Bändchen am Handgelenk vorweisen kann.

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Grauer Mann mit Farbe

Von Konrad Materne und Krzysztof Walczak Es ist Wahl in Deutschland. Für Moderator Jörg Schönenborn ist das die Zeit im Jahr, in der er vor einem Millionenpublikum virtuos wie Richard Clayderman auf der Klaviatur der Wahlforschung spielen darf: Kreisdiagramme, Prognosen, Hochrechnungen, Wählerwanderungen und Beliebtheitswerte. Sich seinen Text vorzuschreiben, kommt dem WDRChefredakteur gar nicht in den Sinn. Seit 1999 spricht er routiniert in die Kameras. Und immer ohne Teleprompter, wie er selbst betont. Man könnte meinen, dass man hier eine Polit-Maschine vor sich hat, deren einziger Lebenszweck darin besteht, demoskopische Daten zu verarbeiten und in kleinen Häppchen auszuspucken. Mit seinem grauen Nadelstreifenanzug könnte er auch in einer Versicherung arbeiten – tatsächlich verbringt Herr Schönenborn tagtäglich viele Stunden in den Konferenzräumen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

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Wie im Hochsicherheitstrakt Das ARD-Hauptstadtstudio, einer von vielen Klötzen im Zentrum Berlins, ist also der perfekte Lebensraum für jene Karikatur des Profi-Journalisten aus dem bergischen Land in Nordrhein-Westfalen. Beim Betreten des Foyers wird man so misstrauisch beäugt, als befinde man sich im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses. Mit tippsenden Schritten führt uns Schönenborns fleißige Kollegin ins Wahlstudio, wo auch schon einen Tag vor der Wahl reges Treiben herrscht. Aber als Jörg Schönenborn dann tatsächlich auf uns zukommt, macht er einen komplett anderen Eindruck als erwartet. Er trägt weder Sakko noch Anzughose, stattdessen ein kariertes Hemd und eine beige Hose. Im Hemd steckt lässig ein Kugelschreiber. Er beginnt zu erzählen. Von der Tatsache, dass das Wahlstudio nicht im Bundestag vorzufinden sei, sondern zum ersten Mal im Foyer des ARD-Hauptstadtstudios, davon, dass er einen Tag vor der Wahl mit seinem Moderationspartner Ulrich Deppendorf um 17 Uhr so tut, als sei 20

schon Wahlsonntag und davon, dass sich das Studio schon seit einer Woche im Aufbau befindet. Es wirkt fast so, als könne er noch einige Minuten länger plaudern. Ohne Zweifel macht er auf niemanden den Eindruck, als sei er ein langweiliger, öffentlichrechtlicher Durchschnittsjournalist.

Ein Mensch mit Überzeugungen

Fotos: Denise Eisenbeiser

Im direkten Gespräch bekennt Schönenborn auch abseits öffentlich-rechtlicher Neutralität Farbe. Politisch aufgeschlossen sei er, und mit Ausnahme von FDP und Linken könne er sich theoretisch vorstellen, alles zu wählen. Dass er es schade findet, dass das Thema „Veggie-Day“ so einseitig in den Medien diskutiert werde. Vegetarier sei er zwar nicht, aber er legt keinen Wert darauf, in Restaurants ständig Steaks zu essen. Man merkt Schönenborn an, dass er ein Mensch mit Ansichten und Überzeugungen ist, obgleich er durch seine Aufgabe als Wahlmoderator oft so wirkt, als würde er es beim Präsentieren von Statistiken belassen. Auf seine persönliche Karriere im TV angesprochen, scheint Schönenborn Demut zu zeigen. Auf die Moderation einer gut platzierten Talkshow in der ARD oder auf das TV-Duell schielt er nicht. Er meint, dass andere Leute Talkshows besser moderieren können als er. Das TVDuell sieht er kritisch, weil in seinen Augen dort zu viele ModeratorInnen auf die zwei KandidatInnen losgelassen werden. Viel mehr Zeit als geplant hat sich Jörg Schönenborn für unser Gespräch genommen. Doch schließlich. muss er wieder schnell los, die Arbeit ruft. Ein Mann auf Trab, der für ein Gespräch immer aufgeschlossen zu sein scheint, auch wenn er beim gemeinen Publikum an Wahlsonntagen vielleicht einen anderen Eindruck vermittelt. Bis zur nächsten Wahl!

