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Das Buch thematisiert die langjährige Verbindung zweier Männer, die von den frühen beruflichen Kontakten junger Literaten im Jahre 1905 bis zu den späten Begegnungen zwischen einem Nobelpreisträger und dem ersten deutschen Bundespräsidenten Ende der 1950er-Jahre reichte. Beispiele aus der Korrespondenz zwischen Hermann Hesse und Theodor Heuss sowie eigene Zeichnungen des Kunstliebhabers Heuss erlauben einen umfassenden Einblick in diese wenig bekannte Beziehung. Die präsentierten Recherchen und Auswertungen von Briefund Zeitzeugnissen visualisieren dabei die charakterliche Standhaftigkeit der Freunde, sich für andere einzusetzen, den eigenen Überzeugungen treu zu bleiben und sich gegebenenfalls dem Dogma des Zeitgeists zu widersetzen.

Regina Bucher (Hg.)

HERMANN HESSE UND THEODOR HEUSS

HERMANN HESSE UND THEODOR HEUSS

Regina Bucher ( Hg. )

Regina Bucher ( Hg. )

HERMANN HESSE UND THEODOR HEUSS Eine freundschaftliche Beziehung in wechselhaften Zeiten

REGINA BUCHER ist ausgebildete Kulturmanagerin und studierte Sonderpädagogik in Hamburg. Als Direktorin des Museums und der Fondazione Hermann Hesse in Montagnola kuratiert sie Ausstellungen im In- und Ausland. Sie ist Autorin und Herausgeberin zahlreicher Kataloge und Werke über Hermann Hesse und die Kunst des 20. Jahrhunderts.

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Hermann Hesse und Theodor Heuss Ăœber eine freundschaftliche Beziehung in wechselhaften Zeiten

Herausgegeben von Regina Bucher Fondazione Hermann Hesse Montagnola

Schwabe Verlag


Dieses Buch erscheint anlässlich der Ausstellung, welche im Museum Hermann Hesse Montagnola vom 9.6.2019 bis zum 2.2.2020 zu sehen ist. Das Projekt steht unter der Schirmherrschaft des deutschen Botschafters in Bern. Das Buch und die Ausstellung wurden unterstützt von:

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2019 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schrift liche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Hermann Hesse und Theodor Heuss in Sils Maria, 1957. Foto: Andreas Pedrett, Copyright: Max Galli Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: Laurent Nicod, bitdesign, Montagnola Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-3971-8 / ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4024-0 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


Inhalt

Vorwort »Gegen das Schlagwort misstrauisch bleiben«

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Regina Bucher Direktorin der Fondazione Hermann Hesse Montagnola

Grusswort

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Ignazio Cassis Bundesrat, Vorsteher des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten

Grusswort

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Norbert Riedel Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in der Schweiz

Hermann Hesse und Theodor Heuss – eine freundschaftliche Beziehung in wechselhaften Zeiten

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Eva Zimmermann

Theodor Heuss, der zeichnende Präsident

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Ludwig T. Heuss

Biografien von Hermann Hesse und Theodor Heuss

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Eva Zimmermann

Ausgewählte Briefe, Reden und Rezensionen Eva Zimmermann

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Abb. 1

Hermann Hesse und Theodor Heuss am 10. August 1957 im Fextal bei Sils Maria im Oberengadin.


Vorwort »Gegen das Schlagwort misstrauisch bleiben« Regina Bucher Direktorin der Fondazione Hermann Hesse Montagnola

