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Tod ohne Lobby Kürzlich veröffentlichte Francis Seeck das Buch „Recht auf Trauer. Bestattungen aus machtkritischer Perspektive“ bei Edition Assemblage. Am 12. November wird es um 20:00 im Sonntags-Club vorgestellt > Francis Seecks Beschäftigung mit dem Thema Trauer und Bestattungen begann mit einem Brief vom Bezirksamt Neukölln. Darin wurde Seeck aufgefordert, die Rechnung der ordnungsbehördlichen Bestattung des Vaters unverzüglich zu begleichen. Die anonyme Beerdigung hatte allerdings längst stattgefunden, ohne dass Seeck und die FreundInnen des Vaters informiert worden waren. In Berlin gibt es derzeit jährlich zwischen 2.000 und 2.500 ordnungsbehördliche Bestattungen, Tendenz steigend. Sie werden angeordnet, wenn innerhalb ungefähr einer Woche keine Angehörigen kontaktiert werden können oder wenn diese die Beerdigungskosten nicht tragen können oder wollen. Sie betreffen insbesondere Menschen, die von Armut betroffen sind, so Seeck: „Und diese Leute haben keine Lobby. Weil über Klassismus und Armut nicht so viel geredet wird, auch nicht in queerfeministischen Kontexten.“ Seeck gründete daraufhin eine queerfeministische Trauergruppe, begann zum Thema zu forschen. Der Gruppe sei wichtig gewesen zu analysieren, „was unsere Trauergeschichten mit Machtverhältnissen zu tun haben und wer überhaupt als betrauerbar gilt". Resultat dieser Beschäftigung ist das Buch „Recht auf Trauer. Bestattungen aus machtkritischer Perspektive“. Der Band wirft einen Blick auf Armut und ordnungsbehördliche Bestattungen, Betrauerbarkeit und Ausgrenzung, Widerstandspraktiken auf Friedhöfen und auf queere Trauer- und Beerdigungspraxis. Das Thema sei für die Szene relevant, da auch heute teilweise noch „Konflikte mit Herkunftsfamilien entstehen, z. B. unter welchem Namen Menschen beerdigt werden oder wer als Angehörige anerkannt wird. Gerade queere Trauerpraktiken können ja Trauer- und Bestattungsnormen in Frage stellen." Wie Seeck beschreibt, hören Ausgrenzung und Marginalisierung mit dem Tod nicht auf. Denn auch hier treffen Armut, Rassismus, Homo-

und Transfeindlichkeit auf neoliberale Austeritätspolitiken und Sparmaßnahmen, wie zum Beispiel die Tilgung des Sterbegeldes aus dem Leistungskatalog gesetzlicher Krankenversicherungen. Seitdem sind alle angehalten, eine Sterbegeldversicherung abzuschließen oder anderweitig Geld für die eigene Beerdigung beiseitezulegen. „Es ist sozusagen das letzte Projekt, auch die eigene Beerdigung zu planen und vorher zu bezahlen. … Das ist eine Neoliberalisierung vom Sterben", so Seeck. Und diese sollte auch innerhalb queerer Szenen kritisch debattiert werden, wofür Seecks Buch eine wunderbare Diskussionsgrundlage darstellt. < Katrin Kämpf

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Andreas Walter und Team

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Siegessäule 11 2017  

Siegessäule November 2017, Berlin's queer magazine

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Siegessäule November 2017, Berlin's queer magazine

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