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von E wie Elefantenrunde bis W wie Walkampf

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Mehr als nur eine Nerd Partei

Interview mit Johannes Zabel von den Junge Piraten Berlin (JuPis Berlin) nach der Bundestagswahl 2013. von Lisa Pramann

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Wie kamst du dazu, dich politisch bei den PIRATEN zu engagieren? Ich war schon immer begeistert von Politik, habe aber lange nach einer parteilichen Heimat gesucht und sie letztlich während meines Schulpraktikums in der 9.Klasse bei der Piratenpartei gefunden. Das war kurz vor der Berlinwahl und dem ersten Hype. Über die Partei habe ich einmal zufällig in einem kleinen Medienbericht erfahren und fand es interessant, dass es auch Politik gibt, die sich nicht vor dem Internet versteckt oder es verbieten will. Seither habe ich die Politik der Partei verfolgt und bin in den letzten eineinhalb Jahren auch offiziell eingetreten und habe mich eingebracht. Ab und an kollidiert mein Engagement zwar mit der Tatsache, dass ich noch Schüler bin, aber ich tue mein Bestes um einen angemessenen Ausgleich zu schaffen.

Warum haben die PIRATEN den NSASkandal nicht zu ihrem Thema gemacht, obwohl sie damit in jeden Fall bei den Wählern gelandet wären? Ich persönlich glaube nicht, dass man mit dem Thema NSA/PRISM sehr stark als Partei gewonnen hätte. Für viele ist gerade diese Thematik rund um Datenschutz nur wenig nachvollziehbar und eher ungreifbar. Natürlich hätten wir mehr aus dem Thema als Partei machen können, aber auch hier zeigt sich, dass wir uns medial nur sehr schlecht verkaufen können. So gab es durchaus Aktionen im Zusammenhang mit diesem Thema wie die Crypto-Party und symbolische Begrüßungen von Edward Snowden an verschiedenen deutschen Flughäfen, aber das allgemeine öffentliche und mediale Interesse an unseren Aktionen war eher gering.

Woran lag das verhältnismäßig schlechte Wahlergebnis von 2,2 % bei der Bundestagswahl 2013 deiner Meinung nach? Zur Bundestagswahl haben wir versucht, uns thematisch breit aufzustellen und auf aktuelle Fragen (Mieten, Europa, Steuern, Strompreise) in unserem Wahlprogramm zu antworten. Nicht zuletzt war es auch eine Reaktion auf den immer wiederkehrenden Vorwurf, wir wären inhaltsleer. Ein Problem im Wahlkampf war vor allem, dass wir diese thematische Vielfalt nicht nach außen tragen konnten und in der öffentlichen Meinung vor allem auf Aussetzer abseits der politischen Bühne geachtet wurde. Wahrgenommen wurden wir vor allem als chaotische und zerstrittene Partei, der nur wenige wirklich zutrauen, ein Land mitzuregieren.

Die PIRATEN erlebten ihre Hochzeit im Frühjahr 2012. Zu diesem Zeitpunkt lagen sie in den Umfragen bei über 10 %. Wie hatten es die Piraten geschafft, so schnell so viel Zustimmung zu bekommen? Welchen Einfluss spielten dabei die Medien? Die Piraten waren – und sind – gerade für viele junge Wähler und Wählerinnen eine moderne und junge politische Alternative. Abseits der etablierten Politikbilder mit alten Herren in Anzügen sind die Piraten eine neue Bewegung, die sich speziell zu Themen der digitalen Generation äußern kann, ohne dass dabei das Wort "Neuland" fällt. Die Piraten stehen den neuen Medien und damit vor allem dem Internet offen gegenüber und sind fachlich auch in der Lage, politisch damit zu arbeiten. Allein das macht sie für viele junge Menschen, die mit Internet und Computern groß geworden sind, attraktiv. Gerade viele, die schon die Politik abgeschrieben hatten, sahen in den Piraten eine neue Partei mit engagierten Menschen von der Straße und ohne Fachbürokraten aus irgendwelchen Ausschüssen. Bei den höchsten Umfragewerten spielte natürlich auch der Faktor "Medienhype" eine tragende Rolle. Auch wenn die Medien immer sehr kritisch mit den Piraten umgingen, so gab es viele Wähler und Wählerinnen, die uns aus Prostest gewählt haben, um symbolisch ihren Unmut über die Etablierten auszudrücken. Dass das mit der Zeit verloren gehen würde, war jedoch abzusehen. Foto: JuPis Berlin