»Gegen das Schlagwort misstrauisch bleiben, das heute mehr als sonst die Sinne verkleistert« – diese Worte beziehen sich nicht, wie man meinen könnte, auf das aktuelle Zeitgeschehen, sondern stammen von Theodor Heuss und wurden vor mehr als hundert Jahren zur Verteidigung Hermann Hesses in einer deutschen Zeitung veröffentlicht.1 Das Zitat deutet bereits eine der wichtigen Erkenntnisse an, die in diesem Buch vorgestellt werden. Wie Hermann Hesse gehörte Theodor Heuss zu den Menschen, die sich selbst treu bleiben, auch wenn die eigenen Auffassungen nicht dem Mainstream entsprechen – und genau das war eine Eigenschaft, die beide Männer verband und zu einem wichtigen Pfeiler ihrer Freundschaft wurde. Als ich Prof. Dr. Ludwig Heuss, den Enkel von Theodor Heuss, vor einigen Jahren zufällig anlässlich einer Veranstaltung in der Deutschen Botschaft in Bern kennenlernte, kam das Gespräch bald auf die Beziehung zwischen Theodor Heuss und Hermann Hesse. Uns war zwar bekannt, dass die beiden über viele Jahrzehnte in Kontakt standen, aber wir stellten erstaunt fest, dass es bisher noch keine Publikation gab, die die Entwicklung und den Charakter ihrer Freundschaft umfassend behandelte. Ausserdem stellte sich heraus, dass sich im Familienbesitz ­einige schöne Zeichnungen von Theodor Heuss befinden, die zum Teil in der Schweiz entstanden sind und bisher noch nicht veröffentlicht wurden. So nahm die Idee Gestalt an, eine Ausstellung zu dem Thema zu organisieren und Antworten auf offene Fragen zu finden. Wie lange kannten sich Hermann Hesse und Theodor Heuss und wodurch zeichnete sich ihre Beziehung aus? Wie oft haben 7


sie sich persönlich getroffen? Wie standen sie zueinander in den »wechselhaften Zeiten«, in denen Kriege und Diktatur die Grundfesten der Menschlichkeit erschütterten? ­ ondazione Dr. Eva Zimmermann recherchierte im Auftrag der F Hermann Hesse Montagnola im Deutschen Literaturarchiv Marbach sowie im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern, wo der überwiegende Teil der Korrespondenz von Theodor Heuss und Hermann Hesse aufbewahrt wird (insgesamt ca. 65 Briefe und Karten). Zudem fanden sich im Familienarchiv von Prof. Dr. Ludwig Heuss Bücher, Fotos und Gegenstände aus dem Privatbesitz von Theodor Heuss sowie bisher unveröffentlichte Briefe. Ludwig Heuss gewährte nicht nur Zugang zum Familienarchiv und steuerte wichtige Exponate zur Ausstellung bei, sondern vermittelte auch den Kontakt zu Susanne Franzkeit und ­Sebastian Schmitt vom Schwabe Verlag in Basel, die es ermöglichten, das vorliegende Buch zur Ausstellung herausgeben zu können. Ausserdem war Ludwig Heuss freundlicherweise bereit, sich mit einem Beitrag zum künstlerischen Schaffen seines Grossvaters an dem Projekt zu beteiligen. Aus der Fülle des gefundenen Materials liess sich die über 50-jährige Freundschaft zwischen zwei Persönlichkeiten rekon­ struieren, deren geistige wie charakterliche Integrität beeindruckt und deren Menschlichkeit und Mitgefühl den Betrachter noch heute berühren. Der thematische Schwerpunkt dieses Projektes liegt auf der Beziehung zwischen Theodor Heuss und Hermann Hesse. Die Bedeutung, die Theodor Heuss als Journalist und Herausgeber, als Hochschuldozent und insbesondere als erster Präsident der Bundesrepublik Deutschland zukommt, konnte in diesem ­Rahmen nicht angemessen thematisiert werden. Dennoch soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass er als Bundes­präsident aufgrund seines ausgleichenden, bedächtigen Charakters und seiner Menschlichkeit neben vielen anderen Aspekten nicht nur die Zuneigung der deutschen Bevölkerung erwarb und damit dem neuen Amt eine besondere Wertschätzung verlieh, sondern auch auf den ersten Auslandsreisen entscheidend dazu beitrug, 8


