TAU Magazin ,beherzt wandelwärts' Kostprobe

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beherzt wandelwärts Inspirationen & Impulse aus 5 Jahren Pioneers of Change Summit Friedensaktivistin Scilla Elworthy, Kulturphilosoph Charles Eisenstein, Mitbegründerin ­ vom Ökodorf Tamera Sabine Lichtenfels, Jungkünstler Simon Marian Hoffmann, Scientistsfor-Future-Mitinitiatorin Maja Göpel, Benediktinermönch David Steindl-Rast u. v. m. www.tau-magazin.net Sonderedition S01 – 03/2022 15 €


Wir machen TAU: Irmgard Stelzer Herausgeberin, Layout & Redaktion

Gudrun Totschnig Herausgeberin & Redaktion

Petra Schwiglhofer Redaktion, Support

Foto: M. Pokorny

Tanja Novellino Illustration

Michael Karjalainen-Dräger Redaktion

Iva Jugović Redaktion

Johanna Vigl Transkription, Redaktion

Christian Lechner Herausgeber

Christa Füchtner Versand,Vertrieb & Leser*innenkontakt

Ulrike Prochazka Lektorat & Abomanagement

Barfußpolitik heißt für mich ... ... behutsam, auf leisen Sohlen, unseren gemeinsamen Boden – unsere Erde! – so zu gestalten, dass er uns allen wohl tut, dann machen wir Barfußpolitik.

... dass ich in Verbindung mit der Natur bleibe, v. a. mit meiner inneren Natur, wenn ich auf gesellschaftliche Verhältnisse schaue.

Irmgard Stelzer TAU Mitherausgeberin

... dass ich mit jeder Handlung Fußspuren hinterlasse. Mutig Fußspuren zu setzen, die inspirierende Kreise ziehen, ist politisch.

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Michael NuSSbaumer TAU Mitgründer Katya Buchleitner ehem. TAU Redakteurin

Editorial Liebe Leser*innen! Vor genau elf Monaten bin ich – wie heute – in der Morgen­ dämmerung aufgewacht: „Das ist es! Wir machen eine Sonderedition mit den Pioneers of Change!“ Nachdem von Einschlafen keine Spur mehr war, bin ich aufgestanden und habe meine sprudelnden Ideen auf einem Blatt Papier fest­ gehalten. Wer weiß, was sonst von so einem morgendlichen Geistesblitz übrigbleibt! Einige Tage davor hatten Gudrun und ich mit Sylvia Brenzel und Alfred Strigl von plenum ein freundschaftliches Beratungsgespräch zu TAU gehabt. Dabei ist auch das erste Mal das Wort „Sonderedition“ gefallen, eine Idee von Alfred, die fruchtbaren Boden gefunden hat, wenn auch nicht ganz so, wie er sich das vorgestellt hatte. Das TAU Magazin & Pioneers of Change: Wir sind schon von Anfang an gemeinsam unterwegs. Im Jahr 2010 Chris­ tian (TAU Mitgründer) und ich als Teilnehmer*innen des ersten, TAU Mitgründerin Elisabeth als Teilnehmerin des zweiten Pioneers-Lerngangs. Die Pioneers haben in jeder unserer Ausgaben Platz gefunden – einmal war Martin Kirchner sogar Cover Model! Es gibt so viele Schätze in den bisher über 150 Interviews aus 5 Jahren Pioneers of Change Online Summit … Ich hatte mit Martin Kirchner schon ein­ mal über die Idee eines Buches aus den Interviews gespro­ chen … Summit 5 Jahre, TAU 10 Jahre … – 11 Monate später sitz ich nun hier um halb 7 in der Früh, draußen stürmt‘s, die Vögel zwitschern vereinzelt, aus dem Südwest­en scheint der fast noch volle Mond zu mir herein und ich blicke auf einen schönen wilden Ritt zurück. Ivas Stimme aus einer Team­ besprechung taucht auf: „Klare Zeitfenster & GENIESSEN!“ Ja, wir haben’s genossen UND es war gar ganz schön schwie­ rig: die Interview-Auswahl, das Verdichten, Weglassen … Heft S01 2 0 2 2


... lassen – lauschen – losgehen: Das war mei­ ne erste Titelidee für die Sonderedition. Dieser Dreischritt spiegelt sich in fast allen Interviews wider: die Bereitschaft etwas sein zu lassen, das nicht lebendig ist oder macht – sich auf das Nichts einzulassen, lauschen und vertrauen, dass irgendwann etwas auftaucht, das mich weiterbringt – und dann auch loszugehen und auf die ganz persönliche Art & Weise aktiv zu werden. Ja, es ist ein wahrer Schatz, den die Pioneers Summits bereithalten! Einen Teil haben wir nun gehoben, damit ihr ihn ganz gemütlich am Sofa, in der Bahn, am Klo oder in der Hängematte genießen könnt. Lasst euch berühren und verwandeln, das wünsch ich uns! Irmgard Stelzer Als mir Irmgard von ihrer Idee erzählte, ist der Begeiste­ rungsfunke sofort zu mir übergesprungen. Am liebsten hätte ich gleich mit der Arbeit begonnen, denn den Summit 2021 habe ich zum ersten Mal ganz intensiv verfolgt und viele In­ terviews gemeinsam mit Wohnprojekt-Mitbewohner*innen in Hasendorf an unseren Summit-Dienstagabenden an­ gehört. Damals war Irmgards Idee noch nicht ausgespro­ chen, doch ich machte mir mit meinen TAU Ohren schon seitenweise Notizen, so sehr eröffneten sie mir Neues und ließen mich staunen: Das Interview mit Charles Eisen­ stein oder ­Vivian Dittmar beispielsweise gab meinem Ver­ständnis für unsere Zeit mehr Fundament, andere Gesprächspartner*innen wie Kate Raworth oder Christian Hiß mit ihren ganz konkreten und schon umgesetzten neuen (Land)Wirtschaftsmodellen stimmten mich zuversichtlich. Bei den jungen Interviewpartner*innen wie Elisabeth Hahn­ ke und Ben Paul staunte ich über deren klare Ausrichtung. Ich bemerkte in Gesprächen mit Freund*innen und Familie wie mein Wortschatz für den Wandel wuchs.

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Als wir dann mit unserem ersten Konzept an Martin Kirch­ ner und Hemma Rüggen von den Pioneers of Change heran­ traten, war die Aufregung groß. Würden sie auch von unserer Begeisterung angesteckt werden? Ihr „Ja, das machen wir!“ ließ uns freudig die ersten Schritte setzen. Wir erweiterten das Team, auch im Vertrauen, dass sich mit dieser Edition der Kreis unserer Abonnent*innen weiten wird; begannen uns wöchentlich über angehörte Interviews auszutauschen und festzulegen, welche unbedingt in die Sonderedition kommen sollten … Bei Cover und Titel schwebten wir lange Zeit im Unklaren, machten eine um die andere Schleife, verzweifelten schon ein wenig an den rund fünfzig Titelideen – von „Am Leben weben“ über „Innehalten – das Neue Gestalten“ bis „Wandl-Madl-Wadl“. Bei Irmgard tauchte dann schließlich „beherzt wandelwärts“ auf. Da war gleich klar: Das ist es! „Finde das, wo dein Herz ins Schwingen kommt“, hörte ich Maja Göpel beim Summit 2021 sagen, und genau so fühlte sich die Arbeit an der Sonderedition an. Manchmal schwang es gar wild und die Nächte wurden kürzer … Aber die Be­ geisterung hat die eine oder andere frühmorgendliche Stun­ de am Computer kompensiert. Wie wird die Sonderedition wohl ankommen? Wir haben uns Josef Zotters Anregung, nicht zuerst den Markt zu fra­ gen, was er braucht, sondern zu tun, was uns begeistert, zu Herzen genommen. Ob der Funke überspringt? Wir hoffen es! Gudrun Totschnig

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z r e beh

ANFANG & ENDE 2 Editorial 75 Impressum

beherzt

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w t z r e h e b b e h e r z t

GT

lassen – lauschen – losgehen

In Wirklichkeit wissen wir nicht, was ganz kleine, mit Liebe gemachte Dinge für Wellen schlagen.

Wir wurden darauf reduziert, Konsumenten zu sein. Nein! Wir sind Herstellende und Schöpfende! Das müssen wir zurückfordern!

Martin Kirchner

Vandana Shiva

Yes, we are! Martin Kirchner 2022

12 Artgerechtes Leben für Menschen Vivian Dittmar Summit 2021 16 Von der alten in die neue Geschichte Charles Eisenstein Summit 2018

27 Das ist nicht mehr unsere Story! Drei Schritte zu einer lebendigen (Land)Wirtschaft

Helmy Abouleish, David Holmgren, Vandana Shiva, Muhammad Yunus, Heini Staudinger, Kate Raworth, Christian Hiß, Maja Göpel, Josef Zotter, Veronika Bennholdt-Thomsen, Charles Eisenstein, Christian Felber, Thomas Hübl, Helena Norberg-Hodge

20 Sand in die Megamaschine streuen Fabian Scheidler Summit 2021 22 Diese Art von Kontakt wird die Welt verändern! Scilla Elworthy Summit 2020

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AH

62 Die junge Generation steht auf den Schultern der Ältesten 74 Das gute Ende: Genügsamkeit, Einfachheit und Dankbarkeit als Weg

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d n a zt w Aktion Defend the Sacred gegen die geplanten Ölbohrungen vor der Küste von Portugal.

innehalten – außen gestalten

Elisabeth Hahnke

44 Die Revolution der Dankbarkeit David Steindl-Rast Summit 2019

Und dazwisch en:

ANGEBOTE langjähriger & neuer KooperationsPartner*innen

48 Letztens, als ein Löwe vor der Tür saß Gerald Hüther Summit 2021 53 Schaut, das wünschen wir uns für die Zukunft! Simon Marian Hoffman Summit 2021

Foto: Candice Seplow / Unsplash

Den Schmerz wahrnehmen, dann aber klar ausgerichtet zu sein – ich weiß, was wir für Transformations­kapazitäten haben!