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Nach diesem Umfragehoch ging es für JPN Journal 13-4


die PIRATEN dann auch wieder steil bergab. Woran könnte das deiner Meinung nach liegen? Die Entwicklung von 13% im Bund bis hin zum aktuellen Tiefpunkt hat für mich zwei primäre Gründe: Zum einen war es durchaus abzusehen, dass sich der Hype, der Protestausdruck und auch das mediale Interesse nach einer Weile legen würde und sich die Umfragewerte langfristig niedriger ansiedeln. Das geschah mit der Zeit auch. Lange waren wir dann stabil bei sieben bis acht Prozent. Der zweite Faktor, der uns nun ins Tief trieb, war und ist die katastrophale Außenwirkung der Partei. Viele haben nicht damit gerechnet, gewählt zu werden, als sie sich für die Landtagswahlen haben aufstellen lassen. Plötzlich stehen sie vor Kameras, sitzen in Talkshows und müssen Pressekonferenzen geben. Letztlich sind das alles Menschen mit einem normalen Berufsalltag und keine erfahrenen Medienprofis. Das musste mit der Zeit auch mal schief gehen. Die ersten Fehler medialer Unerfahrenheit ließen nicht lange auf sich warten.

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Lange hielt diese Kette von öffentlichen Fehltritten aus Unerfahrenheit an und war wenig förderlich für das öffentliche Bild der Partei… Auch unsere eigene Transparenz wird gerne falsch wahrgenommen. Zum Konzept der Piraten gehört es auch, dass wir öffentlich diskutieren. Während andere Parteien das intern in kleinen Gremien machen, kann bei den Piraten jeder mithören und mitlesen. Gerne wird in diese öffentliche Diskussion hineininterpretiert, dass die Partei zerstritten und uneinig wäre. Dabei gehört auch das zum Konzept, dass wir nicht eine generische Meinung als Partei haben, sondern nach der Mehrheit entscheiden und davor reichlich debattieren. Trotz steigender Sicherheit im allgemeinen öffentlichen Auftreten, können wir nach wir vor nicht fehlerlos mit den Medien arbeiten, wie es andere Parteien tun, die intern bereits immer direkte Ansprechpartner bei Zeitungen und Fernsehen haben. Daher können wir viele Inhalte und auch Aktionen der Piraten nicht sehr stark öffentlich kommunizieren. Langfristig wird sich aber auch hoffentlich in diesem Bereich ein Netzwerk entwickeln, damit nicht nur unsere Fehltritte auf den Titelseiten stehen.

ja auch oft als Computerfreaks und Nerds dargestellt. Wie stehst du zu diesem Vorurteil? Würde es der Partei helfen, sich von diesem Image zu distanzieren? Es kommt ganz darauf an, was man in dieses Bild hineininterpretieren möchte. Natürlich stimmt es, dass bei den Piraten viele mit einem beruflichen Hintergrund aus dem Bereich Informatik sind und sich folglich sehr gut mit der Materie rund um Netz und Software auskennen. Das spiegelt ja auch die thematische Ausrichtung wieder. Insofern würde das Vorurteil stimmen. Jedoch sind wir keineswegs die "Nerds", die nie aus ihren Kellerzimmern kommen und sich nicht trauen, mit anderen Menschen zu reden. Aber allgemein die Piraten als "Nerdpartei" zu sehen, wäre zu einfach. Die Mitglieder stammen aus allen gesellschaftlichen Gruppen. Darunter auch Menschen wie mich, die nicht die geringste Ahnung von Informatik haben, sondern einfach am politischen Erhalt der modernen Gesellschaft interessiert sind. Ich denke nicht, dass sich die Partei von dem Image grundlegend distanzieren sollte. Vielmehr sollte das Image verändert werden. Im Moment sind die Piraten im öffentlichen Meinungsbild mehr eine chaotische, zerstrittene und unorganisierte Gruppe von "Nerds". Wenn wir zukünftig die "Nerds" sind, bei denen jeder Politik mitmachen kann, die sich für das digitale Erbe einsetzen und darüber hinaus auch auf aktuelle Themen Antworten haben, dann sehe ich in dem Image kein Problem.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für deine politische Laufbahn.

