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c h r i st i a n

thielemann Herzlich willkommen

S a i s o n 2 0 1 2 /1 3

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Willkommen in Dresden Ulrike Hessler im Gespräch mit Christian Thielemann

Lieber Christian Thielemann, im September geht Ihre Amtszeit als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle endlich richtig los, nachdem Sie bereits viele Konzerte hier dirigiert haben. Die Konzerte der Staatskapelle sind ein wichtiger künstlerischer Schwerpunkt unseres Programms, aber die Staatskapelle ist auch eines der besten Opernorchester der Welt … Ja, gerade diese Verbindung von beidem – wenn man Oper und Konzert auf hohem Niveau machen kann – war ein Grund für mich, nach Dresden zu kommen. Vor allen

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Dingen kann man mit dem eigenen Orchester gleich bei »98« anfangen und nicht erst wieder bei Null.

einen Dirigenten sehr erfreulich ist. Deshalb ist es ja so toll, wenn man mit einem Orchester Oper macht und auch wieder Konzert – das spiegelt sich auch in der Arbeit am Konzertrepertoire.

Was ist der Unterschied zwischen der Staatskapelle und einem reinen Konzertorchester?

Sie selbst haben als Repetitor und Kapellmeister am Theater begonnen. Was bedeutet für Sie eine solch klassische Opernausbildung, die heute kaum noch ein Dirigent in dieser Form hat?

Das Problem ist, dass sich ein Konzertorchester in den Tempo- oder Lautstärkemodifikationen der Oper nicht so gut auskennt. Da steht ein Forte, und man spielt auch ein Forte, aber gerade hat der Tenor weniger Stimme, also muss man leiser spielen. Das ist für ein Symphonieorchester oft schwerer abzuschätzen. Ein Opernorchester hat diese Flexibilität intus, was für

Man wächst ganz natürlich hinein. Das ist das Allerwichtigste. Ein Lehrer sagte einmal zu mir: »Das Begleiten von Sängern muss Ihnen zur zweiten Natur werden«.

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Auch Ballett haben Sie schon dirigiert.

des gemeinsamen Musizierens, deswegen sollte ein Regisseur auch Rücksicht auf die Musik nehmen.

Ja. Man muss einfach wissen, wie wichtig die Partner auf und hinter der Bühne sind, und dass man im selben Boot sitzt. Beim Konzert ist das etwas völlig anderes: Da begleiten Sie auch oder hören auf Wörter, aber es handelt sich um einen kleineren Kreis, während es bei einer Opern- oder Ballettvorstellung von vielerlei Sachen abhängig ist, zum Beispiel ob ein Auftritt klappt. Wenn die Künstler nicht auf der Bühne sind, können Sie halt nicht weitermachen! Sie müssen wissen, dass manche Sänger am einen Abend vielleicht mehr Luft oder Kraft haben als am nächsten Abend. Und das alles hab ich aufgesogen, seit ich 19 bin.

Und er kann ja auch beim Hören helfen. Natürlich! Was nützen alle Gespräche, wenn am Ende der Regisseur auf seinem Standpunkt beharrt und auch der Dirigent auf seinem. Ich habe immer festgestellt: Wenn Leute ihr Handwerk verstehen, dann kann man sich auch gut daran reiben. Ich freue mich zum Beispiel auf Puccinis »Manon Lescaut« mit Stefan Herheim. Er kann wirklich sehr, sehr viel, ist erfahren und versteht die Musik, inszeniert aus der Partitur heraus – das ist ein Niveau, das mir sehr gefällt.

Ihren Operneinstand bei uns geben Sie mit dem »Rosenkavalier« am 18. November. Warum gerade dieses Stück?

Hinzu kommt ein riesiger Kenntnishorizont Ihrerseits, gerade auch, was theatralische Abläufe betrifft.

Ich habe mit dem »Rosenkavalier« immer etwas gekämpft – als ich ihn die ersten Male dirigierte, habe ich Dinge gemacht, die sich später als daneben entpuppt haben: zu langsame Tempi, zu klebriges Musizieren.

Das ist Handwerk! Das lernt man beim Theater früh und weiß einfach, welche Ingredienzien dafür von Nöten sind. Man weiß zum Beispiel, was »Parsifal« braucht. Und bedenkt bereits bei der Vorstellung des Regiekonzepts, was es bedeutet, wenn der Chor von der Seite auftritt oder wie die Glocken positioniert sein sollten. Das beruht auf Erfahrung. Früher habe ich dieses Wissen bei anderen sehr bewundert. Doch man lernt selbst daraus, wenn mal etwas schief gegangen ist oder man mit etwas unzufrieden war.