Foto: Tamera-Archiv

s t r ä w l e wand wandelwär ts

58 Geh raus, nimm deinen Platz ein! Elisabeth Hahnke Summit 2017

68 Sich vom Virus des Vertrauens anstecken lassen Sabine Lichtenfels Summit 2021

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Foto: Lucas Sankey / Unsplash

64 Wir müssen gar nicht wissen, wo es hingeht und wie es wird Silke Hagmaier Summit 2020

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Diese Art von Kontakt wird die Welt verändern! „Viele Menschen fragen sich, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Ich hatte nie wirklich die Wahl. Ich wusste, ich musste mein Möglichstes tun, um Krieg und das Leid, das dadurch entsteht, zu stoppen. Wie es begann? Ich arbeitete in Algerien in einem Waisenhaus, als der Bürgerkrieg dort zu Ende war. Und machte mich dann auf den Weg nach Südafrika ...“ Scilla Elworthy – Summit 2020

Übersetzung des Interviews aus dem Englischen: Alexandra Büdel, Christoph Peterseil

Was hat dich zu der Person gemacht, die du bist? Ich habe gerade gele­ sen, wie du mit etwa 13 Jahren nach ­Budapest fahren wolltest. Ja, das war 1956. Ich sah im Fernsehen sowjetische Panzer, wie sie in Buda-

Foto: Joanna Vestey

www.scillaelworthy.com

Martin Kirchner: Was ist aktuell ­lebendig in deinem Leben? Scilla Elworthy: Vor zwei Jahren habe ich das Buch „Der Business-Plan für den Frieden“ geschrieben. Es gibt für alles Mögliche einen Business-Plan, doch niemand hat jemals einen für den Frieden geschrieben! Es gibt 25 Initiativen, von denen wir wissen, dass sie an der Verhinderung von Kriegen arbeiten. Ich habe mittels einer 10-jährigen Rahmenstudie festgestellt, dass nur 2 Milliarden Dollar nötig wären, um diese Arbeit zu finanzieren. In Anbetracht dessen, dass wir gerade weltweit 1739 Milliarden Dollar für die Militarisierung ausgeben, ist das absurd. Es gab eine große Resonanz, und nun entwickeln wir die vier Haupt­ initiativen, um sogar auf nationaler Ebene gewährleisten zu können, dass man die Gefahr der Eskalation eines bewaffneten Konfliktes minimieren kann.

Scilla Elworthy Friedensaktivistin. Gründerin der NGO Oxford Research Group, die sich für Dialog zwischen Politiker*innen von Atommächten und ihren Kritiker*innen einsetzt. Beraterin (u. a. Weltzukunftsrat), Lehrende (u. a. Bewusstseinsbildung & Konflikttransformation), Autorin. Drei Mal Nominierung für Friedensnobelpreis, 2003 Niwano-Friedenspreis.

Mehr Infos:

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pest einfuhren. Und ich sah, wie junge Menschen, nicht viel älter als ich, versuchten, sie mit ihren bloßen Händen aufzuhalten und dabei komplett überrollt wurden. Ich war so wütend und entsetzt, dass ich nach oben stürmte und begann meinen Koffer zu packen. Meine Mutter kam und fragte: „Was tust du da?“ Und ich antwortete: „Ich fahre nach Budapest!“ Ich wusste nicht einmal, wo Budapest ist. Und sie sagte: „Wozu?“ Ich sagte: „Dort geschieht gerade etwas Entsetzliches. Ich muss dorthin. Jetzt!“ Und sie sagte: „Sei nicht so dumm!“ Ich brach in Tränen aus! Aber sie verstand das. Sie war eine sehr, sehr kluge Mutter. Sie sagte: „Ok, das beschäftigt dich wirklich. Wir müssen sicherstellen, dass du ausgebildet wirst. Du hast nicht die Fähigkeiten Veränderungen herbeizu­ führen. Wenn du jetzt deinen Koffer wieder auspackst, kümmere ich mich darum!“ Und das tat sie. Sie schickte mich mit 16 Jahren in ein Feriencamp für Überlebende von Konzentrationslagern. So habe ich den Sommer damit verbracht Kartoffeln zu schälen und den Geschichten von Leuten zuzuhören, die in Auschwitz und anderen Orten waren.

Als du zu Beginn deiner Arbeit nach Algerien und Südafrika kamst und dich mit so viel Leid und Zerstö­ rung konfrontiert sahst – wie bist du mit diesen schwierigen Gefühlen umgegangen? Zu Beginn war es sehr belastend für mich, ich war voller Empathie mit den Waisenkindern. Wo Mitleid und Sympathie sind, entstehen starke Gefühle in unserem Inneren. Solange wir getrieben sind von Bildern des Leids und des Schmerzes, halten wir sie von uns fern und versuchen, sie zum Schweigen zu bringen. Solange werden sie uns verfolgen. Wir müssen uns umdrehen und ihnen entgegenlaufen, wie alle großen Pioniere des Wandels es getan haben – z. B. auch Thich Nhat Hanh inmitten des großen Vietnam-Kriegs. Er ging geradewegs auf das zu, was geschah, und riskierte dabei sein Leben und das seiner Mönche. Sie wandelten ihren Horror in Handeln. Später in deinem Leben wurdest du auf die Gefahr von Atombomben und den Nuklearwaffen-Handel aufmerksam. 1982 wurde ich aufmerksam darauf, was mit Nuklearwaffen in meiner Heft S01 2 0 2 2


Heimat Großbritannien vor sich ging. Dass wir von unserer Regierung übergangen wurden bei der Genehmigung der Entwicklung einer neuen Serie von nuklearen Waffen – ohne eine vorherige Diskussion darüber im Parlament. Ich war entsetzt darüber! So begann ich Mütter zu organisieren. Wir nannten es „A Mothers Walk for Nuclear Disarmament“* in Oxford, wo ich lebte. Das war großartig. Und dann kam 1982/83 Greenham Common: Es sollten Marschflugkörper nach Ostdeutschland abgeschossen werden. Sie waren direkt an der Straße nach Oxford stationiert, auf einem großen Stützpunkt namens Greenham Common. Wir errichteten eine Umzäunung in einem Umkreis von etwa 20 km. Es kamen etwa 5000 Frauen und Kinder. Wir hielten uns an den Händen in einem Kreis um den Stützpunkt und hängten am Zaun Babykleidung auf. Es wurden viele Fotos gemacht. Wir errichteten Lager entlang des Zauns. Ich selbst habe dort nicht gecampt, aber ich ging mit meiner Tochter dorthin, als sie noch sehr jung war. Sie wird dieses Erlebnis nie vergessen, und ich mit Sicherheit auch nicht. Ab diesem Zeitpunkt begann ich, mich über Atomwaffen zu informieren, und wurde mit der Zeit immer ängstlicher, da ich befürchtete, es könnte versehentlich ein Atomkrieg ausbrechen. Heft S01 2 0 2 2

Die Machtverteilung war so ungleich! Im November 1983 erkannte ein sehr wachsamer Programmierer auf seinem Bildschirm in Moskau, dass sich amerikanische Marschflugkörper näherten. Er informierte den Kreml, sie hätten 18 Minuten Zeit, um zu entscheiden, wie man darauf reagiert. Zu der Zeit lautete die allgemeine Anweisung:

Da sagte eine Stimme in ­meinem Kopf: „Du sprichst mit den falschen Leuten. Die UN kann in diesem Fall nichts a ­ usrichten. Du musst herausfinden, wer die ­Entscheidungen über Atomwaffen t­atsächlich trifft!“

„Bei Gefahr abfeuern!“ Das heißt: Sie zerstören ihren Gegner und auch sich selbst. Ich konnte nicht glauben, dass sie so etwas tun! Das ist jenseits des Wahnsinns! Ich beschäftigte mich daraufhin viel damit und begab mich nach New York, zur 2. UN-Sondersitzung über Abrüstung. Sechs Wochen lang debattierten die Mitgliedsstaaten und sie erreichten NICHTS. Ich war

zu Tode betrübt, niedergeschlagen in einer Straßenbahn am Broadway unterwegs, da sagte eine Stimme in meinem Kopf: „Du sprichst mit den falschen Leuten. Die UN kann in die­ sem Fall nichts ausrichten. Du musst herausfinden, wer die Entscheidungen über Atomwaffen tatsächlich trifft!“ Ich erkannte, dass es die Physiker sein müssten, die die nuklearen Sprengköpfe entwerfen; das Militär, das sie programmiert; die Geheimdienstler, die sagen, dass es notwendig ist; die Menschen, die die Schecks ausstellen und Geld beisteuern; die, die Strategien festlegen; und schließlich die Politiker. Also beendete ich meinen Job in New York, ging zurück nach Oxford und gründete eine Forschungsgruppe an meinem Küchentisch. Nach vier Jahren – ich gab alle meine Ersparnisse dafür aus, um Menschen für die Forschungsarbeit zu bezahlen – veröffentlichten wir 1986 unser erstes Buch mit dem Titel „Wie Entscheidungen über Atomwaffen getroffen werden“. Es enthält Vernetzungspläne über den Prozess der Atomwaffenentscheidungen jedes einzelnen Landes. Niemand hatte das zuvor aufgezeichnet. Dann begann die harte Arbeit, einige dieser Beteiligten davon zu überzeugen, sich mit ihrem Gegenüber von anderen Atommächten zu treffen. Der Mann in Los Alamos zum Beispiel, der Spreng-

* Mütterlauf für atomare Abrüstung

Scilla Elworthy: The Business Plan for Peace: Building a World With­ out War. Peace Direct 2017.