Die PIRATEN wurden in den Medien JPN Journal 13-4

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Kennste das schon?

Ausgespäht?

Kennste das schon?

Roman Maria Koidl versucht mit „Web-Attack“ ein Buch zum Überwachungsstaat. von Theresa Kruse

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Überwachung ist ein Thema. Und das nicht erst seit den Enthüllungen von Edward Snowden im vergangenen Sommer. Bereits 1949 schuf George Orwell in dem Roman „1984“ ein autoritären Überwachungsstaat der Zukunft. Nun hat auch Roman Maria Koidl zu dem Thema ein Buch veröffentlicht. Koidl machte sich vor gut einem Jahr im Oktober 2012 als Internetberater Peer Steinbrücks im Wahlkampf einen Namen. Doch bereits wenige Tage nach Bekanntwerden seines Postens verließ er ihn wieder: Sein Lebenslauf hatte zu viele Kontroversen hervorgerufen. Der österreichische Unternehmer mit Wohnsitz in der Schweiz ist hauptberuflich in der Kaffee- und Schokoladeindustrie tätig und investiert sein Geld in moderne Kunst. Als Autor hat er sich in seinen bisherigen Veröffentlichungen mit verschiedenen Themen auseinander gesetzt: Ein Buch über falsche Ehemänner, eines über falsche Karrieremänner und nun also der Überwachungsstaat. Darum soll es zumindest laut Klappentext gehen. Beim Lesen entpuppt sich das Buch jedoch als Gesellschaftskritik, bei der Koidl so ziemlich jeden Bestandteil eines eines modernen Lebens in der technologischen Umwelt infrage stellt. In der deutschen Sprache sind zu viele Anglizismen, Schüler lesen Wikipedia-Artikel als Referat vor, immer mehr Menschen leiden unter Burn-out und Cybermobbing, Hipster und die Piratenpartei sind nicht gut. Es scheint, als hätte Koidl beim Schreiben sein Ziel aus den Augen verloren. Immer wieder verliert er sich in Exkursen und ist sich dabei für keinen Stereotyp zu schade. Mitglieder der Piratenpartei werden

so durchweg in die Schublade Technik-Nerds mit langen fettigen Haaren gesteckt. Solche Phrasen wiederholt er in unregelmäßigen Abständen und streut immer wieder ein, dass der Mensch eigentlich nur nach Spielen und Pornographie strebt. Eine klare Struktur ist dadurch nicht erkennbar. Lediglich im letzten Kapitel fängt Koidl sich wieder, wenn er wirklich nützliche Tipps für die Sicherheit im Netz gibt. Hier stellt er Alternativen zu Mozilla, Google oder Skype vor, die weniger Nutzerdaten speichern. Dafür wären aber keine 150 Seiten nötig gewesen, auf denen ein Mann mittleren Alters sich über die Auswirkungen der neuesten technischen Errungenschaften beklagt. Dabei ist Überwachung eigentlich ein wichtiges Thema, das in Zukunft neue Regulierungsmaßnahmen fordern wird. Wer jedoch schon grundlegend über die Technik, Apps und Datenspeicherung informiert ist, findet nur im letzten Kapitel wirklich neue Informationen. Und für diejenigen, die jedoch nicht genau wissen, was 'dieses Internet' ist, bietet Koidl Buch eine praktische und verständliche Einführung.

Ein Klassiker über das Interview Michael Hallers Handbuch „Das Interview“: Nicht für den journalistischen Alltag geeignet. von Ramona Lienhop

Michael Haller hat sein Handbuch „Das Interview“ zum fünften Mal überarbeitet. Als Grund für die Neuauflage nennt er den Boom der Darstellungsform „Interview“. Auf 346 Seiten erläutert Haller die Entstehung und Entwicklung des Interviews, grenzt das journalistische Interview von anderen Arten ab und erklärt, wie ein gutes Interview entsteht. Er rät jedem Interviewer, genau abzuwägen, ob das Interview wirklich die passendste Stilform ist. Wenn der/die JournalistIn sich für ein Interview entscheidet, sollte er/sie unbedingt darauf achten, dass das Interview einen Mehrwert gegenüber einem Bericht oder einem Portrait bietet. Mit welchen Möglichkeiten das erreicht werden kann, erklärt er in „Das Interview“. Für die unterschiedlichen journalistischen Interviews gibt Haller Beispiele, die er auf gelungene Passagen und Fehler analysiert. An diesen Beispielen kann man gut Ideen für eigene Interviewfragen entwickeln. Wer auf der Suche ist nach einer Anleitung für den