die junge deutsche Republik in die internationale Gemeinschaft einzuführen. Der deutsche Botschafter in der Schweiz Dr. Norbert ­R iedel übernahm das Patronat für das Projekt, das seinen Anfang in seinem Hause in Bern nahm. Der Schweizer Bundesrat Ignazio Cassis zeigte grosses Interesse für dieses Thema und schrieb ein Vorwort für das Buch. Allen genannten Personen sei dafür gedankt, dass wir nicht nur eine Ausstellung, sondern ebenso diese Publikation realisieren ­konnten, welches nun über den Ausstellungszeitraum hinaus in einer deutschen und italienischen Version Interessierten ­verfügbar sein wird. Unser Dank gilt aber auch all denjenigen, die uns in der Vorbereitung und bei der Recherche geholfen haben. Urs Kienberger ging im Hotel Waldhaus in Sils Maria auf Spuren­suche und trug dazu bei, die persönliche Begegnung zwischen den Freunden im Engadin zu verifizieren und mit Daten zu untermauern, und Frau Dora Filli von der Bibliothek St. Moritz half bei der Suche nach Fotografien. Ute Lilly Mohnberg von der Stadtverwaltung Calw machte sich auf die Suche nach Fotografien von Heuss und Hesse aus der Sammlung Curt Lüttich, und Herbert Schnierle-Lutz stellte grosszügig sein Wissen zur Verfügung, das er im Rahmen eines Projekts in Calw zusammengetragen hatte. Max Galli überliess uns die Abdruckrechte für die schönen Fotografien von Andreas Pedrett (1892–1977), die Theodor Heuss und Hermann Hesse gemeinsam im Engadin zeigen. Lukas Dettwiler und Rudolf Probst vom Schweizerischen Literaturarchiv in Bern unterstützten wie schon viele Male zuvor mit Sachkenntnis und grosser Hilfsbereitschaft die Recherche und Bereitstellung der Korrespondenz. Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach am Neckar ermöglichte die Einsicht in die dortige umfangreiche Korrespondenz und die Herstellung von Faksimiles für die Ausstellung und den Katalog. Dr. Ernst Wolfgang Becker und Christiane Ketterle von der 9


Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus in Stuttgart standen immer wieder unbürokratisch mit umfassenden Informationen, wichtigen Details und bei der Beschaffung von Scans und Exponaten zur Seite. Michael Limberg gelang es, die seltenen Filmaufnahmen zu ­finden, welche Hermann Hesse und Theodor Heuss zeigen. Die unkomplizierte und kompetente Unterstützung von Sebastian Schmitt vom Schwabe Verlag hat viel zur Qualität der Publikation beigetragen. Für die finanzielle Unterstützung des Buches und der Ausstellung sei der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Bern, der Gemeinde Collina d’Oro, dem Kanton Tessin (­Fondo Swisslos), der Bertha Cohn-Hess Stiftung, der Fondazione Ing. ­Pasquale Lucchini, der Hermann Hesse-Stiftung Bern, der Ernst Göhner-­Stiftung und der Geschwister Kahl-Stiftung aufrichtig gedankt.

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Abb. 2

Hermann Hesse in Montagnola, 1937.


Grusswort Ignazio Cassis Bundesrat, Vorsteher des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten