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Illustration: Tanja Novellino

köpfe für die U.S.A. entwickelte, wuss­ te nicht, wer sein Gegenüber in der Sowjetunion war. Wir brachten sie miteinander ins Gespräch, niemand wusste davon, keine Medien. Das hätte die ganze Sache zum Scheitern gebracht. Schließlich konnten wir die Basis schaffen für einige Verträge, die wir aushandelten. Was mich so sehr beeindruckt sind die geheimen Strategien, die du ­verwendet hast, wie etwa die Ge­ schichte mit der Meditation in der Etage darunter. Ich erkannte, dass mir meine eigene Wut und Angst vor diesem ganzen Nuklearproblem im Weg stand. Die Angst kommunizierte eigenständig mit den Menschen, mit denen ich sprechen wollte. Sie konnten sie spüren, auch wenn ich sie nicht erwähnte. So musste ich lernen zu meditieren und meine eigenen Gefühle wirklich zu transformieren. Ich konnte das, was diese Leute taten, hassen und fürchten, aber nicht die Leute an sich. Sie sind Menschen, die tun, was sie für richtig halten. Und als ich das gelernt hatte – es dauerte etwa zwei bis drei Jahre –, fingen sie an, die Einladung anzunehmen und in einem Gutshaus außerhalb von Oxford auf ihre Gegenüber zu treffen. Wir erkannten, dass es auch bei den Treffen gut sein würde, die gleiche Art von Meditation zur Unterstützung zu haben. Ich bat fünf erfahrene Meditierende in der Biblio-

thek zu sitzen, die im Stockwerk unter dem wunderschönen Raum lag, in dem die Treffen stattfanden. Am zweiten Tag kam ein Mann vom Außenministerium zu mir und sagte: „Das ist ein ganz besonderer Raum.“ Ich sagte: „Ja, er wurde 1360 erbaut, er ist sehr besonders.“ Er sagte: „Nein, nein, er ist wirklich besonders.“ Ich antwortete: „Ja, hier wurden schon Yogastunden abgehalten, Treffen und Verhand­ lungen seit vielen hunderten Jahren.“ Er erwiderte: „Nein, da kommt etwas durch die Bodendielen nach oben.“ Ich sagte: „Ja, Sie haben recht, das tut es. Möchten Sie wissen, was es ist?“ Ich erzählte es ihm und er wurde weiß im Gesicht. Ich bot ihm an: „Wenn Sie mir nicht glauben, fragen Sie doch die Menschen, die Ihnen Ihren Lunch ser­ vieren. Sie sind diejenigen.“ Er schaute mich an, ging hinunter und kam mit einem kleinen Lächeln auf seinem Gesicht zurück ... Da wussten wir, dass wir, unterstützt durch die Meditierenden, die Umgebung veränderten. Wir nutzten es von da an. Wenn ich eine Veranstaltung mit Amtsträger*innen eröffne, verbringen wir z. B. einige Zeit in Stille, um uns zu erden und uns dem Treffen zu widmen. Wie kann es eine wirkliche politische Veränderung nach deiner Erfahrung mit Bewegungen und Politiker*innen geben? Es funktioniert am ehesten über den persönlichen Kontakt. Das heißt, dass Heft S01 2 0 2 2


die Person, die den Kontakt von der Protestseite aus sucht, eine Menge Persönlichkeitsarbeit leisten muss. Wir müssen Zeit darauf verwenden, unsere innere Weisheit zu fragen. Mit anderen Menschen in einer Gruppe gemeinsam zu meditieren, unseren surrenden Gedanken erlauben, zu verebben, uns erlauben, uns mit einer „Höheren Intelligenz“ zu verbinden. Diese „Höhere Intelligenz“ ist jetzt so verfügbar wie seit Jahrhunderten nicht mehr! Das Herz kann das und der Bauch kann es. Darauf müssen wir uns einschwingen und um Hilfe von dort bitten. Man kann sehr verärgert sein über das, was sie tun, aber nicht über die Person an sich. Sie sind genau wie wir: Sie haben schwierige, pubertierende Kinder, sie empfinden Wut und Sorge, wie jeder andere Mensch auch. Unsere Arbeit besteht darin, ihnen zu helfen, einen anderen Weg zu erkennen. Sie fühlen sich genauso verloren und festgefahren, wie alle anderen auch. Sie wirken sehr mächtig und unglaublich arrogant und selbstgerecht. Doch da müssen wir drüberstehen, praktisch denken und sehr positiv sein in dem, was wir vorschlagen, anstatt uns zu beschweren. Wir hatten z. B. eine Karte der weltweiten Schlüsselpersonen, insgesamt 650 im Atomwaffenbereich. Wir fragten die Leute, ob sie einen von ihnen auswählen möchten, und gaben ihnen dann eine Schulung mit dem Titel „Im Dialog mit Entscheidungsträgern“. Das Heft S01 2 0 2 2

verlief stufenweise. Zunächst musste man recherchieren, was der Entscheidungsträger tut, was sein oder ihr Verantwortungsbereich ist. Wenn man sich dann gut genug auskennt, schreibt man ihm oder ihr einen ersten Brief oder eine E-Mail, die klar macht, dass man wirklich versteht, welche Verantwortung sie tragen. Als nächstes unterbreitet man einen Vorschlag und bittet zum Austausch darüber um ein Treffen. Es muss möglich sein, wenig-

Unsere Arbeit besteht darin, Entscheidungsträger*innen zu helfen, einen anderen Weg zu erkennen. Sie fühlen sich ­genauso verloren und festgefahren, wie alle anderen auch.

stens 100 von denen zu identifizieren, die in der gesamten fossilen Industrie involviert sind. Wenn das breitflächig gemacht wird ... Was wünschst du den Menschen? Zuerst möchte ich meinen Hut ziehen vor Menschen, die auf die Straße gehen und für den Klimaschutz protestieren. In bin sehr froh, dass das nun überall auf der Welt geschieht. Wenn wir die innere Arbeit wachsen lassen,

während wir gleichzeitig das äußere Handeln planen, werden wir zu der Weisheit werden, die die Welt gerade braucht. Ich bin wirklich überzeugt davon, dass, wenn wir ein Individuum finden, das Teil des Entscheidungsfindungsprozesses ist – etwa im Verwaltungsrat eines Unternehmens für fossile Brennstoffe –, wir sie oder ihn um ein Treffen bitten sollten. Diese Art von Kontakt wird die Welt verändern. Viele der Entscheidungsträger*innen über Atomwaffen, die wir erreicht haben, haben uns gesagt, dass es Gespräche mit ihren Kindern waren, die ihre Einstellung verändert haben. Wenn einige dieser Menschen keine Kinder haben, brauchen sie junge Menschen, die sie persönlich treffen. Nicht als Gegner, sondern als Mensch! Das wäre fantastisch, stell dir das vor! Sagen wir, es gibt vielleicht 5000 Leute da draußen, die Finanzmärkte manipulieren, mit Fracking* Geld machen, oder was auch immer. Wenn jeder Einzelne von ihnen von jemandem wie dir oder einer deiner Kolleg*innen Besuch bekäme, das würde die Welt verändern. IS

Scilla Elworthy: The Mighty Heart: How to transform conflict. 2020.

* Fracking: Aus Umweltsicht kritisch gesehenes Verfahren, mit dem Erdgas aus undurchlässigem Gestein gelöst wird. Probleme: Grundwasserbelastung durch Chemikalien, Flächenversiegelung, Wasserverbrauch ...

Tipps zum Umgang mit Angst von Scilla Elworthy siehe S. 42

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Foto: Candice Seplow / Unsplash


Das ist nicht mehr unsere Story!

Oder: Drei Schritte zu einer lebendigen (Land)Wirtschaft. Die alte Geschichte zu Grabe tragen – das Neue erzählen – zeigen, wo es schon entsteht. Anhand von Interviews mit Wirtschaft-Neudenker*innen und Landwirtschaftspionier*innen zeichnet Gudrun Totschnig diese drei – Tiefenökologin Joanna Macy zugeschriebenen – nötigen Schritte in eine enkeltaugliche Welt nach.

stehen wir heute da, wo wir stehen?

Die Antworten auf diese wiederkehrende Frage von Martin Kirchner an seine Interviewpartner*innen sind sehr unterschiedlich und doch höre ich im Kern dasselbe: Misstrauen gegenüber dem Leben und der Natur und der Versuch sie zu kontrollieren kennzeichnen unsere heutige Welt. Zugrunde liegt diesem Misstrauen unser mechanistisches Weltbild, das Vandana Shiva so beschreibt: „Die mechanistische Weltsicht hat alles gespalten: uns von der Natur und uns von einander. Vor 100 Jahren schon lehrte uns die Quan­ tentheorie, dass die Welt keine geteilte ist, dass sie nicht deterministisch ist und es keine fixen Eigenschaften gibt, sondern sie eine Welt der Unsicherheit ist. Vor 100 Jah­ ren wussten wir schon, dass die Welt aus Möglichkeiten gemacht ist.“ Warum wir diese mechanistische Weltsicht dennoch beibehalten, sieht Vandana Shiva darin begründet, dass sie sich gut mit einer Ökonomie der Herrschaft verträgt. Man habe uns glauben gemacht, wir wären Atome und in Konkurrenz zueinander. Nun gehe es darum, diesen kompetitiven Geist zu verweigern. Maja Göpel ergänzt: „Der Wunsch sich abzugrenzen ist kulturell ganz stark in unserer individualistischen Kultur eingebaut. Gerade wenn wir aber systemisch darüber nachdenken, merken wir schnell, dass das, was uns trennt, gar nicht unverein­ bare Positionen sind, sondern eher mit Ängsten und Be­ sitzstandideen zu tun hat.“ Es ließe sich eine eigene TAU Ausgabe nur über die in den Interviews behandelten Wurzeln und Facetten unserer Ängste (siehe auch Interview mit Gerald Hüther, S. 48 – 51) Heft S01 2 0 2 2

füllen. Hier nur ganz kurz und mit Fokus auf Ängste, die unser Wirtschaftssystem widerspiegelt: Es geht ganz zentral, so Maja Göpel, um die weniger werdenden Ressourcen und um das als „wirtschaftliches Konzept generierte Mangelge­ fühl“ (David Holmgren). Diese Gefühle und Ängste, ergänzt Vandana Shiva, hätten unter den Menschen Gier hervorgerufen: „Heute muss unsere Verweigerung und unser einfa­ cher Ungehorsam der Gier gelten. Wir müssen Wirtschafts­ weisen schaffen, die nicht gierig sind, Wirtschaftsweisen der Fürsorge und des Teilens. Und damit Wohlstand und Wohlergehen für alle aufbauen, durch die Wiederent­ deckung unserer Fähigkeit, als Menschen, die miteinander kooperieren können, in Gemeinschaft zu leben.“ Unser Schulsystem jedoch fördert, da sind sich viele Speaker*innen einig, in erster Linie den kompetitiven Geist und Egoismus, die eine zentrale Motivationsquelle unserer Wirtschaft darstellen. Diese Erfahrung hat auch Kate Raworth während ihres Wirtschaftsstudiums gemacht: „Je länger ich studierte, desto frustrierter wurde ich. Die In­ halte nämlich, die meiner Meinung nach zentral sein soll­ ten, wie z. B. soziale Gerechtigkeit, Abbau der Ungleich­ heit und Schutz der Lebenswelt, wurden in den meisten Fächern höchstens gestreift. Sogar Umweltfragen wie z. B. die Vernichtung der Lebenswelt nennen Ökonomen einfach „externe Effekte“.“ Aber wie aus dieser alten Geschichte mit den ihr zugrundeliegenden Werten und Ängsten herauskommen? Bisher reagieren wir auf Herausforderungen, so Maja Göpel, mit dem Flicken des bestehenden Systems, statt dieses tatsächlich zu