täglichen Bedarf, ist bei Haller aber an der falschen Adresse. Sein Werk ist ein Klassiker und auch so geschrieben. Es braucht Durchhaltevermögen, bis man zu dem Teil kommt, an dem er erklärt, wie ein Interview gelingt. Für die Vorbereitung auf das Interview des Lebens empfehle ich, auch die ersten beiden Buchteile zu studieren. Im dritten Teil kommt Haller zum Handwerklichen. Chronologisch erklärt er das Vorgehen bei der Vorbereitung, der Durchführung und der redaktionellen Bearbeitung. Dazu gibt es noch ein kleines Rechtseinmaleins für den Interviewer. Jede Art, Fragen zu stellen, wird im Dreischritt durchgenommen. Was zeichnet diese Frage aus? Welche Folgen hat es, auf diese Art zu fragen? Und welche Probleme könnten sich ergeben? Haller geht leider nicht auf die medienspezifischen Herausforderungen und Vorteile ein. Er gibt allgemeine Tipps, die sowohl für Print als auch für Fernsehen gelten sollen. Ohne konkreten Anlass gelesen, ist es schwierig, alle angesprochenen Aspekte in der Zukunft zu berücksichtigen. Und wer gerade ein konkretes Interview vorbereitet, hat selten die Zeit, sich eine solche Fülle an Hinweise durchzulesen. Seine konkreten Tipps, die in grauen Kästen deutlich vom Fließtext abgehoben werden, sind sehr praktisch, allerdings finden sich auch nur wenige davon im Buch. Wer sich durch das Buch gekämpft hat, ist um einige gesprächspsychologische Erkenntnisse reicher, hat aber keine Lust mehr, für die nächste Ausgabe des Blattes ein Interview zu schreiben. JPN Journal 13-4


Ein gut gemeinter Versuch

Wanderausstellung über Rechtsextremismus: Der Verfassungsschutz will aufklären. von Meret Haack

JPN Journal 13-4

Spärliche Informationen, dünnes Material Technisch und organisatorisch ist diese Ausstellung gut umgesetzt. Und ohne Frage ist es erfreulich, dass sich der niedersächsische Verfassungsschutz mit dieser Thematik auseinandersetzt. Jedoch tut er dies absolut unzureichend. Das Material der Ausstellung ist dünn und spärlich. Die Informationen eher oberflächlich, nichts Brandneues, nichts was man nicht wüsste. Am erschreckendsten ist jedoch, dass weder in den Reden, noch in den Textaufstellern ein Wort über das Versagen des Verfassungsschutzes bei der Aufklärung der NSU Mordserie fällt. Wohl ist ein Aufsteller zum NSU zu finden mit den allseits bekannten Taten des Mördertrios. „Der NSU blieb 14 Jahre unerkannt“ steht dort. Aber warum nur? Welche Behörden haben versagt? Wie hätte man handeln, kommunizieren müssen? Als ich den Pressesprecher des niedersächsischen Verfassungsschutzes genau das frage antwortet er mir ausweichend, räumt aber ein, dass man das schon hätte erwähnen können und das er das weitergeben werde. Bezogen auf die Rede der Präsidentin stelle ich mir die Frage: Wie soll die Gesellschaft handeln, ihrer „Multiplikatorenrolle“ gerecht werden, wenn das zuständige Organ ungenügende Arbeit leistet und nicht ein selbstkritisches Wort diesbezüglich verliert? Auf die Arbeit einer solchen Organisation soll sich mein zivilgesellschaftliches Engagement nicht stützen. Diese Ausstellung ist gut gemeint. Sie erscheint aber unter einem kritischen Blick eher wie ein Versuch, die folgenschweren Fehler und Versäumnisse in der Arbeit des Verfassungsschutzes in den Hintergrund rücken zu wollen und ihn als die „aufklärende“ Instanz darzustellen.

Kennste das schon?