Und wer weiß, vielleicht kommen ja wieder die Sonderzüge aus Berlin wie vor über hundert Jahren bei der Uraufführung. Das Schöne heutzutage ist ja, dass wir durch diese unglaubliche Vernetzung immer wissen, wer in Dresden singt oder in Berlin, München, Wien ... Und auch Reisen ist nicht mehr so aufwändig.

Was ist Ihnen wichtig in der Zusammenarbeit mit Regisseuren?

2013 ist Wagner-Jahr. Sie läuten es am 13. Januar 2013 mit dem »Lohengrin« hier in der Semperoper und in Dresden ein. Wann erlebten Sie Ihre erste Wagneraufführung? Ist der Funke sofort übergesprungen?

Zunächst ist es wichtig für mich, zu wissen, dass es handwerklich stimmt. Das ist wie beim Dirigieren: Wenn jemand das Stück sehr eigenwillig dirigiert, aber wirklich gut, dann trifft das vielleicht nicht meinen Geschmack, aber ich muss anerkennen: Toll gemacht! Das ist der Reiz der Oper und der Reiz

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les auswendig dirigiert. Wenn aber doch was schiefgeht, bin ich der Schuldige, und es heißt, warum hat eigentlich dieser blöde Dirigent keine Partitur. Also lege ich sie hin, damit hat auch der Solist, der mit mir spielt, ein Kissen.

Ich kann mich an den »Fliegenden Holländer« erinnern, der mir immer sehr gefallen hat. Dann »Lohengrin«, den ich ja soooo lang fand. So richtig umgehauen haben mich der 1. Akt »Walküre« und der »Tristan«.

Wie alt waren Sie da? Wann durften Sie als Dirigent denn Ihren ersten Wagner dirigieren?

Elf, 12 oder 13. Da wusste ich: Das willst du auch machen! Dass es ein so langer Weg sein würde, habe ich mir damals nicht überlegt. Es ist aber auch gut, dass man nicht weiß, wie schwer es werden könnte. Man will das einfach machen. Und ich war von diesem Virus befallen, der sich hübsch weiter ausgebreitet hat.

Früh! In Venedig zum Beispiel das »Tristan«Vorspiel. Auch »Lohengrin«. Dann habe ich in Hamburg den »Tristan« dirigiert, und es ging aufwärts. Die Leute fanden es gut, und ich habe Wagner öfter angeboten bekommen. Das war sehr ungewöhnlich, denn all die großen, alten Recken waren ja auch noch da, Levine in der Blüte seiner Jahre etwa. Eigentlich war da gar kein Platz für mich, und trotzdem habe ich relativ viel Wagner dirigiert und mich mit Zähnen und Klauen daran festgekrallt. Ich wollte ihn nie wieder hergeben – wenn mir schon jemand mit 25, 26 Jahren solche Stücke überlässt. Und als ich dann Chef war in Nürnberg, war es natürlich sehr schön, »Tannhäuser«, »Tristan«, »Meistersinger« und »Lohengrin« auf den Spielplan zu setzen.

Sie haben sich als junger Musiker intensiv mit Wagner befasst. Barenboim erzählte, er kam in die Deutsche Oper Berlin, um seinen ersten Wagner einzustudieren, »Tristan und Isolde«. Ein junger Kerl saß am Klavier, und der konnte die ganze Partitur auswendig – das waren Sie. Ja, das war ich. Ich habe damals ein bisschen damit gespielt, dass ich die Werke sehr gut im Kopf hatte, und habe dann immer die Noten zugeschlagen. Das war ein bisschen keck, aber es hat den Leuten gefallen und mir auch. (lacht) Später ist man froh, dass man die Werke so gut kennt, aber man legt sich dann doch die Partitur hin, weil ja viel passieren kann an einem Abend. Die Nerven sind schon angespannt genug. Irgendwann habe ich auch gedacht: Ich will das Schicksal vor lauter Arroganz nicht herausfordern, denn Hochmut kommt vor dem Fall. Hervorragende Dirigenten haben alles mit Partitur dirigiert, andere haben es ohne versucht. Oper dirigiere ich grundsätzlich immer nur noch mit Partitur, auch wenn ich 40 Seiten auf einmal umblättere. Ich habe mich früher bei allen Solistenkonzerten hingestellt und von Brahms bis Beethoven al-