Vandana Shiva: indische Wissenschafterin, Begründerin der Erd-Demokratie – Summit 2018

Maja Göpel: Generalsekretärin des deutschen Wissenschaftlichen Beirats für globale Veränderung, Mitglied des Club of Rome und Mit-Initiatorin von „Scientists4Future” – Summit 2020 Foto: Jesse Graham

Schritt 1: Das Alte zu Grabe tragen. Oder: Warum

David Holmgren: Perma­ kultur-Urgestein und Autor – Summit 2020

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ANZEIGEN

TAU empfiehlt transformieren. „Was machen wir mit dem nächsten Finanz­ Crash?“, fragt Maja Göpel: „Vielleicht führt uns Corona ja noch da hin. Wie können wir dann Politikvorschläge machen, die nicht dazu führen, dass wir wieder das alte System zupflastern und stützend zur Seite stehen? Sondern sagen: Das Soziale und Ökologische steht jetzt im Vordergrund!“

Schritt 2: Das Neue erzählen

(C) YOOL

Wir wollen eine ganz andere Wirtschaft haben, postuliert Maja Göpel. Aber wie kann dieses ganz Andere aussehen, welche Qualitäten und Werte sollten ihm zugrunde liegen?

Lange Nacht der Demeter-Höfe 25. Juni 2022 ab 17 Uhr

www.demeter.at 28

Wiederanbindung ans Leben. Immer und immer wieder höre ich in den Interviews, dass es in erster Linie darum geht, uns wieder rückzuverbinden ans Leben, uns seiner Heiligkeit bewusstzuwerden. Vivian Dittmar spricht von „spirituellem Wohlstand“ (siehe S. 12 – 15). In Momenten, in denen wir die Schönheit unserer Welt erfahren, so Dittmar, lässt sich diese Heiligkeit erleben. Ich erahne, was sie meint, und denke gleich an meine Tage am Feld, bei Ackerschön – unserer solidarischen Landwirtschaft, welch passender Name! „Feldvernissagen“ bieten unsere Bio-Bäuerinnen und -Bauern immer wieder an, bei denen wir gemeinsam durch die Lebendigkeit am Feld wandeln, uns von der Schönheit der Natur berühren lassen. Darum ging es wohl auch Ibrahim Abouleish, Gründer von Sekem, einem Leuchtturmprojekt bio-dynamischer Landwirtschaft und anthroposophischer Bildung in der Wüste Ägyptens, von dem sein Sohn Helmy Abouleish erzählt: „Wie wir anfingen den Boden in der Wüste zu bearbeiten, da brauchte man als Erstes einen Traktor. Am selben Tag, als wir diesen schönen roten Traktor bekommen haben, hat mein Vater einen großen Konzertflügel gekauft und ins Zelt gestellt – Gebäude gab es noch keines. Man kann sich vorstellen, wie alle gedacht haben: „Der spinnt total. Was macht ein Konzertflügel in der Wüste?“ Er wollte uns immer daran erinnern: Ja, es geht um Boden, es geht um Traktoren, es geht um Landwirtschaft, aber eigent­ lich geht es zentral darum, die Seele zu berühren und um die Bewusstseins­entwicklung des Menschen.“

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Die Seele berühren. Was die Klimakrise hervorgebracht hat, so führt Helmy Abouleish weiter aus, wären „zu we­ nige Menschen, denen man ermöglicht hat, ihr Potenzial zu entfalten“. Natürlich seien konkrete Umsetzungen wie biologisch-dynamische Landwirtschaft, erneuerbare Energie oder ein anderer Umgang mit Wasser auch wichtig. Umgesetzt werden müssten diese aber von inspirierten Menschen, die würden dann sehr effizient und in kurzer Zeit die richtigen Lösungen finden – adaptiert an ihren Wohnort und ihren Kontext. Die Ausrichtung von Sekem sei daher nicht zu wachsen und größer zu werden, sondern zu inspirieren. Auch dazu höre ich Zustimmung in vielen weiteren Interviews. Maja Göpel beispielsweise spricht davon, „wirklich an das ranzukommen, wo ich auch Energie gewinne. Dinge tun, die mir liegen und mein Herz ins Schwingen bringen.“ Oder Josef Zotter: „Frag niemals den Markt, was er sich wünscht, sondern mache es für dich, mache, was dich begeistert.“ Auf der Holiopolis Universität (Universität für nachhaltige Entwicklung in Kairo, die unter der Federführung von Sekem ins Leben gerufen wurde) beobachte er, Helmy Abouleish, „dass die Jugend mit ganz anderen Motiven, Intentionen und Zielen auf die Welt und hier bei uns an der Uni ankommt. Ich denke gerade in der Jugend werden wir bald die kritische Masse erreicht haben, sodass eine Veränderung auf der ganzen Welt stattfinden wird zu mehr nachhaltigen, ganzheitlichen Entwicklungsgedanken des Menschen und der Welt.“ Von der Abgrenzung zur Gemeinschaft. Die eigene Identität, Begeisterung und die eigene Lebensaufgabe finden lässt sich aber nur – so Maja Göpel –, wenn „wir rauskommen aus diesem ganzen „Ich finde meine Identität dadurch, dass ich mich von allem abgrenzen muss“, anstatt zu sagen: „Ich bin so und ich bin, weil wir sind.““ Es gehe darum, die Anderen nicht mehr zu den Anderen zu machen. Thomas Hübl spricht von „Othering“ und dem kollektiven Trauma der Trennung, das es zu heilen gilt, indem wir die wiederverbindende Kraft von Gemeinschaft (das „Belonging“) erkennen. Auch hier ließen sich viele Interviewpartner*innen anfühHeft S01 2 0 2 2

ren, die dies bekräftigen, beispielsweise Helena NorbergHodge, die von „changing from I to We“ spricht, oder Vivian Dittmar, die feststellt, dass unser Leben alleine und unabhängig nicht artgerecht ist. Und nochmals Maja Göpel: „Das Heldenepos des 21. Jahrhunderts ist ‚das Team‘.“ Wir haben aber aktuell ein Problem, so Maja Göpel, daran zu glauben, dass wir gemeinsam wirklich eine Lösung finden, mit der wir unsere Egoismen überwinden: „Wie können wir zeigen, dass da für alle Platz ist in diesem nächsten Schritt?“ Genügsamkeit. Eine mögliche Antwort auf ihre Frage geben u. a. Heini Staudinger und David Holmgren: indem wir der Gier die Genügsamkeit entgegenhalten. Die Fähigkeit, genügsam zu sein, macht uns krisensicher und resilient, so David Holmgren: „Genügsamkeit bedeutet sehr vorsichtig mit Ressourcen umzugehen und eine Vorstellung davon zu haben, was genug ist, einfach genug, und Grenzen zu er­ kennen.“ Oft verbinden Menschen Genügsamkeit mit einer puritanen, einschränkenden Sicht auf die Welt, so Holmgren weiter. „Aber ich denke, dass die Idee des genügsamen Hedonismus eine sehr gute Idee ist. Es geht darum, die kleinen Dinge zu genießen.“ Die Rolle der Frauen. Eine weitere Antwort auf Maja Göpels Frage: indem wir von den Frauen lernen. Frauen sind Expertinnen, wenn es um Fürsorge und Teilen geht (Vandana Shiva), sie kümmern sich ums Leben (Veronika Bennholdt Thomsen). Bisher würde ihr Beitrag, sind sich beide einig, aber als zweitrangige Aufgabe angesehen und geringgeschätzt werden. Vandana Shiva: „Wenn wir diesen Bewusst­ seinswandel und Paradigmenwechsel machen müssen, wo wir dem Leben Respekt erweisen, wo wir unser kreatives Potenzial entfalten, müssen wir uns die gewaltfreie Schaf­ fenskraft der Frauen ansehen. Wir müssen einsehen, dass das Nähren von Leben durchaus nicht passiv, sondern höchste Aktivität ist.“ Frauen wären – durch Kriege, durch Marginalisierung, durch Sparprogramme – schon längst dort, wo wir wieder hin müssen: „Es darf für uns nur eine Pflicht geben: Die Pflicht, für das Leben zu sorgen.“ Das würde uns wahrhaft menschlich machen und dorthin könn-

Helmy Abouleish: Präsident von Demeter International, Geschäftsführer von Sekem – Summit 2021

Josef Zotter: Chocolatier und Ökonomie-Visionär – Summit 2021 Mehr zu Genügsamkeit: S. 72 – 73

Thomas Hübl: moderner Mystiker und spiritueller Lehrer – Summit 2017 & 2021

Veronika Bennholdt Thomsen: Matriarchatsforscherin und Expertin für Sub­ sistenzökonomie – Summit 2021

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* Siehe auch die „maternal gift economy“ Bewegung. Teilen und Fürsorge (das Care Taking) sind ihre zentralen Werte. Sie will andocken an die Erfahrung ver- und umsorgt zu werden von unseren Müttern und auch das Bewusstsein wecken, von Mutter Erde ohne Gegenleistung beschenkt zu werden.