Es ist mir eine Ehre und eine Freude, persönlich und im Namen des Schweizer Bundesrates zu dieser Ausstellung beitragen zu können. Sie widmet sich der langjährigen Freundschaft zwischen zwei grossen Europäern, die unsere Geschichte zutiefst geprägt haben: Hermann Hesse, der meistgelesene deutschsprachige Schriftsteller, und Theodor Heuss, der erste Präsident der Bundesrepublik Deutschland 1949. Einerseits freue ich mich, weil die Ausstellung im Museum ­Hermann Hesse in Montagnola, in meiner Wohngemeinde, stattfindet. Sie wurde unter anderem von Professor Ludwig Heuss, dem Enkel von Theodor Heuss, initiiert, den ich in den frühen 1990er-Jahren in Bern kennenlernte, als wir beide am Anfang unserer Laufbahn als Mediziner standen. Andererseits ist es eine besondere Ehre, Hermann Hesse und Theodor Heuss würdigen zu dürfen. Ihre charakterliche Standhaftigkeit und ihr Engagement für die Menschenwürde, namentlich über die Literatur, in einer Zeit, in der diese ­Würde angesichts des Krieges und der Diktatur mit Füssen getreten wurde, sind äusserst bemerkenswert. Die Freundschaft z­ wischen den beiden Männern entstand während ihrer Zusammenarbeit für die Kulturzeitschrift März in den Jahren 1913 bis 1917. Im gemeinsamen Streben nach Freiheit und Selbstbestimmung setzten sie sich für die Unabhängigkeit ihrer Zeitschrift ein, die zu den wenigen gehörte, die nicht als Propagandasprachrohr der politischen Führung jener Zeit dienten. Etliche Jahre später, am Ende des Zweiten Weltkriegs, gelang es Bundespräsident Theodor Heuss, Deutschland mit den richtigen Worten und Taten allmählich zurück in die Staatengemeinschaft zu führen. Alt Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen 12


wies in seiner Trauerrede für Theodor Heuss, diesen Freund der Schweiz, zu Recht darauf hin. Hermann Hesse seinerseits widersetzte sich in seinen Schriften dem Erstarken des National­ sozialismus, was dazu führte, dass seine Werke in Deutschland zensuriert wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhr Hermann Hesse die ihm gebührende Anerkennung, als ihm 1946 der Literatur-Nobelpreis für seinen Roman Das Glasperlenspiel verliehen wurde. Erst zwei Jahre nach seinem Tod im Jahr 1962 erreichte sein Werk schliesslich eine weltweite Leserschaft und wurde zu einem festen Bestandteil der deutschen Literaturgeschichte. Hermann Hesse bezahlte einen hohen Preis für seine freimütigen Äusserungen und seine Verurteilung des deutschen Nationalismus’. Ab Mitte der 1930er-Jahre war keine Zeitung mehr bereit, seine Artikel zu publizieren. Während sich alte Freunde von ihm abwandten, blieb ihm Theodor Heuss treu. Diese tiefe Freundschaft bedeutete dem Schriftsteller viel, so wie ihm auch der Empfang in der Schweiz und insbesondere in Montagnola viel bedeutete. Hermann Hesse und sein Freund Theodor Heuss liebten beide die Schweiz und ihre Landschaften, die sie während ausgedehnter Spaziergänge gemeinsam erkundeten. Ich lege Ihnen die Lektüre dieses wundervollen Buches ans Herz und lade Sie ein, die Ausstellung zu besuchen. Sie werden zwei ausserordentliche Persönlichkeiten entdecken oder neu kennenlernen.

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Abb. 3

Neckar-Zeitung vom 1. November 1915 (vollständiger Text s. S. 114 ff).


Grusswort Norbert Riedel Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in der Schweiz