Ein anderer Aspekt Ihres beruflichen Lebens ist gar nicht so bekannt, nämlich dass Sie auch eine Zeit in Italien verbracht haben, dass Sie in Bologna und Rom waren, perfekt Italienisch sprechen und sich intensiv mit der italienischen Oper befasst haben. Welches Repertoire haben Sie denn da dirigiert? Ich habe frühzeitig die großen italienischen Opern dirigiert. In Italien habe ich mich zu »Otello« verführen lassen. Das ging sogar sehr gut, obwohl ich Angst davor hatte, weil ich dachte, die Italiener seien streng, wenn ein Deutscher das dirigiert. Ich habe vor allem die Sprache lernen wollen, weil ich immer

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fand, dass ein Dirigent, der nicht zumindest ein bisschen Italienisch kann, bei Mozart völlig verloren ist, bei »Tosca« auch.

Rubato bekommen, gewisse Schlampigkeiten auf höchstem Niveau. Und jeder stellt fest, Lehárs Musik ist genial konstruiert und inspirierend.

Dann schließt sich doch jetzt ein Kreis, dass Sie mit Wagners Wunderharfe in der Semperoper demnächst Puccini dirigieren. Wir knüpfen hier auch an gewisse Dresdner Traditionen an: Ernst von Schuch brachte Werke des Verismo zur deutschen Erstaufführung, und unter Fritz Busch war Verdi eine feste Repertoiregröße.

Und man hat das Gefühl, diese Melancholie, diese leise Endzeitatmosphäre hat viel mit dem »alten Dresden« zu tun, das heute fast schon mythische Züge trägt. Ja, es ist so ähnlich wie in Wien. Man sagt, in Dresden hat man viel mit der Vergangenheit zu tun. Und man fragt sich, was in der Vergangenheit war und wie es sich heute zeigt. So eine leichte Melancholie, wie Sie sagen, spielt natürlich eine Rolle, und Lehár drückt sie aus – in Ohrwürmern, die die Leute auf dem Nachhauseweg noch nachsummen.

Nachdem ich jetzt gerade »Ariadne« mit der Staatskapelle probiert habe, glaube ich, dass dem Orchester Puccinis »Manon Lescaut« gut liegen wird. Für Orchester ist es wichtig, dass der Chef einige Dinge im Repertoire macht. Man soll schon Spezialist sein, vor allem ein Spezialist für Qualität. Die Wahl für ein bestimmtes Stück ist eine Herzensangelegenheit. Wie beim Essen – wenn Sie eben keine Hülsenfrüchte mögen, so heißt das noch lange nicht, dass Sie generell gegen Hülsenfrüchte sind. Beim Dirigieren ist das genauso, ich habe immer danach ausgewählt, ob es mir Spaß gemacht hat.

In dieser Spielzeit bündelt die Semperoper ihre Kräfte, um Hans Werner Henze zu huldigen. Oper, Ballett und Konzert werden sich mit dem vielfältigen Werk von Henze auseinander setzen. Wir bringen das riesige Werk »Wir erreichen den Fluss« heraus, was Henze ein großes Anliegen war. Was bedeutet Henze für Sie? Ich hatte früh mit Henze zu tun, weil mir immer Musik gefiel, die einen wunderbaren Orchesterklang hat. Ich dirigierte öfter Werke von ihm, und mein erstes Stück als Generalmusikdirektor an der Deutschen Oper war »Prinz von Homburg«. Das war eine lustige Dopplung, weil ich nun meine Preußenleidenschaft vorführen konnte – sie, verbunden mit einem Henze-Stück, ist ein doppeltes Bekenntnis. Unter anderem mit den Berliner Philharmonikern habe ich viele Stücke von Henze aufgeführt, dennoch bin ich kein Spezialist. Aber ich finde, wenn jemand heute instrumentieren kann, dann er. Henze ist ein derartiger Meister in der Orchesterbehandlung, weshalb über ihn gesagt wird, er sei

Und diesen Spaß hört man ja auch bei Ihnen, wie zum Beispiel bei Lehár, den Sie beim Silvesterkonzert dirigiert haben. Genau! Und es ist eben wichtig, dass der Chefdirigent mit dem Orchester auch dieses Repertoire erarbeitet. Auf den ersten Blick mag es verwundern: Warum muss jemand wie ich mit der Staatskapelle hier in Dresden Lehár spielen? Da sagt man doch, die sind im falschen Film – nein, wir sind genau im richtigen Film! Von den Musikern höre ich, dass wir so etwas fast noch öfter spielen sollten. Weil sie spüren, dass sie ein ganz anderes

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nach Richard Strauss der genialste Instrumentator. Ich glaube, früher hat er das nicht so gerne gehört. Aber man kann einem Komponisten fast kein größeres Kompliment machen, finde ich.