Helena Norberg-Hodge: Pionierin für lokales Wirtschaften – S­ ummit 2021

Heini Staudinger: Gründer und Geschäftsführer der SchuhFabrik GEA Waldviertler – Summit 2017, 2018 und 2020 ** „großartig“ auf Wienerisch

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ten uns Frauen als Lehrerinnen für die Zukunft wieder hinführen (Vandana Shiva).* Taste what localism can mean for your life! Eine weitere Notwendigkeit, die viele Interviewpartner*innen sehen, ist der Shift zu lokalen ökonomischen Strukturen. Dadurch würde auch die vorherrschende Beziehung zwischen Produzent*innen und Konsument*innen aus der völligen Anonymität herausgeholt werden können. Wenn wir die Produzent*innen der Produkte kennen, von denen wir täglich umgeben sind und die wir brauchen, so Vivian Dittmar, würden wir mit den Produkten achtsamer umgehen. Seit ich immer wieder bei unserer Solidarischen Landwirtschaft mithelfe, halte ich – nicht immer, aber oft – inne, bevor ich Gemüse zu verarbeiten beginne. Ähnlich, wie ich es von meinem Vater kenne, der jedes Mal, bevor er einen Brotlaib anschneidet, ein Danke ausspricht. Helena Norberg-Hodge empfiehlt: „Taste what localizm can mean for your life.“ Scale down and slow down. Eng verbunden mit der Rückkehr zu lokalen Strukturen und in vielen Interviews angesprochen ist die Notwendigkeit, unsere (Land)Wirtschaft kleiner zu strukturieren und zu entschleunigen. David Holmgren: „In vielerlei Weise ist das, was die Welt, v. a. die wohlhabende Welt, tun muss, viel weniger zu tun. Wir haben mehr Bauten in den wohlhabenden Ländern, als wir brauchen. Wir brauchen keine Bauindustrie, wir brauchen nur eine Sanierungsindustrie. Wir haben viel mehr Stahl in der Welt, als wir brauchen, wir brauchen vielleicht für lange Zeit keine Stahlindustrie. Und wir brauchen keine Beklei­ dungsindustrie für möglicherweise zwei Jahrzehnte in der wohlhabenden Welt. Es hat nie Krisen in der menschlichen Geschichte gegeben, in denen so viel Fett im System war.“ So kritisiert Holmgren auch, dass einige der kühnsten Pläne für einen schnellen Übergang zu 100 % erneuerbarer Energie auf der Annahme beruhen, dass wir alle dieselbe oder eine steigende Menge an Energie brauchen. „Es kann tatsächlich sein, dass wir viele Ressourcen verschwenden würden beim Versuch derzeitige Systeme aufrechtzuerhalten, während wir wirklich vereinfachen, nach unten skalieren müssen.“

Schritt 3: Zeigen, wo es schon passiert

Viele Interviewpartner*innen orten in unserer Gesellschaft ein generelles Unbehagen, das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Heini Staudinger: „Ich glaube, dass viel von dem, was jetzt unsere gesellschaftliche Wirklichkeit ist, absolut keine Mehrheit im Volk hat. Es gibt in meinem Bekannten­ kreis nicht eine Person, die sagt, sie findet es cool, dass wir 50 Prozent der Lebensmittel wegschmeißen. Dass man die Banken europaweit mit mehr als einer Billion, mit tausend Milliarden gerettet hat. Dass wir vom Klimawandel seit Jahrzehnten wissen und dass wir de facto nichts tun. Wenn ich aber erzähle, dass wir mit Bürgerbeteiligung so viel Photovoltaik auf den Dächern haben, dass uns die Sonne mehr Strom liefert, als wir mit der ganzen Firma brau­ chen – das finden alle Leute leiwand**.“ Der hohe Inspirationsgrad, der den Pioneers Summits innewohnt, beruht auch darauf, dass man in vielen Interviews solche Projekte wie GEAs Energiewende kennenlernt. Die neue Geschichte und Ausrichtung, dem Leben zu dienen, wird in der Praxis spürbar und nährt die Hoffnung, dass „wenn die Menschen, vor allem die Zivilgesellschaft, vorauseilt mit neuen Ideen, dann müssen die Politiker dem eben irgendwann stattge­ ben und unterstützen“, so Maja Göpel. Im Folgenden ein paar konkrete Umsetzungen, die mich fasziniert haben: Donut-Modell von Kate Raworth. Das Interview mit Kate Raworth habe ich gemeinsam mit WohnprojektMitbewohner*innen an unseren wöchentlichen SummitAbenden, zu denen wir uns über zwei Monate lang trafen, angesehen. Mit staunenden Augen und Ohren haben wir uns von Kate Raworths unglaublicher Energie und anschaulichen Erklärungen in den Bann gezogen gefühlt. In ihrem Bestreben, Wirtschaft neu zu denken, ist Kate Raworth auf das Diagramm der Belastbarkeitsgrenzen der Erde gestoßen: „Ich dachte, dieses Bild ist der Anfang der Neugestaltung der Wirtschaft. So hätte es immer sein sollen: Die Wirtschaft steht innerhalb der Lebenswelt. Und hier sind die Grenzen der Lebenswelt veranschaulicht im Bauplan des Lebens selbst. Ich dachte: Moment! Wenn es außen eine Belastungs­ grenze für die Erde gibt, wie wir als Menschheit mit den Heft S01 2 0 2 2


Erdressourcen umgehen, gibt es nicht auch innen eine Bela­ stungsgrenze für jeden einzelnen Menschen, ein Minimum an Ressourcen, damit sie anständig leben können?“ Kate Raworth hat diese äußeren und inneren Grenzen als größeren und kleineren Ring aufgezeichnet. Es entstand eine Art Donut, der unseren Handlungsspielraum und dessen Grenzen symbolisiert. Diese Grenzen dürfen, so Kate Raworth, auf keinen Fall überschritten werden. Die Donut Economy hat inzwischen viele Umsetzungen erfahren, z. B. hat Kate Raworth Amsterdam dabei begleitet, die Stadt- und Wirtschaftsentwicklung an der Donut Economy auszurichten.

Demeter

Foto: freestocks / Unsplash

Regionalwert AG und Quarta Vista. Sehr beeindruckt hat mich auch das Interview mit Christian Hiß*. Er hat Lösungen gesucht, die „bottom up“ wirken und von Menschen in überschaubaren Gruppen getragen werden. So ist die Idee der Regionalwert AG entstanden, wo sich Produzent*innen,

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Konsument*innen und Anteilseigner*innen zusammentun, um für die Versorgung mit Lebensmitteln einer Region selbst Sorge zu tragen. Der Fokus des Interviews liegt jedoch auf einem zweiten Projekt von Christian Hiß, Quarta Vista, einer Buchhaltungssoftware, die es Unternehmen ermöglicht, ökologische und soziale Aspekte sowie den Wissensfundus ihres Unternehmens genauso als Kontostände abzubilden, nicht nur wie üblich den finanziellen Kontostand. Die neue Geschichte braucht neue Instrumente und WertSchöpfungs-Indikatoren. Quarta Vista erfüllt hierbei eine Forderung, die auch Maja Göpel ausspricht: Es gehe darum, sich nicht mehr anhand der alten Indikatoren und Erfolgsdefinitionen messen zu lassen. Christian Hiß: „Ich bin dar­ auf gekommen, dass in der Buchhaltung und Bilanzierung wesentliche Vermögensarten wie Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität, Wissen usw. einfach als wertlos in der Bilanz dargestellt werden. Unsere Methode bewertet aber nicht die Bodenfruchtbarkeit an sich, sondern wir bewerten die Leistung eines Betriebes, bei dem Bodenfruchtbarkeit erhalten bleibt. Welche Personalkosten oder Sach­kosten hat er, um z. B. Kompost zu machen. Das ist ein großer Unterschied. Das habe ich versucht in ganz gewöhnliche Buchhaltungsprogramme zu übertragen, und das macht mittlerweile Schule, sodass auch große Unternehmen nachfragen. Jetzt sind wir soweit, dass landwirtschaftliche Betriebe auf der Internetseite ihren Mehrwert berechnen lassen können und ein Ergebnis erhalten wie: „Du hast für 130.000 € Mehrwert geschaffen im vergangenen Jahr.“ Mit dieser Zahl können die Landwirt*innen dann zu einem*r Verarbeiter*in, einer*m Händler*in oder Endkund*in ge­ hen und sagen: „Ich brauche dieses Geld, um nachhaltig zu wirtschaften, lasst uns gemeinsam schauen, wie das be­ zahlt werden kann.“ Da kann auch die Politik mitmachen und die Zahlungen an die Landwirtschaft der EU würden ja auch reichen, sie würden nur anders verteilt. Der Quan­ tensprung ist, dass Landwirte so belegen können, wofür sie mehr Geld brauchen.“ So kommt Wertschöpfung näher heran an den „Wert der Schöpfung“ (Maja Göpel), statt nur den des Fortschritts zu berücksichtigen, selbst wenn dabei ganz viel Wertschöpfung und Naturkapital zerstört wird.

Kate Raworth: WirtschaftsNeudenkerin und Erfinderin der Donut Economy – Summit 2021 www.doughnuteconomics.org

Christian Hiß: Gründer der Bürgeraktiengesellschaft ­Regionalwert AG und Ökonomie-Revolutionär – Summit 2021

Charles Eisenstein: Kultur­ philosoph, Autor und Visionär – Summits 2018 & 2020 (S. 16 – 19) sowie 2021

Christian Felber: Begründer der Gemeinwohlökonomie-Bewegung – Summits 2017 & 2019

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TAU empfiehlt

Bio, gut für uns, gut fürs Klima.

© BIO AUSTRA/Christoph Liebenritt

Wir schauen aufs Ganze. Die Biobäuerinnen & Biobauern

In der Bio-Landwirtschaft werden keine schnelllöslichen mineralischen Düngemittel eingesetzt, die in der Herstellung sehr energieintensiv sind. Stattdessen bauen Biobäuerinnen und -bauern durch Fruchtfolge, Gründüngung und organische Dünger wie Mist oder Kompost gesunde Böden auf. bio austria Bäuerinnen und Bauern leisten aus Überzeugung noch mehr als sie laut EU-Bio-Verordnung müssten. Strengere Richtlinien, regionale, genau nachverfolgbare Futtermittel, mehr Tierwohl und Biodiversität machen Lebensmittel von bio austria Bäuerinnen und Bauern ganz besonders wertvoll. Ganz allgemein gilt: Wer sich mit saisonalen Bio-Lebensmitteln der Region ernährt, leistet einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz.