Als Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in der Schweiz, der seine schwäbische Herkunft keinesfalls verleugnen kann, freue ich mich ganz besonders über die Ausstellung »­ Hermann Hesse und Theodor Heuss – eine freundschaftliche Beziehung in wechselhaften Zeiten« im Museum Hermann Hesse in ­Montagnola. Gegenseitiger Respekt und unverbrüchliche Freundschaft zeichneten die beiden grossen Deutschen aus. Der eine ein »nicht geschichtlich denkender Politiker, sondern Künstler, Dichter«2 (Heuss über Hesse). Der andere ein bodenständiger, liberaler Publizist und politisch aktiver Professor, der zu einem der Gründungsväter der neu geschaffenen Bundesrepublik werde sollte. Neben der Literatur war es vor allem die gemeinsame schwäbische Herkunft, die die beiden verband. Aus ihr entsprang eine geradezu ausgeprägte Charakterfestigkeit, die sie auch in schwierigen Zeiten an den eigenen Überzeugungen festhalten liess. Heuss, der weder im Ersten noch im Zweiten Weltkrieg eine Waffe getragen hat, war es, der 1915 den damals in Bern lebenden Hesse gegen den in Deutschland erhobenen Vorwurf verteidigte, er sei ein »vaterlandsloser Geselle«, nur weil er »den Frieden höher schätze als den Krieg.«3 Hesse leitete damals von seinem Schweizer Wohnsitz aus die Buchversorgung für deutsche Kriegsgefangene. Am Ende waren es fast eine halbe Million Bücher, die »in Fühlung mit der deutschen Botschaft in Bern und dem Roten Kreuz«4 verschickt wurden. Immerhin erhielt Hesse nach dem Krieg eine »Ehrengabe«5 der deutschen Regierung in Höhe von 5000 Franken für seine Mitarbeit an der deutschen Gefangenenfürsorge.

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1937 war es erneut Theodor Heuss, der als Einziger in Deutschland den 60. Geburtstag des Schriftstellers öffentlich ­würdigte, ­ ublizieren obwohl er bald selbst nur noch unter Pseudonym p konnte. Währenddessen gelang es Hesse, als Mitglied des Schweizerischen Schriftsteller-Vereins und damit vor der NS-Kulturpolitik weitgehend geschützt, sich erfolgreich für emigrierte Schriftstellerkollegen aus Deutschland einzusetzen. Dort galten Hesses Schriften inzwischen als unerwünscht und durften nicht mehr neu aufgelegt werden. Ein reger Briefwechsel über die Jahre erhielt die Freundschaft zwischen beiden auch über die räumliche Distanz hinweg. Und mit zunehmendem Lebensalter kamen dann die längst verdienten Ehrungen und auch Anerkennung für ihre politische Haltung, über die sich beide jeweils für den anderen mit freuen konnten: Hesse als Träger des wichtigsten Literaturpreises der Welt und Heuss als Inhaber des höchsten Staatsamtes der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland. Wenn ich Fotografien der beiden anschaue, wie sie, das Haupt mit Strohhüten bedeckt, auf einer Bank mit Blick über den See am schattigen Waldrand sitzen und sich in ihrem heimatlichen Dialekt über die europäischen Gegebenheiten austauschen, dann bin ich sicher: Sie hätten Gefallen an einer gemeinsamen Ausstellung gerade hier in Montagnola gefunden, auch wenn sie das mit schwäbischer Bescheidenheit sicherlich zu verbergen versucht hätten.

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Anmerkungen 1 — Theodor Heuss, Hermann

Hesse, der »vaterlandslose Gesell«, Neckar-Zeitung vom 1. November 1915.

2 — Ebd. 3 — Hermann Hesse, In eigener Sache, Neue Zürcher Zeitung vom 2. November 1915, in: Hermann Hesse, Politik des Gewissens, Erster Band, hrsg. von Volker Michels, Frankfurt am Main 1977, S. 120. 4 — Conrad Haußmann, Im Fall Hermann Hesse, Stuttgarter Neues Tagblatt vom 3. November 1915, in: Hermann Hesse, Politik des Gewissens, ebd., S. 123. 5 — Politisches Archiv des Auswärtigen Amts, Berlin. Vgl. auch Thomas Feitknecht, Hermann Hesse in Bern, Bern, Göttingen, Toronto, Seattle 1997, S. 29.

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Abb. 4

Theodor Heuss, 1906.