Aus vollem Halse schmettern die Mitglieder ein Gewerkschaftschors Arbeiterlieder. Mit dieser musikalischen Darbietung beginnt die Eröffnung der Wanderausstellung „Gemeinsam gegen Rechtsextremismus“,ein Projekt des niedersächsischen Verfassungsschutzes. Ort des Geschehens ist die Zentrale der IG BCE (Gewerkschaft für Bergbau, Chemie und Energie) in Hannover. Bis Mitte Dezember wird die Ausstellung dort für BesucherInnen geöffnet sein. In dieser Zeit sind auch verschieden Diskussionsveranstaltungen und Vorträge geplant. Der Vorsitzende der IG BCE Michael Vassiliadis begrüßt alle Gäste. Neben VertrerInnen aus der Politik sind auch Vorsitzende der muslimischen und jüdischen Gemeinden in Hannover, sowie einige SchülerInnengruppen anwesend. Von enormer Wichtigkeit sei die Sensibilisierung der Menschen für das Thema Rechtsextremismus. „Wir lernen aus Geschichte und Gegenwart“. Es folgt eine kurze Rede des Staatssekretärs des niedersächsischen Innenministeriums, Stephan Manke. Er lobt die Ausstellung, die als „Erinnerung, Mahnung und Auftrag zugleich“ fungiere. Die Erkenntnisse des Verfassungsschutzes über die Aktivitäten in der rechten Szene gehörten in die Öffentlichkeit. Ähnlich äußert sich die Präsidentin des niedersächsischen Verfassungsschutzes, Maren Brandenburger, in ihrem Grußwort. Der Verfassungsschutz habe die Aufgabe, die Zivilgesellschaft aufzuklären und ihr die nötigen Informationen zu liefern. „Wir sind die Inputgeber. Sie sind dir Multiplikatoren, die das umsetzen“. Es folgt ein Rundgang durch die Ausstellung, die anhand von Aufstellern mit Text, sowie durch Film- und Tonmaterial informiert. Dabei geht es vor allem um Fragen wie: Was macht unsere Demokratie aus? Was sind Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus? Die rechte Jugendszene, sowie verschiedene neonazistische Gruppierungen werden thematisiert. An jeder Station der Ausstellung steht ein Mitarbeitender des Verfassungsschutzes und beantwortet Fragen. Es wird auch auf die staatlichen Präventionsund Aussteigerprogramme hingewiesen. Projekte der Polizei sowie des Landespräventionsrates Niedersachsen präsentieren sich auf Schautafeln.

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Mein Praktikum beim Hamburger Abendblatt

Kennste das schon?

Ein Erfahrungsbericht. von Ramona Lienhop

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Im Sommer 2012 habe ich ein fünfwöchiges Praktikum beim Hamburger Abendblatt gemacht. Mein Schreibtisch stand in der Redaktion „Wissen“. Aber die Kollegin, die die Seite „Aus aller Welt“ betreut, hat mir auch Aufgaben gegeben. Mein Arbeitstag hat so gegen halb elf angefangen. Als Erstes habe ich mir das Abendblatt des Tages geschnappt und mich eingelesen, damit ich bei der Blattkritik, die in der Konferenz stattfinden würde, weiß, worüber geredet wird. Anschließend bin ich mit meiner Ressortleiterin Claudia Sewig in die Konferenz gegangen, in der die Ausgabe des Tages besprochen wird und die Artikelthemen des Tages ausgesucht werden. Die Blattkritik hat meistens die Redaktion gemeinsam gemacht, aber etwa einmal die Woche war ein Externer dazu eingeladen, seine Meinung zum Abendblatt zu sagen. Claudia Sewig hat dann die Ideen für unsere Seite vorgestellt. Die meisten Themen waren über die Agenturmeldungen gelaufen, aber manche stammten auch aus Leserbriefen oder aus unseren Gesprächen beim Mittagessen. Wenn die Themen durch die Chefredaktion abgenickt wurden, konnten wir uns an die Arbeit machen. Je nachdem, was für ein Thema dran war und woran die Kollegen gerade arbeiten, wurde der große Artikel vergeben. Medizinische Themen wurden zum Beispiel immer von einer Kollegin bearbeitet, die Ärztin war.