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Lebendige Landwirtschaft. Dass die Landwirtschaft den größten Anteil an der Klimakrise trägt und damit auch die zentrale Stellschraube für deren Bewältigung darstellt, war mir vor dem Anhören des Interviews mit Helmy Abouleish nicht so richtig bewusst. Vandana Shiva bringt dies in einem leidenschaftlichen Appell für Biologische Landwirtschaft zum Ausdruck: „Verabschiedet euch von dem Mythos, dass Bio-Lebensmittel teuer und daher nur für die Reichen sind. Keiner könnte sich ­industriell verarbeitetes Essen leisten, wären die wahren Kos­ ten, die hohen Externalitäten zu bezahlen. Bio ist der richtige Weg, um im Einklang mit der Erde zu leben. Das vorherrschen­ de System produziert nährstoffarmes Zeug und ist kein Lebens­ mittelsystem, sondern ein Anti-Lebensmittelsystem. Aber es geht nicht nur darum, bio zu essen. Es geht darum, dass die, die anbauen, und die, die essen, eine Gemeinschaft werden. Wohin man auch schaut entstehen Alternativen, die demo­ kratisch funktionieren, wo die Menschen wieder Souveränität über ihre Nahrungsmittel gewonnen haben. Das ist eine höchst fundamentale Veränderung!“ Das Saatgut-Projekt Navdanya. Ganz wesentlich sei auch die Arbeit mit samenfesten Sorten. Deshalb gründete Vandana Shiva die Bewegung Navdanya, die regionales Saatgut traditioneller Nahrungspflanzen sichert und bewahrt: „Ich war empört über den wissenschaftlichen Betrug, wonach Samen eine Erfindung der GMO (genetically modified organism) Konzerne sein sol­ len. Samen verkörpern Jahrtausende vorangegangener Evolu­ tion und das Potenzial für tausende Jahre in Zukunft. Dass Konzerne sie zu etwas Nicht-Erneuerbarem machen wollen, Vandana Shiva: Wer ernährt die Welt wirklich? Das ­Versagen der Agrarindustrie und die notwendige Wende zur Agrarökologie. Neue Erde GmbH 2021. Maja Göpel: Wir können auch anders. Aufbruch in die Welt von morgen. Ullstein Verlag GmbH 2022.

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TAU empfiehlt ist so falsch auf allen Ebenen: wissenschaftlich falsch, juristisch falsch, ethisch falsch – es ist nicht gerecht.“ Navdanya umfasst inzwischen 120 Gemeinschaftssamenbanken mit klimaresilienten Samen: z. B. Samen, die Trockenheit und Salz vertragen oder hochwassertolerante Samen. Nicht Gen-Technik sei das Mittel für Klima-Resilienz, sondern eine Landwirtschaft mit hoher Biodiversität.

Foto: Nasir Ali Mamun

Ein dem Leben dienendes Finanzsystem am Beispiel Mikrokredite. Wenn wir eine neue Wirtschaft und Landwirtschaft haben wollen, können wir das bestehende Finanzsystem nicht beibehalten, das „Geld einsetzt zugunsten des unendlichen Wachstums der menschlichen Einfluss-Sphäre und der Umwandlung von Natur in Geld, und auch von Beziehungen in Geld.“ (Charles ­Eisenstein). Auch hier kommen bei den Pioneers Summits konkrete Umsetzer*innen zu Wort, wie Christian Felber* oder Muhammad Yunus*, der von seiner Gründung einer alternativen Bank erzählt, die Mikrokredite vor allem an von Armut betroffene Frauen vergibt: Er habe sich angesehen, wie herkömmliche Banken arbeiten, und dann genau das Gegenteil gemacht. „Das funktionierte wunderbar! Banken gehen zu den Reichen, ich gehe zu den Armen. Sie gehen zu den Männern, ich gehe zu den Frauen. Sie gehen in die Stadt, ich gehe aufs Land. Sie ver­ langen Sicherungsgegenstände, ich mache vertrauensbasiertes Banking ohne Sicherheiten. Die Kredite werden zu 100 % ­ zurückgezahlt, keine Sicherheiten, nichts.“ Wir Menschen haben ein Bankensystem geschaffen, so Muhammad Yunus, das Kraftstoff nur in den oberen Teil füllt* und nichts in den unteren Teil, „das Menschen als kreditunwürdig ansieht, in Wahrheit aber sind die Banken nicht menschenwürdig.“ Im Unterschied zu Spendengeldern, die Menschen abhängig machen und wo das Geld steckenbleibt, sei es mit Mikrokrediten den vorwiegend weiblichen Kreditnehmer*innen möglich, Unternehmer*innen

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Muhammad Yunus: Begründer einer alternativen Bank, die Mikrokredite an v. a. von Armut betroffene Frauen verleiht. Friedensnobelpreisträger – Summit 2021

„Eine soziale Geldanlage, die Jobs schafft, vor allem für Frauen in den Ländern des Globalen Südens, ist mir sympathisch. Oikocredit bietet Hilfe zur Selbsthilfe und das finde ich fair.” Dr. Sabine Haag, Generaldirektorin KHM-Museumsverband

Geld, das dem Leben dient

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TAU empfiehlt zu werden. Ihr kreatives Potenzial würde damit freigesetzt. Das Geld fließt wieder zurück und kann wieder verborgt werden.

bin dann mal weg … in und mit der

Visionssuche für Frauen und Männer 28.6. bis 9.7.2022 mit Natascha Faltner und Robert Pilak in der Steiermark

für Frauen 4. bis 9.7.2022 mit Anne Tscharmann und Nina Baresch im Burgenland

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Martin Kirchner schließt die Interviews gerne mit der Frage ab, was sich sein*e Interviewpartner*in von den Menschen, die zuhören, wünschen würde: Dass wir „statt von Eigen­ nutz von kollektivem Nutzen geleitet werden und gemein­ sam zu einem neuen Ziel reisen in Richtung erfülltem Leben und Freude“ (Muhammad Yunus). Dass wir zurückfordern, Herstellende und Schöpfende zu sein, nicht nur Konsumenten oder überflüssige Menschen (Vandana Shiva). Dass wir die Liebe in die Wirtschaft bringen (Helmy Abouleish und Heini Staudinger). Dass wir uns ganz tief als Teil dieses wunderbaren Universums und seiner Energie fühlen (Vandana Shiva). Dass „uns noch viel stärker bewusst wird, wie viele wir sind und was wir können! Es geht jetzt wirk­ lich ums Wollen und das Vertrauen darin, dass du nicht allein bist“ (Maja Göpel). Oder wie es Helena Norberg-Hodge formuliert: „People are far more ready for change than we think!“ GT

für Frauen im Lebensrad mit Claudia Graf und Anne Tscharmann

Yunus‘ Modell hat sich inzwischen weltweit verbreitet, wurde zum Teil – bedauert Muhammad Yunus – aber auch missbraucht, um Profite zu machen. „Manche gingen sogar damit an die Börse und versprachen, dass man viel Geld damit verdienen würde, Geld an arme Menschen zu ver­ leihen. Ich finde das obszön.“ Eine Bank, die Mikrokredite für Non-Profit-Unternehmen verleiht, sei eine kollektive problemlösende Bank, keine Bank, die persönliche Probleme löst.

* Kleeblattwanderung 1. bis 6.6.2022 (OÖ) Flusswanderung 24. bis 28.8.2022 (NÖ)

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Hör in dich hinein! Was taucht da auf? Einladung zur täglichen Praxis der Stille

Man kann immer wieder in den Tageslauf ganz kurze Augenblicke des Innehaltens einfügen. In dieser Stille können wir hinhorchen und hinschauen und uns mit all unseren Sinnen öffnen für: „Was will das Leben jetzt von mir?“

Stille, oftmals Zeit für mich, Ruhephasen, Spaziergänge, Wahrnehmung. Auf die Kupplung treten, nicht nur auf‘s Gas!

David Steindl-Rast – Summit 2019

Sylvia Brenzel – Summit 2018

Wir leben in einer Welt, die wahnsinnig viel Fokus nach außen zieht und uns wegbringt von dem, was gerade in uns ist. Es braucht bewusstes Gegensteuern: Achtsamkeitsoder Meditationspraxis, jeden Tag Zeit in der Natur, unterstützendes Zuhören*. Es ist nicht so wichtig, was die Praxis ist, wichtig ist, dass sie für DICH passt.

* Nimm dir jeden Tag 5 –10 Minu ten Zeit mit jemand Zw eitem, lausc ht in euch hine in und sprecht aus, was gerade auftaucht.