Hermann Hesse und Theodor Heuss – eine freundschaftliche Beziehung in wechselhaften Zeiten Eva Zimmermann

»Wir sollten einmal einen Abend disputieren!« Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg »Am Nachbartisch Hermann Hesse, mit dem ich bald ein halbes Jahrhundert in freundschaftlicher Beziehung stehe«1, schrieb Theodor Heuss 1957 rückblickend aus dem Hotel Waldhaus in Sils Maria, wo beide einige Urlaubstage genossen und auf ­Spaziergängen in stundenlange Gespräche versunken waren, deren Intensität von erstaunten Beobachtern überliefert wurde. Diese gemeinsam verbrachte Zeit war vielleicht der Höhepunkt einer langjährigen Freundschaft, die von den frühen beruflichen Kontakten junger Literaten bis zu den späten Begegnungen zwischen einem Nobelpreisträger und einem deutschen Bundespräsidenten reichte. Am Anfang ihrer Beziehung stand eine Buchkritik, die der 21-jährige Theodor Heuss in der liberalen Zeitschrift Die Hilfe– Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und geistige Bewegung in B ­ erlin über Hermann Hesses neuen Roman Unterm Rad Ende 1905 veröffentlichte. Obgleich der junge Redakteur Nationalökonomie studiert hatte und sich bereits politisch interessierte, besass er von Jugend an eine grosse Vorliebe für Kunst und Literatur. Auf beiden Gebieten eignete er sich umfassende Kenntnisse an, sodass die Literaturkritik eine feste Konstante in seiner vielfältigen journalistischen Arbeit wurde. In den folgenden Jahren verfolgte er alle weiteren Publikationen des bereits durch Peter Camenzind bekannten Schriftstellers, die er mit einer positiven und doch auch kritischen Beurteilung dem Publikum vorstellte. Bereits in der ersten Rezension betonte der in der Nähe H ­ eilbronns 19


geborene Theodor Heuss die gleichfalls schwäbische Herkunft Hermann Hesses, den er zunehmend als ­neuen ­Repräsentanten einer langen literarischen Tradition der gemeinsamen Heimat ­ iesseits, betrachtete. Am 1906 erscheinenden Erzählband D dessen Geschichten sich aus den Calwer Jugenderinnerungen Hermann Hesses speisen, lobte er die plastische Qualität der Landschafts- und Personenschilderungen und resümierte: »Ich kann von diesem Buch nur mit warmem Lobe reden. Vielleicht macht es das landsmannschaftliche Mitempfinden, das mich dem Dichter, seinen Menschen, seiner Landschaft so unmittelbar nahe führt. Und dann dies: daß das Buch so ganz frei ist von aller Sentimentalität und Reflexion, (zu denen der Stoff wohl verleiten möchte), aus der reinen künstlerischen Anschauung gestaltet. Es ist mit Hesse ein neues dichterisches Wesen in unsere Kunst von heute getreten, das in den Händen Unbefugter und Unfähiger zur Gefahr werden kann. In Hesses Werken aber stellt es sich dar als eine freie selbstschöpferische Fortsetzung unserer besten Tradition.«2 Wenige Jahre später veröffentlichte Theodor Heuss Sieben Schwaben, ein neues Dichterbuch, in dem er, von einem längeren Vorwort eingeleitet, kurze Prosastücke von sieben zeitgenössischen schwäbischen Schriftstellern vorstellte. Neben den heute nahezu vergessenen Dichtern Ludwig Finckh, Cäsar Flaischlen oder Auguste Supper stand auch Hermann Hesse, der charakterisiert wurde als »empfindsamer ästhetischer Intellekt, der mit kluger, feiner Sprachempfindung seine Mittel zu meistern ­lernte.«3 Kurz darauf überliefert die erhaltene Korrespondenz zwischen Rezensent und Schriftsteller eine kontroverse Diskussion, die sich an einer Besprechung des Romans Gertrud entzündete. Der Stil war höflich, sachlich und engagiert, von kleinen Spitzen belebt und dennoch um Verständigung und Verständnis bemüht. Zunächst lobte Theodor Heuss den Roman, um dann in dem Ton des Buches einen »etwas grämlichen Zug« zu beklagen.4 Daraufhin reagierte Hermann Hesse mit einem Brief, der etwas verschnupft beginnt: »Werter Herr Heuss, ich bin kein 20

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