»Sing’ den hohen Ton nicht, sondern etwas anderes!« Das ist doch schön! Mozart hat das gemacht und Bach sowieso, das war gang und gäbe.

2013 folgt noch ein ganz großer Schritt. Die Osterfestspiele in Dresdens Partnerstadt Salzburg werden ab 2013 einen neuen Künstlerischen Leiter haben, der Christian Thielemann heißt, das Orchester der Osterfestspiele wird die Sächsische Staatskapelle Dresden sein. Opern werden wir sogar koproduzieren. Im ersten Jahr den »Parsifal«, der in Salzburg Premiere hat und dann nach Dresden geht. Welche Ideen haben Sie für Salzburg?

An Henze fasziniert außerdem, dass er ein echter Theatermensch ist. Bei unserer Uraufführung vergangene Saison hat er nach der Generalprobe noch Änderungen angebracht. Und er wurde noch vor Beginn der Premiere vom Publikum frenetisch begrüßt. In München war es auch so: Es ist ein wirklich großes Erlebnis, wenn er selbst kommt – und wie freizügig heute Komponisten noch mit ihren Stücken umgehen. Es hat mir immer sehr gefallen, wenn ein Komponist nicht so rigide war. Richard Strauss hat teilweise fünf Takte weggelassen, der Sängerin gesagt,

Wir wollen höchstmögliche Qualität bieten, und die Qualität hat auch mit dem Sängeran-

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gebot zu tun. Wenn ich den Sänger des Otello, der mir vorschwebt, nicht habe, kann ich diese Oper nicht spielen. So werden Opern ausgewählt – nach Verfügbarkeit und nach Geschmack. Es gibt natürlich immer auch einen inhaltlichen Zusammenhang, aber ich bin nicht der große Fan von Programmen, in denen ein Querverweis den anderen jagt, so dass ich vor lauter Konstrukt die Musik nicht mehr höre. Intellektualität und Kulinarik müssen sich ja nicht ausschließen.

in wenigen Städten so konzentriert und in so hoher Qualität. Und bei gutem Wetter und mit schönen Ausflugsmöglichkeiten ist Dresden einfach die ideale Kombination für Kulturbegeisterte.

Mit Strauss'»Rosenkavalier« gibt Christian Thielemann sein O p e r n d e b ü t a n d e r S e m p e r o p e r. In der zweiten Aufführungsserie singt Anne Schwanewilms die Marschallin.

Sie sind ja nun schon ziemlich viel in Dresden gewesen, haben Sie schon Lieblingsplätze hier in Dresden? Den Großen Garten habe ich besonders gern und die Gegend am Blauen Wunder. An sich ist die ganze Stadt toll. Ich bin viel mit dem Fahrrad unterwegs gewesen und finde es so schön, in diesen Elbbögen auf dem Fahrradweg zu fahren. Großsedlitz ist herrlich, da war ich sogar im Winter schon. Ich freue mich einfach, dass ich hier bin, und habe ja hoffentlich auch mal ein paar freie Tage, in denen ich mir alles angucken kann.

Unter diesen Vorzeichen wollen wir sinnliches Theater machen. Sinnliches Theater heißt auch, etwas tun, weil es einem persönlich gefällt. Und wenn Sie das letzte Mal im Restaurant wahnsinnig guten Fisch gegessen haben, wollen Sie ihn das nächste Mal wieder essen.

Und so kommen womöglich in Zukunft neue Besucher, die Sie und die Sächsische Staatskapelle in Salzburg erlebt haben, auch nach Dresden. So ist es!