Vivian Dittmar – Summit 2021 Heft S01 2 0 2 2

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Foto: Lucas Sankey / Unsplash


Schaut, das wünschen wir uns für die Zukunft! „Wir haben eigentlich eine riesige Kulturkrise und damit kommen wir überhaupt nicht klar. Wie wollen wir miteinander leben? Da sind wir richtige Anfänger. Es gibt viel zu entdecken und dafür braucht es Plätze und ganz viel Experimente. Dafür bin ich da und habe voll Bock, viel zu gestalten.“ Simon Marian Hoffmann – Summit 2021

Martin Kirchner: Du bist so ein ­spannender, bunter, aktiver Kerl. Ich frage mich, wie sich das ausgeht, mit 24 schon so viel in die Welt gebracht zu haben? Simon Marian Hoffmann: Ich habe mit 14 meinen ersten Film auf den Markt gebracht. Ich wollte zeigen, dass junge Menschen etwas zu sagen haben und an der Kultur teilnehmen wollen. Aber niemand hat sich dafür interessiert. Da ist ein riesiger Schmerz aufgekommen, nicht gesehen worden zu sein. Und als mein Bruder mir Videos zeigte, wie es in der Welt wirklich aussieht, die ganzen Kriege, wie wir Afrika ausgebeutet haben und noch immer tun, wie das Geldsystem aufgebaut ist, war ich zu Tode geschockt, in was für einer Welt ich bin und wie die Leute sich einfach täglich taub machen über Medien, Drogen oder über Arbeit. Wie sie nichts daran ändern und nicht beginnen neue Wege zu suchen. Wie sie ihre Verantwortung abgeben. Ich habe gelesen, 50 % der jungen Menschen in Österreich zeigen depressive Symptome. Was hat dir geholfen mit diesem Weltschmerz umzugehen? Heft S01 2 0 2 2

Es hat mich völlig überfordert und in diesem Überforderungsmoment habe ich versucht es so zu drehen, dass es mich nicht erdrückt, sondern mir Energie gibt, es zu ändern. Ich habe mich auf die Suche gemacht, habe recherchiert, geschrieben und Filme geschnitten. Ich habe auch echt viel gefunden. Ich bin auf die Schule der Freiheit gestoßen in Bad Boll. Die haben sich lange damit beschäftigt, was hinter Systemen liegt. Dann habe ich zur Bildung und Jugend weiter geforscht. Es gab Austausch mit älteren Menschen, die waren wichtige Mentoren für mich, da habe ich unglaublich viel Hoffnung für die Welt gekriegt. Sie haben mir ihre Modelle und Denksysteme gezeigt, auch die Philosophie dahinter, haben quasi aus den ganzen letzten Jahrhunderten erforschtes Wissen zusammengetragen. Ihnen hat die Kraft gefehlt, das umzusetzen, aber sie haben mir diesen Schlüssel weitergegeben. Letztendlich ist die ganze Jugendbewegung, auch Fridays for Future, ein Riesenschrei, weil die Jugendlichen den Weltschmerz spüren und merken, dass die ältere Generation den nicht spüren will. Pioneer of Change ist man, wenn man diesen

Weltschmerz spürt, zu sich nimmt und zulässt, weil dann kann man gar nicht mehr anders als zu wandeln, als die Welt zu ändern und diesen Schmerz zu transformieren. Es ist nichts Schlimmes, es ist einfach nur ein Schmerz, der gesehen werden will. Sonst wird er irgendwann zu Hass und Gewalt. Es ist so wichtig, dass wir diesen Schmerz sehen. Ich habe große Resonanz mit dem, was du erzählst. Du hast den Schmerz dann ganz gewaltig als Impuls genommen, um zu tun und zu tun. Ich habe mit 16 ein Theaterstück geschrieben: „Die wohlfeile Jugend“. Wie die Jugend aufsteht, eine Partei gründet und Veränderung bringt. Danach stand ich vor der Wahl, entweder ich mache einen Spielfilm draus oder ich mache es in der Realität. Ich hatte Bock die Realität zu gestalten und habe mit 19 Jahren den Verein „Demokratische Stimme der Jugend“ gegründet. Nach dem Abitur habe ich für eine Abgeordnete im Bundestag gearbeitet und für ein halbes Jahr die Politik von innen gesehen. Da kam mir die Idee, dass wir einen deutschen Jugendrat brauchen. Wir brauchen ein

Simon Marian Hoffmann ist Musiker, Schauspieler, Drehbuchautor, Philosoph und Aktivist. Er gründete den Verein Demokratische Stimme der Jugend, der das Bildungssystem kritisch hinterfragt und sich für mehr politische Teilhabe junger Menschen einsetzt.

Mehr Infos: www.simon-hoffmann.com

Demokratische Stimme der Jugend e.V. www.demokratische-stimme-derjugend.de

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Ausbildungssystem von jungen Menschen aus ganz Deutschland, die über Zukunftsthemen aus sich heraus sprechen, aus ihrem Erlebnis, und sagen: „Hey, so sieht‘s aus, und das wünschen wir uns für die Zukunft.“ Das haben wir mit dem Verein versucht umzusetzen.

Studiengangs-Initiative „Selbstbestimmt Studieren“ selbstbestimmt-studieren.org

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Ist aus dem Jugendrat was geworden? Wir haben uns über ein Jahr lang mit verschiedenen Abgeordneten, mit der Kinderkommission, mit verschiedenen Stiftungen und Organisationen wie Greenpeace, mit dem Referatsleiter für Jugendbeteiligung vom Ministerium für Kultur, Jugend und Sport getroffen und gemeinsam gearbeitet. Der deutsche Jugendring sah aber schlussendlich unser Konzept als Konkurrenz und jetzt ist es auf Eis. Ich muss ehrlich sein, ich bin traumatisiert – ich habe die politische Seite kennenlernen dürfen und weiß, wie die Machtverhältnisse sind, und halte das absolut nicht für zukunftsfähig, wir brauchen da Lösungen. Wir sind da dran, aber ich bin gerade an einem anderen Punkt und versuche durch eigene Tätigkeiten eine neue Welt zu kreieren und zu zeigen, so kann man es auch machen. Dann muss ich nicht irgendwelche Stimmen gewinnen oder mit irgendwelchen Leuten um irgendwelche Sachen kämpfen, sondern kann einfach sagen: „Schau mal, das

ist schon da! Wir haben es einfach gemacht.“ Und dann kann man überlegen, ob das cool ist oder nicht. Es ist so eine spannende Erfahrung und gleichzeitig so normal, dieses Scheitern und Anlaufen an dem Beharrungsvermögen dieses Systems. Im Verein haben wir angefangen,

Pioneer of Change ist man, wenn man diesen Weltschmerz spürt, zu sich nimmt und zulässt, weil dann kann man gar nicht mehr anders als zu wandeln, als die Welt zu ändern und diesen Schmerz zu transformieren. Möglichkeiten für ein alternatives Bildungssystem durchzudenken und eigene Bildungseinrichtungen zu schaffen und haben einen eigenen Studiengang gegründet. Wir haben rausgefunden, dass das, was in der Schule passiert – dass junge Menschen beschult werden und nicht selber an ihren eigenen Fragen reifen –, auch in der Gesellschaft mit jungen Menschen, die Ideen haben und noch nicht in der Gesellschaft integriert sind, passiert. Sie sehen die Gesellschaft noch von außen und finden Dinge komisch, verstehen sie nicht

wirklich und könnten die Gesellschaft transformieren. Doch dieses Potenzial der Jugend wird nicht genützt. Ich spreche immer von dieser „goldenen Lücke” nach der Schule, bevor es in die Ausbildung geht, wo es das Potenzial noch gibt. Wir müssen die jungen Menschen einladen, ein paar Jahre einfach mal ihr Ding zu machen. Sich zu überlegen, was sie eigentlich im Leben wollen. Was würde passieren, wenn die Gesellschaft diesen jungen Menschen helfen würde, sehr früh ihr Thema zu finden? Wenn man sie unterstützt jetzt Lösungen zu finden, ­z. B. ­­für die „Fridays for Future“-Thematik. Dann würden sie vielleicht in zehn Jahren dieses Thema befriedigt haben und könnten neuen Generationen bei ihrem Thema helfen. Dann wären wir immer up to date. Momentan ist es so: Die Politiker, die gerade in der Politik sind, hatten irgendwann als junger Mensch ein Thema, das sie ändern wollten – deswegen sind sie in die Politik gegangen. Sie warten 30, 40 Jahre, bis sie an der Macht sind, und dann treffen sie Entscheidungen, die 30, 40 Jahre später erst entstehen. Dann sind wir quasi schon 100 Jahre hinterher. Was würde passieren, wenn man jungen Menschen zuhört und sie fragt: „Was braucht ihr? Wie sieht eine gute Gesellschaft der Zukunft aus?“ Und das dann gemeinsam in Handlungsthematiken übersetzt. Ich bin super respektvoll und dankbar für meine ganze Heft S01 2 0 2 2


Vorgängergeneration, und trotzdem haben wir jetzt eine andere Aufgabe und wollen weiterkommen. Deswegen brauchen wir jetzt Support. Diesen Gedanken haben wir Jugend-Hochkultur genannt: Was wäre, wenn die Gesellschaft einen Freiraum für junge Menschen zwischen 14 bis 28 gibt – das definiere ich als die Jugendzeit. Bis ich 28 werde, bin ich Jugendlicher und da probiere ich mich aus und falle auf die Schnauze oder ich mach gar nichts, dann geh ich mal reisen, ich finde mich selber und damit diene ich der Gesellschaft am meisten. Ich bin ein junger Mensch, der sich entwickelt. Wir leben in einer adultistischen Gesellschaft, die sagt: „Du musst erwachsen werden!“ Das Ziel ist, erwachsen zu werden. Die sagt: „Du darfst nicht da sein, wo du gerade bist.“ Aber es ist gut, wo du gerade bist. Mit einer Jugend-Hochkultur, in der Erwachsene einen Raum halten, wo sie für junge Menschen da sind, wenn sie Fragen haben, wo sie auch selber von ihnen lernen und sie dabei unterstützen, weiterzukommen und ihre Potenziale zu entwickeln, haben wir eine andere Welt. Wir haben bei der Demokratischen Stimme der Jugend eine eigene Kultur entwickelt, sind ganz anders miteinander umgegangen, haben die Themen Männlichkeit/Weiblichkeit angeschaut, die patriarchalen Strukturen in uns, haben Projektionen aufklären gelernt, haben uns selber unsere Schatten überwinHeft S01 2 0 2 2

den gelehrt, haben gelernt, wie ich in eine gute Kommunikation komme, wie wir unsere Potenziale zusammenbringen können. Wir haben unfassbar viel in diesen ganzen Jahren ausprobiert, nur indem wir aus uns selber geschöpft haben. Das ist für mich der Inbegriff von Jugend-Hochkultur. Das ist eigentlich ein Geschenk an die ganze

Wir leben in einer adultistischen Gesellschaft, die sagt: „Du darfst nicht da sein, wo du gerade bist.“ Aber es ist gut, wo du gerade bist.