Für die Rubrik „Gute Frage“ habe ich Experten interviewt und kleine, verständliche Artikel geschrieben Das Abendblatt sitzt im gleichen Gebäude wie die Bild Hamburg und die Hörzu. Die Kantine ist dementsprechend geräumig und hat eine große Auswahl. Nach dem Essen habe ich mich dann um meine Rubrik, die „Gute Frage“, gekümmert. Die „Gute Frage“ ist eine wissenschaftliche Frage, die aber hauptsächlich Alltagsthemen behandelt. Für die Beantwortung der Frage habe ich dann einen Experten aus Hamburg gesucht. Das konnte ein Arzt von Uniklinikum Eppendorf sein, aber auch einer Professorin von Technischen Universität Hamburg-Harburg. Ich habe den Experten am Telefon die Frage gestellt und die Antwort notiert. Dann habe ich daraus einen allgemeinverständlichen Text gebastelt und ihn an den Experten geschickt, damit er überprüfen kann, ob er inhaltlich richtig ist. Wenn ich die Änderungswünsche in den Text eingearbeitet hatte, habe ich ihn ausgedruckt und einem Kollegen und der Ressortleiterin zum Gegenlesen gegeben. Dann habe ich mir neue Fragen überlegt und sie mit einem KollegInnen besprochen. Wenn feststand, welche Fragen ich bearbeiten sollte, habe ich nach AntwortgeberInnen gesucht und versucht, die telefonisch zu erreichen. An manchen Tagen hatte Ina Nießler von „Aus aller Welt“ Arbeit für mich. Dann habe ich zum Beispiel eine Geschichte über Huttrends recherchiert. Einmal durfte ich an einem großen Artikel mitarbeiten, über Eichenprozessionsspinner. Der wurde dann sogar auf die Titelseite gehoben, weil es dazu so gute Fotos gab. Während meines Praktikums hatte ich mehrere Ortstermine in Hamburg, aus denen kleine Artikel wurden.

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Das Journal hat euch gut gefallen? Ihr bekommt Lust, auch mal den Bleistift zu spitzen, den Laptop aufzuklappen und loszuschreiben oder die Kamera auf ON zu stellen, um beim Journal mitzumachen? Euch ist habt ein spannendes Buch in die Hände gefallen, das ihr gerne vorstellen möchtet? Dann meldet euch gerne bei Marvin oder Luisa! Die Adressen findet ihr auf der zweiten Seite. Wir freuen uns über alle Artikel, Rezensionen oder Fotos von euch. Oder ihr besucht ganz einfach eines der kommenden Seminare. Dort bekommt ihr auch immer viele Themenideen. Wenn ihr Lust habt, selbst aktiv in der JPN mitzumischen, seid ihr herzlich willkommen! Bei der Mitgliederversammlung vom 7.-9. Februar könnt ihr zum Beispiel einen neuen Vorstand wählen oder euch gleich selbst aufstellen lassen. Rund um die Wahlen gibt es an dem Wochenende auch ein spannendes journalistisches Programm. Wissenswertes rund um die JPN könnt ihr übrigens in unserem Wiki nachlesen, das ihr im Internet unter wissen. deinejpn.de findet. Nicht vergessen solltet ihr natürlich auch den Jugendpressetreff. Einmal im Monat geht es im gemütlichen Café Konrad in Hannovers Altstadt um Dinge, die dich bestimmt interessieren: Datenschutz war zum Beispiel Thema beim letzten Pressetreff. Bis zum nächsten Mal wünschen wir euch jedenfalls einen großen Schub Kreativität, gute Ideen, sowie viel Spaß und Erfolg in euren Schülerzeitungen, mit euren Blogs, Artikeln, Radiosendungen, Fernsehprojekten, und und und...! Eure JPN JPN Journal 13-4

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Rechercheseminar Krieg und Krise

Rechercheseminar Medienstadt Berlin

29. - 31. Januar 2014 in Berlin

08. - 10. April in Berlin

„Machen Sie deutlich darauf aufmerksam, dass Sie ein Journalist sind, und zeigen Sie Ihre Ausrüstung, sodass man Sie nicht mit einem Kriegsteilnehmer verwechselt. Beobachten Sie die Gewohnheiten der Einheimischen. Stellen Sie sich tot, falls Sie verwundet werden.“ So steht es in einem Handbuch von „Reporter ohne Grenzen“. Überall in der Welt berichten JournalistInnen aus Kriegs- und Krisengebieten und sind dabei von einem Hauch Abenteu- er umweht. Doch wie sieht der Alltag einer Krisenjournalistin oder eines Kriegsreporters wirklich aus? JournalistInnen, die unter Lebensgefahr gearbeitet haben, erklären uns, was sie an ihrer Arbeit reizt und welche Grenzerfahrungen sie gemacht haben, und „Reporter ohne Grenzen“ berichten von ihrem Projekt und erzählen uns, wie man sich in brenzligen Situationen verhält.