Auf diese Art und Weise werden wir eine wunderbare Achse zwischen Dresden und Salzburg stärken. Ich hoffe, dass sich das so einpendelt. Wir werden sicherlich auch von unseren Münchner Freunden viele begeistern. Dresden ist zwar gut zu erreichen, es kann aber immer noch besser sein. Die Leute suchen ja noch das Besondere und vor allen Dingen das, was hier in Dresden so schön ist: tagsüber in die Museen zu gehen und am Abend über den Platz in die Oper zu schlendern. Das hat man

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Silvesterkonzert 2010 der S채chsischen Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Christian Thielemann

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Christian Thielemann Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden Christian Thielemann hat ein breites Repertoire, das von Bach bis zu Henze und Gubaidulina reicht. Seine Interpretationen des deutsch-romantischen Opern- und Konzertrepertoires gelten weltweit als exemplarisch. Seit seinem Bayreuth-Debüt im Jahr 2000 (»Die Meistersinger von Nürnberg«) hat er die Festspiele alljährlich durch Maßstab setzende Dirigate geprägt. Bei den Salzburger Festspielen 2011 leitete Thielemann eine Neuproduktion der »Frau ohne Schatten« von Richard Strauss. Thielemanns Diskografie ist umfangreich und umfasst zahlreiche Aufnahmen symphonischer Werke und Opern bei der Deutschen Grammophon. Mit den Wiener Philharmonikern erarbeitete er sämtliche BeethovenSymphonien, deren Mitschnitt im Herbst 2010 auf DVD und im Dezember 2011 auf CD veröffentlicht wurde. Mit der Staatskapelle Dresden sind bereits Bruckners achte Symphonie, Beethovens »Missa solemnis«, die Mitschnitte der ZDF-Silvesterkonzerte 2010 und 2011, »Faust«-Kompositionen von Wagner und Liszt sowie Brahms’ erstes Klavierkonzert mit dem Pianisten Maurizio Pollini erschienen.

Christian Thielemann wurde in Berlin in eine musikbegeisterte Familie hineingeboren. Seine berufliche Laufbahn begann er 1978 als Korrepetitor an der Deutschen Oper Berlin. Nach Stationen in Gelsenkirchen, Karlsruhe und Hannover wurde er 1985 Erster Kapellmeister an der Düsseldorfer Rheinoper. 1988 trat er als jüngster Generalmusikdirektor Deutschlands in Nürnberg an, bevor er 1997 für sieben Jahre in gleicher Position an die Deutsche Oper Berlin zurückkehrte. Von 2004 bis 2011 war Thielemann Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker. Im Sommer 2012 übernimmt er als Chefdirigent die Leitung der Sächsischen Staatskapelle Dresden.

Ab 2013 übernimmt Christian Thielemann die Künstlerische Leitung der Osterfestspiele Salzburg, deren Orchester die Sächsische Staatskapelle Dresden sein wird. Im Oktober 2011 wurde Christian Thielemann zum Ehrenmitglied der Royal Academy of Music in London ernannt. Im Umfeld des Liszt-Jubiläums wurde ihm im gleichen Monat außerdem die Ehrendoktorwürde der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar verliehen.

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Thomas Voigt

Eigen-Art und Handwerk Was Christian Thielemann von vielen Dirigenten unterscheidet

hört schon deshalb in diese Klasse der ganz Großen, weil er eine erkennbare Handschrift hat. Als Strauss-Fan habe ich die großen Opern von »Salome« bis »Capriccio« in zig Varianten kennen gelernt, und wenn Thielemann dirigierte, gab es immer wieder Phrasierungen, Steigerungen und Klangmischungen, die ich von keinem anderen Dirigenten gehört habe, ob live oder in Aufnahmen. Unverkennbares Zeichen einer besonderen

Er ist streitbar. Und auch umstritten, was seine Ansichten betrifft. Denn im Gegensatz zu vielen anderen in so genannter Führungsposition hat er einen Standpunkt und macht sich somit angreifbar. Everybody’s Darling konnte und wollte Christian Thielemann nie sein, wohl auch in dem Wissen, dass aus Jedermanns Liebling schnell Jedermanns Depp wird. So sehr er als Individualist auch polarisieren mag – in einem Punkt scheinen sich alle einig zu sein: Thielemann »gehört zu den herausragenden Künstler-Persönlichkeiten unserer Zeit«. So formulierte es Sabine von Schorlemer, Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst im Freistaat Sachsen, und so stand es sinngemäß immer wieder zu lesen: über seine Opern-Aufführungen in Berlin, in Bayreuth und an der Met, über seine Arbeit mit den Münchner und Wiener Philharmonikern, über seine Platten-Aufnahmen. Was macht das Wesentliche einer »überragenden Persönlichkeit« bei Dirigenten aus? Die Handschrift, die Lesart, die Eigen-Art. Wer sich mit den Beethoven- und WagnerAufnahmen von Furtwängler und Toscanini beschäftigt hat, wird beim Blindtest sofort erkennen, wer dirigiert. Und ich wage zu behaupten, dass man die Vorspiele in Thielemanns »Tristan«- Aufnahme von den Versionen unter Karajan und Kleiber junior ebenso gut unterscheiden kann. Ja, Thielemann ge-