Gesellschaft. Das sollten wir sehen, das sollten wir fördern und unterstützen. Deswegen fordern wir auch die Jugend-Rente, denn das größte Kapital, das ein Staat hat, sind die Kinder. Deswegen wollten wir Kinder- oder Jugendverbände einführen, wo alle jungen Menschen in Fülle aufwachsen können, weil das die Menschen sind, die die Zukunft aufbauen werden. Und das führen wir tatsächlich jetzt mit der GLS-Bank durch. Die machen gerade einen solchen Fonds mit uns auf, wo die ersten Jugend-Renten dieses Jahr verteilt werden. Die jungen Menschen werden mit bis zu 800 € pro Monat

bestückt. Drei Jahre lang können sie machen, was sie wollen. In Zusammenarbeit mit den Next Pioneers und verschiedenen anderen Organisationen arbeiten wird daran, freie Bewerbungen von Menschen zu ermöglichen – im ersten Jahr noch begrenzt, aber wir gucken. Wir wollen zeigen, dass das funktioniert. Ich bin beeindruckt. Mich hat auch das Video von eurer Kunstaktion in Berlin sehr bewegt. Magst du davon erzählen? Der „Aufstand der Jugend“ war eine Performance mit 100 Aktivist*innen. Die Jungen haben zehn Erwachsene durch ganz Berlin getragen, von der Siegessäule zum Brandenburger Tor. Barfuß und in Lumpen haben wir symbolisiert, wie es uns jungen Menschen geht, mit diesem Weltschmerz, diese Schuldenberge zu tragen, nicht nur in Form von Geld, sondern auch in ausgelaugten Böden, in Plastikkontinenten im Ozean, in ausgestorbenen Tierarten, überall da ist das Erbe drin, das wir tragen. Es muss gefühlt werden, was das eigentlich bedeutet, ein sehr junger Mensch zu sein, in dieser scheinbaren Fülle-Gesellschaft, in der wir uns nicht beschweren sollen, weil wir in Saus und Braus leben. Ja, aber nur äußerlich, innerlich ist die kalte EDS-Wüste. EDS heißt Empathie-Defizit-Syndrom. Die Krankheit, an der wir wirklich leiden, ist Empathielosig-

www.next-pioneers.org

„Aufstand der Jugend“ – Kunstperformance Berlin > YouTube

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keit, dass wir kaum mehr Gefühle haben. Wir wachsen so auf, weil mit Kindern umgegangen wird wie mit Ware. Das ist der Blick von dieser Seite. Ich kann die andere Seite auch sehen, da gibt es viele Dinge, die mich bewegen, aber ich hab das als junger Mensch erlebt. Ich wollte überall nur noch Menschen ansprechen, nachdem mein Bruder mir „die Welt“ gezeigt hat, und alle Herzen waren verschlossen. Es gab nur: „Wir müssen Geld verdienen, wir müssen Kredite zurückzahlen, wir sind darin gefangen.“ Dann habe ich gecheckt, dass das eigentlich eine riesige Versklavung ist. Das müsste alles nicht so sein, und das kann ich als junger Mensch halt auch sagen, weil ich da nicht drin stecke. Aber dann hört auf mir zu sagen: „Ja, du steckst halt noch nicht drin, du kannst das sagen, deine Ideen sind naiv!“ Aber ich will da nicht rein, kein junger Mensch sollte da rein! Helft uns doch dabei, dass wir euch da wieder rausziehen können. Das wollte ich mit dieser Performance zeigen. Am Brandenburger Tor hatten wir 150.000 Geldscheine aufgebaut und die haben wir dann in die Luft gesprengt als Symbol von: „Hey Leute, wacht mal auf, es ist alles nur Papier. Das ist ein magischer Trick, um uns zu verwirren.“ Es geht um die direkten Beziehungen zwischen den Menschen. Dann haben wir Jungen uns im Geist gedreht und getanzt.

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Ich bin berührt, weil du diese Dinge mit einer großen Klarheit erzählst, und gleichzeitig spüre ich den Schmerz in dir, der dahinter steht. Es ist auch nicht leicht, als junger Mensch in dieser Welt aufzuwachsen. Danke, mich berührt das sehr, wie du das hörst. Denn die Menschen müssen das hören, damit es heilen kann. Ich möchte nicht verurteilen, wenn ich das sage. Ich sage nur, dass ich aus meinen Erlebnissen spreche, und ich sehne mich nach etwas anderem und genau nach dem, was du gerade zeigst: Berührtheit und Offenheit. Wer weiß, was möglich wird, wenn wir uns in dieser Art verbinden und dieses Feld ausbreiten. Wo bist du gerade dran? Ich habe gelernt: „Über die Politik geht‘s nicht weiter“, und so haben wir parallel eine eigene Kultur entwickelt, eine Kultur der Berührbarkeit. Wir haben angefangen mit Gefühlsarbeit und Workshops, da ist der Aktivismus selbst zu uns gekommen, als wir gemerkt haben, dass wir im Außen nichts verändern können. Wir haben zwar schon viel verändert, aber jetzt ist das Innen dran. Eine gewaltfreie, also eine friedliche Revolution – und die geht durchs Innere. Eine kreative Revolution, eine kreierende, eine selbst kreierte Evolution – das haben wir Krevolution genannt. Wir haben

ein eigenes inspirierendes Medienportal „WelTVision“ auf YouTube. Gerade im Aufbau sind die Next Pioneers. Das ist ein Pool von 30 bis 50 Menschen, auch Älteren, Mentor*innen, die da zusammenkommen und junge Unternehmer*innen begleiten. Es ist im Grunde eine Kaderschmiede für neue Führungspersönlichkeiten, wo wirklich alle auf Augenhöhe sind. Es ist ein richtiger Organismus und wir arbeiten bei verschiedenen Projekten mit. Da passiert richtig viel! Die Idee ist, dass wir ein Experimentierfeld kreieren, wie man anders wirtschaften kann, und das der Welt vorstellen. Gibt es irgendwas, was dir noch ­wichtig ist zu sagen? Macht das, wovon ihr träumt, und lasst euch nicht erzählen, dass das nicht geht. Macht es einfach. Dafür brauchen wir keine Erlaubnis, es ist Selbstermächtigung. Wichtig ist, dass wir die Jugend wirklich sehen, dass wir uns selbst in den jungen Menschen sehen. Wir müssen der Jugend mit Güte und Weisheit begegnen, Kontakt suchen und gemeinsam Hand in Hand eine neue Welt kreieren. Jetzt ist Wendezeit, das spüren alle. Vertrauen, dass wir es gemeinsam tragen können, uns gemeinsam tragen können. Wir müssen unser Wir entwickeln und dann eine neue Welt aufbauen, dann ist die Neue Welt da. PS

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Heft19 2021

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Mit dem Drachen reden – oder ihn füttern „Heute hast du totalen Mist gebaut!“ – „Wie konntest du so dumm sein?“ „Du wirst es niemals schaffen.“ – Wenn ich um 3 Uhr nachts aufwache und solche Stimmen höre, stehe ich auf und mache mir eine Tasse Tee. Ich lege zwei Pölster auf, auf dem einen sitze ich und der andere ist der Polster des inneren Kritikers. Ich frage ihn: „Warum weckst du mich um 3 Uhr früh auf?“ Dann setze ich mich auf sein Kissen – er ist übrigens ein Drache – und spreche in seinem Namen. Er wird wiederholen, womit er mich aufweckte. Dann komme ich zurück auf mein Kissen und sage mit meiner Stimme: „Das ist nicht sehr hilfreich.“ – „Das sagtest du bereits.“ – „Was möchtest du mir wirklich mitteilen? Ich gehe zurück auf sein Kissen und er beginnt vernünftiger zu sprechen. Immer noch ziemlich aggressiv, aber vernünftiger. Zurück auf meinem Kissen frage ich ihn: „Aber was möchtest du mich wirklich wissen lassen?“ ‚Du hast ein Geheimnis vor mir!‘ Ich kehre auf sein Kissen zurück und nach und nach wird er mir das Geheimnis verraten. Es ist immer etwas, das ich wissen muss, etwas, das ich auf irgendeiner Ebene meines Bewusstseins gewusst habe. Ich habe verstanden, dass der Drache mein Freund ist, und bitte ihn um Orientierung, wenn ich Hilfe brauche. Scilla Elworthy – Summit 2020

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Angenommen, ich sehe etwas an dir, das mich eifersüchtig oder neidisch macht – dein Erfolg mit den Pioneers of Change zum Beispiel. Dann frage ich mich: „Was will mir das anzeigen? Da hast du eine Ressource, ein Potenzial oder eine Sehnsucht, die in dir lebt, die aber nicht befriedigt ist.“ Aus dem Buddhistischen kenne ich die schöne Technik des „Dämonen-Fütterns“ von Lama Tsültrim Allione. Diese Technik hilft mir, Schatten wie Angst, Neid und Missgunst zu erlösen und zu integrieren! Wie geht das? Ich lade diesen Dämon ein und benenne ihn. Dann hole ich z. B. den Neid herein in mein Herz und setze mich gedanklich vor ihn und frage: „Was brauchst du? Womit möchtest du genährt und erfüllt werden? Wie kann ich dich unterstützen, damit du richtig fett wirst?“ Ich füttere den Dämon, bis er ganz das bekommen hat, was er will: Anerkennung, Wahrgenommensein, Geliebtwerden. Wenn mir das gelingt, bin ich voll Bewusstsein zum Thema Neid. Ich erkenne die Triebfedern hinter dem Neid. Ich höre mich selbst, erkenne meine Bedürfnisse, die im Neid verborgen liegen. Und beim nächsten Mal, wenn mich dieser Dämon anspringt, sage ich mir oder auch der Person, die diesen Neid in mir auslöst, bewusst und ganz liebevoll: „Ich zerspringe vor Neid! Ich beneide dich!“ Und dann lausche ich, was diese Wahrhaftigkeit mit mir macht. Im Dämonenfüttern bekämpfe ich nicht den Schatten. Ich nähre ihn solange, bis er mich – spaßig ausgedrückt – frisst. Dann kann ich ihn als wichtigen Lebensbegleiter, weisen Berater und liebevollen Freund anerkennen. Die eigenen Schatten und Spiegelungen zu erkennen hilft mir, mich selbst besser zu hören, mich selbst Stück für Stück zu entfalten. Alfred Strigl – Summit 2017

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