Berlin ist ein Zentrum der aktuellen und politischen Medienberichterstattung, und nirgends in Deutschland gibt es so viele Tageszeitungen wie hier. Den Berliner Zeitungsmarkt dominiert zwar der Springer-Verlag mit Titeln wie BILD, Die Welt, Berliner Morgenpost oder BZ, doch auch die TAZ, der Tagessspiegel, die Jungle World oder die Berliner Zeitung sind hier zuhause. Alle großen deutschen Tageszeitungen, Radiosender oder Fernsehanstalten haben zudem KorrespondentInnen oder Hauptstadtstudios in Berlin. Nicht zu vergessen die Vielzahl an BerichterstatterInnen von ausländischen Medien, die aus der deutschen Hauptstadt in ihre Heimatländer berichten. Es gibt also viele gute Gründe, um uns in den Redaktionen der Hauptstadtmedien umzusehen, mit KorrespondentInnen und JournalistInnen zu sprechen und hoffentlich viele Kontakte zu knüpfen.

Teilnahmebeitrag: € 30,- (€ 25,-)

Teilnahmebeitrag: € 25,- (€ 20,-)

JANUAR

FEBRUAR

JugendMedienTreffen 7. bis 7. Februar in Hannover Ihr seid neu bei der Jungen Presse und wollt den Laden kennenlernen? Oder ist eure Schü- lerInnenzeitung schon seit Jahren Mitglied, hat sich aber noch nie blicken lassen? Dann seid ihr hier genau richtig! Beim diesjährigen Jugendmedientreffen könnt ihr Kontakte knüpfen und Erfahrungen auszutauschen. Als besonderes Highlight erfahrt ihr aus erster Hand alles über den „Traumberuf JournalistIn“: Ein Printjournalist, ein Radioredakteur und ein Fernsehproduzent lassen sich von euch über ihre Berufe ausfragen und geben Tipps zu Ausbildung und Berufseinstieg. Nebenbei könnt ihr die Zukunft der JPN mitgestalten, denn während des Jugendmedientreffens werden Pläne geschmiedet und Aktionen beschlossen, der Vorstand 2014 gewählt und die neuen Mitglieder aufgenommen. Teilnahme: kostenlos

MÄRZ

Rechercheseminar Fernsehkritik 21. bis 23. März in Hamburg Die Deutschen lieben das Fernsehen: In jedem Haushalt stehen mindestens zwei TV-Geräte und der Durchschnittsdeutsche schaut 220 Minuten pro Tag in die Röhre! Egal ob DSDS, Dschungelcamp oder das neueste Raab-Event – hat man es verpasst, kann man nicht mit- reden. Doch wie entsteht überhaupt Fernsehen? Wie läuft es hinter den Kulissen ab und wer entscheidet, was im Fernsehen läuft? Was ist sehenswert und wo darf man getrost aus- schalten? In der Medienstadt Hamburg werden wir FernsehexpertInnen und Fernsehma- cherInnen auf den Zahn fühlen und in die Fernsehwelt abtauchen. Wir besuchen den NDR und die Aufzeichnung des Web-Magazins fernsehkritik.tv und sprechen mit TV-AutorInnen und MedienjournalistInnen. Teilnahmebeitrag: € 25,- (€ 20,-)

Termine& Veranstaltungen

APRIL

Aktiventreffen 25. - 27. April in Sievershausen „Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie an und handelt“, sagte schon der große Dante Aligihieri. Meckern? Mosern? Ätzen? Ja, bitte! Anpacken? Selber machen? Ideen einbringen? Noch besser! An diesem Wochenende hast du die Chance, dei- nen Senf dazuzugeben: Welche Seminare sollen im nächsten Halbjahr laufen? Wie kann die JPN auf sich aufmerksam machen? Welche Themen und Projekte soll die JPN in Zukunft anpacken? Es wird gegrübelt, heftig diskutiert und fleißig am Kunstwerk JPN gewerkelt. Es erwartet dich ein Wochenende in gemütlicher Runde – JPN-Denksport inklusive. Teilahme: kostenlos


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