… wenn der Magier am Pult sein Handwerk aus dem Effeff beherrscht … Begabung? Vielleicht, was die Kommunikation mit dem Orchester betrifft. Aber ich bin sicher, dass es in erster Linie die Summe von Erfahrung, Kenntnis, Persönlichkeit und – Handwerk ist. Nicht zufällig ist Handwerk auch ein Schlüsselwort in dem Gespräch, das Thielemann mit Ulrike Hessler zu seinem Start als Chefdirigent der Staatskapelle in Dresden in dieser Ausgabe führte. Für manche mag das allzu nüchtern nach »Know-how« klingen, zu wenig nach Genie, zu wenig magisch. Das Publikum liebt diese besondere Aura des Dirigenten, die

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Karajan gern mit folgender Anekdote veranschaulichte: »Ein Ehepaar hört ein Furtwängler-Konzert in der Berliner Philharmonie. Nach den ersten Takten flüstert die Frau ihrem Mann zu: Sachste mir Bescheid, wenn er zu faszinieren anfängt?« Diese Faszination, Thielemann weiß es ganz genau, kann nur entstehen, wenn der Magier am Pult sein Handwerk aus dem Effeff beherrscht und in jeder Situation Herr der Lage bleibt. Erlernen lässt sich das am besten an einem kleinen oder mittleren Opernhaus, mit all den Hindernissen und Kompromissen des täglichen Theaterbetriebs. Als besonderen Härtetest für Anfänger gibt es Operetten. Der junge Furtwängler musste seinerzeit in Lübeck die »Lustige Witwe« dirigieren, Carlos Kleiber begann in Potsdam mit Millöckers »Gasparone«. Und auch Thielemann hat mit Operette angefangen, in Karlsruhe mit Carl Zellers »Der Vogelhändler«. Nach seinen Silvesterkonzerten mit der Staatskapelle stand öfters sinngemäß zu lesen: Toll, dass er das auch kann! Dabei ist es ja eigentlich umgekehrt: Er ist nicht zuletzt deshalb so gut als Opern- und Konzertdirigiert, weil er vorher Operette dirigiert hat. Bei Mozart kann ein Dirigent sein Handwerk lernen, bei Johann Strauß und Lehár muss er es – andernfalls geht er gnadenlos unter. Er lernt, was ein Rubato ist und wo es hingehört; wie man das Tempo anzieht und abbremst, und zwar so, dass es bei vollem Orchester so präzis klingt wie bei einem Solisten; wie man mit Sängern atmet, wie man ihnen hilft, wie man ihre Stärken betont und ihre Schwächen kaschiert und wie man trotz genauen Absprachen bei Proben allen Beteiligten bei der Aufführung noch genügend Gestaltungsfreiraum lässt. All das hat Thielemann gelernt wie fast alle Großen vor ihm – und leider viel zu wenige nach ihm. Dazu gehört auch die Arbeit des Korrepetitors. Wer in den ersten zehn Berufsjahren nur sinfonische Orchester geleitet hat, wird sich bei der ersten Einstudierung einer Oper sehr schwer tun. Und meistens ist er dann schon zu »arriviert«, um noch einmal in

die Schule zu gehen. Thielemann begann mit 19 Jahren als Korrepetitor an der Deutschen Oper Berlin, wurde mit 26 Erster Kapellmeister in Düsseldorf und mit 28 Generalmusikdirektor in Nürnberg. Ein schneller Aufstieg, sicher, doch hatte er als damals jüngster Generalmusikdirektor der Republik mehr OpernErfahrung als einige berühmte Kollegen. Dass er seinen Einstand in Nürnberg mit Pfitzners »Palestrina« gab, erhitzte damals die Gemüter der »politsch Korrekten« im deutschen Feuilleton. Seither nimmt man genau unter die Lupe, was er dirigiert und was er sagt. Dabei wird schnell übersehen, was dem Klischee des »zackigen Preußen« widerspricht: Zum Beispiel, dass er längere Zeit in Italien war, fließend Italienisch spricht und viele Opern des italienischen Repertoires dirigiert hat. Oder dass er sich für Janáčeks »Jenůfa« und Werke von Hans Werner Henze genauso stark gemacht hat wie für den gebrandmarkten Pfitzner. Gut zu wissen, dass Thielemann in Dresden das italienische Opern-Repertoire genauso pflegen möchte wie das deutsche. Verdis »Ballo«, »Don Carlo«, »Otello« und »Falstaff« mit der »Wunderharfe« unter seiner Leitung in der Semperoper zu hören, wäre wunderbar – nicht nur, weil man damit an die alte Dresdner Verdi-Tradition unter Fritz Busch anknüpfen könnte, sondern vor allem, weil die Kombination von Thielemanns Handschrift mit dem unverwechselbaren Klang der Staatskapelle bei Verdi sicher ähnlich eindrucksvoll sein wird wie bei Lehár, Wagner und Richard Strauss. Und wie herrlich könnte Korngolds »Tote Stadt« in dieser Konstellation klingen! Die Voraussetzungen für unvergessliche Abende sind geschaffen – lassen wir uns überraschen.

Thomas Voigt, Jg. 1960, ist freier Autor, Sprecher, Sprachcoach und Filmemacher; Verfasser der Sänger-Biografien von Martha Mödl, Inge Borkh, Jonas Kaufmann und Edda Moser. Bisherige Filme: »Fritz Wunderlich. Leben und Legende« (2006), »Lisa Della Casa. Liebe einer Diva« (2008), »Ein ganz normaler Held: Jonas Kaufmann« (2008), »Musik der Versöhnung: Robert Stolz« (2009), »Hochleistungssport Operngesang« (2010), »Getriebene der Kunst: Elisabeth Schwarzkopf« (2011).

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M i t » L o h e n g r i n « l ä u t e t C h r i s t i a n T h i e l e m a n n d a s Wa g n e r - J a h r a n d e r S e m p e r o p e r e i n

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Opern- und Konzertdirigate von Christian Thielemann in der Spielzeit 2012/13 Oper Richard Strauss Der Rosenkavalier Vorstellungen 18., 21., 27. November 2012 & 9., 12., 16. Juni 2013

Symphonie- und Sonderkonzerte

10. Symphoniekonzert

Sonderkonzert zur Amtseinführung von Christian Thielemann als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden

Sonderkonzert I in der Frauenkirche zum 200. Geburtstag von Richard Wagner

Richard Wagner Lohengrin

1. September 2012

Vorstellungen 13., 17., 20. Januar 2013

1. Symphoniekonzert

Giacomo Puccini Manon Lescaut

3. Symphoniekonzert

2., 3. September 2012

7., 8., 9. April 2013

18. Mai 2013

Sonderkonzert II zum 200. Geburtstag von Richard Wagner 21. Mai 2013

Premiere 2. März 2013 Vorstellungen 6., 10. März 2013

Osterfestspiele Salzburg Richard Wagner Parsifal Inszenierung: Michael Schulz Parsifal: Johan Botha Premiere 23. März 2013 Vorstellung 1. April 2013

14., 15., 16. Oktober 2012

ZDF-Adventskonzert in der Frauenkirche 1. Dezember 2012

Silvesterkonzert der Staatskapelle Dresden 30., 31. Dezember 2012

6. Symphoniekonzert 25., 26., 27. Januar 2013

7. Symphoniekonzert Zum Gedenken an die Zerstörung Dresdens am 13. Februar 1945 13., 14. Februar 2013

Informationen zu Anrechten u n d Pa k e t e n i m S e r v i c e t e i l a b Seite 149

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OSTERFESTSPIELE SALZBURG 2013 CHRISTIAN THIELEMANN SÄCHSISCHE STAATSKAPELLE DRESDEN

Die Osterfestspiele Salzburg heißen ihren neuen Künstlerischen Leiter Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle Dresden aufs herzlichste willkommen!

Das Programm der Osterfestspiele Salzburg 2013 finden Sie ab Anfang April 2012 unter www.osterfestspiele-salzburg.at

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Spielzeitschwerpunkt Thielemann